Französische Autoren und französische Romane
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Französische Romane

Französische Neuerscheinungen & Bestseller aus Frankreich

Unsere schönsten französischen Bücher, die entweder in Frankreich spielen oder von französischen Bestsellerautoren geschrieben wurden. Erlesen Sie sich die verschiedenen Regionen Frankreichs, von den rauen Stränden der Bretagne bis zu den duftenden Hügeln der Provence.

Von gefühlvollen Liebesromane aus der Stadt der Liebe, bis zu frankophilen Krimis, die für kribbelnde Spannung sorgen: Das französisches Lebensgefühl für den Sommer kommt bei unserer Buchauswahl nicht zu kurz.


Viel Spaß beim Schmökern und beim Eintauchen in das »savoir-vivre«:

Blick ins Buch
Das Atelier in ParisDas Atelier in ParisDas Atelier in Paris

Roman

Ein abgelegenes kleines Atelier am Ende einer Allee, mitten in Paris: Hier hat sich die Londoner Polizistin Madeline eingemietet, um eine Weile abzuschalten. Doch plötzlich sieht sie sich Gaspard gegenüber, einem mürrischen amerikanischen Schriftsteller. Offenbar gab es einen Irrtum, denn auch er hat das Atelier gemietet, um in Ruhe schreiben zu können. Der Ärger legt sich, als die beiden erkennen, an welch besonderen Ort sie geraten sind. Das Atelier gehörte einst einem gefeierten Maler, von dem aber nur noch drei Gemälde existieren sollen – alle drei verschollen und unermesslich wertvoll. Als sie sich gemeinsam auf die Suche nach den Bildern begeben, wird ihnen schnell klar, dass den Maler ein grausames Geheimnis umgibt … Für Madeline und Gaspard beginnt eine spannende Jagd, die sie von Paris nach New York führt und sie nicht nur mit ungeahnten menschlichen Abgründen, sondern auch mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert.

Der kleine Junge

 

 

London, an einem späten Samstagmorgen.

Du weißt es noch nicht, doch in weniger als drei Minuten wirst du mit einer der härtesten Belastungsproben deines Lebens konfrontiert werden. Eine Belastungsprobe, die du nicht hast kommen sehen, die dich aber so schmerzhaft treffen wird wie das Einbrennen eines Brandzeichens.

Vorerst aber schlenderst du noch unbekümmert durch das Einkaufszentrum, das angelegt ist wie ein antikes Atrium. Nach zehn Regentagen hat der Himmel wieder eine wunderschöne tiefblaue Färbung angenommen. Die Sonnenstrahlen, die das Glasdach des Kaufhauses zum Schimmern bringen, haben dich in gute Laune versetzt. Um den Frühlingsanfang zu feiern, hast du dir selbst sogar dieses rote Kleid mit den weißen Tupfen geschenkt, das dich seit zwei Wochen lockt. Du fühlst dich leicht, regelrecht beschwingt. Der Tag verspricht, amüsant zu werden: zunächst ein Mittagessen mit Jul’, deiner besten Freundin, eine Maniküresitzung mit den Mädels und höchstwahrscheinlich eine Ausstellung in Chelsea, dann am Abend das Konzert von PJ Harvey in Brixton.

Eine ruhige Fahrt durch die sanften Flussläufe deines Lebens.

Doch plötzlich siehst du ihn.

 

Es ist ein kleiner blonder Junge in einer Jeanslatzhose und einem marineblauen Mäntelchen. Vielleicht zwei Jahre oder ein wenig älter. Große helle, lachende Augen, die hinter Brillengläsern leuchten. Ein rundliches Kindergesicht, zarte Züge, eingerahmt von leuchtenden weizenblonden Locken. Du beobachtest ihn schon seit einer Weile, zunächst aus gebührendem Abstand, doch du näherst dich langsam, mehr und mehr fasziniert von seinem Gesicht. Unberührt und strahlend, weder von Leid noch von Angst gezeichnet. Auf diesem Gesichtchen siehst du nur ein Spektrum an Möglichkeiten. Lebensfreude, Glück in Reinkultur.

Jetzt schaut er dich an. Ein verschmitztes, argloses Lächeln erhellt seine Züge. Stolz zeigt er dir das kleine Metallflugzeug, das er mit seinen Patschhändchen über seinem Kopf kreisen lässt.

»Brmmmmm . . .«

Während du sein Lächeln erwiderst, erfasst dich eine seltsame Emotion. Das langsam wirkende Gift eines unergründlichen Gefühls infiziert dein ganzes Wesen mit einer unerklärlichen Traurigkeit.

Der Kleine hat seine Arme ausgebreitet und trippelt um den Steinbrunnen herum, der Wasserfontänen unter die Glaskuppel sprüht. Einen kurzen Augenblick glaubst du, er käme auf dich zugelaufen, um sich in deine Arme zu werfen, aber . . .

»Papa, Papa! Schau, ich bin ein Flieger!«

Du hebst die Augen, und dein Blick begegnet dem jenes Mannes, der das Kind im Flug auffängt. Eine eisige Klinge durchbohrt dich, und dein Herz krampft sich zusammen.

 

Du kennst diesen Mann. Vor fünf Jahren hattet ihr eine Liebesbeziehung, die ein gutes Jahr gedauert hat. Seinetwegen hast du Paris verlassen, bist nach Manhattan gezogen und hast dir einen neuen Job gesucht. Sechs Monate lang habt ihr sogar vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Dann ist der Mann zu seiner Ex-Frau zurückgekehrt, mit der er bereits ein Kind hatte. Du hast alles in deiner Macht Stehende getan, um ihn zu halten, aber es war nicht genug. Diese Zeit war äußerst schmerzhaft für dich, und jetzt, da du glaubtest, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben, begegnest du ihm wieder, und es bricht dir schier das Herz.

Nun verstehst du deine eigene Verwirrung besser. Du sagst dir, dieses Kind hätte eures sein können, nein, müssen.

Der Mann hat dich sofort wiedererkannt und weicht deinem Blick nicht aus. Seine bekümmerte Miene zeigt, dass er genauso überrascht ist wie du, verlegen, irgendwie beschämt. Du glaubst, er wird mit dir sprechen, doch wie ein Tier in Bedrängnis greift er schützend nach der Hand seines Sprösslings und macht auf dem Absatz kehrt.

»Komm, Joseph, wir gehen.«

Vater und Sohn entfernen sich, und du traust deinen Ohren nicht. »Joseph« war einer der Vornamen, die ihr für euer zukünftiges Kind ausgesucht hattet. Dein Blick verschleiert sich. Du fühlst dich betrogen. Eine schwere, lähmende Müdigkeit überwältigt dich, du bist wie vor den Kopf gestoßen und glaubst, ersticken zu müssen.

 

Unter Aufbietung all deiner Kräfte erreichst du den Ausgang des Einkaufszentrums. In deinen Ohren rauscht es, du bewegst dich wie ein Roboter, deine Gliedmaßen sind tonnenschwer. Auf der Höhe des St. James’ Park gelingt es dir, den Arm zu heben, um ein Taxi anzuhalten, doch du zitterst während der ganzen Fahrt, versuchst, gegen die dich bedrängenden Gedanken anzukämpfen, und fragst dich, was dir gerade widerfährt.

Nachdem du die Tür zu deiner Wohnung von innen abgeschlossen hast, lässt du dir sofort ein Bad einlaufen. In deinem Schlafzimmer machst du kein Licht. Ohne dich auszukleiden, fällst du auf dein Bett. Völlig apathisch. In deinem Kopf ziehen die Bilder von dem Jungen mit dem Flugzeug vorbei, und bald verwandelt sich die ganze Verzweiflung, die dich beim Anblick deines ehemaligen Geliebten ergriffen hat, in ein schreckliches Gefühl totaler Leere. Ein Mangel, der dir den Atem nimmt. Du weinst natürlich, sagst dir aber, dass die Tränen eine reinigende Wirkung haben und die Krise von selbst vorübergehen wird. Nur dass der Schmerz sich tiefer gräbt, anschwillt, dich erfasst, all deine Deiche bricht und Jahre der Unzufriedenheit, des Grolls und enttäuschter Hoffnungen freisetzt. Verletzungen wiederaufleben lässt, die du längst für geheilt hieltest.

Dann ergreift die kalte Hydra der Panik Besitz von deinem Körper. Du springst auf. Dein Herz rast. Du hast vor einigen Jahren schon mal eine ähnliche Phase durchlebt, und die Dinge nahmen kein gutes Ende. Doch auch diese Erinnerung kann das Rad des Unausweichlichen nicht aufhalten. Von unkontrollierbarem Zittern ergriffen, taumelst du ins Badezimmer.

Der Arzneischrank. Die Röhrchen mit den Schmerzmitteln. Du legst dich in die übervolle Badewanne, obwohl du nur zur Hälfte entkleidet bist. Das Wasser ist zu heiß oder zu kalt, du weißt es nicht einmal mehr, und es ist dir auch egal. Deine Brust scheint in einen Schraubstock gespannt zu sein. In deinem Bauch tut sich ein Abgrund auf. Vor deinen Augen ein pechschwarzer Horizont, für immer versperrt durch deinen Kummer.

Dir war gar nicht bewusst, dass es so weit mit dir gekommen ist. In den letzten Jahren warst du zugegebenermaßen ein wenig verloren, und seit Langem weißt du, dass das Leben eine zerbrechliche Angelegenheit ist. Aber du hast nicht damit gerechnet, heute den Boden unter den Füßen zu verlieren und so rasch aus dem Gleichgewicht zu geraten. Vor allem wusstest du nicht, welche Massen an Schlamm dich durchströmen. Diese Schwärze, dieses Gift, dieses Elend. Dieses Gefühl stetiger Einsamkeit, das plötzlich in dir erwacht ist und dich in Panik versetzt.

 

Die Medikamentenröhrchen treiben an der Wasseroberfläche wie Schiffe bei Windstille. Du öffnest sie und schluckst sämtliche Kapseln. Doch das reicht nicht. Du musst die Dinge zu Ende führen. Und so nimmst du die Klinge aus dem kleinen Rasierer, der auf dem Badewannenrand liegt, und ziehst sie über deinen Unterarm.

Du hast dich immer tapfer geschlagen, aber heute bist du nicht mehr dazu in der Lage, denn dein Feind, der dich besser kennt als du dich selbst, lässt nicht mehr von dir ab. Als die Klinge deine Haut berührt, denkst du mit einer gewissen Ironie an dieses euphorische Glücksgefühl, das dich erfüllte, als heute Morgen die Sonne durch dein Fenster schien.

Dann dieser sonderbare und beruhigende Moment, als du begreifst, dass die Würfel gefallen sind, dass deine Reise ohne Rückkehr bereits begonnen hat. Wie hypnotisiert betrachtest du dein Blut, das namenlos schöne Arabesken ins Wasser zeichnet. Während du spürst, wie das Leben aus dir entweicht, sagst du dir, dass nun wenigstens der Schmerz aufhören wird, und in diesem Augenblick ist das von unschätzbarem Wert.

Während dich der Teufel davonträgt, hast du noch einmal das Bild von dem kleinen Jungen vor dir. Du siehst ihn an einem Strand am Meer. Ein Ort, vielleicht in Griechenland oder Süditalien. Du bist ganz nahe bei ihm. So nah, dass du sogar seinen Geruch nach Sand, nach Getreide wahrnimmst, beruhigend wie die leichte Brise eines Sommerabends.

Als er den Kopf in deine Richtung hebt, siehst du gerührt sein hübsches Gesicht, seine Stupsnase, seine weißen Kinderzähne, die sein Lächeln unwiderstehlich machen. Und jetzt breitet er die Arme aus und kreist um dich herum.

»Schau, Mama, ich bin ein Flieger!«

 

 

Mitten im Winter

Dienstag, 20. Dezember

 

1. Das Paris-Syndrom

 

Paris is always a good idea.

Audrey Hepburn, in dem Film Sabrina

 

 

1.

 

Roissy-Charles-de-Gaulle, Ankunftsbereich.

In gewisser Weise eine Definition der Hölle auf Erden.

Vor der Passkontrolle drängten sich Hunderte von Reisenden in einer Warteschlange, die sich ausdehnte und wand wie eine dickbäuchige Boa. Gaspard Coutances hob den Kopf zu den Plexiglaskabinen zwanzig Meter vor ihm. Nur in zwei davon saßen unglückselige Polizisten, die den schier endlosen Passagierstrom zu kontrollieren hatten. Gaspard stieß gereizt einen Seufzer aus. Jedes Mal, wenn er diesen Airport betrat, fragte er sich, wie die verantwortlichen Politiker die verheerenden Auswirkungen eines so negativen Frankreich-Bilds ignorieren konnten.

Er schluckte seinen Ärger hinunter. Zu allem Überfluss herrschte hier eine Bruthitze. Die Luft war feucht, drückend, durchtränkt von ekelhaftem Schweißgeruch. Er stand neben einem Jugendlichen im Bikerlook und einer Gruppe von Asiaten. Die Anspannung war deutlich spürbar: Nach einem zehn- bis fünfzehnstündigen Flug mussten die Jetlag-Geschädigten empört feststellen, dass sie noch nicht am Ende ihres Leidenswegs angelangt waren.

Das Martyrium hatte kurz nach der Landung begonnen. Seine Maschine, aus Seattle kommend, war pünktlich gewesen und kurz vor neun Uhr morgens gelandet, doch sie hatten über zwanzig Minuten warten müssen, bis die Gangway an die Tür herangeschoben wurde und sie das Flugzeug verlassen konnten. Es folgte ein längerer Marsch durch die altmodischen Gänge. Eine Art Schnitzeljagd an komplizierten Wegweisern vorbei und über defekte Rolltreppen, gefolgt vom Überlebenskampf in einem überfüllten Pendelbus, um dann schließlich, in einen finsteren Raum eingepfercht, warten zu müssen. Willkommen in Frankreich!

Den Gurt seiner Reisetasche über der Schulter, lief Gaspard der Schweiß über die Stirn. Er hatte den Eindruck, schon mindestens drei Kilometer zurückgelegt zu haben, seitdem er das Flugzeug verlassen hatte. Deprimiert fragte er sich, was er hier zu suchen hatte. Warum bürdete er sich jedes Jahr einen Monat der Gefangenschaft in Paris auf, um ein neues Theaterstück zu schreiben? Er stieß ein nervöses Lachen aus. Die Antwort war einfach und klang wie ein Slogan: Kreatives Schreiben in feindlicher Umgebung. Jedes Jahr um dieselbe Zeit mietete ihm Karen, seine Agentin, ein Haus oder eine Wohnung, damit er in Ruhe arbeiten konnte. Gaspard hasste Paris so sehr – vor allem zur Weihnachtszeit –, dass er problemlos rund um die Uhr in seinen vier Wänden bleiben wollte. Resultat: Das Stück schrieb sich von ganz allein – oder fast. Auf alle Fälle war sein Text jedes Mal Ende Januar fertig.

Die Schlange vor dem Schalter löste sich mit trostloser Langsamkeit auf. Das Warten wurde zur unerträglichen Prüfung. Übererregte Kinder rannten schreiend zwischen den Zollschranken herum, ein älteres Paar stützte sich gegenseitig, ein Baby erbrach einen Schwall Milch in die Halsbeuge der Mutter.

Verdammte Weihnachtsferien wetterte Gaspard und atmete tief die verbrauchte Luft ein. Als er den Verdruss auf den Gesichtern seiner Leidensgenossen sah, erinnerte er sich an einen Artikel zum Thema »Paris-Syndrom«, den er in einem Magazin gelesen hatte: Jedes Jahr wurden mehrere Dutzend japanischer und chinesischer Touristen ins Krankenhaus eingeliefert oder in ihre Heimat überführt, weil sie unter schweren psychischen Störungen litten, die sich bei ihrem ersten Besuch in der französischen Hauptstadt eingestellt hatten. Kaum in Frankreich eingetroffen, klagten diese Urlauber über sonderbare Symptome – Wahnvorstellungen, Depressionen, Halluzinationen, Paranoia. Mit der Zeit fanden die Psychiater eine Erklärung: Die Beschwerden der Touristen resultierten aus der Diskrepanz ihrer überhöhten Erwartungen an die Ville lumière, der Stadt der Lichter, mit der Realität. Sie hatten geglaubt, »Die fabelhafte Welt der Amélie« zu entdecken, wie sie in Filmen und der Werbung angepriesen wird, und waren stattdessen mit einer harten und feindseligen Stadt konfrontiert worden. Ihr idealisiertes Paris-Bild – das der romantischen Cafés, der Bouquinisten am Seine-Ufer, der Maler am Montmartre und der Intellektuellen des Quartier Latin – traf auf die harte Realität: Dreck, Taschendiebe, allgemeine Unsicherheit, die allgegenwärtige Luftverschmutzung, ein hässliches Stadtbild, veraltete öffentliche Verkehrsmittel.

Um sich abzulenken, zog Gaspard mehrere gefaltete Blätter aus seiner Tasche. Die Beschreibung und Fotos von seinem »Luxusgefängnis« im 6. Arrondissement, das seine Agentin ihm gemietet hatte. Das ehemalige Atelier des Malers Sean Lorenz. Die Aufnahmen waren ansprechend – ein weiter offener Raum, lichtdurchflutet, entspannend, perfekt für den Schreibmarathon, der ihn erwartete. Normalerweise misstraute er solchen Fotos, doch Karen hatte die Wohnung selbst besichtigt und ihm versichert, sie würde ihm sicherlich gefallen. Mehr sogar, hatte sie auf geheimnisvolle Weise hinzugefügt.

Wenn er nur schon dort wäre.

Er musste sich noch eine gute Viertelstunde gedulden, bis einer der Beamten der Grenzpolizei sich bereitfand, einen Blick in seinen Pass zu werfen. Der ausgesprochen unfreundliche Typ ließ sich weder zu einem Bonjour noch zu einem Merci herab und antwortete auch nicht auf sein Bonne journée, als er ihm die Papiere zurückgab.

Erneutes Rätselraten vor den Hinweisschildern. Gaspard schlug die falsche Richtung ein, machte dann kehrt. Kaskaden von Rolltreppen. Eine Reihe von automatischen Türen, die sich jedes Mal mit Verzögerung öffneten. Er hastete an den Laufbändern vorbei. Zum Glück hatte er nur Handgepäck dabei.

Jetzt würde er der Hölle bald entkommen. Unter Einsatz der Ellenbogen kämpfte er sich durch das außergewöhnliche Gedränge in der Ankunftshalle, rempelte dabei ein sich küssendes Paar an, stieg über am Boden schlafende Passagiere hinweg. Die Drehtür mit dem Schild »Sortie – Taxis« darüber kündigte das Ende seines Martyriums an. Nur noch wenige Meter, und er wäre von diesem Albtraum befreit. Er würde ein Taxi nehmen, seine Kopfhörer aufsetzen und sich mental entfernen, indem er dem Piano von Brad Mehldau und dem Bass von Larry Grenadier lauschte. Dann, noch an diesem Nachmittag, würde er anfangen zu schreiben und . . .

Der Regen kühlte seinen Enthusiasmus ab. Sintflutartige Wolkenbrüche ergossen sich auf den Asphalt. Tiefschwarzer Himmel. Tristesse und aufgeheizte Luft. Kein Taxi weit und breit. Stattdessen Wagen der Bereitschaftspolizei und desorientierte Touristen.

»Was ist los?«, fragte er einen Kofferträger, der seelenruhig neben einem Aschenbecher stand und seinen Glimmstängel paffte.

»Haben Sie denn noch nicht davon gehört? Wieder mal Streik, Monsieur.«

 

 

2.

 

Zur selben Zeit, genauer gesagt um 9:47 Uhr, stieg Madeline Greene an der Gare du Nord aus dem Eurostar, der sie aus London hierhergebracht hatte.

Ihre ersten Schritte auf französischem Boden waren zögerlich, denn sie hatte Probleme, sich zurechtzufinden. Ihre Beine waren schwer und zitterten. Zur Müdigkeit gesellten sich Schwindelgefühl, schmerzhafte Übelkeit und Sodbrennen. Obwohl der Arzt sie vor den Nebenwirkungen der Behandlung gewarnt hatte, war ihr nicht klar gewesen, dass sie über Weihnachten in so schlechter Verfassung sein würde.

Der Koffer, den sie hinter sich herzog, schien Tonnen zu wiegen. Der Lärm der Laufrollen auf dem Beton dröhnte in ihrem Kopf, zerriss gleichsam ihr Gehirn und intensivierte ihre Migräne, die sie quälte, seit sie wach geworden war.

Madeline blieb stehen, um den Reißverschluss ihres mit Lammfell gefütterten Lederblousons ganz hochzuziehen. Sie war schweißgebadet und zitterte trotzdem vor Kälte. Da sie kaum atmen konnte, glaubte sie einen Augenblick, ohnmächtig zu werden, fing sich aber am Ende des Bahnsteigs wieder, so als würde das geschäftige Treiben sie stimulieren.

Trotz seines wenig schmeichelhaften Rufs war die Gare du Nord, der Pariser Nordbahnhof, ein Ort, der Madeline schon immer fasziniert hatte. Sie empfand diesen Bahnhof nicht als gefährlich, sondern eher als eine Art Bienenstock – in ständiger Bewegung. Tausende von Leben, von Schicksalen, die sich kreuzten. Ein reißender Strom, eine Brandungswelle, die man bezwingen musste, um nicht zu ertrinken.

Vor allem aber wirkte der Bahnhof auf sie wie eine Bühne mit unzähligen Schauspielern: Touristen, Pendler, Geschäftsleute, Asoziale, Polizisten auf Streife, Schwarzhändler, Dealer, Angestellte aus den Cafés und Läden ringsumher . . . Während sie diese Miniaturwelt unter der großen Glaskuppel sah, fühlte sich Madeline an die Schneekugeln erinnert, die ihr die Großmutter von jeder ihrer Reisen mitbrachte. Eine gigantische Glaskugel ohne Schnee, die von dem in ihr brodelnden Leben Risse bekam.

Draußen auf dem Vorplatz wurde sie von heftigen Böen empfangen. Das Wetter war noch mieser als in London: dichter Regen, trüber Himmel, feuchte, stickige Luft. Wie Takumi ihr prophezeit hatte, blockierten Dutzende Taxen den Zugang zum Bahnhof. Weder Busse noch Privatwagen konnten Reisende aufnehmen; sie blieben ihrem Schicksal überlassen. Vor einer Fernsehkamera erregten sich die Menschen: Streikende und Fahrgäste spielten die ewig gleichen Szenen für die Zeitungen und Nachrichtensender.

Madeline machte rasch einen Bogen um die Gruppe. Warum hab ich nicht daran gedacht, einen Regenschirm mitzunehmen, verfluchte sie sich, während sie auf den Boulevard de Magenta zusteuerte. Da sie zu nahe am Bürgersteigrand ging, wurde sie von einem vorbeifahrenden Wagen nass gespritzt. Wütend lief sie die Rue Saint-Vincent-de-Paul hinunter bis zum Eingang der Pfarrei. Dort, am Steuer eines Lieferwagens, der in zweiter Reihe parkte, wartete Takumi wie verabredet. Sein bunter Lieferwagen war mit einer fröhlichen Beschriftung versehen, die in krassem Gegensatz zur Umgebung stand: »Le Jardin Extraordinaire – Fleuriste – 3 bis, Rue Delambre – 75014 Paris«. Madeline winkte, als sie ihn sah, und kletterte erfreut in den Wagen.

»Salut, Madeline, willkommen in Paris!«, begrüßte der Blumenhändler sie und reichte ihr ein Handtuch.

»Hello, mein Lieber, ich freue mich, dich zu sehen!«

Während sie sich ihre Haare trocknete, betrachtete sie den jungen Asiaten. Takumi hatte kurzes Haar, trug eine Cordsamtjacke und dazu einen Seidenschal. Eine karierte Flanellkappe thronte auf seinem runden Kopf, unter der zwei kleine abstehende Ohren herausschauten, die an winzige Mäuse erinnerten. Der spärliche Schnurrbart über seiner Oberlippe erinnerte eher an einen pubertären Knaben als an Thomas Magnum. Sie fand, er war überhaupt nicht gealtert, seit sie nach London umgezogen war und ihm ihren hübschen Pariser Blumenladen überlassen hatte, in dem er zuvor ein paar Jahre angestellt gewesen war.

»Toll, dass du mich abgeholt hast, danke«, sagte Madeline und legte ihren Sicherheitsgurt an.

»Gern geschehen, heute wärst du anders nicht vom Fleck gekommen.«

Der junge Blumenhändler legte einen anderen Gang ein und bog in die Rue Abbeville ab.

»Wie du siehst, hat sich, seitdem du gegangen bist, in diesem Land nichts verändert«, erklärte er und deutete auf eine Gruppe von Demonstranten. »Es wird sogar mit jedem Tag ein bisschen schlimmer . . .«

Die Scheibenwischer des alten Renaults hatten Mühe, die Sturzbäche an Regen, die sich über die Windschutzscheibe ergossen, zu bewältigen.

Trotz des Unwohlseins, das sie erneut überkam, bemühte sich Madeline, das Gespräch in Gang zu halten.

»Und, wie geht’s dir so? Gönnst du dir nicht einen kleinen Weihnachtsurlaub?«

»Nicht vor Ende nächster Woche. Wir feiern Silvester mit der Familie von Marjolaine. Ihre Eltern besitzen eine Brennerei im Département Calvados.«

»Wenn du den Alkohol immer noch so schlecht verträgst, kann man sich ja auf einiges gefasst machen!«

Das Gesicht des Floristen lief purpurrot an. Noch immer so empfindlich, der kleine Takumi, dachte Madeline amüsiert, während sie die verschwommene Stadtlandschaft an sich vorbeiziehen sah. Der Lieferwagen erreichte den Boulevard Haussmann und bog nach fünfhundert Metern in die Rue Tronchet ein. Trotz des Wolkenbruchs, trotz der angespannten sozialen Lage war Madeline glücklich, hier zu sein.

Sie hatte gern in Manhattan gelebt, aber nicht jene vermeintliche Energie wahrgenommen, die von manchen ihrer Freundinnen so gepriesen wurde. Um ehrlich zu sein, hatte New York sie nur erschöpft. Ihre Lieblingsstadt würde immer Paris bleiben, weil es der Ort war, an den sie zurückkehrte, um ihre Wunden zu heilen. Sie hatte hier vier Jahre lang gelebt. Nicht unbedingt die schönsten Jahre ihres Lebens, doch auf jeden Fall die wichtigsten: die der seelischen Heilung, der Festigung, des Neubeginns.

Bis 2009 hatte sie in England bei der Mordkommission von Manchester gearbeitet. Und dort war sie an einem schrecklichen Fall, dessen Ermittlungen sie geleitet hatte – die Affäre Alice Dixon[1] – gescheitert und gezwungen gewesen, den Polizeidienst zu quittieren. Diese Niederlage hatte ihr alles genommen: ihren Beruf, die Achtung ihrer Kollegen, ihr Selbstvertrauen. In Paris hatte sie dann einen kleinen Blumenladen aufgemacht und sich ein neues Leben im Viertel Montparnasse aufgebaut, weit entfernt von den Ermittlungen in Mordfällen oder Kindesentführungen. Doch dieses ruhige Dasein hatte eine radikale Wendung genommen, als eine Begegnung sie auf eine unerwartete Spur brachte und sie in der Lage war, die Ermittlungen fortzuführen. Schließlich hatte der Fall Alice Dixon in New York ein glückliches Ende gefunden. Die Umstände dieses Erfolgs hatten es ihr ermöglicht, in der Verwaltung des WITSEC, des Zeugenschutzprogramms, zu arbeiten.

Sie hatte ihren Blumenladen Takumi überlassen und war nach New York aufgebrochen. Ein Jahr später war das NYPD, die New Yorker Polizei, an sie herangetreten, um ihr einen Vertrag als Beraterin in der Abteilung für ungelöste Fälle anzubieten. Madeline sollte alte Ermittlungen, die ohne Ergebnis geblieben waren, wiederaufnehmen. Eine Arbeit, die in einer Fernsehserie oder einem Krimi von Harlan Coben aufregend gewesen wäre, sich in der Realität aber nur als ein unendlich langweiliger Schreibtischjob herausstellte. Innerhalb von vier Jahren hatte Madeline nicht an einem einzigen Einsatz mehr teilgenommen. Und nicht in einem einzigen Fall eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht. Ihrer Abteilung fehlte es an den nötigen finanziellen Mitteln, und sie hatte gegen eine Bürokratie zu kämpfen, derer sich die französische Verwaltung geschämt hätte. Für den Antrag auf eine DNA-Untersuchung mussten Berge von Formularen ausgefüllt werden, und jede Anfrage zur Vernehmung ehemaliger Zeugen oder zur Akteneinsicht stieß meist auf eine eindeutige Absage des FBI, das für die interessantesten Ermittlungen zuständig war.

Ohne das geringste Bedauern hatte sie diesen Job gekündigt, um nach England zurückzukehren. Sie nahm es sich sogar fast übel, so lange mit der Entscheidung gewartet zu haben. Und seitdem Jonathan Lempereur – der Mann, den sie geliebt hatte und dem sie nach Manhattan gefolgt war – wieder zu seiner Frau zurückgekehrt war, hatte wirklich nichts mehr sie in den USA zurückgehalten.

»Marjolaine und ich erwarten im Frühjahr ein Baby«, vertraute ihr der Blumenhändler unvermittelt an.

Diese Eröffnung riss Madeline aus ihren Gedanken.

»Wie . . . wie schön für euch«, erwiderte sie und versuchte, einen Anflug von Freude in ihre Stimme zu legen.

Aber ihre Reaktion klang derart falsch, dass Takumi schnell das Thema wechselte.

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, was dich nach Paris führt, Madeline?«

»Dieses und jenes«, erwiderte sie ausweichend.

»Wenn du Heiligabend mit uns verbringen möchtest, bist du herzlich eingeladen.«

»Das ist sehr nett, aber sei mir nicht böse, ich muss einfach allein sein.«

»Wie du willst.«

Erneutes Schweigen. Lastend. Madeline bemühte sich gar nicht erst, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, versuchte sie, sich zurechtzufinden, jeden Ort mit einer Erinnerung ihres Pariser Lebens zu verknüpfen. Die Place de la Madeleine ließ sie an eine Ausstellung mit Werken von Raoul Dufy denken; die Rue Royale an das Bistrot mit dem köstlichsten Kalbsfrikassee; der Pont Alexandre III an einen Unfall, den sie an einem Regentag mit ihrem Motorrad gehabt hatte . . .

»Hast du berufliche Pläne?«, insistierte Takumi.

»Natürlich«, log sie.

»Und hast du Jonathan unlängst gesehen?«

Kümmer dich um deinen eigenen Kram!

»Gut, bist du jetzt fertig mit deinem Verhör? Ich bin hier schließlich der Bulle.«

»Eben nicht; wenn ich es recht verstanden habe, bist du nicht mehr . . .«

Sie seufzte. Der junge Tollpatsch ging ihr langsam echt auf die Nerven.

»Okay, ich werde ehrlich sein«, sagte sie. »Ich will, dass du mit deiner Fragerei aufhörst. Du warst mein Lehrling, und ich habe dir mein Geschäft vermacht. Das gibt dir aber nicht das Recht, mich mit Fragen nach meinem Leben zu bedrängen!«

Während der Lieferwagen die Esplanade des Invalides überquerte, sah Takumi Madeline von der Seite an. Sie war so geblieben, wie er sie gekannt hatte – ihr barscher Charakter, ihre grobe Lederjacke, ihre blonden Strähnen und der Bubikopf, der ein wenig old fashioned war.

Noch immer wütend, kurbelte Madeline das Seitenfenster runter und zündete sich eine Zigarette an.

»Rauchst du etwa noch?«, fragte der Florist mit mahnendem Unterton. »Wie unvernünftig.«

»Halt die Klappe«, gab sie zurück und blies, um ihn zu provozieren, eine Rauchwolke in seine Richtung.

»Nein! Nicht in meinem Wagen! Ich will nicht, dass es hier drinnen nach Tabak stinkt!«

Als der Lieferwagen an einer roten Ampel hielt, nutzte sie die Gelegenheit, um nach ihrem Koffer zu greifen und die Beifahrertür zu öffnen.

»Aber, Madeline, was machst du denn?«

»Ich muss mir in meinem Alter keine billigen Moralpredigten mehr anhören. Ich gehe zu Fuß weiter.«

»Nein, warte, du . . .«

Sie warf die Tür zu und entfernte sich mit weit ausholenden Schritten.

Es regnete immer noch heftig.

 

[1] siehe Musso »Nachricht von dir«, Pendo Verlag 2012

 

 

3.

 

»Der Streik?«, rief Gaspard. »Welcher Streik?«

Schicksalsergeben zuckte der Kofferträger mit den Schultern und machte eine vage Geste.

»Ach, wie immer, Sie kennen das ja . . .«

Um sich gegen die Regenböen zu schützen, beschattete Gaspard die Augen mit der Hand. Er hatte natürlich nicht daran gedacht, einen Regenschirm mitzunehmen.

»Das heißt also, es fahren keine Taxen?«

»Nada. Sie können versuchen, den RER-B zu nehmen, aber da geht nur jeder dritte Zug.«

Na toll, lieber sterben.

»Und die Busse?«

»Keine Ahnung«, erwiderte der Angestellte und zog ein letztes Mal an seiner Zigarette.

Wütend kehrte Gaspard ins Gebäude zurück. In einem Zeitungsshop blätterte er in der aktuellen Ausgabe von Le Parisien. Der Titel sagte alles: »Le grand blocage«. Taxifahrer, Eisenbahner, Angestellte der Pariser Verkehrsbetriebe, Fluglotsen, Stewardessen und Flugbegleiter, Fernfahrer, Dockarbeiter, Postboten, Müllmänner: Sie alle hatten sich zusammengetan und drohten der Regierung, das Land lahmzulegen, um die Politiker zu zwingen, einen bestimmten Gesetzestext zurückzunehmen. Der Zeitungsartikel präzisierte, man könne sich auf andere Streiks gefasst machen, und auch eine Blockade der Raffinerien sei nicht auszuschließen, sodass dem Land in den nächsten Tagen das Benzin ausgehe. Um alles noch zu verschlimmern, führte die Seine – nach einer starken Luftverschmutzung Anfang des Monats – historisches Hochwasser. Es gab überall in und um Paris Überschwemmungen, was den Verkehr zusätzlich erschwerte.

Gaspard rieb sich die Augenlider. Immer dasselbe, wenn ich einen Fuß in dieses Land setze . . . Der Albtraum dauerte an, aber nach und nach siegte die Mattigkeit über den Zorn.

Was tun? Hätte er ein Handy gehabt, hätte er Karen anrufen können, damit sie eine Lösung für ihn fände. Aber Gaspard hatte nie ein Mobiltelefon haben wollen. Ebenso wie er auch keinen Computer, kein Tablet, keine E-Mail-Adresse hatte und auch nie das Internet benutzte.

Also machte er sich auf die Suche nach einer Telefonzelle in der Ankunftshalle, doch sie schienen alle verschwunden zu sein.

Die Busse blieben seine letzte Hoffnung. Er trat nach draußen und suchte vergebens nach einem Angestellten, um sich zu erkundigen, brauchte eine gute Viertelstunde, bis er das System der Air-France-Busse verstanden hatte, und sah zwei davon völlig überfüllt davonfahren.

Nach einer halben Stunde Wartezeit – der Regen war noch heftiger geworden – konnte er schließlich in eines der Fahrzeuge steigen. Kein Sitzplatz, nein, das wäre zu schön gewesen, doch er war wenigstens im richtigen Bus, demjenigen, der zur Gare Montparnasse fuhr.

Dicht gedrängt wie Heringe und triefend nass, mussten die Fahrgäste den Kelch bis zur bitteren Neige leeren. Seine Reisetasche fest an sich gepresst, dachte Gaspard an Dostojewskis Definition des Menschen: »Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt.« Und so ließ er sich auf die Füße treten und schubsen, sich ins Gesicht husten und teilte diesen Brutkasten und die bakterienverseuchte Metallstange mit schwitzenden Fremden . . .

Erneut war er versucht, alles aufzugeben und Frankreich zu verlassen, dann aber tröstete er sich damit, dass sein Martyrium ja nicht länger als einen Monat dauern würde. Wenn es ihm gelänge, das Stück in weniger als fünf Wochen fertigzustellen, würde er das Winterende und den Frühlingsanfang in Griechenland verbringen, wo er auf Sifnos ein Segelboot im Hafen liegen hatte. Das würde sechs Monate Schiffsreise zwischen den Kykladen-Inseln bedeuten, ein Leben im Einklang mit den Elementen und einer Explosion der Gefühle und der Farben: das blendende Weiß der Sonne, das Kobaltblau des Himmels, die türkisgrünen Tiefen der Ägäis. In Griechenland fühlte sich Gaspard eins mit der Landschaft, den Pflanzen und den Düften. Nachdem er sich an der Meeresluft berauscht hatte, würde er eintauchen in die Baumheide, sich an den Gerüchen von Thymian, Salbei, Olivenöl und gegrilltem Tintenfisch laben. Ein Glück, das etwa bis Mitte Juni andauerte. Wenn dann die Touristen die Inseln zu überschwemmen drohten, flüchtete er nach Amerika in sein Chalet in Montana.

Dort veränderte sich der Lebensstil: ein Zurück zur Natur – in ihrer wildesten und rauesten Form. Seine Tage waren bestimmt von Angelpartien, endlosen Spaziergängen durch die Birkenwälder, an See- und Flussufern entlang. Ein einsames, aber intensives Leben, weit entfernt vom Krebsgeschwür der Städte und ihren gestressten Einwohnern.

Meter für Meter schob sich der Bus über die Autobahn A3. Durch die beschlagenen Fenster konnte Gaspard bisweilen vage die Schilder der nordöstlichen Vororte erkennen: Aulnay-sous-Bois, Drancy, Livry-Gargan, Bobigny, Bondy . . .

Er brauchte dieses einsame Eintauchen in die Natur, um sich zu entgiften, sich reinzuwaschen von den Auswüchsen der Zivilisation. Denn seit Langem schon stand Gaspard Coutances auf Kriegsfuß mit dem Treiben und dem Chaos einer Welt, die ihrem Untergang entgegenging. Einer Welt, die an allen Ecken und Enden ins Wanken geriet und die er nicht mehr verstand. Als guter Misanthrop fühlte er sich den Bären, Raubvögeln und Schlangen näher als seinen sogenannten Mitmenschen. Und er war stolz darauf, mit einer Welt gebrochen zu haben, für die er nur Hass empfand. Stolz darauf, einen Großteil der Zeit außerhalb der Gesellschaft und ihrer Regeln leben zu können. Deshalb hatte er seit fünfundzwanzig Jahren keinen Fernseher mehr eingeschaltet, wusste so gut wie nichts vom Internet und fuhr einen Dodge aus den späten 1970er-Jahren.

Sein Einsiedlerleben resultierte aus einer entschiedenen, aber nicht radikalen Askese. Er erlaubte sich bisweilen, wenn sich die Gelegenheit bot, einen Verstoß gegen seine eigenen Grundsätze. So kam es vor, dass er seine Berge oder sein Versteck in Griechenland verließ, um ein Konzert von Keith Jarrett in Juan-les-Pins, eine Brueghel-Retrospektive in Rotterdam oder eine Tosca-Aufführung in der Arena von Verona zu besuchen. Und dann gab es besagten Schreib-Monat in Paris. Nachdem er sein Theaterstück während eines Jahres im Kopf hatte reifen lassen, setzte er sich täglich für etwa sechzehn Stunden an seinen Schreibtisch. Jedes Mal glaubte er, es könnte ihm an Ideen und Inspiration mangeln, doch jedes Mal kam ein mysteriöser Prozess in Gang. Worte, Situationen, Dialoge ergaben sich wie von selbst und bildeten ein kohärentes Ganzes.

Seine Stücke wurden heute in fast zwanzig Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt aufgeführt. Allein im letzten Jahr wurden an die fünfzehn Inszenierungen in Europa und den Vereinigten Staaten gespielt; eines seiner letzten Stücke, Ghost Town, sogar an der Schaubühne, dem mythischen Berliner Theater, und für einen Tony Award nominiert. Seine Geschichten gefielen vor allem den intellektuellen Kritikern, die seine Arbeit ein wenig überinterpretierten und irgendwie vielleicht auch überschätzten.

Gaspard wohnte nie den Aufführungen seiner Stücke bei und gab auch keine Interviews. Anfangs hatte Karen sich Sorgen gemacht, weil er nicht in den Medien präsent war, diese Reserviertheit dann aber genutzt, um das »Mysterium Gaspard Coutances« zu erschaffen. Je weniger er sich blicken ließ, desto mehr lobte ihn die Presse. Man verglich ihn mit Kundera, Pinter, Schopenhauer, Kierkegaard. Gaspard fühlte sich alles andere als geschmeichelt durch diese Komplimente, hatte er doch immer gedacht, sein Erfolg rühre von einem Missverständnis her.

Hinter Bagnolet schlich der Bus eine Ewigkeit über den Périphérique, bevor er über den Quai de Bercy den Bahnhof Gare de Lyon erreichte. Dort angekommen, legte er einen endlos langen Stopp ein, um die Hälfte der Fahrgäste aussteigen zu lassen, bevor er weiter in Richtung Westen fuhr.

Gaspards Theaterstücke resultierten alle aus derselben Grundhaltung – der Absurdität und Tragik des Lebens, der Einsamkeit der conditio humana. Sie zeigten seine Aversion gegen den Wahnsinn seiner Epoche und waren bar jeder Illusion, jeder Form von Optimismus oder Happy End. Doch wenn seine Arbeiten auch von Verzweiflung und Grausamkeit geprägt waren, wiesen sie doch eine gewisse Komik auf. Gewiss, es war nicht Die große Sause oder Ein Käfig voller Narren, aber es waren dynamische Stücke voller Leben. Wie Karen sagte, ließen sie den Zuschauer glauben, er sei frei, und den Kritiker, er sei intelligent. Das erklärte vielleicht die Begeisterung des Publikums und auch die der gefragtesten Schauspieler, die sich darum rissen, seine Rollen verkörpern zu dürfen.

Eben hatten sie die Seine überquert. Auf dem Boulevard Arago erinnerte die triste und zerrupfte Weihnachtsdeko Gaspard daran, wie sehr er diese Zeit hasste und was aus diesem Fest geworden war: ein kommerzielles und banales Event. Schließlich hielt der Bus an der Place Denfert-Rochereau, direkt vor dem Eingang zu den Katakomben. Um den mächtigen Lion de Belfort herum schwenkte eine kleine Gruppe von Demonstranten ihre Fahnen in den Farben der CGT, FO und FSU, den drei wichtigsten französischen Gewerkschaften. Der Fahrer ließ das Seitenfenster herunter, um mit einem Polizisten zu sprechen, der den Verkehr regelte. Gaspard lauschte angestrengt und verstand, dass die Avenue du Maine sowie alle Straßen zur Tour Montparnasse gesperrt waren.

Die Bustüren öffneten sich quietschend.

»Endstation, alle aussteigen!«, verkündete der Fahrer in belustigtem Tonfall, obwohl er seine Passagiere einem traurigen Schicksal überließ.

Draußen tobte das Gewitter immer heftiger.


Blick ins Buch
Ein Gentleman in Arles – Mörderische MachenschaftenEin Gentleman in Arles – Mörderische MachenschaftenEin Gentleman in Arles – Mörderische Machenschaften

Ein Provence-Krimi

Peter Smith hat ein bewegtes Leben als Unternehmensberater, Lehrer für Kunstgeschichte und britischer Geheimdienstler hinter sich und beschließt nun, in mittleren Jahren, dem verregneten England den Rücken zu kehren und sich zusammen mit seinem Windhund Arthur im schönen Arles zur Ruhe zu setzen. Schluss mit Trubel und Nebelwetter, sein knurriges Temperament sehnt sich nach Sonne, köstlichem französischem Essen und Ruhe. Doch genau die ist ihm nicht vergönnt: Kaum hat Smith das berühmte römische Amphitheater nach einem Stierkampf verlassen, wird ihm plötzlich ein Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich unter einer auffallend gut gekleideten Leiche wieder. Ohne es zu wollen, stolpert er mitten hinein in einen mysteriösen Mordfall, ein Netz aus Intrigen und eine provenzalische Verschwörung ...

1. Tod und Wiederauferstehung


Es war viel kleiner als in seiner Erinnerung. So war es immer. Wie früher, wenn er den renommierten Lord’s Cricket Ground in London aufgesucht hatte, damals noch hartnäckig bemüht, gesellschaftsfähig zu sein. Auch der war ihm jedes Mal winzig vorgekommen wie ein Dorf-Spielfeld, obwohl auf den Tribünen achtundzwanzigtausend Zuschauer Platz fanden. Allerdings schien das Stadion im Laufe des Spiels heimlich zu wachsen, bis es zum Ende hin in seiner Wahrnehmung enorme Ausmaße angenommen hatte. Mit dem Rugbystadion in Twickenham ging es ihm genauso. Anfangs hatte er das Phänomen auf den stetigen, über den Tag verteilten Alkoholkonsum geschoben. Schließlich erinnerte er sich nicht daran, das Lord’s oder die Spielstätte in Twickenham jemals nüchtern verlassen zu haben. Bei den corridas in der Arena hingegen trank er ausschließlich Wasser, unterlag hier aber dennoch dieser altbekannten Sinnestäuschung.
Von Stierkämpfen hielten Peter Smiths englische Freunde wenig bis nichts – auch jene nicht, die sich je nach Arles bequemt hatten. Aber weil es davon ohnehin nur sehr wenige gab, kümmerte ihn das nicht weiter. Für ihn waren die Stierkämpfe aus der Stadtkultur nicht wegzudenken. Natürlich gab es auch hier Leute – und davon sicherlich nicht wenige –, die diese Spektakel ablehnten oder sogar verabscheuten, aber die meisten liebten sie leidenschaftlich, und der Rest übte sich in Toleranz, die, typisch für provenzalische Verhältnisse, nicht zuletzt auch geschäftliche Gründe hatte. Stierkämpfe lockten Touristen, und Touristen füllten Restaurants, Bodegas und Hotels. Die frenetische Begeisterung von zwanzigtausend offenbar sachkundigen Zuschauern wiederum hatte schon so manchen skeptischen Besucher zum glühenden Fan bekehrt oder ihm zumindest das zähneknirschende Zugeständnis abgerungen, dass es so schlimm/blutig/grausam wie befürchtet dann doch nicht gewesen sei und irgendwie sogar ein bisschen an Ballett erinnere.
Auch jetzt kam Smith die Arena ziemlich klein vor und – es war halb zwei an einem sonnigen Septembertag – sengend heiß. Man konnte die Hitze buchstäblich sehen. Außerdem war der Ort momentan noch fast leer. Abgesehen von den knalligen Plakaten draußen an der Umzäunung, die Touristen davon abhielt, ohne zu zahlen das Gebäude zu betreten, wies nichts darauf hin, dass in drei Wochen die Feria beginnen würde. In der Stadt würde es dann vor Besuchern nur so wimmeln, und die Arena schier bersten vor Lärm, Leidenschaft, Kunst und Tod, wenn in acht Kämpfen an die achtundvierzig Stiere zur Strecke gebracht werden würden. Die okzitanische Sprache würde fast ebenso häufig zu hören sein wie Französisch oder Englisch. Noch aber wirkte alles ziemlich heruntergekommen und zugegebenermaßen regelrecht deprimierend. Die grandiose Fassade mit ihren doppelstöckigen Rundbogenarkaden war vom Innenraum aus nicht zu sehen. Lediglich ein paar Touristen schlenderten ziellos in der Hitze umher. Eine kleine Gruppe von Japanern umringte einen genervten Fremdenführer, der seinen Regenschirm wie ein signum militarum in die Luft hielt.
Selbst die Japaner waren ungewöhnlich leise und lauschten dem immer gleichen Geschwafel. Nein, dachte er, der mit einem Ohr zuhörte, es hatte nie aus drei Geschossen bestanden wie das Kolosseum in Rom; nein, hier wurden nie Christen umgebracht; nein, Gladiatoren waren keine gewöhnlichen, untrainierten Kriminellen, die zur Unterhaltung des gallorömischen Publikums kaltblütig abgeschlachtet wurden; ja, bei den Kämpfen in der Arena werden die Stiere getötet, alles andere wäre eine Beleidigung für das Tier. Nein, die hiesige Arena ist nicht kleiner als die von Nîmes. Letztere ist nur besser in Schuss und sieht größer aus. Die in Arles ist sogar drei Meter länger und sechs Meter breiter, was zwar kaum zu Buche schlägt, aber für die arlesianische Gesellschaft, in der Größe zählt, doch wichtig ist. Dass die Touristen kaum einen Laut von sich gaben, war vielleicht der Hitze geschuldet; vielleicht hatten sie auch bloß Hunger. Wie dem auch sei, er genoss das ungewohnte, wenn auch nur kurzlebige Schweigen einer japanischen Touristengruppe.
Die eigentliche Arena, das mit Sand gefüllte Oval in der Mitte des Bauwerks, in dem die Kämpfe stattfanden, war ungefähr siebzig Meter lang und vierzig breit. Zu klein, wie er fand, für eine in Rage gebrachte und mit spitzen Hörnern bewaffnete Tonne Muskelfleisch im Kampf gegen einen Fetzen violett-gelber Leinwand und der tänzerischen Wendigkeit des Matadors. Begrenzt wurde die Arena von einer terrakottafarbenen Bretterwand, der barrestre, die für einen in Bedrängnis geratenen Stierkämpfer drei enge Fluchtwege offen hielt. Ein schmaler Streifen in der Art eines flachen Grabens trennte die barrestre von den ansteigenden Rängen, die, früher aus Stein, jetzt aus von Metallgestänge unterfangenen Holzsitzen bestanden. Recycling war in Arles schon vor Jahrhunderten praktiziert worden. Aus der Arena hatte man immer wieder Steine herausgebrochen und für den Bau von Stadthäusern verwendet.
Wie immer saß Smith auf seinem Platz in der fünfundzwanzigsten Reihe der secondes, einem Bereich in der Mitte der Westtribüne. Es war sein Lieblingsplatz seit Jahren und in seiner Wahl ein optimaler Kompromiss: Der Ticketpreis war gerade noch bezahlbar, und der Sitz würde nach nur wenigen Stunden praller Mittagssonne im Schatten liegen. Außerdem fanden die Kämpfe meist auf dieser Seite der Arena statt, und die Zuschauer ringsum setzten sich mehrheitlich aus Ortsansässigen und Kennern, aficionados, zusammen. Dieser Teil der Arena war laut, aber auch respektvoll, anspruchsvoll, aber auch begeisterungsfähig.
Jetzt, am frühen Nachmittag, sah hier alles ziemlich schäbig aus. Von den Abermillionen Euros für die Restaurierung des Baudenkmals war für eine Auffrischung der Tribünen nicht viel übrig geblieben, nachdem man sich erst einmal für das Äußere stark gemacht hatte, und zwar mit jenem französisch aggressiven Perfektionsstreben, das in Hollywood bestimmt wertgeschätzt würde, ihn aber abstieß. Das Innere zeigte jedoch immer noch die wunderbar marode Grandezza, die ihn schon vor über fünfzig Jahren für die Stadt eingenommen hatte. Die Arena war die erste Sehenswürdigkeit von Arles gewesen, die er besichtigt hatte – das erste römische Amphitheater überhaupt für ihn –, und sooft er es betrat, erinnerte er sich an seine ersten Eindrücke. Nunmehr aber kam er nicht als Tourist, sondern als Nachbar in die Arena. Er konnte es vom Fenster seines Arbeitszimmers aus sehen, hatte dabei aber immer auch die Gerüste und das Maschinenarsenal der Restauratoren vor Augen. Dankenswerterweise hatten sie die Arbeiten derzeit unterbrochen und waren noch nicht auf »seine« Ostseite vorgedrungen. So Gott wollte, würde ihnen das Geld ausgehen, bevor sie die Arbeit an der Fassade des alten Bauwerks wieder aufnahmen. Umso mehr durfte man sich auf die Feria freuen, denn was diesen Ort eigentlich attraktiv machte, waren seine Besuchermassen. Bauwerke, auch und gerade dann, wenn sie zweitausend Jahre alt sind, werden nicht dadurch lebendig, dass man sie anschaut, sondern durch ihre Nutzung. Passive Betrachtung taugt nur zur Sammlung sinnloser Informationen. Alte Steine aber, die benutzt werden, fangen wieder zu atmen an. Der Stierkampf war nur einer von vielen Gründen, warum er die Feria so sehr liebte.
Etwas überrascht stellte Smith fest, dass er mittlerweile ganz allein war. Die Touristen hatten sich verzogen, vermutlich zu einem späten Mittagessen, und ihre nachmittäglichen Ersatzmannschaften hatten ihres noch nicht beendet. Ihm wurde bewusst, dass er in der Sonne brütete, völlig leer im Kopf war und zufrieden lächelte, ohne zu wissen, warum. Er saß, wie er sich klarmachte, an der womöglich heißesten Stelle von ganz Arles, die für einen hellhäutigen, leicht übergewichtigen Fünfundsechzigjährigen mit schwachem Herzen beileibe kein günstiger Ort war. Der Strohhut von Lock würde ihn auf Dauer nicht schützen. Also stand er auf, ganz langsam, als wollte er die Geister der verflossenen Jahrhunderte nicht stören, ging die Sitzreihe entlang und bog in einen der zahlreichen Gänge ein, die nach draußen führten. Im Schatten war es angenehm dunkel und kühl. Vorsichtig tappte er auf den dünnen Sohlen seiner Segelschuhe durch die verwinkelten Katakomben dem Ausgang entgegen, der auf die Place de la Major mündete, auf deren gegenüberliegender Seite sein Haus stand. Seine Körpertemperatur war wieder auf ein Normalmaß abgeklungen, und er sah sich imstande, nun auch selbst zu Mittag zu essen.
Nur was?, fragte er sich in der Dunkelheit. Das Fischfilet braten, das vom Vorabend übrig geblieben war? Dazu fühlte er sich zu schlaff. Nein, er wollte sich begnügen mit seinem üblichen gros pain, das er früher am Tag bei Madame Henri gekauft hatte, und etwas pâté und Camembert dazu essen. Das würde auch Arthur gefallen, dem großen Windhund, der sich an seinem einsamen Ruhestand beteiligte und nicht zuletzt auch an den Mahlzeiten. Im Kühlschrank stand noch eine Flasche Provence Rosé. Der Wein würde ihn bis mindestens fünf Uhr aller Gedanken über eine sinnvolle Gestaltung des Tages entheben. Siesta zu halten wollte gelernt sein. Nach dem Aufwachen fühlte er sich immer elend, aber ein Nachmittag vor dem Fernseher mit einem per Satellit aus England empfangenen Kricket-Match war selbst bei mangelhafter Übertragung einigermaßen verlockend.
Zufrieden mit sich und seinen Plänen, bog Smith im rechten Winkel in den Gang ab, an dessen Ende er den Ausgang erblickte. Er wollte gerade einen Schritt zulegen, als ein explosionsartiger Schmerz seinen Hinterkopf erfasste. Er sah einen hellen Blitz, bevor ihm, wie man so schön sagt, schwarz vor Augen wurde.

Hätte er sich jemals Gedanken darüber gemacht, wäre er vielleicht darauf verfallen, dass der Himmel weiß und goldfleckig sein mochte, die Hölle dagegen ein dunkles Flammenrot. Jedenfalls hätte er sich nicht träumen lassen, dass sowohl der eine als auch der andere Ort viel eher dem Himmel über der Sydney Harbour Bridge zur Mitternacht der Jahrtausendwende gleichen würde. Mit einem solchen Willkommensgruß hätte er beim besten Willen nicht gerechnet, wenn ihm denn beschieden worden wäre, die Ewigkeit da oder dort zuzubringen. Absolute Finsternis mit einer gelegentlichen Lichtexplosion war zwar unerwartet, aber durchaus nicht ohne Reiz und das ganze Drumherum des Todes sehr viel interessanter als gedacht.
Ebenso unerwartet waren seine Atembeschwerden an diesem neuen Ort. Vielleicht brauchte man nicht mehr zu atmen, wenn man tot war. Das ergab Sinn. Aber unter den Schmerzen der Bestrafung für ein missratenes und erfolgloses Leben hatte er sich dann doch etwas anderes vorgestellt.
Die Dunkelheit lichtete sich ein wenig. Sehr langsam nur, aber immerhin. Genauer: Ihm dämmerte eine Art Bewusstsein, das zwar immer noch dunkel war, sich aber nun nach und nach füllte mit dem, was gemeinhin als sinnliche Wahrnehmung bezeichnet wird. Die Finsternis war nicht aus Teer, sondern aus Schlamm, grau, nicht schwarz. Er spürte etwas, das ihn an die Aufseherin im Internat erinnerte, die den Schülern leere Garnröllchen an die Pyjamajacken genäht hatte, sodass sie daran gehindert wurden, auf dem Rücken zu liegen und zu schnarchen. Deshalb schlief er seitdem immer nackt. Jetzt tat ihm das Kreuz weh. Unter den ausgestreckten Händen spürte er Kieselsteine, und trotz der drückenden Last auf seiner Brust wurde ihm – nicht ohne einen Anflug von Enttäuschung – allmählich klar, dass er in Wirklichkeit nicht tot war, sondern noch lebte.
Scheiße. Das konnte nur bedeuten, dass seine Schmerzen real waren und er immer noch der echten Welt angehörte. Mit einer gezielten und schmerzhaften Willensanstrengung ging er daran, sich gute Gründe für ein Überleben aufzuzählen, die seine Enttäuschung wettmachen würden, doch viel mehr als die Möglichkeit, seine Töchter wiederzusehen, fiel ihm nicht ein. Gin trinken zu können war auch nicht schlecht, aber davon gab es sicher auch im Jenseits genug. Er kam weiter zu Sinnen und erkannte mit einiger Klarheit, dass er tatsächlich noch lebte, an zahlreichen Stellen Schmerzen litt und ein lebloser Körper auf ihm lastete.
Okay, dachte er. Was nun? So konnte er nicht liegen bleiben, außerdem hatte er noch nichts zu Mittag gegessen und Arthur auch nicht.
Zügig kehrte er nun in die Wirklichkeit zurück und kroch unter der drückenden Last hervor, einem Mann, der sich, nachdem er ihn in Augenschein nehmen konnte, als sehr viel schlanker herausstellte, als sein Gewicht hatte vermuten lassen. Smith richtete sich auf wackligen Beinen auf, stützte sich mit der Hand an der Mauer des Gewölbes ab und blickte auf die dunkle Gestalt herab, die, adrett in Hemd und Hose gekleidet, leblos ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Er bückte sich, um ihr den Puls zu fühlen, wie er es vor fünfzig Jahren bei den Pfadfindern gelernt hatte (mit drei Fingern und nicht mit dem Daumen, denn der hatte seinen eigenen Puls, erinnerte er sich vage). Kein Zweifel, der Mann war tot. Sein Blick wanderte den Körper entlang bis zu den Schuhen, die immer am klarsten auf Persönlichkeit und Status schließen ließen. Sie waren aus glatt poliertem Leder und hatten jene kleinen Lederquasten, die nur dann nicht affektiert oder prätentiös aussahen, wenn sie von den besten italienischen Schuhmachern gemacht und von sehr reichen Männern getragen wurden.
An dieser Stelle geriet Smiths Genesung wieder ins Stocken. Langsam verlor er den Fokus auf die zurückgewonnene Wirklichkeit, die gleichermaßen enttäuschend und faszinierend war. Sein Vertrauen in die Festigkeit der Mauer, an der er lehnte, schwand. Die Umrisse der Leiche lösten sich auf. Die Welt fing an zu kreisen, und wieder wurde ihm schwarz vor Augen.

Diesmal fand er sich nach dem Aufwachen sofort zurecht. Denn diese Situation kam ihm bekannt vor: Vor Jahren war er in einem Krankenwagen auf dem Weg zum Londoner Barnet General Hospital aufgewacht, wo er sich hektischen Krankenschwestern, gleichgültigen, selbstgefälligen Ärzten und aufdringlichen Pflegern ausgesetzt gesehen hatte. Myokardinfarkt hatte die Diagnose damals gelautet.
Jetzt lag Smith festgeschnallt auf einer schmalen Rolltrage mit verchromten Seitenteilen. Am Steuer des Krankenwagens wiederum saß offenbar jemand, der es eilig hatte. Die Sirenen heulten, und die Welt schaukelte, was diesmal keine Sinnestäuschung war. Er schloss für einen Moment die Augen und brachte die Geräusche, die er hörte, mit einer Filmszene in Verbindung: Inspektor Maigret jagte in seinem Traction Avant über die Rue Saint-Honoré.
Ihm gegenüber saß ein Rettungssanitäter in einem schwarzen Overall und schwarzen Stiefeln, der wie ein Obersturmbannführer der Gestapo aussah und mit einem barmherzigen Engel nicht viel gemein hatte. Offenbar wurde er, das Unfallopfer, nicht in einem zivilen Krankenwagen befördert, sondern in einem der Transporter der sapeurs-pompiers, die alle möglichen Einsätze durchführten, sei es nach einem Verkehrsunfall oder einem Atomangriff.
»Hallo«, krächzte Smith versuchsweise, in der Hoffnung auf eine mitfühlende oder wie auch immer geartete Reaktion. Ohne Erfolg. Der Kerl schaute ihn nicht einmal an, sondern blickte mit finsterer Miene zum Fenster hinaus auf die vorbeifliegende Stadt.
Hmm, dachte Smith. Mit dem viel gerühmten französischen Gesundheitssystem war es wohl doch nicht so weit her. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Allem Anschein nach lebte er immer noch. Die Hände taten ihm weh nach dem Sturz auf die Kiesel, und der Kopf schmerzte ihm sowohl an der Stirn als auch in der Schädelbasis. Die Beschwerden im Rest seines Körpers waren kaum weniger heftig. Er fühlte sich an Somalia und an die Torturen erinnert, die er vor wenigen Jahren dort erfahren hatte. Aber dass ihm sein Begleiter, so unfreundlich er auch aussehen mochte, Elektroden am Hodensack befestigen und ihn mit einer dreckigen Bajonettspitze traktieren würde, war zum Glück nicht zu erwarten. Während der Krankenwagen polternd über die schlechten Straßen von Arles raste, ließ er sich durch den Kopf gehen, welche Möglichkeiten ihm in dieser misslichen Lage blieben, und er kam zu dem Schluss, dass er so gut wie keine hatte.

Lärmend bog der Transporter auf den Vorplatz des Centre Hospitalier d’Arles ein. Die Hecktüren wurden geöffnet, und man rollte ihn wort- und schonungslos durch den Eingang zur Notaufnahme.
Das Krankenhaus unterschied sich nur in Kleinigkeiten von anderen Einrichtungen dieser Art, die Smith im Laufe seines Lebens leider mehrfach hatte kennenlernen müssen. Die Lethargie war bedrückend. Und es roch wie überall in solchen Anstalten nach Staub und Desinfektionsmitteln. Nur gut, dass die Vertrautheit der Gerüche, zumindest diesmal, beruhigend auf ihn wirkte.
Eine Wanduhr, auf die sein Blick zufällig fiel, zeigte Viertel nach zwei an. Er hatte den Eindruck, dass seit seinem Kollaps sehr viel mehr Zeit verstrichen war. Die Sanitäter rollten ihn zu einer Stelle, die am weitesten von der angenehm kühlen Klimaanlage entfernt war, und machten sich davon, als wollten sie schnellstens ihr versäumtes Mittagessen nachholen. Er blieb allein zurück – allein mit dem leisen Ticken der Uhr, dem sachten Surren der Klimaanlage und dem Schlagbohrer in seinem Kopf. Am liebsten wäre er aufgestanden und gegangen, woran ihn jedoch die Gurte hinderten.
Smith versuchte, die Augen zu schließen, doch weil die Schmerzen zu aufsässig wurden, öffnete er sie wieder. So trostlos seine unmittelbare Umgebung auch war, lenkte ihn das, was er sah, doch immerhin ein wenig ab von dem, was er fühlte. Die Bodenfliesen waren rot, Wände und Decke weiß gestrichen. Für Licht sorgten grelle Neonröhren und schmale Fenster unter der Decke. An den Wänden reihten sich Tische mit allerlei Notfallzubehör auf: Sauerstoffflaschen und -masken, Gegenständen, mit denen er nichts anzufangen wusste, ein roter Feuerlöscher sowie ein großes Schaubild mit der Darstellung von Wiederbelebungsmaßnahmen, was ihm an diesem Ort überflüssig vorkam. Dass es sich bei einem anderen Gerät um einen Defibrillator handelte, hatte er während seines letzten Krankenhausaufenthalts gelernt. Ihm wurde mulmig, als er sich daran erinnerte.
Seine Bestandsaufnahme endete mit dem Auftritt einer Krankenschwester und eines Arztes, der ihr Sohn hätte sein können.
»Ah, Monsieur Smith«, lächelte er mit der Aufrichtigkeit eines Mannes, dem völlig egal war, welche Reaktion seine Begrüßung hervorrufen mochte. »Ich bin Dr Dumont. Wie fühlen Sie sich?«
Wie war es möglich, dass alle Ärzte derart dumme Fragen stellten?, wunderte Smith sich im Stillen.
Während die Krankenschwester die Gurte losschnallte, griff Dumont, der mit einer Antwort auf seine Frage offenbar gar nicht rechnete, nach Smiths Handgelenk, um seinen Puls zu fühlen, ohne dabei allerdings auf die Uhr zu schauen.
»Wie ich sehe, haben Sie eine hässliche Kopfnuss abbekommen.«
Mein Gott, es wurde ja noch schlimmer! Smith lag es auf der Zunge, den Arzt zu fragen, wie er zu seiner Diagnose komme, wenn er sich nicht einmal die Mühe machte, seinen Schädel genauer zu untersuchen, doch weil er sich von einer Antwort nicht wirklich etwas versprach, hielt er den Mund.
»Es scheint, dass Sie gestürzt und eine Weile bewusstlos gewesen sind.«
Erst jetzt blickte der Arzt ihm kurz in die Augen, und Smith glaubte einen flüchtigen Ausdruck von Unbehagen in dem jugendlichen Gesicht wahrzunehmen. Aber vielleicht irrte er sich, denn sofort war das, was er zu sehen meinte, wieder verschwunden.
»Sie haben wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung, Monsieur.« Und an die Krankenschwester gewandt: »Säubern Sie bitte die Wunden an Kopf und Händen.« Dr Dumont drehte sich weg, offenbar hatte er seine Untersuchung abgeschlossen. »Er kann nach Hause gehen, aber geben Sie ihm Schmerztabletten für eine Woche mit.«
Sichtlich missmutig machte sich die Schwester an ihre Aufgabe, die ihr, wahrscheinlich schon lange bevor der Arzt das Licht der Welt erblickt hatte, zur lästigen Pflicht geworden war. Dumont, der sich schon einige Schritte entfernt hatte, hielt kurz inne, warf noch einen Blick über die Schulter und riet Smith zu ein paar Tagen Bettruhe. Dann war er verschwunden.
»Er hat wohl viel zu tun, oder, Schwester Thier?«, fragte Smith, der mit einiger Mühe das Namensschild auf ihrem gestärkten Kittel entziffert hatte.
»Ja«, antwortete sie kurz angebunden.
Himmel, dachte er. Gehörte es etwa zum therapeutischen Programm, so unhöflich wie möglich zu sein? Je eher er hier rauskam, desto besser.
Die Behandlung war beendet, die Verbände angelegt, ein paar Pillen, wahrscheinlich Schmerzmittel, mit einem Schluck lauwarmen Wassers aus einem kleinen transparenten Plastikbecher heruntergespült. Das war’s dann wohl.
»Monsieur Smith, Sie werden gleich nach Hause gefahren, mit einem Vorrat an Medikamenten. Schlimmstenfalls haben Sie noch ein, zwei Tage Kopfschmerzen.«
Die Nachlässigkeit, die in dieser Klinik zu herrschen schien, ging Smith langsam auf die Nerven. Er hatte erwartet, dass man wenigstens seinen Schädel röntgen und seine medizinische Vorgeschichte studieren würde. Aber dafür schien sich hier niemand zu interessieren. Er war drauf und dran, die Schwester gegen sich aufzubringen, indem er ihr entsprechende Vorschläge machte, als sich ein Mann in einem schick geschnittenen dunklen Anzug näherte. Er steuerte mit selbstbewusster Miene und schnellen Schritten auf Smiths Rolltrage zu, gab der Schwester mit einem deutlichen Blick zu verstehen, dass sie sich entfernen möge, rückte sich einen Stuhl zurecht und nahm darauf Platz, wobei er die Beine übereinanderschlug, was recht elegant aussah. Sorgfältig achtete er darauf, seine makellos gebügelten Hosenbeine nicht zu zerknittern.
»Monsieur Smith«, sagte er in einem kultivierten Tonfall. »Ich hoffe, es geht Ihnen wieder halbwegs gut.« Es gelang ihm, besorgt und gleichzeitig desinteressiert zu klingen. Anders als der Rettungssanitäter, der Arzt und die Krankenschwester blickte er ihm fest und gerade in die Augen.
Smith sagte nichts. Trotz seines leicht benebelten Zustands glaubte er zu spüren, dass es ratsam war, abzuwarten und nicht selbst in die Offensive zu gehen.
»Ich bin Hauptkommissar Blanchard, Monsieur Smith. Sie hatten einen Schock, nicht wahr? Hoffentlich keinen allzu schweren.«
»Guten Tag, Hauptkommissar Blanchard«, erwiderte er betont sang-froid, wie es sich für einen Engländer gehörte. Auch er konnte kurz angebunden sein.
Blanchard zeigte ein Lächeln, das unter anderen, eher angelsächsischen Umständen als weltmännisch hätte interpretiert werden können. Allerdings schlug er jetzt einen etwas schärferen Tonfall an.
»Sie waren heute, wenn ich richtig informiert bin, in einen Unfall verwickelt. In der Arena. Sie sind gestürzt und auf den Kopf gefallen.«
In Smiths Ohren klangen die Worte des Hauptkommissars nicht wie eine Frage, die einer Antwort bedurfte. Entsprechend verhielt er sich.
»Man hat Sie bewusstlos auf einer Leiche liegend gefunden, wenn ich nicht irre«, fuhr Blanchard fort, wieder im Modus einer Feststellung.
Jeder andere Polizist, dachte Smith, hätte wohl jetzt ein Notizbuch oder dergleichen konsultiert, doch so etwas hatte Blanchard offenbar nicht nötig.
»Sie sind über den Toten gestolpert, Monsieur Smith, mit dem Kopf aufgeschlagen und ohnmächtig geworden. Man fand Sie auf der Leiche von Monsieur Robert DuGresson, einem prominenten Bürger unserer Stadt.«
»Monsieur DuGresson?«
»Ja, ein Geschäftsmann, der dem ersten Anschein nach einer Herzattacke erlegen ist, als er sich während seiner Mittagspause die Beine vertreten und den Schatten der Arena aufgesucht hat. Monsieur DuGresson war ein bedeutendes Mitglied der hiesigen Unternehmerschaft, und wir sind alle désolés über sein plötzliches Ableben.«
Smith realisierte, dass er gar nicht vernommen wurde. Der Polizist hatte seine Geschichte bereits rund und zeigte keinerlei Interesse, daran etwas zu verändern. Er wollte sie nicht einmal bestätigt wissen. Sein Bericht erschien Smith jedoch einigermaßen ungenau und lückenhaft, wenn er ihn mit seinen eigenen, zugegebenermaßen verschwommenen Erinnerungen verglich.
Fast im Plauderton fuhr Blanchard fort: »Ein Tourist hat Sie gefunden und sofort einen Notruf abgesetzt.« Er wiederholte sich: »Sie lagen bewusstlos auf Monsieur DuGresson. Es scheint, dass Sie gestolpert und mit dem Kopf gegen die Mauer geprallt sind. Ein Unglück.«
»Vor allem für Monsieur DuGresson, nehme ich an«, bemerkte Smith, der nicht gewillt war, dem elegant gekleideten Hauptkommissar vollständig die Regie zu überlassen.
Dessen Lächeln gefror für einen Moment. »Gewiss, Monsieur«, murmelte er. »Das versteht sich wohl von selbst.«
»Vielleicht verraten Sie mir, wie der Tourist, der mich gerettet hat, zu erreichen ist. Ich würde mich gern bei ihm bedanken.«
Blanchard erlaubte sich einen etwas betrübten Gesichtsausdruck. »Leider reist er schon heute Nachmittag ab, Monsieur«, entgegnete er mit einem typisch gallischen Achselzucken.
Da er in diesem Gespräch jetzt halbwegs Fuß gefasst hatte, setzte Smith nach: »Möchten Sie vielleicht eine Aussage von mir zu Protokoll nehmen?«
Zum ersten Mal zeigte Blanchard Anzeichen von Verärgerung. »Wozu denn, Monsieur Smith? Sie waren bewusstlos. Wie könnten Sie sich da an irgendetwas erinnern? Ich werde den Fahrdienst bitten, Sie nach Hause zu bringen, und hoffe, dass Sie den unschönen Zwischenfall schnell vergessen. Auf Wiedersehen, Monsieur Smith.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Blanchard auf, lächelte und streckte unwillkürlich die Hand aus. Als er Smiths Verbände sah, zog er sie aber zurück.
»Verzeihung«, murmelte er befangen und ging. Smith war wieder allein mit der Uhr und der Klimaanlage.

Die Fahrt zurück nach Hause verlief ohne Zwischenfälle. Ein freundlicher Sanitäter in weißer Uniform führte ihn zu einem privaten Krankenwagen, half ihm auf den Beifahrersitz und fuhr ihn langsam nach Hause. Der Mann bestand darauf, ihm die vier Stufen zum Eingang hinaufzuhelfen, ließ sich den Schlüssel geben und öffnete die Tür. Arthur war natürlich außer sich vor Freude, ihn wiederzusehen. Er stand für einen Augenblick sogar von seinem geliebten Sofa auf.

Der Sanitäter stellte eine kleine Papiertüte auf der Kommode im Flur ab, die, wie Smith vermutete, seine neuen Medikamente enthielt.
»Sie sollten sich gleich ins Bett legen und ein paar Stunden ausruhen, Monsieur.«
Kurzerhand griff ihm der Sanitäter unter den Ellbogen und führte ihn hinauf ins Schlafzimmer. Smith ließ es sich gern gefallen, zumal er immer noch wacklig auf den Beinen war. Das Angebot des jungen Mannes, ihn auszuziehen und ins Bett zu bringen, lehnte er jedoch entschieden ab. Das schaffte er wohl noch selbst.
»Finden Sie allein hinaus?«, fragte er seinen Helfer und bedankte sich für dessen Arbeit.
Der junge Mann verabschiedete sich und zog sich, mit der geölten Beflissenheit eines Oberkellners nach dem Blick auf die Platin-Kreditkarte eines Gastes, zurück. Smith wiederum legte sich hin und ließ die vergangenen zwei oder drei Stunden Revue passieren.
Sicher, die Geschichte des Kommissars klang durchaus plausibel. Man hatte ihn bewusstlos und mit angeschlagenem Kopf auf einer Leiche aufgefunden – aber sein Kopf hatte vorn und hinten Verletzungen. Außerdem erinnerte er sich vage daran, unter der Leiche gelegen zu haben und nicht darauf. Zugegeben, diese Erinnerung war mehr als schemenhaft, zumal das Schlafzimmer langsam zu kreisen anfing. Während er allmählich in den Schlaf hinüberdämmerte, kamen ihm drei Fragen in den Sinn: Wenn eine der Pillen, die man ihm im Krankenhaus gegeben hatte, ein Schmerzmittel war, was war dann die andere? Warum stand auf dem Schildchen an Dr Dumonts weißem Kittel der Name Dr Alfonse Prieur? Und warum hatte er die Eingangstür unten nicht ins Schloss fallen hören?

Die beiden ritten mit einer Lässigkeit, die darauf schließen ließ, dass sie im Sattel zur Welt gekommen waren und sich in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht weit davon entfernt hatten. Die beiden Camargue-Pferde gingen in der Nachmittagshitze Seite an Seite. Ihre unbeschlagenen Hufe verursachten auf dem Schotterpfad kaum ein Geräusch. Sie waren von einem schmutzigen Grau wie alle Vertreter ihrer Rasse, aber sehr viel zierlicher als diejenigen, die man sonst bei der Arbeit mit Viehherden oder bei touristischen Veranstaltungen sehen konnte. In vieler Hinsicht mangelt es diesen Pferden, die nur unwesentlich höher als große Ponys sind, an der Anmut und Eleganz von Vollblütern. Diese beiden aber gehörten vielleicht zu den edelsten Exemplaren ihrer zähen und verlässlichen Art, die sich rühmen kann, eine der ältesten überhaupt zu sein. Sie waren gut ausgebildet, bei bester Gesundheit und ohne jene Blessuren, wie sie häufig auf den Flanken arbeitender Camargue-Pferde zu finden sind.
Die Frau saß aufrecht. Die Hände entspannt im Schoß, lenkte sie ihr Pferd lediglich mit leichten, kaum bewussten Gewichtsverlagerungen und fein dosiertem Schenkeldruck. So auch der Reiter neben ihr, ein Herr älteren Jahrgangs. Beide trugen Hirtenstiefel, Jeans, weiße Hemden und schwarze Filzhüte. Die Ähnlichkeit war unbeabsichtigt, aber naheliegend für Vater und Tochter. Sie unterhielten sich in ernstem Ton.
»Na ja, dann ist das eben so«, seufzte der Alte. So aufrecht er auch im Sattel saß, waren seine Schultern doch zusammengesunken.
»Ja«, antwortete die Frau leise. Ihr schönes Gesicht war ernst, aber Tränen zeigten sich darauf nicht.
»Was spricht man darüber?«
»Die Polizei sagt, es war Selbstmord.«
»Mein Gott. Lächerlich.«
»Ja. Ich schätze, selbst sie finden die Geschichte peinlich. Sie waren ziemlich in Panik.«
»Werden wir damit in Zusammenhang gebracht?« Der alte Mann warf ihr einen scharfen Blick zu.
»Das weiß ich nicht. Suzanne glaubt nicht.«
Er schüttelte missbilligend den Kopf.
»Papa, du musst es endlich vergessen oder es zumindest ignorieren. Suzanne ist zwanzig Jahre nach Kriegsende zur Welt gekommen. Du kannst sie nicht für die Taten deines Bruders und deiner Cousins verantwortlich machen.«
»Das tue ich auch nicht. So ein Unsinn. Aber sie hatten damals böses Blut in sich und haben es immer noch.«
Die Frau seufzte. Es war eine alte Wunde, die sie in stillschweigendem Einverständnis sonst nie zum Thema machten. Der Teil der Familie, von dem die Rede war, hatte sich schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg entfremdet – jener Katastrophe, die alle, die unter der Besatzung lebten, mit einer folgenschweren Entscheidung konfrontierte. Ihr Vater und ihr Großvater hatten sich der Résistance angeschlossen, die anderen hatten kollaboriert. Sie betrachtete den Mann an ihrer Seite voller Zärtlichkeit und Mitleid. Einen Tag nach der Befreiung von Arles im Juni 1944 – er war noch ein Teenager gewesen – hatte er beschlossen, die Ehre der Familie wiederherzustellen. Er hatte die Kollaborateure aufgesucht und erschossen.
»Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist, Papa, aber wir müssen wissen, was passiert ist, und Suzanne weiß mehr als die meisten.«
»Und Claude?«
Jetzt war es an der Frau, einen verächtlichen Tonfall anzuschlagen. »Er weiß das, was Suzanne ihm erzählt.«
»Was hat es mit diesem Engländer auf sich?«
»Tja, das ist etwas merkwürdig. Ich nehme an, er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.«
»Und wird er es dabei belassen?«
»Er könnte zum Problem werden. Aber das schließt Claude aus, auch wenn er den Eindruck hat, dass hinter dem Mann – ich glaube, sein Name ist Smith – mehr steckt, als es den Anschein hat.«
»Was weiß er über ihn?«
»Er ist zweifach geschieden, hat zwei erwachsene Töchter. Vor ein paar Jahren hat er sich ein Haus in Arles gekauft und sich darin zur Ruhe gesetzt. Er lebt dort allein mit seinem Hund. Zahlt alle Rechnungen pünktlich. Ist Mitglied der Stadtbücherei und schreibt offenbar selbst ein Buch. Über römische Sarkophage. Er hat noch einige wenige Verwandte in England und lebt sehr zurückgezogen. Seinem Hausarzt liegen keine britischen Krankenakten von ihm vor, und Smith hat sich bisher auch keine Kopien für ihn kommen lassen. Den flics ist er bislang angeblich nicht aufgefallen. Suzanne quetscht sie gerade aus. Aber es liegt einfach nichts gegen ihn vor, wie es aussieht.«
»Hat man ihn denn überhaupt mal genauer unter die Lupe genommen?«
»Tja, an der Stelle tun sich einige Fragen auf. Suzanne sagt, sie habe höflich bei Interpol angeklopft und darum gebeten, bei den englischen Behörden Erkundigungen über sein Vorleben einzuholen. Aber dieser Smith scheint dort wie vom Bildschirm verschwunden zu sein. Suzanne ist mit ihren Nachfragen buchstäblich auf eine Mauer gestoßen. Nun ja, das kennt man ja, dass die Engländer kaum mit Informationen rausrücken und die Daten ihrer Bürger schützen, wenn sie denn überhaupt welche erheben. Aber dass sich über diesen Smith gar nichts erfahren lässt, ist selbst nach britischen Standards ungewöhnlich. Suzanne hat den Eindruck, dass seine Akten unter Verschluss liegen. Bekannt ist nur, dass er nicht viel Geld hat, aber trotzdem schuldenfrei ist.«
»Wir wissen also so gut wie nichts über ihn.«
»Richtig.«
»Sonst noch was?«
»Nein.«
»Das gefällt mir nicht.«
»Ich fürchte, wir müssen uns damit abfinden, Papa.«
»Wie wär’s, mein Liebling, wenn du ihm einen Besuch abstattest?«
»Ich?« Sie klang erschrocken.
Er schaute seiner Tochter ins Gesicht. »Warum nicht? Du bist schließlich die trauernde Witwe, und er hat deinen verblichenen Gatten aufgefunden.«
Die elegante Frau schnaubte so laut, dass beide Pferde die Ohren nach hinten drehten.
»Hab dich nicht so, mein Schatz. Du, eine wunderschöne Frau. Er, der einsame geschiedene Mann. Wenn du ihm nicht auf die Schliche kommst, dann niemand. Wir müssen wissen, ob er uns gefährlich werden kann.«
Sie seufzte. »Na schön. Ich werde ihn anrufen.«
»Nein. Es ist besser, du überfällst ihn an seiner Haustür. Ein englischer Gentleman ist ein höfliches Wesen. Er wird dich hereinbitten. Wenn du ihn anrufst, gibst du ihm die Möglichkeit, dich abzuwimmeln oder sich auf deinen Besuch vorzubereiten.«
Sie runzelte die Stirn, erklärte sich aber mit einem Kopfnicken einverstanden.


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