Feministische Literatur
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Bücher, Frauen & Feminismus

Feminismus heute

Gender, Gleichberechtigung, #metoo

Die aktuelle Debatte zum Feminismus ist geprägt von vielen Facetten: #metoo, Quotenregelungen, gleiches Geld für gleiche Arbeit, genderneutrale Sprache, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die sich daraus ergebenden Fragestellungen bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, das Thema ist aktueller denn je und das Bewusstsein, wie weit sich patriarchale Strukturen durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen war noch nie so groß.

In der feministischen Literatur werden die unterschiedlichsten Ansätze verfolgt. Teilweise wird auf eine historische Diskursanalyse Bezug genommen oder es wird die weibliche Psyche thematisiert. Einige der Autoren fühlen sich stark der politischen Frauenbewegung verbunden, wodurch in ihren Werken gesellschaftliche Probleme wie die aktuelle Debatte zu #metoo Eingang finden. Um welchen Themenbereich es sich auch handelt, stets vereint die Werke ein Interesse für frauenspezifische Themen. Die Geburtsstunde der feministischen Literatur war 1929 mit dem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf. Nur 20 Jahre danach folgte ein weiteres bedeutendes Werk dieses Genres mit dem Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Ausgehend von diesen beiden Paradewerken der feministischen Literatur sind zahlreiche weitere Werke anderer Autorinnen entstanden, die Frauenthemen auf spannende Weise angehen.

So unterschiedlich die Fragestellungen, so unterschiedlich auch unsere Bücher, die sich unter dem großen Thema Feminismus zusammenfassen lassen. Ob es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, um das Leben mit Familie und Beruf oder um die Neudefinierung von Geschlechterrollen – unsere Autorinnen und Autoren kommentieren diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Auch literarisch nähern sich Autorinnen und Autoren dem Thema auf verschiedenen Wegen an. Deshalb gehören zu dieser Sammlung von Büchern für Frauen und Frauenthemen auch unbedingt einige Romane.

Entdecken Sie mit feministischer Literatur sich selbst und den Feminismus auf neue, erhellende Weise!

Bücher

Sachbücher und Literatur zu verschiedenen Aspekten und Fragestellungen des Feminismus

Blick ins Buch
Feminismus RevisitedFeminismus Revisited
Oft wird behauptet, der Feminismus habe sich erübrigt. Das Gegenteil ist der Fall. Im Zuge der global zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich und des wachsenden Rassismus hat sich ein neuer, selbstbewusster Feminismus entwickelt. Die Lebenserfahrungen junger Frauen sind heute ebenso frisch, wie sie für die Feministinnen der 1970er-Jahre waren, doch sind viele Entdeckungen von damals Alltagswissen geworden, auch wenn die Missstände selbst keineswegs aus der Welt sind. Wie prägt dieser Umstand das Denken und Handeln junger Frauen heute? In einer Mischung aus autobiografischem Essay einer Feministin der ersten Stunde und Porträts junger Frauen, für die der Feminismus mehr ist als Quoten und die Forderung nach Frauen in den Aufsichtsräten, zeigt Erica Fischer, warum sich beherztes Engagement lohnt - und auch noch Spaß machen kann.

Inhaltsverzeichnis
Anmerkung der Autorin 
Feminismus hält jung 
Bestandteile einer Feministin 
Gehört mein Bauch mir? 
Diese Freiheit! Drei Niederösterreicherinnen 53 Vergewaltigung: Aspekte eines Verbrechens
Mithu M. Sanyal 
Irgendwas dazwischen Parisa Madani 
Gender-Outlaw Hengameh Yaghoobifarah 
#MeToo 
Sexarbeit: Eine Frage der Umverteilung Marleen 185 Aimée & Jaguar 
Ein Leben ohne Excel Katrin Rönicke 
Mit Energie und Leidenschaft Agnieszka Brugger  Zu guter Letzt 
Literatur






Anmerkung der Autorin

Ein Hinweis zur Schreibweise: Ich verwende in diesem Buch überwiegend das Gender-Sternchen (*), das sich zunehmend als Mittel der schriftlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten jenseits des herkömmlichen Zweigeschlechtersystems einbürgert. Das Sternchen verweist auf Menschen, die nicht in das binäre Frau-Mann-Schema passen oder passen wollen.

Im Kapitel „Gender-Outlaw“ über Hengameh Yaghoobifarah verwende ich, weil sie es bevorzugt, den Gender-Gap, eine durch einen Unterstrich gefüllte Lücke (englisch gap). Er erfüllt eine ähnliche Funktion wie das Sternchen.

Feminismus hält jung

Am 1. Januar 2018 wurde ich fünfundsiebzig. Irgendwie unbegreiflich, wie es dazu kommen konnte. Ich blicke also zurück auf nahezu ein halbes Jahrhundert Feminismus. Nach der ersten Begeisterung der frühen Siebzigerjahre und einer längeren aktivistischen Phase in Wien zog es mich zu anderen Lebensthemen. Das Ausloten meines jüdischen Hintergrunds und des Schicksals meiner Großeltern und Eltern rückte in den Vordergrund. Die Arbeit an Aimée & Jaguar Anfang der Neunziger half mir dabei. Ich begriff, dass Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus / Rassismus in meiner Biografie nicht voneinander zu trennen sind.

Ich bin eine Frau, nach der neueren feministischen Sprachregelung eine Cisfrau, also eine, die sich eins fühlt mit dem bei der Geburt festgestellten Geschlecht. Nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz, bin ich als Tochter einer jüdischen Mutter Jüdin. Während eine Menge „Frau“ in mir steckt, bei meiner Geburt festgelegt und durch die Heteronormativität und den allgegenwärtigen Sexismus stets von neuem bestätigt, ist die Jüdin eher eine kulturelle Aneignung. Meine Mutter betonte stets, dass erst Hitler sie zur Jüdin gemacht habe. Das stimmt nur teilweise, denn das Jüdische war ihr schon früher angeheftet worden. In ihrem polnischen Abiturzeugnis ist ihre Religion als „mosaisch“ eingetragen, obwohl meine Mutter niemals in der Religion ihrer Vorfahren unterrichtet wurde. Doch konfessionslos konnte man damals in dem katholischen Land nicht sein. Sie besuchte in Warschau sogar eine katholische Schule, die eine Quote für jüdische Schülerinnen hatte und in die sie nur aufgenommen wurde, weil ihre ältere Schwester die Quotenhürde vor ihr genommen hatte. Während ihres Studiums im Wien der späten Zwanzigerjahre ging es mit dem Antisemitismus weiter. Immer war es der Blick von außen, der aus meiner Mutter eine Jüdin machte.

Bei mir ist es umgekehrt. Ich habe mich freiwillig dafür entschieden, mich mit dem Schicksal meiner Vorfahren und aller anderen Jüdinnen und Juden zu identifizieren. Da ich mich in der österreichischen Mehrheitsgesellschaft nicht aufgehoben fühlte, entschied ich mich für die jüdischen Außenseiter*innen. Antisemitismus habe ich persönlich nie erfahren, denn ich habe weder eine „jüdische Nase“, noch trage ich Schläfenlocken. Aber ich spüre ihn immer mal wieder um mich herum.

Die Cisfrau hingegen war zwar körperlich vorgegeben, das meiste jedoch wurde mir von außen übergestülpt. Wie ich mich als Frau zu benehmen, zu bewegen, zu sprechen, zu denken, zu fühlen und zu kleiden und wie ich mir meine berufliche und private Zukunft auszumalen habe, wurde mir zugeschrieben. Es war wie eine Tarnkappe, die verbarg und verzerrte, was möglicherweise in mir steckte. Ich werde es nie erfahren. Für die Frau habe ich mich nicht entschieden, ich wurde zu ihr gemacht. Und zwar so sehr, dass ich durch den Einfluss der Frauenbewegung zwar einiges meiner inneren Textur auftrennen konnte, aber letztlich nur wenig. Auch mit fünfundsiebzig lebe ich mit meinem patriarchal geprägten kulturellen Erbe und habe es so weit verinnerlicht, dass ich mich darin relativ wohl fühle. Junge Frauen, die heute ebenso alt sind, wie ich es war, als ich mich aufmachte, meine Verwerfungen aufzuspüren, sind heute weiter. Vieles, was mich damals einschnürte und in Wut versetzte, ist nur noch Vergangenheit. Manches jedoch scheint schlimmer geworden zu sein. Aber die Frauen wehren sich, lauter, zahlreicher, selbstbewusster. Das immerhin.

Die zweite Welle des Feminismus, die mich geprägt hat, führte fort, was die erste eingeleitet hatte: Wahlrecht, Universitätsstudium, Berufstätigkeit und Karriere (bis knapp unter die gläserne Decke), freie sexuelle Partner*innenwahl, Empfängnisverhütung, gleichgeschlechtliche Liebe, Kinderlosigkeit und bis zu einem gewissen Grad auch der Schwangerschaftsabbruch können mehr oder weniger ungehindert gelebt und ausgelebt werden – in Deutschland und in einigen europäischen Ländern, aber keineswegs überall, wie wir von unserem Nachbarland Polen nur allzu gut wissen.

Dank der klugen Stimmen und Texte junger Frauen ist mein Interesse am Feminismus neu erwacht. Oft und mit Genugtuung totgesagt, entfaltet er heute eine erstaunliche Energie, wohl auch als Reaktion auf den sich immer stärker ausbreitenden Frauenhass, der mir jedoch wie ein verzweifelter Abwehrkampf gegen die zunehmende Ermächtigung der Frauen erscheint. Der westliche Feminismus hat sich aber auch verändert. Angesichts der verschärften Lebensbedingungen in Zeiten von Turbokapitalismus, Klimawandel und dem wachsenden Einfluss rechtsnationalistischer Tendenzen und Parteien haben junge Feminist*innen der dritten Welle (oder ist es schon die vierte?) weniger Aussicht auf ein sozial gerechtes Leben, als ich es in meinen Aufbruchsjahren hatte. Unter Bundeskanzler Bruno Kreisky gab es in Österreich ein soziales Netz, von dem wir heute nur noch träumen können. Laut Oxfam gingen 82 Prozent des globalen Vermögenszuwachses im Jahr 2017 an das reichste Prozent, während die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,7 Milliarden Menschen, darunter ein Großteil Frauen, leer ausging.

Feminist*innen müssen in diesem Millennium umfassende Akzente setzen. Zwar stellt männliche Gewalt – in Kriegs- und Krisengebieten und für Nichtweiße und Transpersonen verstärkt – nach wie vor eine existenzielle Bedrohung dar, doch angesichts der sich national und global vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich und des zunehmenden Rassismus ist bei vielen Feminist*innen der Kampf gegen männliche Vorherrschaft zu einem Teil eines breiteren Kampfes gegen den globalisierten patriarchalen Kapitalismus geworden.

Einer der Gründe mag auch sein, dass Feminismus aus den sozialen Bewegungen heute nicht mehr wegzudenken ist. Mehr denn je ist also Feminismus, so wie ich ihn schon immer verstanden habe, zu einer Bewegung für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zum Wohle der Menschen statt des Kapitals geworden. Und er muss sich gegen den an die Stelle des Anti-Feminismus getretenen militanten Anti-Genderismus behaupten, dem es darum geht, den über den formalen Gleichheitsanspruch hinausgehenden Analysen des Feminismus die wissenschaftliche Legitimität abzusprechen.

Überall auf der Welt kämpfen Frauen um ihre Rechte, doch die Bandbreite der Anliegen ist enorm. Während es in Saudi-Arabien ein Triumph ist, wenn Frauen endlich Auto fahren dürfen, und in Afghanistan schon der Schulbesuch für Mädchen ein Privileg darstellt, geht es in Deutschland und Österreich um Fragen, die anderswo vermutlich als Luxus gelten. Notgedrungen beschränke ich mich in diesem Buch auf Deutschland, wo ich seit dreißig Jahren lebe, und auf Österreich, wo ich vierzig Jahre meines Lebens verbracht habe. Aber auch in diesen Ländern sind wir nicht kulturell abgeschottet. Feminist*innen mit Migrationshintergrund, wie man so sagt, und Frauen* of Color erheben schon lange ihre Stimmen.

Feminismus ist ohne einen intersektionalen Ansatz nicht mehr denkbar, also ohne verschiedene Diskriminierungsformen in einer Person zu berücksichtigen. Es gibt Unterschiede zwischen uns, erhebliche, nicht nur zwischen Deutschland und Saudi-Arabien. Sexismus kann nicht mehr ohne das Mitdenken von Rassismus, Islamhass und Homo- und Transfeindlichkeit diskutiert werden. Schon seit der in den 1980ern von Christina Thürmer-Rohr ausgelösten Mittäterschaftsdebatte wissen wir, dass Frauen keineswegs immer Opfer sind. Sie können auch zu Täter*innen werden, je nach Machtkonstellation. Unumstritten ist diese Erkenntnis in der Frauenbewegung allerdings immer noch nicht.

Genährt wird die Sicht auf Frauen als Opfer auch durch das grelle Licht, das die ekelhaften Taten des mächtigen Hollywood-Moguls Harvey Weinstein und aller, die ihm weltweit folgten und noch folgen werden, auf den männlichen Machtmissbrauch geworfen haben. Er drückt sich in sexueller Belästigung, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung aus. Ans Tageslicht kommt trotz #MeToo nur die Spitze des gigantischen Eisbergs, von dem so gut wie alle Frauen weltweit betroffen sind. Aber der „Harvey-Effekt“ zeigt Wirkung. Wenn Frauen nicht mehr aus Scham schweigen und man ihnen neuerdings sogar glaubt, wird der Schlaf von Männern, die Frauen als Beutegut sehen, unruhiger. Und kein Mann wird mehr sagen können, er habe nicht gewusst, wie er sich zu benehmen habe. Jede Revolution habe ihre eigenen Waffen, schreibt die amerikanische Kulturkritikerin Laura Kipnis; einst waren es Musketen und Guillotinen, heute sind es „Mitteilen“ und mediale Offenlegung. Nicht erst neuerdings haben die Frauen zu sprechen begonnen, jetzt aber verstärkt und zahlreicher.

Die Frauen, die sich bezüglich sexueller Belästigung in EU-Gremien zu Wort meldeten, taten es vorerst überwiegend anonym. Noch immer müssen viele um ihren Job fürchten, wenn sie die Verletzung ihrer körperlichen Integrität zu einem öffentlichen Thema machen. Sogar die schwedische Außenministerin Margot Wallström gab an, bei einem EU-Abendessen Opfer einer Grapsch-Attacke geworden zu sein. Eine Frau im Zentrum der politischen Macht! Wenn es jenseits aller Unterschiede ein Verbindungsglied zwischen Frauen und Transpersonen weltweit gibt, dann ist es sexualisierte Gewalt und Einschüchterung durch sexuelle Belästigung und Verspottung. Zwischen dem Femizid in Mexiko und Ministerin Wallström besteht ein Zusammenhang, auch wenn Letzterer unvergleichlich mehr Möglichkeiten der Gegenwehr zur Verfügung stehen.

„Schaffen wir eine Welt ohne Harveys“, forderte der Dokumentarfilmer Michael Moore (der wie so viele andere vom Verhalten Weinsteins schon lange gewusst haben musste). Allzu bald wird das nicht gelingen. Mediale Aufmerksamkeit schafft zwar vorübergehend Ekel vor den Tätern und Solidarität mit den Opfern und bringt so manche Karriere zum (vorübergehenden) Stillstand, vermag aber keine gerechtere Welt zu schaffen. Das weiß auch Michael Moore, weshalb er von einer demokratischen Ökonomie spricht, die in der Lage wäre, Männer mit Macht einzuhegen. Solange ökonomische Ungleichheit herrscht, werden die auf das Wohlwollen Mächtiger und weniger Mächtiger Angewiesenen missbraucht und ausgebeutet werden. Solange sich die ökonomische Macht mehrheitlich in der Hand weißer Männer befindet, werden vor allem junge Frauen Opfer von Sexismus und Gewalt und in der medialen Darstellung kaum mehr als konsumierbare Körper sein. Das Patriarchat ist aber auch eine globale Kultur, die machtlosen Männern Macht über noch Machtlosere verleiht. Gene, Hormone und Biologie spielen dabei keine Rolle.

Wir leben in einer phallokratischen Ordnung, in einer Kultur, in der sogenannte männliche Werte einen höheren Status genießen als sogenannte weibliche Werte. Es ist ein Krieg gegen alles Weibliche, wobei die Binarität zwischen maskulin und feminin nicht naturgegeben ist, sondern erst geschaffen werden musste. Was als weiblich gilt, ist weniger wert, wird schlechter bezahlt, herabgesetzt, belächelt, belästigt, ausgezogen, vergewaltigt und mitunter getötet. Tätigkeiten, die zerstören und gewalttätig sind, sind höherwertig als jene, die den Menschen, den Kindern, der Kultur, der Liebe und dem sozialen Miteinander dienen.

Dieses patriarchale Wertesystem richtet sich auch gegen Männer. Genauso wie Frauen werden sie gewaltsam in Identitätsschubladen gezwängt. Erzieher, Grundschullehrer und Altenpfleger teilen überwiegend den niedrigen Status und die schlechte Bezahlung ihrer Kolleg*innen. Die Linguistin Senta Trömel-Plötz hat beobachtet, dass in Gesprächssituationen unter Männern der statusniedrigere Mann ebenso behandelt wird wie üblicherweise Frauen. Er kommt seltener zu Wort und wird häufiger unterbrochen.

Wegen des geringeren Werts, der Care-Tätigkeiten beigemessen wird, geht eine Frau, die sich kein Personal leisten kann, ein absehbares Risiko ein, wenn sie sich für ein Kind entscheidet. Auf einen allenfalls vorhandenen Partner sollte sie sich besser nicht verlassen. Kinder stellen im Kapitalismus eine Störung des reibungslosen Ablaufs der Profitmaximierung dar, auch wenn sie für den Fortbestand des Systems unumgänglich sind. Doch die Mutter hat sie zur Welt gebracht, die Mutter soll sich gefälligst um sie kümmern. Und meistens tut sie es auch. Kostenlos. Mutterschaft hält Frauen beschäftigt und erschwert ihnen, Männern im außerhäuslichen Bereich in die Quere zu kommen. Deshalb sollen Kinder Privatsache bleiben und nicht gesellschaftliche Notwendigkeit und Bereicherung für alle.

„Gender“ meint soziales Geschlecht. Spätestens seit der Vierten Weltfrauenkonferenz von Beijing 1995 haben wir die starren Vorstellungen von Geschlecht hinter uns gelassen. Auch Männer und Jungen werden vergewaltigt und missbraucht. Junge Männer werden im Gefängnis zu Menschen gemacht, mit denen man umgehen kann wie mit einer Frau. Schwule Männer und Transpersonen ohne Zugang zur Macht werden überproportional häufig Opfer von Gewalt. Mit ihrer Verweigerung binärer Geschlechtlichkeit stören sie die „Natur der Dinge“ und lösen Verwirrung und Ängste aus, die sich in Aggression Luft machen.

Von der Norm abweichende sexuelle Praktiken und Lebensweisen stellen die Stabilität von Geschlecht als nicht hinterfragbare Kategorie in Frage. Und auf dieser ruht unser gesamtes gesellschaftliches und kulturelles Gefüge. Schmälert diese Erkenntnis den Kampf der Frauen um Menschenrechte? Bedeutet die Betonung von Gender eine Missachtung jener Frauen, die einzig und allein wegen ihres Geschlechts gepeinigt und ihrer Rechte beraubt werden?

In mehreren europäischen Ländern und in den USA haben sich rechtsnationalistische Parteien und Bewegungen auf Migrant*innen, Muslim*innen, Geflüchtete, Nichtweiße, Transpersonen, Homosexuelle und Frauen eingeschossen, auf alle also, die vorgeblich marginal sind, in der Summe aber die Bevölkerungsmehrheit ausmachen. Die wahre Minderheit ist der weiße Mann. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun weist darauf hin, dass sich gerade diese diskriminierten Menschengruppen durch soziale und ökonomische Mobilität auszeichnen und bei den Sitzengebliebenen Sehnsucht nach festen, „natürlichen“ Verhältnissen nähren. Fremden- und Frauenfeindlichkeit vermengen sich zu einem Gebräu, dessen Ziel es ist, das seit Ende des letzten Weltkriegs mühsam aufgebaute demokratische Miteinander zu unterhöhlen; wobei dann „unsere“ Frauen dazu benutzt werden, gegen die Männer der „anderen“ in Stellung zu gehen, und Religionen missbraucht werden, um kriegerischen Terror unter die Menschen zu säen. Stets richtet sich die Gewalt gegen „Fremde“ und Frauen*. Der jeweils herrschende Mann einer bestimmten Ethnie, Nation, Religion erhebt sich zum Maß aller Dinge.

Die Frauen* wehren sich mit den ihnen jeweils verfügbaren Möglichkeiten. Sie vernetzen sich im Internet, rotten sich zu Massendemonstrationen zusammen, unterlaufen das System durch individuellen Ungehorsam, bilden Vereinigungen und Lobbygruppen und haben schon längst den Marsch durch die Institutionen angetreten, wobei Deutschland im EU-Vergleich keine gute Figur abgibt. Oder sie flüchten. Und fahren fort, Kinder und Alte vor Hunger und Gewalt zu schützen, so gut sie können.

Dass Gleichberechtigung grundsätzlich ein erstrebenswertes Gut ist, wird im Westen nur noch selten in Frage gestellt, selbst wenn der Weg dahin – vor allem über die Quote – immer noch umstritten ist. Auch das Dilemma der Mutterschaft kann als bekannt vorausgesetzt werden, doch weder das organisierte Unternehmertum noch die Politik sind ernsthaft um eine Lösung bemüht. Das Desinteresse verweist auf die Perspektive des kapitalistischen Patriarchats. Warum sollten wir uns darum kümmern, wenn die Frauen es so gut hinkriegen?

Eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen, die das Leben von Frauen, Männern und nichtbinären Personen heute prägen, kann und will dieses Buch nicht leisten. Ebenso wenig ist es möglich, das vielfältige Spektrum feministischen Wirkens auch nur ansatzweise wiederzugeben. Viele Themen, die für das Leben aller Geschlechter von zentraler Bedeutung sind, streife ich nur oder behandle sie gar nicht. Hier geht es einerseits um mich selbst und meinen Weg als Frau und Feministin, andererseits – und das vor allem – um das Gespräch mit jungen Feminist*innen, deren Denken, Handeln und Leben meinen Blick für die aktuellen Konflikte und Genderthemen geschärft haben. Ich habe Unschätzbares von ihnen gelernt.

Vieles ist seit meiner Zeit als junge Feministin gleich geblieben und dreht sich wie eh und je um die Kontrolle des weiblichen Körpers mit dem Ziel, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu erhalten und zu festigen: sexuelle Belästigung, Herabsetzung von Frauen in Witzen und in der öffentlichen Rede, sexualisierte Gewalt, Homo- und Transfeindlichkeit, Stigmatisierung der Sexarbeit, eingeschränkter Zugang zu Verhütung und Abtreibung, unerreichbare Schönheitsideale, Diskriminierung dicker und alter Frauen, um nur einiges zu nennen. Gleichzeitig sind einige ganz oben angekommen. Verändert haben sich vor allem das Selbstverständnis der Frauen und ihrer Verbündeten sowie die Debatte und die Aktionsformen. Wir erleben eine verfeinerte und erweiterte Fortschreibung dessen, was die zweite Welle des Feminismus angestoßen hat.

Verändert hat sich auch der negative Beigeschmack des Wortes „Feminismus“. Während man Feministinnen jahrzehntelang unterstellt hat, Männer zu hassen, lila Latzhosen zu tragen, BHs zu verbrennen und sich die Beine nicht zu rasieren, eröffnete Dior die Pariser Frühjahrsmodenschau 2018 mit einem T-Shirt mit der Aufschrift Why have there been no great woman artists?. Das Zitat ist der Titel eines Essays der im Oktober 2017 verstorbenen amerikanischen Kunsthistorikerin Linda Nochlin, die mit dieser Frage 1971 den Grundstein zu einer feministischen Kunstgeschichtsschreibung legte. Ein Fortschritt? In gewisser Weise schon. In manchen Kreisen ist es heute cool, sich als Feminist*in zu bezeichnen. Eine intelligente junge Frau kann es sich heutzutage kaum noch leisten, sich vom Feminismus zu distanzieren, ohne sich zu blamieren.

In Deutschland ist die feministische Community ungefähr zweigeteilt. Die Zeitschrift Emma, herausgegeben von einer Feministin meiner Generation, und die Zeitschrift Missy Magazine, herausgegeben von jungen Feminist*innen, haben annähernd dieselbe gedruckte Auflage: Emma 28 000, Missy 25 000 Exemplare. „Staunen ist kein geordnetes Betrachten, sondern die reine Freude an dem, was sich dem Auge bietet“, schreibt Aharon Appelfeld in seinem Roman Meine Eltern über seine Mutter. Mich interessieren die Autor*innen und Leser*innen von Missy. Stellvertretend für ihre Generation habe ich neun Frauen* befragt und mich ihnen auf ähnliche Weise genähert, wie Appelfeld seine Mutter beschreibt. Ich bin im Verlauf meiner Arbeit an diesem Buch immer glücklicher geworden – weil das Gespräch mit den jungen Frauen mich belebt hat wie eine Reise, aber auch weil ich nun definitiv weiß, dass es weitergeht. Und wie!

Während des Arbeitsprozesses begleitet haben mich nicht nur Laurie Pennys Bücher, aber die besonders. Laurie, I love your rage.

Bestandteile einer Feministin

An einem Sonntag Anfang Oktober 2017 wohnte ich in Berlin einem Gottesdienst bei. Mir ist zwar alles Religiöse fremd, aber am Ende sollte mein Mann im Chor ein Stück von Mendelssohn Bartholdy singen, das wollte ich mir nicht entgehen lassen. In meine wattierte Jacke gehüllt, trotzte ich der Erntedankstimmung und las auf meinem E-Book-Reader Marcel Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben. Das Desinteresse des Autors an jüdischer Religion gefällt mir, und doch blieb sein Judentum zeit seines Lebens an ihm kleben. Die Verfolgung durch die Nazis und der polnische und deutsche Antisemitismus nach dem Krieg erlaubten ihm nicht, seine Geburt zu ignorieren. Ähnlich erging es meiner Mutter, die von einer sozialistischen Revolution träumte, nach der es Rassismus und Antisemitismus nicht mehr geben würde. Mit dem Antisemitismus stalinistischer Prägung hat sie sich meines Wissens nie auseinandergesetzt.

Der Priester in seinem hübschen cremefarbenen Gewand mit hellgrünen Bordüren machte einen sympathischen Eindruck. Als er in seiner Predigt von der Bedeutung der Dankbarkeit sprach, horchte ich auf und unterbrach meine Lektüre. Ich ertappte mich dabei, mir zu überlegen, ob ich Grund habe, dankbar zu sein. Ja, doch. Bestimmt nicht einem Gott, sehr wohl aber den Umständen meiner privilegierten Geburt. Während meine Großeltern mütterlicherseits im Vernichtungslager Treblinka auf unvorstellbar grausame Weise zu Tode gebracht wurden, meine Eltern 1938 aus Österreich fliehen und mittellos in der Fremde ein neues Leben aufbauen mussten, wurde ich mitten im Krieg in einer friedlichen englischen Kleinstadt geboren, wurde gehätschelt, adrett gekleidet, fotografiert und geistig gefördert.

Nachdem meine Eltern nach Wien zurückgekehrt waren, lernte ich im Alter von fünf Jahren, ohne den Prozess überhaupt wahrzunehmen, meine zweite Sprache, ein geistiger Vorsprung, der hierzulande bei den Kindern der Migrant*innen immer noch nicht ausreichend gewürdigt wird. Ich besuchte das Gymnasium, machte die Matura und studierte. Niemals stand zur Debatte, dass ich Ehefrau und Mutter werden sollte. Im Gegenteil: Meine Mutter, deren Lebensumstände ihre künstlerischen Ambitionen ausgetrocknet hatten, tat alles, um dem in den trüben Fünfzigerjahren herrschenden Anspruch an ein Frauenleben entgegenzuwirken. Dafür bin ich ihr dankbar. Leider habe ich es ihr nie gesagt. Mehr noch als ihre Worte bestimmte mich aber das Negativbild ihres eigenen unerfüllten Lebens. Eine Existenz als Mutter und Hausfrau war wohl das Letzte, was sie sich nach dem Abitur in Warschau von ihrer Zukunft erwartet hatte. Knapp vor ihrem Tod bezeichnete sie ihr Leben einer Journalistin gegenüber als gescheitert, wohl das traurigste Fazit, das ein Mensch über seine Zeit auf Erden ziehen kann.

Dankbar bin ich für die Periode des Friedens, in der mein Leben dahinfließt, während so viele Menschen in anderen Teilen der Welt nichts als Krieg und Gewalt kennen. Ich bin auch dankbar für meinen bescheidenen Wohlstand, der in anderen Regionen purer Luxus wäre. Ich weiß, dass ich diesen Wohlstand der historischen und aktuellen Ausbeutung von Menschen anderswo zu verdanken habe. Und schließlich bin ich dankbar für das Privileg, in einem politischen System zu leben, das mir erlaubt, zu denken, zu schreiben, zu lieben und mich zu kleiden, wie es mir passt. Und das mich nicht daran gehindert hat, kinderlos zu bleiben. Ob ich dankbar dafür bin, eine weiße Haut zu haben, weiß ich nicht. Es ist mir unangenehm, einer Dominanzkultur anzugehören, die überwiegend nicht bereit ist, ihre Privilegien zur Kenntnis zu nehmen.

Und doch war ich innerhalb meiner kleinen österreichischen Welt als Frau benachteiligt. Warum, bedarf keiner Erklärung, so viel hat sich herumgesprochen. In den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren gab es noch Gesetze, die mich diskriminierten, und selbstverständlich war der Schwangerschaftsabbruch illegal. Die größte Hürde jedoch, die mir die Zukunft verbaute, war emotionaler und kultureller Natur. Nicht jeder Frau erging es wie mir. Zu allen Zeiten gab es robuste, willensstarke Frauen, die gesellschaftliche Konventionen ignorierten und sich durch noch so viele Gesetze und kulturelle Vorgaben nicht daran hindern ließen, durchzusetzen, was in ihnen steckte. Ihnen gilt meine unumschränkte Bewunderung. Ich war nicht so strukturiert, vielleicht auch weil ich trotz des emanzipatorischen Anspruchs meiner Eltern zu den Marginalisierten gehörte. In England waren wir Flüchtlinge, in Österreich waren die Rückkehrer*innen unerwünscht, hatten diese doch miterlebt, was man ihnen vor ihrer „Auswanderung“ angetan hatte. Daran wollten die Einheimischen nicht erinnert werden.

Meine Mutter durfte ihr Studium an der Kunstgewerbeschule nicht abschließen und eilte nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland auf der Suche nach einem Visum für irgendein Land mit wachsender Verzweiflung von Botschaft zu Botschaft. Ob ich diese Marginalisierung als Kind gespürt habe? Meine Mutter gewiss. Aber neuere Erkenntnisse aus der Neuro- und Molekularbiologie haben auch ergeben, dass wir die Erfahrungen erben, die unsere Eltern vor unserer Geburt gemacht haben. Erst allmählich lernte meine Mutter, in Wien nicht jedem Menschen jenseits des Kindesalters zu misstrauen, zu viele ehemalige Nazis waren im Umlauf. Was sie antwortete, wenn man ihr vorhielt, es in der Emigration besser gehabt zu haben als die „arischen“ Wiener*innen, die den feindlichen Bomben ausgeliefert waren, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie den nervösen Tick entwickelt hatte, von Zeit zu Zeit ohne erkennbaren Grund die Hände aufeinanderzupressen und ihren Kiefer zu einer Grimasse erstarren zu lassen. Ich war daran gewöhnt. Über den abscheulichen Tod ihrer Eltern sprach sie nie. Ihre beiden nach Australien ausgewanderten Geschwister sah sie erst in den Siebzigern wieder. In Wien war sie allein, und auch mein eingeborener Vater war ihr keine große Hilfe.

Was mich hemmte, war ein Gefühl tiefer Minderwertigkeit. Zu Beginn schien ja alles in Ordnung. In England war ich ein putzmunteres Kind, das in unserer Straße von Haus zu Haus flanierte, um mit den dort tätigen Hausfrauen zu schwatzen. Ein Kind, das im Park sich sonnende tätowierte Matrosen ansprach und sie zum Stillhalten aufforderte, damit es sich die Bilder auf ihrer Haut anschauen könne. Auch die Schule verlief problemlos.

Als ich im Sommer 1948 mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder in Wien eintraf, sprach ich kein Wort Deutsch. Anfangs war es ein Schock. Ich konnte die auf der Straße spielenden Kinder nicht verstehen. Das redselige Mädchen war plötzlich stumm geworden und kündigte an, die Einzimmerwohnung, in der die Familie vorübergehend untergekommen war, nie wieder zu verlassen.

Doch als ich im Alter von sieben Jahren eingeschult wurde, war mein Deutsch schon einwandfrei. Nur Socken mochte ich nicht stricken. Meine acht- oder neunjährigen Kinderhände verweigerten sich den fünf Stricknadeln. Braun war die Wolle, ich weiß es noch genau. Der Lehrer, ein cholerischer Mann, der uns mit seinem Schlüsselbund bewarf, wenn ihm etwas nicht passte, warnte mich, dass ich keinen Ehemann finden würde, und beschimpfte mich als Modepuppe, weil ich besser gekleidet war als meine in der Nazizeit aufgewachsenen Mitschülerinnen. Meine Mutter lenkte ihre unbefriedigten künstlerischen Ambitionen in das Nähen hübscher Kleider für mich und sich selbst. Auch dafür bin ich ihr dankbar. Immer noch macht es mir Spaß, mich gut zu kleiden.

Eine Modepuppe, die keinen Mann finden wird – dass mich diese Warnung besonders beeindruckt hat, erscheint mir unwahrscheinlich, zumal meine Mutter über meinen Bericht in schrilles Gelächter ausbrach.

Wie das leutselige Kind zu einem übertrieben schüchternen Teenager wurde, weiß ich nicht. Ich besuchte eine Mädchenschule, war eine gute Schülerin und hatte auch Freundinnen, doch ich fühlte mich einsam und unzugehörig. Als ich – später als viele in meiner Klasse – die Regel bekam, führte mich meine Mutter in den Gebrauch der Binde ein und setzte, an der Badezimmertür lehnend, den mir schon bekannten traurig umflorten Blick auf.

Was ist?, fragte ich. Jetzt bist du eine Frau, seufzte sie. Keine ermutigende Initiation. Bis mir im Alter von vierzig Jahren die Gebärmutter entfernt wurde, was ich als Befreiung erlebte, war mir die monatliche Blutung eine Belästigung, die stets mit der Angst vor sichtbaren Blutflecken verbunden war. Mit dem Aufkommen von Tampons wurde die Angelegenheit erträglicher, denn wenn es keine Toilette gab, etwa bei einem Schulausflug, hatten die blutgetränkten Binden zuvor an der empfindlichen Innenhaut des Schritts gescheuert.

Neben diesem Seufzer meiner Mutter ist mir noch die Ermahnung in Erinnerung, meine Knie in der Straßenbahn zusammenzuhalten. Auf mein Warum erhielt ich keine Antwort. Ich wusste sofort, dass es etwas mit dem Zugang zu meinem Körper zu tun hatte, der aus irgendeinem Grund geschützt werden musste. Seltsam, wie tief sich gerade solche an sich unbedeutenden Äußerungen einprägen. Ebenso wie später die Bemerkung meiner Mutter, manche Frauen würden es brauchen, sie jedoch würde es nicht brauchen. Ich ahnte nur unbestimmt, was sie meinte. Was sich mir jedoch vermittelte, war, dass Frausein keine erfreuliche Angelegenheit war.

Es muss bei uns zu Hause ziemlich körperlos zugegangen sein. Ich kann mich an keine liebevollen Berührungen erinnern. Wenn ich heute junge Mütter mit ihren Babys sehe, die im Tragetuch glückselig schlummern, beneide ich sie. Nicht die Mütter, sondern die Babys. Als ich einmal in einer gruppendynamischen Sitzung mit Töchtern und Söhnen von Holocaust-Überlebenden vor die Frage gestellt wurde, von wem ich lieben gelernt hatte, traf es mich wie ein Schlag: Ich habe nicht lieben gelernt. Ich konnte meine Eltern nicht lieben, meine Mutter noch weniger als meinen Vater. Mein ganzes Leben habe ich mich an meiner Mutter abgearbeitet, die mich – so mein Gefühl – nie ermuntert und gelobt hat. Stolz war sie schon auf mich, wenn ich einen Vortrag hielt oder ein Buch veröffentlichte, aber es war ein an die Außenwelt gerichteter Stolz, keine liebevolle Freude über die Leistung ihrer Tochter. Als mein Vater 1974 starb und meine Mutter 1999, konnte ich nicht um sie weinen. Ich war keine gute Tochter, sie hat es mir oft genug vorgeworfen und hielt sich an meinem Bruder schadlos.

Das prägendste Gefühl meiner Jugendjahre war Hunger nach Liebe. Später suchte ich sie bei Männern, und natürlich konnte mir keiner geben, was ich brauchte. Bereitwillig bot ich mich als Beute an und wurde immer wieder von neuem verletzt. Ich hatte kein Selbstwertgefühl, hielt mich nicht für gleichwertig und konnte mir nicht vorstellen, wie ein dem übergeordneten Geschlecht Angehörender eine so minderwertige Person wie mich lieben konnte. Tatsächlich liebten mich die wenigsten, und jene, die es doch taten, konnte ich nicht lieben.

Gleichzeitig hatte ich durchaus selbstbewusste politische Meinungen, dachte radikales Zeug und träumte wie meine Mutter von der Revolution. Doch als ich als Teenager Hemingways Wem die Stunde schlägt las, identifizierte ich mich nicht mit dem Guerillakämpfer im Spanischen Bürgerkrieg Robert Jordan, sondern mit der jungen Guerillera Maria, zu der Jordan in romantischer Liebe entbrennt. Niemals führte ich in meiner Phantasie selbst einen Kampfeinsatz an, sah mich nur als Geliebte des Helden. Einen Roman nach dem anderen verschlang ich, und nie fehlte darin die Liebe. Als Raskolnikow in Dostojewskis Schuld und Sühne im sibirischen Gefangenenlager seine Liebe zu Sonja erkennt, verändert er sich und ist zu bereuen bereit. Die Liebe zu einer Frau läutert den Helden. Diese Rolle wollte ich spielen.

Als ich in den frühen Siebzigern Feministin wurde, erkannte ich, wie sehr die – überwiegend von Männern geschriebene – Literatur mein Frauenbild und meine Vorstellungen von der Liebe geprägt hatte. Einige Jahre lang las ich dann nur noch Bücher von Frauen.

Interessant ist rückblickend die Mischung aus großer Schüchternheit und Furchtlosigkeit. Einen Raum zu betreten, in dem sich mehrere Personen befanden, die ich nicht kannte, war für mich eine Qual. Noch heute fühle ich mich unwohl unter Menschen, wenn mir kein offizieller Raum zugewiesen wird. Bekomme ich ihn, ist von meiner Schüchternheit und Unsicherheit nichts mehr zu spüren. Es ist, als wäre ich auf mich allein gestellt nichts als ein Schatten, der erst mithilfe einer äußeren Instanz zum Leben erwacht.

Die Rolle der äußeren Instanz, die mir Bedeutung zuwies, erfüllten dann auch die Männer. Gleichzeitig begab ich mich als junge Frau immer wieder in riskante Situationen, reiste allein per Anhalter durch Italien, Frankreich, Deutschland, England und stieg in jedes Auto, das für mich anhielt. Ich war davon überzeugt, durch das Gespräch Gefahr von mir abwenden zu können. Meistens gelang es. Aber nicht immer.

In das richtige Leben wagte ich mich nur zaghaft. Bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren wohnte ich zu Hause in unserer kleinen Neubauwohnung am Stadtrand, in der ich kein Zimmer für mich allein hatte. Nach dem Aufstehen musste ich mein Bett zu einer Couch umbauen, um dem Wohnzimmer Platz zu machen, in dem meine Mutter am Nachmittag Schüler*innen Englischunterricht erteilte. Dieser Zustand wurde immer unerträglicher, aber mein Studium zog sich hin, und ich traute mir nicht zu, mir mit Nachhilfestunden und diversen Jobs als Übersetzerin, Schreibkraft und Hostess bei Konferenzen ein unabhängiges Leben zu verdienen. Wohngemeinschaften gab es damals noch nicht.

Ich befasste mich zwar viel mit der Welt, der kleinen Welt meines eigenen Lebens wagte ich mich jedoch nicht zu stellen. Meine Eltern ermunterten mich auch nicht dazu und boten mir niemals an, mich für den Start ins Leben finanziell zu unterstützen. Meinem Bruder nahm diese Umklammerung die Luft zum Atmen. Im Alter von zweiundfünfzig Jahren nahm er sich nach dem Tod unserer Mutter das Leben. Mich haben die Männer gerettet. Der Sog, den sie und die Hoffnung auf Liebe auf mich ausübten, half mir, mich von meinem Elternhaus zu entfernen. Mein Bruder blieb kleben.

Als ich endlich den Absprung schaffte, zog ich in ein fensterloses Untermietzimmer. Dort war es wie in einer Gefängniszelle und doch eine Befreiung. Nie werde ich die betroffenen Gesichter meiner Eltern vergessen, als ich den Koffer packte. Es dauerte lange, ehe sie sich damit abgefunden hatten, dass ihre Tochter erwachsen geworden war. Dabei war meine Mutter selbst nach dem Abitur von Warschau nach Wien gezogen, um an der Kunstgewerbeschule zu studieren. Sie wollte weg von der Familie, und anders als bei mir bezahlten die Eltern ihr den Unterhalt. Schließlich gelang es mir dank purer Naivität, am anderen Donau-Ufer eine bezahlbare helle Garçonniere zu mieten, eine geräumige Einzimmerwohnung. Über die genaueren Umstände des Zustandekommens dieses Mietvertrags wird noch zu berichten sein.

Von da an ging’s bergauf. Es waren die späten 1960er, und ich geriet in die linke Szene. Seit meinen Teenagerjahren war ich ein politischer Mensch gewesen. Vieles hat mir an meinen Eltern nicht gepasst, doch politisch musste ich mich nie von ihnen distanzieren. Besonders dafür bin ich ihnen dankbar. Ich musste mich nicht für meine Eltern schämen.

Als ich lange nach dem Tod meines Vaters seine Papiere durchforstete, entdeckte ich kluge Leserbriefe, die er an diverse Zeitungen geschrieben hatte, namentlich an das Organ der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) Arbeiter-Zeitung. Besonders der Vietnamkrieg beschäftigte ihn sehr. Er wäre gern Journalist geworden, doch die Lebensumstände ließen es nicht zu. Aus einfachen Verhältnissen stammend, wurde er ein kleiner Angestellter, dann die Arbeitslosigkeit in der Zeit der Wirtschaftskrise, dann die Emigration und das Überleben in England als Hausangestellter, dann nach der Rückkehr die Notwendigkeit, im Nachkriegswien für die Familie zu sorgen. Es reichte eben nur für Leserbriefe.

Meine Mutter war eher eine „Salonkommunistin“, die nicht bereit war, einmal eingenommene Positionen zu hinterfragen. Verständnislos erlebte sie noch die Wende in Europa. Mein Vater wäre vielleicht in der Lage gewesen, sich mit den historischen, kulturellen und ökonomischen Ursachen des Zusammenbruchs des sozialistischen Systems auseinanderzusetzen.

Politik war immer Thema bei uns zu Hause. Die Arbeiter-Zeitung interessierte mich als Jugendliche in den Fünfzigern zwar nicht, aber die Befreiungskriege in den britischen Kolonien verfolgte ich aufmerksam. Wir hatten die englische fotojournalistische Zeitschrift Picture Post abonniert. Wenn der Briefträger sie zusammen mit anderen englischen Zeitungen, darunter auch eine Mädchenzeitung für mich, zu einem dicken Packen eingerollt brachte, stürzten wir uns darauf wie auf ein kostbares Geschenk.

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Begeisterung studierte ich die Fotostrecke über die Mau-Mau-Guerillabewegung, die die Kolonialherrschaft der weißen Siedler in Kenia ins Wanken brachte und mit einem immensen militärischen Aufwand von Großbritannien bekämpft wurde. Fast die gesamte Bevölkerung Zentralkenias wurde in Internierungslager gepfercht. Die Bilder von den weißen Bewachern in Kniehosen, die ihre Gewehre auf die auf dem Boden hockenden Afrikaner*innen richten, riefen in mir Erinnerungen wach, die ich gar nicht hätte haben können. Mit all meiner jugendlichen Empathie identifizierte ich mich mit den schwarzen Kämpfer*innen und war überzeugt, dass sie letztlich siegen würden. Was auch tatsächlich eintrat. 1963 musste Großbritannien Kenia in die Unabhängigkeit entlassen. Noch immer glaube ich daran, dass keine Unterdrückung ewig währt. Alle Menschen auf der Welt haben den Willen zur Freiheit. Das Bewusstsein für die Menschenrechte ist keine europäische Erfindung. Nur müssen alle ihren eigenen Weg dorthin finden.

1958 fand im englischen Aldermaston zu Ostern ein Marsch für nukleare Abrüstung statt. Es war die erste Protestbewegung in Westeuropa nach dem Krieg, die ich bewusst wahrnahm. Ungeduldig erwartete ich das Eintreffen der Ostermärsche in Österreich. 1963 war es endlich so weit. Wie es der Zufall will, erschien an prominenter Stelle ein Foto von mir als junger Demonstrantin im Zentralorgan der Kommunistischen Partei Volksstimme.

Ich marschierte mit, Jahr für Jahr, aber immer blieb ich allein. Auch die Studentenbewegung von 1968 erwartete ich sehnsüchtig, besuchte Teach-ins und demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und den Schah von Persien. Immer allein. Anfangs nahm ich an dieser oder jener Versammlung von Studierenden teil, doch ich fand keinen Anschluss. Das aggressive Auftreten der Männer ebenso wie der Frauen erschreckte mich und schüchterte mich ein. Sie schienen so selbstbewusst, ihrer Sache so sicher zu sein. Ich selbst fühlte mich wie eine leere Hülle.

Zur selben Zeit lernte ich meinen politisch engagierten Freund kennen, der bald in meine kleine Wohnung zog. Er war es, der den Kontakt zu einer Gruppe junger Leute herstellte, Frauen und Männer, die sich mit der „Frauenfrage“ beschäftigten. Sie nannten sich „Arbeitskreis Emanzipation“. Und mit einem Mal war all meine Schüchternheit verflogen. Ich hatte mein Thema gefunden. Nun wusste ich es genau: Das Patriarchat war schuld an meinem bisherigen Unglück. Erst später erkannte ich, dass diese Erklärung zu kurz griff, aber das spielte damals keine Rolle. Die Erleichterung über diese Erkenntnis verlieh mir Flügel. Schon bald wurde ich beauftragt, meinen ersten öffentlichen Vortrag zu halten, und ich hatte keine Scheu.

Es dauerte nicht lange, bis es in der Gruppe zu Konflikten zwischen den Männern und den Frauen kam. Obwohl man sich die Frauenfrage zum Thema gewählt hatte, hielten vor allem die Männer weiter an der marxistischen These von Haupt- und Nebenwiderspruch im Kapitalismus fest. Zuerst ginge es darum, den Hauptwiderspruch – das Verhältnis von Kapital und Arbeit – anzugehen, dem Nebenwiderspruch, der Frauenfrage, würde man sich später widmen.

Als wir 1969 im Kursbuch 17 zum Thema „Frau, Familie und Gesellschaft“ Karin Schrader-Kleberts Aufsatz „Die kulturelle Revolution der Frau“ lasen, flippte die Mehrzahl der Frauen in der Gruppe vor Begeisterung förmlich aus. Es war wie eine Erleuchtung. Die Autorin schrieb: „Der geschichtlich begründete Antagonismus zwischen Mann und Frau kann nur auf dem Wege der Selbstbewusstwerdung und Politisierung der Frau überwunden werden, die sie selbst erreicht und durchführt.“ Und: „Die Situation der Frau gleicht der des Negers in Amerika, aber ihre Strategie muss eine andere sein, weil sie anders an ihren Unterdrücker gebunden ist.“ (Für die diskriminierende Bedeutung des N-Worts gab es damals im deutschen Sprachraum noch keine Sensibilität.)

Die Afroamerikaner*innen können den Konsens mit der weißen Gesellschaft aufkündigen, schrieb Schrader-Klebert, die Frauen haben das Problem, durch die Liebe „an ihren Unterdrücker gebunden“ zu sein. „Die Frau muss die gesellschaftliche Natur des Menschen entweder total verändern oder ihren Status als Opfer und Objekt, ihren Verzicht auf Selbstbestimmung bis in alle Ewigkeit perpetuieren.“ Die spätere apodiktische Forderung der Lesbenbewegung „Feminismus ist die Theorie, Lesbianismus die Praxis“ ist nicht umsetzbar. Es wird immer genügend Frauen geben, die „an ihren Unterdrücker gebunden“ sind. Es geht also tatsächlich darum, „die gesellschaftliche Natur des Menschen“ total zu verändern.

Die Begeisterung der Frauen ging den Männern in unserer Gruppe gegen den Strich. Danach brachte ein weiterer Konflikt den Arbeitskreis endgültig zu Fall. Anlässlich des Muttertags organisierten wir Frauen eine Demonstration gegen das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs. Viele waren wir nicht auf der Mariahilferstraße, aber als einer der ersten lautstarken öffentlichen Auftritte zu diesem Thema sorgten wir für Medieninteresse. Im Radio sprach der Journalist, der mich interviewte, von demonstrierenden „Mädchen und Burschen“.

Nur ein einziger „Bursch“ aus unserer Gruppe solidarisierte sich mit uns Frauen. Die anderen hielten die Forderung nach Abschaffung des „Abtreibungsparagrafen“ 144 für reformistisch, also für das Gegenteil von revolutionär. Warum sie eigentlich nicht für die totale Veränderung der „gesellschaftlichen Natur des Menschen“ waren, kann ich nicht erklären. Sie dachten wohl, der Mann sei der Maßstab, an den sich die noch nicht hinreichend emanzipierte Frau anzugleichen habe.

Dafür spricht auch unsere gruppeninterne Kleiderordnung. Frauen hatten Hosen zu tragen. Hosen mit ihren zwei beweglichen Beinen symbolisierten das Fortschreiten, Röcke, zumal lange, den Stillstand. Damals waren aber bodenlange indische Wickelröcke modern. Hippielook. Ich hatte einen, den ich selbstredend nicht zu den Gruppentreffen trug. Als ich einmal dergestalt angetan einem aus unserer Gruppe auf der Straße begegnete, flüchtete ich in einen Hauseingang. Das gab mir ernsthaft zu denken. Am Ende war unsere Gruppe nur noch Geschichte.

In den USA, in Frankreich, in der Bundesrepublik gingen die Frauen mit radikalen Forderungen auf die Straße und schrieben Bücher, die wir verschlangen. Genauso, wie ich in den frühen Sechzigern ungeduldig die Ankunft der Anti-Atombomben-Bewegung aus England erwartet hatte, wartete ich nun auf die Frauenbewegung. Doch diesmal ergriff ich selbst die Initiative. Angeregt durch einen Vortrag einer Vertreterin der Schweizer Frauenbefreiungsbewegung FBB, beschlossen sieben Frauen aus zwei verschiedenen Gruppen, dass wir den Schweizerinnen nicht nachstehen wollten.

Im Herbst 1972 fand in der Wiener Innenstadt das erste feministische Treffen statt, das wir damals aber noch nicht so nannten. Feminismus verbanden wir mit einer überwiegend in den USA beheimateten bürgerlichen Frauenbewegung. Und bürgerlich wollten wir auf keinen Fall sein. Noch hatte das männerdominierte linke Revolutionsdenken seinen Zugriff auf uns nicht verloren. Der Zulauf zu unserem improvisiert einberufenen Treffen war überwältigend. In einem Thesenpapier rechtfertigten wir uns zwar für den Ausschluss der Männer, doch sehr bald hatten wir anderes zu tun. Wir nannten uns „Aktion Unabhängiger Frauen“ (AUF).

Mittlerweile war ich dreißig geworden und keine leere Hülle mehr. Ich hatte etwas zu sagen. Ohne es bewusst gewollt zu haben, nur kraft meiner jugendlichen Energie und Begeisterung für die „totale Veränderung der Natur des Menschen“, entwickelte ich mich zu einer sichtbaren Figur der österreichischen Frauenbewegung, die erst allmählich den Mut aufbrachte, sich feministisch zu nennen. Ich gehörte zu jenen, die keine Angst vor Journalist*innen hatten und begriffen, dass unser Kampf um Gerechtigkeit ohne die Medien keine Breitenwirkung erzielen würde, egal wie sie über uns berichteten. Während manche es ablehnten, mit männlichen Journalisten zu sprechen, stellte ich mich allen zur Verfügung, die etwas von mir wissen wollten, und nahm jede Einladung zu einem öffentlichen Auftritt an.

Je ablehnender das Publikum, desto streitbarer wurde ich. Ein zentraler Antrieb für meinen Aktivismus blieb die Liebe. Ich wollte die Kluft zwischen Männern und Frauen überwinden, die die heterosexuelle Liebe in meinen Augen unmöglich machte und für so viel emotionales Elend sorgte. Als zunehmend erfahrene Rednerin wurde ich zu Podiumsdiskussionen und Vorträgen eingeladen, gab Interviews für Radio und Fernsehen, schrieb zuerst in unserer feministischen Zeitschrift, wurde später von linken und bald auch von weniger linken Medien mit Kommentaren und Artikeln beauftragt und machte schließlich – reichlich spät für heutige Verhältnisse – den Journalismus und das Schreiben zu meinem Beruf. Mein Lieblingsprojekt waren meine – honorarfreien – Kommentare unter dem Titel „Fragen Sie Xantippe“ in einer trotzkistischen Zeitschrift. Das Logo der Kolumne war eine kleine Schere.

Marginalisiert bin ich geblieben. Eine feste Anstellung mit sicherem Einkommen blieb mir verwehrt. Anders als heute, wo Margarete Stokowski ihre frechen Kommentare bei Spiegel Online veröffentlichen kann, war eine ausgewiesene Feministin für österreichische Mainstream-Medien untragbar. Als ich einmal kurzfristig beim Österreichischen Rundfunk in die engere Wahl kam, scheiterte meine Bewerbung daran, dass in der entsprechenden Redaktion bereits eine als Frauenrechtlerin bekannte Journalistin tätig war. Zudem waren wir befreundet. Zwei von unserer Sorte in einer Redaktion wollten sich die Herren nicht zumuten.

Doch das Schicksal der marginalisierten Freiberuflerin teile ich heute mit vielen meiner Kolleg*innen. Es ist auch überhaupt nicht schlimm, denn die fehlende Sicherheit wurde wettgemacht durch ein Mehr an Freiheit.


Geschlechterrollen: alte Denkweisen und neue Herausforderungen

Die Geschlechterrollen sind je nach dem historischen und regionalen Kontext sehr unterschiedlich. In der westlichen Gesellschaft sind die patriarchalischen Strukturen von einst noch deutlich zu erkennen. Eine Bundeskanzlerin und Frauenquoten konnten die bestehende Ungleichheit von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben nicht eliminieren. Die Geschlechterrollen sind fest in den Köpfen verankert und werden durch unveränderbare biologische Gegebenheiten gefördert.

Das Weiße SchlossDas Weiße Schloss

Roman

Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter Kinder fremder Eltern austragen und aufziehen, alles sozusagen Bio und Fair Trade. Elternschaft ist hier Beruf, überwacht und gelenkt von einem alles kontrollierenden Apparat. Der Nachwuchs kann jederzeit besucht werden. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf dem Weg zum eigenen Kind, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“ stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar? Spielerisch erreicht „Das Weiße Schloss“ eine stilistische Größe sowie eine gedankliche Tiefe voller literarischer Verweise und Fragestellungen und wird so zu einem fulminanten Gewebe von transzendenter Leuchtkraft.

1.

Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht, dachte Ada und drückte aufs Gas, ich werde keine mehr sein. Vor ihnen lag die schmale Landstraße, die Stadt hatten sie längst hinter sich gelassen, und die Zahl der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm stetig ab. Mit einer Hand steuerte sie das Cabrio, mit der anderen zog sie die Nadel aus ihrem Zopf und legte sie in die kleine Ablage hinter dem Schalthebel, unter das defekte Kassettendeck. Sie genoss es, den Zusammenhang zwischen der Bewegung ihres Fußes und der Geschwindigkeit zu spüren, die sich in der Schärfe des Luftzugs bemerkbar machte und vibrierend in ihre Muskulatur überging. Also variierte sie das Tempo, ließ kurz den Motor aufheulen und den Wagen dann dahinrollen, bis er niedrigtourig fast ins Stocken geriet und sich die Härchen auf ihren Armen wieder legten. Ebenso mochte sie es, wie Yves sie dabei beobachtete, als hätte er Angst, sie könnte ihm entwischen.

„Weißt du, was wir tun könnten?“, fragte er mit Betonung auf dem letzten Wort, und Ada schüttelte lächelnd den Kopf, weil sie wusste, was folgen würde.

Manchmal bedauerte sie es, keinen Penis zu haben. Es wäre so viel leichter: Yves könnte sich rüberbeugen und ihr den Kopf zwischen die Beine schieben. Stattdessen tänzelte seine Hand über ihren rechten Oberschenkel, strich über die Stoffhose, deren obersten Knopf er längst geöffnet hatte, um mit seiner Hand hineinzufahren, bis sie anfing zu schwitzen. Würde er sein Sperma in den nächsten Tagen nicht noch benötigen, sie hätten vielleicht einen Zwischenstopp eingelegt. Ihr gemeinsames Sexleben diente einzig und allein einem persönlichen Vergnügen, befreit von primitiven Instinkten.

Sie erwarteten das Weiße Schloss auf der Anhöhe noch einige Kilometer entfernt. Es war umgeben von dichtem Wald, jahrhundertealt, in dem es viele Tiere gab. Hirsche mit majestätischen Geweihen. Füchse, die erlegte Vögel in ihren Bau trugen, um sie mit ihren Jungen zu teilen, scheue Wolfsrudel, Spechte, die ins Holz ihre Höhlennester pickten, und Biber, die mit ihren Zähnen ganze Bäume fällten und Dämme bauten. Das waren im Ansatz durchaus zivilisatorische Fähigkeiten. Vielleicht regieren irgendwann Tiere die Welt, dachte Ada. Nur dass es eben kein richtiges Regieren wäre, weil man dafür ein Bewusstsein haben muss für Staat, Recht, Abgrenzung und Verdrängung.

 

Man muss sich die beiden als glückliche Menschen vorstellen: im besten Alter, in einem der wirtschaftsstärksten Länder der Erde, mit sicherem, gehobenem Einkommen, zwei durchsetzungsfähige Persönlichkeiten. Adas Eltern waren bereits verstorben, sie hatte sich nicht um sie kümmern müssen. Alles Handeln richtete sich wie eine Kompassnadel nach ihren Ideen.

Ada durchfuhr ein flirrendes Licht, sie legte den Kopf in den Nacken, sah das gleißende Weiß des Himmels selbst durch die dunklen Brillengläser. Sie ließ für einen Moment das Lenkrad los, nur so weit, dass sie es noch spüren konnte, ohne es zu berühren. Yves zog seine linke Hand zurück und faltete sie bequem mit der anderen in seinem Schoß. Links und rechts ihres Wagens standen die Bäume wie weise Entscheidungshelfer und über ihnen im klaren Himmel die Sonne, die alle paar Sekunden durch die Kronen drang, um ihrer Fahrt einen zielgerichteten Lichtrhythmus zu geben. Ada war sicher: Der Termin zur Zeugung ihres gemeinsamen Kindes würde erfolgreich ablaufen.

Sie erreichten die Anhöhe mit dem Weißen Schloss und erklommen die Steigung bei gleichbleibender Geschwindigkeit. Sie fuhren durch die symmetrisch angeordnete Gartenanlage, Ada nahm die Sonnenbrille ab, um alles besser sehen zu können. In der Ferne Gewächshäuser, reiche Baumwiesen. Angenehm kühle Luft strich über ihren linken Arm, der entspannt im Fensterrahmen lag. Ada konnte Pferde sehen, im Galopp auf der Weide, zwei, vier, sechs, sicher ein Dutzend, ohne sichtbaren Zaun. Warum liefen sie nicht davon?

Das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg zum Hauptgebäude kündigte ihre Ankunft an, ein Klang, den sie aus Filmen kannten. Ada und Yves verharrten kurz mit einem Lächeln, legten einander die Hände auf die Wangen, bevor sie seine Schulter küsste und ihn aus dem Auto schob. Erst jetzt bemerkte Yves den Pagen, der ihm die Tür öffnete. Jeder Ort diktiert ein bestimmtes Verhalten, jeder Zeitpunkt ist mit Handlungen verknüpft, einem fertigen Skript folgend, dachte Yves, als er zur Treppe des Schlosses aufblickte und Adas Ungeduld neben sich spürte.


2.

Zusammen mit der Zusendung des Katalogs erreichte sie die Nachricht des Weißen Schlosses. Damals dachte Ada: Wir sind akzeptiert, haben teil an einer besonderen Zukunft. Am späten Vormittag, sie saß gerade auf der Terrasse ihres Bungalowgrundstücks und schaute über ihren Laptopscreen den Vögeln beim Säubern ihres Gefieders am Teichrand zu, ging die E-Mail in ihrem Postfach ein. In der Glastür spiegelten sich die Bäume. Es war Anfang März, doch schon so mild, dass sie, mit einer Decke auf den Knien und mit beiden Händen eine Tasse heißes Wasser haltend, bereits ein, zwei Stunden draußen in der Sonne verbringen konnte. Instinktiv rief sie sofort nach Yves, um ihre Freude zu teilen, der sie allerdings nicht hörte, da die Wände des Ateliers, das sich als Anbau neben dem Haus befand, so dick waren, dass es darin stets angenehm still blieb. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war es ihr ganz recht, so konnte sie sich dem Katalog zuerst allein widmen, um sich eine eigene Meinung über die einzelnen Kandidatinnen zu bilden und gegebenenfalls bereits Argumente zurechtzulegen – und nicht in die Bedrängnis einer spontanen Reaktion zu geraten. Man kann Gesagtes nicht zurücknehmen, hatte ihre Mutter immer gesagt, es ist in der Welt, und man wird daran gemessen.

Den Zugang zum Katalogsystem konnte Ada der E-Mail entnehmen. Sie tippte den ihr zugewiesenen Benutzernamen in das entsprechende Feld, eine Zusammensetzung ihrer Namen, AdaYves, ebenso das Passwort, Kinderwunsch. Sie war nervös, benötigte mehrere Anläufe, das Passwort korrekt einzutragen, vernachlässigte zuerst die Großschreibung, trennte ihre Namen mit einem Leerzeichen und vertauschte die Reihenfolge der Buchstaben.

 

Das Telefon vibrierte auf dem Holztisch, Lea samt Familie lächelte vom Display. Ada nahm es auf, ließ ihren Daumen über den grünen Knopf kreisen und legte es zurück auf die glatte Fläche. Sie hatte keine Lust, mit ihrer Schwester zu sprechen.

Als sie sich erfolgreich angemeldet hatte, erschienen die ihnen zur Verfügung stehenden Frauen, die sie der Reihe nach begutachtete. Zwölf Potenzielle, die gemäß ihren Filterangaben von der Direktorin des Weißen Schlosses zusammengestellt worden waren: heller Typus, zwischen dreiundzwanzig und vierunddreißig Jahre alt. Tendenziell mit künstlerischer Veranlagung. Eine hervorragende körperliche Konstitution und ein gewisses Maß an Intelligenz waren ohnehin grundlegend für die Aufnahme als Potenzielle am Internat.

Einige der Vorschläge erübrigten sich bereits mit dem ersten Blick, ein tieferes Eintauchen in die Details war nicht notwendig, diente bestenfalls als Bestätigung ihres ersten Impulses: dass dieses Gesicht – Physiognomie, Blick oder einfach Aura – nicht zu ihnen passte. Die Gesichter etwa der Hälfte der Potenziellen hatten einen Zug, eine Spur, etwas, das sie nicht benennen konnte, wovon sie aber nicht wünschte, es im Gesicht ihres Kindes wiederzufinden. Die eigene Biografie ist ein komplexes Gewirr aus Wahrnehmen und Wahrgenommenwerden, dachte Ada, und es ist nicht egal, was die anderen sagen. Was die anderen sagen, erschafft dich. Ein Bild lässt sich übermalen. Aber wenn sie daran dachte, was Yves, wenn er die alten Ölschinken überarbeitete, alles unter der sichtbaren obersten Schicht vorfand, wurde ihr unwohl. Schicht um Schicht deckte er oft auf, viele Fehlversuche, die sich niemals ganz tilgen ließen.

Zunächst markierte sie die ausgeschlossenen Kandidatinnen und löschte sie von der Liste. Die verbleibenden sieben inspizierte sie Seite für Seite. Für Ada war diese Durchsicht sehr bewegend, denn sie spielte in der Theorie die Zukunft ihres Kindes durch. In gewisser Weise entwickelte sich währenddessen eine Fiktion des gemeinsamen Nachwuchses, ein gedanklicher Prototyp in ihrem Kopf. Diese Situation erinnerte sie an die eigene berufliche Tätigkeit, bei der sie täglich Anträge auf ihr narratives Entwicklungspotenzial prüfte. Auch wenn sich die Art der Anträge voneinander unterschied, verband sie zumindest eine für die Leben der Bewerberinnen und Bewerber grundlegende Bedeutung.

Die Bilder der Frauen hatten den dringenden Wunsch in Ada geweckt, ihr eigenes Gesicht im Spiegel zu betrachten. Sie schob die Decke vom Schoß, faltete sie zusammen, legte sie an den Rand der Bank, sodass sie in etwa in einer Linie mit dieser abschloss, und ging zurück ins Haus.

Sie hatten den Bungalow am Stadtrand erst vor wenigen Jahren bezogen. Fuhren sie in die eine Richtung, waren sie schnell in der Natur, fanden Ruhe und Weite und sinnliche Körpererfahrung, fuhren sie in die andere, fanden sie ebenso schnell Unterhaltung in den für sie interessanten Stadtbezirken. Manchmal standen Ada und Yves auf der Terrasse und blickten in das beruhigende Grün und dachten an früher, an das schnelle Leben, in dem sich die Verabredungen anfühlten wie kurze Nadelstiche.

Damals hatte Ada eine Zweieinhalbzimmerwohnung in einem boomenden Stadtteil bewohnt, die sie nun zur Zwischenmiete anbot. Es waren vor allem Touristen, die ihre Wohnung mieteten und sich darüber freuten, dass Ada einen Teil ihres Hausstands dort hinterlassen hatte. Wenn sie ehrlich war, zog sie eine gewisse Freude aus den begeisterten Kommentaren, die ehemalige Gäste auf ihrem Profil des Wohnungsportals hinterließen und die sich meist auf den lebendigen und sicheren Kiez und die Gestaltung der Räume bezogen. Im Wohnzimmer stapelten sich einige ihrer Bücher zu kleinen Türmen, waren großformatige Fotos mit Nägeln an den unverputzten Wänden befestigt, darunter auch eines, das Yves von ihr gemacht hatte. Im Schlafzimmer befand sich ein selbst gebautes Bett in der Ecke des Raums – eine feste, große Matratze, die auf Holzpaletten lag, damit die Luft darunter zirkulieren konnte, und die den Charme eines studentischen, unangepassten Lebens versprach. Das gemeinsame Wohnen mit Yves gefiel ihr, auch wenn sie es manchmal bedauerte, nicht vom Geschrei der Feierwütigen oder von den über das Kopfsteinpflaster rasenden Taxen geweckt zu werden, sondern von der von Vogelstimmen begleiteten Sonnenaufgangssimulation ihres Lichtweckers.

Adas Gesicht sah etwas verschoben aus, als hätte jemand einige Pixel ausgetauscht. Die Fläche des Wohnzimmerspiegels war leicht nach vorn gekippt. Also ging sie ins Badezimmer am Ende des Flures, das nah an der Durchgangstür zum Atelier lag. Dort konnte sie sich frontal beleuchtet sehen. Das bin ich, dachte Ada. In ihren Pupillen der Kreis der Lichtröhre, gerahmt von einem dunkelbraunen Bob. Ihre Augen glänzten unter scharfen Brauen, waren in Richtung der von sanftem Flaum bedeckten Schläfen ein wenig hinaufgezogen, wodurch ihr Gesicht eine unnachahmliche Besonderheit erhielt. Die Lippen waren dünn, die Nase breit. Die Stirn freundlich und glatt, weniger herb als Leas. Die Wangenknochen standen streng hervor. Mein Gesicht ist abenteuerlich vielfältig, dachte sie, meine Mutter muss mich Zug um Zug empfangen haben. Doch wie sollte sie all diese Züge in nur einem Gesicht zusammenzwingen?


3.

Er saß auf einem Atelierschemel, als er Ada rufen hörte. Ihre Stimme klang, als hätte sie sich noch dabei umentschieden und gar nicht nach ihm rufen wollen, weil die Intensität im Ton plötzlich abbrach, aber das konnte natürlich auch am Klang seines Namens liegen, der aus nur einer Silbe bestand. Sieben. Acht. Er atmete durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, so wie die Stimme aus dem Smartphone ihn anleitete. Bevor er sich seiner Arbeit widmete, meditierte Yves seit Kurzem einige Minuten, um sich zu fokussieren. Die App versprach, den Anwender mit wenig Aufwand auf glücklichere mentale Wege zu führen, indem man aufrecht und unverkrampft ein- und ausatmete, ein- und ausatmete und die Züge zählte, spürte, bis an welche Stelle des Körpers der Atem vordrang. Die Lunge war ein Muskel, der in Yves’ Kopf lebendige Gestalt annahm, als wäre sein Atmungsorgan ein Tier, eine große Qualle, die sich durch den Ozean bewegte – durch das nach unten hin dunkler werdende Blau, Wasser einsaugend und ausstoßend, ihre Welt filternd. Dabei sei es ganz normal, die Gedanken nicht allein auf das Atmen richten zu können, erklärte die Stimme, sondern dem Gehirn eine gewisse Betriebsamkeit zuzugestehen. Auch Außengeräusche wie das Zwitschern der Vögel, der Wind, der manchmal gegen das gekippte Atelierfenster drückte, eine Hummel, die von der Innenseite gegen die Scheibe drang, und Adas angedeuteter Ruf nach ihm mussten vom Geist nicht ausgeblendet werden, sondern waren Teil der Welt, in der er meditierte. Yves war erst einige Wochen dabei, hatte aber bereits das Gefühl, dass die Meditation sich tief mit seiner künstlerischen Tätigkeit verwob, sie im Alltag sogar erst ermöglichte. Dennoch war es ihm noch nicht gelungen, den Bewusstseinszustand zu erreichen, nach dem sich der Geist in einem gedankenleeren Raum befinden sollte. Hinter dem Fokus lagen für ihn immer Schichten angehäufter Gedanken, oder – um in der Bildwelt des Meeres zu bleiben – selbst wenn sein Geist untertauchte, sah er unter Wasser in einiger Entfernung noch immer verschwommen das Ufer.

Als die Sitzung beendet war, erhob er sich vom Schemel, ging zum Fenster und schaute hinaus in den Garten. Ada saß auf der Veranda, konzentriert vor ihrem Laptop, und hielt in der linken Hand eine Tasse, die sie ab und an zum Mund führte, darauf bedacht, sich nicht zu verbrennen. Er dachte plötzlich an einen lange zurückliegenden Campingurlaub mit Freunden an der Atlantikküste und wie er eine junge Frau, Marianne?, in der Duschkabine des Campingplatzes berührt hatte und sie zwischendurch immer wieder die Tür hatten öffnen müssen, um Münzen in einen Schlitz zu stecken und weitere Minuten warmes Wasser zu haben. Er erinnerte sich noch genau an die Fliesen und wie ihre Farbe den Schimmel kaschierte. Er dachte an den Bikini von Marianne. Das schwarzweiße Muster und die verstärkten schwarzen Träger, das V-förmige Höschen und wie das Wasser gleichzeitig aus dem Stoff rann, wenn er die Hand auf ihren Po presste, und der Stoff sich erneut vollsog, wenn er sie wieder wegnahm. Sie spuckten sich das Wasser gegenseitig ins Gesicht. Er strich ihre dunklen, nassen Haare nach hinten, saugte das Nass heraus. Ihre Wimpern waren zu Spitzen gebündelt, von denen es heruntertropfte. Später im Zelt legte Yves seinen Kopf auf einen zusammengerollten Pullover und schloss die Augen. Der modrige Geruch im Zelt seiner Mutter war ihm vertraut. Es war der glücklichste Geruch seiner Kindheit. Das Geräusch sich öffnender Reißverschlüsse in unbestimmbarer Entfernung. Das Rascheln der Schlafsäcke der anderen gab ihm das Gefühl, nicht allein zu sein. Nach diesem Sommer würde er nach Paris ziehen, um Kunst zu studieren.

Dann, im ersten Herbst, hatte er fast alle frei zugänglichen Skulpturen der Stadt mit eigenen Händen berührt. Er streifte über die Friedhöfe Père Lachaise, Montmartre und Montparnasse, um den bemoosten Marmor zu befühlen. Er besuchte die Museen der Stadt. Er starrte auf die Nike von Samothrake. Sie stand auf einem riesigen Sockel aus dunkelgrauem Marmor, der wie der Bug eines Schiffes wirkte, das auf die Steintreppe des Museums krachen wollte. Gerade weil ihr Arme und Kopf fehlten, entwickelte ihre Darstellung für Yves eine besondere Macht, deren Ursprung er in ihrem Willen vermutete, dessen Zentrum in ihrer Brust liegen musste. Noch faszinierter war er allerdings von Antonio Canovas Darstellung von Amor und Psyche. Die marmornen Flügel des sich zu Psyche neigenden Gottes leuchteten, sie sahen so transparent aus wie die Flügel eines kleinen Vogels oder eines Insekts oder auch wie die Haut eines Menschenohrs, das rötlich in der Sonne schimmert. Die Flügel sahen aus, als bewegten sie sich gleich aus ihrer Ecke heraus, als würde Amor die Fenster aufstoßen und sein Grab verlassen.

 

Yves ging zurück zu seinem Block und setzte den Meißel an. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Ob er etwas Sinnhaftes schlug, das man verstehen konnte, weil es die Dinge und das Wesen der Welt realistisch wiedergab, einen Baum oder Tisch oder – weniger philosophisch – das Gesicht seiner Partnerin Ada. Oder schlug er doch wieder eine Form, schwer, symbolisch und für ihn – leer? Er nahm den Hammer und hob ihn, um ihn wieder zu senken, hob ihn, um ihn wieder zu senken. Einatmen. Ausatmen. Er schlug nicht zu. Er strich über das Material. Er setzte sich wieder. Sein Blick suchte im Atelier nach Ablenkung. Nach etwas, das seinen Fokus annahm und wovon er sich einreden konnte, dass es ihn weiterbrachte. Er betrachtete Werkzeuge, Regale voller Notizen, Entwürfe, Materialien. Gipsplatten, Marmor, Eimer, Lösungen und die großen Schubladen, in denen die Bilder auf ihn warteten, die ihn finanzierten, aber nicht faszinierten. Seitdem er hier war, arbeitete er vor allem als Restaurateur. Ein Beruf, der zwar weniger Ansehen mit sich brachte als der des kreierenden Künstlers, aber für den Moment, der nun schon einige Jahre andauerte, ganz einfach lukrativer und regelmäßiger war. Er wollte sich nicht von Ada aushalten lassen nach allem, was sie für ihn getan hatte.

Auf der alten Werkbank, die er vor zwei Jahren aus dem Keller von Adas Vater gerettet hatte, lagen einige Prospekte in Signalfarben unter einem Schädel aus Glas: Baumärkte, Supermärkte. Yves las die Angebote der aktuellen Woche, er sah daran, dass es bald Sommer werden würde, da ihn Kindergesichter aus Planschbecken anlachten. Zu seiner Freude entdeckte er auch zwei Frauen in Badebekleidung vor einer Strandfototapete, die so glatt aussahen, dass sie wie Fische in seine Gedanken flutschten und er sich für wenige Minuten auf etwas anderes konzentrieren konnte als den Druck, etwas zu erschaffen. Einatmen. Ausatmen. Er ejakulierte in eine leere Kaffeetasse. Die Hummel brummte. Hummeln bauen Staaten und leben nur einen Sommer.


4.

Delft, ein schöner Herbsttag 1677

Antoni van Leeuwenhoek traute seinem Auge nicht. In der Flüssigkeit, die er unter dem Mikroskop begutachtete, schwammen – Gott im Himmel, wimmelten! – unzählige kleine Tierchen umher. Der Forscher ging einige bedächtige Schritte in seiner Kammer und blickte durch das kleine Fenster auf die Straße, wo ein Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster ratterte. Porzellan zersprengte auf dem Boden. Wie sollte er sich so konzentrieren?

Immer wenn er seinen Geist auf etwas richten wollte, setzte er sich auf den dunklen Holzstuhl in der Ecke seines Arbeitszimmers und blickte auf das Bild, das Jan von ihm gemalt hatte. Zwar zeigte es ihn nicht als ihn selbst, er hatte lediglich Modell gestanden, doch seine Profession als Hersteller von Lichtmikroskopen hatte natürlich einen gewissen Bezug zu dem Astronomen auf Vermeers Gemälde. Ein Mann in seinen frühen Dreißigern, mit schulterlangen Haaren und in ein blaues Gewand gehüllt, griff nach dem Himmelsglobus, als gedenke er, ihn zu drehen. Auf seinem Schreibtisch, der vom gelbwarmen Licht des Spätnachmittags beschienen wurde, lag ein aufgeschlagenes Notizbuch, wie er selbst eines besaß. Wieder durchfuhr es ihn. Wie man die Welt ansah, ohne wirklich hinzuschauen! Van Leeuwenhoek verstand erst jetzt die Parallele, die der Maler schon vor fast zehn Jahren zu ahnen schien. Der Astronom vermaß den Himmel, entdeckte Sterne und Galaxien mit seinen Linsen, er selbst wirkte ins Kleinste, die Animalcula!

Bei genauerer Überlegung kam es van Leeuwenhoek vor, als seien die kleinen Tierchen in der Samenflüssigkeit autark gewesen, ein jedes wimmelte in seine eigene Richtung, eine Szene wie der übervolle Delfter Marktplatz aus der Vogelperspektive, wenn die Waren bereits günstiger angeboten wurden.

Er setzte sich wieder ans Mikroskop und spähte durch die Linse, die er selbst erschmolzen hatte. Eine zweihundertsiebzigfache Vergrößerung – mittlerweile waren seine Mikroskope sogar in London bei der Royal Society begehrt. Ohne mit der Wimper zu zucken, überschlug er die Anzahl der winzigen, Kaulquappen ähnlichen Schwanzpunkte auf in die Millionen gehend. Erstaunlich. Er nahm Zettel und Stift zur Hand und präzisierte seine Berechnungen. Sollte er sich nicht verdacht haben, schnellten durch die ausgestoßene Flüssigkeit (es war nicht seine eigene) etwa so viele Tierchen, als es Menschen auf Erden gab. Er kam nicht umhin zu glauben, dass die Anzahl vielleicht sogar exakt dieselbe war. Aber nein, das konnte nicht sein. Oder? War die in den Hoden produzierte Wesenschar vielleicht ein Abbild unserer Welt? Konnte es sein, dass ein jedes ein Leben war? Er jedenfalls war sicher, seine Entdeckung unterstütze auch die Forschungsergebnisse seines Freundes Regine de Graaf, Gott habe ihn selig! Kurz vor dessen frühem Tod, nur einige Jahre zuvor, hatte dieser entdeckt, was van Leeuwenhoek schon immer in sich gespürt hatte: dass die Geschlechtsorgane der Frauen keine invertierten Testikel waren, sondern eigenständig, an Komplexität die männlichen weit übersteigend. Doch was tat das von de Graaf entdeckte Ei, was taten die Tierchen untereinander, und was taten Ei und Samentierchen gemeinsam?

Wieder blickte er seinen Vermeer an, eine von vielen Erinnerungen an den lieben toten Freund. Der Himmel, dachte van Leeuwenhoek, kann mir darauf sicher keine Antwort geben!


5.

Das Werkzeug lag verstreut um den Marmorblock, an dem Yves arbeiten wollte. Bisher waren noch keine Spuren zu sehen, das Material schien unberührt. Yves stand in der Nähe des Fensters zum Garten. Seine Hand ruhte auf dem gläsernen Schädel, einem, auf dem man früher in Hi-Fi-Geschäften besonders hochwertige Kopfhörer ausgestellt hatte. Darin ein schwarzes Objekt, sich bewegend. Ada kam näher und hörte ein Brummen.

Der Glaskopf hatte sie bereits als junges Mädchen fasziniert, und sie hatte oft im Kellerraum ihres Vaters gesessen, dort, wo er seine Schallplatten in einem orangefarbenen Plastikschuber unter der Stereoanlage aufbewahrt hatte. Auf dem rauen Teppich sitzend hatte sie den Schädel angestarrt, auf dem fest der schwarze Kopfhörer klemmte, von dessen Ohrmuscheln das Leder abblätterte. Sie hatte die Anlage eingeschaltet und den Glaskopf Musik hören lassen. Hatte darauf gewartet, die Musik in seinem Inneren sehen zu können oder dass sie dessen innere Windungen sichtbar machen würde wie ein Kontrastmittel. Doch nur eine der Schallplatten hatte den gewünschten Effekt für sie erzielt. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Band, nur wie das Plattencover aussah: Die Grundfarbe war Gelb, darauf eine gemalte springende Figur in roter Hose, abgebildet aus der Froschperspektive. In der Hand hielt die Figur eine leuchtende Gitarre, blau oder grün. In derselben Farbe große, leuchtende Buchstaben, von leuchtenden Sternen flankiert. Eines der Worte: Hits. Die Musik hatte einen zackigen Gitarrenrhythmus, und die Lieder waren kurz und bebend, so sehr, dass sie förmlich sah, wie die Sterne vom Cover den Weg in den Glasschädel fanden und dort herumflogen im Takt. Für Ada blieb der Klang dumpf, weil der Kopfhörer den Glasschädel fest umschloss, aber sie hatte die Stelle trotzdem immer erkannt. Wenn die Sterne besonders schnell gegen die Schädeldecke sprangen, hatte sie sich den Kopfhörer aufgesetzt, um sie auch in sich zu spüren. Ada hatte den Kopf aus dem Keller ihrer Eltern mitgenommen, als sie deren Haus ausgeräumt hatten, kurz nach deren Tod, in den der Vater der Mutter folgte wie von einem unsichtbaren Band gezogen.

Lea und sie hatten sich um nichts streiten müssen, die Schwestern wollten ohnehin nur wenig von dem behalten, was ihre Eltern hinterlassen hatten. Nur in einigen Dingen hatten sich die Erinnerungen stellvertretend eingenistet. Ada hatte sich ein paar Tropfen des Aftershaves von ihrem Vater aufs Handgelenk geträufelt und hin und wieder daran gerochen, hatte unmittelbar Bilder aus der Kindheit vor Augen, ihren Besuch auf der Insel, die gelben Gummistiefel, die große dunkle Couch vor dem Kamin. Zu dieser Zeit war in ihr eine Gefühlsschleuse entstanden. Alle Worte, die an sie gerichtet wurden, befanden sich zunächst in diesem Zwischenraum in Ada und wurden von ihr gründlich beleuchtet, bereinigt und von scharfen Kanten befreit, bevor sie tiefer in sie eindrangen.

Lea und Ada standen im Wohnzimmer des Hauses, als Yves und Leas Mann Jonas durch die Terrassentür hinzukamen. Die Männer hatten im Garten des Einfamilienhauses eine Zigarette geraucht und sich über den Wert der Immobilie ausgetauscht. Die Preise waren in dieser Gegend in den letzten Jahren stark gestiegen, da sich immer mehr wohlhabende Paare mit Kindern in Stadtnähe ansiedelten, um die Vorzüge von Ruhe und gleichzeitiger Nähe zum Wirtschaftszentrum miteinander zu verbinden. Die Männer einigten sich darauf, dass die kleine Stadtvilla über eine Million Euro wert sei, obwohl keiner der beiden eine Ahnung von diesen Dingen hatte, und schnippten ihre Zigaretten in das feuchte Oktobergras.

Die Schwestern hatten das Testament des Vaters wie erwartet in dem Schreibtisch gefunden, an dem auch schon ihr Großvater sein Testament verfasst hatte, bevor er in den Krieg gezogen war. So machen das die alten Männer, dachte Ada, sie glauben, der Schreibtisch sei der Mittelpunkt ihrer Welt. Die oberste Schublade war verschlossen gewesen, doch sie waren längst von ihrem Vater in das Schlüsselversteck eingeweiht worden und auch, dass er den gemeinsamen Letzten Willen dort deponiert hatte. Das Dokument besagte, dass Ada und Lea von einhundert Prozent des Gesamtvermögens eine Hälfte sofort unter sich aufteilen sollten. Die andere Hälfte sei anteilig der Ausbildung der Enkelkinder zugedacht. Sollten die Schwestern weitere Kinder zeugen, als zum Zeitpunkt seines Todes geboren seien, würden sich die Anteile nachträglich verschieben. Auf diese Weise blieben Lea und Ada immer miteinander in Kontakt, und die Ausbildung der Enkelkinder sei abgesichert.

Im Keller wühlten die Schwestern durch die Fotoalben, ihre Männer im Rücken. Jonas sagte: „Das wäre eine fantastische Filmszene – die zweieiigen Zwillingsschwestern zeigen sich die Fotos ihrer Mutter und Großmutter.“ Leas Mann war ein erfolgreicher Spielfilmregisseur, den die Kritik für seine besonders dichten Szenen lobte. Jonas und Lea hatten sich kennengelernt, weil sie sich umfassend mit seinem Werk auseinandergesetzt und nach erfolgreicher Promotion auch ihre Habilitation dazu vorbereitet hatte. Nach einem ersten professionellen Treffen fühlte sich der Regisseur so wertgeschätzt, dass er um ein zweites Treffen bat, das er jedoch Verabredung nannte. Die beiden verbrachten die Nacht miteinander, bekamen neun Monate darauf ihre erste Tochter. So wurde die weitere wissenschaftliche Arbeit zum Frühwerk von Jonas Lehmann nie fertiggestellt. Als er sich im Keller ihrer toten Eltern sie selbst vor die Linse dachte, sagte Lea: „Die Szene wäre sicher in Schwarz-Weiß gedreht. Die Schwestern würden rauchen und ein Loch in den Teppich brennen, um zu zeigen, dass sie das Leben des Patriarchen immer kritisch betrachtet haben. Der Blick der Kamera würde sich darin gefallen, in seinem Untergang das Aufkommen einer Ordnung zu sehen, dabei aber vergessen, dass sie die Schwestern auf eine Art und Weise in ihrer Umarmung, in ihrem Rauchen und Weinen zeigen würde, die doch die Rollenbilder des toten Patriarchen wiederholt.“ Ada und Yves, Lea und Jonas, die vier schauten damals einander an und dachten dasselbe: ob die Rechnung des Vaters zur Aufteilung des Erbes aufgehen würde.

Das Foto in Adas Hand zeigte ihre Großmutter, ihre Mutter und die beiden Schwestern kurz vor dem Abitur. Ihre Großmutter war noch im selben Monat, über fünfzig Jahre nach ihrem Mann, gestorben, ihre Mutter in Pension gegangen und Lea und Ada im Laufe des folgenden Jahres ausgezogen.

Nach dem Krieg war ihre Großmutter Elfi gläubig geworden, weil sie einen Adressaten für ihre Scham brauchte. Sie schämte sich vor Gott für das, was sie getan hatte. Jeden Abend betete sie wie ein Kind an ihrem Bett und ging zu jedem Anlass in die Kirche, weil sie glaubte, so das Paradies denken zu dürfen, während die Gegenwart in Trümmern lag. Als die eine Tochter, Adas Tante, ein Kind gebar, ohne einen Mann dazu zu haben, schwor sie, alles zu tun, damit es nicht zur Familie gehörte. „Der Bastard nimmt mir nicht mein Himmelreich!“, hatte sie gesagt. Adas Mutter wollte niemals in der Armut ihrer eigenen Mutter und außerdem in Frieden leben. Dafür war sie bereit, ein Leben lang hart zu arbeiten in einem Job, der ihr keine Freude bereitete, in einem Büro, dessen Teppich ihr nicht gefiel, mit einer Kollegin, die sie freundlich verachtete. Nach der Pensionierung kam erst der Krebs, dann die Heilung und dann ein kurz aufleuchtendes Glück auf einer Kreuzfahrt, bei der sie und ihr Mann zur Sicherheit an Deck blieben, als das Schiff bei Barbados anlegte. Das Foto, das sie von Bord aus gemacht hatte, zeigte hinter dem weißen Strand die Silhouette der Insel, eine grüne Skyline, unterbrochen von beigefarbenen Hotels, und hing bis zu ihrem Tod im gemeinsamen Schlafzimmer in einem Wechselrahmen. „Diesen Blick auf die Insel haben nur wir“, hatten ihre Eltern lachend gesagt und die Gardine ihrer Außenkabine zugezogen, wenn die Sonne im Fenster gestanden hatte.

Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.

 

Yves’ Hand ruhte also auf dem Glasschädel, darin das Brummen so dumpf wie damals die Musik, ein fliegender schwarzer Fleck, der immer wieder an das Glas stieß. Yves winkte Ada mit einer schnellen Handbewegung näher, und sie sah, dass er stolz war. Und dann sagte er, dass es ihm gelungen sei, die Gedanken eines Menschen sichtbar zu machen, die ihm im Schädel brummten und herauswollten. All die Gedanken, die man nicht sagen könne. Zum Beispiel, weil man in einem Land sei, dessen Sprache man nicht spreche. Dass die Hummel die wirre Richtung der Gedanken aufzeige, die einander überwarfen, miteinander konkurrierten und immer lauter würden, je näher sie der Schädelwand kamen, und manchmal eben wieder verloren gingen und tief in den Schädel zurückfielen, bis in den Hals hinein. Und während er mit den Händen durch die Luft fuhr und bei dem Wort Gedanken in seine Locken griff, trat Ada näher an ihn heran, griff seinen Hosenbund, lüpfte das weiße T-Shirt, um an seine Haut zu gelangen, die warm war, und fragte, ob es legitim sei, die tatsächliche Angst eines Lebewesens als Sinnbild für ein menschliches Problem auszustellen, und näherte sich seinem Hals mit halb geöffneten Lippen. Yves schob Ada zurück, denn er mochte es nicht, wenn sie die körperliche Ebene zwischen ihnen ins Spiel brachte, während er über seine Kunst sprach. Er halte es für ein duldbares Opfer, dem Leiden eines Lebewesens einen Sinn zu geben, der größer sei als das Lebewesen. Die Hummel wäre so zu einem höheren Zweck erhoben, den sie zwar nicht verstehe, aber das sei eben der Unterschied zwischen Insekt und Mensch. Ein Mensch könne keine Metapher sein.

„Weißt du, was wir tun könnten?“, fragte Ada.

„Lass es, Ada. Bitte nicht jetzt“, sagte Yves.

Aber Ada drückte sich an ihn, schob ein Bein zwischen seine Beine. Nahm seine linke Hand, die immer noch auf dem gläsernen Schädel ruhte, und legte sie an ihre Rippen. Mit der Linken fuhr sie seinen Rücken entlang, ihre Rechte lag nun auch auf dem Schädel und spürte das Brummen als Vibration, ein leises Kitzeln, und kurz stellte sie sich vor, wie das Gefühl jeden Teil ihres Körpers berührte, bis in ihr Inneres, ein Verständnis, das auf Klang und Körper beruhte. Als Yves ihren Hals küsste und die andere Hand in ihre Hose schob, stieß sie ihn in Richtung der Werkbank. Die Sonne stand exakt im Fenster, zeigte wie ein Scheinwerfer auf die sich Umschlingenden, als der Schädel zu Boden fiel.

Blick ins Buch
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Antonia Baum führt das typische Leben einer jungen, privilegierten Frau in der Großstadt: Sie hat einen interessanten Job, führt eine feste Beziehung  und genießt die urbanen Annehmlichkeiten. Ihre Umgebung in einem sozial schwachen Bezirk kann sie dabei weitgehend ausblenden. Dann erwartet sie ein Kind – und plötzlich ist ihr Blick auf ihr Leben völlig verändert, und sie bekommt Angst. Nicht nur scheint ihr Platz in der Gesellschaft plötzlich unklar zu sein, ihre Identität ist in Gefahr und die Nachbarn wirken bedrohlich. In ihrem Buch macht Antonia Baum das Persönliche politisch, sie schildert ihr Erleben und kommt dabei auf die ganz großen gesellschaftlichen Themen: wie Erfolgreiche und Abgehängte nebeneinanderher leben , wie man Mutterschaft und ein eigenes Leben verbindet, weshalb man sich mit Kind plötzlich in altmodischen Beziehungsmodellen wiederfindet und warum Mütter es eigentlich niemandem recht machen können. 

Danach gab es davor und danach. Es gab drinnen und draußen. Es gab Mann und Frau. Es gab arm und reich. Danach fürchtete ich mich, wenn ich durch das Treppenhaus des Hauses lief, in dessen oberstem Stock unsere Wohnung war, und drehte mich um.

 

 

1

 

Es ist ganz einfach, dachte ich etwa fünf Wochen vorher und stand am offenen Fenster, ich will ein Mann sein. Es war Nacht. Schräg gegenüber saß jemand in einem rot erleuchteten Fenster und hustete in regelmäßigen Abständen. Sein Husten klang krank. Es klang, als würde sich sein Körper für ihn beschweren. Ich konnte den Körper sehen. Er saß dick und unförmig auf einem Stuhl vor einem Rechner. Manchmal fuhr er sich durch das schwarze Haar. Wie eine hingegossene Masse lag er auf dem Stuhl und bebte, wenn er hustete. Dann war es wieder still. Das Licht aus dem Fenster warf den Schatten des mageren Baums an die Hauswand, was aussah, als würde eine böse Hand nach ihr greifen. Vielleicht würde sie sich das Haus und seinen Inhalt bald einfach nehmen und von dieser Erde schmeißen, dachte ich. Ich schloss das Fenster und drückte meine Stirn gegen das Glas. Ich will ein Mann sein, dachte ich, aber ich will nicht aussehen wie einer, das nicht (und vor allem nicht wie der Mann schräg gegenüber, nein, hier ging es um die Möglichkeiten eines gesunden, gut ausgebildeten Mannes, dessen schwarze Haare, sofern er überhaupt welche hatte, von seinem kulturellen und ökonomischen Kapital neutralisiert werden würden). Ich wollte nicht aussehen wie der Mann, der ich sein wollte. Aber die Möglichkeit aufzustehen, mich nicht zuständig zu fühlen und weiterzugehen, diese Möglichkeit wollte ich besitzen, für immer.

 

Die Menschen aus dem Haus, das wir bewohnten, hatten wenige Möglichkeiten, und seit Kurzem sah ich ihnen dabei zu. Wenn es abends dunkel wurde, stand ich in meinem Zimmer, ohne das Licht anzumachen. Nachts stand ich dort auch, denn ich konnte nicht mehr schlafen. Ich konnte in die erleuchteten Fenster des Hinterhauses sehen. Unser Haus war ein Haus, in dem nachts Lichter brannten. Das rot erleuchtete Fenster des hustenden Mannes war jede Nacht rot, ein anderes Fenster leuchtete grell und kalt, darin sah ich einen Stuhl, einen Tisch und eine Menge Geschirr darauf, aber nie einen Menschen, und dann gab es noch zwei Fenster, hinter denen ebenfalls immer Licht brannte, das aber von zwei bunten Decken geschluckt wurde, die als Sichtschutz provisorisch aufgehängt worden waren. Tagsüber bemerkte man die Menschen aus unserem Haus nicht, sie waren erst nachts zu sehen, wenn sie das Licht anmachten und ihre Stimmen in fremden Sprachen durch den Hof hallten. Denn es wohnten dort Menschen, die nicht früh aufstehen mussten, oder solche, deren Verwandte weit entfernt lebten und die sie wegen der Zeitverschiebung, schlechter Internetverbindungen oder irgendwelcher günstigen Tarife am besten nachts erreichten. Wenn ich dort am Fenster stand, sah mich keiner. Aber ich sah die anderen.

 

Ich stand dort und hatte das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Wie gestrichen. Arbeitslos und behindert. Das klingt schlimm und wird schlimmer, ich kann es kaum aufschreiben, also warte ich damit noch ein bisschen.

 

Ich übertrat die Grenze nicht mehr, hinter der das Geld und die Freiheit lagen. Rationalität, Nützlichkeit, Wettbewerb. Ich legte nicht mehr meinen täglichen Weg zur Arbeit (acht Kilometer) zurück. Ich übertrat somit nicht mehr jene Grenze, hinter der sich all das befindet, was Menschen brauchen, die, traurig und gestresst, versuchen, glückliche Menschen zu werden. Hinter der Grenze waren: Marni-Kleider, Spargelsalat mit Garnelen, Meditationsangebote, eine Übereinkunft darüber, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zwar noch nicht komplett erreicht, aber unbedingt erstrebenswert ist, ebenso wie die Aufnahme und Integration von Geflüchteten und die Ablehnung rechtsnationaler Gedanken (Pegida, AfD), es gab dort gute Friseure, gute Feinkostläden, gute Kleidergeschäfte, und alle wussten, was distinguierte von gewöhnlichen Produkten (oder Menschen) unterscheidet, weswegen ich mich dort immer gerne aufhielt. Es war so sauber und interessant, der Welt von dort aus dabei zuzusehen, wie sie sich täglich zerlegte.

 

Zurück zum Schlimmen, das noch schlimmer wird, sobald ich es aufgeschrieben habe – denn eigentlich erwartete ich, als ich dort am Fenster stand und dachte, ich sei arbeitslos und behindert, einfach nur ein Kind. Und dabei war nicht das Kind das Schlimme, sondern das Gefühl, arbeitslos und behindert zu sein. Am allerschlimmsten aber war es, diesen Satz zu denken, und noch schlimmer ist es, ihn aufzuschreiben. Denn ein Kind, so dachte ich oft am Fenster stehend, ein Kind ist doch das Schönste, Beste, was man machen kann. Damit hört vielleicht auch diese verfluchte Gottlosigkeit auf. Man wird dann vollständiger, gerade als Frau. Ohne ein Kind fehlt einer Frau etwas. Ich dachte diese Sätze in unterschiedlicher Reihenfolge, ich wusste, dass es Klischees waren, denen ich da hinterherdachte, und sie ließen mich trotzdem nicht in Ruhe.

 

Wir lebten vor der Grenze, am Rand, von wo aus ich immer ins Zentrum gefahren war. Der Rand war: Müll auf der Straße, Discount-Supermärkte, Wettbüros, Dönerläden, Kürbiskernschalen auf dem Boden, Pfandhäuser, KiK, Shisha-Bars, Wohnungsauflösungsunternehmen, Läden, die für einige Monate da waren und dann wieder verschwanden. Ich hatte davon nicht besonders viel mitbekommen, denn ich war entweder nicht zu Hause oder in unserer Wohnung, die im vierten Stock lag. Morgens achtzig Stufen runter durchs Treppenhaus, über dunkelbraunen Linoleumboden, der so alt war, dass er Risse hatte, vorbei an grauen geschlossenen Wohnungstüren, aus denen niemals jemand kam. Es war, als lebte keiner in diesem Haus, man begegnete nur Spuren von Leben. Schrott, der auf dem Hof abgestellt wurde, Wurfsendungen, die auf den Boden geschmissen worden waren, der Geruch von vergammelndem Essen aus den Mülltonnen. Und es gab diese Tür, die an manchen Tagen nur angelehnt war. Der Spalt, der entstand, war so schmal, dass er dem Vorbeigehenden zuhauchte, dass diese Tür nur für sehr kurze Zeit offen sein würde und vor allem nicht für ihn, den Vorbeigehenden. Ich hielt dann trotzdem kurz inne und sah auf die angelehnte Tür. Ich lauerte und war mir sicher, dass auf der anderen Seite auch gelauert wurde. Ich war mir sicher, dass sich die Tür gerade eben noch bewegt hatte.

 

An den vielen Türen dieses Hauses standen Namen, die ich mir nicht zutraute richtig auszusprechen. Namen mit vielen Konsonanten und Vokalen an komischen Stellen, Namen, durch die ich hindurchstolperte, wenn ich es versuchte. Die Schilder, auf denen die Namen standen, waren selbst geschriebene und nachlässig angebrachte Zettelschilder, so, als würden die Menschen, zu denen die Schilder gehörten, nicht an Schilder glauben, weil sowieso niemand kam und sich für ihre Schilder interessierte, oder weil sie davon ausgingen, nicht lange zu bleiben.

 

Abends stieg ich die achtzig Stufen wieder hoch, gelegentlich im Dunkeln, denn manchmal funktionierte das Licht nicht. Die Hausverwaltung hatte die Bewohner irgendwie nicht mit der Macht über das Licht ausstatten wollen, weswegen sie eine Zeitschaltuhr installiert hatte. Lichtschalter waren zwar da, aber es passierte nichts, wenn man sie bediente. Es gab nur das verordnete Licht, die Zeitschaltuhr, die hin und wieder falsch oder gar nicht schaltete. Wenn es dunkel war, konnte man nichts dagegen machen, dann blieb es dunkel. Im dritten Stock roch es oft stark nach gebratenem Fleisch, und dann überlegte ich, hinter welcher der Wohnungstüren da wohl gekocht, also gelebt wurde. Es war immer still in diesem Treppenhaus. Nur ausnahmsweise begegnete ich einem Menschen. Etwa dem Jungen mit den schwarzen Haaren und der Adidas-Hose, der vielleicht zwei Mal an mir vorbeigehuscht war, davon einmal in Begleitung seiner Mutter, von deren Gesicht ich nur Augen und Nase sah, weil sie den Rest unter einem Kopftuch verbarg. Wir grüßten einander, als wären alle Beteiligten Schuld an irgendeinem Fehler, den wohl keiner hätte benennen können. Oder der große, dicke Mann mit der Einkaufstasche auf Rädern, die er hinter sich herzog und dabei Wörter, die ich nicht verstand, vor sich hin murmelte. Ein Mann mit langen Haaren und dünnen Beinen, den ich, obwohl ich ihn nie wieder sah, nicht vergaß, weil er so stank.

 

Das war es, mehr sah ich nicht von dem Rand. Wir bestellten unsere Lebensmittel, an den Wochenenden gab es Netflix und Deliveroo, oder wir gingen an Orten essen, deren Besucher laut und lächelnd den Restaurant-Sound machten, zusammen mit glänzenden Gläsern, die beim Anstoßen sangen, und freundlichen Bedienungen, die stolz komplizierte Gerichte erklärten; Orte, deren Bewohner kein Misstrauen in ihren Gesichtern hatten und die nur zugänglich waren für Menschen, die all das auch bezahlen konnten. Ich sah also nichts von dem Rand, an dem wir wohnten. Natürlich, ich hatte die Teenager von der nahe gelegenen Schule gesehen und dass sie alle schwarze Haare hatten und auf der Straße und in unserem Hausflur rumhingen und Zigaretten rauchten und manchmal die Briefkästen aufbrachen. Yalla, ich ficke deine Mutter, deine Schwester, deine Lehrerin, deine Tante, deine Großmutter, dein Leben und so weiter, hörte ich sie sagen, wenn ich an ihnen vorbeiging. Oder die Mädchen, die sich nach der Schule bei uns im Treppenhaus das Gesicht sauber machten, damit ihre Eltern nichts von der Schminke sahen. Mein Freund regte sich über die Jungs auf. Ich verteidigte sie und fand das irgendwie gut von mir. Einmal sortierte ich Kleider aus und wollte sie den Mädchen schenken, weil es für mich früher das Größte war, alte Kleider geschenkt zu bekommen (vintage hätte ich das genannt). Es waren gute und besondere Kleider, aber sie wollten sie nicht haben. Sie wirkten beinahe angewidert. Ich überlegte, was der Grund dafür war, und vermutete schließlich, dass es für sie eine Beleidigung gewesen sein könnte, aussortierte Kleider angeboten zu bekommen. Als könnten sie sich keine neuen leisten.

 

Die Idee bei diesem Haus war vor allem: günstige Miete. Und: Nicht nur Menschen um mich herum, die aussehen wie ich. Menschen, die das Gleiche wollen und das Gleiche tun wie ich, unausweichlich und als sei es, oh Gott, alternativlos. Deswegen wegziehen aus der totalen Gleichheit. Wegziehen und irgendwie etwas Wirklichkeitssalz auf diesen Alltag in Nullen und Einsen und seine Folgenlosigkeit draufschütten. Salz auf ein Leid, das nach nichts schmeckt. Ein Leid ohne Konkretion, ein Leid auf einem sehr hohen Niveau. Ein Leid, das man nicht einmal behalten darf, weil es ein vergleichsweise unproblematisches Leid ist (denn ging es mir, ging es uns, denn nicht eigentlich verdammt gut? Warum aber, fragte ich mich dann häufig, muss es mir besser gehen, weil es anderen schlechter geht?). Die Medizin, die ich zur Behandlung dieser reichen, auf mich beinahe kokett wirkenden Probleme wählte, war eine schlechte Gegend, in der ich mir ein bisschen anders vorkommen konnte. Sie bedeutete also auch einen Distinktionsgewinn, einen billigen außerdem. Aber die Mädchen hatten kein Interesse an meinen Kleidern, und die Salz-auf-diese-Wirklichkeit-Idee blieb ebenfalls komplett folgenlos, was ich aber zu dem damaligen Zeitpunkt (also: davor) nicht erfassen konnte.

 

Davor war die Welt ein Theater, und die Kulissen ließen sich reibungslos aneinander vorbeischieben. Was an Welt und Geschlecht zu viel war, konnte ich mir mit Geld vom Leib halten.

Du willst dich nicht von fremden Männern vollquatschen lassen, wenn du nachts alleine auf dem Weg nach Hause bist? Taxi. Du hast Angst vorm Autofahren, willst aber trotzdem das Gefühl haben, ein selbstbestimmtes Frauenleben zu leben, das keinen Freund oder Ehemann braucht, um irgendwo anzukommen? Taxi. Du willst dich nicht damit auseinandersetzen, wie man Möbel zusammenbaut, und hast keine Lust darauf, deinen Freund darum zu bitten? Montageservice. Dir sind die Einkäufe zu schwer, um sie in den vierten Stock zu tragen, aber du legst Wert darauf, dass dein Freund nicht für die Dinge zuständig ist, für die Männer typischerweise zuständig sind? Lieferservice. Du willst nicht darüber nachdenken, wer kocht? Lieferservice. Jede Arbeit, die getan werden musste und die mich, beziehungsweise uns, meinen Freund und mich, zuverlässig in die für uns vorgesehenen Ecken gestellt hätte, lagerte ich aus, was – bedenkt man die Absicht, die dahinterstand – natürlich komplett lächerlich ist, aber es funktionierte. Es war eine fantastisch funktionierende Täuschung, und sie gefiel mir (und ich habe gar nichts gegen sie, aber sie lässt sich eben nur bedingt aufrechterhalten). Ich liebte meine Täuschung, weil sie es mir erlaubte, nicht in diese mühsamen Alltäglichkeiten verwickelt zu sein. Ich liebte sie, weil ich ganz grundsätzlich nicht in diese Welt verwickelt sein wollte. Sie sollte mich nicht betreffen.

Ich schätzte Masseure und Therapeuten, weil es ihr Job war, mich zu massieren oder mir zuzuhören, sie also Geld dafür bekamen und ich mich nicht darum sorgen musste, wie es ihnen ging, was ich natürlich trotzdem tat. Mit Freunden traf ich mich am liebsten draußen und am besten nicht länger als zwei Stunden. Ich schätzte Arbeitsbeziehungen, weil ihre Modalitäten klar waren und ich gehen konnte. Meine Familie war entweder weit weg oder ähnlich beschäftigt wie ich. Wenn wir uns sahen, konnte ich wieder gehen. Den Leib an sich hielt ich ebenfalls auf Distanz, indem ich ihn als Werkzeug begriff, das ich pflegte, zerstörte und wieder pflegte. Yoga fand ich albern, aber es war eben nicht zu ändern – wobei der zweite Teil dieses Satzes wohl vor allem darauf verweist, dass ich mich schämte für dieses mitunter leere, unverbundene, wohlständige, auf vollkommen vertrottelte, aber natürlich nachvollziehbare Weise in Tätigkeiten wie Yoga Sinn und Ausgleich suchende Leben. Der zweite Teil jenes Satzes verweist also darauf, dass ich mich für das Leben schämte, dessen Freiheiten ich so liebte, weil es mir stellenweise komplett egal und folgenlos erschien.

 

Denn alles was anfing, hörte wieder auf. Das war gut und schrecklich zugleich. Ging es aber um meinen Freund, fand ich die Vorstellung, dass alles irgendwann aufhören könnte, beängstigend. Dann lief ich durch unsere Wohnung und überlegte, welche der Gegenstände (Sofa, Espressomaschine, Bettwäsche) meine waren, um mir auszurechnen, wie gut ich auf die Möglichkeit, wieder ganz alleine zu sein, vorbereitet war. Er war es, der kein Problem damit hatte, in Orte einzuziehen und sie zu bewohnen. Er war der Grund dafür, dass wir einen Teppich besaßen und Nägel in die Wand schlugen.

 

Er und ich, wir schwebten. Ich liebte, dass er aussah wie ein Mann, und er liebte, dass ich aussah wie eine Frau. Ich liebte, dass wir verschieden und trotzdem gleich sein konnten. Viele der Eigenschaften, die man typischerweise Frauen zuschreibt, trafen auf mich zu. Umgekehrt trafen viele der Eigenschaften, die man typischerweise Männern zuschreibt, auf ihn zu. Körperliche Stärke, größer als ich, handwerklich begabt, der bessere Autofahrer, eher in sich gekehrt, eher wenige Worte über Gefühle. Ein faszinierendes Rätsel, wenn ich ihm dabei zusah, wie er schwieg und irgendwelche Dinge reparierte. Das war alles er, und ich war das Gegenteil. Aber es gab bei uns auch viele Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die gar nicht typisch waren. Und so konnte ich mich mit einem guten Gefühl wie ein alter Film verhalten, in dem eine Frau in einem schönen Kleid von ihrem Mann irgendwelche Treppen hochgetragen wird, und dabei den alten Feministinnen in meinem Kopf zuflüstern, dass inzwischen alles ganz anders sei. Hört auf zu nerven, ich verdiene Geld, ich kann mir alles kaufen, das ich nicht selber machen kann. Seid still und lasst mir diesen alten Moment, in dem ich ihn so anziehend finde. Ich liebte, wie er war, und ich liebte vor allem, dass unsere Verschiedenheit kein Machtgefälle bedeutete. Ich liebte, dass sie nicht wehtat.

Wir mochten Hotels, und ich mochte sie besonders, weil ich durch sie tageweise in meine geliebte Einsamkeit einziehen und schreiben konnte. Und schlafen. Ich schrieb nicht gerne, aber es war das Beste, geschrieben zu haben und dann zu schlafen. Ich schlief ganze Wochenenden durch. Augen zu, im Kopf Sätze machen, dabei immer mehr vergessen, dass man da ist, also körperlos werden und nur noch in Gedanken sein, bis sie ein Traum geworden sind. Ohne jede Pflicht den Räumlichkeiten oder dem Ort gegenüber.

Am besten ging das in Hotels, und das allerbeste war einmal in Singapur. 14. Stock, weiche Teppiche, angenehmer Raumduft, im Badezimmer Päckchen für bestimmte Erfordernisse (Shampoo, Wattestäbchen, Mundwasser) in so kleinen Portionen, dass man sich von ihnen bereits im Moment des Gebrauchs für immer verabschieden konnte. Glatte Oberflächen, glänzende Spiegel, knisternde Bettwäsche, und all das aufgeräumt und instand gehalten von unsichtbaren Frauen, denen ich, hätte ich sie je zu Gesicht bekommen, bestimmt ein Gespräch aufgezwungen hätte, um ihnen zu zeigen, dass ich mich auf keinen Fall für besser hielt, und an dessen Ende ich vielleicht ein bisschen unzufrieden gewesen wäre, weil ich hätte einsehen müssen, dass sie und ich erst dann erlöst sein sollten, wenn ich ihnen etwas Trinkgeld gegeben hätte.

 

Diese Gegenwart des Davor war eine superartistische und genau geplante Aneinanderreihung von verwaltbaren Einheiten, und man kann so nur leben, wenn man Geld hat und Bildung und keine Verbindlichkeiten.

 

Das klingt kalt und traurig. Manchmal war es das, und dann wünschte ich mir etwas Heiliges. Ein Kind.

Es war aber auch gut. Manchmal richtig gut. Ob ich glücklich war, zufrieden oder einverstanden, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Kriterien eines gelungenen Lebens sind.

So oder so, ich wollte die Gegenwart behalten, wie sie war, ich war doch nach einer komplizierten Ewigkeit voller Praktika und Matratzen auf Böden, die fremd blieben, gerade erst in dieser Gegenwart angekommen. Alles sollte bleiben, wie es ist, mit der Möglichkeit, dass es irgendwann anders werden könnte.

Aber die Gegenwart war schneller, und ich wusste, dass ich sie nicht behalten konnte, es sei denn, ich würde mich dafür entscheiden, kein Kind zu bekommen. Und dass diese Rechnung, egal, wie man sie aufstellte, nicht aufgehen würde, wusste ich ebenfalls.

So oder so würde dieses Leben bald einen Unfall haben. Die Wirklichkeit, die ich mir aufgebaut hatte, würde sich nicht unbegrenzt aufrechterhalten lassen. Der kurze Schwebezustand im Leben einer Frau, in dem sie finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat und jung ist, jung genug, um nicht negativ aufzufallen, weil sie noch keine familiären Verpflichtungen eingegangen ist, würde bald beendet sein. Texte über die Unmöglichkeit, Kinder zu haben, die Arbeit nicht aufzugeben, nicht in der kompletten Selbstverwahrlosung zu enden, sich nicht scheiden zu lassen, das heißt keine absolute Lebenskatastrophe zu vollziehen, waren überall.

Über Frauen – und es waren meist erfolgreiche Frauen –, die keine Kinder hatten, hörte ich bei Abendessen und auf Bürofluren, dass „ihnen etwas fehle“. Sie hatten irgendetwas falsch gemacht.

 

Mitarbeiterin A hat keine Kinder und zudem mal wieder mit den Türen geknallt, als es Unstimmigkeiten gab. Mitarbeiterin B und Mitarbeiter C dazu in der Mittagspause beim Sushi-Essen:

„Man sieht es ihr an, sie ist nicht glücklich“, sagt Mitarbeiterin B (Mitte vierzig, zwei Kinder, Akademikerin, Teilzeit) zu Mitarbeiter C. „Wäre ich aber an ihrer Stelle auch nicht.“

C (Ende vierzig, Akademiker, zwei Kinder, Vollzeit) zunächst mitleidig: „Wie soll sie glücklich sein? Sie hat ja nichts in ihrem Leben.“

B: »Allen Frauen, die keine Kinder haben, fehlt irgendwann etwas, da können sie mir erzählen, was sie wollen. Sie tut mir ja auch irgendwie leid. Aber sie ist …«

C: „… eine unerträgliche Zicke, die sich benimmt, als wäre sie zwanzig.“

C weiß, dass er, indem er die kinderlose Frau „Zicke“ genannt hat, ein frauenfeindliches Klischee bedient hat, hat aber das Gefühl, mit seiner Aussage so dermaßen richtigzuliegen, dass man ihn mutig nennen sollte, diese Wahrheit zu formulieren.

B: „Sie ist es gewöhnt, dass sich alles um sie dreht. Aber jetzt ist sie vierzig, und es wirkt einfach nur lächerlich.“

Tja, sagen B und C. Sie haben ihre Pflicht bereits erfüllt und schenken sich dieses „Tja“ als verdienten Lohn für ihr Opfer.


Kenne deinen Körper - Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Der Frauenkörper galt lange als Mysterium. Dies ist durch das Bild der Frau und ihrem geringeren Wert gegenüber dem Mann in der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gefördert worden. Im Zuge der Gleichberechtigung hat sich dies geändert. Die Frau darf nun auch ein sexuelles Wesen sein, dass seine eigene Sexualität entdeckt.

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Orgasmus ist Übungssache - In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt

Wenn wir eine Sache beherrschen wollen, üben wir: Wer gut Klavier spielen will, nimmt Unterricht, wer tanzen will wie eine Ballerina, trainiert regelmäßig. Dieser Grundsatz gilt in allen Lebensbereichen – nur beim Sex denken wir, dass alles von selbst klappen muss. Wie falsch diese Annahme ist, belegen die Zahlen: Nur jede dritte Frau kommt beim Sex regelmäßig zum Höhepunkt. Dabei könnte es ganz einfach sein: Denn genau wie ein Pianist seine Finger trainieren muss, muss die Vagina erst sensibilisiert werden, um beim Sex etwas empfinden zu können. Wie das geht, erklärt Dania Schiftan in diesem Buch – und hilft uns ganz nebenbei, unseren Körper besser kennenzulernen.

Inhalt:

Einleitung

1. Schritt: Kleine Anatomiestunde: die Vagina, die Vulva und die Klitoris

2. Schritt: Wo stehe ich?

3. Schritt: Wie bin ich da hingekommen? – Meine sexuelle Vergangenheit

4. Schritt: Move it! – Warum Bewegung entscheidend ist

5. Schritt: Der Beckenboden und warum er so wichtig ist.

6. Schritt: Reine Kopfsache? – Sexuelle Fantasien

7. Schritt: Swing it! – Die Beckenschaukel

8. Schritt: Mehr Egoismus!

9. Schritt: Swing it together! – Bewegung im Duett

10. Schritt: Zusammen abheben

Die Übungen im Überblick

Und jetzt viel Spaß!

Theorie für Wissenshungrige: die vier Erregungstypen

Interessantes für und über den Mann

Anhang


Literatur von und für starke Frauen: Stärke bedeutet auch Verletzlichkeit

Nicht nur Sachbücher können Informationen vermitteln, sondern auch die Belletristik. Um den Horizont zu erweitern und neue Denkanstöße zu erhalten, bieten sich die Romane „Bleib bei mir“ von Ayobami Adebayo und „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood an. Sie gehen auf historische und aktuelle Frauenthemen in Erzählform ein. Es sind mitreißende, gefühlvolle Werke von starken Frauen, die Mut machen können. Doch nicht immer müssen spezifische Frauenthemen in den Bücher Eingang finden. Manchmal zeigt sich die feministische Literatur nicht an dem gewählten Inhalt, sondern an der Schreibweise.

Blick ins Buch
Bleib bei mirBleib bei mirBleib bei mir

Roman

Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete – vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann. Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden – aber um welchen Preis? Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen? „Brennend, fesselnd, wunderschön.“ Margaret Atwood

1

Jos, Dezember 2008

Heute muss ich weg aus dieser Stadt und zu dir kommen. Meine Taschen sind gepackt, und die leeren Zimmer hinter mir erinnern daran, dass ich schon vor einer Woche hätte abreisen sollen. Mein Fahrer Musa hat seit letztem Freitag jede Nacht draußen beim Wachmann geschlafen und gewartet, dass ich ihn in den frühen Morgenstunden wecke, damit wir aufbrechen wie geplant. Aber meine Taschen stehen noch immer im Wohnzimmer und stauben ein.

Die meisten der hier angeschafften Sachen – Möbel, Elektrogeräte und auch Armaturen – habe ich dem Mädchen geschenkt, das bei mir im Friseursalon gearbeitet hat. Seit einer Woche habe ich mich jetzt also jede Nacht schlaflos im Bett gewälzt, ohne dass ich mir mit Fernsehen die Zeit hätte vertreiben können.

In Ife erwartet mich ein Haus gleich gegenüber der Universität, da, wo du und ich uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich sehe es vor mir, das Haus, diesem hier gar nicht unähnlich, die vielen Zimmer für eine große Familie: Mann und Frau und viele Kinder. Eigentlich hatte ich an dem Tag, nachdem die Haartrockner abgenommen worden waren, abreisen wollen. Ich hatte vor, mir eine Woche Zeit zu nehmen, um den neuen Salon und das Haus einzurichten. Ich wollte mein neues Leben an seinem Platz wissen, bevor ich dich wiedersehen würde.

Es ist nicht so, dass ich diesem Ort sehr verbunden wäre. Sie werden mir nicht fehlen, die wenigen Freundinnen, die ich hier gefunden habe; die Leute, die die Frau, die ich damals war, nicht kennen; die Männer, die im Laufe der Jahre geglaubt haben, in mich verliebt zu sein. Wahrscheinlich werde ich mich schon bald nicht einmal mehr an den Namen des einen erinnern, der mich gefragt hat, ob ich seine Frau werden will. Keiner hier weiß, dass ich noch immer mit dir verheiratet bin. Ich habe ihnen nur einen Teil der Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.

Ich wollte weg, seit man die drei Teilnehmer des National Youth Service Programme umgebracht hat. Meine Entscheidung, den Salon und das Schmuckgeschäft zu schließen, stand fest, bevor ich überhaupt wusste, was ich als nächstes tun würde, und bevor die Einladung zur Beerdigung deines Vaters kam und mir die Richtung wies. Ich habe mir die Namen der drei jungen Männer gemerkt, und ich weiß, was jeder von ihnen studiert hat. Meine Olamide wäre jetzt ungefähr in ihrem Alter; auch sie hätte ungefähr jetzt ihren Universitätsabschluss gemacht. Wenn ich etwas über die drei lese, denke ich an sie.

Ich frage mich oft, ob auch du an sie denkst, Akin.

Auch wenn der Schlaf mich nicht holt, schließe ich jede Nacht die Augen, und Bruchstücke des Lebens, das ich hinter mir gelassen habe, kehren zu mir zurück. Dann sehe ich die gebatikten Kissenbezüge in unserem Schlafzimmer, sehe unsere Nachbarn und deine Familie, die ich eine Zeit lang auch für meine Familie gehalten habe. Sehe dich. Heute Abend sehe ich die Nachttischlampe vor mir, die du mir wenige Wochen nach unserer Hochzeit geschenkt hast. Ich konnte nicht schlafen im Dunkeln, und wenn wir das große Licht anließen, bekamst du Albträume. Für dich war die Lampe die Lösung. Du hast sie gekauft, ohne mir zu sagen, dass du einen Kompromiss gefunden hattest, ohne mich zu fragen, ob ich eine Lampe wollte. Und als ich über den bronzenen Lampenfuß strich und das bunte Glas bestaunte, das das Licht dämpfte, wolltest du wissen, was ich bei einem Brand aus der Wohnung retten würde. Ich dachte nicht lange nach, bevor ich unser Baby sagte, obwohl wir noch keine Kinder hatten. Was, sagtest du, nicht wen. Aber du schienst ein bisschen gekränkt, dass ich bei wen nicht überlegt hatte, dich zu retten.

Ich quäle mich aus dem Bett, lege das Nachthemd ab und ziehe mich an. Ich werde keine Zeit mehr verschwenden. Die Fragen, die du beantworten musst, die Fragen, an denen ich schon seit über einem Jahrzehnt zu ersticken drohe, treiben mich an, als ich mir die Handtasche schnappe und ins Wohnzimmer gehe.

Siebzehn Taschen stehen da, bereit, in den Wagen geladen zu werden. Ich starre auf die Taschen, weiß, was jede enthält. Wenn dieses Haus brennen würde, was würde ich mitnehmen? Ich muss überlegen, denn zuerst denke ich nichts. Ich entscheide mich für die kleine Reisetasche, die ich für die Beerdigung gepackt habe, und für das Ledersäckchen mit dem Goldschmuck. Die anderen Taschen kann Musa mir später nachbringen.

Das war’s dann also – fünfzehn Jahre, und obwohl mein Haus nicht brennt, nehme ich nur ein Säckchen Gold und wenige Wechselsachen mit. Alles, was zählt, trage ich bei mir, eingeschlossen in meine Brust wie in ein Grab, aufbewahrt in einer Schatztruhe.

Ich trete nach draußen. Die Luft ist eiskalt, und die untergehende Sonne färbt den schwarzen Himmel lila am Horizont. Musa lehnt am Wagen und reinigt sich mit einem Stöckchen die Zähne. Als ich näher komme, spuckt er in einen Becher und steckt sich das Kauholz in die Brusttasche. Er öffnet die Wagentür, wir begrüßen uns, und ich klettere auf die Rückbank.

Musa schaltet das Radio ein und sucht nach einem Sender. Die Wahl fällt auf einen, der den Tag mit der Nationalhymne beginnt. Der Pförtner winkt, als wir vom Gelände fahren. Vor uns liegt die Straße, eingehüllt in ein Dunkel, das in Dämmerlicht übergeht auf meinem Weg zu dir.

 

2

Ilesa, ab 1985

Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren. Ich konnte sie durch das Türglas sehen. Konnte sie hören. Sie schienen nicht zu merken, dass ich mich seit über einer Minute auf der anderen Seite der Tür befand. Ich hätte sie gern draußen stehen lassen, um wieder nach oben zu gehen und weiterzuschlafen. Vielleicht würden sie zu braunen Pfützen zerschmelzen, wenn sie nur lange genug in der Sonne standen. Iya Marthas Hintern war so riesig, dass er die kleine Treppe, die zu unserer Haustür führt, in geschmolzenem Zustand unter sich begraben hätte.

Iya Martha war eine meiner vier Mütter; sie war die älteste Frau meines Vaters gewesen. Der Mann bei ihr war Baba Lola, ein Onkel von Akin. Beide stemmten sich gekrümmt gegen die Sonne, kniffen entschlossen die Augen zusammen und sahen finster drein. Als ich aber die Tür öffnete, verstummte ihr Gespräch und sie lächelten mich an. Ich ahnte schon, welche Wörter den Frauen als Erste über die Lippen kommen würden. Ich wusste, dass sie voller Überschwang eine Nähe demonstrieren würden, die nie zwischen uns bestanden hatte.

„Yejide, geliebte Tochter!“ Iya Martha grinste mich an, als sie mein Gesicht zwischen die feuchten, fleischigen Hände nahm.

Ich grinste zurück und kniete mich hin, um sie zu begrüßen. „Willkommen, willkommen. Gott muss heute beim Aufwachen wohl an mich gedacht haben-o. Darum seid ihr alle da“, sagte ich und ging noch einmal leicht in die Knie, nachdem sie das Wohnzimmer betreten und Platz genommen hatten.

Sie lachten.

„Wo ist dein Mann? Ist er da?“, fragte Baba Lola und schaute sich im Zimmer um, als hielte ich Akin unter einem Stuhl versteckt.

„Ja, Sir, er ist oben. Ich gehe und hole ihn, sobald ich Ihnen etwas zu trinken gebracht habe. Was darf ich Ihnen zu essen machen? Frisch gestampften Yam?“

Der Mann sah meine Stiefmutter an, als hätte er diesen Teil des Drehbuchs für das Stück, das sie gleich aufführen würden, während der Proben nicht gelesen.

Iya Martha schüttelte den Kopf. „Wir können nichts essen. Hol deinen Mann. Wir haben Wichtiges mit euch zu besprechen.“

Ich lächelte, verließ das Wohnzimmer und ging zur Treppe. Ich glaubte zu wissen, was das „Wichtige“ war, das sie mit uns besprechen wollten. In letzter Zeit hatte eine ganze Reihe angeheirateter Verwandter unser Haus betreten, um das immer gleiche Thema mit uns zu besprechen. Diese Gespräche sahen so aus, dass sie redeten, während ich vor ihnen kniete und zuhörte. Akin tat jedes Mal, als würde er ihnen zuhören und sich Notizen machen, während er in Wahrheit seine To-do-Liste für den nächsten Tag schrieb. Keiner dieser Abgesandten konnte lesen oder schreiben, und sie bewunderten jeden, der es konnte. Es beeindruckte sie, dass Akin notierte, was sie sagten. Und manchmal, wenn er die Mitschrift unterbrach, beschwerte sich die Person, die gerade redete, dass Akin sich ihm oder ihr gegenüber respektlos verhielt, so gar nichts aufzuschreiben. Mein Mann plante während dieser Besuche oft die gesamte Woche, ich aber bekam schreckliche Krämpfe in den Beinen.

Die Besuche ärgerten Akin, und er hätte seinen Verwandten gern gesagt, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, was ich aber nicht zuließ. Die endlosen Gespräche bescherten mir zwar Krämpfe in den Beinen, gaben mir aber immerhin das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Bis zu diesem Nachmittag war seit meiner Hochzeit noch keiner aus meiner Familie zu so einem Besuch vorbeigekommen.

Als ich die Treppen nach oben stieg, wusste ich, dass Iya Marthas Anwesenheit bedeutete, dass eine neue Stufe erreicht war. Ich brauchte ihren Rat nicht. Es ging uns gut ohne die Dinge, die sie uns zu sagen hatten. Ich wollte Baba Lolas brüchige und zwischen heftigen Hustenanfällen hervorgepresste Stimme nicht hören und auch keinen weiteren Blick auf Iya Marthas Zähne werfen müssen.

Ich glaubte, dass ich das alles ohnehin schon gehört hatte, und war mir sicher, mein Mann würde es genauso sehen. Es überraschte mich, Akin wach anzutreffen. Er arbeitete an sechs Tagen der Woche und verschlief die Sonntage meist. Als ich aber hereinkam, ging er im Zimmer auf und ab.

„Wusstest du, dass sie heute kommen würden?“ Ich suchte nach der vertrauten Mischung aus Abscheu und Wut, die sonst immer auf seinem Gesicht lag, wenn uns einer dieser Sondertrupps besuchte.

„Sind sie da?“ Er blieb stehen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Keine Abscheu, keine Wut. Mit einem Mal wurde es stickig im Zimmer.

„Du wusstest, dass sie kommen würden? Und hast mir nichts gesagt?“

„Lass uns einfach nach unten gehen“, sagte er und verließ den Raum.

„Akin, was passiert hier? Was geht hier vor sich?“, rief ich ihm nach.

Ich setzte mich aufs Bett, stützte den Kopf in die Hände und versuchte zu atmen. So saß ich da, bis Akin nach mir rief. Da ging ich nach unten zu ihm ins Wohnzimmer. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen, kein großes, bei dem man die Zähne sah, sondern ein kleines, bei dem es die Mundwinkel leicht nach oben zog. Ein Lächeln, das sagte: Auch wenn ihr alten Leute nichts, aber auch gar nichts über meine Ehe wisst, bin ich bereit, wenn auch nicht begeistert, mir anzuhören, was ihr mir Wichtiges zu sagen habt. Ich bin schließlich eine gute Ehefrau.

Ich bemerkte sie nicht gleich, obwohl sie auf der Kante von Iya Marthas Sessel saß. Sie war schön, hellgelb wie das Innere einer noch unreifen Mango. Sie hatte sich die schmalen Lippen blutrot geschminkt.

Ich drückte mich an meinen Mann. Sein Körper war steif, und er nahm mich weder in den Arm, noch zog er mich an sich. Ich versuchte herauszufinden, wo die gelbe Frau plötzlich hergekommen war, und fragte mich kurz völlig wirr, ob Iya Martha sie beim Eintreten unter ihrem Wrapper versteckt gehalten hatte.

„Frau, unser Volk sagt, wenn ein Mann etwas besitzt und daraus zwei werden, wird er nicht wütend, richtig?“, sagte Baba Lola.

Ich nickte und lächelte.

„Nun, Frau, das ist die neue Ehefrau. Ein Kind ruft das andere in die Welt. Wer weiß, vielleicht hilft dir diese Frau, dass Gott deine Gebete erhört. Wenn sie erst einmal schwanger ist und ein Kind bekommt, wirst auch du eins bekommen, da sind wir sicher“, sagte Baba Lola.

Iya Martha nickte. „Yejide, mein Kind, wir haben lange nachgedacht und viele Nächte darüber geschlafen, die Familie deines Mannes und ich. Und auch deine anderen Mütter.“

Ich schloss die Augen. Gleich würde ich aus diesem Albtraum erwachen. Als ich die Augen öffnete, war die mangogelbe Frau noch immer da, verschwommen zwar, aber da. Ich war wie betäubt.

Ich hatte erwartet, dass sie über meine Kinderlosigkeit sprechen würden. Hatte mich mit millionenfachem Lächeln gewappnet: dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert. Ich hatte jedes Lächeln parat und war bereit, mir anzuhören, dass ich etwas tun müsse. Ich erwartete, dass man mir von einem weiteren Pfarrer erzählen würde, den ich um Rat fragen solle; von einem weiteren Berg oder einer weiteren Stadt, die ich aufsuchen könne. Ich war gewappnet mit Mund, Augen und Nase: mit jedem dieser Lächeln, dem Tränenschleier und dem Schniefen. Ich war darauf vorbereitet, meinen Salon in der kommenden Woche zu schließen und mich mit meiner Schwiegermutter im Schlepptau auf die Suche nach einem Wunder zu machen. Was ich nicht erwartet hatte, war eine andere Frau, die lächelnd vor mir saß, eine gelbe Frau mit blutroten Lippen, die grinste wie eine frischgebackene Braut.

Wäre doch meine Schwiegermutter da. Sie war die einzige Frau, die ich je Moomi genannt hatte. Ich besuchte sie häufiger als ihr eigener Sohn. Sie hatte zugesehen, wie meine frisch gelegte Dauerwelle in der Strömung eines Flusses von einem Priester ruiniert wurde, der davon überzeugt war, dass mich meine Mutter verflucht haben musste, bevor sie kurz nach meiner Geburt starb. Moomi war bei mir, als ich drei Tage lang auf einer Gebetsmatte saß und, ohne ein Wort zu verstehen, den immer selben Spruch aufsagte, bis ich am dritten Tag umkippte und abbrach, was als siebentägiges Wachfasten angedacht war.

Während ich mich in einem Krankensaal des Wesley Guild Hospital erholte, hielt sie meine Hand und sagte, ich solle für Kraft beten. Das Leben einer guten Mutter sei hart; eine Frau könne eine schlechte Ehefrau sein, nicht aber eine schlechte Mutter. Moomi sagte, ehe ich Gott um ein Kind bitten könne, müsse ich ihn erst bitten, dass er mir die Fähigkeit schenkt, Leid zu ertragen. Sie sagte, ich sei noch nicht bereit, Mutter zu werden, wenn ich nach einem dreitägigen Fasten in Ohnmacht fiele.

Mir wurde klar, dass sie am dritten Tag wahrscheinlich nicht in Ohnmacht gefallen war, weil sie diese Art des Fastens schon oft auf sich genommen hatte, um Gott im Namen ihrer Kinder zu besänftigen. Die Furchen um Moomis Augen und Mund bekamen plötzlich etwas Unheimliches und schienen auf mehr hinzuweisen als bloß ihr hohes Alter. Ich war zerrissen. Ich wollte sein, was ich nie gehabt hatte. Ich wollte Mutter sein und wollte, dass meine Augen vor kleinen Freuden und Weisheit leuchteten wie Moomis. Doch ihr vieles Gerede über Leid machte mir Angst.

„Sie ist nicht annähernd dein Alter“, sagte Iya Martha und beugte sich vor. „Denn sie schätzen dich, Yejide, die Familie deines Mannes weiß um deinen Wert. Sie erkennen an, dass du deinem Mann eine gute Ehefrau bist.“

Baba Lola räusperte sich. „Yejide, ich möchte dich preisen. Ich möchte dir danken, dass du all diese Mühen auf dich nimmst, damit unser Sohn ein Kind hinterlässt, wenn er stirbt. Darum wissen wir auch, dass du seine neue Frau nicht als Rivalin betrachten wirst. Sie heißt Funmilayo, und wir wissen und vertrauen darauf, dass du sie annimmst wie eine jüngere Schwester.“

„Eine Freundin“, sagte Iya Martha.

„Eine Tochter“, sagte Baba Lola.

Iya Martha stieß Funmi in die Seite. „Oya, los, begrüße deine iyale.“

Ich zuckte zusammen, als Iya Martha mich als iyale bezeichnete. Das Wort dröhnte in meinem Ohr: iyale – erste Frau. Es war ein Urteilsspruch, der besagte, dass ich nicht Frau genug war für meinen Mann.

Funmi setzte sich neben mich aufs Sofa.

Baba Lola schüttelte den Kopf. „Funmi, knie dich hin. Der Zug, der sich vor zwanzig Jahren in Gang gesetzt hat, wird das Land immer vor dir erreichen. Yejide ist dir in diesem Haus in allem voraus.“

Funmi kniete sich hin, legte mir die Hände auf die Knie und lächelte. Es juckte mich in den Fingern, ihr das Lächeln aus dem Gesicht zu schlagen.

Ich schaute zu Akin und hoffte irgendwie, dass er nicht Teil dieses Hinterhalts war. Still flehend hielt er meinen Blick. Mein ohnehin gequältes Lächeln erstarb. Zorn legte sich mit siedend heißen Händen um mein Herz. Es pochte in meinem Kopf, direkt zwischen den Augen.

„Du wusstest davon, Akin?“ Ich sprach Englisch und schloss die beiden Ältesten aus, die nur Yoruba sprachen.

Akin sagte nichts; er kratzte sich mit dem Zeigefinger am Nasenrücken.

Ich suchte den Raum nach etwas ab, das ich fixieren konnte. Die weißen Tüllgardinen mit der blauen Borte, das graue Sofa, den dazu passenden Teppich mit dem Kaffeefleck, den ich seit über einem Jahr herauszukriegen versuchte. Der Fleck war nicht in der Mitte, darum konnte man ihn nicht mit dem Tisch verdecken, und er war nicht am Rand, darum konnte man ihn nicht unter den Sesseln verbergen. Funmi trug ein beiges Kleid, ganz die Farbe des Kaffeeflecks, ganz der Ton meiner Bluse. Sie umfasste meine nackten Beine direkt unterhalb der Knie. Ich schaffte es nicht, den Blick über ihre Hände und die langen wogenden Ärmel ihres Kleides hinwegzuheben. Ich konnte ihr nicht ins Gesicht sehen.

„Yejide, zieh sie an dich.“

Ich war nicht sicher, von wem das kam. Mein Kopf fühlte sich heiß an, heizte sich auf, war kurz vor dem Siedepunkt. Jeder hätte diese Worte gesagt haben können – Iya Martha, Baba Lola, Gott. Es war mir egal.

Ich wandte mich wieder an meinen Mann. „Akin, hast du davon gewusst? Hast du davon gewusst und mir nichts gesagt? Ob du es gewusst hast, will ich wissen. Du verdammter Dreckskerl. Nach allem, was war. Du elender Mistkerl!“

Akin packte meine Hand, bevor ich ihn treffen konnte.

Es war nicht die Empörung in Iya Marthas Aufschrei, die mich zum Schweigen brachte. Es war die Zärtlichkeit, mit der Akin mir über die Handfläche strich.

Ich schaute weg.

„Was sagt sie?“, wollte Baba Lola von der neuen Frau übersetzt haben.

„Yejide, bitte.“ Akin drückte fest meine Hand.

„Sie sagt, er ist ein Dreckskerl“, antwortete Funmi leise, als wäre dieses Wort zu heiß und schwer für ihren Mund.

Iya Martha schrie und schlug sich die Hände vors Gesicht. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Ich wusste, dass sie innerlich triumphierte. Sie würde den anderen Frauen meines Vaters noch wochenlang erzählen, was sie gesehen hatte.

„Du darfst deinen Mann nicht beleidigen, mein Kind. Ganz gleich, wie die Dinge liegen, er ist immer noch dein Mann. Was soll er denn noch für dich tun? Hat er nicht deinetwegen eine Wohnung für Funmi gemietet, obwohl er hier eine große Doppelhaushälfte hat?“ Iya Martha machte eine ausladende Geste und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, um ihre Anspielung auf das Haus, für das ich jeden Monat die Hälfte der Miete zahlte, zu unterstreichen. „Yejide! Du musst deinem Mann dankbar sein.“

Iya Martha hatte aufgehört zu reden, aber ihr Mund stand noch immer offen. Wenn man zu dicht an sie herankam, schlug einem der unerträgliche Geruch nach altem Urin entgegen. Baba Lola hatte sich in sichere Entfernung zu ihr gesetzt.

Ich wusste, man erwartete jetzt von mir, dass ich niederkniete, den Kopf senkte wie ein kleines Schulmädchen und sagte, dass es mir leidtäte, meinen Mann und damit auch seine Mutter beleidigt zu haben. Sie hätten meine Entschuldigung akzeptiert – ich hätte sagen können, dass der Teufel schuld sei oder das Wetter oder dass meine neuen Braids zu fest seien und mir Kopfschmerzen bescherten, dass mich nur das dazu getrieben hätte, meinen Mann in ihrem Beisein respektlos zu behandeln. Mein Körper war so verkrampft wie eine Arthrosehand, und ich brachte ihn einfach nicht dazu, bestimmte Formen anzunehmen, die er nicht annehmen wollte. Zum ersten Mal überging ich den Unmut eines angeheirateten Familienmitglieds und erhob mich, obwohl man erwartete, dass ich mich hinkniete. Ich fühlte mich sicherer, als ich mich zu voller Größe aufrichtete.

„Ich kümmere mich jetzt um das Essen“, sagte ich und weigerte mich, sie erneut zu fragen, was sie zu essen wünschten. Jetzt, da sie Funmi vorgestellt hatten, war es für Baba Lola und Iya Martha vertretbar, etwas zu essen. Ich war nicht in der Lage, jedem von ihnen ein anderes Gericht zu kochen, also setzte ich ihnen vor, was ich wollte. Sie bekamen Bohneneintopf. Ich mischte die drei Tage alten Bohnen, die ich hatte wegschmeißen wollen, in die frisch gekochte Suppe. Obwohl ich mir sicher war, dass sie die säuerliche Note bemerken würden, vertraute ich darauf, dass Baba Lolas Schuldgefühl, das er mit der Wut über mein unsägliches Verhalten zu überspielen suchte, und Iya Marthas Schadenfreude, die sie hinter der vorgetäuschten Betroffenheit versteckte, ihnen das Essen hineinzwingen würde. Damit das Essen auch wirklich ihren Rachen hinunterfand, ging ich entschuldigend vor beiden in die Knie. Iya Martha lächelte und sagte, sie hätte sich geweigert, etwas zu essen, wenn ich mich noch länger wie ein Straßenkind aufgeführt hätte. Ich entschuldigte mich gleich noch einmal und umarmte sicherheitshalber auch die gelbe Frau; sie roch nach Kokosnussöl und Vanille. Ich nippte an einer Flasche Malt, während ich ihnen beim Essen zusah, und war enttäuscht, dass Akin das Essen verweigerte.

Als sie sich beklagten, dass ihnen frisch gestampfter Yam mit Gemüseeintopf und getrocknetem Fisch lieber gewesen wäre, ignorierte ich Akins Blick. An jedem anderen Tag wäre ich zurück in die Küche gegangen und hätte Yam gestampft, aber an diesem Nachmittag hätte ich am liebsten gesagt, stampft euch euren Yam doch selber, wenn ihr unbedingt welchen wollt. Ich schluckte sie hinunter, die Worte, die mir den Hals verbrannten, und sagte, ich könne keinen Yam stampfen, weil ich mir am Tag zuvor die Hand verstaucht hätte.

„Aber davon hast du vorhin gar nichts gesagt“, warf Iya Martha ein und kratzte sich am Kinn. „Du hast selbst angeboten, uns frischen Yam zu machen.“

„Sie muss die Stauchung vergessen haben. Gestern hatte sie wirklich starke Schmerzen. Ich habe sogar überlegt, sie ins Krankenhaus zu fahren“, sagte Akin und stärkte mir bei dieser ausgemachten Lüge den Rücken.

Sie schaufelten sich die Bohnen in den Mund wie hungrige Kinder und rieten mir, die Hand im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Nur Funmi verzog nach dem ersten Löffel den Mund und schaute misstrauisch zu mir rüber. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte breit und rot.

Nachdem ich die leeren Teller abgeräumt hatte, erklärte Baba Lola, dass er nicht sicher gewesen sei, wie lange der Besuch dauern würde, weshalb er den Taxifahrer nicht gebeten habe, sie wieder abzuholen. Er ging wie die meisten Verwandten davon aus, dass Akin sich schon darum kümmern würde, dass sie zurückkamen.

Bald war es Zeit, dass Akin alle nach Hause brachte. Als ich sie zu seinem Wagen begleitete, spielte er mit dem Schlüssel in der Hosentasche und fragte, ob alle mit der von ihm geplanten Route einverstanden seien. Als Erstes würde er Baba Lola auf der Ilaje Street absetzen und dann Iya Martha bis nach Ife fahren. Wo Funmi wohnte, erwähnte er nicht. Nachdem Iya Martha sagte, dass die von meinem Mann gewählte Route die beste Lösung sei, schloss Akin die Wagentüren auf und setzte sich hinters Steuer.

Ich unterdrückte den Impuls, Funmi ihre jheri-Locken rauszuziehen, als sie sich neben meinem Mann auf den Beifahrersitz gleiten ließ und mein kleines Kissen, das dort immer lag, auf den Boden schob. Ich ballte die Faust, als Akin davonfuhr und mich allein in der von ihm aufgewirbelten Staubwolke zurückließ.

*

„Was zum Teufel hast du ihnen da vorgesetzt?“, schrie Akin.

„Willkommen zurück, lieber Bräutigam.“ Ich hatte gerade mein Abendessen beendet, nahm die Teller und ging in die Küche.

„Ist dir klar, dass sie jetzt alle Durchfall haben? Ich musste neben einem Busch halten, um sie scheißen zu lassen. Einem Busch!“, sagte er und folgte mir in die Küche.

„Ja, und? Haben deine Verwandten zu Hause etwa Toiletten? Scheißen sie nicht auch sonst in Büsche und auf Misthaufen?“, schrie ich und knallte die Teller ins Spülbecken. Auf das Geräusch von splitterndem Porzellan folgte Stille. Einer der Teller war in der Mitte zerbrochen. Ich fuhr mit dem Finger über die Bruchstelle. Spürte, wie es mir die Haut aufschnitt. Blut tropfte auf den Riss zwischen den Hälften.

„Yejide, versteh doch. Du weißt, ich will dir nicht wehtun“, sagte er.

„Welche Sprache soll das sein? Hausa oder Chinesisch? Ich kann dich nicht verstehen. Sprich endlich eine Sprache, die ich verstehe, Mr Bräutigam.“

„Nenn mich nicht so.“

„Ich nenne dich, wie ich will. Immerhin bist du noch mein Mann. Ach, aber vielleicht bist du ja nicht mehr lange mein Mann. Habe ich die Neuigkeit auch verpasst? Sollte ich das Radio einschalten, oder bringen sie es im Fernsehen? Steht es in der Zeitung?“ Ich schmiss den zerbrochenen Teller in den Mülleimer neben der Spüle. Dann drehte ich mich wieder zu ihm um.

Seine Stirn glänzte, Schweißperlen liefen ihm die Wangen hinab bis zum Kinn. Er trommelte mit dem Fuß zu einem wütenden Beat in seinem Kopf. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich in demselben Rhythmus, als er die Kiefer fest aufeinanderpresste und wieder lockerte. „Du hast mich vor meinem Onkel einen Dreckskerl genannt. Du hast mich gedemütigt.“

Die Wut in seiner Stimme erschütterte mich, brachte mich auf. Ich hatte geglaubt, das Beben seines Körpers würde heißen, er sei nervös – so wie sonst immer. Ich hatte gehofft, es würde bedeuten, dass es ihm leidtue und er Schuldgefühle habe. „Du bringst mir eine neue Ehefrau ins Haus und bist dann wütend? Wann hast du sie geheiratet? Letztes Jahr? Letzten Monat? Wann wolltest du mir davon erzählen? Hm? Du elender –“

„Kein Wort, Frau, kein Wort. Was du brauchst, ist ein Schloss vor dem Mund.“

„Tja, da ich das nicht habe, sage ich es, du elender –“

Er hielt mir den Mund zu. „Okay, es tut mir leid. Ich war in einer schwierigen Situation. Du weißt, ich betrüge dich nicht, Yejide. Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich kann es nicht. Das verspreche ich dir.“ Er lachte. Es klang gebrochen und kläglich.

Ich schob seine Hand weg. Er hielt meine Hand fest und presste dann beide aufeinander. Ich hätte am liebsten geweint.

„Du hast eine andere Frau, du hast einen Brautpreis für sie bezahlt und bist vor ihrer Familie auf die Knie gefallen. Du betrügst mich längst.“

Er legte meine Hand auf sein Herz; es klopfte schnell. „Das hier betrügt dich nicht; ich habe keine neue Frau. Vertrau mir, es ist nur zu unserem Besten. Meine Mutter wird aufhören, dich wegen eines Kindes unter Druck zu setzen“, sagte er leise.

„Ich glaube dir kein Wort.“ Ich riss mich los und ging aus der Küche.

„Falls du dich dadurch besser fühlst, Funmi hat es nicht schnell genug in die Büsche geschafft. Sie hat sich aufs Kleid gemacht.“

Ich fühlte mich nicht besser. Würde mich noch sehr lange nicht besser fühlen. Schon jetzt fing ich an, mir zu entgleiten, so wie einem ein in Eile umgebundenes Tuch zu Boden gleitet, ohne dass man es merkt.

 

3

Yejide wurde an einem Samstag erschaffen, als Gott genug Zeit hatte, ihren Körper in der Farbe von Ebenholz zu malen. Kein Zweifel. Das vollendete Werk ist der lebende Beweis.

Als ich sie das erste Mal sah, wollte ich die Hand auf ihr jeansumspanntes Knie legen und sagen: „Ich bin Akin Ajayi, und ich werde dich heiraten.“

Sie war elegant, ohne dass sie sich dafür hätte anstrengen müssen. Das einzige Mädchen in der ganzen Reihe, das nicht wie ein Schluck Wasser in ihrem Sitz hing. Sie hatte das Kinn leicht gehoben, lümmelte nicht seitlich abgeknickt auf einer der orangefarbenen Armlehnen. Sie saß aufrecht, hatte die Schultern gestrafft und hielt die Hände verschränkt vor dem nackten Bauch. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir nicht schon in der Schlange vor der Kasse aufgefallen war.

Ein paar Minuten bevor das Licht ausging, schaute sie nach links; unsere Blicke trafen sich. Anders als erwartet, sah sie nicht weg, und ich richtete mich auf unter ihrem Blick. Sie taxierte mich, musterte mich von Kopf bis Fuß. Es reichte mir nicht, dass sie mich anlächelte, bevor sie sich der Leinwand zudrehte. Ich wollte mehr.

Sie schien sich ihrer Wirkung nicht bewusst zu sein. Schien gar nicht zu merken, dass ich sie völlig verzaubert anstarrte und überlegte, wie ich sie dazu bringen könnte, mit mir auszugehen.

Leider gelang es mir nicht sofort, sie anzusprechen. Als ich endlich die richtigen Worte gefunden hatte, ging das Licht aus. Und zwischen Yejide und mir saß das Mädchen, mit dem ich damals zusammen war.

Ich machte noch am selben Abend mit ihr Schluss, gleich nach dem Film. Ich sagte es ihr noch im Foyer der Oduduwa Hall in Ife, während sich die Leute, die schon ihre Plätze einnehmen wollten, an uns vorbeidrängten.

„Bitte geh zurück ins Wohnheim. Wir sehen uns morgen“, sagte ich und verschränkte die Hände zu einer entschuldigenden Geste, obwohl es mir nicht leidtat, mir nie leidtun würde, und ließ sie mit leicht offenem Mund da stehen.

Dann kämpfte ich mich durch die Menge, suchte nach der schönen Frau mit den Bluejeans, den Plateausandalen und dem bauchfreien weißen T-Shirt, und fand sie. Yejide und ich heirateten noch vor Jahresende.

Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.

Von Liebe wollte nach vier Jahren keiner mehr etwas hören. Meine Mutter jedenfalls nicht. Sie sprach von meiner Verantwortung als erstgeborenem Sohn. Erinnerte mich an die neun Monate, in denen ich nur die Welt in ihrem Leib gekannt hatte. Sie betonte, wie schwer besonders die letzten drei Monate für sie gewesen waren. Wie unmöglich es gewesen sei, im Bett noch eine bequeme Position zu finden, und wie sie die Nächte deshalb in einem Polstersessel verbracht hatte.

Moomi kam schon bald auf meinen Halbbruder Juwon zu sprechen, den Erstgeborenen der zweiten Frau meines Vaters. Moomi hatte ihn seit Jahren nicht mehr als Beispiel angeführt. Als ich jünger war, hatte sie ständig von ihm geredet. Juwon kommt nie mit schmutziger Uniform nach Hause; warum ist dein Hemd schmutzig? Juwon hat noch nie seine Schulsandalen verloren; das ist das dritte Paar, das du in diesem Halbjahr verloren hast. Juwon ist immer um drei zu Hause; wo treibst du dich nach der Schule herum? Warum bringt Juwon lauter Preise nach Hause, und du nicht? Du bist der erste Sohn in dieser Familie, weißt du, was das heißt? Weißt du eigentlich, was das heißt? Willst du, dass er deinen Platz einnimmt?

Sie hörte auf, von Juwon zu reden, als er sich nach der Sekundarstufe für einen Handwerksberuf entschied, weil seine Mutter sich die Studiengebühren nicht leisten konnte. Wahrscheinlich hatte Moomi das Gefühl, dass sich ein Junge, der eine Ausbildung zum Zimmermann machte, nie im Leben mit ihren studierten Kindern würde messen können. Sie hatte jahrelang nicht über Juwon gesprochen und schien das Interesse an seinem Leben verloren zu haben, bis sie von mir verlangte, eine andere Frau zu heiraten. Da erzählte sie mir – als hätte ich das nicht längst gewusst –, Juwon habe schon vier Kinder, und zwar lauter Jungen. Diesmal beließ sie es nicht bei Juwon, sondern erinnerte mich daran, dass alle meine Halbbrüder inzwischen Kinder hatten.

Als Yejide und ich im zweiten Jahr unserer Ehe waren, fing meine Mutter an, jeden ersten Montag im Monat zu mir ins Büro zu kommen. Sie kam nicht allein. Jedes Mal brachte sie eine neue Frau mit, eine potenzielle Ehefrau. Sie ließ nie einen Montag aus. Nicht einmal, wenn sie krank war. Wir hatten eine Vereinbarung: Solange ich zuließ, dass sie mit diesen Frauen in mein Büro kam, würde sie Yejide nie in Verlegenheit bringen, indem sie mit einer ihrer Kandidatinnen bei uns zu Hause auftauchte; sie würde Yejide gegenüber nie ein Wort sagen.

Als meine Mutter drohte, von nun an jede Woche mit einer neuen Frau bei Yejide aufzukreuzen, wenn ich nicht innerhalb eines Monats eine auswählte, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich wusste, meine Mutter war nicht der Typ für leere Drohungen und Yejide war dieser Art von Druck nicht gewachsen. Sie wäre daran zerbrochen. Von all den Mädchen, die meine Mutter mir in meinem Büro vorführte, war Funmi die Einzige, die nicht darauf bestand, bei Yejide und mir einzuziehen. Funmi war die naheliegende Wahl, weil sie nicht viel von mir verlangte. Jedenfalls nicht am Anfang.

Sie war ein leichter Kompromiss. Sie akzeptierte eine Wohnung kilometerweit von Yejide und mir entfernt. Bat mich nur um ein gemeinsames Wochenende pro Monat und um eine angemessene Unterstützung. Sie war damit einverstanden, dass sie mich nie zu Partys oder öffentlichen Anlässen begleiten würde.

Nachdem ich eingewilligt hatte, Funmi zu heiraten, sah ich sie monatelang kein einziges Mal. Ich sagte ihr, dass ich beruflich viel zu tun hätte und sie eine Weile nicht besuchen könne. Jemand musste ihr den „Eine geduldige Ehefrau erobert am Ende das Herz ihres Ehemanns“-Spruch ans Herz gelegt haben. Sie diskutierte nicht mit mir; sie wartete einfach, bis ich mich damit abgefunden hätte, dass sie jetzt ein Teil meines Lebens war.

Mit Yejide war es viel schneller gegangen. Nachdem ich sie kennengelernt hatte, verbrachte ich einen Monat lang jeden Tag zwei Stunden im Auto, um bei ihr zu sein. Ich verließ das Büro um fünf und fuhr die halbe Stunde bis Ife. Es dauerte weitere fünfzehn Minuten, um durch die Stadt bis zum Universitätstor zu gelangen. Meistens betrat ich das Zimmer F101 im Wohnheim Moremi Hall ungefähr eine Stunde nach meiner Abfahrt in Ilesa.

Das machte ich jeden Tag, bis Yejide irgendwann raus auf den Gang kam und die Tür hinter sich schloss, anstatt mich hereinzulassen. Sie sagte, ich solle nie wieder kommen. Sie sagte, sie wolle mich nie wieder sehen. Aber ich gab nicht auf. Elf Tage lang stand ich jeden Tag vor Zimmer F101, lächelte ihre Mitbewohnerinnen an und versuchte sie zu überreden, mich hereinzulassen.

Am zwölften Tag öffnete sie selbst die Tür. Sie kam raus auf den Gang. Wir standen nebeneinander, als ich sie anflehte, mir zu sagen, was ich falsch gemacht hatte. Ein Gemisch verschiedener Gerüche aus der Teeküche und den Toiletten drang zu uns nach draußen.

Es stellte sich heraus, dass das Mädchen, mit dem ich vor Yejide zusammen gewesen war, sie in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, um sie zu bedrohen. Das Mädchen hatte behauptet, wir hätten traditionell geheiratet.

„Ich will keine Polygamie“, sagte Yejide an dem Abend, an dem ich endlich erfuhr, was los war.

Jedes andere Mädchen hätte versucht, mir irgendwie durch die Blume zu sagen, dass sie die einzige Ehefrau sein wolle. Nicht aber Yejide. Sie war direkt. Geradeheraus.

„Ich auch nicht“, sagte ich.

„Hör zu, Akin. Vergessen wir es einfach. Die ganze Sache – uns. Das hier.“

„Sieh mich an. Ich bin nicht verheiratet. Bitte – sieh mich an. Wenn du willst, gehen wir jetzt sofort zu diesem Mädchen und stellen es zur Rede. Dann soll sie uns die Hochzeitsfotos zeigen.“

„Sie heißt Bisade.“

„Ist mir egal.“

Yejide sagte eine Weile kein Wort. Sie lehnte an der Tür und sah zu, wie Leute den Gang entlangkamen und wieder verschwanden.

Ich berührte sie an der Schulter; sie ließ es zu.

„Dann war ich wohl dumm“, sagte sie.

„Eine Entschuldigung wäre schon angebracht“, sagte ich. Ich meinte es nicht so. Unsere Beziehung war noch in einem Stadium, in dem es nicht wichtig war, wer recht hatte und wer nicht. Wir waren noch nicht an dem Punkt, wo die Diskussion darum, wer sich zu entschuldigen hatte, gleich den nächsten Streit auslöste.

„Entschuldige, aber weißt du, die Leute haben alle möglichen … Entschuldige.“ Sie lehnte sich an mich.

„Entschuldigung angenommen.“ Ich grinste, als sie mir unsichtbare Kreise auf den Arm malte.

„Tja, Akin. Jetzt kannst du mir alle deine Geheimnisse verraten, die schmutzigen und die weniger schmutzigen. Vielleicht von einer Frau, die irgendwo deine Kinder …“

Ich hätte ihr manches erzählen können. Ihr sagen sollen. Ich lächelte. „Ich habe ein paar schmutzige Socken und Unterhosen. Und du? Irgendwelche schmutzigen Höschen?“

Sie schüttelte den Kopf.

Endlich sprach ich aus, was mir vom ersten Augenblick an prickelnd auf der Zunge gelegen hatte – oder eine Version davon. Ich sagte: »Yejide Makinde

 


Frauen im Berufsleben: Überlebenstraining im Job

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Gesellschaft viel geändert: Frauen sind zu Präsidenten gekürt worden und Frauen bekleiden wichtige Managerpositionen. Doch gerade in der Tatsache, dass dies noch immer in den Medien als etwas Außergewöhnliches gefeiert wird, liegt die Krux: In einer gleichberechtigten Welt wären diese machterfüllten Ämter bekleidet von Frauen nichts Besonderes.

Blick ins Buch
Die freundliche FeindinDie freundliche Feindin

Weibliche Machtstrategien im Beruf

Mehr Frauen in Führungspositionen - das wollen (fast) alle gern. Oft aber wird dieses Ziel geradezu romantisch verklärt: Frauen seien friedfertiger, kommunikativer, teamfähiger … Ach, ja? Wer je unter den subtilen Grausamkeiten einer Bürokollegin, den Erpressungen einer lächelnden Chefin oder scheinbar aus dem Nichts auftauchenden bösen Gerüchten im Büro gelitten hat, wird anderer Meinung sein. Die Wahrheit ist: Zwar scheuen Frauen häufig die direkte Konfrontation und die offene berufliche Aggression. Aber sie benutzen andere Mittel, um sich unliebsamer Konkurrentinnen im Job zu entledigen. Für die Betroffenen kann das traumatisch werden. Der renommierte Coach Peter Modler erklärt, wie diese Mechanismen (unter denen auch Männer leiden) funktionieren und wie man am wirksamsten dagegen angehen kann.

Einleitung oder: Was zu diesem Buch geführt hat

 

Frauen gegen Frauen

Wenn eine hoch kompetente Frau in einer Führungsposition zu einem Coach wie mir kommt, dann oft deshalb, weil sie mit männlichen Widerständen in der Firma klarkommen muss. Immer diese Rangkämpfe, diese nervenden Revierauftritte, diese kräftezehrenden Rivalitätsspiele!

In den letzten Jahren habe ich es aber auch immer häufiger mit leistungsstarken Frauen zu tun, die mit den männlichen Mitarbeitern oder Vorgesetzten kaum noch ein Problem haben. Stattdessen treffen sie bei der Arbeit auf einen Gegner, mit dem sie zuerst gar nicht gerechnet hatten: andere Frauen nämlich. Die Erfahrungen, die damit verbunden sind, können sehr bitter sein.

Wahrscheinlich ist der Grund dafür eine Entwicklung, die eigentlich zuversichtlich machen könnte. Denn immerhin gibt es mittlerweile tatsächlich eine zunehmende Zahl von Frauen in Führungspositionen. Vielleicht weniger in den Vorständen der deutschen Konzerne. Aber – anders, als das öffentlich vielfach wahrgenommen wird – die sind für wirtschaftliche und politische Veränderungen schon immer weniger bedeutsam gewesen als etwa der Mittelstand. Dort jedoch haben wir schon heute einen Anteil von Frauen in Chefpositionen, von denen Konzerne nur träumen können – mit zunehmender Tendenz.

Da Machtauseinandersetzungen am Arbeitsplatz zur selbstverständlichen Realität gehören, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch unter Frauen zeigt, und nun ist es also so weit. In gewissem Sinne ist es ein Zeichen für eine Normalisierung.

Für die davon Betroffenen ist das allerdings ein schwacher Trost. Aus der Sicht der solche Konflikte erlebenden Frauen ist diese berufliche Aggression nämlich oft ganz besonders schmerzlich. Nicht zuletzt deshalb, weil frau gedacht hatte, gerade von den Menschen aus demselben Kommunikationssystem viel besser verstanden zu werden. Nun stellt sich vielfach heraus, dass eben dieses tatsächlich tiefere Verstehen sogar zu einer Waffe werden kann.

Wenn Männer solche Auseinandersetzungen mitbekommen (falls überhaupt), dann sind ihre Reaktionen oft nur mühsam verdeckte Eingeständnisse eigener Inkompetenz. Ihre vorschnelle Abwertung dieser Muster als „Zickengehabe“ oder „Stutenbissigkeit“ drückt in der Regel nur größtmögliche Hilflosigkeit aus: Keine Ahnung, was da passiert und wie ich mich als Chef oder Kollege dazu verhalten soll!

Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass der gute Umgang mit Geschlechterdifferenzen eine Bedingung für erfolgreiches Wirtschaften ist. In zweien meiner Bücher – Das Arroganz-Prinzip und Die Manipulationsfalle – habe ich detailliert dargestellt, wie sich Frauen in männlich dominierten Arbeitsbereichen behaupten können.

Das Bild wird aber erst komplett, wenn nicht ausgeblendet wird, wie Frauen andere Frauen am Arbeitsplatz behandeln. Und das ist, so anders man es sich auch wünschen würde, nicht immer schön. Als Mann sehe ich dieses System, zugegeben, von außen. Das betrachte ich inzwischen aber eher als Vorteil: Der Blick eines sympathisierenden Beobachters kann ausgesprochen produktiv sein, gerade weil er nicht die dort selbstverständlichen Reflexe teilt.

Im ersten Kapitel beschreibe ich, wie sich berufliche Aggression unter Frauen aufbaut. Eines ihrer Kennzeichen ist, dass sie sich indirekt äußert (und darum anfänglich auch schwer zu erkennen ist). Wenn man aber bei so einer Eskalation zu spät handelt, kann das zu traumatischen Erfahrungen führen.

Anhand vieler Beispiele wird im zweiten Kapitel das handwerkliche „Waffenarsenal“ dargestellt, das in diesem System eingesetzt wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei offiziell demonstrierte Freundlichkeit, die nichts weiter darstellt als eine Maske, hinter der sich heftigste Angriffe verbergen können.

In Kapitel drei beobachte ich eine der Meisterinnen dieser Kampfkünste, nämlich Heidi Klum in ihrer Sendung Germany’s Next Topmodel. Man muss sie nicht mögen, aber man kann viel von ihr lernen.

Kapitel vier betrachtet die Eigenheiten von Ausschlussstrategien in horizontalen Aggressionsmustern – sie können Männer genauso empfindlich treffen wie Frauen. Aber hilflos hinnehmen muss man sie nicht.

Im fünften Kapitel nehme ich eine Berufs- und Lebenswelt unter die Lupe, in der scheinbar alle Ideale horizontaler Kommunikation erfüllt sind: achtsamer Umgang, gewaltfreier Alltag, hohe Kommunikationsdichte, selbstverständliche Rücksichtnahme. Leider heißt das in der Praxis nicht zwangsläufig, dass es funktioniert.

Kapitel sechs stellt entmythologisierende Forschungsergebnisse vor, die alle zum selben Ergebnis kommen: Frauen sind nicht per se aggressionsloser als Männer, und bessere Menschen sind sie sowieso nicht. Allerdings haben weibliche Aggressionsstrategien durchaus ihre Besonderheiten.

Chefinnen haben es manchmal gerade mit Mitarbeiterinnen schwerer als mit Männern. Die Ansprüche an sie sind besonders hoch. Anhand von fünf Best-Practice-Beispielen zeige ich in Kapitel sieben, wie man gut damit umgehen kann.

Wenn Frauen weibliche Aggression am Arbeitsplatz erleben, müssen sie sich selbst schützen. Wie sie ihre eigenen „inneren Bodyguards“ finden, steht im Kapitel acht. Gerade für Frauen in Führungspositionen ist das besonders wichtig.

Männliche Vorgesetzte und Kollegen sind manchmal die Letzten, die mitbekommen, was da im Betrieb unter Frauen läuft. Trotzdem können sie in den Auseinandersetzungen eine wichtige Funktion haben. Die stelle ich in Kapitel neun dar.

Kapitel zehn fasst noch einmal in knapper Form zusammen, wie man angesichts freundlicher Feindinnen nicht nur überleben, sondern ihre Strategien im eigenen Interesse nutzen kann: Wenn man weiß, wie es funktioniert, lässt sich damit arbeiten.

 

Horizontal und vertikal

Ein Hinweis allerdings vorab: Wenn im Folgenden immer wieder scheinbar kategorisch von „Männern“ und „Frauen“ gesprochen wird, ist das eine Vereinfachung. Eigentlich müsste ich von „horizontal Kommunizierenden“ reden und von „vertikal Kommunizierenden“. Diese Begriffe hat eine Frau erfunden, Deborah Tannen, Soziolinguistin an der amerikanischen Georgetown-Universität. Für vertikale Personen sind ihr zufolge zwei Achsen der sozialen Kommunikation extrem wichtig, nämlich a) die Rangordnung in der jeweiligen Gruppe und b) das Territorium, auf dem sie sich aufhalten. Das trifft mehrheitlich auf Männer zu, aber nicht ausschließlich. Auch eine Minderheit von Frauen kommuniziert so. Die beiden Achsen „Rang“ und „Revier“ bestimmen bei vertikalen Vertretern die gesamte Kommunikation am Arbeitsplatz. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Leute nicht inhaltlich werden könnten. Doch, können sie. Aber oft erst dann, wenn die Rang- und Revierfragen geklärt sind.

Demgegenüber bestimmen im horizontalen System ganz andere Achsen den täglichen Umgang miteinander, nämlich a) die Zeichen der Zugehörigkeit und b) das inhaltliche Interesse. Diese beiden Achsen können in einem beruflichen Rahmen ausgesprochene Stärken darstellen. Das horizontale System kann schnell berufsrelevante Beziehungen herstellen, eine einschließende Sprachkultur gegenüber Fremden (inklusive Kunden) entwickeln, rasch eine zufriedenstellende Arbeitsatmosphäre erzeugen und offene Aggression abbauen. Für viele Firmen besonders bedeutsam ist die hohe Geschwindigkeit, mit der es sachlich Probleme lösen kann, gerade weil es Rangfragen eher abgeneigt gegenübersteht.

Das hört sich zunächst nach etwas ausschließlich Positivem an. Aber auch diese beiden Achsen Zugehörigkeit/Inhaltliches Interesse haben ihre Schattenseiten, wie wir sehen werden. Horizontal kommuniziert eine Mehrheit von Frauen und eine Minderheit von Männern. Diejenigen, die sich für mehr Details zum Hintergrund dieser Sprachsysteme interessieren, erlaube ich mir auf meine genannten Vorgängerbücher hinzuweisen.

Beide Systeme haben jedenfalls ihre Schwächen und Stärken, und in einer reflektierten Zusammenarbeit wären sie so etwas wie ein Dream-Team. Wo sie aber unreflektiert aufeinandertreffen, wechselseitige Naivität das Wort führt und ihre Besonderheiten verdrängt werden, kann das tiefe Konflikte hervorrufen. In diesem Buch beschäftige ich mich fast ausschließlich mit dem horizontalen Kommunikationssystem, und ich will es deutlich sagen: Es hat seine herausragenden Stärken – aber ohne Aggressionsverhalten kommt es selbstverständlich nicht aus. Und moralisch besser ist es auch nicht.

Von anderslautenden Idealisierungen hat niemand etwas. Die Ausblendung der unangenehmen Seiten im horizontalen System führt leider nicht dazu, dass Aggressionen von Frauen gegen Frauen am Arbeitsplatz abnehmen, sondern nur dazu, dass darüber nicht laut geredet wird. Natürlich ist das eindeutig eingängigere Thema dasjenige von unterdrückerischen männlichen Chefs oder Kollegen versus ausgebeutete Frauen. Das trifft ja tatsächlich auch immer noch viel zu oft zu. Aber den Blick allein darauf zu beschränken hilft den Frauen, denen währenddessen andere Frauen beruflich das Leben schwer machen, natürlich überhaupt nicht.

Wie immer in meinen Büchern erlaube ich mir den Hinweis, dass in diesem Buch zwar authentische Fälle, nicht aber die tatsächlichen Namen der Beteiligten (auch nicht der Firmen!) verwendet werden. Wenn ein Name auftaucht, der Ihnen bekannt vorkommt, handelt es sich ganz bestimmt nicht um die reale Person. Also bitte keine falschen Zuschreibungen.

Ich danke meinen beiden Töchtern und meinem Freund Ekkehard Pohlmann für ihre kritische Sicht auf alles, was ich schreibe, meiner Mitarbeiterin Anne Kotterer für ihren persönlichen Einsatz gerade bei diesem Buch und den fünf Frauen aus Kapitel sieben, die sich mir für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Vor allem aber danke ich der Frau, mit der ich verheiratet bin: Ohne diese langen Gespräche am Rheinufer hätte ich vieles nicht verstanden.

Peter Modler

 

 

1 Die Stufen der Aggression oder: Wenn Frauen sich gegen Frauen wenden

 

Der Knochenbrecher

Über Aggression unter Frauen reden viele Frauen nicht so gern. Diejenigen, denen ich von meinem Projekt erzählte, waren regelmäßig befremdet darüber, dass sich ein Mann um dieses Thema kümmern wollte. Ausgerechnet! Wenn überhaupt, dann doch zumindest zusammen mit einer Frau! Im Übrigen stieß ich auch auffallend oft auf Zweifel, ob „Aggression“ unter Frauen überhaupt erwähnenswert häufig vorkomme. Klar, unter Männern oder von Männern, das auf jeden Fall, aber wieso bei Frauen?

Die Skepsis hielt meist so lange an, bis ich danach fragte, ob sie in der Pubertät oder etwas früher schon einmal die Erfahrung gemacht hatten, von einer engen Freundin hintergangen worden zu sein. Natürlich hatten sie das! Und wenn wir dann über diese Zeit sprachen, stellte sich sehr oft heraus, dass fast alle sie völlig gegenwärtig im Gedächtnis hatten. Das Gefühl, gerade von einer Person verraten worden zu sein, die man so mochte und der man so viel von sich offengelegt hatte, wurde immer noch heftig empfunden, mit allen Details. Auch wenn dieses Erlebnis schon Jahrzehnte zurücklag.

Nur hatten sie diese Erfahrung eben nicht als Akt der Aggression verstanden. Sie empfanden sie eher als etwas nur Privates, Persönliches, die Enttäuschung einer Beziehung eben, aber irgendwie auch geräuschlos, ohne offene Gewalterfahrung, niemand hatte dabei etwa herumgeschrien. Aber am Ende war das Erlebnis doch offensichtlich derart verletzend gewesen, dass keine der Betroffenen es je vergaß.

Wenn ich erwachsene Männer nach etwas Vergleichbarem aus ihrer Jugend frage, werden zwar auch schwierige und schmerzliche Erfahrungen angesprochen, aber ihr Bezugsrahmen scheint eher eine Gruppe gewesen zu sein, die Kumpel, die Mannschaft, in der man dann die oder jene Rolle hatte. Die Gruppe war jedenfalls deutlich bedeutsamer gewesen als etwa die jahrelange exklusive Freundschaft mit einer einzigen Person.

Schon ein kurzer Blick auf diese biografische Phase macht deutlich, wie unterschiedlich Aggression ausgetragen wird unter Personen aus dem vertikalen System, nämlich direkt, und andererseits Leuten aus dem horizontalen System, nämlich indirekt. Das Werkzeug der Wahl, der Transmissionsriemen der Aggression, ist im horizontalen System nicht zuerst die Hand, der Körper, der zum Schreien verzogene Mund, sondern vor allem die verbale Sprache selbst, oft sogar leise. Die Bibel wusste es natürlich schon lange: „Ein Hieb mit der Peitsche schlägt Striemen, aber ein Hieb mit der Zunge zerbricht Knochen“ (Jesus Sirach 28,17). Striemen sind deutliche Spuren, die jeder sehen kann, und der Verursacher ist leicht ausfindig zu machen. Bei Sprachaktivität – der „Zunge“ – ist das ungleich schwerer. Aber vor allem die macht die Aggressionsmöglichkeiten im horizontalen System aus. Natürlich auch im beruflichen Umfeld – gerade dort.

 

Schluss mit konstruktiv

Die IMBIO GmbH war eine Firma mit einem eigentlich sehr angenehmen Arbeitsklima. Alle Angestellten der Firma waren ebenso wie die Eigentümer von ihrem Konzept überzeugt – Import von Bioprodukten in Kooperation mit den Menschen vor Ort, Unterstützung nachhaltiger Landwirtschaft, sorgsamer Umgang mit Energie beim Transport. Leider befand sich die Firma mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon seit Jahren in einer finanziellen Schieflage. Dass es die Internationale Bioprodukte GmbH (IMBIO) überhaupt noch gab, lag allein daran, dass sie Teil einer Firmengruppe war, wo die Verluste jedes Jahr aufgefangen worden waren.

Doch auch deren Geduld war nun am Ende, und mithilfe eines externen Sanierers sollte die GmbH so rasch wie möglich schwarze Zahlen schreiben. Auch wenn das nicht ohne Härten ginge.

Der Sanierer machte sich ans Werk und erkannte sehr schnell, dass mehrere Frauen genau dieselben Tätigkeiten ausführten, während sich niemand für die Bereiche verantwortlich fühlte, die für die Firma eigentlich viel wichtiger waren. Darum sollte in einem Workshop herausgefunden werden, wer künftig am besten welche Aufgaben abdecken sollte. Es war von vornherein klar, dass es danach bei allen einen veränderten Zuschnitt der Aufgaben geben würde.

Der Workshop lief in einer konstruktiven Atmosphäre ab. Eines der Ergebnisse war, dass eine der Mitarbeiterinnen namens Sandra nun die Funktion einer Teamleiterin bekommen sollte. Da sie als Einzige noch kleine Kinder hatte und auch ihr Mann berufstätig war, meldete sie aber schon während des Workshops ihr Bedürfnis an, wenigstens einen Nachmittag in der Woche freizuhaben. Das sahen alle ein – eine junge Mutter, dafür muss man Verständnis haben.

Aber als es um die konkrete Festlegung der jeweiligen Arbeitszeiten ging, war Schluss damit. Keine einzige der Frauen war bereit, ihre Arbeitszeiten so zu ändern, dass Sandra einen Nachmittag für die Kinder hatte. Es war wie in einem Kindergarten: Wenn den Kolleginnen die Argumente ausgegangen waren, saßen sie nur stumm und bockig da, richteten ihren Blick ins Leere, gaben aber keinen Zentimeter nach. Obwohl jeder im Raum wusste, dass bei allen die Familiensituation nicht so kompliziert war wie bei Sandra. Weder der Sanierer noch die Eigentümer wollten jedoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, darum vertagte man sich und arbeitete weiter am Strukturkonzept. Einer der Eigentümer appellierte ausdrücklich an alle, intern nach einer guten Lösung zu suchen, mit der sie leben konnten.

Spiele mit der MachtSpiele mit der Macht

Wie Frauen sich durchsetzen

„Ich habe es zweimal gesagt. Meinst du, einer hätte zugehört? Und zwei Minuten später sagt Kollege Schröder das Gleiche, und alle sagen: Klasse, Schröder!“ – Welche Frau kennt nicht diese oder ähnliche Situationen? Marion Knaths verrät, was Sie tun müssen, damit Ihnen künftig alle zuhören, und sie zeigt, wie Sie als Frau beim Spiel mit der Macht am besten mitspielen.
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Frauen in Kunst & Wissenschaft: starke Revolutionärinnen ihrer Zeit

Viele Jahrhunderte hinweg galt der Mann als kulturelles Wesen, das die Welt entdeckt und erobert. Frauen als schwaches Geschlecht hingegen nahmen die Rolle hinter dem Herd ein. Doch die Geschichte lehrt, dass sie selbst in Zeiten, in denen Frauen nicht einmal studieren durften, wertvolle Entdeckungen tätigten. Die neuen Erkenntnisse wurden oft als weniger wichtig erachtet und erst Jahrzehnte später beachtet.

Blick ins Buch
Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen

Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff

Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch,gehört zu den „tätigen Modi des Lebendigseins“, und Briefe sind deren herausragende Zeugnisse. Dieser Band versammelt weitgehend unveröffentlichte Briefwechsel der politischen Philosophin mit ihren langjährigen Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil-Mendelsohn und Helen Wolff. Neben den gemeinsamen Projekten prägte die Freundschaften auch, dass alle Frauen die Wirklichkeiten von Emigration und Immigration kannten. Die Briefwechsel führen mitten hinein in Arendts Gedanken- und Arbeitswelt, sie erzählen Privates und Alltägliches aus fünf sehr unterschiedlichen, intensiv gelebten Freundschaften.   Berichtigung: Auf Seite 48 enthält dieses Buch eine falsche Information mit einer in Fußnote 98 angegebenen Quelle, aus der diese nicht entnommen werden kann. Anne und Erich Weil haben sich nicht katholisch-kirchlich trauen lassen. Sie heirateten am 16. Oktober 1934 standesamtlich in Paris und am 23. Oktober nach jüdischem Ritus in Bad Mondorf (Luxemburg). Verlag und Herausgeberinnen bedauern diesen Fehler, der im E-Book bereits korrigiert werden konnte.

Vorwort

 

Es ist ein auffallendes kulturelles Phänomen unserer Zeit, dass zwar der Brief durch die E-Mail ersetzt worden ist, die Publikation von Briefen und Briefwechseln hingegen zugenommen hat. Das Interesse an der Lektüre von Briefen ist dabei nicht nur durch die Nähe zu lebensgeschichtlichen Kontexten zu erklären. Ein weiterer Grund liegt in der Adressierung der Briefe an ein Du in dem dialogischen Raum, den der Brief stiftet und der durch die Erweiterung auf ein drittes Du wie den Leser eine Art zweiter Gegenwart gewinnt. Diese dialogische Dimension ist in den Briefen Hannah Arendts deshalb so präsent, weil sie unbehelligt durch Konventionen nur der freien Einbildungskraft folgt.

Hannah Arendt hat neben ihrem philosophischen und politischen Werk eine so große Anzahl von Briefen hinterlassen, dass man von einem Briefwerk sprechen kann, welches in keiner Weise als zweitrangig abgetan werden sollte. Und zwar nicht nur deshalb, weil die Briefe in vielfältiger Weise Fragen, die Arendt in ihren Büchern und Essays thematisiert hat, aufgreifen und weiterführen, sondern vor allem weil mit jedem Briefwechsel ein ganz eigenes Beziehungsgeflecht entsteht, das im Sinne ihrer Philosophie als „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten“ angesehen werden kann, das nur aus subjektiven Begegnungen, Wahrnehmungen und Urteilen zusammengesetzt ist. Dieses Bezugsgewebe, in dem sich Nähe und Ferne zu bestimmten Konstellationen formen und das man als eine bewohnbare Distanz bezeichnen kann, hat in Arendts philosophischem und politiktheoretischem Denken über das Miteinandersprechen und -handeln einen großen Stellenwert.

Für diejenigen, die „in keinem Besitz verwurzelt sind und darum ihr Milieu gewissermaßen immer mit sich herumtragen oder richtiger darauf angewiesen sind, es immer neu zu produzieren“, die als Emigranten in einem existenziellen Sinn unterwegs sein müssen, wird der Brief zu einem unverzichtbaren Mittel, Zusammenhänge stiften zu können. Diesen Zusammenhängen gibt Arendt den Namen Freundschaft. Die Freundschaft und der Brief zeichnen sich beide durch ihre Beweglichkeit aus, weil es nichts gibt, das ihnen von vornherein Dauer verbürgt. Jeder Brief ist ein neuer Anfang, der erst durch die Antwort entweder bestätigt oder infrage gestellt wird. Die Freundschaft existiert nur so lange, wie man sich ihr zuwendet, und jede Zuwendung muss mit Unwägbarkeiten rechnen. Freundschaft sei kaum noch anders als „auf des Messers Schneide“ zu haben, schrieb Hannah Arendt an ihren langjährigen jüdischen Freund Kurt Blumenfeld in Israel. Dennoch: Wer sich auf diese Unwägbarkeiten einlässt, steht nach Arendt der Realität näher als alle, die sich irgendwelche künstlichen Identitäten anzudichten versuchen. Er kann erfahren, dass sich Freundschaft „wie ein Schal um die Schultern“ legt.

Als wir uns dazu entschlossen, einen Band mit Briefen „Arendt und Freundinnen“ (so der Arbeitstitel) herauszugeben, gab es nur einen veröffentlichten Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und einer Freundin, der Schriftstellerin Mary McCarthy. Dem gegenüber standen zahlreiche veröffentlichte Briefwechsel mit männlichen Briefpartnern: mit den Philosophen Karl Jaspers und Martin Heidegger, mit Arendts Ehemann Heinrich Blücher, mit dem jüdischen Freund Kurt Blumenfeld, mit den Schriftstellern Hermann Broch, Uwe Johnson und Alfred Kazin, mit den jüdischen Gelehrten Gershom Scholem und Walter Benjamin. In den Archiven, denen Arendt ihren Nachlass übereignet hat, der Library of Congress in Washington und dem Literaturarchiv in Marbach, befindet sich aber eine erstaunliche Anzahl Briefe von und an Freundinnen, die nicht so sehr im Licht der Öffentlichkeit gestanden haben. Diese Briefwechsel sind zu einem größeren Anteil auch weniger umfangreich als die bisher publizierten.

Aber im Reich des Privaten gelten andere Maßstäbe. Die Flüchtigkeit eines Briefes ist nicht gleichbedeutend mit Oberflächlichkeit, die Kürze eines Briefwechsels nicht mit mangelndem Interesse. Das Spezifische der Freundschaft zeigt sich hier in plötzlich entstehenden emotionalen Momenten, in denen das einander Zugewandtsein zum Ausdruck gebracht wird, oder in der Kontinuität einer unbefragbaren Selbstverständlichkeit und Verlässlichkeit, mit der das Schreiben und Empfangen von Briefen die Lebenszeit der Freundinnen begleitet hat.

Aufgrund der erhaltenen, meist von Hannah Arendt den Archiven überlassenen Briefe – nur im Fall von Helen Wolff gibt es einen weiteren nennenswerten Archivbestand: die „Helen and Kurt Wolff Papers“ in der Beinecke Library der Yale University – und aufgrund unserer Recherchen können die Geschichten dieser Freundschaften erzählt werden. Zugleich wird der Versuch unternommen, diese Freundschaften in ihrer Bedeutung für jeweils beide Partnerinnen genauer zu bestimmen. Das geschieht in den einführenden Bemerkungen, die den abgedruckten Brieftexten vorangestellt sind.

In den Briefen zwischen Arendt und McCarthy oder auch Jaspers und Blumenfeld gab es gemeinsame Projekte. Mit Jaspers teilte Arendt das Nachdenken über die Philosophie und die Sorge um die politische Entwicklung der BRD, mit Mary McCarthy die diffizilen Erfahrungen im Umgang mit der literarischen und philosophischen Sprache und das politische Engagement in den USA, mit Blumenfeld die jüdischen politischen Erfahrungen. Durch diese Gemeinsamkeiten wurde immer wieder das Interesse aneinander entfacht und das Miteinandersprechen über komplexere Fragen und Antworten vertieft. Persönliche Zuneigung und Ähnlichkeit der Denkart waren so miteinander verwoben, dass sie gleichsam eine innere Energie bildeten, welche die Freundschaft trug und weitertrug.

Auch in den hier ausgewählten Freundschaften mit Annelise (Anne) Weil-Mendelsohn, Hilde Fränkel, Charlotte Beradt, Rose Feitelson und Helene (Helen) Wolff lassen sich gemeinsame Projekte ausmachen. Sie stehen jedoch nicht so im Mittelpunkt, als dass sie die Beziehungen in allen Facetten bestimmt hätten. Beispiele für derartige Projekte waren die Verenglischung von Arendts Texten, woran Rose Feitelson beteiligt war, oder die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche, die Arendt Charlotte Beradt übertragen hatte. Mit Helen Wolff gab es die Zusammenarbeit bei Publikationen des Wolff und später des Verlags Harcourt & Brace.

Daneben lassen sich aber weitere Aspekte nennen, welche die Freundschaften prägten. Mit einer Ausnahme (Rose Feitelson) waren alle Frauen gezwungen, in die Emigration zu gehen oder wie Anne Mendelsohn-Weil in die Illegalität. Sie mussten zumindest zeitweilig ihr bisheriges Leben vollständig aufgeben.

Anne Mendelsohn hatte bei Ernst Cassirer in Philosophie promoviert. Sie emigrierte nach Frankreich, heiratete dort den ehemaligen Studienkollegen und Philosophen Eric Weil. Sie erhielt die französische Staatsbürgerschaft und schloss sich während der deutschen Besatzung der Résistance an. In der Illegalität ging es um das nackte Überleben. Aber auch um die Erfahrung, dass Freiheit in neuen politischen Formen gesichert werden muss. Nach der Befreiung hat sie sich daher beruflich neu orientiert. Sie war von Anbeginn in den Aufbau europäischer Institutionen involviert, nicht nur weil eine philosophische Karriere eher unwahrscheinlich war, sondern weil sie diese Aufgabe unter politischen Gesichtspunkten als außerordentlich wichtig erachtete. Sie blieb aber eine Leserin der Bücher Arendts, die wusste, wie schwierig es ist, sich eigene Wege ins philosophische und politische Denken zu bahnen. Ihr Urteil war daher für Arendt von besonderer Bedeutung, zumal Anne Mendelsohn diejenige war, die Arendt am Beginn ihres Denkwegs einen entscheidenden Impuls vermittelt hatte, als sie ihr in den 1920er-Jahren Rahel Levin Varnhagens Buch des Andenkens schenkte. Dieses Geschenk bildete gleichsam den Höhepunkt und die Besiegelung einer Jugendfreundschaft, die keiner weiteren Gründe bedurfte und trotz aller späteren Entfernungen voneinander bei jedem neuen Zusammentreffen wie ein nur ihnen bekannter Schatz aus dem Verborgenen hervorgeholt werden konnte.

Eine Beziehung von außergewöhnlicher Art ist die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Hilde Fränkel. Sie hatten sich in den 1930er-Jahren in Frankfurt am Main kennengelernt, sich dann aus den Augen verloren und als Emigrantinnen in New York wiedergetroffen. Hilde Fränkel erkrankte 1949 an Krebs. Dass ein Briefwechsel zwischen beiden überhaupt entstehen konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass Arendt 1949 im Auftrag der Organisation Jewish Cultural Reconstruction nach Europa reisen musste und sich dort für etwa drei Monate aufhielt. Ihre Aufgabe galt der Auffindung und Rückführung jüdischer Bücher, Manuskripte und religiöser Gegenstände, die unter der NS-Herrschaft geraubt worden waren. Die Freundinnen haben die Trennung als sehr schmerzhaft empfunden, zumal sich die Krankheit Fränkels bedrohlich zugespitzt hatte. Die Einzigartigkeit des Briefwechsels besteht darin, dass er allein aus dem Empfinden einer wechselseitigen großen Zuneigung geschrieben worden ist und daher zu einer Sprache gefunden hat, in der die Realität des Sterbens und des unwiederbringlichen Abschieds weder verschwiegen noch religiös überhöht werden musste. Was Sprache in dieser Grenzsituation vermag, dafür ist dieser Briefwechsel ein eindrückliches Dokument.

Charlotte Beradt war Journalistin. Sie konnte mit Beginn der Nazi-Diktatur nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Aber auch in den USA hat es lange gedauert, bis sie ihren Beruf wieder aufnehmen konnte. Sie lernte Hannah Arendt erst in den USA über Heinrich Blücher kennen, mit dem sie seit ihrem gemeinsamen politischen Engagement für die KPD befreundet war und mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte. Auch hier sind die Europareisen Arendts, die ab 1949 alle ein bis zwei Jahre stattfanden, die Voraussetzung des Briefwechsels und die Entwicklung einer Ménage à trois, in der sich ein Geflecht wechselseitiger Beziehungen entspannte, die ebenso authentisch wie ambivalent waren und bis zu Blüchers Tod andauerten.

Während Arendts Europa-Aufenthalten hatte Charlotte Beradt die Aufgabe übernommen, Zeitungsausschnitte zu sammeln, die Rezensionen zu Arendts Publikationen enthielten oder Beiträge von politischer Bedeutung aus der New Yorker und weiteren amerikanischen Öffentlichkeit waren. Beradt schickte ebenso an alle Orte, an denen sich Arendt aufhielt, Begrüßungskarten, Zeichen der Verlässlichkeit des amerikanischen Zuhauses, an die Blücher immer wieder zu denken vergaß. In dem Briefwechsel Arendts mit Blücher wurden parallel laufend Grüße von und an Charlotte Beradt übermittelt. Die auf diese Weise zustande kommende Beschäftigung mit Arendts Gedankenwelt lässt sich aus dem Rückblick als Einstieg Beradts in ihren alten Beruf als Journalistin verstehen. Als Arendt ihr 1956 die Übersetzung amerikanisch geschriebener Essays ins Deutsche übertrug, war der Bann gebrochen. Charlotte Beradt nahm Anfang der 1960er-Jahre Kontakt auf zu verschiedenen deutschen Medien, für die sie von da an kontinuierlich Beiträge lieferte.

Rose Feitelson ist neben Anne Weil-Mendelsohn und Charlotte Beradt die dritte jüdische Freundin Arendts. Mit Anne Weil und Charlotte Beradt verband Arendt – ohne dass es ausgesprochen werden musste – das Wissen darum, was es heißt, von heute auf morgen verfolgt zu werden, und was es bedeutet, wenn sich dort, wo früher die vertraute Umwelt war, ein leerer Kreis bildet. Rose Feitelson kannte diese Erfahrung allein aus den Erzählungen ihrer Familie, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland in die USA eingewandert war. Die Welt, in der sie aufwuchs, war so selbstverständlich jüdisch, wie es die drei anderen schon nicht mehr gekannt und gelebt haben. Deshalb war Rose Feitelson für Arendt allein diejenige Freundin, die ihr am Ende ihres Lebens einen Weg zurück zeigen konnte in die Geborgenheit der jüdischen Welt, „to come home“ dort, wo Anfang und Ende sich berühren.

Rose Feitelson hat nach ihrem Collegeabschluss in verschiedenen jüdischen Organisationen gearbeitet. Sie hat maßgebend an der Lektorierung des Englischen in Arendts ersten Publikationen, The Origins of Totalitarianism und The Human Condition, mitgewirkt. Aber ihr Traum, aufgrund dieser Erfahrungen und mit Unterstützung Arendts eine Lektorenstelle zu bekommen, hat sich nicht erfüllt. Sie war darüber hinaus für Arendt eine wichtige Diskussionspartnerin in den New Yorker Debatten der McCarthy-Ära. Angesichts des verwirrenden biografischen Durcheinanders amerikanischer Intellektueller war nicht einfach zu entscheiden, ob der Wandel vom Kommunisten zum Kritiker authentisch war oder nur die Fassade eines Antikommunisten, der als Kalter Krieger Karriere machen wollte. Rose Feitelson kannte sich bestens aus und war für Arendt eine verlässliche Stütze, um zu einem realitätsnahen eigenen Urteil zu kommen. Das politische Urteilen in schwierigen Situationen blieb der gemeinsame Boden, auf dem sie sich immer wieder trafen, auch in der Debatte um Arendts Eichmann-Buch.

Die Freundschaft zwischen Helen Wolff und Hannah Arendt begann mit „business meetings“ vermutlich Mitte der 1940er-Jahre in New York. Am Anfang des ab 1954 erhaltenen Briefwechsels stand ein Eklat. Arendt sollte eine Rezension zu einem Autor des Wolff-Verlags schreiben und lehnte ab. Die daraufhin von Helen Wolff geäußerte Empörung über Arendts Indifferenz war wie ein reinigendes Gewitter, das beide Seiten zu einer direkteren Sprache ohne Vorbehalte befähigte. Die Beziehung zwischen beiden, die erst nach Kurt Wolffs plötzlichem Tod und der Übernahme des Verlags durch Helen Wolff eine eigene Richtung nahm, war von einer eigentümlichen Konventionalität, wie sie von Helen Wolff auf den Punkt gebracht wurde: „Ich wandte mich an sie um geistigen Rat, sie sich an mich um praktischen.“

Dass Konventionalität, die Regeln und Grenzen akzeptiert, durchaus einem Dialog nicht im Wege steht, sondern ihm einen Stil vermittelt, der von beiden Seiten akzeptiert werden kann, zeigt der Briefwechsel. Die gemeinsamen großen Buchprojekte, die Jaspers- und Benjamin-Ausgaben, konnten ohne die im Kulturbetrieb üblichen Selbstdarstellungsrituale und Rechthabereien auf den Weg gebracht werden. Hannah Arendt und Helen Wolff brachten das Kunststück fertig, sich wechselseitig als Weltbürgerinnen anzusprechen, obwohl die Welt mit ihren politischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten in ihrem Briefwechsel vollständig draußen blieb. Sie waren in einer altmodischen Weise Weltbürgerinnen, unabhängige Individuen, die sich allen Tendenzen der Massengesellschaft verweigerten und die zwar um die Unwiederbringlichkeit vergangener Vorstellungen wussten, aber sie deshalb noch lange nicht aufzugeben bereit waren, wie zum Beispiel ihre Vorstellung von Liebe: „Helen, wenn Du und ich einmal tot sind, weiß dann überhaupt noch jemand, was Liebe ist?“

Versucht man den Entwicklungsgang der Gemeinsamkeiten zwischen den Freundinnen, wie sie in den verschiedenen Briefwechseln sichtbar werden, zu einem Bogen zusammenzufügen, wird deutlich, dass zwei Haltungen ihn maßgeblich gestaltet haben: die Fähigkeit, etwas Unvorhersehbares und Neues zu beginnen wie im Briefwechsel mit Hilde Fränkel, und der Sinn für etwas unverlierbar Gegebenes, das allen geschichtlichen Wechselfällen widersteht, wie die Jugendfreundschaft mit Anne Mendelsohn, das Gefühl einer qua Geburt unverlierbaren Zugehörigkeit, wie sie Arendt durch Rose Feitelson nahegebracht wird, oder die verlässlichen Begrüßungskarten Beradts überall in der Fremde, wo Arendt hinkam, sowie das spontane Zusammenstimmen in einer vergangenen Vorstellung von Liebe, die sie mit Helen Wolff teilt.

Das Sicheinmischen in politische Debatten – ob in das Pro und Contra um den Kommunismus in der McCarthy-Ära, um die Banalität des Bösen oder um die Politik in Israel – hatte für die beteiligten Freundinnen die schmerzliche Erfahrung zur Folge, dass zumeist weniger das Verstehen der verschiedenen Positionen den offensichtlichen Sieg davontrug als das gängige Muster des Streits: die „Entscheidungsschlacht“. Mit ihrer Frage: Müssen wir „selbst Drachen gewesen sein, um Drachen zu bekämpfen“, gelang es Arendt jedoch, einen bleibenden Stolperstein in die glatte Bahn der Wiederkehr des Immergleichen einzufügen.

Obwohl sie sich seit 1933 bewusst war, dass man nicht mehr „einfach zusehen kann“, und in vielerlei Hinsicht politisch engagiert handelte, kehrte sie am Ende ihres Lebens zur Nachdenklichkeit zurück, zum Urteilen im einsamen Dialog mit sich selbst. Nicht im Sinne der Apologie des platonischen Philosophen, dem es nur um eines geht: unbehelligt von allen weltlichen Konflikten philosophieren zu können. Aber doch in dem Sinn, dass es verschiedene Existenzweisen gibt, die jeweils ihre Zeit haben.

Diese Einsicht dürfte nicht unbeeinflusst gewesen sein von den Erfahrungen des imaginären Dialogs, der jeder authentischen Philosophie immanent ist, wie auch von der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Individuellen, wie es sich in Briefen zeigt. Mit jedem Brief werden Themen und Dialogformen differenziert, werden Unwägbarkeiten zu Versuchen, herauszufinden, wie der Dialog beginnen kann und wie man sich in ihm bewegt. Je nachdem, an wen der Brief adressiert wird, zeigt die Schreiberin, dass sie antwortet, und jeweils ist das Sprechen anders.

Damit entstehen neue Formen intersubjektiver Geschichtsschreibung, die nur im Medium des Briefs Gestalt annehmen können: die der Vielstimmigkeit. Was als konkrete Erfahrung in einem Brief festgehalten wird, erweitert sich zu einem Mosaik der vielen Erfahrungen und Sprachen. Die Leser und Leserinnen haben die Freiheit, eigene Verbindungen zu knüpfen, und jede Verknüpfung ist bereits ein weiteres Denkfragment. Lesen wird zu einer geformten Anschauung, an der viele beteiligt sind: die Schreibenden, die Freunde, an die die Briefe gerichtet sind, die Leser. Als Räume des Miteinandersprechens verkörpern Briefe und Freundschaften jeweils eine Welt „en miniature“. Sie verweisen aber auch auf größere Einheiten: die Polis, die Räte, die Salons. Denn Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch, ist eine „eminent republikanische Tugend“.

Hannah Arendts hinterlassene Briefe mit Freunden und Freundinnen führen mitten hinein in die Gedankenwelt der politischen Philosophin, aber in ihrer unvoraussehbaren dialogischen Dynamik auch über sie hinaus.

Blick ins Buch
Das Glas-UniversumDas Glas-UniversumDas Glas-Universum

Wie die Frauen die Sterne entdeckten

Es war die Zeit, in der Edison mit seiner elektrischen Glühbirne für Aufsehen sorgte, als Frauen an der amerikanischen Ostküste erstmals die Gestirne erkundeten. Ein Professor der Harvard University engagierte sie Anfang der 1880er-Jahre zunächst als „Computer“ – als Rechnerinnen – am Observatorium. Darunter nicht nur Familienmitglieder von Astronomen, sondern auch Absolventinnen der neuen Frauen-Colleges und begeisterte Sternbeobachterinnen. Und sie leisteten wahrlich Erstaunliches: Die ledige Mutter und ehemalige Haushälterin Williamina Fleming etwa machte durch ihre Berechnungen allein schon an die 300 Sterne ausfindig. Die Pfarrerstochter Antonia Maury entwickelte eine eigene Klassifikation der Planeten, die heute als Grundstein der modernen Astrophysik gelten kann. Doch wenige der Harvard-Frauen fanden später die verdiente Anerkennung auf einer eigenen Forschungsstelle. Dem Wirken der ambitionierten Wissenschaftlerinnen ein Denkmal zu setzen ist daher Dava Sobels Anliegen mit ihrem neuen, spannend erzählten Buch.

Kapitel 1
Mrs Drapers Absicht
Die Stadtvilla der Drapers, die nördlich der Ecke Madison Avenue/40th Street lag, erstrahlte an diesem festlichen Abend des 15. November 1882 im neuen Glanz elektrischen Lichts. Die National Academy of Sciences tagte die Woche über in New York City, und Dr. und Mrs Henry Draper hatten einige ihrer rund vierzig Mitglieder zum Abendessen geladen. Während das vertraute Gaslicht die Fassade des Hauses beleuchtete, strahlten im Innern die neuartigen Glühlampen Edisons, von denen zur Belustigung der Tischgäste einige in Schüsseln schwammen.
Unter den Gästen war Thomas Edison höchstpersönlich. Er hatte die Drapers Jahre zuvor bei einem Campingausflug ins Wyoming-Territorium kennengelernt, wo sie die totale Sonnenfinsternis vom 29. Juli 1878 beobachten wollten. Während dieses denkwürdigen Zwischenspiels mittäglicher Dunkelheit saß Mrs Draper in einem Zelt, in das sie sich zurückgezogen hatte, damit der Anblick des Spektakels sie nicht aus der Fassung bringen und sie womöglich am Zählen hindern würde. Pflichtgemäß rief sie die Sekunden der totalen Finsternis (insgesamt 165) nach draußen, wo Mr Edison und Dr. Draper wie geplant ihre Beobachtungen durchführten.
Zufrieden betrachtete die rothaarige Mrs Draper, eine reiche Erbin und berühmte Gastgeberin, ihren elektrifizierten Salon. Nicht einmal Chester Arthur im Weißen Haus beleuchtete seine Abendgesellschaften mit Elektrizität. Und der Präsident hätte keine eindrucksvollere Versammlung von Koryphäen der Naturwissenschaft aufbieten können. Unter ihnen waren der bekannte Zoologe Alexander Agassiz, der aus Cambridge, Massachusetts, angereist war, und Spencer Baird von der Smithsonian Institution, der sich von Washington auf den Weg gemacht hatte. Mrs Draper machte Whitelaw Reid von der New York Tribune, einen Freund der Familie, mit Asaph Hall bekannt, der wegen seiner Entdeckung der beiden Marsmonde weltberühmt war, außerdem mit dem Sonnenexperten Samuel Langley sowie mit den Direktoren aller bedeutenden Observatorien an der Ostküste. Kein Astronom im Land konnte eine Einladung in das Haus von Henry Draper ausschlagen.
Tatsächlich war es ihr Haus – Anna Palmer Drapers Elternhaus, das ihr verstorbener Vater, der Eisenbahn- und Immobilienmagnat Cortlandt Palmer, erbaut hatte, lange bevor die Gegend hier in Mode gekommen war. Jetzt sorgte sie dafür, dass das Haus genauso perfekt zu Henry passte wie sie selbst; die gesamte dritte Etage war in eine Maschinenwerkstatt umgewandelt worden, und auf dem Dachboden oberhalb des Pferdestalls war nun sein Chemielabor, in das er durch einen überdachten Gang gelangte, der mit dem Wohnhaus verbunden war.
Bevor sie Henry kennenlernte, hatte sie den Sternen kaum mehr Beachtung geschenkt als den Sandkörnern am Strand. Er war derjenige, der sie auf die fein abgestuften Farbtöne und Helligkeitsunterschiede der Gestirne hinwies, während er ihr im Flüsterton von seinem Traum erzählte, der Medizin zugunsten der Astronomie abzuschwören. Wenngleich ihr Interesse anfangs geheuchelt war, um ihm zu gefallen, hatte sie inzwischen ihre eigene Leidenschaft für die Materie entdeckt und sich als ergebene Partnerin sowohl bei der Himmelsbeobachtung als auch in der Ehe erwiesen. Wie viele Nächte hatte sie in Kälte und Dunkelheit neben ihm gekniet und übelriechende Emulsion auf den gläsernen Fotoplatten verteilt, die er für seine handgefertigten Teleskope verwendete?
Ein Blick auf Henrys Teller verriet ihr, dass er nichts von den Speisen des Festmahls angerührt hatte. Er kämpfte mit einer Erkältung, vielleicht sogar einer Lungenentzündung. Als er und seine alten Kameraden von der Unionsarmee vor ein paar Wochen in den Rocky Mountains auf die Jagd gegangen waren, hatte sie ein Blizzard überrascht, der sie oberhalb der Baumgrenze stranden ließ, weit entfernt von der nächsten Schutzhütte. Noch immer steckten der eisige Frost und die Erschöpfung Henry in den Knochen. Er wirkte furchtbar mitgenommen, und aus dem 45-Jährigen schien plötzlich ein alter Mann geworden zu sein. Dennoch plauderte er weiterhin freundlich mit den Gästen und erklärte unermüdlich jedem, der danach fragte, wie er mit seinem gasbetriebenen Dynamo Dauerstrom für die Edison-Lampen erzeugt hatte.
Schon bald würden sie und Henry die Stadt verlassen, um zu ihrem privaten Observatorium in der flussaufwärts gelegenen Ortschaft Hastings-on-Hudson aufzubrechen. Jetzt, wo er endlich seine Professur an der New York University niedergelegt hatte, konnten sie sich seiner bedeutendsten Mission widmen. In ihren fünfzehn gemeinsamen Jahren hatte Anna Palmer Draper miterlebt, wie ihm seine bahnbrechenden Leistungen auf dem Gebiet der Astrofotografie immer wieder vielfältige Auszeichnungen eintrugen – im Jahr 1874 erhielt er die Goldmedaille des Kongresses, er wurde in die National Academy of Sciences gewählt und Mitglied der American Association for the Advancement of Sciences. Was würde die Welt wohl sagen, wenn ihr Henry das scheinbar unlösbare Rätsel um das Innere der Sterne lösen würde?
Nachdem Dr. Draper den Gästen zum Abschluss dieses glanzvollen Abends eine gute Nacht gewünscht hatte, nahm er ein heißes Bad, legte sich ins Bett und stand nicht mehr auf. Fünf Tage später war er tot.

Unter der Vielzahl von Beileidsbekundungen, die Mrs Draper nach dem Begräbnis ihres Ehemanns erreichten, befand sich eine, aus der sich ein Briefwechsel entwickelte, der ihr einen gewissen Trost spendete: Sie führte ihn mit Professor Edward Pickering vom Harvard-College-Observatorium, der als Akademiemitglied am Abend von Henrys Zusammenbruch zu Gast bei den Drapers gewesen war.
„Meine liebe Mrs Draper“, schrieb Pickering am 13. Januar 1883, „Mr Clark [von Alvan Clark & Sons, den hervorragenden Teleskopherstellern] hat mir gesagt, dass Sie sich anschicken, die Arbeit zu vollenden, mit der Dr. Draper beschäftigt war, und mein Interesse an dieser Sache möge meine Entschuldigung dafür sein, dass ich mich diesbezüglich an Sie wende. Ich muss wohl kaum meine Befriedigung darüber zum Ausdruck bringen, dass Sie diesen Schritt tun, da es sich von selbst versteht, dass Sie in keiner anderen Weise seinem Andenken ein so bleibendes Denkmal errichten könnten.“
Tatsächlich war genau das Mrs Drapers Absicht. Sie und Henry hatten keine Kinder, die sein Vermächtnis hätten fortführen können, und so hatte sie sich entschlossen, es ganz allein zu tun.
„Ich bin mir der Schwierigkeit Ihrer Aufgabe voll und ganz bewusst“, fuhr Pickering fort. „Es gibt in diesem Land keinen Astronomen, dessen Arbeit so schwer zu vollenden ist wie die Dr. Drapers. Er besaß diese außergewöhnliche Beharrlichkeit und Geschicklichkeit, die es ihm erlaubten, nach einer Vielzahl fehlgeschlagener Versuche, die jeden anderen entmutigt hätten, doch noch zu Ergebnissen zu kommen.“
Pickering bezog sich damit insbesondere auf Drapers jüngste Fotografien der am hellsten leuchtenden Sterne. Diese rund hundert Aufnahmen waren durch ein Prisma gemacht worden, welches das Sternenlicht in das Spektrum der Farben zerlegte, aus denen es sich zusammensetzte. Obwohl der fotografische Prozess die Regenbogenfarben auf Schwarz und Weiß zurücksetzte, bewahrten die Bilder das verräterische Muster von Linien innerhalb jedes Spektrums – Linien, die auf die Elemente hindeuteten, aus denen die Sterne bestanden. In den Gesprächen, die nach dem Essen bei der November-Gala geführt worden waren, hatte Pickering angeboten, Draper bei der Entschlüsselung der Spektralmuster mithilfe von Spezialmessgeräten aus Harvard zu unterstützen. Doch der Doktor hatte abgelehnt, war er doch überzeugt davon, dass seine neu gewonnene Freiheit von Lehrverpflichtungen an der Universität ihm genügend Zeit verschaffen würde, um einen eigenen Messapparat zu entwickeln. Aber jetzt war mit einem Schlag alles anders, und daher wiederholte Pickering sein Angebot gegenüber Mrs Draper. „Es würde mich sehr freuen, wenn ich etwas im Andenken an einen Freund tun könnte, dessen Talente ich stets bewunderte“, schrieb er.
„Welche endgültigen Regelungen Sie auch immer im Hinblick auf die bedeutende Arbeit, die Sie in Angriff genommen haben, treffen“, schrieb Pickering zum Schluss, „denken Sie bitte daran, dass ich, falls ich Sie in irgendeiner Weise beraten oder Ihnen helfen kann, mich für Dr. Drapers nicht zu ersetzende Freundschaft gern erkenntlich zeigen würde, wenn auch nur in einem sehr bescheidenen Maße.“
Wenige Tage später, am 17. Januar 1883, antwortete Mrs Draper auf Briefpapier mit schwarzem Rand:
„Lieber Professor Pickering,
sehr herzlichen Dank für Ihren freundlichen und aufmunternden Brief. Das Einzige im Leben, was mich jetzt noch interessiert, ist die Fortsetzung von Henrys Arbeit, aber ich fühle mich dieser Aufgabe so wenig gewachsen, dass mich manchmal mein ganzer Mut verlässt – ich verstehe Henrys Pläne und seine Arbeitsweise vielleicht besser als irgendjemand sonst, aber ich könnte ohne einen Assistenten nicht zurechtkommen, und meine größte Schwierigkeit besteht darin, eine Person zu finden, die mit Physik, Chemie und Astronomie so vertraut ist, dass sie die diversen Forschungsprojekte fortführen kann. Wahrscheinlich werde ich sogar zwei Assistenten benötigen, einen für das Observatorium und einen für die Laborarbeit, denn es ist unwahrscheinlich, dass ich eine Person mit ähnlich vielseitigen naturwissenschaftlichen Kenntnissen finden werde, wie sie Henry auszeichneten.“
Sie war bereit, gute Gehälter zu bezahlen, um die bestqualifizierten Männer als Assistenten zu gewinnen. Sie und ihre beiden Brüder hatten die riesigen Liegenschaften ihres Vaters geerbt, und Henry hatte ihren Anteil an dem Erbe überaus einträglich verwaltet.
„Es ist schwer zu ertragen, dass er just zu dem Zeitpunkt von uns gegangen ist, da er all seine Angelegenheiten geregelt hatte, um Zeit für jene Arbeiten zu haben, die ihm wirklich Freude machten und in denen er es wahrscheinlich weit gebracht hätte. Damit kann ich mich in keiner Weise abfinden.“ Sobald es ihr gelingen würde, das Anwesen in Hastings, auf dem sich das Observatorium befand, zu erwerben, würde sie die Arbeiten hoffentlich unter ihrer Anleitung weiterführen können.
Henry hatte die Anlage auf dem Grundstück eines Landsitzes erbaut, der seinem Vater, Dr. John William Draper, gehörte. Dr. Draper senior, der erste Arzt in der Familie, der die Heilkunst mit eigenen chemischen und astronomischen Forschungen verband, war als Witwer im Januar des Vorjahres gestorben. In seinem Testament hatte er das gesamte Anwesen seiner geliebten, unverheiratet gebliebenen Schwester Dorothy Catherine Draper zugesprochen, die in ihrer Jugend eine Mädchenschule gegründet und geleitet hatte, um seine Ausbildung zu finanzieren. Es war noch nicht klar, ob Henrys Witwe in der von ihr gewünschten Weise über das Landgut in Hastings würde verfügen können, um Henrys Labor aus der Madison Avenue dorthin zu verlegen und den Ort in eine Einrichtung der Grundlagenforschung zu verwandeln, das „Henry Draper Astronomical and Physical Observatory“.
„Solange ich es vermag, werde ich die Einrichtung selbst leiten“, schrieb sie Pickering. „Sie erscheint mir als das einzige angemessene Denkmal, das ich für Henry errichten kann, und als die einzige Möglichkeit, seinen Namen und seine Arbeit zu verewigen.“
Zum Schluss bat sie Pickering eindringlich um Rat. „Ich bin in einer so ungewohnten Weise allein in der Welt, dass ich ohne die Gewissheit, dass mich jene Freunde, die sich für Henrys Arbeit interessierten, beraten werden, nichts ausrichten könnte.“
Pickering ermunterte sie, die bisherigen Ergebnisse ihres Mannes zu veröffentlichen, da es möglicherweise lange dauern werde, bis sie in der Lage wäre, diese zu ergänzen. Einmal mehr bot er ihr an, die gläsernen Fotoplatten in dem Vermessungsapparat in Harvard zu untersuchen, wenn sie ihm denn einige davon schicken würde.
Mrs Draper erklärte sich damit einverstanden, hielt es jedoch für das Beste, die Platten persönlich zu überbringen. Es waren kleine Objekte, die jeweils nur etwa 6,45 Quadratzentimeter maßen.
„Es ist gut möglich, dass ich im Lauf der nächsten zehn Tage nach Boston fahren muss, um geschäftliche Angelegenheiten mit einem meiner Brüder zu regeln“, schrieb sie am 25. Januar. „Wenn dem so sein sollte, könnte ich die Negative mitnehmen und für einige Stunden nach Cambridge kommen, wo wir, falls es Ihnen genehm wäre, die Aufnahmen gemeinsam durchsehen könnten, damit Sie sich eine Meinung darüber bilden.“
Wie vereinbart, traf sie am Morgen des 9. Februar, eines Freitags, im Summerhouse Hill oberhalb des Harvard Yard ein. Begleitet wurde sie von George F. Barker von der Universität von Pennsylvania, einem engen Freund und Kollegen ihres Gatten. Barker, der eine Biografie über Henry vorbereitete, war zum Zeitpunkt des Festessens für die Akademiemitglieder Hausgast bei den Drapers gewesen. Er war es auch, der dabei geholfen hatte, den geschwächten Henry aus dem Bad ins Schlafzimmer zu tragen, und anschließend den benachbarten Arzt Dr. Metcalfe verständigte. Dr. Metcalfe diagnostizierte eine doppelseitige Rippenfellentzündung, wenig später eine Herzbeutelentzündung, der Draper am 20. November gegen vier Uhr früh erlag.

Mrs Draper hatte mit ihrem Ehemann Observatorien in Europa und in den USA besucht, aber nun hatte sie seit Monaten keines mehr betreten. Der große Kuppelbau am Harvard-College-Observatorium beherbergte nicht nur mehrere Teleskope, er diente zugleich als Wohnhaus des Direktors. Professor Pickering und seine Ehefrau führten sie in die freundlich eingerichteten Zimmer und gaben ihr das Gefühl, herzlich willkommen zu sein.
Anders als Mrs Draper assistierte Mrs Pickering, geborene Lizzie Wadsworth Sparks, Tochter des ehemaligen Harvard-Präsidenten Jared Sparks, ihrem Gemahl zwar nicht bei seinen Beobachtungen, dafür fungierte sie als temperamentvolle und bezaubernde Gastgeberin der Sternwarte.
Eine übertriebene, aber aufrichtige Höflichkeit kennzeichnete den Führungsstil von Edward Charles Pickering. Wenngleich finanzielle Engpässe des Observatoriums ihm nicht erlaubten, seinen eifrigen jungen Assistenten mehr als kärgliche Löhne zu zahlen, so begegnete er ihnen doch stets mit Respekt und sprach sie mit Mr Wendell oder Mr Cutler an. Er stellte die leitenden Astronomen Professor Rogers und Professor Searle vor und zog mit einer leichten Verneigung andeutungsweise den Hut vor den Ladys – Miss Saunders, Mrs Fleming, Miss Farrar und den übrigen –, die jeden Morgen kamen, um die notwendigen Berechnungen über die nächtlichen Beobachtungen durchzuführen.
Ob es etwa üblich sei, fragte Mrs Draper, Frauen als „Computer“ einzusetzen? Nein, sagte ihr Pickering, soweit er wisse, gebe es diese Gepflogenheit nur in Harvard, wo gegenwärtig sechs Frauen als „Computer“, also wissenschaftliche Rechnerinnen, beschäftigt würden. Auch wenn es ungebührlich erscheinen mochte, wie Pickering einräumte, eine Lady den Strapazen der Teleskop-Beobachtungen auszusetzen, ganz zu schweigen von der Kälte im Winter, konnten Frauen mit Rechentalent im Auswertungsraum eingesetzt werden, wo sie dem Berufsstand alle Ehre machten. Selina Bond beispielsweise war die Tochter des verehrten ersten Direktors des Observatoriums, William Cranch Bond, und außerdem die Schwester seines gleichermaßen verehrten Nachfolgers, George Phillips Bond. Zurzeit war sie Professor William Rogers dabei behilflich, im Rahmen eines weltweiten Projekts der Sternenkartierung unter Federführung der deutschen Astronomischen Gesellschaft die genauen Positionen der vielen tausend Sterne in der dem Harvard-Observatorium zugeteilten Himmelszone zu bestimmen. Professor Rogers verbrachte jede klare Nacht an dem großen Durchgangsinstrument und notierte, wie oft einzelne Sterne die Spinnfäden in dem Okular kreuzten. Weil Luft – auch klare Luft – die Bahnen der Lichtwellen krümmt, mit der Folge, dass sich die scheinbaren Sternörter verschieben, wandte Miss Bond die mathematische Formel an, die Professor Rogers Aufzeichnungen um atmosphärische Effekte bereinigen sollte. Sie benutzte zusätzliche Formeln und Tabellen, um weitere Einflussfaktoren aus den Daten herauszurechnen wie etwa die Bewegung der Erde auf ihrer jährlichen Umlaufbahn, ihre Bewegungsrichtung und die Schwankung ihrer Achse.
Anna Winlock war wie Miss Bond im Observatorium aufgewachsen. Sie war das älteste Kind seines erfinderischen dritten Direktors, Joseph Winlock, Pickerings unmittelbarem Vorgänger. Winlock war im Juni 1875, in der Woche, in der Anna ihren Abschluss an der Cambridge High School machte, an einer plötzlich auftretenden Krankheit verstorben. Kurze Zeit später begann sie als Rechnerin an der Sternwarte zu arbeiten, um ihre Mutter und ihre jüngeren Geschwister zu unterstützen.
Williamina Fleming dagegen konnte keine familiäre oder akademische Verbindung mit dem Observatorium für sich beanspruchen. Sie war im Jahr 1879 als zweites Dienstmädchen für den Wohnbereich des Gebäudes eingestellt worden. Obwohl sie in ihrer schottischen Heimat als Lehrerin unterrichtet hatte, war sie durch ihre Lebenssituation – ihre Heirat mit James Orr Fleming, ihre Einwanderung nach Amerika, das jähe Verschwinden ihres Ehemanns – und durch „andere Umstände“ dazu gezwungen gewesen, sich eine Beschäftigung zu suchen. Nachdem Mrs Pickering die Fähigkeiten der neuen Hausangestellten aufgefallen waren, wies Mr Pickering ihr im anderen Gebäudeflügel die Aufgaben einer Teilzeit-Kopistin und -Rechnerin zu. Doch kaum beherrschte Mrs Fleming ihre Aufgaben im Observatorium, da musste sie wegen der bevorstehenden Geburt ihres Kindes auch schon nach Hause ins schottische Dundee. Nach ihrer Niederkunft blieb sie länger als ein Jahr dort, ehe sie 1881 ihren Sohn Edward der Obhut ihrer Mutter und Großmutter überließ und nach Harvard zurückkehrte.

Keines der Projekte, mit denen man sich im Observatorium befasste, war Mrs Draper vertraut. Anders als Henry, der dank seines Privatvermögens und als Amateur-Astronom die Freiheit hatte, auf dem neuesten Gebiet der Sternfotografie und -spektroskopie seinen eigenen Interessen zu folgen, betrieben die Fachleute hier in Cambridge eher traditionelle Forschung. Sie kartierten den Himmel, beobachteten die Umlaufbahnen von Planeten und Monden, verfolgten und kommunizierten die Bahnen der Kometen und schickten außerdem auf telegrafischem Weg Zeitsignale an die Stadt Boston, an sechs Bahngesellschaften und an zahlreiche Privatfirmen wie die Waltham Watch Company. Die Arbeit verlangte sowohl äußerste Akribie als auch eine große Frustrationstoleranz gegenüber Langeweile.
Als der 31-jährige Pickering am 1. Februar 1877 das Amt des Direktors antrat, bestand seine wichtigste Aufgabe darin, genügend Geld zu beschaffen, um die Zahlungsfähigkeit des Observatoriums sicherzustellen. Das College gewährte ihm keine finanzielle Unterstützung, um Gehälter zu zahlen, Bedarfsgüter zu kaufen oder Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Abgesehen von den Zinsen auf sein Stiftungsvermögen und den Einnahmen aus seinem Dienst der exakten Uhrzeit-Übermittlung war das Observatorium zur Gänze auf private Nachlässe und Spenden angewiesen. Seit dem letzten Spendenaufruf waren zehn Jahre vergangen. Pickering überredete schon bald rund siebzig Astronomie-Liebhaber dazu, Beträge zwischen 50 und 200 Dollar pro Jahr auf fünf Jahre fest zuzusagen, und während diese Spendengelder hereintröpfelten, verkaufte er das gemähte Gras von dem rund 2,5 Hektar großen Observatoriumsgelände mit einem kleinen Gewinn. (Das Heu brachte etwa 30 Dollar pro Jahr ein – genug, um die Kosten von 120 Stunden Rechenzeit abzudecken.)
Der in Beacon Hill geborene und aufgewachsene Pickering bewegte sich mühelos zwischen dem Bostoner Geldadel und den Hörsälen von Harvard. In den zehn Jahren, während deren er an dem neu gegründeten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Physik lehrte, hatte er den Unterricht revolutioniert, indem er ein Labor einrichtete, wo Studenten anhand der von ihm konzipierten Experimente selbstständig zu denken lernten. Damals trieb er seine eigene Forschung voran und erkundete die Natur des Lichts. Außerdem führte er im Jahr 1870 einen von ihm gebauten Apparat vor, der Schall mittels elektrischer Signale übermittelte – einen Apparat, der im Wesentlichen mit demjenigen übereinstimmte, den Alexander Graham Bell perfektionierte und sich sechs Jahre später patentieren ließ. Pickering dachte jedoch nie daran, sich irgendeine seiner Erfindungen patentieren zu lassen, weil er der Meinung war, Naturwissenschaftler sollten Ideen frei miteinander austauschen.
Am Harvard-Observatorium wählte Pickering einen Forschungsschwerpunkt von fundamentaler Bedeutung, der an den meisten anderen Observatorien vernachlässigt worden war: die Fotometrie, also die Messung der Helligkeit einzelner Sterne.
Augenfällige Helligkeitsunterschiede stellten Astronomen vor die Herausforderung, zu erklären, warum manche Sterne heller strahlten als andere. Sie schillerten nicht nur in mannigfaltigen Farben, sondern sie waren augenscheinlich auch verschieden groß, und sie waren außerdem unterschiedlich weit von der Erde entfernt. Die Astronomen der Antike hatten sie auf einem Kontinuum eingeordnet, von den hellsten Sternen „erster Größenklasse“ bis zu den schwächsten Sternen „der Größenklasse 6“, die man gerade noch mit bloßem Auge erkennen konnte. Im Jahr 1610 enthüllte Galileos Teleskop eine Vielzahl von Sternen, die zuvor noch nie gesehen worden waren, wodurch er die Untergrenze der Helligkeitsskala auf die Größenklasse 8 drückte. In den 1880er-Jahren konnten große Teleskope wie der Große Refraktor von Harvard schwach leuchtende Sterne der Größenklasse 14 sichtbar machen. Da es jedoch keine einheitlichen Skalen oder Standards gab, blieben alle Schätzungen der Größen vom subjektiven Urteilsvermögen der einzelnen Astronomen abhängig. Wie die Schönheit, so lag auch die Helligkeit im Auge des Betrachters.
Pickering bemühte sich, die Fotometrie auf eine tragfähige neue Basis der Präzision zu stellen, die alle übernehmen könnten. Zunächst einmal wählte er eine Helligkeitsskala unter den damals gebräuchlichen aus – diejenige des englischen Astronomen Norman Pogson, der die Sternklassen der Antike kalibrierte und davon ausging, dass Sterne der Größenklasse 1 genau hundertmal so hell seien wie Sterne der Größenklasse 6. Demgemäß unterschied sich jede Größenstufe von der nächsten um den Faktor 2,512.
Anschließend wählte Pickering als Basis für alle Vergleiche einen einzelnen Stern aus – Polaris, auch Polar- oder Nordstern genannt. Einige seiner Vorgänger hatten in den 1860er-Jahren die Helligkeit von Sternenlicht mit der einer Flamme in einer Petroleumlampe verglichen, die man durch ein kleines Loch betrachtete, was für Pickering darauf hinauslief, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Polaris ist zwar nicht der hellste Stern am Himmel, aber man glaubte, dass er mit konstanter Helligkeit leuchtete. Zudem stand er ortsfest über dem irdischen Nordpol, im Zentrum der Drehung des Himmels, wo er für alle Sternwarten der Nordhalbkugel erreichbar war.
Mit Pogsons Skala und Polaris als Orientierungshilfen entwarf Pickering eine Reihe experimenteller Instrumente – Fotometer – zur Messung der Helligkeit. Die Firma Alvan Clark & Sons baute rund ein Dutzend Apparate nach Pickerings Entwürfen. Die ersten davon lehnten sich an den Großen Refraktor an, das bedeutendste Teleskop des Observatoriums, das im Jahr 1847 von den Bürgern der Stadt gestiftet worden war. Letzten Endes bauten Pickering und die Clarks ein außergewöhnliches freistehendes Modell, das sie Meridian-Fotometer nannten. Es handelte sich um ein Doppelteleskop mit zwei Objektivlinsen, die in demselben langen Tubus nebeneinander angebracht waren. Der Tubus war unbeweglich, sodass bei der Beobachtung keine Zeit damit verloren ging, es neu auszurichten. Ein Paar drehbarer Prismenspiegel brachte Polaris durch die eine Linse in das Blickfeld und den Zielstern durch die andere. Der Beobachter am Okular, für gewöhnlich Pickering, verstellte mit einem skalierten Handrad ein Nicolprisma im Strahlengang des Instruments und korrigierte die beiden Lichtpunkte so lange, bis Polaris und der Zielstern gleich hell erschienen. Ein zweiter Beobachter, meistens Arthur Searle oder Oliver Wendell, lasen die eingestellte Zahl auf der Skala ab und schrieben sie in ein Notizbuch. Die beiden wiederholten dieses Prozedere vier Mal pro Stern an mehreren hundert Sternen pro Nacht; dabei tauschten sie jede Stunde ihre Plätze, damit ihnen keine Fehler aufgrund von Augenermüdung unterliefen. Morgens übergaben sie das Notizbuch an Miss Nettie Farrar, eine der Rechnerinnen, die das Datenmaterial tabellarisch auflistete. Miss Farrar, die die Polaris willkürlich zugewiesene Größenklasse von 2,1 als Basis benutzte, berechnete die relativen Werte für die anderen Sterne, indem sie mittelte und auf zwei Stellen nach dem Komma rundete. Auf diese Weise benötigten Pickering und seine Mitarbeiter drei Jahre, um jedem Stern, der von der geografischen Breite Cambridges aus sichtbar war, eine Größe zuzuordnen.
Zu den Objekten von Pickerings Fotometrie-Studien gehörten auch 200 Sterne, deren Leuchtkraft im Zeitablauf schwankte. Diese veränderlichen Sterne oder kurz „Veränderlichen“ bedurften einer besonders engmaschigen Beobachtung. In seinem Bericht an den Präsidenten der Harvard-Universität, Charles Eliot, für das Jahr 1882 wies Pickering darauf hin, dass Tausende von Beobachtungen notwendig seien, um die Helligkeitsschwankungen jedes Veränderlichen zu erfassen. In einem Fall wurden „in einer einzigen Nacht 900 Messungen durchgeführt, die sich ohne Unterbrechung von sieben Uhr abends bis um halb drei morgens erstreckten, als der Veränderliche seine volle Leuchtkraft erreichte“.
Pickering benötigte Verstärkung, um die Veränderlichen intensiv zu überwachen. Aber leider konnte er es sich im Jahr 1882 nicht leisten, auch nur einen zusätzlichen Mitarbeiter einzustellen. Statt die loyalen Förderer des Observatoriums um mehr Spendengelder zu bitten, richtete er einen Appell an Freiwillige aus den Reihen der Amateur-Sternbeobachter. Er war überzeugt davon, Frauen könnten die Arbeit genauso gut erledigen wie Männer: „Viele Frauen interessieren sich für Astronomie und besitzen Teleskope, aber von zwei oder drei bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, haben sie so gut wie keinen Beitrag zu den Wissenschaften geleistet. Etliche von ihnen haben Lust auf diese Arbeit und auch die erforderliche Zeit, und unter den Absolventinnen von Frauen-Colleges sind viele, die so gut ausgebildet sind, dass sie hervorragende Beobachterinnen abgeben würden. Da die Arbeit zu Hause erledigt werden kann, sogar an einem offenen Fenster, sofern das Zimmer die Temperatur der Außenluft hat, scheint es keinen Grund zu geben, warum sie ihre Fähigkeiten nicht gewinnbringend nutzen sollten.“
Pickering war überdies der Auffassung, dass die Mitwirkung an der astronomischen Forschung die gesellschaftliche Stellung der Frauen verbessern und die starke Zunahme von Frauen-Colleges rechtfertigen würde: „Gegner der höheren Bildung von Frauen kritisieren oftmals, dass deren geistige Auffassungsgabe zwar derjenigen der Männer in nichts nachstehe, sie aber praktisch nichts Eigenes hervorbrächten, sodass das menschliche Wissen durch ihre Arbeit nicht vorangebracht werde. Dieser Vorwurf könnte gänzlich entkräftet werden, wenn wir auf eine lange Folge von Beobachtungen wie die nachfolgend aufgeführten verweisen könnten, die von Beobachterinnen stammen.“
Pickering druckte und verteilte Hunderte von Exemplaren dieser offenen Einladung und überredete zudem die Herausgeber etlicher Zeitungen, sie zu veröffentlichen. Schon im Dezember 1882 erreichten ihn zwei Antwortschreiben: von Eliza Crane und Mary Stockwell vom Vassar College in Poughkeepsie, New York, auf die ein weiteres von Sarah Wentworth aus Danvers, Massachusetts, folgte. Pickering ging dazu über, die Beobachtung bestimmter veränderlicher Sterne einzelnen Personen zu übertragen. Obgleich seine Freiwilligen keine so ausgetüftelten Apparate wie das Meridian-Fotometer besaßen, konnten sie ihre Veränderlichen mit anderen Sternen in der Nähe vergleichen und die Helligkeitsschwankungen im Laufe der Zeit abschätzen. „Wenn die Leuchtkraft eines dieser Sterne allzu schwach wird“, ließ er sie brieflich wissen, „dann benachrichtigen Sie mich bitte, damit wir versuchen können, Beobachtungen hier [mit dem großen Teleskop] durchzuführen.“
Einige Frauen meldeten sich bei ihm und baten um Unterricht in praktischer und theoretischer Astronomie, aber das Observatorium bot keine derartigen Kurse an, und es konnte wissbegierigen Betrachtern – egal ob Männern oder Frauen – nachts keinen Zutritt gestatten. Tagsüber, so der Direktor, werde er Besucher allerdings sehr gerne durch das Gebäude führen.
Pickerings Alltagspflichten zwangen ihn dazu, regelmäßig mit anderen Astronomen zu korrespondieren, Bücher und Zeitschriften für die Bibliothek des Observatoriums zu erwerben, an wissenschaftlichen Konferenzen teilzunehmen, die Annals of the Astronomical Observatory of Harvard College herauszugeben, Finanzen zu beaufsichtigen, schriftliche Anfragen der Öffentlichkeit zu beantworten, Würdenträger, die zu Besuch kamen, zu empfangen und kleine und große Bedarfsgüter zu bestellen, von Teleskopteilen bis hin zu Heizkohle, Büromaterial, Stiften, Hauptbüchern und sogar „Wasserklosettpapier“. Noch die kleinste Angelegenheit, die mit dem Observatorium zusammenhing, verlangte seine persönliche Aufmerksamkeit oder zumindest seine Unterschrift. Nur wenn eine Wolkendecke die Sterne verbarg, konnte er einmal für eine Nacht durchschlafen.

Mrs Drapers Glasplatten mussten bei Tageslicht geprüft werden. Obwohl Pickering viel von diesen Aufnahmen gehört und sogar am Vorabend des damaligen Festessens für die Akademiemitglieder mit dem Doktor darüber gesprochen hatte, hatte er sie bis jetzt nicht gesehen. Er war es gewohnt, Spektren – die scharf getrennten Spektrallinien des Sternenlichts – durch das Teleskop zu betrachten, wobei er Spektroskope genannte Zusatzgeräte verwendete, die der ehemalige Direktor Joseph Winlock in den 1860er-Jahren gekauft hatte, als die Spektroskopie in Mode kam. Die Ansicht durch das Spektroskop verwandelte einen Stern in einen blassen Streifen bunten Lichts, das von Rötlich an einem Ende über Orange, Gelb, Grün und Blau bis Violett am anderen Ende reichte. Das Spektroskop machte viele vertikale schwarze Linien sichtbar, die über das Regenbogenband verteilt waren. Astronomen glaubten, die Breite, die Helligkeit und der Abstand zwischen diesen Spektrallinien codierten grundlegende Informationen. Hier hatten einige Forscher Klassifikationssysteme vorgeschlagen, innerhalb derer die Sterne nach den Ähnlichkeiten in ihren Spektrallinienmustern bestimmten Typen zugeordnet wurden.
Auf den Draper-Platten glich jedes Spektrum einem grauen Fleck, der kaum eineinhalb Zentimeter lang war, dennoch enthielten einige davon bis zu 25 Linien. Als Pickering sie unter einem Mikroskop betrachtete, verblüfften ihn ihre Details. Wie viel Geschicklichkeit diese gelungenen fotografischen Aufnahmen verrieten und was für ein Glück sie waren! Er kannte nur eine andere Person auf der Welt – Professor William Huggins aus England –, der es je gelungen war, auf einer Fotoplatte ein Sternenspektrum einzufangen. Huggins war neben Henry Draper auch der einzige Mann, den Pickering kannte, der in seiner Ehefrau Margaret Lindsay Huggins eine fähige Astronomie-Assistentin gefunden hatte.
Mrs Draper erklärte sich bereit, ihre Platten in die Obhut von Pickering zu geben, damit er sie gründlich analysieren konnte, und kehrte nach New York zurück. Sie versprach Mrs Pickering, die als eine der versiertesten Gärtnerinnen Cambridges galt, im Frühjahr oder Sommer wiederzukommen, um die Anlagen des Observatoriums dann in voller Blüte zu sehen.
Pickering vermaß jedes Spektrum mithilfe eines Schraubenmikrometers. Am 18. Februar 1883 konnte er Mrs Draper berichten, dass er „auf den Fotos viel mehr [entdeckt hatte], als auf den ersten Blick sichtbar war“. Die Rechnerinnen waren vollauf damit beschäftigt, die Werte, die er mit jeder halben Drehung der Mikrometerschraube ablas, graphisch darzustellen und sie anschließend über eine Formel rechnerisch in Wellenlängen zu verwandeln. Es zeigte sich, dass Dr. Draper die Möglichkeit bewiesen hatte, Sternspektren fotografisch zu erforschen, statt in Instrumente zu blicken und aufzuzeichnen, was das Auge sah.
Pickering drängte Mrs Draper erneut, einen bebilderten Bericht zu veröffentlichen, nicht nur um nachzuweisen, dass ihr Ehemann dieses Verfahren als Erster angewandt hatte, sondern, was noch wichtiger war, um anderen Astronomen zu zeigen, wie viel Potenzial in dieser Technik steckte.
Mrs Draper wandte sich an einen berühmten Experten für die Erforschung des Sonnenspektrums, Charles A. Young von der Universität Princeton, mit der Bitte, eine Einleitung zu dem Aufsatz beizusteuern, in dem Henrys Methoden skizziert werden sollten. Unterdessen katalogisierte sie alle 78 Platten aus der Spektralserie; dabei stützte sie sich auf Henrys Notizbücher, um das Datum und den Zeitpunkt jeder Fotografie, den Namen des Sterns, die Belichtungsdauer, das verwendete Teleskop und die Breite des Spektroskopspalts sowie beiläufige Bemerkungen über Beobachtungsbedingungen wie etwa „Der Himmel war in blauen Nebel gehüllt“ oder „In der Nacht war es so windig, dass die Kuppel fast weggeweht wurde“ anzugeben.
Pickering fasste die Daten der 21 Platten, die er gründlich ausgewertet hatte, in zehn Tabellen zusammen und versah sie mit Erklärungen. Er gab die Abstände zwischen Spektrallinien an, erläuterte die Methodik und die mathematischen Formeln, die er anwandte, um Linienpositionen in Wellenlängen von Licht umzurechnen. Außerdem nahm er Stellung zu den ähnlichen Forschungen, die William Huggins in London durchgeführt hatte, und wagte es, einige der Draper-Spektren nach Huggins’ Kriterien zu kategorisieren. Als er seinen Entwurf zur Ansicht und Genehmigung an Mrs Draper sandte, lehnte sie die Erwähnung von Huggins ab.
„Dr. Draper stimmte nicht mit Dr. Huggins überein“, schrieb sie Pickering am 3. April 1883 mit Bezug auf zwei der Sterne in der Serie. Ihre fast identischen Spektren zeigten breite Bänder, die Huggins dazu veranlasst hatten, die beiden Sterne dem gleichen Typ zuzuordnen, aber die Draper-Fotos enthüllten, dass einer dieser Sterne zwischen den Bändern auch viele dünne Linien aufwies, die ihn von dem anderen unterschieden. „In Anbetracht dessen möchte ich Mr Huggins’ Klassifikation nicht als Standard anerkennen.“ Zwar hatte Pickering die von ihr beschriebenen zahlreichen schmalen Linien ebenfalls gesehen, doch schienen sie ihm zu filigran, um daran aussagekräftige Messungen vornehmen zu können.
„Ich hoffe, meine Kritik grämt Sie nicht“, fügte Mrs Draper hinzu, „aber wenn ich die Arbeiten von Dr. Draper schon veröffentliche, möchte ich, dass seine Ansichten jetzt, wo er nicht mehr da ist, um sie selbst zu erklären, so getreulich wie möglich wiedergegeben werden.“
Die Drapers hatten bei ihrer Reise nach London im Juni 1879 William und Margaret Huggins kennengelernt, als sie das Observatorium im Privathaus der Huggins’ auf dem Tulse Hill besuchten. Mrs Draper erinnerte sich an Mrs Huggins als eine zierliche Frau mit kurzem, widerspenstigem Haar, das wie elektrisch geladen von ihrem Kopf abstand. Sie war halb so alt wie ihr Ehemann, beteiligte sich aber als gleichberechtigte Partnerin an seinen Studien – sowohl am Teleskop als auch im Labor.
Die beiden Paare schienen dafür bestimmt zu sein, entweder Rivalen oder enge Freunde zu werden. Huggins ließ Draper anfangs von seiner längeren Erfahrung profitieren, indem er ihm nützliche Ratschläge zur Konstruktion von Spektroskopen gab. Er empfahl ihm auch eine neue Art von trockener, vorbehandelter Fotoplatte, die kürzlich auf den Markt gekommen war. Man musste diese Platten nicht mehr unmittelbar vor der Belichtung mit einer flüssigen Emulsion bestreichen, und daher ermöglichten sie viel längere Belichtungszeiten. Bevor die Drapers England verließen, kauften sie einen Vorrat an Wratten & Wainwright’s London Ordinary Gelatin Dry Plates, die sich tatsächlich als ein Segen erwiesen. Sie reagierten besonders empfindlich auf die ultravioletten Wellenlängen von Licht, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind. Anders als die alten Nassplatten erlaubten die Trockenplatten eine Daueraufzeichnung, die sich für Präzisionsmessungen eignete. Die Trockenplatten gaben den Drapers das, was sie brauchten, um die Spektren der Sterne zu fotografieren.

Der Aufsatz mit den Forschungsergebnissen „des verstorbenen Henry Draper, M. D., LL. D.“ über die Sternspektren erschien im Februar 1884 in den Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences. Pickering verschickte Exemplare davon an bekannte Astronomen auf der ganzen Welt. Postwendend – nämlich am 12. März – erhielt er William Huggins’ empörte Reaktion. Huggins fand einige von Pickerings Messungen „ziemlich daneben“, wie es in dem Brief unmissverständlich hieß. „Es würde mich freuen, wenn es Ihnen möglich wäre, dies zu überprüfen, denn es wäre besser, wenn Sie den Fehler entdeckten & die Richtigstellung veröffentlichten, als dass andere auf diese Tatsache aufmerksam machten. […] Meine Frau schließt sich herzlichen Grüßen an Sie und Mrs Pickering an.“
Pickering war fest davon überzeugt, dass er sich nicht geirrt hatte. Und da Huggins seine Messmethoden nicht erläutert hatte, hielt Pickering unbeirrbar an seinen eigenen fest. Während sie Vorwürfe austauschten, leitete Pickering Huggins’ Briefe an Mrs Draper weiter.
Jetzt war es an ihr, sich zu entrüsten. „Es tut mir sehr leid“, schrieb sie Pickering am 30. April 1884, „dass Sie wegen Ihres Interesses an der Arbeit von Dr. Draper solch ungebührlichen Angriffen ausgesetzt sind.“ Ehe sie die Briefe an Pickering zurückschickte, nahm sie sich die Freiheit, einen abzuschreiben, denn „es lohnt sich, ihn als eine Kuriosität der Briefliteratur aufzubewahren“.
Zur gleichen Zeit suchte Pickering nach Assistenten, die Mrs Draper dabei helfen könnten, die Arbeit ihres Mannes in die nächste Phase überzuleiten. Er hielt William Crawford Winlock, den Sohn des ehemaligen Direktors Joseph Winlock, der gegenwärtig beim U. S. Naval Observatory arbeitete, für einen sehr geeigneten Kandidaten, aber Mrs Draper lehnte ihn ab. Zu ihrem Bedauern konnte sie ihren Lieblingskandidaten, Thomas Mendenhall, nicht dazu bewegen, seine Professur an der Ohio-State-Universität aufzugeben. Nicht zuletzt aus Enttäuschung darüber stiftete sie die Henry-Draper-Goldmedaille, die von der National Academy of Sciences regelmäßig für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Astrophysik vergeben werden sollte. Sie schenkte der Academy 6000 Dollar als Stiftungskapital für den Preis, und für weitere 1000 Dollar beauftragte sie einen Künstler in Paris damit, eine Medaillen-Matrize mit dem Porträt von Henry Draper anzufertigen.
Das Frühjahr 1884 bescherte Pickering neue Geldprobleme. Die erfolgreichen fünfjährigen Subskriptionen von großzügigen Astronomie-Enthusiasten waren abgelaufen, sodass diese festen jährlichen Einnahmen in Höhe von 5000 Dollar fortan wegfielen. Der Direktor deckte diverse Betriebsausgaben mit seinem eigenen Gehalt, trotzdem musste er fünf Assistenten entlassen. In einem berührenden Akt der Solidarität sammelten Kollegen am Observatorium für einen der Entlassenen und brachten „aus ihren eigenen dürftigen Mitteln einen Teil der erforderlichen Summe auf“. Pickering schätzte die „außerordentlichen Anstrengungen der Sternbeobachter, die fortan ohne Unterstützung die Arbeiten erledigten, bei denen ihnen früher die Protokollanten halfen. Dazu müssen sie mehr Zeit für Beobachtungen aufwenden, und dies hat ihre Arbeit viel mühsamer gemacht. Wenngleich dieser Beweis für die begeisterte Hingabe an die Wissenschaft überaus erfreulich ist, ist es offensichtlich, dass diese nicht lange fortgesetzt werden kann, ohne der Gesundheit zu schaden. In der Tat machten sich die Folgen von Übermüdung und Unterkühlung während der langen, kalten Nächte des letzten Winters in mehr als einem Fall deutlich bemerkbar.“
Das Motto im Familienwappen der Pickerings „Nil desperandum“ sowie die Erfahrung seiner eigenen siebenunddreißig Lebensjahre zwangen den Direktor dazu, auf seinen Einfallsreichtum und seine Widerstandskraft zu setzen, statt sich der Verzweiflung hinzugeben. Er begann einen Plan auszuarbeiten, um Mrs Drapers Wünsche sowie ihr Vermögen mit den Fähigkeiten und Bedürfnissen seines Observatoriums in Übereinstimmung zu bringen.
„Ich mache Pläne für eine etwas umfänglichere Arbeit in Astrofotografie, an der Sie, wie ich hoffe, vielleicht interessiert sein werden“, unterrichtete er sie in einem Brief vom 17. Mai 1885.
Pickering beabsichtigte, den größten Teil der Projekte des Observatoriums auf Fotografie umzustellen. Seine Vorgänger, die Bonds, hatten das Potenzial der Fotografie erkannt und im Jahr 1850 die erste Fotografie eines Sterns angefertigt, aber die Grenzen der Nassplatten-Fotografie hatten weitere Fortschritte auf diesem Feld behindert. Mit den neuen Trockenplatten taten sich ungeahnte Möglichkeiten auf. Die Helligkeit und die Helligkeitsschwankungen von Sternen ließen sich mithilfe von Fotografien zweifellos leichter und genauer bestimmen, denn fotografische Aufnahmen konnten nach Belieben immer wieder untersucht und verglichen werden. Ein Programm zum systematischen Abfotografieren des gesamten Himmels würde den mühsamen Prozess des Kartierens von Himmelszonen von Grund auf verändern. Zudem würden diese Fotografien unzählige unbekannte schwach leuchtende Sterne, die selbst in den größten Teleskopen der Welt unsichtbar geblieben waren, zum Vorschein bringen, weil die lichtempfindliche Platte, anders als das menschliche Auge, Licht über einen längeren Zeitraum einfangen und Bilder langsam aufbauen könnte.
Pickerings jüngerer Bruder William, der gerade seinen Abschluss am MIT gemacht hatte, unterrichtete dort bereits fotografische Technik und erprobte die Grenzen der Kunst, indem er Objekte in Bewegung fotografierte. Der 27-jährige William hatte sich einverstanden erklärt, Edward bei einigen fotografischen Experimenten mit dem Harvard-Teleskop zu helfen. Eines ihrer Bilder ermittelte in einer Region, in der bis dahin nur 55 Sterne dokumentiert worden waren, nun eine Zahl von 462.
Der Teil von Pickerings Plan, der vielleicht für Mrs Draper am interessantesten wäre, bezog sich auf eine neue Methode zum Fotografieren von Sternspektren. Statt sich jeweils, wie Draper oder Huggins, auf einen Zielstern zu konzentrieren, wollte Pickering Gruppenporträts der hellsten Sterne in einem weiten Gesichtsfeld anfertigen. Zu diesem Zweck entwarf er ein neues Instrument, das Teleskop und Spektroskop mit jenen speziellen Linsen kombinierte, die in den Studios von Porträtfotografen verwendet wurden.
„Ich glaube, es wird keine Probleme aufwerfen, diesen Plan ohne Ihre Hilfe auszuführen“, versicherte er Mrs Draper. „Aber falls es Ihnen doch nützlich erscheinen sollte, bin ich zuversichtlich, dass wir ihn Ihren Bedingungen anpassen könnten.“
„Danke dafür, dass Sie so freundlich waren, sich an meinen Wunsch zu erinnern, an einer Arbeit mitzuwirken, die man mit Dr. Drapers Namen verbindet und mit der sein Andenken lebendig gehalten werden könnte“, antwortete sie am 21. Mai 1885. „Wenn irgend möglich, arbeite ich gern an dem Projekt mit, das Sie vorgeschlagen haben, denn seine Bedeutung für die Sternspektrum-Fotografie erscheint mir wesentlich.“
Seit Henrys Tod waren mehr als zwei Jahre vergangen. Da Mrs Draper noch immer nicht in der Lage war, sein Observatorium wieder in einen Ort produktiver Forschungstätigkeit zu verwandeln, sah sie keinen Nachteil darin, Harvard seinen Namen zu leihen.
Pickering ging langsam und behutsam vor; er unterrichtete sie über seine Fortschritte, bis er ihr endlich einige Musterbilder der Sternspektren zusenden konnte, die er mit seinem neuen Apparat aufgenommen hatte. Mrs Draper fand sie „außerordentlich interessant“ und schrieb ihm am 31. Januar 1886: „Wenn der Plan in einer zufriedenstellenden Weise ausgeführt werden könnte, wäre ich bereit, monatlich einen Betrag von 200 Dollar, nötigenfalls auch etwas mehr zu genehmigen.“ Pickering war der Meinung, das genüge nicht. Am Valentinstag einigten sie sich auf die Bedingungen für das Henry Draper Memorial – einen ehrgeizigen Fotokatalog der auf Glasplatten gesammelten Sternspektren. Sein Zweck war die Klassifikation mehrerer tausend Sterne gemäß ihrer verschiedenen Spektralklassen, so wie es sich Henry vorgenommen hatte. Alle Ergebnisse sollten in den Annals des Harvard-College-Observatoriums veröffentlicht werden. Am 20. Februar 1886 sandte Mrs Draper einen Scheck über 1000 Dollar, die erste von vielen Raten. Pickering stellte sein neues Projekt in den üblichen Publikationen vor, darunter Science, Nature und Zeitungen in Boston und New York.
Später in diesem Frühjahr beschloss Mrs Draper, ihre ohnehin schon großzügige Spende noch einmal aufzustocken, indem sie eines von Henrys Teleskopen stiftete. Im Mai besuchte sie Cambridge, um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Da das Instrument einen neuen Sockel benötigte – den Henry ursprünglich selbst anfertigen wollte –, bat sie George Clark von Alvan Clark & Sons, die Teile zu einem Gesamtpreis von 2000 Dollar herzustellen und den Transport des Geräts von Hastings nach Harvard zu beaufsichtigen. Sobald es eingetroffen war, würde es ein eigenes kleines Gebäude mit einer Kuppel von 5,5 Metern im Durchmesser benötigen, und Mrs Draper wollte auch dafür die Kosten tragen. Zusammen mit den Pickerings schlenderte sie durch die Pflanzungen seltener Bäume und Sträucher rings um das Observatorium, um einen geeigneten Standort für den Neubau zu suchen.


Frauenlebensgeschichten: durch die Männerwelt mit weiblichen Waffen

Längst mussten selbst eingefleischte Feministinnen erkennen, dass Männer und Frauen stets unterschiedlich sein werden. Es liegt in der Biologie begründet. Sie darf jedoch nicht als Begründung genutzt werden, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung vorzuenthalten. Wie es starken Frauen in der oft besungenen „Men’s World“ erging und wie sie für ihre Rechte kämpfen mussten, sind Themen in weiblichen Biographien.

Blick ins Buch
Franziska zu ReventlowFranziska zu Reventlow

Eine Biografie

Sie war der Stern der Münchner Boheme, Virtuosin der freien Liebe, Avantgardistin der Alleinerziehenden, Vorläuferin des modernen intellektuellen Prekariats und nicht zuletzt eine bis heute unterschätzte Schriftstellerin. Man hat in ihr die Urgroßmutter der sexuellen Revolution identifiziert, aber den Preis übersehen, den sie zahlte.  Am 25. Juli 1918 stürzt Franziska zu Reventlow in Locarno vom Fahrrad. Nach einer Notoperation stirbt sie am frühen Morgen des 26. Juli 1918 an Herzversagen – 47 Jahre alt.Weil sie, obwohl ein Mädchen, kompromisslos „ich“ sagte, wurde die junge Comtesse von ihrer Familie verstoßen und beinahe entmündigt. Die Vielliebende fand es verantwortungslos, an Männern, die ihr gefielen, vorüberzugehen. Sie streifte manchen intim, den man immer noch kennt, etwa Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Ludwig Klages. Zum ersten Mal wird die Biografie ihrer Lieben erzählt, denn auch Lieben sind Lebewesen: Sie werden geboren, reifen und sterben, aber nicht alle. In Kerstin Deckers ebenso tragischem wie komischem Bericht dieses Lebens bleibt vom Bild der robusten Männersammlerin fast nichts übrig. Es entsteht ein einzigartiges Mutter-Kind-Porträt und das Bild einer Frau, die eine so weltüberlegen-hochironische Prosa schrieb, dass es Männern schwerfiel, an eine Autorin zu glauben.
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Annette KolbAnnette Kolb

Dichterin zwischen den Völkern

„D’Leut ärgern“ wählte sich Annette Kolb (1870‒1967) schon als junges Mädchen zum Motto, doch nicht aus Bosheit, sondern weil sie ihre Meinung offen vertreten wollte. Sie war scharfsinnig und naiv, sie war Pazifistin und ging keiner Fehde aus dem Weg, sie trug als Deutsch-Französin zwei Vaterländer in ihrem Herzen und hatte Europa im Kopf. Ihre Bücher vermitteln eine große Leichtigkeit, dabei fiel ihr das Schreiben zeitlebens schwer. Diese Biografie erzählt die aufregende Geschichte ihres Lebens, die exemplarisch ist für ein von Anerkennung und Verfolgung gleichermaßen bestimmtes Schriftstellerdasein im 20. Jahrhundert.

Vorbemerkung
Hermann Kesten, einer der engsten Freunde Annette Kolbs,
meinte einmal : „ Sie ›liebt es nicht, sich zu erinnern‹ […] und
veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen. Ihre Romane sind
verhüllte Autobiographien. “
Sie selbst, aufgefordert, ein Bild von sich zu zeichnen, schrieb
in Befohlenes Selbstporträt für Quartaner (1932): „ Ob sie euch
noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren
Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die
nur ihr werdet beantworten können. Ihr werdet also mehr über
sie wissen als sie selbst. Aber was sie besser weiß als ihr : sie hat
sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich
geplagt. […] Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent, sondern
ihre Meinungen und in der Gedanklichkeit, was immer
man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt
ihrer Arbeiten. “
Der Chronist dieses fast ein Jahrhundert währenden Lebens
folgte ihren Romanen und Erzählungen, ihren Essays und Plaudereien,
ihren Briefen und Notizbüchern. Er tat dies in Bewunderung
für ihr Talent und in Achtung vor der Courage, mit der
sie ihre Meinungen verfocht, auch wenn er ihre Ansichten nicht
immer teilen konnte. Er hofft, dass er die Leser dieser Biografie
auf ihre Schriften neugierig macht. Franz Blei schrieb einmal an
Annette Kolb : „ Wär ich ein Verleger, machte ich eine Ausgabe
deiner Werke in sechs hübschen Bändchen : das so hintereinander
zu sehen und zu lesen, müsste eine reizende Offenbarung
sein. “3 Die überarbeitete Neuausgabe dieser erstmals 2002 er schienenen Biografie wird zum 50. Todesjahr Annette Kolbs
vorgelegt. Zu diesem Anlass erscheint im Wallstein Verlag
Göttingen
auch eine vierbändige Werkausgabe.4
Abgesehen von Annette Kolbs bewunderungswürdigem literarischen
Werk hatte ihr Leben exemplarischen Charakter in
einem Jahrhundert geistesgeschichtlicher und historischer Umstürze
und Katastrophen. Ihre Vita war beispielhaft und außerordentlich
zugleich, indem sie sich ihre Überzeugungen, ihre
Eigenheiten und ihre individuelle Freiheit wahrte, dies in einer
Zeit der Diktaturen, Ideologien und Massenpsychosen. Sie selbst
fragte sich nach ihrer geglückten Flucht vor den Nationalsozialisten
: „ Nur ich bin entronnen […] Warum ? Warum ? Was soll
es heißen ? “, und fand die Antwort : „ Ich soll es zur Sprache
bringen!“
In einem Brief an René Schickele schrieb Annette Kolb unter
Verwendung der fürs Bayrische typischen doppelten Negation :
„ Nein dafür werde ich schon Sorge tragen, dass es keine Biographie
von mir nicht gibt oder alles erst … und erlogen, das wäre
ganz wichtig. “6 Der Biograf bittet Annette Kolb an dieser Stelle
um Verzeihung, gegen ihr Verdikt verstoßen zu haben. Er hat,
um nichts „ erstinken und erlügen “ zu müssen, auch viele bislang
unveröffentlichte Dokumente, Briefe und Tagebücher eingesehen
und ausgewertet. Die bisweilen eigenwillige Orthografie
und Zeichensetzung Annette Kolbs wurden beibehalten, ebenso
stilistische Eigenheiten.

 

„ Sympathie zwischen Bayern und Frankreich “
Herkunft und geistige Voraussetzungen

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts konnte man – so
wird kolportiert – bisweilen beobachten, wie der junge, 1933
geborene
Wittelsbacher Prinz Franz von Bayern in der Händelstraße
1 im Münchner Stadtteil Bogenhausen vorfuhr, um dort
den Nachmittag bei Tee und Konversation mit einer alten Dame
zu verbringen. Ihr Name : Annette Kolb. Als im Februar 1965
hochoffiziell ihr neunzigster Geburtstag gefeiert wurde, erstaunte
sie die Öffentlichkeit mit dem Eingeständnis, sie sei
bereits
fünfundneunzig und führe seit einem halben Jahrhundert
falsche Papiere.
Diese beiden Anekdoten sind bezeichnend für Leben und
Haltung der Schriftstellerin Annette Kolb. Sie lassen etwas erahnen
von der leicht skurrilen Zuneigung der überzeugten Demokratin
zum Hause Wittelsbach, von der versponnenen Eitelkeit
angesichts des eigenen Alters und von der Lust an Geheimnis
und Geheimniskrämerei. Diese Anekdoten lassen den biografischen
Blick aber auch hundert Jahre weiter zurückwandern in
eine Zeit, als Bayern noch Königreich war und es noch kein
geeintes Deutschland gab. Annette Kolbs langes und aufregendes
Leben umfasste ein Jahrhundert, das von großen politischen,
ökonomischen und soziokulturellen Umwälzungen geprägt
war, ein Jahrhundert, in dem Deutschland eine führende
und zugleich fatale Rolle spielte. In ihre Lebenszeit fallen : der
Krieg gegen Frankreich, die Gründung des deutschen Kaiserreichs,
die drängende soziale Frage, die Erstarkung der sozial demokratischen Bewegung, der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch
des deutschen Kaiserreichs und des bayrischen
Königreichs, die Räterepublik in München, die Weimarer Republik,
die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg,
die Teilung Deutschlands und die Gründung zweier deutscher
Staaten, die zweite Demokratie auf deutschem Boden mit ihrer
konservativen Ausrichtung unter Konrad Adenauer und ihren
linken Gegenströmungen in der Jugend- und Hippiebewegung
der 1960er-Jahre.
Annette Kolb hat dieses bewegte Jahrhundert kritisch begleitet,
in ihren Schriften wie in ihrem öffentlichen Engagement.
Sie war katholisch und aufklärerisch, konservativ und liberal.
Und sie strafte Kritiker Lügen durch die Kompromisslosigkeit
ihrer Zivilcourage, als sie – die die Freiheit über alles liebte und
verteidigte – um der Freiheit willen mehrmals ins Exil ging : Von
1916 bis 1922 lebte sie in der Schweiz, von 1933 bis 1941 in der
Schweiz, in Luxemburg, Frankreich und Irland, von 1941 bis
1945 in den Vereinigten Staaten von Amerika – ein Zeitraum,
dem sich noch ein „ Exil nach dem Exil “ anschloss : die unruhigen
Wanderjahre zwischen Irland, Frankreich und der Schweiz
von 1945 bis zu ihrer endgültigen Rückkehr in die Vaterstadt
München im Jahre 1961.
Annette Kolbs gesellschaftliche und kulturelle Prägung weist
jedoch über Deutschland und dieses Jahrhundert hinaus. Sie
führt über die Eltern zurück ins liberal gesinnte, Künste und Wissenschaften
fördernde Königreich unter Maximilian II. Joseph
von Bayern. Es waren zudem die Jahrzehnte unter König Ludwig
II. und dem Prinzregenten Luitpold, die Annette Kolbs
künstlerische und politische Anschauungen prägten. Das „ Deutsche
“ war ihr insofern suspekt, als es für sie lange Zeit ein Synonym
für das „ Preußische “ war. Erst in der Weimarer Republik
konnte sie sich als Künstlerin, Katholikin, Pazifistin und nicht
zuletzt als Münchnerin mit dem Staat aussöhnen, wenngleich
in dieser Republik das von ihr verehrte Herrscherhaus der Wittelsbacher
keine politische Macht mehr besaß. Aus ihren letzten Lebensjahren stammt ein unveröffentlichter Essay mit dem
Titel Bayern, worin sie sich an das Königreich ihrer Kindheit
und Jugend erinnert und dessen zivilisatorischen Rang rühmt –
wenngleich im nostalgischen Rückblick des Alters verklärt :
„ Wir nannten Bayern berufen : Es hatte eine Dynastie wie kein
anderes Land. Der Krieg und seine Greuel waren ihr fremd. Sie
hat gelebt für die Kultur, die Schönheit, den Frieden. In unserer
schwer bedrohten Zeit war Bayern mit seiner Dynastie ein
Glück und Segen für Europa. “1
Wie Annette Kolb um ihr Alter ein Geheimnis machte, so
auch um ihre Herkunft. Es gab seit jeher Gerüchte über eine
illegitime adlige Abkunft ihres Vaters Max Kolb. Annette Kolb
selbst – so sehr sie mit der Liebe zur bayrischen Monarchie
kokettierte – wies zeitlebens alle Mutmaßungen zurück. Im
Jahre 1917 strengte sie sogar einen Rechtsstreit mit dem Genfer
Verlag Éditions ATAR an, der behauptet hatte, sie sei „ verwandt
mit dem Hof des Königs von Bayern “.2 Sie selbst hat jedoch im
hohen Alter einmal ihrer Nichte ihre „ wahre “ Abkunft vom
Hause Wittelsbach eingestanden.3 Auch ihrem engsten Freund,
dem Schriftsteller René Schickele, hatte sie von ihrer Verwandtschaft
mit dem Königshaus erzählt.4
Max Kolb, Annette Kolbs Vater, kam am 28. Oktober 1829
in München als unehelicher Sohn der Juliana Lorz, einer Zofe
Königin Thereses von Bayern, zur Welt. Nach der Geburt des
Knaben unterschrieb der Hoflakai Dominikus Kolb eine Vaterschaftserklärung
und gab damit dem Kind auch seinen Familiennamen.
Max Kolb wuchs auf Schloss Possenhofen am Starnberger
See auf und durfte später die Schule der Benediktinerabtei
Scheyern besuchen. Die Schulkosten für den Sohn der mittellosen
Zofe wurden vom Hause Wittelsbach getragen.5 Es ist zu
vermuten, dass Juliana Lorz-Kolb ihren Sohn nicht von ungefähr
auf den Namen Max taufen ließ, und dass Kronprinz Maximilian,
der spätere König Maximilian II. Joseph, der leibliche
Vater des Knaben war. Die schulische und berufliche Förderung
Max Kolbs durch den König deutet ebenfalls darauf hin. Als junger Mann wurde Max Kolb nach Berlin geschickt, wo
er bei Peter Joseph Lenné eine Ausbildung zum Gartenarchitekten
erhielt. Es folgten Anstellungen in Potsdam-Sanssouci,
in Gent und seit 1855 in Paris als „ jardinier principal “. In der
französischen Hauptstadt lernte Max Kolb seine Frau kennen.
Zu jener Zeit herrschte Napoleon III. als Kaiser der Franzosen.
Wenngleich das Empire ein Jahr nach Annette Kolbs Geburt im
Deutsch-Französischen Krieg unterging, wurden doch Stil und
Lebensweise der Pariser Gesellschaft im Kaiserreich prägend
für Annette Kolbs eigene Kindheit – dies durch Vermittlung
ihrer Mutter. Sophie Danvin wurde 1840 in Paris geboren und –
anders als ihr eher bodenständiger Mann – früh mit den Künsten
vertraut. Ihre Eltern waren die damals bekannten Landschaftsmaler
Félix Danvin (er starb bereits 1842) und Constance
Amélie Lambert-Danvin. Sophie selbst war hochmusikalisch
und studierte am berühmten Pariser Konservatorium Klavier.
Mit sechzehn Jahren gewann sie den Ersten Preis des Instituts.
Sie komponierte auch und schrieb Aufsätze zur Musik.6 Das
Haus der Danvins war weniger bohemienhaft als vielmehr bürgerlich-
akademisch. Max Kolb, der einen bürgerlichen Beruf
ausübte (später brachte er es in München noch bis zum Oberinspektor
und führte den Titel „ königlicher wirklicher Rat “),
galt den Danvins deshalb als gesellschaftlich akzeptabler Schwiegersohn,
doch bedeutete die Ehe, die Max Kolb und Sophie
Danvin 1858 schlossen, für die Braut den Verzicht auf eine pianistische
Karriere.
Die Verbindung des bayrischen Gartenarchitekten mit der
französischen Pianistin war eher eine amour fou als eine tiefere
Seelenverwandtschaft. Für Annette Kolb jedoch wurden die Ehe
der Eltern und das Aufwachsen an der Schnittstelle zweier Kulturen
zum Symbol für das Verbindende dieser beiden Völker,
die zur Kaiserzeit und darüber hinaus oft als „ Erbfeinde “ apostrophiert
wurden. Zwar lebten Max und Sophie Kolb in ihrer
Ehe ein wenig nebeneinander her, doch zeigten sie voreinander
Achtung – wenngleich mit einer gewissen Ironie. Annette Kolb schrieb : „ Daß sie mit sechzehn Jahren den ersten Preis für Klavier
am Pariser Conservatorium davongetragen hatte, imponierte
zwar meinem Vater, doch besaß er für Musik ebenso
wenig Verständnis wie sie für Botanik. […] Ein sehr anmutiges
und interessantes, aber ungereimtes Paar machte seine Hochzeitsreise
nach London. “7
Annette Kolb setzte ihrem Elternhaus später ein zweifaches
literarisches Denkmal : einmal in ihrem Essay König Ludwig II.
von Bayern und Richard Wagner, ein andermal in dem autobiografischen
Roman Die Schaukel. Noch wenige Jahre vor ihrem
Tod erhob Annette Kolb die binationale Ehe der Eltern zu
einem Symbol der Völkerfreundschaft und äußerte zugleich
Vorbehalte gegen Preußen und dessen Rolle bei der Einigung des
Deutschen Reichs : „ Das alles in Folge der Kriege, an deren Ausbruch
Bayern gewiss nicht schuld war. Sie [die Bayern] liessen
sich von den Berlinern blenden. […] Es bestand von jeher eine
Neigung zur Sympathie zwischen Bayern und Frankreich […]. “8
1859 kam König Maximilian II. Joseph nach Paris und griff
erneut in das Schicksal seines illegitimen Sohnes ein : Der frisch
verheiratete Max Kolb führte den Monarchen durch die von
ihm angelegten Gartenanlagen. Wenig später erhielt Max Kolb
aus München das Angebot, die Leitung der botanischen Gärten
in der bayrischen Hauptstadt zu übernehmen. „ Haus, Licht und
Holz frei, ein hübsches Gehalt, die Ermächtigung, Gärten anzulegen,
wo sich ihm Gelegenheit bot, und last not least, freie
Fahrt auf den bayrischen Staatsbahnen “, erinnerte sich Annette
Kolb. Nicht alle waren darüber glücklich : „ Meine Großmutter
[Constance Danvin] war außer sich, meine Mutter mochte ihm
[Max Kolb] nichts erschweren. Die beiden Damen setzten sich
zusammen und lasen [Goethes] Hermann und Dorothea, in
welcher
Übersetzung ahne ich nicht, und meine Großmutter
schloß aus der Lektüre, die Deutschen seien zwar sehr kleinstädtisch,
mais de braves gens [aber rechtschaffene Leute]. Das
Beste war ein Kompromiß. Lang hielt man es natürlich dort
nicht aus : zwei Jahre München, dann nach Paris zurück. “ 1860 zogen die Kolbs einschließlich Constance Danvin nach
München, in die Dienstwohnung des königlichen Gartenbauinspektors
in der Sophienstraße 7. Aus den intendierten zwei
Jahren wurden indes Jahrzehnte : Der Grund lag in Max Kolbs
glänzender Karriere unter Maximilian II. Joseph (gestorben
1864), Ludwig II. (1864 – 1886) und dem Prinzregenten Luitpold
(1886 – 1912). Zudem ließ es sich für Sophie Kolb und
Constance Danvin in der französischen Gemeinde Münchens
recht angenehm leben. Und schließlich vereitelte zehn Jahre
später der Krieg von 1870 / 71 eine Rückkehr nach Paris. Sophie
Kolb hat zeitlebens Deutsch kaum gesprochen, sie wollte es
wohl nie erlernen. In der Familie – Max Kolb war zudem beruflich
viel unterwegs – parlierte man überwiegend Französisch.
Mode, Umgangsformen, Kunst, Musik, Literatur orientierten
sich am Second Empire. Das Zierliche und Elegante, das Dandyhafte
und das Raffinement kamen der süddeutsch-barocken
Sinnesfreude entgegen : „ Man stand noch im Zeichen des zierlichen
Jäckchens zur weiten Crinoline, der seidenen Quasten, der
aufgepolsterten Stühle und Schachteln, der wattierten Bonbonnieren.
Auch das Leben war wattiert. “10 Wenngleich das Leben
Annette Kolb nicht mit wattierten Handschuhen anfassen sollte :
Eine gewisse Eleganz – genährt aus dem Empire – in Kleidung
und Auftreten, ja selbst im Schreibstil, blieb ihr stets erhalten.
Der Haushalt der Kolbs wurde in einer bald stadtbekannten
Mischung aus Bürgerlichkeit und Bohème, aus finanziellem
Leichtsinn und Beinahe-Bankrott geführt – oder vielmehr :
improvisiert. Sophie Kolb spann sich in ihre künstlerische Welt
ein, gab hin und wieder Klavierstunden und führte einen musikalischen
Salon. Im hohen Alter definierte sie sich selbst wie
folgt – und irrte sich dabei sogar in etwas so „ Unwichtigem “ wie
der Anzahl ihrer Kinder (es waren in Wahrheit, die früh verstorbenen
mitgerechnet, neun): „ J’avais quatre enfants et un
piano. “11 [„ Ich hatte vier Kinder und ein Klavier. “] Der eigene
Anspruch an die Rolle in der Gesellschaft scheint größer gewesen
zu sein als deren tatsächliche Einlösung. Eine spöttische, dabei liebevolle Darstellung dessen findet sich in Annette Kolbs
autobiografischem Roman Die Schaukel : „ Denn was brachte die
Braut schon in den Hausstand mit ? Die Sonaten von Haydn,
Beethoven und Mozart und noch einige andere Musikwerke in
roten Prachtbänden mit ihrem Namen […]. Frau Lautenschlag
[d. i. Sophie Kolb] war eine so zerstreute Hausfrau, daß es schon
besser war, sie komponierte. […]. “12 Und über den Talmiglanz
des Haushalts heißt es : „ Hier glitzert auch mancher Pokal, altes
Kristall und Porzellan täuscht Luxus vor, silberne Tablette [sic],
silberne Eisbecher stehen in ihrem Glanze und werden nie gebraucht.
Womit sollten Lautenschlags eine Eismaschine beschaffen
? “13 In dem Roman spielt Annette Kolb das Familienleben
der Lautenschlags gegen die preußische Starre der Familie von
Zwinger augenzwinkernd aus und kehrt die Mélange aus französischen
und bayrischen Elementen – die für sie selbst schicksalsbestimmend
war – stolz hervor : „ War der Haushalt bei
Zwingers à l’anglaise aufgezogen, so gebärdete man sich bei Lautenschlags
je nach Laune, teils penetrant bayrisch, teils sehr
weitgehend lateinisch. Niemand beanstandete dies. Das in Bayern
noch wenig beachtete Alldeutschtum lag in der Wiege. “14
Katia Mann erinnerte sich als alte Frau : „ Sie [Annette Kolb]
sprach immer so etwas betont bayrisch. Das war in München
Sitte, die Aristokratie sprach bayrisch, und die Kolbs waren zwar
keine Aristokraten, aber sie hatten einen Salon, gaben pariserische
Nachmittagsempfänge, wo auch Hofgesellschaft und alle
möglichen Leute verkehrten. “15
Das Haus in der Sophienstraße 7 (es wurde im Zweiten
Weltkrieg
zerstört) lag zwischen Königsplatz und Stachus, in
unmittelbarer Nähe zum Alten Botanischen Garten und zum
Münchner Glaspalast. Diese 1854 erbaute, riesige Messe- und
Repräsentationshalle
in Stahl-Glas-Konstruktion war ein Meisterwerk
der Ingenieurskunst mit 234 Metern Länge und 25
Metern Höhe. Die Münchner waren dem Glaspalast – ähnlich
wie die Pariser dem Eiffelturm – in Hassliebe zugetan. Der
Brand der Halle im Jahre 1931 galt jedoch als Katastrophe (es verbrannten darin über dreitausend teils weltberühmte Bilder
und Skulpturen), ein symbolträchtiges Ereignis, womit Annette
Kolb ihren Roman Die Schaukel (1934) beginnen lässt.
Die Ehe der Kolbs war den damaligen Verhältnissen entsprechend
kinderreich. Die ersten drei Sprösslinge starben jedoch
kurz nach der Geburt. 1865 kam Louise zur Welt. Sie starb 1890
im Alter von nur 25 Jahren. Es folgte Germaine (1868 – 1949),
Annette Kolbs Lieblingsschwester. Nach Annette (geboren
1870) kamen zwei Knaben zur Welt : Emil (1874 – 1933) und
Paul (1876 – 1965), der sich im Alter eng an Annette anschloss
und den sie „ le petit frère “ [den kleinen Bruder] nannte. Als
Nesthäkchen folgte noch Franziska (1880 – 1946).
Annette Kolb stand, noch ehe sie selbst pianistisch daran teilnehmen
konnte, unter dem geistigen Einfluss des literarisch-musikalischen
Salons, den die Mutter in den Räumen der Sophienstraße
führte. Dieser Salon wurde in München nach und nach
bekannt, wenngleich er nie eine geistesgeschichtlich prägende
Rolle spielen sollte. Die gesellschaftlich pikante Mischung, die
sich ergab – es erschienen gleichermaßen arrivierte Künstler wie
Bohemiens, verkrachte Provinzaristokraten wie demissionierte
Königinnen –, verlieh der Einrichtung etwas leicht Zweifelhaftes
und Anziehendes zugleich, so zumindest stellt es Annette
Kolb im poetischen Rückblick in Die Schaukel dar.
Das geistige Klima Münchens war nicht nur von französischer
Kunst und Literatur beeinflusst, auch die Naturwissenschaften
und die Geschichtsschreibung spielten in jener positivistischen,
zukunfts- und technikgläubigen Zeit eine befruchtende Rolle.
Maximilian II. hatte Naturwissenschaftler, Historiker, Rechtsgelehrte,
Dichter und Maler nach München berufen. 1850 war die
von Ludwig von Schwanthaler geschaffene achtzehn Meter
hohe, begehbare Statue der „ Bavaria “ auf der Theresienhöhe
errichtet worden. Es folgte der Bau des Glaspalastes und der
Neuen Pinakothek (die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde).
Am Königsplatz wurden 1862 die Propyläen errichtet. Als
Maximilian II. 1864 starb und sein 18-jähriger Sohn als Ludwig II. den bayrischen Thron bestieg, ging der repräsentative
Ausbau der Wittelsbacher Metropole als Zentrum von Verwaltung,
Wissenschaft, Technik und Kunst weiter voran. Vor allem
für das geistige Leben gab der junge Ludwig entscheidende
Anstöße : Im Mai 1864, keine zwei Monate nach der Thronbesteigung,
rief er Richard Wagner, der sich auf der Flucht vor seinen
Gläubigern befand und seit seiner Teilnahme an der Revolution
1848 in Dresden politisch anrüchig war, nach München.
Wenngleich Wagners Intermezzo an der Isar nur anderthalb
Jahre dauerte, war diese Zeit sowohl für die Musikgeschichte im
Allgemeinen (die Uraufführung von Tristan und Isolde am
10. Juni 1865 im Münchner Hoftheater) als auch für das Haus
Kolb im Besonderen von Bedeutung. Auch wenn diese Ereignisse
in die Jahre vor Annette Kolbs Geburt fielen, beeinflusste
die von der Mutter inszenierte Begeisterung für Wagners Musik
auch sie nachhaltig. Den Begebenheiten von 1864 / 65 widmete
Annette Kolb als 77-Jährige noch ihr Buch König Ludwig II. von
Bayern und Richard Wagner. Darin schildert sie, wie Hans von
Bülow im Gefolge des Komponisten eine Anstellung als Hofpianist
erhielt und mit der Ehefrau Cosima (der Tochter Franz
Liszts und Marie d’Agoults) und den Kindern nach München
zog, in unmittelbare Nähe zur Familie Kolb. In jene Zeit fiel
auch der Beginn der Liaison Richard Wagners mit Cosima und
die Geburt ihrer Tochter Isolde im April 1865.
„ Keine halbe Minute entfernt “16, ergab sich zwischen Sophie
Kolb und Cosima von Bülow bald ein reger Austausch. Cosima
sah sich damals noch ihrer mütterlicherseits französischen
Abkunft verpflichtet. Als sie zum ersten Mal den Salon Sophie
Kolbs besuchte, habe sie ausgerufen : „ Que je suis heureuse, de
me retrouver dans une maison française ! “17 [„ Wie froh bin ich,
in einem französischen Haus zu sein ! “] Sophie Kolb besuchte
die legendären ersten Aufführungen von Wagners Tristan und
Isolde. Max Kolb, sonst gegenüber Musik eher gleichgültig,
„ plünderte den botanischen Garten zu jeder Première, um die
prachtvollsten Blumen zu schicken “.18 Einmal begegnete Sophie Kolb auch Richard Wagner, als er – die Tochter Isolde war bereits
geboren – seine Geliebte Cosima besuchte. Wagner habe auf
Französisch einige Höflichkeitsfloskeln mit ihr gewechselt, seine
deutsche Konversation mit Cosima verstand Sophie Kolb leider
nicht. Während der Komponist in der Brienner Straße aufwendig
Hof hielt, mangelte es bei Bülows mitunter an Geld. Als
Cosima, die neue Schuhe benötigte, sich in ihrer Not ausgerechnet
an Sophie Kolb wandte, musste diese – ihre Haushaltskasse
war ebenfalls leer – die Freundin abweisen.
Bald nach Wagners erzwungener Abreise aus München folgte
ihm Cosima. Unmittelbar vor ihrer Abfahrt besuchte sie nochmals
Sophie Kolb, um sich zu verabschieden. Sie werde ja
sicherlich auch bald München verlassen und nach Frankreich
zurückkehren, so Cosima. Im Übrigen könne sie Sophies Heimweh
nach Paris nachvollziehen. Sophie entgegnete : „ Que voulez-
vous, j’ai le mal du pays. “19 [„ Was wollen Sie, ich leide an
der Krankheit dieses Landes. “] Sie meinte die Melancholie, an
der ja auch der König litt, dem sie einmal auf einem Spaziergang
am Starnberger See begegnet war und der sie sogar gegrüßt
hatte.
Als sich für Sophie Kolb die Hoffnung auf eine Rückkehr
nach Paris endgültig zerschlug, nachdem Max Kolb einen Auftrag
vom Regensburger Fürsten von Thurn und Taxis zur Anlage
eines Parks erhalten hatte, zog auch sie sich resignativ immer
mehr in die musikalischen Welten Schumanns, Chopins und
Wagners zurück. Es glich einem inneren Exil.
Im August 1867 besuchte Kaiser Napoleon III. in Begleitung
seiner Frau Eugénie Augsburg, wo er seine Kindheit im Exil verbracht
hatte, und wurde daraufhin von Ludwig II. am Münchner
Hauptbahnhof feierlich begrüßt. Zu dem Empfang war
auch das Ehepaar Kolb geladen. Die Begegnung mit dem Kaiser
riss in Sophie Kolb die Narbe des Heimwehs wieder auf. Sie
rang damit, ihren Mann zu verlassen, und vertraute sich einem
katholischen Priester an, dem Baron Oberkamp, der im Nachbarhaus
Sophienstraße 5 wohnte. Dieser verwies natürlich auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Auch eine offene Aussprache mit
Max führte zu keiner Lösung. Er forderte recht eigensinnig, sie
solle aufhören, einen Lebenshalt in ihm zu suchen. Sophie Kolb
rief daraufhin ihre Mutter, die zwischenzeitlich wieder in Paris
gelebt hatte, nach München zurück : So führte sie innerhalb der
engen Grenzen ihres französischsprachigen Salons weiterhin
ein Leben im Exil, ein Dasein für die Musik in einer Traumwelt,
die ihr einen gewissen Trost schenkte.
Ihren Vater schildert Annette Kolb in den nachgelassenen
Aufzeichnungen The Book of Dreams so : „ Mein Vater war eine
umherschweifende Natur, ein Perpetuum mobile, sehr schwer
zu fangen, viel auf Reisen, zu Treffen und Kongressen, und,
obwohl seiner Familie verbunden, oft ungeduldig darüber, daß
er sich um jemanden zu kümmern habe. Er liebte die Familie
zärtlich aus der Ferne, kam immer zurück, beladen mit reizenden
Geschenken, aber er war mehr seinen Gärten ein Vater
denn uns. Zuerst kamen seine Gärten. […] Er war zufrieden
damit, daß wir Besuche empfingen, solange wir nicht seine Anwesenheit
erwarteten. So erschien er wie zufällig, nachdem die
Gäste gegangen waren, oder frühestens dann, wenn sie gerade
dabei waren zu gehen. “20
Später schreibt sie in ihrem Buch über Richard Wagner, Max
Kolb sei weder ein guter Vater noch ein guter Gatte gewesen.21
Doch zeichnet sie ihn im Roman Die Schaukel in der Figur des
Herrn Lautenschlag als durchaus sympathischen und warmen
Menschen, der im Herzen ein Kind geblieben war,22 der zugleich
jedoch nur für seine Gärten lebte und dem die Salonwelt
Sophies verschlossen blieb. Immerhin hinderte Max Kolb seine
Frau nicht an der Ausrichtung ihrer Soireen. Auch scheint er
tatenlos, ja, hilflos zugesehen zu haben, wenn seine Frau und
die Kinder sein Gehalt, das in seiner Position nicht gering war,
leichtsinnig und mit einem fatalen Hang zum Luxus vergeudeten.
Man leistete sich viel Überflüssiges, wie es sich für eine
„ gute “ Gesellschaft „ schickte “, und war andererseits mittellos,
wenn es um die Anschaffung notwendiger Dinge ging. Aber sie wussten, dass „ die Armut im Grunde ein Freibrief war, aller
Schablone, aller Konvention gegenüber “.23 Auch wenn man den
Familienmitgliedern bisweilen „ rettungslosen Größenwahn “24
attestierte, focht sie das doch nicht an. So preist Annette Kolb
die geistige Freiheit und künstlerische Urteilsfähigkeit der Hespera
in Die Schaukel : „ Blöde Urteile über Musik oder Bücher
oder Bilder unwidersprochen hinzunehmen, weil sie von Leuten
kamen, in deren Sold man geriet, das war nichts für sie, o
nein. “25
Diese Freiheit in der Armut war der Nährboden für eine liberale
Weltsicht, für einen unbelasteten Umgang mit der Kunst.
Dies und die unter Maximilian II. und Ludwig II. ohnehin
offene geistige Atmosphäre Münchens trugen dazu bei, dass
Annette Kolb als Frau aufwachsen konnte, die ihre eigenen Meinungen
und Ansichten – auch unkonventioneller Art – besaß
und verfocht, notfalls bis zur äußersten Konsequenz.
Die offene, tolerante, frankophile Geistigkeit Münchens, wie
sie sich in Sophie Kolbs Salon widerspiegelte, verlor nach dem
Krieg gegen Frankreich 1870 / 71 und der Gründung des Deutschen
Kaiserreichs unter der Führung Preußens an Glanz.
Damit
einher ging für viele Intellektuelle Bayerns ein gewisser
Identitätsverlust. Ludwig II. von Bayern hatte die Kriegserklärung
gegen Frankreich, das ihm persönlich nahestand, ungern
unterzeichnet. Auch war er nicht der Aufforderung nachgekommen,
nach Versailles zu reisen, um als Oberhaupt des
ältesten
herrschenden Adelsgeschlechts Deutschlands dem genealogisch
weit unter ihm stehenden König von Preußen die Kaiserwürde
anzutragen. Lediglich Versprechungen Bismarcks auf
Zahlungen aus dem sogenannten Welfenfonds hatten den hochverschuldeten
Ludwig geködert. Der ursprüngliche Plan, in Zukunft
die Kaiserwürde zwischen den Häusern Hohenzollern
und Wittelsbach alternieren und Bayern an Gebietsgewinnen in
Frankreich (an der Grenze zur bayrischen Pfalz) teilhaben zu
lassen, wurde jedoch fallen gelassen.
Die Untertanenhaltung, das Pflichtbewusste, Forsche, Disziplinierte, alles, was man gemeinhin als das „ Preußische “ gerne
belächelte, war vielen bayrischen Bildungsbürgern zutiefst suspekt
und zuwider. Ein Beispiel für die Auflehnung gegen die
Bevormundung durch Preußen in einem geeinten Reich ist der
Eklat vom September 1891, als Kaiser Wilhelm II. München
besuchte und sich mit den Worten „ Suprema lex regis voluntas
! “ [„ Des (preußischen) Königs Wille ist oberstes Gesetz ! “]
ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Diese absolutistische Äußerung
erregte in der bayrischen Öffentlichkeit Zorn und Protest.
Auch Annette Kolbs Haltung gegenüber Preußen wurde von
dieser Atmosphäre geprägt. Sie, die „ Deutsch-Französin “, blieb
zeitlebens eine Gegnerin eines deutschen Staatsgedankens, der
auf Stärke, Nationalismus, Militarismus und Fremdenhass unter
der Führung Preußens baute. Viel zu dieser Haltung beigetragen
hat die Stimmung im Kolbschen Elternhaus. Der Krieg von
1870 / 71 jedenfalls stellte auch die Ehe von Max und Sophie
auf eine schwere Probe. Annette Kolb berichtet : „ O wie verwünschte
sie [Sophie Kolb] da ihre Ehe ! Mit zwei deutschen
Kindern, als eine deutsche Staatsangehörige stand sie da, zerrissenen
Herzens auf immer. […] Mein Vater brachte sie nach
Tegernsee […]. Über Frankreichs Niederlage trauerte er mit ihr.
Mit der Vorherrschaft Preußens sah er die geistige Verheerung
des Landes heraufziehen. […] Hatte er aber früher manchmal
gewünscht, daß meine Mutter deutsch sprechen lerne, so mutete
er ihr das nie wieder zu. Mochte sie ihre französische Eigenart
ungeschmälert behalten, ihr Haus nichts anderes wie ein französisches
sein. […] Gewiß bereicherte und verschönerte es auch
das ihrer Kinder, doch um welchen Preis ! “26
Der Preis war hoch : Annette Kolb wurde zwar in ein geistig
aufgeschlossenes und liberales Haus hineingeboren, doch empfand
sie von früh an schmerzhaft das Gefühl, heimatlos im eigenen
Land zu sein, zwischen den Völkern, Sprachen und Kulturen
zu stehen, ein Vater- und ein Mutterland, eine Vater- und
eine Muttersprache zu besitzen und in allen mit dem Herzen
und der Seele zu wohnen. Ihre späteren Exilaufenthalte in der Schweiz, in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind so gesehen
nicht nur die Antwort auf die jeweilige politische Situation
von Krieg, Diktatur und Kaltem Krieg, sondern auch logische
Konsequenz eines persönlich seit frühester Kindheit erfahrenen
Dilemmas. Sie sind Folge einer Sozialisation, die zurückreicht in
die Zeit vor der Entstehung des deutschen Kaiserreichs, eines
Staatsgebildes auf der Grundlage nationalen Empfindens. Der
Nationalismus konnte sich niemals durch objektive Reflexion
definieren, sondern nur in aggressiver Weise ex negativo, indem
er sich vom Fremden abgrenzte und das andere zum Feind erklärte.
Annette Kolb waren die Auflehnung gegen dieses ideologische
Konstrukt und die Trauer darüber gleichsam ins Blut mitgegeben.


Frauen, die Reisen: fremde Länder mit Frauenaugen erkunden

Aufbrechen und die Welt erkunden – dies galt über Jahrhunderte als eine reine Männerdomäne. Die Geschichte ist voller James Cooks und Christopher Columbusse. Doch das weibliche Geschlecht hat längst das Reisen ohne Männerbegleitung für sich entdeckt. Es trotzt den Gefahren und kulturellen Unterschieden auf seine eigene Art. Mutige Autorinnen beweisen in ihren Werken, dass die Welt den Frauen offen steht. In vielen der Bücher wird deutlich, wie die Autorinnen ohne eigenes Zutun automatisch mit Fragestellungen des Feminismus berührt werden. Die Erzählungen entführen daher nicht nur in fremde Kulturen, sondern sind zugleich ein Diskurs zur Weiblichkeit und ihrer Position in der Gesellschaft.

Blick ins Buch
Das verlorene KopftuchDas verlorene KopftuchDas verlorene Kopftuch

Wie der Iran mein Herz berührte

Ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Wein trinken und sich bis über beide Ohren in einen Mann verlieben. All das erlebt Nadine Pungs im Iran, obwohl es streng verboten ist. Von Teheran über den Persischen Golf bis fast an die Grenze zu Aserbaidschan erkundet sie, wie das Land jenseits westlicher Klischees tatsächlich tickt. Wortgewaltig schildert sie, wie es sie herausfordert und zugleich beschenkt. Wie sich ihre Schwarz-Weiß-Vorstellungen in tausendundeine Schattierung auflösen und die Perser ihr Herz schließlich zum Überlaufen bringen …„Hier ist eine Frau unterwegs, die nichts versteckt, auch nicht die Mühsal der Fremde, die Sprachlosigkeit, die Unruhe. Und die sie in einem Ton schildert, der swingt und uns daran erinnert, was dreißig stille Buchstaben vermögen.“ Andreas Altmann

Teheran

Das Ende

„Und? Was denken Sie über mein Land?“

Ich schaue aus dem Fenster, über Teheran legt sich die Nacht. Stahl und Beton ziehen an mir vorüber, Lichterketten blinken, und von den Fassaden glotzen die bärtigen Ayatollahs auf mich herab. Der Taxifahrer hat die Musik leiser gedreht, lächelt in den Rückspiegel.

Was denke ich über den Iran? Jetzt im Ausklang, zum Schluss? Eine Frage, die mir in den letzten Wochen unzählige Male gestellt wurde mit den immer gleichen erwartungsfrohen Augen. Ich möchte ihm antworten und kann es nicht. Die Worte haften am Gaumen, lassen sich nicht sprechen. Was denke ich über den Iran? Über dieses Land, das mich verwirrt und das keine schlichte Antwort zulässt? Es gibt so viel, was ich sagen könnte.

Ich könnte ihm sagen, dass mich der Iran wütend macht. Dass ich die letzten 37 Jahre nicht verstehe. Dass ich die Islamische Revolution nicht verstehen will. Mit all ihrem Zorn auf Körper und Freiheit. Ich verstehe nicht, warum die Revolutionsgardisten damals Frauen auf der Straße in Stücke schlugen, nur weil das Kopftuch eine Haarlocke preisgab. Ich verstehe nicht, warum die Sittenpolizei den Mädchen ihren Lippenstift mit einem Messer vom Mund kratzte. Ich könnte ihm sagen, dass ich das Regime verachte. Dass ich niemals akzeptieren werde, wie es seine Einwohner verletzt. Immer noch. Wie es in Gottes Namen straft und schlachtet. Wie es seine Kinder frisst und auskotzt.

Ich könnte ihm sagen, dass die Iranerinnen schön sind. Doch vielleicht weiß er das bereits. Persische Männer verehren ihre Frauen. Aber die staatlich verordnete Verschleierungspflicht bleibt. Die Manteaus werden jedoch enger, und das Kopftuch rutscht nach hinten. Einzig der Haarknoten im Nacken hält das Stück Stoff. Ein religiöses Possenspiel. Auch das Rouge auf den Wangen und die operierten Nasen sind unislamisch und trotzdem da. Wenn nur noch ein Schnipsel Haut zu sehen ist, so soll er leuchten.

Ich könnte sagen, dass dies die Anekdoten sind, die Reisende über den Iran erzählen. Jedes Mal. Vielleicht, weil das Erscheinungsbild der Frauen die erste Widersprüchlichkeit ist, die ihnen ins Auge springt. Auch mir. Dabei ist im Iran alles widersprüchlich.

Ich könnte ihm sagen, dass ich Menschen traf, die das Regime hassen. Und andere, die mir Bilder der Ayatollahs auf ihrem Smartphone zeigten und dabei jubelten. Ich könnte sagen, dass ich Angst hatte, in sein Land zu reisen, und wie lächerlich ich mich aufführte. Wie ich mich die ersten 102 Minuten im Gottesstaat fürchtete, auf der „Achse des Bösen“. In einem Taxi, so wie diesem. Wie ich auf meiner Unterlippe herumkaute und mich von meinen Klischees einwickeln ließ. In mir waberte das Gefühl einer Bedrohung, einer Angst, so milchig wie die Dunstwolken über Teheran.

Doch nichts bedrohte mich. Gar nichts. Keine Pistole an meinem Kopf, kein hässliches Wort, keine Gefahr. Ich saß nur in einem Taxi und ließ die Stadt vorbeirauschen. Nichts weiter.

Ich könnte sagen, dass ich dumm war. Trotz all der Geschichtsbücher, all der Zeitungsartikel und all der Dokumentationen, die ich zuvor über Persien verschlungen hatte, war ich stockdumm. Ständig ploppten grimmgraue Bilder wie Internetwerbung in mir auf. Immer wieder sah ich Mullahs mit Zottelbärten, die ihre Fäuste in die Luft reckten, Frauen in schwarzen Tüchern spuckten auf brennende US-Flaggen. Szenen, die ich aus unseren Nachrichten kannte oder aus Spielfilmen. Sie schlichen in meinen Kopf, sickerten hinein, verklebten meine Synapsen.

Ich könnte sagen, dass ich nichts begriffen hatte. Ich dachte, es gebe zwei Seiten: die Regimeanhänger und die Regimegegner. Die Betenden und die Feiernden. Eine fromme Frau werde niemals ihren Kussmund auf Instagram posten. Ein Student, der vom Westen träume, könne Khomeini nicht verehren. So dachte ich. Ich dachte falsch.

Ich wusste nicht, wie geschmeidig sich die Iraner durch ihr System bewegen und wie jede Situation eine neue Anpassung erfordert. Dass Freiheit ohne Lüge nicht möglich ist. Und dass die heruntergleitenden Kopftücher nur Schablonen sind, nur meine westliche Vorstellung von Selbstbestimmung. Ich war zu naiv, um die tiefe Zerrissenheit im Land zu erahnen. Nicht zerrissen in Schwarz oder Weiß. Das wäre ja kinderleicht. Nein, da sind nicht nur zwei – da sind Myriaden von Seiten. Und durch all die Risse kommt das Licht hinein.

Habe ich nach dreißig Tagen überhaupt irgendetwas verstanden? Obwohl ich am Leben der Menschen teilnahm? Obwohl ich sie nach ihrer Freiheit fragte? Nach ihren Lügen und ihren Innigkeiten? Was weiß ich schon.

Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin schwierig war, wenn ich begafft und bedrängt wurde. Dass ich mich oft verloren fühlte, doch selten verloren ging. Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin leicht war, denn die Iraner zeigten mir den Weg. Wie das Mütterchen, das mich durch die Stadt zu einer Sehenswürdigkeit führte und meinetwegen seinen Bus verpasste. Wie der Mann, der mich auf dem Motorrad mitnahm und zum Ziel fuhr. Oder die Frau, die mit zehn Taxifahrern den besten Preis für mich aushandelte. Die vielen Gesichter, die mich anlächelten und auf einen Chai einluden. Fremde Menschen, die ihre Herzen bedingungslos verschenkten.

Ich könnte sagen, dass ich mich in den Iran verliebt habe. In die Einwohner, in die Landschaft. In die Poesie, die nach schwerem Jasmin duftet. Und wie ich Wüstensand im Haar trug oder unter den Nägeln.

Ich könnte sagen, wie sehr ich die Farbe von Safran mag, wenn er als gelbe Haube den Reis bedeckt, und dass die Straßen nach Qualm und Orangenblüten rochen. Süße Marihuanawolken umhingen uns auf Partys. Und der Geschmack von Hundeschweiß klebte auf unseren Zungen. So nennen sie ihren Rosinenschnaps. Ich könnte ihm sagen, dass wir auf Dächern tanzten und Schweiß tranken. Über Verbote könnte ich sprechen. Verbote, die ich brach.

Ach, die vielen Brüche. Die Knackse. Die zerschlagenen Löwenköpfe. Smog und Schnee. Schönheit, die nur sichtbar wird durch das Gegenteil.

Ich könnte ihm von tiefbraunen Augen erzählen. Von Kourosh und seinen Lachfalten. Meiner Hand in seiner.

Ich könnte sagen, dass sich meine schwarz-weißen Vorstellungen in tausendundeine Graustufe aufgelöst haben. Und wie mich der Iran berührt. Wie er Seele und Kopf und alles anfasst. Ich könnte ihm antworten, dass mein Herz randvoll ist mit Persien.

Aber ich tue es nicht. Ich kann die Worte nicht greifen, in keiner Sprache. So lüge ich und sage doch die Wahrheit: „Iran khube.“ Der Iran ist gut.

Und der Taxifahrer lächelt.

 

Der Anfang

Vier Wochen zuvor. Nachts in Teheran.

Ich habe Angst. Seit 102 Minuten.

Der Mann schaut auf den Zettel, liest die Adresse, wendet das Auto, diskutiert durch das heruntergekurbelte Fenster mit anderen Taxifahrern. Teheran wuchert. Wir müssen in den Norden, dorthin, wo die reichen Iraner wohnen. Das ist alles, was ich weiß. Er dreht sich zu mir um, deutet auf das Gekritzel, runzelt die Stirn und stellt scheinbar eine bedeutende Frage.

„Farsi balad nistam“, ich spreche kein Farsi, das ist der erste persische Satz, den ich im Iran aufsage. Ich habe ihn auswendig gelernt.

Wir rollen in einen Kreisverkehr, es blinken Lichterketten in Grün und Rot. Die „Achse des Bösen“ leuchtet mir entgegen.

 

Am 29. Januar 2002 sprach der damalige US-Präsident George W. Bush das erste Mal von der „Axis of Evil“ in seiner Rede zur Lage der Nation. Angelehnt ist der Terminus an die einstige Verbindung zwischen Deutschland, Italien und Japan im Zweiten Weltkrieg. In seiner Ansprache beschuldigte Bush den Iran, Irak und Nordkorea, Terrorismus zu fördern und Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Amerika sei bedroht. Es gab jedoch nie eine Achse, denn Iran, Irak und Nordkorea pflegten keine Allianz. Und obwohl mittlerweile Atomdeals geschlossen und Sanktionen aufgehoben werden, hat sich diese leidige Bezeichnung in den westlichen Köpfen festgezeckt. Auch in meinem.

Aus dem Taxi heraus erspähe ich nichts Böses. Im Radio läuft ein persischer Popsong, der Blick in die Nacht offenbart keine Abgründe. Nur Saipas und Peugeots auf einer sechsspurigen Autobahn.

Der Flug war ebenfalls unbedrohlich. Ein Mann rollte mitten im Gang seinen Gebetsteppich aus, ein Mädchen übergab sich nach dem Abendessen in die Spucktüte, jemand rauchte heimlich auf der Toilette, und die alte Dame neben mir schaute einen James-Bond-Film. Die restlichen Passagiere tranken sich durch das Alkoholsortiment.

Kurz vor dem Landeanflug folgende Durchsage: „Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht, schließen Sie den Gurt, und legen Sie Ihre Kopftücher an.“ Welcome to Iran. Ab jetzt werde ich Schleier tragen. Ständig und überall. Außer in meiner Unterkunft. Doch sobald es klopft, müssen meine Haare verhüllt sein, und meine Arme bedeckt. Die weiblichen Kurven verwischt ein Mantel oder ein weites Hemd, das bis zum Oberschenkel reicht. Dazu eine Hose, die lang genug ist, um die Knöchel zu verbergen. Nackte Füße in Sandaletten sind von Staatsseite aus unerwünscht.

Bis auf die Kopftuchträgerinnen unterschied sich der Teheraner Airport nicht von anderen Flughäfen dieser Welt. Vor der Passkontrolle warteten eine Handvoll Ausländer, müde Familien und Iranerinnen mit großen Tüten von Victoria’s Secret. Für Irritation sorgten fünf Frauen in schwarzen Tschadors, die in Rollstühlen angesaust kamen. Sie alle heulten und warfen ihre Köpfe in die Hände. Die Menge teilte sich wie das Wasser vor Moses, und die fünf flitzten durch. Guter Trick.

 

Gastfreundlich und großherzig seien die Iraner, so berichten Wiederkömmlinge. Und – welch Überraschung – die Frauen hier seien sogar selbstbewusst und gebildet. Da staunt so mancher Westler. Verbindet er mit dem Iran doch eher Atomraketen. Persien jedoch, das zaubert eine Verklärung ins Gesicht. Da fliegen nicht Raketen, sondern Teppiche. In Persien berauschen die Gärten, die Mosaike, die Basare. Aber ist diese Darstellung nicht auch nur Klischee? Die netten Perser, die Herzlichkeit? Gibt es nichts zwischen Morgenland-Nostalgie und finsterer Mullah-Hegemonie? Sind Idealisierung und Dämonisierung nicht zwei Seiten derselben Medaille?

 

Eine Stunde sitze ich jetzt schon im Taxi. Vor zweieinhalb Minuten wechselte der Fahrer die CD, und nun dröhnt deutscher Achtzigerjahre-Pop aus den Boxen. Vermutlich meint es der Mann gut mit mir. Ich sage nichts, begaffe nur still die überdimensionalen Köpfe der beiden Ayatollahs, die an einer Häuserwand prangen. Zwei Greise mit weißen Bärten und schwarzen Turbanen. Khamenei lächelt, Khomeini schaut düster in die Welt. 1989 starb der Imam. Seitdem ist Ali Khamenei der Revolutionsführer und lenkt den Staat. Als Junge liebte er Romane, las ich neulich in einer Zeitung. Leo Tolstoi, Michail Scholochow, Honoré de Balzac. Victor Hugos Les Misérables bezeichnete er gar als Wunderwerk der Literatur. Üblicherweise äußert sich Khamenei nicht so wohlwollend über die westliche Kultur.

Der Taxifahrer dreht die Musik noch lauter und lächelt mich im Rückspiegel an. Mich rührt sein Bemühen, mir eine Freude zu machen. Wahrscheinlich hat er meine Anspannung bemerkt und möchte mich beruhigen. Und vielleicht hat er recht? Vielleicht droht mir ja gar keine Gefahr. Vielleicht wird die Reise sogar schön. Ein Mutanfall?

Monatelang fieberte ich dem Aufbruch entgegen. Ich las Wäschekörbe voll Bücher, kaufte Hemden, stand vor dem Spiegel und wickelte mir einen Schal um den Kopf. Ich lernte ein paar Brocken Farsi, ließ mir Koransuren erklären und hörte persische Musik. Mir ist bang, aber ich will hier sein. Tausendundeinmal ja. Ich will mich umschauen, möchte die Wunder bestaunen, von denen berichtet wird. Ich möchte Menschen treffen und mit ihnen über ihre Träume sprechen, über ihre Sehnsüchte. Ich möchte verstehen, inwiefern die Bevölkerung ihre Regierung unterstützt. Wenn überhaupt. Gibt es einen Konsens, oder muss zwischen Oben und Unten unterschieden werden? Zwischen Drinnen und Draußen? Was ist hinter dem Schleier?

Himmel, schon der letzte Satz klingt gräulich und ausgelutscht. Glaubt nicht jeder zu wissen, wie es „hinter dem Schleier“ aussieht? Weiß denn nicht jeder von Partys, Drogen und feiernden Jugendlichen in der Islamischen Republik? Reicht da nicht eine vermeintlich investigative Reportage des Galileo-Magazins über Regelverstöße im Mullah-Land? Alles schon gesehen? Alles schon gewusst?

Gewiss, das ist für manche Leute keine Neuigkeit. Aber ist sie deshalb weniger spannend? Weniger verwirrend? So darf man doch nicht vergessen, was ein Leben „hinter dem Schleier“ für Konsequenzen haben kann.

Der Iran ist ein Land, in dem die Scharia herrscht, ausgeformt durch das Strafgesetz der Islamischen Republik Iran. Ein Land, in dem Frauen nur halb so viel wert sind wie Männer. Für uns alltägliche Dinge können im Gottesstaat Peitschenhiebe bedeuten oder zumindest eine Geldbuße. Manchmal baumeln die Sündigen am Strick. Es ist verboten, Alkohol zu trinken, unverschleiert über die Straße zu laufen und zu lieben, wen man möchte. Nur verheirateten Paaren ist Lust erlaubt. Das iranische Strafgesetzbuch sah 2015 immer noch die Steinigung als Hinrichtungsmethode für Ehebruch vor. Und das im 21. Jahrhundert! Mindestens zwei Personen verurteilte ein Gericht dazu. Es existieren allerdings keine Berichte, ob die Urteile tatsächlich vollstreckt worden sind. Gelebte Homosexualität und Apostasie stehen ebenfalls unter Todesstrafe. Die Anklagen für Glaubensabfall bleiben bewusst vage formuliert, wie „Feindschaft zu Gott“ und „Hochverrat am Staat“. Das ist Totalitarismus. Das ist Diktatur. Viele Perser leiden unter der Staatsgewalt. Einige flüchten. Die Angst treibt sie. Tausendundeine Angst.

Auch das meint jeder zu wissen. Aber sind diese Ereignisse folglich weniger skandalös? Sollten sie deshalb nicht mehr angeprangert werden? Insbesondere, da der Iran sich derzeit öffnet?

Die Nacht vor der Abreise durchwachte ich und grübelte, weil die Sorgen wie ein Gewitter durch mein Hirn tobten. Ist es überhaupt richtig, in solch restriktive Regime zu reisen? Kann ich damit leben, mich verschleiern zu müssen? Und das Patriarchat am Leib zu tragen? Sind Ferien auf der „Achse des Bösen“ moralisch vertretbar? Oder gerade deswegen? Vielleicht ist es meine Pflicht, die Welt zu begreifen? Es zumindest zu versuchen? Um eben nicht in das bornierte Geplapper über Muslime oder den Mittleren Osten mit einzustimmen und flachköpfige Kommentare auf Facebook abzulaichen.

Doch was sind schon vier Wochen, um ein Land zu verstehen? Selbst nach zwölf Monaten könnte ich mir nicht anmaßen, irgendetwas durchschaut zu haben. Ich bin keine Iranerin, und ich lebe nicht im Iran. Ich schreibe nur nieder, was ich erfahre, was ich sehe und was ich fühle. Mehr kann ich nicht wissen.

 

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir endlich meine Unterkunft. Ein Hochhaus in einer Seitenstraße. Der Taxifahrer atmet durch, er trägt meinen Rucksack vor das Messingtor und schaut zu, wie ich die vielen Geldscheine sortiere und von Rial in Toman umrechne. Toman ist keine offizielle Währung, nur eine Bezeichnung, denn die Iraner streichen prinzipiell eine Null weg, um den Überblick über die riesigen Summen zu behalten. Aus 700 000 Rial werden folglich 70 000 Toman. Der eigentliche Rial-Betrag wird fast nie genannt. Ich bin verwirrt. In der Dunkelheit kann ich zudem die fremden Banknoten nicht voneinander unterscheiden.

Ich überlege, zähle, überlege, zähle, beginne von vorn. Bis der ganze Vorgang in meinem Oberstübchen um vier Uhr morgens endlich abgeschlossen ist, hat der Taxifahrer bereits ein Bündel aus meiner Hand genommen. Er wartet noch, bis mir der Concierge das Tor öffnet, und kurvt dann in die sterbende Nacht zurück. Beschallt von Dieter Bohlen und Thomas Anders. Ihre Musik war bisher das Schlimmste, was mir auf der „Achse des Bösen“ widerfahren ist.

 

Katze im Sack

Neun Uhr. Es fehlen Vorhänge, und die Morgensonne durchflutet das Appartement. Iran. Ich bin tatsächlich im Iran.

In Deutschland verlief die Suche nach einem günstigen Hotel erfolglos. Entweder waren die Internetseiten auf Persisch, oder sie verschwanden nach einer Woche wieder aus dem Netz. Und wenn sich endlich eine englischsprachige Homepage auftat, antwortete niemand auf meine Mailanfrage. Geld für ein teures Businesshotel habe ich nicht. Obendrein schleppe ich meine gesamte Reisekasse in kleinen Scheinen mit und kann nicht abschätzen, ob das Ersparte reicht. 1500 Euro sind in verschiedenen Fächern des Rucksacks versteckt. Das ist alles, was ich besitze. Geldautomaten gibt es für mich nicht.

Obwohl der Westen die Sanktionen, die er einst aufgrund der iranischen Atompolitik verhängte, aufgehoben hat, zögern die Geldhäuser immer noch. Der internationale Datenverkehr zwischen dem SWIFT-Bankensystem und der Islamischen Republik ist seit 2012 blockiert. Kein Zahlungsaustausch möglich. Irans Außenhandel brach daraufhin ein. Da SWIFT unerlässlich ist, damit sich Geldinstitute weltumfassend vernetzen, kann ohne das System keine Verbindung zu den Kreditanstalten im Gottesstaat hergestellt werden. Die Großbanken misstrauen dabei allerdings (auch) den USA. Das amerikanische Außenministerium droht mit Strafen, sollten sie mit der Islamischen Republik Geschäfte machen. Und immer noch fehlt internationalen Geldinstituten das Vertrauen in die politische Führung des Iran. Die Hardliner im Land stemmen sich gegen die wirtschaftliche Öffnung und stiften Unfrieden. Und angesichts der beharrlich geschürten Feindschaft zu den USA und Israel ist Vertrauen sowieso kaum zu erwarten.

 

Das Appartement ist modern, unbewohnt und thront hoch oben im zwölften Stockwerk. Ausgestattet mit Möbeln aus Eichenholz und karamellfarbenen Ledersofas, wartet es auf Mieter. Solange es keine gibt, wohnen gelegentlich Gäste hier. So wie ich jetzt. Die Böden sind aus Marmor, die Tische aus Glas, in der offenen Küche ist der Kühlschrank prall gefüllt mit Käse, Schokolade, Obst und der persischen Cola Zamzam. Dass ungesunde Softgetränke hier den gleichen Namen tragen wie der göttliche Brunnen in Mekka, ist komisch. Dem Wasser der Zamzam-Quelle werden heilende Kräfte nachgesagt. Frisch aus dem Paradies. Wenn das kein Grund ist, ab sofort Limonade zu trinken.

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel: „Welcome to Iran“. Ich öffne das Fenster und schaue auf den Milad Tower, den höchsten Turm des Landes und den sechsthöchsten Fernsehturm der Welt. Es riecht nach Sonne und Abgasen. Mein Blick schweift über Straßen, Autos und Motorroller. Lärm, Brausen. Reklameschilder blinken, Fenster spiegeln sich im Licht. Ein Lastwagen knattert irgendwo, jemand hupt. In der Ferne schwenken Baukräne ihre Hälse hin und her wie Giraffen. Eine Moschee ist eingeklemmt zwischen Hochhäusern. Dahinter türmt sich das schneebedeckte Elburs-Gebirge auf, das die Stadt wie eine Steilküste begrenzt. Aus den Wolken schält sich der „frostige Berg“, der Damavand. Ein ruhender Vulkan mit 5671 Metern. Höher geht’s nicht im Iran.

Wie viele Menschen leben in Teheran? Dreizehn, vierzehn, sechzehn Millionen? Eine Megalopolis, ein Moloch, der täglich wächst. „Teheran“ – das Wort klingt immer noch so fern.

 

Nachdem ich die Hotelsuche kurz vor der Abreise aufgegeben hatte, schlug das Glück zu. Eine ehemalige Klassenkameradin bot mir ihre Hilfe an und stellte einen Kontakt nach Teheran her. Wie dankbar ich ihr bin, denn irgendwann kam Omid ins Spiel. Ich kenne Omid nicht. Ebenso wenig seine Frau Yasemin und auch nicht die beiden Kinder Yara und Bijan. Und sie kennen mich nicht. Ich bin für sie die Katze im Sack. Und sie sind es für mich. Dennoch stand für die „Omids“ unverrückbar fest: Das Mädchen reist durch den Iran? Allein? Wir kümmern uns! Das Appartement gehört der Verwandtschaft, und ich darf so lange bleiben, wie es mir gefällt. Kostenlos und einfach so. Die berühmte persische Gastfreundschaft. Es gibt sie! Ich bin schon jetzt über alle Maßen beschenkt. Und aufgeregt. In einer halben Stunde besucht mich Omid mit seinen Kindern.

Ich räume meine Hemden in den Rucksack, stelle die Schuhe in den Flur, tusche die Wimpern und überlege, ob ich ein Kopftuch überziehen soll. Konservativ erscheint hier nichts, aber ich habe die Spielregeln in diesem Land noch nicht verstanden. Was ist erlaubt?

Stehen fremde Herren vor der Tür, wie der Pizzabote oder ein Nachbar, müsste ich mein Haar bedecken. Und bei Omid?

Es klingelt. Das Tuch hängt über dem Küchenstuhl. Ist es unhöflich, es nicht zu tragen? Oder albern, es anzulegen? Wie kann eine so simple Frage derlei Ratlosigkeit auslösen?

Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor Wochen gelesen hatte. Über iranische Türen. Damit die Damen des Hauses unterscheiden konnten, ob ein Mann oder eine Frau um Einlass bat, verfügten die alten Exemplare über zwei verschiedene Klopfer. Einen Eisenstab für Männlein und einen Ring für Weiblein. Der Stab knallte dumpf auf das Holz. Ein Tiefton. Der Ring klang wie ein Sopran. So wussten die Bewohnerinnen flugs, ob der Gast männlich war und ob sie sich verhüllen mussten. Keine Ratlosigkeit, kein Zögern. Geklopft, gewusst.

Es klingelt ein zweites Mal. Ich greife mir das Tuch vom Stuhl und wickele es um meinen Kopf. Lieber albern als unhöflich. Ich öffne. Omid, Yara und Bijan stehen aufgereiht im Flur und strahlen mich an. „Hello, nice to meet you!“ Omid kommt auf mich zu und küsst mich auf die Wange.

Ginge es nach den Mullahs, dürften sich Männer und Frauen gar nicht berühren. In der Öffentlichkeit halten sich alle brav an die Regel, falls irgendwo verstockte Moralapostel lauern. Privat küsst jeder jeden. Jetzt der Haken: Im Iran küsst man sich dreimal auf die Wange, nicht zweimal. Das erfahre ich allerdings erst, als ich das Gesicht bereits zurückgezogen habe und Omid verloren in die Luft bützt. Wie peinlich. Da mag man noch so viele Bücher über Persien lesen, über Schia, Schah und Sassaniden – diese essenzielle Information, die solche Fettnäpfchen hätte verhindern können, bleibt in der Literatur unerwähnt.

Ich bitte die drei herein, niemand zieht die Schuhe aus. Omid hat neugierige Kinderaugen und grinst im Kreis. „Bist du gut angekommen? Wie teuer war das Taxi? Weshalb reist du allein? Was machst du heute?“, legt er los. Ich antworte, so gut ich kann, und Omid nickt dazu.

Bijan deckt einen Teller und Besteck auf, Yara schmeißt den Teeboiler an und sucht nach einer Pfanne.

„Darf ich den Schal ablegen?“, frage ich.

„Aber natürlich!“, lacht der Familienvater.

Erleichtert ziehe ich mir das Tuch vom Kopf, und auch Yara hat sich mittlerweile entschleiert. Lange pechschwarze Locken fallen ihr über den Rücken. Die Sechzehnjährige ist eine Schönheit, und offensichtlich brät sie mir gerade Spiegeleier. Nur mir. Der Fremden. Für niemanden sonst ist aufgedeckt. Mir ist das unangenehm. Unverdiente Wärme auszuhalten bereitet mir Schwierigkeiten.

Der Tisch ist überladen mit Fladenbrot, Eiern, Käse, Tee, Zamzam, Joghurt und Keksen. Während ich kaue, schauen mich drei braune Augenpaare an, dann prasseln die nächsten Fragen auf mich ein: „Was möchtest du sehen? Wo willst du hin? Was zuerst? Was danach?“

Ich weiß es nicht. Treiben lassen. Das reicht. Yasemin ruft an und lädt mich heute, morgen (und immer) zum Essen ein, Yara will mir unbedingt Teheran zeigen und ihre Musiksammlung vorspielen, Omid erzählt von Museen und einer Gondelbahn, die auf den Hausberg Tochal hinaufschwebt. Nur der elfjährige Bijan versteht von all dem nichts. In der Schule lernt er erst seit ein paar Wochen Englisch.

„Du kannst auch schwimmen gehen, da ist ein Pool im Keller“, sagt Yara, „hast du einen Bikini dabei?“

Ein Bikini stand tatsächlich nicht auf meiner Packliste für den Iran.

„Du kannst meinen haben!“, schlägt sie vor. Ich betrachte das zierliche Mädchen, das zwei Köpfe kleiner und knapp zwanzig Jahre jünger ist als ich.

„Lass uns lieber in die Stadt fahren“, sage ich und lächle.

 

Der geheime Freund

Wir brechen auf. Rasch die Kopftücher übergestreift, und schon stürzen wir uns ins orientalische Straßenchaos. Ich verstehe die Verkehrsregeln nicht. Rot wird weithin ignoriert, Zebrastreifen sowieso, Fußgänger werden angefahren und angehupt, zweispurige Straßen wachsen zu vierspurigen. Und dabei sei Teheran zurzeit menschenleer, meint Omid, während er einem SUV die Vorfahrt nimmt.

Es ist Nouruz, das iranische Neujahrsfest. Wir schreiben das Jahr 1395. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, und die Hauptstädter nutzen die Gelegenheit, um aufs Land zu fahren. Hoffentlich lassen sie dort das Auto stehen. 2013 starben laut Weltgesundheitsorganisation im Iran rund 25 000 Menschen im Straßenverkehr. Zum Vergleich: Deutschland zählte bei ähnlicher Einwohnerzahl 3500 Unfalltote.

An einem Kreisel steigen Yara und ich aus. Omid und Bijan winken, fädeln sich zwischen Saipas und Peugeots ein und lassen sich von der Autoschlange schlucken.

Vor uns erhebt sich das Azadi-Monument, das Wahrzeichen des modernen Teheran. Der Turm, der wie ein zweibeiniger Atommeiler aussieht, wurde 1969 anlässlich des 2500-jährigen Jubiläums der persischen Monarchie errichtet. Damals trug er den Namen Shahyad-Turm – „Denkmal der Schahs“. Nach der Revolution wurde er in Burj-e Azadi umbenannt. Azadi bedeutet „Freiheit“. Wo die sich im Gottesstaat versteckt, gilt es noch herauszufinden.

„Salam.“ Ein Jüngling mit Dreitagebart begrüßt uns und gibt Yara die Hand. Ein Klassenkamerad? Ein Nachbar? Kian heißt er, und er lächelt verlegen. Wir gehen zu dritt zum Eingang des Turms. Yara kichert, Kian kichert, und jetzt verstehe ich: Die beiden sind verliebt. Und Yara flüstert mir zu, dass Kian seit fünf Monaten ihr fester Freund sei. Ich staune.

Ist das erlaubt? „Nein“, sagt sie, „es ist geheim. Wenn uns die Sittenpolizei erwischt, gibt’s Ärger.“

„Wissen deine Eltern davon?“

Yara grinst und nickt. Ich bin beruhigt. Eine ganz normale Familie mit einer ganz normalen Teenagerin und einer ganz normalen Jugendliebe. Nur der Staat, der ist nicht normal.

Wir betreten den Kassenbereich, und bevor ich meinen Geldbeutel zücken kann, hat Yara schon die Tickets bezahlt. So wird das den gesamten Nachmittag gehen, und jeglichen Protest meinerseits wiegelt sie ab. Lehrstunden in Gastlichkeit. Ich versuche, es auszuhalten.

Wir schlendern durch das Azadi-Museum und betrachten Keramiken, Bronzebecher und Stillleben, die im Funzellicht vor sich hin schlummern. Viel fesselnder als die verstaubten Exponate sind aber die beiden Liebenden. Kein Anschmiegen, keine Hände, die sich zufällig streifen, keine Komplimente. Doch ihre Augen verraten alles. Das Kichern, die roten Backen. Ganz rein, ganz unschuldig. Im Freiheitsturm entdecke ich die erste bescheidene Freiheit. Zwei himmelhübsche Jugendliche, die nicht verliebt sein dürfen und es dennoch sind. Das hatten die Revolutionäre bei der Umbenennung des Monuments gewiss nicht im Sinn. Wie schön!

Wieder draußen, laufen wir zum Teheraner Schauspielhaus. Yara interessiert sich für Architektur, Kian interessiert sich für Yara, und ich interessiere mich für iranisches Theater. Die einzige professionelle Bühne des Landes wurde in den 1960er-Jahren errichtet und ist ein Rundbau aus Säulen. Vor dem Festspielhaus hat sich eine Menschenmenge versammelt. Ein Mann brüllt ins Megafon. „Irgendwas mit der Regierung“, meint Yara und schenkt dem Schreihals keine Beachtung. Ich bin nicht so lässig und frage nach. „Die fordern irgendein Zeug. Keine Ahnung. Solchen Versammlungen muss man immer aus dem Weg gehen“, sagt sie, und Kian öffnet die Eingangstür. Ein Wachmann döst hinter der Theaterkasse. Yara spricht ihn an, lächelt, fragt, lächelt. Er gähnt, er nickt. „Wir dürfen“, freut sie sich, „normalerweise ist das Schauspielhaus jetzt geschlossen, doch wir können ein paar Minuten rein. Aber nur ins Foyer.“ Der Aufpasser bleibt auf seinem Stuhl kleben und weist mit dem Finger in die Wandelhalle. Kronleuchter hängen herab, und durch die deckenhohen Fenster sprudelt Tageslicht. Wir gehen eine Runde, und ich feiere hier Premiere, leiste das erste Mal im Iran Ungehorsam. Denn ich muss die Bühne sehen – ich kann nicht anders –, und so öffne ich die Flügeltür zum Innenraum. „Nein, das ist verboten“, entgegnet Yara, doch da bin ich schon drin.

Der Saal erinnert an mondäne Zeiten, der Zuschauerraum ist umrahmt von roten Logensitzen, der Bühnenvorhang ist aus Samt. Theaterluft. Stille.

Das allererste Stück wurde 1973 aufgeführt. Der Kirschgarten von Anton Tschechow. Im Publikum saß Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Kaiserin Farah Diba – und nun schwirren Glitzerbilder durch meinen Kopf, ich fantasiere ausverkaufte Ränge, Champagnergläser, Abendkleider, ein lampenfiebriges Ensemble herbei. Damals noch ohne Schleier. Jetzt müssen die Schauspielerinnen verhüllt sein und dürfen die männlichen Kollegen nicht berühren. Eine staatliche Behörde prüft jedes Theaterstück vor der Premiere und streicht Passagen, die nicht islamkonform sind. Ich stelle mir eine Julia mit Kopftuch vor und eine Antigone im Tschador. Schränkt die Unfreiheit die Inszenierungen ein, oder fördert sie die Kreativität?

Kunst und Kultur haben einen hohen Stellenwert im Iran. Es gibt immer wieder Austauschprojekte mit anderen Häusern. Und so spielte Anfang 2016 die Berliner Schaubühne den Hamlet in Teheran. Zensiert. Uminszeniert. Keine Küsse, keine Nackten. Doch viele Zuschauer kannten das Stück des Regisseurs Thomas Ostermeier von YouTube. Die gestrichenen Szenen liefen in ihren Köpfen als Lichtspiel mit und entgingen jeder Zensur. Es gab stehende Ovationen.

Yara ist nervös. Ich schließe die Tür und zwinkere dem Mädchen zu. Niemand hat uns gesehen.

 

Hier gehöre ich hin

Wir verlassen das Theater und machen Rast in einem angesagten Café. Backsteinwände, Bücherregale und Hipster mit Jutebeuteln. Hier tragen die Jungs die Holzfällerbärte aus modischen Gründen, nicht aus religiösen. In den Vitrinen werden keine Bronzebecher angestrahlt, sondern Cupcakes, und an den Tischen schlürfen Studentinnen ihren Latte macchiato mit Schokoherzen auf dem Schaum. Ein typisch europäisches Café, möchte man meinen. Die Perserinnen könnten auch Berlinerinnen oder Pariserinnen sein. Ihre Kleidung erinnert an westliche Großstadtmode, und das Kopftuch, das salopp übergeworfen wirkt, stört plötzlich nicht. Es fügt sich ein, schmiegt sich an. Mittlerweile ist es kein rebellischer Akt mehr, wenn junge Menschen die Grenzen der staatlichen Bekleidungsvorschriften ausloten. Es ist ebenso wenig politisch oder regimekritisch zu verstehen. Manchmal gewiss, aber oft ist es eher ein Spiel des Zeigens und Verbergens. Nicht aufreizend, doch die Ränder der Erotik streifend. Jeder Millimeter entblößte Frauenhaut bedeutet ein Stückchen mehr Selbstbestimmung. Was immer das bedeuten mag. Und umso weiter der Schleier nach hinten rutscht, umso toleranter scheint die derzeitige Regierung.

Ich lerne, dass Haarteile und Klammern, die den Hinterkopf voluminöser aussehen lassen, „totally bitchy“ sind. Absolut tussig. So erklärt es mir Yara unmissverständlich. Viele Läden bieten solche Hilfsmittel zum Kauf, damit die Trägerin eine ausufernde Rapunzel-Haarpracht unter dem Tuch vorgaukeln kann. Das Gebilde gleicht dann der Kuppel einer Moschee. Die coolen Hejabistas üben sich dagegen im Understatement, sie brauchen keinen Schopf-Push-up. Sie tragen die Haare gelöst oder als Zopf, der aus dem Schal herausfließt. Eine Lehrstunde in iranischer Nonchalance.

Übrigens unterliegen auch die Männer gewissen Regeln. Kurze Hosen sind unstatthaft. Und Krawatten zu westlich. Shorts sieht man tatsächlich nicht, Schlipse an jeder Ecke.

 

Wir trinken heißen Kakao und essen Honigkekse. „Das ist unser Lieblingscafé“, sagt Yara, und Kian nickt. Er spricht kein Englisch und ist auf Yaras Übersetzungen angewiesen. Noch dazu ist er schüchtern. Doch vernarrt ist er. Sein Blick löst sich nicht von ihrem Gesicht, und immer umspielt ein Lächeln seine Lippen, wenn Yara erzählt. Damit die Sittenpolizei die Verliebten nicht aufgreift, müssen sie allerhand Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Sogar ein Kinobesuch ist riskant. Deshalb treffen sie sich mit Freunden, verrät das Mädchen. In der Gruppe fallen sie nicht auf. Und sofern jemand fragt, ist Kian ihr Cousin.

„Und was passiert, wenn ihr doch erwischt werdet?“, frage ich.

„Dann ruft die Polizei unsere Eltern an. Aber bisher ging alles gut.“

Wie praktisch, dass ich heute die Gouvernante spiele und uns deshalb niemand verdächtigt. Clever, die Kleine.

Während die Turteltäubchen Fotos von sich und den Honigkeksen schießen, beobachte ich die Studentinnen, die sich wie Pariserinnen kleiden, und frage Yara, ob sie den Schleier gern trägt.

„Spinnst du?!“, entgegnet sie. „Ich hasse ihn. Alle meine Freundinnen hassen ihn.“

„Wenn du mit der Schule fertig bist, willst du dann das Land verlassen?“

Die Antwort folgt prompt: „Nein, niemals. Ich liebe den Iran, und ich liebe Teheran über alles. Das ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin.“

Sie lächelt und nippt an ihrem Kakao. Ich glaube ihr jedes Wort.

 

Es dämmert. Wir bummeln durch das Viertel, und ich sauge Teheran in mich ein. Braungrauer Beton, Smog, Wohnblöcke und Asphalt. Kein Stil, keine Struktur. Faszinierend hässlich, aber abgesehen von der Luft, sauberer als so manche Großstadt in Europa. Kein Müll auf den Straßen, keine Hundehaufen auf den Gehsteigen. Der Rotz im Taschentuch ist trotzdem schwarz.

Wir stehen vor einer Buchhandlung mit bunten Schaufenstern. Im Iran sind die Straßen häufig wie Basare angeordnet. Jede Gasse ein Thema. Hier die Sportgeschäfte, dort die Juweliere, da hinten Schuhe. In dieser Straße verkaufen die Händler Bücher und Musik. In Shops oder auf dem Trottoir. Wir betreten den kleinen Laden, der bis zur Decke vollgepackt ist mit Schallplatten und CDs von Pink Floyd. Das ergibt durchaus Sinn, denn die berühmten Liedzeilen „We don’t need no education. We don’t need no thought control“ beflügeln freiheitliche Ideen, verheißen Unabhängigkeit und sind in zahllose Herzen eingebrannt. Ich interpretiere den Satz in zwei Richtungen: Zum einen ist er eine klare Botschaft an das Regime, und zum anderen rät er ausländischen „Besatzungsmächten“, den Iran in Ruhe zu lassen.

Ein Regal weiter entdecke ich die Gesamtausgabe von Franz Kafka. Er gehört hier deshalb zu den meistgelesenen westlichen Schriftstellern, weil er in seinen Erzählungen von Willkür und Behördenapparaten schreibt. Das kennt man im Gottesstaat. Und manchmal nimmt der Bürokratiemumpitz sogar durchaus komische Züge an. Möchte beispielsweise jemand einen Reisepass beantragen, so wird er von Gebäude zu Gebäude, von Raum zu Raum, von Schalter zu Schalter, von Beamtem zu Beamtem geschickt. Wie Asterix, als er versucht, den „Passierschein A38“ zu ergattern. Ein Land, das Verrückte macht.

Neben Kafka stapeln sich Kunstbände, in denen Gemälde der Renaissance abgebildet sind. Ich blättere in einem Wälzer und bin bestürzt. Urplötzlich. Zwischen Kafka und Pink Floyd schlagen die Mullahs zu, und ich erinnere mich wieder, dass ich nicht in Berlin oder Paris bin. Und auch nicht in einem Asterix-Comic. Die Meisterwerke in dem Buch sind zensiert. Der Raub der Europa ist verschandelt, die halb nackte Königstochter trägt ein Kleid aus dicken schwarzen Balken, ihr Körper ist übermalt und verstümmelt. Die Hintern der Putten sind ebenfalls geschwärzt. Entblößte Leiber verstoßen gegen islamische Gesetze, sogar auf Gemälden. Nur der Stier ist nicht überpinselt. Er schien den Zensoren sittlich genug und zeigt seine Muskeln.

 

Abends im Bett grüble ich. Warum fürchtet sich Religion vor Körperlichkeit? Warum wird ein gesamtes Volk wie ein unmündiges Kind behandelt? Was machen solche Verbote mit der Liebe? Wie lernen die jungen Iraner sexuelle Unbeschwertheit, wenn Lust und Nacktheit verteufelt werden? Erst Stunden später schlafe ich ein und träume von schwarzen Balken.

Blick ins Buch
Vier Freundinnen, ein BootVier Freundinnen, ein BootVier Freundinnen, ein Boot

5500 Kilometer im Ruderboot über den Atlantik

Von den Kanaren bis in die Karibik. An einem weinseligen Abend fassen Frances, Helen, Janette und Niki einen verwegenen Plan: Obwohl keine von ihnen je auf offener See gerudert ist, melden sich die Frauen für die „Talisker Whisky Atlantic Challenge“ an. Und im Dezember 2015 lassen sie vier Ehemänner, acht Kinder, fünf Hunde, zwei Katzen, zwei Schlangen und eine Wüstenrennmaus an Land zurück. Für die nächsten 67 Tage wird die Rose ihr zu Hause sein, auf der sie den Ausläufern eines Hurrikans, einem gebrochenen Steißbein und einer kaputten Trinkwasserpumpe trotzen müssen. Mit ansteckendem Humor berichten sie, wie ihnen nach Jahren der Aufopferung für Familie und Beruf noch einmal der Ausbruch gelingt und wie sie sich als ältestes weibliches Team inmitten der Profis schlagen. Ein Loblied auf die Freundschaft und ein Beweis, dass man mit Frauen ab 45 immer noch rechnen muss.

Kapitel 1

La Gomera

Du kannst den Ozean nicht überqueren,
wenn du nicht den Mut hast,
die Küste hinter dir zu lassen.
Christoph Kolumbus


30. November 2015, Marina La Gomera, San Sebastián, La Gomera
„Das“, sagte Frances und schüttelte langsam den Kopf, während sie auf die Wellen starrte, die unter uns an die Kaimauer krachten, „ist kein Seegang für Einsteiger.“
Wir – Janette, Helen und Niki –, die neben ihr auf das stürmische Meer vor der Marina in San Sebastián hinaussahen, konnten ihr nur zustimmen. Die Wellen türmten sich haushoch, und die Strecke, die wir rudern wollten, war beträchtlich. Wer um alles in der Welt war auf diese Schnapsidee gekommen? Gemeinsam würden wir vier Ehemänner, acht Kinder, fünf Hunde, zwei Katzen, zwei Schlangen und eine Rennmaus zurücklassen, um dreitausend Meilen, etwa fünftausendfünfhundert Kilometer, über eines der gefährlichsten Meere der Welt zu rudern. Angeblich haben es mehr Menschen geschafft, ins All zu reisen oder den Mount Everest zu besteigen, als den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren. Und keiner von denen war eine berufstätige Mutter mittleren Alters aus Yorkshire, jenseits der vierzig (oder fünfzig), die kaum – beziehungsweise keinerlei – sportliche Leistungen vorweisen konnte.
Tatsächlich befand sich unter uns vier Frauen nicht eine Olympionikin, Extremsportlerin oder Ausdauerfanatikerin. Keine von uns war zum Pol marschiert, hatte an felsiger Bergflanke biwakiert oder in einer Höhle überlebt, in der es nichts als Regenwasser zu trinken gab und allenfalls ein kleines Nagetier zur Gesellschaft vorbeikam. Allerdings waren wir auch keine völlig untrainierten Fitnessmuffel. Frances war den Küstenmarathon von Nairn nach Glen Coe gelaufen, und Janette hatte einmal an einem Fünf-Kilometer-Volkslauf durch den Park von Castle Howard teilgenommen. Wir waren vier ganz normale Mütter, die sich bei den täglichen Autofahrten zur Schule ihrer Kinder kennengelernt und beschlossen hatten, einen Ozean im Ruderboot zu überqueren.
Als wir jetzt hier standen, erschien uns der Entschluss, uns zu einem der härtesten Ruderrennen der Welt, der Talisker Whisky Atlantic Challenge, anzumelden, wie heller Wahnsinn. Nachdem wir uns nach einigen Gläsern Pinot zu viel an einem kalten Winterabend im Januar 2013 dazu entschieden hatten, hatten wir beinahe drei Jahre lang geschuftet, um diesen Tag zu erreichen, und uns dabei stets versichert, dies sei die Aufgabe, die uns am meisten abverlangen würde, das Schwerste am ganzen Rennen: es überhaupt bis zum Start auf den Kanarischen Inseln zu schaffen. Und wir hatten es geschafft. Wir hatten den schwierigen Teil absolviert. Wir hatten das nötige Geld zusammenbekommen, genug Sponsoren gewonnen und genug Leute davon überzeugt, dass wir ernst zu nehmen waren und ihrer Unterstützung würdig. Aber jetzt sahen wir uns dieser brodelnden Masse von Strömungen und Strudeln gegenüber, die von orkanartigen Winden zu Wellen mit bis zu zwanzig Meter Höhe aufgepeitscht wurde, ganz zu schweigen von den gigantischen Tankern, die unser kleines Ruderboot jederzeit unter sich begraben konnten. Und natürlich kamen wir nicht umhin, an die Haie, Wale und Speerfische zu denken, von denen man wusste, dass sie mitten in der Nacht Bootsrümpfe durchbohren konnten, an die sengende Sonne, den peitschenden Regen, die Verletzungen und den mörderischen Muskelkater, die Erschöpfung und das endlose, endlose Rudern. Wir wollten einen Zwei-Stunden-Takt einhalten – essen, schlafen, rudern und wieder von vorn – und würden das unserer Schätzung nach mindestens fünfzig Tage, vielleicht auch eine Spur länger durchziehen müssen. Unbedingt würden wir da die Notflasche Mango-Gin brauchen, die wir im Boot zu bunkern gedachten.
„Wird schon klappen“, sagte Helen mit einem mühsamen Lachen und einem übertriebenen Schulterzucken in genau dem Moment, als wieder eine Riesenwelle gegen die Felsen unter uns krachte. „Wir wissen, dass wir es nach Antigua schaffen werden.“
„Wir müssen nur alle positiv denken“, sagte Niki.
„Unser Team ist so stark wie jedes seiner Mitglieder. Jedes Mitglied ist so stark wie unser Team“, zitierte Janette aus unseren „Grundregeln an Bord“, die sie uns viele Meilen entfernt, in Yorkshire, zur Lektüre und Zustimmung vorgelegt hatte.
In Wahrheit wussten wir alle, es war leicht möglich, dass wir es nicht auf die andere Seite schafften. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich im Negativen zu verlieren. Das hier würde uns alle verändern. Wir hatten uns nicht auf dieses Abenteuer eingelassen, um dem Leben den Rücken zu kehren, sondern um es am Schopf zu packen. Und jetzt war es so weit. Die Sonne brannte herab, Salzluft stieg uns in die Nasen; Helen brach schließlich das Schweigen. „Und dass mir keine weint“, sagte sie energisch.

 

Wir waren am letzten Novembertag 2015 in La Gomera angekommen, zwei Wochen vor dem Start der Talisker Whisky Atlantic Challenge. Zu viert wollten wir von unserem Ausgangspunkt auf den Kanarischen Inseln nach Antigua rudern, einer Insel der Kleinen Antillen. Man hatte uns gesagt, die Vorbereitung sei das Wichtigste am ganzen Rennen, deshalb hatten wir dafür gesorgt, dass wir frühzeitig genug auf den Kanaren eintrafen, um alles Nötige erledigen und organisieren zu können. Außerdem wollten wir sicher sein, dass die wenigen Geschäfte auf der kleinen vulkanischen Insel bei unserer Ankunft nicht schon geplündert waren, sondern noch vorrätig hatten, was wir an Proviant brauchten.
BBC Breakfast wollte unsere Abreise aus England filmen, den Abschied am Flughafen von Manchester von allen, die uns gefördert hatten: Freunde (massenhaft Freunde), Familie (massenhaft Familie) und Unterstützer. Sechsundzwanzig Teams peilten in diesem Jahr die Atlantiküberquerung im Rahmen der Talisker Atlantic Challenge an, und ausgerechnet über uns – die Yorkshire Rows – wollte die BBC berichten. Wir waren natürlich Feuer und Flamme, da wir möglichst viel Aufmerksamkeit und Geld für die Wohltätigkeitsorganisationen herausschlagen wollten, die wir unterstützen: Maggie’s Cancer Caring Trust und Yorkshire Air Ambulance.
Die Fernsehkameras surrten, während wir mit unserem Verabschiedungskomitee am Flugsteig nach Teneriffa neben unzähligen Koffern standen, die bis obenhin voll waren mit zahlreichen Beuteln Brasilnüssen, Schlechtwetterausrüstung, einer Wasserpumpe und Spezialunterhosen, die angeblich nicht scheuerten. Wir konnten nur hoffen, dass man uns kein Übergewicht berechnen würde. Plötzlich kam der ehemalige Olympiasieger im Rudern, James Cracknell, auf uns zu, ein gut gebauter Prachtkerl, der einige Jahre zuvor gemeinsam mit dem Fernsehmoderator Ben Fogle bei diesem härtesten Ozeanrennen der Welt den zweiten Platz belegt hatte.
Die BBC hatte uns diese Sportskanone als Überraschungsgast geschickt, damit er uns zum Abschied ein paar Weisheiten mit auf den Weg gab. Unglücklicherweise hatte uns niemand etwas davon gesagt. Mitten im Abschiedsgetümmel versuchte Janette, ihn zu verscheuchen.
„Pscht“, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Hier wird gerade gefilmt.“
„Aber -“, begann James verdutzt.
„Sehen Sie denn die Kameras nicht?“
Janette hielt den gut aussehenden Ruderer, den sie nicht erkannte, für einen Konkurrenten.
„Sie sind mitten in die Aufnahmen hineingeplatzt.“ Sie blinzelte ins Licht. „Könnten Sie einfach still sein, bis wir hier fertig sind.“
„Ich wollte nur -“, versuchte es der knackige Cracknell noch einmal, woraufhin sie ihm mit einem neuerlichen „Pscht“ das Wort abschnitt.
Erst nachdem man ihr den vermeintlichen Störenfried vorgestellt und sie sich mit rotem Kopf tausendmal entschuldigt hatte, konnte James endlich vor die Kamera treten und seine Schlussworte loswerden, die da lauteten, dass wir uns unterwegs einen Tag hassen und den nächsten lieben würden, bis der Ozean schließlich überquert war. Er prophezeite uns Blasen an Körperstellen, an denen wir sie nie für möglich gehalten hätten, und fügte hinzu, er sei überzeugt, dass wir durchhalten würden, da ja jede von uns schon eine weit härtere Prüfung bestanden hatte: Schwangerschaft und Geburt.
Beschwingt von diesen letzten ermutigenden Worten traten wir den Flug an – unsere Spezialunterhosen ohne Zusatzkosten wohlbehalten in der Maschine.

 

Auf unserem langen Weg zu den Kanaren hatten wir nicht nur große Unterstützung von unseren Familien erhalten, sondern immer wieder auch von vielen anderen unglaublich großzügigen Menschen. Einer von ihnen war der 88-jährige Ron, ein Fuhrunternehmer aus Halifax in Yorkshire, der auf Teneriffa eine Wohnung besaß. Er hatte in der Yorkshire Post von uns gelesen und bot uns über unsere Spendenwebseite seine Dienste als persönlicher Betreuer an. Da wir ihn nie kennengelernt hatten, wussten wir natürlich nicht, was uns erwartete, als der freundliche kleine ältere Herr uns am Flughafen in Empfang nahm. Nicht nur gelang es ihm, unser umfangreiches und schweres Gepäck in seinem Wagen zu verstauen, er lud uns auch zum Mittagessen in Santa Cruz ein, bevor er uns an der Fähre absetzte, die uns nach La Gomera bringen sollte.
Keine Stunde später empfing uns der geschäftige Jachthafen von San Sebastián. Wir meldeten uns bei der Rennzentrale an und erhielten unsere Zugangsausweise für den Hafen. Sobald wir die große Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatten, brach der Lärm über uns herein: Stimmengewirr von allen Seiten, Rufe, Lachen, die durchdringenden Geräusche von Sägen, Schneidbrennern und Hämmern. Überall wurde gearbeitet.
„Flattern außer mir noch jemandem die Nerven?“, fragte Niki.
„Ich kann’s nicht fassen, dass wir tatsächlich hier sind“, sagte Helen.
„Und ich kann’s nicht fassen, dass wir so weit gekommen sind“, fügte Janette hinzu.
„Endlich“, sagte Frances lächelnd.
Auf dem Kai wimmelte es von Ruderern, die Boote lagen dicht an dicht. Die Mannschaften kamen aus der ganzen Welt: Zweierteams, Soloruderer und Viererteams wie wir. Insgesamt waren es sechsundzwanzig Mannschaften, die in Vorbereitung auf das Rennen die Anleger hinauf und hinunter liefen. Berge von Ausrüstungsgegenständen, Taue, Eimer, Taschen voller Krimskrams, Wasserpumpen, Treibanker, Funkgeräte, Leuchtgeschosse und Notfallkoffer warteten auf den Holzplanken in mehr oder weniger geordnetem Chaos auf die Inspektion durch die Rennleitung, von der jedes einzelne Ding ebenso akribisch unter die Lupe genommen werden würde wie die Fertigkeit der Wettbewerbsteilnehmer im Umgang damit. Die Inspektion ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, es ist auch eine Prüfung, ob das Boot und seine Insassen wirklich seetüchtig sind. Wer bei dieser Prüfung durchfällt, wird für das Rennen gesperrt.
Irgendwo in diesem ganzen Durcheinander wartete die Rose – unser schönes hochseetaugliches Rennruderboot –, acht Meter lang und anderthalb Meter breit, strahlend weiß. Das Boot war die Fünfte im Bunde. Wir hatten solche Sehnsucht nach ihr, dass wir uns kurzerhand durch das Getümmel drängten und nach ihr suchten. Sie fehlte uns, seit sie vor zwei Monaten auf ein Frachtschiff Richtung Süden verladen worden war.
Endlich entdeckten wir sie, blendend weiß und schnittig, mit einer neuen Glidecoat-Beschichtung versehen, damit sie möglichst ungebremst durch das Wasser des Atlantiks schnellen würde. Sie lag neben dem knallgrünen Boot der einzigen anderen reinen Frauenmannschaft – Row Like a Girl. Wir kletterten sofort hinein und untersuchten sie wie besorgte Eltern von vorn bis hinten nach Stoß- oder Schlagverletzungen, die sie sich auf der Reise zugezogen haben könnte. Zum Glück fehlte ihr nichts, ja, im Vergleich zu vielen anderen Booten im Hafen sah sie fantastisch aus.
„Ich will ja nicht gemein sein“, flüsterte Helen, deren Blick die Reihe der Boote hinauf und hinunter wanderte, „aber mit der Rose kann’s keines der anderen Boote aufnehmen.“
„Da ist was dran“, bestätigte Niki, die auch an Deck war. „Die Rose ist eines der moderneren Boote hier.“
Was die Boote voneinander unterschied, waren nicht nur Größe und Alter, sondern auch die kleinen Extras, mit denen die verschiedenen Mannschaften sie ausgestattet hatten. Während wir die Anleger entlangspazierten und uns mit den anderen Mannschaften bekannt machten, stellten wir fest, dass viele von ihnen ihre Boote aufgepeppt hatten.
„Die Antiguaner haben ein kleines Kochgerät“, sagte Janette. „Sie haben einen der Rollsitze rausgenommen und es dazwischen installiert.“
„Und Angeln haben sie auch“, ergänzte Niki. „Anscheinend wollen sie sich bis drüben mit Fischen durchschlagen.“
„Mit Fischen?“, fragte Helen.
„Sie kommen an, wann immer sie ankommen – haben sie jedenfalls gesagt“, erklärte Niki total perplex.
„Das Beyond-Team hat ganze Kanister voll Olivenöl zum Trinken geladen“, bemerkte Frances.
„Kriegt man davon nicht Durchfall?“, fragte Helen.
„Und die von der Ocean Reunion haben massenhaft Erdnussbutter mit.“
Während wir von Boot zu Boot gingen und uns umhörten, kamen uns allmählich ernste Zweifel an der Art unserer Vorbereitung. Brauchten wir ein kleines Kochgerät? Sollten wir unterwegs angeln? Erdnussbutter essen und mit Olivenöl nachspülen? Was hatten wir hier zu suchen? Wir gehörten nicht hierher, in diese Gruppe von Extremsportlern. Wir waren vier brave Mamas aus Yorkshire, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten.
„Es reicht!“, sagte Frances energisch. „Wir haben unsere Entscheidung getroffen, und jetzt sind wir hier. Packen wir’s an.“
Wegen der außergewöhnlichen Ansammlung von Ruderern, Helfern und Organisatoren waren auf der kleinen Insel die Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Zum Glück waren Janette und ihr Mann Ben im Jahr zuvor schon einmal als Spähtrupp vorausgefahren und hatten diverse Restaurants ausprobiert und sogar ein paar Kneipen aufgespürt. Mehr noch, sie hatten ein feudales Fünfsternehotel hoch oben am Berg aufgetan, das sie als Quartier geeignet fanden. Frances hatte jedoch andere Vorstellungen gehabt und uns schließlich in einer weniger vornehmen, dafür aber weit praktischeren kleinen Wohnung untergebracht, in der wir hausen konnten, bis unsere Familien eintrafen, um uns mit ihren guten Wünschen ins Rennen zu schicken.
Ein Immobilienmakler hätte die Wohnung im ersten Stock vermutlich als „originell“ angepriesen. Helen sprach euphemistisch von „spanischem Charme“, aber sie hatte sich ja auch das beste Schlafzimmer gesichert – oder vielleicht sollte man sagen, das einzige Schlafzimmer. Es lag, mit einem Doppelbett und einem großen Kleiderschrank ausgestattet, gleich neben dem Badezimmer. Janette landete auf der Bettcouch im Wohnzimmer, Frances und Niki mussten in der „Mansarde“ nächtigen – einem Zwischengeschoss, das den Elementen ungeschützt preisgegeben war. Sie mussten in Eimer pinkeln (sehr zum Amüsement der Nachbarn), da ein Abstieg über die wacklige Leiter mitten in der Nacht erhebliche Verletzungsgefahr mit sich gebracht hätte. Und Verletzungen konnten wir uns nicht leisten. Gerade jetzt nicht, da wir nach all der Plackerei dem eigentlichen Rennen so nahe waren.

 

An unserem ersten Abend hielten wir eine Besprechung ab, um zu entscheiden, was wir an Ausrüstung mitnehmen wollten. Je mehr, desto größer die Last im Boot und desto mühsamer das Vorankommen. Es lag in unserem eigenen Interesse, uns auf ein Minimum zu beschränken. Einige wesentliche Dinge wie das Ersatzruder und der handbetriebene Seewasseraufbereiter mussten mit; Helens Haarglätter und die Familienpackung Glitzerduschgel hingegen würden im Koffer ihres Mannes wieder nach Hause reisen müssen. Sie waren allenfalls auf La Gomera unverzichtbar. Wie auch, so schien es, unsere Spezialunterhosen.
„Wir brauchen im Grund jeder nur zwei“, erklärte Janette.
„Zwei?“, fragte Niki.
Janette nickte. „Irgendwo müssen wir anfangen, warum nicht mit den Unterhosen. Wir werden sie sowieso nicht alle tragen.“
„Warum nur zwei?“, fragte Helen.
„Wegen des Gewichts.“
„Unterhosen wiegen kaum was.“
„Ich weiß, aber mit all dem anderen Zeug, das ihr mitnehmen wollt, ist das Boot am Ende so schwer, dass wir’s nicht mehr rudern können.“
„Es gibt weiß Gott größere und schwerere Sachen, über die wir uns unterhalten sollten. Zum Beispiel über die ›kleinen Zwischenmahlzeiten‹.“
Niki zuckte zusammen. Im Lauf der langen Vorbereitung auf das Rennen waren jeder von uns irgendwann bestimmte Rollen oder Aufgaben zugeteilt worden. Niki war für die abgepackten Zwischenmahlzeiten zuständig. Das war eine der vielen Aufgaben, für die sie bestens geeignet war. Sie isst gern, auch wenn sie schlank ist wie eine Tanne, und wenn sie gerade nicht isst, denkt sie häufig darüber nach, was ihr als Nächstes schmecken könnte. Ganz logisch also, dass ihr die Verantwortung für die Ernährung übertragen wurde.
Ausreichende Energiezufuhr ist bei einem so anstrengenden Mammutrennen selbstverständlich lebenswichtig, und Niki hatte sich ihrer Mission mit der Gründlichkeit gewidmet, mit der sie auch alles andere im Leben angeht. Die Rennregeln schrieben Bordvorräte von sechzig Tagesrationen pro Person vor, und wenn wir davon ausgingen, dass jede von uns tausend bis sechstausend Kalorien am Tag verbrannte, brauchten wir natürlich regelmäßig energiereiche Mahlzeiten und reichlich kleine Imbisse zwischendurch. Da uns nach allgemeiner Aussage die hochkalorische Kost bald derart anöden würde, dass uns alle Lust zu essen verginge, waren die Zwischenmahlzeiten mehr als reiner Gaumenkitzel: Sie würden uns in einer besonders langen Nacht draußen auf See oder in einem Moment der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung bei Kräften und so letztendlich am Leben halten. Niki hatte alle Eventualitäten und Szenarien recherchiert. Sie war durchgegangen, was wir mitnehmen sollten und was sich unter den Einwirkungen von Hitze, Salz und Feuchtigkeit am besten halten würde. Sie hatte sich nach unseren Lieblingsspeisen erkundigt und gefragt, was wir bei einem Sturm von Stärke 8 unserer Meinung nach noch hinunterbringen würden. Leider hatte sich keine von uns wirklich mit den Fragen beschäftigt, die Niki uns per E-Mail zugesandt hatte.
„Wir haben keine besonderen Wünsche“, hatten wir höflich erklärt. „Entscheide du.“ Eine Haltung, die wir noch bereuen sollten.
Janettes gnadenlose Ausmusterung der Unterhosen führte fast zur Meuterei und schließlich zu dem Plan, eine Tasche voll Unterhosen aufs Boot zu schmuggeln. Aus diesen ersten Tagen, in denen wir an unserem Boot herumbastelten, den Rumpf der Rose mit Aufklebern bepflasterten, auf denen die Namen unserer Sponsoren zu lesen waren, und immer wieder unsere Liste der Dinge durchkauten, die unbedingt mit aufs Boot mussten, würde uns am lebhaftesten die absolute „Geht nicht gibt’s nicht“-Einstellung der anderen Teilnehmer in Erinnerung bleiben. Damals lebten wir wirklich noch in einer anderen Welt.
Die Rose lag direkt neben der Row Like a Girl. Es war das Boot einer tollen Truppe bildschöner Frauen, die – es muss gesagt werden – dem Alter nach unsere Töchter hätten sein können. Sie waren blitzgescheit, kompetent und verfügten über jahrelange Erfahrung in allen möglichen Abenteuersportarten.
„Nicht mal, wenn ich zehn Kilo abnähme, würde ich so aussehen“, sagte Janette, die die jungen Frauen dabei beobachtete, wie sie sich gegenseitig eincremten, was die anerkennenden Pfiffe einiger anderer Crews zur Folge hatte. „Ich glaub nicht, dass die auf uns auch so reagieren würden.“
„Bestimmt nicht“, sagte Frances. „Im Gegenteil.“
In diesen ersten Tagen rannten wir hauptsächlich im Ort herum und suchten einen Schiffsausrüster, bei dem wir Taue und Sitzbezüge kaufen konnten, oder wir fachsimpelten mit den jungen Frauen vom Nachbarboot – Olivia, Gee, Bella und Lauren.
„Yogamatten sind die beste Polsterung“, rief Lauren hilfsbereit herüber.
„Echt?“, fragte Helen.
„Sie sind schön weich – angenehm für den Hintern“, fügte Lauren hinzu.
Während wir unsere Boote auf Vordermann brachten, erfuhren wir, dass Lauren schon vor zwei Jahren zusammen mit ihrer Freundin Hannah Lawton einen Anlauf genommen hatte, den Atlantik zu überqueren, der Versuch jedoch gescheitert war. Nach einer Fahrt unter den widrigsten Bedingungen in der Geschichte des Rennens waren sie schließlich gekentert und mit ihrem Boot, über das sie keinerlei Kontrolle mehr hatten, vierzig Tage im Ozean getrieben. Erst nach insgesamt sechsundneunzig Tagen auf See wurde Lauren mit ihrer Freundin von einem kanadischen Frachtschiff gerettet und kehrte nach England zurück. Dass sie es nun noch einmal wagen wollte, sozusagen um die Dämonen auszutreiben, war schier unglaublich. Ihre Geschichte holte uns aus unserem draufgängerischem Überschwang auf den Boden der Tatsachen zurück und veranlasste uns, in aller Stille darüber nachzudenken, worauf genau wir uns hier einließen. Was fiel uns ein, acht Kinder zwischen neun und achtzehn Jahren in Yorkshire zurückzulassen? War das Egoismus? Wahnsinn? Können Frauen eines gewissen Alters, die einen Beruf und familiäre Pflichten haben, so einfach auf und davon laufen, um etwas zu erleben? Dürfen wir das? Was bildeten wir uns eigentlich ein?
Erstaunlicherweise stellte uns hier niemand diese Fragen. Niemand fragte je, was uns einfiel. Niemand zog unsere Motive in Zweifel. Man akzeptierte uns so, wie wir waren. Und natürlich dachten wir manchmal angesichts dieser außergewöhnlichen Leute mit ihrer unerschütterlich positiven Einstellung, die uns nur Mut machten, statt ihn uns zu nehmen, dass es mehr solche Menschen auf der Welt geben sollte. Es gibt einer Frau ein selten empfundenes Gefühl der Stärke, nicht bewertet zu werden.
Allerdings, von der Crew mit dem zuversichtlichen Namen Row2Recovery – vier ehemalige Soldaten, Cayle, Lee, Paddy und Nigel, alle entweder einseitig oder beidseitig beinamputiert – mussten wir einmal Blicke einstecken, als wären wir nicht ganz bei Sinnen. Zu ihrer Entschuldigung muss gesagt werden, dass wir da gerade beim Bootputzen mit voller Lautstärke die erhebende Hymne „Let It Go“ aus Disneys „Die Eiskönigin“, einem Lieblingsfilm unserer Kinder, abspielten. Sie hielten sich stöhnend die Ohren zu und baten uns, die Musik abzustellen, und in genau diesem Moment kam Greg Maud vorbei, ein Soloruderer, der Everest und Kilimandscharo bezwungen und den Marathon des Sables vollendet hatte, und stimmte lauthals in den Refrain ein.
„Let it go-o-o! Go-o-o!“ Er hielt inne. „Was soll ich sagen?“, wandte er sich an das entsetzte Row2Recovery-Team. „Ich hab eine Tochter.“

 

Mit jedem Tag, den das Rennen näher rückte, wurde die Atmosphäre im Ort ein wenig fiebriger. Und proportional zur Spannung wuchs die Anzahl der Gins, die im Blue Marlin gekippt wurden.
Das Blue Marlin, eine in einer Seitenstraße gelegene kleine Kneipe, deren Wände die letzten Worte einstiger Abenteurer zierten, war der inoffizielle Regattatreff, in dem sich nach einem langen, harten Tag des Packens und Umpackens die Ruderer und ihre Helfer zusammensetzten. Alles kreiste hier ums Hochseerudern und den Atlantik, es roch nach Salz und verschüttetem Bier, hier wurde der Grundstein zu Freundschaften und morgendlichem Katzenjammer gelegt. Im Verlauf der Tage wandten sich die Gespräche, die sich bisher um vergangene Abenteuer und haarsträubende Erlebnisse gedreht hatten, der Gegenwart zu. Wir diskutierten intensiv über die richtige Gewichtsverteilung im Boot, wann man einen Treibanker einsetzen sollte (eine fallschirmartige Konstruktion, die bei Stürmen verwendet wird, um das Boot gegen den Wind zu halten) und wann ein Seeanker vorzuziehen wäre (bei stürmischer See und starken Strömungen offenbar). Später am Abend, nach einigen weiteren Gläsern Rum, wurden Gesang und Gitarrenspiel lauter. Nicht selten saßen wir bis zwei, drei Uhr morgens zusammen.
Frances war in ihrem Element. Sie hatte in Southampton studiert und fühlte sich dorthin zurückversetzt, genoss jede Minute wie damals zu ihren Studentenzeiten. Sie, die sonst eher zurückhaltend war, redete und lachte mit allen, ganz offensichtlich angetan von der allgemein positiven Haltung. Natürlich würden wir es alle bis nach drüben schaffen. Natürlich! Natürlich!
Allerdings mussten wir vorher noch die Abschlussüberprüfung bestehen. Wir wussten, dass die Rennleitung kein Boot zulassen würde, das dieser letzten genauen Kontrolle nicht standhielt. Die gesamte Ausrüstung, vom Überlebensanzug über die Sicherheitsleinen bis hinunter zu den Heftpflastern im Erste-Hilfe-Kasten, musste in vorgeschriebener Anordnung neben dem Boot ausgelegt und dann auf einer elf Seiten umfassenden Liste abgehakt werden. Der Tag unserer Abschlussüberprüfung war nervenaufreibend. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um sämtliche Gegenstände neben der Rose auszulegen. Hatten wir auch wirklich alles Erforderliche dabei? Hatten die Taue den richtigen Durchmesser? Lag die vorgeschriebene Schiene im Erste-Hilfe-Kasten? Enthielten unsere Tagesrationen hinreichend Kalorien? Den anderen Mannschaften ging es natürlich genau wie uns, und alle hielten sie zusammen. Wenn irgendwo wirklich etwas fehlte, wurde großzügig geholfen – die verschiedensten Dinge flogen von einem Boot zum anderen, der Gemeinschaftsgeist war großartig. Jeder war für den anderen da.
Die Prüfung selbst war allerdings ein Albtraum. Wie sich ablenken, während Lee von der Atlantic Campaigns Organisation langsam und methodisch die Ausrüstung inspizierte?
„Sollen wir so lange einfach auf dem Kai auf und ab spazieren?“, meinte Helen.
„Einen Kaffee trinken gehen?“, fragte Frances.
„Ich bin viel zu nervös“, erklärte Niki. „Stellt euch vor, es fehlt was.“
Schließlich wechselten wir uns bei der Beantwortung von Lees Fragen ab, sonst wären die zwei Stunden, während er unsere Sache durchsah, unerträglich gewesen. Wir warteten mit Herzklopfen und trockenen Mündern. Aber dann, schließlich, endlich. Wir hatten bestanden. Niemals sind vier berufstätige Mütter so glücklich darüber gewesen, fünfunddreißig Heftpflaster vorweisen zu können. Wir waren startbereit und konnten die Rose zu Wasser lassen. Wir buchten einen Termin für den folgenden Morgen.
Wir waren in Hochstimmung. Nichts konnte uns mehr aufhalten.
Doch unsere erste Probefahrt ernüchterte uns. Den Rennvorschriften zufolge musste man mindestens vierundzwanzig Stunden Hochseeerfahrung mit dem Boot mitbringen, bevor man starten durfte, aber obwohl wir dieses Kästchen schon angekreuzt hatten, mussten wir erst einmal herausfinden, wie sich unsere Rose im Atlantik verhalten würde. Wie würden wir mit ihr zurechtkommen? Außerdem konnte es nicht schaden, ein paar Dinge zu üben – zum Beispiel die Inbetriebnahme des Seewasseraufbereiters –, solange wir eventuelle Korrekturen noch auf festem Boden vornehmen konnten. Wenn nach dem Start irgendetwas nicht klappte, würden wir es auf See in Ordnung bringen müssen. Und wir wussten alle, wie schwierig das werden würde. Jedes Problem, das sich schon jetzt zeigte, war gewissermaßen ein Geschenk.
Kaum eine Stunde außerhalb des Hafens unterwegs, stießen wir auf das erste Haar in unserer Suppe: Helen. Die See war stürmisch, die Wellen waren kabbelig und trafen uns von allen Seiten. Man hatte uns vorgewarnt, dass die See vor La Gomera in den ersten Wochen wild und gefährlich sein würde, doch wir hatten gerade erst den Hafen hinter uns gelassen, da wurde unser Boot schon herumgeworfen wie ein Pingpongball in einem Jacuzzi, und damit hatten wir nicht gerechnet.
„Ich glaube, ich muss mich übergeben“, verkündete Helen und opferte prompt ihr Frühstück den Wellen.
„Und noch mal!“, schrie sie.
Helen litt chronisch an Seekrankheit, nicht ideal für eine Hochseeruderin. Wir wussten alle, dass sie kein Wasserfahrzeug betreten konnte, ohne seekrank zu werden, und wir hatten unzählige Male darüber gesprochen. Sie war im Übrigen nicht die einzige Anfällige, auch Frances war gegen gelegentliche Anwandlungen von Übelkeit auf dem Wasser nicht gefeit. Es gab allerdings einen Unterschied zwischen den beiden: Wenn Frances schlecht wurde, warf sie das Ruder hin, fütterte schnell die Fische und ruderte dann weiter. Helen hingegen wurde völlig apathisch, war keiner Bewegung mehr fähig, konnte nicht rudern, die Kajüte nicht verlassen. Sie lag nur da, unfähig zu sprechen oder zu schlucken, und gab Laute von sich, die wie das Muhen einer Kuh klangen.
Dabei hatte sie wirklich alles versucht – Tabletten, Tropfen, Ingwerkekse. Sie hatte für den Notfall sogar ein starkes Antiemetikum dabei, das eine befreundete Medizinerin, Caroline Lennox, ihr empfohlen hatte. Der schneidige Rennarzt Thor Munsch, dem sie es gezeigt hatte, riet allerdings von der Einnahme ab und empfahl ihr schlicht und einfach, sie solle den Dingen ihren Lauf lassen, sobald sie Übelkeit verspüre, und abwarten, bis sie sich wieder legte. Doch Helen wollte unbedingt ein Gegenmittel finden. Bei unserem ersten Ausflug auf den Atlantik probierte sie es deshalb mit den sogenannten TravelShades, einer Spezialbrille, bei der auf einem Auge die Sicht blockiert wird und die der Herstellerfirma zufolge eigentlich wirken musste.
„Sie wirkt überhaupt nicht“, protestierte Helen, gekrümmt an die Reling geklammert. „Der einzige Unterschied ist, dass ich jetzt auf einem Auge blind bin.“
Sie drehte sich nach Janette um, die am Steuer saß, während Frances und Niki ruderten. Es war beinahe zum Lachen, sie da mit flatternden braunen Haaren und ihrer einäugigen Brille an der Reling hängen zu sehen.
„Ich nehme wieder meine Stugeron-Tabletten“, verkündete sie, nachdem sie sich noch einmal übergeben hatte, und verschwand unten in der Kajüte.
Wenn ein Mannschaftsmitglied wegen Seekrankheit ausfällt, stellen sich zwei Probleme. Nicht nur müssen die übrigen Crewmitglieder seine Aufgaben übernehmen, was auf einem so kleinen Boot, zumal auf einer Atlantiküberquerung, praktisch unmöglich ist; auch die Möglichkeiten, in einer Gefahrensituation, in der jeder Mann beziehungsweise jede Frau gebraucht wird, adäquat zu reagieren, sind erheblich eingeschränkt.
Und es dauerte nicht lange, da erwischte es uns. Wir waren vielleicht anderthalb Stunden auf unserer Probefahrt unterwegs, als der Wind und die Strömung plötzlich umschlugen und uns den Felsen vor dem Hafen entgegentrieben.
„Eins! Zwei!“ Janette feuerte Niki und Frances an, rudernd dagegenzuhalten und das Boot von den Felsen wegzusteuern. Die Wellen, die von allen Seiten heranstürmten, durchnässten uns bis auf die Haut. „Mehr Zug!“, schrie sie und riss am Steuerruder, um zu verhindern, dass das Boot den schwarzen Felszacken entgegenraste, die über den Schaumkronen gerade noch sichtbar waren.
„Helen!“, schrie Janette. „Helen! Wir brauchen dich. Wir fahren direkt auf die Felsen zu.“
Dann: „Helen, los jetzt, an die Ruder, sonst schleudert’s uns an die Felsen.“
Und: „Helen, wenn du jetzt nicht kommst und uns hilfst, sterben wir alle. Rudern oder sterben!“
Ihr Ton war todernst. Was für eine absurde Vorstellung, dass wir diesen langen Weg zurückgelegt hatten und dann nicht verhindern konnten, dass das Boot noch vor Beginn des Rennens an den Hafenfelsen zerschellte oder mindestens schweren Schaden nahm.
„Helen!“
Helen kroch aus der Kajüte, blickte, immer noch mit ihrer einäugigen Brille auf der Nase, vom Heck über die Wellen zu den schwarzen Felsen, schluckte, kaum fähig zu sprechen.
„Alles gut“, stieß sie mühsam hervor. „Suicide Steve ist da drüben, und er ist viel näher dran als wir. Wir sind meilenweit weg.“
„Er ist viel dichter an der Hafenmauer, da ist der Wind lang nicht so stark. Wenn du mal die verdammte Brille abnehmen würdest, könntest du vielleicht was sehen.“
Als wir uns zum Hafen zurückkämpften, sahen Helen und Janette einander an. Obwohl Helen wusste, wie leicht sie seekrank wurde, hatte sie stets darauf beharrt, dass sie durchhalten würde. Sie würde uns nicht im Stich lassen. Sie würde eisern weiterrudern, komme, was da wolle. In diesem Moment jedoch lag Zweifel in ihrem Blick. Angst sogar. Würde sie das wirklich schaffen? Es gab reichlich Geschichten von strammen Ruderern, die wegen starker Dehydrierung von ihren Booten geborgen werden mussten. Ein paar Tage starken Erbrechens reichten, um aus einem kräftigen, wohlgenährten Profiruderer ein zitterndes Häufchen Elend zu machen. Konnte Helen das wirklich durchziehen? Und wie sollte das gehen, wenn sie nicht einmal einen Nachmittag im Atlantik durchgehalten hatte? Wir hatten dreitausend Meilen vor uns.
„Ich nehme das Stugeron“, versicherte sie uns, als wir neben der Row2Recovery anlegten. „Ich esse die Ingwerkekse. Ich schaff das.“
Während wir zusahen, wie sie, immer noch wacklig, aus dem Boot kletterte, beteten wir, dass sie recht haben möge.

 

Wenige Tage später kamen unsere Familien mit allen acht Kindern zusammen. Nachdem der liebenswürdige Ron aus Halifax sie abgeholt und zur Fähre gebracht hatte, trafen sie aufgeregt und zu bedingungsloser Unterstützung bereit auf La Gomera ein. Es war wunderbar, sie bei uns zu haben; sie ließen uns die wachsende Nervosität und Anspannung rund um die Regatta fast vergessen, und wir genossen es, ihnen alles zu zeigen.
Wir hofften, etwas von unserem Enthusiasmus über unser Vorhaben werde sich auf sie übertragen. In einer Welt, die bestimmt wird von Snapchat und Instagram, in der einem vorgeführt wird, dass man nie genügen kann, wollten wir ihnen die Macht der positiven Gedanken zeigen; dass man alles erreichen kann, wenn nur der Wille da ist und die Bereitschaft, hart für sein Ziel zu arbeiten. Und nichts wirkt positiver, als mit einem Haufen Ruderer abzuhängen, die entschlossen sind, den Atlantik zu überqueren. Alle, ohne Rücksicht auf Glauben, Hautfarbe, Lebensgeschichte und persönliches Schicksal, hatten das gleiche Ziel. Es gibt einen Spruch, den wir auf unserem Weg zu den Kanaren ein paarmal zu hören bekamen. „Wenn du fragen musst: ›Warum den Atlantik überqueren?‹, dann wirst du die Antwort nie verstehen.“ Die Antwort lautet natürlich: „Weil er da ist.“ Und alle, die abends im Blue Marlin bei ihrem Bier saßen, verstanden das. Genauso wie die Crews, die ihre Fertigmahlzeiten packten, an ihrer Ausrüstung herumbastelten und sich in ihrer Nervosität vor dem Rennen immer etwas Neues zur eigenen Beschäftigung einfielen ließen.
Unsere Familien waren uns eine große Hilfe. Ben und Pete, Nikis Vater, nahmen uns kraftraubende Schleppereien ab, hievten das Steuerruder herum, verstauten den riesigen Seeanker und weihten uns in den Umgang mit den Elektrowerkzeugen und dem Seewasseraufbereiter ein. Unvergesslich, wie Ben eines Abends, als wir im Blue Marlin unsere Gin Tonics tranken, uns mit Engelszungen auseinandersetzte, wie der Aufbereiter funktionierte. Er erklärte genau, wie oft der Filter gewechselt werden musste und wie genau wir vorgehen sollten. („Prüft ihn einmal die Woche und wechselt ihn, sobald er sich gelb verfärbt.“)
„Aber natürlich“, versicherte Janette und trank einen Schluck aus ihrem Glas.
„Unbedingt“, sagte Helen nickend.
„Ganz klar“, bestätigten Frances und Niki.
Später sollten wir erkennen, dass es vielleicht hilfreich gewesen wäre, wenn wenigstens eine von uns an dem Abend zugehört hätte.
Die anderen Ehemänner, Richard, Gareth und Mark, mussten sich große Mühe geben, um unsere ganze Sippe zusammenzuhalten – Helens zwei Kinder, Henry (13) und Lucy (16); Nikis Aiden (9) und Corby (12); Janettes Safiya (14) und James (18); und Frances’ Jack (13) und Jay (14). Die älteren Kinder waren natürlich eine größere Hilfe als die jüngeren und ließen sich gern losschicken, um in letzter Minute noch eine Schere oder eine Rolle Seil zu besorgen. Dafür taten die Kleineren genau das, was wir gehofft hatten – sie mischten sich unter die Mannschaften, ließen sich deren Geschichten erzählen und kamen mit leuchtenden Augen zurück. Am meisten faszinierten sie verständlicherweise die Jungs von der Row2Recovery. Sie fanden es unglaublich, dass vier Männer mit so schweren körperlichen Handicaps tatsächlich die Überquerung eines Ozeans wagten. Sie waren die Verkörperung des positiven Denkens.
Aber so glücklich wir darüber waren, unsere Familien um uns zu haben, es gab auch sehr viele Momente, in denen wir uns zerrissen fühlten. Ursprünglich war geplant gewesen, dass unsere Leute am Mittwoch und Donnerstag kommen und am Sonntag vor dem für Dienstag angesetzten Start wieder abreisen würden. Da es noch so viel zu überprüfen und zu regeln gab, verbrachten wir den größten Teil der Tage mit der Rose und kamen nur abends dazu, unsere Kinder wirklich zu genießen.

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