Italienische Literatur
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Das Geheimnis einer schlechten Erziehung

Edoardo Albinatis „Die Katholische Schule“

»Man könnte sagen, dass diese Geschichte niemanden interessiert, aber auch, dass sie uns alle angeht: Beides ist wahr. Mich zum Beispiel interessiert sie nicht mehr, sie hat mich nie interessiert, nicht einmal damals, als sie passiert ist. Und wieso schreibst du dann darüber?, könnte jemand von euch mit Recht fragen. Vielleicht weil ich genug über sie weiß – ist das eine Antwort, die man gelten lassen kann, jetzt zufrieden? Weil ich genug darüber weiß und weil ich glaube, sogar die Dinge zu wissen, die ich nicht weiß (denn dazu ist Schreiben nun einmal da…). Oder aber, weil ich vielleicht gar nichts darüber weiß und noch nicht genug davon habe? Oder weil der Moment gekommen ist, es zu tun, jetzt oder nie? Wann, wenn nicht jetzt? Mal ehrlich, vierzig Jahre sind genug, um es gut sein zu lassen. Ich schreibe denn auch nicht, um an diese Geschichte zu erinnern, sondern um sie zu versiegeln und für immer zu vergessen. Zumindest will ich das. Ich packe sie in dieses Buch, als würde ich sie begraben. Amen.«

aus „Die Katholische Schule

Am 29.09.1975 - also heute vor 43 Jahren -, verübten ein paar ehemalige Schüler der Privatschule San Leone Magno, im gutbürgerlichen Quartier Trieste in Rom, eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Auch Edoardo Albinati ist damals auf diese Priesterschule gegangen. Am 29.09.2015 beendete er seinen Roman „Die Katholische Schule“... Gute vierzig Jahre lang hatte er das Geheimnis seiner „schlechten Erziehung“ gehütet.

Aber nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins.

„Die Katholische Schule“ erhielt 2016 den Premio Strega, die wichtigste literarische Auszeichnung Italiens.

Im Interview mit Verena von Koskull, der Übersetzerin von „Die Katholische Schule“, beantwortet Edoardo Albinati Fragen zur Entstehung dieses Romans, dem er zehn Jahre seines Lebens gewidmet hat.

Blick ins Buch
Die katholische SchuleDie katholische Schule

Roman

Eine Selbstbefragung à la Knausgård, ein Gedankenroman wie David Foster Wallaces Unendlicher Spaß– dieser Roman ist so komplex wie klug, so polemisch wie politisch, so bewegend wie bedeutend.Rom in den Siebzigerjahren, im gutbürgerlichen Quartiere Trieste ... Ein paar Ehemalige der Privatschule San Leone Magno begehen eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Edoardo Albinati ist damals auch auf diese Priesterschule gegangen. Vierzig Jahre lang hat er das Geheimnis seiner „schlechten Erziehung“ gehütet. Nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins. "Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichte, Gespenster, mein Schreiben ..." Edoardo Albinati
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Edoardo Albinati im Interview

Während meiner zehnmonatigen Übersetzungsarbeit habe ich „Die katholische Schule“ als einen bisweilen geradezu masochistischen Akt der lustvoll-beglückenden Zumutung erlebt, als einen zwangsläufigen, unausweichlichen Prozess, um das Geschilderte zu erfassen und zu durchdringen, zu bewältigen und zu überwinden. Was war die Initialzündung und die innere Motivation, die Sie während Ihrer zehnjährigen Arbeit daran vorangetrieben hat?

„Lustvoll-beglückende Zumutung“ ist eine wunderbare Definition sowohl des Schreibens als auch des Lesens und Übersetzens (und, wenn wir so wollen, vor allem der Liebe…): eine Mühsal, die eine unvorhersehbare Belohnung bereithält; eine ziemlich widersinnige und am Ende dennoch auf rätselhafte Weise beglückende Energieverschwendung. Genau das habe ich zehn Jahre lang betrieben: Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichten, Gespenster, mein Schreiben. Die Initialzündung oder besser das schwarze Loch, um das der Roman kreist, war ein viele Jahre zurückliegendes Verbrechen, begangen von ein paar meiner Schulkameraden, die zwei Mädchen entführten, sie zwei Tage lang in einer Ferienvilla in Circeo folterten und vergewaltigten und dann im Kofferraum ihres Autos nach Rom zurückbrachten. Eine war tot, die andere atmete noch. Das Verbrechen schlug riesige Wellen in Italien und veränderte vieles. Es war das Jahr 1975. Über die Tat hätte ich nur wenig mehr erzählen können als das, was man bereits wusste. Doch ich konnte von der katholischen Schule für Jungen erzählen, die wir besucht hatten, von unseren bürgerlichen Familien, von der verkorksten Besessenheit mit Sex, von dem friedlichen Wohnviertel, wo sich niemals etwas Schlimmes ereignet hatte. Davon konnte ich erzählen, und das habe ich getan. Im Großen und Ganzen hat der Roman vier große Themen: Jugend, Sex, Religion und Gewalt. Diese vier apokalyptischen Reiter haben mich über tausend Seiten mitgeschleift, und dazu auch den einen oder anderen Leser.

Der Rezensent des Avvenire hat Ihren Roman zwischen Proust und Pasolini verortet, an anderer Stelle wird „Der Mann ohne Eigenschaften“ genannt, in Cosmos Heften wird „Krieg und Frieden“ zitiert, und mich hat die Hartnäckigkeit und Unerbittlichkeit der Gedankenführung manchmal an Thomas Bernhard erinnert. Zugleich hat man den Eindruck, literarische Genres und Kategorien spielten für Sie überhaupt keine Rolle, als ergäbe sich die Erzählweise aus der Notwendigkeit des zu Erzählenden. Ist das Schreiben und speziell diese Art des Schreibens vielleicht die einzig mögliche Form, um einem monumentalen Tableau wie Die katholische Schule gerecht zu werden? Und das, obwohl oder gerade weil alle das Ende des Buches, den Verfall der Schreibkultur und den Niedergang des Diskurses beklagen?

Das Gejammer über den Niedergang des Buches ist rituell und rhetorisch und auch ein bisschen selbstmitleidig, gerade so, als würden die heutigen Zeiten einem Schriftsteller einen Freifahrtschein zur Mittelmäßigkeit ausstellen. Ich verwahre mich dagegen. Schon immer habe ich mich in den unterschiedlichsten literarischen Genres bewegt und versucht, das, was ich aus ihnen lernte, in mein Metier zu übersetzen und Früchte tragen zu lassen. Der Roman ist ein wunderbar vielseitiges und hybrides Vehikel, schon immer hat er Erzählung, Theater, Dichtung und Geschichte miteinander verwoben, und Die katholische Schule war dafür eine ideale Gelegenheit. Übrigens sind auch die gern als essayistisch bezeichneten Passagen des Buches in Wirklichkeit narrativ: Sie erzählen davon, wie ein Gedanke erwächst, sie erzählen von der Suche nach der Wahrheit. Die Wahrheit worüber? Darüber, was es heißt, heranzuwachsen; männlich zu sein; über die dunkle Verlockung der Gewalt. Darüber, was es bedeutet, privilegiert zu sein, weil man in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde und eine Privatschule besucht. Und so weiter. Ehe der Autor sich ans Schreiben macht, hat er keine genaue Vorstellung, wo es hingehen soll: Er fängt an zu forschen und schreibt von seiner Suche, ähnlich dem Reisetagebuch eines Forschers. Er erzählt, erinnert, erfindet, denkt: Er tut das, was wir alle jeden Tag tun, mehr nicht. Literatur bedeutet nichts anderes, als diesem existentiellen Prozess eine Form zu geben.

 

Die #MeToo-Debatte, die seit einigen Monaten die Gemüter erregt, hat die Bedeutung von „Die katholische Schule“ zusätzlich unterstrichen. Die Verflechtungen von Macht, Missbrauch, Geschlechterverhältnis und Geschlechterrollen werden hitzig diskutiert. Sehen Sie Ihren Roman dadurch in einem neuen Licht? Und glauben Sie, der Kern des Problems wird sich jemals lösen lassen?

Nach wie vor steht mein Buch im Zentrum der Debatte über männliche Gewalt und Sex als Machtinstrument. Die Zeitungen und das Fernsehen haben mich zigmal dazu befragt, weil mein Buch der erste von einem Mann verfasste Roman zu sein scheint, der sich rückhaltlos mit der männlichen Identität auseinandersetzt. Ein Satz des Buches ist geradezu sprichwörtlich geworden und wird ständig zitiert: „Männlich geboren zu werden, ist eine unheilbare Krankheit“, die jedoch, wohlgemerkt, alle betrifft, nicht nur die Vergewaltiger. Vielleicht habe ich die Dinge nur deutlicher beim Namen genannt, indem ich mich selbst ins Spiel gebracht habe, statt mich lediglich darauf zu beschränken, die sexuelle Gewalt zu verurteilen. Ich glaube, dieser Krieg, dieser latente Vergeltungsdruck auf das weibliche Geschlecht (nicht umsonst benutzte ich das deutsche Wort „Vergeltungswaffe“, um die Vergewaltigung als Machtinstrument zu beschreiben), kann nur enden, wenn die Männer es schaffen, sich ihre eigene innerste und ureigene Verletzlichkeit einzugestehen und zu akzeptieren, statt sie durch die Demonstration von Stärke zu kompensieren. Doch wie dem auch sei, abgesehen von jeder Menge Verrissen, Beschimpfungen und Spott bekomme ich noch immer und vor allem von Leserinnen viel Dank dafür, dieses Thema angegangen zu sein – unverblümt, nackt und direkt.

 

In Ihrem Buch erscheint das Quartiere Trieste als kaleidoskopisches Brennglas einer Epoche, das jedoch weit über deren örtliche und zeitliche Grenzen hinausweist. Welche Reaktionen hat Die katholische Schule in Ihrer Umgebung und im QT ausgelöst? Und welche Relevanz wünschen Sie Ihrem Buch für deutsche Leser?

Ich habe alle möglichen Reaktionen erlebt: Begeisterung, Abwehr, Langeweile, Bewunderung, Dankbarkeit und darüberhinaus noch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Manche haben das Buch lustig gefunden, zumindest die Passagen, in denen die Schulzeit beschrieben wird und die natürlich gespickt sind mit dämlichen Anekdoten. Während einer Lesung, bei der verschiedene Kapitel von rund zwanzig Lesern reihum vorgetragen wurden, hat sich das Publikum in die Hosen gemacht vor Lachen … und auch ich musste lachen, so verblüfft war ich darüber. Die Reaktion der Leser ist immer unvorhersehbar, und das ist das Schöne. Im Quartiere Trieste bin ich inzwischen eine Art Barde, weil niemand zuvor über dieses Viertel geschrieben hat. Ich glaube, man kann über jeden Ort schreiben, und sei er fiktiv, solange man es mit Präzision und Hingabe tut: Dann wird dieser Ort für jeden Leser der Welt wahr und bewohnbar. Ich muss dabei an die ersten Folgen von Edgar Reitz’ Heimat denken: Dieses deutsche Dorf war mir absurderweise vertraut, ich verstand es vollkommen, obwohl es am anderen Ende meiner Erfahrungen lag.

„Männlich geboren zu werden, ist eine unheilbare Krankheit“


Edoardo Albinati

In den zahllosen italienischen Rezensionen wird „Die katholische Schule“ gern als „der große Roman über die italienischen Siebzigerjahre“ tituliert, obwohl er Phänomene, Entwicklungen und Erfahrungen beschreibt, die sich gänzlich von ihrem konkreten Kontext lösen lassen. Würden Sie Ihren Roman als besonders italienspezifisch bezeichnen?

Eher noch als italienspezifisch könnte man ihn vielleicht „römisch“ nennen, auch wenn das historische Zentrum der Stadt nie erwähnt wird. Außerdem sind die Siebzigerjahre und die im Buch beschriebenen Charaktere uns heute nicht weniger fern als die russischen Adligen aus Krieg und Frieden oder die Samurai aus irgendwelchen japanischen Romanen und Filmen. Dass diese Welt verschwunden ist und nicht mehr existiert, schafft Raum für schöpferische Freiheit und gibt dem Erzählten eine ganz eigene Färbung. Natürlich habe ich meinen Roman auf Italienisch geschrieben, doch ich vertraue auf die Übersetzungen, und – ich weiß nicht warum – ganz besonders auf die deutsche. Vielleicht, weil ich die treffendsten und ergreifendsten Beschreibungen dessen, was es heißt, jung zu sein, wonach sich ein Junge sehnt und wovor er sich fürchtet, bei deutschsprachigen Autoren gefunden habe … gelesen in italienischer Übersetzung.

 

Vor einigen Wochen hat Roberto Saviano Italien eine historisch-politische Vorreiterrolle zugeschrieben: Erst Mussolini, dann Hitler, erst Brigate Rosse, dann die RAF, erst Berlusconi, dann Trump. Wer die Zukunft Europas sehen wolle, müsse nur nach Italien schauen. Können Sie diese Ansicht nachvollziehen?

Natürlich, genau so ist es. Italiens Beitrag zur modernen Politik ist zweifellos die Erfindung des Faschismus – darauf kann man nicht stolz sein, aber daran lässt sich nicht rütteln. Das Rezept hat sich in der ganzen Welt verbreitet, unter anderem Namen zwar, aber mit derselben Formel. Das liegt daran, dass Italien von Mussolini über die Lega bis zu Berlusconi und die Fünf-Sterne-Bewegung ständig danach strebt, die Politik als antipolitischen Aufstand neu zu erfinden, also gegen die Parteien, gegen die Institutionen, die als nutzlose bürokratische Dinosaurier empfunden werden. Und wer könnte diese Sehnsucht, sich von all der Zähigkeit und all den parlamentarischen Kompromissen zu befreien, besser verkörpern als ein stinkreicher Privatunternehmer wie Berlusconi oder Trump? Es geht um den Mythos der direkten Aktion, darum, die Knoten mit dem Schwert zu zerschlagen. In Italien hat es nie eine Revolution gegeben, deshalb lechzen alle danach, sie zu machen. Vor allem mit Worten.

 

Was verbindet Sie – abgesehen von Ihrer umfassenden Kenntnis und Vertrautheit mit der deutschen Philosophie – mit Deutschland?

Es ist schon komisch, dass ich Deutschland so gut wie gar nicht kenne (wenn es hochkommt, war ich dreimal dort), und deutsche Bilder, Literatur, Filme, politische Theorien, Musik und sogar der Klang der deutschen Sprache zugleich eine so mächtige Faszination auf mich ausüben. Ich könnte in null Komma nichts fünf Seiten nur mit Namen und Titeln füllen. Im Vergleich zu meinen kaum nennenswerten direkten Erfahrungen ist das sogenannte „Sehnsuchtsbild“, das ich von Deutschland hege, riesig. Als ich klein war, hatte ich ein Kindermädchen namens Ruth, ich glaube, sie kam aus Leipzig. Sie war entsetzlich streng, doch immerhin brachte sie mir ein bisschen Deutsch bei, das ich später natürlich wieder vollkommen vergessen habe. Doch auch heute noch und obwohl ich so gut wie nichts verstehe, lese ich deutsche Balladen manchmal laut, auch wenn ich sie dabei bestimmt verhunze. Es bezaubert mich, wenn eine Frau Italienisch mit deutschem Einschlag spricht. Kurz gesagt, ich habe ein romantisches Verhältnis zu Deutschland, das ebenso intensiv wie fantastisch ist. Mein Lieblingsbild dafür ist nach wie vor das Gemälde von Overbeck, auf dem Arm in Arm zwei Mädchen zu sehen sind, ein blondes und ein dunkelhaariges, Deutschland und Italien, und das Verblüffende ist, dass, wenn ich mich recht erinnere, die erste die zweite zu trösten versucht, die ziemlich schwermütig ist …

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