Feministische Literatur
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Feminismus heute

Gender, Gleichberechtigung, #metoo

Die aktuelle Debatte zum Feminismus ist geprägt von vielen Facetten: #metoo, Quotenregelungen, gleiches Geld für gleiche Arbeit, genderneutrale Sprache, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die sich daraus ergebenden Fragestellungen bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, das Thema ist aktueller denn je und das Bewusstsein, wie weit sich patriarchale Strukturen durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen war noch nie so groß.

In der feministischen Literatur werden die unterschiedlichsten Ansätze verfolgt. Teilweise wird auf eine historische Diskursanalyse Bezug genommen oder es wird die weibliche Psyche thematisiert. Einige der Autoren fühlen sich stark der politischen Frauenbewegung verbunden, wodurch in ihren Werken gesellschaftliche Probleme wie die aktuelle Debatte zu #metoo Eingang finden. Um welchen Themenbereich es sich auch handelt, stets vereint die Werke ein Interesse für frauenspezifische Themen. Die Geburtsstunde der feministischen Literatur war 1929 mit dem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf. Nur 20 Jahre danach folgte ein weiteres bedeutendes Werk dieses Genres mit dem Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Ausgehend von diesen beiden Paradewerken der feministischen Literatur sind zahlreiche weitere Werke anderer Autorinnen entstanden, die Frauenthemen auf spannende Weise angehen.

So unterschiedlich die Fragestellungen, so unterschiedlich auch unsere Bücher, die sich unter dem großen Thema Feminismus zusammenfassen lassen. Ob es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, um das Leben mit Familie und Beruf oder um die Neudefinierung von Geschlechterrollen – unsere Autorinnen und Autoren kommentieren diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Auch literarisch nähern sich Autorinnen und Autoren dem Thema auf verschiedenen Wegen an. Deshalb gehören zu dieser Sammlung von Büchern für Frauen und Frauenthemen auch unbedingt einige Romane.

Entdecken Sie mit feministischer Literatur sich selbst und den Feminismus auf neue, erhellende Weise!

Bücher

Literatur und Sachbücher zu verschiedenen Aspekten und Fragestellungen des Feminismus

Literatur von und für starke Frauen: es gibt mehr als eine Wirklichkeit

Literatur nähert sich Frauen und ihren Themen auf verschiedene Weise. Sei es in der Beschreibung ihrer Lebensrealitäten im Kontext von aktuellen Lebenswirklichkeiten oder in Form von Dystopien wie Margaret Atwoods herausragenden Romanen „Der Report der Magd” und dessen unlängst erschienene Fortsetzung „Die Zeuginnen”. Um den Horizont zu erweitern und neue Denkanstöße zu erhalten, bieten sich außerdem die Romane „Bleib bei mir“ von Ayobami Adebayo und „Das weiße Schloss“ von Christian Dittloff an. Sie gehen auf aktuelle Frauenthemen in Erzählform ein. Es sind mitreißende, gefühlvolle Werke von starken Frauen - und Männern -, die Mut machen können. Doch nicht immer müssen spezifische Frauenthemen in den Büchern Eingang finden. Manchmal zeigt sich die feministische Literatur auch an der Schreibweise, nicht am gewählten Inhalt. 

Blick ins Buch
Three Women – Drei FrauenThree Women – Drei Frauen

Der SPIEGEL-Bestseller #1

Von 0 auf Platz 1 auf den Bestsellerlisten der New York Times und Sunday Times„Dieses Buch ist so wahr und dadurch so hart, dass man nicht aufhören kann, es zu lesen.“ DER SPIEGELAlles, was Lina will, ist, dass sie jemand begehrt. Wie ist sie in diese Ehe geraten, mit zwei Kindern und einem Mann, der sie nicht einmal mehr auf den Mund küsst?Alles, was Maggie will, ist, dass sie jemand versteht. Wie konnte sie sich auf ihren Lehrer einlassen? Und warum scheinen alle nicht ihn, sondern sie dafür zu hassen?Alles, was Sloane will, ist, dass sie jemand bewundert. Wie ist sie zum Objekt der Begierde eines Mannes geworden, ihres Mannes, der nichts lieber tut, als ihr beim Sex mit anderen zuzuschauen?Three Women – Drei Frauen ist das Buch der Stunde über weibliche Sexualität zwischen Lust und Macht, anziehend und verstörend, vielschichtig, gewaltig und schön.„Männer werden dieses Buch lesen und bestürzt den Kopf schütteln, Frauen werden wissend nicken.“ Sophie Passmann„Es gibt keine Frau, die sich nicht mit schmerzendem Magen und wild klopfendem Herz in dem wiederfinden wird, was Maggie, Lina und Sloane durchmachen.“ The Guardian„Three Women – Drei Frauen gleicht einem Schlachtruf. Die literarische Brillanz des Buches haut einen schier um. Für alle, die zu wissen meinen, was Frauen wollen und begehren, wird dieses Buch ein Weckruf sein.“ Time Magazine„Dieses Buch – fordernd und herzzerreißend – wird mich noch lange begleiten. Ein außergewöhnlicher Einblick in die Psychologie der weiblichen Sexualität.“ Jojo Moyes„Ein erstaunlicher Akt imaginierter Empathie und ein Geschenk an alle Frauen dieser Welt, die das Gefühl haben, dass ihr Begehren ignoriert und ihre Stimmen nicht gehört werden. Ein Buch, das einen hinwegfegt, das schimmert und glitzert und ins Herz dessen trifft, was wir sind.“ The Sunday Times„Einfach brillant. In einer Zeit, in der die Sexualität von Frauen zu den am hitzigsten diskutierten Themen gehört, führt kein Weg an diesem Buch vorbei.“ Vogue„Aufwühlend … Die Geschichten von Taddeos Protagonistinnen – Sloane, Lina und Maggie – handeln allesamt vom Verbotenen: Dreiecksbeziehungen, Dominanz und Unterordnung, Sex mit Minderjährigen. Und alle enthalten sie eine ordentliche Portion guter alter Untreue. Der Plan geht auf und lässt keinen kalt.“ New York Times Book Review„Ich weiß nicht, wann mich ein Buch zuletzt so tief berührt hat wie Three Women – Drei Frauen. Lisa Taddeo ist als Reporterin unermüdlich, als Schriftstellerin brillant und als Erzählerin von einem fast übernatürlichen Mitgefühl beseelt. Ich habe mich in allen Frauen dieser Geschichte wiedergefunden.“ Elizabeth Gilbert„Three Women – Drei Frauen zu lesen ist wie das Lesen des Tagebuchs, von dem man nie gehofft hätte, es zu schreiben: Da ist eine sekundengenaue Darstellung Ihrer ekstatischsten Momente und derer voller Elend; Momente, in denen Sie am stärksten waren oder sich ungeheuer schwach fühlten. Dieses Buch pulsiert wie eine Arterie.“ The Observer„Macht süchtig, extrem süchtig. Brillant.“ Dolly Alderton„Eine umwerfende, fesselnde Schilderung des Begehrens und der sexuellen Vorlieben dreier realer Frauen, die auch davon handelt, wie dieses Begehren und diese Vorlieben zu dem wurden, was sie sind, und wie die Gesellschaft über diese Frauen urteilt. … Lisa Taddeo sucht die Sensation nicht, kennt aber auch keine Scham; in ihrer Darstellung knistert es vor erotischen Details, die ans Eingemachte gehen. Was daraus entsteht, fühlt sich wie ein neues Genre an und ist schon jetzt eines der meistbesprochenen Bücher des Jahres.“ The Times„Ich konnte Three Women – Drei Frauen nicht mehr aus der Hand legen. Eine unerbittliche Analyse des weiblichen Begehrens, und doch so poetisch beschrieben … Lisa Taddeo legt ein großartiges, unerschrockenes Debüt vor.“ Gwyneth Paltrow„Anstatt sich mit dem bloßen Kitzeln der Lust zufriedenzugeben, entwirft die Autorin Geschichten, an denen man wirklich Anteil nimmt. … Three Women – Drei Frauen fängt den Schmerz und die Ohnmacht des Begehrens ebenso ein wie seine ungestüme Freude.“ The Economist„Schon jetzt ein Klassiker der feministischen Literatur! Wegweisend und unheimlich packend.“ O, The Oprah Magazine„Eine außergewöhnliche Studie des weiblichen Begehrens. … Taddeos Stil könnte nicht überzeugender – ja sublimer – sein, wenn sie den Schmerz unerfüllten Verlangens beschreibt.“ The Washington Post„Wie eine True-Crime-Story – und das Verbrechen heißt Verlangen.“ Elle„Lisa Taddeos augenöffnendes Werk, eine Meisterklasse in Sachen Empathie, entwickelt sich jetzt schon zu einem die Jahre überdauernden Meilenstein des Feminismus. … Episch und intim zugleich, beleuchtet Three Women – Drei Frauen das weibliche Begehren und seine Konsequenzen in einer patriarchalen Gesellschaft von allen Seiten.“ Harper’s Bazaar„Diese Frauen haben mein Herz gebrochen, ich werde sie nie vergessen.“ Gillian AndersonQuelle New York Times-Bestsellerplatzierung: https://www.instagram.com/p/B0d9l6UFnoS

Prolog

Als meine Mutter jung war, folgte ihr jeden Morgen ein Mann zur Arbeit, der nur wenige Meter hinter ihr masturbierte. Meine Mutter hatte die Schule nur bis zur fünften Klasse besucht, ihre Mitgift bestand aus Leinentüchern mittlerer Qualität, aber sie war schön. Und das ist bis heute das Erste, was mir zu ihr einfällt. Ihre Haare hatten dieselbe Farbe wie Tiroler Alpenschokolade, und ihre Frisur war immer gleich: kleine, hoch aufgesteckte Locken. Ihre Haut war nicht olivfarben wie die vom Rest ihrer Familie, sondern hatte einen ganz eigenen Ton, der eher dem hellen Rosé von unreinem Gold glich. Ihre Augen waren braun, ihre Blicke mokant und kokett.
Sie arbeitete als Hauptkassiererin an einem Obst- und Gemüsestand im Zentrum von Bologna. Das war auf der Via San Felice, einer langen Hauptverkehrsstraße im Modeviertel. Dort gab es viele Schuhgeschäfte, Goldschmiede, Parfümerien, Kioske und Boutiquen für Frauen, die nicht arbeiteten. Meine Mutter kam auf dem Weg zu ihrem Stand an diesen Geschäften vorbei und bestaunte in den Schaufensterauslagen die feinen Lederstiefel und polierten Ketten.
Doch bevor sie das Einkaufsviertel erreichte, ging sie ein stilles Stück des Weges am Schlossschmied und Ziegenmetzger vorbei, durch dreckige Straßen und Gassen und einsame Säulengänge, in denen es streng nach Urin und muffig nach abgestandenem Wasser roch. Und den ganzen Weg über folgte ihr dieser Mann.
Wo hatte er sie das erste Mal gesehen? So wie ich es mir vorstelle, war es am Obststand. Diese schöne Frau inmitten all der herrlichen, frischen Waren – pralle Feigen, Berge von Esskastanien, sonnengereifte Pfirsiche, leuchtend weiße Fenchelknollen, grüne Blumenkohlköpfe, Rispentomaten, an denen noch etwas Erde klebte, Pyramiden dunkelvioletter Auberginen, kleine, aber prächtige Erdbeeren, glänzende Kirschen, Weintrauben und Dattelpflaumen, dazu eine abenteuerliche Auswahl an Getreidesorten und Broten, taralli, friselle, Baguettes, Blockschokolade und ein paar Kupferschüsseln, die ebenfalls zum Verkauf standen.
Er war Mitte sechzig, hatte eine große Nase, fast eine Glatze und an weißen Pfeffer erinnernde Stoppeln auf den eingefallenen Wangen. Er trug eine Ballonmütze wie all die anderen alten Männer, die auf ihrer täglichen camminata mit dem Spazierstock durch die Straßen zogen.
Irgendwann muss er ihr bis nach Hause gefolgt sein, denn an einem wolkenlosen Maimorgen trat meine Mutter durch die schwere Eingangstür ihres Wohnhauses, aus dem Dunkeln ins grelle Sonnenlicht – in Italien sind die Aufgänge der Wohnhäuser fast immer zappenduster, weil das Licht aus Kostengründen gedimmt und nur zu bestimmten Zeiten eingeschaltet wird und die dicken, kalten Steinwände keine Sonnenstrahlen durchlassen –, und da stand dieser alte Mann, den sie noch nie gesehen hatte, und wartete auf sie.
Er lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Dann machte sie sich mit ihrem wadenlangen Rock und einer billigen Handtasche auf den Weg zur Arbeit. Meine Mutter hatte selbst im hohen Alter noch unfassbar feminine Beine. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, dieser Mann zu sein und die Beine meiner Mutter zu sehen und ihnen zu folgen. Denn nach Jahrhunderten unter dem männlichen Blick ist es Teil unseres Erbes, dass heterosexuelle Frauen andere Frauen oft genauso betrachten, wie Männer es tun.
Meine Mutter spürte, wie der Mann mehrere Straßenzüge lang hinter ihr herging, vorbei an dem Olivenverkäufer und dem Händler von Portweinen und Sherrys. Aber er folgte ihr nicht nur. Als sie sich an einer bestimmten Ecke umdrehte, nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Die kopfsteingepflasterten Gassen waren um diese Zeit, in der Morgendämmerung, menschenleer, und sie sah, dass er seinen langen, erigierten Penis aus der Hose geholt hatte und ihn mit schnellen Bewegungen bearbeitete, hoch und runter, den Blick dabei so ruhig auf sie gerichtet, als würde das, was sich unterhalb seines Hosenbunds abspielte, von einem völlig anderen Hirn gesteuert.
Damals fuhr meine Mutter erschrocken zusammen, aber Jahre später hatte sich die Angst dieses ersten Morgens in Belustigung und Spott verwandelt. In den darauffolgenden Monaten tauchte der Mann mehrmals pro Woche vor ihrem Wohnhaus auf und begleitete sie schließlich auch vom Markt zurück nach Hause. Auf dem Höhepunkt ihrer Beziehung kam er zwei Mal am Tag direkt hinter ihr.
Meine Mutter ist inzwischen verstorben, und so kann ich sie nicht mehr fragen, warum sie das zuließ, jeden Tag aufs Neue. Stattdessen habe ich meinen älteren Bruder gefragt, warum sie nichts unternommen und niemandem davon erzählt hat.
Es war Italien, es waren die Sechziger. Die Polizeibeamten hätten wahrscheinlich gesagt: „Ma lascialo perdere, è un povero vecchio. È una meraviglia che ha il cazzo duro alla sua età.“ – „Lassen Sie die Sache auf sich beruhen, er ist ein armer alter Mann. Ist doch ein Wunder, dass er überhaupt noch einen hochkriegt.“
Meine Mutter ließ den Mann mit Blick auf ihren Körper masturbieren. Sie war nicht die Art von Frau, die Gefallen daran gefunden hätte. Aber wirklich wissen kann ich es nicht. Meine Mutter sprach nie über ihre Fantasien. Über das, was sie an- oder abturnte. Manchmal wirkte es so, als hätte sie überhaupt keine eigenen Bedürfnisse. So, als wäre ihre Sexualität nur ein schmaler Pfad im Wald, einer dieser unmarkierten, die dadurch entstehen, dass irgendjemand mit Stiefeln das Gras niedertrampelt. Und dieser Jemand war mein Vater.
Mein Vater liebte die Frauen auf eine Weise, die man früher als charmant bezeichnet hat. Er war Arzt und nannte die Krankenschwestern, die ihm gefielen, „Süße“, und die Krankenschwestern, die ihm nicht gefielen, „Schätzchen“. Aber mehr als alle anderen liebte er meine Mutter. Die Anziehung, die sie auf ihn ausübte, war so offensichtlich, dass es mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht treibt, wenn ich mich daran erinnere.
Während ich nie Anlass hatte, mir Gedanken über das Begehren meines Vaters zu machen, packte mich doch etwas an der Heftigkeit dieses Begehrens, an der Heftigkeit männlichen Begehrens überhaupt. Bei Männern geht es nicht allein ums Wollen. Es geht ums Brauchen. Der Mann, der meiner Mutter jeden Tag auf dem Hin- und Rückweg zu ihrer Arbeit folgte, brauchte das. Präsidenten verwirken ihre Ehre für Blowjobs. Alles, was sich ein Mann im Laufe eines Lebens aufgebaut hat, setzt er vielleicht für einen einzigen Moment aufs Spiel. Ich habe nie die Theorie vertreten, mächtige Männer hätten derart aufgeblasene Egos, dass sie einfach annähmen, ihnen könne nichts passieren; vielmehr glaube ich, dass ihr Begehren in bestimmten Momenten so stark ist, dass alles andere – ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Karriere – dahinter verblasst. Sich in nichts auflöst.
Als ich anfing, an diesem Buch zu arbeiten, einem Buch über das menschliche Begehren, reizten mich zunächst die Geschichten von Männern. Ihre Sehnsüchte. Wie sie für eine vor ihnen kniende junge Frau den Sturz eines ganzen Imperiums in Kauf nehmen. Und so führte ich anfangs Gespräche mit Männern: einem Philosophen aus Los Angeles, einem Lehrer aus New Jersey, einem Politiker aus Washington, D. C. Ihre Geschichten waren auf dieselbe Weise verlockend, wie es verlockend ist, beim Chinesen immer wieder das gleiche Gericht zu bestellen.
Die Geschichte des Philosophen, die anfangs die eines gut aussehenden Mannes war, dessen weniger gut aussehende Frau nicht mit ihm schlafen wollte – einschließlich aller schmerzhaften Begleiterscheinungen, die schwindende Liebe und Leidenschaft mit sich bringen –, wurde zur Geschichte eines Mannes, der mit der rothaarigen Masseurin schlafen wollte, die er wegen seiner Rückenschmerzen aufsuchte. „Sie sagt, sie will mit mir nach Kalifornien durchbrennen, Big Sur und so“, simste er mir an einem sonnigen Morgen. Bei unserem nächsten Treffen saß ich ihm in einem Coffeeshop gegenüber, und er beschrieb mir die Hüften der Masseurin. Seine Leidenschaft schien, obwohl er in seiner Ehe so viel verloren hatte, nicht an Würde gewonnen zu haben, sie war nur oberflächlich geworden.
Die Geschichten dieser Männer verschmolzen mehr und mehr zu einer einzigen Geschichte. In manchen Fällen gab es eine ausgedehnte Werbephase, in anderen war das Werben eher eine Art Manipulation, aber fast jede dieser Geschichten gipfelte im zuckenden Pulsen eines Orgasmus. Und während die Lust der Männer mit dem finalen Schuss erlosch, flackerte die Lust der Frauen an diesem Punkt gerade erst auf. Es lag eine Komplexität, eine Schönheit, ja auch eine gewisse Heftigkeit darin, wie Frauen denselben Vorgang erlebten. Dadurch und durch vieles mehr war es in meinen Augen plötzlich der weibliche Part dieses sexuellen Spiels, der für all das stand, was unser Begehren heute ausmacht.
Natürlich kann die weibliche Lust genauso getrieben sein wie die männliche, aber immer dann, wenn das Begehren zielgerichtet war, auf einen Endpunkt aus, auf den es zuzusteuern galt, schwand mein Interesse. In den Geschichten jedoch, in denen sich das Begehren nicht steuern ließ, in denen das begehrte Objekt das Geschehen beherrschte, fand ich den größten Zauber und den größten Schmerz. Es war ganz so, als würde jemand auf einem Fahrrad rückwärts treten, derselbe aussichtslose Kampf – an dessen Ende sich eine völlig neue Welt offenbart.

Um diese Geschichten aufzuspüren, bin ich sechs Mal durch die USA gefahren. Die einzelnen Stationen plante ich nur vage. Meistens strandete ich irgendwo, zum Beispiel in Medora, North Dakota. Dann bestellte ich einen Toast und einen Kaffee und las die Lokalzeitung. Auf diese Weise fand ich Maggie. Eine junge Frau, die von noch jüngeren Frauen als „Hure“ und „fette Fotze“ beschimpft wurde. Angeblich hatte Maggie eine Affäre mit ihrem verheirateten Highschool-Lehrer gehabt. Das Faszinierende an ihrer Beschreibung der Liebesbeziehung war das völlige Fehlen von Geschlechtsverkehr. Ihren Angaben zufolge hatte ihr Lehrer sie oral befriedigt, aber nicht zugelassen, dass sie ihm die Hose öffnete. Dafür hatte er ihr Lieblingsbuch Twilight mit lauter gelben Klebezetteln versehen. Neben Textpassagen, in denen es um zwei Liebende geht, deren Verbindung unter keinem guten Stern steht, hatte er Anmerkungen an den Rand geschrieben und Parallelen zu ihrer eigenen Beziehung gezogen. Was diese junge Frau umhaute, waren die schiere Anzahl und die Ausführlichkeit dieser Notizen. Sie konnte nicht fassen, dass der von ihr so bewunderte Lehrer das ganze Buch gelesen und sich dann auch noch die Zeit dafür genommen hatte, es derart einfühlsam zu kommentieren. Als hätte er einen Extrakurs über die Liebe zwischen Vampiren vorbereitet. Ihrem Bericht nach hatte er die Seiten außerdem mit seinem Parfüm besprüht, weil er wusste, wie sehr sie seinen Geruch liebte. Botschaften dieser Art zu erhalten, eine Beziehung dieser Art zu erleben und dann mit ihrem plötzlichen Ende konfrontiert zu sein, das musste ein gewaltiges Loch hinterlassen haben.
Als ich auf Maggies Geschichte stieß, spitzte sich die Lage gerade zu. Ich lernte sie als eine Frau kennen, der man ihre Sexualität und ihre sexuellen Erfahrungen auf schreckliche Weise absprach. Ich werde die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen; in der Zwischenzeit ist eine andere Version vor ein Gericht gebracht worden, dessen Geschworene sie mit völlig anderen Augen beurteilt haben. Maggies Fall wirft einmal mehr die Frage auf, wann und warum und von wem die Geschichten von Frauen geglaubt werden – und wann und warum und von wem nicht.

Männer haben die Herzen von Frauen schon immer auf eine ganz bestimmte Weise gebrochen. Sie lieben sie oder lieben sie so halb und fühlen sich irgendwann ausgelaugt und ziehen sich innerlich über Wochen und Monate zurück, verschanzen sich in ihrer Höhle, verdrücken eine letzte Träne und rufen dann nie wieder an. Die Frauen aber warten. Je verliebter sie sind und je weniger andere Optionen sie haben, desto länger warten sie. Sie hoffen, ihr Liebster kommt mit einem malträtierten Handy und einem malträtierten Gesicht zurück und sagt: „Bitte verzeih mir, man hat mich lebendig begraben, ich habe immerzu nur an dich gedacht und war voller Angst, dass du glauben könntest, ich hätte dich sitzen gelassen, obwohl ich in Wahrheit nur deine Nummer nicht mehr hatte, weil sie mir von den Männern, die mich lebendig begraben haben, entrissen wurde und ich drei Jahre lang in allen Telefonbüchern nach ihr suchen musste, um dich jetzt endlich wiederzufinden. Ich war nie weg, meine Gefühle für dich haben nie nachgelassen. Du hattest recht, alles andere wäre grausam, skrupellos und unmöglich. Willst du mich heiraten?“
Maggie zufolge hat das mutmaßliche Verbrechen ihres Lehrers ihr Leben zerstört. Doch sie hat etwas, das nur die wenigsten verlassenen Frauen haben: eine gewisse Macht, begründet durch ihr Alter und den Beruf ihres Exliebhabers. Maggie glaubte, diese Macht stehe ihr durch das geltende Recht zu. Was sich letztlich als falsch herausstellte.
Manch eine Frau wartet, weil sie glaubt, ihr Leben sei zu Ende, wenn sie es nicht tue. Sie glaubt, dass er der einzige Mann ist, den sie je begehren wird. Das Warten kann auch ein Schutzmechanismus sein. Denn es dauert lange, bis eine Revolution an einen Ort vordringt, an dem die Menschen eher Rezepte aus der Country Living als Artikel über das Ende der weiblichen Unterdrückung austauschen.
Lina, eine Hausfrau in Indiana, deren Mann sie seit Jahren nicht geküsst hatte, trennte sich nicht von ihm, weil sie nicht genug Geld gehabt hätte, um auf eigenen Füßen zu stehen. Das in Indiana geltende Unterhaltsgesetz kam in ihrer Lebenswelt überhaupt nicht vor. Also wartete sie, dass ein anderer Mann seine Frau verließ. Und dann wartete sie noch ein bisschen länger.
Die Stimmung in einer Gesellschaft kann manchmal der Auslöser dafür sein, dass wir infrage stellen, wer wir in unserem eigenen Leben eigentlich sind. Die Frauen, die warten, sorgen oft dafür, dass andere Frauen sie in ihrem Warten bestätigen, damit sie sich nicht schlecht fühlen müssen.
Sloane, eine selbstbewusste Restaurantbesitzerin, lässt ihren Mann dabei zusehen, wie sie es mit anderen Männern treibt. Hin und wieder haben sie auch einen Vierer, aber meistens schaut er ihr per Videoübertragung oder live dabei zu, wie sie Sex mit einem anderen Mann hat. Sloane ist eine schöne Frau. Während ihr Mann ihr zusieht, schäumt draußen vorm Schlafzimmerfenster das so heiß geliebte Meer. Nur ein Stück die Straße runter grasen Cotswold-Schafe. Einer meiner Freunde aus Cleveland, der einen Dreier in einer Swinger-Gruppe für armselig und verachtenswert hält, fand Sloanes Geschichte aufschlussreich und unverstellt und zugänglich. Und eben diese Zugänglichkeit ermöglicht es uns, Mitgefühl zu entwickeln.

Ich denke darüber nach, dass ich eine Mutter hatte, die zuließ, dass ein Mann täglich hinter ihr masturbierte, und ich denke an all die Dinge, die ich mir von anderen habe gefallen lassen, vielleicht nicht ganz so entsetzlich, aber letztlich auch nicht so viel anders. Dann denke ich daran, wie viel ich von Männern gewollt habe. Wie viel von diesem Wollen das war, was ich von mir selbst oder auch von anderen Frauen gebraucht hätte; wie viel von dem, was ich glaubte, von einem Liebhaber zu wollen, eigentlich das war, was ich von meiner eigenen Mutter gebraucht hätte. Denn in vielen der Geschichten, die ich gehört habe, haben Frauen einen größeren Einfluss auf andere Frauen als Männer. Wir sind in der Lage, anderen Frauen das Gefühl zu geben, dass sie schäbig, nuttig, schmutzig, ungeliebt und hässlich wären. Letztlich geht es dabei immer um Angst. Mal sind es Männer, die uns Angst machen, mal sind es Frauen, und manchmal machen wir uns so viele Gedanken über alles, was uns Angst macht, dass wir mit unserem Orgasmus warten, bis wir allein sind. Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen.
Vor Männern hatte meine Mutter keine Angst. Vor Armut schon. Sie erzählte mir noch eine andere Geschichte. Und auch wenn ich mich nicht mehr an die genauen Umstände erinnere, weiß ich, dass sie nicht sagte: „Komm, setz dich mal zu mir.“ Sie erzählte mir diese Geschichte nicht bei einem Glas Rosé und ein paar Crackern. Wahrscheinlicher ist, dass es bei ein paar Marlboros am Küchentisch war, bei geschlossenem Fenster, wir den Hund zu unseren Füßen durch den Rauch nur schemenhaft erkannten und meine Mutter nebenbei die Glasplatte polierte.
Die Geschichte handelte von einem grausamen Mann, mit dem sie zusammen gewesen war, bevor sie meinen Vater kennengelernt hatte. Zum Vokabular meiner Mutter gehörten ein paar Wörter, die mich anzogen und mir gleichzeitig Angst einjagten. Grausam war eines von ihnen.
Meine Mutter war in großer Armut aufgewachsen, hatte in Töpfe gepinkelt und sich Urin auf ihre Sommersprossen getupft, weil es angeblich die Pigmente aufhellt. Ihre Eltern, ihre zwei Schwestern und sie mussten sich ein winziges Zimmer teilen. Die Decke war undicht, und wenn sie schlief, tropfte ihr Regenwasser aufs Gesicht. Fast zwei Jahre verbrachte sie wegen Tuberkulose in einem Sanatorium. Sie bekam nie Besuch, weil ihre Familie kein Geld für die Reise hatte. Ihr Vater trank und arbeitete in den Weinbergen. Ein kleiner Bruder starb noch vor seinem ersten Geburtstag.
Sie schaffte es schließlich raus in die Stadt, doch kurz vor ihrer Abreise erkrankte ihre Mutter. An Magenkrebs. Meine Großmutter wurde in das örtliche Krankenhaus eingewiesen, aus dem sie nie zurückgekehrt ist. In einer der Nächte tobte ein Schneesturm, Eisregen ging auf das Kopfsteinpflaster nieder, und meine Mutter war gerade mit diesem grausamen Mann zusammen, als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Mutter im Sterben liege und die Nacht nicht überleben werde. Auf der Fahrt zum Krankenhaus entbrannte ein heftiger Streit. Meine Mutter erzählte mir keine Details, sie sagte nur, dass sie sich am Ende in der einbrechenden Dunkelheit auf dem verschneiten Seitenstreifen wiederfand. Sie schaute den immer schwächer werdenden Rücklichtern hinterher, andere Autos waren auf der vereisten Straße nicht unterwegs. Sie war nicht da, als es mit ihrer Mutter zu Ende ging.
Bis heute weiß ich nicht, was grausam in diesem Zusammenhang bedeutet. Ich weiß nicht, ob dieser Mann meine Mutter geschlagen oder bedrängt hat. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Grausamkeit in ihrer Welt mit irgendeiner Form von sexueller Gewalt einherging. In meinen bizarrsten Fantasien stelle ich mir vor, wie er sie an diesem Abend, als ihre Mutter im Sterben lag, rumkriegen wollte. Ich male mir aus, wie er versucht, sie wie ein Vampir auszusaugen. Aber es war die Angst vor Armut, die meine Mutter ein Leben lang beschäftigt hat, nicht dieser grausame Mann. Dass sie kein Taxi hatte rufen können, um ins Krankenhaus zu kommen. Dass sie sich nicht selbst aus ihrer Lage hatte befreien können. Dass ihr die Mittel dazu fehlten.
Ungefähr ein Jahr nachdem mein Vater gestorben war, als wir die Tage gerade so, ohne zu weinen, überstanden, bat sie mich, ihr zu zeigen, wie das Internet funktioniert. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Computer benutzt und brauchte quälend lange, um auch nur einen Satz zu tippen.
„Sag mir einfach, was du willst.“ Nach einem gemeinsamen Tag vor dem Bildschirm waren wir beide frustriert.
„Das kann ich nicht“, antwortete sie. „Ich muss es allein machen.“
„Ja aber was denn?“, fragte ich. Ich hatte alles von ihr gesehen: sämtliche Rechnungen und Aufzeichnungen, sogar die handgeschriebenen Notizen, die sie mir für den Fall ihres plötzlichen Todes hinterlassen wollte.
„Ich muss etwas über einen bestimmten Mann herausfinden“, sagte sie leise. „Einen Mann, den ich vor deinem Vater kennengelernt habe.“
Ich war bestürzt und sogar gekränkt. Ich wollte, dass meine Mutter für immer und ewig die Frau meines verstorbenen Vaters blieb. Ich wollte, dass das Bild von meinen Eltern intakt blieb, auch über seinen Tod hinaus, auch wenn meine Mutter mit ihrem eigenen Glück dafür bezahlte. Ich wollte nichts vom Begehren meiner Mutter wissen.
Dieser dritte Mann, der Besitzer eines großen Schmuckimperiums, hatte meine Mutter so sehr geliebt, dass er sogar versucht hatte, die Hochzeit meiner Eltern zu verhindern, während die kirchliche Trauung schon in vollem Gange war. Vor langer Zeit hatte sie mir eine Halskette mit Rubinen und Diamanten geschenkt und anscheinend darüber hinwegtäuschen wollen, wie kostbar diese Kette für sie war. Ich sagte ihr, sie solle selbst herausfinden, wie der Computer funktioniere, aber ehe es dazu kam, wurde sie krank.
Ich denke über die Sinnlichkeit meiner Mutter nach und wie sie sie in bestimmten Situationen eingesetzt hat. Kleine Gesten wie ein Lächeln, das sie aufsetzte, wenn sie aus dem Haus ging oder die Tür öffnete. Mir kam es mal wie eine Stärke, mal wie eine Schwäche vor, aber nie wie etwas Echtes. Wie falsch ich doch lag.
Trotzdem frage ich mich noch heute, wie eine Frau es hat zulassen können, dass ein Mann ihr an so vielen Tagen folgte und hinter ihr masturbierte. Ich frage mich, ob sie nachts geweint hat. Vielleicht hat sie sogar um diesen einsamen alten Mann geweint. Es sind die feinen Nuancen unseres Begehrens, die offenbaren, wer wir wirklich sind. Ich bin aufgebrochen, um vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit Männer und andere Frauen erst einmal verstehen können, bevor sie urteilen. Denn gerade die alltäglichen Momente unseres Lebens zeigen uns, wer wir waren, wer unsere Nachbarinnen und unsere Mütter waren, während wir glaubten, kein bisschen wie sie zu sein. Das sind die Geschichten von drei Frauen.


Maggie

An diesem Morgen machst du dich zurecht, als würdest du in den Krieg ziehen. Deine Kriegsbemalung heißt Schminke. Neutrales Make-up, Smokey Eyes. Stark getuschte Wimpern. Dunkelrosa Rouge, ein farbloser Lipgloss. Dein Haar ist leicht gewellt und voll.
Du saßt früher oft vorm Spiegel und brachtest dir selbst bei, wie man sich die Haare macht und sich schminkt. Im Hintergrund liefen Linkin Park und Led Zeppelin. Du bist eins von diesen Mädchen, die einfach ein Händchen dafür haben, die immer die richtigen Accessoires auswählen und die Haarklemmen perfekt platzieren.
Du trägst Keilstiefel, Leggins und eine schlichte Kimono-Bluse. Er soll wissen, dass er kein Kind mehr vor sich hat. Schließlich bist du dreiundzwanzig.
Natürlich willst du auch, dass er dich immer noch will, dass er bereut, was er verloren hat. Du willst, dass er später am Esstisch sitzt und an nichts anderes als deine hervorblitzenden Hüftknochen denken kann.
Vor sechs Jahren warst du schmaler, und er war vernarrt in deine kleinen Finger. Damals schob er seine Finger in dich hinein. Seitdem ist viel passiert. Dein Vater ist tot. Im August hat er sich auf einem nahe gelegenen Friedhof die Pulsadern aufgeschnitten. Früher hast du ihm von deinem Vater erzählt, von den Problemen mit deinen Eltern. Er wusste, wie sie einander aus der Kneipe holten – je nachdem, wer gerade weniger betrunken war. Und du glaubst auch heute noch, er würde verstehen, dass du dir Gedanken darüber machst, wie der Regen auf die Erde über deinem Vater prasselt. Wird er da unten nass und fragt sich, warum du ihn in dieser kalten, pitschnassen Dunkelheit alleingelassen hast? Überflügelt der Tod denn nicht den ganzen Kram, der sich in einem Gerichtssaal abspielt? Überflügelt der Tod denn nicht all den anderen Scheiß, selbst die Bullen und die Anwälte? Seid ihr nicht, irgendwie und irgendwo, immer noch nur zu zweit?
Du fährst mit deinem Bruder David zum Bezirksgericht des Cass County, unterwegs teilt ihr euch ein paar Zigaretten. Du riechst nach einer Mischung aus frisch geduscht und verraucht. Er konnte es nicht leiden, wenn du geraucht hast, darum hast du gelogen. Du hast gesagt, es sei der Rauch deiner Eltern, der sich in deinen Haaren und deinen dunkelblauen Kapuzenpullis festgesetzt hatte. Bei einem Ausflug der katholischen Gemeinde hast du dir geschworen, für ihn aufzuhören. Er hatte alles von dir verdient, auch das, was du ihm nicht geben wolltest.
Du hättest dafür sorgen können, dass er heute nicht dabei ist. Obwohl er, so die Anwälte, ein Recht darauf hat. Ein kleiner Teil von dir wollte ihn sowieso hierhaben. Man könnte sogar sagen, dass du nicht zuletzt deshalb zur Polizei gegangen bist, weil du wolltest, dass er dir wieder gegenübertreten muss. Denn die meisten Menschen würden wohl zustimmen: Wenn ein geliebter Mensch völlig dichtmacht, wenn er sich weigert, einen zu treffen, seine Zahnpasta nicht zurückwill, seine Trailschuhe nicht mehr braucht, keine Mails beantwortet, sich lieber ein neues Paar Trailschuhe kauft, statt sich deinem Schmerz zu stellen, dann fühlt es sich so an, als würde einem jemand die Organe einfrieren. Die Kälte ist so stark, dass man nicht mehr atmen kann.
Sechs Jahre hat er dich gemieden. Aber heute wird er kommen. Er wird auch zu den Verhandlungen kommen, und vielleicht machst du das alles wirklich, weil du ihn dadurch noch weitere sechs Male siehst. Was nur dann komisch wirkt, wenn man nicht weiß, wie sehr ein anderer Mensch einen zerstören kann, indem er einfach verschwindet.
Du hast Angst, dass du ihn willst. Du fragst dich, ob seine Frau sich Sorgen macht. In deiner Vorstellung ist sie zu Hause, hat sich von den Kindern abgeseilt und schaut auf die Uhr.
Du parkst das Auto, steigst aus und ziehst noch ein paarmal an deiner Zigarette, bevor du reingehst. Draußen sind minus sechzehn Grad, aber es tut gut, kurz in der Kälte zu rauchen. Fargo fühlt sich manchmal wie ein Neuanfang an. Die silbernen Trucks brettern den Highway entlang. Trucks haben immer ein festes Ziel, Koordinaten, die eingehalten werden müssen. Nur Züge findest du noch schöner, noch lässiger. Du atmest ein, eiskalte Luft füllt deine Lunge.
Du bist vor ihm im Raum. Zum Glück. Du und David und der Staatsanwalt, Jon, und der zweite Staatsanwalt, Paul. Wenn du an all diese Männer denkst, hast du ihre Vornamen im Kopf, und so sprichst du sie auch an. Sie finden, du wahrst die Grenzen nicht. Genau genommen vertreten sie nicht dich; sie vertreten den Bundesstaat North Dakota – und das ist etwas ganz anderes, als für dich einzutreten.
Ein Gerichtsstenograph kommt in den Raum.
Dann kommt er herein. Mit seinem Anwalt – einem aalglatten Arschgesicht namens Hoy.
Er sitzt dir gegenüber. Er trägt, was er früher in der Schule getragen hat: Slacks und ein Hemd mit Krawatte. Komisches Gefühl. So, als hättest du ihn in einem Anzug erwartet. Schicker und ernsthafter. In diesem Outfit kommt er dir vertraut vor. Du fragst dich, ob du dich in den letzten Jahren getäuscht hast. Du hast sein Schweigen als Gleichgültigkeit interpretiert, aber vielleicht hat er wie du erbärmlich gelitten. Er ist ein drittes Mal Vater geworden, hast du gehört, und plötzlich seine rotbäckige Frau neben einer Gartenschaukel vor dir gesehen, wie sie ein neues Leben in sich trug, während du zitternd im Eisbad deiner Selbstvorwürfe saßt. Du hast zugenommen, und die Make-up-Schicht in deinem Gesicht wird auch immer dicker. Wer weiß, vielleicht ist er die ganze Zeit über innerlich gestorben. Vor Sehnsucht nach dir. Hat sich wie ein unglücklicher Dichter damit abgefunden, für immer ein gebrochener Mann zu sein. Die Gartenschaukel rostet schon. Der Mittelschichtszaun ist seine Gefängnismauer. Und seine Ehefrau die Wärterin. Die Kinder, nun ja. Sie sind der Grund; ihretwegen findet er sich damit ab, unglücklich zu bleiben und ohne dich zu sein.
Einen winzigen Augenblick lang möchtest du dich über den Tisch beugen und deine kleinen Hände nach ihm ausstrecken, in die er so vernarrt war. Ob er es noch immer ist? Was geschieht mit der Vernarrtheit, wenn sie einmal erlischt? Du möchtest sein Gesicht halten und sagen: „Scheiße, es tut mir leid, dass ich dich ausgeliefert habe. Ich war schrecklich verletzt und wütend, du hast mir so viele Jahre meines Lebens geklaut. Was du getan hast, war nicht richtig, und jetzt sieh mich an. Jetzt bin ich hier. Ich habe diese Kriegsbemalung im Gesicht, aber unter all der Schminke bin ich verwundet und ängstlich und geil und erschöpft – und ich liebe dich. Ich habe dreizehn Kilo zugelegt. Ich bin ein paarmal von der Schule geflogen. Mein Vater hat sich gerade umgebracht. Ich nehme all diese Medikamente, schau in meinen Rucksack, da ist der ganze Mist drin. Ich bin ein Mädchen, das Pillen frisst wie eine alte Frau. Ich sollte Jungen treffen, die nach Pot riechen, aber stattdessen trage ich das Opferkostüm wie eine zweite Haut. Ich hänge im Party City auf einem Holzkleiderbügel. Du hast mir nie zurückgeschrieben.“
Fast streckst du die Hand nach ihm aus, fast sagst du ihm, wie leid es dir tut, und flehst ihn an, sich um dich zu kümmern. Keiner ist so für dich da, wie er es gewesen ist. Keiner hört dir zu, wie er es getan hat. All diese Stunden. Wie ein Vater, Ehemann, Lehrer und bester Freund.
Er hebt den Blick vom Tisch und sieht dich an. Seine Augen sind kalt und schwarz und tot. Kleine Achate, matt schimmernd und starr, sie wirken älter, als du sie in Erinnerung hast. Genau genommen kannst du dich an diese Augen überhaupt nicht erinnern. Früher lagen Liebe und Verlangen in seinem Blick. Früher hat er deine Zunge eingesaugt, als wollte er noch eine zweite haben.
Mittlerweile hasst er dich. Das sieht man. Du hast ihn aus seinem gemütlichen Zuhause mit seinen drei Kindern und seiner Ehefrau gezerrt, die ihm bis ins Grab folgen wird. Du hast ihn in diesen verfluchten Januarschneematsch genötigt, rein in diesen düsteren Raum, und ihn dazu gezwungen, sein gesamtes Einkommen und die gesamten Ersparnisse seiner Eltern für diesen aalglatten und freudlosen Anwalt auszugeben, und jetzt willst du sein Leben endgültig ruinieren. Alles, was er sich aufgebaut hat. Jeden Spieltisch von Fisher-Price, den er morgens um sieben im noch stickigen Kinderzimmer angeschaltet hat. Deinetwegen hat er sein Haus verscherbeln und sich ein anderes kaufen müssen.
In North Dakota ist Aaron Knodel gerade Lehrer des Jahres geworden; im ganzen Bundesstaat gilt er als der absolut Beste seines Fachs. Und hier bist du, du herumstreunende Irre, du Missgeburt zweier Alkoholiker, du Kind eines Selbstmörders, du Mädchen, das schon früher was mit älteren Männern hatte und sie in Schwierigkeiten gebracht hat, Soldaten, aufrechte Amerikaner, und hier bist du wieder, du zerstörerisches Flittchen, und willst den Lehrer des Jahres fertigmachen. Sein beißender Atem dringt dir in die Nase, er riecht nach Eiern.
Und noch eine Sache ist absolut klar: Es darf dir nichts mehr bedeuten. Ab sofort. Wenn du das nicht schaffst, kommst du vielleicht nie aus diesem Raum hier raus. Du versuchst, dein Herz zum Schweigen zu bringen, und es gelingt dir. Die Dankbarkeit, die du Gott und dir selbst gegenüber empfindest, ist schwindelerregend. An wie vielen Tagen hattest du das Gefühl, das Richtige zu tun? Heute ist so ein Tag. Vielleicht der einzige.
Du dachtest, du würdest ihn immer noch vögeln wollen. Du hast ihm im Internet nachgestellt. Mittlerweile ist es nicht mal mehr ein Nachstellen. Sobald du deinen Laptop aufklappst, fallen die Geister der Vergangenheit über dich her. Du kannst dich den schmierigen Artikeln in den Lokalzeitungen nicht entziehen. Oder bekommst bei Facebook Werbung für das Geschäft angezeigt, in dem dein Exlover seine Handschuhe gekauft hat. Die neuesten Bilder von ihm haben noch immer ein Kribbeln in dir ausgelöst, und der Gedanke an die längst vergangene Lust hat dir einen Stich versetzt. Aber jetzt, wo du hier sitzt, ist da nichts. Sein Mund ist klein und verkniffen. Seine Haut ist uneben. Seine Lippen sind nicht sinnlich, sie sind trocken und irritieren dich. Er sieht kränklich aus, so, als hätte er zu lange in einem zugigen Hobbykeller gesessen, nichts als Muffins gegessen, AA-Kaffee und Coca-Cola getrunken und die Wände angestarrt.
„Guten Morgen“, sagt sein Anwalt Hoy, der einfach nur gruslig aussieht mit seinem gezwirbelten Hexenmeisteroberlippenbart. Man sieht, welche Haltung hinter diesen Schnurrhaaren steht: Er ist einer von den Typen, die dir das Gefühl geben, dass du ein ungebildetes Stück Scheiße mit einer Schrottkarre bist, die an Wintermorgen wie diesen nicht anspringt.
„Würden Sie für das Protokoll bitte Ihren vollständigen Namen nennen?“
Der Gerichtsstenograph fängt an zu tippen, dein Bruder David atmet mit dir zusammen ein, und du sagst laut deinen Namen. „Maggie May Wilken“, sagst du und fährst dir durch deine langen, aufwendig zurechtgemachten Haare.
Die erste Fragerunde soll dich zum Reden bringen, ohne dass du es groß merkst. Hoy befragt dich zu der Zeit, die du bei deiner Schwester Melia in Washington State verbracht hast, bei Melia und ihrem Ehemann Dane, der in der Armee dient – das sind die Verwandten, die du auch auf Hawaii besucht hast, aber fürs Erste fragt er nach der Zeit, als sie in Washington gewohnt haben. Das war nach Aaron. Weil sich dein Leben in zwei Abschnitte einteilen lässt: in die Zeit vor Aaron und die Zeit nach Aaron. Es lässt sich auch in die Zeit vor dem Selbstmord deines Vaters und in die Zeit danach einteilen, aber wenn du ehrlich bist, hat alles mit Aaron angefangen.
Hoy befragt dich zu der Dating-Website PlentyOfFish. In Washington hast du dich mit ein paar Typen von der Seite verabredet. Und jetzt tut dieser Anwalt so, als hättest du deinen Körper für eine Flasche Coors Light verkauft. Du weißt, dass Männer wie er über die Macht verfügen, die Gesetze zu machen, nach denen du lebst. Männer, die reden, als wäre eine Dating-Website dasselbe wie Sexwerbung auf Backpage. Als wärst du ein Mädchen, das sich mit dem Gesicht zwischen den eigenen Schenkeln fotografiert.
In Wirklichkeit waren die Typen von dieser Seite Loser. Jedes Mal, wenn du dich mit einem von ihnen getroffen hast, war das eine traurige Veranstaltung. Du hast mit überhaupt keinem geschlafen, und es sind noch nicht mal ein paar kostenlose Drinks für dich rausgesprungen. Du fühlst dich bloßgestellt. Das war vor den ganzen Instagram-Fotos, die die Leute posten, um andere neidisch zu machen. Das waren die frühen und langsamen Jahre des neuen Zeitalters.
Hoy befragt dich auch zu einer Website, deren Namen er gar nicht richtig aussprechen kann. Du sagst, „was soll das sein?“, und er sagt, „das weiß ich nicht, aber haben Sie die Website besucht?“, und du sagst, „nein, ich habe keine Ahnung, was das für eine Seite ist“. Und denkst dir, du definitiv auch nicht, du Arsch. Weil er aber so förmlich auftritt, hast du Angst, ihm zu widersprechen. Du bist dir sicher, dass seine Frau und seine Kinder ihn regelmäßig anlügen, um diesem krittelnden Sticheln zu entgehen, das einen völlig fertigmacht.
Er befragt dich zu den Streits mit deinem Vater. Deinem über alles geliebten Vater, der jetzt von Erde und Regen bedeckt wird. Ihr beide habt euch damals oft gestritten, und das gibst du auch zu. „Worüber?“, will Hoy wissen, und du sagst, „über alles“. Du hältst nichts zurück, was auch immer das bedeutet, was auch immer sie dadurch über dich denken.
Er befragt dich zu deinen Geschwistern und will wissen, warum sie alle so früh von zu Hause ausgezogen sind. Damals wusstest du noch nicht, dass eine einmal abgegebene eidesstattliche Erklärung genau dafür da ist: damit sie deine eigenen Worte im Prozess gegen dich einsetzen können. Sie zeigen, wie bedürftig du warst. Was für ein leichtes Mädchen du warst, wahrscheinlich. Auf all diesen Dating-Websites, mit all diesen Geschwistern; deine Eltern waren kopulierende Alkoholiker, die all diese Kinder in die Welt gesetzt haben, die sich dann über das ganze Land verteilt und Probleme gemacht haben, auf denen sie wie auf Wellen in neue Bundesstaaten gesurft sind. Du lebst nicht im schönen Teil von West Fargo, du lebst im hässlichen Teil, im Gegensatz zu Mr. Knodel, North Dakotas Lehrer des Jahres, der in einem netten, unauffällig gestrichenen Haus mit einem ordentlich aufgewickelten Gartenschlauch und einem regelmäßig gesprenkelten Rasen wohnt.
Du siehst ihn die ganze Zeit an. Und du denkst daran, wie es damals war. Was, wenn du die Zeit zurückdrehen oder einfach in ihr zurückreisen könntest? Dahin zurück, als noch nichts beschmutzt war. Als alle noch lebten. Was, wenn deine und seine Hände sich noch immer verstehen würden? Und Hoy sagt: „Sie haben angedeutet, dass Sie schon vor der elften Klasse ein enges Verhältnis zu Mr. Knodel hatten.“
Du sagst: „Das ist richtig.“
„Wie kam es dazu?“, fragt Hoy.
Du denkst angestrengt über die Frage nach. In Gedanken schließt du die Augen. Und da bist du auf einmal. Raus aus dem ewig schwarzen Loch deiner Gegenwart und zurück im weiten Himmel deiner Vergangenheit.

Maggies Schicksal läuft ihr an einem Nachmittag, ganz ohne Vorwarnung, über den Weg. Und wie alles auf der Welt, das die Macht hat, einen Menschen zu zerstören, kommt es auf Samtpfoten daher.
Sie hat bisher nur von ihm gehört. Manche Mädchen haben darüber geredet, wie heiß er aussieht. Glatte dunkle Haare mit einer leichten Welle vorn, als hätte man sie zu einer dauerhaften Grußgeste gegelt. Bestechende dunkle Augen. Einer von diesen Lehrern, die es schaffen, dass man selbst an den eiskalten Morgen in North Dakota gern zur Schule geht. Sein Name wird auf den Gängen nur noch geflüstert, weil so viel Aufregung mit ihm verbunden ist.
Mister Knodel.
Maggie ist keins von den Mädchen, die etwas darauf geben, wen andere heiß finden. Und sie schließt sich auch nicht der allgemeinen Meinung an, nur um dazuzugehören. Ihre Freundinnen sagen, sie habe einen komischen Geschmack. Sie lachen darüber, aber insgeheim sind sie froh, dass Maggie Teil ihrer Clique ist. Sie sagt einem Mann, dass sie nicht mit ihm vor die Tür gehen wird, sodass er sich die Frage, ob sie nicht mal raus an die frische Luft wolle, genauso gut sparen kann.
An diesem einen Tag dann bekommt sie ihn zwischen der zweiten und dritten Stunde zu Gesicht, als er auf dem Gang an ihr vorbeiläuft. Er trägt Khakis, dazu ein Hemd und eine Krawatte. Es ist keiner dieser Momente, in denen der Blitz einschlägt. Oft ist es keine große Sache, wenn du den nächsten VIP deines Lebens zum ersten Mal siehst. Maggie sagt zu ihren Freundinnen: „Na gut, er ist süß, aber so überwältigend ist er nun auch wieder nicht.“
Doch es gibt nicht viele heiße Lehrer an der Schule. Genau genommen überhaupt keine. Da sind nur noch zwei andere junge Lehrer, Mr. Murphy und Mr. Krinke, die zusammen mit Mr. Knodel die drei Amigos genannt werden. Sie verstehen sich nicht nur gut miteinander, sondern sind auch über alle möglichen Kanäle, zum Beispiel SMS, mit ihren Schülern verbunden – besonders mit den Kids, die sie coachen. Mr. Murphy und Mr. Knodel leiten den Student Congress, Mr. Krinke und Mr. Knodel den Debattierclub. Sie hängen nach der Schule zusammen in Restaurants rum, in denen man Bierflüge bestellen kann, im Spitfire Bar & Grill, im Applebee’s oder im TGI Fridays. Sie sehen sich Punktspiele an und trinken dabei ein paar Lager. Sie essen in Mr. Knodels Klassenzimmer, was sie ein „Männer-Mittag“ nennen. Sie reden über Fantasy Football und stopfen sich schamlos ihre Club Sandwiches rein.
Nimmt man die drei Amigos, ist Mr. Knodel der Hauptgewinn. Ein Meter achtzig, fünfundachtzig Kilo. Mit einem Haken: Er ist verheiratet und hat Kinder. Doch von den U-40-Lehrern sieht er definitiv am besten aus. Und wenn man nicht nach Las Vegas fahren kann, begnügt man sich eben mit dem Foxwoods Casino.
Im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse sitzt Maggie in Mr. Knodels Englischkurs. Sie findet den Unterricht spannend. Meistens ist sie pünktlich, sie sitzt gerade, meldet sich und lächelt. Nach dem Unterricht unterhalten sie sich noch. Er sieht ihr dabei in die Augen und hört ihr zu, wie ein guter Lehrer das eben so macht.
Dann führt eins zum anderen. Als West Fargo im Fußballhalbfinale der Mädchen gegen Fargo South spielt, stellt Mr. Knodel Maggie auf, und sie zittert plötzlich wie ein kleiner Vogel. Sie bräuchten ihre Kraft jetzt auf dem Platz, sagt er. Am Ende verlieren sie das Spiel, durch Maggies Einsatz aber immerhin nur knapp. Es ist knackig kalt, die Sonne scheint, und Maggie weiß bis heute, wie sie damals dachte: Ich habe noch mein ganzes Leben, um genau das hier zu machen, und auch sonst alles, was ich will.
An den Wänden ihres Zimmers hängen Poster von Mia Hamm und Abby Wambach. Ihre Mutter hat ihr ein Netz an die Wand gemalt, als Kopfteil für ihr Bett. Maggie ist in David Beckham verknallt. Tief im Verborgenen ist sie zuversichtlich, dass sie ein Vollstipendium fürs College ergattern kann. Sie beamt sich an Jungs und Proms und dem neuesten Klatsch vorbei in eine Zukunft, in der das Publikum allein deshalb in die großen Stadien kommt, um die Mädchen spielen zu sehen. Sie steht an diesem Scheideweg, hat noch immer die Träume eines Kindes, ist aber in der Lage, sie mit der Kraft einer Erwachsenen aus der Tiefe ans Licht zu holen.
Als sie in der zehnten Klasse sind, schmuggeln Maggie und ein paar Freunde am Homecoming-Abend Alkohol mit zum Spiel, in Cola-Flaschen, und ziehen danach weiter zu einem der Kids, dessen Eltern verreist sind, um dort noch ein bisschen mehr zu trinken. Sie bekommen eine dieser typischen Heißhungerattacken und fahren raus nach Moorhead ins Perkins, das aussieht wie eine Suppenküche. Der Laden ist trist, die Gäste haben rote Gesichter und die Kellnerinnen einen Raucherhusten, aber für einen jungen Menschen mit etwas Alkohol im Blut ist er perfekt für einen Mitternachtssnack. Als junger Mensch kann man fast alles machen, ohne dass es trist ist.
In der Ferne rattert ein Zug. Maggie denkt sofort an künftige Zugreisen, immer nur mit einer Hinfahrkarte, Hauptsache, raus aus Fargo und rein in Karrieren und schicke Apartments in Städten aus Glas. Sie sieht ihr ganzes Leben vor sich, und der Weg ist nicht vorgezeichnet. So viele Möglichkeiten stehen ihr offen. Sie könnte Astronautin werden, Rap-Star oder Steuerberaterin. Sie könnte glücklich werden.

Hoy befragt dich zu anderen Schülern aus deinem Englischkurs und anschließend zu deinem festen Freundeskreis. Du nennst Melani und Sammy und Tessa und Liz und Snokla.
„Snokla“, sagt er, als wäre sie ein tiefgekühltes Dessert. „Ist das ein Mädchen?“
„Ja, das ist ein Mädchen“, sagst du.
„Und das ist die, von der Sie glauben, ihr Nachname wäre Solomon?“
Hoy klingt herablassend, als er das sagt. Dann meldet sich Aaron das erste Mal zu Wort. Der Mann, der dich mit Küssen bedeckt und dann irgendwann nicht nur damit aufgehört, sondern so getan hat, als hätte es dich nie gegeben, richtet das erste Mal seit sechs Jahren das Wort an dich.
„Das ist falsch“, sagt er und schüttelt den Kopf. Er meint: Solomon, der Nachname, ist falsch. So wie er es sagt und den Kopf schüttelt, weißt du, dass er recht hat. Es geht um mehr als Intelligenz. Er ist der Typ Mann, der sich nie eine Geschlechtskrankheit einfängt, ganz egal, mit wie vielen versifften Frauen er schläft, der einen Jahrmarkt nie ohne einen Berg billig produzierter Kuscheltiere auf dem Arm verlässt, diesem Zeichen von Erfolg in Pink und Blau.
Hoy fragt: „Und das ist die, von der Sie glauben, ihr Nachname wäre Solomon?“
„Offenbar ja nicht“, antwortest du. Deine Wangen glühen. Er war dein Lehrer, dein Liebhaber, aber eben immer eine Autoritätsperson, und das ist er weiterhin. Einmal sagte er, für dich würde er auch mal Bodygrooming ausprobieren, und du kamst dir so dumm vor, weil du keine Ahnung hattest, was das ist.
„Das verstehe ich nicht“, konstatiert Hoy.
„Ich habe deutlich gesagt, dass ihr Klient sagt, dass sie nicht so heißt, also …“
Wenn du wütend bist und dich in die Ecke gedrängt fühlst, wirst du bissig. Hoy lenkt ein: „Okay, Sie brauchen das jetzt nicht auszudiskutieren. Beantworten Sie einfach meine Fragen.“
Später wirst du dich fragen, warum niemand es seltsam fand, dass Hoy sich nicht wie der Anwalt eines unschuldigen Mannes, sondern vielmehr wie der Freund eines sich streitenden Liebespaars benahm.
Doch nicht Hoy ist hier verrückt, sondern du. Du bist die Verrückte. Du willst Geld, denken die Leute, und diesen Mann für etwas bezahlen lassen, das er nicht getan hat. Du bist verrückt, einfach hinüber, genau wie dein Wagen und deine geistige Gesundheit. Und wie immer gewinnen die Bösen. Aaron ist auch heute noch stärker als du. Aber nicht das löst den Schmerz aus, sondern etwas, das tief in dir wuchert und nach deiner Mutter schreit. Du zuckst mit den Schultern.
„Dann weiß ich es nicht“, sagst du.

Maggie erinnert sich, dass in der Zehnten ein Mädchen namens Tabitha in ihrem Englischkurs saß. Sie erinnert sich deshalb daran, weil Mr. Knodel in einer der Stunden rausrutschte, dass er Hodenkrebs habe. Es ist komisch und nett, aber auch ein bisschen unheimlich, wenn Lehrer etwas aus ihrem Privatleben mit einem teilen. Sie wirken dann weniger lehrerhaft. Man identifiziert sich eher mit ihnen, wenn sie sich als Menschen zeigen, die Erkältungen kriegen und Sachen haben wollen, die sie sich nicht leisten können, oder wenn sie sich auch mal unattraktiv fühlen.
Tabitha fragte daraufhin, ob das heiße, dass er nur noch einen Hoden habe. Nur dass sie nicht ganz so freundlich klang. Sie sagte: „Soll das heißen, Sie haben nur noch ein Ei?“
Mr. Knodel fand das nicht besonders witzig. Er antwortete sehr ernst: „Darüber können wir nach dem Unterricht sprechen.“
Maggie hatte Mitleid mit Mr. Knodel, weil sie verstand, dass Tabitha ihn bloßgestellt hatte. Was für eine schreckliche Frage. Wie konnte man nur so was sagen! Maggie ist frech und laut, aber sie ist nicht gemein oder gedankenlos.
Kurze Zeit später – fast wie ein Streich, um zu zeigen, dass der fehlende Hoden ihn nicht einschränkt – nimmt Mr. Knodel Vaterschaftsurlaub. Seine Frau hat gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Mr. Murphy vertritt ihn. Als Mr. Knodel aus dem Vaterschaftsurlaub zurückkommt, wirkt er offener. Er hat aufgetankt und ist zugänglicher als früher – strahlender, onkelhafter.
Maggie erinnert sich nicht mehr genau, wie es anfing, dass sie ihm in diesen Sitzungen nach dem Unterricht aus ihrem Leben erzählte. Mal trödelte sie extra lange nach seinem Kurs, mal fragte er sie irgendwas, wenn sie schon auf dem Weg nach draußen war. „Maggie“, sagte er dann mit unglaublich innigem Blick, und sie blieb doch noch. Nach und nach erzählte sie von sich. Von ihrem Dad, der sich in der Bar so sehr betrank, dass er nicht mehr nach Hause fahren konnte. Von dem Streit am Abend zuvor, als sie nicht auf ihn hören wollte – wie auch, wenn der Vater einen bittet, dass man ihm einen Sechserpack kauft.
Wenn sie Mr. Knodel eine Weile lang nichts mehr erzählt hatte, hakte er manchmal nach. „Hey, ist bei dir zu Hause alles okay?“ Und dann blieb Maggie wieder da und erzählte ihm, was so los gewesen war. Er war ein guter Lehrer, er sorgte sich. Manchmal gibt es nichts Besseres auf der Welt als jemanden, der dir durch eine Frage zeigt, dass er sich für dich interessiert.

Blick ins Buch
PaardiologiePaardiologie

Das Beziehungs-Buch

Wie schafft man es, glücklich eine lange Beziehung zu führen? Charlotte Roche und Martin Keß-Roche sagen: Indem man redet. Wie das geht, zeigen sie in ihrem Podcast – und jetzt auch in diesem Buch. Es geht um die zentralen Themen, die jedes Paar umtreiben: Liebe nach der Verliebtheit, Sex, Eifersucht, Geld, Zuhören, Kinderkriegen und -haben, Erziehung, Lust, Fremdgehen. Die unbedingte Ehrlichkeit der Roches führt einen bald zu der entlastenden Erkenntnis: (Fast) alle Paare haben die gleichen Probleme. Und man kann sie lösen. Für ihr Buch haben die beiden die Themen des Podcasts geordnet und neu aufbereitet, die Paartherapeutin „Dr. Amalfi“ gibt weitergehende Informationen.

Vorwort

„Eine Frage ist keine gute Frage, wenn es keine Antwort gibt.“


Wenn man so alt ist wie ich, passiert es nicht mehr oft, dass man sich selbst überrascht. Als meine Frau mich gefragt hat, ob ich diesen Podcast mit ihr machen möchte, und ich Ja gesagt habe, ist mir das noch einmal gelungen. Und Paardiologie ist seitdem die beste Surprise-Party meines Lebens. Also danke für die Einladung, Charlotte!

Ich habe in meinem Leben schon an vieles geglaubt. An Gott, die Familie, Geld, Erfolg und den FC Schalke 04. Das meiste davon ist mir abhandengekommen. Was bleibt, ist die Liebe. Und die ist auch eine ziemliche Zumutung. Oder wie mein Lieblingscomedian Osho sagen würde: „Relationship is the only ship that’s always sinking.“ Vielleicht hilft uns Paardiologie dabei, den Kopf über Wasser zu halten. Ich wünsche es uns und allen Paardiolog*innen da draußen. Danke fürs Zuhören, und danke für so wunderbare Sätze wie diesen von stadt_land_im_fluss auf Instagram: „Ihr macht den Soundtrack für meine Gefühle!“ Let love rule.

Martin


Dieser Mann, Martin, ist meine große Liebe des Lebens. Ich habe für ihn und diese Liebe so viel gekämpft wie für nichts in meinem ganzen Leben. Habe hieran so viel gearbeitet wie an nichts anderem. Den Kopf zerbrochen, das Herz gebrochen und wieder zusammengeflickt. Diese Beziehung zu dir: This is my Masterpiece. Liebe, eine Beziehung, eine lange, ist sehr viel Arbeit. Aber eben auch sehr viel Vertrauen und Geborgenheit und Witz und Zuhause. Wir passen überhaupt nicht zusammen, und deswegen passen wir so gut. Finde ich. Ich werde immer bei dir bleiben, Martin. Bitte bleibe du auch bei mir. Bitte. Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Unsere Beziehung wird sicher auch bald mal leichter. Du bist der beste Stiefvater, den ich mir vorstellen kann. Auch der beste erzwungene Hundevater. Genau seit ich mit dir zusammengekommen bin, bin ich mutig geworden in meiner Kunst, in der Abgrenzung zu meiner für mich schlechten Familie, du lässt mich fliegen, so hoch ich will, du gibst mir Wurzeln, die ich vorher nicht hatte, du bist der, der am meisten an mich glaubt, und ersetzt einfach komplett meine ganze verlorene Familie. Ich will mit dir alt werden. Und entweder du stirbst in meinen Armen oder ich in deinen. So wird das sein. Ich liebe dich von ganzem Herzen, Martin.

Charlotte

 

Die Dr.-Amalfi-Texte in diesem Buch stammen von der Paartherapeutin Ursula Nuber, nicht zu verwechseln mit der Therapeutin von Charlotte und Martin, die im Podcast den Tarnnamen „Dr. Amalfi“ trägt.


 

Podcast 1

CHARLOTTE: Martin, große Liebe meines Lebens, wie geht es dir?

MARTIN: Krass.

CHARLOTTE: Du atmest auf jeden Fall anders als sonst.

MARTIN: Ja, das ist, weil ich so nahe am Mikro bin. Also, wir machen das jetzt den ganzen Sommer, 15 Mal hintereinander? Immer einmal treffen, aufnehmen, fertig? Das ist Paardiologie?

CHARLOTTE: Das ist Paardiologie. Wie findest du denn den Titel, Martin?

MARTIN: Ich finde den super. Wir hätten den ja sonst nicht ausgewählt. Da klingt so viel mit. Also, die Leute verstehen den zum Teil auch falsch. Aber alles, was man falsch versteht, ist super. Weil das gehört da mit rein. Wenn da einer Ideologie hört, gehört das auch mit rein. Oder Dialog.

CHARLOTTE: Ja, und das Allerwesentlichste ist doch Kardiologie. So wie die Wissenschaft vom Herzen, im übertragenen Sinne.

MARTIN: Aber was mir am besten gefällt, ist, dass in dem Titel „Ehe“ nicht vorkommt und dass „Mann/Frau“ nicht vorkommt. Die Leute setzen Beziehung mit „Mann/Frau“ gleich, weil das die häufigste Variante ist. Und dann sagen die, das klappt nicht, weil: Der ist ein Mann und die ist eine Frau. Und das geht nicht. Daran liegt das doch gar nicht. Das liegt an der Partnerschaft, an dieser total engen Beziehung, die zwei Menschen eingehen. Da ist völlig wurscht, ob das Männer, Frauen, wer auch immer ist. Das ist immer schwierig, weil es so eng ist.

CHARLOTTE: Ich gebe dir einfach recht, Martin. Ich sitze hier und nicke. Du willst niemanden ausschließen, meinst du das?

MARTIN: Das ist automatisch mit drin. Neulich hat ein Bekannter zu mir gesagt: „Wenn ich mit den Kumpels zusammen Urlaub mache, da ist alles toll. Da funktioniert alles. Da gibt es keinen Stress.“ Ich finde, das ist ein Fehler, zu sagen, das liegt daran, dass das Kumpels sind. Das liegt daran, dass die Beziehung eine andere ist. Wenn er mit einem Kumpel die Beziehung hätte, die er mit seiner Frau hat … also das ganze Leben, die ganzen Ansprüche. Man muss sich glücklich machen, man muss zusammenleben, man muss zusammen organisieren, man muss für den anderen zurückstehen, man darf sich nicht verwirklichen, bla, bla, bla. All das wäre doch genauso daneben, genauso schwierig, wenn er das mit seinem Kumpel machen würde.

CHARLOTTE: Voll gut. Ja, das ist die Erklärung von unserem Titel: Paardiologie.

 

 

 

Podcast 15

MARTIN: Wenn ich daran denke, muss ich an meinen Sohn denken. Der war total geschockt, als er gehört hat, dass wir 15 Folgen machen. Als wir dem die Idee erzählt haben, da hat er gedacht, wir machen das ein einziges Mal. Das fand er schon langweilig, dass wir einmal eine Stunde über unsere Beziehung reden. Und dann hat er irgendwann gesagt: „Hä, Papa, wie? 15 Mal? Wer soll das denn hören? Das ist doch total langweilig.“

 

 

 

Podcast 1

MARTIN: Und wir sollten vielleicht auch noch mal für alle sagen, die das nicht wissen, wer wir sind. Wenn die sich uns vorstellen: Charlotte, 41. Martin, fast 56. Deswegen auch 15 Folgen, weil: Es sind ja auch 15 Jahre …

CHARLOTTE: … Altersunterschied.

MARTIN: Du bist jetzt so alt, wie ich war, als wir uns kennengelernt haben.

CHARLOTTE: Das ist richtig lustig.

MARTIN: Ja, aber ich kann nie diesen romantischen Satz sagen: „Ach, Charlotte, hätten wir uns bloß zehn Jahre vorher kennengelernt.“ Da war ich 30 und du 15.

CHARLOTTE: Okay, das wäre illegal. Aber du hättest nur drei Jahre warten müssen, oder? … Ich glaube, wir müssen auch noch mehr erklären, weil ein paar Sachen haben wir uns überlegt.

MARTIN: Zuerst das Lustige: Wir müssen unsere Therapeutin mit einem Alias ausstatten. Und dann habe ich gesagt, wir nennen die Amalfi, weil doch die Therapeutin bei der Serie Sopranos so heißt. Und das stimmt überhaupt nicht, aber trotzdem heißt die bei uns jetzt so. Ich habe nachgeguckt, die heißt Melfi, Jennifer Melfi. Aber ich kann jetzt nicht mehr anders.

CHARLOTTE: Das ist doch ein Ort in Italien?

MARTIN: Ja, Küste. Schöne Gegend.

CHARLOTTE: Ah ja, was weiß ich.

MARTIN: Bei der haben wir viel gelernt. Wir haben uns das nicht selbst beigebracht. Sondern das hat die uns erklärt.

MARTIN: Was wir auch erklären müssen, ist, wie wir mit den Leuten umgehen, über die wir zwangsläufig sprechen, ohne dass wir die ans Messer liefern wollen.

CHARLOTTE: Aber nicht nur zwangsläufig. Also ich zum Beispiel rede auch sehr gerne über die anderen Leute. Es geht nicht nur um uns. Ich finde ja, dass man sich total stark definiert als Paar in Abgrenzung zu anderen Paaren. Weißt du, diese typischen Abendessen, wenn Freunde von uns da sind. Und dann gehen die weg. Und kaum ist die Tür zu, da geht das Gehacke los: »Wie die sich gegenseitig behandelt haben …« Oder: »Hast du den Blick gesehen, als er … gesagt hat?«

MARTIN: Also, du meinst jetzt Markus und Barbara.

CHARLOTTE: Richtig. Wir wollen ja die Leute schützen. Niemanden vorführen und fertigmachen. Weil das am Ende nur Hass sät und Rache bringt. Ich finde, dass das hier ein positiver Podcast sein soll, wo es mehr um Liebe als um Hass geht, bitte.

MARTIN: Kein Hatespeech! Genau, deswegen Markus und Barbara. Wir nennen alle Paare mit den gleichen Namen. Wir sagen, wir waren mit Markus und Barbara im Urlaub. Auch wenn wir in Wirklichkeit mit jemand ganz anderem im Urlaub waren.

CHARLOTTE: Ich dachte, du sagst jetzt echt Namen.

MARTIN: Nein, wenn wir mit Soundso und Soundso geredet haben, dann wären das Markus und Barbara. Und wenn wir mit vier Leuten zu Abend essen, dann waren das Markus und Barbara und Markus und Barbara.

CHARLOTTE: Sagen wir einfach mal, du würdest etwas sagen über Markus und Barbara. Oder Barbara und Barbara oder Markus und Markus. Dann müsste ich trotzdem einen Tipp bekommen, ohne dass die anderen merken, wer das ist. Wie: „Das sind die, die im fünften Stock wohnen.“ Damit ich weiß, welchen Markus und welche Barbara du meinst.

MARTIN: Oder ich fange an, die Geschichte zu erzählen. Und anhand dessen merkst du, um wen es sich handelt.

CHARLOTTE: Ja, okay. Danke.

MARTIN: Sonst schreibe ich einen Zettel und reiche dir den rüber. Weil – das muss man ja auch sagen: Wir sitzen uns tatsächlich gegenüber.

CHARLOTTE: Ja, ich sehe dich. Wir sind bei uns zu Hause. Wir sind in einem kleinen Kabuff. Ich glaube, deswegen ist es auch so warm. Hitze steigt nach oben. Wir treffen uns jede Woche zu Hause und sind zusammen mit beiden Mikrofonen in einem Raum.

MARTIN: Du hast diesen Raum ausgesucht. Und du kannst in dem Raum stehen. Aber ich kann in diesem Raum nicht stehen und muss hier auf Knien rumkriechen. Kennst du Idi Amin? Das ist der ehemalige Diktator von Uganda. Und neulich hat mir einer aus Uganda erzählt, dass der einen super Trick hatte. Wenn die ehemaligen Kolonialherren aus Europa zu Gast waren, dann hat er die gezwungen, in so ein kleines traditionelles afrikanisches Rundhaus zu gehen, wo die Türöffnung nur circa 60 Zentimeter hat. Und dann hat er denen scheinbar höflich den Vortritt gelassen. Die mussten sich quasi runterbeugen und auf die Knie gehen. Und Amin hat dann den Umstehenden gesagt: „Guckt mal, die Europäer verbeugen sich vor uns.“ Und das hast du dir auch so gedacht. Deswegen bin ich hier auf Knien, erniedrigt.

CHARLOTTE: Du hast ja tatsächlich gesagt, nachdem wir die Mikros aufgebaut haben, du hast Rückenschmerzen von dieser gebückten Haltung. Und dann habe ich gesagt: „Martin, versuch nicht zu stehen, lauf doch die ganze Zeit im Squat. Das ist auch gut für die Pomuskeln.“

MARTIN: Ja, und wie bei Metallica treffen wir uns nur für diese Showtime, oder?

CHARLOTTE: Im Moment ist es ja wirklich leider so. Weil ich so viel weg bin, weil ich so viel Werbung gemacht habe für diesen Podcast. Weil da mein Herzblut drinsteckt, weil ich dich ja wirklich ganz lange nicht gesehen habe. Außer jetzt, wo wir aufnehmen.

MARTIN: Und – wir haben so eine Art Rubrik. Wir haben uns vorgenommen, eine Sache in diesen 15 Folgen immer wieder zu machen. Das musst du sagen.

CHARLOTTE: Meinst du das mit der Frage? Und zwar wollen wir uns abwechselnd fragen. Beispielsweise eine Sache, die man den anderen schon immer mal fragen wollte.

MARTIN: Genau. Oder eine Sache, die den einen an der anderen oder die die eine an dem anderen total nervt. Also so richtig nervt. Wo man richtig abkotzt und sagt: »Charlotte, du bist meine Frau. Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben, aber …«

 

 

 

Podcast 5

CHARLOTTE: Man soll fragen, was einen interessiert.

MARTIN: Aber ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, was ist die nächste Frage, die ich dir stelle? Man will ja nicht so was Banales fragen. Und außerdem ist mir aufgefallen bei der Konstruktion dieser Fragen, dass ich dazu neige, Fragen aufzuschreiben, wo ich deine Antwort schon weiß. Das heißt, das ist dann wie eine These. Im Grunde will ich deine Antwort schon kennen, und wenn du die dann sagst, dann kann ich in irgendeiner Form eine Widerrede halten.

CHARLOTTE: Das ist ja voll verkehrt.

MARTIN: Genau. Oder ich stelle eine Frage, die ich vielleicht gerne selber beantworten würde. Zum Beispiel folgende Frage: „Würdest du gerne mit mir auf einer einsamen Insel wohnen?“ Ich weiß, du würdest natürlich Nein sagen.

CHARLOTTE: Nein, da vertust du dich. Erzähl weiter.

MARTIN: Du würdest nachdenken und feststellen, dass für dich soziale Kontakte über mich hinaus total wichtig sind und dass die dich total ausmachen. Und wenn du mir die Frage gestellt hättest, dann hätte ich spontan und groß und romantisch gesagt: „Natürlich möchte ich mit dir auf einer einsamen Insel wohnen.“ Und damit werte ich das. Und das ist doof.

 

 

 

Podcast 6

CHARLOTTE: Ich möchte dich was fragen. Wenn ich mir die Fragen ausdenke, dann habe ich ganz viele im Kopf. Dann mache ich das einfach nach dem Feeling, was passt. Und so rutscht eine automatisch nach vorne. Ich liebe einfach, wenn ich denke: „Was wollte ich Martin schon immer mal fragen?“ Das Verrückte ist, mir fallen so viele Fragen ein, das kann nicht sein. Ich glaube, weil wir so lange zusammen sind, fragen wir uns eigentlich nichts mehr. Man denkt einfach: „Ja, ich kenne dich.“ Aber wenn man die Möglichkeit hat, wie hier, wie in einem Spiel Fragen zu stellen, dann kommen so viele auf. Da habe ich ein bisschen das Gefühl, man hätte auch früher mal bisschen mehr fragen können. In den letzten Jahren.

MARTIN: Das war vielleicht auch das Problem an dieser Konstruktion Zwiegespräch, die wir davor mal gemacht haben, aber nicht so lange und nicht so gerne, weil diese Monologform für uns vielleicht nicht getaugt hat. Also dieses eine Viertelstunde lang widerspruchslos Zuhören, dann eine Viertelstunde sprechen. Da gab es kein „Ich wollte dich immer schon mal was fragen“.

CHARLOTTE: Darf man aber, weißt du? Man darf auch bei Zwiegesprächen etwas fragen in seinen 15 Minuten, und dann kann der andere darauf reagieren.

MARTIN: Aber eigentlich geht es doch immer darum, dass man bei sich bleibt und von sich erzählt.

CHARLOTTE: Ich finde, dass wir mit den Zwiegesprächen einfach zu faul waren. Doktor Amalfi hat gesagt, man muss sich Mühe geben. Am Anfang ist das sehr schwierig, viermal 15 Minuten hinzukriegen. Man muss sich da durchbeißen. Und wenn man das gemacht hat, flowt das. Übung macht den Weltmeister.

MARTIN: Das hast du sehr gut gesagt. Weißt du, ich liebe das aber, wenn wir uns ins Wort fallen oder wenn wir was zu lachen haben.

 

 

 

Podcast 2

CHARLOTTE: Darf ich noch was Sexuelles sagen?

MARTIN: Ja klar.

CHARLOTTE: Mehrere Leute haben geschrieben, dass sie, während sie unseren Podcast hörten, Sex hatten. Oder danach Sex hatten. Und sie bedanken sich, dass das angeregt hat, so wie ein Aphrodisiakum.

MARTIN: Ein schönes Ergebnis.

CHARLOTTE: Total. Ja, es ist schön. Es ist Romance, Sex-Romance.

 

 

 

Podcast 1

CHARLOTTE: Ich bin so entspannt im Reden mit dir wie die ganze Woche nicht. Ich komme in so einen Trancezustand von Ehrlichkeit. Auf dem Weg hierhin haben wir ja telefoniert, und wir haben ja teilweise richtig Angst gehabt, bevor wir losgelegt haben. Die Gedanken flippen aus. Man hat Angst vor der eigenen Courage. Aber jetzt macht mir das richtig Spaß.

 

 

Blick ins Buch
Die ZeuginnenDie ZeuginnenDie Zeuginnen

Roman

The Booker Prize 2019 „Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.“ - Als am Ende vom „Report der Magd“ die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds „Report“ zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit „Die Zeuginnen“ nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. „Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben.“

„Jede Frau soll dieselben Eigenheiten aufweisen, sonst gilt sie als Ungeheuer.“

George Eliot, Daniel Deronda

»Wenn wir einander ansehen, dann erkennen wir nicht nur ein verhasstes Gesicht, sondern wir schauen in einen Spiegel … Erkennen Sie sich denn nicht selbst?«

Obersturmbannführer Liss zu dem alten Bolschewiken Mostowskoi; Wassili Grossman, Leben und Schicksal

»Sie lernte allmählich, dass Freiheit schwer wog, dass sie eine Bürde, eine große und seltsame Last war, die der Seele zugemutet wird … Sie ist keine Gabe, die gegeben, sondern eine Wahl, die getroffen wird, und die Wahl fällt schwer.

Ursula K. Le Guin, Die Gräber von Atuan


I

Denkmal


Das Hologramm von Haus Ardua 1 

Nur Tote dürfen Denkmäler haben, ich aber habe zu Lebzeiten eines bekommen. Schon jetzt bin ich versteinert.

Dieses Denkmal sei ein kleines Zeichen der Anerkennung für meine zahlreichen Verdienste, hieß es in der Würdigung, die von Tante Vidala vorgetragen wurde. Unsere Obrigkeit hatte sie dazu verpflichtet, was bei ihr nicht gerade auf Gegenliebe stieß. Ich dankte ihr mit aller aufzubietenden Bescheidenheit, dann zog ich an dem Seil und löste damit den Stoffvorhang, der mich verhüllte; sich bauschend sank er zu Boden, und da stand ich. Bei uns in Haus Ardua wird nicht gejubelt, aber hier und da wurde diskret applaudiert. Ich neigte den Kopf zu einem Nicken.

Mein Denkmal ist wie die meisten Denkmäler überlebensgroß, es zeigt mich als jüngere, schlankere Frau und besser in Form, als ich es seit Langem bin. Ich stehe kerzengerade da, meine steinernen Lippen sind zu einem festen, aber wohlwollenden Lächeln geformt. Meine Augen sind auf irgendeinen kosmischen Bezugspunkt gerichtet, was offenbar meinen Idealismus darstellen soll, mein tadelloses Pflichtbewusstsein, meine Entschlossenheit, allen Widrigkeiten zum Trotz voranzuschreiten. Nicht, dass am Himmel irgendetwas zu sehen wäre für mein Denkmal, dort, wo es aufgestellt wurde, inmitten von trübsinnigen Bäumen und Büschen neben dem Weg, der an Haus Ardua vorbeiführt. Wir Tanten sollen uns nichts einbilden, nicht mal die steinernen.

An der linken Hand halte ich ein Mädchen von acht oder neun Jahren, das vertrauensvoll zu mir hochschaut. Meine rechte Hand ruht auf dem Kopf einer Frau, die an meiner Seite hockt, das Haar bedeckt, den Blick gen Himmel, ein Ausdruck, der Duckmäusertum oder Dankbarkeit bedeuten könnte – es ist eine unserer Mägde –, und hinter mir steht eines meiner Perlenmädchen, wie im Aufbruch zu ihrer Missionsarbeit begriffen. An meinem Gürtel hängt mein Viehtreiber. Diese Waffe erinnert mich an meine Versäumnisse: Wäre ich resoluter gewesen, hätte ich ein solches Hilfsmittel gar nicht gebraucht. Meine Stimme allein hätte vollauf genügt.

Als Gruppendenkmal ist das Werk nicht sehr gelungen: total überfüllt. Besser gefunden hätte ich einen stärkeren Akzent auf meine Person. Aber zumindest sehe ich aus wie ein klar denkender Mensch. Es hätte durchaus anders sein können, da die betagte Bildhauerin – eine wahre Gläubige, inzwischen entschlafen – dazu neigte, ihre Sujets mit Glupschaugen auszustatten, um deren religiöse Inbrunst zu unterstreichen. Ihre Büste von Tante Helena sieht tollwütig aus, die von Tante Vidala nach Schilddrüsenüberfunktion, und ihre Tante Elizabeth wirkt, als würde sie gleich platzen.

Bei der Enthüllung war die Bildhauerin nervös. War ihre Darstellung schmeichelhaft genug? Würde ich sie gutheißen? Würde ich sie vor aller Augen gutheißen? Ich spielte mit dem Gedanken, beim Fallen des Stoffs die Stirn zu runzeln, aber ich besann mich eines Besseren: Es ist ja nicht so, als hätte ich kein Mitgefühl. „Sehr lebensecht“, sagte ich.

Das war vor neun Jahren. Seitdem ist mein Denkmal verwittert: Die Tauben haben mich dekoriert, Moos sprießt aus meinen feuchten Ritzen. Fromme Verehrerinnen legen mir regelmäßig Opfergaben zu Füßen: Eier für Fruchtbarkeit, Orangen, die die Fülle der Schwangerschaft andeuten sollen, Croissants, die auf den Mond anspielen. Die Backwaren ignoriere ich – meist hat es draufgeregnet –, doch die Orangen stecke ich ein. Orangen sind so erfrischend.

 

Dies schreibe ich in meinem Privatgemach in der Bibliothek von Haus Ardua – einer der wenigen verbliebenen Bibliotheken nach den eifrigen Bücherverbrennungen landauf, landab. Die verderbten und blutigen Fingerabdrücke der Vergangenheit müssen getilgt werden, um einen sauberen Ort zu schaffen für die sicherlich bald kommende Generation, die reinen Herzens ist. So die Theorie.

Aber unter diesen blutigen Fingerabdrücken sind welche, die von uns selbst stammen, und die lassen sich nicht so leicht beseitigen. Über die Jahre habe ich viele Leichen in den Keller gebracht, nun bin ich geneigt, sie wieder ans Tageslicht zu holen – und sei es nur zu deiner Erbauung, mein unbekannter Leser. Wenn du dies gerade liest, wird zumindest dieses Manuskript überlebt haben. Aber vielleicht fantasiere ich nur: Vielleicht werde ich nie einen Leser haben. Vielleicht rede ich in gleich mehrfacher Hinsicht nur mit der Wand.

Genug geschrieben für heute. Mir tut die Hand weh, mir tut der Rücken weh, und meine allabendliche heiße Milch wartet auf mich. Ich werde das Geschriebene in sein Versteck geben, fernab der Überwachungskameras – ich weiß, wo sie sind, da ich sie selbst installiert habe. Trotz solcher Vorkehrungen bin ich mir meines Risikos bewusst: Schreiben kann gefährlich sein. Welche Formen von Verrat und dann, welche Denunzierungen könnten mich erwarten? Es gibt einige in Haus Ardua, die diese Seiten liebend gern zwischen die Finger bekommen würden.

Wartet, rate ich ihnen schweigend: Es wird noch schlimmer kommen.


II

Kostbare Blume

Abschrift der Zeugenaussage 369A 2 

Ich soll euch erzählen, wie es für mich war, im Innern von Gilead aufzuwachsen. Ihr sagt, es wäre hilfreich, und ich möchte euch ja gern helfen. Vermutlich rechnet ihr mit nichts als Gräueln, doch wahr ist, dass viele Kinder geliebt und verhätschelt wurden, in Gilead genau wie überall, und dass viele Erwachsene liebevoll, aber fehlbar waren, in Gilead genau wie überall.

Ich hoffe, ihr werdet zudem berücksichtigen, dass wir alle ein wenig nostalgisch werden, wenn wir an das Gute denken, das uns als Kind auf die eine oder andere Weise widerfahren ist, egal, wie absonderlich die Umstände dieser Kindheit Außenstehenden erscheinen mögen. Ich stimme euch zu, dass Gilead in Vergessenheit geraten sollte – zu viel davon war verkehrt, zu viel heuchlerisch, und es gab zu viel, das sicherlich unvereinbar mit dem Willen Gottes ist – aber ein wenig Raum müsst ihr mir gönnen, um das Gute zu betrauern, das uns verloren gehen wird.

 

An unserer Schule stand Rosa für Frühling und Sommer, Violett für Herbst und Winter, Weiß für besondere Tage: Sonntage und Feierlichkeiten. Bedeckte Arme, bedecktes Haar, die Röcke bis zum fünften Geburtstag knielang und danach höchstens eine Handbreit über dem Knöchel, denn die Begierden der Männer waren etwas Schreckliches, und diese Begierden mussten in Schach gehalten werden. Die Männeraugen, die immer hierhin schweiften und dorthin schweiften wie die Augen eines Tigers, diese Scheinwerferaugen mussten abgeschirmt werden von der betörenden und wahrhaft blendenden Macht, die wir waren – von unseren wohlgeformten oder dünnen oder dicken Beinen, von unseren anmutigen oder knubbligen oder wurstförmigen Armen, von unserer Pfirsichhaut oder unserem fleckigen Teint, von unseren glänzenden Locken oder unseren störrischen Mähnen oder unseren strohigen Zöpfen, es spielte keine Rolle. Wie wir auch aussehen mochten, ob wir wollten oder nicht, wir waren Fallstrick und Verlockung, wir waren die unschuldige und schuldlose Ursache dafür, dass wir allein durch unser Dasein die Männer trunken machen konnten vor Lust, bis sie ins Taumeln gerieten und in den Abgrund stürzten – in welchen Abgrund eigentlich?, fragten wir uns, war es wie eine Klippe? – und in Flammen aufgehen würden wie Schneebälle aus brennendem Schwefel, geschleudert von der zornigen Hand Gottes. Wir waren die Wächterinnen einer unschätzbaren Kostbarkeit, die tief in uns verborgen lag; wir waren kostbare Blumen, die in sicheren Gewächshäusern erblühen mussten, um nicht überfallen und entblättert und unseres Schatzes beraubt und zertrampelt zu werden von ausgehungerten Männern, die hinter jeder Ecke lauern könnten dort draußen in der scharfkantigen, sündenvollen Welt.

Solcherlei Dinge erzählte uns die schniefende Tante Vidala in der Schule, während wir Stickereien anfertigten für Taschentücher und Fußschemel und Bilder: Blumen in einer Vase, Früchte in einer Schale, das waren die bevorzugten Motive. Tante Estée, unsere Lieblingslehrerin, sagte immer, Tante Vidala übertreibe und es sei unvernünftig, uns in Angst und Schrecken zu versetzen, denn derart anerzogene Aversionen könnten sich negativ auf unser künftiges Eheleben auswirken.

„Es sind nicht alle Männer so, ihr Mädchen“, sagte sie mit beruhigender Stimme. „Die Besseren haben einen eher guten Charakter. Einige können sich durchaus beherrschen. Und wenn ihr erst mal verheiratet seid, werdet ihr sehen, es ist alles halb so wild und gar nicht so furchteinflößend.“ Nicht, dass sie irgendeine Ahnung gehabt hätte, denn die Tanten waren nicht verheiratet; sie durften nicht heiraten. Das war der Grund, weshalb sie schreiben und Bücher lesen konnten.

„Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir und eure Väter und Mütter eure Ehemänner weise wählen“, pflegte Tante Estée zu sagen. „Ihr braucht also keine Angst zu haben. Seid einfach schön fleißig und vertraut den Älteren, dass sie tun werden, was am besten ist, und alles wird gut. Ich werde dafür beten.“

Aber trotz Tante Estée mit ihren Grübchen und ihrem freundlichen Lächeln war es Tante Vidalas Version, die sich durchsetzte und in meinen Albträumen auftauchte: die eingeschlagenen Scheiben des Gewächshauses, das Zerreißen und Zerfetzen und das Trampeln der Hufe, und wie ich in Form von rosafarbenen, weißen und violetten Bruchstücken überall verstreut bin. Mir graute vor dem Gedanken, älter zu werden – alt genug zum Heiraten. Ich hatte kein Vertrauen in die weisen Entscheidungen der Tanten: Ich hatte Angst, am Ende mit einem brennenden Ziegenbock vermählt zu werden.

 

Die rosafarbenen, weißen und violetten Kleider waren Vorschrift für besondere Mädchen wie uns. Gewöhnliche Mädchen aus Ökonofamilien hatten immer das Gleiche an – diese hässlichen mehrfarbigen Streifen und grauen Umhänge, genau wie die Sachen ihre Mütter. Sie lernten nicht einmal sticken oder häkeln, nur Nähen und Seidenblumen basteln und derlei Pflichten. Sie kamen nicht so wie wir in die Schar der Auserwählten, um mit den allerbesten Männern verheiratet zu werden – den Söhnen Jakobs und den übrigen Kommandanten oder deren Söhnen –; wobei sie später noch auserwählt werden konnten, wenn sie älter waren, vorausgesetzt, sie waren hübsch genug.

Das sagte aber niemand. Man sollte sich nicht brüsten mit seinem guten Aussehen, das war unbescheiden, oder das gute Aussehen anderer zur Kenntnis nehmen. Aber wir Mädchen wussten Bescheid: Es war besser, hübsch zu sein als hässlich. Sogar die Tanten schenkten den Hübschen mehr Beachtung. War man aber schon in der Vorauswahl, spielte das Aussehen keine so große Rolle mehr.

Ich schielte nicht wie Huldah, ich hatte kein dauerhaft verkniffenes Gesicht wie Shunammite, ich hatte keine fast unsichtbaren Augenbrauen wie Becka, aber ich war noch unfertig. Ich hatte ein Teiggesicht wie die Kekse, die Zilla, meine Lieblings-Martha, mir zur Belohnung backte, mit den Rosinenaugen und den Kürbiskernzähnen. Aber trotz meiner nur durchschnittlichen Schönheit war ich sehr, sehr auserwählt. Doppelt auserwählt: Nicht nur war ich in der Vorauswahl zur Kommandantenfrau, erst mal war ich von Tabitha auserwählt worden, meiner Mutter.

So hat Tabitha es mir immer erzählt. „Ich ging im Wald spazieren“, sagte sie, „und kam an ein verwunschenes Schloss, und dort waren viele kleine Mädchen gefangen, und keines davon hatte eine Mutter, und sie waren verzaubert von den bösen Hexen. Ich hatte einen Zauberring und konnte damit das Schlosstor öffnen, aber ich konnte nur ein einziges kleines Mädchen retten. Also sah ich sie mir alle genau an, und dann fiel meine Wahl auf dich!“

„Und was wurde aus den anderen?“, fragte ich. „Den anderen kleinen Mädchen?“

„Die wurden von anderen Müttern gerettet“, sagte sie.

„Hatten die auch alle einen Zauberring?“

„Natürlich, mein Liebling. Nur mit einem Zauberring kann man eine Mutter sein.“

„Wo ist der Zauberring?“, fragte ich dann. „Wo ist er jetzt?“

„Na hier, an meinem Finger“, sagte sie und zeigte mir den Mittelfinger ihrer linken Hand. Das sei der Herzfinger, sagte sie. „Aber mein Ring konnte nur einen einzigen Wunsch erfüllen, und den habe ich für dich benutzt. Der Ring ist jetzt also nur noch ein ganz normaler Mutterring.“

Und dann durfte ich den Ring anprobieren, der aus Gold und mit drei Diamanten besetzt war: einem großen und je einem kleineren zu beiden Seiten. Er sah wirklich aus, als wäre er vielleicht mal ein Zauberring gewesen.

„Hast du mich hochgehoben und getragen?“, fragte ich jedes Mal. „Aus dem Wald rausgetragen?“ Ich kannte die Geschichte auswendig, aber ich hörte sie gern immer wieder.

„Nein, mein Liebes, dazu warst du schon zu groß. Hätte ich dich getragen, hätte ich husten müssen, und dann hätten uns die Hexen gehört.“ Das war einleuchtend: Sie hustete wirklich ziemlich viel. »Also nahm ich dich an der Hand, und wir haben uns aus dem Schloss geschlichen, damit uns die Hexen nicht hören – Pst, Pst, haben wir beide gemacht –, und sie hielt sich den Finger an die Lippen, und auch ich hielt mir begeistert den Finger an die Lippen und machte Pst. „Und dann mussten wir ganz schnell durch den Wald laufen, um den bösen Hexen zu entkommen, denn eine davon hatte uns aus der Tür gehen sehen. Wir sind gerannt, und dann haben wir uns in einem hohlen Baum versteckt. Es war sehr gefährlich!“

Ich hatte tatsächlich eine verschwommene Erinnerung daran, an jemandes Hand durch einen Wald zu laufen. Hatte ich mich in einem hohlen Baum versteckt? Mir schien, als hätte ich mich irgendwo versteckt. Also stimmte die Geschichte vielleicht.

„Und was ist dann passiert?“, fragte ich.

„Und dann habe ich dich in dieses schöne Haus gebracht. Bist du nicht glücklich hier? Wo dich alle so sehr lieb haben! Was für ein Glück für uns beide, dass ich dich auserwählt habe, nicht wahr?“

Dann schmiegte ich mich an sie, sie legte den Arm um mich, und ich lag mit dem Kopf an ihrem dünnen Körper, durch den ich ihre knochigen Rippen spüren konnte. Ich drückte mein Ohr an ihren Brustkorb und konnte ihr Herz hören, wie es in ihrem Innern vor sich hin hämmerte – immer schneller und schneller, schien mir, während sie auf eine Reaktion von mir wartete. Ich wusste, meine Antwort war wirksam: Ich konnte sie zum Lächeln bringen oder auch nicht.

Was konnte ich da anderes sagen als Ja und Ja? Ja, ich war glücklich. Ja, ich hatte Glück gehabt. Außerdem war es die Wahrheit.


Gesellschaftlicher Wandel: wie sich der Blick auf Frauen und Geschlechterrollen verändert

Die Geschlechterrollen sind je nach dem historischen und regionalen Kontext sehr unterschiedlich. In der westlichen Gesellschaft sind die patriarchalischen Strukturen von einst noch deutlich zu erkennen. Eine Bundeskanzlerin und Frauenquoten konnten die bestehende Ungleichheit von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben nicht eliminieren. Die Geschlechterrollen sind fest in den Köpfen verankert und werden durch unveränderbare biologische Gegebenheiten gefördert.

Blick ins Buch
Das Ende der MännerDas Ende der Männer

und der Aufstieg der Frauen

Ist die jahrtausendealte Herrschaft des Patriarchats am Ende? Noch nicht, sagt Hanna Rosin, doch die massiven Veränderungen der Berufswelt und des Bildungssystems haben eine Dynamik in Gang gesetzt, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern nachhaltig verändert. So scheinen viele Anforderungen der modernen Dienstleistungsgesellschaft – Flexibilität, soziale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit – eindeutig Frauen in die Hände zu spielen, während Männer oft von den Umwälzungen überfordert sind. Hanna Rosin zeigt – frei von ideologischen Prämissen –, wie sich heute das Leben von Männern und Frauen unterscheidet, wie sehr sich die Art und Weise geändert hat, wie heute gearbeitet, gelernt, zusammengelebt wird. Differenziert und mit vielen konkreten Beispielen gelingt es Rosin, die Chancen und Schattenseiten des „weiblichen Jahrhunderts“ in den Blick zu nehmen. „Das Ende der Männer“ ist keine feministische Streitschrift, keine Prophezeiung, sondern eine messerscharfe, weitsichtige Diagnose.

Einleitung
Diese Welt hat immer den Männern gehört: Keiner der Gründe,
die dafür angegeben werden, erscheint ausreichend.
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht


Im Jahr 2009 bemerkte ich in der Küstenstadt, wo ich mit
meiner Familie seit Jahren Urlaub machte, etwas Seltsames:
Wenn ich mich von den gemieteten Häusern der Urlauber
entfernte und zum Beispiel zum Supermarkt oder zur Eisdiele
ging, sah ich kaum noch Männer. Auch am Samstagabend auf
dem Rummelplatz waren kaum welche da, und am Sonntagmorgen
auf den Parkplätzen vor den Kirchen stiegen kaum
mehr welche aus den Autos, wie sie es in früheren Zeiten getan
hatten. Wir waren in einer wohlhabenden Arbeiterstadt,
in der eines der wichtigsten Gewerbe immer der Bau gewesen
war. Ich erinnerte mich, dass in früheren Jahren selbst an
Samstagen Gruppen von Männern in Pick-ups die Hauptstraßen
entlangfuhren. Jetzt aber waren kaum mehr Pick-ups
unterwegs, aber viele Chevys und Toyotas mit Frauen und
Kindern, die ihren Wochenendaktivitäten nachgingen.
Eines Nachmittags stieß ich bei einem hektischen Einkauf
im Supermarkt mit dem Einkaufswagen einer anderen Frau
zusammen. Dabei fielen ein paar Müsliriegel zu Boden, die
auf einer Riesenpackung Cheerios gelegen hatten. Ich entschuldigte
mich, und sie verzieh mir. Ja, sie entpuppte sich sogar als eine gesprächsbereite Fremde. Sie hieß Bethenny und
sagte, sie sei neunundzwanzig und betreibe in ihrem Haus eine
Kindertagesstätte (deshalb die Riesenpackung Frühstücks-
Cerealien). Außerdem studierte sie, um einen Abschluss als
Pflegekraft zu machen, und sorgte für eine zehnjährige Tochter.
Weil sie so entgegenkommend war, wagte ich mich näher
an den Kern der Sache. Ob sie verheiratet sei?, fragte ich.
Nein. Ob sie gern verheiratet wäre? Irgendwie schon, sagte
sie. Dann gab sie einen halbironischen Wunschtraum über
einen Doppelgänger von Ryan Reynolds zum Besten, der auf
einem weißen Pferd oder vielleicht auch nur in einem weißen
Chevy daherkommt. Ob es denn irgendeinen normalsterblichen
Mann gebe, der für diese Rolle in Frage komme. „Na
ja, da ist Calvin“, sagte sie und meinte damit den Vater ihrer
Tochter. Sie schaute zu ihrer Tochter hinüber, warf ihr einen
Müsliriegel zu und beide lachten. „Aber mit Calvin hätten
wir zwei einfach einen Müsliriegel weniger.“
Bethenny hatte offenbar in vieler Hinsicht zu kämpfen. Als
ich sie an der Kasse wiedersah, stritt sie gerade wegen irgendwelcher
Gutscheine herum. Trotzdem war sie nicht gerade
der Typ der mitleiderregenden alleinerziehenden Mutter. Ihr
Lachen hatte echte Freude ausgedrückt, eine Art geheimes
Einverständnis mit ihrer Tochter, die Müsliriegel selbst zu
behalten. Ohne es direkt zu sagen, hatte sie mir zu verstehen
gegeben, was ihre Tochter offenbar schon verstanden und
akzeptiert hatte. Wenn sie Calvin auf Distanz hielt, blieb sie
Herrin im Haus, und wenn sie ein Maul weniger stopfen
musste, ging es ihr und ihrer Tochter vielleicht sogar besser.
Wie kam es, dass der Vater ihres Kindes so wenig Einfluss
auf sie hatte? Wie kam es, dass sein Wert gegen den einer
Süßigkeit aufgewogen werden konnte? Ich traute mich, sie
zu fragen, ob ich mit Calvin Kontakt aufnehmen dürfe, und
sie gab mir bereitwillig seine Telefonnummer.
Im Lauf der nächsten paar Monate sprachen Calvin und
ich alle paar Wochen miteinander. Dabei versuchte ich herauszufinden,
wie er so unsichtbar geworden war. Er war ein
netter, ernsthafter Mensch, und es war nicht schwer, ihn zu
mögen. Er erzählte von den vielen Jobs, die er schon gemacht
und gehasst hatte, und ich gab ihm gute Ratschläge in Bezug
auf die Arbeit und andere wichtige Dinge. (Zum Beispiel erklärte
ich ihm, wie man die Mikrowelle im 7-Eleven bedient,
eine permanente Quelle der Frustration, wenn er dort seine
Mittagsmahlzeit kaufte.) Ich kam auf den Gedanken, eine
Geschichte darüber zu schreiben, was im postindustriellen
Zeitalter mit Typen wie Calvin passierte, und hoffte, er könnte
mir vielleicht helfen, das Rätsel der fehlenden Männer zu
lösen.
Die Begriffe Mancession und He-cession für eine Rezession,
durch die vor allem Männer arbeitslos werden, hatten in
jenem Jahr eine wichtige Rolle in den Schlagzeilen gespielt.
Dabei sollte die etwas verkrampfte Eleganz der Wortschöpfungen
wohl die schmerzliche Tatsache erträglicher machen,
dass die Opfer dieser jüngsten ökonomischen Katastrophe
traditionelle Familienernährer wie Calvin waren. Ich fragte
mich, wie diese Männer, die schon von der Rezession der
1990er Jahre arg gebeutelt worden waren, fast 20 Jahre später,
nach dieser neuen Serie von Schlägen, wohl dastanden. Und
wie sie wieder in ein normales Leben zurückfinden würden.
Ich hoffte, so lange mit Calvin in Kontakt bleiben zu können,
bis er den Familieneinkauf wieder zahlen könnte und
nach Hause zurückkehren würde. Ein Teil von mir stellte
sich immer noch irgendeine ferne Zukunft vor, in der Calvin
und Bethenny wie in der Serie „Can this Marriage Be Saved“
aus dem guten alten Ladies’ Home Journal wieder zusammenkommen
und mit ihrer Tochter ein glückliches Trio bilden
würden, eine Zukunft, in der sich die Straßen der Stadt als
dramatischer Höhepunkt der Serie endlich wieder mit Männern
bevölkern würden.
Aber als ich meine Gespräche mit Calvin führte und das
Problem immer genauer recherchierte, entdeckte ich, dass ich
mit den falschen Fragen begonnen hatte. Calvin und seine
Freunde versuchten gar nicht mehr, in die Leben zurückzukehren,
die sie einst geführt hatten, weil es diese Leben
überhaupt nicht mehr gab. Ich verstand allmählich, dass sich
Wirtschaft und Kultur grundlegend verändert hatten, und
zwar nicht nur in Bezug auf die Männer, sondern auch in Bezug
auf die Frauen. Beide Geschlechter würden sich an eine
ganz neue Art, zu arbeiten und zu leben und sogar zu lieben,
anpassen müssen. Calvin würde nicht mit einem Chevy vorfahren
und seinen alten Platz am Kopf der Tafel wieder einnehmen,
weil dort schon Bethenny saß, ganz zu schweigen
davon, das sie die Monatsraten für die Hypothek, die Renovierung
der Küche und ihren eigenen Gebrauchtwagen zahlte.
Bethenny tat zu viel, aber es funktionierte, und sie hatte
ihre Freiheit. Warum sollte sie das alles aufgeben wollen?
Meine Geschichte handelte jetzt nicht mehr davon, wie
tief die Männer gesunken waren; diese Entwicklung war
schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange und mehr oder
weniger abgeschlossen. Das neue Thema bestand darin, dass
die Frauen die Männer zum ersten Mal in der Geschichte in
vieler Hinsicht übertroffen hatten. Die Calvins und die Bethennys,
wir alle, hatten das Ende einer zweihunderttausendjährigen
Periode der Menschheitsgeschichte und den Beginn
einer neuen Ära erreicht, und es gab kein Zurück. Sobald ich
mich dieser Möglichkeit stellte, erkannte ich, dass es überall
Hinweise auf sie gab und wir alle nur durch jahrhundertelange
Gewohnheiten und Traditionen daran gehindert wurden,
sie zu sehen.
Nach vielen weiteren Interviews und Recherchen war ich
in der Lage, eine plausible Geschichte zu erzählen. Während
der großen Rezession ab 2007 waren drei Viertel der
7,5 Millionen Arbeitsplätze, die in den USA verloren gingen,
männliche Arbeitsplätze. Die am schwersten betroffenen
Branchen hatten in der weit überwiegenden Mehrheit
männliche Beschäftigte und ein ausgeprägtes Macho-Image:
Bau, Industrieproduktion, Finanzmanagement. Einige dieser
Arbeitsplätze entstanden wieder, aber insgesamt ist die
Veränderung weder zufällig noch vorübergehend. Durch die
Rezession wurde lediglich ein tiefgreifender wirtschaftlicher
Wandel erkennbar (und beschleunigt), der schon 30 Jahre und
in mancher Hinsicht sogar noch länger andauert.
Im Jahr 2009 waren in den USA zum ersten Mal in der
amerikanischen Geschichte mehr Frauen als Männer beschäftigt,
und die Frauen stellen auch heute noch etwa die
Hälfte der amerikanischen Beschäftigten. (Das Vereinigte
Königreich und mehrere andere Länder erreichten den Umschlagpunkt
ein Jahr später.) An allen Hoch- und Fachschulen
auf der ganzen Welt mit Ausnahme Afrikas sind Frauen
in der Überzahl. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel
kommen auf zwei Männer, die einen Bachelor of Arts machen,
jeweils drei Frauen. Von den 15 Kategorien von Tätigkeiten,
deren Zahl in den USA im kommenden Jahrzehnt
vermutlich am stärksten zunehmen wird, werden 12 primär
von Frauen
ausgeübt. Tatsächlich ist die US-Wirtschaft in
mancher Hinsicht mehr und mehr von einer Art rotierender
Schwesternschaft geprägt: Frauen werden berufstätig und
verlassen den Haushalt und schaffen damit Haushaltsjobs
für weitere Frauen. Unsere riesige notleidende Mittelschicht,
in der die Unterschiede zwischen Männern und Frauen am
größten sind, wird langsam zu einem Matriarchat, in dem die
Zahl der Männer sowohl unter den Beschäftigten als auch
in den Haushalten mehr und mehr schwindet und in dem
Frauen alle Entscheidungen treffen.
In der Vergangenheit waren die Männer vor allem wegen
ihrer Körpergröße und Körperkraft im Vorteil, aber in der
postindustriellen Wirtschaft ist Muskelkraft unwichtig geworden.
In einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft
werden genau die gegenteiligen Eigenschaften belohnt,
nämlich solche, die nicht so leicht durch Maschinen zu ersetzen
sind. Diese Eigenschaften – soziale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit,
die Fähigkeit, stillzusitzen und sich zu
konzentrieren – sind keine vornehmlich männlichen Skills, ja
sie scheinen sogar bei Frauen weiter verbreitet zu sein.
In den ärmeren Regionen Indiens lernen die Frauen
schneller Englisch als die Männer, um den Anforderungen
der neuen globalen Call-Center gerecht zu werden. In China
sind mehr als 40 Prozent der Privatunternehmen im Besitz
von Frauen; dort ist ein roter Ferrari das Statussymbol der
Unternehmerin. Im Jahr 2009 machten die Isländer Johanna
Sigurdardottir zu ihrer Ministerpräsidentin; sie wurde die
erste offen lesbisch lebende Staatschefin der Welt. Sigurdardottir
hatte das Ende des „Testosteronzeitalters“ propagiert
und ihren Wahlkampf ausdrücklich gegen die männliche
Elite geführt, die ihrer Aussage nach das isländische Bankensystem
zerstört hatte.
Wirtschaftliche Veränderungen können kulturelle Verschiebungen
und Verzerrungen auslösen, und in einigen
Ländern hat die neue Spezies der Powerfrauen einen Schock
ausgelöst. In Japan herrscht helle Aufregung wegen der sogenannten
„Pflanzenfresser“, einer Schar junger Männer, die
sich weigern, mit Frauen auszugehen oder Sex mit ihnen zu
haben. Sie verbringen ihre Zeit lieber mit Gartenarbeit oder
der Organisation von Kaffeekränzchen und benehmen sich
wie Karikaturen des Weiblichen. Die Powerfrauen, vor denen
sie angeblich zu viel Angst haben, um mit ihnen auszugehen,
werden als „Fleischfresserinnen“ und manchmal auch als „Jägerinnen
“ bezeichnet. In Brasilien finden sogenannte „Tränenmänner
“ immer mehr Verbreitung, kirchlich organisierte
Männergruppen, die die wachsende Anzahl von Männern
trösten, deren Frauen mehr verdienen als sie.
Diese Veränderungen reichen weit in die intimen Beziehungen
zwischen Paaren hinein und verändern weltweit die
Einstellung, die Männer und Frauen zu den Themen Liebe,
Ehe und Sex haben. In Asien, wo die Frauen immer mehr an
Macht gewinnen und sich mehr und mehr von dem traditionellen
kulturellen Ideal der perfekten Ehefrau distanzieren,
liegt das durchschnittliche Heiratsalter der Frau inzwischen
bei zweiunddreißig, und die Zahl der Scheidungen nimmt explosionsartig
zu. Das Missverhältnis zwischen traditionell gesinnten
Männern und fortschrittlichen Frauen hat zu einem
internationalen Heiratsmarkt geführt, auf dem Männer aus
der ganzen Welt Frauen suchen, deren Werte (noch) mit ihren
eigenen übereinstimmen. Im Westen bringen Frauen ihre
sexuellen Bedürfnisse inzwischen mit einer Offenheit zum
Ausdruck, die noch vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre.
In den Vereinigten Staaten sind die Veränderungen in den
Geschlechterbeziehungen je nach sozialer Schicht sehr unterschiedlich,
ja fast gegensätzlich. Dieser Punkt führt stets
zu Verwirrung, weshalb ich zwei Kapitel über eheliche Beziehungen
geschrieben habe und nicht nur eins. Unser Land
spaltet sich in zwei auseinanderstrebende Gesellschaften, die
jeweils durch bestimmte Ehestrukturen gekennzeichnet sind.
Die eine Gesellschaft besteht aus den 30 Prozent der Amerikaner,
die über einen Hochschulabschluss verfügen, und die
andere besteht aus allen anderen: aus den Armen, aus der
Arbeiterschicht und aus der Gruppe, die die Soziologen als
„mäßig gebildete Mitte“ bezeichnen. Damit meine ich Personen,
die einen Highschool-Abschluss und eine gewerbliche
Ausbildung und manchmal auch Hochschulerfahrung haben,
aber keinen vollwertigen Hochschulabschluss besitzen.
In dieser großen zweiten Gruppe geht der Aufstieg der
Frau mit der langsamen Erosion der Institution Ehe und
sogar mit wachsendem Zynismus in Bezug auf die Liebe
einher. Während die Frauen in dieser Gruppe ihr Los langsam
verbessern, stellen sie zugleich höhere Anforderungen an
die Ehe: einen Mann, der wie Ryan Reynolds aussieht, mit
weißem Chevy. Doch die Männer aus ihrer Schicht werden
diesen Anforderungen nicht gerecht. Sie halten vielleicht
noch am traditionellen Ideal des männlichen Ernährers fest,
können es aber längst nicht mehr erfüllen. Aus dieser Schicht
stammen unsere romantischen Vorstellungen von Männlichkeit,
die seit Generationen die Texte der Countrysänger und
die Reden der Politiker inspirieren. Heute jedoch hält die
heranwachsende Generation dauerhafte Liebe für eine Fiktion,
die nur noch in diesen Popsongs und Reden überlebt hat.
In der gebildeten Klasse hat die neue wirtschaftliche
Macht der Frauen zu einer Renaissance der Ehe geführt.
Paare mit Hochschulabschluss sind viel flexibler in Bezug
darauf, wer welche Rolle spielt, wer wie viel Geld verdient,
und in gewissem Ausmaß auch darauf, wer die Kinderlieder
singt. Sie gehen über das Konzept der Gleichheit hinaus und
entwickeln ganz neue Ehemodelle. Diese neue Ehe, in der
das Verdienstverhältnis zwischen Mann und Frau vierzig zu
sechzig oder
achtzig zu zwanzig betragen und sich binnen ein
oder zwei Jahren durchaus umkehren kann, so dass jeder Partner
einmal die Befriedigung hat, mehr zu verdienen, nenne
ich „Ehe mit wechselnden Rollen“. Immer mehr Frauen aus
der Oberschicht werden eine Zeitlang Alleinverdiener, und
dank dieser neuen Freiheit bezeichnen viele dieser Paare ihre
Ehe als „glücklich“ oder „sehr glücklich“. Schon eine „glückliche
“ Ehe kann jedoch mit versteckten Komplikationen verbunden
sein. Als ich Paare aus dieser Schicht interviewte,
merkte ich, dass die Männer, selbst wenn sie das Kästchen für
glücklich ankreuzten, nicht annähernd so bereit oder scharf
darauf waren, eine neue Rolle auszufüllen, wie die Frauen.
Tatsächlich stieß ich bei all meinen Interviews immer wieder
auf ein Duo, das wie aus einem Comic entsprungen wirkte:
die „Plastikfrau“ und der „Mann aus Pappe“. Die Plastikfrau
vollbringt schon ein ganzes Jahrhundert lang wahre Wunder
an Flexibilität. Sie hat zunächst fast gar nicht und dann nur bis
zur Ehe gearbeitet, dann auch während der Ehe und schließlich
auch als Mutter von Kindern und sogar von Säuglingen.
Wenn sie die Gelegenheit sieht, mehr zu verdienen als ihr
Mann, greift sie zu. Sobald sie sich in der Öffentlichkeit nicht
mehr damenhafter Zurückhaltung befleißigen muss, kann sie
durchaus einen Wirtshausstreit vom Zaun brechen. Wenn sie
damit durchkommt, bis weit über dreißig unverheiratet zu
bleiben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, tut sie
auch das. Und wenn die Zeiten sexuelle Abenteuerlust verlangen,
ist sie auch in dieser Beziehung aufgeschlossen.
Sie hat einen geradezu napoleonischen Eroberungsdrang.
Während sie sich eifrig Neues erschließt, hält sie zugleich am
Alten fest und produziert damit ein ganz neues Sortiment
existenzieller Zwickmühlen (zu viel Arbeit und zu viel häusliche
Verantwortung, zu viel Macht und zu viel Verwundbarkeit,
zu viel Nettigkeit und nicht genug Glück). Studien, die
die Karriere von Frauen verfolgen, nachdem sie den Master
of Business Administration gemacht haben, haben sogar eine
neue Superspezies der Plastikfrau entdeckt. Sie verdient mehr
als weibliche Singles und genauso viel wie Männer. Sie hat
Kinder, aber sie arbeitet so viel im Beruf, als ob sie keine hätte.
Sie ist die Mutantin, die von unserer Gesellschaft heute am
meisten belohnt wird, ein Mensch, der die alten weiblichen
und männlichen Pflichten gleichzeitig erfüllt, ohne dabei irgendwie
kürzerzutreten.
Der Mann aus Pappe hingegen ändert sich fast gar nicht.
Ein Jahrhundert kann vergehen, und sein Lebensstil und seine
Ziele sind immer noch fast die Gleichen. Viele Berufe,
in denen früher nur Männer tätig waren, werden heute auch
von Frauen ausgeübt, aber umgekehrt ist dies kaum der Fall.
Fast ein Jahrhundert lang beruhte der männliche Selbstwert
auf dem Beruf, den der Mann ausübte, oder auf seiner Rolle
als Familienoberhaupt. „Bergmann“ oder „Kranführer“ waren
früher vollständige Identitäten, die den Mann mit einer langen
Traditionslinie von Männern verbanden. Und sie schlossen
die Funktion als Familienoberhaupt mit ein.

Blick ins Buch
Feminismus RevisitedFeminismus Revisited
Oft wird behauptet, der Feminismus habe sich erübrigt. Das Gegenteil ist der Fall. Im Zuge der global zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich und des wachsenden Rassismus hat sich ein neuer, selbstbewusster Feminismus entwickelt. Die Lebenserfahrungen junger Frauen sind heute ebenso frisch, wie sie für die Feministinnen der 1970er-Jahre waren, doch sind viele Entdeckungen von damals Alltagswissen geworden, auch wenn die Missstände selbst keineswegs aus der Welt sind. Wie prägt dieser Umstand das Denken und Handeln junger Frauen heute? In einer Mischung aus autobiografischem Essay einer Feministin der ersten Stunde und Porträts junger Frauen, für die der Feminismus mehr ist als Quoten und die Forderung nach Frauen in den Aufsichtsräten, zeigt Erica Fischer, warum sich beherztes Engagement lohnt - und auch noch Spaß machen kann.

Inhaltsverzeichnis
Anmerkung der Autorin 
Feminismus hält jung 
Bestandteile einer Feministin 
Gehört mein Bauch mir? 
Diese Freiheit! Drei Niederösterreicherinnen 53 Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens
Mithu M. Sanyal 
Irgendwas dazwischen Parisa Madani 
Gender-Outlaw Hengameh Yaghoobifarah 
#MeToo 
Sexarbeit: Eine Frage der Umverteilung Marleen 185 Aimée & Jaguar 
Ein Leben ohne Excel Katrin Rönicke 
Mit Energie und Leidenschaft Agnieszka Brugger  Zu guter Letzt 
Literatur






Anmerkung der Autorin

Ein Hinweis zur Schreibweise: Ich verwende in diesem Buch überwiegend das Gender-Sternchen (*), das sich zunehmend als Mittel der schriftlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten jenseits des herkömmlichen Zweigeschlechtersystems einbürgert. Das Sternchen verweist auf Menschen, die nicht in das binäre Frau-Mann-Schema passen oder passen wollen.

Im Kapitel „Gender-Outlaw“ über Hengameh Yaghoobifarah verwende ich, weil sie es bevorzugt, den Gender-Gap, eine durch einen Unterstrich gefüllte Lücke (englisch gap). Er erfüllt eine ähnliche Funktion wie das Sternchen.

Feminismus hält jung

Am 1. Januar 2018 wurde ich fünfundsiebzig. Irgendwie unbegreiflich, wie es dazu kommen konnte. Ich blicke also zurück auf nahezu ein halbes Jahrhundert Feminismus. Nach der ersten Begeisterung der frühen Siebzigerjahre und einer längeren aktivistischen Phase in Wien zog es mich zu anderen Lebensthemen. Das Ausloten meines jüdischen Hintergrunds und des Schicksals meiner Großeltern und Eltern rückte in den Vordergrund. Die Arbeit an Aimée & Jaguar Anfang der Neunziger half mir dabei. Ich begriff, dass Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus / Rassismus in meiner Biografie nicht voneinander zu trennen sind.

Ich bin eine Frau, nach der neueren feministischen Sprachregelung eine Cisfrau, also eine, die sich eins fühlt mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht. Nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, bin ich als Tochter einer jüdischen Mutter Jüdin. Während eine Menge „Frau“ in mir steckt, bei meiner Geburt festgelegt und durch die Heteronormativität und den allgegenwärtigen Sexismus stets von neuem bestätigt, ist die Jüdin eher eine kulturelle Aneignung. Meine Mutter betonte stets, dass erst Hitler sie zur Jüdin gemacht habe. Das stimmt nur teilweise, denn das Jüdische war ihr schon früher angeheftet worden. In ihrem polnischen Abiturzeugnis ist ihre Religion als „mosaisch“ eingetragen, obwohl meine Mutter niemals in der Religion ihrer Vorfahren unterrichtet wurde. Doch konfessionslos konnte man damals in dem katholischen Land nicht sein. Sie besuchte in Warschau sogar eine katholische Schule, die eine Quote für jüdische Schülerinnen hatte und in die sie nur aufgenommen wurde, weil ihre ältere Schwester die Quotenhürde vor ihr genommen hatte. Während ihres Studiums im Wien der späten Zwanzigerjahre ging es mit dem Antisemitismus weiter. Immer war es der Blick von außen, der aus meiner Mutter eine Jüdin machte.

Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe mich freiwillig dafür entschieden, mich mit dem Schicksal meiner Vorfahren und aller anderen Jüdinnen und Juden zu identifizieren. Da ich mich in der österreichischen Mehrheitsgesellschaft nicht aufgehoben fühlte, entschied ich mich für die jüdischen Außenseiter*innen. Antisemitismus habe ich persönlich nie erfahren, denn ich habe weder eine „jüdische Nase“, noch trage ich Schläfenlocken. Aber ich spüre ihn immer mal wieder um mich herum.

Die Cisfrau hingegen war zwar körperlich vorgegeben, das meiste jedoch wurde mir von außen übergestülpt. Wie ich mich als Frau zu benehmen, zu bewegen, zu sprechen, zu denken, zu fühlen und zu kleiden und wie ich mir meine berufliche und private Zukunft auszumalen habe, wurde mir zugeschrieben. Es war wie eine Tarnkappe, die verbarg und verzerrte, was möglicherweise in mir steckte. Ich werde es nie erfahren. Für die Frau habe ich mich nicht entschieden, ich wurde zu ihr gemacht. Und zwar so sehr, dass ich durch den Einfluss der Frauenbewegung zwar einiges meiner inneren Textur auftrennen konnte, aber letztlich nur wenig. Auch mit fünfundsiebzig lebe ich mit meinem patriarchal geprägten kulturellen Erbe und habe es so weit verinnerlicht, dass ich mich darin relativ wohl fühle. Junge Frauen, die heute ebenso alt sind, wie ich es war, als ich mich aufmachte, meine Verwerfungen aufzuspüren, sind heute weiter. Vieles, was mich damals einschnürte und in Wut versetzte, ist nur noch Vergangenheit. Manches jedoch scheint schlimmer geworden zu sein. Aber die Frauen wehren sich, lauter, zahlreicher, selbstbewusster. Das immerhin.

Die zweite Welle des Feminismus, die mich geprägt hat, führte fort, was die erste eingeleitet hatte: Wahlrecht, Universitätsstudium, Berufstätigkeit und Karriere (bis knapp unter die gläserne Decke), freie sexuelle Partner*innenwahl, Empfängnisverhütung, gleichgeschlechtliche Liebe, Kinderlosigkeit und bis zu einem gewissen Grad auch der Schwangerschaftsabbruch können mehr oder weniger ungehindert gelebt und ausgelebt werden – in Deutschland und in einigen europäischen Ländern, aber keineswegs überall, wie wir von unserem Nachbarland Polen nur allzu gut wissen.

Dank der klugen Stimmen und Texte junger Frauen ist mein Interesse am Feminismus neu erwacht. Oft und mit Genugtuung totgesagt, entfaltet er heute eine erstaunliche Energie, wohl auch als Reaktion auf den sich immer stärker ausbreitenden Frauenhass, der mir jedoch wie ein verzweifelter Abwehrkampf gegen die zunehmende Ermächtigung der Frauen erscheint. Der westliche Feminismus hat sich aber auch verändert. Angesichts der verschärften Lebensbedingungen in Zeiten von Turbokapitalismus, Klimawandel und dem wachsenden Einfluss rechtsnationalistischer Tendenzen und Parteien haben junge Feminist*innen der dritten Welle (oder ist es schon die vierte?) weniger Aussicht auf ein sozial gerechtes Leben, als ich es in meinen Aufbruchsjahren hatte. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky gab es in Österreich ein soziales Netz, von dem wir heute nur noch träumen können. Laut Oxfam gingen 82 Prozent des globalen Vermögenszuwachses im Jahr 2017 an das reichste Prozent, während die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,7 Milliarden Menschen, darunter ein Großteil Frauen, leer ausging.

Feminist*innen müssen in diesem Millennium umfassende Akzente setzen. Zwar stellt männliche Gewalt – in Kriegs- und Krisengebieten und für Nichtweiße und Transpersonen verstärkt – nach wie vor eine existenzielle Bedrohung dar, doch angesichts der sich national und global vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich und des zunehmenden Rassismus ist bei vielen Feminist*innen der Kampf gegen männliche Vorherrschaft zu einem Teil eines breiteren Kampfes gegen den globalisierten patriarchalen Kapitalismus geworden.

Einer der Gründe mag auch sein, dass Feminismus aus den sozialen Bewegungen heute nicht mehr wegzudenken ist. Mehr denn je ist also Feminismus, so wie ich ihn schon immer verstanden habe, zu einer Bewegung für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zum Wohle der Menschen statt des Kapitals geworden. Und er muss sich gegen den an die Stelle des Anti-Feminismus getretenen militanten Anti-Genderismus behaupten, dem es darum geht, den über den formalen Gleichheitsanspruch hinausgehenden Analysen des Feminismus die wissenschaftliche Legitimität abzusprechen.

Überall auf der Welt kämpfen Frauen um ihre Rechte, doch die Bandbreite der Anliegen ist enorm. Während es in Saudi-Arabien ein Triumph ist, wenn Frauen endlich Auto fahren dürfen, und in Afghanistan schon der Schulbesuch für Mädchen ein Privileg darstellt, geht es in Deutschland und Österreich um Fragen, die anderswo vermutlich als Luxus gelten. Notgedrungen beschränke ich mich in diesem Buch auf Deutschland, wo ich seit dreißig Jahren lebe, und auf Österreich, wo ich vierzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Aber auch in diesen Ländern sind wir nicht kulturell abgeschottet. Feminist*innen mit Migrationshintergrund, wie man so sagt, und Frauen* of Color erheben schon lange ihre Stimmen.

Feminismus ist ohne einen intersektionalen Ansatz nicht mehr denkbar, also ohne verschiedene Diskriminierungsformen in einer Person zu berücksichtigen. Es gibt Unterschiede zwischen uns, erhebliche, nicht nur zwischen Deutschland und Saudi-Arabien. Sexismus kann nicht mehr ohne das Mitdenken von Rassismus, Islamhass und Homo- und Transfeindlichkeit diskutiert werden. Schon seit der in den 1980ern von Christina Thürmer-Rohr ausgelösten Mittäterschaftsdebatte wissen wir, dass Frauen keineswegs immer Opfer sind. Sie können auch zu Täter*innen werden, je nach Machtkonstellation. Unumstritten ist diese Erkenntnis in der Frauenbewegung allerdings immer noch nicht.

Genährt wird die Sicht auf Frauen als Opfer auch durch das grelle Licht, das die ekelhaften Taten des mächtigen Hollywood-Moguls Harvey Weinstein und aller, die ihm weltweit folgten und noch folgen werden, auf den männlichen Machtmissbrauch geworfen haben. Er drückt sich in sexueller Belästigung, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung aus. Ans Tageslicht kommt trotz #MeToo nur die Spitze des gigantischen Eisbergs, von dem so gut wie alle Frauen weltweit betroffen sind. Aber der „Harvey-Effekt“ zeigt Wirkung. Wenn Frauen nicht mehr aus Scham schweigen und man ihnen neuerdings sogar glaubt, wird der Schlaf von Männern, die Frauen als Beutegut sehen, unruhiger. Und kein Mann wird mehr sagen können, er habe nicht gewusst, wie er sich zu benehmen habe. Jede Revolution habe ihre eigenen Waffen, schreibt die amerikanische Kulturkritikerin Laura Kipnis; einst waren es Musketen und Guillotinen, heute sind es „Mitteilen“ und mediale Offenlegung. Nicht erst neuerdings haben die Frauen zu sprechen begonnen, jetzt aber verstärkt und zahlreicher.

Die Frauen, die sich bezüglich sexueller Belästigung in EU-Gremien zu Wort meldeten, taten es vorerst überwiegend anonym. Noch immer müssen viele um ihren Job fürchten, wenn sie die Verletzung ihrer körperlichen Integrität zu einem öffentlichen Thema machen. Sogar die schwedische Außenministerin Margot Wallström gab an, bei einem EU-Abendessen Opfer einer Grapsch-Attacke geworden zu sein. Eine Frau im Zentrum der politischen Macht! Wenn es jenseits aller Unterschiede ein Verbindungsglied zwischen Frauen und Transpersonen weltweit gibt, dann ist es sexualisierte Gewalt und Einschüchterung durch sexuelle Belästigung und Verspottung. Zwischen dem Femizid in Mexiko und Ministerin Wallström besteht ein Zusammenhang, auch wenn Letzterer unvergleichlich mehr Möglichkeiten der Gegenwehr zur Verfügung stehen.

„Schaffen wir eine Welt ohne Harveys“, forderte der Dokumentarfilmer Michael Moore (der wie so viele andere vom Verhalten Weinsteins schon lange gewusst haben musste). Allzu bald wird das nicht gelingen. Mediale Aufmerksamkeit schafft zwar vorübergehend Ekel vor den Tätern und Solidarität mit den Opfern und bringt so manche Karriere zum (vorübergehenden) Stillstand, vermag aber keine gerechtere Welt zu schaffen. Das weiß auch Michael Moore, weshalb er von einer demokratischen Ökonomie spricht, die in der Lage wäre, Männer mit Macht einzuhegen. Solange ökonomische Ungleichheit herrscht, werden die auf das Wohlwollen Mächtiger und weniger Mächtiger Angewiesenen missbraucht und ausgebeutet werden. Solange sich die ökonomische Macht mehrheitlich in der Hand weißer Männer befindet, werden vor allem junge Frauen Opfer von Sexismus und Gewalt und in der medialen Darstellung kaum mehr als konsumierbare Körper sein. Das Patriarchat ist aber auch eine globale Kultur, die machtlosen Männern Macht über noch Machtlosere verleiht. Gene, Hormone und Biologie spielen dabei keine Rolle.

Wir leben in einer phallokratischen Ordnung, in einer Kultur, in der sogenannte männliche Werte einen höheren Status genießen als sogenannte weibliche Werte. Es ist ein Krieg gegen alles Weibliche, wobei die Binarität zwischen maskulin und feminin nicht naturgegeben ist, sondern erst geschaffen werden musste. Was als weiblich gilt, ist weniger wert, wird schlechter bezahlt, herabgesetzt, belächelt, belästigt, ausgezogen, vergewaltigt und mitunter getötet. Tätigkeiten, die zerstören und gewalttätig sind, sind höherwertig als jene, die den Menschen, den Kindern, der Kultur, der Liebe und dem sozialen Miteinander dienen.

Dieses patriarchale Wertesystem richtet sich auch gegen Männer. Genauso wie Frauen werden sie gewaltsam in Identitätsschubladen gezwängt. Erzieher, Grundschullehrer und Altenpfleger teilen überwiegend den niedrigen Status und die schlechte Bezahlung ihrer Kolleg*innen. Die Linguistin Senta Trömel-Plötz hat beobachtet, dass in Gesprächssituationen unter Männern der statusniedrigere Mann ebenso behandelt wird wie üblicherweise Frauen. Er kommt seltener zu Wort und wird häufiger unterbrochen.

Wegen des geringeren Werts, der Care-Tätigkeiten beigemessen wird, geht eine Frau, die sich kein Personal leisten kann, ein absehbares Risiko ein, wenn sie sich für ein Kind entscheidet. Auf einen allenfalls vorhandenen Partner sollte sie sich besser nicht verlassen. Kinder stellen im Kapitalismus eine Störung des reibungslosen Ablaufs der Profitmaximierung dar, auch wenn sie für den Fortbestand des Systems unumgänglich sind. Doch die Mutter hat sie zur Welt gebracht, die Mutter soll sich gefälligst um sie kümmern. Und meistens tut sie es auch. Kostenlos. Mutterschaft hält Frauen beschäftigt und erschwert ihnen, Männern im außerhäuslichen Bereich in die Quere zu kommen. Deshalb sollen Kinder Privatsache bleiben und nicht gesellschaftliche Notwendigkeit und Bereicherung für alle.

„Gender“ meint soziales Geschlecht. Spätestens seit der Vierten Weltfrauenkonferenz von Beijing 1995 haben wir die starren Vorstellungen von Geschlecht hinter uns gelassen. Auch Männer und Jungen werden vergewaltigt und missbraucht. Junge Männer werden im Gefängnis zu Menschen gemacht, mit denen man umgehen kann wie mit einer Frau. Schwule Männer und Transpersonen ohne Zugang zur Macht werden überproportional häufig Opfer von Gewalt. Mit ihrer Verweigerung binärer Geschlechtlichkeit stören sie die „Natur der Dinge“ und lösen Verwirrung und Ängste aus, die sich in Aggression Luft machen.

Von der Norm abweichende sexuelle Praktiken und Lebensweisen stellen die Stabilität von Geschlecht als nicht hinterfragbare Kategorie in Frage. Und auf dieser ruht unser gesamtes gesellschaftliches und kulturelles Gefüge. Schmälert diese Erkenntnis den Kampf der Frauen um Menschenrechte? Bedeutet die Betonung von Gender eine Missachtung jener Frauen, die einzig und allein wegen ihres Geschlechts gepeinigt und ihrer Rechte beraubt werden?

In mehreren europäischen Ländern und in den USA haben sich rechtsnationalistische Parteien und Bewegungen auf Migrant*innen, Muslim*innen, Geflüchtete, Nichtweiße, Transpersonen, Homosexuelle und Frauen eingeschossen, auf alle also, die vorgeblich marginal sind, in der Summe aber die Bevölkerungsmehrheit ausmachen. Die wahre Minderheit ist der weiße Mann. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun weist darauf hin, dass sich gerade diese diskriminierten Menschengruppen durch soziale und ökonomische Mobilität auszeichnen und bei den Sitzengebliebenen Sehnsucht nach festen, „natürlichen“ Verhältnissen nähren. Fremden- und Frauenfeindlichkeit vermengen sich zu einem Gebräu, dessen Ziel es ist, das seit Ende des letzten Weltkriegs mühsam aufgebaute demokratische Miteinander zu unterhöhlen; wobei dann „unsere“ Frauen dazu benutzt werden, gegen die Männer der „anderen“ in Stellung zu gehen, und Religionen missbraucht werden, um kriegerischen Terror unter die Menschen zu säen. Stets richtet sich die Gewalt gegen „Fremde“ und Frauen*. Der jeweils herrschende Mann einer bestimmten Ethnie, Nation, Religion erhebt sich zum Maß aller Dinge.

Die Frauen* wehren sich mit den ihnen jeweils verfügbaren Möglichkeiten. Sie vernetzen sich im Internet, rotten sich zu Massendemonstrationen zusammen, unterlaufen das System durch individuellen Ungehorsam, bilden Vereinigungen und Lobbygruppen und haben schon längst den Marsch durch die Institutionen angetreten, wobei Deutschland im EU-Vergleich keine gute Figur abgibt. Oder sie flüchten. Und fahren fort, Kinder und Alte vor Hunger und Gewalt zu schützen, so gut sie können.

Dass Gleichberechtigung grundsätzlich ein erstrebenswertes Gut ist, wird im Westen nur noch selten in Frage gestellt, selbst wenn der Weg dahin – vor allem über die Quote – immer noch umstritten ist. Auch das Dilemma der Mutterschaft kann als bekannt vorausgesetzt werden, doch weder das organisierte Unternehmertum noch die Politik sind ernsthaft um eine Lösung bemüht. Das Desinteresse verweist auf die Perspektive des kapitalistischen Patriarchats. Warum sollten wir uns darum kümmern, wenn die Frauen es so gut hinkriegen?

Eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, die das Leben von Frauen, Männern und nichtbinären Personen heute prägen, kann und will dieses Buch nicht leisten. Ebenso wenig ist es möglich, das vielfältige Spektrum feministischen Wirkens auch nur ansatzweise wiederzugeben. Viele Themen, die für das Leben aller Geschlechter von zentraler Bedeutung sind, streife ich nur oder behandle sie gar nicht. Hier geht es einerseits um mich selbst und meinen Weg als Frau und Feministin, andererseits – und das vor allem – um das Gespräch mit jungen Feminist*innen, deren Denken, Handeln und Leben meinen Blick für die aktuellen Konflikte und Genderthemen geschärft haben. Ich habe Unschätzbares von ihnen gelernt.

Vieles ist seit meiner Zeit als junge Feministin gleich geblieben und dreht sich wie eh und je um die Kontrolle des weiblichen Körpers mit dem Ziel, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu erhalten und zu festigen: sexuelle Belästigung, Herabsetzung von Frauen in Witzen und in der öffentlichen Rede, sexualisierte Gewalt, Homo- und Transfeindlichkeit, Stigmatisierung der Sexarbeit, eingeschränkter Zugang zu Verhütung und Abtreibung, unerreichbare Schönheitsideale, Diskriminierung dicker und alter Frauen, um nur einiges zu nennen. Gleichzeitig sind einige ganz oben angekommen. Verändert haben sich vor allem das Selbstverständnis der Frauen und ihrer Verbündeten sowie die Debatte und die Aktionsformen. Wir erleben eine verfeinerte und erweiterte Fortschreibung dessen, was die zweite Welle des Feminismus angestoßen hat.

Verändert hat sich auch der negative Beigeschmack des Wortes „Feminismus“. Während man Feministinnen jahrzehntelang unterstellt hat, Männer zu hassen, lila Latzhosen zu tragen, BHs zu verbrennen und sich die Beine nicht zu rasieren, eröffnete Dior die Pariser Frühjahrsmodenschau 2018 mit einem T-Shirt mit der Aufschrift Why have there been no great woman artists?. Das Zitat ist der Titel eines Essays der im Oktober 2017 verstorbenen amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin, die mit dieser Frage 1971 den Grundstein zu einer feministischen Kunstgeschichtsschreibung legte. Ein Fortschritt? In gewisser Weise schon. In manchen Kreisen ist es heute cool, sich als Feminist*in zu bezeichnen. Eine intelligente junge Frau kann es sich heutzutage kaum noch leisten, sich vom Feminismus zu distanzieren, ohne sich zu blamieren.

In Deutschland ist die feministische Community ungefähr zweigeteilt. Die Zeitschrift Emma, herausgegeben von einer Feministin meiner Generation, und die Zeitschrift Missy Magazine, herausgegeben von jungen Feminist*innen, haben annähernd dieselbe gedruckte Auflage: Emma 28 000, Missy 25 000 Exemplare. „Staunen ist kein geordnetes Betrachten, sondern die reine Freude an dem, was sich dem Auge bietet“, schreibt Aharon Appelfeld in seinem Roman Meine Eltern über seine Mutter. Mich interessieren die Autor*innen und Leser*innen von Missy. Stellvertretend für ihre Generation habe ich neun Frauen* befragt und mich ihnen auf ähnliche Weise genähert, wie Appelfeld seine Mutter beschreibt. Ich bin im Verlauf meiner Arbeit an diesem Buch immer glücklicher geworden – weil das Gespräch mit den jungen Frauen mich belebt hat wie eine Reise, aber auch weil ich nun definitiv weiß, dass es weitergeht. Und wie!

Während des Arbeitsprozesses begleitet haben mich nicht nur Laurie Pennys Bücher, aber die besonders. Laurie, I love your rage.

Bestandteile einer Feministin

An einem Sonntag Anfang Oktober 2017 wohnte ich in Berlin einem Gottesdienst bei. Mir ist zwar alles Religiöse fremd, aber am Ende sollte mein Mann im Chor ein Stück von Mendelssohn Bartholdy singen, das wollte ich mir nicht entgehen lassen. In meine wattierte Jacke gehüllt, trotzte ich der Erntedankstimmung und las auf meinem E-Book-Reader Marcel Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben. Das Desinteresse des Autors an jüdischer Religion gefällt mir, und doch blieb sein Judentum zeit seines Lebens an ihm kleben. Die Verfolgung durch die Nazis und der polnische und deutsche Antisemitismus nach dem Krieg erlaubten ihm nicht, seine Geburt zu ignorieren. Ähnlich erging es meiner Mutter, die von einer sozialistischen Revolution träumte, nach der es Rassismus und Antisemitismus nicht mehr geben würde. Mit dem Antisemitismus stalinistischer Prägung hat sie sich meines Wissens nie auseinandergesetzt.

Der Priester in seinem hübschen cremefarbenen Gewand mit hellgrünen Bordüren machte einen sympathischen Eindruck. Als er in seiner Predigt von der Bedeutung der Dankbarkeit sprach, horchte ich auf und unterbrach meine Lektüre. Ich ertappte mich dabei, mir zu überlegen, ob ich Grund habe, dankbar zu sein. Ja, doch. Bestimmt nicht einem Gott, sehr wohl aber den Umständen meiner privilegierten Geburt. Während meine Großeltern mütterlicherseits im Vernichtungslager Treblinka auf unvorstellbar grausame Weise zu Tode gebracht wurden, meine Eltern 1938 aus Österreich fliehen und mittellos in der Fremde ein neues Leben aufbauen mussten, wurde ich mitten im Krieg in einer friedlichen englischen Kleinstadt geboren, wurde gehätschelt, adrett gekleidet, fotografiert und geistig gefördert.

Nachdem meine Eltern nach Wien zurückgekehrt waren, lernte ich im Alter von fünf Jahren, ohne den Prozess überhaupt wahrzunehmen, meine zweite Sprache, ein geistiger Vorsprung, der hierzulande bei den Kindern der Migrant*innen immer noch nicht ausreichend gewürdigt wird. Ich besuchte das Gymnasium, machte die Matura und studierte. Niemals stand zur Debatte, dass ich Ehefrau und Mutter werden sollte. Im Gegenteil: Meine Mutter, deren Lebensumstände ihre künstlerischen Ambitionen ausgetrocknet hatten, tat alles, um dem in den trüben Fünfzigerjahren herrschenden Anspruch an ein Frauenleben entgegenzuwirken. Dafür bin ich ihr dankbar. Leider habe ich es ihr nie gesagt. Mehr noch als ihre Worte bestimmte mich aber das Negativbild ihres eigenen unerfüllten Lebens. Eine Existenz als Mutter und Hausfrau war wohl das Letzte, was sie sich nach dem Abitur in Warschau von ihrer Zukunft erwartet hatte. Knapp vor ihrem Tod bezeichnete sie ihr Leben einer Journalistin gegenüber als gescheitert, wohl das traurigste Fazit, das ein Mensch über seine Zeit auf Erden ziehen kann.

Dankbar bin ich für die Periode des Friedens, in der mein Leben dahinfließt, während so viele Menschen in anderen Teilen der Welt nichts als Krieg und Gewalt kennen. Ich bin auch dankbar für meinen bescheidenen Wohlstand, der in anderen Regionen purer Luxus wäre. Ich weiß, dass ich diesen Wohlstand der historischen und aktuellen Ausbeutung von Menschen anderswo zu verdanken habe. Und schließlich bin ich dankbar für das Privileg, in einem politischen System zu leben, das mir erlaubt, zu denken, zu schreiben, zu lieben und mich zu kleiden, wie es mir passt. Und das mich nicht daran gehindert hat, kinderlos zu bleiben. Ob ich dankbar dafür bin, eine weiße Haut zu haben, weiß ich nicht. Es ist mir unangenehm, einer Dominanzkultur anzugehören, die überwiegend nicht bereit ist, ihre Privilegien zur Kenntnis zu nehmen.

Und doch war ich innerhalb meiner kleinen österreichischen Welt als Frau benachteiligt. Warum, bedarf keiner Erklärung, so viel hat sich herumgesprochen. In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren gab es noch Gesetze, die mich diskriminierten, und selbstverständlich war der Schwangerschaftsabbruch illegal. Die größte Hürde jedoch, die mir die Zukunft verbaute, war emotionaler und kultureller Natur. Nicht jeder Frau erging es wie mir. Zu allen Zeiten gab es robuste, willensstarke Frauen, die gesellschaftliche Konventionen ignorierten und sich durch noch so viele Gesetze und kulturelle Vorgaben nicht daran hindern ließen, durchzusetzen, was in ihnen steckte. Ihnen gilt meine unumschränkte Bewunderung. Ich war nicht so strukturiert, vielleicht auch weil ich trotz des emanzipatorischen Anspruchs meiner Eltern zu den Marginalisierten gehörte. In England waren wir Flüchtlinge, in Österreich waren die Rückkehrer*innen unerwünscht, hatten diese doch miterlebt, was man ihnen vor ihrer „Auswanderung“ angetan hatte. Daran wollten die Einheimischen nicht erinnert werden.

Meine Mutter durfte ihr Studium an der Kunstgewerbeschule nicht abschließen und eilte nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland auf der Suche nach einem Visum für irgendein Land mit wachsender Verzweiflung von Botschaft zu Botschaft. Ob ich diese Marginalisierung als Kind gespürt habe? Meine Mutter gewiss. Aber neuere Erkenntnisse aus der Neuro- und Molekularbiologie haben auch ergeben, dass wir die Erfahrungen erben, die unsere Eltern vor unserer Geburt gemacht haben. Erst allmählich lernte meine Mutter, in Wien nicht jedem Menschen jenseits des Kindesalters zu misstrauen, zu viele ehemalige Nazis waren im Umlauf. Was sie antwortete, wenn man ihr vorhielt, es in der Emigration besser gehabt zu haben als die „arischen“ Wiener*innen, die den feindlichen Bomben ausgeliefert waren, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie den nervösen Tick entwickelt hatte, von Zeit zu Zeit ohne erkennbaren Grund die Hände aufeinanderzupressen und ihren Kiefer zu einer Grimasse erstarren zu lassen. Ich war daran gewöhnt. Über den abscheulichen Tod ihrer Eltern sprach sie nie. Ihre beiden nach Australien ausgewanderten Geschwister sah sie erst in den Siebzigern wieder. In Wien war sie allein, und auch mein eingeborener Vater war ihr keine große Hilfe.

Was mich hemmte, war ein Gefühl tiefer Minderwertigkeit. Zu Beginn schien ja alles in Ordnung. In England war ich ein putzmunteres Kind, das in unserer Straße von Haus zu Haus flanierte, um mit den dort tätigen Hausfrauen zu schwatzen. Ein Kind, das im Park sich sonnende tätowierte Matrosen ansprach und sie zum Stillhalten aufforderte, damit es sich die Bilder auf ihrer Haut anschauen könne. Auch die Schule verlief problemlos.

Als ich im Sommer 1948 mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in Wien eintraf, sprach ich kein Wort Deutsch. Anfangs war es ein Schock. Ich konnte die auf der Straße spielenden Kinder nicht verstehen. Das redselige Mädchen war plötzlich stumm geworden und kündigte an, die Einzimmerwohnung, in der die Familie vorübergehend untergekommen war, nie wieder zu verlassen.

Doch als ich im Alter von sieben Jahren eingeschult wurde, war mein Deutsch schon einwandfrei. Nur Socken mochte ich nicht stricken. Meine acht- oder neunjährigen Kinderhände verweigerten sich den fünf Stricknadeln. Braun war die Wolle, ich weiß es noch genau. Der Lehrer, ein cholerischer Mann, der uns mit seinem Schlüsselbund bewarf, wenn ihm etwas nicht passte, warnte mich, dass ich keinen Ehemann finden würde, und beschimpfte mich als Modepuppe, weil ich besser gekleidet war als meine in der Nazizeit aufgewachsenen Mitschülerinnen. Meine Mutter lenkte ihre unbefriedigten künstlerischen Ambitionen in das Nähen hübscher Kleider für mich und sich selbst. Auch dafür bin ich ihr dankbar. Immer noch macht es mir Spaß, mich gut zu kleiden.

Eine Modepuppe, die keinen Mann finden wird – dass mich diese Warnung besonders beeindruckt hat, erscheint mir unwahrscheinlich, zumal meine Mutter über meinen Bericht in schrilles Gelächter ausbrach.

Wie das leutselige Kind zu einem übertrieben schüchternen Teenager wurde, weiß ich nicht. Ich besuchte eine Mädchenschule, war eine gute Schülerin und hatte auch Freundinnen, doch ich fühlte mich einsam und unzugehörig. Als ich – später als viele in meiner Klasse – die Regel bekam, führte mich meine Mutter in den Gebrauch der Binde ein und setzte, an der Badezimmertür lehnend, den mir schon bekannten traurig umflorten Blick auf.

Was ist?, fragte ich. Jetzt bist du eine Frau, seufzte sie. Keine ermutigende Initiation. Bis mir im Alter von vierzig Jahren die Gebärmutter entfernt wurde, was ich als Befreiung erlebte, war mir die monatliche Blutung eine Belästigung, die stets mit der Angst vor sichtbaren Blutflecken verbunden war. Mit dem Aufkommen von Tampons wurde die Angelegenheit erträglicher, denn wenn es keine Toilette gab, etwa bei einem Schulausflug, hatten die blutgetränkten Binden zuvor an der empfindlichen Innenhaut des Schritts gescheuert.

Neben diesem Seufzer meiner Mutter ist mir noch die Ermahnung in Erinnerung, meine Knie in der Straßenbahn zusammenzuhalten. Auf mein Warum erhielt ich keine Antwort. Ich wusste sofort, dass es etwas mit dem Zugang zu meinem Körper zu tun hatte, der aus irgendeinem Grund geschützt werden musste. Seltsam, wie tief sich gerade solche an sich unbedeutenden Äußerungen einprägen. Ebenso wie später die Bemerkung meiner Mutter, manche Frauen würden es brauchen, sie jedoch würde es nicht brauchen. Ich ahnte nur unbestimmt, was sie meinte. Was sich mir jedoch vermittelte, war, dass Frausein keine erfreuliche Angelegenheit war.

Es muss bei uns zu Hause ziemlich körperlos zugegangen sein. Ich kann mich an keine liebevollen Berührungen erinnern. Wenn ich heute junge Mütter mit ihren Babys sehe, die im Tragetuch glückselig schlummern, beneide ich sie. Nicht die Mütter, sondern die Babys. Als ich einmal in einer gruppendynamischen Sitzung mit Töchtern und Söhnen von Holocaust-Überlebenden vor die Frage gestellt wurde, von wem ich lieben gelernt hatte, traf es mich wie ein Schlag: Ich habe nicht lieben gelernt. Ich konnte meine Eltern nicht lieben, meine Mutter noch weniger als meinen Vater. Mein ganzes Leben habe ich mich an meiner Mutter abgearbeitet, die mich – so mein Gefühl – nie ermuntert und gelobt hat. Stolz war sie schon auf mich, wenn ich einen Vortrag hielt oder ein Buch veröffentlichte, aber es war ein an die Außenwelt gerichteter Stolz, keine liebevolle Freude über die Leistung ihrer Tochter. Als mein Vater 1974 starb und meine Mutter 1999, konnte ich nicht um sie weinen. Ich war keine gute Tochter, sie hat es mir oft genug vorgeworfen und hielt sich an meinem Bruder schadlos.

Das prägendste Gefühl meiner Jugendjahre war Hunger nach Liebe. Später suchte ich sie bei Männern, und natürlich konnte mir keiner geben, was ich brauchte. Bereitwillig bot ich mich als Beute an und wurde immer wieder von neuem verletzt. Ich hatte kein Selbstwertgefühl, hielt mich nicht für gleichwertig und konnte mir nicht vorstellen, wie ein dem übergeordneten Geschlecht Angehörender eine so minderwertige Person wie mich lieben konnte. Tatsächlich liebten mich die wenigsten, und jene, die es doch taten, konnte ich nicht lieben.

Gleichzeitig hatte ich durchaus selbstbewusste politische Meinungen, dachte radikales Zeug und träumte wie meine Mutter von der Revolution. Doch als ich als Teenager Hemingways Wem die Stunde schlägt las, identifizierte ich mich nicht mit dem Guerillakämpfer im Spanischen Bürgerkrieg Robert Jordan, sondern mit der jungen Guerillera Maria, zu der Jordan in romantischer Liebe entbrennt. Niemals führte ich in meiner Phantasie selbst einen Kampfeinsatz an, sah mich nur als Geliebte des Helden. Einen Roman nach dem anderen verschlang ich, und nie fehlte darin die Liebe. Als Raskolnikow in Dostojewskis Schuld und Sühne im sibirischen Gefangenenlager seine Liebe zu Sonja erkennt, verändert er sich und ist zu bereuen bereit. Die Liebe zu einer Frau läutert den Helden. Diese Rolle wollte ich spielen.

Als ich in den frühen Siebzigern Feministin wurde, erkannte ich, wie sehr die – überwiegend von Männern geschriebene – Literatur mein Frauenbild und meine Vorstellungen von der Liebe geprägt hatte. Einige Jahre lang las ich dann nur noch Bücher von Frauen.

Interessant ist rückblickend die Mischung aus großer Schüchternheit und Furchtlosigkeit. Einen Raum zu betreten, in dem sich mehrere Personen befanden, die ich nicht kannte, war für mich eine Qual. Noch heute fühle ich mich unwohl unter Menschen, wenn mir kein offizieller Raum zugewiesen wird. Bekomme ich ihn, ist von meiner Schüchternheit und Unsicherheit nichts mehr zu spüren. Es ist, als wäre ich auf mich allein gestellt nichts als ein Schatten, der erst mithilfe einer äußeren Instanz zum Leben erwacht.

Die Rolle der äußeren Instanz, die mir Bedeutung zuwies, erfüllten dann auch die Männer. Gleichzeitig begab ich mich als junge Frau immer wieder in riskante Situationen, reiste allein per Anhalter durch Italien, Frankreich, Deutschland, England und stieg in jedes Auto, das für mich anhielt. Ich war davon überzeugt, durch das Gespräch Gefahr von mir abwenden zu können. Meistens gelang es. Aber nicht immer.

In das richtige Leben wagte ich mich nur zaghaft. Bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren wohnte ich zu Hause in unserer kleinen Neubauwohnung am Stadtrand, in der ich kein Zimmer für mich allein hatte. Nach dem Aufstehen musste ich mein Bett zu einer Couch umbauen, um dem Wohnzimmer Platz zu machen, in dem meine Mutter am Nachmittag Schüler*innen Englischunterricht erteilte. Dieser Zustand wurde immer unerträglicher, aber mein Studium zog sich hin, und ich traute mir nicht zu, mir mit Nachhilfestunden und diversen Jobs als Übersetzerin, Schreibkraft und Hostess bei Konferenzen ein unabhängiges Leben zu verdienen. Wohngemeinschaften gab es damals noch nicht.

Ich befasste mich zwar viel mit der Welt, der kleinen Welt meines eigenen Lebens wagte ich mich jedoch nicht zu stellen. Meine Eltern ermunterten mich auch nicht dazu und boten mir niemals an, mich für den Start ins Leben finanziell zu unterstützen. Meinem Bruder nahm diese Umklammerung die Luft zum Atmen. Im Alter von zweiundfünfzig Jahren nahm er sich nach dem Tod unserer Mutter das Leben. Mich haben die Männer gerettet. Der Sog, den sie und die Hoffnung auf Liebe auf mich ausübten, half mir, mich von meinem Elternhaus zu entfernen. Mein Bruder blieb kleben.

Als ich endlich den Absprung schaffte, zog ich in ein fensterloses Untermietzimmer. Dort war es wie in einer Gefängniszelle und doch eine Befreiung. Nie werde ich die betroffenen Gesichter meiner Eltern vergessen, als ich den Koffer packte. Es dauerte lange, ehe sie sich damit abgefunden hatten, dass ihre Tochter erwachsen geworden war. Dabei war meine Mutter selbst nach dem Abitur von Warschau nach Wien gezogen, um an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Sie wollte weg von der Familie, und anders als bei mir bezahlten die Eltern ihr den Unterhalt. Schließlich gelang es mir dank purer Naivität, am anderen Donau-Ufer eine bezahlbare helle Garçonniere zu mieten, eine geräumige Einzimmerwohnung. Über die genaueren Umstände des Zustandekommens dieses Mietvertrags wird noch zu berichten sein.

Von da an ging’s bergauf. Es waren die späten 1960er, und ich geriet in die linke Szene. Seit meinen Teenagerjahren war ich ein politischer Mensch gewesen. Vieles hat mir an meinen Eltern nicht gepasst, doch politisch musste ich mich nie von ihnen distanzieren. Besonders dafür bin ich ihnen dankbar. Ich musste mich nicht für meine Eltern schämen.

Als ich lange nach dem Tod meines Vaters seine Papiere durchforstete, entdeckte ich kluge Leserbriefe, die er an diverse Zeitungen geschrieben hatte, namentlich an das Organ der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) Arbeiter-Zeitung. Besonders der Vietnamkrieg beschäftigte ihn sehr. Er wäre gern Journalist geworden, doch die Lebensumstände ließen es nicht zu. Aus einfachen Verhältnissen stammend, wurde er ein kleiner Angestellter, dann die Arbeitslosigkeit in der Zeit der Wirtschaftskrise, dann die Emigration und das Überleben in England als Hausangestellter, dann nach der Rückkehr die Notwendigkeit, im Nachkriegswien für die Familie zu sorgen. Es reichte eben nur für Leserbriefe.

Meine Mutter war eher eine „Salonkommunistin“, die nicht bereit war, einmal eingenommene Positionen zu hinterfragen. Verständnislos erlebte sie noch die Wende in Europa. Mein Vater wäre vielleicht in der Lage gewesen, sich mit den historischen, kulturellen und ökonomischen Ursachen des Zusammenbruchs des sozialistischen Systems auseinanderzusetzen.

Politik war immer Thema bei uns zu Hause. Die Arbeiter-Zeitung interessierte mich als Jugendliche in den Fünfzigern zwar nicht, aber die Befreiungskriege in den britischen Kolonien verfolgte ich aufmerksam. Wir hatten die englische fotojournalistische Zeitschrift Picture Post abonniert. Wenn der Briefträger sie zusammen mit anderen englischen Zeitungen, darunter auch eine Mädchenzeitung für mich, zu einem dicken Packen eingerollt brachte, stürzten wir uns darauf wie auf ein kostbares Geschenk.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Begeisterung studierte ich die Fotostrecke über die Mau-Mau-Guerillabewegung, die die Kolonialherrschaft der weißen Siedler in Kenia ins Wanken brachte und mit einem immensen militärischen Aufwand von Großbritannien bekämpft wurde. Fast die gesamte Bevölkerung Zentralkenias wurde in Internierungslager gepfercht. Die Bilder von den weißen Bewachern in Kniehosen, die ihre Gewehre auf die auf dem Boden hockenden Afrikaner*innen richten, riefen in mir Erinnerungen wach, die ich gar nicht hätte haben können. Mit all meiner jugendlichen Empathie identifizierte ich mich mit den schwarzen Kämpfer*innen und war überzeugt, dass sie letztlich siegen würden. Was auch tatsächlich eintrat. 1963 musste Großbritannien Kenia in die Unabhängigkeit entlassen. Noch immer glaube ich daran, dass keine Unterdrückung ewig währt. Alle Menschen auf der Welt haben den Willen zur Freiheit. Das Bewusstsein für die Menschenrechte ist keine europäische Erfindung. Nur müssen alle ihren eigenen Weg dorthin finden.

1958 fand im englischen Aldermaston zu Ostern ein Marsch für nukleare Abrüstung statt. Es war die erste Protestbewegung in Westeuropa nach dem Krieg, die ich bewusst wahrnahm. Ungeduldig erwartete ich das Eintreffen der Ostermärsche in Österreich. 1963 war es endlich so weit. Wie es der Zufall will, erschien an prominenter Stelle ein Foto von mir als junger Demonstrantin im Zentralorgan der Kommunistischen Partei Volksstimme.

Ich marschierte mit, Jahr für Jahr, aber immer blieb ich allein. Auch die Studentenbewegung von 1968 erwartete ich sehnsüchtig, besuchte Teach-ins und demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und den Schah von Persien. Immer allein. Anfangs nahm ich an dieser oder jener Versammlung von Studierenden teil, doch ich fand keinen Anschluss. Das aggressive Auftreten der Männer ebenso wie der Frauen erschreckte mich und schüchterte mich ein. Sie schienen so selbstbewusst, ihrer Sache so sicher zu sein. Ich selbst fühlte mich wie eine leere Hülle.

Zur selben Zeit lernte ich meinen politisch engagierten Freund kennen, der bald in meine kleine Wohnung zog. Er war es, der den Kontakt zu einer Gruppe junger Leute herstellte, Frauen und Männer, die sich mit der „Frauenfrage“ beschäftigten. Sie nannten sich „Arbeitskreis Emanzipation“. Und mit einem Mal war all meine Schüchternheit verflogen. Ich hatte mein Thema gefunden. Nun wusste ich es genau: Das Patriarchat war schuld an meinem bisherigen Unglück. Erst später erkannte ich, dass diese Erklärung zu kurz griff, aber das spielte damals keine Rolle. Die Erleichterung über diese Erkenntnis verlieh mir Flügel. Schon bald wurde ich beauftragt, meinen ersten öffentlichen Vortrag zu halten, und ich hatte keine Scheu.

Es dauerte nicht lange, bis es in der Gruppe zu Konflikten zwischen den Männern und den Frauen kam. Obwohl man sich die Frauenfrage zum Thema gewählt hatte, hielten vor allem die Männer weiter an der marxistischen These von Haupt- und Nebenwiderspruch im Kapitalismus fest. Zuerst ginge es darum, den Hauptwiderspruch – das Verhältnis von Kapital und Arbeit – anzugehen, dem Nebenwiderspruch, der Frauenfrage, würde man sich später widmen.

Als wir 1969 im Kursbuch 17 zum Thema „Frau, Familie und Gesellschaft“ Karin Schrader-Kleberts Aufsatz „Die kulturelle Revolution der Frau“ lasen, flippte die Mehrzahl der Frauen in der Gruppe vor Begeisterung förmlich aus. Es war wie eine Erleuchtung. Die Autorin schrieb: „Der geschichtlich begründete Antagonismus zwischen Mann und Frau kann nur auf dem Wege der Selbstbewusstwerdung und Politisierung der Frau überwunden werden, die sie selbst erreicht und durchführt.“ Und: „Die Situation der Frau gleicht der des Negers in Amerika, aber ihre Strategie muss eine andere sein, weil sie anders an ihren Unterdrücker gebunden ist.“ (Für die diskriminierende Bedeutung des N-Worts gab es damals im deutschen Sprachraum noch keine Sensibilität.)

Die Afroamerikaner*innen können den Konsens mit der weißen Gesellschaft aufkündigen, schrieb Schrader-Klebert, die Frauen haben das Problem, durch die Liebe „an ihren Unterdrücker gebunden“ zu sein. „Die Frau muss die gesellschaftliche Natur des Menschen entweder total verändern oder ihren Status als Opfer und Objekt, ihren Verzicht auf Selbstbestimmung bis in alle Ewigkeit perpetuieren.“ Die spätere apodiktische Forderung der Lesbenbewegung „Feminismus ist die Theorie, Lesbianismus die Praxis“ ist nicht umsetzbar. Es wird immer genügend Frauen geben, die „an ihren Unterdrücker gebunden“ sind. Es geht also tatsächlich darum, „die gesellschaftliche Natur des Menschen“ total zu verändern.

Die Begeisterung der Frauen ging den Männern in unserer Gruppe gegen den Strich. Danach brachte ein weiterer Konflikt den Arbeitskreis endgültig zu Fall. Anlässlich des Muttertags organisierten wir Frauen eine Demonstration gegen das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs. Viele waren wir nicht auf der Mariahilferstraße, aber als einer der ersten lautstarken öffentlichen Auftritte zu diesem Thema sorgten wir für Medieninteresse. Im Radio sprach der Journalist, der mich interviewte, von demonstrierenden „Mädchen und Burschen“.

Nur ein einziger „Bursch“ aus unserer Gruppe solidarisierte sich mit uns Frauen. Die anderen hielten die Forderung nach Abschaffung des „Abtreibungsparagrafen“ 144 für reformistisch, also für das Gegenteil von revolutionär. Warum sie eigentlich nicht für die totale Veränderung der „gesellschaftlichen Natur des Menschen“ waren, kann ich nicht erklären. Sie dachten wohl, der Mann sei der Maßstab, an den sich die noch nicht hinreichend emanzipierte Frau anzugleichen habe.

Dafür spricht auch unsere gruppeninterne Kleiderordnung. Frauen hatten Hosen zu tragen. Hosen mit ihren zwei beweglichen Beinen symbolisierten das Fortschreiten, Röcke, zumal lange, den Stillstand. Damals waren aber bodenlange indische Wickelröcke modern. Hippielook. Ich hatte einen, den ich selbstredend nicht zu den Gruppentreffen trug. Als ich einmal dergestalt angetan einem aus unserer Gruppe auf der Straße begegnete, flüchtete ich in einen Hauseingang. Das gab mir ernsthaft zu denken. Am Ende war unsere Gruppe nur noch Geschichte.

In den USA, in Frankreich, in der Bundesrepublik gingen die Frauen mit radikalen Forderungen auf die Straße und schrieben Bücher, die wir verschlangen. Genauso, wie ich in den frühen Sechzigern ungeduldig die Ankunft der Anti-Atombomben-Bewegung aus England erwartet hatte, wartete ich nun auf die Frauenbewegung. Doch diesmal ergriff ich selbst die Initiative. Angeregt durch einen Vortrag einer Vertreterin der Schweizer Frauenbefreiungsbewegung FBB, beschlossen sieben Frauen aus zwei verschiedenen Gruppen, dass wir den Schweizerinnen nicht nachstehen wollten.

Im Herbst 1972 fand in der Wiener Innenstadt das erste feministische Treffen statt, das wir damals aber noch nicht so nannten. Feminismus verbanden wir mit einer überwiegend in den USA beheimateten bürgerlichen Frauenbewegung. Und bürgerlich wollten wir auf keinen Fall sein. Noch hatte das männerdominierte linke Revolutionsdenken seinen Zugriff auf uns nicht verloren. Der Zulauf zu unserem improvisiert einberufenen Treffen war überwältigend. In einem Thesenpapier rechtfertigten wir uns zwar für den Ausschluss der Männer, doch sehr bald hatten wir anderes zu tun. Wir nannten uns „Aktion Unabhängiger Frauen“ (AUF).

Mittlerweile war ich dreißig geworden und keine leere Hülle mehr. Ich hatte etwas zu sagen. Ohne es bewusst gewollt zu haben, nur kraft meiner jugendlichen Energie und Begeisterung für die „totale Veränderung der Natur des Menschen“, entwickelte ich mich zu einer sichtbaren Figur der österreichischen Frauenbewegung, die erst allmählich den Mut aufbrachte, sich feministisch zu nennen. Ich gehörte zu jenen, die keine Angst vor Journalist*innen hatten und begriffen, dass unser Kampf um Gerechtigkeit ohne die Medien keine Breitenwirkung erzielen würde, egal wie sie über uns berichteten. Während manche es ablehnten, mit männlichen Journalisten zu sprechen, stellte ich mich allen zur Verfügung, die etwas von mir wissen wollten, und nahm jede Einladung zu einem öffentlichen Auftritt an.

Je ablehnender das Publikum, desto streitbarer wurde ich. Ein zentraler Antrieb für meinen Aktivismus blieb die Liebe. Ich wollte die Kluft zwischen Männern und Frauen überwinden, die die heterosexuelle Liebe in meinen Augen unmöglich machte und für so viel emotionales Elend sorgte. Als zunehmend erfahrene Rednerin wurde ich zu Podiumsdiskussionen und Vorträgen eingeladen, gab Interviews für Radio und Fernsehen, schrieb zuerst in unserer feministischen Zeitschrift, wurde später von linken und bald auch von weniger linken Medien mit Kommentaren und Artikeln beauftragt und machte schließlich – reichlich spät für heutige Verhältnisse – den Journalismus und das Schreiben zu meinem Beruf. Mein Lieblingsprojekt waren meine – honorarfreien – Kommentare unter dem Titel „Fragen Sie Xantippe“ in einer trotzkistischen Zeitschrift. Das Logo der Kolumne war eine kleine Schere.

Marginalisiert bin ich geblieben. Eine feste Anstellung mit sicherem Einkommen blieb mir verwehrt. Anders als heute, wo Margarete Stokowski ihre frechen Kommentare bei Spiegel Online veröffentlichen kann, war eine ausgewiesene Feministin für österreichische Mainstream-Medien untragbar. Als ich einmal kurzfristig beim Österreichischen Rundfunk in die engere Wahl kam, scheiterte meine Bewerbung daran, dass in der entsprechenden Redaktion bereits eine als Frauenrechtlerin bekannte Journalistin tätig war. Zudem waren wir befreundet. Zwei von unserer Sorte in einer Redaktion wollten sich die Herren nicht zumuten.

Doch das Schicksal der marginalisierten Freiberuflerin teile ich heute mit vielen meiner Kolleg*innen. Es ist auch überhaupt nicht schlimm, denn die fehlende Sicherheit wurde wettgemacht durch ein Mehr an Freiheit.


Kenne deinen Körper: Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Der Frauenkörper galt lange als Mysterium. Dies ist durch das Bild der Frau und ihrem geringeren Wert gegenüber dem Mann in der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gefördert worden. Im Zuge der Gleichberechtigung hat sich dies geändert. Die Frau darf nun auch ein sexuelles Wesen sein, dass seine eigene Sexualität entdeckt.

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Coming SoonComing Soon

Orgasmus ist Übungssache - In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt

Wenn wir eine Sache beherrschen wollen, üben wir: Wer gut Klavier spielen will, nimmt Unterricht, wer tanzen will wie eine Ballerina, trainiert regelmäßig. Dieser Grundsatz gilt in allen Lebensbereichen – nur beim Sex denken wir, dass alles von selbst klappen muss. Wie falsch diese Annahme ist, belegen die Zahlen: Nur jede dritte Frau kommt beim Sex regelmäßig zum Höhepunkt. Dabei könnte es ganz einfach sein: Denn genau wie ein Pianist seine Finger trainieren muss, muss die Vagina erst sensibilisiert werden, um beim Sex etwas empfinden zu können. Wie das geht, erklärt Dania Schiftan in diesem Buch – und hilft uns ganz nebenbei, unseren Körper besser kennenzulernen.

Inhalt:

Einleitung

1. Schritt: Kleine Anatomiestunde: die Vagina, die Vulva und die Klitoris

2. Schritt: Wo stehe ich?

3. Schritt: Wie bin ich da hingekommen? – Meine sexuelle Vergangenheit

4. Schritt: Move it! – Warum Bewegung entscheidend ist

5. Schritt: Der Beckenboden und warum er so wichtig ist.

6. Schritt: Reine Kopfsache? – Sexuelle Fantasien

7. Schritt: Swing it! – Die Beckenschaukel

8. Schritt: Mehr Egoismus!

9. Schritt: Swing it together! – Bewegung im Duett

10. Schritt: Zusammen abheben

Die Übungen im Überblick

Und jetzt viel Spaß!

Theorie für Wissenshungrige: die vier Erregungstypen

Interessantes für und über den Mann

Anhang


Frauen im Berufsleben: Überlebenstraining im Job

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Gesellschaft viel geändert: Frauen sind zu Präsidenten gekürt worden und Frauen bekleiden wichtige Managerpositionen. Doch gerade in der Tatsache, dass dies noch immer in den Medien als etwas Außergewöhnliches gefeiert wird, liegt die Krux: In einer gleichberechtigten Welt wären diese machterfüllten Ämter bekleidet von Frauen nichts Besonderes.

Blick ins Buch
Die freundliche FeindinDie freundliche Feindin

Weibliche Machtstrategien im Beruf

Mehr Frauen in Führungspositionen - das wollen (fast) alle gern. Oft aber wird dieses Ziel geradezu romantisch verklärt: Frauen seien friedfertiger, kommunikativer, teamfähiger … Ach, ja? Wer je unter den subtilen Grausamkeiten einer Bürokollegin, den Erpressungen einer lächelnden Chefin oder scheinbar aus dem Nichts auftauchenden bösen Gerüchten im Büro gelitten hat, wird anderer Meinung sein. Die Wahrheit ist: Zwar scheuen Frauen häufig die direkte Konfrontation und die offene berufliche Aggression. Aber sie benutzen andere Mittel, um sich unliebsamer Konkurrentinnen im Job zu entledigen. Für die Betroffenen kann das traumatisch werden. Der renommierte Coach Peter Modler erklärt, wie diese Mechanismen (unter denen auch Männer leiden) funktionieren und wie man am wirksamsten dagegen angehen kann.

Einleitung oder: Was zu diesem Buch geführt hat

 

Frauen gegen Frauen

Wenn eine hoch kompetente Frau in einer Führungsposition zu einem Coach wie mir kommt, dann oft deshalb, weil sie mit männlichen Widerständen in der Firma klarkommen muss. Immer diese Rangkämpfe, diese nervenden Revierauftritte, diese kräftezehrenden Rivalitätsspiele!

In den letzten Jahren habe ich es aber auch immer häufiger mit leistungsstarken Frauen zu tun, die mit den männlichen Mitarbeitern oder Vorgesetzten kaum noch ein Problem haben. Stattdessen treffen sie bei der Arbeit auf einen Gegner, mit dem sie zuerst gar nicht gerechnet hatten: andere Frauen nämlich. Die Erfahrungen, die damit verbunden sind, können sehr bitter sein.

Wahrscheinlich ist der Grund dafür eine Entwicklung, die eigentlich zuversichtlich machen könnte. Denn immerhin gibt es mittlerweile tatsächlich eine zunehmende Zahl von Frauen in Führungspositionen. Vielleicht weniger in den Vorständen der deutschen Konzerne. Aber – anders, als das öffentlich vielfach wahrgenommen wird – die sind für wirtschaftliche und politische Veränderungen schon immer weniger bedeutsam gewesen als etwa der Mittelstand. Dort jedoch haben wir schon heute einen Anteil von Frauen in Chefpositionen, von denen Konzerne nur träumen können – mit zunehmender Tendenz.

Da Machtauseinandersetzungen am Arbeitsplatz zur selbstverständlichen Realität gehören, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch unter Frauen zeigt, und nun ist es also so weit. In gewissem Sinne ist es ein Zeichen für eine Normalisierung.

Für die davon Betroffenen ist das allerdings ein schwacher Trost. Aus der Sicht der solche Konflikte erlebenden Frauen ist diese berufliche Aggression nämlich oft ganz besonders schmerzlich. Nicht zuletzt deshalb, weil frau gedacht hatte, gerade von den Menschen aus demselben Kommunikationssystem viel besser verstanden zu werden. Nun stellt sich vielfach heraus, dass eben dieses tatsächlich tiefere Verstehen sogar zu einer Waffe werden kann.

Wenn Männer solche Auseinandersetzungen mitbekommen (falls überhaupt), dann sind ihre Reaktionen oft nur mühsam verdeckte Eingeständnisse eigener Inkompetenz. Ihre vorschnelle Abwertung dieser Muster als „Zickengehabe“ oder „Stutenbissigkeit“ drückt in der Regel nur größtmögliche Hilflosigkeit aus: Keine Ahnung, was da passiert und wie ich mich als Chef oder Kollege dazu verhalten soll!

Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass der gute Umgang mit Geschlechterdifferenzen eine Bedingung für erfolgreiches Wirtschaften ist. In zweien meiner Bücher – Das Arroganz-Prinzip und Die Manipulationsfalle – habe ich detailliert dargestellt, wie sich Frauen in männlich dominierten Arbeitsbereichen behaupten können.

Das Bild wird aber erst komplett, wenn nicht ausgeblendet wird, wie Frauen andere Frauen am Arbeitsplatz behandeln. Und das ist, so anders man es sich auch wünschen würde, nicht immer schön. Als Mann sehe ich dieses System, zugegeben, von außen. Das betrachte ich inzwischen aber eher als Vorteil: Der Blick eines sympathisierenden Beobachters kann ausgesprochen produktiv sein, gerade weil er nicht die dort selbstverständlichen Reflexe teilt.

Im ersten Kapitel beschreibe ich, wie sich berufliche Aggression unter Frauen aufbaut. Eines ihrer Kennzeichen ist, dass sie sich indirekt äußert (und darum anfänglich auch schwer zu erkennen ist). Wenn man aber bei so einer Eskalation zu spät handelt, kann das zu traumatischen Erfahrungen führen.

Anhand vieler Beispiele wird im zweiten Kapitel das handwerkliche „Waffenarsenal“ dargestellt, das in diesem System eingesetzt wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei offiziell demonstrierte Freundlichkeit, die nichts weiter darstellt als eine Maske, hinter der sich heftigste Angriffe verbergen können.

In Kapitel drei beobachte ich eine der Meisterinnen dieser Kampfkünste, nämlich Heidi Klum in ihrer Sendung Germany’s Next Topmodel. Man muss sie nicht mögen, aber man kann viel von ihr lernen.

Kapitel vier betrachtet die Eigenheiten von Ausschlussstrategien in horizontalen Aggressionsmustern – sie können Männer genauso empfindlich treffen wie Frauen. Aber hilflos hinnehmen muss man sie nicht.

Im fünften Kapitel nehme ich eine Berufs- und Lebenswelt unter die Lupe, in der scheinbar alle Ideale horizontaler Kommunikation erfüllt sind: achtsamer Umgang, gewaltfreier Alltag, hohe Kommunikationsdichte, selbstverständliche Rücksichtnahme. Leider heißt das in der Praxis nicht zwangsläufig, dass es funktioniert.

Kapitel sechs stellt entmythologisierende Forschungsergebnisse vor, die alle zum selben Ergebnis kommen: Frauen sind nicht per se aggressionsloser als Männer, und bessere Menschen sind sie sowieso nicht. Allerdings haben weibliche Aggressionsstrategien durchaus ihre Besonderheiten.

Chefinnen haben es manchmal gerade mit Mitarbeiterinnen schwerer als mit Männern. Die Ansprüche an sie sind besonders hoch. Anhand von fünf Best-Practice-Beispielen zeige ich in Kapitel sieben, wie man gut damit umgehen kann.

Wenn Frauen weibliche Aggression am Arbeitsplatz erleben, müssen sie sich selbst schützen. Wie sie ihre eigenen „inneren Bodyguards“ finden, steht im Kapitel acht. Gerade für Frauen in Führungspositionen ist das besonders wichtig.

Männliche Vorgesetzte und Kollegen sind manchmal die Letzten, die mitbekommen, was da im Betrieb unter Frauen läuft. Trotzdem können sie in den Auseinandersetzungen eine wichtige Funktion haben. Die stelle ich in Kapitel neun dar.

Kapitel zehn fasst noch einmal in knapper Form zusammen, wie man angesichts freundlicher Feindinnen nicht nur überleben, sondern ihre Strategien im eigenen Interesse nutzen kann: Wenn man weiß, wie es funktioniert, lässt sich damit arbeiten.

 

Horizontal und vertikal

Ein Hinweis allerdings vorab: Wenn im Folgenden immer wieder scheinbar kategorisch von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen wird, ist das eine Vereinfachung. Eigentlich müsste ich von „horizontal Kommunizierenden“ reden und von „vertikal Kommunizierenden“. Diese Begriffe hat eine Frau erfunden, Deborah Tannen, Soziolinguistin an der amerikanischen Georgetown-Universität. Für vertikale Personen sind ihr zufolge zwei Achsen der sozialen Kommunikation extrem wichtig, nämlich a) die Rangordnung in der jeweiligen Gruppe und b) das Territorium, auf dem sie sich aufhalten. Das trifft mehrheitlich auf Männer zu, aber nicht ausschließlich. Auch eine Minderheit von Frauen kommuniziert so. Die beiden Achsen „Rang“ und „Revier“ bestimmen bei vertikalen Vertretern die gesamte Kommunikation am Arbeitsplatz. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Leute nicht inhaltlich werden könnten. Doch, können sie. Aber oft erst dann, wenn die Rang- und Revierfragen geklärt sind.

Demgegenüber bestimmen im horizontalen System ganz andere Achsen den täglichen Umgang miteinander, nämlich a) die Zeichen der Zugehörigkeit und b) das inhaltliche Interesse. Diese beiden Achsen können in einem beruflichen Rahmen ausgesprochene Stärken darstellen. Das horizontale System kann schnell berufsrelevante Beziehungen herstellen, eine einschließende Sprachkultur gegenüber Fremden (inklusive Kunden) entwickeln, rasch eine zufriedenstellende Arbeitsatmosphäre erzeugen und offene Aggression abbauen. Für viele Firmen besonders bedeutsam ist die hohe Geschwindigkeit, mit der es sachlich Probleme lösen kann, gerade weil es Rangfragen eher abgeneigt gegenübersteht.

Das hört sich zunächst nach etwas ausschließlich Positivem an. Aber auch diese beiden Achsen Zugehörigkeit/Inhaltliches Interesse haben ihre Schattenseiten, wie wir sehen werden. Horizontal kommuniziert eine Mehrheit von Frauen und eine Minderheit von Männern. Diejenigen, die sich für mehr Details zum Hintergrund dieser Sprachsysteme interessieren, erlaube ich mir auf meine genannten Vorgängerbücher hinzuweisen.

Beide Systeme haben jedenfalls ihre Schwächen und Stärken, und in einer reflektierten Zusammenarbeit wären sie so etwas wie ein Dream-Team. Wo sie aber unreflektiert aufeinandertreffen, wechselseitige Naivität das Wort führt und ihre Besonderheiten verdrängt werden, kann das tiefe Konflikte hervorrufen. In diesem Buch beschäftige ich mich fast ausschließlich mit dem horizontalen Kommunikationssystem, und ich will es deutlich sagen: Es hat seine herausragenden Stärken – aber ohne Aggressionsverhalten kommt es selbstverständlich nicht aus. Und moralisch besser ist es auch nicht.

Von anderslautenden Idealisierungen hat niemand etwas. Die Ausblendung der unangenehmen Seiten im horizontalen System führt leider nicht dazu, dass Aggressionen von Frauen gegen Frauen am Arbeitsplatz abnehmen, sondern nur dazu, dass darüber nicht laut geredet wird. Natürlich ist das eindeutig eingängigere Thema dasjenige von unterdrückerischen männlichen Chefs oder Kollegen versus ausgebeutete Frauen. Das trifft ja tatsächlich auch immer noch viel zu oft zu. Aber den Blick allein darauf zu beschränken hilft den Frauen, denen währenddessen andere Frauen beruflich das Leben schwer machen, natürlich überhaupt nicht.

Wie immer in meinen Büchern erlaube ich mir den Hinweis, dass in diesem Buch zwar authentische Fälle, nicht aber die tatsächlichen Namen der Beteiligten (auch nicht der Firmen!) verwendet werden. Wenn ein Name auftaucht, der Ihnen bekannt vorkommt, handelt es sich ganz bestimmt nicht um die reale Person. Also bitte keine falschen Zuschreibungen.

Ich danke meinen beiden Töchtern und meinem Freund Ekkehard Pohlmann für ihre kritische Sicht auf alles, was ich schreibe, meiner Mitarbeiterin Anne Kotterer für ihren persönlichen Einsatz gerade bei diesem Buch und den fünf Frauen aus Kapitel sieben, die sich mir für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Vor allem aber danke ich der Frau, mit der ich verheiratet bin: Ohne diese langen Gespräche am Rheinufer hätte ich vieles nicht verstanden.

Peter Modler

 

 

1 Die Stufen der Aggression oder: Wenn Frauen sich gegen Frauen wenden

 

Der Knochenbrecher

Über Aggression unter Frauen reden viele Frauen nicht so gern. Diejenigen, denen ich von meinem Projekt erzählte, waren regelmäßig befremdet darüber, dass sich ein Mann um dieses Thema kümmern wollte. Ausgerechnet! Wenn überhaupt, dann doch zumindest zusammen mit einer Frau! Im Übrigen stieß ich auch auffallend oft auf Zweifel, ob „Aggression“ unter Frauen überhaupt erwähnenswert häufig vorkomme. Klar, unter Männern oder von Männern, das auf jeden Fall, aber wieso bei Frauen?

Die Skepsis hielt meist so lange an, bis ich danach fragte, ob sie in der Pubertät oder etwas früher schon einmal die Erfahrung gemacht hatten, von einer engen Freundin hintergangen worden zu sein. Natürlich hatten sie das! Und wenn wir dann über diese Zeit sprachen, stellte sich sehr oft heraus, dass fast alle sie völlig gegenwärtig im Gedächtnis hatten. Das Gefühl, gerade von einer Person verraten worden zu sein, die man so mochte und der man so viel von sich offengelegt hatte, wurde immer noch heftig empfunden, mit allen Details. Auch wenn dieses Erlebnis schon Jahrzehnte zurücklag.

Nur hatten sie diese Erfahrung eben nicht als Akt der Aggression verstanden. Sie empfanden sie eher als etwas nur Privates, Persönliches, die Enttäuschung einer Beziehung eben, aber irgendwie auch geräuschlos, ohne offene Gewalterfahrung, niemand hatte dabei etwa herumgeschrien. Aber am Ende war das Erlebnis doch offensichtlich derart verletzend gewesen, dass keine der Betroffenen es je vergaß.

Wenn ich erwachsene Männer nach etwas Vergleichbarem aus ihrer Jugend frage, werden zwar auch schwierige und schmerzliche Erfahrungen angesprochen, aber ihr Bezugsrahmen scheint eher eine Gruppe gewesen zu sein, die Kumpel, die Mannschaft, in der man dann die oder jene Rolle hatte. Die Gruppe war jedenfalls deutlich bedeutsamer gewesen als etwa die jahrelange exklusive Freundschaft mit einer einzigen Person.

Schon ein kurzer Blick auf diese biografische Phase macht deutlich, wie unterschiedlich Aggression ausgetragen wird unter Personen aus dem vertikalen System, nämlich direkt, und andererseits Leuten aus dem horizontalen System, nämlich indirekt. Das Werkzeug der Wahl, der Transmissionsriemen der Aggression, ist im horizontalen System nicht zuerst die Hand, der Körper, der zum Schreien verzogene Mund, sondern vor allem die verbale Sprache selbst, oft sogar leise. Die Bibel wusste es natürlich schon lange: „Ein Hieb mit der Peitsche schlägt Striemen, aber ein Hieb mit der Zunge zerbricht Knochen“ (Jesus Sirach 28,17). Striemen sind deutliche Spuren, die jeder sehen kann, und der Verursacher ist leicht ausfindig zu machen. Bei Sprachaktivität – der „Zunge“ – ist das ungleich schwerer. Aber vor allem die macht die Aggressionsmöglichkeiten im horizontalen System aus. Natürlich auch im beruflichen Umfeld – gerade dort.

 

Schluss mit konstruktiv

Die IMBIO GmbH war eine Firma mit einem eigentlich sehr angenehmen Arbeitsklima. Alle Angestellten der Firma waren ebenso wie die Eigentümer von ihrem Konzept überzeugt – Import von Bioprodukten in Kooperation mit den Menschen vor Ort, Unterstützung nachhaltiger Landwirtschaft, sorgsamer Umgang mit Energie beim Transport. Leider befand sich die Firma mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon seit Jahren in einer finanziellen Schieflage. Dass es die Internationale Bioprodukte GmbH (IMBIO) überhaupt noch gab, lag allein daran, dass sie Teil einer Firmengruppe war, wo die Verluste jedes Jahr aufgefangen worden waren.

Doch auch deren Geduld war nun am Ende, und mithilfe eines externen Sanierers sollte die GmbH so rasch wie möglich schwarze Zahlen schreiben. Auch wenn das nicht ohne Härten ginge.

Der Sanierer machte sich ans Werk und erkannte sehr schnell, dass mehrere Frauen genau dieselben Tätigkeiten ausführten, während sich niemand für die Bereiche verantwortlich fühlte, die für die Firma eigentlich viel wichtiger waren. Darum sollte in einem Workshop herausgefunden werden, wer künftig am besten welche Aufgaben abdecken sollte. Es war von vornherein klar, dass es danach bei allen einen veränderten Zuschnitt der Aufgaben geben würde.

Der Workshop lief in einer konstruktiven Atmosphäre ab. Eines der Ergebnisse war, dass eine der Mitarbeiterinnen namens Sandra nun die Funktion einer Teamleiterin bekommen sollte. Da sie als Einzige noch kleine Kinder hatte und auch ihr Mann berufstätig war, meldete sie aber schon während des Workshops ihr Bedürfnis an, wenigstens einen Nachmittag in der Woche freizuhaben. Das sahen alle ein – eine junge Mutter, dafür muss man Verständnis haben.

Aber als es um die konkrete Festlegung der jeweiligen Arbeitszeiten ging, war Schluss damit. Keine einzige der Frauen war bereit, ihre Arbeitszeiten so zu ändern, dass Sandra einen Nachmittag für die Kinder hatte. Es war wie in einem Kindergarten: Wenn den Kolleginnen die Argumente ausgegangen waren, saßen sie nur stumm und bockig da, richteten ihren Blick ins Leere, gaben aber keinen Zentimeter nach. Obwohl jeder im Raum wusste, dass bei allen die Familiensituation nicht so kompliziert war wie bei Sandra. Weder der Sanierer noch die Eigentümer wollten jedoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, darum vertagte man sich und arbeitete weiter am Strukturkonzept. Einer der Eigentümer appellierte ausdrücklich an alle, intern nach einer guten Lösung zu suchen, mit der sie leben konnten.

Spiele mit der MachtSpiele mit der Macht

Wie Frauen sich durchsetzen

„Ich habe es zweimal gesagt. Meinst du, einer hätte zugehört? Und zwei Minuten später sagt Kollege Schröder das Gleiche, und alle sagen: Klasse, Schröder!“ – Welche Frau kennt nicht diese oder ähnliche Situationen? Marion Knaths verrät, was Sie tun müssen, damit Ihnen künftig alle zuhören, und sie zeigt, wie Sie als Frau beim Spiel mit der Macht am besten mitspielen.
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Frauen in Kunst & Wissenschaft: starke Revolutionärinnen ihrer Zeit

Viele Jahrhunderte hinweg galt der Mann als kulturelles Wesen, das die Welt entdeckt und erobert. Frauen als schwaches Geschlecht hingegen nahmen die Rolle hinter dem Herd ein. Doch die Geschichte lehrt, dass sie selbst in Zeiten, in denen Frauen nicht einmal studieren durften, wertvolle Entdeckungen tätigten. Die neuen Erkenntnisse wurden oft als weniger wichtig erachtet und erst Jahrzehnte später beachtet.


Frauenlebensgeschichten: durch die Männerwelt mit weiblichen Waffen

Längst mussten selbst eingefleischte Feministinnen erkennen, dass Männer und Frauen stets unterschiedlich sein werden. Es liegt in der Biologie begründet. Sie darf jedoch nicht als Begründung genutzt werden, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung vorzuenthalten. Wie es starken Frauen in der oft besungenen „Men’s World“ erging und wie sie für ihre Rechte kämpfen mussten, sind Themen in weiblichen Biographien.

Blick ins Buch
Franziska zu ReventlowFranziska zu Reventlow

Eine Biografie

Sie war der Stern der Münchner Boheme, Virtuosin der freien Liebe, Avantgardistin der Alleinerziehenden, Vorläuferin des modernen intellektuellen Prekariats und nicht zuletzt eine bis heute unterschätzte Schriftstellerin. Man hat in ihr die Urgroßmutter der sexuellen Revolution identifiziert, aber den Preis übersehen, den sie zahlte.  Am 25. Juli 1918 stürzt Franziska zu Reventlow in Locarno vom Fahrrad. Nach einer Notoperation stirbt sie am frühen Morgen des 26. Juli 1918 an Herzversagen – 47 Jahre alt.Weil sie, obwohl ein Mädchen, kompromisslos „ich“ sagte, wurde die junge Comtesse von ihrer Familie verstoßen und beinahe entmündigt. Die Vielliebende fand es verantwortungslos, an Männern, die ihr gefielen, vorüberzugehen. Sie streifte manchen intim, den man immer noch kennt, etwa Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Ludwig Klages. Zum ersten Mal wird die Biografie ihrer Lieben erzählt, denn auch Lieben sind Lebewesen: Sie werden geboren, reifen und sterben, aber nicht alle. In Kerstin Deckers ebenso tragischem wie komischem Bericht dieses Lebens bleibt vom Bild der robusten Männersammlerin fast nichts übrig. Es entsteht ein einzigartiges Mutter-Kind-Porträt und das Bild einer Frau, die eine so weltüberlegen-hochironische Prosa schrieb, dass es Männern schwerfiel, an eine Autorin zu glauben.
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Annette KolbAnnette Kolb

Dichterin zwischen den Völkern

„D’Leut ärgern“ wählte sich Annette Kolb (1870‒1967) schon als junges Mädchen zum Motto, doch nicht aus Bosheit, sondern weil sie ihre Meinung offen vertreten wollte. Sie war scharfsinnig und naiv, sie war Pazifistin und ging keiner Fehde aus dem Weg, sie trug als Deutsch-Französin zwei Vaterländer in ihrem Herzen und hatte Europa im Kopf. Ihre Bücher vermitteln eine große Leichtigkeit, dabei fiel ihr das Schreiben zeitlebens schwer. Diese Biografie erzählt die aufregende Geschichte ihres Lebens, die exemplarisch ist für ein von Anerkennung und Verfolgung gleichermaßen bestimmtes Schriftstellerdasein im 20. Jahrhundert.

Vorbemerkung
Hermann Kesten, einer der engsten Freunde Annette Kolbs,
meinte einmal : „ Sie ›liebt es nicht, sich zu erinnern‹ […] und
veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen. Ihre Romane sind
verhüllte Autobiographien. “
Sie selbst, aufgefordert, ein Bild von sich zu zeichnen, schrieb
in Befohlenes Selbstporträt für Quartaner (1932): „ Ob sie euch
noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren
Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die
nur ihr werdet beantworten können. Ihr werdet also mehr über
sie wissen als sie selbst. Aber was sie besser weiß als ihr : sie hat
sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich
geplagt. […] Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent, sondern
ihre Meinungen und in der Gedanklichkeit, was immer
man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt
ihrer Arbeiten. “
Der Chronist dieses fast ein Jahrhundert währenden Lebens
folgte ihren Romanen und Erzählungen, ihren Essays und Plaudereien,
ihren Briefen und Notizbüchern. Er tat dies in Bewunderung
für ihr Talent und in Achtung vor der Courage, mit der
sie ihre Meinungen verfocht, auch wenn er ihre Ansichten nicht
immer teilen konnte. Er hofft, dass er die Leser dieser Biografie
auf ihre Schriften neugierig macht. Franz Blei schrieb einmal an
Annette Kolb : „ Wär ich ein Verleger, machte ich eine Ausgabe
deiner Werke in sechs hübschen Bändchen : das so hintereinander
zu sehen und zu lesen, müsste eine reizende Offenbarung
sein. “3 Die überarbeitete Neuausgabe dieser erstmals 2002 er schienenen Biografie wird zum 50. Todesjahr Annette Kolbs
vorgelegt. Zu diesem Anlass erscheint im Wallstein Verlag
Göttingen
auch eine vierbändige Werkausgabe.4
Abgesehen von Annette Kolbs bewunderungswürdigem literarischen
Werk hatte ihr Leben exemplarischen Charakter in
einem Jahrhundert geistesgeschichtlicher und historischer Umstürze
und Katastrophen. Ihre Vita war beispielhaft und außerordentlich
zugleich, indem sie sich ihre Überzeugungen, ihre
Eigenheiten und ihre individuelle Freiheit wahrte, dies in einer
Zeit der Diktaturen, Ideologien und Massenpsychosen. Sie selbst
fragte sich nach ihrer geglückten Flucht vor den Nationalsozialisten
: „ Nur ich bin entronnen […] Warum ? Warum ? Was soll
es heißen ? “, und fand die Antwort : „ Ich soll es zur Sprache
bringen!“
In einem Brief an René Schickele schrieb Annette Kolb unter
Verwendung der fürs Bayrische typischen doppelten Negation :
„ Nein dafür werde ich schon Sorge tragen, dass es keine Biographie
von mir nicht gibt oder alles erst … und erlogen, das wäre
ganz wichtig. “6 Der Biograf bittet Annette Kolb an dieser Stelle
um Verzeihung, gegen ihr Verdikt verstoßen zu haben. Er hat,
um nichts „ erstinken und erlügen “ zu müssen, auch viele bislang
unveröffentlichte Dokumente, Briefe und Tagebücher eingesehen
und ausgewertet. Die bisweilen eigenwillige Orthografie
und Zeichensetzung Annette Kolbs wurden beibehalten, ebenso
stilistische Eigenheiten.

 

„ Sympathie zwischen Bayern und Frankreich “
Herkunft und geistige Voraussetzungen

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts konnte man – so
wird kolportiert – bisweilen beobachten, wie der junge, 1933
geborene
Wittelsbacher Prinz Franz von Bayern in der Händelstraße
1 im Münchner Stadtteil Bogenhausen vorfuhr, um dort
den Nachmittag bei Tee und Konversation mit einer alten Dame
zu verbringen. Ihr Name : Annette Kolb. Als im Februar 1965
hochoffiziell ihr neunzigster Geburtstag gefeiert wurde, erstaunte
sie die Öffentlichkeit mit dem Eingeständnis, sie sei
bereits
fünfundneunzig und führe seit einem halben Jahrhundert
falsche Papiere.
Diese beiden Anekdoten sind bezeichnend für Leben und
Haltung der Schriftstellerin Annette Kolb. Sie lassen etwas erahnen
von der leicht skurrilen Zuneigung der überzeugten Demokratin
zum Hause Wittelsbach, von der versponnenen Eitelkeit
angesichts des eigenen Alters und von der Lust an Geheimnis
und Geheimniskrämerei. Diese Anekdoten lassen den biografischen
Blick aber auch hundert Jahre weiter zurückwandern in
eine Zeit, als Bayern noch Königreich war und es noch kein
geeintes Deutschland gab. Annette Kolbs langes und aufregendes
Leben umfasste ein Jahrhundert, das von großen politischen,
ökonomischen und soziokulturellen Umwälzungen geprägt
war, ein Jahrhundert, in dem Deutschland eine führende
und zugleich fatale Rolle spielte. In ihre Lebenszeit fallen : der
Krieg gegen Frankreich, die Gründung des deutschen Kaiserreichs,
die drängende soziale Frage, die Erstarkung der sozial demokratischen Bewegung, der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch
des deutschen Kaiserreichs und des bayrischen
Königreichs, die Räterepublik in München, die Weimarer Republik,
die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg,
die Teilung Deutschlands und die Gründung zweier deutscher
Staaten, die zweite Demokratie auf deutschem Boden mit ihrer
konservativen Ausrichtung unter Konrad Adenauer und ihren
linken Gegenströmungen in der Jugend- und Hippiebewegung
der 1960er-Jahre.
Annette Kolb hat dieses bewegte Jahrhundert kritisch begleitet,
in ihren Schriften wie in ihrem öffentlichen Engagement.
Sie war katholisch und aufklärerisch, konservativ und liberal.
Und sie strafte Kritiker Lügen durch die Kompromisslosigkeit
ihrer Zivilcourage, als sie – die die Freiheit über alles liebte und
verteidigte – um der Freiheit willen mehrmals ins Exil ging : Von
1916 bis 1922 lebte sie in der Schweiz, von 1933 bis 1941 in der
Schweiz, in Luxemburg, Frankreich und Irland, von 1941 bis
1945 in den Vereinigten Staaten von Amerika – ein Zeitraum,
dem sich noch ein „ Exil nach dem Exil “ anschloss : die unruhigen
Wanderjahre zwischen Irland, Frankreich und der Schweiz
von 1945 bis zu ihrer endgültigen Rückkehr in die Vaterstadt
München im Jahre 1961.
Annette Kolbs gesellschaftliche und kulturelle Prägung weist
jedoch über Deutschland und dieses Jahrhundert hinaus. Sie
führt über die Eltern zurück ins liberal gesinnte, Künste und Wissenschaften
fördernde Königreich unter Maximilian II. Joseph
von Bayern. Es waren zudem die Jahrzehnte unter König Ludwig
II. und dem Prinzregenten Luitpold, die Annette Kolbs
künstlerische und politische Anschauungen prägten. Das „ Deutsche
“ war ihr insofern suspekt, als es für sie lange Zeit ein Synonym
für das „ Preußische “ war. Erst in der Weimarer Republik
konnte sie sich als Künstlerin, Katholikin, Pazifistin und nicht
zuletzt als Münchnerin mit dem Staat aussöhnen, wenngleich
in dieser Republik das von ihr verehrte Herrscherhaus der Wittelsbacher
keine politische Macht mehr besaß. Aus ihren letzten Lebensjahren stammt ein unveröffentlichter Essay mit dem
Titel Bayern, worin sie sich an das Königreich ihrer Kindheit
und Jugend erinnert und dessen zivilisatorischen Rang rühmt –
wenngleich im nostalgischen Rückblick des Alters verklärt :
„ Wir nannten Bayern berufen : Es hatte eine Dynastie wie kein
anderes Land. Der Krieg und seine Greuel waren ihr fremd. Sie
hat gelebt für die Kultur, die Schönheit, den Frieden. In unserer
schwer bedrohten Zeit war Bayern mit seiner Dynastie ein
Glück und Segen für Europa. “1
Wie Annette Kolb um ihr Alter ein Geheimnis machte, so
auch um ihre Herkunft. Es gab seit jeher Gerüchte über eine
illegitime adlige Abkunft ihres Vaters Max Kolb. Annette Kolb
selbst – so sehr sie mit der Liebe zur bayrischen Monarchie
kokettierte – wies zeitlebens alle Mutmaßungen zurück. Im
Jahre 1917 strengte sie sogar einen Rechtsstreit mit dem Genfer
Verlag Éditions ATAR an, der behauptet hatte, sie sei „ verwandt
mit dem Hof des Königs von Bayern “.2 Sie selbst hat jedoch im
hohen Alter einmal ihrer Nichte ihre „ wahre “ Abkunft vom
Hause Wittelsbach eingestanden.3 Auch ihrem engsten Freund,
dem Schriftsteller René Schickele, hatte sie von ihrer Verwandtschaft
mit dem Königshaus erzählt.4
Max Kolb, Annette Kolbs Vater, kam am 28. Oktober 1829
in München als unehelicher Sohn der Juliana Lorz, einer Zofe
Königin Thereses von Bayern, zur Welt. Nach der Geburt des
Knaben unterschrieb der Hoflakai Dominikus Kolb eine Vaterschaftserklärung
und gab damit dem Kind auch seinen Familiennamen.
Max Kolb wuchs auf Schloss Possenhofen am Starnberger
See auf und durfte später die Schule der Benediktinerabtei
Scheyern besuchen. Die Schulkosten für den Sohn der mittellosen
Zofe wurden vom Hause Wittelsbach getragen.5 Es ist zu
vermuten, dass Juliana Lorz-Kolb ihren Sohn nicht von ungefähr
auf den Namen Max taufen ließ, und dass Kronprinz Maximilian,
der spätere König Maximilian II. Joseph, der leibliche
Vater des Knaben war. Die schulische und berufliche Förderung
Max Kolbs durch den König deutet ebenfalls darauf hin. Als junger Mann wurde Max Kolb nach Berlin geschickt, wo
er bei Peter Joseph Lenné eine Ausbildung zum Gartenarchitekten
erhielt. Es folgten Anstellungen in Potsdam-Sanssouci,
in Gent und seit 1855 in Paris als „ jardinier principal “. In der
französischen Hauptstadt lernte Max Kolb seine Frau kennen.
Zu jener Zeit herrschte Napoleon III. als Kaiser der Franzosen.
Wenngleich das Empire ein Jahr nach Annette Kolbs Geburt im
Deutsch-Französischen Krieg unterging, wurden doch Stil und
Lebensweise der Pariser Gesellschaft im Kaiserreich prägend
für Annette Kolbs eigene Kindheit – dies durch Vermittlung
ihrer Mutter. Sophie Danvin wurde 1840 in Paris geboren und –
anders als ihr eher bodenständiger Mann – früh mit den Künsten
vertraut. Ihre Eltern waren die damals bekannten Landschaftsmaler
Félix Danvin (er starb bereits 1842) und Constance
Amélie Lambert-Danvin. Sophie selbst war hochmusikalisch
und studierte am berühmten Pariser Konservatorium Klavier.
Mit sechzehn Jahren gewann sie den Ersten Preis des Instituts.
Sie komponierte auch und schrieb Aufsätze zur Musik.6 Das
Haus der Danvins war weniger bohemienhaft als vielmehr bürgerlich-
akademisch. Max Kolb, der einen bürgerlichen Beruf
ausübte (später brachte er es in München noch bis zum Oberinspektor
und führte den Titel „ königlicher wirklicher Rat “),
galt den Danvins deshalb als gesellschaftlich akzeptabler Schwiegersohn,
doch bedeutete die Ehe, die Max Kolb und Sophie
Danvin 1858 schlossen, für die Braut den Verzicht auf eine pianistische
Karriere.
Die Verbindung des bayrischen Gartenarchitekten mit der
französischen Pianistin war eher eine amour fou als eine tiefere
Seelenverwandtschaft. Für Annette Kolb jedoch wurden die Ehe
der Eltern und das Aufwachsen an der Schnittstelle zweier Kulturen
zum Symbol für das Verbindende dieser beiden Völker,
die zur Kaiserzeit und darüber hinaus oft als „ Erbfeinde “ apostrophiert
wurden. Zwar lebten Max und Sophie Kolb in ihrer
Ehe ein wenig nebeneinander her, doch zeigten sie voreinander
Achtung – wenngleich mit einer gewissen Ironie. Annette Kolb schrieb : „ Daß sie mit sechzehn Jahren den ersten Preis für Klavier
am Pariser Conservatorium davongetragen hatte, imponierte
zwar meinem Vater, doch besaß er für Musik ebenso
wenig Verständnis wie sie für Botanik. […] Ein sehr anmutiges
und interessantes, aber ungereimtes Paar machte seine Hochzeitsreise
nach London. “7
Annette Kolb setzte ihrem Elternhaus später ein zweifaches
literarisches Denkmal : einmal in ihrem Essay König Ludwig II.
von Bayern und Richard Wagner, ein andermal in dem autobiografischen
Roman Die Schaukel. Noch wenige Jahre vor ihrem
Tod erhob Annette Kolb die binationale Ehe der Eltern zu
einem Symbol der Völkerfreundschaft und äußerte zugleich
Vorbehalte gegen Preußen und dessen Rolle bei der Einigung des
Deutschen Reichs : „ Das alles in Folge der Kriege, an deren Ausbruch
Bayern gewiss nicht schuld war. Sie [die Bayern] liessen
sich von den Berlinern blenden. […] Es bestand von jeher eine
Neigung zur Sympathie zwischen Bayern und Frankreich […]. “8
1859 kam König Maximilian II. Joseph nach Paris und griff
erneut in das Schicksal seines illegitimen Sohnes ein : Der frisch
verheiratete Max Kolb führte den Monarchen durch die von
ihm angelegten Gartenanlagen. Wenig später erhielt Max Kolb
aus München das Angebot, die Leitung der botanischen Gärten
in der bayrischen Hauptstadt zu übernehmen. „ Haus, Licht und
Holz frei, ein hübsches Gehalt, die Ermächtigung, Gärten anzulegen,
wo sich ihm Gelegenheit bot, und last not least, freie
Fahrt auf den bayrischen Staatsbahnen “, erinnerte sich Annette
Kolb. Nicht alle waren darüber glücklich : „ Meine Großmutter
[Constance Danvin] war außer sich, meine Mutter mochte ihm
[Max Kolb] nichts erschweren. Die beiden Damen setzten sich
zusammen und lasen [Goethes] Hermann und Dorothea, in
welcher
Übersetzung ahne ich nicht, und meine Großmutter
schloß aus der Lektüre, die Deutschen seien zwar sehr kleinstädtisch,
mais de braves gens [aber rechtschaffene Leute]. Das
Beste war ein Kompromiß. Lang hielt man es natürlich dort
nicht aus : zwei Jahre München, dann nach Paris zurück. “ 1860 zogen die Kolbs einschließlich Constance Danvin nach
München, in die Dienstwohnung des königlichen Gartenbauinspektors
in der Sophienstraße 7. Aus den intendierten zwei
Jahren wurden indes Jahrzehnte : Der Grund lag in Max Kolbs
glänzender Karriere unter Maximilian II. Joseph (gestorben
1864), Ludwig II. (1864 – 1886) und dem Prinzregenten Luitpold
(1886 – 1912). Zudem ließ es sich für Sophie Kolb und
Constance Danvin in der französischen Gemeinde Münchens
recht angenehm leben. Und schließlich vereitelte zehn Jahre
später der Krieg von 1870 / 71 eine Rückkehr nach Paris. Sophie
Kolb hat zeitlebens Deutsch kaum gesprochen, sie wollte es
wohl nie erlernen. In der Familie – Max Kolb war zudem beruflich
viel unterwegs – parlierte man überwiegend Französisch.
Mode, Umgangsformen, Kunst, Musik, Literatur orientierten
sich am Second Empire. Das Zierliche und Elegante, das Dandyhafte
und das Raffinement kamen der süddeutsch-barocken
Sinnesfreude entgegen : „ Man stand noch im Zeichen des zierlichen
Jäckchens zur weiten Crinoline, der seidenen Quasten, der
aufgepolsterten Stühle und Schachteln, der wattierten Bonbonnieren.
Auch das Leben war wattiert. “10 Wenngleich das Leben
Annette Kolb nicht mit wattierten Handschuhen anfassen sollte :
Eine gewisse Eleganz – genährt aus dem Empire – in Kleidung
und Auftreten, ja selbst im Schreibstil, blieb ihr stets erhalten.
Der Haushalt der Kolbs wurde in einer bald stadtbekannten
Mischung aus Bürgerlichkeit und Bohème, aus finanziellem
Leichtsinn und Beinahe-Bankrott geführt – oder vielmehr :
improvisiert. Sophie Kolb spann sich in ihre künstlerische Welt
ein, gab hin und wieder Klavierstunden und führte einen musikalischen
Salon. Im hohen Alter definierte sie sich selbst wie
folgt – und irrte sich dabei sogar in etwas so „ Unwichtigem “ wie
der Anzahl ihrer Kinder (es waren in Wahrheit, die früh verstorbenen
mitgerechnet, neun): „ J’avais quatre enfants et un
piano. “11 [„ Ich hatte vier Kinder und ein Klavier. “] Der eigene
Anspruch an die Rolle in der Gesellschaft scheint größer gewesen
zu sein als deren tatsächliche Einlösung. Eine spöttische, dabei liebevolle Darstellung dessen findet sich in Annette Kolbs
autobiografischem Roman Die Schaukel : „ Denn was brachte die
Braut schon in den Hausstand mit ? Die Sonaten von Haydn,
Beethoven und Mozart und noch einige andere Musikwerke in
roten Prachtbänden mit ihrem Namen […]. Frau Lautenschlag
[d. i. Sophie Kolb] war eine so zerstreute Hausfrau, daß es schon
besser war, sie komponierte. […]. “12 Und über den Talmiglanz
des Haushalts heißt es : „ Hier glitzert auch mancher Pokal, altes
Kristall und Porzellan täuscht Luxus vor, silberne Tablette [sic],
silberne Eisbecher stehen in ihrem Glanze und werden nie gebraucht.
Womit sollten Lautenschlags eine Eismaschine beschaffen
? “13 In dem Roman spielt Annette Kolb das Familienleben
der Lautenschlags gegen die preußische Starre der Familie von
Zwinger augenzwinkernd aus und kehrt die Mélange aus französischen
und bayrischen Elementen – die für sie selbst schicksalsbestimmend
war – stolz hervor : „ War der Haushalt bei
Zwingers à l’anglaise aufgezogen, so gebärdete man sich bei Lautenschlags
je nach Laune, teils penetrant bayrisch, teils sehr
weitgehend lateinisch. Niemand beanstandete dies. Das in Bayern
noch wenig beachtete Alldeutschtum lag in der Wiege. “14
Katia Mann erinnerte sich als alte Frau : „ Sie [Annette Kolb]
sprach immer so etwas betont bayrisch. Das war in München
Sitte, die Aristokratie sprach bayrisch, und die Kolbs waren zwar
keine Aristokraten, aber sie hatten einen Salon, gaben pariserische
Nachmittagsempfänge, wo auch Hofgesellschaft und alle
möglichen Leute verkehrten. “15
Das Haus in der Sophienstraße 7 (es wurde im Zweiten
Weltkrieg
zerstört) lag zwischen Königsplatz und Stachus, in
unmittelbarer Nähe zum Alten Botanischen Garten und zum
Münchner Glaspalast. Diese 1854 erbaute, riesige Messe- und
Repräsentationshalle
in Stahl-Glas-Konstruktion war ein Meisterwerk
der Ingenieurskunst mit 234 Metern Länge und 25
Metern Höhe. Die Münchner waren dem Glaspalast – ähnlich
wie die Pariser dem Eiffelturm – in Hassliebe zugetan. Der
Brand der Halle im Jahre 1931 galt jedoch als Katastrophe (es verbrannten darin über dreitausend teils weltberühmte Bilder
und Skulpturen), ein symbolträchtiges Ereignis, womit Annette
Kolb ihren Roman Die Schaukel (1934) beginnen lässt.
Die Ehe der Kolbs war den damaligen Verhältnissen entsprechend
kinderreich. Die ersten drei Sprösslinge starben jedoch
kurz nach der Geburt. 1865 kam Louise zur Welt. Sie starb 1890
im Alter von nur 25 Jahren. Es folgte Germaine (1868 – 1949),
Annette Kolbs Lieblingsschwester. Nach Annette (geboren
1870) kamen zwei Knaben zur Welt : Emil (1874 – 1933) und
Paul (1876 – 1965), der sich im Alter eng an Annette anschloss
und den sie „ le petit frère “ [den kleinen Bruder] nannte. Als
Nesthäkchen folgte noch Franziska (1880 – 1946).
Annette Kolb stand, noch ehe sie selbst pianistisch daran teilnehmen
konnte, unter dem geistigen Einfluss des literarisch-musikalischen
Salons, den die Mutter in den Räumen der Sophienstraße
führte. Dieser Salon wurde in München nach und nach
bekannt, wenngleich er nie eine geistesgeschichtlich prägende
Rolle spielen sollte. Die gesellschaftlich pikante Mischung, die
sich ergab – es erschienen gleichermaßen arrivierte Künstler wie
Bohemiens, verkrachte Provinzaristokraten wie demissionierte
Königinnen –, verlieh der Einrichtung etwas leicht Zweifelhaftes
und Anziehendes zugleich, so zumindest stellt es Annette
Kolb im poetischen Rückblick in Die Schaukel dar.
Das geistige Klima Münchens war nicht nur von französischer
Kunst und Literatur beeinflusst, auch die Naturwissenschaften
und die Geschichtsschreibung spielten in jener positivistischen,
zukunfts- und technikgläubigen Zeit eine befruchtende Rolle.
Maximilian II. hatte Naturwissenschaftler, Historiker, Rechtsgelehrte,
Dichter und Maler nach München berufen. 1850 war die
von Ludwig von Schwanthaler geschaffene achtzehn Meter
hohe, begehbare Statue der „ Bavaria “ auf der Theresienhöhe
errichtet worden. Es folgte der Bau des Glaspalastes und der
Neuen Pinakothek (die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde).
Am Königsplatz wurden 1862 die Propyläen errichtet. Als
Maximilian II. 1864 starb und sein 18-jähriger Sohn als Ludwig II. den bayrischen Thron bestieg, ging der repräsentative
Ausbau der Wittelsbacher Metropole als Zentrum von Verwaltung,
Wissenschaft, Technik und Kunst weiter voran. Vor allem
für das geistige Leben gab der junge Ludwig entscheidende
Anstöße : Im Mai 1864, keine zwei Monate nach der Thronbesteigung,
rief er Richard Wagner, der sich auf der Flucht vor seinen
Gläubigern befand und seit seiner Teilnahme an der Revolution
1848 in Dresden politisch anrüchig war, nach München.
Wenngleich Wagners Intermezzo an der Isar nur anderthalb
Jahre dauerte, war diese Zeit sowohl für die Musikgeschichte im
Allgemeinen (die Uraufführung von Tristan und Isolde am
10. Juni 1865 im Münchner Hoftheater) als auch für das Haus
Kolb im Besonderen von Bedeutung. Auch wenn diese Ereignisse
in die Jahre vor Annette Kolbs Geburt fielen, beeinflusste
die von der Mutter inszenierte Begeisterung für Wagners Musik
auch sie nachhaltig. Den Begebenheiten von 1864 / 65 widmete
Annette Kolb als 77-Jährige noch ihr Buch König Ludwig II. von
Bayern und Richard Wagner. Darin schildert sie, wie Hans von
Bülow im Gefolge des Komponisten eine Anstellung als Hofpianist
erhielt und mit der Ehefrau Cosima (der Tochter Franz
Liszts und Marie d’Agoults) und den Kindern nach München
zog, in unmittelbare Nähe zur Familie Kolb. In jene Zeit fiel
auch der Beginn der Liaison Richard Wagners mit Cosima und
die Geburt ihrer Tochter Isolde im April 1865.
„ Keine halbe Minute entfernt “16, ergab sich zwischen Sophie
Kolb und Cosima von Bülow bald ein reger Austausch. Cosima
sah sich damals noch ihrer mütterlicherseits französischen
Abkunft verpflichtet. Als sie zum ersten Mal den Salon Sophie
Kolbs besuchte, habe sie ausgerufen : „ Que je suis heureuse, de
me retrouver dans une maison française ! “17 [„ Wie froh bin ich,
in einem französischen Haus zu sein ! “] Sophie Kolb besuchte
die legendären ersten Aufführungen von Wagners Tristan und
Isolde. Max Kolb, sonst gegenüber Musik eher gleichgültig,
„ plünderte den botanischen Garten zu jeder Première, um die
prachtvollsten Blumen zu schicken “.18 Einmal begegnete Sophie Kolb auch Richard Wagner, als er – die Tochter Isolde war bereits
geboren – seine Geliebte Cosima besuchte. Wagner habe auf
Französisch einige Höflichkeitsfloskeln mit ihr gewechselt, seine
deutsche Konversation mit Cosima verstand Sophie Kolb leider
nicht. Während der Komponist in der Brienner Straße aufwendig
Hof hielt, mangelte es bei Bülows mitunter an Geld. Als
Cosima, die neue Schuhe benötigte, sich in ihrer Not ausgerechnet
an Sophie Kolb wandte, musste diese – ihre Haushaltskasse
war ebenfalls leer – die Freundin abweisen.
Bald nach Wagners erzwungener Abreise aus München folgte
ihm Cosima. Unmittelbar vor ihrer Abfahrt besuchte sie nochmals
Sophie Kolb, um sich zu verabschieden. Sie werde ja
sicherlich auch bald München verlassen und nach Frankreich
zurückkehren, so Cosima. Im Übrigen könne sie Sophies Heimweh
nach Paris nachvollziehen. Sophie entgegnete : „ Que voulez-
vous, j’ai le mal du pays. “19 [„ Was wollen Sie, ich leide an
der Krankheit dieses Landes. “] Sie meinte die Melancholie, an
der ja auch der König litt, dem sie einmal auf einem Spaziergang
am Starnberger See begegnet war und der sie sogar gegrüßt
hatte.
Als sich für Sophie Kolb die Hoffnung auf eine Rückkehr
nach Paris endgültig zerschlug, nachdem Max Kolb einen Auftrag
vom Regensburger Fürsten von Thurn und Taxis zur Anlage
eines Parks erhalten hatte, zog auch sie sich resignativ immer
mehr in die musikalischen Welten Schumanns, Chopins und
Wagners zurück. Es glich einem inneren Exil.
Im August 1867 besuchte Kaiser Napoleon III. in Begleitung
seiner Frau Eugénie Augsburg, wo er seine Kindheit im Exil verbracht
hatte, und wurde daraufhin von Ludwig II. am Münchner
Hauptbahnhof feierlich begrüßt. Zu dem Empfang war
auch das Ehepaar Kolb geladen. Die Begegnung mit dem Kaiser
riss in Sophie Kolb die Narbe des Heimwehs wieder auf. Sie
rang damit, ihren Mann zu verlassen, und vertraute sich einem
katholischen Priester an, dem Baron Oberkamp, der im Nachbarhaus
Sophienstraße 5 wohnte. Dieser verwies natürlich auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Auch eine offene Aussprache mit
Max führte zu keiner Lösung. Er forderte recht eigensinnig, sie
solle aufhören, einen Lebenshalt in ihm zu suchen. Sophie Kolb
rief daraufhin ihre Mutter, die zwischenzeitlich wieder in Paris
gelebt hatte, nach München zurück : So führte sie innerhalb der
engen Grenzen ihres französischsprachigen Salons weiterhin
ein Leben im Exil, ein Dasein für die Musik in einer Traumwelt,
die ihr einen gewissen Trost schenkte.
Ihren Vater schildert Annette Kolb in den nachgelassenen
Aufzeichnungen The Book of Dreams so : „ Mein Vater war eine
umherschweifende Natur, ein Perpetuum mobile, sehr schwer
zu fangen, viel auf Reisen, zu Treffen und Kongressen, und,
obwohl seiner Familie verbunden, oft ungeduldig darüber, daß
er sich um jemanden zu kümmern habe. Er liebte die Familie
zärtlich aus der Ferne, kam immer zurück, beladen mit reizenden
Geschenken, aber er war mehr seinen Gärten ein Vater
denn uns. Zuerst kamen seine Gärten. […] Er war zufrieden
damit, daß wir Besuche empfingen, solange wir nicht seine Anwesenheit
erwarteten. So erschien er wie zufällig, nachdem die
Gäste gegangen waren, oder frühestens dann, wenn sie gerade
dabei waren zu gehen. “20
Später schreibt sie in ihrem Buch über Richard Wagner, Max
Kolb sei weder ein guter Vater noch ein guter Gatte gewesen.21
Doch zeichnet sie ihn im Roman Die Schaukel in der Figur des
Herrn Lautenschlag als durchaus sympathischen und warmen
Menschen, der im Herzen ein Kind geblieben war,22 der zugleich
jedoch nur für seine Gärten lebte und dem die Salonwelt
Sophies verschlossen blieb. Immerhin hinderte Max Kolb seine
Frau nicht an der Ausrichtung ihrer Soireen. Auch scheint er
tatenlos, ja, hilflos zugesehen zu haben, wenn seine Frau und
die Kinder sein Gehalt, das in seiner Position nicht gering war,
leichtsinnig und mit einem fatalen Hang zum Luxus vergeudeten.
Man leistete sich viel Überflüssiges, wie es sich für eine
„ gute “ Gesellschaft „ schickte “, und war andererseits mittellos,
wenn es um die Anschaffung notwendiger Dinge ging. Aber sie wussten, dass „ die Armut im Grunde ein Freibrief war, aller
Schablone, aller Konvention gegenüber “.23 Auch wenn man den
Familienmitgliedern bisweilen „ rettungslosen Größenwahn “24
attestierte, focht sie das doch nicht an. So preist Annette Kolb
die geistige Freiheit und künstlerische Urteilsfähigkeit der Hespera
in Die Schaukel : „ Blöde Urteile über Musik oder Bücher
oder Bilder unwidersprochen hinzunehmen, weil sie von Leuten
kamen, in deren Sold man geriet, das war nichts für sie, o
nein. “25
Diese Freiheit in der Armut war der Nährboden für eine liberale
Weltsicht, für einen unbelasteten Umgang mit der Kunst.
Dies und die unter Maximilian II. und Ludwig II. ohnehin
offene geistige Atmosphäre Münchens trugen dazu bei, dass
Annette Kolb als Frau aufwachsen konnte, die ihre eigenen Meinungen
und Ansichten – auch unkonventioneller Art – besaß
und verfocht, notfalls bis zur äußersten Konsequenz.
Die offene, tolerante, frankophile Geistigkeit Münchens, wie
sie sich in Sophie Kolbs Salon widerspiegelte, verlor nach dem
Krieg gegen Frankreich 1870 / 71 und der Gründung des Deutschen
Kaiserreichs unter der Führung Preußens an Glanz.
Damit
einher ging für viele Intellektuelle Bayerns ein gewisser
Identitätsverlust. Ludwig II. von Bayern hatte die Kriegserklärung
gegen Frankreich, das ihm persönlich nahestand, ungern
unterzeichnet. Auch war er nicht der Aufforderung nachgekommen,
nach Versailles zu reisen, um als Oberhaupt des
ältesten
herrschenden Adelsgeschlechts Deutschlands dem genealogisch
weit unter ihm stehenden König von Preußen die Kaiserwürde
anzutragen. Lediglich Versprechungen Bismarcks auf
Zahlungen aus dem sogenannten Welfenfonds hatten den hochverschuldeten
Ludwig geködert. Der ursprüngliche Plan, in Zukunft
die Kaiserwürde zwischen den Häusern Hohenzollern
und Wittelsbach alternieren und Bayern an Gebietsgewinnen in
Frankreich (an der Grenze zur bayrischen Pfalz) teilhaben zu
lassen, wurde jedoch fallen gelassen.
Die Untertanenhaltung, das Pflichtbewusste, Forsche, Disziplinierte, alles, was man gemeinhin als das „ Preußische “ gerne
belächelte, war vielen bayrischen Bildungsbürgern zutiefst suspekt
und zuwider. Ein Beispiel für die Auflehnung gegen die
Bevormundung durch Preußen in einem geeinten Reich ist der
Eklat vom September 1891, als Kaiser Wilhelm II. München
besuchte und sich mit den Worten „ Suprema lex regis voluntas
! “ [„ Des (preußischen) Königs Wille ist oberstes Gesetz ! “]
ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Diese absolutistische Äußerung
erregte in der bayrischen Öffentlichkeit Zorn und Protest.
Auch Annette Kolbs Haltung gegenüber Preußen wurde von
dieser Atmosphäre geprägt. Sie, die „ Deutsch-Französin “, blieb
zeitlebens eine Gegnerin eines deutschen Staatsgedankens, der
auf Stärke, Nationalismus, Militarismus und Fremdenhass unter
der Führung Preußens baute. Viel zu dieser Haltung beigetragen
hat die Stimmung im Kolbschen Elternhaus. Der Krieg von
1870 / 71 jedenfalls stellte auch die Ehe von Max und Sophie
auf eine schwere Probe. Annette Kolb berichtet : „ O wie verwünschte
sie [Sophie Kolb] da ihre Ehe ! Mit zwei deutschen
Kindern, als eine deutsche Staatsangehörige stand sie da, zerrissenen
Herzens auf immer. […] Mein Vater brachte sie nach
Tegernsee […]. Über Frankreichs Niederlage trauerte er mit ihr.
Mit der Vorherrschaft Preußens sah er die geistige Verheerung
des Landes heraufziehen. […] Hatte er aber früher manchmal
gewünscht, daß meine Mutter deutsch sprechen lerne, so mutete
er ihr das nie wieder zu. Mochte sie ihre französische Eigenart
ungeschmälert behalten, ihr Haus nichts anderes wie ein französisches
sein. […] Gewiß bereicherte und verschönerte es auch
das ihrer Kinder, doch um welchen Preis ! “26
Der Preis war hoch : Annette Kolb wurde zwar in ein geistig
aufgeschlossenes und liberales Haus hineingeboren, doch empfand
sie von früh an schmerzhaft das Gefühl, heimatlos im eigenen
Land zu sein, zwischen den Völkern, Sprachen und Kulturen
zu stehen, ein Vater- und ein Mutterland, eine Vater- und
eine Muttersprache zu besitzen und in allen mit dem Herzen
und der Seele zu wohnen. Ihre späteren Exilaufenthalte in der Schweiz, in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind so gesehen
nicht nur die Antwort auf die jeweilige politische Situation
von Krieg, Diktatur und Kaltem Krieg, sondern auch logische
Konsequenz eines persönlich seit frühester Kindheit erfahrenen
Dilemmas. Sie sind Folge einer Sozialisation, die zurückreicht in
die Zeit vor der Entstehung des deutschen Kaiserreichs, eines
Staatsgebildes auf der Grundlage nationalen Empfindens. Der
Nationalismus konnte sich niemals durch objektive Reflexion
definieren, sondern nur in aggressiver Weise ex negativo, indem
er sich vom Fremden abgrenzte und das andere zum Feind erklärte.
Annette Kolb waren die Auflehnung gegen dieses ideologische
Konstrukt und die Trauer darüber gleichsam ins Blut mitgegeben.


Frauen, die Reisen: fremde Länder mit Frauenaugen erkunden

Aufbrechen und die Welt erkunden – dies galt über Jahrhunderte als eine reine Männerdomäne. Die Geschichte ist voller James Cooks und Christopher Columbusse. Doch das weibliche Geschlecht hat längst das Reisen ohne Männerbegleitung für sich entdeckt. Es trotzt den Gefahren und kulturellen Unterschieden auf seine eigene Art. Mutige Autorinnen beweisen in ihren Werken, dass die Welt den Frauen offen steht. In vielen der Bücher wird deutlich, wie die Autorinnen ohne eigenes Zutun automatisch mit Fragestellungen des Feminismus berührt werden. Die Erzählungen entführen daher nicht nur in fremde Kulturen, sondern sind zugleich ein Diskurs zur Weiblichkeit und ihrer Position in der Gesellschaft.

Kommentare

1. gefällt mir interessante auswahl
simone rindler am 20.03.2020

sehr viele interessante und auch kontroverse themen.gefällt mir.

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