Bücher, die man gelesen haben muss
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Bücher, die man gelesen haben muss

Donnerstag, 17. Mai 2018 von Piper Verlag


Die wichtigsten Bücher aus unserem Verlag

Welche Bücher aus dem Piper Verlag sollte man kennen? Welche Titel standen monatelang auf der Bestsellerliste oder haben es in den Kanon der deutschen Literatur geschafft? Hier finden Sie Klassiker aus unserem Verlag und unsere meistverkauften Bücher. 
Unsere Kollegen stellen Ihnen unsere persönlichen Schätze vor: Belletristik und Sachbücher, spannende Romane und faszinierende Biografien – herausgekommen ist eine Mischung aus Klassikern, Gegenwartsliteratur und Geheimtipps.

Unsere Top Ten Bücher 2019
Ein Buch, das durch seine Einfachheit besticht

Die indianische Legende: »Zwei alte Frauen« von Velma Wallis

Velma Wallis »Zwei alte Frauen«Velma Wallis hat mit »Zwei alte Frauen« eine zeitlose Geschichte von Stärke und Überlebenswillen geschrieben, die berührt und aufmuntert. Zwei alte Indianerfrauen überwintern allein gelassen von ihrem Stamm in der Wildnis Alaskas. Sie schaffen es, ihre eigenen Kräfte wieder zu mobilisieren und über sich hinauszuwachsen.Die Geschichte versteht sich nicht nur als Aufmunterung, schwierige Situationen zu meistern,  sondern thematisiert auch das Thema Generationenkonflikt. Nicht umsonst hat es zahlreiche Preise erhalten und wurde weltweit millionenfach verkauft.

Die Autorin ist Nachfahrin des Athabasken Stammes und hat diese alte Legende, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde, niedergeschrieben. Die nüchterne, ruhige Sprache der Erzählung passt zu den eindrucksvollen Naturschilderungen und ist sehr authentisch. Ein wunderschönes kleines Geschenkbuch, das man immer wieder gern verschenkt.

Eine Empfehlung von Patricia Haas, Marketing

Zwei alte FrauenZwei alte FrauenZwei alte Frauen

Eine Legende von Verrat und Tapferkeit

Ein Nomadenstamm im hohen Norden von Alaska: Während eines bitterkalten Winters kommt es zu einer gefährlichen Hungersnot. Wie das alte Stammesgesetz es vorschreibt, beschließt der Häuptling, die beiden ältesten Frauen als »unnütze Esser« zurückzulassen, um den Stamm zu retten. Doch in der Einsamkeit der eisigen Wildnis geschieht das Unglaubliche: Die beiden alten Indianerfrauen geben nicht auf, sondern besinnen sich auf ihre ureigenen Fähigkeiten, die sie längst vergessen geglaubt hatten …

1
Hunger und Kälte fordern ihren Tribut

Die Luft lag scharf, schweigend und kalt über dem weiten Land. Schlanke Fichtenzweige bogen sich unter der schweren Last des Schnees und warteten auf ferne Frühlingswinde. Die froststarren Weiden schienen in der grimmigen Kälte zu erzittern.

Fern dort oben in diesem scheinbar so unwirtlichen Land lebte eine Schar von Menschen, die in Felle und Tierhäute gekleidet waren und dicht um kleine Feuerstellen hockten. Ihre wettergegerbten Gesichter waren von Hoffnungslosigkeit gezeichnet, denn sie sahen sich dem Hungertod ausgesetzt, und die Zukunft barg wenig Aussicht auf bessere Tage.

Diese Nomaden lebten in der Polarregion von Alaska. Sie nannten sich das Volk, und sie waren ständig unterwegs, auf der Suche nach Nahrung. Wo die Karibus und andere Wandertiere entlangzogen, dort folgte ihnen das Volk. Doch die große Winterkälte schuf besondere Probleme. Die Elche, die ihre bevorzugte Nahrungsquelle bildeten, suchten Schutz vor der durchdringenden Kälte, indem sie sich an einen festen Ort zurückzogen, wo sie schwer zu finden waren. Kleinere und leichter zu erlegende Tiere, wie Kaninchen und Eichhörnchen, konnten eine so große Gruppe wie diese nicht am Leben erhalten. Und während der Kälteperioden verschwanden selbst die kleineren Tiere in ihren Verstecken, oder sie wurden durch Beutejäger – seien es Mensch oder Tier – dezimiert. So schien denn das Land während dieses ungewöhnlich scharfen Frosteinfalls im späten Herbst unter der bedrohlich lauernden Kälte ohne jegliches Leben zu sein.

In der kalten Jahreszeit erforderte das Jagen mehr Kraft als gewöhnlich. Deshalb bekamen die Jäger zuerst zu essen, denn ihr Geschick war es, von dem das Leben des Volkes abhing. Doch da so viele Mäuler zu stopfen waren, war der Vorrat an Nahrung sehr schnell erschöpft. Obwohl alle sich größte Mühe gaben, mit dem Vorhandenen auszukommen, litten viele Frauen und Kinder an Unterernährung, und einige verhungerten sogar.

In diesem Nomadenverbund lebten auch zwei alte Frauen, um die sich das Volk jahrelang gekümmert hatte. Die Ältere der beiden hieß Ch‘idzigyaak, denn bei ihrer Geburt erinnerte sie ihre Eltern an einen Chickadee-Vögel. Die andere Frau hieß Sa‘, was Stern bedeutet, denn als die Geburt herannahte, hatte ihre Mutter in den herbstlichen Nachthimmel hochgeschaut und sich besonders auf die weit entfernten Sterne konzentriert, um sich vom Wehen – schmerz abzulenken.

Immer wenn die Gruppe einen neuen Lagerplatz erreichte, wies der Häuptling die jüngeren Männer an, für diese zwei alten Frauen einen Unterschlupf zu errichten und sie mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Die jüngeren Frauen zogen die Habseligkeiten der beiden älteren Frauen von einem Lager zum nächsten, und als Gegenleistung gerbten die alten Frauen Tierhäute für die, die ihnen halfen. Diese Übereinkunft funktionierte gut.

Die zwei Alten besaßen jedoch eine unschöne Eigenschaft, die zu jenen Zeiten nur selten vorkam. Ständig beklagten sie sich über Wehwehchen hier und Zipperlein da. Und zum Beweis ihrer Kümmerlichkeit gingen sie an Stöcken. Überraschenderweise machte das den anderen nichts aus, obwohl sie alle von Kindheit an gelernt hatten, daß Schwäche bei den Bewohnern dieses rauhen Mutterlandes nicht geduldet war. Dennoch machte niemand den zwei alten Frauen Vorhaltungen, und sie wanderten weiter mit den Stärkeren – bis zu jenem verhängnisvollen Tag.

An diesem Tag lag etwas Schwereres als nur die Kälte in der Luft, während das Volk um die wenigen flackernden Feuer versammelt war und dem Häuptling zuhörte. Er war ein Mann, der die anderen fast um Haupteslänge überragte. Tief in seine pelzbesetzte Jacke eingemummt, sprach er von den harten, kalten Tagen, die sie erwarteten, und davon, daß jeder das Seine beitragen müsse, damit sie den Winter überlebten.

Dann machte er plötzlich mit lauter, deutlicher Stimme eine Ankündigung: »Der Rat und ich sind zu einer Entscheidung gelangt.« Der Häuptling machte eine Pause, als habe er Mühe, die folgenden Worte auszusprechen. »Wir werden die Alten zurücklassen müssen.«

Mit einem schnellen, prüfenden Blick suchte er nach einer Reaktion in der Menge. Doch Hunger und Kälte hatten ihren Tribut gefordert, und das Volk schien nicht entsetzt zu sein. Viele hatten erwartet, daß es geschehen würde, und manche hielten es für das beste. In jenen Tagen war es nicht unüblich, die Alten in Hungerszeiten zurückzulassen, obwohl es in dieser Gruppe zum erstenmal geschah. Die Kargheit dieses urwüchsigen Landes schien danach zu verlangen. Um zu überleben, waren die Menschen gezwungen, sich in mancherlei Weise wie Tiere zu verhalten. Ähnlich jungen, kräftigen Wölfen, die sich vom alten Führer des Rudels absetzen, so pflegten die Menschen ihre Alten zurückzulassen, um sich ohne jene Extrabelastung schneller bewegen zu können.

Ch‘idzigyaak, die ältere Frau, besaß eine Tochter und einen Enkel in der Gruppe. Der Häuptling suchte die beiden mit den Augen in der Menge und sah, daß auch sie keine Reaktion zeigten. Er war höchst erleichtert darüber, daß die unerfreuliche Ankündigung ohne Zwischenfall vonstatten gegangen war, und befahl allen, sofort zu packen. Indessen brachte es dieser tapfere Mann, der ihr Führer war, nicht fertig, den zwei alten Frauen ins Gesicht zu schauen, denn im Augenblick fühlte er sich nicht besonders stark.

Der Häuptling begriff, warum das Volk keine Einwände erhob, auch wenn die beiden alten Frauen von allen wohlgelitten waren. In diesen harten Zeiten waren viele der Männer unzufrieden und wurden schnell wütend. Ein falsches Wort oder eine falsche Bewegung konnte einen Aufruhr auslösen und alles noch schlimmer machen. So kam es, daß die schwachen und erschöpften Mitglieder des Stammes ihre Bestürzung für sich behielten, denn sie wußten, die Kälte konnte zu einer Welle der Panik führen – zu Grausamkeit und Brutalität unter Menschen, die ums Überleben kämpften.

Während der langen Jahre, in denen die Frauen in der Gruppe gelebt hatten, hatte der Häuptling eine Zuneigung zu ihnen gefaßt. Jetzt wollte er so schnell wie möglich fort, damit die zwei alten Frauen ihn nicht anschauen konnten. Er hätte sich sonst elender als je in seinem Leben fühlen müssen.

Die beiden Frauen saßen vor der Feuerstelle, alt und schmal, doch mit stolz erhobenem Kinn. So verbargen sie ihr Entsetzen. Als sie jünger waren, hatten sie erlebt, wie alte Menschen zurückgelassen worden waren, aber sie hätten niemals gedacht, daß dieses Schicksal sie selbst treffen könnte. Sie starrten betäubt vor sich hin, so als hätten sie nicht gehört, daß der Häuptling sie zum sicheren Tod verurteilt hatte – ihrem Schicksal überlassen in einem Land, das nur Stärke verstand. Zwei schwache alte Frauen hatten keine Chance gegen dieses Gesetz der Stärke. Sie wußten sich keinen Rat, als sie die Botschaft vernahmen, und es fehlten ihnen die Worte zu ihrer Verteidigung.

Von den zweien hatte nur Ch‘idzigyaak Familie – die Tochter Ozhii Nelii und den Enkelsohn Shruh Zhuu. Sie wartete darauf, daß ihre Tochter protestieren würde, doch nichts geschah, und es überfiel sie ein noch tieferes Entsetzen. Nicht einmal ihre eigene Tochter versuchte, sie zu beschützen. Auch Sa‘, die neben ihr saß, war wie betäubt. Ihr Kopf drehte sich, und obwohl sie gerne laut geschrien hätte, brachte sie kein Wort heraus. Sie fühlte sich wie in einem schrecklichen Alptraum, in dem sie weder sprechen noch sich bewegen konnte.

Während die Gruppe sich langsam davonschlich, kam Ch‘idzigyaaks Tochter zu ihrer Mutter herüber. Sie trug ein Bündel Babiche – grob abgezogene, ungegerbte Elchhaut, die vielseitig verwendbar war. Voller Scham und Schmerz senkte sie ihren Kopf, denn ihre Mutter weigerte sich, ihre Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Statt dessen starrte Ch‘idzigyaak versteinert geradeaus.

Ozhii Nelii war sehr aufgewühlt. Wenn sie ihre Mutter verteidigte, so befürchtete sie, würde das Volk die Sache regeln, indem es sie zusammen mit ihrem Sohn ebenfalls zurückließ. Schlimmstenfalls ließen sie sich womöglich in ihrem ausgehungerten Zustand zu etwas noch Furchtbarerem hinreißen. Das konnte sie nicht riskieren.

Von solchen Gedanken gequält, bat Ozhii Nelii schweigend und mit kummervollem Blick um Vergebung und Verständnis, während sie sachte das Bündel Babiche vor der erstarrten Frau niederlegte. Dann wandte sie sich langsam um und ging mit schwerem Herzen davon, denn sie wußte, sie hatte soeben ihre Mutter verloren.

Der Enkel Shruh Zhuu war tief erschrocken über die Grausamkeit. Er war ein ungewöhnlicher Junge. Während die anderen Jungen miteinander im Mannwerden wetteiferten, indem sie jagten und rangen, gefiel es ihm, seiner Mutter und den zwei alten Frauen bei der Vorratsbeschaffung zu helfen. Sein Verhalten schien nicht in das Muster der Gruppenstruktur zu passen, so wie es von Generation zu Generation überliefert worden war. Die Frauen waren es nämlich, die die meisten mühsamen Aufgaben erledigten und zum Beispiel die hochbepackten Schlitten zogen. Darüber hinaus hatten sie eine Menge anderer zeitraubender Pflichten, während die Männer sich auf die Jagd konzentrierten, damit die Gruppe zu essen hatte. Niemand beklagte sich, denn so war es, und so war es immer gewesen.

Shruh Zhuu hatte große Achtung vor den Frauen. Er sah, wie sie behandelt wurden, und es gefiel ihm nicht. Auch wenn man es ihm immer und immer wieder erklärte, so begriff er doch nie, warum die Männer den Frauen nicht halfen. Aber seine Erziehung hatte ihn gelehrt, nie das Handeln der Erwachsenen in Frage zu stellen, denn das wäre unhöflich. Als Shruh Zhuu kleiner war, hatte er sich nicht gescheut, seine Meinung zu diesem Thema zu äußern, und Jugend und Unschuld waren seine Beschützer. Später lernte er, daß solches Benehmen eine Bestrafung nach sich zog. Er litt unter dem Schmerz des Schweigens, wenn sogar seine Mutter tagelang nicht mit ihm sprach. Auf diese Weise lernte Shruh Zhuu, daß es weniger weh tat, wenn man über gewisse Dinge lieber nachdachte, anstatt sich zu äußern.

Obwohl er fand, das Schlimmste, was das Volk tun konnte, war, die hilflosen alten Frauen im Stich zu lassen, kämpfte Shruh Zhuu innerlich mit sich. Seine Mutter sah die zornige Erregung in seinen Augen, und sie wußte, daß er kurz davor war zu protestieren. Sie ging schnell zu ihm und flüsterte eindringlich in sein Ohr, er dürfe einfach nicht daran denken, denn die Männer seien so verzweifelt, daß sie leicht irgend etwas Furchtbares tun könnten. Shruh Zhuu sah die düsteren Gesichter der Männer und wußte, daß sie recht hatte. Also hielt er seinen Mund, auch wenn der Aufruhr in seinem rebellischen Herzen weitertobte.

In jenen Tagen wurden alle Jungen dazu erzogen, ihre Waffen in Ehren zu halten, manchmal mehr noch als ihre Familie, denn die Waffen würden für ihren Lebensunterhalt sorgen, wenn sie Männer waren. Wurde ein Junge dabei ertappt, wie er seine Waffe falsch behandelte oder für einen falschen Zweck benutzte, so waren harte Strafen die Folge. Wenn der Junge älter wurde, lernte er die Macht seiner Waffe kennen und begriff die Bedeutung, die sie nicht nur für sein eigenes Überleben, sondern auch für das seines Volkes hatte.

Shruh Zhuu schlug seine ganze Erziehung und alle Gedanken an die eigene Sicherheit in den Wind. Aus seinem Gürtel zog er ein Beil aus zugespitzten Tierknochen, die mit gehärteten Elchhautstreifen straff zusammengebunden waren, und steckte es heimlich, gut verborgen vor den Augen des Volkes, hoch oben ins dichte Astwerk einer buschigen jungen Fichte.

Als seine Mutter sich daran machte, ihre Sachen zusammenzupacken, wandte Shruh Zhuu sich zu seiner Großmutter. Obwohl sie so tat, als sehe sie einfach durch ihn hindurch, vergewisserte Shruh Zhuu sich, daß keiner ihn beobachtete, und zeigte auf seinen leeren Gürtel und dann auf die Fichte. Noch einmal schaute er seine Großmutter mit einem Ausdruck der Verzweiflung an, wandte sich widerstrebend um und ging fort zu den anderen. Und mit sinkendem Mut wünschte er sich, er könnte ein Wunder vollbringen, um diesem alptraumhaften Tag ein Ende zu bereiten.

Der lange Zug des ausgehungerten Volkes setzte sich langsam in Bewegung, und zurück blieben die zwei Frauen. Sie saßen immer noch wie betäubt auf ihren aufgehäuften Fichtenzweigen da. Das kleine Feuer warf einen weichen, orangefarbenen Schein auf ihre verwitterten Gesichter. Es verging eine lange Zeit, bevor die Kälte Ch‘idzigyaak aus ihrer Erstarrungweckte. Sie hatte die hilflose Geste ihrer Tochter wohl wahrgenommen, doch sie fand, ihr einziges Kind hätte sie, selbst im Angesicht der Gefahr, verteidigen müssen. Das Herz der alten Frau besänftigte sich, als sie an ihren Enkel dachte. Wie konnte sie bittere Gedanken gegen jemanden hegen, der so jung und so zartfühlend war? Die anderen machten sie zornig, vor allem ihre Tochter! Hatte sie sie nicht zur Stärke erzogen? Heiße, ungebetene Tränen rannen ihr übers Gesicht.

In diesem Augenblick hob Sa‘ ihren Kopf, gerade rechtzeitig, um die Tränen ihrer Freundin zu entdekken. Zorn stieg in ihr hoch. Wie hatten sie es wagen können! Ihre Wangen brannten von der Demütigung. Sie und die andere alte Frau standen nicht kurz vorm Tode! Hatten sie nicht für das, was das Volk ihnen gab, genäht und gegerbt? Sie mußten nicht von Lager zu Lager getragen werden. Sie waren weder hilflos noch hoffnungslos. Und dennoch hatte man sie zum Sterben verurteilt.

Ihre Freundin hatte achtzig Sommer gesehen, sie selber fünfundsiebzig. Als sie jung war, hatte sie miterlebt, wie die Alten zurückgelassen wurden. Doch die waren dem Tod so nah, daß manche schon blind waren und nicht mehr laufen konnten. Und hier war sie nun, sie, die immer noch laufen, sehen, sprechen konnte, aber... pah! Die jungen Leute heutzutage suchten nach bequemeren Auswegen in harten Zeiten. Als die kalte Luft das Lagerfeuer gelöscht hatte, wurde Sa‘ lebendig, und ein stärkeres Feuer brannte in ihr, fast so, als hätten ihre Lebensgeister der glimmenden Asche die Energie entzogen. Sie ging zu dem Baum und barg das Beil, und bei dem Gedanken an den Enkel ihrer Freundin lächelte sie weich. Sie seufzte, als sie zu ihrer Kameradin zurückkehrte, die sich nicht gerührt hatte.

Sa‘ sah zum blauen Himmel hoch. Für ein erfahrenes Auge bedeutete das Blau zu dieser winterlichen Jahreszeit große Kälte. Wenn erst die Nacht hereinbrach, würde es noch kälter werden. Sa‘ runzelte besorgt die Stirn, kniete neben ihrer Freundin nieder und begann mit sanfter, doch fester Stimme zu sprechen. »Meine Freundin«, sagte sie, machte eine Pause und hoffte, sie könnte stärker sein, als sie sich fühlte. »Wir können hier sitzen und auf den Tod warten. Wir werden nicht lange warten müssen...

Der Zeitpunkt unseres Abschieds von dieser Welt sollte aber noch nicht so bald kommen«, fügte sie schnell hinzu, als ihre Freundin mit erschreckten Augen hochblickte. »Wir werden jedoch sterben, wenn wir einfach nur hier sitzen und warten. Das würde ihnen recht geben, dann wären wir wirklich hilflos.«

Ch‘idzigyaak hörte verzweifelt zu. Sa‘ wußte, daß ihre Freundin gefährlich nahe daran war, ihr Schicksal anzunehmen und an Hunger und Kälte zu sterben. Und so sprach sie noch eindringlicher. »Ja, auf ihre Weise haben sie uns zum Tode verurteilt! Sie glauben, wir seien zu alt und nutzlos. Sie vergessen, daß auch wir ein Recht haben zu leben! Und deshalb, meine Freundin, sage ich, wenn wir denn sterben müssen, so laß uns handelnd sterben und nicht im Sitzen.«

Unser Literaturkanon

Literarische Klassiker aus dem Piper Verlag

Eine ungewöhnliche Familiengeschichte wird zum Literatur Klassiker

»Muschelessen« war das erste Buch von Birgit Vanderbeke. Für einen Text aus dem Buch erhielt sie den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Das Buch gehört zum Literaturkanon und wird als Schullektüre eingesetzt.

Durch Löcher in einer Oberfläche sprudeln manchmal Dinge ans Tageslicht, die sich zuvor im Verborgenen hielten. Ganz so geschieht es auch in Birgit Vanderbekes kanonischer Erzählung »Das Muschelessen«. Mutter, Tochter und Sohn sitzen am gedeckten Tisch und warten auf den Vater. Dessen Lieblingsgericht ist bereits serviert: Moules frites, Muscheln mit Pommes. Der Vater aber kommt nicht. Ganz unerwartet entsteht dadurch eine Leerstelle. Eine Leerstelle, die alle Anwesenden umso deutlicher auf den Abwesenden und dessen Rolle in der Familie aufmerksam macht.

So entpuppt sich die scheinbare Familienidylle im Laufe des Abends als vom patriarchalischen Oberhaupt gewaltsam zusammengehaltene Vorstellung von einer Familie. Der Vater nämlich findet seine Frau zu kleinlich, seinen Sohn zu weich, seine Tochter zu verstockt, und er bringt seine Missstimmung nicht nur verbal zum Ausdruck. Doch je bewusster den Wartenden ihre Situation wird, desto wütender formulieren sie an diesem unerhörten Abend ihren bisher unterdrückten Ärger.

Schon so früh in ihrem Werk hat Birgit Vanderbeke ihren wunderbaren, ganz eigenen Stil gefunden, der die Gedanken der erzählenden Tochter hüpfend und springend zu einer Erkenntnis kommen lässt. Ebenso früh entdeckt die Autorin ein Thema, das sie noch lange beschäftigen wird – zuletzt in ihrem tollen neuen Roman »Wer dann noch lachen kann«: erlebtes Unrecht muss ausgesprochen und darf auf keinen Fall einfach so hingenommen werden. An jenem Abend sitzen Mutter, Tochter und Sohn noch lange beisammen, sie reden sich in Rage und bemerken schließlich, der Abend hatte schon falsch begonnen, denn außer dem Vater mag in dieser Familie niemand Muscheln. Ein wirklich kluges und eindringliches Buch.

Eine Empfehlung von Hannes Ulbrich, Lektorat Literatur

Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.

Ein Klassiker aus der Fantasy

Mit »Das Erbe des Zauberers« beweist Terry Pratchett einmal mehr, dass die Fantasy-Literatur weitaus mehr zu bieten hat, als die ständigen Schlachten zwischen Licht und Dunkel, die funkelnden Helden, die finsteren Schurken und die feuerspeienden Drachen. Im dritten Scheibenwelt-Roman geht es um die Gleichberechtigung in der Zauberei (man beachte den englischen Titel: »Equal Rites«).

Der Zauberer Drum Billet weiß, dass er dem Tode nahe ist. Er reist also in einer stürmischen Nacht in das Dorf »Blödes Kaff«. Dort soll in ebendieser Nacht ein Kind zur Welt kommen, das als achtes Kind eines achten Kindes geboren wird und somit über große magische Kräfte verfügen wird. Mit seinem letzten Atemzug vermacht er dem Kind seinen Zauberstab und macht es somit zu seinem Nachfolger. Als er ins Jenseits eintritt, bemerkt er jedoch, dass er einen folgenreichen Fehler gemacht hat: Das Kind ist ein Mädchen. Auf der Scheibenwelt sind die Verhältnisse in der Zauberei bis dato klar gewesen, ein weiblicher Zauberer scheint genauso absurd wie eine männliche Hexe. Die Dorfhexe Oma Wetterwachs nimmt sich also der jungen Eskarina an, um sie im Hexenhandwerk auszubilden. Schnell muss sie jedoch feststellen, dass Esks Talente nicht die einer Hexe sind, sondern die eines Zauberers. Schließlich brechen die beiden auf, um in die Stadt Ankh-Morpork zu reisen und dort einen Platz für Esk an der Unsichtbaren Universität, der Schule für Zauberer, zu erkämpfen.

Terry Pratchett erzählt die Geschichte der ersten Zauberin der Scheibenwelt in seiner gewohnten, absurd-komischen Weise und zeichnet meisterhaft Figuren, die im Laufe der Geschichte ihr eigenes Dasein als Fantasy-Klischee zunehmend hinterfragen. So hält er uns und unseren Vorstellungen, wie die Dinge in Geschichten zu sein haben, einen Spiegel vor und wir erkennen, wie stark dieses Denken in unserem täglichen Leben verwurzelt ist. Durch das Lesen seiner Bücher lernen wir, wie sehr unsere Wahrnehmung von den Geschichten geprägt ist, die wir uns täglich erzählen. Und wir erkennen, dass sowohl die Geschichte von der Hexe und dem Zauberer, als auch die von der Hausfrau und dem Manager, letztendlich nur Geschichten sind und die Dinge anders sein können. Gleichzeitig zeigt er allen seinen Figuren gegenüber, mit ihren Stärken und Schwächen, ein Verständnis, dass man sich im Umgang der Menschen miteinander wünschen würde. »Das Erbe des Zauberers« ist ein tolles Buch, das ich allen Leuten nur empfehlen kann, die sich bisher noch nicht an Terry Pratchett und die absurde Scheibenwelt herangetraut haben. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet auch die tolle Übersetzung von Andreas Brandhorst, der sich souverän Terry Pratchetts sehr eigenen Sprachstil angeeignet hat. Lest Terry Pratchett, von ihm kann man viel über das Menschsein lernen!

Ein Empfehlung von Paul Voelckl

Blick ins Buch
Das Erbe des ZauberersDas Erbe des Zauberers

Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt

Als der Magier Drum Billet seinen Zauberstab gemäß guter Sitte an den achten Sohn eines achten Sohnes übergeben will, macht er einen folgenschweren Fehler: Denn das Neugeborene ist ein Mädchen, und diesen ist der Zutritt zur Unsichtbaren Universität verwehrt. Nun kann nur noch Oma Wetterwachs den Zauberern in Sachen Gleichberechtigung auf die Sprünge helfen …

In der folgenden Geschichte geht es um Magie, wohin sie verschwindet und – was vielleicht noch wichtiger ist – woher sie kommt. Es sollen die Gründe dafür dargelegt werden, ohne dass Anspruch auf vollständige Beantwortung der aufgeworfenen Fragen erhoben wird.
Vielleicht könnte dieses Buch zu erklären helfen, warum Gandalf nie heiratete und Merlin ein Mann war. Denn es ist auch eine Geschichte über Sex, wobei der Autor allerdings nicht die athletisch-gymnastische Variante Zähl-die-Beine-und-teil-die-Summe-durch-zwei im Sinn hat. Es sei denn, die Protagonisten geraten außer Kontrolle. Was durchaus passieren könnte.
Hauptsächlich geht es um die Welt. Achtung, jetzt kommt der große Augenblick ! Passen Sie gut auf ; die Spezialeffekte sind ziemlich teuer.
Die musikalische Untermalung besteht aus einem bedeutungsvollen Summen, einer dumpfen Vibration, die den Zuhörer auf einen kosmischen Fanfarenstoß vorbereitet. Ungeachtet aller physikalischen Gesetze durchhallt das Brummen den leeren Raum, und das Bild zeigt einige Sterne, die wie Schuppen auf der Schulter Gottes funkeln.
Und dann gerät sie in Sicht, größer als der größte für den nächsten intergalaktischen Krieg ausgerüstete Schlachtkreuzer, den sich ein erfolgreicher C-Film-Regisseur vorstellen kann : eine zehntausend Meilen lange Schildkröte. Es ist Groß-A’Tuin aus der seltenen Gattung der Astrochelonia. Sie ( oder er, in diesem Punkt sind die Gelehrten nicht ganz sicher ) stammt aus einem Universum, in dem die Dinge weniger ihrer eigenen Natur entsprechen und mehr den Vorstellungen der Menschen und anderen Bewohner. Auf ihrem ( oder seinem ) meteoritenzernarbten Panzer stehen vier riesige Elefanten, die die runde Scheibenwelt auf gewaltigen Schultern tragen.
Die Perspektive verändert sich, und kurz darauf sieht der Zuschauer die ganze Welt im Licht der kleinen Sonne, die sie umkreist. Er beobachtet Kontinente, Archipele, Seen, Meere, Wüsten, Gebirge und sogar eine kleine Eiskappe in der Mitte. Mit Theorien über planetare Kugeln oder ähnlich haarsträubenden Unsinn können die Bewohner der Scheibenwelt natürlich nichts anfangen. Ihre Welt wird von einem runden Meer begrenzt, das in einem ewigen Wasserfall über den Rand der Scheibe ins All strömt, und sie ist so flach und platt wie eine geologische Pizza, der allerdings die Artischocken fehlen, von den Zwiebeln und der Salami ganz zu schweigen.
Auf einer derartigen Welt ( die nur existiert, weil die Götter Sinn für Humor haben ) gibt es genug Platz für Magie. Und ­natürlich auch für Sex.

Der alte Mann stapfte durchs Gewitter. Er trug einen langen Mantel und hielt einen Holzstab mit eigentümlichen Schnitzmustern in der Hand, doch was ihn in erster Linie als Zauberer verriet, war die Tatsache, dass die Regentropfen einen halben Meter über seinem Kopf verdampften.
Die Spitzhornberge stellten eine für ordentliche Gewitter bestens qualifizierte Region dar. Die Landschaft bestand größtenteils aus schroffen Graten, zerklüfteten Hängen, dichten Wäldern und so tiefen Flusstälern, dass das Tageslicht den Rückzug antreten musste, kaum hatte es den Boden erreicht. Faserige Wolkenfetzen klebten an den nicht ganz so hohen Berggipfeln unterhalb des Pfades, über den der Zauberer rutschte und schlitterte. Ein paar schlitzäugige Ziegen beobachteten ihn mit vagem Interesse. Solche Tiere werden schnell neugierig.
Gelegentlich blieb der alte Mann stehen und warf seinen Stab hoch in die Luft. Wenn er in den Matsch fiel, zeigte er ­immer in dieselbe Richtung, und dann seufzte der Zauberer, hob ihn auf und watete weiter durch den Schlamm.
Auf Beinen aus flackernden Blitzen marschierte das Unwetter durchs Gebirge, donnerte und knurrte grollend.
Der Zauberer verschwand hinter einem Felsvorsprung, die Ziegen zuckten mit den Achseln und fraßen nasses Gras.
Bis etwas anderes sie aufblicken ließ. Sie erstarrten, blinzelten überrascht und meckerten erschrocken.
Was eigentlich seltsam war, denn es befand sich niemand auf dem Pfad. Was die Ziegen jedoch nicht weiter kümmerte ; sie sahen dem Nichts nach, bis es sich im grauen Wogen verlor.

Die Hütten des Dorfes standen in einem schmalen Tal zwischen hoch aufragenden bewaldeten Hängen. Das Dorf war nicht besonders groß und auf keiner Karte der Berge verzeichnet. Es hätte sogar Mühe gehabt, auf einer Karte des Dorfes zu erscheinen.
Es war einer der Orte, die nur existieren, damit jemand Angaben über seine Herkunft machen kann. Im Universum wimmelt es davon : in Schluchten verborgene Dörfer, halb vergessene Provinznester in weiten Savannen, einsame Schuppen in dunklen Wäldern. Sie gehen nur deshalb in die Geschichte ein, weil bedeutsame Ereignisse in einer so gewöhnlichen und langweiligen Umgebung ihren Anfang nahmen. Manchmal erinnert nur eine kleine Gedenktafel daran, dass entgegen aller gynäkologischen Möglichkeiten irgendeine Berühmtheit in halber Höhe einer Mauer geboren worden war.
Nebel wallte zwischen den Häusern, als der Zauberer eine kleine Brücke überquerte, unter der ein angeschwollener Wildbach rauschte. Er verharrte kurz, um sich zu orientieren, und hielt dann auf die Dorfschmiede zu. Der Nebel wird hier nur erwähnt, um die richtige Stimmung entstehen zu lassen ; sein Wallen hat mit den folgenden Geschehnissen nichts zu tun. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass es ein recht erfahrener Nebel war, der die Kunst des Wallens außerordentlich gut beherrschte.
In der Werkstatt des Dorfschmieds herrschte natürlich ziemliches Gedränge. Immerhin kann man guten Gewissens darauf vertrauen, dort nicht nur ein gut geschürtes Feuer vorzufinden, sondern auch einen Gesprächspartner. Mehrere Dorfbewohner hatten es sich im warmen Schatten gemütlich gemacht, und als der Zauberer eintrat, setzten sie sich erwartungsvoll auf und versuchten mit mäßigem Erfolg, intelligent zu wirken.
Der Schmied hielt es nicht für notwendig, sich so unter­würfig zu geben. Er nickte dem Zauberer zu und begrüßte ihn damit als Gleichrangigen – wenigstens sah er sich in einer solchen Rolle. Seiner Meinung nach kannte sich jeder halbwegs geschickte Schmied zumindest ein bisschen mit Magie aus.
Der Zauberer verneigte sich. Eine weiße Katze, die hinter dem Ofen lag, erwachte aus ihrem Schlummer und beobachtete ihn wachsam.
» Wie heißt dieser Ort, Herr ? «, fragte der alte Mann.
Der Schmied hob die Schultern.
» Blödes Kaff «, sagte er.
» Blödes … ? «
» Kaff «, wiederholte der Schmied herausfordernd und hob die Brauen. Offenbar befürchtete er eine Verletzung seines Heimatstolzes.
Der Zauberer dachte kurz nach.
» Gewiss ein Name, hinter dem sich eine interessante Geschichte verbirgt «, erwiderte er schließlich und fügte hinzu : » Die ich unter anderen Umständen gern hören würde. Leider bleibt mir nicht genügend Zeit. Ich bin gekommen, um mit dir über deinen Sohn zu sprechen. «
» Welchen meinst du ? «, fragte der Schmied, und die Zuhörer kicherten leise. Der Zauberer lächelte.
» Du hast sieben Söhne, nicht wahr ? Und du selbst bist ein achter Sohn, stimmt’s ? «
Die Miene des Schmieds verhärtete sich. Er überlegte einige Sekunden und wandte sich den Dorfbewohnern zu.
» Na schön «, brummte er. » Ich glaube, es hört auf zu regnen. Haut ab ! Ich und … « Er sah den Zauberer an und hob die Brauen.
» Drum Billet «, sagte der Alte.
» Ich und Drum Billet haben einiges zu besprechen. « Er winkte mit dem Hammer, und die anderen Männer gingen im Gänsemarsch zur Tür. Mehrmals blickten sie über die Schulter zurück, als hofften sie auf eine Zugabe, obwohl die Vorstellung noch gar nicht begonnen hatte.
Der Schmied zog zwei Stühle unter der Werkbank hervor, nahm eine Flasche aus dem Schrank neben dem Wasserbehälter und schenkte die beiden kleinsten Gläser voll, die er finden konnte.
Dann nahm er zusammen mit dem Zauberer Platz. Eine Zeit lang beobachteten sie den Regen und den Nebel, der mit kunstvoller Eleganz über die Brücke wallte. Schließlich sagte der Schmied : » Ich weiß, welchen Sohn du meinst. Die alte Oma Wetterwachs ist gerade oben bei meiner Frau. Der achte Sohn eines achten Sohns. Hm, ich verstehe. Der Gedanke ging mir durch den Kopf. Hab ihm aber keine große Beachtung geschenkt, um ganz ehrlich zu sein. Na so was. Ein Zauberer in der Familie, wie ? «
» Wäre durchaus möglich «, entgegnete Billet. Die weiße Katze verließ ihren Schlafplatz, stolzierte würdevoll über den Boden, sprang auf den Schoß des Zauberers und rollte sich dort zusammen. Die dünnen Finger des alten Mannes streichelten sie geistesabwesend.
» Na so was «, wiederholte der Schmied. » Ein Zauberer im Blöden Kaff, mhm ? «
» Ist nicht auszuschließen «, antwortete Billet. » Natürlich muss er zuerst die Universität besuchen. Aber er könnte es weit bringen. «
Der Schmied betrachtete diese Idee von allen Seiten und entschied, dass sie ihm gut gefiel. Dann erinnerte er sich an etwas.
» Einen Augenblick «, brummte er. » Ich versuche mich zu erinnern, was mir mein Vater erzählt hat. Ein Zauberer, der weiß, dass er nicht mehr lange lebt, kann seine Zauberei auf einen Nachfolger übertragen, nicht wahr ? «
» Du hast es bemerkenswert klar ausgedrückt, ja «, bestätigte der Zauberer.
» Du wirst also sterben ? «
» O ja. « Die Katze schnurrte, als der alte Mann sie hinter den Ohren kraulte.
Der Schmied wirkte verlegen. » Wann ? «
Der Zauberer überlegte. » In etwa sechs Minuten. «
» Oh. «
» Sei unbesorgt «, fügte der Zauberer hinzu. » Ich freue mich sogar darauf, wenn ich ganz offen sein darf. Wie ich hörte, ist das Sterben völlig schmerzlos. «
Der Schmied runzelte die Stirn. » Wer hat dir das gesagt ? «, fragte er.
Der Zauberer überhörte diese Frage. Er blickte aus dem Fenster zur Brücke und hielt im wogenden Dunst nach ver­räterischen Hinweisen Ausschau.
» Du solltest mir besser erklären, wie man einen Zauberer erzieht «, sagte der Schmied. » In dieser Gegend gibt es nicht besonders viele … «
» Das wird sich von allein regeln «, erwiderte Billet munter. » Die Magie hat mich zu dir geführt, und bestimmt kümmert sie sich auch um den Rest. Wie üblich. Habe ich da einen Schrei gehört ? «
Der Schmied starrte zur Decke. Im Zimmer über der ­Werkstatt füllten sich zwei kleine Lungenflügel mit Luft und ließen sie voller Begeisterung entweichen. Das dabei erklingende Geräusch übertönte sogar das laute Prasseln des Regens.
Der Zauberer lächelte. » Lass ihn herbringen ! «, sagte er.
Die Katze richtete sich auf und blickte interessiert in Richtung Tür. Als der Schmied zur Treppe trat und etwas rief, sprang sie auf den Boden, näherte sich den Stufen und schnurrte wie eine Bandsäge.
Kurze Zeit später kam eine hochgewachsene weißhaarige Frau herein und zeigte dem Schmied ein deckenumhülltes Bündel. Er nickte knapp und führte sie zum Zauberer.
» Aber … «, begann sie.
» Dies ist eine sehr wichtige Angelegenheit «, sagte der Schmied ernst. » Was tun wir jetzt, Herr ? «
Der Zauberer hob seinen fast zwei Meter langen armdicken Stab. Die Schnitzmuster schienen sich zu verändern, während der Schmied sie betrachtete, als wollten sie ihm nicht zeigen, was sie darstellten.
» Das Kind muss ihn halten «, sagte Drum Billet. Der Schmied nickte und tastete im Deckenbündel umher, bis er eine winzige rosafarbene Hand entdeckte. Behutsam führte er sie zum Stab, und die kleinen Finger schlossen sich fest um das Holz.
» Aber … «, wandte die Hebamme ein.
» Es ist alles in Ordnung, Oma «, sagte der Schmied. » Mach dir keine Sorgen. « Und an den Zauberer gerichtet : » Sie ist eine Hexe, Herr. Laß dich von ihr nicht stören. Was nun ? «
Der Zauberer schwieg.
» Was sollen wir jetzt … ? « Der Schmied brach ab, beugte sich vor und betrachtete das Gesicht des Alten. Billet lächelte, doch es blieb ein Rätsel, was ihn so sehr erheiterte.
Der Schmied reichte den Säugling der Hebamme zurück, die inzwischen der Verzweiflung nahe zu sein schien. Dann löste er die dürren, blassen Finger des Magiers so behutsam wie möglich vom Zauberstab.
Er fühlte sich sonderbar schmierig an, und etwas knisterte wie statische Elektrizität. Das Holz war fast schwarz, aber die Verzierungen wirkten ein wenig heller, und als er den Blick auf sie richtete, entwickelten sie ein beunruhigendes Eigen­leben.
» Bist du jetzt zufrieden ? «, fragte die Hebamme.
» Wie ? O ja, eigentlich schon. Warum ? «
Die weißhaarige Frau zog einen Deckenzipfel beiseite. Der Schmied starrte auf eine bestimmte Stelle des winzigen Körpers und schluckte.
» Nein «, hauchte er. » Er sagte … «
» Und Leute wie er sind natürlich Experten auf diesem Gebiet, nicht wahr ? «, erwiderte Oma spöttisch.
» Aber er war sich sicher, dass es ein Sohn ist ! «
» Sieht mir ganz und gar nicht nach einem Söhnchen aus, du Dummkopf. «
Der Schmied ließ sich ächzend auf den Stuhl sinken und schlug die Hände vors Gesicht.
» Was habe ich getan ? «, stöhnte er.
» Du hast der Welt die erste Zauberin gegeben «, stellte die Hebamme fest. » Pudiepudiepuh. «
» Wie ? «
» Ich meinte das Kind. «
Die weiße Katze schnurrte und krümmte den Rücken, als striche sie um die Beine eines alten Freundes. Was seltsam ­erschien, denn es war niemand da.

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Bücher, die man gelesen haben sollte

Die besten Bücher aller Zeiten



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Bücher, die man gelesen haben muss

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