Provence Krimi
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Ein Provence-Krimi

Autor Anthony Coles erzählt uns, wie er dazu kam seinem ersten Roman »Ein Gentleman in Arles« zu schreiben.

Alles begann mit einem Besuch der Stadt Arles im Jahre 1952, später wurde die Stadt zu seiner Wahlheimat und eines Tages, als Coles in seinem Garten saß, entschied er, selbst ein Buch zu schreiben.

Im Jahr 1952 besuchte ich erstmals Arles in Südfrankreich, ich war gerade fünf Jahre alt. Mein Vater musste beruflich nach Marseille und war der Ansicht, es wäre Zeit für mich, etwas über das Land und die Sprache zu lernen. Ich erinnere mich noch an den Besuch des Amphitheaters und, viele Jahre später, an die erste Kostprobe eines sehr wässrigen Rotweins. Auch über die Jahre ist die Erinnerung nicht verblasst. Auf die eine oder andere Art habe ich die Stadt beinahe jedes Jahr besucht, und je näher der Ruhestand rückte, desto natürlicher war Arles der Ort meiner Wahl. Ich fand ein kleines Reihenhaus am Place de la Major, direkt neben dem Amphitheater, und ließ mich mit einem Windhund, der sich nach zahlreichen Rennen ebenfalls zur Ruhe setzte, dort nieder.


Für die meisten Besucher ist Arles eine Kombination aus römischer, mittelalterlicher Vergangenheit und lebendiger, vorwiegend landwirtschaftlicher Gegenwart. Die Sommer sind meist sonnig und heiß, an den warmen Abenden sind die Straßen voller Einheimischer und Besucher, die essen und trinken und sich lebhaft unterhalten. Im Norden sind die Alpilles, Nimes und Avignon, im Süden die großartige Sumpflandschaft der Camargue. Arles hat eine lebendige Kulturszene mit zahlreichen Ausstellungen, Festivals und Theateraufführungen. Im Winter gibt es andere, ebenso unterhaltsame Vergnügungen. Die Luft ist klar und die Temperaturen angenehm. Nur der Mistral, ein kühler Fallwind, weht manchmal über Tage hinweg mit Geschwindigkeiten von über fünfzig Stundenkilometern aus Richtung des Rhonetals.


Doch es gibt auch eine andere Seite von Arles. Die Stadt ist recht arm, es gibt viel Arbeitslosigkeit, und die Bevölkerung kommt aus Nordafrika, Spanien und Italien. Der Tourismus ist beinahe der einzige Wirtschaftszweig, es gibt kaum nennenswerte Industrie oder Unternehmen der Spitzentechnologie. Dafür ist die Landwirtschaft ein verbindendes Element. Obwohl die Camargue wie ein großes Naturreservat wirkt – und das zum Teil auch wirklich ist –, so hat sie auch ergiebige landwirtschaftliche Flächen. Neben der Haltung von Mastrindern ist der Anbau von Reis, Salatsorten und Gemüse weit verbreitet. Und natürlich gibt es in der Region zahlreiche Weinanbaugebiete und Olivenplantagen. Jeden Mittwoch und Samstag, wenn die Landwirte ihre Waren auf dem Wochenmarkt anbieten, treffen Land- und Stadtleben aufeinander.

Ich lebte bereits einige Jahre in meinem schicken kleinen Häuschen, als ich eines Nachmittags im Garten saß, die alte Kirche betrachtete und mich entschied, endlich selbst ein Buch zu schreiben, statt immer nur die der anderen zu lesen. Als Kunsthistoriker hatte ich bereits Artikel und Fachbücher verfasst, aber noch keinen Roman. Mein Windhund saß neben mir und betrachtete mich neugierig. Im Laufe meines Lebens hatte ich viele Windhunde, und dieses Prachtexemplar aus dem East End von London hatte mich nach Arles begleitet. Im Schatten einer Weinrebe versuchte ich also, die ersten Worte zu Papier zu bringen und blickte in seine wachsamen Augen. Er schien zu fragen, was zum Teufel sein Herrchen da eigentlich tat. Somit war es unvermeidlich, dass er die Vorlage für einen meiner ersten Charaktere lieferte.

Schnell war mir klar, dass meine Hauptfigur männlich und aus Großbritannien sein sollte, denn damit kannte ich mich aus. Ich wurde in Wales geboren, das sollte auch für den Protagonisten gelten. Es gibt feine Unterschiede zwischen Engländern und Walisern, wobei die Engländer diese selten wahrnehmen. Ein Walisischer Polizist ist jedoch so selten in Arles, dass dies keine Option war. Die Hauptfigur musste also ein ganz normaler Bürger sein, der in einem Haus wie meinem lebte. Und da mein Blick genau auf Vespasians grandioses Amphitheater aus dem ersten Jahrhundert nach Christus fiel, war schnell klar, dass der Mord dort stattfinden sollte.

Das waren meine Überlegungen, bevor ich anfing zu schreiben. Ich hatte mal gelesen, dass ein amerikanischer Autor – es war möglicherweise Scott Fitzgerald – jeden Morgen eine Flasche Bourbon öffnete und erst dann mit dem Schreiben anfing. Er schrieb so lange, bis die Flasche leer war. Ich griff zwar nicht zum Whiskey, aber ich erinnere mich an ein großes Glas Rotwein aus der Gegend. Nach einem großen Schluck begann ich mit dem Schreiben. An dieses Verhalten war mein Windhund so gewöhnt, dass er sich beruhigt hinlegte und in der Sonne zu dösen begann. Peter Smith war geboren.

Blick ins Buch
Ein Gentleman in Arles – Mörderische MachenschaftenEin Gentleman in Arles – Mörderische Machenschaften

Ein Provence-Krimi

Peter Smith hat ein bewegtes Leben als Unternehmensberater, Lehrer für Kunstgeschichte und britischer Geheimdienstler hinter sich und beschließt nun, in mittleren Jahren, dem verregneten England den Rücken zu kehren und sich zusammen mit seinem Windhund Arthur im schönen Arles zur Ruhe zu setzen. Schluss mit Trubel und Nebelwetter, sein knurriges Temperament sehnt sich nach Sonne, köstlichem französischem Essen und Ruhe. Doch genau die ist ihm nicht vergönnt: Kaum hat Smith das berühmte römische Amphitheater nach einem Stierkampf verlassen, wird ihm plötzlich ein Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich unter einer auffallend gut gekleideten Leiche wieder. Ohne es zu wollen, stolpert er mitten hinein in einen mysteriösen Mordfall, ein Netz aus Intrigen und eine provenzalische Verschwörung ...

1. Tod und Wiederauferstehung


Es war viel kleiner als in seiner Erinnerung. So war es immer. Wie früher, wenn er den renommierten Lord’s Cricket Ground in London aufgesucht hatte, damals noch hartnäckig bemüht, gesellschaftsfähig zu sein. Auch der war ihm jedes Mal winzig vorgekommen wie ein Dorf-Spielfeld, obwohl auf den Tribünen achtundzwanzigtausend Zuschauer Platz fanden. Allerdings schien das Stadion im Laufe des Spiels heimlich zu wachsen, bis es zum Ende hin in seiner Wahrnehmung enorme Ausmaße angenommen hatte. Mit dem Rugbystadion in Twickenham ging es ihm genauso. Anfangs hatte er das Phänomen auf den stetigen, über den Tag verteilten Alkoholkonsum geschoben. Schließlich erinnerte er sich nicht daran, das Lord’s oder die Spielstätte in Twickenham jemals nüchtern verlassen zu haben. Bei den corridas in der Arena hingegen trank er ausschließlich Wasser, unterlag hier aber dennoch dieser altbekannten Sinnestäuschung.
Von Stierkämpfen hielten Peter Smiths englische Freunde wenig bis nichts – auch jene nicht, die sich je nach Arles bequemt hatten. Aber weil es davon ohnehin nur sehr wenige gab, kümmerte ihn das nicht weiter. Für ihn waren die Stierkämpfe aus der Stadtkultur nicht wegzudenken. Natürlich gab es auch hier Leute – und davon sicherlich nicht wenige –, die diese Spektakel ablehnten oder sogar verabscheuten, aber die meisten liebten sie leidenschaftlich, und der Rest übte sich in Toleranz, die, typisch für provenzalische Verhältnisse, nicht zuletzt auch geschäftliche Gründe hatte. Stierkämpfe lockten Touristen, und Touristen füllten Restaurants, Bodegas und Hotels. Die frenetische Begeisterung von zwanzigtausend offenbar sachkundigen Zuschauern wiederum hatte schon so manchen skeptischen Besucher zum glühenden Fan bekehrt oder ihm zumindest das zähneknirschende Zugeständnis abgerungen, dass es so schlimm/blutig/grausam wie befürchtet dann doch nicht gewesen sei und irgendwie sogar ein bisschen an Ballett erinnere.
Auch jetzt kam Smith die Arena ziemlich klein vor und – es war halb zwei an einem sonnigen Septembertag – sengend heiß. Man konnte die Hitze buchstäblich sehen. Außerdem war der Ort momentan noch fast leer. Abgesehen von den knalligen Plakaten draußen an der Umzäunung, die Touristen davon abhielt, ohne zu zahlen das Gebäude zu betreten, wies nichts darauf hin, dass in drei Wochen die Feria beginnen würde. In der Stadt würde es dann vor Besuchern nur so wimmeln, und die Arena schier bersten vor Lärm, Leidenschaft, Kunst und Tod, wenn in acht Kämpfen an die achtundvierzig Stiere zur Strecke gebracht werden würden. Die okzitanische Sprache würde fast ebenso häufig zu hören sein wie Französisch oder Englisch. Noch aber wirkte alles ziemlich heruntergekommen und zugegebenermaßen regelrecht deprimierend. Die grandiose Fassade mit ihren doppelstöckigen Rundbogenarkaden war vom Innenraum aus nicht zu sehen. Lediglich ein paar Touristen schlenderten ziellos in der Hitze umher. Eine kleine Gruppe von Japanern umringte einen genervten Fremdenführer, der seinen Regenschirm wie ein signum militarum in die Luft hielt.
Selbst die Japaner waren ungewöhnlich leise und lauschten dem immer gleichen Geschwafel. Nein, dachte er, der mit einem Ohr zuhörte, es hatte nie aus drei Geschossen bestanden wie das Kolosseum in Rom; nein, hier wurden nie Christen umgebracht; nein, Gladiatoren waren keine gewöhnlichen, untrainierten Kriminellen, die zur Unterhaltung des gallorömischen Publikums kaltblütig abgeschlachtet wurden; ja, bei den Kämpfen in der Arena werden die Stiere getötet, alles andere wäre eine Beleidigung für das Tier. Nein, die hiesige Arena ist nicht kleiner als die von Nîmes. Letztere ist nur besser in Schuss und sieht größer aus. Die in Arles ist sogar drei Meter länger und sechs Meter breiter, was zwar kaum zu Buche schlägt, aber für die arlesianische Gesellschaft, in der Größe zählt, doch wichtig ist. Dass die Touristen kaum einen Laut von sich gaben, war vielleicht der Hitze geschuldet; vielleicht hatten sie auch bloß Hunger. Wie dem auch sei, er genoss das ungewohnte, wenn auch nur kurzlebige Schweigen einer japanischen Touristengruppe.
Die eigentliche Arena, das mit Sand gefüllte Oval in der Mitte des Bauwerks, in dem die Kämpfe stattfanden, war ungefähr siebzig Meter lang und vierzig breit. Zu klein, wie er fand, für eine in Rage gebrachte und mit spitzen Hörnern bewaffnete Tonne Muskelfleisch im Kampf gegen einen Fetzen violett-gelber Leinwand und der tänzerischen Wendigkeit des Matadors. Begrenzt wurde die Arena von einer terrakottafarbenen Bretterwand, der barrestre, die für einen in Bedrängnis geratenen Stierkämpfer drei enge Fluchtwege offen hielt. Ein schmaler Streifen in der Art eines flachen Grabens trennte die barrestre von den ansteigenden Rängen, die, früher aus Stein, jetzt aus von Metallgestänge unterfangenen Holzsitzen bestanden. Recycling war in Arles schon vor Jahrhunderten praktiziert worden. Aus der Arena hatte man immer wieder Steine herausgebrochen und für den Bau von Stadthäusern verwendet.
Wie immer saß Smith auf seinem Platz in der fünfundzwanzigsten Reihe der secondes, einem Bereich in der Mitte der Westtribüne. Es war sein Lieblingsplatz seit Jahren und in seiner Wahl ein optimaler Kompromiss: Der Ticketpreis war gerade noch bezahlbar, und der Sitz würde nach nur wenigen Stunden praller Mittagssonne im Schatten liegen. Außerdem fanden die Kämpfe meist auf dieser Seite der Arena statt, und die Zuschauer ringsum setzten sich mehrheitlich aus Ortsansässigen und Kennern, aficionados, zusammen. Dieser Teil der Arena war laut, aber auch respektvoll, anspruchsvoll, aber auch begeisterungsfähig.
Jetzt, am frühen Nachmittag, sah hier alles ziemlich schäbig aus. Von den Abermillionen Euros für die Restaurierung des Baudenkmals war für eine Auffrischung der Tribünen nicht viel übrig geblieben, nachdem man sich erst einmal für das Äußere stark gemacht hatte, und zwar mit jenem französisch aggressiven Perfektionsstreben, das in Hollywood bestimmt wertgeschätzt würde, ihn aber abstieß. Das Innere zeigte jedoch immer noch die wunderbar marode Grandezza, die ihn schon vor über fünfzig Jahren für die Stadt eingenommen hatte. Die Arena war die erste Sehenswürdigkeit von Arles gewesen, die er besichtigt hatte – das erste römische Amphitheater überhaupt für ihn –, und sooft er es betrat, erinnerte er sich an seine ersten Eindrücke. Nunmehr aber kam er nicht als Tourist, sondern als Nachbar in die Arena. Er konnte es vom Fenster seines Arbeitszimmers aus sehen, hatte dabei aber immer auch die Gerüste und das Maschinenarsenal der Restauratoren vor Augen. Dankenswerterweise hatten sie die Arbeiten derzeit unterbrochen und waren noch nicht auf »seine« Ostseite vorgedrungen. So Gott wollte, würde ihnen das Geld ausgehen, bevor sie die Arbeit an der Fassade des alten Bauwerks wieder aufnahmen. Umso mehr durfte man sich auf die Feria freuen, denn was diesen Ort eigentlich attraktiv machte, waren seine Besuchermassen. Bauwerke, auch und gerade dann, wenn sie zweitausend Jahre alt sind, werden nicht dadurch lebendig, dass man sie anschaut, sondern durch ihre Nutzung. Passive Betrachtung taugt nur zur Sammlung sinnloser Informationen. Alte Steine aber, die benutzt werden, fangen wieder zu atmen an. Der Stierkampf war nur einer von vielen Gründen, warum er die Feria so sehr liebte.
Etwas überrascht stellte Smith fest, dass er mittlerweile ganz allein war. Die Touristen hatten sich verzogen, vermutlich zu einem späten Mittagessen, und ihre nachmittäglichen Ersatzmannschaften hatten ihres noch nicht beendet. Ihm wurde bewusst, dass er in der Sonne brütete, völlig leer im Kopf war und zufrieden lächelte, ohne zu wissen, warum. Er saß, wie er sich klarmachte, an der womöglich heißesten Stelle von ganz Arles, die für einen hellhäutigen, leicht übergewichtigen Fünfundsechzigjährigen mit schwachem Herzen beileibe kein günstiger Ort war. Der Strohhut von Lock würde ihn auf Dauer nicht schützen. Also stand er auf, ganz langsam, als wollte er die Geister der verflossenen Jahrhunderte nicht stören, ging die Sitzreihe entlang und bog in einen der zahlreichen Gänge ein, die nach draußen führten. Im Schatten war es angenehm dunkel und kühl. Vorsichtig tappte er auf den dünnen Sohlen seiner Segelschuhe durch die verwinkelten Katakomben dem Ausgang entgegen, der auf die Place de la Major mündete, auf deren gegenüberliegender Seite sein Haus stand. Seine Körpertemperatur war wieder auf ein Normalmaß abgeklungen, und er sah sich imstande, nun auch selbst zu Mittag zu essen.
Nur was?, fragte er sich in der Dunkelheit. Das Fischfilet braten, das vom Vorabend übrig geblieben war? Dazu fühlte er sich zu schlaff. Nein, er wollte sich begnügen mit seinem üblichen gros pain, das er früher am Tag bei Madame Henri gekauft hatte, und etwas pâté und Camembert dazu essen. Das würde auch Arthur gefallen, dem großen Windhund, der sich an seinem einsamen Ruhestand beteiligte und nicht zuletzt auch an den Mahlzeiten. Im Kühlschrank stand noch eine Flasche Provence Rosé. Der Wein würde ihn bis mindestens fünf Uhr aller Gedanken über eine sinnvolle Gestaltung des Tages entheben. Siesta zu halten wollte gelernt sein. Nach dem Aufwachen fühlte er sich immer elend, aber ein Nachmittag vor dem Fernseher mit einem per Satellit aus England empfangenen Kricket-Match war selbst bei mangelhafter Übertragung einigermaßen verlockend.
Zufrieden mit sich und seinen Plänen, bog Smith im rechten Winkel in den Gang ab, an dessen Ende er den Ausgang erblickte. Er wollte gerade einen Schritt zulegen, als ein explosionsartiger Schmerz seinen Hinterkopf erfasste. Er sah einen hellen Blitz, bevor ihm, wie man so schön sagt, schwarz vor Augen wurde.

Hätte er sich jemals Gedanken darüber gemacht, wäre er vielleicht darauf verfallen, dass der Himmel weiß und goldfleckig sein mochte, die Hölle dagegen ein dunkles Flammenrot. Jedenfalls hätte er sich nicht träumen lassen, dass sowohl der eine als auch der andere Ort viel eher dem Himmel über der Sydney Harbour Bridge zur Mitternacht der Jahrtausendwende gleichen würde. Mit einem solchen Willkommensgruß hätte er beim besten Willen nicht gerechnet, wenn ihm denn beschieden worden wäre, die Ewigkeit da oder dort zuzubringen. Absolute Finsternis mit einer gelegentlichen Lichtexplosion war zwar unerwartet, aber durchaus nicht ohne Reiz und das ganze Drumherum des Todes sehr viel interessanter als gedacht.
Ebenso unerwartet waren seine Atembeschwerden an diesem neuen Ort. Vielleicht brauchte man nicht mehr zu atmen, wenn man tot war. Das ergab Sinn. Aber unter den Schmerzen der Bestrafung für ein missratenes und erfolgloses Leben hatte er sich dann doch etwas anderes vorgestellt.
Die Dunkelheit lichtete sich ein wenig. Sehr langsam nur, aber immerhin. Genauer: Ihm dämmerte eine Art Bewusstsein, das zwar immer noch dunkel war, sich aber nun nach und nach füllte mit dem, was gemeinhin als sinnliche Wahrnehmung bezeichnet wird. Die Finsternis war nicht aus Teer, sondern aus Schlamm, grau, nicht schwarz. Er spürte etwas, das ihn an die Aufseherin im Internat erinnerte, die den Schülern leere Garnröllchen an die Pyjamajacken genäht hatte, sodass sie daran gehindert wurden, auf dem Rücken zu liegen und zu schnarchen. Deshalb schlief er seitdem immer nackt. Jetzt tat ihm das Kreuz weh. Unter den ausgestreckten Händen spürte er Kieselsteine, und trotz der drückenden Last auf seiner Brust wurde ihm – nicht ohne einen Anflug von Enttäuschung – allmählich klar, dass er in Wirklichkeit nicht tot war, sondern noch lebte.
Scheiße. Das konnte nur bedeuten, dass seine Schmerzen real waren und er immer noch der echten Welt angehörte. Mit einer gezielten und schmerzhaften Willensanstrengung ging er daran, sich gute Gründe für ein Überleben aufzuzählen, die seine Enttäuschung wettmachen würden, doch viel mehr als die Möglichkeit, seine Töchter wiederzusehen, fiel ihm nicht ein. Gin trinken zu können war auch nicht schlecht, aber davon gab es sicher auch im Jenseits genug. Er kam weiter zu Sinnen und erkannte mit einiger Klarheit, dass er tatsächlich noch lebte, an zahlreichen Stellen Schmerzen litt und ein lebloser Körper auf ihm lastete.
Okay, dachte er. Was nun? So konnte er nicht liegen bleiben, außerdem hatte er noch nichts zu Mittag gegessen und Arthur auch nicht.
Zügig kehrte er nun in die Wirklichkeit zurück und kroch unter der drückenden Last hervor, einem Mann, der sich, nachdem er ihn in Augenschein nehmen konnte, als sehr viel schlanker herausstellte, als sein Gewicht hatte vermuten lassen. Smith richtete sich auf wackligen Beinen auf, stützte sich mit der Hand an der Mauer des Gewölbes ab und blickte auf die dunkle Gestalt herab, die, adrett in Hemd und Hose gekleidet, leblos ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Er bückte sich, um ihr den Puls zu fühlen, wie er es vor fünfzig Jahren bei den Pfadfindern gelernt hatte (mit drei Fingern und nicht mit dem Daumen, denn der hatte seinen eigenen Puls, erinnerte er sich vage). Kein Zweifel, der Mann war tot. Sein Blick wanderte den Körper entlang bis zu den Schuhen, die immer am klarsten auf Persönlichkeit und Status schließen ließen. Sie waren aus glatt poliertem Leder und hatten jene kleinen Lederquasten, die nur dann nicht affektiert oder prätentiös aussahen, wenn sie von den besten italienischen Schuhmachern gemacht und von sehr reichen Männern getragen wurden.
An dieser Stelle geriet Smiths Genesung wieder ins Stocken. Langsam verlor er den Fokus auf die zurückgewonnene Wirklichkeit, die gleichermaßen enttäuschend und faszinierend war. Sein Vertrauen in die Festigkeit der Mauer, an der er lehnte, schwand. Die Umrisse der Leiche lösten sich auf. Die Welt fing an zu kreisen, und wieder wurde ihm schwarz vor Augen.

Diesmal fand er sich nach dem Aufwachen sofort zurecht. Denn diese Situation kam ihm bekannt vor: Vor Jahren war er in einem Krankenwagen auf dem Weg zum Londoner Barnet General Hospital aufgewacht, wo er sich hektischen Krankenschwestern, gleichgültigen, selbstgefälligen Ärzten und aufdringlichen Pflegern ausgesetzt gesehen hatte. Myokardinfarkt hatte die Diagnose damals gelautet.
Jetzt lag Smith festgeschnallt auf einer schmalen Rolltrage mit verchromten Seitenteilen. Am Steuer des Krankenwagens wiederum saß offenbar jemand, der es eilig hatte. Die Sirenen heulten, und die Welt schaukelte, was diesmal keine Sinnestäuschung war. Er schloss für einen Moment die Augen und brachte die Geräusche, die er hörte, mit einer Filmszene in Verbindung: Inspektor Maigret jagte in seinem Traction Avant über die Rue Saint-Honoré.
Ihm gegenüber saß ein Rettungssanitäter in einem schwarzen Overall und schwarzen Stiefeln, der wie ein Obersturmbannführer der Gestapo aussah und mit einem barmherzigen Engel nicht viel gemein hatte. Offenbar wurde er, das Unfallopfer, nicht in einem zivilen Krankenwagen befördert, sondern in einem der Transporter der sapeurs-pompiers, die alle möglichen Einsätze durchführten, sei es nach einem Verkehrsunfall oder einem Atomangriff.
»Hallo«, krächzte Smith versuchsweise, in der Hoffnung auf eine mitfühlende oder wie auch immer geartete Reaktion. Ohne Erfolg. Der Kerl schaute ihn nicht einmal an, sondern blickte mit finsterer Miene zum Fenster hinaus auf die vorbeifliegende Stadt.
Hmm, dachte Smith. Mit dem viel gerühmten französischen Gesundheitssystem war es wohl doch nicht so weit her. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Allem Anschein nach lebte er immer noch. Die Hände taten ihm weh nach dem Sturz auf die Kiesel, und der Kopf schmerzte ihm sowohl an der Stirn als auch in der Schädelbasis. Die Beschwerden im Rest seines Körpers waren kaum weniger heftig. Er fühlte sich an Somalia und an die Torturen erinnert, die er vor wenigen Jahren dort erfahren hatte. Aber dass ihm sein Begleiter, so unfreundlich er auch aussehen mochte, Elektroden am Hodensack befestigen und ihn mit einer dreckigen Bajonettspitze traktieren würde, war zum Glück nicht zu erwarten. Während der Krankenwagen polternd über die schlechten Straßen von Arles raste, ließ er sich durch den Kopf gehen, welche Möglichkeiten ihm in dieser misslichen Lage blieben, und er kam zu dem Schluss, dass er so gut wie keine hatte.

Lärmend bog der Transporter auf den Vorplatz des Centre Hospitalier d’Arles ein. Die Hecktüren wurden geöffnet, und man rollte ihn wort- und schonungslos durch den Eingang zur Notaufnahme.
Das Krankenhaus unterschied sich nur in Kleinigkeiten von anderen Einrichtungen dieser Art, die Smith im Laufe seines Lebens leider mehrfach hatte kennenlernen müssen. Die Lethargie war bedrückend. Und es roch wie überall in solchen Anstalten nach Staub und Desinfektionsmitteln. Nur gut, dass die Vertrautheit der Gerüche, zumindest diesmal, beruhigend auf ihn wirkte.
Eine Wanduhr, auf die sein Blick zufällig fiel, zeigte Viertel nach zwei an. Er hatte den Eindruck, dass seit seinem Kollaps sehr viel mehr Zeit verstrichen war. Die Sanitäter rollten ihn zu einer Stelle, die am weitesten von der angenehm kühlen Klimaanlage entfernt war, und machten sich davon, als wollten sie schnellstens ihr versäumtes Mittagessen nachholen. Er blieb allein zurück – allein mit dem leisen Ticken der Uhr, dem sachten Surren der Klimaanlage und dem Schlagbohrer in seinem Kopf. Am liebsten wäre er aufgestanden und gegangen, woran ihn jedoch die Gurte hinderten.
Smith versuchte, die Augen zu schließen, doch weil die Schmerzen zu aufsässig wurden, öffnete er sie wieder. So trostlos seine unmittelbare Umgebung auch war, lenkte ihn das, was er sah, doch immerhin ein wenig ab von dem, was er fühlte. Die Bodenfliesen waren rot, Wände und Decke weiß gestrichen. Für Licht sorgten grelle Neonröhren und schmale Fenster unter der Decke. An den Wänden reihten sich Tische mit allerlei Notfallzubehör auf: Sauerstoffflaschen und -masken, Gegenständen, mit denen er nichts anzufangen wusste, ein roter Feuerlöscher sowie ein großes Schaubild mit der Darstellung von Wiederbelebungsmaßnahmen, was ihm an diesem Ort überflüssig vorkam. Dass es sich bei einem anderen Gerät um einen Defibrillator handelte, hatte er während seines letzten Krankenhausaufenthalts gelernt. Ihm wurde mulmig, als er sich daran erinnerte.
Seine Bestandsaufnahme endete mit dem Auftritt einer Krankenschwester und eines Arztes, der ihr Sohn hätte sein können.
»Ah, Monsieur Smith«, lächelte er mit der Aufrichtigkeit eines Mannes, dem völlig egal war, welche Reaktion seine Begrüßung hervorrufen mochte. »Ich bin Dr Dumont. Wie fühlen Sie sich?«
Wie war es möglich, dass alle Ärzte derart dumme Fragen stellten?, wunderte Smith sich im Stillen.
Während die Krankenschwester die Gurte losschnallte, griff Dumont, der mit einer Antwort auf seine Frage offenbar gar nicht rechnete, nach Smiths Handgelenk, um seinen Puls zu fühlen, ohne dabei allerdings auf die Uhr zu schauen.
»Wie ich sehe, haben Sie eine hässliche Kopfnuss abbekommen.«
Mein Gott, es wurde ja noch schlimmer! Smith lag es auf der Zunge, den Arzt zu fragen, wie er zu seiner Diagnose komme, wenn er sich nicht einmal die Mühe machte, seinen Schädel genauer zu untersuchen, doch weil er sich von einer Antwort nicht wirklich etwas versprach, hielt er den Mund.
»Es scheint, dass Sie gestürzt und eine Weile bewusstlos gewesen sind.«
Erst jetzt blickte der Arzt ihm kurz in die Augen, und Smith glaubte einen flüchtigen Ausdruck von Unbehagen in dem jugendlichen Gesicht wahrzunehmen. Aber vielleicht irrte er sich, denn sofort war das, was er zu sehen meinte, wieder verschwunden.
»Sie haben wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung, Monsieur.« Und an die Krankenschwester gewandt: »Säubern Sie bitte die Wunden an Kopf und Händen.« Dr Dumont drehte sich weg, offenbar hatte er seine Untersuchung abgeschlossen. »Er kann nach Hause gehen, aber geben Sie ihm Schmerztabletten für eine Woche mit.«
Sichtlich missmutig machte sich die Schwester an ihre Aufgabe, die ihr, wahrscheinlich schon lange bevor der Arzt das Licht der Welt erblickt hatte, zur lästigen Pflicht geworden war. Dumont, der sich schon einige Schritte entfernt hatte, hielt kurz inne, warf noch einen Blick über die Schulter und riet Smith zu ein paar Tagen Bettruhe. Dann war er verschwunden.
»Er hat wohl viel zu tun, oder, Schwester Thier?«, fragte Smith, der mit einiger Mühe das Namensschild auf ihrem gestärkten Kittel entziffert hatte.
»Ja«, antwortete sie kurz angebunden.
Himmel, dachte er. Gehörte es etwa zum therapeutischen Programm, so unhöflich wie möglich zu sein? Je eher er hier rauskam, desto besser.
Die Behandlung war beendet, die Verbände angelegt, ein paar Pillen, wahrscheinlich Schmerzmittel, mit einem Schluck lauwarmen Wassers aus einem kleinen transparenten Plastikbecher heruntergespült. Das war’s dann wohl.
»Monsieur Smith, Sie werden gleich nach Hause gefahren, mit einem Vorrat an Medikamenten. Schlimmstenfalls haben Sie noch ein, zwei Tage Kopfschmerzen.«
Die Nachlässigkeit, die in dieser Klinik zu herrschen schien, ging Smith langsam auf die Nerven. Er hatte erwartet, dass man wenigstens seinen Schädel röntgen und seine medizinische Vorgeschichte studieren würde. Aber dafür schien sich hier niemand zu interessieren. Er war drauf und dran, die Schwester gegen sich aufzubringen, indem er ihr entsprechende Vorschläge machte, als sich ein Mann in einem schick geschnittenen dunklen Anzug näherte. Er steuerte mit selbstbewusster Miene und schnellen Schritten auf Smiths Rolltrage zu, gab der Schwester mit einem deutlichen Blick zu verstehen, dass sie sich entfernen möge, rückte sich einen Stuhl zurecht und nahm darauf Platz, wobei er die Beine übereinanderschlug, was recht elegant aussah. Sorgfältig achtete er darauf, seine makellos gebügelten Hosenbeine nicht zu zerknittern.
»Monsieur Smith«, sagte er in einem kultivierten Tonfall. »Ich hoffe, es geht Ihnen wieder halbwegs gut.« Es gelang ihm, besorgt und gleichzeitig desinteressiert zu klingen. Anders als der Rettungssanitäter, der Arzt und die Krankenschwester blickte er ihm fest und gerade in die Augen.
Smith sagte nichts. Trotz seines leicht benebelten Zustands glaubte er zu spüren, dass es ratsam war, abzuwarten und nicht selbst in die Offensive zu gehen.
»Ich bin Hauptkommissar Blanchard, Monsieur Smith. Sie hatten einen Schock, nicht wahr? Hoffentlich keinen allzu schweren.«
»Guten Tag, Hauptkommissar Blanchard«, erwiderte er betont sang-froid, wie es sich für einen Engländer gehörte. Auch er konnte kurz angebunden sein.
Blanchard zeigte ein Lächeln, das unter anderen, eher angelsächsischen Umständen als weltmännisch hätte interpretiert werden können. Allerdings schlug er jetzt einen etwas schärferen Tonfall an.
»Sie waren heute, wenn ich richtig informiert bin, in einen Unfall verwickelt. In der Arena. Sie sind gestürzt und auf den Kopf gefallen.«
In Smiths Ohren klangen die Worte des Hauptkommissars nicht wie eine Frage, die einer Antwort bedurfte. Entsprechend verhielt er sich.
»Man hat Sie bewusstlos auf einer Leiche liegend gefunden, wenn ich nicht irre«, fuhr Blanchard fort, wieder im Modus einer Feststellung.
Jeder andere Polizist, dachte Smith, hätte wohl jetzt ein Notizbuch oder dergleichen konsultiert, doch so etwas hatte Blanchard offenbar nicht nötig.
»Sie sind über den Toten gestolpert, Monsieur Smith, mit dem Kopf aufgeschlagen und ohnmächtig geworden. Man fand Sie auf der Leiche von Monsieur Robert DuGresson, einem prominenten Bürger unserer Stadt.«
»Monsieur DuGresson?«
»Ja, ein Geschäftsmann, der dem ersten Anschein nach einer Herzattacke erlegen ist, als er sich während seiner Mittagspause die Beine vertreten und den Schatten der Arena aufgesucht hat. Monsieur DuGresson war ein bedeutendes Mitglied der hiesigen Unternehmerschaft, und wir sind alle désolés über sein plötzliches Ableben.«
Smith realisierte, dass er gar nicht vernommen wurde. Der Polizist hatte seine Geschichte bereits rund und zeigte keinerlei Interesse, daran etwas zu verändern. Er wollte sie nicht einmal bestätigt wissen. Sein Bericht erschien Smith jedoch einigermaßen ungenau und lückenhaft, wenn er ihn mit seinen eigenen, zugegebenermaßen verschwommenen Erinnerungen verglich.
Fast im Plauderton fuhr Blanchard fort: »Ein Tourist hat Sie gefunden und sofort einen Notruf abgesetzt.« Er wiederholte sich: »Sie lagen bewusstlos auf Monsieur DuGresson. Es scheint, dass Sie gestolpert und mit dem Kopf gegen die Mauer geprallt sind. Ein Unglück.«
»Vor allem für Monsieur DuGresson, nehme ich an«, bemerkte Smith, der nicht gewillt war, dem elegant gekleideten Hauptkommissar vollständig die Regie zu überlassen.
Dessen Lächeln gefror für einen Moment. »Gewiss, Monsieur«, murmelte er. »Das versteht sich wohl von selbst.«
»Vielleicht verraten Sie mir, wie der Tourist, der mich gerettet hat, zu erreichen ist. Ich würde mich gern bei ihm bedanken.«
Blanchard erlaubte sich einen etwas betrübten Gesichtsausdruck. »Leider reist er schon heute Nachmittag ab, Monsieur«, entgegnete er mit einem typisch gallischen Achselzucken.
Da er in diesem Gespräch jetzt halbwegs Fuß gefasst hatte, setzte Smith nach: »Möchten Sie vielleicht eine Aussage von mir zu Protokoll nehmen?«
Zum ersten Mal zeigte Blanchard Anzeichen von Verärgerung. »Wozu denn, Monsieur Smith? Sie waren bewusstlos. Wie könnten Sie sich da an irgendetwas erinnern? Ich werde den Fahrdienst bitten, Sie nach Hause zu bringen, und hoffe, dass Sie den unschönen Zwischenfall schnell vergessen. Auf Wiedersehen, Monsieur Smith.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Blanchard auf, lächelte und streckte unwillkürlich die Hand aus. Als er Smiths Verbände sah, zog er sie aber zurück.
»Verzeihung«, murmelte er befangen und ging. Smith war wieder allein mit der Uhr und der Klimaanlage.

Die Fahrt zurück nach Hause verlief ohne Zwischenfälle. Ein freundlicher Sanitäter in weißer Uniform führte ihn zu einem privaten Krankenwagen, half ihm auf den Beifahrersitz und fuhr ihn langsam nach Hause. Der Mann bestand darauf, ihm die vier Stufen zum Eingang hinaufzuhelfen, ließ sich den Schlüssel geben und öffnete die Tür. Arthur war natürlich außer sich vor Freude, ihn wiederzusehen. Er stand für einen Augenblick sogar von seinem geliebten Sofa auf.

Der Sanitäter stellte eine kleine Papiertüte auf der Kommode im Flur ab, die, wie Smith vermutete, seine neuen Medikamente enthielt.
»Sie sollten sich gleich ins Bett legen und ein paar Stunden ausruhen, Monsieur.«
Kurzerhand griff ihm der Sanitäter unter den Ellbogen und führte ihn hinauf ins Schlafzimmer. Smith ließ es sich gern gefallen, zumal er immer noch wacklig auf den Beinen war. Das Angebot des jungen Mannes, ihn auszuziehen und ins Bett zu bringen, lehnte er jedoch entschieden ab. Das schaffte er wohl noch selbst.
»Finden Sie allein hinaus?«, fragte er seinen Helfer und bedankte sich für dessen Arbeit.
Der junge Mann verabschiedete sich und zog sich, mit der geölten Beflissenheit eines Oberkellners nach dem Blick auf die Platin-Kreditkarte eines Gastes, zurück. Smith wiederum legte sich hin und ließ die vergangenen zwei oder drei Stunden Revue passieren.
Sicher, die Geschichte des Kommissars klang durchaus plausibel. Man hatte ihn bewusstlos und mit angeschlagenem Kopf auf einer Leiche aufgefunden – aber sein Kopf hatte vorn und hinten Verletzungen. Außerdem erinnerte er sich vage daran, unter der Leiche gelegen zu haben und nicht darauf. Zugegeben, diese Erinnerung war mehr als schemenhaft, zumal das Schlafzimmer langsam zu kreisen anfing. Während er allmählich in den Schlaf hinüberdämmerte, kamen ihm drei Fragen in den Sinn: Wenn eine der Pillen, die man ihm im Krankenhaus gegeben hatte, ein Schmerzmittel war, was war dann die andere? Warum stand auf dem Schildchen an Dr Dumonts weißem Kittel der Name Dr Alfonse Prieur? Und warum hatte er die Eingangstür unten nicht ins Schloss fallen hören?

Die beiden ritten mit einer Lässigkeit, die darauf schließen ließ, dass sie im Sattel zur Welt gekommen waren und sich in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht weit davon entfernt hatten. Die beiden Camargue-Pferde gingen in der Nachmittagshitze Seite an Seite. Ihre unbeschlagenen Hufe verursachten auf dem Schotterpfad kaum ein Geräusch. Sie waren von einem schmutzigen Grau wie alle Vertreter ihrer Rasse, aber sehr viel zierlicher als diejenigen, die man sonst bei der Arbeit mit Viehherden oder bei touristischen Veranstaltungen sehen konnte. In vieler Hinsicht mangelt es diesen Pferden, die nur unwesentlich höher als große Ponys sind, an der Anmut und Eleganz von Vollblütern. Diese beiden aber gehörten vielleicht zu den edelsten Exemplaren ihrer zähen und verlässlichen Art, die sich rühmen kann, eine der ältesten überhaupt zu sein. Sie waren gut ausgebildet, bei bester Gesundheit und ohne jene Blessuren, wie sie häufig auf den Flanken arbeitender Camargue-Pferde zu finden sind.
Die Frau saß aufrecht. Die Hände entspannt im Schoß, lenkte sie ihr Pferd lediglich mit leichten, kaum bewussten Gewichtsverlagerungen und fein dosiertem Schenkeldruck. So auch der Reiter neben ihr, ein Herr älteren Jahrgangs. Beide trugen Hirtenstiefel, Jeans, weiße Hemden und schwarze Filzhüte. Die Ähnlichkeit war unbeabsichtigt, aber naheliegend für Vater und Tochter. Sie unterhielten sich in ernstem Ton.
»Na ja, dann ist das eben so«, seufzte der Alte. So aufrecht er auch im Sattel saß, waren seine Schultern doch zusammengesunken.
»Ja«, antwortete die Frau leise. Ihr schönes Gesicht war ernst, aber Tränen zeigten sich darauf nicht.
»Was spricht man darüber?«
»Die Polizei sagt, es war Selbstmord.«
»Mein Gott. Lächerlich.«
»Ja. Ich schätze, selbst sie finden die Geschichte peinlich. Sie waren ziemlich in Panik.«
»Werden wir damit in Zusammenhang gebracht?« Der alte Mann warf ihr einen scharfen Blick zu.
»Das weiß ich nicht. Suzanne glaubt nicht.«
Er schüttelte missbilligend den Kopf.
»Papa, du musst es endlich vergessen oder es zumindest ignorieren. Suzanne ist zwanzig Jahre nach Kriegsende zur Welt gekommen. Du kannst sie nicht für die Taten deines Bruders und deiner Cousins verantwortlich machen.«
»Das tue ich auch nicht. So ein Unsinn. Aber sie hatten damals böses Blut in sich und haben es immer noch.«
Die Frau seufzte. Es war eine alte Wunde, die sie in stillschweigendem Einverständnis sonst nie zum Thema machten. Der Teil der Familie, von dem die Rede war, hatte sich schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg entfremdet – jener Katastrophe, die alle, die unter der Besatzung lebten, mit einer folgenschweren Entscheidung konfrontierte. Ihr Vater und ihr Großvater hatten sich der Résistance angeschlossen, die anderen hatten kollaboriert. Sie betrachtete den Mann an ihrer Seite voller Zärtlichkeit und Mitleid. Einen Tag nach der Befreiung von Arles im Juni 1944 – er war noch ein Teenager gewesen – hatte er beschlossen, die Ehre der Familie wiederherzustellen. Er hatte die Kollaborateure aufgesucht und erschossen.
»Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist, Papa, aber wir müssen wissen, was passiert ist, und Suzanne weiß mehr als die meisten.«
»Und Claude?«
Jetzt war es an der Frau, einen verächtlichen Tonfall anzuschlagen. »Er weiß das, was Suzanne ihm erzählt.«
»Was hat es mit diesem Engländer auf sich?«
»Tja, das ist etwas merkwürdig. Ich nehme an, er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.«
»Und wird er es dabei belassen?«
»Er könnte zum Problem werden. Aber das schließt Claude aus, auch wenn er den Eindruck hat, dass hinter dem Mann – ich glaube, sein Name ist Smith – mehr steckt, als es den Anschein hat.«
»Was weiß er über ihn?«
»Er ist zweifach geschieden, hat zwei erwachsene Töchter. Vor ein paar Jahren hat er sich ein Haus in Arles gekauft und sich darin zur Ruhe gesetzt. Er lebt dort allein mit seinem Hund. Zahlt alle Rechnungen pünktlich. Ist Mitglied der Stadtbücherei und schreibt offenbar selbst ein Buch. Über römische Sarkophage. Er hat noch einige wenige Verwandte in England und lebt sehr zurückgezogen. Seinem Hausarzt liegen keine britischen Krankenakten von ihm vor, und Smith hat sich bisher auch keine Kopien für ihn kommen lassen. Den flics ist er bislang angeblich nicht aufgefallen. Suzanne quetscht sie gerade aus. Aber es liegt einfach nichts gegen ihn vor, wie es aussieht.«
»Hat man ihn denn überhaupt mal genauer unter die Lupe genommen?«
»Tja, an der Stelle tun sich einige Fragen auf. Suzanne sagt, sie habe höflich bei Interpol angeklopft und darum gebeten, bei den englischen Behörden Erkundigungen über sein Vorleben einzuholen. Aber dieser Smith scheint dort wie vom Bildschirm verschwunden zu sein. Suzanne ist mit ihren Nachfragen buchstäblich auf eine Mauer gestoßen. Nun ja, das kennt man ja, dass die Engländer kaum mit Informationen rausrücken und die Daten ihrer Bürger schützen, wenn sie denn überhaupt welche erheben. Aber dass sich über diesen Smith gar nichts erfahren lässt, ist selbst nach britischen Standards ungewöhnlich. Suzanne hat den Eindruck, dass seine Akten unter Verschluss liegen. Bekannt ist nur, dass er nicht viel Geld hat, aber trotzdem schuldenfrei ist.«
»Wir wissen also so gut wie nichts über ihn.«
»Richtig.«
»Sonst noch was?«
»Nein.«
»Das gefällt mir nicht.«
»Ich fürchte, wir müssen uns damit abfinden, Papa.«
»Wie wär’s, mein Liebling, wenn du ihm einen Besuch abstattest?«
»Ich?« Sie klang erschrocken.
Er schaute seiner Tochter ins Gesicht. »Warum nicht? Du bist schließlich die trauernde Witwe, und er hat deinen verblichenen Gatten aufgefunden.«
Die elegante Frau schnaubte so laut, dass beide Pferde die Ohren nach hinten drehten.
»Hab dich nicht so, mein Schatz. Du, eine wunderschöne Frau. Er, der einsame geschiedene Mann. Wenn du ihm nicht auf die Schliche kommst, dann niemand. Wir müssen wissen, ob er uns gefährlich werden kann.«
Sie seufzte. »Na schön. Ich werde ihn anrufen.«
»Nein. Es ist besser, du überfällst ihn an seiner Haustür. Ein englischer Gentleman ist ein höfliches Wesen. Er wird dich hereinbitten. Wenn du ihn anrufst, gibst du ihm die Möglichkeit, dich abzuwimmeln oder sich auf deinen Besuch vorzubereiten.«
Sie runzelte die Stirn, erklärte sich aber mit einem Kopfnicken einverstanden.

 

Anthony Coles lebt, genau wie seine Hauptfigur, seit einigen Jahren in Arles. Und genau wie Peter Smith ist auch er Kunsthistoriker, der an renommierten Universitäten auf beiden Seiten des Atlantiks unterrichtet hat. Für den Geheimdienst war er allerdings nie tätig, sondern, etwas prosaischer, auf dem internationalen Wirtschaftssektor. Er hat zwei erwachsene Töchter und einen Windhund namens Arthur. »Ein Gentleman in Arles – Mörderische Machenschaften« ist sein erster Roman.