Feministische Literatur
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Bücher, Frauen & Feminismus

Feminismus heute

Gender, Gleichberechtigung, #metoo

Die aktuelle Debatte zum Feminismus ist geprägt von vielen Facetten: #metoo, Quotenregelungen, gleiches Geld für gleiche Arbeit, genderneutrale Sprache, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die sich daraus ergebenden Fragestellungen bezüglich der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese Liste ließe sich noch fortsetzen, das Thema ist aktueller denn je und das Bewusstsein, wie weit sich patriarchale Strukturen durch alle Aspekte unseres Lebens ziehen war noch nie so groß.

In der feministischen Literatur werden die unterschiedlichsten Ansätze verfolgt. Teilweise wird auf eine historische Diskursanalyse Bezug genommen oder es wird die weibliche Psyche thematisiert. Einige der Autoren fühlen sich stark der politischen Frauenbewegung verbunden, wodurch in ihren Werken gesellschaftliche Probleme wie die aktuelle Debatte zu #metoo Eingang finden. Um welchen Themenbereich es sich auch handelt, stets vereint die Werke ein Interesse für frauenspezifische Themen. Die Geburtsstunde der feministischen Literatur war 1929 mit dem Werk »Ein Zimmer für sich allein« von Virginia Woolf. Nur 20 Jahre danach folgte ein weiteres bedeutendes Werk dieses Genres mit dem Buch »Das andere Geschlecht« von Simone de Beauvoir. Ausgehend von diesen beiden Paradewerken der feministischen Literatur sind zahlreiche weitere Werke anderer Autorinnen entstanden, die Frauenthemen auf spannende Weise angehen.

So unterschiedlich die Fragestellungen, so unterschiedlich auch unsere Bücher, die sich unter dem großen Thema Feminismus zusammenfassen lassen. Ob es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper geht, um das Leben mit Familie und Beruf oder um die Neudefinierung von Geschlechterrollen – unsere Autorinnen und Autoren kommentieren diese auf ihre jeweils ganz eigene Weise. Auch literarisch nähern sich Autorinnen und Autoren dem Thema auf verschiedenen Wegen an. Deshalb gehören zu dieser Sammlung von Büchern für Frauen und Frauenthemen auch unbedingt einige Romane.

Entdecken Sie mit feministischer Literatur sich selbst und den Feminismus auf neue, erhellende Weise!

Bücher

Sachbücher und Literatur zu verschiedenen Aspekten und Fragestellungen des Feminismus

Kenne deinen Körper - Enthüllung des weiblichen Geschlechts

Der Frauenkörper galt lange als Mysterium. Dies ist durch das Bild der Frau und ihrem geringeren Wert gegenüber dem Mann in der westlichen Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg gefördert worden. Im Zuge der Gleichberechtigung hat sich dies geändert. Die Frau darf nun auch ein sexuelles Wesen sein, dass seine eigene Sexualität entdeckt.

Blick ins Buch
Coming SoonComing Soon

Orgasmus ist Übungssache - In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt

Wenn wir eine Sache beherrschen wollen, üben wir: Wer gut Klavier spielen will, nimmt Unterricht, wer tanzen will wie eine Ballerina, trainiert regelmäßig. Dieser Grundsatz gilt in allen Lebensbereichen – nur beim Sex denken wir, dass alles von selbst klappen muss. Wie falsch diese Annahme ist, belegen die Zahlen: Nur jede dritte Frau kommt beim Sex regelmäßig zum Höhepunkt. Dabei könnte es ganz einfach sein: Denn genau wie ein Pianist seine Finger trainieren muss, muss die Vagina erst sensibilisiert werden, um beim Sex etwas empfinden zu können. Wie das geht, erklärt Dania Schiftan in diesem Buch – und hilft uns ganz nebenbei, unseren Körper besser kennenzulernen.

Inhalt:

Einleitung

1. Schritt: Kleine Anatomiestunde: die Vagina, die Vulva und die Klitoris

2. Schritt: Wo stehe ich?

3. Schritt: Wie bin ich da hingekommen? – Meine sexuelle Vergangenheit

4. Schritt: Move it! – Warum Bewegung entscheidend ist

5. Schritt: Der Beckenboden und warum er so wichtig ist.

6. Schritt: Reine Kopfsache? – Sexuelle Fantasien

7. Schritt: Swing it! – Die Beckenschaukel

8. Schritt: Mehr Egoismus!

9. Schritt: Swing it together! – Bewegung im Duett

10. Schritt: Zusammen abheben

Die Übungen im Überblick

Und jetzt viel Spaß!

Theorie für Wissenshungrige: die vier Erregungstypen

Interessantes für und über den Mann

Anhang

Blick ins Buch
Die ZyklusstrategieDie Zyklusstrategie

Weibliche Power-Potenziale erkennen und Tag für Tag nutzen

Welchen Einfluss hat der Zyklus einer Frau auf Denken und Fühlen, auf Leistungsfähigkeit, Partnerwahl oder Kaufentscheidungen? Wann kann er beflügeln - zum Beispiel im Job? Und wie können Frauen Stärken aus den schwächeren Tagen ziehen? Könnte ihnen eine persönliche Zyklusstrategie helfen? Und wie ist das bei Frauen, die hormonell verhüten? Die beiden Autorinnen Sabeth Ohl und Eva Dignös werfen in ihrem Buch »Die Zyklusstrategie« einen neuen und positiven Blick auf den weiblichen Zyklus und zeigen, dass er weit mehr ist als ein lästiges wiederkehrendes Ereignis. Sie haben Studien ausgewertet, mit führenden Wissenschaftlern gesprochen – und natürlich mit vielen Frauen. Dabei verlieren die Autorinnen nicht aus den Augen, dass jeder Zyklus einzigartig ist. Sie wollen nicht vorschreiben, wie sich eine Frau in den verschiedenen Phasen ihres Zyklus fühlen muss, wie sie sich zu verhalten hat. Sie möchten zeigen, was alles möglich sein kann. Herausgekommen ist ein unterhaltsames Sachbuch, das zeigt, wie Frauen die Stärken ihres Zyklus erkennen und bewusst nutzen können.

EINFÜHRUNG

 

Den Zyklus nutzen? Von ihm profitieren? Für die Heraus­forderungen des Alltags, für die Karriere, den Erfolg? So ein Blödsinn! Das ist doch verrückt!
Ist es das, was Sie gerade denken?
Weil Sie nicht als Hormonbündel gelten möchten. Weil es Sie unendlich nervt, wenn sich zwei Kollegen mit wissendem Blick zuwispern: » Die hat doch bestimmt gerade ihre Tage. «
Und weil Sie damit nicht alleine sind. Den meisten Frauen, die wir kennen, fallen spontan jede Menge Geschichten ein. Über Tränen im Streitgespräch mit dem Chef, Tampons, die ( natürlich immer vor Publikum ) aus der Tasche purzeln, über Pillen und ihre Nebenwirkungen. Oder stressigen Sex nach Terminkalender. Geschichten also zu PMS, Blutung, Verhütung und Kinderkriegen, ungefähr in dieser Reihenfolge. Vor allem aber: negative Geschichten. Sie sehen den Zyklus als Hindernis und Bürde. Schließlich sorgt das Auf und Ab der Hormone für miese Laune, für Sentimentalität und Verletzlichkeit zum falschen Zeitpunkt, für Bauchweh, Pickel, Bad Hair Days und Heulanfälle.
Klar: ohne Zyklus keine Kinder. Aber es gibt viele Monate im Leben einer Frau, in denen Nachwuchs kein Thema ist, und es gibt viele Frauen, für die Nachwuchs nie ein Thema sein wird. Zeiten also, in denen der Zyklus eher als Belastung und nicht als Gewinn empfunden wird. Dabei, und das wissen nur die wenigsten Frauen, können wir ganz einfach den Spieß umdrehen – und von unserem Zyklus profitieren. Ja, tatsächlich, Forschungsergebnisse zeigen: Auch wenn wir besonders gut sind, kann das an den Hormonen liegen.
Und vor allem daran, wie wir sie uns zunutze machen.
Aber dafür müssen wir nicht nur unsere starken Tage ­genau kennen. Wir müssen auch wissen, wie wir Stärken aus den vermeintlich schwachen Tagen ziehen. Müssen lernen herauszufinden, in welcher Phase wir uns im Moment befinden. Warum wir gerade, denn das ist kein Zufall, so sind, wie wir sind. Und welche Strategie im Moment die beste ist: schweigen – oder reden. Durch Zurückhaltung gewinnen – oder erfolgreich auftrumpfen.
Denn auch auf andere wirken wir niemals gleich. Jeden Tag senden wir unbewusst Signale aus, die Kollegen, Freundinnen, Partner, Fremde ebenso unbewusst wahrnehmen. Und zwar immer anders: Stehen unsere Hormone günstig, machen wir nicht nur mehr aus uns, sehen wir besser aus. Sondern andere trauen uns auch mehr zu.
Was Frauen Monat für Monat spüren, beschäftigt zunehmend auch die Wissenschaft. Seit einigen Jahren ist der weibliche Zyklus nicht mehr nur ein Thema für Gynäkologen. Auch Psychologen, Evolutionsbiologen, Marketingexperten oder Hirnforscher interessieren sich dafür, ob und wie die Hormone unser Verhalten beeinflussen. In den letzten Jahren sind dazu jede Menge Studien erschienen. Wir haben mit ­einigen der Wissenschaftler gesprochen. Freuen Sie sich auf interessante Interviews, und erfahren Sie, warum sich Werbestrategen für den Zyklus interessieren, was die Pille mit russischem Roulette zu tun hat und warum Männer beim ­Anblick einer schönen Frau die Ärmel hochkrempeln.
So amüsant das klingen mag: Der Blick auf den Zyklus ist und bleibt eine heikle Sache. Wer will schon, dass Entscheidungen, die man trifft, die Art und Weise, wie man sich anderen gegenüber verhält, nur noch als Resultat einer bestimmten Hormonkonstellation gewertet werden? Die Frau als Sklavin ihrer Eierstöcke – bitte seien Sie sich sicher: Das ist das Letzte, was wir Autorinnen wollen.
Andererseits erleben wir selbst immer wieder, dass gewisse Tage anders sind als andere. Dass wir im Rückblick doch den einen oder anderen Termin hätten anders legen sollen. Dass wir manchmal zu anderen so fies sind, dass wir uns selbst kaum wiedererkennen, und manchmal so selbstbewusst, dass uns alles gelingt. Wir erleben uns ja täglich selbst im Umgang mit anderen, in der Bewertung von Freundinnen und Kolleginnen. Nicht zuletzt haben wir beide miteinander unsere Erfahrungen gemacht, in der Zusammen­arbeit als Chefinnen. Vielleicht konnten wir dieses Buch nur gemeinsam schreiben, weil wir an verschiedenen Redaktions­standorten arbeiteten, also beruflich immer eine Fernbeziehung hatten.
Als Leiterinnen weiblich dominierter Teams kennen wir schnelle Wetterwechsel in der Stimmung. Wir wissen um die besonderen klimatischen Bedingungen in Konferenzen, Budgetverhandlungen und Personalgesprächen unter weiblichen und männlichen Vorgesetzten.
Nicht selten aber haben wir uns geärgert, dass wir am falschen Tag am falschen Ort waren, obwohl wir es – mit einer Zyklusstrategie – hätten besser wissen können, denn viele Termine bestimmt man selbst. Die Beschäftigung mit dem Thema half uns zu erkennen, wann uns die Hormone im Weg stehen. Und wann sie uns pushen.
Verantwortlich dafür sind keine individuellen Gefühls­lagen, sondern richtiggehende Regeln. Gesetzmäßigkeiten, die nicht nur für uns gelten, sondern für die meisten Frauen. Also auch für Sie.
Das ist einer von vielen Gründen, warum für die Wissenschaftler, mit denen wir für dieses Buch sprachen, das Thema Zyklus so ungemein spannend ist. Auch vielen der Frauen, mit denen wir im Zuge unserer Recherche Gespräche führten, war das so noch nicht bewusst. Wir baten sie, uns zu ­erzählen, wie sie sich im Verlauf ihres Zyklus erleben, ob sie gewisse Regelmäßigkeiten entdecken, wie sie mit bestimmten Tagen umgehen – und was sie überhaupt davon halten, den Zyklus zum Thema zu machen. Denn so richtig viel spricht man normalerweise ja nicht darüber. Das hat mit Kulturgeschichte zu tun, aber auch mit persönlicher Sozialisation: Welchen Stellenwert der Zyklus für uns hat, hängt davon ab, wie unsere Mütter und Großmütter mit dem Thema umgingen. Wurde darüber gesprochen? Durfte man als Mädchen Fragen stellen, und wurden sie beantwortet? Wie eine Frau zu ihrem Zyklus steht, hängt aber auch davon ab, welche Erwartungen sie an sich selbst stellt.
Natürlich haben wir auch mit Männern gesprochen. Und wir wissen: Wir werden eine mehr oder weniger geheime männliche Leserschaft haben.
Dieses Buch will den Blick für eine neue Sichtweise öffnen. Der Zyklus und sein Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln, das kann für uns Frauen ein Baustein unserer persönlichen Erfolgsstrategie sein. Doch dazu müssen wir zunächst wissen, was die Zyklushormone mit unserem Körper anstellen. Wie diese Botenstoffe arbeiten, wie sie den Kreislauf von Eireifung und Menstruation steuern und wo sie dabei im Körper wirken. Wie sie uns beeinflussen: unseren Orientierungssinn oder unsere Art und Weise, Geld zu investieren. Unsere Konkurrenzbereitschaft, für welchen Mann wir uns entscheiden, und womöglich auch, welchen Politiker wir wählen. Und natürlich, was und wie wir einkaufen. Wir haben jetzt eine sehr gute Entschuldigung, wenn wir morgens mal wieder mehr Zeit vor dem Kleiderschrank und im Bad verbringen müssen. Aber wir geben auch Antworten auf die Frage: Haben wir Einflussmöglichkeiten, und wenn ja, welche?
Und wir erzählen, was sich in unserem Leben auf einmal alles ändern kann, wenn wir die Pille nehmen – oder absetzen. Wenn wir unbeschwert Sexualität genießen, unsere Karriere planen – oder unsere Familie. Mit hormonellen Verhütungsmethoden haben wir heute alle Möglichkeiten.
Frauen, die die Pille nehmen, werden möglicherweise manche Tage anders erleben als Frauen mit natürlichem ­Zyklus. Das hat, wie der natürliche Zyklus auch, seine Vor- und Nachteile. Erfahren Sie in den folgenden Kapiteln mehr darüber, wie die künstlich hergestellten Hormone den Zyklus beeinflussen und damit auch unsere Männervorlieben, unsere Lust und unsere Launen.
Leider konnten wir in unserem Buch lesbische Frauen nicht berücksichtigen, weil es kaum wissenschaftliche ­Arbeiten zum Thema Zyklus und Homosexualität gibt. Das liegt unter anderem daran, dass für Zyklusstudien meist heterosexuelle Frauen gesucht werden. Forscher reduzieren ihre Probanden häufig auf den Durchschnitt. So können sie Gemeinsam­keiten und Unterschiede zum Beispiel in Verhaltensweisen besser identifizieren, einen Mittelwert finden. Einen Trend abbilden.
Lassen Sie sich überraschen, was die Forscher so ans Licht bringen. Sie werden bei manchen Erkenntnissen lachend ­rufen: » Ja, das ist doch bei mir genauso! « Und Sie werden an anderen Stellen empört sagen: » Ich doch nicht! « Ob Sie sich wiedererkennen oder nicht: Die Ergebnisse wissenschaft­licher Studien treffen keine Aussagen über Individuen, lassen sich nicht eins zu eins auf jede von uns übertragen. Sie spiegeln ebenjenen Trend wider. Wenn Sie also sagen: » Ich doch nicht! «, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Sie haben entweder intensiv funktionierende Abwehrmechanismen. Oder Sie haben recht.
Vielleicht macht dieses Buch etwas mit Ihnen. Vielleicht werden Sie eine neue Sicht auf sich selbst und Ihren Zyklus bekommen. Werden besser kommunizieren. Dinge anders anpacken. Beziehungen im Job und im Privaten entspannter gestalten. Als Frau zufriedener und erfolgreicher arbeiten. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.
PS: Einige von uns Frauen sind überzeugt, dass immer nur die anderen schuld sind, wenn sie mal wieder gereizt und missgestimmt sind. Nach dem Motto: » Hormone! Doch nicht bei mir! Das ist was für Schwache … « Das geht Ihnen auch so? Na immerhin – Sie haben sich dieses Buch besorgt. Lesen Sie ruhig weiter. Es muss ja niemand erfahren … ;– )

 

 

Teil I
MILLIARDENFACH EINZIGARTIG:
DER WEIBLICHE ZYKLUS

Kapitel 1
Ohne Hormone geht es nicht
Die Taktgeber des Zyklus


Einmal rundherum. Und dann wieder von vorn. Frauen ­drehen sich im Kreis. Immer und immer wieder. Oder sagen wir besser: Ihre Biologie dreht sich, ihr Hormonkarussell. Im Schnitt rund 400-mal in ihrem Leben machen verschiedene Cocktails an Zyklushormonen die Runde durch unseren Körper.
» Meine Hormone bringen mich um «, denken wir, wenn uns das prämenstruelle Syndrom ( PMS ) an den Tagen vor den » Tagen « das Wasser in die Augen treibt, nur weil der Chef eine kritische Bemerkung gemacht hat. » Hormon-huhn «, denken wir, wenn die beste Freundin am Mädels-stammtisch mal wieder kein gutes Haar an denen lässt, die nicht dabei sind. » Das sind die Hormone «, sagen wir resi­gnativ-achselzuckend, wenn die pubertierende Tochter uns die Zimmertür vor der Nase zuknallt. Hormone – das klingt nach » unberechenbar «, nach » nicht zu steuern « und ein bisschen immer auch nach » Triebe, Lust und Liebe «.
Dass der Zyklus mehr als drei Jahrzehnte eines Frauen­lebens prägt, ist in der Natur des Frauseins angelegt. Und doch sind es erst wenige Generationen von Frauen, die den Monatszyklus in dieser Regelmäßigkeit erleben, wie wir es heute tun. Schlicht aufgrund der Tatsache, dass Frauen früher häufiger schwanger waren oder ein Kind stillten und in dieser Zeit keinen Eisprung erlebten und somit auch keine Blutung.
Heutzutage, so könnte man glatt sagen, ist er die Regel.
Und zugleich ist der Zyklus so individuell, wie wir Frauen es nur sein können. Ein Thema, bei dem jede mitreden kann und doch nur weiß, was sie selbst erlebt. Da gibt es die Pragmatikerinnen: » Ist halt so. Blöd nur, wenn’s im Urlaub losgeht, kurz bevor ich in den Pool springe. « Es gibt die gut ­Organisierten, die immer Berge von Notfalltampons in der Tasche haben und entsprechend große Taschen. Und die ­Zicken, die ihrer Umwelt und vor allem sich selber das Leben schwermachen.
Bei manchen Vertreterinnen unseres Geschlechts lässt sich das Wohlbefinden nur mit großen Mengen an Schokolade wiederherstellen, was wiederum auf die Dauer zu anderem Unwohlsein führt. Und es gibt viele, die Monat für ­Monat Schmerzen aus der Hölle haben und doch kaum ­jemanden finden, der sie versteht. Weil jede das anders erlebt. Das gilt auch für die Begleitumstände. Manche Frau hasst es zu bluten – » ich empfinde mich als ungepflegt « – und fühlt sich endlich frei, wenn dann mit der Hormonspirale die Blutung ausbleibt. Und dann gibt es natürlich die­jenigen, die froh sind, wenn in der Pilleneinnahmepause die Menstruation kommt, » weil ich dann weiß, dass alles in Ordnung ist «. Eine Umfrage ergab: Ein Drittel aller Frauen hätte am liebsten gar keine Menstruation, ein Drittel fände sie alle drei Monate gut erträglich, ein Drittel kommt mit ­ihrem normalen Zyklus gut zurecht.
Merken Sie was? Wenn wir über unseren Zyklus sprechen, reden wir eigentlich nur über die Menstruation. Was in den übrigen drei Wochen passiert, ist vielleicht noch interessant, wenn wir schwanger werden wollen oder eben nicht. Dieser Zeitraum ist ja auch vergleichsweise unspektakulär, wenn nicht sogar so unauffällig, dass man ihn oft kaum als Phase wahrnimmt, in der mit unserem Körper etwas geschieht. ­Dabei sind in dieser Zeit unsere Hormone genauso aktiv. Mindestens.
Sehen wir uns diesen Zyklus einmal etwas genauer an. Und haben Sie keine Angst: Wir umarmen jetzt nicht den Mond, trommeln nicht unsere Fruchtbarkeit, treffen nicht die rote Lola. Wir gucken nur ganz nüchtern, was sich da in unserem Körper abspielt. Das ist nämlich faszinierend genug. Hormone in Höchstform sind wie ein ganzes Uhrwerk an Zahnrädchen, die ziemlich genial ineinandergreifen. Die 28 Tage, die gemeinhin als Dauer eines Zyklus angegeben werden und denen er den Namen » Monatszyklus « verdankt, sind übrigens nicht mehr als ein statistischer Durchschnittswert. 80 Prozent aller weiblichen Zyklen spielen sich in 25 bis 35 Tagen ab. Zeitlich variabel ist vor allem die erste Zyklushälfte bis zum Eisprung. Das gilt nicht nur von Frau zu Frau, sondern auch innerhalb eines Frauenlebens. In einem Zyklus kann der Eisprung am 10. Tag stattfinden, im nächsten ist es vielleicht erst an Tag 15 so weit.
Die Voraussetzungen sind bereits geschaffen, wenn ein Mädchen zur Welt kommt. Mehrere 100 000 Eizellen trägt es in seinen Eierstöcken. 400 bis 500 davon werden im Laufe eines Frauenlebens heranreifen. Auch sonst ist alles schon da: Eileiter, Gebärmutter, Eierstöcke. Die nehmen mit ­Beginn der Pubertät die Hormonproduktion auf. Der Busen wächst, die Schamhaare sprießen, aus dem Mädchen wird optisch allmählich eine Frau. Irgendwann zwischen dem zehnten und vierzehnten Geburtstag erleben die meisten ihre erste Periode, in den folgenden Jahren stellt sich allmählich ein regelmäßiger Zyklus ein. Das Gefühlskarussell, das viele Mädchen – und ihre Eltern – in diesen Jahren erleben, ist dabei wie ein vorweggenommener Hinweis auf das Hormonkarussell, das wir eingangs erwähnten und das jetzt in Gang kommt. Was genau den Schalter umlegt und den Zy­klus startet, der Frauen fruchtbar macht, weiß die Hormonforschung bislang nicht. Die Gene spielen eine Rolle. Auch die Lebensumstände; die Periode setzt heute drei Jahre früher ein als vor 100 Jahren, was auch mit der besseren Ernährung zu tun hat.
Das soll jetzt kein Biologieunterricht werden, aber ein ­wenig in die Details gehen wir noch. Frauen wüssten erstaunlich wenig über ihren Zyklus, konstatierten Wissenschaftler der Yale University nach der Auswertung einer ­Umfrage unter 1000 Frauen in den USA zwischen 18 und 40. Sie hatten unter anderem wissen wollen: Wann sind die fruchtbaren Tage? Wann sollte man Sex haben, wenn man schwanger werden will? 40 Prozent der Frauen kannten ­ihren Ovulationszyklus nicht. Einem Viertel der Befragten war nicht klar, dass der Zyklus in der Länge sehr variieren kann. Und nur zehn Prozent wussten, dass man Sex eher vor als nach dem Eisprung haben sollte, wenn man ein Kind zeugen möchte.
Doch ein Karussell, auf das wir 400-mal in unserem Frauen­leben aufspringen, lohnt einen näheren Blick. Denn es geht hier nicht um abstrakte physikalische und chemische Formeln – es geht um Ihren Körper. Und es gilt auch hier: Wissen ist Macht. Und der Zyklus, das ist viel mehr als nur eine lästige Blutung.
Auch wenn es in der Natur eines Kreises, eines Zyklus, liegt, dass er keinen Anfang und kein Ende hat: Tag eins ­eines jeden Zyklus ist der erste Tag der Menstruation, denn irgend­wo muss man ja beginnen. Die Regie führt dabei der Hypothalamus, eine kleine, aber machtvolle Schaltzentrale im Gehirn, die unter anderem unser komplexes Hormon­system steuert. Er gibt den Startschuss, indem er einen Boten­stoff mit dem etwas sperrigen Namen Gonatropin-­Releasing-Hormon ( GnRH ) produziert. Er ist an die wenige Zentimeter entfernt positionierte Hypophyse, die Hirn­anhangdrüse, adressiert und stößt dort die Produktion des ­follikelstimulierenden Hormons ( FSH ) an. FSH macht sich auf den Weg zu den Eierstöcken und lässt dort ein gutes ­Dutzend Eibläschen heranreifen, die Follikel. Sie schützen die Eizellen und produzieren wiederum selbst ein Hormon aus der wichtigen Familie der Östrogene, das Östradiol.
10 bis 16 Tage dauert diese sogenannte Follikelphase. Die Östradiolkonzentration steigt dabei kontinuierlich an. Das hat Folgen: Die Gebärmutter macht sich unter Östrogen­einfluss für die Aufnahme einer befruchteten Eizelle bereit und öffnet ihre Pforten für den Samen. Die Schleimhaut in der Gebärmutter wächst, der Schleimpfropf im Gebärmutterhals verflüssigt sich. Denn – wir verlieren es leicht aus dem Blick – eigentliches Ziel des Zyklus ist die Fortpflanzung.
Ist alles bereit – was die Hormonzentrale aufgrund des stark gestiegenen Östradiolspiegels registriert –, schüttet die Hypophyse ein weiteres wichtiges Zyklushormon in hoher Konzentration aus, das luteinisierende Hormon ( LH ). Ein Follikel wächst nun stärker als die anderen, füllt sich mit Flüssigkeit und wird zwischenzeitlich zur größten Zelle des Körpers. Die darin befindliche Eizelle reift so weit heran, dass sie befruchtet werden könnte. LH lässt schließlich das Eibläschen platzen, die Eizelle springt in den Eileiter und ­begibt sich zwölf bis 24 Stunden lang auf Wanderschaft ­Richtung Gebärmutter, der Dinge harrend, die kommen ­mögen – und wenn das Sex ist, kann alles passieren. Manche Frau spürt ihren Eisprung als leichten Schmerz, aber wer nichts merkt, hat auch nichts falsch gemacht. Wann genau das Ei springt, lässt sich nicht vorhersagen – der Zeitpunkt kann von Zyklus zu Zyklus schwanken. Sich bei der Verhütung auf Durchschnittswerte aus vergangenen Zyklen zu verlassen ist deshalb extrem riskant.
Der leere Follikel verwandelt sich in den Gelbkörper, der nicht nur so heißt, sondern auch so aussieht – ein kleiner ­gelber Punkt im Eierstock. Er gibt der nächsten Zyklusphase ihren Namen, der Gelbkörper- oder Lutealphase. Neben dem Östradiol, das nach wie vor, allerdings in nicht mehr ganz so hoher Konzentration produziert wird, ist nun ein zweites Zyklushormon wichtig: Der Gelbkörper stellt Progesteron her. Dieses sorgt dafür, dass keine weiteren Eizellen heranreifen, und setzt stattdessen die Bauarbeiten in der Gebärmutter fort. Die Schleimhaut lagert Nährstoffe ein und verdichtet sich, um eine befruchtete Eizelle besser halten zu können. Die Körpertemperatur steigt dabei um einige Zehntelgrad an. Wer wissen möchte, wann er einen Eisprung hatte, kann das mit einem regelmäßigen Temperaturcheck am Morgen ganz gut nachvollziehen.
Wird nun die Eizelle im Eileiter befruchtet, macht sie es sich in der Gebärmutter bequem. Das Schwangerschafts­hormon hCG lässt den Gelbkörper die Progesteronproduktion weiter hochfahren, ein Teil der Schleimhaut wächst ­dadurch zur Plazenta, dem Mutterkuchen, heran. Was danach so alles passiert, bis hin zur Geburt, der Einschulung, dem Pferde­geburtstag mit 30 Freundinnen und dem dringenden Wunsch nach einem eigenen Handy mit Spiderman drauf, darauf müssen wir an dieser Stelle nicht groß weiter eingehen.
Wird die Eizelle nicht befruchtet, tut der Gelbkörper alles, um sich überflüssig zu machen, und zerfällt. Die Progesteron­ausschüttung wird ebenso zurückgefahren wie die Produktion von Östradiol. Sämtliche für eine Schwangerschaft getroffenen Vorkehrungen werden rückgängig gemacht – die Menstruation beginnt, und der Zyklus startet von vorn.
Dafür muss die Schleimhaut weg, die wie eine weiche ­Tapete die Gebärmutter auskleidet, als Nest für die befruchtete Eizelle, das nicht benötigt wird. Eine Art monatliche Grundrenovierung des Kinderzimmers. Das kann wehtun, weil beim Ablösen der Tapete das Gewebshormon Prosta­glandin für Schmerzen sorgt. Außerdem hemmt der vor der Menstruation stark gesunkene Östrogenspiegel die Endorphinausschüttung, das macht schmerzempfindlicher.
Nüchtern betrachtet, ist es nicht viel mit Schleimhaut­resten gemischtes Blut, das Frauen bei der Menstruation verlieren. 30 bis 80 Milliliter der vier bis fünf Liter, die im Körper zirkulieren, ein Kaffeetässchen voll. Und doch kann es sich nach so viel mehr anfühlen. Womit wir wieder bei der Diskrepanz zwischen Fakten und Wahrnehmung wären. Und bei der Frage, warum wir überhaupt so viel davon mitkriegen, wenn ein paar Hormone irgendwo zwischen Gehirn, Eierstöcken und Gebärmutter unterwegs sind.
Warum zieht es dann im Busen? Warum bekomme ich ­Pickel? Fühle mich dick und bin mies drauf, kurz bevor die Tage losgehen? Und könnte Bäume ausreißen, wenn alles wieder vorbei ist? Die Hormone beschränken ihre Aktivität eben nicht auf den Unterleib. Sie sind zwar höchst sorgfältig adressiert. Doch die Rezeptoren, die diese Adresse lesen ­können, sitzen nicht nur auf den Organen, die mit der Fortpflanzung zu tun haben. Es gibt sie überall im Körper.
Sie fassen sich jetzt schon an den Kopf? – » Na klasse, die Frau als Ganzkörperhormonbündel, das kann doch wohl nicht wahr sein! « Das hatten Sie sich von diesem Buch anders erwartet?
Keine Sorge. Niemand schnürt Sie zu einem willenlosen Bündel. Hormone sind nur einer von vielen Faktoren, die unser Befinden ausmachen. Aber sie sind ein Faktor, der ­Power hat – und das natürlich nicht nur in Bezug auf den Zyklus. Hormone steuern so essenzielle Vorgänge wie das Gefühl für Hunger und Durst, das Empfinden von Hitze und Kälte. Sie treiben den Stoffwechsel an, regulieren den Blutzuckerspiegel, können gute Gefühle erzeugen und tiefe Traurigkeit. Sich damit ein bisschen auszukennen kann nicht schaden, wenn man all das für sich nutzen will – und das wollen Sie doch, oder?
Also bleiben Sie dran. Im nächsten Kapitel begeben wir uns auf eine kurze Tour durch die Chemiefabrik unseres Körpers.


Geschlechterrollen: alte Denkweisen und neue Herausforderungen

Die Geschlechterrollen sind je nach dem historischen und regionalen Kontext sehr unterschiedlich. In der westlichen Gesellschaft sind die patriarchalischen Strukturen von einst noch deutlich zu erkennen. Eine Bundeskanzlerin und Frauenquoten konnten die bestehende Ungleichheit von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben nicht eliminieren. Die Geschlechterrollen sind fest in den Köpfen verankert und werden durch unveränderbare biologische Gegebenheiten gefördert.

Blick ins Buch
StilllebenStilllebenStillleben
Antonia Baum führt das typische Leben einer jungen, privilegierten Frau in der Großstadt: Sie hat einen interessanten Job, führt eine feste Beziehung  und genießt die urbanen Annehmlichkeiten. Ihre Umgebung in einem sozial schwachen Bezirk kann sie dabei weitgehend ausblenden. Dann erwartet sie ein Kind – und plötzlich ist ihr Blick auf ihr Leben völlig verändert, und sie bekommt Angst. Nicht nur scheint ihr Platz in der Gesellschaft plötzlich unklar zu sein, ihre Identität ist in Gefahr und die Nachbarn wirken bedrohlich. In ihrem Buch macht Antonia Baum das Persönliche politisch, sie schildert ihr Erleben und kommt dabei auf die ganz großen gesellschaftlichen Themen: wie Erfolgreiche und Abgehängte nebeneinanderher leben , wie man Mutterschaft und ein eigenes Leben verbindet, weshalb man sich mit Kind plötzlich in altmodischen Beziehungsmodellen wiederfindet und warum Mütter es eigentlich niemandem recht machen können. 

Danach gab es davor und danach. Es gab drinnen und draußen. Es gab Mann und Frau. Es gab arm und reich. Danach fürchtete ich mich, wenn ich durch das Treppenhaus des Hauses lief, in dessen oberstem Stock unsere Wohnung war, und drehte mich um.

 

 

1

 

Es ist ganz einfach, dachte ich etwa fünf Wochen vorher und stand am offenen Fenster, ich will ein Mann sein. Es war Nacht. Schräg gegenüber saß jemand in einem rot erleuchteten Fenster und hustete in regelmäßigen Abständen. Sein Husten klang krank. Es klang, als würde sich sein Körper für ihn beschweren. Ich konnte den Körper sehen. Er saß dick und unförmig auf einem Stuhl vor einem Rechner. Manchmal fuhr er sich durch das schwarze Haar. Wie eine hingegossene Masse lag er auf dem Stuhl und bebte, wenn er hustete. Dann war es wieder still. Das Licht aus dem Fenster warf den Schatten des mageren Baums an die Hauswand, was aussah, als würde eine böse Hand nach ihr greifen. Vielleicht würde sie sich das Haus und seinen Inhalt bald einfach nehmen und von dieser Erde schmeißen, dachte ich. Ich schloss das Fenster und drückte meine Stirn gegen das Glas. Ich will ein Mann sein, dachte ich, aber ich will nicht aussehen wie einer, das nicht (und vor allem nicht wie der Mann schräg gegenüber, nein, hier ging es um die Möglichkeiten eines gesunden, gut ausgebildeten Mannes, dessen schwarze Haare, sofern er überhaupt welche hatte, von seinem kulturellen und ökonomischen Kapital neutralisiert werden würden). Ich wollte nicht aussehen wie der Mann, der ich sein wollte. Aber die Möglichkeit aufzustehen, mich nicht zuständig zu fühlen und weiterzugehen, diese Möglichkeit wollte ich besitzen, für immer.

 

Die Menschen aus dem Haus, das wir bewohnten, hatten wenige Möglichkeiten, und seit Kurzem sah ich ihnen dabei zu. Wenn es abends dunkel wurde, stand ich in meinem Zimmer, ohne das Licht anzumachen. Nachts stand ich dort auch, denn ich konnte nicht mehr schlafen. Ich konnte in die erleuchteten Fenster des Hinterhauses sehen. Unser Haus war ein Haus, in dem nachts Lichter brannten. Das rot erleuchtete Fenster des hustenden Mannes war jede Nacht rot, ein anderes Fenster leuchtete grell und kalt, darin sah ich einen Stuhl, einen Tisch und eine Menge Geschirr darauf, aber nie einen Menschen, und dann gab es noch zwei Fenster, hinter denen ebenfalls immer Licht brannte, das aber von zwei bunten Decken geschluckt wurde, die als Sichtschutz provisorisch aufgehängt worden waren. Tagsüber bemerkte man die Menschen aus unserem Haus nicht, sie waren erst nachts zu sehen, wenn sie das Licht anmachten und ihre Stimmen in fremden Sprachen durch den Hof hallten. Denn es wohnten dort Menschen, die nicht früh aufstehen mussten, oder solche, deren Verwandte weit entfernt lebten und die sie wegen der Zeitverschiebung, schlechter Internetverbindungen oder irgendwelcher günstigen Tarife am besten nachts erreichten. Wenn ich dort am Fenster stand, sah mich keiner. Aber ich sah die anderen.

 

Ich stand dort und hatte das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Wie gestrichen. Arbeitslos und behindert. Das klingt schlimm und wird schlimmer, ich kann es kaum aufschreiben, also warte ich damit noch ein bisschen.

 

Ich übertrat die Grenze nicht mehr, hinter der das Geld und die Freiheit lagen. Rationalität, Nützlichkeit, Wettbewerb. Ich legte nicht mehr meinen täglichen Weg zur Arbeit (acht Kilometer) zurück. Ich übertrat somit nicht mehr jene Grenze, hinter der sich all das befindet, was Menschen brauchen, die, traurig und gestresst, versuchen, glückliche Menschen zu werden. Hinter der Grenze waren: Marni-Kleider, Spargelsalat mit Garnelen, Meditationsangebote, eine Übereinkunft darüber, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zwar noch nicht komplett erreicht, aber unbedingt erstrebenswert ist, ebenso wie die Aufnahme und Integration von Geflüchteten und die Ablehnung rechtsnationaler Gedanken (Pegida, AfD), es gab dort gute Friseure, gute Feinkostläden, gute Kleidergeschäfte, und alle wussten, was distinguierte von gewöhnlichen Produkten (oder Menschen) unterscheidet, weswegen ich mich dort immer gerne aufhielt. Es war so sauber und interessant, der Welt von dort aus dabei zuzusehen, wie sie sich täglich zerlegte.

 

Zurück zum Schlimmen, das noch schlimmer wird, sobald ich es aufgeschrieben habe – denn eigentlich erwartete ich, als ich dort am Fenster stand und dachte, ich sei arbeitslos und behindert, einfach nur ein Kind. Und dabei war nicht das Kind das Schlimme, sondern das Gefühl, arbeitslos und behindert zu sein. Am allerschlimmsten aber war es, diesen Satz zu denken, und noch schlimmer ist es, ihn aufzuschreiben. Denn ein Kind, so dachte ich oft am Fenster stehend, ein Kind ist doch das Schönste, Beste, was man machen kann. Damit hört vielleicht auch diese verfluchte Gottlosigkeit auf. Man wird dann vollständiger, gerade als Frau. Ohne ein Kind fehlt einer Frau etwas. Ich dachte diese Sätze in unterschiedlicher Reihenfolge, ich wusste, dass es Klischees waren, denen ich da hinterherdachte, und sie ließen mich trotzdem nicht in Ruhe.

 

Wir lebten vor der Grenze, am Rand, von wo aus ich immer ins Zentrum gefahren war. Der Rand war: Müll auf der Straße, Discount-Supermärkte, Wettbüros, Dönerläden, Kürbiskernschalen auf dem Boden, Pfandhäuser, KiK, Shisha-Bars, Wohnungsauflösungsunternehmen, Läden, die für einige Monate da waren und dann wieder verschwanden. Ich hatte davon nicht besonders viel mitbekommen, denn ich war entweder nicht zu Hause oder in unserer Wohnung, die im vierten Stock lag. Morgens achtzig Stufen runter durchs Treppenhaus, über dunkelbraunen Linoleumboden, der so alt war, dass er Risse hatte, vorbei an grauen geschlossenen Wohnungstüren, aus denen niemals jemand kam. Es war, als lebte keiner in diesem Haus, man begegnete nur Spuren von Leben. Schrott, der auf dem Hof abgestellt wurde, Wurfsendungen, die auf den Boden geschmissen worden waren, der Geruch von vergammelndem Essen aus den Mülltonnen. Und es gab diese Tür, die an manchen Tagen nur angelehnt war. Der Spalt, der entstand, war so schmal, dass er dem Vorbeigehenden zuhauchte, dass diese Tür nur für sehr kurze Zeit offen sein würde und vor allem nicht für ihn, den Vorbeigehenden. Ich hielt dann trotzdem kurz inne und sah auf die angelehnte Tür. Ich lauerte und war mir sicher, dass auf der anderen Seite auch gelauert wurde. Ich war mir sicher, dass sich die Tür gerade eben noch bewegt hatte.

 

An den vielen Türen dieses Hauses standen Namen, die ich mir nicht zutraute richtig auszusprechen. Namen mit vielen Konsonanten und Vokalen an komischen Stellen, Namen, durch die ich hindurchstolperte, wenn ich es versuchte. Die Schilder, auf denen die Namen standen, waren selbst geschriebene und nachlässig angebrachte Zettelschilder, so, als würden die Menschen, zu denen die Schilder gehörten, nicht an Schilder glauben, weil sowieso niemand kam und sich für ihre Schilder interessierte, oder weil sie davon ausgingen, nicht lange zu bleiben.

 

Abends stieg ich die achtzig Stufen wieder hoch, gelegentlich im Dunkeln, denn manchmal funktionierte das Licht nicht. Die Hausverwaltung hatte die Bewohner irgendwie nicht mit der Macht über das Licht ausstatten wollen, weswegen sie eine Zeitschaltuhr installiert hatte. Lichtschalter waren zwar da, aber es passierte nichts, wenn man sie bediente. Es gab nur das verordnete Licht, die Zeitschaltuhr, die hin und wieder falsch oder gar nicht schaltete. Wenn es dunkel war, konnte man nichts dagegen machen, dann blieb es dunkel. Im dritten Stock roch es oft stark nach gebratenem Fleisch, und dann überlegte ich, hinter welcher der Wohnungstüren da wohl gekocht, also gelebt wurde. Es war immer still in diesem Treppenhaus. Nur ausnahmsweise begegnete ich einem Menschen. Etwa dem Jungen mit den schwarzen Haaren und der Adidas-Hose, der vielleicht zwei Mal an mir vorbeigehuscht war, davon einmal in Begleitung seiner Mutter, von deren Gesicht ich nur Augen und Nase sah, weil sie den Rest unter einem Kopftuch verbarg. Wir grüßten einander, als wären alle Beteiligten Schuld an irgendeinem Fehler, den wohl keiner hätte benennen können. Oder der große, dicke Mann mit der Einkaufstasche auf Rädern, die er hinter sich herzog und dabei Wörter, die ich nicht verstand, vor sich hin murmelte. Ein Mann mit langen Haaren und dünnen Beinen, den ich, obwohl ich ihn nie wieder sah, nicht vergaß, weil er so stank.

 

Das war es, mehr sah ich nicht von dem Rand. Wir bestellten unsere Lebensmittel, an den Wochenenden gab es Netflix und Deliveroo, oder wir gingen an Orten essen, deren Besucher laut und lächelnd den Restaurant-Sound machten, zusammen mit glänzenden Gläsern, die beim Anstoßen sangen, und freundlichen Bedienungen, die stolz komplizierte Gerichte erklärten; Orte, deren Bewohner kein Misstrauen in ihren Gesichtern hatten und die nur zugänglich waren für Menschen, die all das auch bezahlen konnten. Ich sah also nichts von dem Rand, an dem wir wohnten. Natürlich, ich hatte die Teenager von der nahe gelegenen Schule gesehen und dass sie alle schwarze Haare hatten und auf der Straße und in unserem Hausflur rumhingen und Zigaretten rauchten und manchmal die Briefkästen aufbrachen. Yalla, ich ficke deine Mutter, deine Schwester, deine Lehrerin, deine Tante, deine Großmutter, dein Leben und so weiter, hörte ich sie sagen, wenn ich an ihnen vorbeiging. Oder die Mädchen, die sich nach der Schule bei uns im Treppenhaus das Gesicht sauber machten, damit ihre Eltern nichts von der Schminke sahen. Mein Freund regte sich über die Jungs auf. Ich verteidigte sie und fand das irgendwie gut von mir. Einmal sortierte ich Kleider aus und wollte sie den Mädchen schenken, weil es für mich früher das Größte war, alte Kleider geschenkt zu bekommen (vintage hätte ich das genannt). Es waren gute und besondere Kleider, aber sie wollten sie nicht haben. Sie wirkten beinahe angewidert. Ich überlegte, was der Grund dafür war, und vermutete schließlich, dass es für sie eine Beleidigung gewesen sein könnte, aussortierte Kleider angeboten zu bekommen. Als könnten sie sich keine neuen leisten.

 

Die Idee bei diesem Haus war vor allem: günstige Miete. Und: Nicht nur Menschen um mich herum, die aussehen wie ich. Menschen, die das Gleiche wollen und das Gleiche tun wie ich, unausweichlich und als sei es, oh Gott, alternativlos. Deswegen wegziehen aus der totalen Gleichheit. Wegziehen und irgendwie etwas Wirklichkeitssalz auf diesen Alltag in Nullen und Einsen und seine Folgenlosigkeit draufschütten. Salz auf ein Leid, das nach nichts schmeckt. Ein Leid ohne Konkretion, ein Leid auf einem sehr hohen Niveau. Ein Leid, das man nicht einmal behalten darf, weil es ein vergleichsweise unproblematisches Leid ist (denn ging es mir, ging es uns, denn nicht eigentlich verdammt gut? Warum aber, fragte ich mich dann häufig, muss es mir besser gehen, weil es anderen schlechter geht?). Die Medizin, die ich zur Behandlung dieser reichen, auf mich beinahe kokett wirkenden Probleme wählte, war eine schlechte Gegend, in der ich mir ein bisschen anders vorkommen konnte. Sie bedeutete also auch einen Distinktionsgewinn, einen billigen außerdem. Aber die Mädchen hatten kein Interesse an meinen Kleidern, und die Salz-auf-diese-Wirklichkeit-Idee blieb ebenfalls komplett folgenlos, was ich aber zu dem damaligen Zeitpunkt (also: davor) nicht erfassen konnte.

 

Davor war die Welt ein Theater, und die Kulissen ließen sich reibungslos aneinander vorbeischieben. Was an Welt und Geschlecht zu viel war, konnte ich mir mit Geld vom Leib halten.

Du willst dich nicht von fremden Männern vollquatschen lassen, wenn du nachts alleine auf dem Weg nach Hause bist? Taxi. Du hast Angst vorm Autofahren, willst aber trotzdem das Gefühl haben, ein selbstbestimmtes Frauenleben zu leben, das keinen Freund oder Ehemann braucht, um irgendwo anzukommen? Taxi. Du willst dich nicht damit auseinandersetzen, wie man Möbel zusammenbaut, und hast keine Lust darauf, deinen Freund darum zu bitten? Montageservice. Dir sind die Einkäufe zu schwer, um sie in den vierten Stock zu tragen, aber du legst Wert darauf, dass dein Freund nicht für die Dinge zuständig ist, für die Männer typischerweise zuständig sind? Lieferservice. Du willst nicht darüber nachdenken, wer kocht? Lieferservice. Jede Arbeit, die getan werden musste und die mich, beziehungsweise uns, meinen Freund und mich, zuverlässig in die für uns vorgesehenen Ecken gestellt hätte, lagerte ich aus, was – bedenkt man die Absicht, die dahinterstand – natürlich komplett lächerlich ist, aber es funktionierte. Es war eine fantastisch funktionierende Täuschung, und sie gefiel mir (und ich habe gar nichts gegen sie, aber sie lässt sich eben nur bedingt aufrechterhalten). Ich liebte meine Täuschung, weil sie es mir erlaubte, nicht in diese mühsamen Alltäglichkeiten verwickelt zu sein. Ich liebte sie, weil ich ganz grundsätzlich nicht in diese Welt verwickelt sein wollte. Sie sollte mich nicht betreffen.

Ich schätzte Masseure und Therapeuten, weil es ihr Job war, mich zu massieren oder mir zuzuhören, sie also Geld dafür bekamen und ich mich nicht darum sorgen musste, wie es ihnen ging, was ich natürlich trotzdem tat. Mit Freunden traf ich mich am liebsten draußen und am besten nicht länger als zwei Stunden. Ich schätzte Arbeitsbeziehungen, weil ihre Modalitäten klar waren und ich gehen konnte. Meine Familie war entweder weit weg oder ähnlich beschäftigt wie ich. Wenn wir uns sahen, konnte ich wieder gehen. Den Leib an sich hielt ich ebenfalls auf Distanz, indem ich ihn als Werkzeug begriff, das ich pflegte, zerstörte und wieder pflegte. Yoga fand ich albern, aber es war eben nicht zu ändern – wobei der zweite Teil dieses Satzes wohl vor allem darauf verweist, dass ich mich schämte für dieses mitunter leere, unverbundene, wohlständige, auf vollkommen vertrottelte, aber natürlich nachvollziehbare Weise in Tätigkeiten wie Yoga Sinn und Ausgleich suchende Leben. Der zweite Teil jenes Satzes verweist also darauf, dass ich mich für das Leben schämte, dessen Freiheiten ich so liebte, weil es mir stellenweise komplett egal und folgenlos erschien.

 

Denn alles was anfing, hörte wieder auf. Das war gut und schrecklich zugleich. Ging es aber um meinen Freund, fand ich die Vorstellung, dass alles irgendwann aufhören könnte, beängstigend. Dann lief ich durch unsere Wohnung und überlegte, welche der Gegenstände (Sofa, Espressomaschine, Bettwäsche) meine waren, um mir auszurechnen, wie gut ich auf die Möglichkeit, wieder ganz alleine zu sein, vorbereitet war. Er war es, der kein Problem damit hatte, in Orte einzuziehen und sie zu bewohnen. Er war der Grund dafür, dass wir einen Teppich besaßen und Nägel in die Wand schlugen.

 

Er und ich, wir schwebten. Ich liebte, dass er aussah wie ein Mann, und er liebte, dass ich aussah wie eine Frau. Ich liebte, dass wir verschieden und trotzdem gleich sein konnten. Viele der Eigenschaften, die man typischerweise Frauen zuschreibt, trafen auf mich zu. Umgekehrt trafen viele der Eigenschaften, die man typischerweise Männern zuschreibt, auf ihn zu. Körperliche Stärke, größer als ich, handwerklich begabt, der bessere Autofahrer, eher in sich gekehrt, eher wenige Worte über Gefühle. Ein faszinierendes Rätsel, wenn ich ihm dabei zusah, wie er schwieg und irgendwelche Dinge reparierte. Das war alles er, und ich war das Gegenteil. Aber es gab bei uns auch viele Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die gar nicht typisch waren. Und so konnte ich mich mit einem guten Gefühl wie ein alter Film verhalten, in dem eine Frau in einem schönen Kleid von ihrem Mann irgendwelche Treppen hochgetragen wird, und dabei den alten Feministinnen in meinem Kopf zuflüstern, dass inzwischen alles ganz anders sei. Hört auf zu nerven, ich verdiene Geld, ich kann mir alles kaufen, das ich nicht selber machen kann. Seid still und lasst mir diesen alten Moment, in dem ich ihn so anziehend finde. Ich liebte, wie er war, und ich liebte vor allem, dass unsere Verschiedenheit kein Machtgefälle bedeutete. Ich liebte, dass sie nicht wehtat.

Wir mochten Hotels, und ich mochte sie besonders, weil ich durch sie tageweise in meine geliebte Einsamkeit einziehen und schreiben konnte. Und schlafen. Ich schrieb nicht gerne, aber es war das Beste, geschrieben zu haben und dann zu schlafen. Ich schlief ganze Wochenenden durch. Augen zu, im Kopf Sätze machen, dabei immer mehr vergessen, dass man da ist, also körperlos werden und nur noch in Gedanken sein, bis sie ein Traum geworden sind. Ohne jede Pflicht den Räumlichkeiten oder dem Ort gegenüber.

Am besten ging das in Hotels, und das allerbeste war einmal in Singapur. 14. Stock, weiche Teppiche, angenehmer Raumduft, im Badezimmer Päckchen für bestimmte Erfordernisse (Shampoo, Wattestäbchen, Mundwasser) in so kleinen Portionen, dass man sich von ihnen bereits im Moment des Gebrauchs für immer verabschieden konnte. Glatte Oberflächen, glänzende Spiegel, knisternde Bettwäsche, und all das aufgeräumt und instand gehalten von unsichtbaren Frauen, denen ich, hätte ich sie je zu Gesicht bekommen, bestimmt ein Gespräch aufgezwungen hätte, um ihnen zu zeigen, dass ich mich auf keinen Fall für besser hielt, und an dessen Ende ich vielleicht ein bisschen unzufrieden gewesen wäre, weil ich hätte einsehen müssen, dass sie und ich erst dann erlöst sein sollten, wenn ich ihnen etwas Trinkgeld gegeben hätte.

 

Diese Gegenwart des Davor war eine superartistische und genau geplante Aneinanderreihung von verwaltbaren Einheiten, und man kann so nur leben, wenn man Geld hat und Bildung und keine Verbindlichkeiten.

 

Das klingt kalt und traurig. Manchmal war es das, und dann wünschte ich mir etwas Heiliges. Ein Kind.

Es war aber auch gut. Manchmal richtig gut. Ob ich glücklich war, zufrieden oder einverstanden, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Ich glaube allerdings auch nicht, dass das Kriterien eines gelungenen Lebens sind.

So oder so, ich wollte die Gegenwart behalten, wie sie war, ich war doch nach einer komplizierten Ewigkeit voller Praktika und Matratzen auf Böden, die fremd blieben, gerade erst in dieser Gegenwart angekommen. Alles sollte bleiben, wie es ist, mit der Möglichkeit, dass es irgendwann anders werden könnte.

Aber die Gegenwart war schneller, und ich wusste, dass ich sie nicht behalten konnte, es sei denn, ich würde mich dafür entscheiden, kein Kind zu bekommen. Und dass diese Rechnung, egal, wie man sie aufstellte, nicht aufgehen würde, wusste ich ebenfalls.

So oder so würde dieses Leben bald einen Unfall haben. Die Wirklichkeit, die ich mir aufgebaut hatte, würde sich nicht unbegrenzt aufrechterhalten lassen. Der kurze Schwebezustand im Leben einer Frau, in dem sie finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat und jung ist, jung genug, um nicht negativ aufzufallen, weil sie noch keine familiären Verpflichtungen eingegangen ist, würde bald beendet sein. Texte über die Unmöglichkeit, Kinder zu haben, die Arbeit nicht aufzugeben, nicht in der kompletten Selbstverwahrlosung zu enden, sich nicht scheiden zu lassen, das heißt keine absolute Lebenskatastrophe zu vollziehen, waren überall.

Über Frauen – und es waren meist erfolgreiche Frauen –, die keine Kinder hatten, hörte ich bei Abendessen und auf Bürofluren, dass »ihnen etwas fehle«. Sie hatten irgendetwas falsch gemacht.

 

Mitarbeiterin A hat keine Kinder und zudem mal wieder mit den Türen geknallt, als es Unstimmigkeiten gab. Mitarbeiterin B und Mitarbeiter C dazu in der Mittagspause beim Sushi-Essen:

»Man sieht es ihr an, sie ist nicht glücklich«, sagt Mitarbeiterin B (Mitte vierzig, zwei Kinder, Akademikerin, Teilzeit) zu Mitarbeiter C. »Wäre ich aber an ihrer Stelle auch nicht.«

C (Ende vierzig, Akademiker, zwei Kinder, Vollzeit) zunächst mitleidig: »Wie soll sie glücklich sein? Sie hat ja nichts in ihrem Leben.«

B: »Allen Frauen, die keine Kinder haben, fehlt irgendwann etwas, da können sie mir erzählen, was sie wollen. Sie tut mir ja auch irgendwie leid. Aber sie ist …«

C: »… eine unerträgliche Zicke, die sich benimmt, als wäre sie zwanzig.«

C weiß, dass er, indem er die kinderlose Frau »Zicke« genannt hat, ein frauenfeindliches Klischee bedient hat, hat aber das Gefühl, mit seiner Aussage so dermaßen richtigzuliegen, dass man ihn mutig nennen sollte, diese Wahrheit zu formulieren.

B: »Sie ist es gewöhnt, dass sich alles um sie dreht. Aber jetzt ist sie vierzig, und es wirkt einfach nur lächerlich.«

Tja, sagen B und C. Sie haben ihre Pflicht bereits erfüllt und schenken sich dieses »Tja« als verdienten Lohn für ihr Opfer.

Blick ins Buch
Neue Väter brauchen neue MütterNeue Väter brauchen neue Mütter

Warum Familie nur gemeinsam gelingt

Väter werden immer häufiger von Zaungästen zu Beteiligten an der Erziehungsarbeit: Sie bereiten sich zusammen mit der Partnerin auf die Geburt des Kindes vor und sind bei den Kontrollen und auch im Kreißsaal dabei. Sie wechseln zu jeder Tag- und Nachtzeit Windeln, gehen zum Va-Ki-Turnen und drehen ihre Runden auf den Spielplätzen. Doch mit den neuen Aufgaben wächst auch der Druck auf die Väter, ihren verschiedenen Rollen gerecht zu werden, Familie und Karriere gut unter einen Hut zu bringen. Margrit Stamm stellt die neuen Herausforderungen, denen sich die Väter von heute gegenübersehen, in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und zeigt, dass neue Väter nur Verantwortung übernehmen können, wenn die Mütter loslassen.

Literatur von und für starke Frauen: Stärke bedeutet auch Verletzlichkeit

Nicht nur Sachbücher können Informationen vermitteln, sondern auch die Belletristik. Um den Horizont zu erweitern und neue Denkanstöße zu erhalten, bieten sich die Romane „Bleib bei mir“ von Ayobami Adebayo und „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood an. Sie gehen auf historische und aktuelle Frauenthemen in Erzählform ein. Es sind mitreißende, gefühlvolle Werke von starken Frauen, die Mut machen können. Doch nicht immer müssen spezifische Frauenthemen in den Bücher Eingang finden. Manchmal zeigt sich die feministische Literatur nicht an dem gewählten Inhalt, sondern an der Schreibweise.

Blick ins Buch
Bleib bei mirBleib bei mir

Roman

Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete – vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann. Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden – aber um welchen Preis? Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen? »Brennend, fesselnd, wunderschön.« Margaret Atwood

1

Jos, Dezember 2008

Heute muss ich weg aus dieser Stadt und zu dir kommen. Meine Taschen sind gepackt, und die leeren Zimmer hinter mir erinnern daran, dass ich schon vor einer Woche hätte abreisen sollen. Mein Fahrer Musa hat seit letztem Freitag jede Nacht draußen beim Wachmann geschlafen und gewartet, dass ich ihn in den frühen Morgenstunden wecke, damit wir aufbrechen wie geplant. Aber meine Taschen stehen noch immer im Wohnzimmer und stauben ein.

Die meisten der hier angeschafften Sachen – Möbel, Elektrogeräte und auch Armaturen – habe ich dem Mädchen geschenkt, das bei mir im Friseursalon gearbeitet hat. Seit einer Woche habe ich mich jetzt also jede Nacht schlaflos im Bett gewälzt, ohne dass ich mir mit Fernsehen die Zeit hätte vertreiben können.

In Ife erwartet mich ein Haus gleich gegenüber der Universität, da, wo du und ich uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich sehe es vor mir, das Haus, diesem hier gar nicht unähnlich, die vielen Zimmer für eine große Familie: Mann und Frau und viele Kinder. Eigentlich hatte ich an dem Tag, nachdem die Haartrockner abgenommen worden waren, abreisen wollen. Ich hatte vor, mir eine Woche Zeit zu nehmen, um den neuen Salon und das Haus einzurichten. Ich wollte mein neues Leben an seinem Platz wissen, bevor ich dich wiedersehen würde.

Es ist nicht so, dass ich diesem Ort sehr verbunden wäre. Sie werden mir nicht fehlen, die wenigen Freundinnen, die ich hier gefunden habe; die Leute, die die Frau, die ich damals war, nicht kennen; die Männer, die im Laufe der Jahre geglaubt haben, in mich verliebt zu sein. Wahrscheinlich werde ich mich schon bald nicht einmal mehr an den Namen des einen erinnern, der mich gefragt hat, ob ich seine Frau werden will. Keiner hier weiß, dass ich noch immer mit dir verheiratet bin. Ich habe ihnen nur einen Teil der Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.

Ich wollte weg, seit man die drei Teilnehmer des National Youth Service Programme umgebracht hat. Meine Entscheidung, den Salon und das Schmuckgeschäft zu schließen, stand fest, bevor ich überhaupt wusste, was ich als nächstes tun würde, und bevor die Einladung zur Beerdigung deines Vaters kam und mir die Richtung wies. Ich habe mir die Namen der drei jungen Männer gemerkt, und ich weiß, was jeder von ihnen studiert hat. Meine Olamide wäre jetzt ungefähr in ihrem Alter; auch sie hätte ungefähr jetzt ihren Universitätsabschluss gemacht. Wenn ich etwas über die drei lese, denke ich an sie.

Ich frage mich oft, ob auch du an sie denkst, Akin.

Auch wenn der Schlaf mich nicht holt, schließe ich jede Nacht die Augen, und Bruchstücke des Lebens, das ich hinter mir gelassen habe, kehren zu mir zurück. Dann sehe ich die gebatikten Kissenbezüge in unserem Schlafzimmer, sehe unsere Nachbarn und deine Familie, die ich eine Zeit lang auch für meine Familie gehalten habe. Sehe dich. Heute Abend sehe ich die Nachttischlampe vor mir, die du mir wenige Wochen nach unserer Hochzeit geschenkt hast. Ich konnte nicht schlafen im Dunkeln, und wenn wir das große Licht anließen, bekamst du Albträume. Für dich war die Lampe die Lösung. Du hast sie gekauft, ohne mir zu sagen, dass du einen Kompromiss gefunden hattest, ohne mich zu fragen, ob ich eine Lampe wollte. Und als ich über den bronzenen Lampenfuß strich und das bunte Glas bestaunte, das das Licht dämpfte, wolltest du wissen, was ich bei einem Brand aus der Wohnung retten würde. Ich dachte nicht lange nach, bevor ich unser Baby sagte, obwohl wir noch keine Kinder hatten. Was, sagtest du, nicht wen. Aber du schienst ein bisschen gekränkt, dass ich bei wen nicht überlegt hatte, dich zu retten.

Ich quäle mich aus dem Bett, lege das Nachthemd ab und ziehe mich an. Ich werde keine Zeit mehr verschwenden. Die Fragen, die du beantworten musst, die Fragen, an denen ich schon seit über einem Jahrzehnt zu ersticken drohe, treiben mich an, als ich mir die Handtasche schnappe und ins Wohnzimmer gehe.

Siebzehn Taschen stehen da, bereit, in den Wagen geladen zu werden. Ich starre auf die Taschen, weiß, was jede enthält. Wenn dieses Haus brennen würde, was würde ich mitnehmen? Ich muss überlegen, denn zuerst denke ich nichts. Ich entscheide mich für die kleine Reisetasche, die ich für die Beerdigung gepackt habe, und für das Ledersäckchen mit dem Goldschmuck. Die anderen Taschen kann Musa mir später nachbringen.

Das war’s dann also – fünfzehn Jahre, und obwohl mein Haus nicht brennt, nehme ich nur ein Säckchen Gold und wenige Wechselsachen mit. Alles, was zählt, trage ich bei mir, eingeschlossen in meine Brust wie in ein Grab, aufbewahrt in einer Schatztruhe.

Ich trete nach draußen. Die Luft ist eiskalt, und die untergehende Sonne färbt den schwarzen Himmel lila am Horizont. Musa lehnt am Wagen und reinigt sich mit einem Stöckchen die Zähne. Als ich näher komme, spuckt er in einen Becher und steckt sich das Kauholz in die Brusttasche. Er öffnet die Wagentür, wir begrüßen uns, und ich klettere auf die Rückbank.

Musa schaltet das Radio ein und sucht nach einem Sender. Die Wahl fällt auf einen, der den Tag mit der Nationalhymne beginnt. Der Pförtner winkt, als wir vom Gelände fahren. Vor uns liegt die Straße, eingehüllt in ein Dunkel, das in Dämmerlicht übergeht auf meinem Weg zu dir.

 

2

Ilesa, ab 1985

Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren. Ich konnte sie durch das Türglas sehen. Konnte sie hören. Sie schienen nicht zu merken, dass ich mich seit über einer Minute auf der anderen Seite der Tür befand. Ich hätte sie gern draußen stehen lassen, um wieder nach oben zu gehen und weiterzuschlafen. Vielleicht würden sie zu braunen Pfützen zerschmelzen, wenn sie nur lange genug in der Sonne standen. Iya Marthas Hintern war so riesig, dass er die kleine Treppe, die zu unserer Haustür führt, in geschmolzenem Zustand unter sich begraben hätte.

Iya Martha war eine meiner vier Mütter; sie war die älteste Frau meines Vaters gewesen. Der Mann bei ihr war Baba Lola, ein Onkel von Akin. Beide stemmten sich gekrümmt gegen die Sonne, kniffen entschlossen die Augen zusammen und sahen finster drein. Als ich aber die Tür öffnete, verstummte ihr Gespräch und sie lächelten mich an. Ich ahnte schon, welche Wörter den Frauen als Erste über die Lippen kommen würden. Ich wusste, dass sie voller Überschwang eine Nähe demonstrieren würden, die nie zwischen uns bestanden hatte.

»Yejide, geliebte Tochter!« Iya Martha grinste mich an, als sie mein Gesicht zwischen die feuchten, fleischigen Hände nahm.

Ich grinste zurück und kniete mich hin, um sie zu begrüßen. »Willkommen, willkommen. Gott muss heute beim Aufwachen wohl an mich gedacht haben-o. Darum seid ihr alle da«, sagte ich und ging noch einmal leicht in die Knie, nachdem sie das Wohnzimmer betreten und Platz genommen hatten.

Sie lachten.

»Wo ist dein Mann? Ist er da?«, fragte Baba Lola und schaute sich im Zimmer um, als hielte ich Akin unter einem Stuhl versteckt.

»Ja, Sir, er ist oben. Ich gehe und hole ihn, sobald ich Ihnen etwas zu trinken gebracht habe. Was darf ich Ihnen zu essen machen? Frisch gestampften Yam?«

Der Mann sah meine Stiefmutter an, als hätte er diesen Teil des Drehbuchs für das Stück, das sie gleich aufführen würden, während der Proben nicht gelesen.

Iya Martha schüttelte den Kopf. »Wir können nichts essen. Hol deinen Mann. Wir haben Wichtiges mit euch zu besprechen.«

Ich lächelte, verließ das Wohnzimmer und ging zur Treppe. Ich glaubte zu wissen, was das »Wichtige« war, das sie mit uns besprechen wollten. In letzter Zeit hatte eine ganze Reihe angeheirateter Verwandter unser Haus betreten, um das immer gleiche Thema mit uns zu besprechen. Diese Gespräche sahen so aus, dass sie redeten, während ich vor ihnen kniete und zuhörte. Akin tat jedes Mal, als würde er ihnen zuhören und sich Notizen machen, während er in Wahrheit seine To-do-Liste für den nächsten Tag schrieb. Keiner dieser Abgesandten konnte lesen oder schreiben, und sie bewunderten jeden, der es konnte. Es beeindruckte sie, dass Akin notierte, was sie sagten. Und manchmal, wenn er die Mitschrift unterbrach, beschwerte sich die Person, die gerade redete, dass Akin sich ihm oder ihr gegenüber respektlos verhielt, so gar nichts aufzuschreiben. Mein Mann plante während dieser Besuche oft die gesamte Woche, ich aber bekam schreckliche Krämpfe in den Beinen.

Die Besuche ärgerten Akin, und er hätte seinen Verwandten gern gesagt, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, was ich aber nicht zuließ. Die endlosen Gespräche bescherten mir zwar Krämpfe in den Beinen, gaben mir aber immerhin das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Bis zu diesem Nachmittag war seit meiner Hochzeit noch keiner aus meiner Familie zu so einem Besuch vorbeigekommen.

Als ich die Treppen nach oben stieg, wusste ich, dass Iya Marthas Anwesenheit bedeutete, dass eine neue Stufe erreicht war. Ich brauchte ihren Rat nicht. Es ging uns gut ohne die Dinge, die sie uns zu sagen hatten. Ich wollte Baba Lolas brüchige und zwischen heftigen Hustenanfällen hervorgepresste Stimme nicht hören und auch keinen weiteren Blick auf Iya Marthas Zähne werfen müssen.

Ich glaubte, dass ich das alles ohnehin schon gehört hatte, und war mir sicher, mein Mann würde es genauso sehen. Es überraschte mich, Akin wach anzutreffen. Er arbeitete an sechs Tagen der Woche und verschlief die Sonntage meist. Als ich aber hereinkam, ging er im Zimmer auf und ab.

»Wusstest du, dass sie heute kommen würden?« Ich suchte nach der vertrauten Mischung aus Abscheu und Wut, die sonst immer auf seinem Gesicht lag, wenn uns einer dieser Sondertrupps besuchte.

»Sind sie da?« Er blieb stehen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Keine Abscheu, keine Wut. Mit einem Mal wurde es stickig im Zimmer.

»Du wusstest, dass sie kommen würden? Und hast mir nichts gesagt?«

»Lass uns einfach nach unten gehen«, sagte er und verließ den Raum.

»Akin, was passiert hier? Was geht hier vor sich?«, rief ich ihm nach.

Ich setzte mich aufs Bett, stützte den Kopf in die Hände und versuchte zu atmen. So saß ich da, bis Akin nach mir rief. Da ging ich nach unten zu ihm ins Wohnzimmer. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen, kein großes, bei dem man die Zähne sah, sondern ein kleines, bei dem es die Mundwinkel leicht nach oben zog. Ein Lächeln, das sagte: Auch wenn ihr alten Leute nichts, aber auch gar nichts über meine Ehe wisst, bin ich bereit, wenn auch nicht begeistert, mir anzuhören, was ihr mir Wichtiges zu sagen habt. Ich bin schließlich eine gute Ehefrau.

Ich bemerkte sie nicht gleich, obwohl sie auf der Kante von Iya Marthas Sessel saß. Sie war schön, hellgelb wie das Innere einer noch unreifen Mango. Sie hatte sich die schmalen Lippen blutrot geschminkt.

Ich drückte mich an meinen Mann. Sein Körper war steif, und er nahm mich weder in den Arm, noch zog er mich an sich. Ich versuchte herauszufinden, wo die gelbe Frau plötzlich hergekommen war, und fragte mich kurz völlig wirr, ob Iya Martha sie beim Eintreten unter ihrem Wrapper versteckt gehalten hatte.

»Frau, unser Volk sagt, wenn ein Mann etwas besitzt und daraus zwei werden, wird er nicht wütend, richtig?«, sagte Baba Lola.

Ich nickte und lächelte.

»Nun, Frau, das ist die neue Ehefrau. Ein Kind ruft das andere in die Welt. Wer weiß, vielleicht hilft dir diese Frau, dass Gott deine Gebete erhört. Wenn sie erst einmal schwanger ist und ein Kind bekommt, wirst auch du eins bekommen, da sind wir sicher«, sagte Baba Lola.

Iya Martha nickte. »Yejide, mein Kind, wir haben lange nachgedacht und viele Nächte darüber geschlafen, die Familie deines Mannes und ich. Und auch deine anderen Mütter.«

Ich schloss die Augen. Gleich würde ich aus diesem Albtraum erwachen. Als ich die Augen öffnete, war die mangogelbe Frau noch immer da, verschwommen zwar, aber da. Ich war wie betäubt.

Ich hatte erwartet, dass sie über meine Kinderlosigkeit sprechen würden. Hatte mich mit millionenfachem Lächeln gewappnet: dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert. Ich hatte jedes Lächeln parat und war bereit, mir anzuhören, dass ich etwas tun müsse. Ich erwartete, dass man mir von einem weiteren Pfarrer erzählen würde, den ich um Rat fragen solle; von einem weiteren Berg oder einer weiteren Stadt, die ich aufsuchen könne. Ich war gewappnet mit Mund, Augen und Nase: mit jedem dieser Lächeln, dem Tränenschleier und dem Schniefen. Ich war darauf vorbereitet, meinen Salon in der kommenden Woche zu schließen und mich mit meiner Schwiegermutter im Schlepptau auf die Suche nach einem Wunder zu machen. Was ich nicht erwartet hatte, war eine andere Frau, die lächelnd vor mir saß, eine gelbe Frau mit blutroten Lippen, die grinste wie eine frischgebackene Braut.

Wäre doch meine Schwiegermutter da. Sie war die einzige Frau, die ich je Moomi genannt hatte. Ich besuchte sie häufiger als ihr eigener Sohn. Sie hatte zugesehen, wie meine frisch gelegte Dauerwelle in der Strömung eines Flusses von einem Priester ruiniert wurde, der davon überzeugt war, dass mich meine Mutter verflucht haben musste, bevor sie kurz nach meiner Geburt starb. Moomi war bei mir, als ich drei Tage lang auf einer Gebetsmatte saß und, ohne ein Wort zu verstehen, den immer selben Spruch aufsagte, bis ich am dritten Tag umkippte und abbrach, was als siebentägiges Wachfasten angedacht war.

Während ich mich in einem Krankensaal des Wesley Guild Hospital erholte, hielt sie meine Hand und sagte, ich solle für Kraft beten. Das Leben einer guten Mutter sei hart; eine Frau könne eine schlechte Ehefrau sein, nicht aber eine schlechte Mutter. Moomi sagte, ehe ich Gott um ein Kind bitten könne, müsse ich ihn erst bitten, dass er mir die Fähigkeit schenkt, Leid zu ertragen. Sie sagte, ich sei noch nicht bereit, Mutter zu werden, wenn ich nach einem dreitägigen Fasten in Ohnmacht fiele.

Mir wurde klar, dass sie am dritten Tag wahrscheinlich nicht in Ohnmacht gefallen war, weil sie diese Art des Fastens schon oft auf sich genommen hatte, um Gott im Namen ihrer Kinder zu besänftigen. Die Furchen um Moomis Augen und Mund bekamen plötzlich etwas Unheimliches und schienen auf mehr hinzuweisen als bloß ihr hohes Alter. Ich war zerrissen. Ich wollte sein, was ich nie gehabt hatte. Ich wollte Mutter sein und wollte, dass meine Augen vor kleinen Freuden und Weisheit leuchteten wie Moomis. Doch ihr vieles Gerede über Leid machte mir Angst.

»Sie ist nicht annähernd dein Alter«, sagte Iya Martha und beugte sich vor. »Denn sie schätzen dich, Yejide, die Familie deines Mannes weiß um deinen Wert. Sie erkennen an, dass du deinem Mann eine gute Ehefrau bist.«

Baba Lola räusperte sich. »Yejide, ich möchte dich preisen. Ich möchte dir danken, dass du all diese Mühen auf dich nimmst, damit unser Sohn ein Kind hinterlässt, wenn er stirbt. Darum wissen wir auch, dass du seine neue Frau nicht als Rivalin betrachten wirst. Sie heißt Funmilayo, und wir wissen und vertrauen darauf, dass du sie annimmst wie eine jüngere Schwester.«

»Eine Freundin«, sagte Iya Martha.

»Eine Tochter«, sagte Baba Lola.

Iya Martha stieß Funmi in die Seite. »Oya, los, begrüße deine iyale.«

Ich zuckte zusammen, als Iya Martha mich als iyale bezeichnete. Das Wort dröhnte in meinem Ohr: iyale – erste Frau. Es war ein Urteilsspruch, der besagte, dass ich nicht Frau genug war für meinen Mann.

Funmi setzte sich neben mich aufs Sofa.

Baba Lola schüttelte den Kopf. »Funmi, knie dich hin. Der Zug, der sich vor zwanzig Jahren in Gang gesetzt hat, wird das Land immer vor dir erreichen. Yejide ist dir in diesem Haus in allem voraus.«

Funmi kniete sich hin, legte mir die Hände auf die Knie und lächelte. Es juckte mich in den Fingern, ihr das Lächeln aus dem Gesicht zu schlagen.

Ich schaute zu Akin und hoffte irgendwie, dass er nicht Teil dieses Hinterhalts war. Still flehend hielt er meinen Blick. Mein ohnehin gequältes Lächeln erstarb. Zorn legte sich mit siedend heißen Händen um mein Herz. Es pochte in meinem Kopf, direkt zwischen den Augen.

»Du wusstest davon, Akin?« Ich sprach Englisch und schloss die beiden Ältesten aus, die nur Yoruba sprachen.

Akin sagte nichts; er kratzte sich mit dem Zeigefinger am Nasenrücken.

Ich suchte den Raum nach etwas ab, das ich fixieren konnte. Die weißen Tüllgardinen mit der blauen Borte, das graue Sofa, den dazu passenden Teppich mit dem Kaffeefleck, den ich seit über einem Jahr herauszukriegen versuchte. Der Fleck war nicht in der Mitte, darum konnte man ihn nicht mit dem Tisch verdecken, und er war nicht am Rand, darum konnte man ihn nicht unter den Sesseln verbergen. Funmi trug ein beiges Kleid, ganz die Farbe des Kaffeeflecks, ganz der Ton meiner Bluse. Sie umfasste meine nackten Beine direkt unterhalb der Knie. Ich schaffte es nicht, den Blick über ihre Hände und die langen wogenden Ärmel ihres Kleides hinwegzuheben. Ich konnte ihr nicht ins Gesicht sehen.

»Yejide, zieh sie an dich.«

Ich war nicht sicher, von wem das kam. Mein Kopf fühlte sich heiß an, heizte sich auf, war kurz vor dem Siedepunkt. Jeder hätte diese Worte gesagt haben können – Iya Martha, Baba Lola, Gott. Es war mir egal.

Ich wandte mich wieder an meinen Mann. »Akin, hast du davon gewusst? Hast du davon gewusst und mir nichts gesagt? Ob du es gewusst hast, will ich wissen. Du verdammter Dreckskerl. Nach allem, was war. Du elender Mistkerl!«

Akin packte meine Hand, bevor ich ihn treffen konnte.

Es war nicht die Empörung in Iya Marthas Aufschrei, die mich zum Schweigen brachte. Es war die Zärtlichkeit, mit der Akin mir über die Handfläche strich.

Ich schaute weg.

»Was sagt sie?«, wollte Baba Lola von der neuen Frau übersetzt haben.

»Yejide, bitte.« Akin drückte fest meine Hand.

»Sie sagt, er ist ein Dreckskerl«, antwortete Funmi leise, als wäre dieses Wort zu heiß und schwer für ihren Mund.

Iya Martha schrie und schlug sich die Hände vors Gesicht. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Ich wusste, dass sie innerlich triumphierte. Sie würde den anderen Frauen meines Vaters noch wochenlang erzählen, was sie gesehen hatte.

»Du darfst deinen Mann nicht beleidigen, mein Kind. Ganz gleich, wie die Dinge liegen, er ist immer noch dein Mann. Was soll er denn noch für dich tun? Hat er nicht deinetwegen eine Wohnung für Funmi gemietet, obwohl er hier eine große Doppelhaushälfte hat?« Iya Martha machte eine ausladende Geste und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, um ihre Anspielung auf das Haus, für das ich jeden Monat die Hälfte der Miete zahlte, zu unterstreichen. »Yejide! Du musst deinem Mann dankbar sein.«

Iya Martha hatte aufgehört zu reden, aber ihr Mund stand noch immer offen. Wenn man zu dicht an sie herankam, schlug einem der unerträgliche Geruch nach altem Urin entgegen. Baba Lola hatte sich in sichere Entfernung zu ihr gesetzt.

Ich wusste, man erwartete jetzt von mir, dass ich niederkniete, den Kopf senkte wie ein kleines Schulmädchen und sagte, dass es mir leidtäte, meinen Mann und damit auch seine Mutter beleidigt zu haben. Sie hätten meine Entschuldigung akzeptiert – ich hätte sagen können, dass der Teufel schuld sei oder das Wetter oder dass meine neuen Braids zu fest seien und mir Kopfschmerzen bescherten, dass mich nur das dazu getrieben hätte, meinen Mann in ihrem Beisein respektlos zu behandeln. Mein Körper war so verkrampft wie eine Arthrosehand, und ich brachte ihn einfach nicht dazu, bestimmte Formen anzunehmen, die er nicht annehmen wollte. Zum ersten Mal überging ich den Unmut eines angeheirateten Familienmitglieds und erhob mich, obwohl man erwartete, dass ich mich hinkniete. Ich fühlte mich sicherer, als ich mich zu voller Größe aufrichtete.

»Ich kümmere mich jetzt um das Essen«, sagte ich und weigerte mich, sie erneut zu fragen, was sie zu essen wünschten. Jetzt, da sie Funmi vorgestellt hatten, war es für Baba Lola und Iya Martha vertretbar, etwas zu essen. Ich war nicht in der Lage, jedem von ihnen ein anderes Gericht zu kochen, also setzte ich ihnen vor, was ich wollte. Sie bekamen Bohneneintopf. Ich mischte die drei Tage alten Bohnen, die ich hatte wegschmeißen wollen, in die frisch gekochte Suppe. Obwohl ich mir sicher war, dass sie die säuerliche Note bemerken würden, vertraute ich darauf, dass Baba Lolas Schuldgefühl, das er mit der Wut über mein unsägliches Verhalten zu überspielen suchte, und Iya Marthas Schadenfreude, die sie hinter der vorgetäuschten Betroffenheit versteckte, ihnen das Essen hineinzwingen würde. Damit das Essen auch wirklich ihren Rachen hinunterfand, ging ich entschuldigend vor beiden in die Knie. Iya Martha lächelte und sagte, sie hätte sich geweigert, etwas zu essen, wenn ich mich noch länger wie ein Straßenkind aufgeführt hätte. Ich entschuldigte mich gleich noch einmal und umarmte sicherheitshalber auch die gelbe Frau; sie roch nach Kokosnussöl und Vanille. Ich nippte an einer Flasche Malt, während ich ihnen beim Essen zusah, und war enttäuscht, dass Akin das Essen verweigerte.

Als sie sich beklagten, dass ihnen frisch gestampfter Yam mit Gemüseeintopf und getrocknetem Fisch lieber gewesen wäre, ignorierte ich Akins Blick. An jedem anderen Tag wäre ich zurück in die Küche gegangen und hätte Yam gestampft, aber an diesem Nachmittag hätte ich am liebsten gesagt, stampft euch euren Yam doch selber, wenn ihr unbedingt welchen wollt. Ich schluckte sie hinunter, die Worte, die mir den Hals verbrannten, und sagte, ich könne keinen Yam stampfen, weil ich mir am Tag zuvor die Hand verstaucht hätte.

»Aber davon hast du vorhin gar nichts gesagt«, warf Iya Martha ein und kratzte sich am Kinn. »Du hast selbst angeboten, uns frischen Yam zu machen.«

»Sie muss die Stauchung vergessen haben. Gestern hatte sie wirklich starke Schmerzen. Ich habe sogar überlegt, sie ins Krankenhaus zu fahren«, sagte Akin und stärkte mir bei dieser ausgemachten Lüge den Rücken.

Sie schaufelten sich die Bohnen in den Mund wie hungrige Kinder und rieten mir, die Hand im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Nur Funmi verzog nach dem ersten Löffel den Mund und schaute misstrauisch zu mir rüber. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte breit und rot.

Nachdem ich die leeren Teller abgeräumt hatte, erklärte Baba Lola, dass er nicht sicher gewesen sei, wie lange der Besuch dauern würde, weshalb er den Taxifahrer nicht gebeten habe, sie wieder abzuholen. Er ging wie die meisten Verwandten davon aus, dass Akin sich schon darum kümmern würde, dass sie zurückkamen.

Bald war es Zeit, dass Akin alle nach Hause brachte. Als ich sie zu seinem Wagen begleitete, spielte er mit dem Schlüssel in der Hosentasche und fragte, ob alle mit der von ihm geplanten Route einverstanden seien. Als Erstes würde er Baba Lola auf der Ilaje Street absetzen und dann Iya Martha bis nach Ife fahren. Wo Funmi wohnte, erwähnte er nicht. Nachdem Iya Martha sagte, dass die von meinem Mann gewählte Route die beste Lösung sei, schloss Akin die Wagentüren auf und setzte sich hinters Steuer.

Ich unterdrückte den Impuls, Funmi ihre jheri-Locken rauszuziehen, als sie sich neben meinem Mann auf den Beifahrersitz gleiten ließ und mein kleines Kissen, das dort immer lag, auf den Boden schob. Ich ballte die Faust, als Akin davonfuhr und mich allein in der von ihm aufgewirbelten Staubwolke zurückließ.

*

»Was zum Teufel hast du ihnen da vorgesetzt?«, schrie Akin.

»Willkommen zurück, lieber Bräutigam.« Ich hatte gerade mein Abendessen beendet, nahm die Teller und ging in die Küche.

»Ist dir klar, dass sie jetzt alle Durchfall haben? Ich musste neben einem Busch halten, um sie scheißen zu lassen. Einem Busch!«, sagte er und folgte mir in die Küche.

»Ja, und? Haben deine Verwandten zu Hause etwa Toiletten? Scheißen sie nicht auch sonst in Büsche und auf Misthaufen?«, schrie ich und knallte die Teller ins Spülbecken. Auf das Geräusch von splitterndem Porzellan folgte Stille. Einer der Teller war in der Mitte zerbrochen. Ich fuhr mit dem Finger über die Bruchstelle. Spürte, wie es mir die Haut aufschnitt. Blut tropfte auf den Riss zwischen den Hälften.

»Yejide, versteh doch. Du weißt, ich will dir nicht wehtun«, sagte er.

»Welche Sprache soll das sein? Hausa oder Chinesisch? Ich kann dich nicht verstehen. Sprich endlich eine Sprache, die ich verstehe, Mr Bräutigam.«

»Nenn mich nicht so.«

»Ich nenne dich, wie ich will. Immerhin bist du noch mein Mann. Ach, aber vielleicht bist du ja nicht mehr lange mein Mann. Habe ich die Neuigkeit auch verpasst? Sollte ich das Radio einschalten, oder bringen sie es im Fernsehen? Steht es in der Zeitung?« Ich schmiss den zerbrochenen Teller in den Mülleimer neben der Spüle. Dann drehte ich mich wieder zu ihm um.

Seine Stirn glänzte, Schweißperlen liefen ihm die Wangen hinab bis zum Kinn. Er trommelte mit dem Fuß zu einem wütenden Beat in seinem Kopf. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich in demselben Rhythmus, als er die Kiefer fest aufeinanderpresste und wieder lockerte. »Du hast mich vor meinem Onkel einen Dreckskerl genannt. Du hast mich gedemütigt.«

Die Wut in seiner Stimme erschütterte mich, brachte mich auf. Ich hatte geglaubt, das Beben seines Körpers würde heißen, er sei nervös – so wie sonst immer. Ich hatte gehofft, es würde bedeuten, dass es ihm leidtue und er Schuldgefühle habe. »Du bringst mir eine neue Ehefrau ins Haus und bist dann wütend? Wann hast du sie geheiratet? Letztes Jahr? Letzten Monat? Wann wolltest du mir davon erzählen? Hm? Du elender –«

»Kein Wort, Frau, kein Wort. Was du brauchst, ist ein Schloss vor dem Mund.«

»Tja, da ich das nicht habe, sage ich es, du elender –«

Er hielt mir den Mund zu. »Okay, es tut mir leid. Ich war in einer schwierigen Situation. Du weißt, ich betrüge dich nicht, Yejide. Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich kann es nicht. Das verspreche ich dir.« Er lachte. Es klang gebrochen und kläglich.

Ich schob seine Hand weg. Er hielt meine Hand fest und presste dann beide aufeinander. Ich hätte am liebsten geweint.

»Du hast eine andere Frau, du hast einen Brautpreis für sie bezahlt und bist vor ihrer Familie auf die Knie gefallen. Du betrügst mich längst.«

Er legte meine Hand auf sein Herz; es klopfte schnell. »Das hier betrügt dich nicht; ich habe keine neue Frau. Vertrau mir, es ist nur zu unserem Besten. Meine Mutter wird aufhören, dich wegen eines Kindes unter Druck zu setzen«, sagte er leise.

»Ich glaube dir kein Wort.« Ich riss mich los und ging aus der Küche.

»Falls du dich dadurch besser fühlst, Funmi hat es nicht schnell genug in die Büsche geschafft. Sie hat sich aufs Kleid gemacht.«

Ich fühlte mich nicht besser. Würde mich noch sehr lange nicht besser fühlen. Schon jetzt fing ich an, mir zu entgleiten, so wie einem ein in Eile umgebundenes Tuch zu Boden gleitet, ohne dass man es merkt.

 

3

Yejide wurde an einem Samstag erschaffen, als Gott genug Zeit hatte, ihren Körper in der Farbe von Ebenholz zu malen. Kein Zweifel. Das vollendete Werk ist der lebende Beweis.

Als ich sie das erste Mal sah, wollte ich die Hand auf ihr jeansumspanntes Knie legen und sagen: »Ich bin Akin Ajayi, und ich werde dich heiraten.«

Sie war elegant, ohne dass sie sich dafür hätte anstrengen müssen. Das einzige Mädchen in der ganzen Reihe, das nicht wie ein Schluck Wasser in ihrem Sitz hing. Sie hatte das Kinn leicht gehoben, lümmelte nicht seitlich abgeknickt auf einer der orangefarbenen Armlehnen. Sie saß aufrecht, hatte die Schultern gestrafft und hielt die Hände verschränkt vor dem nackten Bauch. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir nicht schon in der Schlange vor der Kasse aufgefallen war.

Ein paar Minuten bevor das Licht ausging, schaute sie nach links; unsere Blicke trafen sich. Anders als erwartet, sah sie nicht weg, und ich richtete mich auf unter ihrem Blick. Sie taxierte mich, musterte mich von Kopf bis Fuß. Es reichte mir nicht, dass sie mich anlächelte, bevor sie sich der Leinwand zudrehte. Ich wollte mehr.

Sie schien sich ihrer Wirkung nicht bewusst zu sein. Schien gar nicht zu merken, dass ich sie völlig verzaubert anstarrte und überlegte, wie ich sie dazu bringen könnte, mit mir auszugehen.

Leider gelang es mir nicht sofort, sie anzusprechen. Als ich endlich die richtigen Worte gefunden hatte, ging das Licht aus. Und zwischen Yejide und mir saß das Mädchen, mit dem ich damals zusammen war.

Ich machte noch am selben Abend mit ihr Schluss, gleich nach dem Film. Ich sagte es ihr noch im Foyer der Oduduwa Hall in Ife, während sich die Leute, die schon ihre Plätze einnehmen wollten, an uns vorbeidrängten.

»Bitte geh zurück ins Wohnheim. Wir sehen uns morgen«, sagte ich und verschränkte die Hände zu einer entschuldigenden Geste, obwohl es mir nicht leidtat, mir nie leidtun würde, und ließ sie mit leicht offenem Mund da stehen.

Dann kämpfte ich mich durch die Menge, suchte nach der schönen Frau mit den Bluejeans, den Plateausandalen und dem bauchfreien weißen T-Shirt, und fand sie. Yejide und ich heirateten noch vor Jahresende.

Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.

Von Liebe wollte nach vier Jahren keiner mehr etwas hören. Meine Mutter jedenfalls nicht. Sie sprach von meiner Verantwortung als erstgeborenem Sohn. Erinnerte mich an die neun Monate, in denen ich nur die Welt in ihrem Leib gekannt hatte. Sie betonte, wie schwer besonders die letzten drei Monate für sie gewesen waren. Wie unmöglich es gewesen sei, im Bett noch eine bequeme Position zu finden, und wie sie die Nächte deshalb in einem Polstersessel verbracht hatte.

Moomi kam schon bald auf meinen Halbbruder Juwon zu sprechen, den Erstgeborenen der zweiten Frau meines Vaters. Moomi hatte ihn seit Jahren nicht mehr als Beispiel angeführt. Als ich jünger war, hatte sie ständig von ihm geredet. Juwon kommt nie mit schmutziger Uniform nach Hause; warum ist dein Hemd schmutzig? Juwon hat noch nie seine Schulsandalen verloren; das ist das dritte Paar, das du in diesem Halbjahr verloren hast. Juwon ist immer um drei zu Hause; wo treibst du dich nach der Schule herum? Warum bringt Juwon lauter Preise nach Hause, und du nicht? Du bist der erste Sohn in dieser Familie, weißt du, was das heißt? Weißt du eigentlich, was das heißt? Willst du, dass er deinen Platz einnimmt?

Sie hörte auf, von Juwon zu reden, als er sich nach der Sekundarstufe für einen Handwerksberuf entschied, weil seine Mutter sich die Studiengebühren nicht leisten konnte. Wahrscheinlich hatte Moomi das Gefühl, dass sich ein Junge, der eine Ausbildung zum Zimmermann machte, nie im Leben mit ihren studierten Kindern würde messen können. Sie hatte jahrelang nicht über Juwon gesprochen und schien das Interesse an seinem Leben verloren zu haben, bis sie von mir verlangte, eine andere Frau zu heiraten. Da erzählte sie mir – als hätte ich das nicht längst gewusst –, Juwon habe schon vier Kinder, und zwar lauter Jungen. Diesmal beließ sie es nicht bei Juwon, sondern erinnerte mich daran, dass alle meine Halbbrüder inzwischen Kinder hatten.

Als Yejide und ich im zweiten Jahr unserer Ehe waren, fing meine Mutter an, jeden ersten Montag im Monat zu mir ins Büro zu kommen. Sie kam nicht allein. Jedes Mal brachte sie eine neue Frau mit, eine potenzielle Ehefrau. Sie ließ nie einen Montag aus. Nicht einmal, wenn sie krank war. Wir hatten eine Vereinbarung: Solange ich zuließ, dass sie mit diesen Frauen in mein Büro kam, würde sie Yejide nie in Verlegenheit bringen, indem sie mit einer ihrer Kandidatinnen bei uns zu Hause auftauchte; sie würde Yejide gegenüber nie ein Wort sagen.

Als meine Mutter drohte, von nun an jede Woche mit einer neuen Frau bei Yejide aufzukreuzen, wenn ich nicht innerhalb eines Monats eine auswählte, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich wusste, meine Mutter war nicht der Typ für leere Drohungen und Yejide war dieser Art von Druck nicht gewachsen. Sie wäre daran zerbrochen. Von all den Mädchen, die meine Mutter mir in meinem Büro vorführte, war Funmi die Einzige, die nicht darauf bestand, bei Yejide und mir einzuziehen. Funmi war die naheliegende Wahl, weil sie nicht viel von mir verlangte. Jedenfalls nicht am Anfang.

Sie war ein leichter Kompromiss. Sie akzeptierte eine Wohnung kilometerweit von Yejide und mir entfernt. Bat mich nur um ein gemeinsames Wochenende pro Monat und um eine angemessene Unterstützung. Sie war damit einverstanden, dass sie mich nie zu Partys oder öffentlichen Anlässen begleiten würde.

Nachdem ich eingewilligt hatte, Funmi zu heiraten, sah ich sie monatelang kein einziges Mal. Ich sagte ihr, dass ich beruflich viel zu tun hätte und sie eine Weile nicht besuchen könne. Jemand musste ihr den »Eine geduldige Ehefrau erobert am Ende das Herz ihres Ehemanns«-Spruch ans Herz gelegt haben. Sie diskutierte nicht mit mir; sie wartete einfach, bis ich mich damit abgefunden hätte, dass sie jetzt ein Teil meines Lebens war.

Mit Yejide war es viel schneller gegangen. Nachdem ich sie kennengelernt hatte, verbrachte ich einen Monat lang jeden Tag zwei Stunden im Auto, um bei ihr zu sein. Ich verließ das Büro um fünf und fuhr die halbe Stunde bis Ife. Es dauerte weitere fünfzehn Minuten, um durch die Stadt bis zum Universitätstor zu gelangen. Meistens betrat ich das Zimmer F101 im Wohnheim Moremi Hall ungefähr eine Stunde nach meiner Abfahrt in Ilesa.

Das machte ich jeden Tag, bis Yejide irgendwann raus auf den Gang kam und die Tür hinter sich schloss, anstatt mich hereinzulassen. Sie sagte, ich solle nie wieder kommen. Sie sagte, sie wolle mich nie wieder sehen. Aber ich gab nicht auf. Elf Tage lang stand ich jeden Tag vor Zimmer F101, lächelte ihre Mitbewohnerinnen an und versuchte sie zu überreden, mich hereinzulassen.

Am zwölften Tag öffnete sie selbst die Tür. Sie kam raus auf den Gang. Wir standen nebeneinander, als ich sie anflehte, mir zu sagen, was ich falsch gemacht hatte. Ein Gemisch verschiedener Gerüche aus der Teeküche und den Toiletten drang zu uns nach draußen.

Es stellte sich heraus, dass das Mädchen, mit dem ich vor Yejide zusammen gewesen war, sie in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, um sie zu bedrohen. Das Mädchen hatte behauptet, wir hätten traditionell geheiratet.

»Ich will keine Polygamie«, sagte Yejide an dem Abend, an dem ich endlich erfuhr, was los war.

Jedes andere Mädchen hätte versucht, mir irgendwie durch die Blume zu sagen, dass sie die einzige Ehefrau sein wolle. Nicht aber Yejide. Sie war direkt. Geradeheraus.

»Ich auch nicht«, sagte ich.

»Hör zu, Akin. Vergessen wir es einfach. Die ganze Sache – uns. Das hier.«

»Sieh mich an. Ich bin nicht verheiratet. Bitte – sieh mich an. Wenn du willst, gehen wir jetzt sofort zu diesem Mädchen und stellen es zur Rede. Dann soll sie uns die Hochzeitsfotos zeigen.«

»Sie heißt Bisade.«

»Ist mir egal.«

Yejide sagte eine Weile kein Wort. Sie lehnte an der Tür und sah zu, wie Leute den Gang entlangkamen und wieder verschwanden.

Ich berührte sie an der Schulter; sie ließ es zu.

»Dann war ich wohl dumm«, sagte sie.

»Eine Entschuldigung wäre schon angebracht«, sagte ich. Ich meinte es nicht so. Unsere Beziehung war noch in einem Stadium, in dem es nicht wichtig war, wer recht hatte und wer nicht. Wir waren noch nicht an dem Punkt, wo die Diskussion darum, wer sich zu entschuldigen hatte, gleich den nächsten Streit auslöste.

»Entschuldige, aber weißt du, die Leute haben alle möglichen … Entschuldige.« Sie lehnte sich an mich.

»Entschuldigung angenommen.« Ich grinste, als sie mir unsichtbare Kreise auf den Arm malte.

»Tja, Akin. Jetzt kannst du mir alle deine Geheimnisse verraten, die schmutzigen und die weniger schmutzigen. Vielleicht von einer Frau, die irgendwo deine Kinder …«

Ich hätte ihr manches erzählen können. Ihr sagen sollen. Ich lächelte. »Ich habe ein paar schmutzige Socken und Unterhosen. Und du? Irgendwelche schmutzigen Höschen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Endlich sprach ich aus, was mir vom ersten Augenblick an prickelnd auf der Zunge gelegen hatte – oder eine Version davon. Ich sagte: »Yejide Makinde

 


Frauen im Berufsleben: Überlebenstraining im Job

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der westlichen Gesellschaft viel geändert: Frauen sind zu Präsidenten gekürt worden und Frauen bekleiden wichtige Managerpositionen. Doch gerade in der Tatsache, dass dies noch immer in den Medien als etwas Außergewöhnliches gefeiert wird, liegt die Krux: In einer gleichberechtigten Welt wären diese machterfüllten Ämter bekleidet von Frauen nichts Besonderes.

Blick ins Buch
Die freundliche FeindinDie freundliche Feindin

Weibliche Machtstrategien im Beruf

Mehr Frauen in Führungspositionen - das wollen (fast) alle gern. Oft aber wird dieses Ziel geradezu romantisch verklärt: Frauen seien friedfertiger, kommunikativer, teamfähiger … Ach, ja? Wer je unter den subtilen Grausamkeiten einer Bürokollegin, den Erpressungen einer lächelnden Chefin oder scheinbar aus dem Nichts auftauchenden bösen Gerüchten im Büro gelitten hat, wird anderer Meinung sein. Die Wahrheit ist: Zwar scheuen Frauen häufig die direkte Konfrontation und die offene berufliche Aggression. Aber sie benutzen andere Mittel, um sich unliebsamer Konkurrentinnen im Job zu entledigen. Für die Betroffenen kann das traumatisch werden. Der renommierte Coach Peter Modler erklärt, wie diese Mechanismen (unter denen auch Männer leiden) funktionieren und wie man am wirksamsten dagegen angehen kann.

Einleitung oder: Was zu diesem Buch geführt hat

 

Frauen gegen Frauen

Wenn eine hoch kompetente Frau in einer Führungsposition zu einem Coach wie mir kommt, dann oft deshalb, weil sie mit männlichen Widerständen in der Firma klarkommen muss. Immer diese Rangkämpfe, diese nervenden Revierauftritte, diese kräftezehrenden Rivalitätsspiele!

In den letzten Jahren habe ich es aber auch immer häufiger mit leistungsstarken Frauen zu tun, die mit den männlichen Mitarbeitern oder Vorgesetzten kaum noch ein Problem haben. Stattdessen treffen sie bei der Arbeit auf einen Gegner, mit dem sie zuerst gar nicht gerechnet hatten: andere Frauen nämlich. Die Erfahrungen, die damit verbunden sind, können sehr bitter sein.

Wahrscheinlich ist der Grund dafür eine Entwicklung, die eigentlich zuversichtlich machen könnte. Denn immerhin gibt es mittlerweile tatsächlich eine zunehmende Zahl von Frauen in Führungspositionen. Vielleicht weniger in den Vorständen der deutschen Konzerne. Aber – anders, als das öffentlich vielfach wahrgenommen wird – die sind für wirtschaftliche und politische Veränderungen schon immer weniger bedeutsam gewesen als etwa der Mittelstand. Dort jedoch haben wir schon heute einen Anteil von Frauen in Chefpositionen, von denen Konzerne nur träumen können – mit zunehmender Tendenz.

Da Machtauseinandersetzungen am Arbeitsplatz zur selbstverständlichen Realität gehören, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch unter Frauen zeigt, und nun ist es also so weit. In gewissem Sinne ist es ein Zeichen für eine Normalisierung.

Für die davon Betroffenen ist das allerdings ein schwacher Trost. Aus der Sicht der solche Konflikte erlebenden Frauen ist diese berufliche Aggression nämlich oft ganz besonders schmerzlich. Nicht zuletzt deshalb, weil frau gedacht hatte, gerade von den Menschen aus demselben Kommunikationssystem viel besser verstanden zu werden. Nun stellt sich vielfach heraus, dass eben dieses tatsächlich tiefere Verstehen sogar zu einer Waffe werden kann.

Wenn Männer solche Auseinandersetzungen mitbekommen (falls überhaupt), dann sind ihre Reaktionen oft nur mühsam verdeckte Eingeständnisse eigener Inkompetenz. Ihre vorschnelle Abwertung dieser Muster als »Zickengehabe« oder »Stutenbissigkeit« drückt in der Regel nur größtmögliche Hilflosigkeit aus: Keine Ahnung, was da passiert und wie ich mich als Chef oder Kollege dazu verhalten soll!

Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass der gute Umgang mit Geschlechterdifferenzen eine Bedingung für erfolgreiches Wirtschaften ist. In zweien meiner Bücher – Das Arroganz-Prinzip und Die Manipulationsfalle – habe ich detailliert dargestellt, wie sich Frauen in männlich dominierten Arbeitsbereichen behaupten können.

Das Bild wird aber erst komplett, wenn nicht ausgeblendet wird, wie Frauen andere Frauen am Arbeitsplatz behandeln. Und das ist, so anders man es sich auch wünschen würde, nicht immer schön. Als Mann sehe ich dieses System, zugegeben, von außen. Das betrachte ich inzwischen aber eher als Vorteil: Der Blick eines sympathisierenden Beobachters kann ausgesprochen produktiv sein, gerade weil er nicht die dort selbstverständlichen Reflexe teilt.

Im ersten Kapitel beschreibe ich, wie sich berufliche Aggression unter Frauen aufbaut. Eines ihrer Kennzeichen ist, dass sie sich indirekt äußert (und darum anfänglich auch schwer zu erkennen ist). Wenn man aber bei so einer Eskalation zu spät handelt, kann das zu traumatischen Erfahrungen führen.

Anhand vieler Beispiele wird im zweiten Kapitel das handwerkliche »Waffenarsenal« dargestellt, das in diesem System eingesetzt wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei offiziell demonstrierte Freundlichkeit, die nichts weiter darstellt als eine Maske, hinter der sich heftigste Angriffe verbergen können.

In Kapitel drei beobachte ich eine der Meisterinnen dieser Kampfkünste, nämlich Heidi Klum in ihrer Sendung Germany’s Next Topmodel. Man muss sie nicht mögen, aber man kann viel von ihr lernen.

Kapitel vier betrachtet die Eigenheiten von Ausschlussstrategien in horizontalen Aggressionsmustern – sie können Männer genauso empfindlich treffen wie Frauen. Aber hilflos hinnehmen muss man sie nicht.

Im fünften Kapitel nehme ich eine Berufs- und Lebenswelt unter die Lupe, in der scheinbar alle Ideale horizontaler Kommunikation erfüllt sind: achtsamer Umgang, gewaltfreier Alltag, hohe Kommunikationsdichte, selbstverständliche Rücksichtnahme. Leider heißt das in der Praxis nicht zwangsläufig, dass es funktioniert.

Kapitel sechs stellt entmythologisierende Forschungsergebnisse vor, die alle zum selben Ergebnis kommen: Frauen sind nicht per se aggressionsloser als Männer, und bessere Menschen sind sie sowieso nicht. Allerdings haben weibliche Aggressionsstrategien durchaus ihre Besonderheiten.

Chefinnen haben es manchmal gerade mit Mitarbeiterinnen schwerer als mit Männern. Die Ansprüche an sie sind besonders hoch. Anhand von fünf Best-Practice-Beispielen zeige ich in Kapitel sieben, wie man gut damit umgehen kann.

Wenn Frauen weibliche Aggression am Arbeitsplatz erleben, müssen sie sich selbst schützen. Wie sie ihre eigenen »inneren Bodyguards« finden, steht im Kapitel acht. Gerade für Frauen in Führungspositionen ist das besonders wichtig.

Männliche Vorgesetzte und Kollegen sind manchmal die Letzten, die mitbekommen, was da im Betrieb unter Frauen läuft. Trotzdem können sie in den Auseinandersetzungen eine wichtige Funktion haben. Die stelle ich in Kapitel neun dar.

Kapitel zehn fasst noch einmal in knapper Form zusammen, wie man angesichts freundlicher Feindinnen nicht nur überleben, sondern ihre Strategien im eigenen Interesse nutzen kann: Wenn man weiß, wie es funktioniert, lässt sich damit arbeiten.

 

Horizontal und vertikal

Ein Hinweis allerdings vorab: Wenn im Folgenden immer wieder scheinbar kategorisch von »Männern« und »Frauen« gesprochen wird, ist das eine Vereinfachung. Eigentlich müsste ich von »horizontal Kommunizierenden« reden und von »vertikal Kommunizierenden«. Diese Begriffe hat eine Frau erfunden, Deborah Tannen, Soziolinguistin an der amerikanischen Georgetown-Universität. Für vertikale Personen sind ihr zufolge zwei Achsen der sozialen Kommunikation extrem wichtig, nämlich a) die Rangordnung in der jeweiligen Gruppe und b) das Territorium, auf dem sie sich aufhalten. Das trifft mehrheitlich auf Männer zu, aber nicht ausschließlich. Auch eine Minderheit von Frauen kommuniziert so. Die beiden Achsen »Rang« und »Revier« bestimmen bei vertikalen Vertretern die gesamte Kommunikation am Arbeitsplatz. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Leute nicht inhaltlich werden könnten. Doch, können sie. Aber oft erst dann, wenn die Rang- und Revierfragen geklärt sind.

Demgegenüber bestimmen im horizontalen System ganz andere Achsen den täglichen Umgang miteinander, nämlich a) die Zeichen der Zugehörigkeit und b) das inhaltliche Interesse. Diese beiden Achsen können in einem beruflichen Rahmen ausgesprochene Stärken darstellen. Das horizontale System kann schnell berufsrelevante Beziehungen herstellen, eine einschließende Sprachkultur gegenüber Fremden (inklusive Kunden) entwickeln, rasch eine zufriedenstellende Arbeitsatmosphäre erzeugen und offene Aggression abbauen. Für viele Firmen besonders bedeutsam ist die hohe Geschwindigkeit, mit der es sachlich Probleme lösen kann, gerade weil es Rangfragen eher abgeneigt gegenübersteht.

Das hört sich zunächst nach etwas ausschließlich Positivem an. Aber auch diese beiden Achsen Zugehörigkeit/Inhaltliches Interesse haben ihre Schattenseiten, wie wir sehen werden. Horizontal kommuniziert eine Mehrheit von Frauen und eine Minderheit von Männern. Diejenigen, die sich für mehr Details zum Hintergrund dieser Sprachsysteme interessieren, erlaube ich mir auf meine genannten Vorgängerbücher hinzuweisen.

Beide Systeme haben jedenfalls ihre Schwächen und Stärken, und in einer reflektierten Zusammenarbeit wären sie so etwas wie ein Dream-Team. Wo sie aber unreflektiert aufeinandertreffen, wechselseitige Naivität das Wort führt und ihre Besonderheiten verdrängt werden, kann das tiefe Konflikte hervorrufen. In diesem Buch beschäftige ich mich fast ausschließlich mit dem horizontalen Kommunikationssystem, und ich will es deutlich sagen: Es hat seine herausragenden Stärken – aber ohne Aggressionsverhalten kommt es selbstverständlich nicht aus. Und moralisch besser ist es auch nicht.

Von anderslautenden Idealisierungen hat niemand etwas. Die Ausblendung der unangenehmen Seiten im horizontalen System führt leider nicht dazu, dass Aggressionen von Frauen gegen Frauen am Arbeitsplatz abnehmen, sondern nur dazu, dass darüber nicht laut geredet wird. Natürlich ist das eindeutig eingängigere Thema dasjenige von unterdrückerischen männlichen Chefs oder Kollegen versus ausgebeutete Frauen. Das trifft ja tatsächlich auch immer noch viel zu oft zu. Aber den Blick allein darauf zu beschränken hilft den Frauen, denen währenddessen andere Frauen beruflich das Leben schwer machen, natürlich überhaupt nicht.

Wie immer in meinen Büchern erlaube ich mir den Hinweis, dass in diesem Buch zwar authentische Fälle, nicht aber die tatsächlichen Namen der Beteiligten (auch nicht der Firmen!) verwendet werden. Wenn ein Name auftaucht, der Ihnen bekannt vorkommt, handelt es sich ganz bestimmt nicht um die reale Person. Also bitte keine falschen Zuschreibungen.

Ich danke meinen beiden Töchtern und meinem Freund Ekkehard Pohlmann für ihre kritische Sicht auf alles, was ich schreibe, meiner Mitarbeiterin Anne Kotterer für ihren persönlichen Einsatz gerade bei diesem Buch und den fünf Frauen aus Kapitel sieben, die sich mir für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Vor allem aber danke ich der Frau, mit der ich verheiratet bin: Ohne diese langen Gespräche am Rheinufer hätte ich vieles nicht verstanden.

Peter Modler

 

 

1 Die Stufen der Aggression oder: Wenn Frauen sich gegen Frauen wenden

 

Der Knochenbrecher

Über Aggression unter Frauen reden viele Frauen nicht so gern. Diejenigen, denen ich von meinem Projekt erzählte, waren regelmäßig befremdet darüber, dass sich ein Mann um dieses Thema kümmern wollte. Ausgerechnet! Wenn überhaupt, dann doch zumindest zusammen mit einer Frau! Im Übrigen stieß ich auch auffallend oft auf Zweifel, ob »Aggression« unter Frauen überhaupt erwähnenswert häufig vorkomme. Klar, unter Männern oder von Männern, das auf jeden Fall, aber wieso bei Frauen?

Die Skepsis hielt meist so lange an, bis ich danach fragte, ob sie in der Pubertät oder etwas früher schon einmal die Erfahrung gemacht hatten, von einer engen Freundin hintergangen worden zu sein. Natürlich hatten sie das! Und wenn wir dann über diese Zeit sprachen, stellte sich sehr oft heraus, dass fast alle sie völlig gegenwärtig im Gedächtnis hatten. Das Gefühl, gerade von einer Person verraten worden zu sein, die man so mochte und der man so viel von sich offengelegt hatte, wurde immer noch heftig empfunden, mit allen Details. Auch wenn dieses Erlebnis schon Jahrzehnte zurücklag.

Nur hatten sie diese Erfahrung eben nicht als Akt der Aggression verstanden. Sie empfanden sie eher als etwas nur Privates, Persönliches, die Enttäuschung einer Beziehung eben, aber irgendwie auch geräuschlos, ohne offene Gewalterfahrung, niemand hatte dabei etwa herumgeschrien. Aber am Ende war das Erlebnis doch offensichtlich derart verletzend gewesen, dass keine der Betroffenen es je vergaß.

Wenn ich erwachsene Männer nach etwas Vergleichbarem aus ihrer Jugend frage, werden zwar auch schwierige und schmerzliche Erfahrungen angesprochen, aber ihr Bezugsrahmen scheint eher eine Gruppe gewesen zu sein, die Kumpel, die Mannschaft, in der man dann die oder jene Rolle hatte. Die Gruppe war jedenfalls deutlich bedeutsamer gewesen als etwa die jahrelange exklusive Freundschaft mit einer einzigen Person.

Schon ein kurzer Blick auf diese biografische Phase macht deutlich, wie unterschiedlich Aggression ausgetragen wird unter Personen aus dem vertikalen System, nämlich direkt, und andererseits Leuten aus dem horizontalen System, nämlich indirekt. Das Werkzeug der Wahl, der Transmissionsriemen der Aggression, ist im horizontalen System nicht zuerst die Hand, der Körper, der zum Schreien verzogene Mund, sondern vor allem die verbale Sprache selbst, oft sogar leise. Die Bibel wusste es natürlich schon lange: »Ein Hieb mit der Peitsche schlägt Striemen, aber ein Hieb mit der Zunge zerbricht Knochen« (Jesus Sirach 28,17). Striemen sind deutliche Spuren, die jeder sehen kann, und der Verursacher ist leicht ausfindig zu machen. Bei Sprachaktivität – der »Zunge« – ist das ungleich schwerer. Aber vor allem die macht die Aggressionsmöglichkeiten im horizontalen System aus. Natürlich auch im beruflichen Umfeld – gerade dort.

 

Schluss mit konstruktiv

Die IMBIO GmbH war eine Firma mit einem eigentlich sehr angenehmen Arbeitsklima. Alle Angestellten der Firma waren ebenso wie die Eigentümer von ihrem Konzept überzeugt – Import von Bioprodukten in Kooperation mit den Menschen vor Ort, Unterstützung nachhaltiger Landwirtschaft, sorgsamer Umgang mit Energie beim Transport. Leider befand sich die Firma mit zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon seit Jahren in einer finanziellen Schieflage. Dass es die Internationale Bioprodukte GmbH (IMBIO) überhaupt noch gab, lag allein daran, dass sie Teil einer Firmengruppe war, wo die Verluste jedes Jahr aufgefangen worden waren.

Doch auch deren Geduld war nun am Ende, und mithilfe eines externen Sanierers sollte die GmbH so rasch wie möglich schwarze Zahlen schreiben. Auch wenn das nicht ohne Härten ginge.

Der Sanierer machte sich ans Werk und erkannte sehr schnell, dass mehrere Frauen genau dieselben Tätigkeiten ausführten, während sich niemand für die Bereiche verantwortlich fühlte, die für die Firma eigentlich viel wichtiger waren. Darum sollte in einem Workshop herausgefunden werden, wer künftig am besten welche Aufgaben abdecken sollte. Es war von vornherein klar, dass es danach bei allen einen veränderten Zuschnitt der Aufgaben geben würde.

Der Workshop lief in einer konstruktiven Atmosphäre ab. Eines der Ergebnisse war, dass eine der Mitarbeiterinnen namens Sandra nun die Funktion einer Teamleiterin bekommen sollte. Da sie als Einzige noch kleine Kinder hatte und auch ihr Mann berufstätig war, meldete sie aber schon während des Workshops ihr Bedürfnis an, wenigstens einen Nachmittag in der Woche freizuhaben. Das sahen alle ein – eine junge Mutter, dafür muss man Verständnis haben.

Aber als es um die konkrete Festlegung der jeweiligen Arbeitszeiten ging, war Schluss damit. Keine einzige der Frauen war bereit, ihre Arbeitszeiten so zu ändern, dass Sandra einen Nachmittag für die Kinder hatte. Es war wie in einem Kindergarten: Wenn den Kolleginnen die Argumente ausgegangen waren, saßen sie nur stumm und bockig da, richteten ihren Blick ins Leere, gaben aber keinen Zentimeter nach. Obwohl jeder im Raum wusste, dass bei allen die Familiensituation nicht so kompliziert war wie bei Sandra. Weder der Sanierer noch die Eigentümer wollten jedoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden, darum vertagte man sich und arbeitete weiter am Strukturkonzept. Einer der Eigentümer appellierte ausdrücklich an alle, intern nach einer guten Lösung zu suchen, mit der sie leben konnten.

Spiele mit der MachtSpiele mit der Macht

Wie Frauen sich durchsetzen

»Ich habe es zweimal gesagt. Meinst du, einer hätte zugehört? Und zwei Minuten später sagt Kollege Schröder das Gleiche, und alle sagen: Klasse, Schröder!« – Welche Frau kennt nicht diese oder ähnliche Situationen? Marion Knaths verrät, was Sie tun müssen, damit Ihnen künftig alle zuhören, und sie zeigt, wie Sie als Frau beim Spiel mit der Macht am besten mitspielen.

Frauen in Kunst & Wissenschaft: starke Revolutionärinnen ihrer Zeit

Viele Jahrhunderte hinweg galt der Mann als kulturelles Wesen, das die Welt entdeckt und erobert. Frauen als schwaches Geschlecht hingegen nahmen die Rolle hinter dem Herd ein. Doch die Geschichte lehrt, dass sie selbst in Zeiten, in denen Frauen nicht einmal studieren durften, wertvolle Entdeckungen tätigten. Die neuen Erkenntnisse wurden oft als weniger wichtig erachtet und erst Jahrzehnte später beachtet.

Blick ins Buch
Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen

Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff

Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch,gehört zu den »tätigen Modi des Lebendigseins«, und Briefe sind deren herausragende Zeugnisse. Dieser Band versammelt weitgehend unveröffentlichte Briefwechsel der politischen Philosophin mit ihren langjährigen Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil-Mendelsohn und Helen Wolff. Neben den gemeinsamen Projekten prägte die Freundschaften auch, dass alle Frauen die Wirklichkeiten von Emigration und Immigration kannten. Die Briefwechsel führen mitten hinein in Arendts Gedanken- und Arbeitswelt, sie erzählen Privates und Alltägliches aus fünf sehr unterschiedlichen, intensiv gelebten Freundschaften.   Berichtigung: Auf Seite 48 enthält dieses Buch eine falsche Information mit einer in Fußnote 98 angegebenen Quelle, aus der diese nicht entnommen werden kann. Anne und Erich Weil haben sich nicht katholisch-kirchlich trauen lassen. Sie heirateten am 16. Oktober 1934 standesamtlich in Paris und am 23. Oktober nach jüdischem Ritus in Bad Mondorf (Luxemburg). Verlag und Herausgeberinnen bedauern diesen Fehler, der im E-Book bereits korrigiert werden konnte.

Vorwort

 

Es ist ein auffallendes kulturelles Phänomen unserer Zeit, dass zwar der Brief durch die E-Mail ersetzt worden ist, die Publikation von Briefen und Briefwechseln hingegen zugenommen hat. Das Interesse an der Lektüre von Briefen ist dabei nicht nur durch die Nähe zu lebensgeschichtlichen Kontexten zu erklären. Ein weiterer Grund liegt in der Adressierung der Briefe an ein Du in dem dialogischen Raum, den der Brief stiftet und der durch die Erweiterung auf ein drittes Du wie den Leser eine Art zweiter Gegenwart gewinnt. Diese dialogische Dimension ist in den Briefen Hannah Arendts deshalb so präsent, weil sie unbehelligt durch Konventionen nur der freien Einbildungskraft folgt.

Hannah Arendt hat neben ihrem philosophischen und politischen Werk eine so große Anzahl von Briefen hinterlassen, dass man von einem Briefwerk sprechen kann, welches in keiner Weise als zweitrangig abgetan werden sollte. Und zwar nicht nur deshalb, weil die Briefe in vielfältiger Weise Fragen, die Arendt in ihren Büchern und Essays thematisiert hat, aufgreifen und weiterführen, sondern vor allem weil mit jedem Briefwechsel ein ganz eigenes Beziehungsgeflecht entsteht, das im Sinne ihrer Philosophie als »Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten« angesehen werden kann, das nur aus subjektiven Begegnungen, Wahrnehmungen und Urteilen zusammengesetzt ist. Dieses Bezugsgewebe, in dem sich Nähe und Ferne zu bestimmten Konstellationen formen und das man als eine bewohnbare Distanz bezeichnen kann, hat in Arendts philosophischem und politiktheoretischem Denken über das Miteinandersprechen und -handeln einen großen Stellenwert.

Für diejenigen, die »in keinem Besitz verwurzelt sind und darum ihr Milieu gewissermaßen immer mit sich herumtragen oder richtiger darauf angewiesen sind, es immer neu zu produzieren«, die als Emigranten in einem existenziellen Sinn unterwegs sein müssen, wird der Brief zu einem unverzichtbaren Mittel, Zusammenhänge stiften zu können. Diesen Zusammenhängen gibt Arendt den Namen Freundschaft. Die Freundschaft und der Brief zeichnen sich beide durch ihre Beweglichkeit aus, weil es nichts gibt, das ihnen von vornherein Dauer verbürgt. Jeder Brief ist ein neuer Anfang, der erst durch die Antwort entweder bestätigt oder infrage gestellt wird. Die Freundschaft existiert nur so lange, wie man sich ihr zuwendet, und jede Zuwendung muss mit Unwägbarkeiten rechnen. Freundschaft sei kaum noch anders als »auf des Messers Schneide« zu haben, schrieb Hannah Arendt an ihren langjährigen jüdischen Freund Kurt Blumenfeld in Israel. Dennoch: Wer sich auf diese Unwägbarkeiten einlässt, steht nach Arendt der Realität näher als alle, die sich irgendwelche künstlichen Identitäten anzudichten versuchen. Er kann erfahren, dass sich Freundschaft »wie ein Schal um die Schultern« legt.

Als wir uns dazu entschlossen, einen Band mit Briefen »Arendt und Freundinnen« (so der Arbeitstitel) herauszugeben, gab es nur einen veröffentlichten Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und einer Freundin, der Schriftstellerin Mary McCarthy. Dem gegenüber standen zahlreiche veröffentlichte Briefwechsel mit männlichen Briefpartnern: mit den Philosophen Karl Jaspers und Martin Heidegger, mit Arendts Ehemann Heinrich Blücher, mit dem jüdischen Freund Kurt Blumenfeld, mit den Schriftstellern Hermann Broch, Uwe Johnson und Alfred Kazin, mit den jüdischen Gelehrten Gershom Scholem und Walter Benjamin. In den Archiven, denen Arendt ihren Nachlass übereignet hat, der Library of Congress in Washington und dem Literaturarchiv in Marbach, befindet sich aber eine erstaunliche Anzahl Briefe von und an Freundinnen, die nicht so sehr im Licht der Öffentlichkeit gestanden haben. Diese Briefwechsel sind zu einem größeren Anteil auch weniger umfangreich als die bisher publizierten.

Aber im Reich des Privaten gelten andere Maßstäbe. Die Flüchtigkeit eines Briefes ist nicht gleichbedeutend mit Oberflächlichkeit, die Kürze eines Briefwechsels nicht mit mangelndem Interesse. Das Spezifische der Freundschaft zeigt sich hier in plötzlich entstehenden emotionalen Momenten, in denen das einander Zugewandtsein zum Ausdruck gebracht wird, oder in der Kontinuität einer unbefragbaren Selbstverständlichkeit und Verlässlichkeit, mit der das Schreiben und Empfangen von Briefen die Lebenszeit der Freundinnen begleitet hat.

Aufgrund der erhaltenen, meist von Hannah Arendt den Archiven überlassenen Briefe – nur im Fall von Helen Wolff gibt es einen weiteren nennenswerten Archivbestand: die »Helen and Kurt Wolff Papers« in der Beinecke Library der Yale University – und aufgrund unserer Recherchen können die Geschichten dieser Freundschaften erzählt werden. Zugleich wird der Versuch unternommen, diese Freundschaften in ihrer Bedeutung für jeweils beide Partnerinnen genauer zu bestimmen. Das geschieht in den einführenden Bemerkungen, die den abgedruckten Brieftexten vorangestellt sind.

In den Briefen zwischen Arendt und McCarthy oder auch Jaspers und Blumenfeld gab es gemeinsame Projekte. Mit Jaspers teilte Arendt das Nachdenken über die Philosophie und die Sorge um die politische Entwicklung der BRD, mit Mary McCarthy die diffizilen Erfahrungen im Umgang mit der literarischen und philosophischen Sprache und das politische Engagement in den USA, mit Blumenfeld die jüdischen politischen Erfahrungen. Durch diese Gemeinsamkeiten wurde immer wieder das Interesse aneinander entfacht und das Miteinandersprechen über komplexere Fragen und Antworten vertieft. Persönliche Zuneigung und Ähnlichkeit der Denkart waren so miteinander verwoben, dass sie gleichsam eine innere Energie bildeten, welche die Freundschaft trug und weitertrug.

Auch in den hier ausgewählten Freundschaften mit Annelise (Anne) Weil-Mendelsohn, Hilde Fränkel, Charlotte Beradt, Rose Feitelson und Helene (Helen) Wolff lassen sich gemeinsame Projekte ausmachen. Sie stehen jedoch nicht so im Mittelpunkt, als dass sie die Beziehungen in allen Facetten bestimmt hätten. Beispiele für derartige Projekte waren die Verenglischung von Arendts Texten, woran Rose Feitelson beteiligt war, oder die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche, die Arendt Charlotte Beradt übertragen hatte. Mit Helen Wolff gab es die Zusammenarbeit bei Publikationen des Wolff und später des Verlags Harcourt & Brace.

Daneben lassen sich aber weitere Aspekte nennen, welche die Freundschaften prägten. Mit einer Ausnahme (Rose Feitelson) waren alle Frauen gezwungen, in die Emigration zu gehen oder wie Anne Mendelsohn-Weil in die Illegalität. Sie mussten zumindest zeitweilig ihr bisheriges Leben vollständig aufgeben.

Anne Mendelsohn hatte bei Ernst Cassirer in Philosophie promoviert. Sie emigrierte nach Frankreich, heiratete dort den ehemaligen Studienkollegen und Philosophen Eric Weil. Sie erhielt die französische Staatsbürgerschaft und schloss sich während der deutschen Besatzung der Résistance an. In der Illegalität ging es um das nackte Überleben. Aber auch um die Erfahrung, dass Freiheit in neuen politischen Formen gesichert werden muss. Nach der Befreiung hat sie sich daher beruflich neu orientiert. Sie war von Anbeginn in den Aufbau europäischer Institutionen involviert, nicht nur weil eine philosophische Karriere eher unwahrscheinlich war, sondern weil sie diese Aufgabe unter politischen Gesichtspunkten als außerordentlich wichtig erachtete. Sie blieb aber eine Leserin der Bücher Arendts, die wusste, wie schwierig es ist, sich eigene Wege ins philosophische und politische Denken zu bahnen. Ihr Urteil war daher für Arendt von besonderer Bedeutung, zumal Anne Mendelsohn diejenige war, die Arendt am Beginn ihres Denkwegs einen entscheidenden Impuls vermittelt hatte, als sie ihr in den 1920er-Jahren Rahel Levin Varnhagens Buch des Andenkens schenkte. Dieses Geschenk bildete gleichsam den Höhepunkt und die Besiegelung einer Jugendfreundschaft, die keiner weiteren Gründe bedurfte und trotz aller späteren Entfernungen voneinander bei jedem neuen Zusammentreffen wie ein nur ihnen bekannter Schatz aus dem Verborgenen hervorgeholt werden konnte.

Eine Beziehung von außergewöhnlicher Art ist die Freundschaft zwischen Hannah Arendt und Hilde Fränkel. Sie hatten sich in den 1930er-Jahren in Frankfurt am Main kennengelernt, sich dann aus den Augen verloren und als Emigrantinnen in New York wiedergetroffen. Hilde Fränkel erkrankte 1949 an Krebs. Dass ein Briefwechsel zwischen beiden überhaupt entstehen konnte, ist dem Umstand zu verdanken, dass Arendt 1949 im Auftrag der Organisation Jewish Cultural Reconstruction nach Europa reisen musste und sich dort für etwa drei Monate aufhielt. Ihre Aufgabe galt der Auffindung und Rückführung jüdischer Bücher, Manuskripte und religiöser Gegenstände, die unter der NS-Herrschaft geraubt worden waren. Die Freundinnen haben die Trennung als sehr schmerzhaft empfunden, zumal sich die Krankheit Fränkels bedrohlich zugespitzt hatte. Die Einzigartigkeit des Briefwechsels besteht darin, dass er allein aus dem Empfinden einer wechselseitigen großen Zuneigung geschrieben worden ist und daher zu einer Sprache gefunden hat, in der die Realität des Sterbens und des unwiederbringlichen Abschieds weder verschwiegen noch religiös überhöht werden musste. Was Sprache in dieser Grenzsituation vermag, dafür ist dieser Briefwechsel ein eindrückliches Dokument.

Charlotte Beradt war Journalistin. Sie konnte mit Beginn der Nazi-Diktatur nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Aber auch in den USA hat es lange gedauert, bis sie ihren Beruf wieder aufnehmen konnte. Sie lernte Hannah Arendt erst in den USA über Heinrich Blücher kennen, mit dem sie seit ihrem gemeinsamen politischen Engagement für die KPD befreundet war und mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte. Auch hier sind die Europareisen Arendts, die ab 1949 alle ein bis zwei Jahre stattfanden, die Voraussetzung des Briefwechsels und die Entwicklung einer Ménage à trois, in der sich ein Geflecht wechselseitiger Beziehungen entspannte, die ebenso authentisch wie ambivalent waren und bis zu Blüchers Tod andauerten.

Während Arendts Europa-Aufenthalten hatte Charlotte Beradt die Aufgabe übernommen, Zeitungsausschnitte zu sammeln, die Rezensionen zu Arendts Publikationen enthielten oder Beiträge von politischer Bedeutung aus der New Yorker und weiteren amerikanischen Öffentlichkeit waren. Beradt schickte ebenso an alle Orte, an denen sich Arendt aufhielt, Begrüßungskarten, Zeichen der Verlässlichkeit des amerikanischen Zuhauses, an die Blücher immer wieder zu denken vergaß. In dem Briefwechsel Arendts mit Blücher wurden parallel laufend Grüße von und an Charlotte Beradt übermittelt. Die auf diese Weise zustande kommende Beschäftigung mit Arendts Gedankenwelt lässt sich aus dem Rückblick als Einstieg Beradts in ihren alten Beruf als Journalistin verstehen. Als Arendt ihr 1956 die Übersetzung amerikanisch geschriebener Essays ins Deutsche übertrug, war der Bann gebrochen. Charlotte Beradt nahm Anfang der 1960er-Jahre Kontakt auf zu verschiedenen deutschen Medien, für die sie von da an kontinuierlich Beiträge lieferte.

Rose Feitelson ist neben Anne Weil-Mendelsohn und Charlotte Beradt die dritte jüdische Freundin Arendts. Mit Anne Weil und Charlotte Beradt verband Arendt – ohne dass es ausgesprochen werden musste – das Wissen darum, was es heißt, von heute auf morgen verfolgt zu werden, und was es bedeutet, wenn sich dort, wo früher die vertraute Umwelt war, ein leerer Kreis bildet. Rose Feitelson kannte diese Erfahrung allein aus den Erzählungen ihrer Familie, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland in die USA eingewandert war. Die Welt, in der sie aufwuchs, war so selbstverständlich jüdisch, wie es die drei anderen schon nicht mehr gekannt und gelebt haben. Deshalb war Rose Feitelson für Arendt allein diejenige Freundin, die ihr am Ende ihres Lebens einen Weg zurück zeigen konnte in die Geborgenheit der jüdischen Welt, »to come home« dort, wo Anfang und Ende sich berühren.

Rose Feitelson hat nach ihrem Collegeabschluss in verschiedenen jüdischen Organisationen gearbeitet. Sie hat maßgebend an der Lektorierung des Englischen in Arendts ersten Publikationen, The Origins of Totalitarianism und The Human Condition, mitgewirkt. Aber ihr Traum, aufgrund dieser Erfahrungen und mit Unterstützung Arendts eine Lektorenstelle zu bekommen, hat sich nicht erfüllt. Sie war darüber hinaus für Arendt eine wichtige Diskussionspartnerin in den New Yorker Debatten der McCarthy-Ära. Angesichts des verwirrenden biografischen Durcheinanders amerikanischer Intellektueller war nicht einfach zu entscheiden, ob der Wandel vom Kommunisten zum Kritiker authentisch war oder nur die Fassade eines Antikommunisten, der als Kalter Krieger Karriere machen wollte. Rose Feitelson kannte sich bestens aus und war für Arendt eine verlässliche Stütze, um zu einem realitätsnahen eigenen Urteil zu kommen. Das politische Urteilen in schwierigen Situationen blieb der gemeinsame Boden, auf dem sie sich immer wieder trafen, auch in der Debatte um Arendts Eichmann-Buch.

Die Freundschaft zwischen Helen Wolff und Hannah Arendt begann mit »business meetings« vermutlich Mitte der 1940er-Jahre in New York. Am Anfang des ab 1954 erhaltenen Briefwechsels stand ein Eklat. Arendt sollte eine Rezension zu einem Autor des Wolff-Verlags schreiben und lehnte ab. Die daraufhin von Helen Wolff geäußerte Empörung über Arendts Indifferenz war wie ein reinigendes Gewitter, das beide Seiten zu einer direkteren Sprache ohne Vorbehalte befähigte. Die Beziehung zwischen beiden, die erst nach Kurt Wolffs plötzlichem Tod und der Übernahme des Verlags durch Helen Wolff eine eigene Richtung nahm, war von einer eigentümlichen Konventionalität, wie sie von Helen Wolff auf den Punkt gebracht wurde: »Ich wandte mich an sie um geistigen Rat, sie sich an mich um praktischen.«

Dass Konventionalität, die Regeln und Grenzen akzeptiert, durchaus einem Dialog nicht im Wege steht, sondern ihm einen Stil vermittelt, der von beiden Seiten akzeptiert werden kann, zeigt der Briefwechsel. Die gemeinsamen großen Buchprojekte, die Jaspers- und Benjamin-Ausgaben, konnten ohne die im Kulturbetrieb üblichen Selbstdarstellungsrituale und Rechthabereien auf den Weg gebracht werden. Hannah Arendt und Helen Wolff brachten das Kunststück fertig, sich wechselseitig als Weltbürgerinnen anzusprechen, obwohl die Welt mit ihren politischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten in ihrem Briefwechsel vollständig draußen blieb. Sie waren in einer altmodischen Weise Weltbürgerinnen, unabhängige Individuen, die sich allen Tendenzen der Massengesellschaft verweigerten und die zwar um die Unwiederbringlichkeit vergangener Vorstellungen wussten, aber sie deshalb noch lange nicht aufzugeben bereit waren, wie zum Beispiel ihre Vorstellung von Liebe: »Helen, wenn Du und ich einmal tot sind, weiß dann überhaupt noch jemand, was Liebe ist?«

Versucht man den Entwicklungsgang der Gemeinsamkeiten zwischen den Freundinnen, wie sie in den verschiedenen Briefwechseln sichtbar werden, zu einem Bogen zusammenzufügen, wird deutlich, dass zwei Haltungen ihn maßgeblich gestaltet haben: die Fähigkeit, etwas Unvorhersehbares und Neues zu beginnen wie im Briefwechsel mit Hilde Fränkel, und der Sinn für etwas unverlierbar Gegebenes, das allen geschichtlichen Wechselfällen widersteht, wie die Jugendfreundschaft mit Anne Mendelsohn, das Gefühl einer qua Geburt unverlierbaren Zugehörigkeit, wie sie Arendt durch Rose Feitelson nahegebracht wird, oder die verlässlichen Begrüßungskarten Beradts überall in der Fremde, wo Arendt hinkam, sowie das spontane Zusammenstimmen in einer vergangenen Vorstellung von Liebe, die sie mit Helen Wolff teilt.

Das Sicheinmischen in politische Debatten – ob in das Pro und Contra um den Kommunismus in der McCarthy-Ära, um die Banalität des Bösen oder um die Politik in Israel – hatte für die beteiligten Freundinnen die schmerzliche Erfahrung zur Folge, dass zumeist weniger das Verstehen der verschiedenen Positionen den offensichtlichen Sieg davontrug als das gängige Muster des Streits: die »Entscheidungsschlacht«. Mit ihrer Frage: Müssen wir »selbst Drachen gewesen sein, um Drachen zu bekämpfen«, gelang es Arendt jedoch, einen bleibenden Stolperstein in die glatte Bahn der Wiederkehr des Immergleichen einzufügen.

Obwohl sie sich seit 1933 bewusst war, dass man nicht mehr »einfach zusehen kann«, und in vielerlei Hinsicht politisch engagiert handelte, kehrte sie am Ende ihres Lebens zur Nachdenklichkeit zurück, zum Urteilen im einsamen Dialog mit sich selbst. Nicht im Sinne der Apologie des platonischen Philosophen, dem es nur um eines geht: unbehelligt von allen weltlichen Konflikten philosophieren zu können. Aber doch in dem Sinn, dass es verschiedene Existenzweisen gibt, die jeweils ihre Zeit haben.

Diese Einsicht dürfte nicht unbeeinflusst gewesen sein von den Erfahrungen des imaginären Dialogs, der jeder authentischen Philosophie immanent ist, wie auch von der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit des Individuellen, wie es sich in Briefen zeigt. Mit jedem Brief werden Themen und Dialogformen differenziert, werden Unwägbarkeiten zu Versuchen, herauszufinden, wie der Dialog beginnen kann und wie man sich in ihm bewegt. Je nachdem, an wen der Brief adressiert wird, zeigt die Schreiberin, dass sie antwortet, und jeweils ist das Sprechen anders.

Damit entstehen neue Formen intersubjektiver Geschichtsschreibung, die nur im Medium des Briefs Gestalt annehmen können: die der Vielstimmigkeit. Was als konkrete Erfahrung in einem Brief festgehalten wird, erweitert sich zu einem Mosaik der vielen Erfahrungen und Sprachen. Die Leser und Leserinnen haben die Freiheit, eigene Verbindungen zu knüpfen, und jede Verknüpfung ist bereits ein weiteres Denkfragment. Lesen wird zu einer geformten Anschauung, an der viele beteiligt sind: die Schreibenden, die Freunde, an die die Briefe gerichtet sind, die Leser. Als Räume des Miteinandersprechens verkörpern Briefe und Freundschaften jeweils eine Welt »en miniature«. Sie verweisen aber auch auf größere Einheiten: die Polis, die Räte, die Salons. Denn Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch, ist eine »eminent republikanische Tugend«.

Hannah Arendts hinterlassene Briefe mit Freunden und Freundinnen führen mitten hinein in die Gedankenwelt der politischen Philosophin, aber in ihrer unvoraussehbaren dialogischen Dynamik auch über sie hinaus.

Blick ins Buch
Das Glas-UniversumDas Glas-UniversumDas Glas-Universum

Wie die Frauen die Sterne entdeckten

Es war die Zeit, in der Edison mit seiner elektrischen Glühbirne für Aufsehen sorgte, als Frauen an der amerikanischen Ostküste erstmals die Gestirne erkundeten. Ein Professor der Harvard University engagierte sie Anfang der 1880er-Jahre zunächst als »Computer« – als Rechnerinnen – am Observatorium. Darunter nicht nur Familienmitglieder von Astronomen, sondern auch Absolventinnen der neuen Frauen-Colleges und begeisterte Sternbeobachterinnen. Und sie leisteten wahrlich Erstaunliches: Die ledige Mutter und ehemalige Haushälterin Williamina Fleming etwa machte durch ihre Berechnungen allein schon an die 300 Sterne ausfindig. Die Pfarrerstochter Antonia Maury entwickelte eine eigene Klassifikation der Planeten, die heute als Grundstein der modernen Astrophysik gelten kann. Doch wenige der Harvard-Frauen fanden später die verdiente Anerkennung auf einer eigenen Forschungsstelle. Dem Wirken der ambitionierten Wissenschaftlerinnen ein Denkmal zu setzen ist daher Dava Sobels Anliegen mit ihrem neuen, spannend erzählten Buch.

Frauenlebensgeschichten: durch die Männerwelt mit weiblichen Waffen

Längst mussten selbst eingefleischte Feministinnen erkennen, dass Männer und Frauen stets unterschiedlich sein werden. Es liegt in der Biologie begründet. Sie darf jedoch nicht als Begründung genutzt werden, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung vorzuenthalten. Wie es starken Frauen in der oft besungenen »Men’s World« erging und wie sie für ihre Rechte kämpfen mussten, sind Themen in weiblichen Biographien.

Blick ins Buch
Franziska zu ReventlowFranziska zu Reventlow

Eine Biografie

Sie war der Stern der Münchner Boheme, Virtuosin der freien Liebe, Avantgardistin der Alleinerziehenden, Vorläuferin des modernen intellektuellen Prekariats und nicht zuletzt eine bis heute unterschätzte Schriftstellerin. Man hat in ihr die Urgroßmutter der sexuellen Revolution identifiziert, aber den Preis übersehen, den sie zahlte.  Am 25. Juli 1918 stürzt Franziska zu Reventlow in Locarno vom Fahrrad. Nach einer Notoperation stirbt sie am frühen Morgen des 26. Juli 1918 an Herzversagen – 47 Jahre alt.Weil sie, obwohl ein Mädchen, kompromisslos »ich« sagte, wurde die junge Comtesse von ihrer Familie verstoßen und beinahe entmündigt. Die Vielliebende fand es verantwortungslos, an Männern, die ihr gefielen, vorüberzugehen. Sie streifte manchen intim, den man immer noch kennt, etwa Rainer Maria Rilke, Karl Wolfskehl oder Ludwig Klages. Zum ersten Mal wird die Biografie ihrer Lieben erzählt, denn auch Lieben sind Lebewesen: Sie werden geboren, reifen und sterben, aber nicht alle. In Kerstin Deckers ebenso tragischem wie komischem Bericht dieses Lebens bleibt vom Bild der robusten Männersammlerin fast nichts übrig. Es entsteht ein einzigartiges Mutter-Kind-Porträt und das Bild einer Frau, die eine so weltüberlegen-hochironische Prosa schrieb, dass es Männern schwerfiel, an eine Autorin zu glauben.
Blick ins Buch
Annette KolbAnnette Kolb

Dichterin zwischen den Völkern

»D’Leut ärgern« wählte sich Annette Kolb (1870‒1967) schon als junges Mädchen zum Motto, doch nicht aus Bosheit, sondern weil sie ihre Meinung offen vertreten wollte. Sie war scharfsinnig und naiv, sie war Pazifistin und ging keiner Fehde aus dem Weg, sie trug als Deutsch-Französin zwei Vaterländer in ihrem Herzen und hatte Europa im Kopf. Ihre Bücher vermitteln eine große Leichtigkeit, dabei fiel ihr das Schreiben zeitlebens schwer. Diese Biografie erzählt die aufregende Geschichte ihres Lebens, die exemplarisch ist für ein von Anerkennung und Verfolgung gleichermaßen bestimmtes Schriftstellerdasein im 20. Jahrhundert.

Vorbemerkung
Hermann Kesten, einer der engsten Freunde Annette Kolbs,
meinte einmal : » Sie ›liebt es nicht, sich zu erinnern‹ […] und
veröffentlicht ihr Leben lang Erinnerungen. Ihre Romane sind
verhüllte Autobiographien. «
Sie selbst, aufgefordert, ein Bild von sich zu zeichnen, schrieb
in Befohlenes Selbstporträt für Quartaner (1932): » Ob sie euch
noch etwas zu sagen haben wird, und ob etwas von ihren
Büchern noch bleiben wird, wenn sie tot ist, das sind Fragen, die
nur ihr werdet beantworten können. Ihr werdet also mehr über
sie wissen als sie selbst. Aber was sie besser weiß als ihr : sie hat
sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich
geplagt. […] Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent, sondern
ihre Meinungen und in der Gedanklichkeit, was immer
man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt
ihrer Arbeiten. «
Der Chronist dieses fast ein Jahrhundert währenden Lebens
folgte ihren Romanen und Erzählungen, ihren Essays und Plaudereien,
ihren Briefen und Notizbüchern. Er tat dies in Bewunderung
für ihr Talent und in Achtung vor der Courage, mit der
sie ihre Meinungen verfocht, auch wenn er ihre Ansichten nicht
immer teilen konnte. Er hofft, dass er die Leser dieser Biografie
auf ihre Schriften neugierig macht. Franz Blei schrieb einmal an
Annette Kolb : » Wär ich ein Verleger, machte ich eine Ausgabe
deiner Werke in sechs hübschen Bändchen : das so hintereinander
zu sehen und zu lesen, müsste eine reizende Offenbarung
sein. «3 Die überarbeitete Neuausgabe dieser erstmals 2002 er schienenen Biografie wird zum 50. Todesjahr Annette Kolbs
vorgelegt. Zu diesem Anlass erscheint im Wallstein Verlag
Göttingen
auch eine vierbändige Werkausgabe.4
Abgesehen von Annette Kolbs bewunderungswürdigem literarischen
Werk hatte ihr Leben exemplarischen Charakter in
einem Jahrhundert geistesgeschichtlicher und historischer Umstürze
und Katastrophen. Ihre Vita war beispielhaft und außerordentlich
zugleich, indem sie sich ihre Überzeugungen, ihre
Eigenheiten und ihre individuelle Freiheit wahrte, dies in einer
Zeit der Diktaturen, Ideologien und Massenpsychosen. Sie selbst
fragte sich nach ihrer geglückten Flucht vor den Nationalsozialisten
: » Nur ich bin entronnen […] Warum ? Warum ? Was soll
es heißen ? «, und fand die Antwort : » Ich soll es zur Sprache
bringen!«
In einem Brief an René Schickele schrieb Annette Kolb unter
Verwendung der fürs Bayrische typischen doppelten Negation :
» Nein dafür werde ich schon Sorge tragen, dass es keine Biographie
von mir nicht gibt oder alles erst … und erlogen, das wäre
ganz wichtig. «6 Der Biograf bittet Annette Kolb an dieser Stelle
um Verzeihung, gegen ihr Verdikt verstoßen zu haben. Er hat,
um nichts » erstinken und erlügen « zu müssen, auch viele bislang
unveröffentlichte Dokumente, Briefe und Tagebücher eingesehen
und ausgewertet. Die bisweilen eigenwillige Orthografie
und Zeichensetzung Annette Kolbs wurden beibehalten, ebenso
stilistische Eigenheiten.

 

» Sympathie zwischen Bayern und Frankreich «
Herkunft und geistige Voraussetzungen

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts konnte man – so
wird kolportiert – bisweilen beobachten, wie der junge, 1933
geborene
Wittelsbacher Prinz Franz von Bayern in der Händelstraße
1 im Münchner Stadtteil Bogenhausen vorfuhr, um dort
den Nachmittag bei Tee und Konversation mit einer alten Dame
zu verbringen. Ihr Name : Annette Kolb. Als im Februar 1965
hochoffiziell ihr neunzigster Geburtstag gefeiert wurde, erstaunte
sie die Öffentlichkeit mit dem Eingeständnis, sie sei
bereits
fünfundneunzig und führe seit einem halben Jahrhundert
falsche Papiere.
Diese beiden Anekdoten sind bezeichnend für Leben und
Haltung der Schriftstellerin Annette Kolb. Sie lassen etwas erahnen
von der leicht skurrilen Zuneigung der überzeugten Demokratin
zum Hause Wittelsbach, von der versponnenen Eitelkeit
angesichts des eigenen Alters und von der Lust an Geheimnis
und Geheimniskrämerei. Diese Anekdoten lassen den biografischen
Blick aber auch hundert Jahre weiter zurückwandern in
eine Zeit, als Bayern noch Königreich war und es noch kein
geeintes Deutschland gab. Annette Kolbs langes und aufregendes
Leben umfasste ein Jahrhundert, das von großen politischen,
ökonomischen und soziokulturellen Umwälzungen geprägt
war, ein Jahrhundert, in dem Deutschland eine führende
und zugleich fatale Rolle spielte. In ihre Lebenszeit fallen : der
Krieg gegen Frankreich, die Gründung des deutschen Kaiserreichs,
die drängende soziale Frage, die Erstarkung der sozial demokratischen Bewegung, der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch
des deutschen Kaiserreichs und des bayrischen
Königreichs, die Räterepublik in München, die Weimarer Republik,
die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg,
die Teilung Deutschlands und die Gründung zweier deutscher
Staaten, die zweite Demokratie auf deutschem Boden mit ihrer
konservativen Ausrichtung unter Konrad Adenauer und ihren
linken Gegenströmungen in der Jugend- und Hippiebewegung
der 1960er-Jahre.
Annette Kolb hat dieses bewegte Jahrhundert kritisch begleitet,
in ihren Schriften wie in ihrem öffentlichen Engagement.
Sie war katholisch und aufklärerisch, konservativ und liberal.
Und sie strafte Kritiker Lügen durch die Kompromisslosigkeit
ihrer Zivilcourage, als sie – die die Freiheit über alles liebte und
verteidigte – um der Freiheit willen mehrmals ins Exil ging : Von
1916 bis 1922 lebte sie in der Schweiz, von 1933 bis 1941 in der
Schweiz, in Luxemburg, Frankreich und Irland, von 1941 bis
1945 in den Vereinigten Staaten von Amerika – ein Zeitraum,
dem sich noch ein » Exil nach dem Exil « anschloss : die unruhigen
Wanderjahre zwischen Irland, Frankreich und der Schweiz
von 1945 bis zu ihrer endgültigen Rückkehr in die Vaterstadt
München im Jahre 1961.
Annette Kolbs gesellschaftliche und kulturelle Prägung weist
jedoch über Deutschland und dieses Jahrhundert hinaus. Sie
führt über die Eltern zurück ins liberal gesinnte, Künste und Wissenschaften
fördernde Königreich unter Maximilian II. Joseph
von Bayern. Es waren zudem die Jahrzehnte unter König Ludwig
II. und dem Prinzregenten Luitpold, die Annette Kolbs
künstlerische und politische Anschauungen prägten. Das » Deutsche
« war ihr insofern suspekt, als es für sie lange Zeit ein Synonym
für das » Preußische « war. Erst in der Weimarer Republik
konnte sie sich als Künstlerin, Katholikin, Pazifistin und nicht
zuletzt als Münchnerin mit dem Staat aussöhnen, wenngleich
in dieser Republik das von ihr verehrte Herrscherhaus der Wittelsbacher
keine politische Macht mehr besaß. Aus ihren letzten Lebensjahren stammt ein unveröffentlichter Essay mit dem
Titel Bayern, worin sie sich an das Königreich ihrer Kindheit
und Jugend erinnert und dessen zivilisatorischen Rang rühmt –
wenngleich im nostalgischen Rückblick des Alters verklärt :
» Wir nannten Bayern berufen : Es hatte eine Dynastie wie kein
anderes Land. Der Krieg und seine Greuel waren ihr fremd. Sie
hat gelebt für die Kultur, die Schönheit, den Frieden. In unserer
schwer bedrohten Zeit war Bayern mit seiner Dynastie ein
Glück und Segen für Europa. «1
Wie Annette Kolb um ihr Alter ein Geheimnis machte, so
auch um ihre Herkunft. Es gab seit jeher Gerüchte über eine
illegitime adlige Abkunft ihres Vaters Max Kolb. Annette Kolb
selbst – so sehr sie mit der Liebe zur bayrischen Monarchie
kokettierte – wies zeitlebens alle Mutmaßungen zurück. Im
Jahre 1917 strengte sie sogar einen Rechtsstreit mit dem Genfer
Verlag Éditions ATAR an, der behauptet hatte, sie sei » verwandt
mit dem Hof des Königs von Bayern «.2 Sie selbst hat jedoch im
hohen Alter einmal ihrer Nichte ihre » wahre « Abkunft vom
Hause Wittelsbach eingestanden.3 Auch ihrem engsten Freund,
dem Schriftsteller René Schickele, hatte sie von ihrer Verwandtschaft
mit dem Königshaus erzählt.4
Max Kolb, Annette Kolbs Vater, kam am 28. Oktober 1829
in München als unehelicher Sohn der Juliana Lorz, einer Zofe
Königin Thereses von Bayern, zur Welt. Nach der Geburt des
Knaben unterschrieb der Hoflakai Dominikus Kolb eine Vaterschaftserklärung
und gab damit dem Kind auch seinen Familiennamen.
Max Kolb wuchs auf Schloss Possenhofen am Starnberger
See auf und durfte später die Schule der Benediktinerabtei
Scheyern besuchen. Die Schulkosten für den Sohn der mittellosen
Zofe wurden vom Hause Wittelsbach getragen.5 Es ist zu
vermuten, dass Juliana Lorz-Kolb ihren Sohn nicht von ungefähr
auf den Namen Max taufen ließ, und dass Kronprinz Maximilian,
der spätere König Maximilian II. Joseph, der leibliche
Vater des Knaben war. Die schulische und berufliche Förderung
Max Kolbs durch den König deutet ebenfalls darauf hin. Als junger Mann wurde Max Kolb nach Berlin geschickt, wo
er bei Peter Joseph Lenné eine Ausbildung zum Gartenarchitekten
erhielt. Es folgten Anstellungen in Potsdam-Sanssouci,
in Gent und seit 1855 in Paris als » jardinier principal «. In der
französischen Hauptstadt lernte Max Kolb seine Frau kennen.
Zu jener Zeit herrschte Napoleon III. als Kaiser der Franzosen.
Wenngleich das Empire ein Jahr nach Annette Kolbs Geburt im
Deutsch-Französischen Krieg unterging, wurden doch Stil und
Lebensweise der Pariser Gesellschaft im Kaiserreich prägend
für Annette Kolbs eigene Kindheit – dies durch Vermittlung
ihrer Mutter. Sophie Danvin wurde 1840 in Paris geboren und –
anders als ihr eher bodenständiger Mann – früh mit den Künsten
vertraut. Ihre Eltern waren die damals bekannten Landschaftsmaler
Félix Danvin (er starb bereits 1842) und Constance
Amélie Lambert-Danvin. Sophie selbst war hochmusikalisch
und studierte am berühmten Pariser Konservatorium Klavier.
Mit sechzehn Jahren gewann sie den Ersten Preis des Instituts.
Sie komponierte auch und schrieb Aufsätze zur Musik.6 Das
Haus der Danvins war weniger bohemienhaft als vielmehr bürgerlich-
akademisch. Max Kolb, der einen bürgerlichen Beruf
ausübte (später brachte er es in München noch bis zum Oberinspektor
und führte den Titel » königlicher wirklicher Rat «),
galt den Danvins deshalb als gesellschaftlich akzeptabler Schwiegersohn,
doch bedeutete die Ehe, die Max Kolb und Sophie
Danvin 1858 schlossen, für die Braut den Verzicht auf eine pianistische
Karriere.
Die Verbindung des bayrischen Gartenarchitekten mit der
französischen Pianistin war eher eine amour fou als eine tiefere
Seelenverwandtschaft. Für Annette Kolb jedoch wurden die Ehe
der Eltern und das Aufwachsen an der Schnittstelle zweier Kulturen
zum Symbol für das Verbindende dieser beiden Völker,
die zur Kaiserzeit und darüber hinaus oft als » Erbfeinde « apostrophiert
wurden. Zwar lebten Max und Sophie Kolb in ihrer
Ehe ein wenig nebeneinander her, doch zeigten sie voreinander
Achtung – wenngleich mit einer gewissen Ironie. Annette Kolb schrieb : » Daß sie mit sechzehn Jahren den ersten Preis für Klavier
am Pariser Conservatorium davongetragen hatte, imponierte
zwar meinem Vater, doch besaß er für Musik ebenso
wenig Verständnis wie sie für Botanik. […] Ein sehr anmutiges
und interessantes, aber ungereimtes Paar machte seine Hochzeitsreise
nach London. «7
Annette Kolb setzte ihrem Elternhaus später ein zweifaches
literarisches Denkmal : einmal in ihrem Essay König Ludwig II.
von Bayern und Richard Wagner, ein andermal in dem autobiografischen
Roman Die Schaukel. Noch wenige Jahre vor ihrem
Tod erhob Annette Kolb die binationale Ehe der Eltern zu
einem Symbol der Völkerfreundschaft und äußerte zugleich
Vorbehalte gegen Preußen und dessen Rolle bei der Einigung des
Deutschen Reichs : » Das alles in Folge der Kriege, an deren Ausbruch
Bayern gewiss nicht schuld war. Sie [die Bayern] liessen
sich von den Berlinern blenden. […] Es bestand von jeher eine
Neigung zur Sympathie zwischen Bayern und Frankreich […]. «8
1859 kam König Maximilian II. Joseph nach Paris und griff
erneut in das Schicksal seines illegitimen Sohnes ein : Der frisch
verheiratete Max Kolb führte den Monarchen durch die von
ihm angelegten Gartenanlagen. Wenig später erhielt Max Kolb
aus München das Angebot, die Leitung der botanischen Gärten
in der bayrischen Hauptstadt zu übernehmen. » Haus, Licht und
Holz frei, ein hübsches Gehalt, die Ermächtigung, Gärten anzulegen,
wo sich ihm Gelegenheit bot, und last not least, freie
Fahrt auf den bayrischen Staatsbahnen «, erinnerte sich Annette
Kolb. Nicht alle waren darüber glücklich : » Meine Großmutter
[Constance Danvin] war außer sich, meine Mutter mochte ihm
[Max Kolb] nichts erschweren. Die beiden Damen setzten sich
zusammen und lasen [Goethes] Hermann und Dorothea, in
welcher
Übersetzung ahne ich nicht, und meine Großmutter
schloß aus der Lektüre, die Deutschen seien zwar sehr kleinstädtisch,
mais de braves gens [aber rechtschaffene Leute]. Das
Beste war ein Kompromiß. Lang hielt man es natürlich dort
nicht aus : zwei Jahre München, dann nach Paris zurück. « 1860 zogen die Kolbs einschließlich Constance Danvin nach
München, in die Dienstwohnung des königlichen Gartenbauinspektors
in der Sophienstraße 7. Aus den intendierten zwei
Jahren wurden indes Jahrzehnte : Der Grund lag in Max Kolbs
glänzender Karriere unter Maximilian II. Joseph (gestorben
1864), Ludwig II. (1864 – 1886) und dem Prinzregenten Luitpold
(1886 – 1912). Zudem ließ es sich für Sophie Kolb und
Constance Danvin in der französischen Gemeinde Münchens
recht angenehm leben. Und schließlich vereitelte zehn Jahre
später der Krieg von 1870 / 71 eine Rückkehr nach Paris. Sophie
Kolb hat zeitlebens Deutsch kaum gesprochen, sie wollte es
wohl nie erlernen. In der Familie – Max Kolb war zudem beruflich
viel unterwegs – parlierte man überwiegend Französisch.
Mode, Umgangsformen, Kunst, Musik, Literatur orientierten
sich am Second Empire. Das Zierliche und Elegante, das Dandyhafte
und das Raffinement kamen der süddeutsch-barocken
Sinnesfreude entgegen : » Man stand noch im Zeichen des zierlichen
Jäckchens zur weiten Crinoline, der seidenen Quasten, der
aufgepolsterten Stühle und Schachteln, der wattierten Bonbonnieren.
Auch das Leben war wattiert. «10 Wenngleich das Leben
Annette Kolb nicht mit wattierten Handschuhen anfassen sollte :
Eine gewisse Eleganz – genährt aus dem Empire – in Kleidung
und Auftreten, ja selbst im Schreibstil, blieb ihr stets erhalten.
Der Haushalt der Kolbs wurde in einer bald stadtbekannten
Mischung aus Bürgerlichkeit und Bohème, aus finanziellem
Leichtsinn und Beinahe-Bankrott geführt – oder vielmehr :
improvisiert. Sophie Kolb spann sich in ihre künstlerische Welt
ein, gab hin und wieder Klavierstunden und führte einen musikalischen
Salon. Im hohen Alter definierte sie sich selbst wie
folgt – und irrte sich dabei sogar in etwas so » Unwichtigem « wie
der Anzahl ihrer Kinder (es waren in Wahrheit, die früh verstorbenen
mitgerechnet, neun): » J’avais quatre enfants et un
piano. «11 [» Ich hatte vier Kinder und ein Klavier. «] Der eigene
Anspruch an die Rolle in der Gesellschaft scheint größer gewesen
zu sein als deren tatsächliche Einlösung. Eine spöttische, dabei liebevolle Darstellung dessen findet sich in Annette Kolbs
autobiografischem Roman Die Schaukel : » Denn was brachte die
Braut schon in den Hausstand mit ? Die Sonaten von Haydn,
Beethoven und Mozart und noch einige andere Musikwerke in
roten Prachtbänden mit ihrem Namen […]. Frau Lautenschlag
[d. i. Sophie Kolb] war eine so zerstreute Hausfrau, daß es schon
besser war, sie komponierte. […]. «12 Und über den Talmiglanz
des Haushalts heißt es : » Hier glitzert auch mancher Pokal, altes
Kristall und Porzellan täuscht Luxus vor, silberne Tablette [sic],
silberne Eisbecher stehen in ihrem Glanze und werden nie gebraucht.
Womit sollten Lautenschlags eine Eismaschine beschaffen
? «13 In dem Roman spielt Annette Kolb das Familienleben
der Lautenschlags gegen die preußische Starre der Familie von
Zwinger augenzwinkernd aus und kehrt die Mélange aus französischen
und bayrischen Elementen – die für sie selbst schicksalsbestimmend
war – stolz hervor : » War der Haushalt bei
Zwingers à l’anglaise aufgezogen, so gebärdete man sich bei Lautenschlags
je nach Laune, teils penetrant bayrisch, teils sehr
weitgehend lateinisch. Niemand beanstandete dies. Das in Bayern
noch wenig beachtete Alldeutschtum lag in der Wiege. «14
Katia Mann erinnerte sich als alte Frau : » Sie [Annette Kolb]
sprach immer so etwas betont bayrisch. Das war in München
Sitte, die Aristokratie sprach bayrisch, und die Kolbs waren zwar
keine Aristokraten, aber sie hatten einen Salon, gaben pariserische
Nachmittagsempfänge, wo auch Hofgesellschaft und alle
möglichen Leute verkehrten. «15
Das Haus in der Sophienstraße 7 (es wurde im Zweiten
Weltkrieg
zerstört) lag zwischen Königsplatz und Stachus, in
unmittelbarer Nähe zum Alten Botanischen Garten und zum
Münchner Glaspalast. Diese 1854 erbaute, riesige Messe- und
Repräsentationshalle
in Stahl-Glas-Konstruktion war ein Meisterwerk
der Ingenieurskunst mit 234 Metern Länge und 25
Metern Höhe. Die Münchner waren dem Glaspalast – ähnlich
wie die Pariser dem Eiffelturm – in Hassliebe zugetan. Der
Brand der Halle im Jahre 1931 galt jedoch als Katastrophe (es verbrannten darin über dreitausend teils weltberühmte Bilder
und Skulpturen), ein symbolträchtiges Ereignis, womit Annette
Kolb ihren Roman Die Schaukel (1934) beginnen lässt.
Die Ehe der Kolbs war den damaligen Verhältnissen entsprechend
kinderreich. Die ersten drei Sprösslinge starben jedoch
kurz nach der Geburt. 1865 kam Louise zur Welt. Sie starb 1890
im Alter von nur 25 Jahren. Es folgte Germaine (1868 – 1949),
Annette Kolbs Lieblingsschwester. Nach Annette (geboren
1870) kamen zwei Knaben zur Welt : Emil (1874 – 1933) und
Paul (1876 – 1965), der sich im Alter eng an Annette anschloss
und den sie » le petit frère « [den kleinen Bruder] nannte. Als
Nesthäkchen folgte noch Franziska (1880 – 1946).
Annette Kolb stand, noch ehe sie selbst pianistisch daran teilnehmen
konnte, unter dem geistigen Einfluss des literarisch-musikalischen
Salons, den die Mutter in den Räumen der Sophienstraße
führte. Dieser Salon wurde in München nach und nach
bekannt, wenngleich er nie eine geistesgeschichtlich prägende
Rolle spielen sollte. Die gesellschaftlich pikante Mischung, die
sich ergab – es erschienen gleichermaßen arrivierte Künstler wie
Bohemiens, verkrachte Provinzaristokraten wie demissionierte
Königinnen –, verlieh der Einrichtung etwas leicht Zweifelhaftes
und Anziehendes zugleich, so zumindest stellt es Annette
Kolb im poetischen Rückblick in Die Schaukel dar.
Das geistige Klima Münchens war nicht nur von französischer
Kunst und Literatur beeinflusst, auch die Naturwissenschaften
und die Geschichtsschreibung spielten in jener positivistischen,
zukunfts- und technikgläubigen Zeit eine befruchtende Rolle.
Maximilian II. hatte Naturwissenschaftler, Historiker, Rechtsgelehrte,
Dichter und Maler nach München berufen. 1850 war die
von Ludwig von Schwanthaler geschaffene achtzehn Meter
hohe, begehbare Statue der » Bavaria « auf der Theresienhöhe
errichtet worden. Es folgte der Bau des Glaspalastes und der
Neuen Pinakothek (die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde).
Am Königsplatz wurden 1862 die Propyläen errichtet. Als
Maximilian II. 1864 starb und sein 18-jähriger Sohn als Ludwig II. den bayrischen Thron bestieg, ging der repräsentative
Ausbau der Wittelsbacher Metropole als Zentrum von Verwaltung,
Wissenschaft, Technik und Kunst weiter voran. Vor allem
für das geistige Leben gab der junge Ludwig entscheidende
Anstöße : Im Mai 1864, keine zwei Monate nach der Thronbesteigung,
rief er Richard Wagner, der sich auf der Flucht vor seinen
Gläubigern befand und seit seiner Teilnahme an der Revolution
1848 in Dresden politisch anrüchig war, nach München.
Wenngleich Wagners Intermezzo an der Isar nur anderthalb
Jahre dauerte, war diese Zeit sowohl für die Musikgeschichte im
Allgemeinen (die Uraufführung von Tristan und Isolde am
10. Juni 1865 im Münchner Hoftheater) als auch für das Haus
Kolb im Besonderen von Bedeutung. Auch wenn diese Ereignisse
in die Jahre vor Annette Kolbs Geburt fielen, beeinflusste
die von der Mutter inszenierte Begeisterung für Wagners Musik
auch sie nachhaltig. Den Begebenheiten von 1864 / 65 widmete
Annette Kolb als 77-Jährige noch ihr Buch König Ludwig II. von
Bayern und Richard Wagner. Darin schildert sie, wie Hans von
Bülow im Gefolge des Komponisten eine Anstellung als Hofpianist
erhielt und mit der Ehefrau Cosima (der Tochter Franz
Liszts und Marie d’Agoults) und den Kindern nach München
zog, in unmittelbare Nähe zur Familie Kolb. In jene Zeit fiel
auch der Beginn der Liaison Richard Wagners mit Cosima und
die Geburt ihrer Tochter Isolde im April 1865.
» Keine halbe Minute entfernt «16, ergab sich zwischen Sophie
Kolb und Cosima von Bülow bald ein reger Austausch. Cosima
sah sich damals noch ihrer mütterlicherseits französischen
Abkunft verpflichtet. Als sie zum ersten Mal den Salon Sophie
Kolbs besuchte, habe sie ausgerufen : » Que je suis heureuse, de
me retrouver dans une maison française ! «17 [» Wie froh bin ich,
in einem französischen Haus zu sein ! «] Sophie Kolb besuchte
die legendären ersten Aufführungen von Wagners Tristan und
Isolde. Max Kolb, sonst gegenüber Musik eher gleichgültig,
» plünderte den botanischen Garten zu jeder Première, um die
prachtvollsten Blumen zu schicken «.18 Einmal begegnete Sophie Kolb auch Richard Wagner, als er – die Tochter Isolde war bereits
geboren – seine Geliebte Cosima besuchte. Wagner habe auf
Französisch einige Höflichkeitsfloskeln mit ihr gewechselt, seine
deutsche Konversation mit Cosima verstand Sophie Kolb leider
nicht. Während der Komponist in der Brienner Straße aufwendig
Hof hielt, mangelte es bei Bülows mitunter an Geld. Als
Cosima, die neue Schuhe benötigte, sich in ihrer Not ausgerechnet
an Sophie Kolb wandte, musste diese – ihre Haushaltskasse
war ebenfalls leer – die Freundin abweisen.
Bald nach Wagners erzwungener Abreise aus München folgte
ihm Cosima. Unmittelbar vor ihrer Abfahrt besuchte sie nochmals
Sophie Kolb, um sich zu verabschieden. Sie werde ja
sicherlich auch bald München verlassen und nach Frankreich
zurückkehren, so Cosima. Im Übrigen könne sie Sophies Heimweh
nach Paris nachvollziehen. Sophie entgegnete : » Que voulez-
vous, j’ai le mal du pays. «19 [» Was wollen Sie, ich leide an
der Krankheit dieses Landes. «] Sie meinte die Melancholie, an
der ja auch der König litt, dem sie einmal auf einem Spaziergang
am Starnberger See begegnet war und der sie sogar gegrüßt
hatte.
Als sich für Sophie Kolb die Hoffnung auf eine Rückkehr
nach Paris endgültig zerschlug, nachdem Max Kolb einen Auftrag
vom Regensburger Fürsten von Thurn und Taxis zur Anlage
eines Parks erhalten hatte, zog auch sie sich resignativ immer
mehr in die musikalischen Welten Schumanns, Chopins und
Wagners zurück. Es glich einem inneren Exil.
Im August 1867 besuchte Kaiser Napoleon III. in Begleitung
seiner Frau Eugénie Augsburg, wo er seine Kindheit im Exil verbracht
hatte, und wurde daraufhin von Ludwig II. am Münchner
Hauptbahnhof feierlich begrüßt. Zu dem Empfang war
auch das Ehepaar Kolb geladen. Die Begegnung mit dem Kaiser
riss in Sophie Kolb die Narbe des Heimwehs wieder auf. Sie
rang damit, ihren Mann zu verlassen, und vertraute sich einem
katholischen Priester an, dem Baron Oberkamp, der im Nachbarhaus
Sophienstraße 5 wohnte. Dieser verwies natürlich auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Auch eine offene Aussprache mit
Max führte zu keiner Lösung. Er forderte recht eigensinnig, sie
solle aufhören, einen Lebenshalt in ihm zu suchen. Sophie Kolb
rief daraufhin ihre Mutter, die zwischenzeitlich wieder in Paris
gelebt hatte, nach München zurück : So führte sie innerhalb der
engen Grenzen ihres französischsprachigen Salons weiterhin
ein Leben im Exil, ein Dasein für die Musik in einer Traumwelt,
die ihr einen gewissen Trost schenkte.
Ihren Vater schildert Annette Kolb in den nachgelassenen
Aufzeichnungen The Book of Dreams so : » Mein Vater war eine
umherschweifende Natur, ein Perpetuum mobile, sehr schwer
zu fangen, viel auf Reisen, zu Treffen und Kongressen, und,
obwohl seiner Familie verbunden, oft ungeduldig darüber, daß
er sich um jemanden zu kümmern habe. Er liebte die Familie
zärtlich aus der Ferne, kam immer zurück, beladen mit reizenden
Geschenken, aber er war mehr seinen Gärten ein Vater
denn uns. Zuerst kamen seine Gärten. […] Er war zufrieden
damit, daß wir Besuche empfingen, solange wir nicht seine Anwesenheit
erwarteten. So erschien er wie zufällig, nachdem die
Gäste gegangen waren, oder frühestens dann, wenn sie gerade
dabei waren zu gehen. «20
Später schreibt sie in ihrem Buch über Richard Wagner, Max
Kolb sei weder ein guter Vater noch ein guter Gatte gewesen.21
Doch zeichnet sie ihn im Roman Die Schaukel in der Figur des
Herrn Lautenschlag als durchaus sympathischen und warmen
Menschen, der im Herzen ein Kind geblieben war,22 der zugleich
jedoch nur für seine Gärten lebte und dem die Salonwelt
Sophies verschlossen blieb. Immerhin hinderte Max Kolb seine
Frau nicht an der Ausrichtung ihrer Soireen. Auch scheint er
tatenlos, ja, hilflos zugesehen zu haben, wenn seine Frau und
die Kinder sein Gehalt, das in seiner Position nicht gering war,
leichtsinnig und mit einem fatalen Hang zum Luxus vergeudeten.
Man leistete sich viel Überflüssiges, wie es sich für eine
» gute « Gesellschaft » schickte «, und war andererseits mittellos,
wenn es um die Anschaffung notwendiger Dinge ging. Aber sie wussten, dass » die Armut im Grunde ein Freibrief war, aller
Schablone, aller Konvention gegenüber «.23 Auch wenn man den
Familienmitgliedern bisweilen » rettungslosen Größenwahn «24
attestierte, focht sie das doch nicht an. So preist Annette Kolb
die geistige Freiheit und künstlerische Urteilsfähigkeit der Hespera
in Die Schaukel : » Blöde Urteile über Musik oder Bücher
oder Bilder unwidersprochen hinzunehmen, weil sie von Leuten
kamen, in deren Sold man geriet, das war nichts für sie, o
nein. «25
Diese Freiheit in der Armut war der Nährboden für eine liberale
Weltsicht, für einen unbelasteten Umgang mit der Kunst.
Dies und die unter Maximilian II. und Ludwig II. ohnehin
offene geistige Atmosphäre Münchens trugen dazu bei, dass
Annette Kolb als Frau aufwachsen konnte, die ihre eigenen Meinungen
und Ansichten – auch unkonventioneller Art – besaß
und verfocht, notfalls bis zur äußersten Konsequenz.
Die offene, tolerante, frankophile Geistigkeit Münchens, wie
sie sich in Sophie Kolbs Salon widerspiegelte, verlor nach dem
Krieg gegen Frankreich 1870 / 71 und der Gründung des Deutschen
Kaiserreichs unter der Führung Preußens an Glanz.
Damit
einher ging für viele Intellektuelle Bayerns ein gewisser
Identitätsverlust. Ludwig II. von Bayern hatte die Kriegserklärung
gegen Frankreich, das ihm persönlich nahestand, ungern
unterzeichnet. Auch war er nicht der Aufforderung nachgekommen,
nach Versailles zu reisen, um als Oberhaupt des
ältesten
herrschenden Adelsgeschlechts Deutschlands dem genealogisch
weit unter ihm stehenden König von Preußen die Kaiserwürde
anzutragen. Lediglich Versprechungen Bismarcks auf
Zahlungen aus dem sogenannten Welfenfonds hatten den hochverschuldeten
Ludwig geködert. Der ursprüngliche Plan, in Zukunft
die Kaiserwürde zwischen den Häusern Hohenzollern
und Wittelsbach alternieren und Bayern an Gebietsgewinnen in
Frankreich (an der Grenze zur bayrischen Pfalz) teilhaben zu
lassen, wurde jedoch fallen gelassen.
Die Untertanenhaltung, das Pflichtbewusste, Forsche, Disziplinierte, alles, was man gemeinhin als das » Preußische « gerne
belächelte, war vielen bayrischen Bildungsbürgern zutiefst suspekt
und zuwider. Ein Beispiel für die Auflehnung gegen die
Bevormundung durch Preußen in einem geeinten Reich ist der
Eklat vom September 1891, als Kaiser Wilhelm II. München
besuchte und sich mit den Worten » Suprema lex regis voluntas
! « [» Des (preußischen) Königs Wille ist oberstes Gesetz ! «]
ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Diese absolutistische Äußerung
erregte in der bayrischen Öffentlichkeit Zorn und Protest.
Auch Annette Kolbs Haltung gegenüber Preußen wurde von
dieser Atmosphäre geprägt. Sie, die » Deutsch-Französin «, blieb
zeitlebens eine Gegnerin eines deutschen Staatsgedankens, der
auf Stärke, Nationalismus, Militarismus und Fremdenhass unter
der Führung Preußens baute. Viel zu dieser Haltung beigetragen
hat die Stimmung im Kolbschen Elternhaus. Der Krieg von
1870 / 71 jedenfalls stellte auch die Ehe von Max und Sophie
auf eine schwere Probe. Annette Kolb berichtet : » O wie verwünschte
sie [Sophie Kolb] da ihre Ehe ! Mit zwei deutschen
Kindern, als eine deutsche Staatsangehörige stand sie da, zerrissenen
Herzens auf immer. […] Mein Vater brachte sie nach
Tegernsee […]. Über Frankreichs Niederlage trauerte er mit ihr.
Mit der Vorherrschaft Preußens sah er die geistige Verheerung
des Landes heraufziehen. […] Hatte er aber früher manchmal
gewünscht, daß meine Mutter deutsch sprechen lerne, so mutete
er ihr das nie wieder zu. Mochte sie ihre französische Eigenart
ungeschmälert behalten, ihr Haus nichts anderes wie ein französisches
sein. […] Gewiß bereicherte und verschönerte es auch
das ihrer Kinder, doch um welchen Preis ! «26
Der Preis war hoch : Annette Kolb wurde zwar in ein geistig
aufgeschlossenes und liberales Haus hineingeboren, doch empfand
sie von früh an schmerzhaft das Gefühl, heimatlos im eigenen
Land zu sein, zwischen den Völkern, Sprachen und Kulturen
zu stehen, ein Vater- und ein Mutterland, eine Vater- und
eine Muttersprache zu besitzen und in allen mit dem Herzen
und der Seele zu wohnen. Ihre späteren Exilaufenthalte in der Schweiz, in Frankreich und den Vereinigten Staaten sind so gesehen
nicht nur die Antwort auf die jeweilige politische Situation
von Krieg, Diktatur und Kaltem Krieg, sondern auch logische
Konsequenz eines persönlich seit frühester Kindheit erfahrenen
Dilemmas. Sie sind Folge einer Sozialisation, die zurückreicht in
die Zeit vor der Entstehung des deutschen Kaiserreichs, eines
Staatsgebildes auf der Grundlage nationalen Empfindens. Der
Nationalismus konnte sich niemals durch objektive Reflexion
definieren, sondern nur in aggressiver Weise ex negativo, indem
er sich vom Fremden abgrenzte und das andere zum Feind erklärte.
Annette Kolb waren die Auflehnung gegen dieses ideologische
Konstrukt und die Trauer darüber gleichsam ins Blut mitgegeben.


Frauen, die Reisen: fremde Länder mit Frauenaugen erkunden

Aufbrechen und die Welt erkunden – dies galt über Jahrhunderte als eine reine Männerdomäne. Die Geschichte ist voller James Cooks und Christopher Columbusse. Doch das weibliche Geschlecht hat längst das Reisen ohne Männerbegleitung für sich entdeckt. Es trotzt den Gefahren und kulturellen Unterschieden auf seine eigene Art. Mutige Autorinnen beweisen in ihren Werken, dass die Welt den Frauen offen steht. In vielen der Bücher wird deutlich, wie die Autorinnen ohne eigenes Zutun automatisch mit Fragestellungen des Feminismus berührt werden. Die Erzählungen entführen daher nicht nur in fremde Kulturen, sondern sind zugleich ein Diskurs zur Weiblichkeit und ihrer Position in der Gesellschaft.

Blick ins Buch
Das verlorene KopftuchDas verlorene Kopftuch

Wie der Iran mein Herz berührte

Ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Wein trinken und sich bis über beide Ohren in einen Mann verlieben. All das erlebt Nadine Pungs im Iran, obwohl es streng verboten ist. Von Teheran über den Persischen Golf bis fast an die Grenze zu Aserbaidschan erkundet sie, wie das Land jenseits westlicher Klischees tatsächlich tickt. Wortgewaltig schildert sie, wie es sie herausfordert und zugleich beschenkt. Wie sich ihre Schwarz-Weiß-Vorstellungen in tausendundeine Schattierung auflösen und die Perser ihr Herz schließlich zum Überlaufen bringen …»Hier ist eine Frau unterwegs, die nichts versteckt, auch nicht die Mühsal der Fremde, die Sprachlosigkeit, die Unruhe. Und die sie in einem Ton schildert, der swingt und uns daran erinnert, was dreißig stille Buchstaben vermögen.« Andreas Altmann

Teheran

Das Ende

»Und? Was denken Sie über mein Land?«

Ich schaue aus dem Fenster, über Teheran legt sich die Nacht. Stahl und Beton ziehen an mir vorüber, Lichterketten blinken, und von den Fassaden glotzen die bärtigen Ayatollahs auf mich herab. Der Taxifahrer hat die Musik leiser gedreht, lächelt in den Rückspiegel.

Was denke ich über den Iran? Jetzt im Ausklang, zum Schluss? Eine Frage, die mir in den letzten Wochen unzählige Male gestellt wurde mit den immer gleichen erwartungsfrohen Augen. Ich möchte ihm antworten und kann es nicht. Die Worte haften am Gaumen, lassen sich nicht sprechen. Was denke ich über den Iran? Über dieses Land, das mich verwirrt und das keine schlichte Antwort zulässt? Es gibt so viel, was ich sagen könnte.

Ich könnte ihm sagen, dass mich der Iran wütend macht. Dass ich die letzten 37 Jahre nicht verstehe. Dass ich die Islamische Revolution nicht verstehen will. Mit all ihrem Zorn auf Körper und Freiheit. Ich verstehe nicht, warum die Revolutionsgardisten damals Frauen auf der Straße in Stücke schlugen, nur weil das Kopftuch eine Haarlocke preisgab. Ich verstehe nicht, warum die Sittenpolizei den Mädchen ihren Lippenstift mit einem Messer vom Mund kratzte. Ich könnte ihm sagen, dass ich das Regime verachte. Dass ich niemals akzeptieren werde, wie es seine Einwohner verletzt. Immer noch. Wie es in Gottes Namen straft und schlachtet. Wie es seine Kinder frisst und auskotzt.

Ich könnte ihm sagen, dass die Iranerinnen schön sind. Doch vielleicht weiß er das bereits. Persische Männer verehren ihre Frauen. Aber die staatlich verordnete Verschleierungspflicht bleibt. Die Manteaus werden jedoch enger, und das Kopftuch rutscht nach hinten. Einzig der Haarknoten im Nacken hält das Stück Stoff. Ein religiöses Possenspiel. Auch das Rouge auf den Wangen und die operierten Nasen sind unislamisch und trotzdem da. Wenn nur noch ein Schnipsel Haut zu sehen ist, so soll er leuchten.

Ich könnte sagen, dass dies die Anekdoten sind, die Reisende über den Iran erzählen. Jedes Mal. Vielleicht, weil das Erscheinungsbild der Frauen die erste Widersprüchlichkeit ist, die ihnen ins Auge springt. Auch mir. Dabei ist im Iran alles widersprüchlich.

Ich könnte ihm sagen, dass ich Menschen traf, die das Regime hassen. Und andere, die mir Bilder der Ayatollahs auf ihrem Smartphone zeigten und dabei jubelten. Ich könnte sagen, dass ich Angst hatte, in sein Land zu reisen, und wie lächerlich ich mich aufführte. Wie ich mich die ersten 102 Minuten im Gottesstaat fürchtete, auf der »Achse des Bösen«. In einem Taxi, so wie diesem. Wie ich auf meiner Unterlippe herumkaute und mich von meinen Klischees einwickeln ließ. In mir waberte das Gefühl einer Bedrohung, einer Angst, so milchig wie die Dunstwolken über Teheran.

Doch nichts bedrohte mich. Gar nichts. Keine Pistole an meinem Kopf, kein hässliches Wort, keine Gefahr. Ich saß nur in einem Taxi und ließ die Stadt vorbeirauschen. Nichts weiter.

Ich könnte sagen, dass ich dumm war. Trotz all der Geschichtsbücher, all der Zeitungsartikel und all der Dokumentationen, die ich zuvor über Persien verschlungen hatte, war ich stockdumm. Ständig ploppten grimmgraue Bilder wie Internetwerbung in mir auf. Immer wieder sah ich Mullahs mit Zottelbärten, die ihre Fäuste in die Luft reckten, Frauen in schwarzen Tüchern spuckten auf brennende US-Flaggen. Szenen, die ich aus unseren Nachrichten kannte oder aus Spielfilmen. Sie schlichen in meinen Kopf, sickerten hinein, verklebten meine Synapsen.

Ich könnte sagen, dass ich nichts begriffen hatte. Ich dachte, es gebe zwei Seiten: die Regimeanhänger und die Regimegegner. Die Betenden und die Feiernden. Eine fromme Frau werde niemals ihren Kussmund auf Instagram posten. Ein Student, der vom Westen träume, könne Khomeini nicht verehren. So dachte ich. Ich dachte falsch.

Ich wusste nicht, wie geschmeidig sich die Iraner durch ihr System bewegen und wie jede Situation eine neue Anpassung erfordert. Dass Freiheit ohne Lüge nicht möglich ist. Und dass die heruntergleitenden Kopftücher nur Schablonen sind, nur meine westliche Vorstellung von Selbstbestimmung. Ich war zu naiv, um die tiefe Zerrissenheit im Land zu erahnen. Nicht zerrissen in Schwarz oder Weiß. Das wäre ja kinderleicht. Nein, da sind nicht nur zwei – da sind Myriaden von Seiten. Und durch all die Risse kommt das Licht hinein.

Habe ich nach dreißig Tagen überhaupt irgendetwas verstanden? Obwohl ich am Leben der Menschen teilnahm? Obwohl ich sie nach ihrer Freiheit fragte? Nach ihren Lügen und ihren Innigkeiten? Was weiß ich schon.

Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin schwierig war, wenn ich begafft und bedrängt wurde. Dass ich mich oft verloren fühlte, doch selten verloren ging. Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin leicht war, denn die Iraner zeigten mir den Weg. Wie das Mütterchen, das mich durch die Stadt zu einer Sehenswürdigkeit führte und meinetwegen seinen Bus verpasste. Wie der Mann, der mich auf dem Motorrad mitnahm und zum Ziel fuhr. Oder die Frau, die mit zehn Taxifahrern den besten Preis für mich aushandelte. Die vielen Gesichter, die mich anlächelten und auf einen Chai einluden. Fremde Menschen, die ihre Herzen bedingungslos verschenkten.

Ich könnte sagen, dass ich mich in den Iran verliebt habe. In die Einwohner, in die Landschaft. In die Poesie, die nach schwerem Jasmin duftet. Und wie ich Wüstensand im Haar trug oder unter den Nägeln.

Ich könnte sagen, wie sehr ich die Farbe von Safran mag, wenn er als gelbe Haube den Reis bedeckt, und dass die Straßen nach Qualm und Orangenblüten rochen. Süße Marihuanawolken umhingen uns auf Partys. Und der Geschmack von Hundeschweiß klebte auf unseren Zungen. So nennen sie ihren Rosinenschnaps. Ich könnte ihm sagen, dass wir auf Dächern tanzten und Schweiß tranken. Über Verbote könnte ich sprechen. Verbote, die ich brach.

Ach, die vielen Brüche. Die Knackse. Die zerschlagenen Löwenköpfe. Smog und Schnee. Schönheit, die nur sichtbar wird durch das Gegenteil.

Ich könnte ihm von tiefbraunen Augen erzählen. Von Kourosh und seinen Lachfalten. Meiner Hand in seiner.

Ich könnte sagen, dass sich meine schwarz-weißen Vorstellungen in tausendundeine Graustufe aufgelöst haben. Und wie mich der Iran berührt. Wie er Seele und Kopf und alles anfasst. Ich könnte ihm antworten, dass mein Herz randvoll ist mit Persien.

Aber ich tue es nicht. Ich kann die Worte nicht greifen, in keiner Sprache. So lüge ich und sage doch die Wahrheit: »Iran khube.« Der Iran ist gut.

Und der Taxifahrer lächelt.

 

Der Anfang

Vier Wochen zuvor. Nachts in Teheran.

Ich habe Angst. Seit 102 Minuten.

Der Mann schaut auf den Zettel, liest die Adresse, wendet das Auto, diskutiert durch das heruntergekurbelte Fenster mit anderen Taxifahrern. Teheran wuchert. Wir müssen in den Norden, dorthin, wo die reichen Iraner wohnen. Das ist alles, was ich weiß. Er dreht sich zu mir um, deutet auf das Gekritzel, runzelt die Stirn und stellt scheinbar eine bedeutende Frage.

»Farsi balad nistam«, ich spreche kein Farsi, das ist der erste persische Satz, den ich im Iran aufsage. Ich habe ihn auswendig gelernt.

Wir rollen in einen Kreisverkehr, es blinken Lichterketten in Grün und Rot. Die »Achse des Bösen« leuchtet mir entgegen.

 

Am 29. Januar 2002 sprach der damalige US-Präsident George W. Bush das erste Mal von der »Axis of Evil« in seiner Rede zur Lage der Nation. Angelehnt ist der Terminus an die einstige Verbindung zwischen Deutschland, Italien und Japan im Zweiten Weltkrieg. In seiner Ansprache beschuldigte Bush den Iran, Irak und Nordkorea, Terrorismus zu fördern und Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Amerika sei bedroht. Es gab jedoch nie eine Achse, denn Iran, Irak und Nordkorea pflegten keine Allianz. Und obwohl mittlerweile Atomdeals geschlossen und Sanktionen aufgehoben werden, hat sich diese leidige Bezeichnung in den westlichen Köpfen festgezeckt. Auch in meinem.

Aus dem Taxi heraus erspähe ich nichts Böses. Im Radio läuft ein persischer Popsong, der Blick in die Nacht offenbart keine Abgründe. Nur Saipas und Peugeots auf einer sechsspurigen Autobahn.

Der Flug war ebenfalls unbedrohlich. Ein Mann rollte mitten im Gang seinen Gebetsteppich aus, ein Mädchen übergab sich nach dem Abendessen in die Spucktüte, jemand rauchte heimlich auf der Toilette, und die alte Dame neben mir schaute einen James-Bond-Film. Die restlichen Passagiere tranken sich durch das Alkoholsortiment.

Kurz vor dem Landeanflug folgende Durchsage: »Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht, schließen Sie den Gurt, und legen Sie Ihre Kopftücher an.« Welcome to Iran. Ab jetzt werde ich Schleier tragen. Ständig und überall. Außer in meiner Unterkunft. Doch sobald es klopft, müssen meine Haare verhüllt sein, und meine Arme bedeckt. Die weiblichen Kurven verwischt ein Mantel oder ein weites Hemd, das bis zum Oberschenkel reicht. Dazu eine Hose, die lang genug ist, um die Knöchel zu verbergen. Nackte Füße in Sandaletten sind von Staatsseite aus unerwünscht.

Bis auf die Kopftuchträgerinnen unterschied sich der Teheraner Airport nicht von anderen Flughäfen dieser Welt. Vor der Passkontrolle warteten eine Handvoll Ausländer, müde Familien und Iranerinnen mit großen Tüten von Victoria’s Secret. Für Irritation sorgten fünf Frauen in schwarzen Tschadors, die in Rollstühlen angesaust kamen. Sie alle heulten und warfen ihre Köpfe in die Hände. Die Menge teilte sich wie das Wasser vor Moses, und die fünf flitzten durch. Guter Trick.

 

Gastfreundlich und großherzig seien die Iraner, so berichten Wiederkömmlinge. Und – welch Überraschung – die Frauen hier seien sogar selbstbewusst und gebildet. Da staunt so mancher Westler. Verbindet er mit dem Iran doch eher Atomraketen. Persien jedoch, das zaubert eine Verklärung ins Gesicht. Da fliegen nicht Raketen, sondern Teppiche. In Persien berauschen die Gärten, die Mosaike, die Basare. Aber ist diese Darstellung nicht auch nur Klischee? Die netten Perser, die Herzlichkeit? Gibt es nichts zwischen Morgenland-Nostalgie und finsterer Mullah-Hegemonie? Sind Idealisierung und Dämonisierung nicht zwei Seiten derselben Medaille?

 

Eine Stunde sitze ich jetzt schon im Taxi. Vor zweieinhalb Minuten wechselte der Fahrer die CD, und nun dröhnt deutscher Achtzigerjahre-Pop aus den Boxen. Vermutlich meint es der Mann gut mit mir. Ich sage nichts, begaffe nur still die überdimensionalen Köpfe der beiden Ayatollahs, die an einer Häuserwand prangen. Zwei Greise mit weißen Bärten und schwarzen Turbanen. Khamenei lächelt, Khomeini schaut düster in die Welt. 1989 starb der Imam. Seitdem ist Ali Khamenei der Revolutionsführer und lenkt den Staat. Als Junge liebte er Romane, las ich neulich in einer Zeitung. Leo Tolstoi, Michail Scholochow, Honoré de Balzac. Victor Hugos Les Misérables bezeichnete er gar als Wunderwerk der Literatur. Üblicherweise äußert sich Khamenei nicht so wohlwollend über die westliche Kultur.

Der Taxifahrer dreht die Musik noch lauter und lächelt mich im Rückspiegel an. Mich rührt sein Bemühen, mir eine Freude zu machen. Wahrscheinlich hat er meine Anspannung bemerkt und möchte mich beruhigen. Und vielleicht hat er recht? Vielleicht droht mir ja gar keine Gefahr. Vielleicht wird die Reise sogar schön. Ein Mutanfall?

Monatelang fieberte ich dem Aufbruch entgegen. Ich las Wäschekörbe voll Bücher, kaufte Hemden, stand vor dem Spiegel und wickelte mir einen Schal um den Kopf. Ich lernte ein paar Brocken Farsi, ließ mir Koransuren erklären und hörte persische Musik. Mir ist bang, aber ich will hier sein. Tausendundeinmal ja. Ich will mich umschauen, möchte die Wunder bestaunen, von denen berichtet wird. Ich möchte Menschen treffen und mit ihnen über ihre Träume sprechen, über ihre Sehnsüchte. Ich möchte verstehen, inwiefern die Bevölkerung ihre Regierung unterstützt. Wenn überhaupt. Gibt es einen Konsens, oder muss zwischen Oben und Unten unterschieden werden? Zwischen Drinnen und Draußen? Was ist hinter dem Schleier?

Himmel, schon der letzte Satz klingt gräulich und ausgelutscht. Glaubt nicht jeder zu wissen, wie es »hinter dem Schleier« aussieht? Weiß denn nicht jeder von Partys, Drogen und feiernden Jugendlichen in der Islamischen Republik? Reicht da nicht eine vermeintlich investigative Reportage des Galileo-Magazins über Regelverstöße im Mullah-Land? Alles schon gesehen? Alles schon gewusst?

Gewiss, das ist für manche Leute keine Neuigkeit. Aber ist sie deshalb weniger spannend? Weniger verwirrend? So darf man doch nicht vergessen, was ein Leben »hinter dem Schleier« für Konsequenzen haben kann.

Der Iran ist ein Land, in dem die Scharia herrscht, ausgeformt durch das Strafgesetz der Islamischen Republik Iran. Ein Land, in dem Frauen nur halb so viel wert sind wie Männer. Für uns alltägliche Dinge können im Gottesstaat Peitschenhiebe bedeuten oder zumindest eine Geldbuße. Manchmal baumeln die Sündigen am Strick. Es ist verboten, Alkohol zu trinken, unverschleiert über die Straße zu laufen und zu lieben, wen man möchte. Nur verheirateten Paaren ist Lust erlaubt. Das iranische Strafgesetzbuch sah 2015 immer noch die Steinigung als Hinrichtungsmethode für Ehebruch vor. Und das im 21. Jahrhundert! Mindestens zwei Personen verurteilte ein Gericht dazu. Es existieren allerdings keine Berichte, ob die Urteile tatsächlich vollstreckt worden sind. Gelebte Homosexualität und Apostasie stehen ebenfalls unter Todesstrafe. Die Anklagen für Glaubensabfall bleiben bewusst vage formuliert, wie »Feindschaft zu Gott« und »Hochverrat am Staat«. Das ist Totalitarismus. Das ist Diktatur. Viele Perser leiden unter der Staatsgewalt. Einige flüchten. Die Angst treibt sie. Tausendundeine Angst.

Auch das meint jeder zu wissen. Aber sind diese Ereignisse folglich weniger skandalös? Sollten sie deshalb nicht mehr angeprangert werden? Insbesondere, da der Iran sich derzeit öffnet?

Die Nacht vor der Abreise durchwachte ich und grübelte, weil die Sorgen wie ein Gewitter durch mein Hirn tobten. Ist es überhaupt richtig, in solch restriktive Regime zu reisen? Kann ich damit leben, mich verschleiern zu müssen? Und das Patriarchat am Leib zu tragen? Sind Ferien auf der »Achse des Bösen« moralisch vertretbar? Oder gerade deswegen? Vielleicht ist es meine Pflicht, die Welt zu begreifen? Es zumindest zu versuchen? Um eben nicht in das bornierte Geplapper über Muslime oder den Mittleren Osten mit einzustimmen und flachköpfige Kommentare auf Facebook abzulaichen.

Doch was sind schon vier Wochen, um ein Land zu verstehen? Selbst nach zwölf Monaten könnte ich mir nicht anmaßen, irgendetwas durchschaut zu haben. Ich bin keine Iranerin, und ich lebe nicht im Iran. Ich schreibe nur nieder, was ich erfahre, was ich sehe und was ich fühle. Mehr kann ich nicht wissen.

 

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir endlich meine Unterkunft. Ein Hochhaus in einer Seitenstraße. Der Taxifahrer atmet durch, er trägt meinen Rucksack vor das Messingtor und schaut zu, wie ich die vielen Geldscheine sortiere und von Rial in Toman umrechne. Toman ist keine offizielle Währung, nur eine Bezeichnung, denn die Iraner streichen prinzipiell eine Null weg, um den Überblick über die riesigen Summen zu behalten. Aus 700 000 Rial werden folglich 70 000 Toman. Der eigentliche Rial-Betrag wird fast nie genannt. Ich bin verwirrt. In der Dunkelheit kann ich zudem die fremden Banknoten nicht voneinander unterscheiden.

Ich überlege, zähle, überlege, zähle, beginne von vorn. Bis der ganze Vorgang in meinem Oberstübchen um vier Uhr morgens endlich abgeschlossen ist, hat der Taxifahrer bereits ein Bündel aus meiner Hand genommen. Er wartet noch, bis mir der Concierge das Tor öffnet, und kurvt dann in die sterbende Nacht zurück. Beschallt von Dieter Bohlen und Thomas Anders. Ihre Musik war bisher das Schlimmste, was mir auf der »Achse des Bösen« widerfahren ist.

 

Katze im Sack

Neun Uhr. Es fehlen Vorhänge, und die Morgensonne durchflutet das Appartement. Iran. Ich bin tatsächlich im Iran.

In Deutschland verlief die Suche nach einem günstigen Hotel erfolglos. Entweder waren die Internetseiten auf Persisch, oder sie verschwanden nach einer Woche wieder aus dem Netz. Und wenn sich endlich eine englischsprachige Homepage auftat, antwortete niemand auf meine Mailanfrage. Geld für ein teures Businesshotel habe ich nicht. Obendrein schleppe ich meine gesamte Reisekasse in kleinen Scheinen mit und kann nicht abschätzen, ob das Ersparte reicht. 1500 Euro sind in verschiedenen Fächern des Rucksacks versteckt. Das ist alles, was ich besitze. Geldautomaten gibt es für mich nicht.

Obwohl der Westen die Sanktionen, die er einst aufgrund der iranischen Atompolitik verhängte, aufgehoben hat, zögern die Geldhäuser immer noch. Der internationale Datenverkehr zwischen dem SWIFT-Bankensystem und der Islamischen Republik ist seit 2012 blockiert. Kein Zahlungsaustausch möglich. Irans Außenhandel brach daraufhin ein. Da SWIFT unerlässlich ist, damit sich Geldinstitute weltumfassend vernetzen, kann ohne das System keine Verbindung zu den Kreditanstalten im Gottesstaat hergestellt werden. Die Großbanken misstrauen dabei allerdings (auch) den USA. Das amerikanische Außenministerium droht mit Strafen, sollten sie mit der Islamischen Republik Geschäfte machen. Und immer noch fehlt internationalen Geldinstituten das Vertrauen in die politische Führung des Iran. Die Hardliner im Land stemmen sich gegen die wirtschaftliche Öffnung und stiften Unfrieden. Und angesichts der beharrlich geschürten Feindschaft zu den USA und Israel ist Vertrauen sowieso kaum zu erwarten.

 

Das Appartement ist modern, unbewohnt und thront hoch oben im zwölften Stockwerk. Ausgestattet mit Möbeln aus Eichenholz und karamellfarbenen Ledersofas, wartet es auf Mieter. Solange es keine gibt, wohnen gelegentlich Gäste hier. So wie ich jetzt. Die Böden sind aus Marmor, die Tische aus Glas, in der offenen Küche ist der Kühlschrank prall gefüllt mit Käse, Schokolade, Obst und der persischen Cola Zamzam. Dass ungesunde Softgetränke hier den gleichen Namen tragen wie der göttliche Brunnen in Mekka, ist komisch. Dem Wasser der Zamzam-Quelle werden heilende Kräfte nachgesagt. Frisch aus dem Paradies. Wenn das kein Grund ist, ab sofort Limonade zu trinken.

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel: »Welcome to Iran«. Ich öffne das Fenster und schaue auf den Milad Tower, den höchsten Turm des Landes und den sechsthöchsten Fernsehturm der Welt. Es riecht nach Sonne und Abgasen. Mein Blick schweift über Straßen, Autos und Motorroller. Lärm, Brausen. Reklameschilder blinken, Fenster spiegeln sich im Licht. Ein Lastwagen knattert irgendwo, jemand hupt. In der Ferne schwenken Baukräne ihre Hälse hin und her wie Giraffen. Eine Moschee ist eingeklemmt zwischen Hochhäusern. Dahinter türmt sich das schneebedeckte Elburs-Gebirge auf, das die Stadt wie eine Steilküste begrenzt. Aus den Wolken schält sich der »frostige Berg«, der Damavand. Ein ruhender Vulkan mit 5671 Metern. Höher geht’s nicht im Iran.

Wie viele Menschen leben in Teheran? Dreizehn, vierzehn, sechzehn Millionen? Eine Megalopolis, ein Moloch, der täglich wächst. »Teheran« – das Wort klingt immer noch so fern.

 

Nachdem ich die Hotelsuche kurz vor der Abreise aufgegeben hatte, schlug das Glück zu. Eine ehemalige Klassenkameradin bot mir ihre Hilfe an und stellte einen Kontakt nach Teheran her. Wie dankbar ich ihr bin, denn irgendwann kam Omid ins Spiel. Ich kenne Omid nicht. Ebenso wenig seine Frau Yasemin und auch nicht die beiden Kinder Yara und Bijan. Und sie kennen mich nicht. Ich bin für sie die Katze im Sack. Und sie sind es für mich. Dennoch stand für die »Omids« unverrückbar fest: Das Mädchen reist durch den Iran? Allein? Wir kümmern uns! Das Appartement gehört der Verwandtschaft, und ich darf so lange bleiben, wie es mir gefällt. Kostenlos und einfach so. Die berühmte persische Gastfreundschaft. Es gibt sie! Ich bin schon jetzt über alle Maßen beschenkt. Und aufgeregt. In einer halben Stunde besucht mich Omid mit seinen Kindern.

Ich räume meine Hemden in den Rucksack, stelle die Schuhe in den Flur, tusche die Wimpern und überlege, ob ich ein Kopftuch überziehen soll. Konservativ erscheint hier nichts, aber ich habe die Spielregeln in diesem Land noch nicht verstanden. Was ist erlaubt?

Stehen fremde Herren vor der Tür, wie der Pizzabote oder ein Nachbar, müsste ich mein Haar bedecken. Und bei Omid?

Es klingelt. Das Tuch hängt über dem Küchenstuhl. Ist es unhöflich, es nicht zu tragen? Oder albern, es anzulegen? Wie kann eine so simple Frage derlei Ratlosigkeit auslösen?

Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor Wochen gelesen hatte. Über iranische Türen. Damit die Damen des Hauses unterscheiden konnten, ob ein Mann oder eine Frau um Einlass bat, verfügten die alten Exemplare über zwei verschiedene Klopfer. Einen Eisenstab für Männlein und einen Ring für Weiblein. Der Stab knallte dumpf auf das Holz. Ein Tiefton. Der Ring klang wie ein Sopran. So wussten die Bewohnerinnen flugs, ob der Gast männlich war und ob sie sich verhüllen mussten. Keine Ratlosigkeit, kein Zögern. Geklopft, gewusst.

Es klingelt ein zweites Mal. Ich greife mir das Tuch vom Stuhl und wickele es um meinen Kopf. Lieber albern als unhöflich. Ich öffne. Omid, Yara und Bijan stehen aufgereiht im Flur und strahlen mich an. »Hello, nice to meet you!« Omid kommt auf mich zu und küsst mich auf die Wange.

Ginge es nach den Mullahs, dürften sich Männer und Frauen gar nicht berühren. In der Öffentlichkeit halten sich alle brav an die Regel, falls irgendwo verstockte Moralapostel lauern. Privat küsst jeder jeden. Jetzt der Haken: Im Iran küsst man sich dreimal auf die Wange, nicht zweimal. Das erfahre ich allerdings erst, als ich das Gesicht bereits zurückgezogen habe und Omid verloren in die Luft bützt. Wie peinlich. Da mag man noch so viele Bücher über Persien lesen, über Schia, Schah und Sassaniden – diese essenzielle Information, die solche Fettnäpfchen hätte verhindern können, bleibt in der Literatur unerwähnt.

Ich bitte die drei herein, niemand zieht die Schuhe aus. Omid hat neugierige Kinderaugen und grinst im Kreis. »Bist du gut angekommen? Wie teuer war das Taxi? Weshalb reist du allein? Was machst du heute?«, legt er los. Ich antworte, so gut ich kann, und Omid nickt dazu.

Bijan deckt einen Teller und Besteck auf, Yara schmeißt den Teeboiler an und sucht nach einer Pfanne.

»Darf ich den Schal ablegen?«, frage ich.

»Aber natürlich!«, lacht der Familienvater.

Erleichtert ziehe ich mir das Tuch vom Kopf, und auch Yara hat sich mittlerweile entschleiert. Lange pechschwarze Locken fallen ihr über den Rücken. Die Sechzehnjährige ist eine Schönheit, und offensichtlich brät sie mir gerade Spiegeleier. Nur mir. Der Fremden. Für niemanden sonst ist aufgedeckt. Mir ist das unangenehm. Unverdiente Wärme auszuhalten bereitet mir Schwierigkeiten.

Der Tisch ist überladen mit Fladenbrot, Eiern, Käse, Tee, Zamzam, Joghurt und Keksen. Während ich kaue, schauen mich drei braune Augenpaare an, dann prasseln die nächsten Fragen auf mich ein: »Was möchtest du sehen? Wo willst du hin? Was zuerst? Was danach?«

Ich weiß es nicht. Treiben lassen. Das reicht. Yasemin ruft an und lädt mich heute, morgen (und immer) zum Essen ein, Yara will mir unbedingt Teheran zeigen und ihre Musiksammlung vorspielen, Omid erzählt von Museen und einer Gondelbahn, die auf den Hausberg Tochal hinaufschwebt. Nur der elfjährige Bijan versteht von all dem nichts. In der Schule lernt er erst seit ein paar Wochen Englisch.

»Du kannst auch schwimmen gehen, da ist ein Pool im Keller«, sagt Yara, »hast du einen Bikini dabei?«

Ein Bikini stand tatsächlich nicht auf meiner Packliste für den Iran.

»Du kannst meinen haben!«, schlägt sie vor. Ich betrachte das zierliche Mädchen, das zwei Köpfe kleiner und knapp zwanzig Jahre jünger ist als ich.

»Lass uns lieber in die Stadt fahren«, sage ich und lächle.

 

Der geheime Freund

Wir brechen auf. Rasch die Kopftücher übergestreift, und schon stürzen wir uns ins orientalische Straßenchaos. Ich verstehe die Verkehrsregeln nicht. Rot wird weithin ignoriert, Zebrastreifen sowieso, Fußgänger werden angefahren und angehupt, zweispurige Straßen wachsen zu vierspurigen. Und dabei sei Teheran zurzeit menschenleer, meint Omid, während er einem SUV die Vorfahrt nimmt.

Es ist Nouruz, das iranische Neujahrsfest. Wir schreiben das Jahr 1395. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, und die Hauptstädter nutzen die Gelegenheit, um aufs Land zu fahren. Hoffentlich lassen sie dort das Auto stehen. 2013 starben laut Weltgesundheitsorganisation im Iran rund 25 000 Menschen im Straßenverkehr. Zum Vergleich: Deutschland zählte bei ähnlicher Einwohnerzahl 3500 Unfalltote.

An einem Kreisel steigen Yara und ich aus. Omid und Bijan winken, fädeln sich zwischen Saipas und Peugeots ein und lassen sich von der Autoschlange schlucken.

Vor uns erhebt sich das Azadi-Monument, das Wahrzeichen des modernen Teheran. Der Turm, der wie ein zweibeiniger Atommeiler aussieht, wurde 1969 anlässlich des 2500-jährigen Jubiläums der persischen Monarchie errichtet. Damals trug er den Namen Shahyad-Turm – »Denkmal der Schahs«. Nach der Revolution wurde er in Burj-e Azadi umbenannt. Azadi bedeutet »Freiheit«. Wo die sich im Gottesstaat versteckt, gilt es noch herauszufinden.

»Salam.« Ein Jüngling mit Dreitagebart begrüßt uns und gibt Yara die Hand. Ein Klassenkamerad? Ein Nachbar? Kian heißt er, und er lächelt verlegen. Wir gehen zu dritt zum Eingang des Turms. Yara kichert, Kian kichert, und jetzt verstehe ich: Die beiden sind verliebt. Und Yara flüstert mir zu, dass Kian seit fünf Monaten ihr fester Freund sei. Ich staune.

Ist das erlaubt? »Nein«, sagt sie, »es ist geheim. Wenn uns die Sittenpolizei erwischt, gibt’s Ärger.«

»Wissen deine Eltern davon?«

Yara grinst und nickt. Ich bin beruhigt. Eine ganz normale Familie mit einer ganz normalen Teenagerin und einer ganz normalen Jugendliebe. Nur der Staat, der ist nicht normal.

Wir betreten den Kassenbereich, und bevor ich meinen Geldbeutel zücken kann, hat Yara schon die Tickets bezahlt. So wird das den gesamten Nachmittag gehen, und jeglichen Protest meinerseits wiegelt sie ab. Lehrstunden in Gastlichkeit. Ich versuche, es auszuhalten.

Wir schlendern durch das Azadi-Museum und betrachten Keramiken, Bronzebecher und Stillleben, die im Funzellicht vor sich hin schlummern. Viel fesselnder als die verstaubten Exponate sind aber die beiden Liebenden. Kein Anschmiegen, keine Hände, die sich zufällig streifen, keine Komplimente. Doch ihre Augen verraten alles. Das Kichern, die roten Backen. Ganz rein, ganz unschuldig. Im Freiheitsturm entdecke ich die erste bescheidene Freiheit. Zwei himmelhübsche Jugendliche, die nicht verliebt sein dürfen und es dennoch sind. Das hatten die Revolutionäre bei der Umbenennung des Monuments gewiss nicht im Sinn. Wie schön!

Wieder draußen, laufen wir zum Teheraner Schauspielhaus. Yara interessiert sich für Architektur, Kian interessiert sich für Yara, und ich interessiere mich für iranisches Theater. Die einzige professionelle Bühne des Landes wurde in den 1960er-Jahren errichtet und ist ein Rundbau aus Säulen. Vor dem Festspielhaus hat sich eine Menschenmenge versammelt. Ein Mann brüllt ins Megafon. »Irgendwas mit der Regierung«, meint Yara und schenkt dem Schreihals keine Beachtung. Ich bin nicht so lässig und frage nach. »Die fordern irgendein Zeug. Keine Ahnung. Solchen Versammlungen muss man immer aus dem Weg gehen«, sagt sie, und Kian öffnet die Eingangstür. Ein Wachmann döst hinter der Theaterkasse. Yara spricht ihn an, lächelt, fragt, lächelt. Er gähnt, er nickt. »Wir dürfen«, freut sie sich, »normalerweise ist das Schauspielhaus jetzt geschlossen, doch wir können ein paar Minuten rein. Aber nur ins Foyer.« Der Aufpasser bleibt auf seinem Stuhl kleben und weist mit dem Finger in die Wandelhalle. Kronleuchter hängen herab, und durch die deckenhohen Fenster sprudelt Tageslicht. Wir gehen eine Runde, und ich feiere hier Premiere, leiste das erste Mal im Iran Ungehorsam. Denn ich muss die Bühne sehen – ich kann nicht anders –, und so öffne ich die Flügeltür zum Innenraum. »Nein, das ist verboten«, entgegnet Yara, doch da bin ich schon drin.

Der Saal erinnert an mondäne Zeiten, der Zuschauerraum ist umrahmt von roten Logensitzen, der Bühnenvorhang ist aus Samt. Theaterluft. Stille.

Das allererste Stück wurde 1973 aufgeführt. Der Kirschgarten von Anton Tschechow. Im Publikum saß Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Kaiserin Farah Diba – und nun schwirren Glitzerbilder durch meinen Kopf, ich fantasiere ausverkaufte Ränge, Champagnergläser, Abendkleider, ein lampenfiebriges Ensemble herbei. Damals noch ohne Schleier. Jetzt müssen die Schauspielerinnen verhüllt sein und dürfen die männlichen Kollegen nicht berühren. Eine staatliche Behörde prüft jedes Theaterstück vor der Premiere und streicht Passagen, die nicht islamkonform sind. Ich stelle mir eine Julia mit Kopftuch vor und eine Antigone im Tschador. Schränkt die Unfreiheit die Inszenierungen ein, oder fördert sie die Kreativität?

Kunst und Kultur haben einen hohen Stellenwert im Iran. Es gibt immer wieder Austauschprojekte mit anderen Häusern. Und so spielte Anfang 2016 die Berliner Schaubühne den Hamlet in Teheran. Zensiert. Uminszeniert. Keine Küsse, keine Nackten. Doch viele Zuschauer kannten das Stück des Regisseurs Thomas Ostermeier von YouTube. Die gestrichenen Szenen liefen in ihren Köpfen als Lichtspiel mit und entgingen jeder Zensur. Es gab stehende Ovationen.

Yara ist nervös. Ich schließe die Tür und zwinkere dem Mädchen zu. Niemand hat uns gesehen.

 

Hier gehöre ich hin

Wir verlassen das Theater und machen Rast in einem angesagten Café. Backsteinwände, Bücherregale und Hipster mit Jutebeuteln. Hier tragen die Jungs die Holzfällerbärte aus modischen Gründen, nicht aus religiösen. In den Vitrinen werden keine Bronzebecher angestrahlt, sondern Cupcakes, und an den Tischen schlürfen Studentinnen ihren Latte macchiato mit Schokoherzen auf dem Schaum. Ein typisch europäisches Café, möchte man meinen. Die Perserinnen könnten auch Berlinerinnen oder Pariserinnen sein. Ihre Kleidung erinnert an westliche Großstadtmode, und das Kopftuch, das salopp übergeworfen wirkt, stört plötzlich nicht. Es fügt sich ein, schmiegt sich an. Mittlerweile ist es kein rebellischer Akt mehr, wenn junge Menschen die Grenzen der staatlichen Bekleidungsvorschriften ausloten. Es ist ebenso wenig politisch oder regimekritisch zu verstehen. Manchmal gewiss, aber oft ist es eher ein Spiel des Zeigens und Verbergens. Nicht aufreizend, doch die Ränder der Erotik streifend. Jeder Millimeter entblößte Frauenhaut bedeutet ein Stückchen mehr Selbstbestimmung. Was immer das bedeuten mag. Und umso weiter der Schleier nach hinten rutscht, umso toleranter scheint die derzeitige Regierung.

Ich lerne, dass Haarteile und Klammern, die den Hinterkopf voluminöser aussehen lassen, »totally bitchy« sind. Absolut tussig. So erklärt es mir Yara unmissverständlich. Viele Läden bieten solche Hilfsmittel zum Kauf, damit die Trägerin eine ausufernde Rapunzel-Haarpracht unter dem Tuch vorgaukeln kann. Das Gebilde gleicht dann der Kuppel einer Moschee. Die coolen Hejabistas üben sich dagegen im Understatement, sie brauchen keinen Schopf-Push-up. Sie tragen die Haare gelöst oder als Zopf, der aus dem Schal herausfließt. Eine Lehrstunde in iranischer Nonchalance.

Übrigens unterliegen auch die Männer gewissen Regeln. Kurze Hosen sind unstatthaft. Und Krawatten zu westlich. Shorts sieht man tatsächlich nicht, Schlipse an jeder Ecke.

 

Wir trinken heißen Kakao und essen Honigkekse. »Das ist unser Lieblingscafé«, sagt Yara, und Kian nickt. Er spricht kein Englisch und ist auf Yaras Übersetzungen angewiesen. Noch dazu ist er schüchtern. Doch vernarrt ist er. Sein Blick löst sich nicht von ihrem Gesicht, und immer umspielt ein Lächeln seine Lippen, wenn Yara erzählt. Damit die Sittenpolizei die Verliebten nicht aufgreift, müssen sie allerhand Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Sogar ein Kinobesuch ist riskant. Deshalb treffen sie sich mit Freunden, verrät das Mädchen. In der Gruppe fallen sie nicht auf. Und sofern jemand fragt, ist Kian ihr Cousin.

»Und was passiert, wenn ihr doch erwischt werdet?«, frage ich.

»Dann ruft die Polizei unsere Eltern an. Aber bisher ging alles gut.«

Wie praktisch, dass ich heute die Gouvernante spiele und uns deshalb niemand verdächtigt. Clever, die Kleine.

Während die Turteltäubchen Fotos von sich und den Honigkeksen schießen, beobachte ich die Studentinnen, die sich wie Pariserinnen kleiden, und frage Yara, ob sie den Schleier gern trägt.

»Spinnst du?!«, entgegnet sie. »Ich hasse ihn. Alle meine Freundinnen hassen ihn.«

»Wenn du mit der Schule fertig bist, willst du dann das Land verlassen?«

Die Antwort folgt prompt: »Nein, niemals. Ich liebe den Iran, und ich liebe Teheran über alles. Das ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin.«

Sie lächelt und nippt an ihrem Kakao. Ich glaube ihr jedes Wort.

 

Es dämmert. Wir bummeln durch das Viertel, und ich sauge Teheran in mich ein. Braungrauer Beton, Smog, Wohnblöcke und Asphalt. Kein Stil, keine Struktur. Faszinierend hässlich, aber abgesehen von der Luft, sauberer als so manche Großstadt in Europa. Kein Müll auf den Straßen, keine Hundehaufen auf den Gehsteigen. Der Rotz im Taschentuch ist trotzdem schwarz.

Wir stehen vor einer Buchhandlung mit bunten Schaufenstern. Im Iran sind die Straßen häufig wie Basare angeordnet. Jede Gasse ein Thema. Hier die Sportgeschäfte, dort die Juweliere, da hinten Schuhe. In dieser Straße verkaufen die Händler Bücher und Musik. In Shops oder auf dem Trottoir. Wir betreten den kleinen Laden, der bis zur Decke vollgepackt ist mit Schallplatten und CDs von Pink Floyd. Das ergibt durchaus Sinn, denn die berühmten Liedzeilen »We don’t need no education. We don’t need no thought control« beflügeln freiheitliche Ideen, verheißen Unabhängigkeit und sind in zahllose Herzen eingebrannt. Ich interpretiere den Satz in zwei Richtungen: Zum einen ist er eine klare Botschaft an das Regime, und zum anderen rät er ausländischen »Besatzungsmächten«, den Iran in Ruhe zu lassen.

Ein Regal weiter entdecke ich die Gesamtausgabe von Franz Kafka. Er gehört hier deshalb zu den meistgelesenen westlichen Schriftstellern, weil er in seinen Erzählungen von Willkür und Behördenapparaten schreibt. Das kennt man im Gottesstaat. Und manchmal nimmt der Bürokratiemumpitz sogar durchaus komische Züge an. Möchte beispielsweise jemand einen Reisepass beantragen, so wird er von Gebäude zu Gebäude, von Raum zu Raum, von Schalter zu Schalter, von Beamtem zu Beamtem geschickt. Wie Asterix, als er versucht, den »Passierschein A38« zu ergattern. Ein Land, das Verrückte macht.

Neben Kafka stapeln sich Kunstbände, in denen Gemälde der Renaissance abgebildet sind. Ich blättere in einem Wälzer und bin bestürzt. Urplötzlich. Zwischen Kafka und Pink Floyd schlagen die Mullahs zu, und ich erinnere mich wieder, dass ich nicht in Berlin oder Paris bin. Und auch nicht in einem Asterix-Comic. Die Meisterwerke in dem Buch sind zensiert. Der Raub der Europa ist verschandelt, die halb nackte Königstochter trägt ein Kleid aus dicken schwarzen Balken, ihr Körper ist übermalt und verstümmelt. Die Hintern der Putten sind ebenfalls geschwärzt. Entblößte Leiber verstoßen gegen islamische Gesetze, sogar auf Gemälden. Nur der Stier ist nicht überpinselt. Er schien den Zensoren sittlich genug und zeigt seine Muskeln.

 

Abends im Bett grüble ich. Warum fürchtet sich Religion vor Körperlichkeit? Warum wird ein gesamtes Volk wie ein unmündiges Kind behandelt? Was machen solche Verbote mit der Liebe? Wie lernen die jungen Iraner sexuelle Unbeschwertheit, wenn Lust und Nacktheit verteufelt werden? Erst Stunden später schlafe ich ein und träume von schwarzen Balken.

Blick ins Buch
Vier Freundinnen, ein BootVier Freundinnen, ein Boot

5500 Kilometer im Ruderboot über den Atlantik

Von den Kanaren bis in die Karibik. An einem weinseligen Abend fassen Frances, Helen, Janette und Niki einen verwegenen Plan: Obwohl keine von ihnen je auf offener See gerudert ist, melden sich die Frauen für die »Talisker Whisky Atlantic Challenge« an. Und im Dezember 2015 lassen sie vier Ehemänner, acht Kinder, fünf Hunde, zwei Katzen, zwei Schlangen und eine Wüstenrennmaus an Land zurück. Für die nächsten 67 Tage wird die Rose ihr zu Hause sein, auf der sie den Ausläufern eines Hurrikans, einem gebrochenen Steißbein und einer kaputten Trinkwasserpumpe trotzen müssen. Mit ansteckendem Humor berichten sie, wie ihnen nach Jahren der Aufopferung für Familie und Beruf noch einmal der Ausbruch gelingt und wie sie sich als ältestes weibliches Team inmitten der Profis schlagen. Ein Loblied auf die Freundschaft und ein Beweis, dass man mit Frauen ab 45 immer noch rechnen muss.

Kapitel 1

La Gomera

Du kannst den Ozean nicht überqueren,
wenn du nicht den Mut hast,
die Küste hinter dir zu lassen.
Christoph Kolumbus


30. November 2015, Marina La Gomera, San Sebastián, La Gomera
»Das«, sagte Frances und schüttelte langsam den Kopf, während sie auf die Wellen starrte, die unter uns an die Kaimauer krachten, »ist kein Seegang für Einsteiger.«
Wir – Janette, Helen und Niki –, die neben ihr auf das stürmische Meer vor der Marina in San Sebastián hinaussahen, konnten ihr nur zustimmen. Die Wellen türmten sich haushoch, und die Strecke, die wir rudern wollten, war beträchtlich. Wer um alles in der Welt war auf diese Schnapsidee gekommen? Gemeinsam würden wir vier Ehemänner, acht Kinder, fünf Hunde, zwei Katzen, zwei Schlangen und eine Rennmaus zurücklassen, um dreitausend Meilen, etwa fünftausendfünfhundert Kilometer, über eines der gefährlichsten Meere der Welt zu rudern. Angeblich haben es mehr Menschen geschafft, ins All zu reisen oder den Mount Everest zu besteigen, als den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren. Und keiner von denen war eine berufstätige Mutter mittleren Alters aus Yorkshire, jenseits der vierzig (oder fünfzig), die kaum – beziehungsweise keinerlei – sportliche Leistungen vorweisen konnte.
Tatsächlich befand sich unter uns vier Frauen nicht eine Olympionikin, Extremsportlerin oder Ausdauerfanatikerin. Keine von uns war zum Pol marschiert, hatte an felsiger Bergflanke biwakiert oder in einer Höhle überlebt, in der es nichts als Regenwasser zu trinken gab und allenfalls ein kleines Nagetier zur Gesellschaft vorbeikam. Allerdings waren wir auch keine völlig untrainierten Fitnessmuffel. Frances war den Küstenmarathon von Nairn nach Glen Coe gelaufen, und Janette hatte einmal an einem Fünf-Kilometer-Volkslauf durch den Park von Castle Howard teilgenommen. Wir waren vier ganz normale Mütter, die sich bei den täglichen Autofahrten zur Schule ihrer Kinder kennengelernt und beschlossen hatten, einen Ozean im Ruderboot zu überqueren.
Als wir jetzt hier standen, erschien uns der Entschluss, uns zu einem der härtesten Ruderrennen der Welt, der Talisker Whisky Atlantic Challenge, anzumelden, wie heller Wahnsinn. Nachdem wir uns nach einigen Gläsern Pinot zu viel an einem kalten Winterabend im Januar 2013 dazu entschieden hatten, hatten wir beinahe drei Jahre lang geschuftet, um diesen Tag zu erreichen, und uns dabei stets versichert, dies sei die Aufgabe, die uns am meisten abverlangen würde, das Schwerste am ganzen Rennen: es überhaupt bis zum Start auf den Kanarischen Inseln zu schaffen. Und wir hatten es geschafft. Wir hatten den schwierigen Teil absolviert. Wir hatten das nötige Geld zusammenbekommen, genug Sponsoren gewonnen und genug Leute davon überzeugt, dass wir ernst zu nehmen waren und ihrer Unterstützung würdig. Aber jetzt sahen wir uns dieser brodelnden Masse von Strömungen und Strudeln gegenüber, die von orkanartigen Winden zu Wellen mit bis zu zwanzig Meter Höhe aufgepeitscht wurde, ganz zu schweigen von den gigantischen Tankern, die unser kleines Ruderboot jederzeit unter sich begraben konnten. Und natürlich kamen wir nicht umhin, an die Haie, Wale und Speerfische zu denken, von denen man wusste, dass sie mitten in der Nacht Bootsrümpfe durchbohren konnten, an die sengende Sonne, den peitschenden Regen, die Verletzungen und den mörderischen Muskelkater, die Erschöpfung und das endlose, endlose Rudern. Wir wollten einen Zwei-Stunden-Takt einhalten – essen, schlafen, rudern und wieder von vorn – und würden das unserer Schätzung nach mindestens fünfzig Tage, vielleicht auch eine Spur länger durchziehen müssen. Unbedingt würden wir da die Notflasche Mango-Gin brauchen, die wir im Boot zu bunkern gedachten.
»Wird schon klappen«, sagte Helen mit einem mühsamen Lachen und einem übertriebenen Schulterzucken in genau dem Moment, als wieder eine Riesenwelle gegen die Felsen unter uns krachte. »Wir wissen, dass wir es nach Antigua schaffen werden.«
»Wir müssen nur alle positiv denken«, sagte Niki.
»Unser Team ist so stark wie jedes seiner Mitglieder. Jedes Mitglied ist so stark wie unser Team«, zitierte Janette aus unseren »Grundregeln an Bord«, die sie uns viele Meilen entfernt, in Yorkshire, zur Lektüre und Zustimmung vorgelegt hatte.
In Wahrheit wussten wir alle, es war leicht möglich, dass wir es nicht auf die andere Seite schafften. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich im Negativen zu verlieren. Das hier würde uns alle verändern. Wir hatten uns nicht auf dieses Abenteuer eingelassen, um dem Leben den Rücken zu kehren, sondern um es am Schopf zu packen. Und jetzt war es so weit. Die Sonne brannte herab, Salzluft stieg uns in die Nasen; Helen brach schließlich das Schweigen. »Und dass mir keine weint«, sagte sie energisch.

 

Wir waren am letzten Novembertag 2015 in La Gomera angekommen, zwei Wochen vor dem Start der Talisker Whisky Atlantic Challenge. Zu viert wollten wir von unserem Ausgangspunkt auf den Kanarischen Inseln nach Antigua rudern, einer Insel der Kleinen Antillen. Man hatte uns gesagt, die Vorbereitung sei das Wichtigste am ganzen Rennen, deshalb hatten wir dafür gesorgt, dass wir frühzeitig genug auf den Kanaren eintrafen, um alles Nötige erledigen und organisieren zu können. Außerdem wollten wir sicher sein, dass die wenigen Geschäfte auf der kleinen vulkanischen Insel bei unserer Ankunft nicht schon geplündert waren, sondern noch vorrätig hatten, was wir an Proviant brauchten.
BBC Breakfast wollte unsere Abreise aus England filmen, den Abschied am Flughafen von Manchester von allen, die uns gefördert hatten: Freunde (massenhaft Freunde), Familie (massenhaft Familie) und Unterstützer. Sechsundzwanzig Teams peilten in diesem Jahr die Atlantiküberquerung im Rahmen der Talisker Atlantic Challenge an, und ausgerechnet über uns – die Yorkshire Rows – wollte die BBC berichten. Wir waren natürlich Feuer und Flamme, da wir möglichst viel Aufmerksamkeit und Geld für die Wohltätigkeitsorganisationen herausschlagen wollten, die wir unterstützen: Maggie’s Cancer Caring Trust und Yorkshire Air Ambulance.
Die Fernsehkameras surrten, während wir mit unserem Verabschiedungskomitee am Flugsteig nach Teneriffa neben unzähligen Koffern standen, die bis obenhin voll waren mit zahlreichen Beuteln Brasilnüssen, Schlechtwetterausrüstung, einer Wasserpumpe und Spezialunterhosen, die angeblich nicht scheuerten. Wir konnten nur hoffen, dass man uns kein Übergewicht berechnen würde. Plötzlich kam der ehemalige Olympiasieger im Rudern, James Cracknell, auf uns zu, ein gut gebauter Prachtkerl, der einige Jahre zuvor gemeinsam mit dem Fernsehmoderator Ben Fogle bei diesem härtesten Ozeanrennen der Welt den zweiten Platz belegt hatte.
Die BBC hatte uns diese Sportskanone als Überraschungsgast geschickt, damit er uns zum Abschied ein paar Weisheiten mit auf den Weg gab. Unglücklicherweise hatte uns niemand etwas davon gesagt. Mitten im Abschiedsgetümmel versuchte Janette, ihn zu verscheuchen.
»Pscht«, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger. »Hier wird gerade gefilmt.«
»Aber -«, begann James verdutzt.
»Sehen Sie denn die Kameras nicht?«
Janette hielt den gut aussehenden Ruderer, den sie nicht erkannte, für einen Konkurrenten.
»Sie sind mitten in die Aufnahmen hineingeplatzt.« Sie blinzelte ins Licht. »Könnten Sie einfach still sein, bis wir hier fertig sind.«
»Ich wollte nur -«, versuchte es der knackige Cracknell noch einmal, woraufhin sie ihm mit einem neuerlichen »Pscht« das Wort abschnitt.
Erst nachdem man ihr den vermeintlichen Störenfried vorgestellt und sie sich mit rotem Kopf tausendmal entschuldigt hatte, konnte James endlich vor die Kamera treten und seine Schlussworte loswerden, die da lauteten, dass wir uns unterwegs einen Tag hassen und den nächsten lieben würden, bis der Ozean schließlich überquert war. Er prophezeite uns Blasen an Körperstellen, an denen wir sie nie für möglich gehalten hätten, und fügte hinzu, er sei überzeugt, dass wir durchhalten würden, da ja jede von uns schon eine weit härtere Prüfung bestanden hatte: Schwangerschaft und Geburt.
Beschwingt von diesen letzten ermutigenden Worten traten wir den Flug an – unsere Spezialunterhosen ohne Zusatzkosten wohlbehalten in der Maschine.

 

Auf unserem langen Weg zu den Kanaren hatten wir nicht nur große Unterstützung von unseren Familien erhalten, sondern immer wieder auch von vielen anderen unglaublich großzügigen Menschen. Einer von ihnen war der 88-jährige Ron, ein Fuhrunternehmer aus Halifax in Yorkshire, der auf Teneriffa eine Wohnung besaß. Er hatte in der Yorkshire Post von uns gelesen und bot uns über unsere Spendenwebseite seine Dienste als persönlicher Betreuer an. Da wir ihn nie kennengelernt hatten, wussten wir natürlich nicht, was uns erwartete, als der freundliche kleine ältere Herr uns am Flughafen in Empfang nahm. Nicht nur gelang es ihm, unser umfangreiches und schweres Gepäck in seinem Wagen zu verstauen, er lud uns auch zum Mittagessen in Santa Cruz ein, bevor er uns an der Fähre absetzte, die uns nach La Gomera bringen sollte.
Keine Stunde später empfing uns der geschäftige Jachthafen von San Sebastián. Wir meldeten uns bei der Rennzentrale an und erhielten unsere Zugangsausweise für den Hafen. Sobald wir die große Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatten, brach der Lärm über uns herein: Stimmengewirr von allen Seiten, Rufe, Lachen, die durchdringenden Geräusche von Sägen, Schneidbrennern und Hämmern. Überall wurde gearbeitet.
»Flattern außer mir noch jemandem die Nerven?«, fragte Niki.
»Ich kann’s nicht fassen, dass wir tatsächlich hier sind«, sagte Helen.
»Und ich kann’s nicht fassen, dass wir so weit gekommen sind«, fügte Janette hinzu.
»Endlich«, sagte Frances lächelnd.
Auf dem Kai wimmelte es von Ruderern, die Boote lagen dicht an dicht. Die Mannschaften kamen aus der ganzen Welt: Zweierteams, Soloruderer und Viererteams wie wir. Insgesamt waren es sechsundzwanzig Mannschaften, die in Vorbereitung auf das Rennen die Anleger hinauf und hinunter liefen. Berge von Ausrüstungsgegenständen, Taue, Eimer, Taschen voller Krimskrams, Wasserpumpen, Treibanker, Funkgeräte, Leuchtgeschosse und Notfallkoffer warteten auf den Holzplanken in mehr oder weniger geordnetem Chaos auf die Inspektion durch die Rennleitung, von der jedes einzelne Ding ebenso akribisch unter die Lupe genommen werden würde wie die Fertigkeit der Wettbewerbsteilnehmer im Umgang damit. Die Inspektion ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, es ist auch eine Prüfung, ob das Boot und seine Insassen wirklich seetüchtig sind. Wer bei dieser Prüfung durchfällt, wird für das Rennen gesperrt.
Irgendwo in diesem ganzen Durcheinander wartete die Rose – unser schönes hochseetaugliches Rennruderboot –, acht Meter lang und anderthalb Meter breit, strahlend weiß. Das Boot war die Fünfte im Bunde. Wir hatten solche Sehnsucht nach ihr, dass wir uns kurzerhand durch das Getümmel drängten und nach ihr suchten. Sie fehlte uns, seit sie vor zwei Monaten auf ein Frachtschiff Richtung Süden verladen worden war.
Endlich entdeckten wir sie, blendend weiß und schnittig, mit einer neuen Glidecoat-Beschichtung versehen, damit sie möglichst ungebremst durch das Wasser des Atlantiks schnellen würde. Sie lag neben dem knallgrünen Boot der einzigen anderen reinen Frauenmannschaft – Row Like a Girl. Wir kletterten sofort hinein und untersuchten sie wie besorgte Eltern von vorn bis hinten nach Stoß- oder Schlagverletzungen, die sie sich auf der Reise zugezogen haben könnte. Zum Glück fehlte ihr nichts, ja, im Vergleich zu vielen anderen Booten im Hafen sah sie fantastisch aus.
»Ich will ja nicht gemein sein«, flüsterte Helen, deren Blick die Reihe der Boote hinauf und hinunter wanderte, »aber mit der Rose kann’s keines der anderen Boote aufnehmen.«
»Da ist was dran«, bestätigte Niki, die auch an Deck war. »Die Rose ist eines der moderneren Boote hier.«
Was die Boote voneinander unterschied, waren nicht nur Größe und Alter, sondern auch die kleinen Extras, mit denen die verschiedenen Mannschaften sie ausgestattet hatten. Während wir die Anleger entlangspazierten und uns mit den anderen Mannschaften bekannt machten, stellten wir fest, dass viele von ihnen ihre Boote aufgepeppt hatten.
»Die Antiguaner haben ein kleines Kochgerät«, sagte Janette. »Sie haben einen der Rollsitze rausgenommen und es dazwischen installiert.«
»Und Angeln haben sie auch«, ergänzte Niki. »Anscheinend wollen sie sich bis drüben mit Fischen durchschlagen.«
»Mit Fischen?«, fragte Helen.
»Sie kommen an, wann immer sie ankommen – haben sie jedenfalls gesagt«, erklärte Niki total perplex.
»Das Beyond-Team hat ganze Kanister voll Olivenöl zum Trinken geladen«, bemerkte Frances.
»Kriegt man davon nicht Durchfall?«, fragte Helen.
»Und die von der Ocean Reunion haben massenhaft Erdnussbutter mit.«
Während wir von Boot zu Boot gingen und uns umhörten, kamen uns allmählich ernste Zweifel an der Art unserer Vorbereitung. Brauchten wir ein kleines Kochgerät? Sollten wir unterwegs angeln? Erdnussbutter essen und mit Olivenöl nachspülen? Was hatten wir hier zu suchen? Wir gehörten nicht hierher, in diese Gruppe von Extremsportlern. Wir waren vier brave Mamas aus Yorkshire, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten.
»Es reicht!«, sagte Frances energisch. »Wir haben unsere Entscheidung getroffen, und jetzt sind wir hier. Packen wir’s an.«
Wegen der außergewöhnlichen Ansammlung von Ruderern, Helfern und Organisatoren waren auf der kleinen Insel die Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Zum Glück waren Janette und ihr Mann Ben im Jahr zuvor schon einmal als Spähtrupp vorausgefahren und hatten diverse Restaurants ausprobiert und sogar ein paar Kneipen aufgespürt. Mehr noch, sie hatten ein feudales Fünfsternehotel hoch oben am Berg aufgetan, das sie als Quartier geeignet fanden. Frances hatte jedoch andere Vorstellungen gehabt und uns schließlich in einer weniger vornehmen, dafür aber weit praktischeren kleinen Wohnung untergebracht, in der wir hausen konnten, bis unsere Familien eintrafen, um uns mit ihren guten Wünschen ins Rennen zu schicken.
Ein Immobilienmakler hätte die Wohnung im ersten Stock vermutlich als »originell« angepriesen. Helen sprach euphemistisch von »spanischem Charme«, aber sie hatte sich ja auch das beste Schlafzimmer gesichert – oder vielleicht sollte man sagen, das einzige Schlafzimmer. Es lag, mit einem Doppelbett und einem großen Kleiderschrank ausgestattet, gleich neben dem Badezimmer. Janette landete auf der Bettcouch im Wohnzimmer, Frances und Niki mussten in der »Mansarde« nächtigen – einem Zwischengeschoss, das den Elementen ungeschützt preisgegeben war. Sie mussten in Eimer pinkeln (sehr zum Amüsement der Nachbarn), da ein Abstieg über die wacklige Leiter mitten in der Nacht erhebliche Verletzungsgefahr mit sich gebracht hätte. Und Verletzungen konnten wir uns nicht leisten. Gerade jetzt nicht, da wir nach all der Plackerei dem eigentlichen Rennen so nahe waren.

 

An unserem ersten Abend hielten wir eine Besprechung ab, um zu entscheiden, was wir an Ausrüstung mitnehmen wollten. Je mehr, desto größer die Last im Boot und desto mühsamer das Vorankommen. Es lag in unserem eigenen Interesse, uns auf ein Minimum zu beschränken. Einige wesentliche Dinge wie das Ersatzruder und der handbetriebene Seewasseraufbereiter mussten mit; Helens Haarglätter und die Familienpackung Glitzerduschgel hingegen würden im Koffer ihres Mannes wieder nach Hause reisen müssen. Sie waren allenfalls auf La Gomera unverzichtbar. Wie auch, so schien es, unsere Spezialunterhosen.
»Wir brauchen im Grund jeder nur zwei«, erklärte Janette.
»Zwei?«, fragte Niki.
Janette nickte. »Irgendwo müssen wir anfangen, warum nicht mit den Unterhosen. Wir werden sie sowieso nicht alle tragen.«
»Warum nur zwei?«, fragte Helen.
»Wegen des Gewichts.«
»Unterhosen wiegen kaum was.«
»Ich weiß, aber mit all dem anderen Zeug, das ihr mitnehmen wollt, ist das Boot am Ende so schwer, dass wir’s nicht mehr rudern können.«
»Es gibt weiß Gott größere und schwerere Sachen, über die wir uns unterhalten sollten. Zum Beispiel über die ›kleinen Zwischenmahlzeiten‹.«
Niki zuckte zusammen. Im Lauf der langen Vorbereitung auf das Rennen waren jeder von uns irgendwann bestimmte Rollen oder Aufgaben zugeteilt worden. Niki war für die abgepackten Zwischenmahlzeiten zuständig. Das war eine der vielen Aufgaben, für die sie bestens geeignet war. Sie isst gern, auch wenn sie schlank ist wie eine Tanne, und wenn sie gerade nicht isst, denkt sie häufig darüber nach, was ihr als Nächstes schmecken könnte. Ganz logisch also, dass ihr die Verantwortung für die Ernährung übertragen wurde.
Ausreichende Energiezufuhr ist bei einem so anstrengenden Mammutrennen selbstverständlich lebenswichtig, und Niki hatte sich ihrer Mission mit der Gründlichkeit gewidmet, mit der sie auch alles andere im Leben angeht. Die Rennregeln schrieben Bordvorräte von sechzig Tagesrationen pro Person vor, und wenn wir davon ausgingen, dass jede von uns tausend bis sechstausend Kalorien am Tag verbrannte, brauchten wir natürlich regelmäßig energiereiche Mahlzeiten und reichlich kleine Imbisse zwischendurch. Da uns nach allgemeiner Aussage die hochkalorische Kost bald derart anöden würde, dass uns alle Lust zu essen verginge, waren die Zwischenmahlzeiten mehr als reiner Gaumenkitzel: Sie würden uns in einer besonders langen Nacht draußen auf See oder in einem Moment der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung bei Kräften und so letztendlich am Leben halten. Niki hatte alle Eventualitäten und Szenarien recherchiert. Sie war durchgegangen, was wir mitnehmen sollten und was sich unter den Einwirkungen von Hitze, Salz und Feuchtigkeit am besten halten würde. Sie hatte sich nach unseren Lieblingsspeisen erkundigt und gefragt, was wir bei einem Sturm von Stärke 8 unserer Meinung nach noch hinunterbringen würden. Leider hatte sich keine von uns wirklich mit den Fragen beschäftigt, die Niki uns per E-Mail zugesandt hatte.
»Wir haben keine besonderen Wünsche«, hatten wir höflich erklärt. »Entscheide du.« Eine Haltung, die wir noch bereuen sollten.
Janettes gnadenlose Ausmusterung der Unterhosen führte fast zur Meuterei und schließlich zu dem Plan, eine Tasche voll Unterhosen aufs Boot zu schmuggeln. Aus diesen ersten Tagen, in denen wir an unserem Boot herumbastelten, den Rumpf der Rose mit Aufklebern bepflasterten, auf denen die Namen unserer Sponsoren zu lesen waren, und immer wieder unsere Liste der Dinge durchkauten, die unbedingt mit aufs Boot mussten, würde uns am lebhaftesten die absolute »Geht nicht gibt’s nicht«-Einstellung der anderen Teilnehmer in Erinnerung bleiben. Damals lebten wir wirklich noch in einer anderen Welt.
Die Rose lag direkt neben der Row Like a Girl. Es war das Boot einer tollen Truppe bildschöner Frauen, die – es muss gesagt werden – dem Alter nach unsere Töchter hätten sein können. Sie waren blitzgescheit, kompetent und verfügten über jahrelange Erfahrung in allen möglichen Abenteuersportarten.
»Nicht mal, wenn ich zehn Kilo abnähme, würde ich so aussehen«, sagte Janette, die die jungen Frauen dabei beobachtete, wie sie sich gegenseitig eincremten, was die anerkennenden Pfiffe einiger anderer Crews zur Folge hatte. »Ich glaub nicht, dass die auf uns auch so reagieren würden.«
»Bestimmt nicht«, sagte Frances. »Im Gegenteil.«
In diesen ersten Tagen rannten wir hauptsächlich im Ort herum und suchten einen Schiffsausrüster, bei dem wir Taue und Sitzbezüge kaufen konnten, oder wir fachsimpelten mit den jungen Frauen vom Nachbarboot – Olivia, Gee, Bella und Lauren.
»Yogamatten sind die beste Polsterung«, rief Lauren hilfsbereit herüber.
»Echt?«, fragte Helen.
»Sie sind schön weich – angenehm für den Hintern«, fügte Lauren hinzu.
Während wir unsere Boote auf Vordermann brachten, erfuhren wir, dass Lauren schon vor zwei Jahren zusammen mit ihrer Freundin Hannah Lawton einen Anlauf genommen hatte, den Atlantik zu überqueren, der Versuch jedoch gescheitert war. Nach einer Fahrt unter den widrigsten Bedingungen in der Geschichte des Rennens waren sie schließlich gekentert und mit ihrem Boot, über das sie keinerlei Kontrolle mehr hatten, vierzig Tage im Ozean getrieben. Erst nach insgesamt sechsundneunzig Tagen auf See wurde Lauren mit ihrer Freundin von einem kanadischen Frachtschiff gerettet und kehrte nach England zurück. Dass sie es nun noch einmal wagen wollte, sozusagen um die Dämonen auszutreiben, war schier unglaublich. Ihre Geschichte holte uns aus unserem draufgängerischem Überschwang auf den Boden der Tatsachen zurück und veranlasste uns, in aller Stille darüber nachzudenken, worauf genau wir uns hier einließen. Was fiel uns ein, acht Kinder zwischen neun und achtzehn Jahren in Yorkshire zurückzulassen? War das Egoismus? Wahnsinn? Können Frauen eines gewissen Alters, die einen Beruf und familiäre Pflichten haben, so einfach auf und davon laufen, um etwas zu erleben? Dürfen wir das? Was bildeten wir uns eigentlich ein?
Erstaunlicherweise stellte uns hier niemand diese Fragen. Niemand fragte je, was uns einfiel. Niemand zog unsere Motive in Zweifel. Man akzeptierte uns so, wie wir waren. Und natürlich dachten wir manchmal angesichts dieser außergewöhnlichen Leute mit ihrer unerschütterlich positiven Einstellung, die uns nur Mut machten, statt ihn uns zu nehmen, dass es mehr solche Menschen auf der Welt geben sollte. Es gibt einer Frau ein selten empfundenes Gefühl der Stärke, nicht bewertet zu werden.
Allerdings, von der Crew mit dem zuversichtlichen Namen Row2Recovery – vier ehemalige Soldaten, Cayle, Lee, Paddy und Nigel, alle entweder einseitig oder beidseitig beinamputiert – mussten wir einmal Blicke einstecken, als wären wir nicht ganz bei Sinnen. Zu ihrer Entschuldigung muss gesagt werden, dass wir da gerade beim Bootputzen mit voller Lautstärke die erhebende Hymne »Let It Go« aus Disneys »Die Eiskönigin«, einem Lieblingsfilm unserer Kinder, abspielten. Sie hielten sich stöhnend die Ohren zu und baten uns, die Musik abzustellen, und in genau diesem Moment kam Greg Maud vorbei, ein Soloruderer, der Everest und Kilimandscharo bezwungen und den Marathon des Sables vollendet hatte, und stimmte lauthals in den Refrain ein.
»Let it go-o-o! Go-o-o!« Er hielt inne. »Was soll ich sagen?«, wandte er sich an das entsetzte Row2Recovery-Team. »Ich hab eine Tochter.«

 

Mit jedem Tag, den das Rennen näher rückte, wurde die Atmosphäre im Ort ein wenig fiebriger. Und proportional zur Spannung wuchs die Anzahl der Gins, die im Blue Marlin gekippt wurden.
Das Blue Marlin, eine in einer Seitenstraße gelegene kleine Kneipe, deren Wände die letzten Worte einstiger Abenteurer zierten, war der inoffizielle Regattatreff, in dem sich nach einem langen, harten Tag des Packens und Umpackens die Ruderer und ihre Helfer zusammensetzten. Alles kreiste hier ums Hochseerudern und den Atlantik, es roch nach Salz und verschüttetem Bier, hier wurde der Grundstein zu Freundschaften und morgendlichem Katzenjammer gelegt. Im Verlauf der Tage wandten sich die Gespräche, die sich bisher um vergangene Abenteuer und haarsträubende Erlebnisse gedreht hatten, der Gegenwart zu. Wir diskutierten intensiv über die richtige Gewichtsverteilung im Boot, wann man einen Treibanker einsetzen sollte (eine fallschirmartige Konstruktion, die bei Stürmen verwendet wird, um das Boot gegen den Wind zu halten) und wann ein Seeanker vorzuziehen wäre (bei stürmischer See und starken Strömungen offenbar). Später am Abend, nach einigen weiteren Gläsern Rum, wurden Gesang und Gitarrenspiel lauter. Nicht selten saßen wir bis zwei, drei Uhr morgens zusammen.
Frances war in ihrem Element. Sie hatte in Southampton studiert und fühlte sich dorthin zurückversetzt, genoss jede Minute wie damals zu ihren Studentenzeiten. Sie, die sonst eher zurückhaltend war, redete und lachte mit allen, ganz offensichtlich angetan von der allgemein positiven Haltung. Natürlich würden wir es alle bis nach drüben schaffen. Natürlich! Natürlich!
Allerdings mussten wir vorher noch die Abschlussüberprüfung bestehen. Wir wussten, dass die Rennleitung kein Boot zulassen würde, das dieser letzten genauen Kontrolle nicht standhielt. Die gesamte Ausrüstung, vom Überlebensanzug über die Sicherheitsleinen bis hinunter zu den Heftpflastern im Erste-Hilfe-Kasten, musste in vorgeschriebener Anordnung neben dem Boot ausgelegt und dann auf einer elf Seiten umfassenden Liste abgehakt werden. Der Tag unserer Abschlussüberprüfung war nervenaufreibend. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um sämtliche Gegenstände neben der Rose auszulegen. Hatten wir auch wirklich alles Erforderliche dabei? Hatten die Taue den richtigen Durchmesser? Lag die vorgeschriebene Schiene im Erste-Hilfe-Kasten? Enthielten unsere Tagesrationen hinreichend Kalorien? Den anderen Mannschaften ging es natürlich genau wie uns, und alle hielten sie zusammen. Wenn irgendwo wirklich etwas fehlte, wurde großzügig geholfen – die verschiedensten Dinge flogen von einem Boot zum anderen, der Gemeinschaftsgeist war großartig. Jeder war für den anderen da.
Die Prüfung selbst war allerdings ein Albtraum. Wie sich ablenken, während Lee von der Atlantic Campaigns Organisation langsam und methodisch die Ausrüstung inspizierte?
»Sollen wir so lange einfach auf dem Kai auf und ab spazieren?«, meinte Helen.
»Einen Kaffee trinken gehen?«, fragte Frances.
»Ich bin viel zu nervös«, erklärte Niki. »Stellt euch vor, es fehlt was.«
Schließlich wechselten wir uns bei der Beantwortung von Lees Fragen ab, sonst wären die zwei Stunden, während er unsere Sache durchsah, unerträglich gewesen. Wir warteten mit Herzklopfen und trockenen Mündern. Aber dann, schließlich, endlich. Wir hatten bestanden. Niemals sind vier berufstätige Mütter so glücklich darüber gewesen, fünfunddreißig Heftpflaster vorweisen zu können. Wir waren startbereit und konnten die Rose zu Wasser lassen. Wir buchten einen Termin für den folgenden Morgen.
Wir waren in Hochstimmung. Nichts konnte uns mehr aufhalten.
Doch unsere erste Probefahrt ernüchterte uns. Den Rennvorschriften zufolge musste man mindestens vierundzwanzig Stunden Hochseeerfahrung mit dem Boot mitbringen, bevor man starten durfte, aber obwohl wir dieses Kästchen schon angekreuzt hatten, mussten wir erst einmal herausfinden, wie sich unsere Rose im Atlantik verhalten würde. Wie würden wir mit ihr zurechtkommen? Außerdem konnte es nicht schaden, ein paar Dinge zu üben – zum Beispiel die Inbetriebnahme des Seewasseraufbereiters –, solange wir eventuelle Korrekturen noch auf festem Boden vornehmen konnten. Wenn nach dem Start irgendetwas nicht klappte, würden wir es auf See in Ordnung bringen müssen. Und wir wussten alle, wie schwierig das werden würde. Jedes Problem, das sich schon jetzt zeigte, war gewissermaßen ein Geschenk.
Kaum eine Stunde außerhalb des Hafens unterwegs, stießen wir auf das erste Haar in unserer Suppe: Helen. Die See war stürmisch, die Wellen waren kabbelig und trafen uns von allen Seiten. Man hatte uns vorgewarnt, dass die See vor La Gomera in den ersten Wochen wild und gefährlich sein würde, doch wir hatten gerade erst den Hafen hinter uns gelassen, da wurde unser Boot schon herumgeworfen wie ein Pingpongball in einem Jacuzzi, und damit hatten wir nicht gerechnet.
»Ich glaube, ich muss mich übergeben«, verkündete Helen und opferte prompt ihr Frühstück den Wellen.
»Und noch mal!«, schrie sie.
Helen litt chronisch an Seekrankheit, nicht ideal für eine Hochseeruderin. Wir wussten alle, dass sie kein Wasserfahrzeug betreten konnte, ohne seekrank zu werden, und wir hatten unzählige Male darüber gesprochen. Sie war im Übrigen nicht die einzige Anfällige, auch Frances war gegen gelegentliche Anwandlungen von Übelkeit auf dem Wasser nicht gefeit. Es gab allerdings einen Unterschied zwischen den beiden: Wenn Frances schlecht wurde, warf sie das Ruder hin, fütterte schnell die Fische und ruderte dann weiter. Helen hingegen wurde völlig apathisch, war keiner Bewegung mehr fähig, konnte nicht rudern, die Kajüte nicht verlassen. Sie lag nur da, unfähig zu sprechen oder zu schlucken, und gab Laute von sich, die wie das Muhen einer Kuh klangen.
Dabei hatte sie wirklich alles versucht – Tabletten, Tropfen, Ingwerkekse. Sie hatte für den Notfall sogar ein starkes Antiemetikum dabei, das eine befreundete Medizinerin, Caroline Lennox, ihr empfohlen hatte. Der schneidige Rennarzt Thor Munsch, dem sie es gezeigt hatte, riet allerdings von der Einnahme ab und empfahl ihr schlicht und einfach, sie solle den Dingen ihren Lauf lassen, sobald sie Übelkeit verspüre, und abwarten, bis sie sich wieder legte. Doch Helen wollte unbedingt ein Gegenmittel finden. Bei unserem ersten Ausflug auf den Atlantik probierte sie es deshalb mit den sogenannten TravelShades, einer Spezialbrille, bei der auf einem Auge die Sicht blockiert wird und die der Herstellerfirma zufolge eigentlich wirken musste.
»Sie wirkt überhaupt nicht«, protestierte Helen, gekrümmt an die Reling geklammert. »Der einzige Unterschied ist, dass ich jetzt auf einem Auge blind bin.«
Sie drehte sich nach Janette um, die am Steuer saß, während Frances und Niki ruderten. Es war beinahe zum Lachen, sie da mit flatternden braunen Haaren und ihrer einäugigen Brille an der Reling hängen zu sehen.
»Ich nehme wieder meine Stugeron-Tabletten«, verkündete sie, nachdem sie sich noch einmal übergeben hatte, und verschwand unten in der Kajüte.
Wenn ein Mannschaftsmitglied wegen Seekrankheit ausfällt, stellen sich zwei Probleme. Nicht nur müssen die übrigen Crewmitglieder seine Aufgaben übernehmen, was auf einem so kleinen Boot, zumal auf einer Atlantiküberquerung, praktisch unmöglich ist; auch die Möglichkeiten, in einer Gefahrensituation, in der jeder Mann beziehungsweise jede Frau gebraucht wird, adäquat zu reagieren, sind erheblich eingeschränkt.
Und es dauerte nicht lange, da erwischte es uns. Wir waren vielleicht anderthalb Stunden auf unserer Probefahrt unterwegs, als der Wind und die Strömung plötzlich umschlugen und uns den Felsen vor dem Hafen entgegentrieben.
»Eins! Zwei!« Janette feuerte Niki und Frances an, rudernd dagegenzuhalten und das Boot von den Felsen wegzusteuern. Die Wellen, die von allen Seiten heranstürmten, durchnässten uns bis auf die Haut. »Mehr Zug!«, schrie sie und riss am Steuerruder, um zu verhindern, dass das Boot den schwarzen Felszacken entgegenraste, die über den Schaumkronen gerade noch sichtbar waren.
»Helen!«, schrie Janette. »Helen! Wir brauchen dich. Wir fahren direkt auf die Felsen zu.«
Dann: »Helen, los jetzt, an die Ruder, sonst schleudert’s uns an die Felsen.«
Und: »Helen, wenn du jetzt nicht kommst und uns hilfst, sterben wir alle. Rudern oder sterben!«
Ihr Ton war todernst. Was für eine absurde Vorstellung, dass wir diesen langen Weg zurückgelegt hatten und dann nicht verhindern konnten, dass das Boot noch vor Beginn des Rennens an den Hafenfelsen zerschellte oder mindestens schweren Schaden nahm.
»Helen!«
Helen kroch aus der Kajüte, blickte, immer noch mit ihrer einäugigen Brille auf der Nase, vom Heck über die Wellen zu den schwarzen Felsen, schluckte, kaum fähig zu sprechen.
»Alles gut«, stieß sie mühsam hervor. »Suicide Steve ist da drüben, und er ist viel näher dran als wir. Wir sind meilenweit weg.«
»Er ist viel dichter an der Hafenmauer, da ist der Wind lang nicht so stark. Wenn du mal die verdammte Brille abnehmen würdest, könntest du vielleicht was sehen.«
Als wir uns zum Hafen zurückkämpften, sahen Helen und Janette einander an. Obwohl Helen wusste, wie leicht sie seekrank wurde, hatte sie stets darauf beharrt, dass sie durchhalten würde. Sie würde uns nicht im Stich lassen. Sie würde eisern weiterrudern, komme, was da wolle. In diesem Moment jedoch lag Zweifel in ihrem Blick. Angst sogar. Würde sie das wirklich schaffen? Es gab reichlich Geschichten von strammen Ruderern, die wegen starker Dehydrierung von ihren Booten geborgen werden mussten. Ein paar Tage starken Erbrechens reichten, um aus einem kräftigen, wohlgenährten Profiruderer ein zitterndes Häufchen Elend zu machen. Konnte Helen das wirklich durchziehen? Und wie sollte das gehen, wenn sie nicht einmal einen Nachmittag im Atlantik durchgehalten hatte? Wir hatten dreitausend Meilen vor uns.
»Ich nehme das Stugeron«, versicherte sie uns, als wir neben der Row2Recovery anlegten. »Ich esse die Ingwerkekse. Ich schaff das.«
Während wir zusahen, wie sie, immer noch wacklig, aus dem Boot kletterte, beteten wir, dass sie recht haben möge.

 

Wenige Tage später kamen unsere Familien mit allen acht Kindern zusammen. Nachdem der liebenswürdige Ron aus Halifax sie abgeholt und zur Fähre gebracht hatte, trafen sie aufgeregt und zu bedingungsloser Unterstützung bereit auf La Gomera ein. Es war wunderbar, sie bei uns zu haben; sie ließen uns die wachsende Nervosität und Anspannung rund um die Regatta fast vergessen, und wir genossen es, ihnen alles zu zeigen.
Wir hofften, etwas von unserem Enthusiasmus über unser Vorhaben werde sich auf sie übertragen. In einer Welt, die bestimmt wird von Snapchat und Instagram, in der einem vorgeführt wird, dass man nie genügen kann, wollten wir ihnen die Macht der positiven Gedanken zeigen; dass man alles erreichen kann, wenn nur der Wille da ist und die Bereitschaft, hart für sein Ziel zu arbeiten. Und nichts wirkt positiver, als mit einem Haufen Ruderer abzuhängen, die entschlossen sind, den Atlantik zu überqueren. Alle, ohne Rücksicht auf Glauben, Hautfarbe, Lebensgeschichte und persönliches Schicksal, hatten das gleiche Ziel. Es gibt einen Spruch, den wir auf unserem Weg zu den Kanaren ein paarmal zu hören bekamen. »Wenn du fragen musst: ›Warum den Atlantik überqueren?‹, dann wirst du die Antwort nie verstehen.« Die Antwort lautet natürlich: »Weil er da ist.« Und alle, die abends im Blue Marlin bei ihrem Bier saßen, verstanden das. Genauso wie die Crews, die ihre Fertigmahlzeiten packten, an ihrer Ausrüstung herumbastelten und sich in ihrer Nervosität vor dem Rennen immer etwas Neues zur eigenen Beschäftigung einfielen ließen.
Unsere Familien waren uns eine große Hilfe. Ben und Pete, Nikis Vater, nahmen uns kraftraubende Schleppereien ab, hievten das Steuerruder herum, verstauten den riesigen Seeanker und weihten uns in den Umgang mit den Elektrowerkzeugen und dem Seewasseraufbereiter ein. Unvergesslich, wie Ben eines Abends, als wir im Blue Marlin unsere Gin Tonics tranken, uns mit Engelszungen auseinandersetzte, wie der Aufbereiter funktionierte. Er erklärte genau, wie oft der Filter gewechselt werden musste und wie genau wir vorgehen sollten. (»Prüft ihn einmal die Woche und wechselt ihn, sobald er sich gelb verfärbt.«)
»Aber natürlich«, versicherte Janette und trank einen Schluck aus ihrem Glas.
»Unbedingt«, sagte Helen nickend.
»Ganz klar«, bestätigten Frances und Niki.
Später sollten wir erkennen, dass es vielleicht hilfreich gewesen wäre, wenn wenigstens eine von uns an dem Abend zugehört hätte.
Die anderen Ehemänner, Richard, Gareth und Mark, mussten sich große Mühe geben, um unsere ganze Sippe zusammenzuhalten – Helens zwei Kinder, Henry (13) und Lucy (16); Nikis Aiden (9) und Corby (12); Janettes Safiya (14) und James (18); und Frances’ Jack (13) und Jay (14). Die älteren Kinder waren natürlich eine größere Hilfe als die jüngeren und ließen sich gern losschicken, um in letzter Minute noch eine Schere oder eine Rolle Seil zu besorgen. Dafür taten die Kleineren genau das, was wir gehofft hatten – sie mischten sich unter die Mannschaften, ließen sich deren Geschichten erzählen und kamen mit leuchtenden Augen zurück. Am meisten faszinierten sie verständlicherweise die Jungs von der Row2Recovery. Sie fanden es unglaublich, dass vier Männer mit so schweren körperlichen Handicaps tatsächlich die Überquerung eines Ozeans wagten. Sie waren die Verkörperung des positiven Denkens.
Aber so glücklich wir darüber waren, unsere Familien um uns zu haben, es gab auch sehr viele Momente, in denen wir uns zerrissen fühlten. Ursprünglich war geplant gewesen, dass unsere Leute am Mittwoch und Donnerstag kommen und am Sonntag vor dem für Dienstag angesetzten Start wieder abreisen würden. Da es noch so viel zu überprüfen und zu regeln gab, verbrachten wir den größten Teil der Tage mit der Rose und kamen nur abends dazu, unsere Kinder wirklich zu genießen.

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