Weißrussland: Wie lebt es sich in der letzten Diktatur Europas?
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Belarus: Wie lebt es sich in Europas letzter Diktatur?

Mittwoch, 25. Mai 2016 von Piper Verlag / Nadine Lashuk


Weißrussland: Von Datschas und Despoten, Sowjetismus und Moderne.

Nadine Lashuk nimmt uns mit in ein facettenreiches wie auch exotisches Land, das als letzte Diktatur Europas gilt und gibt ungeahnte Einblicke in eine Lebenswelt, in der Borschtsch, Datschas und Militärparaden zum Alltag gehören.

Wo erreichen wir dich gerade?
In meiner Küche, wo ich für meine Familie die sommerliche Variante der Rote-Bete-Suppe Borschtsch vorbereite. Kalte pinkfarbene Suppe mit Buttermilch.

Stell dich bitte kurz vor. Was sollte man über dich wissen?
Ich komme aus dem Ruhrgebiet, wo meine Wurzeln sind. Meine Seele ist aber slawisch – das habe ich spätestens beim ersten Aufenthalt in Minsk gemerkt. Als Autorin und Projektmanagerin pendele ich zwischen Deutschland und Belarus und blogge über die Eigenartigkeiten beider Welten.

Dein Lieblingsort:
Das Dorf am Ende der Welt, in dem meine Schwiegereltern übersommern und Erdbeeren und Himbeeren in Hülle und Fülle wachsen. Es gibt nichts Schöneres, als dort im Schaukelstuhl zu sitzen, sich von der Schwiegermutter umsorgen zu lassen und Ideen für den nächsten Blogeintrag zu sammeln. Dort ist es herrlich still, es gibt keinen Handyempfang und kein fließendes Wasser, man ist ganz bei der Natur und bei sich.

Was hast du bei deinen Reisen immer dabei?
Ein Notizbuch, das ich von einer Freundin geschenkt bekommen habe. Darauf steht in knalligem Orange: »write books not blogs«. Ich setze mich darüber hinweg und mache mir dort Notizen sowohl für den Blog als auch für das Buch.

Dein liebstes Buch für unterwegs:
Sollte immer zur Region passen, in die ich gerade reise. Für den Kroatienurlaub hatte ich den »Balkanizer« dabei, nach Belarus begleitet mich natürlich Swetlana Alexijewitsch. In Italien ist es meist Andrea Camilleri.

Dein Soundtrack für unterwegs:
Wenn ich durch Belarus reise, liebe ich es, Johann Strauss zu hören. Zu einem Walzer kann man wunderbar seine Gedanken schweifen lassen, während man die Weite der Landschaft genießt, und Weite gibt es dort genug – Felder und Wälder, soweit das Auge reicht.

Was ist Heimat für dich?
Heimat ist für mich das Gefühl, angekommen zu sein und nicht mehr weg zu müssen. Das muss nicht unbedingt in Essen sein, Minsk ist genauso meine Heimat wie Essen. Heimat ist für mich die Abwesenheit von Heimweh.

Dein wichtigster Reisetipp:
Getreu dem belarussischen Motto: Egal wohin du fährst, Hauptsache, du hast immer genug Proviant dabei! Für eine Fahrt in die nächste Kreisstadt mit der S-Bahn sollten das mindestens ein halbes gebratenes Huhn, hart gekochte Eier und ein paar Pfannkuchen sein. Wie sagt meine Schwiegermutter gern: »Besser zu viel, als zu wenig.«

Worum geht es in deinem Buch?
Um mein Leben als Deutsche in der letzten Diktatur Europas. Um die Liebe zu einem Mann, den ich lange für einen KGB-Agenten gehalten habe. Um meine Schwiegermutter, die immer ein Huhn im Kühlschrank hat.

Reisetipps für Weißrussland

Für alle, die noch nicht wissen, wohin sie dieses Jahr verreisen wollen – wie wär’s mal mit einem ganz ausgefallenen Ziel? Belarus!

Unsere Autorin Nadine Lashuk hat viele Jahre in dem Land der Babuschkas gelebt und ist mit einem Belarussen verheiratet. Hier ihre wichtigsten Reisetipps:

1)   Ein Visa für Weißrussland: Den Visumantrag kann man ganz bequem per Post erledigen, wenn man etwa einen Monat vorher damit beginnt. Für Aufenthalte bis 30 Tage braucht man als Tourist keine Einladung. Die belarussische Botschaft in Berlin arbeitet sehr zuverlässig und schickt den Pass mit dem Visum per Einschreiben zurück (germany.mfa.gov.by/de/konsularwesen/visaerteilung/).

2)    Die Anreise empfiehlt sich mit dem Flugzeug. Von Frankfurt kommt man mit Lufthansa oder Belavia direkt nach Minsk. Etwas günstiger geht’s mit Wizz Air oder Ryanair über Vilnius. Dort fährt man mit dem Bus Nr. 1, dem Expresszug oder einem Linientaxi vom Flughafen zum Hauptbahnhof. Die Passkontrolle wird gleich vor Ort erledigt, sodass die Weiterfahrt mit dem Zug nach Minsk nur zweieinhalb Stunden dauert.

3)    Internationale Touristen müssen im Zug oder Flugzeug eine sogenannte Migrationskarte ausfüllen. Sie verbleibt im Pass und wird bei der Registrierung vor Ort benötigt. Möchte man nämlich länger als fünf Tage bleiben, muss man sich (nachdem man bei der Miliz ein Formular ausgefüllt und bei der Bank eine Gebühr bezahlt hat) bei der zuständigen Ausländerbehörde registrieren. Die dort gestempelte Migrationskarte sollte man auf keinen Fall verlieren, weil es bei der Ausreise sonst viele Fragen und eine Geldstrafe gibt.

4)    Auf www.airbnb.de findet man herrliche Altbauwohnungen im Zentrum von Minsk. Am besten mietet man sich eine Unterkunft direkt am Gorkipark oder Siegesplatz, denn die Vororte sind reine Schlafstädte mit entsetzlichen Hochhäusern. Und auch die Hotels sind nicht empfehlenswert, da sie meist recht teuer sind.

5)    Neben einem Aufenthalt in Minsk sollte man auch eine Tour ins weite Land einplanen. Die belarussischen Landschaften sind wunderschön, und nur wer das Landleben kennt, kann Belarus verstehen. Hier gibt es übrigens ein hervorragend entwickeltes Ökotourismusnetzwerk. Am besten sucht man sich auf der Seite www.greenbelarus.by eine passende Hütte aus.

6)    Folgende Leckereien sind ein Muss: Draniki, die belarussischen Reibekuchen, sowie die warme und kalte Rote-Bete-Suppe (Borschtsch und Halodnik). Wer nicht nur Wodka zu sich nehmen möchte, sollte Kwas testen, ein alkoholfreies Getränk auf der Basis von Brot, ähnlich unserem Malzbier.

7)    Wunderschöne Mitbringsel aus Belarus sind vor allem die kunstvollen Produkte aus Leinen. Egal ob Meterware, Tischdecken, Kissenhüllen oder Kleidungsstücke – all diese Dinge sind sehr günstig und von hoher Qualität. Auch eine Flasche Wodka kann so manchen Daheimgebliebenen erfreuen. Aber Achtung: Mehr als zwei Flaschen darf man in die EU nicht einführen. Die bunten Schokoladenbonbons (Zukerki oder Konfety) sind da unverfänglicher …

8)    Es gibt einen tollen Reiseführer von Maryna Rakhlei, einer belarussischen Journalistin, die in Berlin lebt, und André Böhm, einem Deutschen, der lange in Belarus gelebt hat: »Weißrussland«. Er enthält wichtige Sätze auf Russisch und Weißrussisch. Für weiterführende Hilfestellungen zur Verständigung gibt es den Band »Kauderwelsch Weißrussisch«. Aber die Hauptstadt ist seit der Eishockey-WM 2014 auf Touristen eingestellt. Man muss nicht einmal kyrillische Schrift lesen können, um sich zurechtzufinden: Die Straßen und Haltestellen sind in lateinischer Schrift ausgewiesen, und fast alle Belarussen sprechen Englisch. Ebenso ertönen die Durchsagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Englisch und Weißrussisch.

Blick ins Buch
Liebesgrüße aus MinskLiebesgrüße aus Minsk

Wo die Babuschka regiert und Heringe Pelzmäntel tragen

Ihre Laufbahn bei der Europäischen Kommission fest im Blick, zieht Nadine Lashuk für ein Praktikum nach Minsk. Als sie ihr Herz an einen Weißrussen verliert, ist ihre Verbindung zu diesem exotischen Land, das nicht etwa hinterm Mond, sondern zwischen Polen und Russland liegt, für immer besiegelt. Die junge Deutsche muss lernen, dass ein Besuch bei den Eltern einer Verlobung gleichkommt; eine anständige Frau immer ein Huhn im Kühlschrank und Breschnews Erziehungsratgeber im Regal hat. Und nachdem der erste deutsch-belarussische Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, passiert das Unvermeidliche: Die Babuschka plant ihren Einzug bei dem jungen Paar… Eine hintergründige Erzählung über Leben und Lieben zwischen Sowjetismus und Moderne, Ost und West.
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Am Anfang war Dschinghis Khan

»Dein Traumprinz wird als Dschingis Khan mit wehenden Haaren durch die Tundra geritten kommen, schwingt dich auf sein Pferd, und dann lebt ihr glücklich und zufrieden in seiner Jurte!« Zusammen mit meinen Kommilitonen saß ich im Kreml, unserer Lieblingsbar in der nordfranzösischen Stadt Lille, wo wir Politikwissenschaft studierten. Sie hatten mir mein bevorstehendes Praktikum in Osteuropa irgendwie realitätsfern ausgemalt. Demokratie will ich nach Belarus und vorher auch noch in die Ukraine bringen, nicht einen Kosaken ehelichen!

Bei der Erinnerung an dieses Treffen lache ich leise in mich hinein. Dann greife ich nach meinem riesigen Koffer, sammle noch meine sonstigen Habseligkeiten zusammen und klettere verschlafen aus dem Nachtzug, der mich von Kiew in die belarussische Hauptstadt Minsk gebracht hat.

Was habe ich für eine Angst ausgestanden in dieser letzten Nacht, denn oft genug hatte ich zu hören bekommen, dass es nicht so einfach wäre, nach Belarus einzureisen. Ständig kreisten meine Gedanken um immer dieselben Fragen: Waren meine Papiere in Ordnung? Hatte ich die Einreisebestimmungen richtig verstanden? Ich war mir mehr als unsicher gewesen. Und dann waren sie da, die belarussischen Grenzbeamten. Sie trugen riesige Mützen, die zusammen mit ihren bitterernsten Mienen ihre Wirkung nicht verfehlten: Sie schüchterten mich und andere arglose Reisende ein. Doch dann war alle Aufregung umsonst gewesen, alles war in Ordnung, alles klappte reibungslos.

Jetzt bin ich in Belarus!

Eine Tatsache, um die mich kaum einer aus der Delegation der Europäischen Kommission in der Ukraine, wo ich den ersten Teil meines Praktikums absolvierte, beneidet. Eine EU-Delegation ist übrigens eine Art Botschaft, in der Diplomaten aus allen EU-Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten. Die erfahrenen Kollegen verspotteten mich milde. Ich habe noch ihre Worte im Ohr: »Ach, du bist die, die nach Minsk muss? Du Arme! Na, viel Spaß. Wir sind immer froh, wenn wir da nicht hinmüssen.« So der Tenor ihrer mitfühlenden Bemerkungen. Für mich hatten sie dennoch vielversprechend geklungen, in welcher Hinsicht auch immer.

Alfredo, ein wohlmeinender älterer Diplomat aus Italien, gab mir sogar den Rat, mich nicht zu verlieben: »Das ist die Masche des KGB! Attenzione! Die schicken dir einen gut aussehenden jungen Mann, du verliebst dich, und schwupps, schon spioniert er dich aus!«

Immerhin war nicht von spionierenden Kosaken, die mich in ihre Jurte entführen wollten, die Rede gewesen.

Ich hatte über Alfredos Worte nur lachen können. Bitte, als ob ich mich in einen Belarussen verlieben könnte … Undenkbar! Mein Plan war, das Praktikum zu absolvieren, einen Franzosen zu heiraten, zweisprachige Kinder großzuziehen und dann Weltpräsidentin zu werden. Darum hatte ich schließlich in Frankreich studiert! Und ein Franzose war für mich der Inbegriff eines stilvollen Lebens, eben mit süßen kleinen Kindern, die fließend in der schönsten Sprache der Welt parlieren würden. Mit einundzwanzig darf man noch Träume haben.

Egal. Zwei Wochen lang hatte man mich in Kiew auf Minsk vorbereitet. Ich hatte die Verantwortlichen für Belarus kennengelernt, die aufgrund der angespannten politischen Lage oft in Kiew arbeiteten und nicht in der belarussischen Hauptstadt. Ich hatte Konferenzen zur politischen Lage in der Ukraine und in Belarus besucht und mich in die europäische Nachbarschaftspolitik eingearbeitet.

Alfredo hatte mich bei einem Mittagessen in einem Lokal auf dem Taras-Schewtschenko-Boulevard über die Geschichte von Belarus informiert. Während wir unter Linden und Kastanienbäumen saßen, die Schutz vor der sengenden Julisonne spendeten, bekam ich einen Schnellkurs.

»Belarus, so muss man wissen«, dozierte Alfredo, »ist als Nationalstaat noch nicht sehr erprobt. Gewachsen aus dem Großfürstentum Litauen, wo das Altbelarussische Staatssprache war, hat es nur eine begrenzte Tradition als eigenständiger Staat. Als Teil des Russischen Reichs wurde es 1917 nach dem Sonderfrieden von Brest-Litowsk kurzzeitig als Belarussische Volksrepublik unabhängig. Der junge Staat konnte sich jedoch nicht etablieren, denn die Bolschewiken hatten ihrerseits in Smolensk eine Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen, die 1922 die Sowjetunion mitbegründete. Dann begann das neue Sowjetreich zu expandieren, und die Republik Belarus wurde der UdSSR als Belarussische Sowjetische Sozialistische Republik einverleibt, kurz BSSR.«

Alfredo nahm ein Taschentuch aus dem Sakko, das er über seinem gestärkten weißen Hemd trug – er war stets korrekt gekleidet, auch bei 35 Grad Celsius im Schatten. »Himmel, ist das warm heute«, beschwerte er sich. »Hätten wir uns lieber nicht auf die Terrasse gesetzt, drinnen im Restaurant gibt es wenigstens eine Klimaanlage!«

Einem Italiener war es zu heiß! Dieses Praktikum half mir auch dabei, mit nationalen Stereotypen aufzuräumen.

»Ich bin Historiker, musst du wissen. Wenn es dir zu langweilig wird, sag Bescheid, dann versuche ich, mich knapp zu fassen.« Bei diesem Scherz musste er selbst lachen. Alfredo fasste sich nie kurz, schon gar nicht, wenn es um osteuropäische Geschichte der Neuzeit, sein Steckenpferd, ging. Die Kollegen in der Delegation hatten mich gewarnt, bevor wir zu diesem Arbeitsessen aufgebrochen waren.

[...]

 

Die ersten beiden Tage der neuen Arbeitswoche vergehen ohne große Ereignisse, aber am Mittwoch ruft Tatsiana an und fragt, ob ich am Abend mit ihr an einem Treffen des Französischklubs teilnehmen wolle. Tatsiana lernt gerade Französisch, und da sie erfahren hat, dass ich frisch aus Frankreich komme und somit fast so etwas wie eine Muttersprachlerin bin, lädt sie mich jetzt ein, mit ihren Freunden Französisch zu sprechen. Das nennen sie dann »Französischklub«. Wir verabreden uns für neunzehn Uhr am »Kilometer null« mitten auf dem Oktoberplatz. Von diesem Punkt aus werden alle Distanzen in Belarus gemessen.

Nach der Arbeit mache ich mich auf den Weg. Ich trage ein schickes EU-Praktikantinnen-Outfit – knielanger Rock, Blüschen, Blazer, weiße Pumps. Die Strecke vom Büro der Kommission zum Oktoberplatz ist kurz, nur die Leninstraße hoch, am imposanten kastenförmigen Präsidentenpalast vorbei, dann durch eine Unterführung, und schon bin ich auf der anderen Seite des Unabhängigkeitsprospekts. Kurz darauf stehe ich auf dem großen, wieder leeren Platz. Neben der kleinen Pyramide, die den Null-Kilometer markiert, stelle ich mich auf und warte auf Tatsiana und einen von ihr angekündigten Freund.

Nach ein paar Minuten kommt sie auf mich zu, in Begleitung von – wow, mich haut es um – einem so gut aussehenden Mann, dass er fast nicht Belarusse sein kann. Belarussen, muss man wissen, sind nicht gerade für ihr attraktives Aussehen bekannt, im Gegensatz zu den Belarussinnen, die Weltruhm für ihre Schönheit erlangt haben. Wie auch immer, der junge Mann, den Tatsiana mitgebracht hat, kann mit Matthew McConaughey konkurrieren, meinem Lieblingsfilmstar. Die gleichen Schmalzlocken, breite Schultern – wer kann das sein?

Tatsiana stellt ihn vor als ihren Bekannten Aliaksei. »Bonjour, Mademoiselle«, sagt Aliaksei zu mir. »Comment tu t’appelles? – Wie heißt du?« In Ermangelung eines französischen Restaurants beschließen wir, im Lokal unter dem Kulturpalast der Gewerkschaften eine Pizza zu verspeisen. Der Französischklub hat nämlich keinen festen Treffpunkt. Man trifft sich, um zu parlieren, dazu sucht man sich ein Restaurant oder eine Bar.

Während wir über den Oktoberplatz laufen, mustere ich den gelockten Jüngling. Er trägt bunte Shorts und ein gelbes T-Shirt mit einem aufgedruckten Regenbogen und einer schnörkeligen Aufschrift; ich vermute, dass es Armenisch ist. Was wohl jemand macht, der so grandios aussieht und Französisch spricht?

»Ich promoviere über Internationales Recht an der Fakultät für Internationale Beziehungen, und ich arbeite in einer NGO«, erzählt er in seinem russisch angehauchten Französisch, als hätte er meine Gedanken gelesen. Ein Jurist! Wie Matthew McConaughey in Die Jury. Wer den Film kennt, weiß, was mein Kopfkino in diesem Moment abspielt. Es gibt da diese Szene, in der der schöne junge Anwalt mit nacktem Oberkörper … Ich reiße mich aus meinen Tagträumen und konzentriere mich wieder auf den Weg.

In dem Restaurant unterhalten wir uns über alles, was Tatsiana und Aliaksei in Französisch ausdrücken können. Dabei stellt sich heraus, dass Matthew/Aliaksei ein Jahr in Bochum studiert hat! Er spricht also auch Deutsch, und er ist schon über die wichtigste Autobahn des Ruhrgebiets gefahren, die A40! Endlich jemand, der meine Heimat kennt!

Als wir unsere Pizza mit Mayo und Gurken – schon wieder! – aufgegessen haben, spazieren wir in die Altstadt, wo Aliaksei mit einigen Freunden verabredet ist. Das Treffen des Französischklubs wird offiziell für beendet erklärt, und wir steigen auf Englisch um. Die Freunde stellen sich vor als Dima, Dima und Oleg, und sie sitzen auf einem Mauerrest und trinken Bier. Der eine Dima ist lang und dünn, der andere Dima klein, mit lustigen Augen und großer Nase. Oleg sieht aus wie Arnold Schwarzenegger der Jüngere.

Fried stößt ebenfalls zu uns, sodass wir eine lustige kleine Gesellschaft bilden. Die »Dimas«, wie ich sie von diesem Abend an für alle Ewigkeit nenne, sind ebenfalls Absolventen der Fakultät für Internationale Beziehungen. Nette junge Männer, nach Aliaksei die ersten authentischen Belarussen meines Alters, die ich treffe.

»Und, was hast du von unserem Land schon kennengelernt?«, fragen sie mich erwartungsvoll.

Ich muss gestehen, dass ich aus Minsk noch nicht herausgekommen bin und bei der nächtlichen Anreise im Zug geschlafen habe.

»Na, das geht aber gar nicht! Belarus hat viel zu bieten«, sagt der große Dima, gespielt entrüstet.

»Davon hört man bei uns im Westen leider nicht so viel. Ich hatte von Belarus bisher nur in Zusammenhang mit Wahlfälschungen gehört.«

Allgemeines Kopfschütteln, dann mischt sich Oleg ein. »So kann das nicht bleiben. Wusstest du, dass die erste Verfassung Europas in altbelarussischer Sprache geschrieben wurde? Das war das Statut des Großfürstentums Litauen von 1529.« Ich merke, dass ich es hier mit einem Haufen Juristen zu tun habe.

»Na ja«, schaltet sich Aliaksei ein. »Für dich als Politologin und Osteuropahistorikerin ist es sicher auch interessant zu erfahren, dass Belarus bis nach dem Zerfall der Sowjetunion – außer einer kurzen Phase 1918 – immer zu anderen Staatsgebilden gehörte.«

»Ich weiß«, gebe ich betont gelangweilt zurück und protze mit meinem Wissen: »Nämlich dem Großfürstentum Litauen, dem Zarenreich, der Sowjetunion. Immer an der Schnittstelle zwischen Ost und West. Immer mittendrin in allen Konflikten.«

Aliaksei ist beeindruckt. »Ach, da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht. Jedenfalls gibt es hier aus diesem Grund, wie du dir denken kannst, viele Einflüsse aus West und Ost, aus Europa und aus Russland. Es gibt einiges zu entdecken!«

»So, dann zeigt mir doch mal was, ich lasse mich gern von euch herumführen«, sage ich mutig.

»Das sollte kein Problem sein«, antwortet Aliaksei. »Meine Freunde und ich machen häufig Touren durch das Land, schauen alte Kirchen und Klöster an, Ruinen von Palästen und die vielen Seen. Wir nehmen dich bestimmt mal mit!«

»Demnächst steht wieder was an. Wenn du magst, kannst du mitfahren«, sagt der kleine Dima, der bisher schweigend zugehört hat.

Ich nehme diesen Vorschlag freudig an, sogar noch freudiger als den von Tatsiana, denn die Aussicht, mehr Zeit mit diesen offensichtlich gebildeten und höflichen jungen Männern zu verbringen, beschwingt mich sehr. Besonders, wenn ich an einen von ihnen denke.

Der Abend vergeht wie im Flug, und am Ende grinst Tatsiana listig und lädt Aliaksei ein, am Wochenende mit uns das Schloss in Mir zu besichtigen.

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