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Zeile für Zeile mein ParadiesZeile für Zeile mein Paradies

Zeile für Zeile mein Paradies

Bedeutende Schriftstellerinnen

18 Porträts

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Zeile für Zeile mein Paradies — Inhalt

Virginia Woolf, Sylvia Plath, Edith Södergran, Marie Luise Kaschnitz und Marlen Haushofer – all diese Frauen prägten ihre Zeit und schufen Werke voller Sprachgewalt und Poesie. Sie überwanden Grenzen, warfen gesellschaftliche Zwänge ab und verteidigten ihre Freiheit. In achtzehn Porträts zeigt Jutta Rosenkranz das Leben und Wirken bedeutender Schriftstellerinnen und lädt ein zu literarischen Neu- und Wiederentdeckungen.

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 14.07.2014
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30515-0
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 14.07.2014
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96691-7

Leseprobe zu »Zeile für Zeile mein Paradies«

Louise Labé
 ( um 1521–1566 )

 

»Bedachtsam leben macht mir
Mißvergnügen«

 

 

Küß mich noch einmal, küß mich wieder, küß mich;

Laß mich den köstlichsten von allen trinken,

Laß mich in deinem innigsten versinken;
Viermal, so heiß wie Kohle, küß ich dich.

Ach, du beklagst dich ? Daß dein Kummer schwinde,

Geb ich dir noch zehn andre, honigsüße.

Wie mischen wir so glücklich unsre Küsse,

Daß jeder seine Lust am andern finde.

[ … ]

 

Diese leidenschaftlichen Zeilen aus dem Sonett XVIII, die deutlich vom Begehren und der Lust sprechen, stammen nicht aus dem [...]

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Louise Labé
 ( um 1521–1566 )

 

»Bedachtsam leben macht mir
Mißvergnügen«

 

 

Küß mich noch einmal, küß mich wieder, küß mich;

Laß mich den köstlichsten von allen trinken,

Laß mich in deinem innigsten versinken;
Viermal, so heiß wie Kohle, küß ich dich.

Ach, du beklagst dich ? Daß dein Kummer schwinde,

Geb ich dir noch zehn andre, honigsüße.

Wie mischen wir so glücklich unsre Küsse,

Daß jeder seine Lust am andern finde.

[ … ]

 

Diese leidenschaftlichen Zeilen aus dem Sonett XVIII, die deutlich vom Begehren und der Lust sprechen, stammen nicht aus dem aufgeklärten 20. Jahrhundert, sondern aus der Zeit der Renaissance. Noch dazu war es eine Frau, die es wagte, in der Mitte des 16. Jahrhunderts so offen über die Liebe zu schreiben. Darüber hinaus äußerte sie auch kritische Töne dem Mann gegenüber und stellte das damals noch tief verwurzelte höfische, tugendhafte Idealbild der Frau in Frage. Louise Labé gilt noch heute als die bekannteste Renaissance-Dichterin Frankreichs. Dabei ist ihr Werk nur klein. Der schmale Band, der 1555 in Lyon erschien, umfasste einen Widmungsbrief, einen Dialog zwischen der Liebe und der Torheit, drei Elegien und vierundzwanzig Sonette. Den Schluss des Buches, der fast ein Drittel des Umfangs ausmacht, bilden Huldigungsgedichte ihrer Verehrer und gelehrten Freunde.

Lyon ist in der Renaissance neben Paris das wichtigste kommerzielle und kulturelle Zentrum Frankreichs. Die Stadt, bekannt durch den Seidenhandel und die Buchdruckkunst, hat durch ihre geografische Lage eine besondere Bedeutung. Sie gilt als Tor zum Süden, und italienische Kultur und Lebensweise bestimmen die Atmosphäre. Dieses dem Handel und den Künsten aufgeschlossene Milieu wird von Männern beherrscht. Die Rolle der Frau beschränkt sich – wie überall im streng katholischen Frankreich – auf den Haushalt und die Kindererziehung. Umso erstaunlicher ist es, dass Louises Vater – Pierre­ Charly, genannt Labé, ein reicher Kaufmann und Seiler – nach ihrer Geburt um 1521 dafür sorgt, dass sie die gleiche gute Erziehung und humanistische Bildung erhält wie die Söhne aus seiner ersten Ehe. Vermutlich hat er die 1529 publizierte Abhandlung des deutschen Philosophen Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim über die Erziehung gelesen, in der dieser die Würde und Außerordentlichkeit des weiblichen Geschlechts verteidigt. Louises Mutter stirbt wahrscheinlich bei oder kurz nach der Geburt ihrer Tochter.

Um 1540 heiratet Louise den zwanzig Jahre älteren Kaufmann Ennemond Perrin, der ebenfalls im Seilergewerbe tätig ist. Sie gehört damit zum wohlhabenden Bürgertum von Lyon und ist nicht nur für ihre Schönheit, sondern auch für ihre Bildung bekannt. Man nennt sie » La belle Cordière « ( die schöne Seilerin ), was – in Anlehnung an die Berufe ihres Vaters und ihres Mannes – als Kompliment, aber auch spöttisch gemeint sein kann. Denn sie setzt sich, noch dazu als Bürgerliche, über die engen Grenzen ihres Geschlechtes und Standes hinweg. Frauen höherer Schichten gesteht man damals als Bildung lediglich Kenntnisse in verschiedenen Sprachen und in der Musik zu. Doch Louise Labé spielt nicht nur Laute und singt, spricht neben Italienisch und Spanisch auch Griechisch und Latein, sie kann mit Waffen umgehen und vermutlich sogar reiten. Selbstbewusst schreibt sie: » [ … ] und wenn eine es so weit bringt, daß sie ihre Gedanken schriftlich niederlegen kann, möge sie dies mit Sorgfalt tun und nicht den Ruhm verachten. « Denn die Ehre, die die Wissenschaft den Frauen einbringe, könne ihnen niemand nehmen, nicht einmal der » Lauf der Zeit «.

Ihren Gedichten stellt sie einen Widmungsbrief an ihre Freundin­ Clemence de Bourges, eine junge Lyoneserin, voran. Darin setzt sich Louise Labé für die Frauenbildung ein und ruft ihre Zeitgenossinnen dazu auf, sich den Wissenschaften und Künsten zuzuwenden anstatt sich nur mit Äußerlichkeiten wie Ketten, Ringen und aufwändigen Kleidern zu schmücken. Sie betont, dass nun, » wo die strengen Gesetze der Männer die Frauen nicht mehr daran hindern, sich der Gelehrsamkeit und den Künsten zu widmen «, die Frauen unbedingt » diese schickliche Freiheit, welche sich unser Geschlecht ­früher so sehr wünschte «, nutzen sollten. Durch das Studium der Wissenschaften und Künste können sie den Männern beweisen, dass sie dazu ebenso befähigt sind wie diese. Die Verfasserin vermutet, die Männer hätten den Frauen diese Betätigungen nur deshalb vorenthalten, um allein Anerkennung und Ehre zu erfahren.

Im selben Jahr, in dem sie ihre Werke veröffentlicht, entsteht das einzige authentische Porträt von Louise Labé. Es zeigt eine junge, schöne Frau mit wachem Blick in einer hochgeschlossenen, verzierten Robe. Das Haar wird, bis auf wenige Locken, von einem strengen Kopfschmuck mit Schleier verborgen. Der Kupferstich von 1555 lässt nicht ahnen, dass die Abgebildete recht fortschrittliche Gedanken hegt: » […] so bleibt mir nur, die tüchtigen Damen zu bitten, ihren Geist ein wenig über ihre Spinnrocken und Klöppel zu erheben und sich zu bemühen, aller Welt vor Augen zu führen, daß man uns, wenn wir auch nicht zum Befehlen geschaffen sind, dennoch nicht geringschätzen soll als Gefährtinnen in häuslichen und öffentlichen Angelegenheiten derjenigen, die herrschen und Gehorsam fordern. «

Sie geht zwar davon aus, dass Frauen nicht zum Befehlen geschaffen sind, doch stellt sie Forderungen, die zur Zeit der Renaissance ungewöhnlich sind. Sie beschwört die Frauen, nicht zu zögern, ihren Geist und ihre verschiedenen Talente zu nutzen, um dann – wie die Männer – auch in den Wissenschaften und in der Literatur Ehre und Anerkennung zu erlangen. Noch heute überrascht es, wie modern der Aufruf der Lyoneserin zur Gleichberechtigung der Frau
klingt. Die Dichterin erkennt, wie die Männer auf eine Emanzipation der Frauen reagieren könnten, und ist überzeugt davon, dass diese sich mehr anstrengen müssen, um nicht von den Frauen übertroffen zu werden: » Und außer dem Ruf, den unser Geschlecht so erwerben wird, fällt uns das Verdienst für die Allgemeinheit zu, daß die Männer­ mit mehr Sorgfalt und Eifer das Studium der schönen Wissenschaften betreiben werden aus Angst, sich zu ihrer Schande von denen überflügelt zu sehen, denen gegenüber sie in fast allen Dingen immer ihre Überlegenheit behauptet haben. «

Louise Labé unterscheidet genau zwischen reinem Zeitvertreib und sinnvoller Beschäftigung: » Außer dem Ruhm und der Ehre ist das Vergnügen nicht gering zu schätzen, das die Beschäftigung mit der Literatur einem gemeinhin verschafft, und das jede von uns hierzu anregen sollte; sie ist anders als sonstige Zerstreuungen, bei denen man sich, wenn man sie ausgiebig genossen hat, nur rühmen kann, die Zeit vertrieben zu haben. Während das Vergnügen des Studiums eine Zufriedenheit hinterläßt, die uns länger ­erhalten bleibt. «

Die Romanistin Elisabeth Schulze-Witzenrath, die sich in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausführlich mit dem Werk der Louise Labé beschäftigt hat, nennt diesen Brief » ein frühes feministisches Dokument von seltener Eindringlichkeit «. Denn der Aufruf der Lyoneserin, sich geistig zu betätigen und zu emanzipieren, war der Auftakt zu einer Entwicklung, die erst in den folgenden Jahrhunderten eine Öffnung der Künste und Wissenschaften für Frauen bewirken sollte. Seit dem 15. Jahrhundert wurde vor allem in Frankreich, aber auch in Italien, Spanien und England über die Rolle der Geschlechter und die Position der Frauen diskutiert. Diese – unter dem historischen Fachbegriff » Querelle des femmes « bekannte – Debatte wechselte zwischen Verehrung und Verachtung der Frauen, immer aber waren diese aus männlicher Perspektive betrachtete Objekte, denen kaum eigener Handlungsspielraum zugestanden wurde.

Nach ihrer Hochzeit gründet Louise Labé in ihrem Haus in der Rue Confort einen literarisch-musischen Salon, in dem sich die gebildete Gesellschaft der Stadt trifft. Dazu gehören die Dichterin Pernette du Guillet, deren Gedichte 1545, kurz nach ihrem Tod, veröffentlicht werden, sowie Maurice Scève und Olivier de Magny, ebenfalls Mitglieder der École Lyonnaise ( Lyoneser Dichterschule ). Vielleicht haben sie die wissbegierige Louise Labé zum Schreiben angeregt und ermutigt. Sie kennt aber auch die Verse von Pierre de Ronsard und Joachim Du Bellay. Diese Poeten gehören der Pléiade in Paris an, dem wichtigsten französischen Dichterkreis der Renaissance, der mit der École Lyonnaise konkurriert. Nach dem Tod ihres Mannes publiziert Louise 1555 ihre eigenen Werke, misst ihnen ­jedoch keine große Bedeutung zu: » Ich selber suchte, als ich diese Jugendwerke zuerst schrieb und dann wieder durchlas, nur einen angemessenen Zeitvertreib und ein Mittel, der Untätigkeit zu entfliehen; und ich hatte keineswegs die Absicht, sie jemals außer mir noch jemanden sehen zu lassen. «

In der ersten Elegie benennt die Autorin den Anlass für ihr Schreiben:

Als Amor, welcher Gott und Mensch bezwang,

Mit seiner Flamme in mein Herz eindrang,

Durchglühte er in unbarmherziger Wut

Mein Blut und mein Gebein und Geist und Mut;

Da hatte ich noch nicht die Macht, zu sagen,

Wie sehr ich leide und darum zu klagen.

Und Phöbus, dem der grüne Lorbeer lieb,

Erlaubte noch nicht, daß ich Verse schrieb;

Doch jetzt erfüllt des Gottes Leidenschaft

Mir meine kühne Brust mit glühnder Kraft;

[ … ]

Louise Labé ist sich ihrer Rolle als gebildete und schreibende Frau bewusst. Doch schildert sie nicht ihr Elternhaus, ihre Ehe, ihren bürgerlichen Alltag – das einzige Thema ihrer Lyrik ist die Liebe. Nun gilt die Liebe zwar als zentrales Motiv der Renaissance-Dichtung, doch haben bis dahin nur männliche Autoren darüber geschrieben. Die Dichterin stellt das darin geschilderte Idealbild der Frau in Frage. Sie wagt es, nicht nur aus der Sicht der Frau zu schreiben, sondern auch, wie ihre Kollegen, alle Facetten der Liebe – Leidenschaft, Hoffnung, Enttäuschung – zu benennen. In ihrer ersten Elegie verteidigt sie das Recht der Frauen, über die Liebe zu schreiben, und ermuntert ihre Zeitgenossinnen dazu.

[ … ]

So viele Tränen wurden rings vergossen

Und Seufzer und Gebete ausgestoßen;

Ich wurde nicht gewahr, wie mich alsbald

Das Übel selbst erfasste, das ich schalt,

Und mich mit solcher Heftigkeit ereilte,

Daß nichts in dieser langen Zeit mich heilte.

Und heute noch muß ich mich dazu zwingen,

Vergangnes Leid von neuem zu besingen

Und aufzufrischen. Lest ihr dies, ihr Damen,

So seufzt um meinen Gram in meinem Namen.

Vielleicht kann ich euch eines Tages nützen

Und eurer Stimme Klage unterstützen,

Wenn sie erzählt von Mühsal und von Leid

Und jammert um die so vertane Zeit.

[ … ]

Diese Verse, die sich, etwas monoton, nur mit Paarreimen aneinanderreihen, zeigen noch nicht das ganze poetische Können der Autorin. Rhythmus und Reimschema der Elegien sind relativ einfach und erinnern eher an einen Dialog in schlichten Sätzen.

[ … ]

Wer sieht, wie schwer ich an der Liebe trage,

Der soll mich nicht verachten, wenn ich klage

In meiner Trauer; schneller als gedacht

Hat Amor ihn in gleiche Not gebracht.

[ … ]

Ihr Lyoneser Damen, leset ihr

Von diesen Liebeszwistigkeiten hier,

Und hört von Jammer, Tränen, Überdruß

Und Kränkung, die mein Lied beklagen muß,

So haltet meine Einfalt mir zugut,

Der Jugend Schuld, der Jugend Übermut,

Wenn’s Schuld denn war; wer kann auf dieser Welt

Behaupten, daß er nie in Sünde fällt ?

[ … ]

Erst sechzehn Winter konnt ich damals zählen,

Als alles dies begann, mich so zu quälen.

Obwohl jetzt dreizehn Sommer hingegangen,

Hält Amor immer noch mein Herz gefangen.

[ … ]

In ihren drei Elegien wird das Thema nur angerissen, die wirklich kunstvolle poetische Auseinandersetzung mit den Höhen und Tiefen der Liebe erfolgt erst in den vierundzwanzig Sonetten. Diese eindrucksvollen und vielschichtigen Gedichte begründen den Ruhm der Louise Labé, der bis heute anhält. Das Sonett ist zur Zeit der Renaissance die bekannteste und häufigste Gedichtform. Der italienische Dichter Francesco Petrarca hat es im 14. Jahrhundert durch seine Liebesgedichte an Laura bekannt gemacht. Die französischen Lyriker der Renaissance nehmen diese interessante, aber schwierige Form – die strengen Gesetzen genügen und in genau vierzehn Zeilen einem bestimmten Versmaß und Reimschema folgen muss – begeistert auf. Das erste ihrer vierundzwanzig Sonette hat die Dichterin – vermutlich als Huldigung an Petrarca – auf Italienisch geschrieben. Sie bedient sich also einer zu ihrer Zeit sehr beliebten Gedichtform. Bemerkenswert ist aber nicht nur, dass eine Frau zur Feder greift und in Sonetten die Liebe beschreibt, sondern dass sie die damals üblichen Motive der Liebesdichtung, des Petrarkismus, verändert. Während im Petrarkismus der an der Liebe leidende Mann seine Qualen beschreibt, wechselt Louise Labé die Perspektive und schildert die ­Höhen und Tiefen der Leidenschaft aus der Sicht der liebenden Frau, noch dazu mit großer Offenheit. Im Sonett VIII heißt es:

Ich brenne und ertrinke, lebe und bin tot;

Mir ist so heiß und ist so kalt zugleich;

Mein Leben ist zu hart und auch zu weich;

Und Freude mischt sich in die ärgste Not.

Ich lache und ich wein mit einem Schlag;

Und in der Lust ertrag ich bittres Leid;

Mein Wohl vergeht und widersteht der Zeit;

Ich grüne und verdorr an einem Tag.

So leitet mich der Liebe Wankelmut;

Und meine ich, mein Schmerz erwache neu,

Wird unversehens alles wieder gut.

Doch glaube ich, die Freude sei mir treu,

Ich könne schweben im ersehnten Glück,

Fall in mein erstes Unglück ich zurück.

Auslöser für diese Liebesgedichte ist vermutlich Louise Labés Beziehung zu dem Dichter Olivier de Magny, der an den regelmäßigen literarischen Treffen in ihrem Haus teilnimmt. In ihren Versen schildert sie eindrucksvoll das ganze Spektrum der Leidenschaften, spart aber kritische Worte dem Geliebten gegenüber nicht aus, auch wenn sie ihre Vorwürfe am Ende des Sonetts XXIII wieder zurücknimmt:

Was hilft es mir, daß du so meisterlich

Gepriesen einst mein goldgeflochtnes Haar ?

Und meiner Augen Schönheit dir sogar

Zwei Sonnen voller Liebespfeilen glich,

Die nach dir zielten, um dich zu versehren ?

Versiegte Tränen, wo ist eure Spur ?

Und wo der Tod ? Er sollte deinen Schwur

Und deine feste Liebe doch verklären !

So also zwangst du mich in deinen Dienst,

Mit List, in dem du mir zu dienen schienst ?

Verzeihe mir, mein Freund, dies eine Mal,

Der Zorn und Kummer rissen so mich fort,

Ich weiß, wo du auch bist, an jedem Ort

Erduldest du wie ich dieselbe Qual.

Louise Labé ist eine der ersten Frauen, die die Ambivalenz der Liebe so deutlich zum Ausdruck bringt. Dabei ist in ihren Gedichten die Grenze zwischen wirklichem Erleben und bewusster, poetischer Gestaltung nicht eindeutig zu ziehen. Nach ihrem Tod wird mehr über ihre Tugendhaftigkeit als über die literarische Qualität ihrer Verse diskutiert. Auch noch dreihundert Jahre später gesteht man der ­Poetin mehr Gefühl als Können zu. Der französische Kritiker Charles-­Augustin Sainte-Beuve bewundert 1845 ihre Sonette als » Ausdruck einer tief empfundenen Leidenschaft, die ihre Verfasserin zu höchster dichterischer Leistung beflügelt «.

Die Literaturwissenschaftler und Romanisten des 20. Jahrhunderts sind geteilter Meinung. Klaus Engelhardt und Volker Roloff sehen in diesen Gedichten » Meisterwerke der Sonettdichtung «, die wie offene, persönliche emotionale Bekenntnisse wirken sollen. Winfried Engler dagegen bewertet sie als Gefühlsausdruck und » Liebesinitiative einer selbstbewussten Frau « und spricht ihr damit wieder mehr Intuition als Dichtkunst zu. Elisabeth Schulze-Witzenrath ist die Einzige, die die literarische Qualität und Originalität der Sonette der Louise Labé ausführlich in einer Studie nachgewiesen hat. Die mangelnde Würdigung der Lyrikerin durch die Jahrhunderte erklärt sie mit deren außergewöhnlichem Auftreten und Lebensweg. Dadurch haben sich viele Interpreten mehr auf ihre Erscheinung und Aura als auf das literarische Phänomen konzentriert. Die Romanistin korrigiert diese – vor allem männliche – Sichtweise und erläutert, dass » das Bild der leidenschaftlichen Frau, die unabhängig von Schulen und Traditionen das zum Ausdruck bringt, was sie fühlt «, falsch sei. Denn damals beschrieb man nicht das eigene Erleben, sondern gestaltete thematische Vorgaben in eigenem Stil. Die Originalität der Dichterin zeigt sich im individuellen Ton und ihren eigenwilligen Variationen des Themas. Ob Louise Labé ihre eigene Liebesgeschichte darstellt oder nicht, ist heute nicht mehr festzustellen. Sicher ist, dass sie als Schriftstellerin im 16. Jahrhundert eine Ausnahmeerscheinung ist und eine besondere poetische Begabung hat. Die hohe literarische Qualität und der eindrucksvolle persönliche Ton der Gedichte führten dazu, dass ihre Sonette die Jahrhunderte überdauert haben. Das bekannteste Gedicht aus diesem Zyklus ist das Sonett XVIII, das noch heute in keiner Anthologie französischer Dichtung fehlt:

Baise m’encor, rebaise moy et baise.

Donne m’en un de tes plus savoureus,

Donne m’en un de tes plus amoureus:

Je t’en rendray quatre plus chaus que braise.

Las, te pleins tu ? ça que ce mal j’apaise,

En t’en donnant dix autres doucereus.

Ainsi meslans nos baisers tant heureus

Jouissons nous l’un de l’autre à notre aise.

Lors double vie à chacun en suivra.

Chacun en soy et son ami vivra.

Permets m’Amour penser quelque folie:

Tousjours suis mal, vivant discrettement,

Et ne me puis donner contentement,

Si hors de moy ne fay quelque saillie.

Im deutschen Sprachraum wurden die Sonette der Louise Labé erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Übertragung von Rainer Maria Rilke bekannt. Auch in den folgenden Jahrzehnten waren es immer männliche Autoren, die die Liebesgedichte der schönen Lyoneserin ins Deutsche übertrugen. Erst 1981 erschienen neue Übersetzungen von Monika Fahrenbach-Wachendorff, die den Originaltexten näher kommen und auch hier wiedergegeben werden. Ihre Übertragung des Sonetts XVIII lautet:

Küß mich noch einmal, küß mich wieder, küß mich;

Laß mich den köstlichsten von allen trinken,

Laß mich in deinem innigsten versinken;

Viermal, so heiß wie Kohle, küß ich dich.

Ach, du beklagst dich ? Daß dein Kummer schwinde,

Geb ich dir noch zehn andre, honigsüße.

Wie mischen wir so glücklich unsre Küsse,

Daß jeder seine Lust am andern finde.

So ist das Leben zweifach uns gegeben:

Im Freund und in sich selbst kann jeder leben. –

Liebster, ich denke manche Torheit aus:

Bedachtsam leben macht mir Mißvergnügen;

Ich finde dann nur Freude und Genügen,

Geh ich im Überschwang aus mir heraus.

Rainer Maria Rilke kommt das Verdienst zu, diese Gedichte 1917 für deutsche Leser entdeckt und überhaupt erst zugänglich gemacht zu haben. Seine Übertragungen sind schöne, formvollendete Liebespoeme, doch entfernen sie sich oft sehr weit vom Original und sind deshalb eher Rilke-Gedichte. Paul Zechs Versionen dieser Sonette entstanden in den Vierzigerjahren und wurden 1947 posthum veröffentlicht. Beide Dichter, Rilke und Zech, haben mit ihren Übertragungen eigenständige Werke geschaffen, für die die Texte der Renaissance-Dichterin nur als Vorlage dienten. Bei Monika Fahrenbach-Wachendorff dagegen stand die Treue zum Original im Vordergrund, vor allem in Bezug auf die Wortwahl und ihre Bedeutung. Die Eigenständigkeit und Radikalität der dichterischen Stimme wird dadurch weitgehend bewahrt. Das Sonett XVII schildert, wie die Gedanken an jedem Ort um die Liebe und den Geliebten kreisen:

Ich flieh die Stadt, die Tempel, alle Plätze

Wo deine Klage mein Gefallen fand,

Wo du mich zwingen kannst, trotz Widerstand,

Zu geben, was ich doch am höchsten schätze.

Doch kann ich ohne dich nichts Schönes denken;

Mich langweilt jedes Fest, Turnier und Spiel,

So, wenn ich diese Sehnsucht lindern will

Und meinen Blick auf neue Dinge lenken,

Um mein verliebtes Sinnen zu zerstreun,

Muß ich mich einsam in den Wald begeben.

Doch schweife ich umher von da nach dort,

Dann spür ich, will ich mich von dir befrein,

Kann ich nur außer mir noch weiterleben:

Denn du bist in mir auch am fernsten Ort.

Im letzten Sonett wendet sich Louise Labé noch einmal an ihre Zeitgenossinnen und bittet um Verständnis für ihre Gefühle. Wahrscheinlich hat sie geahnt, dass die Publikation ihrer freimütigen Texte Kritik hervorrufen würde.

Werft mir nicht vor, ihr Damen, daß ich liebe

Und tausend Fackeln in mir brennen fühle

In tausend Nöten, tausend Schmerzen wühle

Und nur mit Weinen meine Zeit vertriebe.

Ach, möget ihr nicht meinen Namen schmähen.

Wenn ich gefehlt, wie bitter büße ich !

Verschärfet nicht der Qualen argen Stich;

Bedenkt, es flößt euch Amor unversehen,

Und ohne mit Vulkanus zu erscheinen

Und mit Adonis Schönheit zu verführen,

Wenn er es will, noch größre Liebe ein,

Läßt, aus geringerm Anlaß als dem meinen,

Verwirrendere Leidenschaft euch spüren.

Und hütet euch, unglücklicher zu sein.

In der Zeit nach 1560 erkrankt Louise Labé schwer und zieht sich auf ihren Landsitz bei Lyon zurück. Dort diktiert sie 1565 ihr Testament, in dem sie dem städtischen Armenhaus von Lyon ihr Haus in der Rue Confort vermacht. Sie stirbt vermutlich am 24. oder 25. April 1566 in Parcieux-en-Dombes bei Lyon.

Direkte Spuren dieser Renaissance-Dichterin sind in Frankreich heute nicht mehr zu finden. Doch im Zentrum der idyllisch am Zusammenfluss von Rhône und Saône gelegenen Stadt gibt es ein ­altes Viertel, das Vieux Lyon. Dort stehen noch heute Häuser aus der Zeit der Renaissance, die mit ihren hellen, italienischen Pastellfarben ein heiteres, südliches Flair vermitteln. Touristen können schöne alte Höfe mit Renaissance-Fenstern und -Torbögen bewundern oder durch die sogenannten traboules schlendern, geschützte Gänge, die von Haus zu Haus führen. Im 16. Jahrhundert transportierte man auf diese Weise, ohne Straßen und Wege überqueren zu müssen, die Seidenballen, damit diese bei Regen nicht nass und schwer wurden. Auf der neu gestalteten Fassade eines historischen Hauses, die wichtige Lyoneser Persönlichkeiten wie den Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry zeigt, ist auch Louise Labé abgebildet. Im Zentrum von Lyon erinnert ein Straßenname an » La belle Cordière « und vor der Oper steht ein moderner Brunnen, dessen bronzene Scheibe eine Zeile aus dem bekannten Sonett XVIII ziert:

Permets m’Amour penser quelque folie

~

Liebster, ich denke manche Torheit aus

Soweit nicht anders vermerkt, sind die Zitate Louise Labés entnommen aus: Labé, Louise: Sonette und Elegien. Neu übersetzt von Monika Fahrenbach-­Wachendorff, mit einem Nachwort und Anmerkungen von Elisabeth Schulze-Witzenrath. Tübingen 1981, 2001, 2004.

 

Jutta Rosenkranz

Über Jutta Rosenkranz

Biografie

Jutta Rosenkranz, geboren in Berlin, studierte Germanistik und Romanistik. Sie veröffentlichte 2007 die erste Biographie über Mascha Kaléko und ist Herausgeberin der vierbändigen, kommentierten Mascha-Kaléko-Gesamtausgabe. Sie hat Gedichte, Prosa und literarische Essays publiziert, zahlreiche...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Donnerstag, 17. Januar 2019 in Berlin-Neukölln
Zeit:18:00 Uhr
Ort:Helene-Nathan-Bibliothek,
Karl-Marx-Str. 66
12043 Berlin-Neukölln
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Pressestimmen

Badische Neueste Nachrichten

»ein farbiges, spannendes Annähern an unkonventionelle Künstlerinnen«

Inhaltsangabe

Inhalt

Louise Labé (um 1521–1566)

»Bedachtsam leben macht mir Mißvergnügen«

Bettine von Arnim (1785–1859)

 »Ich bedarf, daß ich meine Freiheit behalte«

Marceline Desbordes-Valmore (1786–1859)

 »Mein Herz ist wahrhaftig und aufrichtig«

George Sand (1804–1876)

 »Ich lehne mich gegen jeden Zwang auf«

Elizabeth Barrett-Browning (1806–1861)

 »Dichtkunst, du mein Leben …«

Emily Dickinson (1830–1886)

 »Kürze des Lebens macht mich kühn«

Virginia Woolf (1882–1941)

 »Die Melancholie nimmt ab, wenn ich schreibe«

Katherine Mansfield (1888–1923)

 »Jede Zeile ist ernst gemeint«

Edith Södergran (1892–1923)

 »Ich bin nichts als ein maßloser Wille«

Marie Luise Kaschnitz (1901–1974)

 »Zeile für Zeile mein Paradies«

Mascha Kaléko (1907–1975)

 »Wir haben keine andre Zeit als diese«

Marlen Haushofer (1920–1970 )

 »Meine Bücher sind alle verstoßene Kinder«

Ingeborg Drewitz (1923–1986)

 »Der harte Trost der Genauigkeit«

Wisława Szymborska (1923–2012)

 »Ich betrachte ein Gedicht als ein Zwiegespräch«

Inge Müller (1925–1966)

 »Ich weigre mich Masken zu tragen«

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

 »Ich existiere nur, wenn ich schreibe«

Sylvia Plath (1932–1963)

 »Schreiben geht mir über alles«

Sarah Kane (1971–1999)

 »Ich schreibe die Wahrheit, und es bringt mich um«

Auswahlbibliografie

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