Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Berlin Verlag

Über den Berlin Verlag

Der Berlin Verlag wird 2024 sein dreißigjähriges Bestehen feiern. Im September 1994 als wichtigste Neugründung eines Publikumsverlages seit der Wiedervereinigung mit internationalem Programm gestartet, machte er sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen mit Autor:innen wie Nadine Gordimer, Raymond Carver, Ingo Schulze, Péter Esterházy, Richard Sennett und Dava Sobel. Das Verlagsprogramm umfasst ein breites Spektrum an wichtigen internationalen wie deutschsprachigen Stimmen in Belletristik und Sachbuch.  

Zu den Autor:innen des Hauses zählen u. a. Edoardo Albinati, Margaret Atwood, Daniel Barenboim, Ulrike Bartholomäus, Stephanie Bartsch, Dieter Bednarz, Anne Berest, Hila Blum, Alice Bota, Jan Peter Bremer, Karsten Brensing, Christian Buckard, Tamika Campbell, Anna Caritj, Kerstin Decker, Ulrike Demmer, Christian Dittloff, Alba Donati, Charles Duhigg, Joe Dunthorne, Gerhard Falkner, Marcel Fratzscher, Emily Fridlund, Michel Friedman, Julia Friedrichs, Erica Fischer, Berit Glanz, Katja Gloger, Matthias Gockel, Solveig Gode, Daniel Goffart, Annina Haab, Steven Hall, Katharina Hartwell, Iris Hauth, Tabea Hertzog, Fabian Hischmann, Mariusz Hoffmann, Florian Huber, Helena Janeczek, Pierre Jarawan, Husch Josten, Inge Kloepfer, Thomas Klupp, Marion Knaths, Angela Köckritz, Katharina Korbach, Helmut Krausser, Susan Kreller, Kevin Kuhn, Stefan Kutzenberger, Thomas Lang, Denise Linke, Gila Lustiger, Isabelle M. Mansuy, Wednesday Martin, Susanne Mayer, Eyal Megged, Thomas Metzinger, Ella Mills, Sarah Moss, Abt Muho, Kent Nagano, Hitoshi Nagai, Hilde und Ylva Østby, Lauren Oyler, Kayhan Özgenç, Shole Pakravan, Ann Patchett, Elisabeth Plessen, Victor Pouchet, Kerstin Preiwuß, Elisabeth Raether,  Jochen Rausch, Thomas Reverdy, Caroline Ring, James Salter, Meriel Schindler, Salvatore Scibona, Niki Segnit, Utta Seidenspinner, Zeruya Shalev, Kamila Shamsie, Silke Stamm, Ronen Steinke, Thomas Suddendorf, Düzen Tekkal, Omer Meir Welber, Ulrike Ulrich, Manuel Vilas, Willy Vlautin, Florian Wacker, Thomas Wendrich und Alice Zeniter.  

Bestseller aus dem Berlin Verlag
Buch des Monats
Blick ins Buch
FremdFremd

„Dies ist ein Buch über das Fremdsein, das äußere und das innere. Eine Erfahrung, die exemplarisch für viele Menschenschicksale ist. Es ist allen Menschen gewidmet, die irgendwo im Nirgendwo leben.“ Michel Friedman

„Die Angst ist mein Lebensgefährte“

Ein Kind, voller Furcht, kommt nach Deutschland – ins Land der Mörder, die die Familien seiner Eltern ausgelöscht haben. Hier soll es Wurzeln schlagen, ein Leben aufbauen.

Das Kind staatenloser Eltern tut, was es kann. Es will Kind sein. Es will träumen. Es will leben. Doch was es auch erlebt, sind Judenhass, Rassismus und Ausgrenzung – und eine traumatisierte Kleinfamilie, die es mit Angst und Fürsorge zu ersticken droht.

Mit großem Gespür für Zwischentöne und einer kunstvoll verdichteten Sprache zeichnet Friedman das verstörende Bild der Adoleszenz in einer als fremd und gefährlich empfundenen Welt. Das berührende Kaleidoskop eines existenziellen Gefühls, das seziert werden muss, damit es die Seele nicht auffrisst. 

Ein mutiges Buch

»Mit Fremd hat Michel Friedman ein überaus mutiges Buch geschrieben. Es ist so persönlich geworden, dass ich nur bewundern kann, wie tief er hier in seine eigene Geschichte - und die seiner Familie - blicken lässt. Und da gerade das Persönlichste in der Kunst oft von allgemeiner, gesellschaftlicher Bedeutung sein kann, bin ich mir sicher, dass viele Leser von Fremd sehr berührt sein werden.«

Oliver Reese, Intendant Berliner Ensemble

Dies ist ein Buch über das Fremdsein.

Das Fremde – das äußere und das innere.

Wer wie ich bis zum achtzehnten Lebensjahr mit einem Staatenlosen-Pass lebte,

wer wie ich Eltern hatte, die aus Polen stammten und die Shoah überlebt haben, in Paris aufgewachsen ist und als jüdisches Kind nach Deutschland kam, lebt im Nirgendwo. Ist heimatlos.

Eine Erfahrung, die exemplarisch für viele Menschenschicksale sein könnte.

So ist dieses Buch allen Menschen gewidmet, die irgendwo im Nirgendwo leben.


1

Ich bin auf einem Friedhof geboren.

Schmerz,

der keinen Anfang kennt,

der kein Ende kennt.

Manchmal leise,

manchmal laut.

Manchmal versteckt er sich.

Launisch ist er,

hungrig ist er,

hinterhältig.

Meine Mutter,

mein Vater,

meine Großmutter:

Über-Lebende.

Trauernde.

Traurige.

Lebenstraurige.

Ich war ihr Lächeln.

Lächelnde Traurigkeit.

Wie bringe ich euch zum Lächeln?

Wie bringe ich euch zum Lachen?

Wie bringe ich euch Glück?

Zum Leben?

Gescheitert.

In der Regel:

gescheitert.

Ein Kind sollte das nicht sollen,

sollte das nicht müssen,

sollte das nicht wollen.

Sollte von seinen Eltern

zum Glück getragen werden.

Ging nicht,

Pech gehabt.

Wie so viele,

deren Elternwelt gerissen,

zerrissen,

gestört,

verstört,

zerstört ist.

Verfolgte,

Geflüchtete,

Arme,

Kranke,

die ihre Kinder vergessen,

die ihre Kinder zum Überleben brauchen,

die vergessen,

dass Kinder noch nicht wissen können,

dass die Traurigkeit eines Lebens

eine Ewigkeit andauern kann.


2

Ich weiß,

dass du schon zu lange

auf meinen Besuch wartest.

Kann nicht.

Will nicht,

dass du siehst,

wie ich weine.

Um dich, Papa.

Um Mama.

Um euer Leben im Ghetto.

Als du kein Gesicht mehr hattest,

Papa,

keinen Namen,

nicht mehr wert warst

als deine eigene Erinnerung an dich selber,

an dein Selbst,

das es nicht mehr gab,

schon lange nicht mehr gab.

Vergessen.

Sie schlugen zu.

Wieder und wieder.

Jagten dich.

Wieder und wieder.

Und Mama gleich mit.

Wieder und wieder.

Sie dachten,

ihr kommt nie mehr zurück.

Ihr beide,

Haut und Knochen.

Wolltet nach Hause.

Ihr Narren.

Habt immer noch nichts verstanden?

Nach Hause.

Eure Heimat war euch mit Nummern eingraviert.

Dort gehörtet ihr hin.

Das war euer neues Zuhause.

Wolltet weg,

abhauen.

Ihr Dummköpfe!

Ihr Jesusmörder!

Ihr Judenschweine!

Jidkis. Jidkis. Jidkis.

Weg …

Ihr armen,

lächerlichen,

bespuckten,

feigen

Judenschweine.

Ihr wolltet weg?

Flüchten.

Wegrennen,

so schnell es geht.

Angst

um das eigene Leben.

Weg.

Nackt.

Das eigene Leben retten.

Wieder einmal.

Wohin?

Wieder einmal

flüchten.

Wieder einmal,

wie seit Jahrtausenden,

flüchten.

Aus Ägypten

flüchten.

So schnell es geht:

raus.

Aber wohin?

Wer wollte euch noch haben?

Ihr, die aus dem Nirgendwo kamt.

Brennmaterial.

Ihr seid

nichts.

Niemand.

Auf der Straße:

Sie grölen.

Der Schleim

ihrer Rotze

bedeckt den Boden.

Pass auf,

dass du nicht ausrutschst.

Du fällst mit deinem Gesicht

auf den nassen Asphalt.

„Typisch Jud!“,

schreien sie.

„Nichts kann er, der Jud!“

„Alles kann er, der Jud!“,

schreien sie.

„Er nimmt uns alles.“

„Er ist nichts.“

„Nicht mal nichts.“

„Bitte nicht treten.

Nicht treten“,

murmelst du.

Du verdeckst dein Gesicht

mit deinen schmutzigen,

blutigen Händen,

das Gesicht,

das den Rotz deiner Peiniger

bereits aufgesogen hat.

Mama schreit.

Sie lachen.

Dann:

Ein Mann stellt seine Aktentasche auf den Boden:

dunkler Anzug,

weißes Hemd,

blaue Krawatte,

Brille mit dicken Augengläsern.

Baut sich vor Mama auf,

richtet sich auf.

Seine Hände sind gepflegt,

manikürte Fingernägel.

Zu spät,

zu leise.

Seine Faust rast in ihr Gesicht.

Du spürst wieder Tritte.

Magen.

Leber.

Lunge.

Weg von hier.

Aber wohin?

Wohin nur?

Wohin?


3

Ich bin in Paris geboren.

Mein erster Ausweis:

von den UN.

Staatenloser Flüchtlingspass.

Réfugié polonais.

Türkis,

zwei schwarze Querbalken

am rechten

oberen Rand.

Unsicherheits-Pass.

An jeder Grenze:

besonders lange Kontrolle.

Lange Befragungen.

Abwehrende Blicke.

Angst der Eltern.

Angst des Kindes.

Warum haben die anderen so viel Angst

vor mir?

Ich bin ein Kind.

Warum haben die anderen so viel Angst

vor diesem Dokument?

Es macht meine Eltern sichtbar,

verletzbar,

angreifbar,

macht sie traurig.

Das macht mich traurig.

Ich bin ihr Dolmetscher.

Ihr Übersetzer.

Grenzbeamte

befragen sie auf Französisch.

Sie können nur schwer antworten.

Das Kind kann für sie antworten.

Sie, die aus Polen gekommen sind,

haben nur wenige Worte gelernt.

Das Kind, das in Paris geboren wurde,

spricht in seiner Muttersprache.

Kindheitsberuf:

Lebensübersetzer.

Es war nicht mein erstes Ausländeramt.

Es fing in Paris an.

Préfecture de Paris.

Klassizistischer Bau,

Innenhof.

Schwere,

drei Meter hohe

Eingangstüren.

Meine Mutter und ich,

ihr fünfjähriger Sohn.

Hand in Hand.

Ihre zitterte,

meine schwitzte.

Ein Mann,

neben meiner Mutter.

Der Mann,

neben meiner Mutter.

Er, der seine Aktentasche in der Hand hielt.

Er, der hier immer elegant gekleidet war:

Anzug,

weißes Hemd,

Krawatte,

Einstecktuch.

Er, „der Macher“,

wie man ihn nannte.

Er, der kein Anwalt war,

aber jeden und jede in den Behörden kannte.

Er lächelte,

war fröhlich,

entspannt.

Wir waren ängstlich,

verunsichert,

unsichtbar.

Schon Wochen vor dem Termin.

Zu Hause wuchs die Anspannung.

Zu Hause wuchs die Nervosität.

Das Kind spürte die Veränderung mit jedem Tag,

an dem die Schicksalsfrage näher kam:

Stempel

oder

kein Stempel.

Leben mit

oder

ohne Papiere.

Legal

oder

illegal.

Er, dieser Mann,

der eine verpackte Schachtel in der Hand hielt.

Silbernes Papier,

mit Schleife.

„Pralinen“,

sagte er dem Kind,

„für die Damen.“

Die „Damen“,

Sachbearbeiterinnen auf dem Amt.

Die mit dem Stempel.

Er zwinkerte:

„Manchmal Parfum, manchmal Pralinen.“

Er, dieser Mann,

war so anders als mein Vater.

So fröhlich,

so selbstbewusst.

Er sprach Französisch.

Er beherrschte leichtfüßig

diesen Raum der Angst,

bewegte sich unbeschwert

in diesem Raum,

in dem so viele

verschüchterte Menschen waren.

Bücher im Berlin Verlag
Alle Autoren
A
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
P
Q
R
S
T
U
V
W
X
Y
Z
Verlage
Genres
Preis
Erscheinungsmonat
Sortieren nach
Erscheinungsdatum
neue zuerst
ältere zuerst
Preis
aufsteigend
absteigend
Alphabetisch
A bis Z
Z bis A
Alle Filter zurücksetzen
Unser Blog zum Verlag
AutorInnen des Verlags

PIPER / Berlin Verlag Literatur

PIPER / Berlin Verlag Sachbuch

So erreichen Sie uns