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Feminismus Bücher

Gender, Gleichberechtigung, #metoo

Die aktuelle Debatte zum Feminismus ist geprägt von vielen Facetten: #metoo, Quotenregelungen, gleiches Geld für gleiche Arbeit, genderneutrale Sprache, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die sich daraus ergebenden Fragestellungen bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, das Thema ist aktueller denn je und das Bewusstsein, wie weit sich patriarchale Strukturen durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen war noch nie so groß.

In der feministischen Literatur werden die unterschiedlichsten Ansätze verfolgt. Teilweise wird auf eine historische Diskursanalyse Bezug genommen oder es wird die weibliche Psyche thematisiert. Einige der Autoren fühlen sich stark der politischen Frauenbewegung verbunden, wodurch in ihren Werken gesellschaftliche Probleme wie die aktuelle Debatte zu #metoo Eingang finden. Um welchen Themenbereich es sich auch handelt, stets vereint die Werke ein Interesse für frauenspezifische Themen. Die Geburtsstunde der feministischen Literatur war 1929 mit dem Werk „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf. Nur 20 Jahre danach folgte ein weiteres bedeutendes Werk dieses Genres mit dem Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Ausgehend von diesen beiden Paradewerken der feministischen Literatur sind zahlreiche weitere Werke anderer Autorinnen entstanden, die Frauenthemen auf spannende Weise angehen.

So unterschiedlich die Fragestellungen, so unterschiedlich auch unsere Bücher, die sich unter dem großen Thema Feminismus zusammenfassen lassen. Ob es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, um das Leben mit Familie und Beruf oder um die Neudefinierung von Geschlechterrollen – unsere Autorinnen und Autoren kommentieren diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Auch literarisch nähern sich Autorinnen und Autoren dem Thema auf verschiedenen Wegen an. Deshalb gehören zu dieser Sammlung von Büchern für Frauen und Frauenthemen auch unbedingt einige Romane.

Entdecken Sie mit feministischer Literatur sich selbst und den Feminismus auf neue, erhellende Weise!

Mit der Kunst von Frauen durch die Epochen und die Welt

 The Story of Art without Men The Story of Art Without Men
Hardcover (32,00 €) E-Book (29,99 €)
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Große Künstlerinnen und ihre Werke

„The Story of Art without Men“ steht auf der Shortlist für das „Book of the Year“ bei Waterstones

Wie viele Künstlerinnen kennen Sie? Wer schreibt letztendlich Kunstgeschichte? Haben Frauen vor dem 20. Jahrhundert überhaupt als Künstlerinnen gearbeitet?

Bis in unsere Gegenwart hinein wirkt die Kunst, die über Jahrhunderte hinweg von Männern für Männer gemacht wurde – dieses Buch beweist, wie einseitig dieses Bild ist. Katy Hessel nimmt uns mit auf eine Reise durch die Epochen und zeigt, welch tiefgreifenden Einfluss Künstlerinnen über die Zeit hinweg hatten, welche Pionier­arbeit sie häufig leisteten und wie sie verschiedene Stile, Techniken und Strömungen prägten.

Entdecken Sie mit ihr viele Kunstformen, die oft übersehen oder abgetan werden, und zahlreiche aufregende Werke, die an der „Geschichte der Kunst“ eben­falls erheblichen Anteil hatten. So gibt die Autorin unbekannten, ver­gessenen oder bislang unsichtbaren Künstlerinnen aus aller Welt die Bühne, die sie verdienen.

In diesem Buch entdecken Sie die schillernde Sofonisba Anguissola der Renaissance, die bedeutendste italienische Malerin des Barock Artemisia Gentileschi, das radikale Werk von Harriet Powers in den USA des 19. Jahrhunderts und viele weitere außergewöhnliche Frauen, die bis auf wenige Ausnahmen wie Frida Kahlo oder Paula Modersohn-Becker bislang wenig beachtet wurden. Von der Küste Cornwalls bis Manhattan, von Nigeria bis Japan – dies ist die eine zeitgemäße Geschichte der Kunst. Eine Geschichte, bei der Frauen im Mittelpunkt stehen.

Ein Buch das zeigt, wie sehr Frauen die Kunst prägen - aufwendig und liebevoll gestaltet, mit über 300 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen

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Gesellschaftlicher Wandel: wie sich der Blick auf Frauen und Geschlechterrollen verändert

Die Geschlechterrollen sind je nach dem historischen und regionalen Kontext sehr unterschiedlich. In der westlichen Gesellschaft sind die patriarchalischen Strukturen von einst noch deutlich zu erkennen. Eine Bundeskanzlerin und Frauenquoten konnten die bestehende Ungleichheit von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben nicht eliminieren. Die Geschlechterrollen sind fest in den Köpfen verankert und werden durch unveränderbare biologische Gegebenheiten gefördert.

Wahrheit oder PflichtWahrheit oder Pflicht

Was ich übers Frausein gelernt habe

Vom Großwerden und Großsein, vom Stolpern und Sichwundern und wie Freundschaften alles schöner machen.

Lena Kupke ist zunächst genau so, wie es dieser Name vermuten lässt – ein privilegiertes Mädchen, das zunächst die Erwartungen anderer erfüllt. Bis sie alles, also ihren Bachelor, hinschmeißt und das einzig Wahre macht: Sie schreibt sich die Hauptrolle in ihrer eigenen Telenovela. So sieht „Rebellion“ aus. Wie das alles mit Periodengeschichten auf der Stand-up-Comedy-Bühne enden konnte, weiß sie selbst nicht genau. Was Lena aber weiß, ist, dass Liebeskummer endlich ist, Beziehungsarbeit nervt und nichts wichtiger ist als die richtigen Freund*innen. Und genau dann, wenn eigentlich alles easy peasy lemon squeezy für Lena läuft, sagt ihre Frauenärztin: „Ihre Eier sind übrigens auch 35 Jahre alt, entscheiden Sie sich, sonst entscheidet die Natur für Sie.“

Lena Kupke beleuchtet nahbar und selbstironisch die Themen, mit denen die meisten Frauen früher oder später konfrontiert werden. Ihre Geschichte ist eine von Gefälligkeit, Rebellion, Unsicherheit, Liebe, Mut und dem Kampf, einen eigenen Lebensentwurf zu leben.

„Lena Kupke ist nicht nur eine der lustigsten Frauen Deutschlands, sie hat mich dank ihres wunderbaren Buches auch daran erinnert, dass Frausein wirklich nur etwas für Profis ist.
Ich wünschte, ich hätte es ab dem ersten verwirrenden Tag meiner Pubertät gehabt, dann wäre ich mir die nächsten 15 Jahre nicht permanent wie eine Vollidiotin vorgekommen.“
Anika Decker

„Lena Kupke kann tatsächlich schreiben, und das kann man von wenigen behaupten.“
Moritz Neumeier

Das erste Mal Blut in der Unterhose und was in der Pubertät sonst noch so passiert.
PS: Will Albrecht trotz fester Zahnspange mit mir gehen, und darf ich noch mit meinem Bruder Indiana Jones spielen?

„Achtung, fertig, los!“, brüllt unser Sportlehrer in seiner viel zu knappen Jogginghose und lässt die beiden Seiten der hölzernen Startklappe heftig aufeinanderschlagen. Wir rennen los und wirbeln dabei den roten Schotter auf. Meine Blase krampft. Schon vor dem Startschuss musste ich dringend pinkeln, und jetzt, nach den ersten fünf Metern, frage ich mich verzweifelt, wie ich die ganze Runde um den Rotbachsee schaffen soll. Neben mir läuft Sanja aus der Oberstufe, ich sehe zu ihr rüber und sage: „Ich muss ganz dringend pinkeln.“ Vielleicht hat sie eine Idee, schließlich sind die aus der Oberstufe schon erwachsen. Sanja strahlt und ruft mir zu: „Das ist doch super, umso schneller bist du im Ziel!“ Haha, denke ich mir. Erstens ist das gar nicht lustig, Sanja, zweitens, wieso bist du überhaupt nicht außer Atem, und drittens fühle ich mich im Moment eher so, als würde meine Blase in dieser hautengen Sporthose gleich explodieren. Doch irgendwie halte ich dann doch durch. Schließlich will ich auch so cool und stark sein wie Sanja. Zum dritten Mal mache ich beim jährlichen Schullauf um den Rotbach in Hiesfeld mit. Ich bin dreizehn Jahre alt und renne von meiner Kindheit in meine Jugend – ohne es zu wissen.

Direkt nach dem Zieleinlauf schlage ich mich ins Gebüsch – oh, welche Erleichterung. Gerade als ich mir meine Unterhose wieder hochziehen möchte, um zu meinen Freundinnen zurückzugehen und über unseren peinlichen Sportlehrer Herrn Falke zu lästern und darüber, dass Julia sauer ist, weil Lisa mit Spikes gerannt ist und allein deswegen schon schneller war, sehe ich in meiner Unterhose einen roten Strich. Nach kurzer Irritation überfällt mich ein mulmig aufgeregtes Gefühl – das muss sie sein: die Periode.

Ach, du Scheiße! Die hat sich gar nicht angekündigt, sonst hätte ich mich doch vorbereitet und müsste jetzt nicht Gefahr laufen, mir vor der ganzen Klasse die Hose vollzubluten! Wie viel Blut kommt da denn jetzt? Wie viel Zeit bleibt mir, um mich zu „versorgen“? Noch vor zwei Minuten gab es all diese Fragen in meinem Leben nicht. Wenn das der Beginn des Frauseins ist, dann fühlt sich das jetzt schon sehr stressig an, finde ich. Und darauf habe ich wirklich gar keine Lust, mir reichen schon die Schule, die ich nicht mag, und die Krankengymnastik, zu der ich wegen meiner leichten Skoliose muss. Doch ein bisschen aufregend und cool ist es schon auch. All diese Gedanken schwirren mir im Kopf herum, während ich meine Unterhose und meine Sporthose wieder hochziehe. Ich eile zu meinen Freundinnen zurück und ziehe Inga zur Seite. „Inga, ich hab gerade meine Tage bekommen.“ – „Krass! Okay, du musst jetzt sofort zu Frau Herrmann ins Sekretariat, die hat Binden. Ich komm mit. Fällt den Lehrern eh nicht auf, wenn wir fehlen.“ Inga hat schon zweimal ihre Periode gehabt, sie ist also erfahren und genießt mein volles Vertrauen. Wir gehen los, während sich auf dem Schotterplatz vorm Rotbach die Neuigkeit wie ein Lauffeuer verbreitet. „Lena hat gerade ihre Tage bekommen, die blutet jetzt.“ Die Aufregung liegt in der Luft wie unangenehmer Nieselregen, der einem die Sicht nimmt.

Etwa fünfzehn Minuten später klopfe ich verlegen an Frau Herrmanns Tür, deren Namen ich erst seit ein paar Wochen kenne. Ihre Bekanntheit beruht nämlich allein auf der Tatsache, dass sie fast wöchentlich eines der Mädchen aus meiner Stufe mit einer Binde oder einem Tampon versorgt. Frau Herrmann ist sozusagen die Bindendealerin unserer Schule. Ein Monopol. Sie ist die alleinige Anführerin eines Minimatriarchats, gefangen in einem verstaubten toxischen Patriarchat. Die Übergabe der Ware geschieht schnell und emotionslos, Frau Herrmann stellt keine Fragen. Es dauert keine zehn Sekunden, und ich habe eine riesige Binde in der Hand. Ich hatte keine Ahnung, dass Frausein bedeutet, wieder Windeln tragen zu müssen. Aber wer bin ich, diese für mich neue Materie direkt zu hinterfragen? Schnell eile ich auf das Schulklo weiter, das in seiner Ästhetik und Sauberkeit genau das erfüllt, was man von diesem Ort erwarten würde. Die Toilettenbrille ist voller Urintropfen, in der Luft liegt der Duft eines Tigergeheges, und mit Glück hängen an der falsch aufgewickelten Klopapierrolle noch zwei Blätter, aber das ist dann auch wirklich Luxus. Die obligatorisch vollgekritzelte Kabinentür gibt Aufschluss über die großen Themen der Menschheit – Liebe, Stolz, Schmerz, Tragik, Wut, Hass und dass Jessi hier war: „Ich war hier. Jessi.“ Danke für die Info! Es ist immer gut zu wissen, mit wem du dir die Toilette teilst.

Mit einem Pampers-Po trete ich raus auf den Gang und kann das Ende des Schultags kaum erwarten. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Glocke läutet, setze ich mich mit meinem Bindenhintern auf mein Fahrrad und düse los. Von unserem Fahrradschuppen im Garten stürze ich zur Terrassentür hinein und erzähle meiner Mutter direkt die Neuigkeiten. Sie freut sich. Als ich ihr die gigantische Binde zeige, die ich von der Schulsekretärin bekommen habe, lacht sie: „So eine große brauchst du noch gar nicht. Du kannst auch direkt o. b.s nehmen, die sind viel angenehmer.“ O Mann, diese vielen neuen Informationen überfordern mich. Ich möchte auf jeden Fall erst mal bei Binden bleiben, da ich keinerlei Interesse daran habe, etwas in mich hineinzustecken. Die sind ja verrückt, die Erwachsenen! Das können die schön ohne mich machen. Trotzig gehe ich nach oben in mein Zimmer, während meine Mutter mir hinterherruft: „Wenn du magst, kannst du es Papa selbst erzählen, wenn er nach Hause kommt. Das fänd er sicher schön.“

Als mein Vater die Haustür aufschließt, hüpfe ich also die Treppe hinunter, lehne mich über das Geländer und platze direkt heraus: „Papa, ich habe jetzt meine Tage.“ Sichtlich irritiert und noch in voller Montur steht er im Hausflur und murmelt erst mal nur: „Schön, Leni.“ O. k., denke ich, das war ziemlich einfach, und noch während mein Vater seine Schuhe auszieht und seine Jacke aufhängt, hüpfe ich die Treppe wieder nach oben in mein Kinderzimmer. Oder ist es jetzt mein Jugendzimmer? Ach, das ist alles so verwirrend. Wegen ein bisschen Blut muss ich mich jetzt neu erfinden? Meine größte Sorge ist aber eine ganz andere: Ich habe Angst davor, dass ich jetzt immer wieder einfach so aus heiterem Himmel und ohne jede Vorwarnung meine Tage bekomme. Was, wenn ich mir in der Öffentlichkeit in die Hose blute? Das wäre so peinlich! Mir kommt es so vor, als würde ich auf einer tickenden Zeitbombe sitzen, deren Zündschnur jederzeit Feuer fangen kann. Wie soll ich denn immer und überall auf einen möglichen Blutstrom vorbereitet sein?

Jetzt verstehe ich, warum Lydia die Vordertasche ihres Eastpaks mit Binden vollstopft. Die ist perfekt ausgestattet! Damit ist sie nicht die Einzige in unserer Stufe. Tatsächlich scheint ein regelrechter Trend loszubrechen, wer wie viele Binden im Eastpak transportieren kann. Und am besten möglichst verschiedene. Also ragen aus den Rucksackvordertaschen meiner Mitschülerinnen blaue, grüne und schwarze Verpackungen hervor. Der obligatorische Bebe Perlglanz wird absichtlich im selben Fach verstaut, damit es einen guten Grund gibt, die Vordertasche möglichst oft und demonstrativ zu öffnen und den Blick auf die neu gewonnene Weiblichkeit zu lenken. Wie ein Pfau, der sein Federkleid auffächert, breiten meine Mitschülerinnen die Binden aus, um die Jungs mit der frisch erlangten Geschlechtsreife zu beeindrucken. Ich selbst bin von diesem Spiel zugleich fasziniert und überfordert. Welche Stärke brauche ich denn jetzt, wie lang muss die Binde sein, und wozu braucht die eigentlich „Flügel“? Welche Farbe ist die richtige für mich? Da meine Eltern Überfluss ablehnen, befürchte ich, dass es in meinem Eastpak ohnehin monochrom zugehen wird. Eins ist klar, ich werde auf keinen Fall selbst in den Drogeriemarkt gehen und mich durch die Binden-Regale wühlen. Das ist ja megapeinlich. Binden sind nämlich ausschließlich in den Vordertaschen unserer Rucksäcke cool, nirgends sonst. Zudem ist es in einer Kleinstadt unmöglich, anonym einzukaufen. Zum Glück übernimmt meine Mutter die Binden-Safari für mich und trifft dabei prompt auf Frau Kunze, die Mutter einer Mitschülerin. Zusammen begeben sich die seit Jahrzehnten blutenden Frauen für ihre Premierenperiodentöchter auf die Suche nach der aktuellen Bindenmode und entscheiden sich schließlich für die grüne Version.

Als ich die gesamte Packung – 32 Binden – in meinen Rucksack quetsche, schaut meine Mutter höchst irritiert, lässt mich dann jedoch kommentarlos allein, wofür ich sehr dankbar bin. Kurze Zeit später kommt sie zurück in mein Zimmer. Es scheint ihr sehr wichtig, mir zu vermitteln, dass ich mich nicht eingeschränkt fühlen muss, und so wiederholt sie eindringlich: „Du kannst immer noch auf Bäume klettern und spielen, auch wenn du deine Tage hast. Vielleicht probierst du doch mal o. b.s aus, die sind wirklich viel angenehmer, und du kannst dich viel freier bewegen als mit einer Binde.“

Es dauert zwei Zyklen, dann bin ich bereit dafür. Denn die ersten Gänge mit diesen quietschenden Lappen zwischen den Beinen verändern tatsächlich mein Selbstbild und – wie von meiner Mutter angekündigt – meine Bewegungsfreiheit, und das sehe ich gar nicht ein. Mein erster Versuch, einen Tampon zu benutzen, verläuft ungelenk. Ich kenne mich mit meinen inneren Wegen noch nicht gut aus und habe keine Ahnung, wie tief ich dieses kleine Wattewürstchen einführen soll. Nach kurzem, unbeholfenem Gestoße bin ich erfolgreich und verlasse das Bad. Doch schon nach den ersten Schritten beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl: Irgendetwas scheint schiefgelaufen zu sein – es fühlt sich so an, als würde mir etwas zwischen den Beinen hängen. Hilfe suchend rufe ich nach meiner Mutter. „Mama, das fühlt sich ganz komisch an. Ploppt das da gleich wieder raus?“ Meine Mutter eilt herbei. „Ne, dann sitzt es nicht richtig. Das darfst du gar nicht spüren! Wahrscheinlich musst du es tiefer einführen.“ Noch tiefer? Ich bin entrüstet! Das ist doch ekelig, sich selbst einen Finger so tief reinzustecken. „Wie denn?“ Verzweifelt schaue ich meine Mutter an. Sie erkennt meine Hilflosigkeit und geht mit mir zusammen ins Badezimmer. „Am einfachsten ist es, wenn du dich hinhockst.“ Also hocken wir zu zweit im Badezimmer, während ich versuche, mir den Tampon tiefer reinzuschieben. In einer Phase, in der ich mich abzunabeln versuche, wirft uns diese Situation gefühlt ins Kleinkindalter zurück. „Es geht nicht weiter, ich komme da nicht um die Ecke. Wieso ist da überhaupt eine Kurve?“, frage ich. „Du verkrampfst! Du musst locker lassen. Huste mal, das hilft.“ Und tatsächlich: Drei Huster später sitzt das o. b. endlich so, dass ich es nicht mehr spüre, fest in den Tiefen meines Unterleibs. Ich bin stolz und fühle mich sehr geheimnisvoll. Schließlich weiß niemand, dass etwas in mir steckt, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir jeder meinen ersten Tampon ansehen kann. Gerade als ich meine ersten Schritte als o.-b.-Trägerin gehe, ruft meine Mutter mir hinterher, dass ich ab jetzt immer aufschreiben soll, wann und wie lange ich meine Periode habe. Ich stöhne: Noch mehr Hausaufgaben?! Ich mache schon die für die Schule nicht. Allmählich wird mir das Frausein tatsächlich lästig.

Mein kleiner Bruder scheint frei von Sorgen zu sein, er rennt weiterhin wild und frei als Indiana Jones durch den Garten. Mittlerweile hat er neben seinem Indi-Hut, den wir extra in einem schicken Hutladen gekauft haben, auch eine Indiana-Jones-Peitsche und läuft in unserem 145-Quadratmeter-Garten zu Höchstformen auf. „Lena, komm raus spielen“, ruft er mit Blick zu meinem Fenster. Dabei rollt er sich extra eindrucksvoll über den frisch gemähten Rasen, um mich zu animieren, mit ihm zu spielen, so wie wir es seit seiner Geburt getan haben. Aber irgendetwas hält mich zurück. Ich stehe am Fenster und möchte schreien: „Ja! Ich komme runter!“ Doch da ist eine neue Stimme in mir, die sagt: „Du kannst jetzt nicht mehr so Babyspiele spielen, du musst jetzt coole Sachen machen.“ Die Stimme ist so stark, dass ich auf sie höre, statt das zu tun, was ich eigentlich möchte. Von da an soll mir das noch sehr oft passieren. Ich bleibe also in meinem Zimmer, was genauso langweilig ist, wie es klingt, und überlege, was ich mit dieser neuen Identität anstellen könnte.

Den Mädchen in meiner Klasse scheint es ähnlich zu gehen, auch sie hängen etwas verloren zwischen Kindheit und Jugend. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Identität und auf ganz pragmatischer Ebene auch auf der Suche nach neuen Freizeitaktivitäten. Schließlich ist allen klar, dass wir in den Pausen nicht länger Fangen spielen können, und der Bindenhype ist auch nicht wirklich zeitfüllend oder unterhaltend. Also starten wir sogenannte Freundebücher, in die wir jeden Tag schreiben. Wer wen mag und wer in wen verknallt ist. Ein einziges Ranking an Beliebtheit. Doch diese Bücher erfüllen mich nicht, denn sie können nicht ansatzweise das fantasievolle Spielen ersetzen. Außerdem habe ich immer Angst, was die anderen wohl über mich schreiben und denken. Ich fühle mich bewertet und beobachtet und werde unsicher. Zu Hause fange ich an zu singen – laut in meinem Zimmer –, da ich nur wenige CDs habe, ist meine Playlist sehr begrenzt. Hätte es schon YouTube gegeben, hätte ich wohl sämtliche Karaoke-Varianten durchgeklickt. So aber bin ich allein mit meinen drei CDs, einem CD-Player und mangelhaften Englischkenntnissen. Meinen Spaß trübt es trotzdem nicht. Lauthals singe ich: „Qui, Quy, Quo“, in der Überzeugung, dass das der richtige Text von What’s Up von 4 Non Blondes ist und meine Aussprache perfekt klingt. In dieser Illusion bewege ich mich als selbstbewusste und extrem coole Frontfrau entweder vor imaginärem Publikum oder drehe ein heißes Musikvideo, bis mein Bruder reinkommt und meine Selbstwahrnehmung einem harten Realitätscheck unterzieht. „Das klingt voll scheiße, Lena. Du denkst, du singst Englisch, aber du singst einfach nur ›Qui, Quy, Quo‹.“ Er hat eben von klein auf das bessere Melodie- und Sprachgefühl. Aus Rache werfe ich seinen Hut in die Ecke, schubse ihn aus meinem Zimmer und tue das Drastischste, was ich tun kann: Ich schließe ab. Für uns, die immer die besten Freunde waren und zusammen die fantasievollsten Spiele erfunden haben, ist diese abgeschlossene Tür gleichbedeutend mit einem eisernen Vorhang. Hinter der Tür suhle ich mich in dem frisch gesäten Zweifel über meine englische Aussprache. Schließlich habe ich die Lösung: Ich nehme mich mit dem Kassettenrekorder auf und gebe alles. Noch mal richtig in die Höhe und das letzte Wort schön laut aussingen. Freudig spule ich die Kassette zurück, um mir die Aufnahme anzuhören. Schon mit dem ersten Ton schwindet meine Begeisterung, und ich muss mir schmerzhaft und schamvoll eingestehen, dass meine „Gesangsperformance“ tatsächlich eher an eine logopädische Übung mit Fantasiesprache in völliger Rhythmuslosigkeit erinnert. Ich schäme mich – wie peinlich! Dabei spreche ich doch fließend Englisch und unterhalte mich regelmäßig mit meinen imaginären internationalen Freund*innen. Wenn ich allein zu Hause bin, halte ich vor dem Spiegel einen wahnsinnig witzigen und unterhaltsamen Vortrag über mein Leben. Und was soll ich sagen: Die Leute lieben mich. In diesen Momenten kann ich alles sein, was ich in der Schule nicht bin – frei, stark und sorglos.

Etwa zur gleichen Zeit fällt mir beim Umziehen für den Sportunterricht auf, dass immer mehr Mädchen nun einen BH tragen. Evje zum Beispiel trägt einen schwarzen, den ich sehr schön finde. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die neuen Stücke und lassen die treuen Baumwollunterhemden, die so viele Jahre lang unsere Nieren gewärmt haben, verschwinden. Bald tragen fast alle Mädchen in meiner Klasse BHs. Vor allem diejenigen, die noch gar keine Brüste haben. Ich kann gar nicht so recht einschätzen, wie weit ich da bin, bis ich mich an eine Szene mit meiner Oma erinnere. Bei unserem letzten Besuch in Köln hat sie mir ohne Vorwarnung über meinen linken Nippel gestreichelt und mit einem Lächeln gesagt: „Da wächst jetzt deine Brust.“ Die Freude in ihrer Stimme hat mir zwar signalisiert, dass es eine positive Entwicklung ist, trotzdem empfand ich es als übergriffig und habe mich geschämt. Als würde mein Körper nicht mehr allein mir gehören. Das geht mir nun immer öfter so. Ich fühle mich wie ein Beobachtungsobjekt, das in den Fängen von Orthopäd*innen, Zahnärzt*innen und meinem Umfeld ist. Wie ein Tier, das im Zoo betrachtet wird. Voll anstrengend. Ich will doch einfach nur meine Ruhe haben. Eines ist mir jedoch klar, seit ich Evjes sexy BH gesehen habe: Mein erster BH soll schwarz sein. Das ist cool! Und cool sein ist wichtig. Mir ist bereits klar, dass ich für Coolness arbeiten muss, da ich weder Künstlereltern habe noch einen ausgefallenen Namen oder eine spannende Lebensgeschichte. Ich bin einfach die Lena mit blonden Haaren und dem besten kleinen Bruder der Welt, die in Hiesfeld in Nordrhein-Westfalen wohnt und deren Eltern liebevolle Pragmatiker*innen sind. Das ist alles wundervoll, aber Punkrock sieht nun wirklich anders aus. Also setze ich auf einen schwarzen BH, der mich von all den braven Mädchen unterscheiden soll. Ich will mich abgrenzen, ich will raus aus der Enge und mich frei entfalten.

Zusammen mit meiner Mutter gehe ich also auf BH-Suche in einem großen Kaufhaus. Sie warnt mich vor: „Du musst dich nicht daran stören, dass die Verkäuferin dich gleich abmessen wird.“ Äh, was?! Noch bevor ich darüber nachdenken kann, was das zu bedeuten hat, stehen wir vor Roswitha, einer mittelalten Frau mit kesser, auberginenrot gefärbter Kurzhaarfrisur, und lassen uns „beraten“. Was letztlich bedeutet, dass sich Roswitha mit einem Maßband an meinen Brüsten zu schaffen macht und trocken feststellt, dass ich eine „70B“ bin. Ich fühle mich zwar schon wieder wie ein Objekt, aber kann noch darüber hinwegsehen. Roswi (wie ich sie in Gedanken nenne, um die Peinlichkeit zu überspielen) ist sehr gemütlich und bewegt sich fast provokant langsam durch die für sie viel zu schmalen Gänge, um uns verschiedene Modelle zu zeigen. Meine Mutter legt Wert auf Markennamen, und so nehme ich einen schwarzen Schiesser- und einen Triumph-BH mit in die Umkleide. Gerade probiere ich das erste Modell an, doch noch bevor ich die Verschlusshaken hinter meinem Rücken ineinanderfieseln kann, reißt Roswitha den Vorhang auf: Ich stehe halb nackt und für die gesamte Kaufhauskundschaft gut sichtbar da. In diesem Moment hat es sich für mich ausroswithert, und ich spüre, wie ich wütend werde. Das hat meine Mutter also gemeint, als sie mich gewarnt hat. Roswitha hält den BH für ungeeignet. „Ne, dat sitzt ja gar nich. Da hat die ja hier total viel Luft drinne“, erklärt sie meiner Mutter, während sie mit ihren kalten Wurstfingern an den Bügeln rumspielt. Mich ignoriert sie. Meine Mutter versucht, den Übergriff mit einem Lächeln aufzufangen. Ich ziehe den Vorhang zu und probiere entrüstet den nächsten BH an. Langsam beginne ich, das Frauwerden zu hassen. Erst muss ich mir hustend was in meine Scheide stecken, und dann begrapscht mich auch noch eine völlig fremde Frau. Doch ich bin brav und streife mir die BH-Träger über. Kurz überlege ich, ob ich den Vorhang der Umkleide einfach von innen festhalten soll, doch in diesem Moment reißt Roswitha ihn auch schon auf, und ich stehe erneut auf dem Präsentierteller. Roswitha zupft wieder an mir herum und nickt dabei. „Ja, dat ist besser, fühlen Se ma selber, da hat se Halt drinne.“ Okay, danke, denke ich und sehe meine Mutter an. „Ja, gut, Schatz, fühlst du dich wohl? Der sieht doch schön aus. Dann nehmen wir den mit?“ – „Ja“, lautet meine knappe Antwort. Endlich verlassen wir das Kaufhaus und Roswitha, im Gepäck haben wir meinen ersten BH. Und der ist schwarz, weil ich nämlich cool bin.

Unsere Klasse ist ein bunter Haufen explodierender Hormone, und die ersten Partys stehen an. Eines der wichtigsten Events ist Julias vierzehnter Geburtstag, den sie im Partykeller des Jugendzentrums feiert. Ich freue mich riesig, dass ich eingeladen bin, und bin aufgeregt. Leider gibt es bei Julia keinen Alkohol, was das Ganze leider verhältnismäßig verkrampft macht, und so stehen wir Mädchen verlegen in einer Ecke, während die Jungs schüchtern in der gegenüberliegenden sitzen. Die Bravo-Hits tönen aus den Boxen, doch niemand traut sich zu tanzen. Stattdessen werden flüchtige Blicke ausgetauscht. Die Spannung in diesem stickigen Kellerraum ist kaum zu ertragen – wer macht den ersten Schritt? Wegen der Zettelchen, die im Unterricht herumgereicht werden, wissen wir alle, dass Leonard in Inga verliebt ist, Inga aber noch Zeit braucht. Daher vermuten wir, dass zwischen den beiden heute nichts passieren wird. Noch habe ich keine Ahnung, dass Albrecht auf mich ein Auge geworfen hat. Er sieht genauso aus, wie man sich einen Albrecht vorstellt: ein käsiger, ängstlicher Junge aus reichem Hause. Albrecht hat die Uncoolness abonniert und verbringt jede Pause mit seinen zwei Außenseiterfreunden. Erstaunlicherweise gefällt mir das. Schließlich fühle ich mich auch nicht wirklich dazugehörig, obwohl ich von außen betrachtet gut integriert bin. Schon bei seinem Vornamen muss ich lachen, und das finde ich gut. Selbst, wenn Albrecht sich anstrengen würde, könnte er nicht cool sein, und daher ist seine Unbeholfenheit ziemlich authentisch. Das mag ich. Außerdem wirkt er wie aus einer anderen Zeit, nicht nur wegen seiner bedenklichen Klamottenauswahl, hinter der eindeutig seine Mutter steckt, eine wohlhabende Frau, die ihren Jungen am liebsten auf ein Privatinternat schicken würde, sondern auch aufgrund seiner Wortwahl. In einer Deutschstunde müssen wir einen Aufsatz über jemanden, den wir lieben, schreiben, und der arme Albrecht wird drangenommen. Er schreibt über seine Schwester, die – wie soll es anders sein – Adelheid heißt, und schon jetzt muss ich über diese Eltern in ihrer reichen Blase schmunzeln. Albrecht beschreibt das „wallende Haar“ seiner Schwester. Dieser antiquierte Ausdruck bringt die ganze Klasse zum Lachen. Mir tut das ein wenig leid, wenigstens traut er sich offen zu sagen, dass er seine Familie, seine Schwester liebt. Albrecht ist eben anders. Und anders finde ich im Gegensatz zu dem Rest der Klasse, die dem Mainstream hinterherjagt, gut. Albrechts Individualität und Authentizität sind mir lieber, auch wenn ich über alles, was Albrecht macht und sagt, unweigerlich lachen muss. Unabsichtlich komisch ist er. Daher finde ich es amüsant, als Luca mir auf Julias Party nun in der Rolle des Übermittlers verrät, dass Albrecht mit mir gehen möchte. Wow, die Lachnummer der Klasse hat mich ausgewählt, was mir irgendwie schmeichelt. Inga und ich besprechen kurz die neue Lage, und auch sie meint, ich solle „Ja“ sagen. Natürlich nicht auf direktem Wege, sondern sie würde das für mich machen. Logisch! Doch ich will ehrlich mit Albrecht sein – ich bekomme nächste Woche eine feste Zahnspange, und er sollte wissen, worauf er sich einlässt. Falls er also sein Angebot lieber zurückziehen möchte, verstehe ich das. Der Plan ist also, dass Inga mit der Frage, „Willst du auch noch mit Lena gehen, wenn sie nächste Woche eine feste Zahnspange bekommt?“, zu Albrecht und den Jungs rübergeht. Um sich Mut anzutrinken, nimmt sie einen extragroßen Schluck Cola aus dem Pappbecher. Ich warte gespannt und fühle mich tatsächlich sehr erwachsen und sortiert. Nach etwa dreißig Sekunden, die sich exakt wie dreißig Sekunden anfühlen, kommt Inga zurück. Während sie die zwei Schritte von der mysteriösen Jungs-Ecke in unsere Mädchen-Ecke zurücklegt, gelingt es mir nicht, ihre Mimik zu deuten, und ich werde nun doch ein wenig nervös. „Albrecht will trotzdem mit dir gehen, er sagt, es stört ihn nicht, wenn du eine feste Zahnspange hast“, sagt Inga cool. Wow, Albrecht ist wirklich ein Gentleman, denke ich. Jetzt habe ich einen Freund. Das ging ja schnell und einfach. Darauf erst mal einen Schluck Fanta.

Dann muss ich los, weil ich schon um 21 Uhr von meiner fürsorglichen Mutter abgeholt werde. Also verabschiede ich mich von meinen Freundinnen und winke Albrecht – meinem Freund – aus der Ferne kurz zu. Meine Mutter ist schon da und unterhält sich mit Leonards Mutter. Hoffentlich erzählt sie nichts Peinliches, was Leonard, dieser arrogante Idiot, dann morgen in der Schule weitertratscht. Meiner Mutter erzähle ich lieber nichts von meiner neuen Lebenssituation, schließlich bin ich jetzt erwachsen und vergeben. Es gäbe im Grunde ja auch noch gar nichts zu erzählen, und ich habe keine Lust auf nervige Fragen. Ich muss mich selbst erst mal daran gewöhnen, dass ich jetzt mit Albrecht gehe und dabei auch noch blute. Ist das alles aufregend und verwirrend!

Am nächsten Morgen werde ich in der Schule tatsächlich anders als sonst begrüßt. „Oh, Lena muss immer schon um 21 Uhr im Bett sein und schlafen. Wie ein Baby, haha“, schallt es mir entgegen. Schönen Dank, Mama. Ich bin sauer auf Leonard, dieser Arsch mit den hässlich gegelten Haaren! Wie gerne ich ihm jetzt seine schiefe Nasenwand gerade prügeln würde. Doch ich sage nichts, werde zu allem Überfluss noch rot und setze mich still an meinen Platz. Erst zu Hause fällt mir ein, dass Leonard doch auch schon um 21 Uhr abgeholt wurde. Verdammt! Ich muss endlich schlagfertig werden, beim nächsten Mal wird ihm seine gegelte Nick-Carter-Locke im Hals stecken bleiben.

Für alle, die sich manchmal falsch fühlen. Ihr seid genau richtig


Lena Kupke


Frauen im Berufsleben: Überlebenstraining im Job

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Gesellschaft viel geändert: Frauen sind zu Präsidenten gekürt worden und Frauen bekleiden wichtige Managerpositionen. Doch gerade in der Tatsache, dass dies noch immer in den Medien als etwas Außergewöhnliches gefeiert wird, liegt die Krux: In einer gleichberechtigten Welt wären diese machterfüllten Ämter bekleidet von Frauen nichts Besonderes.

Blick ins Buch
FrauenMACHT!FrauenMACHT!

Die besten Wege, zu überzeugen und erfolgreich zu sein

Praktische Kommunikationstipps von einer ausgewiesenen Expertin
Die Strukturen in Organisationen und Unternehmen sind immer noch stark von Männern geprägt. Wie man sich in diesem Umfeld als Frau erfolgreich verhält, ohne sich verbiegen zu müssen, schildert die renommierte Führungskräftetrainerin Marion Knaths. Sie war selbst leitende Angestellte eines Konzerns.

Verstehen Sie hierarchisch? 

Es gibt viele Gründe, warum die „gläserne Decke“ Frauen nach wie vor den beruflichen Aufstieg erschwert. Über einen der Gründe wird erstaunlich wenig geredet: die Kommunikation. Frauen kommunizieren oft anders als Männer und haben es deshalb schwerer, sich in von Männern dominierten Organisationen durchzusetzen.

Mit Esprit und Verve

Mit Esprit und Verve erklärt die erfolgreiche Unternehmensgründerin die wichtigsten professionellen Kommunikationsregeln. Anhand vieler Beispiele aus ihrer langjährigen Praxis in ihrer Firma sheboss führt sie die Leserin und den Leser Schritt für Schritt zum Erfolg. Immer mit Humor und immer mit dem Ziel, den Einfluss von Frauen auf die Spielregeln zu vergrößern.

Vorwort

Wo sind all die Frauen?

Seit 2004 verlassen in Deutschland mehr Frauen als Männer die Universitäten mit einem Erstabschluss. Meist mit besseren Ergebnissen als ihre männlichen Kommilitonen. Seit 17 Jahren also. Wo sind diese Frauen heute? Nach fast zwei Jahrzehnten könnten wir erwarten, dass viele in Top-Positionen anzutreffen wären. Egal ob in der Wirtschaft, der Wissenschaft oder im öffentlichen Dienst. Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache.

Gleichzeitig hören wir in den letzten Jahren verstärkt, nun sei es aber auch mal gut mit der Gleichberechtigung. In internationalen Organisationen reden einige davon, inzwischen „postgender“ zu sein. Wirklich?

Dieses Buch richtet sich an jene, die engagiert arbeiten und dafür auch die angemessene Anerkennung erhalten möchten. An die, die für sich entschieden haben, innerhalb bestehender Rahmenbedingungen weiter vorankommen zu wollen. An alle, die durch mehr Einfluss Rahmenbedingungen stärker mitgestalten möchten. Aus den Fehlern und von den Erfolgen anderer zu lernen ist dabei ein kluger Ansatz.

Bevor ich nach einer eigenen Karriere in einem Konzern meine Firma „sheboss“ gegründet habe, hatte ich vor allem eines gemacht: viele Fehler. Aber ich habe eben auch immer versucht, aus jedem Fehler zu lernen. Sonst wäre ich mit Anfang dreißig nicht die jüngste leitende Angestellte des Konzerns gewesen, und man hätte mich nicht gebeten, mit 34 Vorständin einer amerikanischen Aktiengesellschaft zu werden.

Seit 16 Jahren helfe ich nun Frauen, viele dieser Fehler zu vermeiden. Und da ich das große Privileg genieße, meist mit sehr gut ausgebildeten, intelligenten und erfahrenen Frauen zu arbeiten, lerne ich auch seit 16 Jahren von ebendiesen Frauen. Jede Woche wieder neu.

Die Welt hat sich verändert, seit ich die Karriere in der Konzernwelt an den Nagel gehängt habe. Die Themen im Kern haben es nicht. Natürlich bewegen sich meine Trainingsteilnehmerinnen und Coachees zum Glück nicht mehr in der Welt von vor 16 Jahren. Aber die Herausforderungen sind immer noch groß. Und was alle Frauen in den Trainings auch heute noch immer wieder feststellen: Es sind gar nicht meine Themen. Viele Frauen haben diese Themen.

Vor 14 Jahren habe ich das Buch Spiele mit der Macht[i] veröffentlicht, in dem ich von meinen Erfahrungen berichtet habe. Seitdem hat sich die Welt weitergedreht, die Gesellschaft sich weiterentwickelt, neue Trends am Arbeitsmarkt sind am Entstehen.

In diesem Buch geht es daher nicht nur um meine Erfahrungen, sondern es geht um die Erfahrungen und das Wissen vieler: Tausender Frauen, die sich in Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin, Beratung, Justiz, Gewerkschaften, im öffentlichen Dienst oder wo auch immer beweisen und behaupten müssen. Und ich lade Sie ein, von den Fehlern und den Erfolgen dieser vielen tollen Frauen zu lernen.

Sollten Sie zu den Profis gehören, die schon länger erfolgreich unterwegs sind: Wenn andere einen nach Tipps befragen, ist es manchmal gar nicht so einfach, präzise zu benennen, was den eigenen Erfolg ausmacht und was andere für sich daraus lernen können. Vielleicht finden Sie in diesem Text Anregungen, wie Sie andere Menschen noch konkreter unterstützen können. Denn je mehr hilfreiche Vorbilder es gibt, desto besser.

Fräulein – junge Frau – Witwe

Vorweg ein paar Erlebnisse aus meiner eigenen Geschichte.

Wie sieht es heute eigentlich in den Lehrbüchern aus – immer noch „der Geschäftsführer“ – „die Sekretärin“? Ende der 1980er-Jahre gab es ausschließlich diese Beispiele, und als ich irgendwann entnervt fragte, ob wir nicht auch einmal eine Aufgabe mit einer Geschäftsführerin bearbeiten könnten, galt ich sofort als „Emanze“. Spöttisches Grinsen des Dozenten: „Und jetzt eine Aufgabe für Frau Knaths. Eine Prokuristin …“

Na, immerhin. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Sekretariat ist eine anspruchsvolle Aufgabe, und nicht umsonst ergab eine amerikanische Studie Anfang der 1990er-Jahre, dass der IQ der Chefsekretärinnen offenbar höher war als der der durch sie betreuten Manager. Aber wenn man nicht gerade Chefsekretärin werden möchte, dann bearbeitet man als Frau doch auch gern mal eine Textaufgabe mit einer Geschäftsführerin – wo es doch schon in der Praxis an weiblichen Vorbildern mangelt.

Und auf der praktischen Seite im Unternehmen hagelten von allen Seiten „Fräuleins“ auf mich herab. Auch wenn ich es lästig und mühsam fand, jedes Mal die Anrede von „Fräulein Knaths“ in „Frau Knaths“ zu ändern – zu kapitulieren war ausgeschlossen. Schließlich hatte ich sogar meinen Vater als Personalverantwortlichen in der Schifffahrtsbranche davon überzeugen können, den Ausdruck „Fräulein“ abzuschaffen.

Den „Fräuleins“ folgte „junge Frau“ in Verbindung mit einem zurechtweisenden Blick und einem „Ich will Ihnen mal eines sagen …“, wenn einem älteren männlichen Mitarbeiter in einer Diskussion die Argumente ausgingen. Was soll man als gut erzogene Tochter auch darauf antworten? „Alter Mann“ wäre zwar eine passende Erwiderung, wird vom Umfeld aber nicht honoriert – während „junge Frau“ eine in Männerkreisen voll akzeptierte Killerphrase ist. Da hilft nur eines: älter werden. Und bis dahin unverdrossen weiterargumentieren.

Mittlerweile trainiere ich mit meinen Seminarteilnehmerinnen übrigens den erfolgreichen Umgang mit Killerphrasen durch die verbale Judotechnik. Diese war mir zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht bekannt.

Mein tollstes Erlebnis zum Thema Verteidigung der männlichen Bastion hatte ich mit einem Einkaufsleiter des Bereichs Elektrogeräte. Obwohl es in diesem Metier nur so vor Machos wimmelte und ich nie zuvor so viele sexistische Sprüche gehört hatte, fand ich das Thema Einkauf Elektrogeräte interessant. Ich war als Volontärin bei den Mikrowellen und Staubsaugern eingesetzt und beschloss, mich beim Bereichsleiter unverbindlich über etwaige Perspektiven für mich im Einkauf Elektrogeräte zu erkundigen.

Ich erfuhr, dass der Einkauf Elektrogeräte aus seiner Sicht nicht für Frauen geeignet sei (jawohl: so rum. Und nicht, dass Frauen nicht dafür geeignet sind!). Als ich wissen wollte, wieso, antwortete er, dass es ja schon damit anfinge, dass ich als Frau keine Mikrowelle tragen könne.

Wow! Was für ein Argument. Dummerweise hatte ich den Waschmaschinen-Einkäufer noch nie mit einer Waschmaschine auf dem Rücken gesehen. Dafür gab es Träger. Als ich den Einkaufsleiter auf diesen Umstand hinwies, begann er mit seinem Stift zu spielen. Und hatte dann den rettenden Einfall: „Wissen Sie, es ist ja nicht so, dass ich etwas gegen Frauen in meinem Bereich hätte. Aber in unserer Branche werden Frauen von den Lieferanten nicht als Geschäftspartner akzeptiert.“

Da war er: der unbeteiligte schuldige Dritte. Ich hatte bis dahin nicht vermutet, dass Frauen eine solche Bedrohung darstellten, dass ein Lieferant zur Verteidigung der männlichen Rechte auf millionenschwere Aufträge verzichtet. Ich war wirklich beeindruckt.

Ein Jahr später erhielt ich allen Ernstes ein sehr gutes Jobangebot aus diesem Bereich. Aber ich musste nicht eine Sekunde lang nachdenken, um dankend abzulehnen. Ich entschied mich für eine etwas frauenfreundlichere Branche. Schließlich hat man mit der eigentlichen Arbeit schon genug zu tun.

Über Jahre habe ich dann in verschiedensten Führungspositionen gearbeitet, bis der große Moment kam: die Ernennung zur leitenden Angestellten. Mein Vorstand gratulierte und überreichte mir strahlend meinen neuen Vertrag. Und ich verließ strahlend die Vorstandsetage, um den Vertrag in meinem Büro sofort zu lesen.

Es musste sich um eine Verwechslung handeln: Die Versorgungszusage meines Vertrags richtete sich eindeutig an einen Mann. Unter anderem stand dort, dass das Unternehmen eine Witwenrente gewähre für den Fall, dass meine Ehefrau, mit der ich bis zum Zeitpunkt meines Todes verheiratet wäre, mich überlebe. Ich schaute noch mal kurz auf die Überschrift, aber kein Zweifel, da stand mein Name. Und gleichgeschlechtliche Eheschließungen lagen damals noch in weiter Ferne …

Ich griff also zum Telefon, schilderte der Vorstandssekretärin mein Problem und wurde an den Leiter des juristischen Grundsatzreferats verwiesen. Als ich ihn auf die Unstimmigkeit hinwies, erwiderte er vollkommen humorfrei, dass es sich keinesfalls um einen Irrtum handele. Der Text sei juristisch einwandfrei, da er der juristischen Standardform entspräche. Und als Jurist könne man nicht einfach daran herumändern. Ich würde von ihm keinesfalls eine geänderte Versorgungszusage erhalten.

Erde, 21. Jahrhundert. Dieser Jurist leitete das Grundsatzreferat eines Konzerns mit über 40 000 Angestellten, davon über die Hälfte weiblich. Es gab zwar nicht viele weibliche leitende Angestellte, aber ich war keinesfalls die erste. Ich beendete das Telefonat mit dem Wort „Aha“ und dem Gedanken: „Das werden wir ja sehen.“

Sofort rief ich den Personalvorstand an, den ich seit Jahren kannte und schätzte und von dem ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass er wissentlich seine (sehr kleine) weibliche Führungsriege brüskierte. Und so war es auch: Er versprach sofort, dass ich selbstverständlich einen Vertrag erhielte, der berücksichtige, dass ich eine Frau bin. Bereits einen Tag später lag dieser Vertrag auf meinem Tisch. Und dort stand, juristisch einwandfrei, dass mein Witwer erbt.

Mittlerweile wäre es juristisch natürlich ebenso möglich, dass statt meines Witwers meine Witwe erbt.

Vor einiger Zeit war ich auf einer Weiterbildung zum Thema „Agiles Arbeiten“. Ein modernes Thema. Und wieder hatte ich es in den Unterlagen mit „dem Geschäftsführer“ und „der Sekretärin“ zu tun. Nun ist es ja schön, wenn etwas im Leben Bestand hat. Aber nach all den Jahren hätte ich mich über eine Veränderung der Lehrunterlagen hinsichtlich der Rollenbeispiele doch wirklich gefreut.

Heldinnen

Wie sagte Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Supreme Court der USA, feministische Ikone und Vorbild für viele: „Frauen gehören an alle Orte, an denen Entscheidungen getroffen werden.“

Es ist eine großartige Errungenschaft, dass sich junge Frauen heutzutage bis zum Abschluss der Schule oder ihres Studiums gleichberechtigt fühlen – weil sie es bis dahin eben auch sind. In der Generation meiner Großmutter und meiner Mutter konnte davon noch keine Rede sein. Und für meine Generation war zumindest klar, dass wir zwar Abitur machen und studieren können, aber dass es danach alles andere als gleichberechtigt weitergehen wird. Wir waren uns in der Schule auch alle einig, dass es eher ein Schäferhund als eine Frau schaffen könnte, Bundeskanzler zu werden. Ich spreche hier natürlich von der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung.

Funfact: In der „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl 2017 saßen ausschließlich West-Männer – und Ost-Frauen! Zufall?

Unser Alltag ist immer so um uns herum und wir mittendrin, dass wir die dahinterliegenden Strukturen oft gar nicht wahrnehmen. Die Menschen, die heutzutage die verantwortungsvollen Positionen besetzen, sind plus/minus fünfzig oder auch deutlich älter. Sie sind überwiegend männlich und wurden größtenteils in der Bundesrepublik sozialisiert. Und da wir meiner Erfahrung nach genug mit der Bewältigung des Alltags zu tun haben und sich die wenigsten mit den Rahmenbedingungen beschäftigen, die sie einmal geprägt haben, ist ein kurzer Ausflug in die Geschichte vielleicht erhellend, um immer noch bestehende Abwehrtendenzen gegen eine echte Gleichberechtigung besser nachvollziehen zu können.

Eine der größten Heldinnen bezogen auf Gleichberechtigung in Westdeutschland hieß Elisabeth Selbert. Sie war Juristin und SPD-Mitglied. Der Artikel 3, Absatz 2 in unserem Grundgesetz – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – ist vor allem ihrem Kampf zu verdanken. Der damalige parlamentarische Rat (61 Männer und vier Frauen) hielt zunächst nichts davon. Elisabeth Selbert war die Einzige, die für diesen Satz im Grundgesetz stritt. Sie mobilisierte Frauenverbände, die sich hinter ihrem Anliegen versammelten und gemeinsam so viel Druck erzeugten, dass der Paragraf am Ende aufgenommen wurde.

Davor waren alle anderen Mitglieder des parlamentarischen Rats dafür gewesen, die bisherigen Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches beizubehalten: Frauen hatten bei der Eheschließung ihren Namen abzugeben, ohne Einwilligung des Ehemanns durften sie weder arbeiten noch Verträge schließen oder ein Konto eröffnen. Der Mann hatte die Entscheidungsmacht in allen familiären Angelegenheiten – im Falle einer Scheidung blieben die Kinder und das Geld bei ihm. Sie hatte die Pflicht, den Haushalt zu führen.

Wenn Sie sich fragen, woher bestimmte patriarchalische Verhaltensweisen auch heute noch stammen: Die Strukturen waren hierzulande lange Zeit auch gesetzlich verankert. Männer hatten einen juristischen Anspruch auf ihre Privilegien!

Anders war das in der DDR. Dort sah die Verfassung ab 1949 vor, dass alle Gesetze, die der Gleichberechtigung von Mann und Frau zuwiderliefen, sowie alle „Gesetze, die Kind und Eltern wegen der außerehelichen Geburt zum Nachteil sind“, aufgehoben wurden.

Die Realität in der Bundesrepublik hätte sich mit dem neuen Grundgesetz, das 1949 in Kraft trat, eigentlich ebenfalls ändern müssen. Eine Übergangsregelung, die ebenfalls auf die Initiative von Elisabeth Selbert zurückging, sah vor, dass bis Ende März 1953 alle dem Gleichheitsprinzip entgegenstehenden Gesetze angepasst sein sollten. Tatsächlich dauerte es jedoch bis 1957, ehe sich der Gesetzgeber zu einer Reform des Bürgerlichen Gesetzbuches durchringen konnte. Allerdings zeigten die in der Bundesrepublik herrschenden Männer kein Interesse daran, die der Gleichberechtigung entgegenstehenden Gesetze abzuschaffen oder anzupassen.

Für die Durchsetzung dieses Ziels stritt eine weitere Heldin: Dr. Erna Scheffler, die erste und bis zum Ende ihrer Amtszeit einzige Frau am Bundesverfassungsgericht. Es wäre schön, wenn ihr Leben und Wirken verfilmt würden. Für die Gleichstellung der Frauen in der Bundesrepublik ist sie mindestens so wichtig wie Ruth Bader Ginsburg für die der Frauen in den USA.

Erna Scheffler hat wirklich Schlachten geschlagen, damit 1959 zum Beispiel endlich der „Väterliche Stichentscheid“ aufgegeben wurde. Bis dahin hätte der Vater beispielsweise seine Schulwahl für ein Kind durchdrücken können, wenn es keine Einigung zwischen den Eltern gab. Bis das Familienrecht umfassend reformiert wurde, schrieb der Westen das Jahr 1977.

Als ich klein war, war oft von den Witwen die Rede, die geradezu aufblühten: „Also, die Frau Müller, seit sie Witwe ist, ist sie nicht wiederzuerkennen! Toll, wie die aussieht. Die ist richtig aufgeblüht, seit der Alte weg ist.“

Erst 1977 wurde das „Zerrüttungsprinzip“ für die Ehe eingeführt. Von nun an konnten westdeutsche Frauen sich scheiden lassen, ohne das Sorgerecht für ihre Kinder, den Anspruch auf Unterhalt und Versorgungsausgleich zu verlieren. Davor galt das „Schuldprinzip“: Hatte eine Frau ihren Mann verlassen (weil er sich zum Beispiel als Alkoholiker ihr und den Kindern gegenüber fürchterlich benahm), galt dies nach dem „Schuldprinzip“ oft als „böswilliges Verlassen“. Die Frau verlor alles.

Ebenfalls erst seit 1977 benötigten westdeutsche Frauen nicht mehr die Zustimmung ihres Mannes, um bezahlt arbeiten zu können. Und sie waren auch nicht länger gesetzlich verpflichtet, den gemeinsamen Haushalt zu führen. Bei einer Heirat mussten sie nicht mehr zwingend den Namen des Mannes annehmen – es sei denn, das Paar konnte sich nicht auf einen gemeinsamen Namen einigen. Dann galt immer noch der Name des Mannes.

Eine weitere Heldin war Dr. Elisabeth Schwarzhaupt. 1961 wurde sie zur ersten Ministerin unter Konrad Adenauer ernannt. Der Bundeskanzler berief sie allerdings nicht freiwillig. Erst eine Sitzblockade der Frauen im Bundestag vor seinem Büro brachte ihn dazu, seine jahrelange Abwehrhaltung gegenüber Frauen zu überwinden. Wie es heißt, hat er sich bis zuletzt geweigert, Dr. Elisabeth Schwarzhaupt angemessen anzusprechen. Er titulierte sie entweder als „Herr“ oder als „Fräulein“.

Heldinnen waren ebenso die „Heinze-Frauen“ – Beschäftigte des Foto-Unternehmens Heinze. 1981 erstritten sie in dritter Instanz vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel, dass Frauen für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn zu erhalten haben. Bis dahin war es üblich, Frauen deutlich schlechter zu bezahlen. Schließlich galt ihr Verdienst lediglich als Zuverdienst. Und unabhängig von Männern sollten sie schon gar nicht sein. Dieses Urteil war wegweisend für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben, und es gab viele Folgeprozesse. Über das Thema gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit reden wir heute allerdings immer noch …

Eine weitere Heldin ist für mich Luise Schöffel. 1967 gründete sie den „Verband lediger Mütter“ (später auch Väter, der schließlich zum „Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. – VAMV“ wurde). 1970 bewirkte sie mit Unterstützung von Alice Schwarzer und Helga Stödter, dass alleinerziehenden Frauen das elterliche Sorgerecht für das eigene Kind zugestanden wurde. Bis dahin hatten alle elterlichen Rechte beim Jugendamt gelegen. Allerdings standen Alleinerziehende weiterhin unter der Aufsicht des Jugendamts. Erst seit 1998 (!) haben Alleinerziehende die gleichen Rechte wie Ehepaare. Nach wie vor gilt das aber nicht in steuerlicher Hinsicht und bezüglich anderer finanzieller Zuwendungen.

Wie unglaublich stigmatisiert Alleinerziehende damals waren, durfte ich als junge Volontärin erleben: Einige auserwählte Volontäre und Auszubildende durften an einer Gesprächsrunde mit dem Personalvorstand teilnehmen. Eine Ehre. „Unser“ Konzern war einer der größten privaten Arbeitgeber Hamburgs mit 70 Prozent weiblicher Belegschaft. Da Kindergartenplätze damals rar waren, fragte jemand aus der Runde, warum der Konzern keinen eigenen Kindergarten habe. Das wäre doch vor allem für alleinerziehende Angestellte eine große Erleichterung. „Solange ich Personalvorstand bin, unterstützen wir nicht die Aufzucht Asozialer“, war die Antwort. Da weiß man doch zumindest klar, woran man ist.

Wenn ich heute vor jungen Frauen stehe, und es geht um die anstehende Hochzeit, frage ich immer: „Und? Welcher Name wird es?“ Und fast immer lautet die Antwort: „Seiner.“ – „Warum?“ – „Es war ihm wichtiger als mir.“

Noch immer lesen wir Studien, die belegen, dass Frauen erheblich mehr Sorgearbeit in der Familie verrichten als Männer.[ii] Und noch immer belegen Studien, dass Frauen teils für gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn erhalten, und schon gar nicht für gleichwertige Arbeit. Und das alles, obwohl wir seit über 15 Jahren eine Kanzlerin an der Spitze dieses Landes haben – die in der Liste der Heldinnen natürlich unbedingt genannt werden muss. Sie hat der ganzen Welt gezeigt, dass eine Frau diesen Job erfolgreich ausüben kann, und sie hat Themen in den Fokus genommen, die unter männlicher Führung noch als „Familiengedöns“ abgetan worden waren.

Sagen wir einmal, Sie sind heute 26 Jahre alt, wurden 1995 geboren. Ihre Mutter war bei Ihrer Geburt vielleicht 30 Jahre alt und wurde somit 1965 geboren. Ihre Großmutter war bei der Geburt Ihrer Mutter 25 Jahre alt und wurde 1940 geboren. Wenn wir unterstellen, dass es auch einen Vater, Onkel, Tanten und/oder Freunde der Eltern und Nachbarn gab, dann wurden Sie maßgeblich von Menschen erzogen und geprägt, die in einer für Frauen ziemlich rechtlosen Zeit gelebt haben. Auch Ihre Lehrerinnen und Lehrer waren Kinder dieser Zeit.

Wenn Ihr Vorstandsvorsitzender, Ihr Chefarzt, Ihr Dekan, Ihr Behördenleiter heute 55 Jahre alt ist, dann wurde er (im Westen) von Männern und Frauen sozialisiert, die die ganze juristische Gewalt und Kraft des Patriarchats noch voll gespürt haben. Natürlich fällt es nicht jedem leicht, von Pfründen zu lassen, die einem qua Geburt irgendwie zustehen. Und die alten Gesetze wirken eben bis heute in den Köpfen nach.

Anders lässt sich vermutlich auch nicht erklären, wie Friedrich Merz, Jahrgang 1955, bei seiner Bewerbungsrede für den CDU-Vorsitz im Januar 2021 Folgendes sagen konnte: „Auch diejenigen, die sozial schwach sind, finden gerade bei uns ein Herz und Zuwendung. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein Wort zu den Frauen sagen.“ Ich habe mich beim Kaffeetrinken sofort verschluckt. Dass der Kandidat Merz von der Jungen Union unterstützt wurde, zeigt, dass die seiner Äußerung zugrunde liegende Haltung keine Frage des Alters ist. Umgekehrt zeigt Joe Biden gerade, dass auch ein alter Mann moderne Ansichten vertreten kann.

Es ist großartig, dass es heute viele junge Frauen gibt, die mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein Missstände ansprechen, offenlegen und ihre Rechte reklamieren – weil sie sich heutzutage auch juristisch wehren können! Die #MeToo-Debatte ist ein gutes Beispiel dafür. Meine Mutter hatte sich von ihrem Chef noch den Hintern tätscheln lassen müssen. Heute muss sich ein Politiker öffentlich entschuldigen, wenn er einen Altherrenwitz zulasten einer Frau gemacht hat. Gut so!

Aber: All diese Rechte fielen nicht einfach so vom Himmel. Das unerwünschte Tätscheln des Hinterns einer Frau ist übrigens erst seit 2017 strafbar. Wir verdanken diese Rechte dem Einsatz couragierter Frauen, die gegen große Widerstände durch die Instanzen hinaufmarschiert sind. Und natürlich wäre es schön, wenn wir bereits am Ziel wären; wenn junge Männer, ohne Probleme zu bekommen, einfach ein Jahr Elternzeit oder mehr beantragen könnten; wenn Männer und Frauen ihren Beruf für ein paar Jahre in Teilzeit ausüben könnten, ohne dass dies das Ende der Karriere bedeutet; wenn Frauen beim Gehalt nicht länger systematisch benachteiligt würden; wenn „Frauenberufe“ angemessen vergütet würden; wenn Top-Zirkel nicht länger systematisch Frauen ausschlössen; wenn Frauen in Studien und bei Normen die gleiche Rolle spielten wie Männer; wenn Alleinerziehende dieselbe Unterstützung und denselben Respekt der Gesellschaft erhielten; und, und, und …

Laut der Shell-Jugendstudie 2019[iii] möchten 65 Prozent der zwischen 14- und 25-jährigen Frauen später maximal halbtags arbeiten, und 68 Prozent der jungen Männer wünschen sich auch genau dies von einer potenziellen Partnerin. Da stellt sich die Frage, was zuerst da war: das Ei oder die Henne … Vielleicht möchten ja so viele junge Frauen später nur halbtags arbeiten, weil es eben erwünscht ist. Und sie zudem mitbekommen, wie mühsam es für Frauen immer noch ist … Aber das ist natürlich nur ein Gedankenspiel.

Noch gibt es jedenfalls viel zu tun. Und bis es so weit ist, unterstütze ich weiterhin Frauen und Organisationen darin, eine stärkere Teilhabe von Frauen zu erreichen, sodass immer mehr Frauen an wichtigen Entscheidungen mitwirken können. Und das gegebenenfalls auch in Teilzeit.

Sollten Sie sich näher dafür interessieren, wie dramatisch sich das Fehlen von Frauen und ihrer Sicht auf unser Leben täglich auswirkt, dann empfehle ich Ihnen das Buch Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert von Caroline Criado-Perez.[iv]

Die wollen gar nicht

„Frau Knaths, Ich kann Ihnen ein gutes Beispiel nennen: Gerade erst vor zwei Wochen habe ich eine Abteilungsleiterin gefragt, ob sie sich vorstellen kann, den Bereich Vertrieb komplett zu übernehmen. Und was hat sie geantwortet? ›Da muss ich mal drüber nachdenken.‹ Da muss ich mal drüber nachdenken! Na – die habe ich natürlich gleich von der Liste gestrichen. Wenn ich jemandem so eine Chance gebe, dann erwarte ich, dass derjenige mich anstrahlt und sich für das in ihn gesetzte Vertrauen bedankt!“

Dies sagte unlängst ein Geschäftsführer zu mir auf einer privaten Feier. Diese Reaktionen von Männern begegnen mir immer wieder. „Ich trage die doch nicht zum Jagen“ ist eine typische Bemerkung in diesem Zusammenhang. Vermutlich ist den wenigsten männlichen Führungskräften bewusst, dass ein Aufstieg für Frauen auch heutzutage noch mit anderen Konsequenzen verbunden ist als bei ihren männlichen Kollegen.

Für einen Mann bringt ein beruflicher Aufstieg eigentlich nur Vorteile. Gut, oft ist der geforderte Arbeitseinsatz zu Beginn in einer neuen Position intensiver und zeitaufwendiger, aber dem gegenüber stehen mehr Gehalt und mehr gesellschaftliche Anerkennung. Und später eine höhere Rente. Zudem gilt in vielen Organisationen immer noch, dass man auf den höheren Ebenen überwiegend unter seinesgleichen ist: unter Männern. Ob ein Mann beim Aufstieg Vater ist, spielt so gut wie nie eine Rolle. Und wenn doch, dann meist eine förderliche – denn in der Regel wird unterstellt, dass sich eine Frau an der Seite des Mannes um das private Umfeld kümmert und so Stabilität schafft.

Auch heutzutage werden Väter so gut wie nie gefragt, wie sich ihr Aufstieg mit ihrer Rolle als Vater vereinbaren lässt. Die Männer, die aus diesem Schema ausbrechen, indem sie beispielsweise ein Jahr Elternzeit für die Betreuung ihres Kindes beantragen, erleben immer noch, dass dies bei Vorgesetzten nicht gut ankommt und sanktioniert wird. Meist mit dem Karriere-Aus. Dies dürfte ein sehr gewichtiger Grund dafür sein, dass sich auch heutzutage noch viele Männer scheuen, diesen Schritt zu gehen, auch wenn sie es sich eigentlich wünschen.[v], [vi]

Für Frauen sieht es da ganz anders aus: Auch für sie bringt der Aufstieg mehr Gehalt und später eine höhere Rente, aber der sehr wichtige Aspekt der sozialen Anerkennung ist nicht zwangsläufig damit verbunden. Insbesondere Mütter müssen sich (vor allem in den westlichen Bundesländern) damit herumschlagen, dass ihnen unterstellt wird, eine schlechte Mutter zu sein, wenn sie beruflich erfolgreich sind.

Das gilt für die private Umgebung, aber auch für die berufliche. Viele Männer machen am Arbeitsplatz sehr offensive geringschätzige Bemerkungen über Mütter in verantwortungsvollen Positionen. Und jüngere Frauen nehmen dies natürlich wahr. Natürlich ärgern sie sich über solche Bemerkungen, aber die Erfahrung zeigt auch, dass sie sich davon beeindrucken lassen.

Während ein höheres Gehalt für Männer eigentlich immer vorteilhaft ist, kann es Frauen privat vor Herausforderungen stellen. Es gibt immer noch viele Männer, die ein Problem damit haben, wenn ihre Partnerin in der gehaltlichen Entwicklung an ihnen vorbeizieht.[vii] Und wenn er damit ein Problem hat, hat sie auch eins – mit ihm und ihrer Beziehung.

Eine meiner Coachees ist Direktorin in einer angesehenen Organisation in Deutschland. Das ist an sich schon sehr beachtlich, aber in dieser Organisation gibt es noch die Stufe „Top-Management“. Mein Coachee möchte sich mit mir auf das Assessment-Center vorbereiten, das sie durchlaufen muss, um Top-Managerin werden zu können. Kein Selbstgänger – es werden immer wieder auch Kandidaten und Kandidatinnen abgelehnt.

Wir schauen in ihre bisherigen Rückmeldungen, um zu prüfen, an welchem Punkt wir arbeiten müssen. Am Ende geht es immer irgendwie um das richtige „seniorige“ Auftreten, Senior-Top-Managerinnen-mäßig sozusagen. Ich stelle ein paar Fragen, um herauszufinden, woran es haken könnte. Da mich die Antworten eher verwirren als erhellen und ich bei einer so intelligenten, gut ausgebildeten Frau eigentlich mit einem anderen Ergebnis rechnen müsste, stelle ich irgendwann die Frage: „Wollen Sie wirklich Top-Managerin werden?“

Stille. „Seltsam, dass Sie mich das fragen. Nun, es gibt da etwas, aber das gehört eigentlich nicht in ein professionelles Coaching.“ Ich warte einfach weiter ab. „Mein Mann unterstützt meine Ambitionen nicht. Ich muss mir schon seit Längerem ständig anhören, dass mein Beruf schuld an all unseren Problemen sei. Und aus seiner Sicht kann es nur noch schlechter werden, wenn ich ins Top-Management wechsele.“ – Eine top ausgebildete, sehr intelligente, extrem erfolgreiche Frau sitzt vor mir und weint.

Tja … Ohne Unterstützung geht es nicht. Das ist ein riesiges Hemmnis. Wie soll diese Frau mit breiter Brust und Überzeugungskraft in das Assessment hineingehen?

Wir haben eine Lösung gefunden, und die Frau ist jetzt Vorständin. In ihrer Vorstellung ist sie für ihre Mutter (ein großer Fan und eine Unterstützerin der Karriere ihrer Tochter) und ihre eigene Tochter in das Assessment gegangen. Und die Ehe bestand zumindest noch, als wir uns ein Jahr später wiedersahen.

Studien belegen, dass die meisten Menschen erheblich bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie ein unterstützendes Umfeld haben. Eine der vielleicht weniger aussagekräftigen, dafür aber umso amüsanteren Studien möchte ich kurz erwähnen. Es geht um den Einfluss politischer Heldinnen.

„Für ihre Studie rekrutierten die Forscher insgesamt 149 Schweizer Studenten, davon 81 Frauen, die eine Rede gegen die Anhebung der Studiengebühren halten sollten. Referiert wurde in einem virtuellen Raum vor einem Publikum bestehend aus zwölf Männern und Frauen. An der den Teilnehmern gegenüberliegenden Wand befand sich dabei entweder ein Poster mit einem Porträt von Hillary Clinton, von Angela Merkel oder von Bill Clinton. In einer vierten Gruppe war kein Poster zu sehen.“[viii]

Es zeigte sich, dass die weiblichen Teilnehmer signifikant länger sprachen, wenn sie die Porträts von Hillary Clinton oder Angela Merkel sahen – im Vergleich zu den Bedingungen mit keinem Bild oder dem von Bill Clinton. Damit waren ihre Reden im Durchschnitt genauso lang wie die ihrer männlichen Kollegen. Zudem wurden die Vorträge von zwei unabhängigen Beobachtern und auch von den Probandinnen selbst als qualitativ besser eingeschätzt, wenn sie die Bilder ihrer erfolgreichen Geschlechtsgenossinnen sahen.

Bei den männlichen Teilnehmern zeigte sich kein Einfluss der verschiedenen Poster im Hintergrund.

Die Wissenschaftler betonen, dass es bisher viel zu wenig Forschung zum Einfluss weiblicher Rollenmodelle in der Politik gebe. Dabei scheine es so zu sein, dass Frauen in politischen Führungspositionen nicht nur das Ziel einer weiteren Gleichstellung seien, sondern zugleich auch Voraussetzung dafür.

Selbst ein Bild von Hillary Clinton oder Angela Merkel bietet schon Unterstützung! Das hätten vor einigen Jahren wohl die wenigsten vermutet. Menschen brauchen Unterstützung und Ermutigung – und diese fehlt Frauen oftmals nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Umfeld.

Für kinderlose erfolgreiche Frauen bietet unser Wortschatz den Begriff „Karrierefrau“. Haben Sie sich je gefragt, wieso unsere Sprache keinen „Karrieremann“ kennt? Gut, es gibt den „Karrieristen“ – Menschen, die für ihren Aufstieg zum extremen Einsatz ihrer Ellenbogen neigen und/oder sehr rückgratlose Anpassungsfähigkeit zeigen. Der Begriff „Karrierefrau“ impliziert dies nicht unbedingt. Er impliziert „sexuell frustriert“.

Als ich dies vor männlichen Nachwuchsführungskräften ansprach, rief einer aus: „Aber das stimmt doch auch!“ Daraufhin wies ihn sein Sitznachbar darauf hin, dass in seiner Organisation doch alle ranghohen Frauen verheiratet seien und die meisten auch Kinder hätten. „Ach, das sind doch Ausnahmen!“, rief der Angesprochene. Es fällt uns halt nicht leicht, uns von lieb gewonnenen Stereotypen zu verabschieden.

Das Wort „Karrieremann“ existiert nicht, da es für Männer selbstverständlich ist, alles zu vereinbaren – weil sie eben oft eine Partnerin haben, die ihnen einen großen Teil der privat zu leistenden Arbeit abnimmt.[ix]

Für Frauen gibt es noch immer keinen gesellschaftlich anerkannten Weg. Die Rolle der Hausfrau gilt vielfach als rückwärtsgewandt und veraltet. Karriere ohne Kinder bedeutet „sexuell frustriert“. Karriere mit Kindern ist geradezu ein Frevel. Es ist zu hoffen, dass die Kanzlerinnenkandidatur der Grünen Annalena Baerbock mit dazu beiträgt, dass „Mutter“ und „Karriere“ künftig nicht mehr als Widerspruch gedacht werden.

Die meiste Anerkennung erfahren derzeit Mütter in Teilzeit. Allerdings eben nicht finanziell. Und spätestens bei der Rente könnte sich dieses gesellschaftlich so anerkannte und finanziell schlecht ausgestattete Modell für manche böse rächen. Seit Jahren versuche ich meine Mutter zu überreden, für eine höhere Rente zu demonstrieren. Ich würde auch das Plakat malen und sie vor den Reichstag kutschieren. Meine Mutter hat alles getan, was in der Bundesrepublik nach dem Krieg von ihr verlangt wurde: Sie war eine vorbildliche Hausfrau mit Ehemann und zwei Kindern. Als mein Vater starb, erhielt sie Witwenrente: 60 Prozent der gemeinsamen Rente. Wäre meine Mutter als Erste gestorben, hätte mein Vater weiter die vollen Bezüge erhalten. Wieso?

Die Begründung, dass mein Vater es war, der diese Rente erworben hat, und nicht meine Mutter, greift nicht. Denn dann dürfte sie gar nichts erhalten. Es ist offensichtlich gesellschaftlich vorgesehen, dass sie etwas bekommt. Aber bitte nicht so viel wie der Partner, mit dem sie als Team gemeinsam ihr Leben lang etwas aufgebaut hat.

Bei einer Diskussionsrunde sprach ich den damaligen Hamburger Senator Dietrich Wersich auf das Thema an: warum nicht einfach beide nur einen Teil der Rente erhalten sollten, zum Beispiel 80 Prozent, wenn ein Partner stirbt. Das sei doch gerechter, da es sich ja um eine gemeinsame Lebensleistung handele. Senator Wersich lehnte sich entspannt zurück und sprach: „Also, an das Thema geht keiner ran.“

Und da die Generation meiner Mutter nicht für eine bessere Rente demonstrieren möchte, tut sich halt erst einmal nichts. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich unter den heutigen Teilzeitmüttern auch viele Juristinnen befinden. Und vielleicht werden unter ihnen ja einige aktiv, bevor viele Frauen in die künftige Rentenfalle hineinlaufen.

Fest steht: Noch kann man es als Frau eigentlich nur falsch machen. Und wenn die Rahmenbedingungen so sind, dann denke ich mir doch: Wenn ich es eh nicht richtig machen kann, dann mache ich einfach das, was ich für richtig halte. Aber ich stelle immer wieder fest, dass sich zu viele junge Frauen von dem Frauenbashing in Organisationen wirklich beeindrucken und abschrecken lassen.

Ein Klassiker: Ich trainiere in einem Konzern weibliche sogenannte Potenzialträgerinnen, die bereits in Führungsverantwortung sind. In dem Konzern gibt es eine einzige Frau im erweiterten Top-Management. Und irgendwann kommt immer der Satz: „Also, wenn ich so werden muss wie die, dann will ich gar nicht Karriere machen.“

Wow. Hier haben die negativen Bemerkungen über diese erfolgreiche Frau offensichtlich gefruchtet. Wenn ich frage, ob sie schon einmal mit ihr gearbeitet hätten, dann verneinen die jungen Frauen dies in aller Regel. Ich teile dann den Gedanken, dass ich erst einmal sehr großen Respekt davor habe, dass diese Frau es als Einzige im Konzern so weit geschafft hat – und es mich persönlich interessieren würde, was ich von ihr lernen kann.

Dann frage ich die jungen Frauen, ob ihnen denn alle Männer auf der Ebene sympathisch seien. Die Antwort lautet selbstverständlich „Nein“. Aber da es bei den Männern mehr Auswahl gibt, gibt es eben auch den einen oder anderen, den man ganz gut finden kann. Wenn es nur eine einzige Frau gibt, dann fällt diese Auswahl weg. Und wenn ich dann noch einmal frage, wie die negative Einschätzung zustande kommt, dann heißt es meist: „Na ja, was man so hört …“ Ich erzähle dann manchmal eine Geschichte aus meiner eigenen Karriere:

Im Rahmen eines Vorstandsprojekts mussten mehrere Bereichsleiter gemeinsam in Projektgruppen arbeiten. Nach dem Ende einer Gruppenarbeit blieb einer von ihnen noch ein bisschen sitzen und sagte dann: „Also, ich bin ehrlich überrascht. Du bist ja ein total netter Typ! Mit dir kann man ja richtig gut zusammenarbeiten!“ – „Und wieso überrascht dich das so?“, fragte ich. „Na ja, du hast einen Ruf wie ein Donnerhall. Alle haben mich immer vor dir gewarnt, die Knaths hat Borsten auf den Zähnen.“ – „Da siehst du, dass man nicht alles einfach so glauben sollte, was erzählt wird.“

Frauenbashing existiert auch heute noch. Als Frau braucht es neben fachlicher Exzellenz auch ein dickes Fell und Humor, wenn man beruflich in einem männlich dominierten Umfeld unterwegs ist. Und es ist einer der vielen Gründe, warum ein weiterer Aufstieg für Frauen manchmal nicht erstrebenswert ist.

Daher an alle Geschäftsführer und alle anderen Führungskräfte: Sollte Ihnen eine Frau auf Ihr Angebot einer Beförderung entgegnen, dass sie erst einmal darüber nachdenken müsse, dann lassen Sie sie nachdenken. Schreiben Sie sie nicht gleich ab. Führen Sie lieber noch einmal ein Gespräch und sagen Sie ihr, warum Sie sie in dieser Rolle sehen. Wenn diese Frau dann „Ja“ sagt, haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eine sehr gute und motivierte Kraft auf dieser Position.

[i]              Marion Knaths, Spiele mit der Macht. Wie Frauen sich durchsetzen, Hamburg 2007/München 2009

[ii]             Dietmar Hobler u. a., „Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland“, Witschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (wsi), Report Nr. 56, Februar 2020, www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_56_2020.pdf

[iii]             Shell Jugendstudie 2019, Zusammenfassung, 15. Oktober 2019, www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie/_jcr_content/par/toptasks.stream/1570708341213/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf

[iv]             Caroline Criado-Perez, Unsichtbare Frauen, München 2020

[v]              Katharina Wrohlich und Claire Samtleben, „Elterngeld und Elterngeld Plus: Gleichmäßige Aufteilung zwischen Müttern und Vätern nach wie vor in weiter Ferne“, DIW Berlin, 28. August 2019, www.diw.de/de/diw_01.c.673478.de/elterngeld_und_elterngeld_p …wie_vor_in_weiter_ferne.html

[vi]             ZDF-Studie, „Männer wünschen sich mehr Elternzeit“, 26. November 2019, www.zdf.de/nachrichten/heute/deutschland-studie-zdf-studieelternzeit-100.html

[vii]            Marta Murray-Close und Misty L. Heggeness, „Manning up and womaning down: How husbands and wives report their earnings when she earns more“, United States Census Bureau, 6. Juni 2018, www.census.gov/library/working-papers/2018/demo/SEHSD-WP2018–20.html

[viii]           I. M. Latu u. a., „Successful female leaders empower women’s behavior in leadership tasks“, Journal of Experimental Social Psychology 2013, S. 444–448

[ix]             Bundesministerium für Familie Senioren, Frauen und Jugend, „Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung“, 27. August 2019, www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap---ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294


Literatur von und für starke Frauen: es gibt mehr als eine Wirklichkeit

Literatur nähert sich Frauen und ihren Themen auf verschiedene Weise. Sei es in der Beschreibung ihrer Lebensrealitäten im Kontext von aktuellen Lebenswirklichkeiten oder in Form von Dystopien wie Margaret Atwoods herausragenden Romanen „Der Report der Magd” und dessen  Fortsetzung „Die Zeuginnen”.

Es sind mitreißende, gefühlvolle Werke von starken Frauen - und Männern -, die Mut machen können. Doch nicht immer müssen spezifische Frauenthemen in den Büchern Eingang finden. Manchmal zeigt sich die feministische Literatur auch an der Schreibweise, nicht am gewählten Inhalt. 


Kenne deinen Körper: Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Der Frauenkörper galt lange als Mysterium. Dies ist durch das Bild der Frau und ihrem geringeren Wert gegenüber dem Mann in der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gefördert worden. Im Zuge der Gleichberechtigung hat sich dies geändert. Die Frau darf nun auch ein sexuelles Wesen sein, dass seine eigene Sexualität entdeckt.

Blick ins Buch
Keep It ComingKeep It Coming

Guter Sex ist Übungssache

Schöner Sex – schön wär’s! Was tun, wenn nach vielen Jahren die Abläufe festgefahren sind, die Lust verschwunden? Vielleicht ist die Lust auch da und Frau weiß genau, was sie will – oder eben nicht. Doch wie lässt sich das zusammen mit dem Partner umsetzen? Die erfahrene Sexualtherapeutin Dania Schiftan zeigt fundiert und anhand zahlreicher Fallbeispiele aus ihrer Praxis, wie wir ein neues Miteinander im Bett entwickeln können, ganz behutsam und effektiv. Denn auch beim Sex zu zweit gilt: Wer eine Sache beherrschen will, muss üben. Dann ist kein Hindernis unüberwindbar!

Teil 1 Woher komme ich, wo stehe ich, was will ich oder: Der Sex deines Lebens – früher, jetzt und in Zukunft

Hast du dich schon mal gefragt, warum dich Bestimmtes erregt – und anderes so gar nicht? Wieso du am besten auf eine bestimmte Art und Weise zum Orgasmus kommst, während andere Menschen da ganz anders ticken? Auf den folgenden Seiten erfährst du Grundlegendes darüber, wie sexuelle Vorlieben und Erregungsmuster entstehen. Außerdem gibt es einen Test, mit dessen Hilfe du bestimmen kannst, wo du sexuell stehst – und bekommst Anregungen, wie du vielleicht dein zukünftiges Sexleben gestalten könntest. Denn nur, wenn du weißt, wohin du willst, kannst du dich dorthin auf den Weg machen.

1 Von nichts kommt nichts und von viel kommt viel: Was du wissen solltest, wenn du mit diesem Buch deinen Sex auf ein neues Level heben möchtest

Vielleicht hast du das auch schon erlebt: Nach Monaten oder Jahren mit demselben Menschen an der Seite wird der Sex seltener und ist vielleicht oft auch nicht mehr ganz so überwältigend wie am Anfang. Geschieht das, lautet eine verbreitete Annahme:

Das ist eben so, da kann man nichts dran ändern, das Feuer der Leidenschaft währt nun mal nicht ewig.

Von den zwei Aussagen in diesem Satz stimmt eine, die andere nicht. Nur die zweite Aussage ist korrekt.

Die überwältigende Leidenschaft vom Anfang einer Beziehung verliert sich tatsächlich irgendwann, ob wir das wollen oder nicht. Eines Tages, oft schon nach ein paar Monaten, tauchen wir langsam wieder auf aus dem rauschhaften Zustand, in dem wir nicht voneinander lassen können. Auch, wenn wir bis über beide Ohren verschossen sind und uns das überhaupt nicht vorstellen können. Doch im vorübergehenden Zustand der Verliebtheit (nicht zu verwechseln mit der langlebigeren Liebe) werden wir von körpereigenen Botenstoffen regiert. Dazu gehören zunächst Sexuallockstoffe wie Pheromone. Die Pheromone sind geruchlose Sexuallockstoffe, die über die Nase entschlüsselt werden. Sie bestimmen, ob „die Chemie stimmt“ oder nicht, denn sie vermitteln unserem Körper Informationen über das Immunsystem unseres Gegenübers. Genauer gesagt: über dessen Major Histocompatibility Complex (MHC), das ist eine Gruppe von Genen in der DNA, die für die Immunabwehr zuständig ist. Je unterschiedlicher der MHC (biologischer) Eltern, umso besser wäre potenzieller Nachwuchs vor Krankheiten geschützt, weil das hypothetische Baby eine größere Bandbreite schützender Immungene vererbt bekäme. Darum wirkt ein auf MHC-Ebene besonders unterschiedlich ausgestattetes Gegenüber attraktiver auf uns als eines, das uns in dieser Hinsicht ähnlich ist.

Doch zurück zur Verliebtheit: Hat es uns erwischt, wird vor allem der Neurotransmitter Dopamin aktiv und stößt die Ausschüttung von high machenden Endorphinen aus Hirnanhangdrüse und Hypothalamus an. Entscheidend dabei ist: Dieser körpereigene Chemiecocktail kann unsere sexuelle Erregung stark fördern, in vielen Fällen scheint sie wie von selbst zu kommen. Darum haben frisch Verliebte oft den Eindruck, perfekt zueinander zu passen und seelisch wie körperlich füreinander bestimmt zu sein. Doch wenn sich dann die hormonelle Übersteuerung nach einiger Zeit wieder legt, der Reiz des Neuen einer Gewohnheit weicht und vielleicht die Freude am Aufbau eines gemeinsamen Lebens auch nicht mehr so euphorisierend wirkt wie am Anfang, macht das oft Platz für eine gewisse Ernüchterung. Auf einmal ist da der Eindruck, man habe sich irgendwie geirrt und passe vielleicht körperlich und auch sonst doch nicht so gut zusammen wie anfangs gedacht. Hier kann ich – zumindest in den meisten Fällen – Entwarnung geben. Es ist nämlich nicht „eben so“, dass Sex zwangsläufig langweiliger oder seltener werden muss und man nichts daran ändern kann. Das liegt vor allem an einer Tatsache, die ich schon kurz angesprochen habe:

Sexuelle Erregung und sexueller Genuss sind individuell erlernt!

Moment mal, denkst du jetzt vielleicht, wie kann denn das sein: Wir sind doch alle zunächst einmal biologisch sehr ähnlich ausgestattet: als Frau geborene Menschen mit bestimmten Sexualorganen und als Mann geborene Menschen mit anderen bestimmten Sexualorganen. Das ist richtig. Aber wenn diese biologische „Hardware“ entscheidend wäre, wie ist dann zu erklären, dass manche Frauen allein dann zum sexuellen Höhepunkt kommen können, wenn ihre Klitoris – oder genauer gesagt: das obere Ende der Klitoris, das nur den kleinen sichtbaren Teil des hauptsächlich unter der Haut liegenden Organs ausmacht – stimuliert wird, während andere Frauen auch einen Orgasmus erleben, wenn sie mit der Vagina einen Penis oder vielleicht auch ein Sextoy aufnehmen? Weshalb gibt es Männer, die sehr schnell so erregt sind, dass sie einen Samenerguss bekommen, während andere viel mehr Zeit benötigen? Warum sind manche Menschen am Ohrläppchen besonders erregbar und andere in der Kniekehle? Warum stehen einige auf Lack und Leder und andere nicht?

Versteh mich nicht falsch: Nichts davon ist besser oder schlechter als das andere. Ein durch Stimulation der äußeren Teile der Klitoris ausgelöster Orgasmus ist genauso gut wie einer, der durch Stimulation der Vagina entsteht, ein schneller Samenerguss nicht schlechter als ein nicht so schneller und ein Ohrläppchen ist ein ebenso wunderbarer Ort, um Erregung zu spüren, wie eine Kniekehle. Immer vorausgesetzt, den zugehörigen Menschen und denjenigen an ihrer Seite geht es damit gut. Ist das aber nicht der Fall, ist es hilfreich zu wissen, dass Erregungsmuster veränderbar sind.

Denn all diese Muster und Vorlieben haben eines gemeinsam: Sie sind das Ergebnis der individuellen sexuellen Geschichte der betreffenden Person.

Doch der Reihe nach!


Körperteile und -bereiche, die benutzt und berührt werden, werden empfindsamer

Es gibt bestimmte Körperbereiche, die bereits von Natur aus empfindlicher sind als andere. Dazu gehören zum Beispiel die Klitoris, die Eichel des Penis, die Lippen, die Zunge und die Fingerspitzen. Sie verfügen über mehr Sinnesrezeptoren als andere Körperbereiche und ihnen entsprechen größere Areale in der Großhirnrinde als andere. Dazu gleich mehr.

Die Zahl der Sinnesrezeptoren, mit denen wir Sinneseindrücke aufnehmen, ist nicht veränderbar. Das bedeutet aber nicht, dass wir auf dieses Basisprogramm festgelegt sind. Denn etwas anderes ist veränderbar: Die synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen (Neuronen), welche die Impulse von den Sinnesrezeptoren zum Rückenmark und von dort gleich wieder zurückschicken oder sie zum Gehirn weiterleiten. Als Synapse wird die Verschaltung zweier Nervenzellen oder auch zwischen einer Nervenzelle und Muskelzelle oder Nervenzelle und Sinneszelle bezeichnet. Im Gegensatz zu den Nervenzellen selbst, die sich nach ihrer Entstehung im frühkindlichen Alter nicht mehr oder nur in begrenztem Maß neu bilden können, sind neue Verschaltungen zwischen Neuronen bis ins hohe Alter möglich – im Gehirn wie auch im Körper.

Wann immer ein bestimmter Körperbereich berührt wird, schickt er über Nervenbahnen die Information über diese Stimulation an einen der Körperstelle zugeordneten Bereich im Gehirn. Erst dort wird die Stimulation dann bewertet, als eine bestimmte Wahrnehmung interpretiert und gegebenenfalls eine Reaktion eingeleitet.

Dabei ist eine Empfindung nicht das Gleiche wie eine Wahrnehmung. Der Druck deines Shirts auf deiner Haut wird zwar zunächst insofern empfunden, als die Sinnesrezeptoren eine Information ans Gehirn schicken. Das Gehirn bewertet diese Empfindung anschließend aber meist als irrelevant, denn sie erfordert keine Reaktion. Darum „rechnet“ es sie „weg“: Du nimmst das Shirt die meiste Zeit nicht wahr. Jedenfalls so lange nicht, bis du dich darauf konzentrierst oder das Shirt zum Beispiel unangenehm an deiner Brustwarze schabt. Ein solcher Filter ist sinnvoll, denn sonst würde uns die schiere Vielzahl der Eindrücke überwältigen, die den ganzen Tag über auf uns einprasseln.

Auf der anderen Seite gilt aber auch: Wenn du dich auf einen Bereich fokussierst und ihn wiederholt bewusst berührst, etwa, indem du ihn massierst oder streichelst, kannst du ihn gezielt sensibilisieren. Dadurch steigerst du deine Wahrnehmungskapazität, du kannst mehr fühlen – wenn du willst. Nehmen wir zum Beispiel den als G-Punkt bekannt gewordenen, runden Bereich an der Oberseite der Vagina, er ist etwa so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Er heißt G-Punkt, weil er 1950 von einem Herrn Ernst Gräfenberg entdeckt wurde. Ist dieser Bereich Berührung nicht gewohnt, kann sie sich erst mal unangenehm anfühlen. So, als müsstest du pinkeln, weil der Bereich direkt an die Harnröhre grenzt. Berührst und massierst du den G-Punkt jedoch regelmäßig, kannst du mit wachsender Sensibilisierung besser differenzieren und die Berührung dort auch als erregend wahrnehmen.

Du kannst dir diese Sensibilisierung wie ein Seil vorstellen, das zunächst noch sehr dünn ist. Doch mit jeder Benutzung wird ein weiterer stabilisierender Strang hinzugeflochten. So wird das Seil immer stärker und Informationen können schneller und problemloser daran hinauf- und herabklettern.

Das ist allerdings noch nicht alles. Auch im Gehirn steigt mit häufigerer Stimulation einer bestimmten Körperstelle die Zahl der zugehörigen synaptischen Verbindungen und das bedeutet, dass dem jeweiligen Körperbereich mehr Platz in der Großhirnrinde zur Verfügung gestellt wird. Dem viel benutzten Daumen ist darum ein relativ großes Areal in der Hirnrinde zugeordnet, während dem vermutlich bei den meisten von uns deutlich weniger variabel eingesetzten kleinen Zeh ein kleinerer Bereich zukommt. Ganz anders sieht das aber bei jemandem aus, der für alle Tätigkeiten des täglichen Lebens seine Füße und Zehen benutzt. Das Training sorgt dann dafür, dass die neuronalen Bahnen stabiler werden und den Körperteilen, die zum Einsatz kommen, auch mehr Wahrnehmungskapazität eingeräumt wird. Dadurch funktionieren sie besser. Wenn du dir schon mal den Arm gebrochen hast, kennst du das vielleicht aus eigener Erfahrung. Wenn du plötzlich mit der Hand schreiben musst, die du normalerweise nicht benutzt, klappt das anfangs wahrscheinlich nur sehr eingeschränkt, mit der Zeit aber immer besser.

Das, was für unsere Hände und Finger oder Füße und Zehen gilt, gilt für unser Geschlecht und jeden anderen Punkt der Körperoberfläche genauso: Wird der betreffende Bereich durch Berührung und spezifische Aktion stimuliert, wird er auch sensibilisiert.


Sexuelle Gewohnheiten bestimmen unser sexuelles Erleben

Ausgestattet mit diesem Wissen kannst du dir bereits denken: Dass du auf die eine oder andere Weise sexuell erregt wirst und zum Höhepunkt kommst und auf eine andere Art nicht, hat sehr viel mit deinen sexuellen Gewohnheiten zu tun.

Also damit, wie und unter Einbeziehung welcher Körperareale du dich selbst erregst und ob du dich dabei reibst, streichelst, Druck ausübst, Gleitgel oder Massageöl benutzt oder gern ein vibrierendes Sextoy verwendest. Denn all das hat Einfluss darauf, welche Typen von Sinnesrezeptoren angesprochen und welche Nervenbahnen ausgebaut werden – und eben auch, welche nicht. Darüber hinaus spielen auch deine Körperspannung und Atmung eine wichtige Rolle, dazu erfährst du später mehr.

Natürlich werden die individuellen neuronalen Schaltkreise der Erotik nicht nur geprägt, wenn du dich selbst erregst, sondern auch beim gemeinsamen Sex. Mit Sex meine ich dabei alles, was damit zusammenhängt: das Vorspiel, Petting, Knutschen, Anal- oder Oralsex – eben alles, was mit Berührungen einhergeht. Und selbst das greift noch zu kurz, denn theoretisch muss es sich nicht mal um eine Handlung mit sexueller Motivation drehen. Dein erotisches Empfinden kann auch von der Kopfmassage mit beeinflusst sein, die dir dein Friseur beim Haarewaschen verpasst, einer Gymnastikübung, die du im Fitnessclub regelmäßig machst, oder dem angenehm-erregenden Rütteln der U-Bahn, wenn sie durch einen Tunnel fährt. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Betrachten wir aber einmal den Geschlechtsverkehr: Hier hat beispielsweise einen Einfluss, in welchen Stellungen wir vorwiegend miteinander schlafen (auch wenn „schlafen“ der Sache nicht ganz gerecht wird). Je nach Position kann die Körperspannung variieren und das beeinflusst unsere Empfindungen maßgeblich. Auch die Körperareale, die angesprochen werden, können je nach Position völlig andere sein. Genauso wichtig ist es, ob wir uns beim Sex, ob nun allein oder zu zweit, viel oder wenig bewegen und wie wir uns bewegen. Zu diesem Thema erfährst du bald mehr, denn Bewegung ist eine großartige Möglichkeit, das sexuelle Vergnügen zu modulieren und zu steigern.

Außerdem spielt es noch eine Rolle, ob du dich im Kopfkino mit etwas Aufregendem wie einer besonderen Fantasie oder Pornos stimulierst oder ob du einen speziellen Nervenkitzel suchst. Vielleicht gehst du ja gern auf Swinger-Partys oder hast am liebsten Sex mit Fremden oder unter freiem Himmel, wo dich andere entdecken könnten.

Und schließlich gibt es noch die sogenannten Anziehungscodes, also das, was du sexy und erregend findest an Sexualpartnern, Sexualpartnerinnen oder beim Sex. Diese Codes können das Aussehen betreffen, also ob du beispielsweise auf lange oder kurze Haare stehst, auf schlanke oder stämmige, blonde oder dunkelhaarige Menschen. Anziehungscodes gibt es aber auch auf allen anderen Ebenen der Wahrnehmung, sie können sich zum Beispiel auf Gerüche beziehen wie bestimmte Parfums oder auch darauf, wie sich etwas anfühlt oder anhört. Einige Menschen finden Bettwäsche aus Seide erotisch, andere werden von bestimmter Musik sinnlich angeregt oder es törnt sie an, wenn die Partnerin oder der Partner stöhnt. Das sind nur ein paar zufällige Beispiele, denn grundsätzlich kann alles, was sich im Zustand sexueller Erregung wahrnehmen lässt, zum sexuellen Signal werden. Das bedeutet, dass die zugehörigen neuronalen Pfade stabiler geworden sind und das entsprechende Signal zielgenau unsere „Erregungsknöpfe“ drückt.

Was uns sexuell erregt, hat dabei häufig mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Und manchmal mit ganz zufälligen Verknüpfungen. War dein erster Kuss wunderschön und erregend und dein Gegenüber roch dabei nach Rosenseife, kann es sein, dass du noch viele Jahre später den Geruch von Rosenseife erotisch findest. Und hatte der erste Mensch, in den du unsterblich verliebt warst, grüne Augen, ist es gut möglich, dass dich grüne Augen auch später noch schneller schwach machen als braune oder blaue.

Unsere Anziehungscodes sind auch oft davon geprägt, was uns gesellschaftlich als schön und sexy präsentiert wird. Siehst du in den Medien immer nur durchtrainierte und gestylte Körper, wirkt das unbemerkt darauf ein, was dir gefällt. In der Psychologie nennt man das den Mere-Exposure-Effekt. Das Thema Mode verdeutlicht sehr gut, wie sich unsere Augen an bestimmte Reize anpassen, auch wenn es dabei nicht um unmittelbare sexuelle Erregung gehen muss. Aber in einem weiteren Sinne beeinflusst Mode natürlich auch, was wir an uns selbst und anderen als anziehend empfinden. Ich erinnere mich zum Beispiel noch sehr deutlich daran, wie meine Schwiegermutter bei einem Familientreffen mit einem Leopardenpulli aufgetaucht ist und meine erste Reaktion völliger Unglauben war: Das kann man doch nicht anziehen! Doch plötzlich wurde der Leoparden-Look überall in den Modeläden angeboten, auf Pullis, Tops, Halstüchern und Leggings. Es hat drei Monate gedauert, bis ich gedacht habe: Ob ich so ein Paar Leo-Leggings auch mal anprobieren soll? Allein dadurch, dass ich ständig Leopardenmuster gesehen habe, die mir als etwas total Schönes verkauft wurden, haben sich meine Bewertung und auch meine Gefühle beim Anblick der Muster verändert.

Zurück zum Sex: Weil die meisten von uns auch beim Masturbieren und beim Sex mit einer Partnerin oder einem Partner „Gewohnheitstiere“ sind, schleift sich mit der Zeit auf allen Ebenen der Sinneswahrnehmung ein bestimmtes Erregungsmuster ein. Oft haben wir eines Tages dann den Eindruck, nur so und nicht anders zu können. Wir scheinen ganz bestimmte Arrangements, Drumherums und Berührungen für unsere sexuelle Erregung zu brauchen. Bringt nun ein potenzieller neuer Partner oder eine neue Partnerin eine Art der Erregungssteigerung mit, die mit unserem eigenen Muster nicht kompatibel ist, kann das dazu führen, dass wir den Eindruck bekommen, körperlich nicht zusammenzupassen. Ein klassisches Beispiel ist etwa der schnell durch stakkatoartige Reibung des Penis zum Höhepunkt kommende Mann und gegenüber die Frau, die „lange braucht“, um einen Orgasmus zu erleben, und diesen auch nur erreicht, wenn sie auf bestimmte Art und Weise stimuliert wird, etwa durch Stimulation des Klitoriskopfes. Wenn er nun so mit ihr schläft, wie er es von der Selbstbefriedigung gewohnt ist – mit schnellen Stößen, ohne dass er die Klitoris zusätzlich berührt –, hat sie keine Chance, zum Höhepunkt zu kommen.


Warum der kleinste gemeinsame Nenner keine gute Dauerlösung ist

Oft wird versucht, vermeintliche Kompatibilitäts-Probleme durch bestimmte Techniken und Tipps zu lösen, von denen das Internet und Zeitschriften überquellen. Da wird empfohlen, der Mann solle an etwas Abtörnendes denken, was seine Erregung immer wieder bremst. Oder der Penis solle in regelmäßigen Abständen „pausieren“, damit der daran hängende Mann nicht so schnell kommt und der/die Partner:in mehr Zeit hat, um Lust zu entwickeln. Ansonsten wird nichts verändert. Eine andere gängige Strategie ist es, dass sich die Partner oder Partnerinnen unabhängig voneinander zum Orgasmus bringen, zum Beispiel mit Oralsex. Oder eine/einer befriedigt sich selbst, nachdem die/der andere gekommen ist. Wenn sich die Beteiligten damit gut fühlen, ist das natürlich in Ordnung. Oft werden solche Arrangements allerdings als zumindest teilweise unbefriedigend empfunden – wenigstens, wenn sie zur Dauereinrichtung werden. Ein selbst verordnetes Stop-and-go kann eine Erektion wacklig werden oder ganz verschwinden lassen, von der Lust ganz zu schweigen. Und einen genussvollen Flow entwickelt auch das Gegenüber dabei nicht, im Gegenteil: Weil es beim Rein-raus sowieso nicht kommt, kann die künstliche Verlängerung sogar nerven und das ist ein echter Lustkiller. Dazu kommt häufig das Gefühl, der oder dem anderen etwas zu schulden, wenn man selbst bereits „fertig“ ist, obwohl man am liebsten genießen oder entspannen will. Wer aber den Fokus auf das Gegenüber legt statt auf das eigene Empfinden, verliert in der Folge häufig die Lust. Dann wird Sex zur Pflichterfüllung statt zur Spaßquelle.

Und das ist sehr schade.

Ich bin da eher für den Leitsatz:

Lust hoch zehn statt kleinster gemeinsamer Nenner

In diesem Buch ist die Herangehensweise an die Erfüllung sexueller Wünsche und Sehnsüchte eine andere. Du wirst hier keine lustfeindlichen Techniken – sogenannte antierotische Strategien – finden, mit denen du deine Erregung künstlich bremst. Ebenso wenig schlage ich dir Tricks und Patentrezepte vor, um dein Sexleben aufzupeppen. Die gibt es nämlich nicht, lust- und genussvoller Sex ist eine sehr individuelle Angelegenheit – wie gesagt. Darum zeige ich dir stattdessen, wie du deinen gewohnten sexuellen Erregungsmustern neue Muster hinzufügen und damit das Empfindungs-Repertoire deines Körpers erweitern kannst. Statt dich zu limitieren, um beim Sex auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen, der niemandem so richtig gerecht wird, bekommst du die Möglichkeit, dir über deinen Körper neue Bereiche der Lust und des Genusses zu erschließen. Damit bereicherst du dein Sexleben. Du machst es größer, statt es an etwas Gegebenes anzupassen. So kannst du dein Sexleben schöner und wieder aufregender gestalten, auch wenn du keine direkten Probleme hast, aber dir einfach wieder mehr Genuss und Spaß wünschst statt immer nur die gleiche Nummer.


Frauenlebensgeschichten: durch die Männerwelt mit weiblichen Waffen

Längst mussten selbst eingefleischte Feministinnen erkennen, dass Männer und Frauen stets unterschiedlich sein werden. Es liegt in der Biologie begründet. Sie darf jedoch nicht als Begründung genutzt werden, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung vorzuenthalten. Wie es starken Frauen in der oft besungenen „Men’s World“ erging und wie sie für ihre Rechte kämpfen mussten, sind Themen in weiblichen Biographien.

Blick ins Buch
100 Autorinnen in Porträts100 Autorinnen in Porträts100 Autorinnen in Porträts

Von Atwood bis Sappho, von Adichie bis Zeh

Fünf renommierte Kritikerinnen schreiben über ihre 100 bedeutendsten Autorinnen

Eine Auswahl der 100 bedeutendsten schreibenden Frauen aus zwei Jahrtausenden und der ganzen Welt, vorgelegt von den renommierten Kritikerinnen Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter und Julia Encke. Von Sappho bis Atwood, von Adichie bis Zeh porträtieren sie Schriftstellerinnen und ihren Weg zum Schreiben, betten ihr Werk in Lebens- und Zeitumstände ein und positionieren sie innerhalb literarischer Traditionen.

Eine spannende, unterhaltsame und zum Lesen verleitende Erkundung der weiblichen Gefilde der Weltliteratur.
Ein Muss für jede Leserin - und jeden Leser!

Leïla Slimani geb. 1981

Die Botschafterin

Leïla Slimani war 2014 auf einmal da mit einer klaren, harten, fast atemlosen und zugleich berührenden Sprache, mit der sie sofort einen völlig eigenen Ton gefunden hatte. Und sie fiel auf mit einem Sujet, das den Erwartungen zuwiderlief. Die junge französisch-marokkanische Schriftstellerin schrieb in ihrem ersten Roman All das zu verlieren über eine sexsüchtige Frau. Eine, die gar nicht anders kann, als sich immerzu auszuliefern und zu verausgaben, sich zu verletzen und sich verletzen zu lassen, ruhelos, getrieben, die überall mit Männern schläft und immer härter, während sie zugleich ein bürgerliches Leben führt, in Paris als Journalistin arbeitet, mit einem Arzt verheiratet ist, der von ihrer Nymphomanie nichts weiß und mit ihr einen kleinen Jungen hat.

„Warum haben Sie Ihr erstes Buch über eine Nymphomanin geschrieben?“, wurde Slimani gefragt, als sie zwei Jahre später den renommierten Prix Goncourt für ihren Roman Dann schlaf auch du schon gewonnen hatte. Und Leïla Slimani fragte zurück: „Warum nicht?“ Von Anfang an habe sie keine Lust gehabt auf „diese Idee der Frau als positive Figur“, sondern habe über eine Frau schreiben wollen, die feige sei und schwach, die lügt und zerstört. „Nur wusste ich lange nicht, was der Motor meiner Antiheldin sein könnte.“ Dann habe sie eine Dokumentation über Dominique Strauss-Kahn, den ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, und dessen Sexsucht gesehen. „Und da wusste ich, dass ich über eine Frau schreiben will, die unter diesem Zwang leidet.“ Sie habe viel recherchiert, viele Berichte gelesen, mit Betroffenen in Foren gesprochen. Die Verzweiflung dieser Menschen sei entsetzlich. Sie verspürten ständig den Drang, von einem anderen Körper gepackt zu werden, müssten sich fühlen und empfänden dabei am Ende aber überhaupt nichts. „Es ist einfach nie genug, nie.“

Dominique Strauss-Kahn, dem vor seinem Sexskandal im Jahr 2011 sogar Chancen auf das französische Präsidentenamt eingeräumt worden waren, wurde während einer privaten Reise am John-F.-Kennedy-Flughafen in New York wegen des Vorwurfs versuchter Vergewaltigung, sexueller Belästigung und Freiheitsberaubung eines Zimmermädchens des New Yorker Hotels Sofitel festgenommen. Um Vergewaltigung und Freiheitsberaubung allerdings geht es in dem, was Leïla Slimani schildert, nicht. Adèle, wie ihre weibliche Hauptfigur heißt, hat innerhalb des Kontextes, in dem sie arbeitet, keine Machtposition inne und bringt nicht andere unter ihre Kontrolle, indem sie ihnen Gewalt antut (die Strauss-Kahn abstritt und für die er strafrechtlich nicht belangt werden konnte). Vielmehr lässt sich das, was sie vollzieht und was Slimanis Roman seriell schildert, eher in der paradoxalen Figur der versuchten Selbstermächtigung durch Selbsterniedrigung beschreiben: Adèle erobert reihenweise Männer. Aber es ist eben nicht nur der befreundete Kollege, durch den ihr Doppelleben irgendwann auffliegt. Es sind auch bezahlte Männer, von denen sie sich brutal schlagen lässt: „Sie war es, die gesagt hat: ›Das reicht nicht‹, die geglaubt hatte, mehr ertragen zu können. Fünfmal, vielleicht zehn-, hat er ausgeholt und sein spitzes knochiges Knie auf ihre Scheide krachen lassen.“ Oder, schon früher, noch bei ihren Eltern, der Nachbar aus dem achten Stock, „der so fett ist, dass Adèle Mühe hatte, sein Glied unter den Falten seines Bauches zu finden. Sein Glied, das schwitzte unter seinem Fett und glühte vom Scheuern der enormen Schenkel“.

Leïla Slimani wuchs mit ihren beiden Schwestern in Rabat auf. Ihre Mutter, eine Elsässerin mit algerischen Wurzeln, war Ärztin. Ihr Vater von 1977 bis 1979 Wirtschaftsminister von Marokko, später leitete er eine Bank. Im Elternhaus wurde Französisch gesprochen. Nach der Schule ging sie zum Studium nach Paris an die Eliteuniversität Sciences Po und berichtete als Journalistin für die Zeitschrift Jeune Afrique über nordafrikanische Themen. Als sie ihren ersten Roman veröffentlicht hatte, ging sie auch auf Leserreise nach Marokko. Damals kamen Frauen auf sie zu und erzählten ihr von ihrem Verhältnis zum Sex. Obwohl sie in den Städten lebten und emanzipiert waren, fühlten diese Frauen sich nicht frei. Es gibt immer noch Gesetze, nach denen Menschen für vor- oder außerehelichen Sex eingesperrt werden können. Sie werden selten angewandt, aber sie sind da. Und so berichteten ihr die Frauen, wie sie unter dem ständigen Versteckspiel litten. Manche hatten sich sogar ihre Jungfräulichkeit zurückbilden lassen, um einen Ehemann zu finden.

Sex und Lügen heißt das Buch, das Leïla Slimani aus diesen „Gesprächen mit Frauen aus der islamischen Welt“ gemacht hat. Sie hat darin auch auf Adèle Bezug genommen. Denn für sie steht ihre weibliche Hauptfigur, die im Roman maghrebinische Wurzeln hat, für Marokko und seine Schizophrenie. Das Ehe-, Familien- und Erbrecht beruht noch immer auf der Scharia. Zugleich sind die Marokkaner große Pornokonsumenten. Abtreibungen sind verboten. Slimani zufolge werden davon täglich aber um die 600 vorgenommen. „Mein erster Roman“, schreibt sie in Sex und Lügen, „ist deshalb keine Ausnahmeerscheinung. Ich würde sogar sagen, es ist kein Zufall, dass ich eine Frau wie Adèle erschaffen habe: eine frustrierte Frau, die lügt und ein Doppelleben führt. Eine Frau, die von Gewissensbissen und ihrer eigenen Unaufrichtigkeit zerfressen ist, die Verbote umgeht und keine echte Lust empfindet. Adèle ist in gewisser Weise eine etwas überspannte Metapher für die Sexualität junger Marokkanerinnen.“

Dass ihr erster Roman dennoch sehr wohl eine Ausnahmeerscheinung ist, liegt an diesem schnellen, direkten Slimani-Ton, der auf Umschweife gerne verzichtet. Es ist eine Sprache, für die sie 2016 für Dann schlaf auch du – das Buch verkaufte sich in Frankreich über eine Million Mal und wurde in 40 Sprachen übersetzt – den Prix Goncourt bekam. Diesmal allerdings ging es nicht um Sex, sondern um Mord: „Das Baby ist tot“, lautet der erste Satz des Romans, ein paar Absätze weiter erfährt man, dass auch die Schwester des Babys ihren Verletzungen erliegen wird. Zwei Kinder sterben, erstochen von ihrer Nanny auf den ersten drei Seiten. Dann geht Slimani in der Zeit zurück, erzählt vom sehr normalen Alltag einer ganz normalen Familie: Paul und Myriam sind „Bobos“, wie man sie treffender nicht beschreiben könnte. Sie sind beide Mitte dreißig, Paul ist Musikproduzent, Myriam Juristin, sie leben im 10. Arrondissement in Paris. Als sie Kinder bekommen, suchen sie eine Nanny – und finden Louise.

Den Plot für ihren Roman hatte Slimani einige Jahre zuvor in einer Zeitung gefunden: 2012 erstach eine Nanny in der Upper East Side die beiden Kinder, auf die sie aufpasste. Ohne Motiv und ohne Grund. Sie hatte Geldprobleme und fühlte sich in eine Sackgasse gedrängt. Leïla Slimani erinnerte die Meldung an Emmanuel Carrère und seinen Non-Fiction-Roman Amok, in dem ein Mann eines Tages seine gesamte Familie niedermetzelt, nur dass Slimani ihre eigene Perspektive fand – als Frau, Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin. Sie erzählt die Kindsmordgeschichte vor dem Hintergrund der Klassenfrage und verarbeitet Anspielungen auf „Nanny-Geschichten“ der Film- und der Literaturgeschichte: von der amerikanischen Filmproduktion „Die Hand an der Wiege“ bis hin zu Pamela Travers’ Mary Poppins.

Ende 2017 ernannte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron Slimani – nachdem sie einen Posten als Ministerin für Kultur abgelehnt hatte – zu seiner persönlichen Beauftragten zur Pflege des französischen Sprachraums. Dabei sollte sie „das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien verändern und es auf Augenhöhe heben“. Macron hatte bereits auf der Frankfurter Buchmesse, deren Gastland Frankreich 2017 war, Slimanis Namen exemplarisch für seine Überzeugung genannt, „dass Lesen und Literatur einer Gesellschaft dabei helfen können, sich besser zu verstehen“. Die Schriftstellerin, die sich parteipolitisch nicht engagiert, hatte Macron und seine Bewegung „En Marche“ im Wahlkampf gegen den rechten Front National unterstützt und der Delegation um Macron angehört, die Marokkos König Mohammed VI. und dessen Familie einen Freundschaftsbesuch abstattete.

Das Amt der Botschafterin für Frankofonie nahm sie an – und begann zugleich an einer Trilogie zu arbeiten, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzt und deren erster Band Le pays des autres, Das Land der anderen 2020 erschien. Er erzählt von Mathilde und Amine, einer Elsässerin und einem marokkanischen Offizier, die kurz nach dem Krieg heiraten und sich in der Nähe von Meknès niederlassen. Ihre Geschichte orientiert sich an der Biografie von Slimanis Großeltern. Im Land der anderen leben beide: nicht nur die Französin, die sich bald damit abfinden muss, dass viele der ihr absurd erscheinenden Regeln hier für Männer und Frauen in unterschiedlicher Weise gelten. Auch Amine, der von den Besatzern „Mohammed“ genannt oder herablassend geduzt wird. Slimani schildert, welchen Druck dies auf eine Ehe ausübt und was es für eine Familie bedeutet, in einer revolutionären Situation keinem der beiden Lager anzugehören. Demütigungen und rassistische Gewalt waren in Marokko in den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren alltäglich. Gewalt wurde dabei nicht nur von Franzosen gegen Marokkanerinnen und Marokkaner, sondern auch von den marokkanischen Nationalisten gegen französische Siedler verübt.

In Das Land der anderen muss Mathilde sich in der patriarchalischen Kolonialgesellschaft Marokkos behaupten und wird doch ewig eine Fremde bleiben. Das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, kennt Slimani gut. „Manche“, hat sie 2021 in einem Interview gesagt, „sehen in mir ›die Marokkanerin vom Dienst‹, andere wiederum die ›bourgeoise Französin‹, die sich um nichts Sorgen machen muss. Andere betrachten mich als die ›neue Françoise Sagan‹. Ich lasse diese Zuordnungen inzwischen von mir abprallen. Wichtiger als die Frage, wer man ist, ist die Frage, was man macht. Wir werden durch unser Handeln definiert.“ Mit ihrer Trilogie kehrt sie auch zum Thema Sexualität zurück: Es sei ihr „darum gegangen, das gemeinsame Schicksal von Frauen und Kolonisierten darzustellen“, so Slimani bei einer Buchvorstellung ihres Romans 2020 in einer Pariser Buchhandlung. „Der Kolonialismus war nicht nur ein ökonomisches und politisches Unternehmen, sondern auch ein sexuelles.“


Julia Encke


Chimamanda Ngozi Adichie geb. 1977

Black Voices Matter

Wie sehr das Bild Afrikas in der westlichen Literatur von den Vorurteilen weißer Schriftsteller verzerrt ist, hat der nigerianische Autor Chinua Achebe vor bald 50 Jahren in einem berühmten Essay am Beispiel von Joseph Conrads Romanklassiker Herz der Finsternis eindrucksvoll beschrieben: Afrika als Ort ohne Sprache, ohne Geschichte, ohne Menschlichkeit, ohne Hoffnung. Literarischen Zerrbildern dieser Art setzte Achebe sein aus der eigenen Perspektive entwickeltes Romanwerk entgegen und wurde so zum Begründer einer neuen, selbstbewusst afrikanischen Romanliteratur, die Maßstäbe setzte und auch schwarze Autoren in Amerika anzog und inspirierte: „Achebes Werk befreite meine künstlerische Intelligenz wie nichts zuvor“, so die Nobelpreisträgerin TONI MORRISON.

Auch die junge, aus Nigeria stammende und zum internationalen Literaturstar aufgestiegene Chimamanda Ngozi Adichie beruft sich auf Chinua Achebe. Das fünfte Kind eines Akademikerpaares wuchs auf dem Unicampus in Nsukka auf – zeitweise sogar in einem einst von Achebe bewohnten Haus. Schon im Kindergarten lernte sie lesen und schreiben und fing umgehend an, ihre Großmutter zu unterrichten, die Analphabetin war. Als Schulkind verschlang sie die Kinderbücher von Enid Blyton und schrieb auch bald selbst auf Englisch Geschichten, die in Großbritannien spielten und in denen nur weiße Figuren auftraten. „Das seltsame Gefühl, das man hat, wenn man sich in der Literatur verzerrt widergespiegelt sieht – sich eigentlich darin gar nicht wiederfindet –, ist Teil meiner eigenen Kindheit“, erinnert sie sich.

Erst bei der Lektüre von Achebes Roman Things Fall Apart, 1958 (dt. Alles zerfällt), der das Leben in einem afrikanischen Dorf zum ersten Mal aus der Perspektive seiner Bewohner schilderte, entdeckte Adichie im Teenageralter, dass auch ihre eigene Welt in Büchern vorkommen konnte. Sie, der ihre bisherige Schulerziehung die vorkoloniale Geschichte Afrikas vorenthalten hatte, fand hier eine facettenreiche afrikanische Welt und komplexe Figuren, die ihre Vorfahren hätten sein können. Auch die bei ihr zu Hause praktizierte Form der Zweisprachigkeit – ein Englisch, das durchsetzt ist mit Einsprengseln aus der oralen Igbo-Tradition – fand sie in Achebes Romanen wieder. Sie erlebte einen „glorreichen Schock“, stellte ihr kindliches Schreiben über England ein und fing an, kurze Geschichten aus ihrer Welt zu erzählen. Nach dem Schulabschluss begann sie erst ein Studium der Medizin, folgte dann einer älteren Schwester nach Philadelphia und machte Abschlüsse in Politikwissenschaft sowie Creative Writing.

2003 erschien in New York ihr erster Roman Purple Hibiskus (dt. Blauer Hibiskus), die Geschichte der 15-jährigen Kambili in einer verstörend brutalen Welt. Der Roman spielt im Nigeria der frühen Neunzigerjahre, wo wechselnde Militärdiktatoren Angst und Schrecken verbreiten. Und er spielt in einer wohlhabenden Familie, wo der zum Christentum konvertierte Vater – ein reicher Fabrikbesitzer und Zeitungsverleger – Frau, Sohn und Tochter mit seinem fanatischen Katholizismus tyrannisiert. „Things started to fall apart at home“ lautet der erste Satz des Romans im Original, eine Anspielung auf den Titel jenes Achebe-Romans, der die jugendliche Autorin einst so stark berührte. Auch in Komposition und Figurenzeichnung orientiert sie sich deutlich am selbst gewählten Mentor. Sie führt eine Reihe differenziert gezeichneter Figuren ein und schafft effektvolle lokale Kontraste, so zum Beispiel – als Gegengewichte zu Kambilis Familienhölle – das Heimatdorf von Kambilis Großvater, der noch den alten Göttern anhängt. Und daneben die modernere Welt auf dem Campus von Nsukka, wo eine warmherzige Tante als Dozentin der Universität von Nigeria mit ihren Kindern wohnt. Diese Familie lebt in prekären Verhältnissen, genießt aber eine Freiheit im Denken und im Umgang, von der Kambili und ihr Bruder nur träumen können. Wie diese Kinder aus so scharf kontrastierten Welten aufeinander zugehen, wie dabei die Verängstigten von den Glücklicheren profitieren und mit Lebenslust, Kampfgeist und Freiheitsdrang angesteckt werden – das führt Adichie in packenden Szenen und Dialogen vor.

Der international erfolgreiche Roman wurde 2004 für den Booker Prize nominiert. Zu diesem Zeitpunkt studierte Adichie bereits Afrikanistik in Yale. 2006 erschien ihr zweiter Roman Half of a Yellow Sun (dt. Die Hälfte der gelben Sonne). Der Titel erinnert an die aufgehende Sonne in der Fahne von Biafra, jenem abtrünnigen Staat im Osten Nigerias, der nur drei Jahre existierte und dessen Name zum Synonym wurde für einen Krieg, der in einer Hungerkatastrophe endete. Es gibt viele Darstellungen des Biafrakriegs in der nigerianischen Literatur. Adichie gehört zur dritten Generation von Autoren, die sich damit befassen. Sie haben die Katastrophe nicht mehr selbst erlebt, kennen aber die Dämonen der Vergangenheit aus den Erzählungen ihrer Eltern. Adichie hat den Roman ihren beiden im Krieg umgekommenen Großvätern gewidmet. Ihr geht es um Erinnerung und Mitgefühl, sie will festhalten, was dieser Krieg mit den Menschen gemacht hat. Und es geht ihr um die Korrektur von Bildern Afrikas, die im Westen kursieren, wo man den riesigen Kontinent gerne betrachtet als einen „Ort wunderschöner Landschaften, wunderschöner Tiere und unergründlicher Menschen, die sinnlose Kriege führen, an Armut und AIDS sterben, unfähig sind, für sich selbst zu sprechen, und die darauf warten, von einem freundlichen, weißen Ausländer gerettet zu werden“, so Adichie in ihrem TED Talk von 2009 „The Danger of a Single Story“. Darin plädiert sie dafür, die Definitionsmacht einer langen Darstellungstradition, für die Afrikaner nach einem Wort von Rudyard Kipling „halb Teufel, halb Kind“ waren, abzulösen durch ein möglichst vielstimmiges Erzählen aus afrikanischer Perspektive: Black Voices Matter wäre die entsprechende Devise.

Die ist glänzend umgesetzt in Adichies Erzählband The Thing Around Your Neck, 2008 (dt. Heimsuchungen). Knapp und eindringlich zeichnet sie hier in zwölf Kurzgeschichten heutige Lebenswelten von Afrikanern beiderlei Geschlechts und jeden Alters, sowohl in Nigeria als auch in den USA. Wie in markanten Schnappschüssen sind hier die unterschiedlichsten Schicksale festgehalten. Da ist der auf dem Campus von Nsukka behütet aufgewachsene Professorensohn, der seine Eltern bestiehlt. Da ist die junge Frau, die mit ansehen musste, wie ein Schlägertrupp der Regierung ihren vierjährigen Jungen erschießt. Jetzt will sie nur noch weg und stellt sich deshalb vor der amerikanischen Botschaft in Lagos in die endlose Schlange für ein Visum. Aber dann schafft sie es nicht, der kühlen amerikanischen Visumbeamtin detailgenau zu erzählen, was sie gerade erlebt hat, und sich so mit Aussicht auf Asyl als das Opfer darzustellen, das sie in Wahrheit ist.

Und da sind die nigerianischen Immigrantinnen in Amerika – eine neue Figurengruppe in Adichies Werk. Sie sind in die USA aufgebrochen wie ins „Gelobte Land“ und finden sich in desolaten Umständen wieder. Die Heldin der Geschichte schlägt sich als Kellnerin durch. Amerikanische Ignoranz (Fragen wie: Habt ihr in Afrika auch richtige Häuser? Gibt es dort Autos? Und was ist los mit deinem Haar?) erlebt sie als Demütigung. Nicht einmal ihr verständnisvoller weißer Freund kann ihr das „Ding um ihren Hals“ abnehmen, jene erstickende Gefühlsmischung von Fremdheit und Heimweh, die ihr wie ein Seil um den Hals liegt und die Luft abschnürt.

Amerika ist für Adichie, deren Bücher bisher in Nigeria spielten, als Schauplatz neues Terrain. Es war erwartbar, dass sie es betreten würde, denn zum Zeitpunkt der Publikation des Bands lebte sie schon seit mehr als einem Jahrzehnt in den USA und hatte inzwischen jenen durch die Kränkungen des Assimilationsdrucks geschärften Blick auf die neue Umgebung entwickelt, der sich bei Immigranten wohl überall auf der Welt einstellt. Nur: In ihrem Erzählband hat sie die Situation von schwarzen Einwanderern in die USA als derart deplorabel beschrieben, dass sie bei der Promotion ihres Buchs in Amerika von leicht vergrätzten Gesprächspartnern Sätze zu hören bekam wie „Sie mögen uns wohl nicht besonders“.

Mit der ihr eigenen Verve hat sich Adichie dagegen verwahrt und betont: Sie liebe Amerika als ihre zweite Heimat, doch sei ihre Zuneigung komplizierter Art, nämlich „kritikfreudig“.

Genau diese Art von Liebe hat sie in ihrem dritten Roman Americanah (2013) zur Antriebskraft ihres Schreibens gemacht. Schon im Titel spielt der Roman auf sein zentrales Thema an: nigerianische Erfahrungen von Emigration und Heimkehr, die jedoch nicht nur in afrikanischem Kontext von Interesse sind, da Migranten überall auf der Welt ähnliche Erfahrungen machen mit den Mechanismen, die in Gesellschaften Ausschluss oder Zugehörigkeit regulieren.

Als „Americanah“ gelten in Nigeria Rückkehrer aus den USA, die sich Angebereien leisten wie einen demonstrativ amerikanischen Akzent. Der ehrgeizig konstruierte Roman spielt auf mehreren Zeitebenen und drei Kontinenten: in Lagos, London und den USA. Er setzt ein mit der hinreißend beschwingt erzählten Geschichte einer Teenagerliebe unter Angehörigen der Mittelschicht im Lagos der Neunzigerjahre. Die aufs Leben neugierige Ifemelu und der Büchernarr Obinze lernen einander in der Schule kennen. Sie trennen sich zu Beginn ihrer Studienjahre, da Ifemelu ein US-Stipendium ergattern kann, und versprechen sich, Kontakt zu halten. Das klappt eine Weile, misslingt dann aber wegen Ifemelus Depression in der schwierigen Zeit gleich nach ihrer Einwanderung. Als sie sich nach 15 Jahren in Lagos wiedertreffen, haben sich beide stark verändert, wenn auch nicht in der vom Titel nahegelegten Weise. Beide haben die Abgründe afrikanischen Immigrantenlebens im Westen kennengelernt. Und dennoch ist ihnen danach ein steiler sozialer Aufstieg gelungen. Obinze, der in London als illegale Putzkraft geschuftet hat, wird nach Lagos abgeschoben, kommt aber gerade rechtzeitig zurück, um mittels anrüchiger Machenschaften vom Wirtschaftsboom zu profitieren. Als Immobilientycoon scheint er jetzt im Geld zu schwimmen, hat Frau und Tochter und das, was in der nigerianischen „Arschkriechergesellschaft“ am wichtigsten ist: beste Beziehungen.

Ifemelu wiederum ist es gelungen, in Princeton akademische Grade und eine Eigentumswohnung zu erwerben. Und sie ist eingeweiht sowohl in die Feinheiten der akademischen Debatten über Identitäts-, Diversitäts-, Gender- und Rassefragen in den USA als auch in den dortigen Alltagsrassismus, dessen Grundregeln sie in ihrem für Immigranten wie sie selbst gegründeten Blog so zusammenfasst: „Die Weißen nach vorn, die Braunen nach hinten, die Schwarzen raus!“ Fragen nach der Hierarchie unter Hautfarben werden hier behandelt, aber auch Lifestyleprobleme wie die nach der für schwarze Amerikanerinnen mit beruflichen Ambitionen angemessenen Frisur und ihren gesundheitlichen Folgekosten (Preisfrage: Wäre Obama Präsident, wenn seine Frau ihr Haar als Afro trüge?). Etliche Blogbeiträge sind in den Roman eingelassen. Sie haben Scharfsinn und Witz. Doch der Lesbarkeit des umfangreichen Romans ist damit nicht gedient. Gelegentlich verschwindet sein Personal wie in einem vom Info-Bombardement der Blogtexte verdunkelten Wimmelbild.

Der Roman wurde ein Welterfolg. 2012 hat Adichie sich in einem weiteren TED Talk als Feministin geoutet (We Should All Be Feminists, dt. Mehr Feminismus), wurde von der Popsängerin Beyoncé dafür in einem Song gefeiert und ließ später einen kleinen Erziehungsratgeber für eine Freundin folgen, die Mutter geworden war: Liebe Iljeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden (2017). Verheiratet mit einem aus Nigeria stammenden Mediziner, lebt die Autorin inzwischen in Baltimore und in Lagos und hat eine kleine Tochter. Im Jahr 2021 widmete sie ihrem eben verstorbenen Vater ein berührendes Buch der Erinnerung: Notes on Grief. Dessen deutscher Titel formuliert ihre wichtigste Erkenntnis bei der Verarbeitung dieses Todes Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.

Aber die vielleicht beste Nachricht ist, dass Adichie Ende 2020 wieder zum Schreiben von Storys zurückgefunden hat. Zikora heißt ihre jüngste, bisher nur im englischen Original und als E-Book publizierte Geschichte, die von der Geburt eines kleinen Jungen erzählt, an dessen Bettchen in einer amerikanischen Klinik die Lebensfäden von einer Handvoll unvergesslicher afrikanischer Figuren zusammenlaufen.

Sie ist also durchaus noch da, die große Geschichtenerzählerin Chimamanda Ngozi Adichie. Und es ist noch einiges von ihr zu erwarten.

 

Gunhild Kübler

Blick ins Buch
Die Ersten ihrer ArtDie Ersten ihrer Art

Frauen verändern die Welt

(1918 bis heute)

Ohne Frauen fehlt die Hälfte
Simone Veil, Margaret Thatcher, Angela Merkel, Kamala Harris: Sie alle eroberten ihren Platz in einer Männerwelt und veränderten sie Stück für Stück. Das Buch führt uns zu diesen und vielen anderen Ersten ihrer Art. Es zeigt nicht nur, was fehlt, wenn Frauen nicht mit am Tisch sitzen, sondern auch wie sie in den letzten hundert Jahren gegen Widerstände an die Spitze gelangten und neue Themen setzten.

Die Autorin hat viele Erste interviewt und akribisch recherchiert. Sie belegt, dass die Kämpfe noch nicht ausgefochten sind: Die Hälfte der Menschheit hat noch längst nicht die Hälfte der Macht.

„Dieser spannende Teil der Geschichte kam in der Schule nie vor. Das ist ein Buch, das müssten Männer lesen!“ Nicole Seifert im BRIGITTE WOMAN-Podcast Meno an mich

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Kommentare

1. gefällt mir interessante auswahl
simone rindler am 20.03.2020

sehr viele interessante und auch kontroverse themen.gefällt mir.

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