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Starke Frauen der Geschichte

Starke Frauen der Geschichte

Bedeutende Frauen, die die Welt verändern

Würden Sie Anna Freud gerne einmal bei einem Gespräch mit Ihrem Vater belauschen? Wussten Sie, dass die Brooklyn Bridge von einer Frau erbaut wurde? 

Auf wahren Begebenheiten beruhend erschaffen unsere Autorinnen ein fulminantes Panormana aufregender Zeiten und erzählen von den großen Momenten und den kleinen Zufällen, von den schönsten Begegnungen und den tragischen Augenblicken, von den Träumen und der Liebe dieser inspirierenden Persönlichkeiten,

Ein Leben zwischen Pflicht und Berufung: die frühen Erwachsenenjahre Queen Elizabeths bis zum Thron

Die QueenDie Queen

Elizabeth II. – Als junge Frau wurde sie zur Königin, als Königin wurde sie zur Legende

Ein Leben zwischen Pflicht und Berufung: die frühen Erwachsenenjahre Queen Elizabeths bis zum Thron

Als die junge Elizabeth 1938 dem charmanten Prinzen Philip von Griechenland begegnet, weiß die künftige Thronfolgerin: Dieser Mann soll an ihrer Seite sein! Doch ihre Familie ist gegen die Verbindung mit dem mittellosen Adeligen. Elizabeth steht dennoch zu ihm und zeigt bereits hier ihren Charakter; sie ist willensstark, aufrichtig und bescheiden. Gemeinsam stellt sich das Paar der größten Aufgabe Elizabeths, der Vorbereitung auf die Rolle als Königin von England. Der steinige Weg dorthin ist eine Härteprüfung für die junge Ehe und wird das weitere Leben der Queen entscheidend prägen.

Ein Blick hinter die Kulissen des britischen Königshauses, in ein Leben zwischen Pflicht und Berufung – die frühen, prägenden Erwachsenenjahre von Queen Elizabeth II. auf ihrem Weg zum Thron.

Im Juni 2022 feierte die Queen ihr „Platinum Jubilee“, das Platinjubiläum. Mit 70 Jahren auf dem Thron war Queen Elizabeth II. nicht nur die dienstälteste Monarchin der britischen Geschichte, die 96-Jährige war zudem auch die älteste amtierende Monarchin der Welt. Die Autorin Eva-Maria Bast beleuchtet in ihrer Romanbiografie Ausschnitte aus dem außergewöhnlichen Leben dieser faszinierenden Frau und zeigt die Queen in ganz neuem Licht.

„Elisabeth ist die einzige Frau, die Prinzessin war, als sie auf einen Baum stieg und Königin, als sie wieder herunter kam.“ William Shawcross, Historiker

Bedeutende Frauen, die die Welt verändern

Mit den historischen Romanen unserer Reihe „Bedeutende Frauen, die die Welt verändern“ entführen wir Sie in das Leben inspirierender und außergewöhnlicher Persönlichkeiten! Auf wahren Begebenheiten beruhend erschaffen unsere Autor:innen ein fulminantes Panormana aufregender Zeiten und erzählen von den großen Momenten und den kleinen Zufällen, von den schönsten Begegnungen und den tragischen Augenblicken, von den Träumen und der Liebe dieser starken Frauen.

Weitere Bände der Reihe: 

  • Laura Baldini, Lehrerin einer neuen Zeit (Maria Montessori)
  • Romy Seidel, Die Tochter meines Vaters (Anna Freud)
  • Petra Hucke, Die Architektin von New York (Emily Warren Roebling)
  • Laura Baldini, Ein Traum von Schönheit (Estée Lauder)
  • Lea Kampe, Der Engel von Warschau (Irena Sendler)
  • Eva-Maria Bast, Die aufgehende Sonne von Paris (Mata Hari)
  • Eva-Maria Bast, Die vergessene Prinzessin (Alice von Battenberg)
  • Yvonne Winkler, Ärztin einer neuen Ära (Hermine Heusler-Edenhuizen)
  • Agnes Imhof, Die geniale Rebellin (Ada Lovelace)
  • Lea Kampe, Die Löwin von Kenia (Karen Blixen)
  • Eva Grübl, Botschafterin des Friedens (Bertha von Suttner)
  • Laura Baldini, Der strahlendste Stern von Hollywood (Katharine Hepburn)
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Karen Blixen – Sie gab alles für das Land ihrer Sehnsucht, für die Liebe der Menschen wuchs sie über sich hinaus

Blick ins Buch
Die Löwin von Kenia Die Löwin von Kenia

Karen Blixen – Sie gab alles für das Land ihrer Sehnsucht, für die Liebe der Menschen wuchs sie über sich hinaus

Die Liebesgeschichte hinter „Jenseits von Afrika“

Kenia, Mai 1926. Wie jeden Morgen blickt Karen Blixen in die atemberaubend schönen Berge und lauscht dem Klang der vielen Stimmen. Auf ihrer Kaffeefarm leben 200 Kikuyu-Familien, für deren Rechte sie wie eine Löwin kämpft.  Das Haus ist erfüllt vom Lachen der Kinder, die in Karens Schule gehen. Doch heute fühlt sie sich trotzdem einsam: Sie vermisst Denys, ihren Geliebten, der vor Monaten nach England gereist ist – und der auf ihren letzten Brief nicht geantwortet hat. Dabei hat sie große Neuigkeiten: Sie ist schwanger. Jetzt will ihr sonst so starkes Herz vor Sehnsucht fast zerspringen …

Ein berührender Roman über Karen Blixens Zeit in Afrika, die sie zu ihrem weltberühmten Roman inspirierte.

„Ich habe das Gefühl, dass ich in Zukunft,
wo immer in der Welt ich bin, daran denken
werde, ob es wohl in Ngong regnet.“

Aus einem Brief von Karen Blixen an ihre Mutter Ingeborg Dinesen, Ngong, 26. Februar 1919


1

Hargeisa, Britisch-Somaliland, 1955


Abdullahi Aden wollte die Schreibtischschublade schon wieder schließen, doch dann griff er noch einmal nach dem blauen Buch, dessen Einband von der vielen Benutzung glänzte, und begann, darin zu lesen:

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuß der Ngong-Berge. Die Äquatorlinie zog sich fünfundzwanzig Meilen weiter nördlich durchs Hochland, doch meine Farm lag zweitausend Meter über dem Meer. Mitten am Tag konnte man diese Höhe und die Nähe der Sonne wohl empfinden, aber nachmittags und abends war es klar und kühl, und die Nächte waren kalt …“

Abdullahi schlug das Buch zu und schloss die Augen. Mehr brauchte es nicht, um die Erinnerung an jenen längst vergangenen Morgen in ihm wachzurufen – den Morgen vor über dreißig Jahren, an dem sein Leben neu begonnen hatte. Sein Bruder Farah und er waren nachts auf der Farm angekommen, doch er war viel zu aufgeregt gewesen, um zu schlafen. Als innerhalb weniger Minuten die Sonne aufgegangen war, wie das nur in Äquatornähe passierte, hatte er seinen Schlafraum verlassen und war nach draußen gelaufen.

Ein Haus wie das der Memsahib hatte er noch nie gesehen. Es war aus grauen Steinen gebaut und von einer Veranda umgeben, davor befand sich eine weite Rasenfläche. Das Gras war schon grün, denn die kurze Regenzeit zwischen September und November hatte gerade begonnen. In der Nähe stand eine Reihe von Kapkastanien, und als er hinrannte, flatterte ein Taubenschwarm auf. Irgendwann hörte er Farah, der nach ihm rief, aber er war viel zu übermütig, um zu gehorchen. Da waren der Wald und die dunkelgrünen Kaffeeplantagen, von denen sein Bruder ihm erzählt hatte – und ein rhythmisches Trommeln, ein Punkt auf der Ebene, der schnell näher kam.


2

Ngong, Anfang Oktober 1922


Tanne spürte den kräftigen Körper des Pferdes unter sich. Der nach den jüngsten Regenfällen weiche Boden federte unter seinen Hufen, das feuchte Gras wogte wie ein endloses silbernes Meer in der schräg einfallenden Morgensonne. In ihrem Rücken wusste sie die Ngong-Berge, vor ihr lag der Wald. In der Nähe der Mühle schien jemand zu stehen.

In vollem Galopp wandte sich Tannes Pferd der Farm zu, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln. Als sie dem Haus näher kamen, fiel das Pferd von selbst in einen schnellen Trab. Tanne hörte das Tier schnauben, ihr eigener Atem ging schnell.

„Brrr …“

Vor ihr öffnete sich die Tür des grauen Steinhauses. Ein Mann in einem weißen Kaftan und mit rotem Turban trat auf die Veranda. Tanne riss den rechten Arm hoch und winkte. Endlich!

„Farah!“ Sie nahm die zwei Stufen zur Veranda in einem Sprung. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, doch sie wusste, dass das nicht den somalischen Bräuchen entsprach.

„Wie schön, dass Sie wieder da sind!“, rief sie auf Suaheli.

„Memsahib.“ Der hochgewachsene Farah hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und deutete ein Lächeln an. Trotz seines immer ernsten Gesichts konnte Tanne ihm die Freude über das Wiedersehen an den Augen ablesen. Mehrere Wochen war er in Britisch-Somaliland bei seiner Familie gewesen, um einen seiner Brüder zu ihr auf die Farm zu holen, und seine Abwesenheit hatte Tanne wieder einmal deutlich gemacht, wie unentbehrlich er für sie war.

„Sie müssen spät angekommen sein.“ Tanne sah an Farah vorbei ins Innere des Hauses. „Sie haben den Jungen doch mitgebracht, oder? Ist er hier, der kleine Mann?“

Farah wirkte verlegen, was selten vorkam.

„Es scheint, als wäre er kurz … rausgegangen. Einen Augenblick … Abdullahi!“, rief er laut über den Rasenplatz, doch da regte sich nichts. Er runzelte die Stirn und rief noch einmal, diesmal lauter: „Abdullahi!“

Aber Abdullahi blieb verschwunden.

„Er wird schon wieder kommen“, sagte Tanne leichthin. Zusammen gingen sie ins Haus. Farah wirkte betreten, doch Tanne schmunzelte. Sie ahnte, dass das Fehlen des Jungen dem perfektionistischen Farah peinlich war.

Plötzlich hörten sie schnelle Schritte auf der Veranda, und ein Zehnjähriger mit dunklem, pausbackigem Gesicht kam in den Raum gestürmt. Er trug einen beigen Kaftan, der mit Grasflecken übersät war. Seine Füße und Beine waren mit rötlichem Staub bedeckt und hinterließen Abdrücke auf dem makellos sauberen Holzboden. Er musste lange gerannt sein, denn auf seiner Stirn stand Schweiß, und seine dunklen Augen waren vor Aufregung geweitet. Als er die ernste Gestalt seines Bruders sah, daneben die unbekannte Frau in Khakihose und alten braunen Lederstiefeln, blieb er abrupt stehen. Farah fuhr ihn barsch auf Somali an, und obwohl Tanne die Sprache nicht verstand, tat ihr der Kleine leid. Der Junge senkte den Blick, dann wandte er sich zögernd zu ihr.

„Guten Morgen, Memsahib. Ich bin Abdullahi“, sagte er leise auf Suaheli.

„Guten Morgen, Abdullahi. Willkommen auf der Farm.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Kopf hoch. Mit mir ist dein Bruder genauso hart.“ Der Kleine sah sie ermutigt an. Farah schüttelte missbilligend den Kopf. Er entließ ihn mit einer knappen Handbewegung, und der Junge lief davon.

„Er wird sich umziehen und sauber machen“, sagte Farah bestimmt. Tanne öffnete den Mund, um etwas einzuwenden, doch er hob die Hand und sprach weiter. „Er ist ein Somalier und muss Disziplin lernen. In wenigen Jahren wird er ein Mann sein.“

„Und offenbar haben Sie vor, eher ein strenger Vater zu sein als ein nachsichtiger großer Bruder.“ Tanne zog lächelnd die Augenbrauen hoch, und Farah senkte zustimmend den Kopf.

In diesem Moment öffnete sich die kleine Tür der Kuckucksuhr, und der hölzerne Vogel schoss rufend heraus. Neunmal erklang sein „Kuckuck“, dann zog er sich zurück.

„Ach Gott, schon neun! Jetzt hätte ich doch beinahe meine Sprechstunde vergessen.“ Tanne griff sich an die Stirn und lief zu ihrem Medikamentenschrank. Vor Jahren hatte sie damit begonnen, morgens auf ihrer Veranda den Einheimischen medizinische Versorgung anzubieten. Auf ihrem Land lebten Hunderte von Familien, die dem lokalen Stamm der Kikuyu angehörten. Sie waren seit vielen Generationen hier heimisch, und die meisten von ihnen ahnten nicht, was die Ankunft der Weißen in ihrem Land bedeutete. Aus dem britischen Protektorat Kenia war seit Kurzem eine britische Kolonie geworden, in der die einheimische Bevölkerung Land weder besitzen noch kaufen durfte. Dass das Land, auf dem sie lebten, nicht ihnen, sondern Tanne und Bror Blixen gehörte, war ein Konzept, mit dem sie nichts anfangen konnten.

Tanne eilte mit dem Medikamentenkasten nach draußen. Viele Kikuyu arbeiteten auf der Kaffeeplantage, und obwohl sie der westlichen Medizin skeptisch gegenüberstanden, hatte sich ihre morgendliche Sprechstunde herumgesprochen. Täglich fanden sich Frauen, Männer und Kinder auf der Veranda ein, um Fieber, Erkältungen, Platzwunden oder Verbrennungen von ihr behandeln zu lassen.

Als Tanne hinaustrat, saßen bereits eine alte und eine junge Kikuyu-Frau mit einem Baby unter dem Schatten spendenden Verandadach. Während die junge Frau scheu die Augen niederschlug, schenkte ihr die Alte ein breites Lächeln, und Tanne konnte nicht umhin, ihre gelassene Fröhlichkeit zu bewundern. Die Frauen des Kikuyu-Stamms führten ein hartes Leben. Sie brachten eine Vielzahl von Kindern auf die Welt, und während die Männer mit dem Vieh beschäftigt waren, hackten und pflügten die Frauen unermüdlich in ihren kleinen Maisfeldern, den Shambas. Außerdem kochten und wuschen sie und trugen das Feuerholz, das sie zu großen Bündeln schnürten und an ihrer Stirn befestigten, um die Hände für anderes frei zu haben. Durch die schwere körperliche Arbeit war ihr Alter oft nur schwer zu bestimmen. Trotzdem fanden sie immer einen Grund zu lachen.

„Guten Morgen. Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Tanne auf Suaheli, obwohl sie wusste, dass die alte Frau nur Kikuyu beherrschte, die Sprache ihres eigenen Stammes. Die Alte zeigte auf das Baby, dessen Mutter noch immer die Augen niederschlug.

„Toto“, sagte sie nur. Dabei fasste sie sich an die Stirn.

„Toto“, wiederholte Tanne leise. Das Wort bedeutete „Kind“. Sie trat an die junge Frau heran und fühlte die Stirn des kleinen Jungen.

„Er fiebert“, stellte sie fest.

Die Mutter des Kindes sah sie kurz an.

„Farah!“, rief Tanne. Sie drehte sich zur Verandatür und staunte, als nicht Farah, sondern sein kleiner Bruder Abdullahi vor ihr stand. „Nun gut. Wir brauchen einen Topf mit lauwarmem Wasser, einen weichen Lappen und ein Handtuch. Und Pfefferminztee. Hast du alles verstanden?“

Abdullahi nickte, dann drehte er sich um und flitzte ins Haus. Als er mit dem Wasser wiederkam, tauchte Tanne den Waschlappen ein, drückte ihn gut aus und rieb den kleinen, nur mit einem Schurz bekleideten Körper von außen nach innen und von unten nach oben ab. Dabei machte sie langsame kreisförmige Bewegungen. Dem Baby schien es zu gefallen. Es streckte die Arme aus und versuchte, nach Tannes Nase zu fassen. Als sie sie zum Spaß rümpfte und eine Grimasse schnitt, gluckste der kleine Junge fröhlich. Abdullahi stand daneben und beobachtete sie. Tanne wickelte das Baby in das Handtuch.

„Gib mir den Tee“, bat sie Abdullahi und wandte sich dann an die junge Frau: „So müssen Sie es machen. Verstehen Sie Suaheli?“

Die Frau nickte.

„Zweimal in der Stunde. Und lassen Sie ihn Tee trinken. Nicht zu heiß und in kleinen Schlucken.“ Sie reichte ihr die Flasche. „Aber heute Nachmittag kommen Sie wieder. Falls das Fieber weiter steigt …“ Sie führte den Satz nicht zu Ende. Es war besser, das Krankenhaus nicht zu erwähnen. Die Kikuyu hassten das Hospital, und wenn sie wollte, dass die Mutter ihr Baby am Nachmittag noch einmal zu ihr brachte, war es besser, diese Option zu verschweigen.

Die junge Frau war aufgestanden, nickte ihr kurz zu und ging.

„Jerie“, sagte die alte Frau und tippte Tanne auf die Schulter. Sie verstand nicht und wollte gerade fragen, als die Alte sich umdrehte. Tanne erschrak. Auf dem Rücken der Frau prangte eine Brandwunde, die schon ein paar Tage alt sein musste und zu eitern angefangen hatte. Tanne konnte sich denken, wie es passiert war. Brandwunden waren unter den Kikuyu eine häufige Verletzung, da sie nachts in ihren Hütten direkt um das Feuer herum schliefen. Dabei kam es immer wieder vor, dass brennende Äste oder Holzstücke auf die Schlafenden herunterfielen und hässliche Wunden hinterließen. Da die alten Kikuyu-Frauen nur eine Art Lendenschurz trugen, hatte keine Kleidung an der Wunde gescheuert, dafür war sie schmutzig. Vorsichtig säuberte Tanne sie. Es musste wehtun, doch die alte Frau verzog keine Miene, sondern lächelte tapfer. Als die Wunde sauber war, tauchte Tanne einen Lappen in Essig und legte ihn auf die Verletzung. Aus Erfahrung wusste sie, dass er die Wunde zusammenzog, sie desinfizierte und Entzündungen entgegenwirkte. Vor allem bei nässenden Wunden war er hervorragend geeignet.

Als Tanne fertig war und sich von der Alten verabschiedet hatte, strich sie sich die halblangen, kastanienbraunen Haare aus der Stirn. Ihr schmales Gesicht mit den markanten Wangenknochen sah hoch konzentriert aus. Ihre Augen musterten die Medizinflaschen. Hatte sie auch alles richtig gemacht? Hätte sie mehr tun können? Es war die Frage, die sie sich immer stellte.

„Tanne!“ Die Männerstimme schreckte sie aus ihren Gedanken, und sie sah auf. Es war ihr Bruder, der von dem kleinen Bungalow, den er seit seiner Ankunft auf der Farm bewohnte, auf das Haus zulief.

„Thomas!“ Sie winkte ihm zu. „Wie schön. Lass uns gemeinsam frühstücken.“

Irena Sendler – Für die Rettung der Kinder riskierte sie ihr Leben

Blick ins Buch
Der Engel von WarschauDer Engel von Warschau

Irena Sendler – Für die Rettung der Kinder riskierte sie ihr Leben

Die Geschichte des „weiblichen Oskar Schindler“

Warschau, 1940: Die Nazis errichten das Ghetto. Die 29-jährige Sozialarbeiterin Irena versucht alles, um den jüdischen Menschen zu helfen. Sie versteckt ein kleines, von verzweifelten Eltern ausgesetztes Mädchen unter falschem Namen bei einer nicht-jüdischen Familie. Was als mutige Tat beginnt, wird zur groß angelegten Rettungsaktion. Irena schmuggelt immer mehr Kinder mit gefälschten „arischen“ Identitäten aus dem Ghetto. Sie denkt nie ans Aufgeben, obwohl sie in ständiger Lebensgefahr schwebt. Aber Irena muss nicht nur um ihr eigenes Leben bangen. Denn Adam, ihre große Liebe, ist Jude.

In dunkelster Zeit schenkte sie Hoffnung

Historischer Hintergrund: Irena Sendler (1910-2008) rettete 2.500 jüdische Kinder vor dem sicheren Tod, indem sie sie aus dem Ghetto schmuggelte. Sie hoffte, die Kinder nach dem Krieg ihren Eltern zurückgeben zu können. Selbst als die Gestapo Irena Sendler unter Folter verhörte, soll „Die Mutter der Holocaust-Kinder“ keine Informationen preisgegeben haben. 1965 würdigte Yad Vashem Irena Sendler als „Gerechte unter den Völkern“.

Kapitel 1

Herein!«, rief Reichsminister Dr. Hans Frank und sah vom Schreibtisch seines Berliner Büros auf.

Ein junger SA-Mann trat ein. Auf den ersten Blick machte Ludwig Fischer mit seinem kräftigen Körper und dem vollen Gesicht den Eindruck eines gutmütigen Bauernjungen, doch in seinen kleinen Augen lauerte etwas Perfides.

„Kommen Sie, kommen Sie“, sagte Frank jovial. „Cognac? Brandy? Oder doch lieber einen Schnaps?“

Fischer zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

Frank lachte. „Unser heutiges Treffen ist erfreulicher Natur, setzen wir uns doch.“ Er ging auf einen niedrigen Tisch mit Gläsern und Flaschen zu und schenkte ein, bevor er sich auf das Sofa sinken ließ und Fischer den Platz auf dem Sessel gegenüber anbot. Dann warf er einen kurzen Blick auf die Standuhr. „Jetzt ist es so weit. Wie ich eben erfahren habe, wurde unserem SS-Sturmbannführer Naujocks um Punkt sechzehn Uhr das Losungswort ausgegeben.“ Er grinste. „›Großmutter gestorben‹. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Na ja, jedenfalls werden Naujocks und seine Männer in ein paar Stunden als polnische Rebellen verkleidet unseren eigenen Rundfunksender in Gleiwitz angreifen. Eine unglaubliche Provokation, die wir Deutschen natürlich nicht hinnehmen können, weshalb wir uns gezwungen sehen, den Polen den Krieg zu erklären. Ich gehe davon aus, dass der Angriff in den frühen Morgenstunden erfolgen wird.“

Ludwig Fischer lachte. „Natürlich rechnen die Polen mit uns. Sie haben in aller Schnelle ein paar Truppen an der Grenze zusammengetrommelt. Alles ganz geheim, damit wir uns nicht provoziert fühlen. Und sie glauben tatsächlich, dass wir das nicht gemerkt hätten.“

„Ach ja, es heißt, sie hätten sogar berittene Truppen. Pferdchen, Fischer, Pferdchen. Was glauben Sie, was die sagen, wenn sie unseren Panzern gegenüberstehen. Ich hoffe, unsere Jungs richten kein Blutbad unter den armen Tieren an.“ Er grinste wieder und legte den Arm auf die Sofalehne.

„Dazu werden sie gar keine Zeit haben“, erwiderte Ludwig Fischer. „Wir alle wissen, dass die ganze Farce höchstens ein paar Wochen dauern wird. Spätestens Ende September haben wir Polen in der Tasche, und Warschau gehört uns.“

„Das ist die richtige Einstellung, Fischer!“, rief Frank und beugte sich ein wenig vor. Seine breite Stirn mit den hohen Geheimratsecken glänzte in der tief stehenden Nachmittagssonne. Das glatte Leder des Sofas leuchtete rotbraun, wie der noch unberührte Brandy in seiner Hand. „Und genau deshalb habe ich Sie kommen lassen.“ Er machte eine kurze Pause. „Sehen Sie, man hat mich zum Generalgouverneur des neu zu gründenden Generalgouvernements Polen ernannt. Und für die Stadt Warschau brauche ich einen besonders verlässlichen Mann.“ Er sah Fischer mit wachen Augen an. „Ich hatte an Sie gedacht. Was meinen Sie? Gouverneur von Warschau? Na, wie klingt das?“

„Es wäre mir eine Ehre, Dr. Frank.“

Der nickte bedächtig. „Ehre, wem Ehre gebührt. Für Ihren Amtssitz hatten wir an das Brühlsche Palais gedacht. Am Piłsudski-Platz, den wir in Adolf-Hitler-Platz umbenennen werden. Wohnen können Sie in einer Villa im Nobelvorort Konstancin, den wir bei den Luftangriffen unbedingt aussparen müssen.“ Er hob sein Glas. Fischer tat es ihm gleich. „Auf Warschau, die neue deutsche Stadt und ihren Gouverneur. Prost!“


Kapitel 2

Draußen auf dem Flur öffnete sich eine Tür und wurde leise wieder ins Schloss gedrückt. Irena hörte schnelle, leichte Schritte. Sie warf einen Blick auf die Uhr und lächelte. Halb fünf. Nach Elena konnte man die Uhr stellen. Alle im Warschauer Sozialamt wussten, dass sie regelmäßig eine halbe Stunde früher Feierabend machte, nur Elena selbst war felsenfest davon überzeugt, dass ihre tägliche Flucht aus dem Büro niemandem auffiel.

Irena lehnte sich auf dem Bürostuhl zurück, und während im Flur die Verbindungstür zum Treppenhaus zuklappte, schloss sie die Augen. Von draußen drangen Motorenlärm, Schritte und die hellen Stimmen zweier Frauen herein. Jetzt näherte sich ein Droschkengespann auf dem Kopfsteinpflaster. Der Kutscher stieß einen lang gezogenen Pfiff aus. Doch plötzlich drängte sich ein anderes Geräusch in den Vordergrund. Eine dicke Fliege schlug brummend ein ums andere Mal gegen die Scheibe. Irena machte die Augen auf. Einen Augenblick sah sie dem Insekt zu, das die unsichtbare Barriere mit reiner Willenskraft zu durchbrechen versuchte, dann erhob sie sich und öffnete das Fenster.

Zurück am Schreibtisch, schloss sie den letzten Bericht des Tages ab und überflog, was sie geschrieben hatte. Alles sah sehr ordentlich aus. Nichts lud dazu ein, genauer hinzusehen. Aber seit sie ihre kleinen Faktenberichtigungen nicht mehr alleine, sondern gemeinsam mit ihrer Kollegin Irka Schultz vornahm, fühlte sie sich ohnehin sicherer. Gewissensbisse hatte sie jedenfalls keine. Was sie tat, war richtig, denn vor ein paar Jahren hatte die polnische Regierung Sozialleistungen für jüdische Mitbürger stark eingeschränkt und an tausend unsinnige Bedingungen geknüpft, was die ärmeren Familien hart traf. Seitdem unterliefen Irena bei der Bearbeitung ihrer Fälle regelmäßig kleine Fehler. Manchmal wurde ein Kind auf dem Papier ein paar Monate jünger, um der ohnehin schon am Rand der Armutsgrenze lebenden Familie weiterhin Unterstützung zu gewähren. In anderen Fällen, so wie heute, verkleinerte sich der Wohnraum. Eigentlich war das nicht einmal gelogen, dachte Irena. Ihr Hausbesuch bei den Geremeks am Nachmittag hatte sie deprimiert. Angeblich lebte die sechsköpfige Familie in zwei Zimmern, tatsächlich aber war von dem schlitzohrigen Vermieter nur ein hölzerner Raumteiler eingezogen worden. Auf dem Formular hatte Irena sich genötigt gesehen, diese Illusion zu korrigieren, wodurch die Familie wieder Anspruch auf einen monatlichen Zuschuss bekam.

Sie zog das Blatt aus der Schreibmaschine und legte es zu den anderen. Draußen schlug die Uhr des nahe gelegenen Kirchturms fünf. Irena war dafür bekannt, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Aufgabe erledigt war. Aber heute würde sie pünktlich Feierabend machen. Eine befreundete Kollegin wollte ihren Geburtstag mit einem Picknick im Park nachfeiern.

Draußen schlug ihr eine schwüle Hitze entgegen. Sie verstaute die Tasche und das Paket mit dem Kuchen in ihrem Fahrradkorb und radelte los. Der Ogród Saski, der Sächsische Garten, war ein herrlicher Park aus dem 18. Jahrhundert und nur einen Steinwurf von ihrem Büro in der Złotastraße entfernt. Irena trat in die Pedale, bis ihr der Fahrtwind in die blonden schulterlangen Haare fuhr. Auf der stark befahrenen Emilii-Plater-Allee musste sie über Kopfsteinpflaster fahren und versuchte mit der linken Hand das Kuchenpaket stabil zu halten. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, einen Babka zu backen, und Irena wollte das Hefegebäck nur ungern in Form von Krümeln zum Picknick bringen.

Schwungvoll umrundete sie eine Droschke, die unvermittelt vor ihr zum Stehen gekommen war, und bog kurz darauf durch das weit geöffnete schmiedeeiserne Tor des Parks. Durch die Kronen der hohen Linden und Buchen fiel das warme Nachmittagslicht. Kinder waren mit ihren Müttern und Gouvernanten unterwegs, und auf den Grünflächen saßen kleine Gruppen von Freunden und vereinzelte Pärchen. Je tiefer Irena in das Grün hineinfuhr, desto weiter entfernte sich der Lärm der Stadt. An seine Stelle traten Vogelstimmen und das Summen von Bienen, und ein Luftzug brachte die Blätter der alten Bäume zum Rascheln. Plötzlich sah Irena winkende Arme vor sich auf der Grünfläche. Automatisch fuhr auch ihr Arm nach oben.

„Na endlich!“ Das Geburtstagskind stürmte auf sie zu, noch während Irena das Fahrrad gegen einen Baum lehnte.

Irena umarmte sie fest. Dann hielt sie sie prüfend vor sich. „Dass wir uns auch mal wieder sehen“, sagte sie halb vorwurfsvoll. Seit Ewa Rechtman einige Monate zuvor wegen ihrer jüdischen Abstammung aus dem Sozialamt entlassen worden war, hatten sie sich viel zu selten getroffen. Irena vermisste den unerschütterlichen Optimismus ihrer Freundin.

„Fass dich mal an die eigene Nase, Fräulein Vielbeschäftigt“, gab Ewa schlagfertig zurück. Sie löste sich von Irena, fuhr sich mit den Händen durch die hellen Haare und steuerte auf das Kuchenpaket zu.

„Hmm, Babka!“

Irena lachte und begrüßte die anderen. Die meisten von ihnen, darunter Irka Schultz, Jaga Piotrowska und Janka Grabowska, waren wie Irena im städtischen Sozialamt angestellt. Ala Gołąb-Grynberg dagegen, die wie Ewa Jüdin war, arbeitete im jüdischen Krankenhaus.

Auf der bunt karierten Decke lagen Teller und Schalen mit belegten Broten. Janka hatte selbst gemachte Zitronenlimonade mitgebracht. Ewa stellte Irenas Babka in die Mitte.

„Ich hoffe, nicht du hast ihn gebacken, sondern deine Mutter“, sagte sie schelmisch, während sie rote Kerzen in den Kuchen steckte.

„So deutlich musst du es nun auch wieder nicht sagen“, beschwerte sich Irena. Doch sie war Ewa nicht böse. Kochen und Backen lagen ihr tatsächlich nicht.

„Dafür hast du andere Stärken!“ Jaga, die neben ihr saß, drückte ihr einen Kuss auf die Backe.

Als Ewa die Kerzen angezündet hatte, sangen sie Sto lat, das polnische Geburtstagslied, das Ewa „hundert Jahre“ wünschte. Die Spaziergänger auf den Kieswegen drehten sich lächelnd nach ihnen um. Doch kaum hatte Ewa die Kerzen ausgepustet und die Kuchenstücke verteilt, trat Stille ein.

„Fast komme ich mir schuldig vor, dass wir hier sitzen und meinen Geburtstag nachfeiern, als wäre nichts“, sagte Ewa schließlich.

„Wann, wenn nicht jetzt?“, gab Janka trocken zurück. „Wenn Deutschland Polen tatsächlich angreifen sollte, wird uns das Feiern erst mal vergehen.“

„Mietek ist eingezogen worden. Ich habe ihn gestern zum Bahnhof gebracht“, sagte Irena.

Wieder entstand Schweigen. Seit Wochen waren die Spannungen zwischen Deutschland und Polen mit Händen zu greifen. Im Juli schon hatte es Gerüchte gegeben, dass Polen still und heimlich seine Streitkräfte mobilisiere, aber erst jetzt hatte es Irenas Mann getroffen. Dabei war Mietek ein durch und durch friedliebender, bodenständiger Familienmensch. Ein paar Jahre zuvor hatte er seine erste Stelle an der Universität in Poznań angenommen und war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Irena ihm dorthin folgen würde. Aber ihr waren die soziale Arbeit und das Studium in Warschau wichtiger gewesen. Wie unterschiedlich sie und Mietek waren, hatte sie sich erst da so recht bewusst gemacht. Er war ein ganz und gar unpolitischer Mensch, dessen Träume über seine Professur in Altphilologie und eine kleine Familie nicht hinausgingen. Sie hingegen wollte für andere da sein, mit ihren Freunden an der Uni und in der sozialistischen Partei Pläne schmieden, die Welt verbessern. Und wo ließ sich besser damit anfangen als unter Warschaus Armen und Benachteiligten?

Doch obwohl Mietek und sie nun schon seit Jahren getrennt lebten und ihre Ehe nur noch auf dem Papier existierte, war er ihr wichtig. Er war ihre Sandkastenliebe, der Freund, mit dem sie jeden Winter auf der gefrorenen Weichsel Schlittschuh gelaufen war. Und nun sollte Mietek mit seinen feingliedrigen Händen gegen die Deutschen kämpfen? Es war nur schwer vorstellbar. Da schon eher Adam, ein früherer Kommilitone von der Universität und ihr bester Freund. Unwillkürlich wurde Irena warm. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, von ihm zu sprechen, ihren Freundinnen zu erzählen, dass auch er eingezogen worden war. Und warum auch nicht? Alle kannten Adam, den Hitzkopf mit den revolutionären Ideen für ein neues, gerechteres, vor allem aber freies Polen. Adam, der von romantischen Gedichten bis hin zu Gesetzbüchern alles verschlang und mit dem sie oft bis spät in die Nacht in einem Café oder unter den Bäumen im Park träumte und diskutierte.

Doch sie sagte nichts und nahm stattdessen ein zweites Stück Kuchen. Irka tat es ihr gleich. Als sich ihre Hände über dem Kuchenteller berührten, trafen sich ihre Blicke.

„Es wird alles gut gehen“, meinte Irka. „Diesmal werden England und Frankreich Polen nicht im Stich lassen, ihr werdet sehen. Wir haben eine feste Zusage. Die Deutschen sollen bloß kommen. Ihr Vergnügen wird von kurzer Dauer sein. Und ehe man sichs versieht, sind Mietek und die anderen wieder zurück.“

„Das will ich hoffen“, erwiderte Ala, aber sie klang nicht überzeugt. „Wenn nicht, sehe ich schlimme Zeiten auf uns zukommen. Für ganz Polen, vor allem aber für Ewa und mich und die anderen polnischen Juden. Was die Deutschen mit ihren jüdischen Mitbürgern in Deutschland machen, ist schlimm genug, aber wenn ihr mich fragt, werden sie es hier weitab von zu Hause noch viel wilder treiben.“

Ewa griff nach Alas Hand. „Komm schon, jetzt sei nicht immer so pessimistisch. Außerdem feiere ich hier gerade Geburtstag … ich meine, rein theoretisch, falls ihr’s vergessen haben solltet. Also, wer hat Lust auf einen Themawechsel?“

Irka und Janka hoben lachend die Hände. Ala drückte Ewas Hand, doch ihr Lächeln wirkte gezwungen.

 

Es war schon dunkel geworden, als sie aufbrachen und sich auf den Heimweg machten. Irena liebte die langen Sommerabende, die ihr ein Gefühl von Freiheit gaben. Treffen im Park, in Cafés und Eisdielen. Auch heute hatten sich viele Menschen auf den Straßen getummelt. Alles war so wie immer. Oder doch nicht? Waren die Stimmen lauter gewesen? Ihr Lachen etwas zu schrill? Waren die Autos schneller gefahren? Irena hätte es nicht zu sagen vermocht.

Zu Hause angekommen, stellte sie ihr Fahrrad im Hof ab und schloss leise die Tür zur Wohnung auf, die sie mit ihrer Mutter teilte. Drinnen war es dunkel. Sie lauschte auf den Atem ihrer schlafenden Mutter. Er ging ganz ruhig. Irena war erleichtert. Ihre Mutter hatte Herzprobleme und atmete oft schwer. Ohne Licht zu machen, ging sie in die Küche und öffnete das Fenster. War es der Krupnik, der selbst gemachte Honiglikör, den Irka mitgebracht hatte, oder die Erinnerung an den gestrigen Tag, die keine Müdigkeit aufkommen ließ?

Die meisten Fenster der Ludwikistraße waren noch erleuchtet. Im Wohnzimmer auf der gegenüberliegenden Straßenseite konnte Irena die Nowaks um das Radio sitzen sehen. Ihre Gedanken wanderten zu Mietek. Sein Marschbefehl hatte von einer „geheimen Mobilisierung“ gesprochen, aber bei der Ankunft auf dem Bahnhof war ihnen klar geworden, dass das einzig Geheime daran die fehlenden Nachrichten in Zeitung und Radio waren. Nur mit Mühe hatten sie sich ins Bahnhofsgebäude und zu Mieteks Gleis vorgearbeitet. Sämtliche jungen Männer Warschaus schienen gekommen zu sein, und zum ersten Mal hatte Irena eine reale Furcht beschlichen. Verheimlichte ihnen die Regierung etwas? Sie wusste, dass Polen ursprünglich eine vollständige Mobilisierung geplant hatte, aber England und Frankreich waren dagegen gewesen. Hitler sollte nicht unnötig provoziert werden. Irena hatte auf dem Bahnsteig nach bekannten Gesichtern Ausschau gehalten oder, besser gesagt, nach einem bekannten Gesicht. Adam hatte sie am Tag zuvor angerufen, um ihr mitzuteilen, dass auch er an die deutsch-polnische Grenze beordert worden war. Er musste hier irgendwo sein, aber bei diesem Andrang war die Suche aussichtslos.

Ihr Abschied von Mietek war kurz gewesen. Von allen Seiten hatten Soldaten sie angerempelt, und der sonst so wortgewandte Mietek wusste zum ersten Mal nicht, was er sagen sollte. Schließlich hatte Irena ihm die Aufgabe abgenommen. „Pass auf dich auf“, hatte sie geflüstert und ihm einen Kuss auf die Wange gegeben. Mietek hatte nur kurz genickt und sich dann abrupt umgedreht, um sich in den überfüllten Waggon zu zwängen. Wie aufgekratzt und voller Energie die jungen Männer gewesen waren, die überall aus den Zugfenstern hingen und anderen lautstark etwas zuriefen. Als würden sie in die Ferien fahren. Aber vielleicht war ja am Ende wirklich alles halb so schlimm? Mit Verbündeten wie England und Frankreich würde ein eventueller Krieg nicht lange dauern.

Oder war das nur eine Illusion, und Adam, der radikale Klarseher, hatte recht? „Sie wollen nicht, dass wir das erkennen“, hatte er gesagt. „Aber die Zimmer im europäischen Haus werden gerade in Windeseile neu verteilt, die Wände eingerissen und andere hochgezogen.“ Sie hatte nicht gewusst, was sie darauf antworten sollte.

Die Wanduhr im Wohnzimmer schlug elf. Irena schloss das Fenster, legte sich aufs Bett und schlief ein.

 

Der Raum hinter Irenas Augen füllte sich mit einem hohen, schmerzhaften Ton. Ein Aufheulen, das an- und wieder ab-
schwoll. Sie warf sich auf die andere Seite, doch sie wachte nicht auf, und der Ton blieb.

„Irena!“ Eine Hand auf ihrer Schulter. „Irena, wach endlich auf!“

Irena riss die Augen auf. Das Heulen wurde lauter, bedrohlicher. „Mama, was ist los?“

„Luftschutzsirenen. Komm endlich, wir müssen aus dem Haus.“ Ihre Mutter reichte ihr einen Bademantel, während Irena nach den Hausschuhen angelte. In der Küche warf sie einen Blick nach draußen. Auf der anderen Straßenseite saß Herr Nowak vor dem Radio, seine Frau zerrte an seinem Arm, doch er beachtete sie nicht. Irenas Mutter war bereits im Treppenhaus. Ihre rechte Hand umklammerte das Geländer, während sie mit unsicheren Schritten einen Fuß vor den anderen setzte. Fest griff Irena ihr von hinten unter den Arm und lotste sie, so schnell es ging, die Treppe hinunter. Die Tür zum Hof stand offen, er war voller Menschen. Warum waren sie nicht im Keller?

Erst jetzt fiel Irena auf, dass die Luftschutzsirenen das einzige Geräusch waren. Ansonsten herrschte Stille. Während sie ihrer Mutter in den Hof hinaushalf, lauschte sie auf Motorengeräusche, Einschläge. Nichts. Die im Hof versammelten Hausbewohner sahen die Neuankömmlinge stumm an. Sie wirkten ungläubig, desorientiert. Ihre Haare waren vom Schlaf zerzaust, die müden Augen blickten fragend. Später hätte Irena nicht mehr sagen können, wie lange sie so gestanden hatten. Über dem Hof begann das milchige Morgenlicht golden zu leuchten. Dann brachen die Luftschutzsirenen ab. Einige Sekunden war es totenstill. Ein Raunen ging durch die Gruppe, und plötzlich redeten alle durcheinander.

„Entwarnung, gehen Sie in Ihre Häuser zurück! Entwarnung …“ Die Aufforderung aus einem Megafon vor dem Hoftor war wie aus dem Nichts gekommen und wurde leiser, je weiter der Wagen sich wieder entfernte. Wie eine Herde Schafe setzten sich alle in Bewegung. Irena half ihrer Mutter die Stufen zum zweiten Stock hinauf. Dann lief sie zum Radio. Wie alle anderen, dachte sie, während sie an dem Knopf drehte. Sie musste nicht suchen. Alle Sender brachten dieselbe Nachricht. Die Deutschen hatten bereits vor Stunden eine Offensive aus dem Norden, Süden und Westen begonnen. Die Luftwaffe war unbemerkt über die Grenze geflogen und hatte die Grenzregionen bombardiert. Gleichzeitig waren von Panzern unterstützte Infanteriedivisionen eingerückt. Die Nachrichtenstimme sprach davon, dass sich die polnischen Truppen neu formieren mussten, was immer das hieß.

„Warschau ist sicher“, behauptete die Stimme im Radio. „Bewahren Sie Ruhe! Alle Mitglieder der Regierung, alle Angestellten der Stadt sind aufgerufen, sich an ihren Arbeitsplatz zu begeben.“

Irena hastete in ihr Zimmer, um sich anzuziehen, während der Radiosender im Nebenzimmer dieselbe Nachricht endlos wiederholte.

„Wo willst du hin?“, rief ihre Mutter, als sie kurz darauf in die Küche stürmte.

„Zur Arbeit, du hast es doch gehört!“

Ihre Mutter fasste sie am Arm. „Es ist sieben Uhr. Setz dich, und trink deinen Kaffee. Das Büro ist doch noch gar nicht offen.“

Wortlos ließ sich Irena auf den Küchenstuhl drücken. Ihre Gedanken wanderten zu Mietek und Adam. Ging es ihnen gut? Waren ihre Regimenter in Kämpfe verwickelt? In die Gedanken an Adam mischte sich Bitterkeit. Er hatte Jura studiert, hatte seine Examina mit Auszeichnung bestanden und wollte Anwalt werden. Aber die antisemitischen Tendenzen der letzten Jahre schmälerten seine Karriereaussichten. „Wenn es um eine Anstellung als Anwalt geht, bin ich ein Jude und nicht erwünscht. Aber wenn es darum geht, mich an die Front zu schicken, bin ich plötzlich wieder Pole genug“, hatte er bei ihrem letzten Telefongespräch ironisch bemerkt.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ihre Mutter die Kaffeekanne vor sie hinsetzte, dazu Brot, Butter und Marmelade. „Iss“, sagte sie nur. Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu.

Irena begann sich mechanisch ein Brot zu schmieren. Sie war ihrer Mutter dankbar, dass sie nicht versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Hastig schlang sie das Brot hinunter und trank den Kaffee. Dann sprang sie auf, drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn und rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinunter.

 

Falls Irena damit gerechnet hatte, menschenleere Straßen anzutreffen, hatte sie sich getäuscht. Ganz Warschau schien auf den Beinen zu sein, und alle waren in Eile. Männer auf Fahrrädern, Frauen, die ihre Kinder hinter sich herzogen. Die Trambahnen waren überfüllt. Trotz der frühen Stunde hatten die Läden geöffnet, und Frauen füllten ihre Einkaufstaschen mit Fleisch, Gemüse und Brot. Was der hektischen Betriebsamkeit eine unheimliche Note verlieh, war die Stille. Niemand sprach. Abgesehen von ein paar quengelnden Kindern waren nur die Geräusche der Bahn, der Autos und der Droschken zu hören. Irena trat in die Pedale.

Schon im Treppenhaus des Sozialamts schlugen ihr aufgeregte Stimmen entgegen. Der Gang war voller Menschen, die nach Sachbearbeitern riefen oder denen, die anwesend waren, ihre Forderungen vortrugen. Irena hatte den Gang kaum betreten, da bildete sich schon eine Menschentraube um sie.

„Augenblick! Einer nach dem anderen!“, rief sie, während sie sich mühsam zu ihrem Büro vorarbeitete. Plötzlich packte eine Hand sie am Arm und schob sie zu ihrer Tür. Die verdutzte Menge war stehen geblieben. Irka Schultz schloss die Bürotür hinter ihnen und drehte den Schlüssel im Schloss.

„Puh“, sagte sie nur und ließ sich auf den Besucherstuhl fallen. Beinahe hätte Irena laut lachen müssen. Irka war Abteilungsleiterin und legte großen Wert auf ein professionell adrettes Auftreten. Jetzt hing ihr die Bluse aus der Hose, und der Knoten ihrer dünnen Krawatte hatte sich gelockert. Mit ihren zerzausten blonden Haaren wirkte sie, als hätte sie die Nacht in einem Jazzclub durchgemacht.

Irena verkniff sich die Bemerkung und nickte stattdessen in Richtung Gang. „Was ist denn hier los?“

Irka rollte mit den Augen. „Was wohl? Alle wollen ihre monatliche Unterstützung sofort. Ihr Geld, ihre Lebensmittelmarken, die Bons für die Suppenküchen. Sie haben Angst, dass bald nichts mehr da sein wird. Viele wollen die Stadt verlassen. Sie haben Angst vor Luftangriffen. Dabei sind heute längst nicht alle Kollegen zur Arbeit gekommen.“

Irena setzte sich an ihren Schreibtisch. „Wie wär’s, wenn du deine Autorität spielen lässt und da draußen für Ordnung sorgst? Versuch einfach, uns die Leute einzeln reinzuschicken.“

Irka nickte ergeben. Ein paar Sekunden genoss sie noch die Ruhe in Irenas Büro, dann schloss sie die Tür auf und stürzte sich ins Getümmel.

Irena hatte eine gute Stunde gearbeitet und gerade überlegt, ob sie es schaffen würde, sich in der Büroküche einen Kaffee zu holen, als die Luftschutzsirenen erneut zu heulen begannen. Sofort hörte man auf dem Gang Dutzende von Füßen Richtung Ausgang hasten. Auch Irena trat aus dem Büro, da ging auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges die Tür auf. Statt eines Grußes deutete Jan Dobraczyński, der Chef des Sozialamts, nur Richtung Treppenhaus.

„Wer weiß, vielleicht bleibt es ja wieder bei einer Warnung, so wie heute Morgen“, stieß er hervor, während sie nach unten hasteten. Von draußen ertönte ein unbestimmtes Rauschen. Unvermittelt blieb Irena stehen, doch die von hinten Nachdrängenden schoben sie weiter. Aus dem Rauschen wurde ein Dröhnen. Als die Luft zu vibrieren begann, spürte Irena Panik in sich hochsteigen. Sie erreichte den Keller, als die erste Detonation die Wände des Gebäudes ins Wanken brachte. Eine Druckwelle ging durch ihren Körper und presste die Luft aus den Lungen, ihre Ohren fielen zu, Betonstaub rieselte wie Mehl von der Decke.

In der nächsten halben Stunde wiederholte sich immer wieder dieselbe Abfolge: ein Summen, das zu einem immer lauteren Dröhnen wurde, dann die Detonation, bevor der Lärm wieder abschwoll. Jedes Mal, wenn eine Bombe in der Nähe einschlug, war für ein paar Sekunden das Licht weg. Irenas Impuls war es, zu schreien, doch sie riss sich zusammen, genau wie die anderen.

Endlich kam die Entwarnung, und alle strömten auf die Straße. Irena hustete, als sie die graubraune Luft einatmete und sich Rauch und Schuttstaub auf ihre Lungen legten. Die Gebäude der Złotastraße waren alle intakt, doch ein Stück entfernt stiegen schwarze Rauchsäulen in den Himmel, und das Schrillen der Sirenen kam aus allen Richtungen.

Eine Hand legte sich von hinten auf Irenas Schulter, und sie drehte sich um.

„Jaga!“ Impulsiv umarmte sie ihre Freundin und Kollegin.

„Kommen Sie?“ Jan Dobraczyński war neben ihnen stehen geblieben. Der große, kräftig gebaute Mann sah aus, als wäre er geschrumpft, und sein sonst so streng nach hinten gekämmtes, dunkles Haar war weiß vom Betonstaub und völlig zerzaust. Jaga, seine Sekretärin, löste sich aus Irenas Umarmung und folgte ihrem Chef als Erste.

Als sich die Kollegen in Jan Dobraczyńskis Büro versammelt hatten, blickte der seine Mitarbeiter schweigend an. Er war ein Mann, dem es selten an Worten mangelte, doch in diesem Augenblick hatte es ihm die Sprache verschlagen. Fahrig versuchte er die gelösten Haarsträhnen nach hinten zu streifen, ließ es aber bleiben, als er den weißen Schuttstaub auf dem Kopf spürte. Beinahe tat er Irena leid. Er war ein ordentlicher Chef, der seine Arbeit gut machte. Daran ließ sich nicht rütteln, auch wenn er Irena persönlich nicht sympathisch war. Sie war überzeugte Sozialdemokratin, Dobraczyński dagegen in der konservativ nationalen Partei – und er machte keinen Hehl daraus, dass er Juden nicht besonders schätzte. Das Gute an ihm war, dass er seine Mitarbeiter eigenverantwortlich handeln ließ. Und das gab Irena die nötige Freiheit, die Dinge auf ihre Weise zu regeln.

Jetzt ergriff Dobraczyński das Wort.

„Frau Sendler ist bei uns unter anderem für die Suppenküchen in der Stadt verantwortlich.“ Er machte eine kurze Pause und wandte sich an sie. „Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass wir in den nächsten Tagen und Wochen einen wahren Ansturm erwarten müssen. Allein bei diesem ersten Angriff heute werden viele Menschen ihre Wohnung verloren haben. Außerdem sollten wir mit Flüchtlingen aus den umliegenden Regionen rechnen. Menschen, die wir unterbringen und versorgen müssen.“ Er legte eine Pause ein und fuhr dann fort. „Ich möchte, dass Sie jetzt nach Hause zu Ihren Familien gehen und nach dem Rechten sehen. Wenn wir uns wieder treffen, will ich Vorschläge hören, wie wir dem Ansturm begegnen können.“ Er sah in die Runde. Lauter ernste Gesichter. „Und seien Sie vorsichtig. Sie werden hier gebraucht. Jeder Einzelne von Ihnen, und mehr denn je!“

Maria Montessori – Die schwerste Entscheidung ihres Lebens traf sie für das Wohl der Kinder

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Lehrerin einer neuen ZeitLehrerin einer neuen Zeit

Maria Montessori – Die schwerste Entscheidung ihres Lebens traf sie für das Wohl der Kinder

Die ergreifende Lebensgeschichte der Ausnahmepädagogin als packender historischer Roman  

Sie widmete ihr Leben den Kindern und veränderte die Welt für immer: Die spannende Geschichte der Maria Montessori ist ein Lehrstück über Engagement, Gefühle und die Kraft mutiger Frauen.  

Jedes Kind hat Talente und Bedürfnisse, die es zu entschlüsseln und zu beantworten gilt: Dieser heute selbstverständliche Lehrsatz der modernen Pädagogik war vor rund 100 Jahren eine unbekannte Idee. Bis die italienische Pädagogin Maria Montessori eine Revolution auslöste.  

Noch jung und unbedarft ist Maria Montessori im Rom des Jahres 1896 von den Zuständen in einer psychiatrischen Klinik schockiert. Gegen alle Widerstände gibt sie den kleinen, lethargischen Patienten Spielzeug und holt sie in ein Leben, das sich niemand zu träumen gewagt hätte. Doch als Maria ihr Herz an einen Kollegen verliert, steht alles auf dem Spiel.  

Mit „Lehrerin einer neuen Zeit“ zeichnet Laura Baldini den Werdegang der großen Pädagogin hautnah und mit schillernder historischer Präzision nach. Ihre Roman-Biografie verleiht dem Montessori-Konzept ein menschliches, weibliches und zerbrechliches Gesicht, dem sich Leserinnen in einer mitreißenden Erzählung über Wissenschaft und Liebe nähern.  

 „Was Kinder betrifft, betrifft die Menschheit!“ – Maria Montessori  

 Mehr als 1.000 Einrichtungen in Deutschland folgen heute dem Montessori-Konzept, das Entfaltung und Selbstbestimmung vor Drill und Auswendiglernen stellt. Wer „Lehrerin einer neuen Zeit“ gelesen hat, wird den Wert dieser Pädagogik noch einmal mehr zu schätzen wissen.  

 Starke Frauen in einer einmaligen biografischen Romanreihe  

„Lehrerin einer neuen Zeit“ ist der erste Band der historischen Romane der „Bedeutende Frauen, die die Welt verändern“. Bekannte und aufstrebende Autorinnen widmen sich unglaublichen Frauenfiguren der Geschichte, die nichts weniger waren als Revolutionärinnen in ihrem Bereich. Lassen Sie sich entführen in aufregende Zeiten und große Frauenschicksale.  

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Interview mit den Autorinnen Romy Seidel und Petra Hucke

Sie beide schreiben über bedeutende Frauen, die der Welt etwas Bleibendes geschenkt haben. Was macht Ihre Protagonistinnen so besonders? Was hat Sie am meisten an ihnen beeindruckt? 

Romy Seidel: An Anna Freud hat mich definitiv am meisten beeindruckt, dass sie in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters Sigmund Freud getreten ist und dabei, wie ich finde, sehr klug und bedacht vorging. Sie hat ihn bewundert und dennoch versucht, sich von ihm abzugrenzen und ihren eigenen Weg zu gehen. Und das, obwohl sie sich immer nach seiner Anerken­nung, seinem Wohlwollen gesehnt hatte. 
In der Psychoanalyse hat sie sich von traditionellen Mustern gelöst und einen Schritt in eine neue Rich­tung gemacht. 
Was mich ebenfalls sehr beeindruckt hat, ist, wie selbstlos und liebevoll sie sich um ihren Vater geküm­mert hat, als er krank wurde. Ich glaube, es hat ihr einiges abverlangt, dennoch hat sie es als selbstver­ständlich erachtet und sich nie beklagt. 

Petra Hucke: An Emily Warren Roebling faszinieren mich ihre Durchsetzungskraft und ihr Humor. Eine Freundin von mir ist Architektin, und sie erzählt manchmal, wie es ist, sich als Frau im Büro und auf der Baustelle durchsetzen zu müssen. Im 21. Jahrhun­dert. Wie muss das erst im 19. Jahrhundert gewesen sein?
Alle (männlichen) Zeitzeugen schwärmen von Emilys Takt und ihrer Zurückhaltung - diesen ach so weiblichen Eigenschaften -, aber ich denke mir, dass ziemlich viel Hartnäckigkeit dabei gewesen sein muss, denn Takt allein hätte sie nicht weitergebracht. Ihr Humor spricht aus erhaltenen Briefen - von ihr selbst gibt es leider nur wenige, aber von ihrem Mann Wa­shington sind zahlreiche überliefert, und der Ton da­rin ist herzerwärmend und wird ihrem eigenen sehr entsprochen haben. 

Was fasziniert die Leserinnen in der heutigen Zeit an diesen Frauen? Warum sind sie noch immer - oder aber erst jetzt - so spannend und inspirierend? 

Romy Seidel: Ich glaube, sie sind nach wie vor inspirie­rend, weil sie ihrer Zeit voraus waren und sich etwas getraut haben. Viele haben auf Konventionen gepfif­fen, wollten unbeirrt und mutig ihren Weg gehen. Sie haben sich von dem frei gemacht, was sie eingeengt hat und zeigen uns Frauen noch heute, was möglich ist, wenn man an sich glaubt und etwas wagt. 

Petra Hucke: Emily hätte bestimmt auch schon Lese­rinnen früherer Generationen interessiert. Doch wie auch so viele andere Frauen musste sie erst „wieder­entdeckt" werden. In einer Monografie über den Bau der Brooklyn Bridge aus den 196Der Jahren wird sie nicht einmal erwähnt. In einem Buch aus den 1970er Jahren wird gesagt, sie habe ein paar Briefe zwischen ihrem Mann und der Baustelle hin und her getragen. Aus den 1980ern gibt es in den USA zum Glück schon eine Biografie über sie, aber ein Roman musste bis heute warten. 

Warum sind genau diese Frauen so perfekte Romanfiguren? 

Petra Hucke: Für mich war Emily perfekt, weil man recht viel über ihr Umfeld weiß - der Bau der Brook­lyn Bridge ist in dicken Wälzern beschrieben und aus vielen Richtungen erforscht, über John A. Roebling und Washington Roebling gibt es Biografien.
Emily selbst war, denke ich, zu bescheiden oder einfach zu pragmatisch, um eine Autobiografie oder sonsti­ge Schriften zu hinterlassen. Und so kann man sich leicht ein erstes Bild über sie machen, ohne aber all­zu viel über sie persönlich zu wissen. Genug Freiraum für das Autorinnenhirn, eine Geschichte zu finden. 

Romy Seidel: Auf mich als Schriftstellerin üben diese Frauen schon lange einen großen Reiz aus. Weil sie ein aufregendes, bewegendes Leben hatten, weil sie Mut, Ein­fallsreichtum und Klugheit bewiesen und weil sie sich ge­traut haben, aus dem Schatten ihrer Männer oder Väter zu treten.
Sie mussten Hürden überwinden, Ketten sprengen und sich Gehör verschaffen. Für mich die perfekten Ro­manheldinnen - und ich muss sie nicht mal erfinden. 

Was meinen Sie, kann man Wissen in Roman­form vermitteln? 

Petra Hucke: Mit dem Wissen aus einem Roman sollte man wohl nicht in eine Quizshow gehen, in der Daten abgefragt werden, denn es soll vorkommen, dass die Autorin mal ein Jahr oder zwei streicht, wenn es dem Spannungsbogen im Weg steht. Auch dass das Fundament auf der Brooklyn-Seite in 13,56 Metern Tiefe steht, auf der Manhattan-Seite jedoch in 23,93 Metern, kann man anderswo sicher besser erfahren.
Denn da­rum geht es in einem Roman natürlich nicht, sondern darum, ein Gefühl für die Menschen und ihre Zeit zu bekommen und in ihre Geschichte einzutauchen. 

Romy Seidel: Ich glaube, die Romanform ist die perfekte Möglichkeit, Wissen zu vermitteln, weil man als Autor Tatsachen und Fiktion miteinander verbinden kann. Man kann Fakten spannend erzählen und im besten Fall dafür sorgen, dass beim Leser das Kopfkino anspringt und er oder sie das Wissen ganz automatisch aufnimmt. 

Geschichte wurde immer von Frauen und Männern gemacht, das Verdienst von Frauen jedoch oft unterschlagen. Nicht zuletzt seit Filme wie „Hidden Figures“ einen anderen Fokus gewählt haben, ändert sich das. Bekommen die starken Frauen schon genug Aufmerksamkeit? 

Romy Seidel: Ich finde es großartig, dass die starken Frauen seit ein paar Jahren Aufmerksamkeit bekom­men. Aber es gibt noch immer eine Menge Frauen, die es verdienen, dass ihre Geschichte erzählt wird. 

Petra Hucke: Die Aufmerksamkeit darf gern noch eine ganze Weile auf sie gerichtet bleiben. Ich bin sicher, es gibt noch so einige Frauen zu entdecken, die mit ihrem Mut und ihrer Chuzpe auch heute noch als Vor­bild dienen können.  

Kurzbiografien bedeutender Frauen
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Die Ersten ihrer ArtDie Ersten ihrer Art
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Frauen verändern die Welt

(1918 bis heute)

Ohne Frauen fehlt die Hälfte
Simone Veil, Margaret Thatcher, Angela Merkel, Kamala Harris: Sie alle eroberten ihren Platz in einer Männerwelt und veränderten sie Stück für Stück. Das Buch führt uns zu diesen und vielen anderen Ersten ihrer Art. Es zeigt nicht nur, was fehlt, wenn Frauen nicht mit am Tisch sitzen, sondern auch wie sie in den letzten hundert Jahren gegen Widerstände an die Spitze gelangten und neue Themen setzten.

Die Autorin hat viele Erste interviewt und akribisch recherchiert. Sie belegt, dass die Kämpfe noch nicht ausgefochten sind: Die Hälfte der Menschheit hat noch längst nicht die Hälfte der Macht.

„Vorzüglich gelingt es Specht [...], die Lebensleistungen ihrer Protagonistinnen und deren allmähliche Emanzipation nachzuzeichnen.“ Süddeutsche Zeitung über „Ihre Seite der Geschichte“

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