Italienische Literatur
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Das Geheimnis einer schlechten Erziehung

Edoardo Albinatis »Die Katholische Schule«

»Man könnte sagen, dass diese Geschichte niemanden interessiert, aber auch, dass sie uns alle angeht: Beides ist wahr. Mich zum Beispiel interessiert sie nicht mehr, sie hat mich nie interessiert, nicht einmal damals, als sie passiert ist. Und wieso schreibst du dann darüber?, könnte jemand von euch mit Recht fragen. Vielleicht weil ich genug über sie weiß – ist das eine Antwort, die man gelten lassen kann, jetzt zufrieden? Weil ich genug darüber weiß und weil ich glaube, sogar die Dinge zu wissen, die ich nicht weiß (denn dazu ist Schreiben nun einmal da…). Oder aber, weil ich vielleicht gar nichts darüber weiß und noch nicht genug davon habe? Oder weil der Moment gekommen ist, es zu tun, jetzt oder nie? Wann, wenn nicht jetzt? Mal ehrlich, vierzig Jahre sind genug, um es gut sein zu lassen. Ich schreibe denn auch nicht, um an diese Geschichte zu erinnern, sondern um sie zu versiegeln und für immer zu vergessen. Zumindest will ich das. Ich packe sie in dieses Buch, als würde ich sie begraben. Amen.«

aus »Die Katholische Schule«

Am 29.09.1975 - also heute vor 43 Jahren -, verübten ein paar ehemalige Schüler der Privatschule San Leone Magno, im gutbürgerlichen Quartier Trieste in Rom, eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Auch Edoardo Albinati ist damals auf diese Priesterschule gegangen. Am 29.09.2015 beendete er seinen Roman »Die Katholische Schule«... Gute vierzig Jahre lang hatte er das Geheimnis seiner »schlechten Erziehung« gehütet.

Aber nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins.

»Die Katholische Schule« erhielt 2016 den Premio Strega, die wichtigste literarische Auszeichnung Italiens.

Im Interview mit Verena von Koskull, der Übersetzerin von »Die Katholische Schule«, beantwortet Edoardo Albinati Fragen zur Entstehung dieses Romans, dem er zehn Jahre seines Lebens gewidmet hat.

Blick ins Buch
Die katholische SchuleDie katholische Schule

Roman

Eine Selbstbefragung à la Knausgård, ein Gedankenroman wie David Foster Wallaces Unendlicher Spaß– dieser Roman ist so komplex wie klug, so polemisch wie politisch, so bewegend wie bedeutend.Rom in den Siebzigerjahren, im gutbürgerlichen Quartiere Trieste ... Ein paar Ehemalige der Privatschule San Leone Magno begehen eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Edoardo Albinati ist damals auch auf diese Priesterschule gegangen. Vierzig Jahre lang hat er das Geheimnis seiner „schlechten Erziehung“ gehütet. Nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins. "Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichte, Gespenster, mein Schreiben ..." Edoardo Albinati
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ERSTER TEIL
CHRISTEN UND LÖWEN


KAPITEL I
Es war Arbus, der mir die Augen öffnete. Nicht, dass ich vorher nicht hingesehen hätte, doch konnte ich mir dessen, was ich sah, alles andere als sicher sein, vielleicht waren es Projektionen, um mir etwas vorzumachen oder mich zu beschwichtigen, und ich war unfähig, das, was sich mir tagtäglich bot und was man Leben nennt, in Zweifel zu ziehen. Einerseits nahm ich fraglos alles hin, was einem Jungen mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn und in den darauffolgenden Jahren widerfährt, die zum Abschluss jener »Phase« führen (es wird immer von einer »Phase« geredet, von einem »Moment«, egal, wie lange er anhält, von einem »heiklen Moment« oder gar von einer »Krise«, der jedoch weitere und nicht minder heikle Momente oder kritische Phasen folgen, immerfort und ohne Pause, bis man groß, erwachsen, alt und schließlich tot ist); brav ernährte ich mich von dem, was der Alltag mir wie jedem Heranwachsenden auf den Teller lud, von den Dingen, die einen beschäftigen, während man größer wird und sich entwickelt (»Entwicklung«, ein weiterer Schlüsselbegriff der Erwachsenen, um die Schlösser der Jugend zu knacken, das schwierige »Entwicklungsalter«, die »Persönlichkeitsentwicklung«, und dann dieser entsetzliche intransitive Ausdruck »er ist schon entwickelt«, der die genitalen Geheimnisse mit einem zähen Siegellack überzieht), und die, wenn auch in willkürlicher Abfolge, zum unvermeidlichen Menü eines Teenagers gehören: Schule, Fußball, Freunde, Hochs und Tiefs, alles garniert mit Telefonaten und Tankfüllungen und Mopedstürzen – wer kennt das nicht.
Andererseits verspürte ich den Stich eines Zweifels. War das das Leben? War es mein Leben? Musste ich etwas tun, um es zu meinem zu machen, oder wurde es mir einfach zuteil? Musste ich es mir erarbeiten oder verdienen? Vielleicht war es ein Provisorium und würde bald durch das endgültige Leben ersetzt. Doch wäre es dann an mir, es zu ändern, oder würde jemand anderes es tun? Ein äußeres Ereignis vielleicht? Das Leben kann außergewöhnlich oder normal sein. Zu welcher Kategorie gehörte meines? Ehe Arbus auf den Plan trat, kamen mir diese Fragen, die ich nun wenigstens in Worte fassen kann – auch wenn ich jeden Vorsatz aufgegeben habe, sie beantworten zu können – nicht im Entferntesten in den Sinn, sie lösten sich auf, ehe sie an die Oberfläche meines Bewusstseins drangen, und ließen lediglich ein kribbelndes Unbehagen zurück.
Allein von Bewusstsein zu sprechen ist eine Übertreibung.
Allenfalls von dem Gefühl, auf der Welt zu sein. Zu existieren.
Wer diese mich umgebenden, betörenden Bilder projizierte, war ein Magier, ein Genie. Das muss ich ihm lassen. Seiner Lampe entstiegen makellose, süße, bestechend klare Träume, durch die ich mich selbstvergessen, ja nahezu berückt bewegte. Ich war also tatsächlich glücklich oder unglücklich. Tief sog ich die geheimnisvolle Luft der um mich errichteten Kulissen ein, die, sobald ich sie durchschritten hatte, sogleich wieder abgebaut wurden. Irgendetwas ließ mich vermuten, früher oder später müsse etwas Entscheidendes passieren, das die unbedeutenden bisherigen Ereignisse, statt sie Stück für Stück zu erklären, mit einem unwiderstehlichen Faden zusammenheftete wie die Seiten eines Romans, die man gierig bis zur letzten umblätterte. Und so würde sich mein Leben wie auch das aller anderen, das einer Fiktion nur ähnelte, jedoch deren zwingende Folgerichtigkeit besaß, endlich wahr und real nennen können …
Es waren klare, wiewohl äußerst verstörende Momente – ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll –, in denen ich der Verwirrung, die mich ergriff, mit schmerzlicher Deutlichkeit gewahr wurde. Sie nahm mich vollständig in Beschlag, ohne Raum für irgendetwas anderes zu lassen – Ideen und Gedanken beispielsweise. Ich konnte nur fühlen, sonst nichts. Ich spürte den Fluss des Blutes, das sich in meiner Brust staute, mein schmerzhaft geschwollenes Herz sozusagen, das wirklich richtig wehtat, als wollte es, um es im Stil altmodischer Romane auszudrücken, zerspringen, doch besaß dieser Schmerz eine eigentümliche Süße, die ebenso seltsam war wie alles andere.
Arbus war seit der Sechsten in meiner Klasse, doch bemerkte ich ihn erst gegen Ende der Sekundarstufe, einen Monat vor den Prüfungen …

Schüler hinken per se hinterher. Ausnahmslos alle. Die Lehrer übrigens auch, sie schaffen es nicht, den von ihnen erstellten Lehrplan einzuhalten, und geben dafür ihren Schülern die Schuld, was zugleich richtig und falsch ist, denn säßen in ihren Klassen nur kleine Genies, würden die Lehrer trotzdem hinterherhinken, und sei es nur um eine Seite, eine Zeile, einen Millimeter. Scheitern und Verzicht sind ihr Schicksal: Wie sollte es auch anders sein, wenn man beispielsweise den ganzen Kant im vorletzten Oberstufenjahr durchnehmen will. Es gibt keine vernünftige Erklärung dafür, und so muss man sich mit dem nebulösen Ausdruck »so ist es eben« behelfen. Ziele werden gesteckt, um nicht erreicht zu werden, es liegt in der Natur des Mittelpunktes, ihn zu verfehlen, weil die Kräfte unterwegs nachlassen, weil das Ziel sich unmerklich nach hinten verschiebt, weil die ursprünglichen Vorsätze zu optimistisch, vermessen oder abstrakt, die Hürden höher als gedacht sind oder weil es wegen Unwetter, Krankheit, Streik oder Wahlen zu überraschend vielen Ausfällen kommt. Ich weiß nicht, aus welchem Fachgebiet er kam oder worauf sich seine Erkenntnisse stützen, aber irgendein Forscher hat einmal errechnet, dass jedes Projekt durchschnittlich ein Drittel mehr kostet als ursprünglich vorgesehen und die dafür veranschlagte Zeit um mindestens ein Drittel überschritten wird. Das scheint eine unumstößliche Tatsache zu sein. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, die sich dieser eisernen Verzögerungsregel entziehen, und zu denen gehörte Arbus.

Arbus, mein Freund, alte Fischgräte. Du warst so dürr, dass man, wenn du so tatst, als würdest du Volleyball spielen, um in Sport keinen Sechser zu kriegen, beim Anblick deiner Ellenbogen Gänsehaut bekam. Vor Mitleid oder Abscheu. Ganz zu schweigen von deinen Schultern und Knien, die so spitz waren, dass sie sich fast durch das Gewebe deines schwarzen Trainingsanzugs mit den limonengelben Streifen bohrten, den du auch im Mai und selbst im Juni noch tragen durftest, um deine anfällige Gesundheit zu schützen. Du konntest noch so sehr tun, als würdest du dich aufs Spiel konzentrieren, alle wussten, dass, wäre der Ball zufällig in dem kleinen Eckchen Spielfeld gelandet, in das wir dich verbannt hatten, damit du der Mannschaft möglichst wenig schadest, du ihn nicht einmal kommen gesehen hättest, weil du dich in der Zwischenzeit in die Betrachtung der Sporthallendecke vertieft hättest, als wolltest du errechnen, wie viel Beton es brauchte, um sie zu stützen. Und hättest du, aufgeschreckt durch unser Geschrei, im letzten Moment doch bemerkt, dass du spielen musstest (Volleyball ist ein hysterischer Sport, bei dem es auf winzige Momente ankommt, auf die höchstens fünf Sekunden unverhofften Ballkontakt, die man pro Spiel hat), Mach, Arbus! Komm schon!! Arbus, Scheiiiiße!!, hättest du mit deinen schlaksigen Gliedmaßen herumgerudert in dem undefinierbaren Versuch, den Ball mit hochgerissenen Armen abzuwehren, von unten zu nehmen oder gar aufzufangen, was man instinktiv tut, wenn unversehens etwas auf einen zusaust. Und tatsächlich war genau das deine häufigste Reaktion, du fingst den Ball auf und drücktest ihn mit einem kleinen, verwirrten Grinsen an die Brust, als würdest du bei deinen Mitspielern nach Anerkennung suchen und, bestätigt von ihrem genervten Chor »O neeeee, Arbus, was soll der Scheiß!?«, im selben Moment kapieren, dass du dir den x-ten Patzer geleistet hattest. Es passierte ziemlich oft, dass dein Gesichtsausdruck mit deinen Gedanken und Gefühlen nicht im Einklang stand. Du lächeltest, während die anderen dich beschimpften.
Das Großartige an Arbus war, dass er sich nicht unterkriegen ließ, die Dinge perlten an ihm ab. Andere hätten so viel Spott und Häme nicht so gut ertragen, sie hätten ihren Klassenkameraden den Ball an den Kopf geworfen, wären auf sie losgegangen oder hätten wegen ihrer offensichtlichen Unfähigkeit losgeflennt wie sogenannte Weicheier. Wie oft habe ich mich wechselweise zu solchen Reaktionen hinreißen lassen, weil ich es einfach nicht ertrage, dem Urteil anderer ausgesetzt zu sein, es macht mich unwillig und aggressiv, selbst wenn es nett gemeint ist, von Kritik ganz zu schweigen. Doch Arbus habe ich nie bedripst oder getroffen gesehen. Jeder andere hätte in solchen Situationen gelitten und sie als demütigend empfunden, doch Arbus blieb seelenruhig, als wäre ihm alles völlig schnuppe, und selbst wenn dem nicht so war, ließ er sich nichts anmerken, seine Miene verharrte in einer Art Begriffsstutzigkeit, die mit dem rasanten Tempo seines Verstandes nicht mithalten konnte. Er brauchte ewig, bis es bei ihm Klick machte und ein Gesichtsausdruck den anderen ablöste. Aber offenbar war Arbus nun einmal so, er schien aus Einzelteilen zu bestehen, die nicht zueinanderpassten: ein brillantes Hirn, ein kaltes Herz, ein Gesicht, dessen Mimik zu schwerfällig war, um sich den Gegebenheiten anzupassen, und dessen Ausdruck deshalb oft aufgesetzt und daneben wirkte (was ihm, wie sich noch zeigen wird, eine Menge Ärger mit seinen Mitschülern, Lehrern und anderen Respektspersonen einbringen sollte, die seinen Ausdruck für frech und anmaßend hielten, während das, was er sagte, vernünftig und respektvoll klang oder umgekehrt).
Und dann war da natürlich sein völlig unkoordinierter Körper. Arbus war groß und mager, sein leicht slawisches Gesicht war von langen, schwarzen, fetttriefenden Haarsträhnen gerahmt, seine dicken Lippen waren zu einem kleinen, nervigen Dauergrinsen verzogen, und sein hochintelligenter Blick versteckte sich hinter einer Brille, die dem irren Wissenschaftler aus Science-Fiction- oder Spionagefilmen alle Ehre gemacht hätte, mit flaschenbodendicken Gläsern, die die Augen riesenhaft verzerren, erst recht so wässerig blaue, wie es die von Arbus waren und noch immer sind, denn Arbus lebt, da bin ich mir sicher, ich habe Beweise, auch wenn ich nicht weiß, wo er wohnt und was er macht.

So blitzschnell, wie er lernte (um etwas zu begreifen und den theoretischen Stoff in den Aufgaben anzuwenden, brauchte er halb so lang wie ich und ein Viertel oder ein Zehntel so lang wie die anderen), verlernte er auch wieder. Das heißt nicht, dass er es vergaß, er wandte sich lediglich etwas Neuem zu. Kaum hatte er etwas begriffen, wurde es mit einem Schlag uninteressant. Am Ende des Schuljahres entleerte er sich, um Neues aufnehmen zu können. Wer Theorien verschlingt, scheidet sie wieder aus. Sie hinterlassen unsichtbare Spuren im Hirn, als wollten sie es weiten, um für den Durchzug neuer, komplexerer Strukturen Raum zu schaffen. Eine so schnelle Auffassungsgabe hat es nicht nötig, Wissen einzulagern.
Schon in der Mittelstufe verblüffte Arbus die Priester und uns, wenn er nach vorne ging und sämtliche Beweisschritte eines erst wenige Minuten zuvor erklärten Lehrsatzes fehlerfrei an die Tafel schrieb. Er zeichnete Diagramme und ließ die Körper rotieren, als würde er sie tatsächlich von allen Seiten zugleich betrachten – von wegen Kubismus! Kaum hatte er aufgehört, die Kreide mit nervösem Klackern und ohne ein einziges Mal innezuhalten, über die Tafel quietschen zu lassen, stand er reglos mit hängenden Armen da, das Gesicht halb hinter den Haarsträhnen verborgen, und stierte stumm ins Leere, als bräuchte er weitere Anweisungen, um sich zu rühren oder etwas von sich zu geben. Wie ein Roboter, den man bis zum nächsten Kommando auf Stand-by geschaltet hat. Doch lag darin weder Langeweile noch Ungeduld, sondern allenfalls das Gegenteil, nämlich Gleichgültigkeit. Schließlich war das Problem gelöst, was gab es dem noch hinzuzufügen? Da wir anderen bei der ersten Ausführung unseres Mathematiklehrers nicht das Geringste begriffen hatten, verriet uns nur das Staunen auf dessen spitzem Gesicht, dass Arbus alles richtig gemacht hatte. Besonders erfreut schien der Priester darüber nicht zu sein. Diese Mühelosigkeit konnte einen fast glauben lassen, die Arbeit des Lehrers sei überflüssig. Menschen wie Arbus konnten gemütlich zu Hause bleiben, auf dem Bett herumlümmeln und ein halbes Stündchen im Schulbuch blättern, und schon hatten sie den Stoff eines ganzen Monats intus. Ob sie in die Schule gingen oder nicht, machte letztlich keinen Unterschied.
Vielleicht wäre es naheliegender gewesen, den Klassenletzten, den Krawallmacher oder den chronischen Sitzenbleiber über Arbus und seine Geschichte des erkannten Genies schreiben zu lassen, um den Kontrast besonders deutlich zu machen. Stattdessen werde ich sie schreiben, klug, begabt, wenn auch nicht so begabt, und vor allem zu farblos, um mich wirklich hervorzutun, genau wie diese jungen Tennisspieler mit der fantastischen Rückhand, denen Experten eine strahlende Zukunft prophezeien und für deren legendäre Erfolge man die Hand ins Feuer legt, doch weil ihnen irgendetwas fehlt, vergeht Jahr um Jahr ohne einen einzigen bedeutenden Turniersieg. Was fehlt ihnen? Der Biss? Der Mut? Die Ausdauer? Die Eier? Der Killerinstinkt? Wie wollen wir diese unsichtbare Gabe nennen, ohne die alle sichtbaren Stärken wenig nützen? Nicht von ungefähr gibt es den Ausdruck »Klassenprimus«, vom Klassenzweiten, -dritten oder -fünften ist dagegen nie die Rede, also von Zipoli und Zarattini, von Lorco und mir, die aufgrund einzelner Leistungen im Ranking auf- oder abstiegen, es in die Top Ten der Streber schafften oder rausflogen, ohne dem Topgesetzten Arbus, dem unangefochtenen Champion in jeder Disziplin, trotz der sporadischen Treffer, die wir mit abgeschriebenen Hausaufgaben oder bei mündlichen Tests landeten, weil wir rein zufällig zum einzigen Thema befragt wurden, das wir gelernt, oder zum letzten, das wir noch im Kopf hatten, auch nur ansatzweise gefährlich zu werden. Daher unsere unvermeidlichen Aufs und Abs. Arbus’ Noten hingegen waren rundweg beeindruckend, seine Ergebnisse bewegten sich immer im obersten Viertel, und häufig waren die Lehrer gezwungen, mit dem großen, alten Schultabu zu brechen – der Eins plus, der Zensur, die so viel heißen sollte wie: Vollkommenheit. Allein die Vorstellung, sie ins Klassenbuch zu schreiben, stürzte die Lehrer in Gewissenskonflikte, und tatsächlich passte sie nicht einmal in das dafür vorgesehene Kästchen. Doch selbst die Reaktionärsten unter ihnen, die auf das Argument pochten, »Wenn ich dir eine Eins plus gebe, was würde ich dann Manzoni geben?«, mussten einsehen, dass es einfach unmöglich war, Arbus nicht die Bestnote zu geben, egal, ob man sich in Spitzfindigkeiten und astronomische Vergleiche mit altchinesischer Sternkunde oder Descartes verstieg. Ich selbst war nie einer von denen, die nächtelang über den Büchern hockten, doch Arbus war es noch viel weniger, und ich könnte schwören, dass er zu Hause keinen Strich für die Schule tat. Lernen ist sowieso öde.

Erst sehr viel später sollte ich herausfinden, dass eines der wenigen Dinge, mit denen sich Arbus ernsthaft und systematisch befasste, die unterschiedlichen Arten des Tötens waren. Ich weiß nicht, woher diese schräge Leidenschaft rührte, war er doch der sanftmütigste und harmloseste Kerl, den man sich vorstellen konnte; zumal in jenen Jahren, die, wie wir im Laufe der Geschichte feststellen werden, von einer eigentümlichen Vorliebe für gewaltsame Unterdrückung nicht nur durch diejenigen geprägt waren, von denen man sie traditionsgemäß erwartet, also durch die Reichen (qua ihrer Stellung), die Armen (um zu überleben) und die Kriminellen (weil ihre Veranlagung oder der Beruf es mit sich bringen), sondern auf punktuelle, individuelle und persönliche Weise durch alle. Zwar hätte man Arbus weder aggressiv noch gewalttätig nennen können, doch schon damals (auch wenn ich es erst sehr viel später, gegen Ende der Gymnasialzeit, erfuhr) hegte er ein ausgeprägtes Interesse für Tötungen jeder Art und mit jeglichen Mitteln und Waffen, vor allem für den Krieg, der in puncto Quantität und Vielfalt des Tötens die größte Bandbreite liefert, aber auch für Ritual- und Opfermorde, Tötungen aus Notwehr oder Rache oder bei Gangsterfehden oder um einen lästigen Ehemann oder eine untreue Ehefrau loszuwerden oder aus schierer Grausamkeit oder zur gewissenhaften Vollstreckung eines Todesurteils. Wo immer ein Mensch aus welchem Grund oder Zweck auch immer einem anderen Menschen das Leben nahm, war Arbus’ Interesse geweckt. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass mein Klassenkamerad sich auch für das extreme Gegenteil interessierte (offensichtlich zogen Gegensätze ihn an), nämlich dafür, wie man es schafft zu überleben.
In der Kindheit sind Morde ohnehin allgegenwärtig, zwar meist nur im Spiel, doch macht sie das nicht weniger grausam. Jedes Mal murksten wir einen Haufen Gegner ab, und fast immer mussten wir irgendwann selbst dran glauben. Die Geschichte verlangte danach. Wohl kaum eine Szene habe ich im Leben öfter gemimt als den Revolverhelden, der sich, von einer Kugel getroffen, zusammenkrümmt. Es gab unzählige Arten und Geschwindigkeiten zu fallen, mit angezogenen Beinen, taumelnd, die Hände gegen die Brust gepresst oder mit auseinandergerissenen Armen, und dazu das Hinstürzen oder rücklings Umkippen, gefolgt von Zuckungen und dem letzten Versuch, den Schuss zu erwidern, ehe man sein Leben aushaucht. Mit vor Blut und Staub vernebeltem Blick war es schwer, richtig zu zielen, und oft ging der Treffer ins Leere. Dem Schicksal des Spiels entkommt man nicht. Die Hand fiel kraftlos zu Boden, und nach einem letzten Zucken erschlafften die zu einer Pistole geformten Finger für immer. Wir haben Ströme von Blut vergossen, allen voran unser eigenes, es war eine echte Schule fürs Leben, und bei Lichte besehen, ist es einigermaßen verwunderlich, dass nur so wenige aus dem Spiel Ernst gemacht und damit echte Opfer gefordert haben. Nach all den Büchern, Filmen und Spielen, die sie verherrlicht, und all den Darstellungen im Fernsehen, die uns jahrzehntelang mit ihr gefüttert haben, ist es schon erstaunlich, wie selten man tatsächlich zu Gewalt neigt. Mit zwölf Jahren hatte ich bereits Tausende Menschen umgebracht oder sterben sehen. Ich hatte an Schießereien und Beerdigungen teilgenommen und Blutbäder angerichtet. Heutzutage reichen dazu schon ein paar Sessions eines x-beliebigen Videospiels, und man schickt die im Gestrüpp lauernden Drecksäcke allesamt »zur Hölle«. Man bläst sie vom Bildschirm. Die Feinde haben sich verhundertfacht, und die Instrumente, um sie zu zerstören, sind perfekter denn je.
Ich weiß nicht, ob sich der erwachsene Arbus je diesen hyperrealistischen Spielen gewidmet hat, die höchste Wahrscheinlichkeit mit höchstem Irrwitz verbinden. Vermutlich würde ihm diese abstrakte, überwältigende und dennoch gefühllose Computerwelt gefallen. Ich hatte immer den Eindruck, Arbus’ Leben würde nur in seinem Kopf stattfinden und deshalb keine Grenzen kennen. In den verborgenen Verknüpfungen seines Hirns nahmen die Dinge Gestalt an. Und zwar sämtliche Dinge. Hätte es den Begriff damals schon gegeben, hätte man tatsächlich sagen können, mein Freund lebte in einer virtuellen Welt. Im schützenden Kokon seiner Intelligenz spielte sich sehr viel mehr ab als in der Alltagsroutine des hochbegabten Jungen, dessen Tagesablauf nur Schule, Klavierstunden und Rückengymnastik an mit Riemen und Eisenfedern gespickten Geräten kannte, die an Folterinstrumente erinnerten und verhindern sollten, dass seine zu schnell gewachsene Wirbelsäule sich verkrümmte. Womit wir wieder bei der Entwicklung und ihren Nebenwirkungen wären. Ein unkontrollierbares und nicht sonderlich begeisterndes Phänomen, das sich allenfalls in einer Markierung an der Wand niederschlägt, die zwölf Zentimeter über der vom vergangenen Jahr liegt. Na toll. Doch in Arbus’ Kopf gab es genug Platz für alle erdenklichen Themen und Abenteuer, nichts wurde von vornherein als zu schwer, zu abwegig, zu gefährlich oder zu gewagt ausgeschlossen. Arbus’ Verstand war hemmungslos, machte vor nichts halt, kannte keine Grenzen und überwand sie, ohne es überhaupt zu merken. Für ihn war alles vorstellbar, selbst das Entsetzlichste.
Ich weiß noch, wie wir im Unterricht einen Schriftsteller durchnahmen, der als eine Art makabren, todernst formulierten Scherz (ob er es ernst meinte oder nicht, war nicht ganz klar) den Vorschlag gemacht hatte, Kinder an das hungernde Volk zu verfüttern. Bekanntermaßen erscheint das, was einem in der Schule geboten wird, allen voran die humanistischen Fächer, auf den ersten Blick zumeist sinnlos, übertrieben oder absichtlich provokant. »Die spinnen doch«, möchte man jedes Mal sagen, wenn es um eine philosophische oder literarische Strömung oder um Geschichte geht: Der Pharao, der das Meer auspeitschen ließ, die Zirbeldrüse, die Theorie, dass eine Katze zugleich lebendig und tot sein kann, Astolfos Ritt zum Mond, wo das Hirnschmalz der Wahnsinnigen in Ampullen aufbewahrt wird, ein Mumienchor, der um Mitternacht singt, die Monaden »ohne Türen und Fenster« und dann der große Politiktheoretiker, der behauptet, man solle seine Feinde zum Abendessen einladen und anschließend erdrosseln … Hoch angesehene Persönlichkeiten, die sich eine nach der anderen aufhängen, ihre Kinder fressen, die Mutter vögeln oder sich vergiften, weil sie glauben wiederaufzuerstehen, das Mehr und das Weniger, die Letzten werden die Ersten sein, Leben und Tod sind das Gleiche und so weiter und so fort.

Als der Lehrer uns erklärte, der Verfasser des makabren Vorschlages sei derselbe, der Gullivers Reisen geschrieben hatte, war uns klar, dass der Typ sowieso gern dick auftrug, und mit der gewohnten Dosis Skepsis, die man sich als Schüler gegen die x-te abgedrehte These verabreicht, beruhigten wir uns wieder. Der Einzige, der diese Überlegung vernünftig, wenn auch schwer umsetzbar fand, war natürlich Arbus. Am Ende musste er zugeben, dass sie abwegig war, allerdings nur aus hygienischen Gründen.

Wir waren ziemlich fantasielose Träumer. Die größten Anregungen lieferten das Fernsehen und schmutzige Witze, deren Hintersinn ich zugegebenermaßen nur selten begriff. Ich lachte und tat so, als hätte ich sie geschnallt, dabei hatte ich nur geschnallt, an welcher Stelle man lachen musste. Wie die vollständige Nacktheit gibt es auch den vollständigen Sinn. Ich erahnte ihn allenfalls und hoffte, mit meiner Ahnung richtigzuliegen. Meine einsamen Bemühungen, mir auf das Unbekannte einen Reim zu machen, führten zu kuriosen Entdeckungen und haarsträubenden Missverständnissen, von denen einige bis heute nicht richtiggestellt wurden. Erotische und wissenschaftliche Autodidaktik gehen Hand in Hand. Weil mir meine Unwissenheit peinlich war und Nachfragen noch peinlicher, wusste ich mit zwölf beispielsweise nicht, was das Wort »Präservativ« bedeutete, und einen ganzen Sommer und Herbst hindurch war ich überzeugt, es handele sich um eine Art Schmiermittel, das wie Nasentropfen in kleinen braunen Fläschchen aufbewahrt wurde. Was genau man damit anstellte, war mir schleierhaft. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Schlussfolgerung gekommen war. Einige Schulkameraden waren auf diesem Gebiet ein ganzes Stück weiter und hinkten dafür auf anderen hinterher. Die Jugend vollzieht sich im Zickzack, man könnte sogar sagen, jenes Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren hat nichts mit dem zu tun, was man sich gemeinhin darunter vorstellt; es versammelt die unterschiedlichsten Verhaltensweisen und Erfahrungen und vor allem physische Körper jeder Größe und Beschaffenheit und jeden denkbaren und undenkbaren Geschlechts, die nur während der Pubertät existieren, Komponenten, die nichts miteinander zu tun haben und das genaue Gegenteil voneinander sind, der reinste Widerspruch, weshalb ein barbarischer Geist jene Jahre beseelt, und die löcherig gewordene Fantasierüstung aus Kindertagen wird mit Bruchstücken einer Zukunft geflickt, die man sich immer futuristischer ausmalt, als sie tatsächlich sein wird.
Jedes Spiel verlangte nach Preisen und vor allem nach Strafen, für gewöhnlich gibt es am Ende einen Preis für einen Gewinner und dazu haufenweise während des Spiels erteilter Strafen, damit möglichst jeder was abbekommt, und so wartet jeder Lebensabschnitt mit eigenen Bestrafungen auf: Das, was uns gerade am wichtigsten ist, wird uns weggenommen, und das, was uns die größte Angst oder Peinlichkeit bereitet, piesackt uns so lange, bis es unter allgemeinem Gelächter an die Oberfläche kommt. Man »zahlt Pfand« und tut Buße. Demütigung kann eine Strafe sein, der Schlag ins Gesicht, wenn einem das Geld für den Pausensnack geklaut oder man gezwungen wird, Oboe zu lernen; und mit den Sexspielchen gehen natürlich die sexuellen Strafen los, von denen die übelste die Ausgrenzung ist. Die Zurückweisung, und mag sie noch so liebenswürdig sein. Das ist wahrlich noch schlimmer als das zwanghafte Dazugehören. Vielleicht versuchte ich deshalb, mit den Versautheiten Schritt zu halten, mit der eher verbalen denn visuellen Pornografie, auch wenn das bedeutete, mir auf alles selbst einen Reim machen zu müssen. Auf die Stadien und Techniken. Auf das Geheimnis, das sich in den Sexbeilagen verbarg, die in die Zeitschriften eingeschweißt waren, damit kleine Jungs am Kiosk nicht die Nase hineinsteckten. Gott, was waren wir ahnungslos und unterentwickelt! Die ganze Welt hatte sich verschworen, um uns in diesem Zustand zu halten, und die Priester, unsere archaischen Lehrer, waren am Ende die Einzigen, die etwas unternahmen, um uns aus diesem Limbus zu retten. Und zwar mit allen Mitteln.

»Keiner rührt sich! Wer hat euch das Präservativ gegeben?«
Er hatte tatsächlich »Präservativ« gesagt, im Singular. Ich hatte geglaubt, es handelte sich um eine Arznei oder immerhin – wer weiß, wieso – um eine Flüssigkeit, um den wertvollen oder gefährlichen Inhalt eines Fläschchens, den man mit der Pipette dosierte wie ein Gift, wie Opium vielleicht. Als ich später ohne nähere Erklärungen erfuhr, dass es sich um ein Mittel zur Empfängnisverhütung handelte, und trotzdem grundlos an der Vorstellung festhielt, es müsse flüssig sein, stellte ich mir vor, man trüge es tröpfchenweise auf den Schwanz auf …

Sollte ich Arbus’ Geschichte von Anfang an erzählen, käme ich in ernste Schwierigkeiten, denn wie bereits erwähnt, war er in der Klasse lange Zeit so unauffällig wie ein Stein in der Wüste. Starr, gelblich, geradezu leblos. Eher Reptil als Stein. Dank seiner Mimikry blieb er fast die gesamte Mittelstufe gänzlich unbemerkt. Doch als er nach und nach populär zu werden begann (damit wir uns richtig verstehen: relativ populär, denn ehrlich gesagt, war Arbus in der Schule nie beliebt, sondern eher das Objekt voyeuristischer Neugier, über das man tuschelte und das man wie ein Phänomen gleichsam ehrfürchtig aus der Ferne betrachtete), als Arbus also aufgrund seiner unglaublichen intellektuellen Fähigkeiten berühmt wurde, ging es mit den Legenden und hyperbolischen Sprüchen los, nach dem Motto »Arbus kennt keinen Anfang und wird kein Ende haben« oder »Er ist das Wort«, und nach den ersten Philosophiestunden wurden die Lehrsätze aus dem Schulbuch auf ihn übertragen, was sie übrigens endlich verständlich machte. Der des »unbewegten Bewegers« von Aristoteles passte beispielsweise wie die Faust aufs Auge und veranschaulichte die Vorstellung einer unerschütterlichen Macht perfekt. Normalerweise hielten sich die Lehrer nicht damit auf, ihn aufzurufen, weil er sowieso die richtige Antwort wusste. Die wenigen Male, die er drankam, gab es immer jemanden, der aus den hinteren Reihen ein feierliches »Ipse dixit« nachschob. Außerdem bekam er die absurdesten Spitznamen verpasst, vornehmlich Begriffe aus dem Griechischen oder Fremdwörter, und so wurde er, jeweils passend zum Lehrplan, Apeiron, Mantisse, Gnomon, Mumie und Synapse genannt.
Pennälerhumor ist (oder war) nie besonders geistreich. Er ist fantasielos und schöpft fast ausschließlich aus dem, was er direkt vor der Nase hat, also aus den Schulbüchern und dem Unterricht. Er schrumpft das Universum auf die Größe eines Bignamino-Heftchens zusammen und versucht beharrlich, es noch weiter einzudampfen und zu miniaturisieren, mit dem gleichen lächerlichen Perfektionstrieb, mit dem manche Schüler vor einer Klassenarbeit ganze Kapitel in mikrometerkleinen Buchstaben auf winzige Zettelchen schreiben, die in das Röhrchen eines BIC-Kulis passen. Eine Technik wie aus einem Spionagethriller, die so aufwendig ist, dass es schneller wäre, die Kapitel einfach zu lernen. Das Ergebnis waren Reime und platte Witzchen. »Der Sophokles, der kneift ganz kess Euripides ins Prachtgesäß …« (Eselsbrücken haben immer diesen angestaubten, biederen Ton) »›Du irrst, mein Guter!‹, sagt indes der weise Mann Thukydides, ›denn keiner hat ’nen Arsch so groß wie unser Freund Aischylos.‹« Derselbe Blödsinn, den schon unsere Väter genauso dämlich kichernd aufgesagt haben. »Dies ist Lavinia, deine Braut/ die Maid ist ordentlich versaut.«
Zu Arbus’ und meiner Zeit war Schule in vielerlei Hinsicht noch wie nach dem Krieg (wie lange hat diese elende Nachkriegszeit eigentlich gedauert, und vor allem, wann war sie endlich vorbei?), und sie sollte sich vor unseren Augen, besser gesagt, unter unseren Füßen verändern: Als wir in die Schule kamen, sah es aus, als würde sie auf alle Ewigkeit so bleiben, und als wir sie verließen, hatte sich alles verändert, die Welt, die Schule und natürlich wir; doch auch die Priester, die sie führten, waren nicht mehr dieselben, sie waren nicht mehr die ausgemergelten Betbrüder, die aussahen wie spanische Märtyrer, in deren Blicken ein unergründliches Feuer glomm. Sie hatten sich womöglich am meisten verändert. Nur die Soutane blieb die Gleiche.

Unsere Schule, das Istituto San Leone Magno, war eine katholische Privatschule mit monatlichem Schulgeld, an der vor allem in den Grundschulklassen fast ausschließlich Priester unterrichteten. In der Mittel- und Oberstufe nahm die Zahl der weltlichen Lehrer zu, und in den letzten Klassen waren sie in der Mehrheit. Man könnte daraus schließen, dass die Priester nur für die Vermittlung einfacher Grundfächer taugten (Lesen, Schreiben, Rechnen), oder aber, dass sie sich auf die ersten Schuljahre konzentrierten, weil diese in jeder und nicht zuletzt in religiöser Hinsicht, was ihnen und den Schülerfamilien (nicht allen, wie man sehen wird) besonders am Herzen lag, die entscheidendsten sind. Vermutlich trifft beides zu. Die Schule befand und befindet sich noch immer in der Via Nomentana auf der Höhe der Kirche Santa Costanza, also am östlichen Rand des Quartiere Trieste, wo die lange, baumbestandene, vor Verkehr und Romantik brodelnde Via Nomentana verläuft, die an der Porta Pia, dem Einfallstor der Bersaglieri, endet. Die wesentlichen Ereignisse dieser Geschichte sollten sich in dem Geviert zwischen Via Nomentana, Tangenziale Est, Via Salaria und Via Regina Margherita abspielen. Inzwischen wurde die Schule aus ökonomischen Gründen oder wegen zu geringer Schülerzahlen, was das Gleiche ist, teilweise umgewidmet und verkleinert, und in den direkt an der Nomentana gelegenen Gebäuden, in denen damals die Gymnasialklassen untergebracht waren, befindet sich heute eine Universität, von der ich, ehe ich das Schild am Tor gesehen habe, das nur wenige Schritte neben dem Eingang des von mir mehrmals wöchentlich genutzten Schwimmbades liegt, noch nie etwas gehört hatte. Aber in der Zeit, in der sich diese Geschichte zuträgt, galt das SLM als hochmoderne Schule.


KAPITEL II
Manche behaupten, der Kult der Jungfrau Maria sei ein archaisches Überbleibsel der einst mächtigen matriarchalen Religionen, die die männlichen Gottheiten dominierten und ihnen den Aufstieg verwehrten. Andere sehen in ihm die ebenso symbolische wie wirkungsvolle Reduzierung der Frau auf ihre ausschließliche Rolle als Mutter, Herzensmutter, Schmerzensmutter. Wieder andere deuten ihn als das einzige wertvolle Zugeständnis eines durch und durch männlich geprägten, von Vater, Sohn, Propheten und Patriarchen beherrschten Monotheismus an die Weiblichkeit und ihren entscheidenden Anteil daran, dass die Welt nicht nur existiert, sondern menschlich und bewohnbar ist – man könnte also sagen: Ein Glück, dass es unter all diesen krakeelenden Bartträgern eine Frau gibt. Immerhin. Um die Schande, die ihre Stammmutter über ihr Geschlecht gebracht hat, wettzumachen. Aus all diesen Gründen hatte sich die Ordensgemeinschaft des SLM der Jungfrau verschrieben, und zudem lag es natürlich nahe, dass über die schulische Erziehung kleiner und großer Jungs eine Mutter wachte, die schönste, einfühlsamste, langmütigste und nachsichtigste Mutter von allen, die jedoch (wie das herrliche Bild La Vierge corrigeant l’Enfant Jésus von Max Ernst zeigt) im Bedarfsfall auch züchtigen konnte, wiewohl gänzlich lauteren Herzens. Es ist schwer vorstellbar (obgleich die pädagogischen Strömungen, die in jenen Jahren ihren Anfang nahmen und zu einer allgemeinen Selbstverständlichkeit geworden sind, das exakte Gegenteil behaupten), dass Erziehung ohne Strafe auskommt. Unabhängig von ihrer Angemessenheit und der durchaus fraglichen abschreckenden Wirkung liegt ihr Zweck nämlich darin, im zu Recht oder Unrecht Bestraften einen leistungsfördernden Unmut zu wecken. Strafen sollen den Widerstand herausfordern und stärken, statt ihn zu brechen. Wer unter ihnen einknickt, lässt sie zu sinnlosen Demütigungen werden, über die man sich lustvoll beklagen kann. Allen anderen sind sie Prüfungen, die es zu bestehen gilt, Herkulesaufgaben, die Kräfte freisetzen, von denen man ungläubig feststellt, dass man sie besitzt und nutzen kann. Erst die Auflehnung gegen Strafe bringt die Kraft, die Intelligenz und den Stolz in Wallung, die sonst ungeahnt in einem schlummern. Es wird gern unterschätzt, dass die Moral der Moral vorausgeht, auch wenn sie sich gänzlich mit ihr identifiziert, und dass zu ihren Gemeinsamkeiten der durch Unterdrückung hervorgerufene Unwille gehört. Er ist eine einfache chemische Seelenreaktion. Weder Revolutionäre, Patrioten und Wissenschaftler noch einfache Bankangestellte, Krankenschwestern, Anwältinnen und Hautärzte würden es je zu etwas bringen, wenn sich ihnen nicht hin und wieder jemand in den Weg stellen und sie wie beim Gänsespiel aus zumeist fadenscheinigen, läppischen Gründen zurück auf Los schicken würde. Eine Initiation muss zumindest in Teilen schmerzhaft sein.

Die Priester des SLM waren mit den Tugenden der Jungfrau Maria bestens vertraut und wussten sie bei ihrer Lehrtätigkeit, zu der sie sich berufen sahen, fruchtbar zum Einsatz zu bringen. So, wie es Ritterorden und Bettelorden gibt, gab es die Ordensbrüder des SLM, deren Mission das Unterrichten war. Natürlich war es eigenartig, dass die Lehren der Schutzheiligen von einer durchweg männlichen Gemeinschaft praktiziert wurden und dass die Empfänger dieser liebevollen Zuwendung ebenfalls ausschließlich männlich waren. Lehrer und Schüler des SLM, allesamt männlich, mit einer einzigen großen Mutter und Königin: eine Art Bienenstock. Wie emsige Gärtner, die Kürbisse und Tomaten züchten, hatten sich die Priester zum Ziel gesetzt, junge Menschen zu formen und sie dann zu guten Christen heranreifen zu lassen; schon das erste Ziel war alles andere als leicht, das zweite, das bei der Gründung des Ordens im Jahr 1816 noch selbstverständlich erschienen sein mag, war im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden, und in der Zeit, in der sich diese Geschichte zuträgt, hatte sich der Ausdruck »guter Christ« in ein Fremdwort verwandelt, das jeder nach Gutdünken interpretierte und ihm einen psychologischen oder politischen Beiklang verpasste – der Papst meinte dies, die Gläubigen meinten das, sogar die Sünder konnten sich mit Fug und Recht gute Christen nennen, vielleicht die besten, immerhin waren sie der Rohstoff, der sprudelnde Quell des Christentums, die jüngste Generation verlorener Söhne und bußfertiger Magdalenen, eine wahre Brutstätte, die man hegen und schließlich erlösen musste, und dieser letzten Kategorie wurden die Schüler des SLM immer ähnlicher: kleine Sünder in spe.
In der westlichen Tradition geht man davon aus, dass Maria nicht gestorben, sondern tief eingeschlafen ist und das weltliche Leben auf diese Art verlassen hat.

Ich weiß es einfach nicht – mir ist noch immer nicht klar, was ich von den Priestern halten soll. Was ich ihnen gegenüber empfinde. Ich bin zutiefst hin- und hergerissen.
Ich erkenne an mir so einiges, um nicht zu sagen vieles, das ganz schön priesterhaft ist, angefangen bei den Schuhen, diesen schwarzen, schmalen, glattledernen Schnürschuhen, die ich mir schon immer und immer gleich kaufe und die mit einem »Na, hast du dir mal wieder Priesterschuhe gekauft« quittiert werden, oder die Sandalen, ganz genau, Sandalen, die gerade so angesagt sind und als geschmackloser Abklatsch in jedem Schuhgeschäft herumstehen, doch damals kaufte ich sie bei einem Schuhmacher unweit des Gettos, der sie für Mönche anfertigte, Büßerriemen aus schwarzem Leder, um den Fuß zu kreuzigen, der sich im Mai leichenblass und mager wie ein manieristischer Märtyrer aus den Winterstrümpfen schält und mutig entblößt.
Vor Jahren ließ mich ein Mädchen fast im Erdboden versinken, als sie mir sagte, es stehe mir »auf die Stirn geschrieben«, dass ich eine Priesterschule besucht habe, und obwohl ich so tat, als nähme ich es locker, und mir über die Stirn rieb, um dieses aus gleich drei scharlachroten Buchstaben, S, L und M, bestehende Mal wegzuwischen, war ich tödlich getroffen. Mitten ins Herz. Jahrelang benahm ich mich wie ein kleiner Petrus, ich verschwieg, dass ich aufs SLM gegangen war, auf eine Priesterschule, als müsste ich eine körperliche Behinderung verstecken, ich wich aus oder leugnete es sogar, wenn die Sprache darauf kam, und war froh, wenn die Frage nur »Wo hast du Abi gemacht?« lautete und ich wie aus der Pistole geschossen antworten konnte: »Am Giulio Cesare!«, dem staatlichen Gymnasium am Corso Trieste. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass ich die zwölf vorangegangenen Jahre an einer katholischen Schule absolviert hatte.
Damals habe ich begriffen, was es heißt, sich seiner Identität so sehr zu schämen, dass man sie hasst. Sich so gedemütigt zu fühlen, dass man denjenigen, der einen grundlos niedermacht, verteidigt. Wer andere herunterputzt, kennt nichts Schöneres, er wartet nur darauf, sich von seinen Opfern bestätigt zu fühlen.
Dann habe ich gelernt, dass der einzige Weg, sich seiner selbst nicht zu schämen, nicht darin besteht, sich selbst zu akzeptieren (unmöglich!), sondern sich mit dem hervorzutun, was man bis dahin versteckt hat. Eine Art offene Provokation. Wie auf den Gay-Pride-Paraden.
Von da an wurde die Tatsache, eine Priesterschule besucht zu haben, zu einem Joker im Ärmel: Ich bezichtigte mich selbst meiner schulischen Erziehung.

Auch andere priesterhafte Kleidungsgewohnheiten habe ich lange Zeit mehr oder weniger bewusst imitiert, besessen und getragen, wie den schwarzen, gerade geschnittenen Mantel. Die Vermeidung von Farben, die Skepsis gegen Abwechslung. Und ein leises Streben nach Gleichheit, nach der erzwungenen Verbrüderung mittels Uniform, die einen vom quälenden Zwang befreit, sich mit sich selbst und den anderen zu vergleichen, zu wählen, zu beurteilen und unter dem erbarmungslosen Urteil der anderen zu leiden. Natürlich hat diese Neigung etwas Defensives, sie dient dem Schutz. Ich gestehe, dass ich an einer Vergleichsneurose leide, allerdings nicht bei großen Dingen, eher bei lächerlichen Kleinigkeiten, ich bin ein Mensch, der sich haltlos in Details verliert und über einen minimal zu kurzen oder zu langen Hosensaum ebenso in die Krise gerät, wie er sich für einen BH begeistern kann, der seinen Inhalt um eine Körbchengröße anwachsen lässt. Die einzige Möglichkeit, sich von dieser ständigen Qual zu befreien, bestünde nicht darin, die Unterschiede im libertären Sinne unendlich zu vervielfältigen und den Vergleich zwischen einmaligen, unverwechselbaren Individuen unmöglich zu machen, sondern sie einfach aufzuheben. Ein Problem weniger. Wir ziehen uns alle gleich an, damit geht es schon mal los. Eine Welt ohne Kritik und ohne Kontrollen, weil Kontrolle ein für alle Male ausgeübt ist, die morgendliche Kleiderwahl ist hinfällig, kein Junge oder Mädchen muss leiden, weil das T-Shirt-Label nicht das richtige ist, keiner muss sich überlegen fühlen, weil es das richtige ist. Alle in Uniform und fertig, wäre das nicht herrlich? Ein Overall, ein Kaftan, eine Kutte, vielleicht eine Feder am Hut. Um zu wissen, wen man vor sich hat, einen Soldaten, Priester, Feuerwehrmann, Arbeiter, Millionär oder Knacki. Zigeunerinnen und Carabinieri bleiben die Einzigen, die noch eindeutig erkennbar sind …
Nur um das klarzustellen, das ist keine Wehmut, es gibt wirklich nichts, dem ich nachweinen würde, schon zu meiner Zeit war die Schuluniform verschwunden und der Einheitskluft aus T-Shirt und Jeans gewichen, der Zwangsjacke des Lässigen (Schuluniformen waren also kein Ausdruck gemeiner Gleichmacherei mehr, sondern markierten nun den stolzen Unterschied …), und als ich zum Militär ging, waren soeben die Gesetze geändert worden, und wir durften zum Ausgang anziehen, was wir wollten. Hatte es in Tarent ein paar Monate zuvor abends noch vor jungen Matrosen und Fliegern in schlecht sitzenden Uniformen gewimmelt, die ihnen in der allgemeinen Trostlosigkeit dennoch eine gewisse Würde verliehen und sie in ihrer lächerlichen Pflicht verbrüderte, waren wir (Kontingent 9/79) ein Haufen verdrossener Bengel aus ganz Italien, Gott, was waren wir verdrossen … so erbärmlich planlos und noch gesichtsloser, als wir es in Uniform gewesen wären.

Das Priestergewand hat mir stets Respekt eingeflößt, und mit Respekt meine ich die Anerkennung der Andersartigkeit. Nicht um die Distanz aufzuheben, sondern um sie zu wahren. Andersartigkeit bedeutet zugleich Anziehung und Abstoßung. Heute wird sie nicht gern gesehen. Es heißt, in einer anonymen Menge würde niemand den anderen groß beachten, aber das stimmt nicht, ein Priester und erst recht eine Nonne fallen auf, man bemerkt ihre Kleidung, die eine bewusste, individuelle Entscheidung ausdrückt, an der sich die anderen stoßen. Am liebsten würde man dem Priester sagen, he, du, wieso musst du es eigentlich allen unter die Nase reiben, dass du dich Gott verschrieben hast? Weißt du, dass du mir mit deiner zur Schau gestellten beziehungsweise vorgeblichen Güte und Frömmigkeit zu nahe trittst? Was ist, willst du mir eine Predigt halten? Du bist noch schlimmer als ich, lass dir das gesagt sein, nein, du bist genau wie ich, warum also tust du so, als wärst du was Besonderes?
In einer vollkommen sexgesteuerten, sexfixierten Welt wie der westlichen, in der jeder Satz und jedes Bild, jedes private Telefongespräch und jedes Werbeplakat, Klamotten, Politik, Gymnastik, Sport, Fernsehshows, Humor und alles andere vor Sex strotzen, ist die augenfällige Präsenz von Männern, die nicht vögeln, unerklärlich; vielleicht vögeln sie doch, aber heimlich, dann sind es Heuchler, oder sie vögeln wahrhaftig nicht, dann sind sie wahnsinnig. Normalerweise denkt man Ersteres, und tatsächlich habe ich, seit ich geboren bin, über niemanden öfter sagen hören, es seien verdammte Heuchler, als über die Priester. Das würde immerhin bedeuten, dass sie im Grunde keinen Deut anders sind als alle anderen, und ihre behauptete Andersartigkeit ist eine Posse, Augenwischerei.
Viel unerträglicher ist der Gedanke, jemand könnte tatsächlich enthaltsam sein. Ich bin der Erste, dem das wie eine Verstümmelung erscheint. Wie kann ich solch einen Menschen moralisch ernst nehmen, wieso um alles in der Welt sollte mir ein Mensch Vorbild, Helfer, Lehrer oder Ratgeber sein, der sich selbst so grausam verstümmelt hat? Der dem Einzigen entsagt, für das sich dieses viehische Leben lohnt, nämlich der Liebe? Nennen wir’s beim Namen: die körperliche, fleischliche Liebe, die die himmlische Liebe in sich trägt. Ich habe keine Lust auf diese spitzfindigen theologischen Argumente, die einem weismachen wollen, dass auch der Verzicht auf Liebe Liebe ist, noch mehr Liebe gar, wie eine päpstliche Enzyklika behauptet. Man kann nicht darauf verzichten, eine Frau und Kinder zu haben, und dann behaupten: Ich übe keinen Verzicht. Dies ist kein Verzicht, ceci n’est pas une pipe: Manchmal könnte man meinen, der Katholizismus sei Vorläufer und Epigone des Surrealismus. Er nimmt eine x-beliebige Sache und behauptet, sie sei das genaue Gegenteil dessen, was sie ganz offensichtlich ist. Man geht zu einer Beerdigung und ist traurig, weil man jemanden verloren hat – zumindest darüber sollte es keine Zweifel geben –, wünscht sich, in Ruhe weinen zu können, und dann steht immer, wirklich immer, als wäre es ein Fluch, ein Priester auf der Kanzel, der einem stets aufs Neue versichert, der Freund oder liebe Angehörige, um den man trauert, sei nicht tot. Nein, er ist nicht tot. Enzo ist nicht tot. Silvana ist nicht tot. Cesare ist nicht tot. Rocco lebt noch. Wie das, er ist also nicht gestorben?! Und was machen wir dann hier? Nein, er ist nicht tot, er lebt, und ihr müsst nicht traurig sein, sondern mit ihm … für ihn … über ihn frohlocken … euch mit ihm freuen … Klar, jetzt ist er im Paradies, also ist er feiner raus als vorher, das leuchtet selbst mir ein, ich bin ja nicht völlig blöd: Trotzdem fühle ich mich von dieser Philosophie verarscht. Sie macht mich so wahnsinnig wütend, dass ich die Kirche verlassen muss, seit Jahren habe ich keinen Gottesdienst mehr bis zum Ende durchgehalten, ich warte lieber vor der Tür, bis ein paar Verwandte und Freunde mit hochroten Köpfen zusammen mit den Angestellten vom Beerdigungsinstitut, deren Bizeps fast die Jacken sprengt, den geschulterten Sarg heraustragen. Der Trick ist mir zu raffiniert und gleichzeitig zu platt. Man muss die Tatsachen nur ins Gegenteil verkehren, und zack!, hat man die Lösung. Wenn man arm ist, ist man in Wirklichkeit reich; Krankheiten sind ein Geschenk Gottes; wenn jemand stirbt, ist das ein Segen, weil er jetzt bei den Engeln ist, die Ersten werden die Letzten sein, wer flucht, lobt Gott, ohne es zu wissen, wenn man sich von Gott entfernt, heißt das, dass man ihn sucht, und wenn Gott nicht da ist, heißt das, dass er ganz bestimmt da ist …
Kann es sein, dass es in diesem Leben nicht eine einzige Sache gibt, die von vornherein klar ist und die man nicht erst verkehren muss? Unter all den, sagen wir, aktiven Tugenden, die uns dazu anhalten, größer und besser zu sein, als wir sind, bleiben die von Verzicht geprägten die rätselhaftesten. Von der Hochachtung für die Aufopferung ist es nur ein kleiner Schritt zu Abscheu und Spott. Würde heutzutage jemand das Leben eines x-beliebigen in den Hagiografien beschriebenen Heiligen mit den üblichen Kasteiungen und Plagen führen, würde er auf Ekel und Ablehnung stoßen. Aber in irgendeinem Winkel seines Herzens, seines Geistes oder seines Gewandes muss ein Priester doch einen Krumen Heiligkeit mit sich herumtragen, was sollte ihn sonst von uns unterscheiden? Hat er nichts Heiliges, ist er ein Bluff, hat er es doch, ist es uns so fremd geworden, dass es uns abschreckt oder langweilt. Die Heiligkeit liegt in der Andersartigkeit. Heilig sind die, die vierzig Jahre jünger sind als wir und ihren ersten Geschlechtsverkehr oder die Ehe noch vor sich haben, heilig sind die, die eine andere Hautfarbe haben oder barfuß herumlaufen, für die Männer sind die Frauen heilig, für die Frauen sind die Männer heilig, heilig ist der, der einen Fes, einen Turban, eine Melone, einen Bersaglieri-Hut trägt, sogar ein für eine Hochzeit geliehener Zylinder verleiht dem Haupt dessen, der ihn für einen Abend aufsetzt, die Aura eines heiligen Paraments. Heilig ist der unaussprechliche Nachname einer singhalesischen Haushaltshilfe. Heilig war für mich, gestern Nacht in Venedig lautlos mit dem Boot durch die engen Kanäle von Castello zu gleiten. Es sind diese Krumen Heiligkeit, diese heiligen Partikel, die für Irritation und Unmut sorgen.

Und du redest also jeden Tag mit Gott?, würde man gern zum Priester sagen. Dann zeig mir mal deinen Gott, hol ihn raus, lass mich ein Wunder sehen. Mir fällt auf, dass ich im Kopf gern dieselbe Sprache verwende wie bei den Verhören der ersten Christen, die auch Jesus über sich ergehen lassen musste, ehe er ans Kreuz genagelt wurde. Hic Rhodus, hic salta. Nicht ganz zu Unrecht wird von jedem Glauben erwartet, dass er sofort etwas bewirkt: Stattdessen kriegt man Dinge versprochen, die in weiter Ferne liegen, späte, allzu späte Belohnungen am Ende aller Zeiten; und so muss man sich bis dahin mit vertröstenden, halb magischen Kleinigkeiten zufriedengeben, die einem notdürftig über die Härten des Hier und Jetzt hinweghelfen, ein kleines oder großes Wunder, die kalte Berührung einer Statue des Heiligen, der einen bei einem Unfall beschützt hat, ein mit Gebeten aufgeblasener Airbag.
Einmal, in Padua, verließ ich frühmorgens das Hotel, bog um die Ecke und stellte fest, dass ich nur hundert Meter von der Basilika des heiligen Antonius entfernt war (als ich am Abend zuvor halb betrunken mit dem Taxi angekommen war, hatte ich sie nicht bemerkt). Ich trat ein und näherte mich dem Schrein, der seine Reliquien enthält, als sich plötzlich ein starkes und unerklärliches Gefühl in mir regte. Nicht, dass die Woge dieser ungekannten Empfindung die vorherige Skepsis fortspülte, schließlich bin ich nicht einmal ein ungläubiger, atheistischer Skeptiker, ich bin gar nichts. Meine persönlichen Überzeugungen hatten nichts damit zu tun: Vielleicht war es nur die Zugluft oder die magnetische Sphäre der Gelübde, die diesen Stein seit Jahrhunderten umkreisten. Als ich so dicht vor dem Schrein stand, dass ich ihn berühren konnte, tat ich es, ich streichelte über die Seitenwand und bemerkte, dass das bunte Muster, mit dem er überreichlich verziert war, keine Marmorintarsien waren, sondern mit Klebestreifen befestigte Fotos, Dutzende von Fotografien, auf denen ausschließlich zerbeulte, zerfetzte oder ausgebrannte Autowracks zu sehen waren, Unfallfotos, wie man sie macht, um sie bei der Versicherung einzureichen. Der Schwere der Unfallschäden nach zu urteilen, war allerdings keines der Fahrzeuge je repariert worden: Bei einigen war der Motorraum nach einem Frontalzusammenstoß komplett in die Fahrerkabine gedrückt, bei anderen hing das Dach bis auf die Sitze, sodass man sich unschwer vorstellen konnte, was mit den Insassen passiert war. Doch siehe da, neben den straßenpolizeilichen Aufnahmen hingen ein paar kleinere Fotos jüngeren Datums, einige davon Polaroids, auf denen ein lächelnder Mann oder eine Frau zu sehen war, und ein Zettelchen mit einer Danksagung an den Heiligen, der sie gerettet hatte. Das wurde mir klar, als ich einige dieser Botschaften entzifferte, die auf Englisch oder Spanisch in der unter anderem für Philippiner typischen ordentlichen, runden Handschrift verfasst waren. Und tatsächlich stammten fast alle Votivbildchen von asiatischen oder hispanischen Emigranten, als würden nur sie in Autounfälle verwickelt oder als seien sie in diesem undankbaren Land inzwischen die Einzigen, die das Bedürfnis hatten, sich bei jemandem dort oben dafür zu bedanken, noch einmal davongekommen zu sein. Es tat mir leid, dass ich die Fotos der Honda 125 nicht bei mir hatte, mit der meine Tochter Adelaide wenige Wochen zuvor auf dem Weg zur Schule mit einem Auto zusammengeprallt war, und auch nicht das Bild von ihr, das sie lächelnd und unversehrt zeigte. Also beschloss ich, stattdessen ein Gebet zu sprechen, »Ich danke dir … ich danke dir … dass du sie gerettet hast«, doch ich wusste nicht, an wen genau ich diesen Dank richten sollte, wer dieser du war, an den man sich wenden musste. Gott ist weit weg und der Heilige zu beschäftigt, er hat allenfalls ein Ohr für die, die wirklich an ihn glauben. Also blieb ich vage wie diese Gedichte, bei denen klar ist, dass der Dichter eine geliebte Frau meint, aber man weiß nicht, welche.

Jesus hilft als Vorbild auch nicht weiter. Jesus war immer das Gegenteil von allem. Vielleicht stammt der Tick von ihm, ständig alles über den Haufen zu werfen, den äußeren Schein, die festgefügten Hierarchien, die Tische der Händler, die Gewohnheiten. Jeden Instinkt, selbst den niedersten, und wenn dich jemand schlägt, halt ihm die andere Wange hin. Schließlich hat Jesus die letzte und einzige Gewissheit der Menschen umgestoßen, den Tod, indem er Lazarus auferweckte, was vielleicht die größte Ungerechtigkeit von allen ist. Das soll mal einer den anderen Toten erklären, die unter der Erde geblieben sind, oder ihren Verwandten, die bestimmt nicht weniger bitterlich geweint haben als Lazarus’ Schwestern Martha und Maria … Den leichtgläubigen Jüngern eine Idee in den Kopf zu setzen und sie dann unversehens zunichtezumachen ist eine besondere Lehrerspezialität. Im krampfhaften Bemühen, zu begreifen und zu verinnerlichen, hinken die Jünger dauernd hinterher. Wenn sie versuchen, die Regeln ihres Lehrmeisters streng zu befolgen, scheitern sie kläglich, weil er sie bereits zu Kleinholz gemacht und über Bord geworfen hat. Für ihn sind es olle Kamellen. Er ist immer zehnmal strenger und hundertmal flexibler. Ein Priester, der versuchen wollte, Jesu Beispiel gänzlich zu folgen, wäre heillos überfordert.
Also schneidet sich jeder ein Scheibchen von ihm ab und imitiert ihn, so gut er kann. Es gibt den guten Christus, den demütigen, den pädagogischen, das Opfer, den Mystiker, den Anarchisten, den Tröster, den unversöhnlichen, den brutalen, ja sogar Gewalt findet man in dieser einmaligen Figur, zumindest wenn es darum geht, Worte wie ein scharfes, teilendes Schwert zu benutzen. Es gibt den spöttischen, unverbesserlich komischen Christus, auch wenn Nietzsche anderer Meinung ist (Das Evangelium ist kein großes Werk, es enthält nicht einmal Possen), und natürlich den tragischen Christus. Er hinterlässt seinen Anhängern eine ganze Bandbreite von Eigenschaften und Geisteshaltungen, obwohl ein Mensch es allenfalls mit einer davon aufnehmen kann. Das war schon bei den Aposteln so (jeder entsprach einer Facette aus dem Gesamtbild des Meisters), von den früheren und heutigen Priestern ganz zu schweigen.
Die Mönche, die an der Grundschule des SLM lehrten, waren begeisterte junge Männer, die etwas Unerfindliches dazu bewegte, ihrer Berufung treu zu bleiben. Unser Lehrer hieß Bruder Germano. Ich erinnere mich an einen jungen Kerl mit offenem Gesicht und kurz gestutzten Nackenhaaren, ein guter Fußballspieler. Und ein hervorragender Lehrer, zumindest habe ich bei ihm eine Menge gelernt, ich würde sogar sagen, den Großteil dessen, was ich in der Schule gelernt habe und heute noch weiß, hat mir Bruder Germano beigebracht. Sollte ich mein Wissen in Prozent ausdrücken, entfielen neunzig Prozent auf die Schule. Danach (an der Uni und im Leben) ist nicht mehr viel hinzugekommen. Okay, ein bisschen Kunstgeschichte … ein paar politische Theorien, die die Welt von einer ganz besonderen Sorte Tyrannen regiert haben wollten … und noch jede Menge andere Sachen, die ich zu einer bestimmten Gelegenheit brauchte und fast sofort wieder vergessen habe. Vieles habe ich nur gelernt, um darüber zu schreiben und es gleich wieder aus dem Hirn zu streichen. Nur so kann man sich von einer Obsession befreien.
Noch in den Sechzigerjahren gab es in Italien junge Männer, die den beschwerlichen Weg der Keuschheit und der Armut wählten (wenn man darunter den Verzicht auf den persönlichen Besitz von Geld und Gütern versteht), um zu unterrichten, das heißt, um junge Menschen christlich zu erziehen. Auch wenn ein Chemielehrer Chemie unterrichten sollte, was per se nicht besonders christlich oder unchristlich ist, und das Gleiche gilt für den Französisch- oder den Sportlehrer: Keine Ahnung, was daran das Christliche sein soll. Muss man die Gelübde ablegen, um bockigen Rotzlöffeln beizubringen, wie Schwefelsäure entsteht oder wie man die Nasallaute an, en, in, on ausspricht? Die Lehrer waren eigentlich gar keine Priester (ich nenne sie aus Bequemlichkeit so, aber sie waren es nicht, sie durften keine Messe abhalten), sie hatten nur die niederen Weihen, was den Sinn ihres Opfers noch unverständlicher machte. Welche Belohnung erwarteten sie für ihre Mühen? Uns zu guten Christen oder guten Bürgern heranwachsen zu sehen? Wie viele gute Christen sind aus dem SLM hervorgegangen? Von diesem Mischmasch aus Konfession und Nichtkonfession zu diesseitigen Menschen geformt worden? Während unsere Grundschullehrer durchweg junge, engagierte Priester waren, war die Lehrerschaft in der Mittelstufe gemischt, und in der Oberstufe unterrichteten fast ausschließlich weltliche Lehrer, mit Ausnahme des Philosophie- und des Chemielehrers. Unser Italienischlehrer (Giovanni Vilfredo Cosmo, den ich besonders mochte) war weltlich, der Griechisch- und Lateinlehrer ebenfalls und ebenso die Lehrer in Mathematik, Physik und Kunstgeschichte. Ich habe nie erfahren, ob das an der mangelnden Spezialisierung lag, ob es also an Priestern fehlte, die diese Fächer unterrichten konnten, weil der Orden es sich womöglich zur Aufgabe gemacht hatte, sich der Vermittlung der Grundfächer zu widmen, deren Prinzipien und Werte den Menschen frühzeitig und nachhaltig formen, derweil man die höheren Fächer ohne Weiteres fähigen Profis überlassen konnte. Ich habe mich stets gefragt, ob sich die weltlichen Lehrer bei ihrer Einstellung am SLM ausdrücklich zum Glauben bekennen mussten, inwiefern sie sich also dem Modell einer katholischen Schule und ihren Prinzipien beugen mussten. Wenn ich an meine Gymnasiallehrer zurückdenke, kamen sie mir weder bigott noch im Entferntesten gläubig vor. Von Gott oder der Madonna war in ihrem Unterricht nie die Rede. Der Griechisch- und Lateinlehrer zeigte sogar einen ausgeprägten Hang zum Heidentum. Der Unterrichtsgegenstand mit seinen erotischen und heroischen Schwingungen versetzte ihn in erregte Verzückung, die das quälende Gefühl der Lächerlichkeit und des Versagens bemäntelte und ihn zumindest ansatzweise für den Frust entschädigte, sein umfangreiches Wissen an desinteressierte, schlecht erzogene Schüler vermitteln zu müssen, die für seine Begeisterung nur mitleidige Blicke übrig hatten. Liebe ist dazu verurteilt, zum Gespött zu werden. Nicht eine seiner Leidenschaften zündete bei uns, nicht eine Zeile der Dichter und Philosophen, die er uns deklamierte, blieb uns im Kopf oder traf uns ins Herz. Quàdrupe dàntepu trèmsoni tùquati tùngula càmpum. Sein starker neapolitanischer Akzent, mit dem er Thukydides und Vergil vortrug, tat ein Übriges, um uns restlos kaltzulassen. Unsere Gleichgültigkeit war noch grausamer als Widerstand. Es gibt nichts Schlimmeres, als einer feixenden Klasse etwas zu erklären, das einen begeistert und berührt. De Laurentiis hatte sich in den Kopf gesetzt, uns antike griechische Musik nahezubringen, irgendwo hatte er Noten aufgetrieben, die sein Sohn auf einem Keyboard eingespielt hatte, ich glaube, auf einer Mini-GEM, einer Bontempi oder einer Tiger, und spielte sie uns im Unterricht vor. Es waren trübselige, mit einem Finger gespielte Monodien, zu deren Auf und Ab er wie ein hingerissener Orchesterdirigent mit der Hand durch die Luft wedelte, als wollte er sie nachzeichnen. Mit halb geschlossenen Lidern blinzelte er in das Sonnenlicht, das vor den Fenstern durch die Pinien fiel, und begleitete das monotone Geleier mit einem gesummten »mmm … mmm …«, das in dem hingerissenen Ausruf »mmm … Mmmusik der alten Griechen!!« gipfelte. Es schien, als hätten diese kümmerlichen Noten zweitausendfünfhundert Jahre Geschichte überdauert, um von ihm gesummt zu werden. Dann riss er die glückstrahlenden Augen auf und stellte fest, dass außer ihm keine Sau zuhörte.

Doch das waren harmlose Mythen, kleine Ekstasen, die jedem vergönnt sind. Jeder frönt heimlichen Leidenschaften, die allenfalls durch ein Übermaß von Toleranz erstickt werden, und nach allem, was man hört, ist der Katholizismus die toleranteste, flexibelste und langmütigste Konfession überhaupt, da sie jede Sünde und jede Schandtat verzeiht, sie geradezu zu rechtfertigen scheint und in ihren höchsten und edelsten Momenten fast an Amoralität grenzt, ihre Arme sind so weit, dass es nahezu unmöglich ist, ihrer versöhnlichen Umarmung zu entgehen; diese Arme sind Tentakel. In einem noch immer zutiefst religiösen Land, wie es Italien damals war, wo nur erklärte Atheisten dem allgemeinen Grundgefühl zuwiderliefen, galt Katholischsein, egal, ob man ein guter Katholik war oder nur in die Weihnachtsmesse lief, weil die »so stimmungsvoll« ist, als ebenso selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Ich glaube, im Grunde wurde von unseren Lehren nicht mehr verlangt, als so zu sein wie alle anderen. Als sich ein Freund von mir vor einigen Jahren als Lehrer an einer privaten Mädchenschule bewarb, hatte die Rektorin, nachdem sie alle möglichen Informationen eingeholt und seinen vollgepackten Lebenslauf überprüft hatte, die für den Ausgang des Gespräches entscheidende Frage gestellt:
»Sind Sie verheiratet?«
»Nein.«
»Haben Sie eine Freundin?«
»Nein.«
»Sagen Sie … mögen Sie Frauen?«
Das war ganz offensichtlich eine Falle. Der heuchlerische Instinkt meines Freundes (der in Wirklichkeit jedem einigermaßen ansehnlichen Mädchen nachglotzte) hätte gewollt, dass er mit einem nachdrücklichen »Nein!« antworten würde, und damit wäre es aus gewesen. Ach, nein? Lügner oder Päderast. Doch hätte er mit einem ehrlichen »Ja!« geantwortet, wäre es noch schlimmer gewesen. Was ist an einem Mädchenpensionat gefährlicher oder verwerflicher: ein Lehrer, der Frauen mag, oder einer, der keine mag? Und an einer Jungenschule (das ist, wie wir sehen werden, die noch interessantere Frage, die nach einer mutigen Antwort verlangt …)? Mein Freund rettete sich mit einer priesterlichen Antwort, will heißen, mit einem Musterbeispiel an Schwammigkeit.
»Also, mögen Sie Frauen?«
»Nun ja … wie jeder gute Christenmensch«, erwiderte er.

Der Katholizismus setzt weniger auf die totale Unterdrückung des Instinkts als auf dessen rationale Zügelung. »Melius est enim nubere quam uri.« Anfang der Achtzigerjahre war plötzlich der heilige Augustinus angesagt, ähnlich wie Siddharta. Mir persönlich ging die Langsamkeit seiner berühmten Bekehrung auf die Nerven, dieses Zaudern, endlich gut zu werden. Wenn man eines Tages darauf kommt, was richtig ist, sollte man schleunigst zusehen, es umzusetzen, oder nicht? So holzhammerartig und märchenhaft sie auch sein mögen, sind mir die jähen Krisen lieber, die Stürze vom Pferd, die Lichter und tönenden Stimmen, die einem sagen, was man zu tun hat, und die man, ohne zu zögern, befolgt – die Psychologie mit ihrem gefühligen Hin und Her ist mir schlichtweg zu viel. Unser Philosophielehrer hieß Bruder Gildo. Er war ein übergründlicher, kalter, bereits recht betagter Mann, der seinen Unterricht so gewissenhaft vorbereitete, dass er den Anschein erweckte, er beherrsche den Stoff nicht mehr und müsse ihn sich unter großen Mühen noch einmal aneignen. Er wirkte wie ein alter Reservist, den man aus Not wieder zu den Waffen gerufen hatte. Vielleicht hatte er als junger Mann Theologie studiert, und wegen Personalmangels hatte der Schulleiter gedacht, Philosophie sei in etwa das Gleiche: ein Haufen unlösbarer Abstraktionen. Schon merkwürdig, dass die göttliche Wissenschaft ebenso pedantisch vorgeht wie alle anderen, von ein paar gelegentlichen großen Strohfeuern abgesehen. Man riss also Bruder Gildo die Bibel aus den Fingern, drückte ihm Eustachio Lamannas Philosophiegeschichte in die Hand (und vielleicht noch ein paar Bignamino-Lektüreheftchen) und stieß ihn in den Schützengraben des Unterrichts. Bis zu Aristoteles ließ uns sein blutleerer, teilnahmsloser Unterricht glauben, die ersten Philosophen seien im Großen und Ganzen völlig verblendete Fanatiker gewesen, die meinten, die Welt bestehe nur aus Feuer oder Wasser oder aus Atomen mit Ärmchen und Beinchen, mit denen sie sich an anderen Atomen festklammerten, oder sie sei eine Art Steinschlag aus grauer Materie oder ähnlicher Schwachsinn, ganz zu schweigen von den absurden platonischen Mythen. Diese wahnwitzigen Phantasmagorien, die Bruder Gildo uns in skeptischem Nasalton schilderte, besser gesagt, prosaisch referierte, machten uns ratlos. Ich konnte einfach nicht fassen, wie man solchen Blödsinn ernst nehmen sollte wie den von diesen Typen, die mit auf dem Kopf gebundenen Gegenständen wie Schießbudenfiguren hin und her rannten, um Gefangenen in einer Höhle (?) Schattentheater vorzuspielen – sollte das ein Witz sein? Das nannte sich Philosophie? Der höchste Beweis für die Klugheit des Menschen? Dass alles nur Zahl ist (na, und?) und Hunde eine Seele haben und man keine Bohnen essen darf? Das also waren die größten Denker?
Dann kam Aristoteles an die Reihe, und Bruder Gildos Roboterhaftigkeit, die sich auch in seinem mageren Marionettenkörper manifestierte, erreichte ihren Höhepunkt. Die geschweiften Klammern an der Tafel wurden dichter und seine Stimme immer nasaler. Da er unfähig war, frei zu sprechen, musste er ständig seine Aufzeichnungen konsultieren, die in so winziger Schrift verfasst waren, dass er selbst Mühe hatte, sie zu entziffern, und sich dabei die kleine Nickelbrille zurechtrückte, die ihm von der Hakennase rutschte. Er weigerte sich, irgendetwas zu erklären, und beschränkte sich darauf, mal aus dem Schulbuch, mal aus seiner Zettelsammlung zu zitieren. Oder er zeichnete seine Schaubilder an die Tafel, die wir wiederum abzuschreiben hatten. Angesichts der ohnehin staubtrockenen Lehre des Aristoteles fragt man sich, wie Bruder Gildo es geschafft hatte, sie noch weiter einzudampfen. Diese seltsame Tätigkeit wird in der Schule »Notizen diktieren« genannt – ein Widerspruch in sich. Notizen, die diktiert werden, sind zwangsläufig keine Notizen. Als Diktat wird diese hohe Kunst des ersten Begreifens und Erfassens größerer Themenfelder ad absurdum geführt. Mit dem Diktat behelfen sich ahnungslose Lehrer am Anfang ihrer Laufbahn und ausgebrannte an ihrem Ende. Sie schalten auf Autopilot, und dann Augen zu und durch bis zum Klingeln. Das Ergebnis dieser zusätzlichen Kondensierung war eine unverständliche Algebra. Es schien, als würde Bruder Gildo durch das mechanische Diktieren dieser Formeln sich und uns der Pflicht entheben, sie zu verstehen. Manchen Schülern liegt diese Methode, damit ist wenigstens alles klar, man muss sich nicht groß anstrengen und hat einen stillen Pakt mit dem Lehrer geschlossen: Er muss sich nicht heiser schreien, und in der Klasse herrscht Ruhe, weil alle den Mund halten und mitschreiben.
Diese Möchtegernnotizen sehen auch viel schöner aus: ordentliche, eng beschriebene, einheitliche Seiten, auf denen nichts durchgestrichen und verbessert ist.
Einer unserer Klassenkameraden, Zipoli, notierte sämtliche Mitschriften aller Fächer mit Bleistift in ein einziges Heft. Ein Heft genügte ihm, weil er winzig klein und sehr ordentlich schrieb. Bei ihm passte die gesamte Renaissance auf eine halbe Seite. Seine Handschrift war so fein wie das Haar eines Neugeborenen. Aber wieso Bleistift? Die Erklärung kam am Schuljahresende. Am letzten Schultag griff sich Zipoli ein Radiergummi und radierte alles aus, was er in einem Jahr geschrieben hatte. Geduldig, Seite für Seite, mit einer Schwemme von Radierfusseln. Das Heft wurde wieder weiß und war bereit für das folgende Schuljahr. Es war wieder jungfräulich. In fünf Jahren Gymnasium hat Zipoli nur dieses eine Heft besessen und natürlich einige Bleistifte (3H?) und Radiergummis. Zipoli hatte viele Geschwister, fünf oder sechs, und wer weiß, ob die Hefte weitervererbt wurden und, wenn einer mit der Schule fertig war, von einem auf den Nächsten kamen. Manchmal stelle ich mir vor, dass die gesamte Familie Zipoli nur dieses eine Heft benutzt hat, wie die Graien, die sich das Auge weitergeben. (Übrigens besaß die Familie keinen Fernseher. Soweit ich weiß, waren sie die Einzigen, die keinen hatten. Ich fand das unglaublich.) Zipoli war gut in der Schule, nach Arbus gehörte er zu den Besten. Er war gewissenhaft, zurückhaltend und still, und sein krauses Haar war so hellblond, dass es fast weiß aussah, als wäre Zipoli schon alt, ein siebzehnjähriger schwedischer Greis. Einmal hat er sich von mir einen Helm geliehen, weil er tatsächlich zusammen mit einem Freund mit der Vespa nach Schweden fahren wollte. Zwei Monate später gab er mir den Helm ohne den kleinsten Kratzer zurück.
Zipoli war es gewohnt, keine Spuren zu hinterlassen. Wenn er welche machte, radierte er sie aus.

Bruder Gildo war so gründlich, dass er mein philosophisches Wissen von Thales bis Kant komplett zunichtemachte, oder besser gesagt, ihm zuvorkam. Ich habe es nie wieder aufgeholt. Und so bin ich mit einem verkrüppelten neuzeitlichen Verstand groß geworden. Solche schulischen Lücken lassen sich nicht mehr schließen. Alles, was man danach liest und lernt, gleicht Prothesen an verstümmelten Gliedmaßen: So gut sie auch sein mögen, kommen sie an die natürliche Bewegung nicht heran, zwar kann man mit ihrem Haken ein Glas greifen und an den Mund führen, aber bestimmt nicht Klavier spielen. Manche Themen, geschichtliche Epochen und ganze Fächer sind für mich uneinnehmbar geblieben wie Königreiche, die mir zugestanden hätten und die ich noch vor der Krönung verlor. Zum Glück war meine neue Philosophielehrerin (eine Frau! Nach einem Priester eine Frau!) im folgenden Schuljahr, als ich die Priesterschule aus Gründen, die ich später schildern werde, verlassen hatte, so klug, noch einmal Kant durchzunehmen. Sie wusste, dass man Kant nie genug verstanden haben kann, es ist menschenunmöglich, ihn zu verinnerlichen und nach drei Monaten Ferien noch draufzuhaben; und das galt erst recht für mich, der, dem Werk des alten Maristenpaters sei Dank, rein gar nichts begriffen hatte, deshalb fange ich noch einmal ganz von vorn an. Von vorn, dort, wo das eigentliche Denken beginnt, beim ersten Gedanken, als käme er aus dem Nichts.
Meine neue Lehrerin am Giulio-Cesare-Gymnasium konnte mich nicht ausstehen, weil ich von einer Priesterschule kam, sie hielt mich für ein verwöhntes, borniertes Papasöhnchen, was meine Beschreibungen von mir und meinen Schulkameraden wenige Zeilen zuvor übrigens exakt auf den Punkt bringt. Allein die Tatsache, dass ich von einer Privatschule kam, disqualifizierte mich. Das Gleiche dachten mein Mathelehrer und mein Italienischlehrer. An einem staatlichen Gymnasium mit ordentlichem Ruf wie dem Giulio Cesare damals entsprach die Tatsache, von einer Privatschule zu kommen, einem schändlichen Makel. Erst recht im letzten Jahr vor dem Abitur. Wenn sie ihn noch nicht einmal dort gewollt haben … so dachte man über mich. Ich war menschlicher Ausschuss, den man mit Mühe von Versetzung zu Versetzung getreten hatte, bis selbst die Priester die Schnauze dermaßen voll von mir hatten, dass sie sogar auf mein Schulgeld verzichteten. Ich wurde regelrecht geächtet und musste so manche Demütigung über mich ergehen lassen – an einem der ersten Schultage wurde ich aus der Klasse geschmissen, weil ich »nicht ordentlich saß« (jawohl! Mitte der Siebzigerjahre kam das noch vor!), mit der sarkastischen Bemerkung: »Da hat man dem feinen Knaben wohl keine Manieren beigebracht …« Beschämt und ungläubig schlich ich auf den Flur hinaus. Ich hatte mich nie als »anders« wahrgenommen. Doch ich war es.
Eine Priesterschule besucht zu haben war eine Erbsünde, die es reinzuwaschen galt.
Worin aber besteht diese Sünde?

Vor allem im Klassenunterschied. Wer auf eine Privatschule geht, hat Geld. Und dieses in anderer Hinsicht bewunderte oder beneidete Privileg kann seine Nachteile, Gegenanzeigen und Nebenwirkungen haben. Weshalb sich die Reichen zuweilen selbst dafür schämen und auf den Pfad der Läuterung begeben, auf dem sie für wohltätige Zwecke spenden, sich revolutionären Bewegungen anschließen, das ihnen zustehende Erbe (pro tempore) ausschlagen und ihr Vermögen systematisch verschleudern. Wie alle anderen auch ist die italienische Gesellschaft eine Klassengesellschaft, die wie jedes System, das meint, Ungerechtigkeiten wettmachen zu können, ohne die dafür verantwortlichen harten wirtschaftlichen Faktoren anzutasten, über höchst einfallsreiche Entschädigungsmechanismen verfügt. Die vermeintliche Rache bleibt fast immer auf verbaler Ebene, auf der die Italiener unangefochtene Meister sind. Ich würde sogar behaupten, die tragende Säule unserer Kultur besteht aus genialen Pechvögeln, die sich trösten, rächen, adeln, ihr Schicksal verklären oder ihre Feinde niedermachen, und das mit nichts als Worten. Berühmtestes und unerreichtes Beispiel: Dante. Aber auch vor und nach ihm gibt es einen Haufen Verzweifelter, die pausenlos Elegien und Kanzonen, Landschaften und Träume, virtuelle Paradiese, Haine, Ritter und Magier, Revolutionen, Weissagungen und Weltuntergänge hervorbringen, um die erlittenen Ungerechtigkeiten wettzumachen oder sie zumindest ein wenig vergessen zu lassen. Allein durch diese bedauerlicherweise nur symbolische Wiedergutmachung wird das Leben erträglich. Hierzulande mögen die gesellschaftlichen Schranken weniger starr als in England oder Frankreich sein, doch sobald der Reichtum unerreichbar bleibt, wird er zur Zielscheibe einer ganz besonderen Verachtung. Sie äußert sich nicht nur in der grimmigen Fratze des Pöbels, in den mit Beleidigungen garnierten Verbeugungen (»Scheiße gefällig, Euer Wohlgeboren?«) oder in abfälligen Furzgeräuschen. Nein, ich rede vom gärenden Kleinbürgergroll, ausgelöst von dem frustrierenden Versuch gleichzuziehen, von der enttäuschten Bewunderung für etwas, von dem man glaubte, man sei nahe genug dran, um einen Anspruch darauf zu haben. Oder von einem Durst nach Gleichheit, der entwürdigt, da man nicht emporkommt, erniedrigt, da man nicht aufsteigt, und deshalb sofort in Freude umschlägt, sobald ein Reicher in Ungnade fällt. Die seltenen Male, die das geschieht, herrscht regelrechter Jubel. Die Erbsünde des Geldes wird verbüßt.
Der Fluch des Goldes … seine Unwiderstehlichkeit …
Der Reiche, diese legendär gewordene Figur aus dem Evangelium …
In der italienischen Gesellschaft neigt sie dazu, sich zu tarnen, und häufig ist es der Möchtegernreiche oder der Aufschneider, der mit seinen fabrikneuen Audis prahlt. Der wahre Reichtum entwirft ein Trugbild seiner selbst, er gaukelt vor, lenkt ab, verbirgt sich hinter Schirmen und Spiegeln.
Außerdem wird Wohlstand in Italien selten als etwas ehrlich Verdientes wahrgenommen, sondern als Diebesgut oder Glücksfall oder Mischung aus beidem. Die flammende Rhetorik, wenn es darum geht, »das leichte, schnelle Geld« zu verdammen, sobald die Steuerpolizei auftaucht und nur selten vorher. Der Aufstieg und vor allem der Fall der Reichen wird mit einer Spannung verfolgt, als ginge es um den Lotto-Jackpot. Unglaublicherweise ist die Katastrophe so gut wie nie endgültig, man kann immer wieder aus der Asche steigen und die Leiter bis zu einem Punkt erklimmen, von dem sich der Absturz lohnt.
(Nur wer vorher stirbt, ist endgültig raus: Selbstmörder und ihre verdammte Ungeduld …)
Die meisten Schüler des SLM kamen aus bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Familien, die sich damit hervortun wollten, dass sie ihren Jungen auf eine Privatschule schickten, oder sie wollten ihn vor den Unbilden der Welt im Allgemeinen schützen oder sichergehen, dass nicht alle halbe Jahr die Lehrer wechselten oder streikten, er Schwimm- und Töpferunterricht bekam und ein paar nützliche Freundschaften fürs Leben schloss. Ich glaube, nur sehr wenige taten es aus vornehmlich religiösen Motiven, die der eigentliche Daseinsgrund der Schule waren. Das Schulgeld war nicht so hoch, dass es Geschäftsleute und Angestellte aus den Stadtteilen Quartiere Trieste und Quartiere Africano abgeschreckt hätte, und das Gleiche galt für entlegenere Viertel, die damals am Stadtrand lagen wie beispielsweise Talenti. Je nach Anzahl der Söhne brachten sie ein doppeltes und bisweilen dreifaches Opfer. Wenn ich an diejenigen denke, die in Kürze zu den Protagonisten dieser Geschichte werden und von der Presse als grausame junge Nabobs beschrieben wurden, sei gesagt, dass einer der Sohn eines Hotelportiers und ein anderer der eines Beamten der Staatlichen Berufsunfallversicherung war.
Ein weiterer guter Grund, um einen ehemaligen SLM-Schüler zu verachten, war die Vorstellung (die ich statistisch nicht belegen kann), dass dort selbst Volltrottel versetzt wurden, weil sie zahlten. Es ist paradox, Privatschulunterricht mit beruflicher Leistung gleichzusetzen, denn wohl nirgendwo sonst liegt die Beurteilung des erzielten Ergebnisses nicht beim zahlenden Arbeitgeber, sondern beim Arbeitnehmer. Es ist deshalb widersinnig, im Lehrerberuf lediglich eine bezahlte Tätigkeit zu sehen: Ich arbeite für dich und sage dir am Ende, das Ergebnis ist schlecht, und wer ist schuld? Ich? Nein, du … Wäre ein Lehrer das Gleiche wie ein Zahnarzt und sein Unterricht eine Zahnbehandlung, liegt es dann daran, dass man sich nicht genug angestrengt hat, wenn der Zahn danach kaputtgeht? Ich glaube, es hatte weniger mit Bestechlichkeit zu tun als damit, diesem Widerspruch abhelfen zu wollen, dass am SLM nur wenige sitzen blieben. Und sie bestraften nur die Sonderfälle, wenn sich also jemand heftig danebenbenommen hatte. Alle anderen, das ist richtig, wurden nolens volens versetzt.
Doch der wahre Grund für die Ablehnung des Neuankömmlings war sein Sakristeigeruch. Ich wusste nicht, dass ich ihn verströmte. Nicht nur die Lehrer, auch meine neuen Mitschüler nahmen ihn wahr.

Das SLM war nach Papst Leo dem Großen benannt, der dem Vandalenkönig den Weg mit dem Kreuz versperrt hatte. Und der Vandale hatte haltgemacht und Italien verschont. Leo als Retter und Beschützer also. Ich will gar nicht wissen, dass diese Erzählung eine Legende ist, dass der Invasor in Wirklichkeit mit dem Gold zahlloser Kruzifixe bezahlt wurde, damit er kehrtmacht und ein anderes Land verwüstet, oder irgendwelche anderen profanen Erklärungen hören: Die Entmystifizierung weit zurückliegender Begebenheiten geht mir sowieso gegen den Strich; mein halbes Leben habe ich begierig irgendwelche Geschichten aufgesogen wie flüssiges Gold, und die andere Hälfte muss ich mir dann anhören, dass sie nicht wahr sind … nun, ich halte mich an die erste Hälfte. Genau wie die Gefängnisschüler, die ich heute unterrichte, echte Galgenvögel, die sich die Ohren zuhalten, wenn man ihnen sagt, dass das Trojanische Pferd ein Märchen ist: Nein, stopp, das glaube ich nicht, das kann nicht sein! Das bringt ja das ganze Kartenhaus Schule zum Einsturz, und tatsächlich hat es erste Risse bekommen, seit man es gewagt hat zuzugeben, dass die antiken Helden echte Bauernfänger waren, Mucius Scaevola war ein sich selbst verstümmelnder Kamikaze, Johanna von Orleans eine Schizophrene. Und Roland wurde nicht von den Arabern erschlagen, sondern von den Basken, und schon sind alle Protagonisten mit ihren Schwertern und Schwüren aus der Geschichte verschwunden, und übrig bleibt sozioökonomische Pampe. Eine solche Demaskierung ist schlichtweg sakrosankt, da beißt die Maus keinen Faden ab, wie bei einem Zauberer, der mit der einen Hand Dinge hervorholt und sie mit der anderen verschwinden lässt, dreht sich beim Unterrichten alles um Mythen und deren Zerstörung. Das ist sein Stoffwechsel, sein natürlicher Kreislauf. Aber wenn man gleich mit der Desillusionierung anfängt …
Denn was soll ein kleiner Junge unterm Strich lernen oder nicht lernen?

Trotzdem hatte dieser Papst es wirklich verdient, sich der Große zu nennen. Sein Leben lang hat er sich mit den Häretikern angelegt, vor allem mit denen, die sich weigerten, Christi doppelte Natur anzuerkennen. Die zu leugnen ist das Logischste und Einfachste und deshalb auch das Dümmste, wenn der Verstand einfach keine Ruhe geben will und mit gezückten Waffen um sich schlägt, A ist gleich A, und A ist nicht gleich B. Auf der Erde mag das zutreffen, aber im Himmel? Und wenn man nicht glaubt, dass Jesus auch ein Mensch war, in Fleisch und Blut, und wirklich am Kreuz gestorben ist, oder wenn man denkt, er sei nur ein Mensch gewesen, wenn auch ein besonderer … wie, bitte, kann man sich dann Christ nennen? Wieso nicht einfach die Finger von der Religion lassen? Wozu die Mysterien mit seinem Spatzenhirn in den Dreck ziehen, das nichts versteht und nichts verstehen will, das behauptet oder so tut, als würde es verstehen, und sich doch von vornherein weigert? Im Licht der prinzipiellen Widerspruchslosigkeit würde keine Religion bestehen oder auch nur den kleinsten Sinn ergeben: Sie alle wären nichts als ein Haufen Unsinn. Wieso hat sich Odin an den Baum gehängt, und was soll das heißen, er hat sich für sich selbst geopfert?  … und wie kann es sein, dass Dionysios aus dem Schenkel seines Vaters geboren wurde und Athene aus dessen Haupt? Für den gesunden Menschenverstand ist das alles mehr oder weniger unbegreiflich, angefangen bei der Tatsache, auf der Welt zu sein. Doch unter dem nüchternen Deckmantel des gesunden Menschenverstandes verbirgt sich der eigentliche Wahnsinn: Er will alles aufklären und sorgt nur für Verwirrung. Jene Philosophen hat Papst SLM die Kälte der Vernunft und die Hitze der Tat spüren lassen.
Na schön, zugegeben, einen gewissen geistigen Habitus, eine Art zu denken, habe ich von den Priestern übernommen, diese unentwegten Kehrtwendungen, die Sophismen, die schwelende Virulenz …

Einer der blödesten und deshalb womöglich gelungensten und lustigsten Witze bestand darin, in den Philosophiestunden zu Bruder Gildos Ausführungen über, sagen wir, Aristoteles, nach jedem Satz zu nicken. Wir glotzten ihn an, hörten zu und nickten nach jeder seiner Äußerungen synchron mit den Köpfen, als wollten wir ihn darin bestärken, dass alles, was er sagte, stimmte, wir es begriffen hatten und der gleichen Ansicht waren. Eine ganze Klasse aufmerksam lauschender Schüler, die fast unaufhörlich mit dem Kopf nicken wie diese Wackeldackel, die man sich früher auf die Hutablage im Auto stellte. So viel zu Bruder Gildo.
Sokrates, der weiß Bescheid,
und Xanthippe nickt:
besser, als die Palme schütteln,
ist, wenn man ordentlich fickt.


KAPITEL III
Von einer Oberstufenjungenklasse hatte ich immer dieses Bild vor Augen: Krabben in einem Eimer, ja ein Eimer voller wuselnder Krabben.

… genau wie diese Tiere einander mit zappelnden Beinen und Scheren auf den Rücken klettern, sich die steilen Wände emporhangeln, wieder hinunterrutschen und von vorn anfangen: ein von ohnmächtigem Leben wimmelnder Eimer …

Doch es stimmt nicht, dass zwischen Jungen nur Konkurrenz herrscht, ganz im Gegenteil. Das tiefe, natürliche Bedürfnis der Männer, von anderen Männern Liebe, Zärtlichkeit und Wärme zu erfahren, bleibt fast immer ungestillt und wird deshalb vollständig (und zuweilen brachial) auf die Frauen umgelenkt, die von dieser unhaltbaren Forderung regelrecht überfahren werden. Die rituelle Zurschaustellung der Männlichkeit gegenüber Frauen fällt häufig nur deshalb so bedrohlich und überzogen aus, weil man eigentlich bei den anderen Männern Eindruck schinden will. Das Publikum, an das sich Männer wenden, sind also Männer. Vor allem in der Jugend, von deren Urteil hängt alles ab, und man bangt um deren Zustimmung und Bewunderung: Von einem Kumpel kann ein Mann zwar selten Liebe erwarten, aber zumindest Anerkennung fordern. Um die zu bekommen, ist er zu allem bereit.

So leid es mir heute auch tut, keine Mädchen in der Klasse gehabt zu haben, ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, eine zumindest in dieser Hinsicht normale Jugend verlebt zu haben. Wie meine Kinder beispielsweise.
Aber vielleicht ist es die meiner Kinder ebenso wenig: Ich denke an meine Jüngste, die das staatliche Righi-Gymnasium besucht, und an ihre Klassenkameradinnen, die ständig gemobbt werden und dem Spießrutenlauf der sozialen Netzwerke ausgesetzt sind, den Ranglisten, wer gerade die größte Schlampe der Schule ist und so weiter: Dinge, die das Selbstwertgefühl in den Keller gehen oder hysterisch durch die Decke schießen lassen …
Mit vierzehn Jahren sind sie ständigen Belästigungen, Machosprüchen und anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt, dem wie auch immer gearteten konstanten psychischen und physischen Druck mancher Klassenkameraden, die (und das ist das Erstaunliche und der Erwähnung wert) jedoch kein bisschen reifer, entwickelter und »männlicher« sind, sondern noch halbe Kinder, ja halbe Mädchen, mit Milchgesichtern, Kieksstimmen und Babyspeck um die weichen Muskeln. Ihre Aufdringlichkeit mag noch infantil sein, nimmt aber die der Erwachsenen getreu vorweg. Es ist, als glaubten sie, durch ihre Grenzverletzungen (glücklicherweise geht mein älterer und dreißig Zentimeter größerer Sohn auf dasselbe Gymnasium und hat versprochen, ihnen ein paar aufs Maul zu geben, sollten sie nicht aufhören, seine Schwester zu belästigen) an einem Tag um zwei oder drei Jahre älter zu werden und sich damit den Status zu sichern, ihre Klassenkameradinnen, vor allem die hübschen, heruntermachen zu dürfen.

Männlich geboren zu werden ist eine unheilbare Krankheit. Arbus war nicht der Einzige, der linkisch und ungelenk war. Wir alle bewegten uns tollpatschig, selbst wenn wir uns den Ranzen aufsetzten (damals gab es noch keine anderen Rucksäcke als die zum Wandern). Hätte ein Psychologe unser unkoordiniertes Gehampel beobachtet, unsere Art, uns zu kratzen oder herumzufuchteln, hätte er uns für geisteskrank gehalten. Man kann sich nicht vorstellen, wie weit ein Junge geht, was er sich und anderen antut, nur um die Anerkennung seiner Kumpels zu bekommen. Das Spiel war ermüdend und eintönig: Man musste beweisen, dass man ein Mann war, also männlich, und kaum hatten wir den Beweis erbracht, mussten wir es erneut beweisen und jedes Mal wieder bei null anfangen, als dräute ständig Gefahr, die soeben gezeigte Männlichkeit zu verlieren, und selbst wenn man noch so oft bewiesen hatte, ein ganzer Kerl zu sein, konnte ein einziger Fehler, eine einzige Schlappe die erzielten Trümpfe und damit den gesamten Einsatz zunichtemachen. Wie bei manchen Kartenspielen oder Sportarten, in denen die mühsam erkämpften Punkte mit einem falschen Zug dahin sind. Wozu also seine Männlichkeit unter Beweis stellen, wenn man eine Minute später wieder von vorn anfangen muss?
Nachdem ich zu diesem Schluss gekommen bin und mich hinreichend abgestrampelt habe, um diese elenden Prüfungen unbeschadet zu überstehen und mutig, draufgängerisch, männlich, verantwortungsbewusst, ernsthaft und was sonst noch alles rüberzukommen, habe ich es ein für alle Male drangegeben – sollen sie doch denken, ich sei schwul, amen.

Das Spiel war denkbar simpel, man musste nur fix sein: Wer einen anderen als Erstes beschuldigte, schwul zu sein, war es nicht. Um die Unterstellung loszuwerden, musste der Beschuldigte einen anderen beschuldigen und so weiter. Es half nichts, die Beschuldigung gegen den zu kehren, der sie als Erster ausgesprochen hatte, man musste sie auf einen Dritten abwälzen. Wer sich nicht für Mädchen interessierte, war schwul; aber auch wer den lieben langen Tag an nichts anderes dachte, war es. Beide kriegten ihr Fett weg.
Jungenhierarchien richten sich nach Befehlen, Beleidigungen, Bündnissen und Kampfansagen.
In Bezug auf die Schulzampanos konnte man
a)Untergebener
b)Verbündeter
c)Verfolgter/Ausgegrenzter
d)Kandidat für eine schwer zu benennende Kategorie sein (Blockfreier), die von den Zampanos in Ruhe gelassen wurde, weil sie es für Energie- und Zeitverschwendung hielten, sich mit ihr abzugeben, ein bisschen so wie Hitler mit der Schweiz. Ich gehörte zu Letzterer. Die passende Bezeichnung wäre vielleicht Neutralität, nur dass man nie recht darüber nachdenkt, warum jemand neutral bleiben will und weshalb er es sich erlauben kann.

Um witzig zu sein, mussten die Scherze möglichst schräg und aggressiv sein. Ein durch und durch argloser Scherz bringt niemanden zum Lachen und ist überflüssig: Warum ihn reißen, wenn er nicht reinhaut? Wofür die Mühe? Selbst das ungeschoren davongekommene Opfer fragt sich, wozu es zur Zielscheibe geworden ist. Derbheit ist zur Verbrüderung absolut unerlässlich: Sie tendiert dazu, den Witz möglichst unterirdisch, dreckig, platt und beleidigend ausfallen zu lassen, doch da die Verbrüderung als solche zu Höherem strebt, sind es von ordinären Frotzeleien über Frauen nur wenige Schritte zur erhabenen Liebe des Dolce stil novo, von der Kasernenmentalität zu Selbstlosigkeit und Heldentum in einer unmerklichen Überwindung des Körperlichen bis hin zum übermenschlich Geistlichen …
Ich zum Beispiel bin jetzt in einem Alter, in dem man nach dem beurteilt wird, was man im Leben erreicht hat, doch seltsamerweise ist mir dieses Image heute vollkommen schnuppe, dabei war es mir mit dreißig und erst recht als Heranwachsender wahnsinnig wichtig. Was hat es mich umgetrieben, wie die anderen mich finden, was habe ich darauf gegeben, als der Bestaussehende, Klügste und sogar Sympathischste zu gelten, obwohl ich nichts davon war. (Arbus’ Intelligenz war unerreicht; die Siegespalme des Bestaussehenden teilte sich der engelsgleiche Zarattini mit Jervi und Sdobba, und was die Sympathie betrifft, war klar, dass ich eher auf den hinteren Plätzen lag und die einstimmige Wahl auf Modiano und Pilu fallen würde.) Wie habe ich darunter gelitten! Nicht nur in der Schule war man davon besessen, sondern vor allem auch in den Ferien, wenn Mädchen mit von der Partie waren, bei denen man punkten wollte. Mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren war ich regelrecht besessen von dem Verlangen, des Sommers am Meer von meinen männlichen und weiblichen Altersgenossen anerkannt zu werden! Ich hätte alles getan, um ihnen zu gefallen, von ihnen respektiert und bewundert zu werden! So schüchtern und einigermaßen feige ich auch war, hätte ich bei jeder noch so riskanten oder hirnrissigen Aktion mitgemacht, um ja nicht im toten Winkel der Belanglosigkeit zu versauern, wo niemand sich merken kann, wie man heißt, man ständig mit jemand anderes verwechselt wird und die Leute einen jedes Mal angucken, als hätten sie einen noch nie gesehen.

Wir kehren das hervor, von dem wir glauben, es komme bei den anderen besonders gut an. Anfangs bei unserer Mutter, dann bei unseren Spielkameraden und schließlich bei allen, auf die wir Eindruck machen wollen, bei Gleichaltrigen, Erwachsenen, Lehrern und Mädchen zeigen wir ausschließlich den Teil von uns, mit dem wir uns die größten Chancen auf einen Treffer ausrechnen. Der Rest bleibt im Dunkeln, und nur wer besonders genau hinschaut (normalerweise die Freunde und vor allem die Feinde), kann ihn erahnen. Das Gesicht, das wir in der Hoffnung zeigen, es komme gut an, und auf das wir alles setzen, wird »falsches Selbst« genannt, nicht weil es falsch wäre, denn das ist es nicht: Es ist weder gespielt noch aufgesetzt, es gehört zu uns, es ist authentisch und entspricht unserem wahren Gesicht oder zumindest einem natürlichen Gesichtsausdruck; wir sind es, die es verfälschen, indem wir behaupten, das seien wir, obwohl es nur ein Teil von uns ist und nicht einmal der bezeichnendste.
Das falsche Ich fühlt sich nur lebendig, wenn es mit Schwierigkeiten konfrontiert wird. Es ist auf äußere Impulse angewiesen, auf Hürden, die es überwinden muss. Wenn es nicht agieren muss, ist es, als existierte es nicht.

Es ist so schwer, seine eigenen Widersprüche zu ertragen und sie unter einen Hut zu kriegen! Ich hatte immer Schwierigkeiten, mich dauerhaft lebendig zu fühlen. Die Rolle, die ich mir zugelegt hatte, um von den anderen wahrgenommen zu werden, hielt ich nur wenige Stunden am Tag durch, vielleicht vier oder fünf, wenn ich mich richtig ins Zeug legte, sogar sieben oder acht am Stück, danach ging nichts mehr, ich versank in der Willenlosigkeit, in der Anonymität, in einer Art kraftloser Benommenheit, die jedoch nicht unangenehm war, da sie einem nichts mehr abverlangte. Obwohl ich das Alleinsein nicht sonderlich mochte, hatte es den Vorteil, dass es mich vor dem Urteil anderer schützte und mich meiner Selbstaufgabe überließ; und so sind mir all dieser verquaste Trübsinn, die Apathie, die Trägheit, die tiefe Schwermut und die Selbstverachtung dafür, mich so lange damit abgequält zu haben, jemand zu sein, der ich nicht oder nicht wirklich war, allmählich ans Herz gewachsen. In diesen leeren Stunden erkenne ich mich eher wieder als in den aufgesetzten, lässigen Posen.
Ich spürte, wie meine Nerven sich so sehr entspannten, dass sie nur noch ein schwaches Zucken aussandten, wie erschlaffende Gitarrensaiten, die einen dumpfen, tiefen und leicht befremdlichen Ton von sich geben. Einen nutzlosen Ton. Das war der ideale Zustand, um Bücher zu lesen und Musik zu hören.

So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir nichts weiter sind als Nerven- und Empfindungsbündel, denen man aus juristischen Gründen eine Identität gegeben hat, damit dieser Wust aus willkürlichen, chaotischen Zuckungen Steuern zahlt, das Haus des Großvaters erbt, Prepaidtickets auf seinen Namen am Flughafen abholen und den reservierten Sitzplatz einnehmen kann. Nichts weiter. Nichts weiter als ein bequemes Erfassungssystem.
Der Name zu dieser Identität? Nur ein Schlagwort: auf Magnetkarten, in amtlichen Papieren, als Bildunterschrift oder als bronzene Lettern auf einer Travertintafel, und tschüss.

Die Umkleide war der Ort, wo sich das Selbstbestätigungsritual der Männlichkeit vollzog. Es gibt vielleicht nichts Beschämenderes, als den eigenen, noch unreifen Körper vergleichend zur Schau stellen zu müssen. Wenn wir in die Turnhalle gingen und uns umzogen, kamen unter einer Schicht identischer Klamotten Jungenkörper zum Vorschein, die so unterschiedlich waren wie Straßenköter in einem Tierheim.
Mit unermüdlichen Witzeleien gegen alles, was anders war, seien es Frauen oder Schwuchteln, zelebrierte man eine eingeschworene Bruderschaft, die freilich den homosexuellen Touch innerhalb der Gruppe absurderweise noch verstärkte. Das ist in einer ausschließlich männlichen Gemeinschaft unausweichlich: Weil man, und sei es nur verbal, Frauen, Schwule und Warmduscher niedermacht, um mit seiner Männlichkeit zu protzen, ist man irgendwann nur noch auf diese aus. Wahres Machotum kann nur homosexuell sein.
Dieses Schwanken zwischen Ächtung des Weiblichen und dem geradezu verzweifelten Hunger danach ist schon ausgesprochen seltsam …
Doch war das eine Maskerade aus Angeberei, Herumgepöbel, gesagtem und getanem Schwachsinn, riskanter, hirnrissiger Leichtfertigkeit (heute gibt es eine Fernsehsendung, die sich um nichts anderes dreht und in der ein gewisser Hang zum Selbstmord mitschwingt: Die Protagonisten schlucken Würmer, schnallen sich Raketen unter die Rollschuhe, lassen sich von einem Deckenventilator durchquirlen oder von Ziegenböcken auf die Hörner nehmen) und allen nur denkbaren gefährlichen und aberwitzigen Aktionen, die zu Abschürfungen, Erbrechen, Selbstverstümmelung und grundloser Gewalt führen, und mit grundlos meine ich Dinge wie einen Frosch kochen oder in die Scheibenwaschanlage pinkeln und die Düsen so ausrichten, dass Passanten und Motorradfahrer getroffen werden; die Zoolöwen nachts mit Pflastersteinen bewerfen, nachdem man sie mit Steaks ans Gitter gelockt hat …
Einen Hamster in eine Mikrowelle setzen
(das Aufheizen eines normalen Ofens
würde zu lange dauern …), den Dudelsackpfeifern
Münzen hinunterwerfen, die man vorher
über der Flamme heiß gemacht hat, einen
ahnungslosen Freund mit einem Schneeball
füttern, dessen Kern aus gefrorener Pisse besteht …

Es war ein Test, den man täglich über sich ergehen lassen musste. Man musste zeigen, dass man Manns genug war, dem Dauerdruck der geschmacklosen Witzeleien standzuhalten, der das Leben an einer Jungenschule bestimmt. Obwohl ich keine Zielscheibe war, sondern vielmehr zu der Gruppe der Glücklichen gehörte, die physisch und moralisch scheinbar vor nichts zurückschreckten, und mich im Grunde immer herausgehalten habe, gebe ich zu, dass ich unter diesem übermächtigen, greifbaren Druck mehr als einmal zusammengebrochen bin. Und wie machte ich mir Luft? Ich weinte. Möglichst ohne dass es jemand mitbekam. Es gibt keine bessere und schnellere Methode. Ein paarmal auch durch Handgreiflichkeiten. In der Kurzen Geschichte der Schlägerei, die ich eines Tages schreiben werde, wird sich ein Kapitel ausschließlich mit Schulprügeleien befassen. Abgesehen von politischen Keilereien, die ein eigenes, durchaus wichtiges Kapitel verdienen, oder von solchen, denen die Schule lediglich als Probebühne für ein Ballett dient, das auf den Straßen und Plätzen aufgeführt werden soll, gehören Prügeleien ebenso sehr zur Schullaufbahn eines Jungen wie Prüfungen – sie sind Prüfungen.

Die wichtigsten menschlichen Ressourcen werden darauf verwendet, in einer Rolle ernst genommen zu werden. Zu Hause, in der Gesellschaft, in der Schule, bei der Arbeit, auf dieser Erde. In manchen Momenten konnte man den Eindruck gewinnen, dass unsere Hauptbeschäftigung nicht darin bestand, zu lernen, Sport zu treiben oder fernzusehen (was, zeitlich gesehen, unsere Tage bis zur Oberkannte ausfüllte), sondern darin, eine Rolle zu spielen. Welche, ist nicht leicht zu sagen und nicht ganz klar. Die Rolle der Jugend? Die Rolle junger, männlicher Energiebündel? Die Rolle junger, männlicher, privilegierter, katholischer, römischer Italiener? Die Rolle der anständigen Jungs oder die der ungehobelten Chaoten? Vielleicht ein wenig von allem, gleichzeitig, abwechselnd oder reihum, mit verschiedenen Rollen für Winter und Sommer, für Familie und Freunde, denn im Grunde ist es normal, sein Verhalten unterschiedlichen Situationen anzupassen, wie der Familienvater, der sonntags Autos vor dem Stadion abfackelt und montags pünktlich zur Arbeit geht. Eine Persönlichkeit bietet reichlich Platz, sie ist groß genug für zwei, drei oder mehr. Die Hauptgeschichte dieses Buches wird bestätigen, dass man tagsüber ein anständiger Schüler sein und nachts Minderjährige ausrauben und vergewaltigen kann.

Die Vorstellung, die Jugend sei rebellisch oder zumindest rebellischer als die Erwachsenen, ist ein romantischer, verklärender Irrglaube, der mit der Wirklichkeit so gut wie nichts zu tun hat. Nichts könnte falscher sein. Die übergroße Mehrheit der Jugend ist extrem konformistisch. Sie bewegt sich instinktiv in der Herde und kaum davon weg. Lehnt sie sich gegen Regeln auf, dann nur, weil sie anderen Regeln folgt, denen sie sich stärker verpflichtet fühlt. In der Jugend bestimmt der Herdentrieb so gut wie jeden Aspekt des Lebens, nichts kann sich ihm entziehen: wie man sich anzieht, was man sagt, wie man küsst und welche und wie viele Zigaretten man raucht, ohne husten zu müssen. Einfach alles wird durch Nachahmung erlernt.

Vielleicht dient diese ganze Plackerei, dieses endlose sich selbst bespiegeln, vergleichen, unter die Lupe nehmen, das ständige Ringen vor allem mit sich selbst, das Mutproben aufstellen, sie bestehen, zeigen, dass man’s draufhat, hart sein, gewieft sein, unerschrocken sein, den Verstand unterdrücken und den Körper mit mörderischen Laufbahnrunden und Liegestütz triezen, dieser unermüdliche Kampf der Krabben im Plastikeimer also nur als Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt, sonst nichts. Die inneren Qualen erfüllen allein den Zweck, den Auszug aus dem mütterlichen Garten Eden möglichst erträglich zu machen, ehe man im Fegefeuer des praktischen Lebens landet, wo jede Eroberung einen Verlust, eine Kränkung, einen Verrat bedeutet und wo es weder himmlisch süße Trauben gibt, die einem in den Mund wachsen, noch Milch und Honig von den Bäumen triefen. Sie sind nur dazu da, um die Vertreibung zu ertragen, ohne sich sofort das Leben, in dem man »ein Mann« sein muss, zu nehmen. Indem man die Muskeln anspannt und den Hintern zusammenkneift, die Augen zudrückt, sich einen runterholt, brüllt, heult und sich einbildet, der legitime Anführer der Weltordnung zu sein, entwickelt man ein ausreichend dickes Fell, um die Angst vor der Welt zu ertragen …

Vor mir liegt der letzte Brief, den ich von Arbus bekommen habe, ehe er aus meinem Leben verschwand. Er ist vom 12. Mai 1980, also sechs Jahre nachdem er das SLM auf spektakuläre Weise, von der ich in Kürze berichten werde, verlassen hat. Ich gebe den Teil daraus wieder, der mich am meisten getroffen, verletzt und überzeugt hat.
»Ich habe schon vor Jahren begriffen, was der Unterschied zwischen Dir und mir ist, Edoardo, doch das hat mich nicht davon abgehalten, mit Dir befreundet zu sein. Und weißt Du, worin er besteht? Trotz allem hast Du immer versucht, so zu sein wie die anderen. Hin und wieder bist Du auf Distanz gegangen und hast so getan, als wolltest Du nichts mehr mit ihnen zu tun haben, um dann umso überraschender wieder zu ihnen zu stoßen, damit alle mitkriegten, dass Du nach Deiner Abkehr wieder ganz dicke mit ihnen warst, samt den Witzchen und allem, was dazugehört. Du brauchtest das, Du konntest nicht ohne, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Du hast immer andere gebraucht, und daran ist nichts auszusetzen, Du brauchst die Bestätigung, die Anerkennung, auch wenn Du so tust, als wäre sie Dir schnuppe, denkst Du an nichts anderes und könntest im Leben nicht darauf verzichten. Ein bisschen Abstand ja, ein endgültiger Bruch niemals. Du bist ein schwermütiges, schwaches Herz. Manchmal hast Du in der Klasse nur randaliert, weil Du fürchtetest, außer mir, Zipoli und vielleicht noch Rummo der Einzige zu sein, der nicht mitmacht … Du hattest Angst und hast Spaß gehabt aus Angst, keinen Spaß zu haben. Gib’s zu. Es gibt nur zwei Optionen, die miteinander unvereinbar sind: sich den anderen anpassen und alles erfüllen, was man von einem Mann erwartet; oder sich isolieren und gänzlich absondern, rein und unbeteiligt bleiben, unangepasst und mit nichts konform. Wofür hast Du Dich entschieden?«
Ja, es stimmt, Arbus hat wie immer recht, ich habe die erste Option gewählt, oder sie hat mich gewählt: Mein Anderssein war nicht stark genug, um sich zu wehren, ich wollte mich nicht wehren. Ich wollte sein wie alle anderen. Das war mein heimlicher Wunsch, auch wenn ich zu stolz war, ihn zuzugeben. Arbus war kein bisschen stolz. Und so wählte er die zweite Option, die Isolation.

Edoardo Albinati im Interview

Während meiner zehnmonatigen Übersetzungsarbeit habe ich »Die katholische Schule« als einen bisweilen geradezu masochistischen Akt der lustvoll-beglückenden Zumutung erlebt, als einen zwangsläufigen, unausweichlichen Prozess, um das Geschilderte zu erfassen und zu durchdringen, zu bewältigen und zu überwinden. Was war die Initialzündung und die innere Motivation, die Sie während Ihrer zehnjährigen Arbeit daran vorangetrieben hat?

»Lustvoll-beglückende Zumutung« ist eine wunderbare Definition sowohl des Schreibens als auch des Lesens und Übersetzens (und, wenn wir so wollen, vor allem der Liebe…): eine Mühsal, die eine unvorhersehbare Belohnung bereithält; eine ziemlich widersinnige und am Ende dennoch auf rätselhafte Weise beglückende Energieverschwendung. Genau das habe ich zehn Jahre lang betrieben: Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichten, Gespenster, mein Schreiben. Die Initialzündung oder besser das schwarze Loch, um das der Roman kreist, war ein viele Jahre zurückliegendes Verbrechen, begangen von ein paar meiner Schulkameraden, die zwei Mädchen entführten, sie zwei Tage lang in einer Ferienvilla in Circeo folterten und vergewaltigten und dann im Kofferraum ihres Autos nach Rom zurückbrachten. Eine war tot, die andere atmete noch. Das Verbrechen schlug riesige Wellen in Italien und veränderte vieles. Es war das Jahr 1975. Über die Tat hätte ich nur wenig mehr erzählen können als das, was man bereits wusste. Doch ich konnte von der katholischen Schule für Jungen erzählen, die wir besucht hatten, von unseren bürgerlichen Familien, von der verkorksten Besessenheit mit Sex, von dem friedlichen Wohnviertel, wo sich niemals etwas Schlimmes ereignet hatte. Davon konnte ich erzählen, und das habe ich getan. Im Großen und Ganzen hat der Roman vier große Themen: Jugend, Sex, Religion und Gewalt. Diese vier apokalyptischen Reiter haben mich über tausend Seiten mitgeschleift, und dazu auch den einen oder anderen Leser.

Der Rezensent des Avvenire hat Ihren Roman zwischen Proust und Pasolini verortet, an anderer Stelle wird »Der Mann ohne Eigenschaften« genannt, in Cosmos Heften wird »Krieg und Frieden« zitiert, und mich hat die Hartnäckigkeit und Unerbittlichkeit der Gedankenführung manchmal an Thomas Bernhard erinnert. Zugleich hat man den Eindruck, literarische Genres und Kategorien spielten für Sie überhaupt keine Rolle, als ergäbe sich die Erzählweise aus der Notwendigkeit des zu Erzählenden. Ist das Schreiben und speziell diese Art des Schreibens vielleicht die einzig mögliche Form, um einem monumentalen Tableau wie Die katholische Schule gerecht zu werden? Und das, obwohl oder gerade weil alle das Ende des Buches, den Verfall der Schreibkultur und den Niedergang des Diskurses beklagen?

Das Gejammer über den Niedergang des Buches ist rituell und rhetorisch und auch ein bisschen selbstmitleidig, gerade so, als würden die heutigen Zeiten einem Schriftsteller einen Freifahrtschein zur Mittelmäßigkeit ausstellen. Ich verwahre mich dagegen. Schon immer habe ich mich in den unterschiedlichsten literarischen Genres bewegt und versucht, das, was ich aus ihnen lernte, in mein Metier zu übersetzen und Früchte tragen zu lassen. Der Roman ist ein wunderbar vielseitiges und hybrides Vehikel, schon immer hat er Erzählung, Theater, Dichtung und Geschichte miteinander verwoben, und Die katholische Schule war dafür eine ideale Gelegenheit. Übrigens sind auch die gern als essayistisch bezeichneten Passagen des Buches in Wirklichkeit narrativ: Sie erzählen davon, wie ein Gedanke erwächst, sie erzählen von der Suche nach der Wahrheit. Die Wahrheit worüber? Darüber, was es heißt, heranzuwachsen; männlich zu sein; über die dunkle Verlockung der Gewalt. Darüber, was es bedeutet, privilegiert zu sein, weil man in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde und eine Privatschule besucht. Und so weiter. Ehe der Autor sich ans Schreiben macht, hat er keine genaue Vorstellung, wo es hingehen soll: Er fängt an zu forschen und schreibt von seiner Suche, ähnlich dem Reisetagebuch eines Forschers. Er erzählt, erinnert, erfindet, denkt: Er tut das, was wir alle jeden Tag tun, mehr nicht. Literatur bedeutet nichts anderes, als diesem existentiellen Prozess eine Form zu geben.

 

Die #MeToo-Debatte, die seit einigen Monaten die Gemüter erregt, hat die Bedeutung von »Die katholische Schule« zusätzlich unterstrichen. Die Verflechtungen von Macht, Missbrauch, Geschlechterverhältnis und Geschlechterrollen werden hitzig diskutiert. Sehen Sie Ihren Roman dadurch in einem neuen Licht? Und glauben Sie, der Kern des Problems wird sich jemals lösen lassen?

Nach wie vor steht mein Buch im Zentrum der Debatte über männliche Gewalt und Sex als Machtinstrument. Die Zeitungen und das Fernsehen haben mich zigmal dazu befragt, weil mein Buch der erste von einem Mann verfasste Roman zu sein scheint, der sich rückhaltlos mit der männlichen Identität auseinandersetzt. Ein Satz des Buches ist geradezu sprichwörtlich geworden und wird ständig zitiert: »Männlich geboren zu werden, ist eine unheilbare Krankheit«, die jedoch, wohlgemerkt, alle betrifft, nicht nur die Vergewaltiger. Vielleicht habe ich die Dinge nur deutlicher beim Namen genannt, indem ich mich selbst ins Spiel gebracht habe, statt mich lediglich darauf zu beschränken, die sexuelle Gewalt zu verurteilen. Ich glaube, dieser Krieg, dieser latente Vergeltungsdruck auf das weibliche Geschlecht (nicht umsonst benutzte ich das deutsche Wort »Vergeltungswaffe«, um die Vergewaltigung als Machtinstrument zu beschreiben), kann nur enden, wenn die Männer es schaffen, sich ihre eigene innerste und ureigene Verletzlichkeit einzugestehen und zu akzeptieren, statt sie durch die Demonstration von Stärke zu kompensieren. Doch wie dem auch sei, abgesehen von jeder Menge Verrissen, Beschimpfungen und Spott bekomme ich noch immer und vor allem von Leserinnen viel Dank dafür, dieses Thema angegangen zu sein – unverblümt, nackt und direkt.

 

In Ihrem Buch erscheint das Quartiere Trieste als kaleidoskopisches Brennglas einer Epoche, das jedoch weit über deren örtliche und zeitliche Grenzen hinausweist. Welche Reaktionen hat Die katholische Schule in Ihrer Umgebung und im QT ausgelöst? Und welche Relevanz wünschen Sie Ihrem Buch für deutsche Leser?

Ich habe alle möglichen Reaktionen erlebt: Begeisterung, Abwehr, Langeweile, Bewunderung, Dankbarkeit und darüberhinaus noch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Manche haben das Buch lustig gefunden, zumindest die Passagen, in denen die Schulzeit beschrieben wird und die natürlich gespickt sind mit dämlichen Anekdoten. Während einer Lesung, bei der verschiedene Kapitel von rund zwanzig Lesern reihum vorgetragen wurden, hat sich das Publikum in die Hosen gemacht vor Lachen … und auch ich musste lachen, so verblüfft war ich darüber. Die Reaktion der Leser ist immer unvorhersehbar, und das ist das Schöne. Im Quartiere Trieste bin ich inzwischen eine Art Barde, weil niemand zuvor über dieses Viertel geschrieben hat. Ich glaube, man kann über jeden Ort schreiben, und sei er fiktiv, solange man es mit Präzision und Hingabe tut: Dann wird dieser Ort für jeden Leser der Welt wahr und bewohnbar. Ich muss dabei an die ersten Folgen von Edgar Reitz’ Heimat denken: Dieses deutsche Dorf war mir absurderweise vertraut, ich verstand es vollkommen, obwohl es am anderen Ende meiner Erfahrungen lag.

»Männlich geboren zu werden, ist eine unheilbare Krankheit«


Edoardo Albinati

In den zahllosen italienischen Rezensionen wird »Die katholische Schule« gern als »der große Roman über die italienischen Siebzigerjahre« tituliert, obwohl er Phänomene, Entwicklungen und Erfahrungen beschreibt, die sich gänzlich von ihrem konkreten Kontext lösen lassen. Würden Sie Ihren Roman als besonders italienspezifisch bezeichnen?

Eher noch als italienspezifisch könnte man ihn vielleicht »römisch« nennen, auch wenn das historische Zentrum der Stadt nie erwähnt wird. Außerdem sind die Siebzigerjahre und die im Buch beschriebenen Charaktere uns heute nicht weniger fern als die russischen Adligen aus Krieg und Frieden oder die Samurai aus irgendwelchen japanischen Romanen und Filmen. Dass diese Welt verschwunden ist und nicht mehr existiert, schafft Raum für schöpferische Freiheit und gibt dem Erzählten eine ganz eigene Färbung. Natürlich habe ich meinen Roman auf Italienisch geschrieben, doch ich vertraue auf die Übersetzungen, und – ich weiß nicht warum – ganz besonders auf die deutsche. Vielleicht, weil ich die treffendsten und ergreifendsten Beschreibungen dessen, was es heißt, jung zu sein, wonach sich ein Junge sehnt und wovor er sich fürchtet, bei deutschsprachigen Autoren gefunden habe … gelesen in italienischer Übersetzung.

 

Vor einigen Wochen hat Roberto Saviano Italien eine historisch-politische Vorreiterrolle zugeschrieben: Erst Mussolini, dann Hitler, erst Brigate Rosse, dann die RAF, erst Berlusconi, dann Trump. Wer die Zukunft Europas sehen wolle, müsse nur nach Italien schauen. Können Sie diese Ansicht nachvollziehen?

Natürlich, genau so ist es. Italiens Beitrag zur modernen Politik ist zweifellos die Erfindung des Faschismus – darauf kann man nicht stolz sein, aber daran lässt sich nicht rütteln. Das Rezept hat sich in der ganzen Welt verbreitet, unter anderem Namen zwar, aber mit derselben Formel. Das liegt daran, dass Italien von Mussolini über die Lega bis zu Berlusconi und die Fünf-Sterne-Bewegung ständig danach strebt, die Politik als antipolitischen Aufstand neu zu erfinden, also gegen die Parteien, gegen die Institutionen, die als nutzlose bürokratische Dinosaurier empfunden werden. Und wer könnte diese Sehnsucht, sich von all der Zähigkeit und all den parlamentarischen Kompromissen zu befreien, besser verkörpern als ein stinkreicher Privatunternehmer wie Berlusconi oder Trump? Es geht um den Mythos der direkten Aktion, darum, die Knoten mit dem Schwert zu zerschlagen. In Italien hat es nie eine Revolution gegeben, deshalb lechzen alle danach, sie zu machen. Vor allem mit Worten.

 

Was verbindet Sie – abgesehen von Ihrer umfassenden Kenntnis und Vertrautheit mit der deutschen Philosophie – mit Deutschland?

Es ist schon komisch, dass ich Deutschland so gut wie gar nicht kenne (wenn es hochkommt, war ich dreimal dort), und deutsche Bilder, Literatur, Filme, politische Theorien, Musik und sogar der Klang der deutschen Sprache zugleich eine so mächtige Faszination auf mich ausüben. Ich könnte in null Komma nichts fünf Seiten nur mit Namen und Titeln füllen. Im Vergleich zu meinen kaum nennenswerten direkten Erfahrungen ist das sogenannte »Sehnsuchtsbild«, das ich von Deutschland hege, riesig. Als ich klein war, hatte ich ein Kindermädchen namens Ruth, ich glaube, sie kam aus Leipzig. Sie war entsetzlich streng, doch immerhin brachte sie mir ein bisschen Deutsch bei, das ich später natürlich wieder vollkommen vergessen habe. Doch auch heute noch und obwohl ich so gut wie nichts verstehe, lese ich deutsche Balladen manchmal laut, auch wenn ich sie dabei bestimmt verhunze. Es bezaubert mich, wenn eine Frau Italienisch mit deutschem Einschlag spricht. Kurz gesagt, ich habe ein romantisches Verhältnis zu Deutschland, das ebenso intensiv wie fantastisch ist. Mein Lieblingsbild dafür ist nach wie vor das Gemälde von Overbeck, auf dem Arm in Arm zwei Mädchen zu sehen sind, ein blondes und ein dunkelhaariges, Deutschland und Italien, und das Verblüffende ist, dass, wenn ich mich recht erinnere, die erste die zweite zu trösten versucht, die ziemlich schwermütig ist …

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