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Feminismus Bücher

Gender, Gleichberechtigung, #metoo

Die aktuelle Debatte zum Feminismus ist geprägt von vielen Facetten: #metoo, Quotenregelungen, gleiches Geld für gleiche Arbeit, genderneutrale Sprache, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die sich daraus ergebenden Fragestellungen bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, das Thema ist aktueller denn je und das Bewusstsein, wie weit sich patriarchale Strukturen durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen war noch nie so groß.

In der feministischen Literatur werden die unterschiedlichsten Ansätze verfolgt. Teilweise wird auf eine historische Diskursanalyse Bezug genommen oder es wird die weibliche Psyche thematisiert. Einige der Autoren fühlen sich stark der politischen Frauenbewegung verbunden, wodurch in ihren Werken gesellschaftliche Probleme wie die aktuelle Debatte zu #metoo Eingang finden. Um welchen Themenbereich es sich auch handelt, stets vereint die Werke ein Interesse für frauenspezifische Themen. Die Geburtsstunde der feministischen Literatur war 1929 mit dem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf. Nur 20 Jahre danach folgte ein weiteres bedeutendes Werk dieses Genres mit dem Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Ausgehend von diesen beiden Paradewerken der feministischen Literatur sind zahlreiche weitere Werke anderer Autorinnen entstanden, die Frauenthemen auf spannende Weise angehen.

So unterschiedlich die Fragestellungen, so unterschiedlich auch unsere Bücher, die sich unter dem großen Thema Feminismus zusammenfassen lassen. Ob es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, um das Leben mit Familie und Beruf oder um die Neudefinierung von Geschlechterrollen – unsere Autorinnen und Autoren kommentieren diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Auch literarisch nähern sich Autorinnen und Autoren dem Thema auf verschiedenen Wegen an. Deshalb gehören zu dieser Sammlung von Büchern für Frauen und Frauenthemen auch unbedingt einige Romane.

Entdecken Sie mit feministischer Literatur sich selbst und den Feminismus auf neue, erhellende Weise!

Literatur von und für starke Frauen: es gibt mehr als eine Wirklichkeit

Literatur nähert sich Frauen und ihren Themen auf verschiedene Weise. Sei es in der Beschreibung ihrer Lebensrealitäten im Kontext von aktuellen Lebenswirklichkeiten oder in Form von Dystopien wie Margaret Atwoods herausragenden Romanen „Der Report der Magd” und dessen unlängst erschienene Fortsetzung „Die Zeuginnen”. Um den Horizont zu erweitern und neue Denkanstöße zu erhalten, bieten sich außerdem die Romane „Bleib bei mir“ von Ayobami Adebayo und „Das weiße Schloss“ von Christian Dittloff an. Sie gehen auf aktuelle Frauenthemen in Erzählform ein. Es sind mitreißende, gefühlvolle Werke von starken Frauen - und Männern -, die Mut machen können. Doch nicht immer müssen spezifische Frauenthemen in den Büchern Eingang finden. Manchmal zeigt sich die feministische Literatur auch an der Schreibweise, nicht am gewählten Inhalt. 

Blick ins Buch
AnimalAnimal

Roman

„Nennt uns nicht verrückt, wenn wir wütend sind.“ Lisa TaddeoViel zu lange hat Joan die Grausamkeiten von Männern ertragen. Den einen liebt sie, aber er bleibt kalt. Und der, der sie liebt, gibt sich eines Tages vor ihren Augen die Kugel. Joan flieht aus New York und sucht nach der Frau, die ihr helfen kann, ihre Vergangenheit zu überwinden. Während Alice ihr zuhört, muss Joan einsehen, dass sie selbst sich vor den Männern ihres Lebens erniedrigt hat. Jetzt will sie mehr als nur Opfer sein. Selbst wenn sie dafür zur Täterin werden muss.Lisa Taddeo, Autorin des #1-Spiegel-Bestsellers „Three Women – Drei Frauen“, erzählt provokant und verletzlich von weiblichem Schmerz und weiblicher Wut, von Rache, Solidarität und Selbstermächtigung, mit der für Joan ein neues Leben beginnt.»Taddeos Ton ist so schneidend und anziehend, dass man ihr überallhin folgen würde ... Ihre Prosa funkelt. Sie hat ein Talent fürs Metaphorische, für immer wieder verblüffende Beobachtungen.« The New York Times Book Review„Unerschrocken, sexy, brutal und einfach nur forensisch gut beobachtet.“ Jojo Moyes»American Psycho für die #MeToo-Generation.« The Times„Wie Joan Didion auf harten Drogen und mit einem Klappmesser.“ Harper’s Bazaar„Lisa Taddeo legt die ungeschönte Realität weiblichen Begehrens und weiblicher Traumata frei.“ TIME Magazine„Ein schonungsloses Debüt über weibliche Wut. Taddeos Antiheldin verstößt gegen alle Regeln, und ihr spöttischer Ton bereitet großes Vergnügen.“ Guardian„Animal knurrt und faucht eine ungezähmte Wahrheit heraus, und die verschwiegene Geschichte von Wut und Abrechnung.“ Lithub„Ein dunkles, verstörendes Meisterwerk, voller berechtigter weiblicher Wut – jedes Wort fliegt einem förmlich entgegen.“ Red„Animal ist ein aufregender, aufrührerischer Roman, so einnehmend wie berauschend – und er steigert sich in ein Fiasko hinein, von dem man den Blick nicht mehr abwenden kann.“ Vogue„Eine Lektüre wie ein Fiebertraum. Intensiv, aufrüttelnd, provokant, und doch ist dieses Buch erfüllt von Humanität und Sinnlichkeit, am Ende gar von Liebe und Hoffnung.“ Stylist„Lisa Taddeo zeigt auf, wie die Brutalität von Männern die Wut von Frauen befeuert. Das Ergebnis ist so intim wie explosiv.“ People (Buch der Woche)„Eine provokante Erkundung dessen, was passiert, wenn Frauen zum Äußersten getrieben werden.“ Esquire„Animal handelt vom allgegenwärtigen Es, eine fleischliche, freimütige Darstellung der unguten Verbindung von Erinnerung und Gewalt.“ Raven Leilani„Unfassbar gut und wahr und vertrackt.“ Olivia WildeHighlight des Jahres für Guardian – Sunday Express – Independent – New Statesman – Evening Standard – Cosmopolitan – Red – Grazia – Daily Mail – Daily Express – The Week – Irish Times – i – The Sun

1

Ich musste weg aus New York, wo sich ein Mann vor meinen Augen erschoss. Es war ein gefräßiger Mann, und das Blut, das herausströmte, sah aus wie das Blut eines Schweins. Grausam, so etwas zu denken, ich weiß. Er tat es in einem Restaurant, in dem ich gerade mit einem anderen Mann essen war, einem anderen verheirateten Mann. Siehst du, wie das läuft? Aber ich war nicht immer so.

Das Restaurant hieß Piadina. An den unverputzten Backsteinwänden hingen Fotos von alten Italienerinnen, die mit ihren gewaltigen mehligen Fingern Gnocchi rollten. Ich aß gerade einen Teller Tagliatelle Bolognese. Die Sauce war sämig und rostfarben, und obendrauf lag ein frischer Halm Petersilie.

Als Vic hereinkam, saß ich mit dem Gesicht zur Tür. Er trug wie immer einen Anzug. Ich hatte ihn erst ein Mal in Freizeitklamotten gesehen, Jeans und T-Shirt – ein ziemlich verstörender Anblick. Was er mir mit Sicherheit angemerkt hatte. Ich musste einfach dauernd hingucken, seine Arme waren so blass und teigig.

Er war nie Victor. Er war immer Vic. Er war mein Chef, und ich blickte zu ihm auf, lange bevor etwas passierte. Er war sehr intelligent und reinlich und hatte ein warmes Gesicht. Er war ein unersättlicher Esser und Trinker, schwelgte jedoch nicht ohne Würde. Großzügig, wie er war, tat er allen anderen zuerst Rahmspinat auf, ehe er sich selbst bediente. Er besaß einen beachtlichen Wortschatz, einen säuberlichen Klappscheitel und eine umfangreiche Sammlung guter Hüte. Er hatte zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen; der Junge war geistig behindert, was Vic mir und den anderen, die unter ihm arbeiteten, im Prinzip vorenthielt. Auf seinem Schreibtisch stand nur ein Foto von seiner Tochter.

Vic führte mich in Hunderte Restaurants aus. Wir aßen Porterhouse in großen exklusiven Steakhäusern mit roten Polstersitzbänken, wo die Kellner mit mir flirteten. Sie gingen entweder davon aus, dass er mein Vater oder mein älterer Ehemann war, oder hielten mich für eine Geliebte. Irgendwie waren wir das alles in einem. Seine echte Frau saß zu Hause in Red Bank. Er meinte: „Ich weiß, dass du mir das jetzt nicht glaubst, weil ich so ein Prolet bin, aber meine Frau ist wirklich bildschön.“ Was nicht stimmte. Ihr Haar war zu kurz für ihr Gesicht und ihre Haut zu hell für die Farben, die sie gerne trug. Sie sah aus wie eine gute Mutter. Sie kaufte gern kleine Salzfässchen und Hamamtücher, und wenn ich am Anfang meiner Freundschaft mit Vic durch die Stadt lief und mir eine Salzschale aus Bambus ins Auge fiel, schickte ich ihm ein Foto und schrieb: Was für deine Frau?

Er meinte, ich hätte einen tollen Geschmack, aber was heißt das schon?

Wenn du mit einem älteren Mann befreundet bist, der dich bewundert, kann dir das ein Gefühl großer Sicherheit geben. Egal, wo du bist – wenn etwas schiefgeht, genügt ein Anruf, und er ist da. Der Mann, der da ist, sollte dein Vater sein, doch damals hatte ich keinen, und du wirst nie einen haben.

Irgendwann verließ ich mich dann in allem auf Vic. Wir arbeiteten bei einer Werbeagentur. Er war der Creative Director. Als ich anfing, hatte ich praktisch null Erfahrung, doch Talent hätte ich schon, meinte er. Er beförderte mich von einer gewöhnlichen Assistentin zur Texterin. Anfangs sonnte ich mich in der ganzen Lobhudelei, doch dann beschlich mich das Gefühl, dass mir alles, was ich bekam, auch zustünde, ohne dass er im Geringsten damit zu tun hätte. Bis dahin dauerte es ein paar Jahre. In der Zwischenzeit gingen wir miteinander ins Bett.

Von Sex mit Männern, die man nicht attraktiv findet, kann ich dir ein Lied singen. Es dreht sich dann alles nur um die eigene Performance, den eigenen Körper, wie er von außen wirkt und sich auf diesem – zum bloßen Zuschauer degradierten – Typen bewegt.

Solange das lief, war ich mir der Folgen gar nicht bewusst. Es fiel mir erst Jahre später auf, als dreimal täglich Duschen immer noch nicht reichte.

Das allererste Mal war in Schottland. Die Agentur hatte Newcastle Beer an Land gezogen, und Vic schlug vor, dass ich übernahm, zu allen Terminen ging und den Stein ins Rollen brachte. Es war ein großer Kunde, und die anderen waren neidisch. Ich war die Neue in der Firma und im Arbeitsleben allgemein. Sie flirteten nicht mehr mit mir und behandelten mich bald wie so eine exotische Tänzerin – ließen sich über mich aus und holten sich einen darauf runter.

Newcastle brachte mich in einem Luxushotel gleich außerhalb von Edinburgh unter. Alles kalter Stein und große Fenster, und der Haupteingang lag an einer kreisförmigen Kiesauffahrt. Ich sah aus dem Fenster auf die vorfahrenden Autos, Oldtimer und tintenschwarze G-Klassen und kleine silberne Porsche. Auf dem Bett lag eine Tagesdecke mit Schottenkaros, und das Telefon sah aus wie eine Stockente. Das Zimmer kostete vierzehnhundert Dollar die Nacht.

Nach ungefähr einer Woche fing Schottland an, mich zu deprimieren. Ans Alleinsein war ich gewöhnt, aber in einem fremden Land ist es noch mal etwas anderes. Die Sonne ließ sich nie blicken, aber auch kein Regen. Außerdem war ich in Geschäftsdingen ziemlich naiv, und das hatten auch die Newcastle-Vertreter bemerkt. Ich rief Vic im Büro an. Wider Willen brach ich in Tränen aus. Ich sagte, ich vermisste meinen Vater. Meine Mutter vermisste ich natürlich auch. Doch dazwischen lagen Welten – du wirst noch sehen, warum.

Am nächsten Abend landete Vic in Schottland. Sein Last-Minute-Flug hatte ein Vermögen gekostet, über zwölftausend Dollar, und er bezahlte ihn aus eigener Tasche, weil ich Angst hatte, unsere Kollegen würden sonst glauben, ich hätte das Projekt in den Sand gesetzt. Vic kam zu keinem Termin mit, sondern arbeitete bloß eine Handvoll Gesprächsthemen aus. Nahm sich ein eigenes Zimmer am Ende des Flurs. Am ersten Abend aßen und tranken wir etwas in der Hotellobby und gingen getrennt auf unsere Zimmer. Doch am zweiten Abend begleitete er mich auf meines.

Clevere ältere Männer haben es nun mal so an sich, dir das Bein hochzukrebsen. Anfangs kommt dir daran nichts faul vor. Es kann sogar so aussehen, als wäre es deine Idee gewesen.

Ich hatte ein cremefarbenes Wollkleid an, meine Beine darunter waren nackt. Ich trug nie Strumpfhosen oder Leggings oder dergleichen, auch nicht im Winter. An den Füßen hatte ich hochhackige schwarze Mary Janes.

Vic war im Anzug. Ständig lief er herum wie die Männer in Zigarettenreklamen. Ich stand nicht auf ihn, doch sein Eau de Cologne war tröstlich. Lachend spazierten wir den grün-goldenen Flur entlang. Ein Pärchen kam uns entgegen; ich weiß noch, wie die Frau mich anstarrte. Dieses Gefühl begleitete mich schon lange.

Auf meinem Zimmer machten wir zwei Flaschen Rotwein aus der Minibar auf, plus drei Mini-Scotchs, die er ganz allein wegkippte.

Wie es anfing, weiß ich – wahrscheinlich aus Selbsterhaltung – gar nicht mehr genau. Ganz bestimmt hatte ich einen großen Anteil daran, weil ich testen wollte, wie weit meine sexuelle Macht reichte. Wie hübsch ich war. Doch was mir überdeutlich im Gedächtnis blieb, war der Wandspiegel gegenüber den Fenstern, vor denen ich tagelang dem knirschenden Kies unter den schnittigen Wagen gelauscht hatte. Ich stand auf und warf einen Blick in diesen Spiegel, weil Vic behauptete, ich hätte Rotwein in den Mundwinkeln und würde wie eine Cracksüchtige aussehen. „Haha“, machte ich. Doch dieser Mann hätte mir nie das Gefühl geben können, hässlich zu sein.

Er trat hinter mich in den Spiegel. Neben meinem Kopf sah seiner unnatürlich groß aus. Meine langen dunklen Haare bildeten einen eleganten Kontrast zum Cremeweiß des Kleides. Er legte eine Hand auf meine Schulter, die andere auf mein Haar über dem Ohr und neigte meinen Kopf. Ich beobachtete den Ausdruck in seinen Augen, als er seine dünnen Lippen auf meinen Hals drückte. Was mir einen Schauder über den Rücken jagte – teils vor Abscheu, teils aber auch aus einem unwillkürlichen sexuellen Reflex. Er schob das Kleid über meinen Kopf. Ich stand in High Heels, einem weißen Spitzen-BH und weißem Höschen mit kleinen roten Schleifen an den Seiten da. Damals brezelte ich mich noch für jemanden auf und redete mir ein, dass dieser Jemand ich wäre. In einem kleinen Küchengeschäft in SoHo hatte ich mir mal eine Schürze gekauft, die mit Häschen, Chalets und Eis schleckenden kleinen Mädchen bedruckt war.

Es folgten die Reisen nach Sayulita, nach Scottsdale wegen des schönen Spas. Es gab blau geflieste Badezimmer und fantastisches Sushi. Am Tisch zubereitete Guacamole, Bauchtänzerinnen, Service für dies, Service für das.

Irgendwann wurde der Ekel doch zu groß, aber lange ging es. Im Großen und Ganzen war es gar nicht so körperlich. Du kommst mit sehr viel Nichts davon, wenn du es geschickt anstellst. Vor allem wenn der Mann verheiratet ist, kannst du von Moral anfangen und was wohl dein verstorbener Vater sagen würde. Das kann so weit gehen, dass dem Mann schon beklommen zumute wird, wenn er nur deine Hand hält, und dabei bist du die ganze Zeit an diesen warmen Orten mit Palmen und Golfwagen.

In all den Jahren hatte ich natürlich noch andere Beziehungen. Es gab ein paar kleinere Verknalltheiten, aber nichts wirklich Ernstes. Ich erzählte Vic ab und zu davon. Behauptete, es seien nur Freunde, um ihn dann in seinem Verdacht schmoren zu lassen. Meistens log ich aber. Sagte, ich würde mit Freundinnen feiern gehen, schlich mich aus dem Büro und rannte zur U-Bahn, wobei ich mich immer wieder ängstlich umblickte, ob er mir nicht folgte. Dann traf ich mich mit irgendeinem herzlosen Typen, und Vic fuhr heim und durchkämmte die sozialen Netzwerke auf der Suche nach Lebenszeichen von mir. Gegen elf schrieb er dann zuverlässig: Was treibst du Kid. Ohne Komma oder Fragezeichen, damit es nicht so neugierig klang. Du fängst an, noch die kleinste Zelle der menschlichen Natur zu verstehen, wenn ein älterer Mann verrückt nach dir ist.

Der Status quo war zu bewältigen. Beide bekamen wir, was wir brauchten, auch wenn ich ohne ihn gekonnt hätte. Wie sich herausstellte, konnte er nicht ohne mich. Er verglich seine Beziehung zu mir mit Ikarus. Er war Ikarus und ich die Sonne. Bei solchen Sätzen, die ich voll und ganz glaubte und immer noch glaube, wurde mir schlecht. Welches Mädchen will schon die Sonne über einem Land sein, in das es nicht mal einen Fuß setzen möchte.

Einige Jahre lang war alles in bester Ordnung. Bis zu dem Mann aus Montana. Ich nannte ihn Big Sky, wie Vic anfangs auch. Ich schickte Vic durch die Hölle dessen, was ein Mann ertragen kann. Ich würde dir davon abraten, es mir nachzutun, und du sollst erfahren, was das mit einem Menschen macht.

Wenn du es genau wissen willst: Ich glaube, dass Victor an jenem Abend kam, um mich zu erschießen.



2

Wenn mich jemand bitten würde, mich mit einem Wort zu beschreiben, wäre das verdorben. Verdorbenheit hat sich für mich bewährt. Inwiefern, kann ich dir nicht sagen. Aber das Schlimmste habe ich überlebt. Überlebenskünstlerin wäre das zweite Wort, das ich gebrauchen würde. Als ich klein war, ist mir etwas Dunkles, Tödliches passiert. Das erzähle ich dir alles noch, aber zuerst will ich darauf kommen, was auf den Abend folgte, der mein Leben in eine andere Bahn lenkte, damit du dir dein Mitgefühl noch aufsparen kannst. Oder vielleicht hast du dann auch keins mehr. Ist mir recht. Wichtiger ist es, mehrere Irrtümer – hauptsächlich über Frauen – auszuräumen. Ich will nicht, dass du den Kreislauf aus Hass fortführst.

Man hat mich eine Hure genannt. Man hat mich nicht nur für die Dinge verurteilt, die ich anderen angetan habe, sondern unbarmherzigerweise auch für das, was ich selbst zu erleiden hatte.

Ich beneidete die Leute, die mich verurteilten. Leute, die ein ordentliches, vorhersehbares Leben führten. Das richtige College, das richtige Haus, der richtige Zeitpunkt für den Umzug in ein größeres. Die vorgeschriebene Anzahl Kinder, die mal zwei und mal drei beträgt. Ich möchte wetten, dass die meisten von denen nicht ein Prozent von dem aushalten mussten, was ich durchgestanden habe.

Aber wirklich ausgeflippt bin ich, als die mich eine Soziopathin nannten. Manche stellten das sogar als etwas Positives hin. Ich gehöre zu den Menschen, die zu wissen glauben, wer leben und wer tot sein sollte. Ich bin vieles. Aber keine Soziopathin.

Als Vic sich ein Loch in den Kopf schoss, rann das Blut heraus wie Alkohol.

Seit ich zehn war, hatte ich nicht mehr so viel Blut gesehen. Es stieß eine Tür in mir auf. Ich sah meine Vergangenheit in diesem Blut gespiegelt. Zum ersten Mal sah ich die Vergangenheit klar. Die Bullen wirkten aufgegeilt, als sie eintrafen. Das Restaurant war geräumt worden. Der Mann, mit dem ich dort essen war, fragte mich, ob ich klarkäme. Er schlüpfte in seine Jacke. Er wollte damit sagen, ob ich heute Nacht und für den Rest meines Lebens allein klarkommen würde, weil ich ihn nämlich nie wiedersah. Er hatte mich mal gefragt, wer meine Leute seien; ich hatte nicht gewusst, was er meinte. Jetzt verstand ich. Der tote Mann auf dem Boden war einer von ihnen. Ich gehörte zu den Leuten, die von Dartmouth nicht anerkannt wurden. Als die Bullen wieder abzogen, ging ich zu Fuß nach Hause. Ich hatte geglaubt, keine Kohlenhydrate im Haus zu haben, fand aber noch ein Taco Kit. Das Schlimmste an solchen Fressorgien ist, dass man mehr Klonopin braucht als sonst. Ich schmiss gerade genug ein, um eine Entscheidung zu treffen. Ich entschied mich, sie zu finden.

Da war Vic wahrscheinlich schon kalt. Ich sah seine kalten Tentakel vor mir. Wenn dich jemand mit seiner Liebe – oder dem, was er dafür hält – erstickt, fühlst du dich in den Arm genommen, selbst wenn es dir die Luft abschnürt. Als Vic starb, war ich mutterseelenallein. Mir fehlte die Kraft, noch jemandem das Herz zu stehlen. Ich war wie gelähmt. Vuota. Ein Wort, das meine Mutter gebraucht hätte. Ihr fielen immer die besten Wörter ein.

Es blieb nur noch eine Person. Eine Frau, der ich noch nie begegnet war. Was mir Angst machte, weil Frauen mich nie geliebt hatten. Ich war keine Frau, die von anderen Frauen geliebt wurde. Sie wohnte in Los Angeles, einer Stadt, die mir ein Rätsel war. Malvenfarbener Stuck, Verbrecher und Glamour.

Ich glaubte nicht, dass Alice – so hieß sie – mich lieben würde, hoffte jedoch, sie würde mich wenigstens sehen wollen. Ihren Namen kannte ich seit Jahren. Ich war fast sicher, dass sie den meinen nicht kannte. Zum ersten Mal seit Langem fuhr ich aus einem bestimmten Grund irgendwohin. Ich hatte keine Ahnung, was mich in Kalifornien erwarten würde. Ich wusste nicht, ob ich jemanden flachlegen, lieben oder verletzen würde. Ich wusste, ich würde auf einen Anruf warten. Ich wusste, ich würde fanatisch sein. Ich hatte keinen müden Dollar, schloss die Aussicht auf einen Swimmingpool jedoch nicht aus. Meine Reise konnte viele Wege nehmen. Ich glaubte nicht, dass mich einer davon zu einem Mord führen würde.

 

Sie war seit Jahren unauffindbar – keine Social-Media-Konten, kein Immobilienkauf. Ich suchte immer mal wieder nach ihr. Aber ich hatte zu wenige Informationen, und außerdem wirklich Schiss.

Eines Nachmittags dann war ich wegen zwei ausgeschlagener Zähne beim Zahnarzt. Ein Mann hatte das verbrochen, wenn auch streng genommen nicht mit Gewalt. Es war ein teurer Zahnarzt, allerdings kam der für den Zahnverlust verantwortliche Mann dafür auf.

Ich saß über eine Stunde im Wartezimmer und blätterte durch eins dieser abgehobenen Magazine für Menschen, die über fünf Millionen Dollar im Jahr machen. Und da war sie, zusammen mit vier anderen hübschen Frauen auf dem Cover, den Besten von Los Angeles in Sachen Fitness, Ashtanga Yoga, Aikido und so weiter.

Ich war so gefesselt von ihrer Schönheit, dass ich den Artikel las und auf ihren Namen stieß, den ich seit über einem Jahrzehnt auf einem Zettel aufgehoben hatte. Ich sog geräuschvoll die Luft durch das Loch zwischen meinen Zähnen ein.

Sie war hübscher, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ihre Brüste waren absolut perfekt. Ein Ex-Freund – oder eigentlich kein Ex, sondern einer von den Typen, die einem so manchen unvorhersehbaren Morgen bescheren – hat das mal über eine Schauspielerin gesagt, die für eine Szene die Hüllen fallen ließ. „Ihre Brüste“, verkündete er mir, während er billiges Vanilleeis schleckte, „sind absolut perfekt.“ Ich bin immer noch beeindruckt, dass ich ihn damals nicht umgebracht habe.

 

Ich hatte seit Jahren von ihr geträumt. Oft träumte ich, ich würde ihr wehtun. Die übrigen Male geschah etwas anderes, nicht weniger Besorgniserregendes.

Nach Vics Tod war meine Wohnung binnen weniger Tage leer geräumt. Im Abhauen war ich ganz groß. Ich wusste nicht, wo ich wohnen würde. Ich rief wegen ein paar Mietshäusern nicht weit von ihrer Arbeit an. Aber ich war knapp bei Kasse, und bei meinem Budget blieben nicht allzu viele Optionen übrig. Es kam so weit, dass ich mich auf das Inserat einer Wohnungsseite meldete, dessen Hauptfoto ein Bad mit schimmeligen Fugen und einer einsamen Flasche Antischuppenshampoo in der Dusche zeigte.

Ich legte mir eine abenteuerlich mäandernde Route zurecht und fuhr mit meinem Dodge Stratus nach Kalifornien. Der Wagen war eine hässliche Blechkiste, aber es passte viel hinein. Der Schmuck meiner Mutter in einer taupefarbenen Dose. Meine besten Kleider, einzeln in Plastikhüllen über den Beifahrersitz gelegt. Da waren mein Derrida und Fotos und Speisekarten aus Restaurants, in denen ich unvergessliche Abende verbracht hatte. Ätherische Öle aus einem Wallfahrtsort in Florenz. Eine schalottengroße Portion Marihuana, eine Pfeife, sechsundneunzig Tabletten in unterschiedlichen Formen und Farben von Creme bis Blau. Superteure kupferfarbene Yogaleggings und senffarbene Bustiers. Mehrere Päckchen geräuchertes Meersalz und zwanzig flache Schachteln Minipasta, weil ich gehört hatte, dass es die bei Ralphs oder Vons nicht gab. Ich packte die Dinge ein, die niemand sonst anrühren durfte, deren Reise nicht in fremde Hände gelegt werden konnte. Meinen Lieblingsschal, meinen Panamahut. Meine Diane Arbus. Meine Eltern.

Sie steckten beide in kleinen Plastiktüten. Es war das sicherste Transportmittel, das mir für sie eingefallen war. Die Tüten lagen in einer alten Clementinenpappkiste auf dem Boden des Beifahrersitzes. Mein Vater hat mich früher Clementine genannt, oder zumindest gern das Lied gesungen. Vielleicht beides. Er hatte einen Kinnbart, und wenn er mich auf die Stirn küsste, kam ich mir wie ein Engel vor.

Auf dem Pacific Coast Highway waren achtzig Millionen Autos unterwegs. Die Sonne knallte auf die Motorhauben, wodurch es sich noch heißer anfühlte, als der Tag ohnehin schon war. Der Strand in der Ferne sah trocken aus, weniger kühle blaue Tiefen als flimmernde Oberfläche. Kurz vor der Abzweigung in den Canyon entdeckte ich einen Markt im Freien, auf dem Möbel und Deko zum Verkauf standen – aus ausgehöhlten Eichen gezimmerte Tische, Götterbüsten aus Kunstharz.

Ich hielt an, weil ich neue Vasen für die Asche brauchte. Die alten hatte ich weggeworfen. Natürlich war das schlimm für mich – der Gedanke, ihre sterblichen Überreste in Tüten mit mir herumzuschleppen, doch dass nicht alles aus den Vasen herausgekommen war, quälte mich unendlich mehr. Es wollte mir nicht aus dem Sinn gehen, dass Teile von ihnen für immer verloren waren. Vielleicht war ein Zehennagel in einer Vase zurückgeblieben. Ein Drittel von einer Stirnwulst.

Ich stieg aus und ging an Windlichtern vorbei. Zeichnete einen Strich in die flaumige Staubschicht auf einer Rosenkugel. Wanderte zwischen Seepferdchen mit Topassteinchen, mexikanischen Zuckerschädeln, aquamarinblauen Fischerkugeln im Netz umher.

Ein pausbäckiger Junge, trotz der Bruthitze in einem Hoodie, trat auf mich zu.

„Guten Tag“, sagte er, „wie kann ich behilflich sein?“ Mit seinem glücklichen Strahlen schien er keine blasse Ahnung von dem zu haben, was in der Welt vor sich ging.

„Gar nicht“, antwortete ich, freundlich zwar, doch an diesem Punkt in meinem Leben hatte ich eine sehr niedrige Toleranzschwelle für unergiebige Gespräche.

Der Markt teilte sich einen Parkplatz mit Malibu Feed Bin. Vogelfutter, bottichweise Getreide für Pferde. Im Canyon gab es jede Menge Pferde, auf denen Frauen mit langen Zöpfen über Stock und Stein ritten. Ich stelle mir dich im Sattel vor: größer als ich, elegant bis in die Fingerspitzen.

Im Schuppen, neben ein paar Hängepetunien und verstaubten Rosen, standen ein paar Vasen. Darunter eine schwarze mit gelben Blüten; ein Glasfrosch mit orangefarbenen Augen und Füßen hing über dem Rand und spähte hinein. Es war ein kitschiges Teil, wie man es vielleicht in einer Alte-Leute-Wohnung in Florida finden würde. Es reizte mich.

Der junge Kerl an der Kasse bemerkte und verfolgte mich dann mit seinem Blick. Ich hatte ein weißes, nachthemdartiges Kleid an, zart wie Rauch. Er fummelte an einem Pickel an seinem Kinn herum und starrte mich an. Solche Vergewaltigungen im Kleinen finden täglich hundertmal statt.

Ich nahm die Vase und spazierte damit herum, während ich so tat, als taxierte ich Outdoorkissen und Wächterlöwen aus Jade. Der pickelige Verkäufer nahm einen Anruf entgegen. Hinter mir hörte ich, wie der andere Junge die Seepferdchen umräumte. Die Leute rechnen gar nicht damit, dass man etwas klaut, das größer ist als der eigene Kopf.

 

Mit der Vase im Auto hatte ich das Gefühl, alle wichtigen Teile beisammenzuhaben. Die Möbelpacker würden mit dem Rest nachkommen. Einer Wagenladung Zeug, das ich gebunkert hatte. Jetzt begann der lange Anstieg in den Canyon. Welkes dunkles Grün spross aus den sandigen Ritzen zwischen den Felsen, Löwenohr, Frauenhaarfarn, Scheinindigo und Straußgras. Vereinzelte Farbsprenkel, doch größtenteils braun, oliv und wilder, als man es sich hätte vorstellen können. Die Häuser, die ich von der Straße aus sah, stammten wohl aus den Siebzigern, Fassaden aus Lagerfeuerholz und trübem Glas. Der Blick ging auf die Klapperschlangen und das gebräunte Gras hinaus. Die Aussicht in den Canyon war wichtig. Kathi, die Maklerin, hatte das Wort so oft wiederholt, dass es irgendwann ganz fremd klang. Aussicht.

Sie erwähnte auch die Kojoten und Klapperschlangen. „Aber keine Sorge“, meinte sie. Am Telefon hörte sie sich rothaarig und hübsch an. „Keine Sorge, Kevin fängt die Klapperschlangen gern ein und bringt sie an einen besseren Ort, alles halb so wild.“

Kevin war der ehemalige Rapstar, der auf dem Grundstück wohnte. Ob er dir wohl etwas sagt? Vergänglich ist der Ruhm der Welt. Außerdem lebte in einer Jurte auf der Wiese noch ein junger Mann namens River. „Der Vermieter wohnt gleich um die Ecke“, meinte die Maklerin. „Falls was ist. Sie werden es dort lieben. Ohne Scheiß, es ist echt der Himmel auf Erden.“

Ich folgte den Serpentinen hinauf, bis ich das Schild zum Comanche Drive entdeckte. Panische Angst befiel mich – schon die Straße wirkte wenig einladend, baumlos, wie sie war. Das Haus stand am Ende einer steilen Kiesauffahrt, am höchsten Punkt des Topanga Canyon, von wo es sich in die Wolken zu bohren schien. Es sah vor allem aus wie eine Meth-Küche.

Weil es keinen richtigen Parkplatz gab, hielt ich neben einem schwarzen Dodge Charger auf einem schmalen Streifen Land, das einen steilen Abhang überragte. Aus der Nähe glich die Immobilie den Fotos, die mir die Maklerin geschickt hatte, allerdings nicht in den entscheidenden Punkten. Die Maklerin hatte mir den Traum geschickt. Sie schickte den Blick durch die Fensterfront mitsamt Kaminofen. Sie schickte nicht die rostige Badewanne voller bräunlicher Sukkulenten vor der Haustür. Neben der zweckentfremdeten Wanne stand ein schmiedeeiserner Tisch mit zwei Stühlen. Der rötliche Sand war mit Kieselsteinen übersät, sodass die Möbelstücke alle kippelten. An den Fenstern klebten tote Motten. Das Haus war aus dunkelorangen Adobeziegeln und wie ein Ozeandampfer geformt. Die Architektur hatte nichts Ansprechendes, nichts Symmetrisches. Draußen wie drinnen herrschte diese für alte Menschen mörderische Hitze. Wenn ich an dich denke, in einer solchen Hitze, allein – wie es mir selbst noch ergehen sollte –, muss ich mich möglichst schnell auf andere Gedanken bringen.

Ich hatte Anweisung, bei Kevin zu klopfen. Er lebte in einer Art Anbau unter mir. Es war wohl einfach ein Haus mit zwei Wohnungen, obwohl es von außen nicht diesen Eindruck erweckte. Kevin würde mir die Schlüssel geben. Sein Künstlername war White Space. Kathi sprach von ihm so, wie ein bestimmter Typ weiße Frau von einem schwarzen Mann spricht, der es zu Berühmtheit gebracht hat.

Bevor ich klopfte, drehte ich eine Runde über das Grundstück. Kathi hatte recht. Die Aussicht war spektakulär. Bei jedem unserer Telefonate hatte ich mir vorgestellt, wie sie Räucherlachs naschend an einem Tisch draußen in der Sonne sitzt. Wenn ich sie persönlich kennengelernt hätte, hätte ich sie ganz bestimmt gehasst.

Am Fuß des Berges sah man das Meer, und auf der anderen Seite des Canyons ragten die schlanken Rechtecke der Stadt hinter den Bäumen auf. Die Skyline war eher so mittelprächtig. Ich spazierte zum höchsten Punkt des Anwesens, kilometerweit über dem lärmenden Verkehr. In der Luft hing ein zarter Dunstschleier, bei dem es sich um Wolken handeln musste. Als ich zehn war, hatte meine Tante Gosia mir erzählt, dass meine Eltern dort wären. In den Wolken. „Aber sind sie da zusammen?“, fragte ich, worauf sie sich erhob, um abzuwaschen oder ein Fenster zu schließen.

Ganz oben stieß ich auf eine Feuerstelle, die mit ihren Gesteinsbrocken und verkohlten Scheiten mittelalterlich wirkte. Eine schwarze Plane bedeckte einen ungeheuren Brennholzvorrat. Daneben eine Michelob-Bierflasche, in der sich das Regenwasser sammelte.

Ich entdeckte die Segeltuchjurte über hundert Meter unter mir im Tal. Am Ende eines grasüberwachsenen Pfades in der anderen Richtung stand ein kleines rotes Saltbox-Haus. Es machte kaum mehr her als einer dieser Geräteschuppen, wie man sie im Baumarkt kaufen kann, nur größer und ausgeklügelter. Wegen der Eichen war es der einzige Fleck mit Gras auf dem Anwesen. Überall sonst war der Boden von einem trockenen Nussbraun, rings um den großen Schuppen jedoch saftig grün. Zwei Kübel voller Ringelblumen flankierten eine Klöntür. Mir schwante, dass das Häuschen dem Vermieter gehörte. Ich wollte nicht so dicht bei ihm wohnen. Eine derartige Nähe hatte Kathi nicht erwähnt. Mit keinem Wort.

Ich zupfte an meinem Kleid, das mir gleich wieder schweißnass am Körper klebte. Dass eine Dusche im Canyon nichts brachte, würde ich noch früh genug merken. Im Nu hatte man das nächste T-Shirt durchgeschwitzt.

Ich klopfte bei Kevin, hörte Fetzen eines bluesigen Rap und klopfte nach ein paar Momenten noch mal, lauter. Er öffnete die Tür nicht mehr als einen Spaltbreit und versperrte mir den Blick hinein. Drinnen roch es nach Tinkturen.

„Miss Joan, peace und willkommen in der Nachbarschaft.“ Er war hochgewachsen und gut aussehend und hatte freundliche Augen. Er blickte mich nicht an – er blickte durch mich hindurch, als wäre ich kaum da.

Ich streckte ihm die Hand hin, und er trat vor die Tür und zog sie hinter sich zu. Ich hatte ihn auf der Bühne gesehen: wie er sich mit dem Mikro hingekauert hatte, Stroboskoplichter und Mädchen in Lycra-Hotpants um sich herum. Der Mann, der jetzt vor mir stand, sah aus, als hätte er noch nie im Leben die Stimme erhoben oder getanzt.

„Wie war die Fahrt?“

„Gut“, antwortete ich.

„Ich liebe diese Strecke, Mann. Ist schon zu lange her. Im Flugzeug krieg ich Zustände.“

Er spreizte seine langen Arme wie Flügel. Mittlerweile schwitzte ich schon an der Kopfhaut.

„Ich auch.“

„Sie wollen Ihre Schlüssel, nehm ich an? Brauchen Sie Hilfe beim Schleppen oder so?“

„Danke, es kommen Möbelpacker.“

„Schön, schön. Ich kann Ihnen keine Limo anbieten. Hab auch keine Baisertörtchen gebacken. Aber ich bringe Ihnen noch was vorbei. Das wird nett. Es wird Ihnen hier gefallen, Miss Joan. Uns gefällt es hier. Wir sind wie eine kleine Familie. Haben Sie schon den guten alten Leonard kennengelernt? Meinen Bruder River?“

„Noch nicht.“

„Swusch“, machte er. „Die Lady kommt im Schutz der Nacht“, seine Hand fuhr herab und an meiner Hüfte vorbei, „hereingefegt. Ich hol Ihnen schnell Ihre Schlüssel, Miss Joan. Lass Sie erst mal auspacken. Lass Sie Ihr Haus auf Vordermann bringen.“

Kurz darauf händigte er mir zwei Schlüssel aus, die von einem Plastikdraht zusammengehalten wurden.

„Briefkasten“, sagte er und zeigte auf den einen. „Haus“, sagte er und zeigte auf den anderen. „Nein, Moment, andersrum.“ Er lachte vergnügt. „Ich bin heute total neben der Rolle. Entschuldigen Sie, Miss Joan. Ich hab die ganze Nacht Aufnahmen gemacht. Danach verschlafe ich immer den halben Tag. Für mich ist es jetzt fünf Uhr morgens.“

Ich nahm meine Schlüssel, und als sich unsere Hände berührten, schauderte ich und dachte: Herrgott noch mal. Ich sah ihn an, und er betrachtete mich; nahm bei mir Maß. Dann lächelte er. Hatte sich wieder im Griff.

Unterwegs hatte ich mit einem echten Cowboy schlafen wollen, jemandem, der ohne soziale Medien lebte. Durch Sex fühlte ich mich hübsch. In Texas war ich fast am Ende meiner Reise angelangt. Der Mann, mit dem ich vögelte, hieß John Ford. Er trug ein Westernhemd und legte in der Lounge des Thunderbird Hotel meine Hand auf seinen Reißverschluss. Die Wände waren helltürkis, auf dem Boden lagen Kuhfelle. Er behauptete, er habe mal auf einer Ranch gearbeitet. Was sich jedoch als Pfadfinderausflug herausstellte, an den er sich so lebhaft erinnerte, als wäre es gestern gewesen. Er war von Chicago aus im Spirituosenvertrieb tätig. Vom gleichnamigen Regisseur hatte er noch nie gehört. Oder vom Monument Valley, wo dessen Filme gedreht worden waren, diese heroischen Western, die ich mir mit meiner Mutter angesehen hatte. Er rülpste zweimal, zu laut, als dass ich es hätte überhören können, und bestellte eine Flatbread-Pizza mit Balsamicozwiebeln. Aber er hieß John Ford.


Gesellschaftlicher Wandel: wie sich der Blick auf Frauen und Geschlechterrollen verändert

Die Geschlechterrollen sind je nach dem historischen und regionalen Kontext sehr unterschiedlich. In der westlichen Gesellschaft sind die patriarchalischen Strukturen von einst noch deutlich zu erkennen. Eine Bundeskanzlerin und Frauenquoten konnten die bestehende Ungleichheit von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben nicht eliminieren. Die Geschlechterrollen sind fest in den Köpfen verankert und werden durch unveränderbare biologische Gegebenheiten gefördert.

Für alle, die sich manchmal falsch fühlen. Ihr seid genau richtig


Lena Kupke

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UngebundenUngebunden

Das Leben als alte Jungfer. Mit einem Vorwort von Teresa Bücker

Nur einmal mit Anfang 20, da lebt Malin Lindroth ein Leben, das „normal“ ist: Freund, gemeinsame Wohnung, man teilt sich eine Besteckschublade. Nach vier Jahren beendet Malin die Beziehung. Der nächste Mann wird schon kommen, denkt sie. Jetzt, 30 Jahre später, stellt sie sich die Frage, was seitdem eigentlich „schief“ gelaufen ist. Denn sie blieb allein. Unterhaltsam und lustig, aber auch ernst und schmerzvoll führt Lindroth durch ihr nicht vorhandenes Beziehungsleben. Das ist zwar manchmal schwer auszuhalten, viel schlimmer ist allerdings, dass sie sich ständig für diesen Umstand rechtfertigen muss: ihre Persönlichkeit, ihre Sexualität, ihre Einstellung – all das wird hinterfragt. Dieses Buch ist Lindroths Befreiungsschlag!
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„Malin Lindroth erzählt davon, wie es ist, wenn das Leben immer wieder Entscheidungen trifft, die dem eigenen Wunsch widersprechen.“


Teresa Bücker


Kenne deinen Körper: Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Der Frauenkörper galt lange als Mysterium. Dies ist durch das Bild der Frau und ihrem geringeren Wert gegenüber dem Mann in der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gefördert worden. Im Zuge der Gleichberechtigung hat sich dies geändert. Die Frau darf nun auch ein sexuelles Wesen sein, dass seine eigene Sexualität entdeckt.

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Keep It ComingKeep It Coming

Guter Sex ist Übungssache

Schöner Sex – schön wär’s! Was tun, wenn nach vielen Jahren die Abläufe festgefahren sind, die Lust verschwunden? Vielleicht ist die Lust auch da und Frau weiß genau, was sie will – oder eben nicht. Doch wie lässt sich das zusammen mit dem Partner umsetzen? Die erfahrene Sexualtherapeutin Dania Schiftan zeigt fundiert und anhand zahlreicher Fallbeispiele aus ihrer Praxis, wie wir ein neues Miteinander im Bett entwickeln können, ganz behutsam und effektiv. Denn auch beim Sex zu zweit gilt: Wer eine Sache beherrschen will, muss üben. Dann ist kein Hindernis unüberwindbar!
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Coming SoonComing Soon

Orgasmus ist Übungssache - In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt

Wenn wir eine Sache beherrschen wollen, üben wir: Wer gut Klavier spielen will, nimmt Unterricht, wer tanzen will wie eine Ballerina, trainiert regelmäßig. Dieser Grundsatz gilt in allen Lebensbereichen – nur beim Sex denken wir, dass alles von selbst klappen muss. Wie falsch diese Annahme ist, belegen die Zahlen: Nur jede dritte Frau kommt beim Sex regelmäßig zum Höhepunkt. Dabei könnte es ganz einfach sein: Denn genau wie ein Pianist seine Finger trainieren muss, muss die Vagina erst sensibilisiert werden, um beim Sex etwas empfinden zu können. Wie das geht, erklärt Dania Schiftan in diesem Buch – und hilft uns ganz nebenbei, unseren Körper besser kennenzulernen.

Inhalt:

Einleitung

1. Schritt: Kleine Anatomiestunde: die Vagina, die Vulva und die Klitoris

2. Schritt: Wo stehe ich?

3. Schritt: Wie bin ich da hingekommen? – Meine sexuelle Vergangenheit

4. Schritt: Move it! – Warum Bewegung entscheidend ist

5. Schritt: Der Beckenboden und warum er so wichtig ist.

6. Schritt: Reine Kopfsache? – Sexuelle Fantasien

7. Schritt: Swing it! – Die Beckenschaukel

8. Schritt: Mehr Egoismus!

9. Schritt: Swing it together! – Bewegung im Duett

10. Schritt: Zusammen abheben

Die Übungen im Überblick

Und jetzt viel Spaß!

Theorie für Wissenshungrige: die vier Erregungstypen

Interessantes für und über den Mann

Anhang

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Powerzentrum BeckenbodenPowerzentrum Beckenboden

Wertvolles Wissen und ganzheitliche Übungen, um die Körpermitte in Spannung zu bringen

„Ich werde dieses Buch allen meinen Patientinnen mit Inkontinenz und Beckenbodenproblemen zur Pflichtlektüre empfehlen.“ Univ.-Prof. Dr. P. Mallmann (Universitätsklinikum Köln) Gesundheit für die Körpermitte Zusammenhänge verstehen - wirkungsvolle Alltagsmethoden lernen - Lebensqualität gewinnen Mehr Energie, Kraft und Lust durch das ganzheitliche Übungsprogramm für jeden Tag Jede zehnte Frau trägt bei der Geburt ihrer Kinder massive Beckenbodenschäden davon, zum Teil mit fürchterlichen Folgen wie Blasen- und Gebärmuttersenkung, Inkontinenz und Beeinträchtigung des Intim- und Sexuallebens der Betroffenen. Doch nicht nur Mütter sind von Beckenbodenproblemen betroffen, sondern jede Frau trägt das Risiko, an Beckenbodenschwäche zu erkranken, in sich. Noch immer wird viel zu wenig darüber gesprochen und aufgeklärt. Die erfahrene Physiotherapeutin Astrid Scheuermann erklärt anschaulich die Funktionsweise einer der wichtigsten Muskelgruppen unseres Körpers und verrät, mit welchen leicht umsetzbaren Übungen man den Beckenboden stärken und Beschwerden vorbeugen kann.

Vorwort

Astrid: „Es klingelte an der Praxistür. Da stand Ella. Ich war überrascht, denn Ella war, solange ich sie kenne, noch nie ernsthaft krank gewesen. Und das heißt etwas – wir kennen uns seit 20 Jahren. Doch nun konnte man ihr auf den ersten Blick ansehen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als sie erzählte, was mit ihr los war, wusste ich: Ich würde ihr helfen können. Aber zaubern konnte ich nicht. Sie würde lernen müssen, damit zu leben und sich trotzdem wieder lebens- und liebenswert zu fühlen.“

Ich liebe meine Arbeit als Physiotherapeutin. Liebe es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Mich mit Fachkollegen gemeinsam für das Wohl von Patientinnen einzusetzen. Mit Frauen – und Männern – zusammenzuarbeiten und ihnen eine neue Perspektive zu ermöglichen. Denn nicht immer ist es möglich, eine Krankheit zu heilen. Manchmal geht es darum, sie anzunehmen.

Themen rund um den Beckenboden begegnen mir täglich in meiner Arbeit. Meist bei Frauen, und zwar in allen Altersgruppen. Viele von ihnen hatten noch nie zuvor in ihrem Leben ernsthafte gesundheitliche Probleme. Für sie alle bedeuten Schwierigkeiten mit dem Beckenboden große Einschränkungen im Leben – sie leiden, sind unbeweglich, fühlen sich blockiert.

Das muss nicht sein. Mit diesem Buch habe ich eine Botschaft für alle, deren Beckenboden Aufmerksamkeit fordert: Eine Beckenbodenschwäche bedeutet nicht das Ende der Weiblichkeit. Sie können etwas tun – und Spaß dabei haben.

Sich mit dem eigenen Beckenboden zu beschäftigen – ob therapeutisch notwendig oder einfach vorbeugend – bereichert. Weg mit falschen Ideen: Beckenbodentraining ist aufregend, lehrreich und sinnlich.

Um kompetent in Sachen Beckenboden zu werden, habe ich mich viele Jahrzehnte aus- und fortgebildet. Ich habe als Krankenschwester mit den Spezialgebieten Neurologie und Schädel-Hirn-Trauma gearbeitet, bin Physiotherapeutin mit den Schwerpunkten Orthopädie, Chirurgie, Neurologie und Frauenleiden sowie Heilpraktikerin. Zusatzausbildungen in manueller Therapie, Propriozeptiv-Neuromuskulärer Faszilitation, Akupunkt-Massage nach Penzel, Traditioneller Chinesischer Medizin und dem Tanzberger-Konzept haben mir gezeigt, was unterschiedliche Therapieansätze leisten können. Deshalb bin ich der Überzeugung: Ein Buch über den Beckenboden kann kein Ratgeber sein, der Ihnen die Punkte eins bis zehn vorstellt, deren Bearbeitung Sie von heute auf morgen gesund macht. Ich möchte Ihnen stattdessen einen neuen, ganzheitlichen Blick und eine andere Perspektive ermöglichen. Das bedeutet zuerst, dass es nicht nur um die Beckenbodenmuskulatur gehen wird. Ich nehme auch Bezug auf das knöcherne Becken, die Organe und Gewebe. Alle vier arbeiten zusammen und erwecken in uns im Optimalfall das Gefühl, frei und kerngesund zu sein. Um das zu erreichen, mache ich Ihnen einen Strauß an Angeboten, aus dem Sie diejenigen Blüten suchen, die Ihnen gefallen.

Menschen nehmen das, was sie erleben, unterschiedlich wahr. Deshalb bietet Ihnen mein Buch noch mehr: Meine Überlegungen werden durch anonymisierte Geschichten betroffener Frauen ergänzt, die ich im Laufe meiner Tätigkeit kennenlernen durfte. Sie finden sie am Beginn jedes Kapitels und sie zeigen Ihnen: Sie sind nicht allein. Sie können es schaffen. Ihr Beckenboden kann das positive Zentrum Ihres Körpers werden.

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„Hauptsache, er tut, was er soll“ – Der vernachlässigte Beckenboden
„Der ist eben einfach da“ – (Un)Achtsamkeit

Wir bemerken, dass wir unseren Beckenboden zu lange als selbstverständlich betrachtet haben. Unsere Aufgabe ist es, jetzt achtsam zu werden und uns um uns zu kümmern.

Ina: „Bis ich hierher gekommen bin, habe ich keine wirkliche Beziehung zu meinem Beckenboden gehabt. Er war einfach da. Ich habe nicht über ihn nachgedacht. Irgendwie war er unterrepräsentiert in meiner Wahrnehmung. Warum sollte ich denn auch eine Beziehung zu ihm haben? Er funktioniert, oder besser gesagt, funktionierte. Ist es denn wichtig, dass man ihn wahrnimmt? Im Regelfall nicht, oder? Ohne die Erkenntnis, dass ich jetzt einen vielleicht irreparablen Schaden habe, brauchte ich doch nicht nachzudenken. Das ist wie bei allen Krankheiten: Solange du nicht betroffen bist, machst du einfach alles, woran du Spaß hast. Und gehst vielleicht auch sorglos mit deiner Gesundheit um. Ich bin doch kein Pessimist oder Hypochonder, der sich stundenlang damit beschäftigt, was alles passieren könnte.“

Man muss nicht esoterisch veranlagt sein, um zu verstehen, dass Achtsamkeit positive Auswirkungen haben kann. Dabei geht es um eine besondere Form von Aufmerksamkeit. Am wichtigsten ist dafür, zuerst einmal wahrzunehmen. Das fällt vielen Frauen gerade beim Beckenboden schwer. Es ist wie mit unseren Füßen oder dem Herzen: Die machen einfach, tagein, tagaus. Man muss eigentlich keinen Gedanken daran verschwenden. Ina hatte recht:

Solange alles an Ort und Stelle ist, denkt man nicht über den Beckenboden nach. Wie selbstverständlich man ihn doch nimmt. Dabei begleitet er uns bei jeder Tätigkeit, die wir im alltäglichen Leben verrichten. Er ist da, wenn wir liegen, wenn wir sitzen, wenn wir stehen. Beim Sporteln, beim Heben, beim Niesen, Husten, Lachen oder Weinen. Er lässt zu, dass wir auf die Toilette gehen. Und natürlich ist er dabei, wenn wir Sex haben, wenn wir uns selbst befriedigen. Ein Wahnsinnsapparat, eine Hammeraufgabe – jeden Tag, jede Stunde und Minute. Und wie danken wir es ihm? Kaum einmal, der Beckenboden ist pure Selbstverständlichkeit. Dabei wäre es so wichtig, einmal zu sagen oder wenigstens zu denken: „Gut, dass du deinen Job machst.“

Erst wenn es Probleme gibt, wird plötzlich klar: Da war ja was. Viele Frauen reagieren dann zunächst mit Wut auf sich selbst. Sie fragen sich, warum ihnen das passiert. Wieso der Körper ihnen „dazwischenfunkt“ – jetzt, wo sie doch sowieso viel zu tun haben. Oder ärgern sich, dass sie sich nie um sich gekümmert haben – und es auch kein anderer tut. Das ist okay für den Anfang, aber ganz schnell wird klar: Davon ändert sich noch nichts. Für ein erfolgreiches Powerzentrum Beckenboden ist es wichtig, den eigenen Beckenboden zu begreifen. Ihn wahrzunehmen. Erst dann kann man ihn auch wertschätzen. Ich möchte, dass Ihre Aufmerksamkeit in Ihr Becken wandert, besonders ins kleine Becken. Denn dort befinden sich die Beckenbodenmuskulatur und – obenauf liegend – wichtige Organe wie die Blase, der Enddarm, die Gebärmutter und die Vagina. Ich möchte erreichen, dass Sie diese als Teil Ihres Körpers bewusst wahrnehmen. Und zwar mit der gleichen Wertigkeit wie Arme, Beine, Gesicht. Es ist enorm wichtig, dass das geschieht, denn es geht nicht nur darum, Übungen zu machen. Ich bin davon überzeugt: Ein Beckenboden wird auch dadurch (wieder) stark, dass er die Isolierstation im Körper verlässt. Dann wird er wieder all seine Aufgaben erfüllen können. Sie werden ein inneres Bild und hoffentlich ganz neue Gefühle zu diesem Teil Ihres Körpers entwickeln. Aber dafür ist es wichtig, dass die Körperwahrnehmung geschult wird. Das gelingt dann gut, wenn Sie anfangen, Ihre Aufmerksamkeit auf den Beckenboden, die lang vernachlässigte Körpermitte zu richten.

„Der ist doch irgendwie da unten“ – Beckenboden

Wir verstehen, dass Scham und Verdrängung der falsche Weg sind. Denn nur deshalb wissen wir so wenig über einen der wichtigsten Bereiche des weiblichen Körpers.

Lara: „Ich hab’ mir schon manchmal die Frage gestellt, ob alle Frauen in ihrem Intimbereich gleich aussehen. In der Umkleide oder Schwimmbaddusche fällt ja bis auf die Farbe der Schamhaare maximal noch die generelle Größe der Vulva auf. Einen intensiveren vergleichenden Blick habe ich noch nie gewagt. Männer haben es da leichter: Kurzer Seitenblick auf den Nachbar am Pissoir und schon ist alles klar. Aber bei Frauen ist das schwierig. Selbst wenn man unterschiedliche Äußerlichkeiten entdeckt oder um verschiedene Tampongrößen weiß, eines kann man sicherlich nicht beurteilen: Wie groß, breit oder lang ist eine Vagina? Und was bedeutet das eigentlich?“

Die Beckenbodenregion ist tabuisiert. Schon von Kindesbeinen an wird mit ihr mehr oder weniger distanziert umgegangen. Eltern spielen hier die erste, entscheidende Rolle. Wir sollen uns in der Öffentlichkeit „untenrum“ nicht berühren – das lernen kleine Jungen und vor allem Mädchen sehr früh. Der Beckenbodenbereich wird so frühzeitig zu einer Art Mysterium: kaum betrachtet, wenig berührt und verschlossen.

Bei Jungen gibt es trotz allem noch einen Ausgleich. Sobald sie in der Lage sind, selbstständig auf die Toilette zu gehen, haben sie einen Teil der Beckenbodenorgane täglich sprichwörtlich in der Hand. Sie halten ihren Penis, wenn sie urinieren. Sie sehen ihn vor sich, wenn sie nackt sind. Bei Mädchen muss ein Spiegel genutzt werden – und das gilt als unpassend. Fragen Sie sich ganz einfach selbst: Würden Sie auf den Gedanken kommen, den Beckenboden zu massieren, weil er verspannt ist? Ähnlich wie einen schmerzenden Rücken, Arm oder ein Bein? Vermutlich nicht.

Der Beckenboden und die unmittelbar mit ihm verbundenen Genitalien sind mit Scham behaftet. Gerade für Frauen heißt das: Alles, was zwischen den Schenkeln sitzt, ist im Generellen keine bewusste Region für sie. Außer beim Sex natürlich. Möglicherweise auch noch beim Einführen des Tampons. Zu allen anderen Gelegenheiten soll der Beckenboden nur eines tun: funktionieren.

Wenn er das nicht (mehr) tut, wird es schwierig. Natürlich verlangt niemand, dass jegliche Beckenbodenthemen bis ins Detail in der Öffentlichkeit beredet werden müssen. Wenn es allerdings so etwas wie eine Selbsthilfegruppe gäbe, dann könnten wirklich Tipps und Tricks ausgetauscht werden. Denn das, was man überall in der Werbung sehen kann – all die Produkte für inkontinente Frauen –, hilft nur, die Folgen in den Griff zu bekommen. Mit dieser Art von Werbung wird vermittelt, dass es völlig normal ist, Urin zu verlieren, so wie es normal ist, seine Periode zu haben. Das stimmt aber nicht und widerspricht dem hohen Leidensdruck vieler Frauen. Sie werden so ermuntert, ihr Problem zu verdrängen und nicht aktiv an einer Problemlösung zu arbeiten.

Viel wichtiger wäre eine offene Kommunikation zu hilfreichen Übungen, um das Problem in den Griff bekommen zu können. Mit entsprechender fachlich unterstützter Anleitung können viele Beckenbodenbeschwerden nachhaltig behandelt und gelindert werden.

Aber da spielt auch Scham eine nicht zu unterschätzende Rolle. Eventuell ist es auch für Sie ein Problem, dass Sie als sehr intim empfinden. Es betrifft Ihr Selbstbild, Ihr Frausein, Ihre Weiblichkeit. Es ist nicht nur eine funktionelle Einschränkung, sondern erfasst Sie womöglich ganz. Und dieses Ganze möchten Sie nur offenbaren, wenn Sie Hilfe vermuten, nicht aber, um zum bemitleidenswerten Gesprächsthema in Frauenrunden zu werden. So kommt es, dass Sie vielleicht andere, naheliegende Gründe vorbringen, wenn Sie sich hinlegen müssen, nicht schwer heben wollen oder schon zum dritten Mal in einer Stunde die Toilette aufsuchen.

Auf der einen Seite ist das natürlich vollkommen legitim. Aber es beraubt Sie auch der Möglichkeit, unerwartet Hilfe und Unterstützung zu erfahren. Das ist schade. Und für mich ein wesentlicher Grund, Ihnen mit diesem Buch das Powerzentrum Beckenboden nahezubringen und selbst für mehr Aufklärung zu sorgen.

„Ein totales Tabuthema“ – Frauenkrankheiten

Wir schauen in die Geschichte des Umgangs mit Frauenleiden und denken über Tabuisierung heutzutage nach.

Jessica: „Ich bin total verstört, ich weiß nicht, was in meinem Kopf und Herzen abgeht. Ich fühle mich total allein und isoliert. Ich habe noch nie davon gehört. Ich bin geschockt. All meine Weiblichkeit ist erschüttert. Mit wem soll ich darüber sprechen können? Totales Tabuthema! Unappetitlicher geht es kaum. Meine Blase hat sich durch meine Vagina nach außen gestülpt. Meine Gebärmutter ist abgesackt. Gerade fühle ich mich wie ein Wrack.“

Die Frau – das große Mysterium. Gefährlich und faszinierend zugleich. Diese Zuschreibungen wirken seit Jahrtausenden. Und sie haben großen Einfluss auf den Umgang mit Frauengesundheit, bis heute. Noch immer wird tabuisiert. Bestimmte Krankheitsbilder gelten als peinlich, als zu intim, um sie einem Arzt anzuvertrauen. Viele Frauenleiden werden nicht öffentlich gemacht, sie werden kaum angesprochen. Die betroffenen Frauen selbst möchten das häufig nicht. Das Thema gilt als unappetitlich. Kein Small Talk.

Fragt man Frauen nach ihrer Zurückhaltung, wird klar: „Darüber spricht man nicht.“ Das sind tief verwurzelte Überzeugungen. Alles, was mit spezifisch weiblichen Gesundheitsthemen zu tun hat, ist menschheitsgeschichtlich erst seit kurzer Zeit überhaupt sagbar. Junge Frauen heute sind die erste Generation, die unbefangen über Menstruation, sexuelle (Un)Lust oder intime Körperstellen sprechen.

Die längste Zeit in der Geschichte aber galten Frauen in vielen Phasen ihres Lebens als unrein, die Begleitung und Behandlung von Frauen geschah ohne vertiefte Kenntnisse der weiblichen Anatomie. Häufig wortwörtlich unter einem Deckmantel, der kein Stück der Frau erkennen ließ. Die erste Dokumentation über Beckenbodenerkrankungen geht auf die Antike zurück. Bereits Hippokrates beschäftigte sich mit dem Phänomen der Senkung der Organe. Allgemein aber galt im klassischen Griechenland: Zu heftige Bewegungen des Uterus führen zur Hysterie, einem spezifischen Frauenphänomen. Man probierte verrückte Sachen mit den Frauen aus: Stellte sie auf den Kopf, damit die Organe wieder an die richtige Stelle rückten, schüttelte sie dabei. Den Frauen wurden unangenehm riechende Dinge vor die Vagina gehalten, weil man annahm, dass sich wegen des üblen Geruchs das herausgefallene Organ wieder zurückziehen würde. Das 19. Jahrhundert brachte mangels anderer Ideen eine besonders krude Erklärung hervor, die auch Beckenbodenbeschwerden umfasste: weibliche Hysterie. Da äußere und innere Genitalien mit dem Gehirn verbunden seien, seien Nerven- und Gemütsstörungen auf diese Körperteile und Organe zurückzuführen – und andersherum. Der Name für die Gebärmutterentfernung lautet bis heute: Hysterektomie. Gemeint ist das Entfernen des Uterus, immer noch ist da ein Bewusstsein für das veraltete, früher viel wichtigere Ziel der Behandlung: das Loswerden einer durch Ichbezogenheit, Geltungssucht, Kritiksucht und Emotionalität gekennzeichneten angeblichen Frauenkrankheit. Beckenbodenprobleme waren also jahrhundertelang wahlweise Spinnerei oder gehörten mit teilweise drastischen Maßnahmen behandelt.

Erst in den 1940er-Jahren befasste sich Dr. Arnold Kegel, ein amerikanischer Gynäkologe, eingehender mit der Beckenbodenmuskulatur. Auch er bezeichnete das Beschwerdebild noch nebulös als „Frauenleiden“ und „unklare Beschwerden in Zusammenhang mit dem weiblichen Genitale“. Er beobachtete allerdings, dass eine Beckenbodenschwäche häufig nach Geburten auftrat, und erkannte, dass auch diese Muskelgruppe trainiert werden konnte. Als diagnostisches Instrument entwickelte Kegel das Perineometer – ein Messgerät, das den Druck in der Vagina aufzeichnete und so erste Erkenntnisse über das Ausmaß von Reaktionsproblemen gab. Seine Überlegungen sind bis heute wegweisend für die Behandlung von Beckenbodenproblemen.

Es hat sich aber in Sachen Diagnostik, Behandlung und Prävention noch viel mehr getan. Urogynäkologie, Psychosomatische Gynäkologie und Gynäkologische Chirurgie sind anerkannte Fachbereiche mit beeindruckenden Hilfsangeboten. Trotzdem bleibt für viele Frauen das Gefühl, an einem unaussprechlichen Problem zu leiden. Sie reagieren darauf mit Rückzug, mit Vermeidung und Verdrängung.

„Du bist nicht allein“ – Betroffene

Wir erkennen, dass es viel mehr Betroffene gibt, als gedacht. Sie haben ganz unterschiedliche Beschwerdebilder, denen eines gemeinsam ist: Sie lassen sich gut behandeln.

Maria: „Ich hatte solche Schmerzen im Beckenboden. Niemand schien das zu kennen, mein Mann meinte, ich bilde mir das ein. Ich fühlte mich alleingelassen und frustriert. Selbst Ärzte hatten nur Vermutungen: schwaches Bindegewebe oder so. Erst als ich in einem Beckenboden-Forum andere Frauen kennenlernte, die unterschiedlichste Beckenbodenbeschwerden hatten, fasste ich den Mut, der Sache auf den Grund zu gehen und sie in die Hand zu nehmen.“

Treffpunkt Spielplatz: In lockeren Gruppen stehen junge Mütter beieinander und beobachten ihre Kleinen beim Buddeln, Schaukeln oder Rutschen. Neben Entwicklungsfragen und Alltagsentscheidungen wird manchmal etwas anderes verschämt angesprochen: der Beckenboden. Auch wenn es keine so nennt. Etwas verklemmt geht es um nasse Unterhosen beim Trampolinspringen oder Joggen, um Tröpfchenbildung beim Lachen oder unangenehme Begleiterscheinungen des Niesens.

Etwa die Hälfte aller Frauen, die ein Kind bekommen haben, leiden unter Beckenbodenproblemen. Die einen mehr, die anderen weniger. Geschätzte 10 Prozent dieser Frauen empfinden das selbst als eine Beeinträchtigung mit Krankheitswert. Im Jahr 2019 kamen in Deutschland 778 100 Kinder zur Welt. Demnach haben fast 400 000 Frauen mit belastenden Beschwerden zu kämpfen. Circa 40 000 von ihnen sehen sich massiv eingeschränkt.

Unter den Betroffenen sind viele Ältere, aber nicht nur. Es sind auch junge Frauen darunter, die nie geboren haben, sowie Männer in allen Altersgruppen. Ihre Beckenbodenbeschwerden sind nicht geburtsbedingt. Sie sind angeboren, durch Bindegewebsschwäche verursacht, eine Erscheinung des Alters, durch Bauchoperationen und vieles mehr verursacht. Kaum vorstellbar, wie viele Menschen es sein müssen. Die Werbung mit attraktiven Damen im reiferen Alter für Inkontinenzprodukte aller Art mag suggerieren, der Beckenboden sei salonfähig geworden. Das ist er aber leider nicht. Die Verkaufszahlen der Produkte sprechen davon, wie viele Betroffene es tatsächlich geben könnte: mehr als 10 Millionen in Deutschland. Nicht erfasst sind diejenigen, die weder solche Produkte erwerben, noch eine Ärztin aufsuchen – aber trotzdem leiden. Viele Menschen, vor allem Frauen, sitzen im stillen Kämmerlein und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. So entsteht das Gefühl, allein zu sein. Doch das stimmt nicht.

Für manche von Ihnen mag der Gedanke, dass es viele Leidensgenossinnen gibt, gar nicht hilfreich sein. Es tröstet Sie vielleicht kein bisschen, weil Sie es ungerecht finden. Gerade, wenn Sie bisher gesund waren und gesund gelebt haben, drängt die Frage „Warum ich?“ noch stärker in den Vordergrund. Sie haben vielleicht Sport getrieben, dabei nicht übertrieben, sind nicht übergewichtig. Sie können die Probleme nicht begreifen und nicht annehmen. Aber die Wahrheit ist: Es gibt zwar bestimmte Risikofaktoren, aber Beckenbodenbeschwerden sind ein Massenphänomen. Andere Menschen zu kennen, die ähnliche Schwierigkeiten haben, kann stärken.


Frauen im Berufsleben: Überlebenstraining im Job

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Gesellschaft viel geändert: Frauen sind zu Präsidenten gekürt worden und Frauen bekleiden wichtige Managerpositionen. Doch gerade in der Tatsache, dass dies noch immer in den Medien als etwas Außergewöhnliches gefeiert wird, liegt die Krux: In einer gleichberechtigten Welt wären diese machterfüllten Ämter bekleidet von Frauen nichts Besonderes.

Blick ins Buch
Die freundliche FeindinDie freundliche Feindin

Weibliche Machtstrategien im Beruf

Mehr Frauen in Führungspositionen - das wollen (fast) alle gern. Oft aber wird dieses Ziel geradezu romantisch verklärt: Frauen seien friedfertiger, kommunikativer, teamfähiger … Ach, ja? Wer je unter den subtilen Grausamkeiten einer Bürokollegin, den Erpressungen einer lächelnden Chefin oder scheinbar aus dem Nichts auftauchenden bösen Gerüchten im Büro gelitten hat, wird anderer Meinung sein. Die Wahrheit ist: Zwar scheuen Frauen häufig die direkte Konfrontation und die offene berufliche Aggression. Aber sie benutzen andere Mittel, um sich unliebsamer Konkurrentinnen im Job zu entledigen. Für die Betroffenen kann das traumatisch werden. Der renommierte Coach Peter Modler erklärt, wie diese Mechanismen (unter denen auch Männer leiden) funktionieren und wie man am wirksamsten dagegen angehen kann.

Einleitung oder: Was zu diesem Buch geführt hat

 

Frauen gegen Frauen

Wenn eine hoch kompetente Frau in einer Führungsposition zu einem Coach wie mir kommt, dann oft deshalb, weil sie mit männlichen Widerständen in der Firma klarkommen muss. Immer diese Rangkämpfe, diese nervenden Revierauftritte, diese kräftezehrenden Rivalitätsspiele!

In den letzten Jahren habe ich es aber auch immer häufiger mit leistungsstarken Frauen zu tun, die mit den männlichen Mitarbeitern oder Vorgesetzten kaum noch ein Problem haben. Stattdessen treffen sie bei der Arbeit auf einen Gegner, mit dem sie zuerst gar nicht gerechnet hatten: andere Frauen nämlich. Die Erfahrungen, die damit verbunden sind, können sehr bitter sein.

Wahrscheinlich ist der Grund dafür eine Entwicklung, die eigentlich zuversichtlich machen könnte. Denn immerhin gibt es mittlerweile tatsächlich eine zunehmende Zahl von Frauen in Führungspositionen. Vielleicht weniger in den Vorständen der deutschen Konzerne. Aber – anders, als das öffentlich vielfach wahrgenommen wird – die sind für wirtschaftliche und politische Veränderungen schon immer weniger bedeutsam gewesen als etwa der Mittelstand. Dort jedoch haben wir schon heute einen Anteil von Frauen in Chefpositionen, von denen Konzerne nur träumen können – mit zunehmender Tendenz.

Da Machtauseinandersetzungen am Arbeitsplatz zur selbstverständlichen Realität gehören, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch unter Frauen zeigt, und nun ist es also so weit. In gewissem Sinne ist es ein Zeichen für eine Normalisierung.

Für die davon Betroffenen ist das allerdings ein schwacher Trost. Aus der Sicht der solche Konflikte erlebenden Frauen ist diese berufliche Aggression nämlich oft ganz besonders schmerzlich. Nicht zuletzt deshalb, weil frau gedacht hatte, gerade von den Menschen aus demselben Kommunikationssystem viel besser verstanden zu werden. Nun stellt sich vielfach heraus, dass eben dieses tatsächlich tiefere Verstehen sogar zu einer Waffe werden kann.

Wenn Männer solche Auseinandersetzungen mitbekommen (falls überhaupt), dann sind ihre Reaktionen oft nur mühsam verdeckte Eingeständnisse eigener Inkompetenz. Ihre vorschnelle Abwertung dieser Muster als „Zickengehabe“ oder „Stutenbissigkeit“ drückt in der Regel nur größtmögliche Hilflosigkeit aus: Keine Ahnung, was da passiert und wie ich mich als Chef oder Kollege dazu verhalten soll!

Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass der gute Umgang mit Geschlechterdifferenzen eine Bedingung für erfolgreiches Wirtschaften ist. In zweien meiner Bücher – Das Arroganz-Prinzip und Die Manipulationsfalle – habe ich detailliert dargestellt, wie sich Frauen in männlich dominierten Arbeitsbereichen behaupten können.

Das Bild wird aber erst komplett, wenn nicht ausgeblendet wird, wie Frauen andere Frauen am Arbeitsplatz behandeln. Und das ist, so anders man es sich auch wünschen würde, nicht immer schön. Als Mann sehe ich dieses System, zugegeben, von außen. Das betrachte ich inzwischen aber eher als Vorteil: Der Blick eines sympathisierenden Beobachters kann ausgesprochen produktiv sein, gerade weil er nicht die dort selbstverständlichen Reflexe teilt.

Im ersten Kapitel beschreibe ich, wie sich berufliche Aggression unter Frauen aufbaut. Eines ihrer Kennzeichen ist, dass sie sich indirekt äußert (und darum anfänglich auch schwer zu erkennen ist). Wenn man aber bei so einer Eskalation zu spät handelt, kann das zu traumatischen Erfahrungen führen.

Anhand vieler Beispiele wird im zweiten Kapitel das handwerkliche „Waffenarsenal“ dargestellt, das in diesem System eingesetzt wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei offiziell demonstrierte Freundlichkeit, die nichts weiter darstellt als eine Maske, hinter der sich heftigste Angriffe verbergen können.

In Kapitel drei beobachte ich eine der Meisterinnen dieser Kampfkünste, nämlich Heidi Klum in ihrer Sendung Germany’s Next Topmodel. Man muss sie nicht mögen, aber man kann viel von ihr lernen.

Kapitel vier betrachtet die Eigenheiten von Ausschlussstrategien in horizontalen Aggressionsmustern – sie können Männer genauso empfindlich treffen wie Frauen. Aber hilflos hinnehmen muss man sie nicht.

Im fünften Kapitel nehme ich eine Berufs- und Lebenswelt unter die Lupe, in der scheinbar alle Ideale horizontaler Kommunikation erfüllt sind: achtsamer Umgang, gewaltfreier Alltag, hohe Kommunikationsdichte, selbstverständliche Rücksichtnahme. Leider heißt das in der Praxis nicht zwangsläufig, dass es funktioniert.

Kapitel sechs stellt entmythologisierende Forschungsergebnisse vor, die alle zum selben Ergebnis kommen: Frauen sind nicht per se aggressionsloser als Männer, und bessere Menschen sind sie sowieso nicht. Allerdings haben weibliche Aggressionsstrategien durchaus ihre Besonderheiten.

Chefinnen haben es manchmal gerade mit Mitarbeiterinnen schwerer als mit Männern. Die Ansprüche an sie sind besonders hoch. Anhand von fünf Best-Practice-Beispielen zeige ich in Kapitel sieben, wie man gut damit umgehen kann.

Wenn Frauen weibliche Aggression am Arbeitsplatz erleben, müssen sie sich selbst schützen. Wie sie ihre eigenen „inneren Bodyguards“ finden, steht im Kapitel acht. Gerade für Frauen in Führungspositionen ist das besonders wichtig.

Männliche Vorgesetzte und Kollegen sind manchmal die Letzten, die mitbekommen, was da im Betrieb unter Frauen läuft. Trotzdem können sie in den Auseinandersetzungen eine wichtige Funktion haben. Die stelle ich in Kapitel neun dar.

Kapitel zehn fasst noch einmal in knapper Form zusammen, wie man angesichts freundlicher Feindinnen nicht nur überleben, sondern ihre Strategien im eigenen Interesse nutzen kann: Wenn man weiß, wie es funktioniert, lässt sich damit arbeiten.

 

Horizontal und vertikal

Ein Hinweis allerdings vorab: Wenn im Folgenden immer wieder scheinbar kategorisch von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen wird, ist das eine Vereinfachung. Eigentlich müsste ich von „horizontal Kommunizierenden“ reden und von „vertikal Kommunizierenden“. Diese Begriffe hat eine Frau erfunden, Deborah Tannen, Soziolinguistin an der amerikanischen Georgetown-Universität. Für vertikale Personen sind ihr zufolge zwei Achsen der sozialen Kommunikation extrem wichtig, nämlich a) die Rangordnung in der jeweiligen Gruppe und b) das Territorium, auf dem sie sich aufhalten. Das trifft mehrheitlich auf Männer zu, aber nicht ausschließlich. Auch eine Minderheit von Frauen kommuniziert so. Die beiden Achsen „Rang“ und „Revier“ bestimmen bei vertikalen Vertretern die gesamte Kommunikation am Arbeitsplatz. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Leute nicht inhaltlich werden könnten. Doch, können sie. Aber oft erst dann, wenn die Rang- und Revierfragen geklärt sind.

Demgegenüber bestimmen im horizontalen System ganz andere Achsen den täglichen Umgang miteinander, nämlich a) die Zeichen der Zugehörigkeit und b) das inhaltliche Interesse. Diese beiden Achsen können in einem beruflichen Rahmen ausgesprochene Stärken darstellen. Das horizontale System kann schnell berufsrelevante Beziehungen herstellen, eine einschließende Sprachkultur gegenüber Fremden (inklusive Kunden) entwickeln, rasch eine zufriedenstellende Arbeitsatmosphäre erzeugen und offene Aggression abbauen. Für viele Firmen besonders bedeutsam ist die hohe Geschwindigkeit, mit der es sachlich Probleme lösen kann, gerade weil es Rangfragen eher abgeneigt gegenübersteht.

Das hört sich zunächst nach etwas ausschließlich Positivem an. Aber auch diese beiden Achsen Zugehörigkeit/Inhaltliches Interesse haben ihre Schattenseiten, wie wir sehen werden. Horizontal kommuniziert eine Mehrheit von Frauen und eine Minderheit von Männern. Diejenigen, die sich für mehr Details zum Hintergrund dieser Sprachsysteme interessieren, erlaube ich mir auf meine genannten Vorgängerbücher hinzuweisen.

Beide Systeme haben jedenfalls ihre Schwächen und Stärken, und in einer reflektierten Zusammenarbeit wären sie so etwas wie ein Dream-Team. Wo sie aber unreflektiert aufeinandertreffen, wechselseitige Naivität das Wort führt und ihre Besonderheiten verdrängt werden, kann das tiefe Konflikte hervorrufen. In diesem Buch beschäftige ich mich fast ausschließlich mit dem horizontalen Kommunikationssystem, und ich will es deutlich sagen: Es hat seine herausragenden Stärken – aber ohne Aggressionsverhalten kommt es selbstverständlich nicht aus. Und moralisch besser ist es auch nicht.

Von anderslautenden Idealisierungen hat niemand etwas. Die Ausblendung der unangenehmen Seiten im horizontalen System führt leider nicht dazu, dass Aggressionen von Frauen gegen Frauen am Arbeitsplatz abnehmen, sondern nur dazu, dass darüber nicht laut geredet wird. Natürlich ist das eindeutig eingängigere Thema dasjenige von unterdrückerischen männlichen Chefs oder Kollegen versus ausgebeutete Frauen. Das trifft ja tatsächlich auch immer noch viel zu oft zu. Aber den Blick allein darauf zu beschränken hilft den Frauen, denen währenddessen andere Frauen beruflich das Leben schwer machen, natürlich überhaupt nicht.

Wie immer in meinen Büchern erlaube ich mir den Hinweis, dass in diesem Buch zwar authentische Fälle, nicht aber die tatsächlichen Namen der Beteiligten (auch nicht der Firmen!) verwendet werden. Wenn ein Name auftaucht, der Ihnen bekannt vorkommt, handelt es sich ganz bestimmt nicht um die reale Person. Also bitte keine falschen Zuschreibungen.

Ich danke meinen beiden Töchtern und meinem Freund Ekkehard Pohlmann für ihre kritische Sicht auf alles, was ich schreibe, meiner Mitarbeiterin Anne Kotterer für ihren persönlichen Einsatz gerade bei diesem Buch und den fünf Frauen aus Kapitel sieben, die sich mir für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Vor allem aber danke ich der Frau, mit der ich verheiratet bin: Ohne diese langen Gespräche am Rheinufer hätte ich vieles nicht verstanden.

Peter Modler

 

 

1 Die Stufen der Aggression oder: Wenn Frauen sich gegen Frauen wenden

 

Der Knochenbrecher

Über Aggression unter Frauen reden viele Frauen nicht so gern. Diejenigen, denen ich von meinem Projekt erzählte, waren regelmäßig befremdet darüber, dass sich ein Mann um dieses Thema kümmern wollte. Ausgerechnet! Wenn überhaupt, dann doch zumindest zusammen mit einer Frau! Im Übrigen stieß ich auch auffallend oft auf Zweifel, ob „Aggression“ unter Frauen überhaupt erwähnenswert häufig vorkomme. Klar, unter Männern oder von Männern, das auf jeden Fall, aber wieso bei Frauen?

Die Skepsis hielt meist so lange an, bis ich danach fragte, ob sie in der Pubertät oder etwas früher schon einmal die Erfahrung gemacht hatten, von einer engen Freundin hintergangen worden zu sein. Natürlich hatten sie das! Und wenn wir dann über diese Zeit sprachen, stellte sich sehr oft heraus, dass fast alle sie völlig gegenwärtig im Gedächtnis hatten. Das Gefühl, gerade von einer Person verraten worden zu sein, die man so mochte und der man so viel von sich offengelegt hatte, wurde immer noch heftig empfunden, mit allen Details. Auch wenn dieses Erlebnis schon Jahrzehnte zurücklag.

Nur hatten sie diese Erfahrung eben nicht als Akt der Aggression verstanden. Sie empfanden sie eher als etwas nur Privates, Persönliches, die Enttäuschung einer Beziehung eben, aber irgendwie auch geräuschlos, ohne offene Gewalterfahrung, niemand hatte dabei etwa herumgeschrien. Aber am Ende war das Erlebnis doch offensichtlich derart verletzend gewesen, dass keine der Betroffenen es je vergaß.

Wenn ich erwachsene Männer nach etwas Vergleichbarem aus ihrer Jugend frage, werden zwar auch schwierige und schmerzliche Erfahrungen angesprochen, aber ihr Bezugsrahmen scheint eher eine Gruppe gewesen zu sein, die Kumpel, die Mannschaft, in der man dann die oder jene Rolle hatte. Die Gruppe war jedenfalls deutlich bedeutsamer gewesen als etwa die jahrelange exklusive Freundschaft mit einer einzigen Person.

Schon ein kurzer Blick auf diese biografische Phase macht deutlich, wie unterschiedlich Aggression ausgetragen wird unter Personen aus dem vertikalen System, nämlich direkt, und andererseits Leuten aus dem horizontalen System, nämlich indirekt. Das Werkzeug der Wahl, der Transmissionsriemen der Aggression, ist im horizontalen System nicht zuerst die Hand, der Körper, der zum Schreien verzogene Mund, sondern vor allem die verbale Sprache selbst, oft sogar leise. Die Bibel wusste es natürlich schon lange: „Ein Hieb mit der Peitsche schlägt Striemen, aber ein Hieb mit der Zunge zerbricht Knochen“ (Jesus Sirach 28,17). Striemen sind deutliche Spuren, die jeder sehen kann, und der Verursacher ist leicht ausfindig zu machen. Bei Sprachaktivität – der „Zunge“ – ist das ungleich schwerer. Aber vor allem die macht die Aggressionsmöglichkeiten im horizontalen System aus. Natürlich auch im beruflichen Umfeld – gerade dort.

 

Schluss mit konstruktiv

Die IMBIO GmbH war eine Firma mit einem eigentlich sehr angenehmen Arbeitsklima. Alle Angestellten der Firma waren ebenso wie die Eigentümer von ihrem Konzept überzeugt – Import von Bioprodukten in Kooperation mit den Menschen vor Ort, Unterstützung nachhaltiger Landwirtschaft, sorgsamer Umgang mit Energie beim Transport. Leider befand sich die Firma mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon seit Jahren in einer finanziellen Schieflage. Dass es die Internationale Bioprodukte GmbH (IMBIO) überhaupt noch gab, lag allein daran, dass sie Teil einer Firmengruppe war, wo die Verluste jedes Jahr aufgefangen worden waren.

Doch auch deren Geduld war nun am Ende, und mithilfe eines externen Sanierers sollte die GmbH so rasch wie möglich schwarze Zahlen schreiben. Auch wenn das nicht ohne Härten ginge.

Der Sanierer machte sich ans Werk und erkannte sehr schnell, dass mehrere Frauen genau dieselben Tätigkeiten ausführten, während sich niemand für die Bereiche verantwortlich fühlte, die für die Firma eigentlich viel wichtiger waren. Darum sollte in einem Workshop herausgefunden werden, wer künftig am besten welche Aufgaben abdecken sollte. Es war von vornherein klar, dass es danach bei allen einen veränderten Zuschnitt der Aufgaben geben würde.

Der Workshop lief in einer konstruktiven Atmosphäre ab. Eines der Ergebnisse war, dass eine der Mitarbeiterinnen namens Sandra nun die Funktion einer Teamleiterin bekommen sollte. Da sie als Einzige noch kleine Kinder hatte und auch ihr Mann berufstätig war, meldete sie aber schon während des Workshops ihr Bedürfnis an, wenigstens einen Nachmittag in der Woche freizuhaben. Das sahen alle ein – eine junge Mutter, dafür muss man Verständnis haben.

Aber als es um die konkrete Festlegung der jeweiligen Arbeitszeiten ging, war Schluss damit. Keine einzige der Frauen war bereit, ihre Arbeitszeiten so zu ändern, dass Sandra einen Nachmittag für die Kinder hatte. Es war wie in einem Kindergarten: Wenn den Kolleginnen die Argumente ausgegangen waren, saßen sie nur stumm und bockig da, richteten ihren Blick ins Leere, gaben aber keinen Zentimeter nach. Obwohl jeder im Raum wusste, dass bei allen die Familiensituation nicht so kompliziert war wie bei Sandra. Weder der Sanierer noch die Eigentümer wollten jedoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, darum vertagte man sich und arbeitete weiter am Strukturkonzept. Einer der Eigentümer appellierte ausdrücklich an alle, intern nach einer guten Lösung zu suchen, mit der sie leben konnten.

Spiele mit der MachtSpiele mit der Macht

Wie Frauen sich durchsetzen

„Ich habe es zweimal gesagt. Meinst du, einer hätte zugehört? Und zwei Minuten später sagt Kollege Schröder das Gleiche, und alle sagen: Klasse, Schröder!“ – Welche Frau kennt nicht diese oder ähnliche Situationen? Immer noch verdienen Männer in gleichen Berufen mehr als Frauen. Und immer wieder schaffen es Männer, Ideen der weiblichen Kollegen als ihre eigenen zu verkaufen. Und oft wird die berühmte „gläserne Decke“ als Ursache dafür zitiert. Humorvoll und anschaulich enttarnt die Unternehmensberaterin Marion Knaths die inoffiziellen Spielregeln, die die „gläserne Decke“ bilden und stützen.Marion Knaths verrät, was Sie tun müssen, damit Ihnen künftig alle zuhören, und sie zeigt, wie Sie als Frau beim Spiel mit der Macht am besten mitspielen.Mit zahlreichen Beispielen aus dem ArbeitsalltagMit konkreten Tipps, wie Sie erfolgreich kommunizieren
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Frauenlebensgeschichten: durch die Männerwelt mit weiblichen Waffen

Längst mussten selbst eingefleischte Feministinnen erkennen, dass Männer und Frauen stets unterschiedlich sein werden. Es liegt in der Biologie begründet. Sie darf jedoch nicht als Begründung genutzt werden, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung vorzuenthalten. Wie es starken Frauen in der oft besungenen „Men’s World“ erging und wie sie für ihre Rechte kämpfen mussten, sind Themen in weiblichen Biographien.

Blick ins Buch
Franziska zu ReventlowFranziska zu Reventlow

Eine Biografie

Sie war der Stern der Münchner Boheme, Virtuosin der freien Liebe, Avantgardistin der Alleinerziehenden, Vorläuferin des modernen intellektuellen Prekariats und nicht zuletzt eine bis heute unterschätzte Schriftstellerin. Man hat in ihr die Urgroßmutter der sexuellen Revolution identifiziert, aber den Preis übersehen, den sie zahlte.  Am 25. Juli 1918 stürzt Franziska zu Reventlow in Locarno vom Fahrrad. Nach einer Notoperation stirbt sie am frühen Morgen des 26. Juli 1918 an Herzversagen – 47 Jahre alt.Weil sie, obwohl ein Mädchen, kompromisslos „ich“ sagte, wurde die junge Comtesse von ihrer Familie verstoßen und beinahe entmündigt. Die Vielliebende fand es verantwortungslos, an Männern, die ihr gefielen, vorüberzugehen. Sie streifte manchen intim, den man immer noch kennt, etwa Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Ludwig Klages. Zum ersten Mal wird die Biografie ihrer Lieben erzählt, denn auch Lieben sind Lebewesen: Sie werden geboren, reifen und sterben, aber nicht alle. In Kerstin Deckers ebenso tragischem wie komischem Bericht dieses Lebens bleibt vom Bild der robusten Männersammlerin fast nichts übrig. Es entsteht ein einzigartiges Mutter-Kind-Porträt und das Bild einer Frau, die eine so weltüberlegen-hochironische Prosa schrieb, dass es Männern schwerfiel, an eine Autorin zu glauben.
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Kommentare

1. gefällt mir interessante auswahl
simone rindler am 20.03.2020

sehr viele interessante und auch kontroverse themen.gefällt mir.

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