Die Entstehungsgeschichte des vorliegenden Romans ist eng mit meiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft. 1996 übernachtete ich in der Wohngemeinschaft meines Bruders Lars in Hamburg. Ich durfte dort das Zimmer seines Mitbewohners, einem Diskjockey, nutzen, der in jener Zeit verreist war. Als ich am CD-Spieler auf „Play“ drückte, kamen nicht wie erwartet moderne Tanzrhythmen aus den Boxen, sondern sphärische Klänge, die an Gregorianik erinnerten, vorgetragen allerdings von hohen Frauenstimmen. Ich fühlte mich augenblicklich in eine andere Welt, eine andere Zeit versetzt.
Von wem stammten diese ungewöhnlichen Kompositionen? Das mit geheimnisvollen mittelalterlichen Zeichnungen verzierte Booklet zur CD A Feather on the Breath of God verriet es: Diese Vokalmusik war im zwölften Jahrhundert von der deutschen Äbtissin Hildegard von Bingen geschrieben worden. Die Aufnahme aus dem Jahr 1981 hatte das britische Vokalensemble Gothic Voices mit der englischen Sopranistin Emma Kirkby eingespielt. Im Büchlein befand sich auch eine Kurzbiografie der Komponistin. Der Lebenslauf der natur- und heilkundigen Universalgelehrten Hildegard von Bingen faszinierte mich auf Anhieb genauso wie ihre Musik.
Eine Schriftstellerin, die Kaiser Barbarossa öffentlich kritisierte und als erste deutsche Ärztin Wissen vermittelte, das in jenen Kreuzfahrerjahren auch arabische Medizin nutzte? Wie konnte es sein, dass die aufregende Vita dieser Benediktinerin noch nicht Stoff eines großen Filmes geworden war? Zu jener Zeit befand ich mich in den Endzügen meines Studiums der Germanistik und Anglistik und bereitete mich auf ein Aufbaustudium Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg vor. Mir war klar, dass Hildegard von Bingen die Protagonistin meiner Bewerbung an jener Hochschule werden musste – und meine Mediävistikdozentin Prof. Dr. Helga Schüppert bestätigte mich darin. Auch als ich mich in den folgenden Jahren in Rahmen von Studium und später Beruf mit ganz anderen Geschichten auseinandersetzte, blieb die Faszination für Hildegard erhalten, ich recherchierte immer weiter und reiste zu ihren Reliquien im nach ihr benannten Benediktinerinnenkloster in Eibingen bei Rüdesheim.
Bei den Versuchen einer Veröffentlichung meiner Geschichte hatte ich jedoch zwei Rückschläge zu verkraften. Zunächst befand ich mich durch die Hilfe der erfahrenen Lektorin Annalisa Viviani, die wie ich freiberuflich im Metzler Verlag arbeitete, kurz vor Vertragsabschluss mit einem schweizer
Belletristik- und Sachbuchverlag. Doch 1998 markierte das neunhundertste Jubiläum der Geburt Hildegards, und viele Autorinnen und Autoren waren mir mit einer wahren Bücherflut zuvorgekommen. Angesichts dessen zog sich der Verlag vor der Unterzeichnung zurück.Ähnlich ging es mir einige Jahre später beim Versuch, eine Drehbuchversion „meiner“ Hildegard zu platzieren. Nach ersten Gesprächen mit Sat.1 über ein mögliches Event Movie fürs Fernsehen, kam die Nachricht, dass die Regisseurin Margarethe von Trotta einen Hildegard-Kinofilm nach eigenem Buch drehen würde. Ihr Werk Vision war unauffällig und ruhig inszeniert und bot mit Hannah Herzsprung als Richardis und Barbara Sukowa als Hildegard charismatische Hauptdarstellerinnen. Ein Film, der mich fürs Erste meinen Frieden mit dem Projekt finden ließ. Meine eigene Version hatte zwar nicht das Publikum erreicht, aber viele Kinozuschauer erfuhren nun dennoch von Hildegards erster Klostergründung und ihren Talenten – also auf zu neuen Geschichten! Doch es liegt in der Natur eines Filmes, dass er nur Ausschnitte eines Lebens erzählen kann, und Margarethe von Trotta war es laut eigenen Angaben aus Budget-Gründen nicht möglich gewesen, einige der großen Bilder zu erzählen, die Hildegards Leben und Vision bieten.
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Kinofilm unterhielt ich mich mit meiner Literaturagentin Anna Mechler, deren Vermittlung ich seit 2017 Buchpreise und Spiegel-Bestseller verdanke, über Ideen für einen möglichen Beitrag zur Reihe „Bedeutende Frauen, die die Welt verändern“ bei meinem Hausverlag Piper. Wäre hier nicht eine hervorragende Heimat für die aufregende Geschichte der ersten deutschen Heilerin? Es gab spannende, neue Forschungsergebnisse über die inzwischen heiliggesprochene Äbtissin, außerdem hatten sich nach einem Vierteljahrhundert meinerseits natürlich Weltsicht und Erzählstil geändert – deshalb erstellte ich 2022 eine komplett neue Version des Romans.
Liebe Leserin, lieber Leser, ich hoffe, für Sie wird die Reise ins Mittelalter so spannend und anregend wie für mich beim Schreiben!
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