Guillaume Musso
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Freitag, 01. Juni 2018 von Piper Verlag


»Das Atelier in Paris« - das neue Meisterwerk von Guillaume Musso

 

Drei verschollene Gemälde und eine Botschaft, die über Leben und Tod entscheidet. Im Interview spricht der SPIEGEL-Bestsellerautor unter anderem über die Entstehung und den Aufbau seines neuen Romans, warum er nach seinen Erfolgen »Nachts im Central Park« und »Das Mädchen aus Brooklyn« erneut einen Spannungsroman geschrieben hat und die Faszination, die innere Suche seiner Protagonisten in den Vordergrund zu stellen.

Blick ins Buch
Das Atelier in ParisDas Atelier in ParisDas Atelier in Paris

Roman

Ein abgelegenes kleines Atelier am Ende einer Allee, mitten in Paris: Hier hat sich die Londoner Polizistin Madeline eingemietet, um eine Weile abzuschalten. Doch plötzlich sieht sie sich Gaspard gegenüber, einem mürrischen amerikanischen Schriftsteller. Offenbar gab es einen Irrtum, denn auch er hat das Atelier gemietet, um in Ruhe schreiben zu können. Der Ärger legt sich, als die beiden erkennen, an welch besonderen Ort sie geraten sind. Das Atelier gehörte einst einem gefeierten Maler, von dem aber nur noch drei Gemälde existieren sollen – alle drei verschollen und unermesslich wertvoll. Als sie sich gemeinsam auf die Suche nach den Bildern begeben, wird ihnen schnell klar, dass den Maler ein grausames Geheimnis umgibt … Für Madeline und Gaspard beginnt eine spannende Jagd, die sie von Paris nach New York führt und sie nicht nur mit ungeahnten menschlichen Abgründen, sondern auch mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert.

Der kleine Junge

 

 

London, an einem späten Samstagmorgen.

Du weißt es noch nicht, doch in weniger als drei Minuten wirst du mit einer der härtesten Belastungsproben deines Lebens konfrontiert werden. Eine Belastungsprobe, die du nicht hast kommen sehen, die dich aber so schmerzhaft treffen wird wie das Einbrennen eines Brandzeichens.

Vorerst aber schlenderst du noch unbekümmert durch das Einkaufszentrum, das angelegt ist wie ein antikes Atrium. Nach zehn Regentagen hat der Himmel wieder eine wunderschöne tiefblaue Färbung angenommen. Die Sonnenstrahlen, die das Glasdach des Kaufhauses zum Schimmern bringen, haben dich in gute Laune versetzt. Um den Frühlingsanfang zu feiern, hast du dir selbst sogar dieses rote Kleid mit den weißen Tupfen geschenkt, das dich seit zwei Wochen lockt. Du fühlst dich leicht, regelrecht beschwingt. Der Tag verspricht, amüsant zu werden: zunächst ein Mittagessen mit Jul’, deiner besten Freundin, eine Maniküresitzung mit den Mädels und höchstwahrscheinlich eine Ausstellung in Chelsea, dann am Abend das Konzert von PJ Harvey in Brixton.

Eine ruhige Fahrt durch die sanften Flussläufe deines Lebens.

Doch plötzlich siehst du ihn.

 

Es ist ein kleiner blonder Junge in einer Jeanslatzhose und einem marineblauen Mäntelchen. Vielleicht zwei Jahre oder ein wenig älter. Große helle, lachende Augen, die hinter Brillengläsern leuchten. Ein rundliches Kindergesicht, zarte Züge, eingerahmt von leuchtenden weizenblonden Locken. Du beobachtest ihn schon seit einer Weile, zunächst aus gebührendem Abstand, doch du näherst dich langsam, mehr und mehr fasziniert von seinem Gesicht. Unberührt und strahlend, weder von Leid noch von Angst gezeichnet. Auf diesem Gesichtchen siehst du nur ein Spektrum an Möglichkeiten. Lebensfreude, Glück in Reinkultur.

Jetzt schaut er dich an. Ein verschmitztes, argloses Lächeln erhellt seine Züge. Stolz zeigt er dir das kleine Metallflugzeug, das er mit seinen Patschhändchen über seinem Kopf kreisen lässt.

»Brmmmmm . . .«

Während du sein Lächeln erwiderst, erfasst dich eine seltsame Emotion. Das langsam wirkende Gift eines unergründlichen Gefühls infiziert dein ganzes Wesen mit einer unerklärlichen Traurigkeit.

Der Kleine hat seine Arme ausgebreitet und trippelt um den Steinbrunnen herum, der Wasserfontänen unter die Glaskuppel sprüht. Einen kurzen Augenblick glaubst du, er käme auf dich zugelaufen, um sich in deine Arme zu werfen, aber . . .

»Papa, Papa! Schau, ich bin ein Flieger!«

Du hebst die Augen, und dein Blick begegnet dem jenes Mannes, der das Kind im Flug auffängt. Eine eisige Klinge durchbohrt dich, und dein Herz krampft sich zusammen.

 

Du kennst diesen Mann. Vor fünf Jahren hattet ihr eine Liebesbeziehung, die ein gutes Jahr gedauert hat. Seinetwegen hast du Paris verlassen, bist nach Manhattan gezogen und hast dir einen neuen Job gesucht. Sechs Monate lang habt ihr sogar vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Dann ist der Mann zu seiner Ex-Frau zurückgekehrt, mit der er bereits ein Kind hatte. Du hast alles in deiner Macht Stehende getan, um ihn zu halten, aber es war nicht genug. Diese Zeit war äußerst schmerzhaft für dich, und jetzt, da du glaubtest, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben, begegnest du ihm wieder, und es bricht dir schier das Herz.

Nun verstehst du deine eigene Verwirrung besser. Du sagst dir, dieses Kind hätte eures sein können, nein, müssen.

Der Mann hat dich sofort wiedererkannt und weicht deinem Blick nicht aus. Seine bekümmerte Miene zeigt, dass er genauso überrascht ist wie du, verlegen, irgendwie beschämt. Du glaubst, er wird mit dir sprechen, doch wie ein Tier in Bedrängnis greift er schützend nach der Hand seines Sprösslings und macht auf dem Absatz kehrt.

»Komm, Joseph, wir gehen.«

Vater und Sohn entfernen sich, und du traust deinen Ohren nicht. »Joseph« war einer der Vornamen, die ihr für euer zukünftiges Kind ausgesucht hattet. Dein Blick verschleiert sich. Du fühlst dich betrogen. Eine schwere, lähmende Müdigkeit überwältigt dich, du bist wie vor den Kopf gestoßen und glaubst, ersticken zu müssen.

 

Unter Aufbietung all deiner Kräfte erreichst du den Ausgang des Einkaufszentrums. In deinen Ohren rauscht es, du bewegst dich wie ein Roboter, deine Gliedmaßen sind tonnenschwer. Auf der Höhe des St. James’ Park gelingt es dir, den Arm zu heben, um ein Taxi anzuhalten, doch du zitterst während der ganzen Fahrt, versuchst, gegen die dich bedrängenden Gedanken anzukämpfen, und fragst dich, was dir gerade widerfährt.

Nachdem du die Tür zu deiner Wohnung von innen abgeschlossen hast, lässt du dir sofort ein Bad einlaufen. In deinem Schlafzimmer machst du kein Licht. Ohne dich auszukleiden, fällst du auf dein Bett. Völlig apathisch. In deinem Kopf ziehen die Bilder von dem Jungen mit dem Flugzeug vorbei, und bald verwandelt sich die ganze Verzweiflung, die dich beim Anblick deines ehemaligen Geliebten ergriffen hat, in ein schreckliches Gefühl totaler Leere. Ein Mangel, der dir den Atem nimmt. Du weinst natürlich, sagst dir aber, dass die Tränen eine reinigende Wirkung haben und die Krise von selbst vorübergehen wird. Nur dass der Schmerz sich tiefer gräbt, anschwillt, dich erfasst, all deine Deiche bricht und Jahre der Unzufriedenheit, des Grolls und enttäuschter Hoffnungen freisetzt. Verletzungen wiederaufleben lässt, die du längst für geheilt hieltest.

Dann ergreift die kalte Hydra der Panik Besitz von deinem Körper. Du springst auf. Dein Herz rast. Du hast vor einigen Jahren schon mal eine ähnliche Phase durchlebt, und die Dinge nahmen kein gutes Ende. Doch auch diese Erinnerung kann das Rad des Unausweichlichen nicht aufhalten. Von unkontrollierbarem Zittern ergriffen, taumelst du ins Badezimmer.

Der Arzneischrank. Die Röhrchen mit den Schmerzmitteln. Du legst dich in die übervolle Badewanne, obwohl du nur zur Hälfte entkleidet bist. Das Wasser ist zu heiß oder zu kalt, du weißt es nicht einmal mehr, und es ist dir auch egal. Deine Brust scheint in einen Schraubstock gespannt zu sein. In deinem Bauch tut sich ein Abgrund auf. Vor deinen Augen ein pechschwarzer Horizont, für immer versperrt durch deinen Kummer.

Dir war gar nicht bewusst, dass es so weit mit dir gekommen ist. In den letzten Jahren warst du zugegebenermaßen ein wenig verloren, und seit Langem weißt du, dass das Leben eine zerbrechliche Angelegenheit ist. Aber du hast nicht damit gerechnet, heute den Boden unter den Füßen zu verlieren und so rasch aus dem Gleichgewicht zu geraten. Vor allem wusstest du nicht, welche Massen an Schlamm dich durchströmen. Diese Schwärze, dieses Gift, dieses Elend. Dieses Gefühl stetiger Einsamkeit, das plötzlich in dir erwacht ist und dich in Panik versetzt.

 

Die Medikamentenröhrchen treiben an der Wasseroberfläche wie Schiffe bei Windstille. Du öffnest sie und schluckst sämtliche Kapseln. Doch das reicht nicht. Du musst die Dinge zu Ende führen. Und so nimmst du die Klinge aus dem kleinen Rasierer, der auf dem Badewannenrand liegt, und ziehst sie über deinen Unterarm.

Du hast dich immer tapfer geschlagen, aber heute bist du nicht mehr dazu in der Lage, denn dein Feind, der dich besser kennt als du dich selbst, lässt nicht mehr von dir ab. Als die Klinge deine Haut berührt, denkst du mit einer gewissen Ironie an dieses euphorische Glücksgefühl, das dich erfüllte, als heute Morgen die Sonne durch dein Fenster schien.

Dann dieser sonderbare und beruhigende Moment, als du begreifst, dass die Würfel gefallen sind, dass deine Reise ohne Rückkehr bereits begonnen hat. Wie hypnotisiert betrachtest du dein Blut, das namenlos schöne Arabesken ins Wasser zeichnet. Während du spürst, wie das Leben aus dir entweicht, sagst du dir, dass nun wenigstens der Schmerz aufhören wird, und in diesem Augenblick ist das von unschätzbarem Wert.

Während dich der Teufel davonträgt, hast du noch einmal das Bild von dem kleinen Jungen vor dir. Du siehst ihn an einem Strand am Meer. Ein Ort, vielleicht in Griechenland oder Süditalien. Du bist ganz nahe bei ihm. So nah, dass du sogar seinen Geruch nach Sand, nach Getreide wahrnimmst, beruhigend wie die leichte Brise eines Sommerabends.

Als er den Kopf in deine Richtung hebt, siehst du gerührt sein hübsches Gesicht, seine Stupsnase, seine weißen Kinderzähne, die sein Lächeln unwiderstehlich machen. Und jetzt breitet er die Arme aus und kreist um dich herum.

»Schau, Mama, ich bin ein Flieger!«

 

 

Mitten im Winter

Dienstag, 20. Dezember

 

1. Das Paris-Syndrom

 

Paris is always a good idea.

Audrey Hepburn, in dem Film Sabrina

 

 

1.

 

Roissy-Charles-de-Gaulle, Ankunftsbereich.

In gewisser Weise eine Definition der Hölle auf Erden.

Vor der Passkontrolle drängten sich Hunderte von Reisenden in einer Warteschlange, die sich ausdehnte und wand wie eine dickbäuchige Boa. Gaspard Coutances hob den Kopf zu den Plexiglaskabinen zwanzig Meter vor ihm. Nur in zwei davon saßen unglückselige Polizisten, die den schier endlosen Passagierstrom zu kontrollieren hatten. Gaspard stieß gereizt einen Seufzer aus. Jedes Mal, wenn er diesen Airport betrat, fragte er sich, wie die verantwortlichen Politiker die verheerenden Auswirkungen eines so negativen Frankreich-Bilds ignorieren konnten.

Er schluckte seinen Ärger hinunter. Zu allem Überfluss herrschte hier eine Bruthitze. Die Luft war feucht, drückend, durchtränkt von ekelhaftem Schweißgeruch. Er stand neben einem Jugendlichen im Bikerlook und einer Gruppe von Asiaten. Die Anspannung war deutlich spürbar: Nach einem zehn- bis fünfzehnstündigen Flug mussten die Jetlag-Geschädigten empört feststellen, dass sie noch nicht am Ende ihres Leidenswegs angelangt waren.

Das Martyrium hatte kurz nach der Landung begonnen. Seine Maschine, aus Seattle kommend, war pünktlich gewesen und kurz vor neun Uhr morgens gelandet, doch sie hatten über zwanzig Minuten warten müssen, bis die Gangway an die Tür herangeschoben wurde und sie das Flugzeug verlassen konnten. Es folgte ein längerer Marsch durch die altmodischen Gänge. Eine Art Schnitzeljagd an komplizierten Wegweisern vorbei und über defekte Rolltreppen, gefolgt vom Überlebenskampf in einem überfüllten Pendelbus, um dann schließlich, in einen finsteren Raum eingepfercht, warten zu müssen. Willkommen in Frankreich!

Den Gurt seiner Reisetasche über der Schulter, lief Gaspard der Schweiß über die Stirn. Er hatte den Eindruck, schon mindestens drei Kilometer zurückgelegt zu haben, seitdem er das Flugzeug verlassen hatte. Deprimiert fragte er sich, was er hier zu suchen hatte. Warum bürdete er sich jedes Jahr einen Monat der Gefangenschaft in Paris auf, um ein neues Theaterstück zu schreiben? Er stieß ein nervöses Lachen aus. Die Antwort war einfach und klang wie ein Slogan: Kreatives Schreiben in feindlicher Umgebung. Jedes Jahr um dieselbe Zeit mietete ihm Karen, seine Agentin, ein Haus oder eine Wohnung, damit er in Ruhe arbeiten konnte. Gaspard hasste Paris so sehr – vor allem zur Weihnachtszeit –, dass er problemlos rund um die Uhr in seinen vier Wänden bleiben wollte. Resultat: Das Stück schrieb sich von ganz allein – oder fast. Auf alle Fälle war sein Text jedes Mal Ende Januar fertig.

Die Schlange vor dem Schalter löste sich mit trostloser Langsamkeit auf. Das Warten wurde zur unerträglichen Prüfung. Übererregte Kinder rannten schreiend zwischen den Zollschranken herum, ein älteres Paar stützte sich gegenseitig, ein Baby erbrach einen Schwall Milch in die Halsbeuge der Mutter.

Verdammte Weihnachtsferien wetterte Gaspard und atmete tief die verbrauchte Luft ein. Als er den Verdruss auf den Gesichtern seiner Leidensgenossen sah, erinnerte er sich an einen Artikel zum Thema »Paris-Syndrom«, den er in einem Magazin gelesen hatte: Jedes Jahr wurden mehrere Dutzend japanischer und chinesischer Touristen ins Krankenhaus eingeliefert oder in ihre Heimat überführt, weil sie unter schweren psychischen Störungen litten, die sich bei ihrem ersten Besuch in der französischen Hauptstadt eingestellt hatten. Kaum in Frankreich eingetroffen, klagten diese Urlauber über sonderbare Symptome – Wahnvorstellungen, Depressionen, Halluzinationen, Paranoia. Mit der Zeit fanden die Psychiater eine Erklärung: Die Beschwerden der Touristen resultierten aus der Diskrepanz ihrer überhöhten Erwartungen an die Ville lumière, der Stadt der Lichter, mit der Realität. Sie hatten geglaubt, »Die fabelhafte Welt der Amélie« zu entdecken, wie sie in Filmen und der Werbung angepriesen wird, und waren stattdessen mit einer harten und feindseligen Stadt konfrontiert worden. Ihr idealisiertes Paris-Bild – das der romantischen Cafés, der Bouquinisten am Seine-Ufer, der Maler am Montmartre und der Intellektuellen des Quartier Latin – traf auf die harte Realität: Dreck, Taschendiebe, allgemeine Unsicherheit, die allgegenwärtige Luftverschmutzung, ein hässliches Stadtbild, veraltete öffentliche Verkehrsmittel.

Um sich abzulenken, zog Gaspard mehrere gefaltete Blätter aus seiner Tasche. Die Beschreibung und Fotos von seinem »Luxusgefängnis« im 6. Arrondissement, das seine Agentin ihm gemietet hatte. Das ehemalige Atelier des Malers Sean Lorenz. Die Aufnahmen waren ansprechend – ein weiter offener Raum, lichtdurchflutet, entspannend, perfekt für den Schreibmarathon, der ihn erwartete. Normalerweise misstraute er solchen Fotos, doch Karen hatte die Wohnung selbst besichtigt und ihm versichert, sie würde ihm sicherlich gefallen. Mehr sogar, hatte sie auf geheimnisvolle Weise hinzugefügt.

Wenn er nur schon dort wäre.

Er musste sich noch eine gute Viertelstunde gedulden, bis einer der Beamten der Grenzpolizei sich bereitfand, einen Blick in seinen Pass zu werfen. Der ausgesprochen unfreundliche Typ ließ sich weder zu einem Bonjour noch zu einem Merci herab und antwortete auch nicht auf sein Bonne journée, als er ihm die Papiere zurückgab.

Erneutes Rätselraten vor den Hinweisschildern. Gaspard schlug die falsche Richtung ein, machte dann kehrt. Kaskaden von Rolltreppen. Eine Reihe von automatischen Türen, die sich jedes Mal mit Verzögerung öffneten. Er hastete an den Laufbändern vorbei. Zum Glück hatte er nur Handgepäck dabei.

Jetzt würde er der Hölle bald entkommen. Unter Einsatz der Ellenbogen kämpfte er sich durch das außergewöhnliche Gedränge in der Ankunftshalle, rempelte dabei ein sich küssendes Paar an, stieg über am Boden schlafende Passagiere hinweg. Die Drehtür mit dem Schild »Sortie – Taxis« darüber kündigte das Ende seines Martyriums an. Nur noch wenige Meter, und er wäre von diesem Albtraum befreit. Er würde ein Taxi nehmen, seine Kopfhörer aufsetzen und sich mental entfernen, indem er dem Piano von Brad Mehldau und dem Bass von Larry Grenadier lauschte. Dann, noch an diesem Nachmittag, würde er anfangen zu schreiben und . . .

Der Regen kühlte seinen Enthusiasmus ab. Sintflutartige Wolkenbrüche ergossen sich auf den Asphalt. Tiefschwarzer Himmel. Tristesse und aufgeheizte Luft. Kein Taxi weit und breit. Stattdessen Wagen der Bereitschaftspolizei und desorientierte Touristen.

»Was ist los?«, fragte er einen Kofferträger, der seelenruhig neben einem Aschenbecher stand und seinen Glimmstängel paffte.

»Haben Sie denn noch nicht davon gehört? Wieder mal Streik, Monsieur.«

 

 

2.

 

Zur selben Zeit, genauer gesagt um 9:47 Uhr, stieg Madeline Greene an der Gare du Nord aus dem Eurostar, der sie aus London hierhergebracht hatte.

Ihre ersten Schritte auf französischem Boden waren zögerlich, denn sie hatte Probleme, sich zurechtzufinden. Ihre Beine waren schwer und zitterten. Zur Müdigkeit gesellten sich Schwindelgefühl, schmerzhafte Übelkeit und Sodbrennen. Obwohl der Arzt sie vor den Nebenwirkungen der Behandlung gewarnt hatte, war ihr nicht klar gewesen, dass sie über Weihnachten in so schlechter Verfassung sein würde.

Der Koffer, den sie hinter sich herzog, schien Tonnen zu wiegen. Der Lärm der Laufrollen auf dem Beton dröhnte in ihrem Kopf, zerriss gleichsam ihr Gehirn und intensivierte ihre Migräne, die sie quälte, seit sie wach geworden war.

Madeline blieb stehen, um den Reißverschluss ihres mit Lammfell gefütterten Lederblousons ganz hochzuziehen. Sie war schweißgebadet und zitterte trotzdem vor Kälte. Da sie kaum atmen konnte, glaubte sie einen Augenblick, ohnmächtig zu werden, fing sich aber am Ende des Bahnsteigs wieder, so als würde das geschäftige Treiben sie stimulieren.

Trotz seines wenig schmeichelhaften Rufs war die Gare du Nord, der Pariser Nordbahnhof, ein Ort, der Madeline schon immer fasziniert hatte. Sie empfand diesen Bahnhof nicht als gefährlich, sondern eher als eine Art Bienenstock – in ständiger Bewegung. Tausende von Leben, von Schicksalen, die sich kreuzten. Ein reißender Strom, eine Brandungswelle, die man bezwingen musste, um nicht zu ertrinken.

Vor allem aber wirkte der Bahnhof auf sie wie eine Bühne mit unzähligen Schauspielern: Touristen, Pendler, Geschäftsleute, Asoziale, Polizisten auf Streife, Schwarzhändler, Dealer, Angestellte aus den Cafés und Läden ringsumher . . . Während sie diese Miniaturwelt unter der großen Glaskuppel sah, fühlte sich Madeline an die Schneekugeln erinnert, die ihr die Großmutter von jeder ihrer Reisen mitbrachte. Eine gigantische Glaskugel ohne Schnee, die von dem in ihr brodelnden Leben Risse bekam.

Draußen auf dem Vorplatz wurde sie von heftigen Böen empfangen. Das Wetter war noch mieser als in London: dichter Regen, trüber Himmel, feuchte, stickige Luft. Wie Takumi ihr prophezeit hatte, blockierten Dutzende Taxen den Zugang zum Bahnhof. Weder Busse noch Privatwagen konnten Reisende aufnehmen; sie blieben ihrem Schicksal überlassen. Vor einer Fernsehkamera erregten sich die Menschen: Streikende und Fahrgäste spielten die ewig gleichen Szenen für die Zeitungen und Nachrichtensender.

Madeline machte rasch einen Bogen um die Gruppe. Warum hab ich nicht daran gedacht, einen Regenschirm mitzunehmen, verfluchte sie sich, während sie auf den Boulevard de Magenta zusteuerte. Da sie zu nahe am Bürgersteigrand ging, wurde sie von einem vorbeifahrenden Wagen nass gespritzt. Wütend lief sie die Rue Saint-Vincent-de-Paul hinunter bis zum Eingang der Pfarrei. Dort, am Steuer eines Lieferwagens, der in zweiter Reihe parkte, wartete Takumi wie verabredet. Sein bunter Lieferwagen war mit einer fröhlichen Beschriftung versehen, die in krassem Gegensatz zur Umgebung stand: »Le Jardin Extraordinaire – Fleuriste – 3 bis, Rue Delambre – 75014 Paris«. Madeline winkte, als sie ihn sah, und kletterte erfreut in den Wagen.

»Salut, Madeline, willkommen in Paris!«, begrüßte der Blumenhändler sie und reichte ihr ein Handtuch.

»Hello, mein Lieber, ich freue mich, dich zu sehen!«

Während sie sich ihre Haare trocknete, betrachtete sie den jungen Asiaten. Takumi hatte kurzes Haar, trug eine Cordsamtjacke und dazu einen Seidenschal. Eine karierte Flanellkappe thronte auf seinem runden Kopf, unter der zwei kleine abstehende Ohren herausschauten, die an winzige Mäuse erinnerten. Der spärliche Schnurrbart über seiner Oberlippe erinnerte eher an einen pubertären Knaben als an Thomas Magnum. Sie fand, er war überhaupt nicht gealtert, seit sie nach London umgezogen war und ihm ihren hübschen Pariser Blumenladen überlassen hatte, in dem er zuvor ein paar Jahre angestellt gewesen war.

»Toll, dass du mich abgeholt hast, danke«, sagte Madeline und legte ihren Sicherheitsgurt an.

»Gern geschehen, heute wärst du anders nicht vom Fleck gekommen.«

Der junge Blumenhändler legte einen anderen Gang ein und bog in die Rue Abbeville ab.

»Wie du siehst, hat sich, seitdem du gegangen bist, in diesem Land nichts verändert«, erklärte er und deutete auf eine Gruppe von Demonstranten. »Es wird sogar mit jedem Tag ein bisschen schlimmer . . .«

Die Scheibenwischer des alten Renaults hatten Mühe, die Sturzbäche an Regen, die sich über die Windschutzscheibe ergossen, zu bewältigen.

Trotz des Unwohlseins, das sie erneut überkam, bemühte sich Madeline, das Gespräch in Gang zu halten.

»Und, wie geht’s dir so? Gönnst du dir nicht einen kleinen Weihnachtsurlaub?«

»Nicht vor Ende nächster Woche. Wir feiern Silvester mit der Familie von Marjolaine. Ihre Eltern besitzen eine Brennerei im Département Calvados.«

»Wenn du den Alkohol immer noch so schlecht verträgst, kann man sich ja auf einiges gefasst machen!«

Das Gesicht des Floristen lief purpurrot an. Noch immer so empfindlich, der kleine Takumi, dachte Madeline amüsiert, während sie die verschwommene Stadtlandschaft an sich vorbeiziehen sah. Der Lieferwagen erreichte den Boulevard Haussmann und bog nach fünfhundert Metern in die Rue Tronchet ein. Trotz des Wolkenbruchs, trotz der angespannten sozialen Lage war Madeline glücklich, hier zu sein.

Sie hatte gern in Manhattan gelebt, aber nicht jene vermeintliche Energie wahrgenommen, die von manchen ihrer Freundinnen so gepriesen wurde. Um ehrlich zu sein, hatte New York sie nur erschöpft. Ihre Lieblingsstadt würde immer Paris bleiben, weil es der Ort war, an den sie zurückkehrte, um ihre Wunden zu heilen. Sie hatte hier vier Jahre lang gelebt. Nicht unbedingt die schönsten Jahre ihres Lebens, doch auf jeden Fall die wichtigsten: die der seelischen Heilung, der Festigung, des Neubeginns.

Bis 2009 hatte sie in England bei der Mordkommission von Manchester gearbeitet. Und dort war sie an einem schrecklichen Fall, dessen Ermittlungen sie geleitet hatte – die Affäre Alice Dixon[1] – gescheitert und gezwungen gewesen, den Polizeidienst zu quittieren. Diese Niederlage hatte ihr alles genommen: ihren Beruf, die Achtung ihrer Kollegen, ihr Selbstvertrauen. In Paris hatte sie dann einen kleinen Blumenladen aufgemacht und sich ein neues Leben im Viertel Montparnasse aufgebaut, weit entfernt von den Ermittlungen in Mordfällen oder Kindesentführungen. Doch dieses ruhige Dasein hatte eine radikale Wendung genommen, als eine Begegnung sie auf eine unerwartete Spur brachte und sie in der Lage war, die Ermittlungen fortzuführen. Schließlich hatte der Fall Alice Dixon in New York ein glückliches Ende gefunden. Die Umstände dieses Erfolgs hatten es ihr ermöglicht, in der Verwaltung des WITSEC, des Zeugenschutzprogramms, zu arbeiten.

Sie hatte ihren Blumenladen Takumi überlassen und war nach New York aufgebrochen. Ein Jahr später war das NYPD, die New Yorker Polizei, an sie herangetreten, um ihr einen Vertrag als Beraterin in der Abteilung für ungelöste Fälle anzubieten. Madeline sollte alte Ermittlungen, die ohne Ergebnis geblieben waren, wiederaufnehmen. Eine Arbeit, die in einer Fernsehserie oder einem Krimi von Harlan Coben aufregend gewesen wäre, sich in der Realität aber nur als ein unendlich langweiliger Schreibtischjob herausstellte. Innerhalb von vier Jahren hatte Madeline nicht an einem einzigen Einsatz mehr teilgenommen. Und nicht in einem einzigen Fall eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht. Ihrer Abteilung fehlte es an den nötigen finanziellen Mitteln, und sie hatte gegen eine Bürokratie zu kämpfen, derer sich die französische Verwaltung geschämt hätte. Für den Antrag auf eine DNA-Untersuchung mussten Berge von Formularen ausgefüllt werden, und jede Anfrage zur Vernehmung ehemaliger Zeugen oder zur Akteneinsicht stieß meist auf eine eindeutige Absage des FBI, das für die interessantesten Ermittlungen zuständig war.

Ohne das geringste Bedauern hatte sie diesen Job gekündigt, um nach England zurückzukehren. Sie nahm es sich sogar fast übel, so lange mit der Entscheidung gewartet zu haben. Und seitdem Jonathan Lempereur – der Mann, den sie geliebt hatte und dem sie nach Manhattan gefolgt war – wieder zu seiner Frau zurückgekehrt war, hatte wirklich nichts mehr sie in den USA zurückgehalten.

»Marjolaine und ich erwarten im Frühjahr ein Baby«, vertraute ihr der Blumenhändler unvermittelt an.

Diese Eröffnung riss Madeline aus ihren Gedanken.

»Wie . . . wie schön für euch«, erwiderte sie und versuchte, einen Anflug von Freude in ihre Stimme zu legen.

Aber ihre Reaktion klang derart falsch, dass Takumi schnell das Thema wechselte.

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, was dich nach Paris führt, Madeline?«

»Dieses und jenes«, erwiderte sie ausweichend.

»Wenn du Heiligabend mit uns verbringen möchtest, bist du herzlich eingeladen.«

»Das ist sehr nett, aber sei mir nicht böse, ich muss einfach allein sein.«

»Wie du willst.«

Erneutes Schweigen. Lastend. Madeline bemühte sich gar nicht erst, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, versuchte sie, sich zurechtzufinden, jeden Ort mit einer Erinnerung ihres Pariser Lebens zu verknüpfen. Die Place de la Madeleine ließ sie an eine Ausstellung mit Werken von Raoul Dufy denken; die Rue Royale an das Bistrot mit dem köstlichsten Kalbsfrikassee; der Pont Alexandre III an einen Unfall, den sie an einem Regentag mit ihrem Motorrad gehabt hatte . . .

»Hast du berufliche Pläne?«, insistierte Takumi.

»Natürlich«, log sie.

»Und hast du Jonathan unlängst gesehen?«

Kümmer dich um deinen eigenen Kram!

»Gut, bist du jetzt fertig mit deinem Verhör? Ich bin hier schließlich der Bulle.«

»Eben nicht; wenn ich es recht verstanden habe, bist du nicht mehr . . .«

Sie seufzte. Der junge Tollpatsch ging ihr langsam echt auf die Nerven.

»Okay, ich werde ehrlich sein«, sagte sie. »Ich will, dass du mit deiner Fragerei aufhörst. Du warst mein Lehrling, und ich habe dir mein Geschäft vermacht. Das gibt dir aber nicht das Recht, mich mit Fragen nach meinem Leben zu bedrängen!«

Während der Lieferwagen die Esplanade des Invalides überquerte, sah Takumi Madeline von der Seite an. Sie war so geblieben, wie er sie gekannt hatte – ihr barscher Charakter, ihre grobe Lederjacke, ihre blonden Strähnen und der Bubikopf, der ein wenig old fashioned war.

Noch immer wütend, kurbelte Madeline das Seitenfenster runter und zündete sich eine Zigarette an.

»Rauchst du etwa noch?«, fragte der Florist mit mahnendem Unterton. »Wie unvernünftig.«

»Halt die Klappe«, gab sie zurück und blies, um ihn zu provozieren, eine Rauchwolke in seine Richtung.

»Nein! Nicht in meinem Wagen! Ich will nicht, dass es hier drinnen nach Tabak stinkt!«

Als der Lieferwagen an einer roten Ampel hielt, nutzte sie die Gelegenheit, um nach ihrem Koffer zu greifen und die Beifahrertür zu öffnen.

»Aber, Madeline, was machst du denn?«

»Ich muss mir in meinem Alter keine billigen Moralpredigten mehr anhören. Ich gehe zu Fuß weiter.«

»Nein, warte, du . . .«

Sie warf die Tür zu und entfernte sich mit weit ausholenden Schritten.

Es regnete immer noch heftig.

 

[1] siehe Musso »Nachricht von dir«, Pendo Verlag 2012

 

 

3.

 

»Der Streik?«, rief Gaspard. »Welcher Streik?«

Schicksalsergeben zuckte der Kofferträger mit den Schultern und machte eine vage Geste.

»Ach, wie immer, Sie kennen das ja . . .«

Um sich gegen die Regenböen zu schützen, beschattete Gaspard die Augen mit der Hand. Er hatte natürlich nicht daran gedacht, einen Regenschirm mitzunehmen.

»Das heißt also, es fahren keine Taxen?«

»Nada. Sie können versuchen, den RER-B zu nehmen, aber da geht nur jeder dritte Zug.«

Na toll, lieber sterben.

»Und die Busse?«

»Keine Ahnung«, erwiderte der Angestellte und zog ein letztes Mal an seiner Zigarette.

Wütend kehrte Gaspard ins Gebäude zurück. In einem Zeitungsshop blätterte er in der aktuellen Ausgabe von Le Parisien. Der Titel sagte alles: »Le grand blocage«. Taxifahrer, Eisenbahner, Angestellte der Pariser Verkehrsbetriebe, Fluglotsen, Stewardessen und Flugbegleiter, Fernfahrer, Dockarbeiter, Postboten, Müllmänner: Sie alle hatten sich zusammengetan und drohten der Regierung, das Land lahmzulegen, um die Politiker zu zwingen, einen bestimmten Gesetzestext zurückzunehmen. Der Zeitungsartikel präzisierte, man könne sich auf andere Streiks gefasst machen, und auch eine Blockade der Raffinerien sei nicht auszuschließen, sodass dem Land in den nächsten Tagen das Benzin ausgehe. Um alles noch zu verschlimmern, führte die Seine – nach einer starken Luftverschmutzung Anfang des Monats – historisches Hochwasser. Es gab überall in und um Paris Überschwemmungen, was den Verkehr zusätzlich erschwerte.

Gaspard rieb sich die Augenlider. Immer dasselbe, wenn ich einen Fuß in dieses Land setze . . . Der Albtraum dauerte an, aber nach und nach siegte die Mattigkeit über den Zorn.

Was tun? Hätte er ein Handy gehabt, hätte er Karen anrufen können, damit sie eine Lösung für ihn fände. Aber Gaspard hatte nie ein Mobiltelefon haben wollen. Ebenso wie er auch keinen Computer, kein Tablet, keine E-Mail-Adresse hatte und auch nie das Internet benutzte.

Also machte er sich auf die Suche nach einer Telefonzelle in der Ankunftshalle, doch sie schienen alle verschwunden zu sein.

Die Busse blieben seine letzte Hoffnung. Er trat nach draußen und suchte vergebens nach einem Angestellten, um sich zu erkundigen, brauchte eine gute Viertelstunde, bis er das System der Air-France-Busse verstanden hatte, und sah zwei davon völlig überfüllt davonfahren.

Nach einer halben Stunde Wartezeit – der Regen war noch heftiger geworden – konnte er schließlich in eines der Fahrzeuge steigen. Kein Sitzplatz, nein, das wäre zu schön gewesen, doch er war wenigstens im richtigen Bus, demjenigen, der zur Gare Montparnasse fuhr.

Dicht gedrängt wie Heringe und triefend nass, mussten die Fahrgäste den Kelch bis zur bitteren Neige leeren. Seine Reisetasche fest an sich gepresst, dachte Gaspard an Dostojewskis Definition des Menschen: »Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt.« Und so ließ er sich auf die Füße treten und schubsen, sich ins Gesicht husten und teilte diesen Brutkasten und die bakterienverseuchte Metallstange mit schwitzenden Fremden . . .

Erneut war er versucht, alles aufzugeben und Frankreich zu verlassen, dann aber tröstete er sich damit, dass sein Martyrium ja nicht länger als einen Monat dauern würde. Wenn es ihm gelänge, das Stück in weniger als fünf Wochen fertigzustellen, würde er das Winterende und den Frühlingsanfang in Griechenland verbringen, wo er auf Sifnos ein Segelboot im Hafen liegen hatte. Das würde sechs Monate Schiffsreise zwischen den Kykladen-Inseln bedeuten, ein Leben im Einklang mit den Elementen und einer Explosion der Gefühle und der Farben: das blendende Weiß der Sonne, das Kobaltblau des Himmels, die türkisgrünen Tiefen der Ägäis. In Griechenland fühlte sich Gaspard eins mit der Landschaft, den Pflanzen und den Düften. Nachdem er sich an der Meeresluft berauscht hatte, würde er eintauchen in die Baumheide, sich an den Gerüchen von Thymian, Salbei, Olivenöl und gegrilltem Tintenfisch laben. Ein Glück, das etwa bis Mitte Juni andauerte. Wenn dann die Touristen die Inseln zu überschwemmen drohten, flüchtete er nach Amerika in sein Chalet in Montana.

Dort veränderte sich der Lebensstil: ein Zurück zur Natur – in ihrer wildesten und rauesten Form. Seine Tage waren bestimmt von Angelpartien, endlosen Spaziergängen durch die Birkenwälder, an See- und Flussufern entlang. Ein einsames, aber intensives Leben, weit entfernt vom Krebsgeschwür der Städte und ihren gestressten Einwohnern.

Meter für Meter schob sich der Bus über die Autobahn A3. Durch die beschlagenen Fenster konnte Gaspard bisweilen vage die Schilder der nordöstlichen Vororte erkennen: Aulnay-sous-Bois, Drancy, Livry-Gargan, Bobigny, Bondy . . .

Er brauchte dieses einsame Eintauchen in die Natur, um sich zu entgiften, sich reinzuwaschen von den Auswüchsen der Zivilisation. Denn seit Langem schon stand Gaspard Coutances auf Kriegsfuß mit dem Treiben und dem Chaos einer Welt, die ihrem Untergang entgegenging. Einer Welt, die an allen Ecken und Enden ins Wanken geriet und die er nicht mehr verstand. Als guter Misanthrop fühlte er sich den Bären, Raubvögeln und Schlangen näher als seinen sogenannten Mitmenschen. Und er war stolz darauf, mit einer Welt gebrochen zu haben, für die er nur Hass empfand. Stolz darauf, einen Großteil der Zeit außerhalb der Gesellschaft und ihrer Regeln leben zu können. Deshalb hatte er seit fünfundzwanzig Jahren keinen Fernseher mehr eingeschaltet, wusste so gut wie nichts vom Internet und fuhr einen Dodge aus den späten 1970er-Jahren.

Sein Einsiedlerleben resultierte aus einer entschiedenen, aber nicht radikalen Askese. Er erlaubte sich bisweilen, wenn sich die Gelegenheit bot, einen Verstoß gegen seine eigenen Grundsätze. So kam es vor, dass er seine Berge oder sein Versteck in Griechenland verließ, um ein Konzert von Keith Jarrett in Juan-les-Pins, eine Brueghel-Retrospektive in Rotterdam oder eine Tosca-Aufführung in der Arena von Verona zu besuchen. Und dann gab es besagten Schreib-Monat in Paris. Nachdem er sein Theaterstück während eines Jahres im Kopf hatte reifen lassen, setzte er sich täglich für etwa sechzehn Stunden an seinen Schreibtisch. Jedes Mal glaubte er, es könnte ihm an Ideen und Inspiration mangeln, doch jedes Mal kam ein mysteriöser Prozess in Gang. Worte, Situationen, Dialoge ergaben sich wie von selbst und bildeten ein kohärentes Ganzes.

Seine Stücke wurden heute in fast zwanzig Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt aufgeführt. Allein im letzten Jahr wurden an die fünfzehn Inszenierungen in Europa und den Vereinigten Staaten gespielt; eines seiner letzten Stücke, Ghost Town, sogar an der Schaubühne, dem mythischen Berliner Theater, und für einen Tony Award nominiert. Seine Geschichten gefielen vor allem den intellektuellen Kritikern, die seine Arbeit ein wenig überinterpretierten und irgendwie vielleicht auch überschätzten.

Gaspard wohnte nie den Aufführungen seiner Stücke bei und gab auch keine Interviews. Anfangs hatte Karen sich Sorgen gemacht, weil er nicht in den Medien präsent war, diese Reserviertheit dann aber genutzt, um das »Mysterium Gaspard Coutances« zu erschaffen. Je weniger er sich blicken ließ, desto mehr lobte ihn die Presse. Man verglich ihn mit Kundera, Pinter, Schopenhauer, Kierkegaard. Gaspard fühlte sich alles andere als geschmeichelt durch diese Komplimente, hatte er doch immer gedacht, sein Erfolg rühre von einem Missverständnis her.

Hinter Bagnolet schlich der Bus eine Ewigkeit über den Périphérique, bevor er über den Quai de Bercy den Bahnhof Gare de Lyon erreichte. Dort angekommen, legte er einen endlos langen Stopp ein, um die Hälfte der Fahrgäste aussteigen zu lassen, bevor er weiter in Richtung Westen fuhr.

Gaspards Theaterstücke resultierten alle aus derselben Grundhaltung – der Absurdität und Tragik des Lebens, der Einsamkeit der conditio humana. Sie zeigten seine Aversion gegen den Wahnsinn seiner Epoche und waren bar jeder Illusion, jeder Form von Optimismus oder Happy End. Doch wenn seine Arbeiten auch von Verzweiflung und Grausamkeit geprägt waren, wiesen sie doch eine gewisse Komik auf. Gewiss, es war nicht Die große Sause oder Ein Käfig voller Narren, aber es waren dynamische Stücke voller Leben. Wie Karen sagte, ließen sie den Zuschauer glauben, er sei frei, und den Kritiker, er sei intelligent. Das erklärte vielleicht die Begeisterung des Publikums und auch die der gefragtesten Schauspieler, die sich darum rissen, seine Rollen verkörpern zu dürfen.

Eben hatten sie die Seine überquert. Auf dem Boulevard Arago erinnerte die triste und zerrupfte Weihnachtsdeko Gaspard daran, wie sehr er diese Zeit hasste und was aus diesem Fest geworden war: ein kommerzielles und banales Event. Schließlich hielt der Bus an der Place Denfert-Rochereau, direkt vor dem Eingang zu den Katakomben. Um den mächtigen Lion de Belfort herum schwenkte eine kleine Gruppe von Demonstranten ihre Fahnen in den Farben der CGT, FO und FSU, den drei wichtigsten französischen Gewerkschaften. Der Fahrer ließ das Seitenfenster herunter, um mit einem Polizisten zu sprechen, der den Verkehr regelte. Gaspard lauschte angestrengt und verstand, dass die Avenue du Maine sowie alle Straßen zur Tour Montparnasse gesperrt waren.

Die Bustüren öffneten sich quietschend.

»Endstation, alle aussteigen!«, verkündete der Fahrer in belustigtem Tonfall, obwohl er seine Passagiere einem traurigen Schicksal überließ.

Draußen tobte das Gewitter immer heftiger.

Buchtrailer

»In seinem neuen Thriller offenbart Musso eine weitere Nuance seiner Vorstellungskraft.
Wie ein Gemälde lässt er den Roman Schicht um Schicht entstehen - und das gelingt ihm unvergleichlich gut.«


Pierre Vavasseur, Le Parisien

Über Guillaume Musso

Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren und kam bereits im Alter von zehn Jahren mit der Literatur in Berührung, als er einen guten Teil der Ferien in der von seiner Mutter geleiteten Stadtbibliothek verbrachte. Da die USA ihn von klein auf faszinierten, verbrachte er mit 19 Jahren mehrere Monate in New York und New Jersey. Er jobbte als Eisverkäufer und lebte in Wohngemeinschaften mit Menschen aus den verschiedensten Ländern. Mit vielen neuen Romanideen kehrte er nach Frankreich zurück. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, wurde als Lehrer in den Staatsdienst übernommen und unterrichtete mit großer Leidenschaft. Ein schwerer Autounfall brachte ihn letztendlich zum Schreiben. In »Ein Engel im Winter« verarbeitet er eine Nahtoderfahrung – und wird über Nacht zum Bestsellerautor. Seine Romane, eine intensive Mischung aus Thriller und Liebesgeschichte, haben ihn weltweit zum Publikumsliebling gemacht. Weltweit wurden mehr als 22 Millionen Bücher des Autors verkauft, er wurde in 38 Sprachen übersetzt.

Interview mit Guillaume Musso über seinen neuen Roman

»Das Atelier in Paris« beginnt mit einem unerwarteten Treffen: Madeline, eine Londoner Ex-Polizistin, und Gaspard, ein amerikanischer Schriftsteller, sind nach einem Missverständnis dazu gezwungen, sich in Paris die gleiche Unterkunft zu teilen. Wie sind Sie darauf gekommen?
Dieser Roman spukte mir schon lange im Kopf herum. Es ging mir darum, einen Zustand der Spannung zwischen zwei Figuren aufzubauen. Gaspard hat vor, sich einen Monat lang einzuigeln, um ein neues Theaterstück zu schreiben. Madeline will sich ausruhen, bevor sie sich einer der größten Herausforderungen ihres Lebens stellt. An dem Punkt, an dem die Geschichte beginnt, sind dieser Mann und diese Frau verzweifelt auf der Suche nach Einsamkeit, und der IT-Fehler, der sie zum Zusammenwohnen nötigt, ist für sie ein wahrer Albtraum.
Gleichzeitig wollte ich mich auch von den üblichen Codes abwenden und die Erwartungen der Leser durchkreuzen, indem ich von einer Situation ausgehe, die an eine romantische Komödie erinnert, aber dann sehr schnell in eine recht düstere Ermittlungsarbeit und eine persönliche Tragödie abgleitet.

Der faszinierendste Protagonist Ihrer Geschichte weilt schon nicht mehr unter den Lebenden. Der Roman wird gewissermaßen von einer Figur namens Sean Lorenz heimgesucht, einem außergewöhnlichen Maler, der in den Neunzigern begann, die New Yorker U-Bahnen mit Graffiti zu besprühen. Woher kam Ihre Verlangen, den ersten Teil Ihres Buches im modernen Kunstbetrieb anzusiedeln?
Ich arbeite seit Jahren immer wieder an dieser Geschichte. Sie ist direkt mit der ersten Wohnung verbunden, die ich bewohnt habe, als ich mich in Paris niederließ. Diese lag gegenüber einer Galerie für moderne Kunst, und jeden Morgen war ich beim Vorbeigehen fasziniert von einem Gemälde mit bezaubernden Farben, das einen wie ein Strudel einzusaugen schien.
Dieses Gemälde war der Funke, der meinen Roman zum Zünden brachte. Sean Lorenz dagegen ist die Essenz mehrerer Künstler und Maler, deren Arbeit ich schätze, und die zum Glück kein solch tragisches Schicksal erfahren mussten: Jonone, Invader, Gerhard Richter, Pierre Soulages, Nicolas de Staël…
Es stimmt, dass Sean Lorenz trotz seiner Abwesenheit zum Grundpfeiler der Handlung wird. Seine Malerei – die gleichzeitig blendet und ein Unwohlsein auslöst – ist eine Falle, die über meinen Helden zuschnappen wird.
Auch wenn sie es eigentlich gar nicht geplant hatten, müssen sich Madeline und Gaspard auf die Suche nach den letzten Gemälden des Künstlers begeben, um herauszufinden, was sie verbergen. Diese Recherche, die wie eine Schnitzeljagd beginnt, wird sich bald als sehr viel düsterer und tragischer erweisen, als sie es sich jemals vorgestellt haben.

Madeline und Gaspard sind zwei vom Leben recht gebeutelte Protagonisten, die aus unterschiedlichen Gründen Verzicht und Einsamkeit gewählt haben. Um ihre Nachforschungen bis zum Ende durchzuziehen, müssen sie sich ihren Dämonen stellen und drastische Entscheidungen fällen. Ist »Das Atelier in Paris« derjenige Ihrer Romane, bei dem die innere Suche Ihrer Protagonisten am stärksten im Vordergrund steht?
Was mich bei einem Krimi oder Thriller am meisten interessiert, ist gerade dieser Moment, wenn der Kampf gegen sich selbst schwieriger wird als der gegen ein ›Böses‹, das von außen kommt. Wenn die Suche sich in eine innere Suche verwandelt, wenn die wirkliche Spannung mindestens genauso sehr im Hirn und der Psyche der Protagonisten verankert ist wie in den Wendungen des ›Falls‹. So steht viel mehr auf dem Spiel, und das mit einer höheren Komplexität.
Seit »Nacht im Central Park« ist Identität das zentrale Thema meiner Romane. Woher soll man wissen, wer man wirklich ist? Was in einem steckt? Was will man wirklich vom Leben und was ist man bereit, dafür zu opfern? Wie Jean-Christophe Grangé ganz richtig sagt, ist »das Leben nur ein Thriller, eine Ermittlung, die man jeden Tag an sich selbst durchführt, um die eigenen Schattenseiten zu erhellen«. Tatsächlich ist der Thriller ein ausgezeichnetes Mittel, um diese Themen anzugehen, denn Gefahr setzt die Protagonisten unter Druck und treibt sie in die Enge, wodurch ihre Persönlichkeiten zum Vorschein kommen und ihre Vergangenheit anhand dessen, was sie jetzt erleben, neu interpretiert wird. Sie können sich nicht mehr hinter ihren Gewohnheiten oder gesellschaftlichen Konventionen verstecken. Es ist wie eine Art Röntgenbild für die Seele.

Durch die Augen von Madeline und Gaspard entdeckt man ein ganzes Stück künstlerischer Schöpfung, zum Teil ein ziemlich düsteres. Sie zitieren Godard, der sagt, dass »die Kunst aus dem ensteht, was brennt«. Ist die Kunst ein Fluch?
Die Frage des ›Brennstoffes‹ der Kunst hat mich immer fasziniert. Wie hoch ist der Preis, den man zahlen muss, um ein Kunstwerk zu erschaffen? Aus Neugier und Leidenschaft informiere ich mich gern über die Biographien von Künstlern, die ich bewundere. Die Geschichte zeigt uns, dass geniale Werke nur selten in einem Zustand der Ausgeglichenheit entstehen, und sie ist voller Anekdoten über die Pein und Marter, die mit dem Schaffensprozess einhergeht. Besonders wahr ist das in der Malerei, wenn man an das bittere Schicksal von Nicolas de Staël denkt, an Modigliani oder Jean-Michel Basquiat. Auch der abenteuerlich-apokalyptische Dreh bestimmter Filme wurde zur Legende: Hitchcock und Clouzot terrorisierten ihre Schauspieler, Friedkin und Herzog hätten fast ihr Leben im Dschungel verloren.
In meinem Roman findet Sean Lorenz seine Schaffenskraft, indem er aus der Kraft seiner Nächsten schöpft oder sie vielmehr plündert, auch auf die Gefahr hin, sie zugrunde zu richten. Erst nach der Geburt seines Sohnes hört er mit dieser ›kreativen Zerstörung‹ auf, doch damit hört er auch auf zu malen…

Madeline bemüht sich, ›ganz allein‹ ein Kind zu bekommen, der Maler Sean Lorenz hat einen kleinen Jungen verloren, wodurch Lorenz alle Lebenskraft verlor, und Gaspard weigert sich, ein Kind in diese schreckliche Welt zu setzen. Das Thema der Elternschaft ist in diesem Roman sehr präsent. Hilft Ihnen das Schreiben darüber, Ihre eigenen Ängste auszutreiben?
Die Frage der Elternschaft ist oft eng verbunden mit Fragen nach den Wurzeln, dem Vermächtnis und der Persönlichkeitsentwicklung sowie unserer Vorstellung von der Zukunft. Die beiden Hauptpersonen werden mit ihrem komplizierten Verhältnis zur Vater- oder Mutterschaft konfrontiert: Madeline behauptet, ein Kind haben zu wollen, weiß aber im Grunde ihres Herzens, dass sie das vielleicht nicht aus den richtigen Gründen tut. Gaspard hingegen ist dem absolut abgeneigt, doch letzten Endes ist er derjenige, der die Zügel in die Hand nimmt und die Nachforschungen über das Verschwinden des kleinen Julian Lorenz in die Hand nimmt. Was die Frage betrifft, ob das Schreiben über ein Thema unsere Ängste verstärkt oder lindert – da kann man sich streiten…

Ein sehr interessanter Aspekt des Romans sind die Perspektivwechsel, die ein Ereignis auf verschiedene Arten erhellen. Ist das ein Weg, um zu zeigen, dass es die absolute Wahrheit nicht gibt?
Dieses Kaleidoskop von Blickwinkeln und Erinnerungen, die sich teils widersprechen, reflektiert die Subjektivität und die Ungreifbarkeit bestimmter ›Wahrheiten‹. Bei einem Cold Case kann man die Vergangenheit auf eine stimulierende und spielerische Weise wieder aufnehmen, und man kann sehr reichhaltige, da nuancierte Charaktere zeichnen, angelehnt an Menschen, die man im Leben trifft. Viele meiner Lieblingsgeschichten – von »Rashomon« von Kurosawa über »Laura« von Preminger bis hin zu »Das Urteil am Kreuzweg« von Iain Pears – bedienen sich dieser Methode.
Und auch vom Blickwinkel des Schreibens aus gesehen ist dieses Vorgehen eine Möglichkeit, die Spannung auf eine unerwartetere Art aufrechtzuerhalten als bei den Cliffhangern, an die sich die Leser meiner Meinung nach langsam schon gewöhnt haben. Sie decken die Überraschungen inzwischen ganz schön oft selbst auf! Heutzutage will ich als Autor nicht einfach nur eine originelle Geschichte erzählen, sondern auch Mittel des Erzählens finden, die sie auf eine aufregende Art und Weise in Szene setzen.

Der Roman ist zweiteilig aufgebaut: Zwei Epochen, zwei Protagonisten, zwei Orte, mit einem zweiten ›amerikanischen‹ Teil nach einer langen Paris-Episode…
Das stimmt, der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, und jeder Ort besitzt seinen eigenen Rhythmus. Der ›Pariser‹ Teil widmet sich ganz der Kunst und der Malerei. Der Rhythmus ist darauf abgestimmt, die Charaktere werden gezeichnet und man lässt sich vor allem auf das faszinierende Universum von Sean Lorenz und seinem unglaublichen Atelier ein. Paris erscheint dort als kontrastreiche Stadt, die mal laut und griesgrämig wirkt, mal als Schutzort für Enklaven außerhalb der Zeit dient, die die Schaffenskraft anregen. Der New Yorker Teil hingegen ist der Bereich des Thrillers, der Nachforschungen und der Action, im leuchtenden, aber kalten Nordosten Amerikas.
Diese Zweiteiligkeit spiegelt sich auch auf der Personenebene wider. Anders, als man auf den ersten Blick glauben könnte, ist Madeline das dunkle, kalte und städtische Element der Geschichte, während Gaspard, der sich als Misanthrop bezeichnet, das ›Yang‹ des Paares darstellt: liebevoller, sonniger und vielleicht auch eher der Zukunft zugewandt. Ich habe es schon oft gesagt: Was ich an Thrillern schätze, ist nicht so sehr die Action als vielmehr die Psychologie der Protagonisten. Von dieser Warte aus gesehen, erlaubt das Gespann, das Madeline und Gaspard bilden, einen Haufen persönlicher Erschütterungen, innerer Abgründe, Zweideutigkeiten und widersprüchlicher Wünsche zu liefern.

Der Erfolg Ihres letzten Werkes, »Das Mädchen aus Brooklyn«, ist beeindruckend und weckt in Ihren Lesern noch höhere Erwartungen. Wie gehen Sie an die Veröffentlichung dieses vierzehnten Romans heran?
Mit »Nacht im Central Park« und »Das Mädchen aus Brooklyn« habe ich mich auf Geschichten konzentriert, die etwas düsterer sind und die sich stärker zu ihrer krimihaften Seite bekennen. Ich bin begeistert, dass mir die Leser in Frankreich und anderswo bei diesem Richtungswechsel gefolgt sind. »Das Atelier in Paris« vertieft diesen Graben, aber über die Genres hinaus bleibt mein ›Vertrag‹ mit den Lesern der gleiche: Ich will sie überraschen, ihnen ein originelles Leseerlebnis bieten, einen Moment, in dem sie sich an einen anderen Ort versetzen, ja flüchten können. Letzten Endes ist ein guter Roman für mich einer, der uns an einen anderen Ort entführt, und auf den man sich freut, wenn man abends nach Hause kommt.

»Dieses Buch macht süchtig.«


Marie Claire

Hörprobe zu »Das Atelier in Paris«

Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.

»Ein aufwühlender Thriller, der einem den Atem raubt.«


France Info

Weitere Bücher von Guillaume Musso
Hörproben
»Das Mädchen aus Brooklyn«

Stell dir vor, ich hätte etwas Schreckliches getan.
Würdest du mich trotzdem lieben?

 


Diese Frage stellt Anna ihrer großen Liebe Raphaël nur wenige Wochen vor der Hochzeit. Raphaël ist überzeugt, dass Anna die Frau seines Lebens ist und er sie immer lieben wird. Doch dann offenbart sie ihm ein grausames Geheimnis – und verschwindet spurlos. Wer ist die Frau, mit der er sein Leben verbringen will, wirklich? Für Raphaël beginnt eine atemlose, dramatische Suche nach der Wahrheit, die ihn bis in die dunklen Straßen von New York führt.

ZUR LESEPROBE

Blick ins Buch
Das Mädchen aus BrooklynDas Mädchen aus BrooklynDas Mädchen aus Brooklyn

Roman

Raphaël ist überglücklich, in wenigen Wochen wird er seine große Liebe Anna heiraten. Aber wieso weigert sie sich beharrlich, ihm von ihrer Vergangenheit zu erzählen? Während eines romantischen Wochenendes an der Côte d’Azur bringt Raphaël sie dazu, ihr Schweigen zu brechen. Was Anna dann offenbart, übersteigt alle seine Befürchtungen. Sie zeigt ihm das Foto dreier Leichen und gesteht: »Das habe ich getan.« Raphaël ist schockiert. Wer ist die Frau, in die er sich verliebt hat? Doch ehe Anna sich ihm erklären kann, verschwindet sie spurlos. Raphaël bittet seinen Freund Marc, einen ehemaligen Polizisten, um Hilfe. Gemeinsam setzen sie alles daran, seine Verlobte wiederzufinden – der Beginn einer dramatischen, atemlosen Suche nach der Wahrheit, die sie bis in die dunklen Straßen von Harlem und Brooklyn führt.
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Antibes,

Mittwoch, 31. August 2016

 

Drei Wochen vor unserer Hochzeit kündigte sich dieses lange Wochenende wie ein kostbares Intermezzo an – ein Moment der Intimität unter der Spätsommersonne der Côte d’Azur.

Der Abend hatte wunderbar begonnen: Spaziergang auf der Befestigungsmauer der Altstadt, ein Glas Merlot auf einer Terrasse und ein Teller Spaghetti mit Venusmuscheln unter dem steinernen Gewölbe des Michelangelo. Wir hatten über deinen Beruf gesprochen und über meinen und auch über die bevorstehende Zeremonie, die im kleinsten Rahmen geplant war. Zwei Freunde als Trauzeugen und mein Sohn Theo zum Beifallklatschen.

Auf dem Rückweg fuhr ich mit unserem gemieteten Cabrio langsam über die kurvenreiche Küstenstraße, damit du die Aussicht auf die kleinen Buchten des Kaps genießen konntest. Ich erinnere mich genau an diesen Augenblick: an deine klaren smaragdgrünen Augen, deinen unkonventionellen Haarknoten, deinen kurzen Rock, deine dünne Lederjacke, die du offen über einem kräftig gelben T-Shirt mit dem Slogan »Power to the people« trugst. Wenn ich in den Kurven schalten musste, betrachtete ich deine gebräunten Beine, wir tauschten ein Lächeln aus, du trällertest einen alten Hit von Aretha Franklin. Alles war gut. Die Luft war mild und erfrischend. Ich erinnere mich genau an diesen Moment: an das Funkeln in deinen Augen, dein strahlendes Gesicht, deine Haarsträhnen, die im Wind flatterten, deine Finger, die auf dem Armaturenbrett den Takt klopften.

Die Villa, die wir gemietet hatten, lag in der Domaine des Pêcheurs de Perles, einer geschmackvollen Wohnanlage mit einem Dutzend Häuser oberhalb des Meers. Während wir die Kiesallee durch den duftenden Pinienwald hinauffuhren, hast du beim Anblick des spektakulären Panoramas vor Begeisterung die Augen aufgerissen.

Ich erinnere mich genau an diesen Moment: Es war das letzte Mal, dass wir glücklich waren.

 

 

Das Zirpen der Grillen. Das Wiegenlied der Brandung. Die leichte Brise, die seidige feuchte Luft.

Auf der Terrasse, die sich zum Felsrand hin erstreckte, hattest du Duftkerzen und Windlichter angezündet, die die Mücken vertreiben sollten, ich hatte eine CD von Charlie Haden aufgelegt. Wie in einem Roman von F. Scott Fitzgerald hatte ich mich hinter die Theke der Freiluftbar begeben, wo ich uns einen Cocktail mixte. Deinen Lieblingscocktail: einen Long Island Iced Tea mit viel Eis und einer Limettenscheibe.

Selten hatte ich dich so heiter gesehen. Wir hätten einen schönen Abend verbringen können. Wir hätten einen schönen Abend verbringen müssen. Stattdessen war ich von einem Gedanken wie besessen, der mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf ging, den ich bislang jedoch unterdrückt hatte: »Weißt du, Anna, wir dürfen keine Geheimnisse voreinander haben.«

Warum stieg diese Angst, dich nicht wirklich zu kennen, ausgerechnet an diesem Abend wieder in mir hoch? War es die kurz bevorstehende Hochzeit? Die Angst vor diesem Schritt? Das Tempo, in dem wir beschlossen hatten, uns zu binden? Sicher eine Mischung aus allem, wobei meine eigene Geschichte noch hinzukam, die durch den Verrat von Menschen geprägt war, die ich zu kennen geglaubt hatte.

Ich reichte dir dein Glas und nahm dir gegenüber Platz.

»Ich meine es ernst, Anna. Ich will nicht mit einer Lüge leben.«

»Das trifft sich gut, ich nämlich auch nicht. Aber nicht mit einer Lüge zu leben, das bedeutet nicht, keine Geheimnisse zu haben.«

»Du gibst es also zu: Du hast welche!«

»Aber alle haben doch Geheimnisse, Raphaël! Und das ist auch gut so. Unsere Geheimnisse prägen uns. Sie sind ein Teil unserer Identität, unserer Geschichte, unserer Rätselhaftigkeit.«

»Ich habe keine Geheimnisse vor dir.«

»Ach, das solltest du aber!«

Du warst enttäuscht und wütend. Und ich war es auch. Die ganze Freude und gute Laune vom Beginn dieses Abends waren verflogen.Wir hätten das Gespräch an dieser Stelle abbrechen müssen, aber ich ließ nicht locker, wobei ich sämtliche Argumente aufbot, um zu der Frage zu kommen, die mich nicht losließ.

»Warum weichst du mir immer aus, wenn ich etwas über deine Vergangenheit wissen möchte?«

»Weil die Vergangenheit definitionsgemäß vergangen ist. Man kann sie nicht mehr rückgängig machen.«

Ich reagierte gereizt.

»Du weißt genauso gut wie ich, dass die Vergangenheit Aufschluss über die Gegenwart gibt. Was, um Himmels willen, versuchst du vor mir zu verbergen?«

»Nichts, was unserer Beziehung gefährlich werden könnte. Vertrau mir! Vertrau uns!«

»Hör auf mit diesen Floskeln!«

Ich hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, woraufhin du zusammengezuckt warst. Dein schönes Gesicht veränderte sich und zeigte jetzt einen Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst.

Ich war wütend, weil ich unbedingt beruhigt werden wollte. Ich kannte dich erst seit sechs Monaten, und seit unserer ersten Begegnung hatte ich alles an dir geliebt. Aber ein Teil dessen, was mich anfangs betört hatte – deine Rätselhaftigkeit, deine Reserviertheit, deine Diskretion, deine Zurückhaltung –, waren jetzt Anlass zu einer Angst geworden, die mich fest im Griff hatte.

»Warum willst du unbedingt alles verderben?«, fragtest du, und in deiner Stimme lag Überdruss.

»Du kennst mein Leben. Ich habe mich schon ein Mal getäuscht und kann mir keinen Irrtum mehr erlauben.«

Ich wusste, wie sehr ich dir wehtat, aber ich hatte das Gefühl, ich würde alles hören können, würde aus Liebe zu dir alles ertragen. Solltest du mir etwas Schmerzliches zu gestehen haben, würde ich die Last mit dir teilen und sie damit für dich erleichtern.

Ich hätte den Rückzug antreten und aufhören sollen, aber die Diskussion ging weiter. Und ich habe dir nichts erspart. Denn ich spürte, dass du mir dieses Mal etwas anvertrauen würdest. Also habe ich meine Pfeile systematisch platziert, um dich so zu erschöpfen, dass du dich nicht mehr verteidigen würdest.

»Ich suche nur die Wahrheit, Anna.«

»Die Wahrheit! Die Wahrheit! Du führst dieses Wort im Mund, aber hast du dich jemals gefragt, ob du in der Lage wärst, die Wahrheit auch zu ertragen?«

Dieses Wortgefecht säte Zweifel in mir. Ich erkannte dich nicht wieder. Dein Eyeliner war verlaufen, und in deinen Augen brannte ein Feuer, das ich bisher noch nicht gesehen hatte.

»Du willst wissen, ob ich ein Geheimnis habe, Raphaël? Die Antwort lautet: Ja! Du willst wissen, warum ich nicht mit dir darüber sprechen will: Weil du, sobald du es kennst, nicht nur aufhören wirst, mich zu lieben, sondern mich sogar verabscheuen wirst.«

»Das stimmt nicht, du kannst mir alles sagen.«

Zumindest war ich in diesem Moment felsenfest davon überzeugt, dass nichts, was du mir enthüllen würdest, mich erschüttern könnte.

»Nein, Raphaël, das sind nur leere Worte! Worte, wie du sie in deinen Romanen schreibst, aber die Wirklichkeit ist stärker als Worte.«

Irgendetwas hatte sich verändert. Ein Damm war gebrochen. Jetzt begriff ich, dass auch du dich fragtest, wie viel Mut ich tatsächlich hatte. Auch du wolltest es jetzt wissen. Ob du mich immer lieben würdest, ob ich dich genügend liebte. Ob unsere Beziehung der Granate, die du zünden würdest, standhielte. Dann hast du in deiner Handtasche gewühlt und dein Tablet herausgeholt. Du hast ein Passwort eingegeben und die Foto-App geöffnet. Langsam hast du dich durch die Bilder gescrollt, um ein bestimmtes Foto zu finden. Du hast mir fest in die Augen geblickt, einige Worte gemurmelt und mir das Tablet gereicht. Und ich sah das Geheimnis vor mir, dessen Enthüllung ich dir abgerungen hatte.

»Das habe ich getan«, wiederholtest du mehrmals.

Wie vor den Kopf geschlagen, starrte ich mit leicht zusammengekniffenen Augen auf das Display, bis es mir den Magen umdrehte und ich mich abwenden musste. Ein Frösteln durchlief meinen Körper. Meine Hände zitterten, das Blut pochte mir in den Schläfen. Mit allem hatte ich gerechnet. Ich glaubte, alles im Voraus bedacht zu haben. Aber niemals wäre ich auf diesen Gedanken gekommen.

Mit weichen Knien stand ich auf. Von Schwindel ergriffen, schwankte ich, aber ich zwang mich, mit festem Schritt das Wohnzimmer zu verlassen.

Meine Reisetasche stand noch im Eingang. Ohne dich auch nur anzusehen, nahm ich sie und verließ das Haus.

 

 

Fassungslosigkeit. Gänsehaut. Aufsteigende Übelkeit. Schweißtropfen, die meinen Blick trübten.

Ich schlug die Tür des Cabrios zu und fuhr wie ferngesteuert durch die Nacht. Wut und Verbitterung tobten in mir. In meinem Kopf drehte sich alles: die Brutalität des Fotos, Verständnislosigkeit, das Gefühl, dass mein Leben in Scherben vor mir lag.

Nach einigen Kilometern bemerkte ich die gedrungene Silhouette des Fort Carré, auf einem Hügel hinter dem Hafen erbaut, um die Stadt zu verteidigen.

Nein. So konnte ich nicht gehen. Ich bedauerte mein Verhalten bereits. Unter dem Schock hatte ich die Fassung verloren, aber ich konnte nicht verschwinden, ohne mir deine Erklärungen anzuhören.

Ich trat auf die Bremse und wendete mitten auf der Straße, wobei ich auf den unbefestigten Seitenstreifen geriet und beinahe mit einem Motorradfahrer zusammengestoßen wäre, der in der Gegenrichtung fuhr.

Ich musste dich dabei unterstützen, diesen Albtraum aus deinem Leben zu verjagen. Ich musste mich so verhalten, wie ich es versprochen hatte, musste deinen Schmerz verstehen, ihn mit dir teilen und dir helfen, ihn zu überwinden. Mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr ich die Straße zurück: Boulevard du Cap, Plage des Ondes, Port de l’Olivette, Batterie du Graillon, dann die schmale Straße entlang, die zu dem Privatgrundstück führte.

Ich parkte das Auto unter den Pinien und eilte zum Haus, dessen Eingangstür halb offen stand.

»Anna!«, rief ich, während ich in den Vorraum stürzte.

Im Wohnzimmer war niemand. Der Boden war von Glasscherben übersät. Ein mit Nippes vollgestelltes Regal war umgestürzt und hatte den niedrigen Glastisch zerbrochen, der in tausend Stücke zersprungen war. Mitten in diesem Chaos lag der Schlüsselbund mit dem Anhänger, den ich dir wenige Wochen zuvor geschenkt hatte.

»Anna!«

Die große, von Vorhängen gerahmte Glasfront stand offen. Ich schob die im Wind flatternden Stoffbahnen zur Seite und trat auf die Terrasse. Wieder rief ich deinen Namen. Ich wählte deine Handynummer, aber mein Anruf wurde nicht angenommen.

Ich sank auf die Knie. Wo warst du? Was war in den zwanzig Minuten meiner Abwesenheit geschehen? Welche Büchse der Pandora hatte ich geöffnet, als ich die Vergangenheit heraufbeschwor?

Ich schloss die Augen und sah Bruchstücke unseres gemeinsamen Lebens vorüberziehen. Sechs Monate des Glücks, die sich, wie ich erahnte, soeben für immer in Luft aufgelöst hatten. Verheißungen einer Zukunft, einer Familie, eines Babys, die nie Wirklichkeit werden würden.

Ich machte mir Vorwürfe.

Was nützte die Behauptung, jemanden zu lieben, wenn man nicht in der Lage war, diesen Menschen zu beschützen?

 

 

Erster Tag

Verwischte Spuren

 

 

 

1. Der Papiermensch

 

 

Sobald ich kein Buch mehr unter der Feder habe

oder davon träume, eins zu schreiben,

fühle ich eine Langeweile, dass ich weinen könnte.

Das Leben erscheint mir wirklich nur erträglich,

wenn man es beiseiteschiebt.

Gustave Flaubert, Briefe an George Sand

 

1.

Donnerstag, 1. September 2016

 

»Meine Frau schläft jede Nacht mit Ihnen ein, zum Glück bin ich nicht eifersüchtig!«

Entzückt über seinen Geistesblitz, zwinkerte mir der Pariser Taxifahrer im Rückspiegel zu. Er verlangsamte das Tempo und setzte den Blinker, um auf den Autobahnzubringer des Flughafens Orly Richtung Innenstadt zu gelangen.

»Man muss wirklich sagen, dass sie beinahe süchtig nach Ihnen ist. Ich habe auch zwei oder drei Ihrer Bücher gelesen«, fuhr er fort, während er sich über seinen Schnurrbart strich. »Das ist alles sehr spannend, aber mir ist das wirklich zu hart. Diese Morde . . . diese Gewalt . . . Bei allem Respekt, Monsieur Barthélémy, ich finde, Sie haben eine ungesunde Meinung von der Menschheit. Würde man im echten Leben so vielen Gestörten begegnen wie in Ihren Romanen, sähe es schlecht für uns aus.«

Die Augen auf das Display meines Handys gerichtet, tat ich so, als hätte ich ihn nicht gehört. Das Letzte, worauf ich an diesem Vormittag Lust hatte, war, über Literatur oder über den Zustand der Welt zu diskutieren.

Es war 8:10 Uhr, ich hatte das erste Flugzeug genommen, um schnellstens nach Paris zurückzukehren. Annas Handy leitete die Anrufe direkt auf die Mailbox weiter. Ich hatte ihr Dutzende von Nachrichten hinterlassen, hatte sie mit Entschuldigungen überschüttet, ihr meine Unruhe mitgeteilt und sie angefleht zurückzurufen.

Ich war ratlos. Noch nie zuvor hatten wir uns ernsthaft gestritten.

In der Nacht hatte ich kein Auge zugetan, sondern die ganze Zeit über nach ihr gesucht. Zuerst war ich zum Wachdienst des Anwesens gegangen, wo mir der Zuständige mitteilte, dass während meiner Abwesenheit mehrere Wagen auf das Gelände gefahren seien, darunter auch die Limousine eines privaten Chauffeurdienstes.

»Der Fahrer sagte mir, Madame Anna Becker, wohnhaft in der Villa Les Ondes, habe ihn bestellt. Ich rief die Mieterin über das Haustelefon an, und sie bestätigte mir dies.«

»Wie können Sie sicher sein, dass es sich um einen privaten Chauffeurdienst gehandelt hat?«, fragte ich ihn.

»Er hatte auf der Windschutzscheibe den vorgeschriebenen Aufkleber.«

»Und Sie haben keine Ahnung, wohin er sie gefahren haben könnte?«

»Woher soll ich das wissen?«

Der Chauffeur hatte Anna zum Flughafen gebracht. Diese Schlussfolgerung zog ich zumindest, als ich mich einige Stunden später auf der Internetseite von Air France einloggte. Als ich unsere Flugdaten eingab – unsere Tickets hatte ich gekauft –, entdeckte ich, dass die Passagierin Anna Becker ihr Rückflugticket umgebucht hatte auf die letzte Maschine Nizza–Paris dieses Tages. Der für 21:20 Uhr vorgesehene Abflug hatte aus zwei Gründen erst um 23:45 Uhr starten können: wegen der üblichen Verspätungen des Urlauberrückreiseverkehrs und wegen einer EDV-Panne, die jeglichen Start unmöglich gemacht hatte.

Diese Entdeckung hatte mich ein wenig beruhigt. Anna war zwar wütend genug auf mich, um einen Couchtisch zu zertrümmern und vorzeitig nach Paris zurückzufliegen, aber sie war zumindest gesund und wohlbehalten.

Das Taxi verließ die Autobahn mit ihren tristen, Graffiti besprühten Tunneln, um auf den Périphérique zu fahren. Der bereits dichte Verkehr kam bei der Porte d’Orléans noch weiter ins Stocken und dann beinahe ganz zum Erliegen. Die Autos fuhren Stoßstange an Stoßstange, gefangen im bläulichen Abgasdunst der Lastwagen und Busse. Ich schloss mein Fenster. Stickoxid, krebserregender Feinstaub, Hupkonzert, Schimpftiraden. PARIS . . .

Ich hatte den Taxifahrer aus alter Gewohnheit gebeten, mich nach Montrouge zu bringen. Obgleich wir in den letzten Wochen zusammengezogen waren, hatte Anna ihr Appartement behalten, eine Zweizimmerwohnung in einem modernen Wohnhaus in der Avenue Aristide-Briand. Sie hing an dieser Wohnung und hatte die meisten ihrer Sachen noch dort gelassen. Ich hegte die große Hoffnung, dass sie in ihrer Wut auf mich dorthin zurückgekehrt war. Wir drehten eine endlose Schlaufe im Kreisverkehr Vache-Noire, bevor wir in der richtigen Richtung weiterfahren konnten.

»Da wären wir, Monsieur Schriftsteller«, verkündete mein Chauffeur und hielt vor einem modernen, aber reizlosen Gebäude am Straßenrand.

Er hatte eine rundliche, gedrungene Figur, einen kahlen Schädel, einen bedächtigen Blick, schmale Lippen und eine Stimme wie Raoul Volfoni in dem Film Mein Onkel, der Gangster.

»Können Sie kurz auf mich warten?«, fragte ich.

»Kein Problem. Ich lasse das Taxameter weiterlaufen.«

Ich warf die Tür zu und nutzte die Tatsache, dass ein Junge mit Schulranzen auf dem Rücken das Haus verließ, um rasch hineinzuschlüpfen. Der Aufzug war, wie so oft, defekt. Ich stieg die zwölf Stockwerke ohne Pause zu Fuß hinauf, bevor ich außer Atem und erschöpft an Annas Wohnungstür klopfte. Niemand antwortete. Ich spitzte die Ohren, nahm jedoch kein Geräusch wahr.

Anna hatte den Schlüssel zu meiner Wohnung zurückgelassen. Wenn sie nicht zu Hause war, wo hatte sie dann die Nacht verbracht?

Ich klingelte an sämtlichen Türen auf dieser Etage. Der einzige Nachbar, der mir öffnete, war keine Hilfe. Nichts gesehen, nichts gehört: die übliche Devise, die das Gemeinschaftsleben in großen Wohnblocks regelt.

Bitter enttäuscht lief ich wieder hinunter auf die Straße und gab Raoul meine Adresse in Montparnasse.

»Wie lange ist es her seit Ihrem letzten Roman, Monsieur Barthélémy?«

»Drei Jahre«, antwortete ich mit einem Seufzer.

»Ist ein neuer in Vorbereitung?«

Ich schüttelte den Kopf.

»In den kommenden Monaten nicht.«

»Da wird meine Frau aber enttäuscht sein.«

In dem Wunsch, die Unterhaltung zu beenden, bat ich ihn, das Radio lauter zu stellen, um die Nachrichten zu hören. In dem populären Sender kamen gerade die die Neun-Uhr-Kurznachrichten. An diesem Donnerstag, dem 1. September, machten sich zwölf Millionen Schüler wieder auf den Weg in die Schule, François Hollande verlieh seiner Freude über einen leichten Anstieg des Wirtschaftswachstums Ausdruck, wenige Stunden vor dem Ende der Wechselperiode hatte der Fußballverein Paris Saint-Germain sich einen neuen Mittelstürmer geleistet, während sich die Republikaner in den USA darauf vorbereiteten, ihren Kandidaten für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu nominieren . . .

»Ich verstehe das nicht so recht«, beharrte der Taxifahrer. »Haben Sie beschlossen, sich einen schönen Lenz zu machen, oder leiden Sie unter einer Schreibblockade?«

»Das ist alles etwas komplizierter«, antwortete ich und blickte aus dem Fenster.

 

 

Auf der Avenue du Général-Leclerc lief der Verkehr wieder flüssiger. Das Taxi beschleunigte und steuerte auf den hohen Turm von Saint-Pierre-de-Montrouge zu. An der Place d’Alésia bog der Wagen auf die Avenue du Maine ab. Zwischen den Bäumen brach das Sonnenlicht hindurch. Fassaden mit weißen Quadersteinen, unzählige kleine Geschäfte, preiswerte Hotels.  

Obwohl ich geplant hatte, Paris vier Tage fernzubleiben, war ich bereits wenige Stunden nach meiner Abreise wieder zurück. Um meine überstürzte Rückkehr anzukündigen, schrieb ich eine SMS an Marc Caradec, den einzigen Mann, auf den ich genügend zählen konnte, um ihm meinen Sohn anzuvertrauen. Die Vaterrolle hatte mich paranoid gemacht, als könnten die Mord- und Entführungsgeschichten, die ich in meinen Krimis inszenierte, mein Familienleben infizieren. Kurz nach T heos Geburt hatte seine Mutter Nathalie uns verlassen. Seitdem hatte ich nur zwei Menschen erlaubt, sich um ihn zu kümmern: Amalia, der Concierge in meinem Haus, die ich seit beinahe zehn Jahren kannte, und Marc Caradec, meinem Nachbarn und Freund, einem ehemaligen Polizisten der BRB, einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Er beantwortete meine Nachricht umgehend:  

Keine Sorge. Goldlöckchen schläft noch. Ich warte Gewehr bei Fuß, dass er aufwacht: Der Fläschchenwärmer ist eingeschaltet, das Kompottgläschen aus dem Kühlschrank genommen und das Hochstühlchen auf die richtige Höhe eingestellt. Erzähl mir später, was passiert ist. Bis gleich.  

Erleichtert versuchte ich erneut, Anna anzurufen, aber ich erreichte wieder nur ihre Mailbox. Handy ausgeschaltet? Akku leer? Ich legte auf und rieb mir die Augen, noch immer niedergeschlagen von der Geschwindigkeit, in der meine Gewissheiten zusammengebrochen waren. In meinem Kopf ließ ich den Film desVorabends noch einmal ablaufen und wusste nicht mehr, was ich davon zu halten hatte. War unser Glück nur eine Luftblase gewesen, die nun zerplatzt war und eine alles andere als glänzende Realität zum Vorschein brachte? Musste ich mir um Anna Sorgen machen oder mich vor ihr hüten? Die letzte Frage bescherte mir Gänsehaut. Es war schwierig, jetzt auf diese Art an sie zu denken, obwohl ich wenige Stunden zuvor noch davon überzeugt gewesen war, die Frau fürs Leben gefunden zu haben: Die Frau, auf die ich seit Jahren gewartet hatte und mit der ich weitere Kinder haben wollte.  

Ich hatte Anna vor sechs Monaten kennengelernt, in einer Februarnacht in der Kindernotaufnahme des Hôpital Pompidou, wo ich um ein Uhr morgens angekommen war. Theo hatte anhaltend hohes Fieber. Er krümmte sich und verweigerte jede Nahrung. Ich hatte der absurden Versuchung nachgegeben, die Liste seiner Symptome in eine Suchmaschine einzugeben. Beim Durchsehen der Internetseiten war ich zu der Überzeugung gelangt, dass er an einer akuten Meningitis litt. Als ich den überfüllten Wartesaal betrat, starb ich fast vor Sorge. Angesichts der Wartezeit beschwerte ich mich am Empfang: Ich brauchte Gewissheit, ich wollte, dass man meinen Sohn sofort behandelte. Er würde vielleicht sterben, er … »Beruhigen Sie sich, Monsieur.« Eine junge Ärztin war wie durch Zauberhand aufgetaucht. Ich folgte ihr in das Untersuchungszimmer, wo sie Theo sorgfältig abhörte. »Ihr Baby hat geschwollene Lymphknoten«, stellte sie fest, als sie seinen kleinen Hals abtastete. »Der Kleine leidet an einer Mandelentzündung.« »Es ist eine einfache Angina?« »Ja. Die Schluckbeschwerden erklären, warum er die Nahrung verweigert.« »Es vergeht also mit einem Antibiotikum?« »Nein, es handelt sich um eineVirusinfektion. Geben Sie ihm weiter Paracetamol, und er wird in wenigen Tagen wieder gesund sein.« »Sind Sie sicher, dass es keine Meningitis ist?«, insistierte ich, während ich, völlig groggy, Theo wieder in seiner Babyschale festschnallte. Sie hatte gelächelt. »Sie sollten aufhören, im Internet auf medizinischen Seiten zu surfen. Das schürt nur Ängste.« Sie hatte uns in die große Eingangshalle zurückbegleitet.  

 

Als es Zeit war, mich von ihr zu verabschieden, deutete ich, beruhigt durch die Gewissheit, dass mein Sohn wieder gesund würde, auf den Getränkeautomaten und schlug vor: »Darf ich Ihnen einen Kaffee ausgeben?« Nach kurzem Zögern hatte sie ihrer Kollegin gesagt, sie würde eine kleine Pause machen, und wir hatten uns eine Viertelstunde lang angeregt unterhalten. Sie hieß Anna Becker, war fünfundzwanzig Jahre alt und absolvierte das zweite Jahr ihrer Assistenzarztzeit in der Pädiatrie. Ihren weißen Kittel trug sie wie einen Burberry-Regenmantel. Alles an ihr war elegant, ohne spröde zu wirken: die selbstsichere Haltung, ihre unglaublich feinen Gesichtszüge, der sanfte und warmherzige Klang ihrer Stimme. Die Krankenhaushalle, im steten Wechsel zwischen ruhigen Momenten und großer Hektik, badete in einem unwirklichen Licht. Mein Sohn war in seiner Babyschale eingeschlafen. Ich sah Annas Wimpernschlag. Schon lange glaubte ich nicht mehr daran, dass sich hinter einem Engelsgesicht unbedingt eine schöne Seele verbergen musste, aber dennoch ließ ich mich von ihren langen gebogenen Wimpern, ihrer Haut von der Farbe eines Edelholzes und von ihrem glatten Haar betören, das auf beiden Seiten ihres Gesichts symmetrisch herabfiel. »Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte sie und deutete auf die Wanduhr. Trotz der fortgeschrittenen Zeit hatte sie darauf bestanden, uns zum Taxistand zu begleiten, der etwa dreißig Meter vom Ausgang entfernt war. Es war mitten in der Nacht, mitten in einem eiskalten Winter. Einige flauschige Flocken schwebten vom Himmel, der mehr Schnee verhieß. Als ich Anna neben mir spürte, empfand ich uns in einem merkwürdigen Gedankenblitz bereits als Paar. Ja, sogar als Familie. So als würde die Sternenformation am Himmel uns genau dies ankündigen. Als würden wir drei nun nach Hause fahren. Ich schnallte den Babysitz auf der Rückbank fest und wandte mich anschließend zu Anna um. Das Licht der Straßenlaternen verlieh ihrem durch die Kälte sichtbaren Atem eine bläuliche Färbung. Ich suchte nach einer Bemerkung, die sie zum Lachen bringen würde, aber stattdessen fragte ich sie, wann ihr Dienst endete. »Bald, um acht Uhr.« »Wenn Sie zum Frühstück kommen möchten … Der Bäcker an meiner Straßenecke macht fantastische Croissants …« Ich gab ihr meine Adresse, und sie lächelte. Mein Vorschlag hing einen Augenblick in der eiskalten Luft, ohne dass ich eine Antwort bekommen hätte. Dann fuhr das Taxi los, und ich fragte mich auf der Heimfahrt, ob wir beide soeben dasselbe erlebt hatten.

 

 

Guillaume Musso über seinen Roman »Das Mädchen aus Brooklyn

In »Das Mädchen aus Brooklyn« beginnt alles mit einem einfachen Beziehungsstreit an einem Sommerabend. Der Protagonist besteht darauf, alles über die Vergangenheit seiner Verlobten zu erfahren, und plötzlich gerät ihr gemeinsames Leben aus den Fugen… Wie ist Ihnen diese Idee gekommen?

Seit ein paar Jahren spielen Spannungs- und Ermittlungselemente eine immer größere Rolle in meinen Geschichten. Für »Das Mädchen aus Brooklyn« bin ich diesen Weg weitergegangen. Mich hat es fasziniert, auszuprobieren, wie aus einer scheinbar ganz alltäglichen Situation (wie dem Streit eines Paares) über eine Kettenreaktion das Leben der Hauptfiguren und zahlreicher anderer Personen sowohl in Frankreich als auch in den USA vollkommen aus der Bahn geworfen werden kann. Es geht um den Schmetterlingseffekt – eine winzige Kleinigkeit kann eine ganze Reihe von unvorhersehbaren und verheerenden Ereignissen auslösen.

Ich habe die Gewohnheit, Romane zu schreiben, die ich auch selbst gern lesen würde. Mir gefällt der Moment, wenn man nach einem anstrengenden Tag voller Lust und Ungeduld wieder zu seinem Buch greift. Außerdem wollte ich von Anfang an die Intensität der Erzählung in den Vordergrund rücken und sie dabei mit komplexen Figuren und einer dichten Handlung verbinden, die über fünfhundert Seiten hinweg spannend bleibt.

ZUM VOLLSTÄNDIGEN INTERVIEW


»Nacht im Central Park«

Tag der Wahrheit: Guillaume Musso im Interview

Zufallsbegegnungen sind oftmals zentrale Themen Ihrer Romane. Doch wie das Schicksal ihre beiden Protagonisten in „Nacht im Central Park“ zusammenführt, ist ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Viele Jahre hatte ich dieses Bild vor meinem inneren Auge: eine Frau und ein Mann, die sich nicht kennen und gemeinsam ohne Erinnerung mit Handschellen aneinander gekettet an einem öffentlichen Ort erwachen. Es fehlte mir aber lange Zeit die Idee, wie sich daraus eine spannende, logische Geschichte entwickeln kann.

Wie hat sich das geändert?
Ich konzentrierte mich auf die Entwicklung der Haupt-Charaktere. Was zeichnet sie aus? Welche Vergangenheit haben sie? Was beeinfl usst sie in ihrem Handeln? Als mir die „Geschichte“ von Alice klar war, wusste ich, wie die gesamte Story ablaufen könnte.

Was sind die zentralen Themen Ihres Romans?
Es geht um die eigene Identität. Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, was ich vergangene Nacht getan habe, wie gut kenne ich mich dann eigentlich selbst? Gibt es eine unbekannte dunkle Seite in mir? Diesen und ähnlichen Fragen müssen sich Alice und Gabriel im Laufe der Geschichte stellen.

Das Rätsel um Alice und Gabriel beginnt um 8 Uhr morgens und löst sich abends am selben Tag. Wieso haben Sie sich für diesen kurzen Zeitrahmen entschieden?
Ich wollte die Spannung für die Leser bis zum Ende konstant hoch halten. Deshalb habe ich immer neue Wendungen, Überraschungen und Enthüllungen in die einzelnen Handlungsstränge eingebaut.

Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?
Spannung, Überraschungen und unvorhersehbare Ereignisse zeichnen meinen Erzählstil aus. Ich versuche, die Leser mit meinen Geschichten zu fesseln.

Das Ende von „Nacht im Central Park“ ist nicht vorhersehbar. Wie haben die Testleser darauf reagiert?
Die meisten waren überrascht. Und sie baten mich, in Interviews möglichst wenig über die Story zu verraten.

Blick ins Buch
Nacht im Central ParkNacht im Central Park

Roman

New York, acht Uhr morgens. Alice, eine Polizistin aus Paris, und Gabriel, ein amerikanischer Jazzpianist, wachen auf einer Bank im Central Park auf – mit Handschellen aneinander gefesselt. Und sie sind sich nie zuvor begegnet. Wie in aller Welt sind die beiden hierhergekommen? Und vor allem: warum?

Erster Teil
Die Aneinandergeketteten





Kapitel 1

Alice

Ich glaube, dass in jedem Mann ein weiterer Mann steckt: ein Fremder, ein hinterhältiger Kerl.
Stephen King, Zwischen Nacht und Dunkel



Zuerst der starke, schneidende Wind, der über das Ge­­sicht streicht.
Das leichte Rascheln des Laubes. Das entfernte Murmeln eines Bachs. Der dezente Gesang der Vögel. Die ersten Sonnenstrahlen, wahrgenommen durch den Schleier der noch geschlossenen Augenlider.
Dann das Knacken von Zweigen. Der Geruch von feuchter Erde. Von moderndem Laub. Die holzigen und kräftigen Duftnoten grauer Flechten.
Weiter entfernt ein unbestimmtes, unschönes disharmonisches Brummen.

Mühsam öffnete Alice Schäfer die Augen. Das Licht des anbrechenden Tages blendete sie, der Morgentau hatte sich auf ihre Kleidung gelegt. Von kaltem Schweiß durchnässt, fröstelte sie. Ihre Kehle war trocken, und sie hatte einen starken Geschmack nach Asche im Mund. Ihre Gelenke und Gliedmaßen waren steif, ihr Gehirn war wie benebelt.
Als sie sich aufrichtete, stellte sie verdutzt fest, dass sie sich auf einer groben Holzbank befand und ein kräftiger Mann halb auf ihr lag.
Alice unterdrückte einen Schrei, und ihr Herzschlag beschleunigte sich unvermittelt. Bei dem Versuch, sich von ihm zu befreien, glitt sie zu Boden, richtete sich aber sofort wieder auf. Dabei bemerkte sie, dass ihr rechter Unterarm mit Handschellen an das linke Handgelenk des Unbekannten gekettet war. Sie zuckte zu­­rück, doch der Mann bewegte sich nicht.
Scheiße!
Ihr Herz hämmerte wie wild. Ein Blick auf ihre Armbanduhr: Das Zifferblatt ihrer alten Patek Philippe war verkratzt, aber der Mechanismus funktionierte noch, und der ewige Kalender zeigte Dienstag, den 8. Oktober, 8:00 Uhr.
Um Himmels willen! Wo bin ich bloß?, fragte sie sich und versuchte, sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Sie blickte nach allen Seiten, um sich zu orientieren. Sie befand sich mitten in einem Wald mit herbstlich goldfarbenem Laub und dichtem Unterholz. Eine stille Lichtung, umgeben von Eichen, Büschen und felsigen Vorsprüngen. Kein Mensch weit und breit, was angesichts der Umstände sicher vorzuziehen war.
Alice hob den Blick. Das Licht war mild, beinahe un­­wirklich. Tautropfen glitzerten im Blattwerk einer rie­sigen, flammend rot gefärbten Ulme, deren Wurzeln durch einen Teppich aus feuchtem Laub ragten.
Forêt de Rambouillet? Fontainebleau? Bois de Vincennes?, fragte sie sich.
Diese Umgebung, die einer idyllischen impressionistischen Postkartenansicht glich, stand in deutlichem Kontrast zu diesem surrealistischen Erwachen neben einem völlig Unbekannten.
Vorsichtig beugte sie sich vor, um sein Gesicht besser betrachten zu können. Es war ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren mit zerzaustem braunem Haar und Bartstoppeln.
War er womöglich tot?
Sie kniete sich hin und legte, rechts von seinem Adamsapfel, drei Finger an seinen Hals. Der Puls, den sie spürte, als sie einen leichten Druck auf seine Halsschlagader ausübte, beruhigte sie. Der Mann war be­­wusstlos, aber nicht tot. Sie nahm sich die Zeit, ihn einen Moment lang zu mustern. Kannte sie ihn? Vielleicht ein Gauner, den sie ins Gefängnis gebracht hatte? Ein Freund aus Kindheitstagen, den sie nicht wieder­erkannte? Nein, seine Gesichtszüge sagten ihr absolut gar nichts.
Alice schob die blonde Haarsträhne zurück, die ihr über die Augen gefallen war, dann begutachtete sie die Metallhandschellen, die sie mit diesem Kerl verbanden. Es war ein Standardmodell mit Doppelschloss, wie es von vielen Polizei- oder privaten Sicherheitsdiensten überall auf der Welt verwendet wird. Es war sogar wahrscheinlich, dass es sich um ihre eigenen Handschellen handelte. Alice wühlte in der Hosentasche ihrer Jeans, in der Hoffnung, den Schlüssel zu finden.
Er war nicht da. Allerdings spürte sie in der Innen­tasche ihrer Lederjacke einen Pistolenknauf. In der An­­nahme, es handele sich um ihre Dienstwaffe, legte sie erleichtert die Finger um den Griff. Aber es war keine SIG Sauer, wie sie bei der französischen Kriminalpolizei verwendet wird. Es handelte sich vielmehr um eine Glock 22 mit Polymergriff, deren Herkunft ihr unbekannt war. Sie wollte das Magazin überprüfen, was mit einer gefesselten Hand recht schwierig war. Vorsichtig, um den Unbekannten nicht zu wecken, bemühte sie sich, bis es ihr schließlich gelang. Sie sah, dass eine Kugel fehlte, und entdeckte beim Hantieren mit der Waffe angetrocknete Blutflecken am Griff. Sie zog den Reißverschluss ihres Lederblousons ganz auf und stellte fest, dass auch ihre Bluse voller Blut war.
Verdammter Mist! Was habe ich bloß letzte Nacht angestellt?
Alice massierte sich mit der freien Hand die Stirn. Der stechende Schmerz einer Migräne strahlte in ihre Schläfen aus, als würde ihr Schädel von einem unsichtbaren Schraubstock zusammengepresst. Sie atmete tief ein, um ihre Angst zu vertreiben, und versuchte, ihre Erinnerungen zu ordnen.
Am Abend zuvor war sie mit drei Freundinnen aus­gegangen, um auf den Champs-Élysées zu feiern. Sie hatte viel getrunken, einen Cocktail nach dem anderen in verschiedenen Bars: im Moonlight, dem Treizième Étage, dem Londonderry . . . Die vier Freundinnen hatten sich gegen Mitternacht getrennt. Sie war allein zu ihrem Auto gegangen, das sie in einer Tiefgarage an der Avenue Franklin-D.-Roosevelt abgestellt hatte, dann . . .
Blackout. Ein Schleier verhüllte ihre Erinnerungen. Ihr krampfhaft arbeitendes Gehirn förderte nichts zu­­tage. Ihr Gedächtnis war wie gelähmt, blieb bei diesem letzten Bild stehen.
Los, streng dich an, verdammt! Was ist anschließend passiert?
Sie erinnerte sich deutlich, am Kassenautomaten be­­zahlt zu haben und dann ins dritte Untergeschoss hinuntergegangen zu sein. Sie war angetrunken gewesen, ohne Frage. Schwankend hatte sie ihren kleinen Audi erreicht, hatte aufgesperrt, sich auf den Fahrersitz ge­­setzt und . . .
Nichts mehr.
So sehr sie sich auch konzentrierte, eine Mauer aus weißen Ziegeln verwehrte ihr den Zugang zu ihren Erinnerungen. Der Hadrianswall erhob sich vor ihrem Gedächtnis, die gesamte Chinesische Mauer blockierte ihre Bemühungen.
Sie schluckte. Ihre Panik nahm zu. Dieser Wald, das Blut auf ihrer Bluse, die Waffe, die nicht ihre war . . . Das war nicht einfach nur ein Brummschädel nach einem feucht-fröhlichen Abend. Wenn sie sich nicht erinnerte, wie sie hier gelandet war, dann sicher deshalb, weil man sie unter Drogen gesetzt hatte. Vielleicht hatte ein Verrückter ihr Liquid Ecstasy in ein Getränk gekippt! Das war durchaus möglich: Als Polizistin hatte sie es in den letzten Jahren mehrfach mit Fällen zu tun gehabt, bei denen K.-o.-Tropfen eine Rolle gespielt hatten. Sie speicherte diese Idee in einem Winkel ihres Gehirns ab und begann, ihre Taschen zu leeren: Ihr Portemonnaie und ihr Dienstausweis waren verschwunden. Sie hatte weder Papiere noch Geld noch ihr Handy bei sich.
Verzweiflung gesellte sich zu ihrer Angst.
Ein Ast knackte, ein Schwarm Grasmücken flog auf. Einige rot gefärbte Blätter wirbelten durch die Luft und streiften Alices Gesicht. Mit der linken Hand zog sie den Reißverschluss ihres Blousons wieder zu. Dabei bemerkte sie in ihrer Handfläche – wie einst der Spickzettel in der Schule – eine mit Kugelschreiber notierte Abfolge von Ziffern, die bereits zu verblassen drohten:
2125 558 900
Was hatten diese Zahlen zu bedeuten? Hatte sie selbst sie aufgeschrieben? Möglich, aber nicht sicher . . . urteilte sie anhand der Schrift.
Ratlos und verängstigt schloss sie kurz die Augen.
Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Offensichtlich hatte sich in der zurückliegenden Nacht irgend­etwas Schwerwiegendes abgespielt. Aber auch wenn sie keinerlei Erinnerung an diese Episode hatte, würde der Mann, an den sie gekettet war, ihrem Gedächtnis rasch auf die Sprünge helfen. Zumindest hoffte sie das.
Freund oder Feind?
Da sie es nicht wusste, schob sie das Magazin wieder in die Glock und entsicherte die halb automatische Pistole. Mit ihrer freien Hand richtete sie die Waffe auf ihren Begleiter, bevor sie ihn schonungslos schüttelte.
»Hey! Aufwachen!«
Der Mann hatte ganz offensichtlich Schwierigkeiten, zu sich zu kommen.
»Hey, komm zu dir, Alter!«, knurrte sie und rüttelte ihn an der Schulter.
Er blinzelte und unterdrückte ein Gähnen, bevor er sich mühsam aufrichtete. Als er die Augen öffnete, zuckte er beim Anblick der Waffe verschreckt zurück.
Er starrte Alice entgeistert an, schaute sich dann um und nahm fassungslos die ihn umgebende Waldlandschaft zur Kenntnis.
Nach einigen Sekunden der Verblüffung schluckte er und fragte auf Englisch: »Wer, zum Teufel, sind Sie? Was machen wir hier?«




Kapitel 2

Gabriel

Ein Geheimnis, bei dem es unnatürlich zuginge, gibt es nicht.
Gebrüder Grimm



Der Unbekannte hatte mit starkem amerikanischen Ak­zent gesprochen, wobei er das »R« fast völlig verschluckte.
»Wo, zum Teufel, sind wir?« Er runzelte die Stirn.
Alice schloss die Finger noch fester um den Pistolengriff.
»Ich denke, das sollten Sie mir sagen!«, antwortete sie ihm auf Englisch und richtete den Lauf der Glock auf seine Schläfe.
»Ganz ruhig, ja?«, bat er und hob die freie Hand. »Und nehmen Sie Ihre Waffe weg: Die Dinger sind gefährlich . . .«
Noch immer nicht ganz wach, deutete er mit dem Kinn auf seinen Unterarm, der in dem Stahlarmband gefangen war.
»Warum haben Sie mir das da verpasst? Was habe ich dieses Mal angestellt? Prügelei? Trunkenheit am Steuer?«
»Nicht ich habe Ihnen die Handschellen angelegt«, entgegnete sie.
Alice musterte ihn genau: Er trug Jeans, ein Paar Converse Chucks, ein zerknittertes blaues Hemd und ein tailliertes Jackett. Seine hellen, einnehmenden Augen waren von dunklen Schatten umgeben.
»Ganz schön kalt hier«, beklagte er sich und zog die Schultern hoch.
Er senkte den Blick auf sein Handgelenk, um auf seine Armbanduhr zu schauen, aber sie war nicht mehr da.
»Scheiße . . . Wie spät ist es?«
»Acht Uhr morgens.«
So gut er konnte, durchwühlte er seine Taschen und begehrte dann auf: »Aber Sie haben mir ja alles geklaut! Meine Kohle, meine Brieftasche, mein Handy . . .«
»Ich habe Ihnen überhaupt nichts gestohlen«, ver­sicherte Alice. »Mich hat man auch ausgeraubt.«
»Und ich habe eine verdammte Beule«, stellte er fest, während er sich mit seiner freien Hand den Hinterkopf rieb. »Auch damit haben Sie natürlich nichts zu tun?«, schimpfte er, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln: Eine schlanke Blondine mit halb aufgelöstem Haarknoten, bekleidet mit engen Jeans, einer blutbefleckten Bluse, und darüber trug sie einen Lederblouson. Ihre Ge­­sichtszüge waren hart, aber harmonisch – hohe Wangenknochen, schmale Nase, durchscheinender Teint –, und ihre Augen, die durch die kupferfarbenen Reflexe des Herbstlaubes gesprenkelt wirkten, strahlten intensiv.
Ein stechender Schmerz unterbrach ihn in seiner Betrachtung: ein brennendes Gefühl auf der Innenseite seines Unterarms.
»Was ist jetzt los?«, fragte sie seufzend.
»Mein Arm tut weh«, antwortete er und verzog das Gesicht. »Als hätte ich eine Wunde . . .«
Wegen der Handschellen konnte Gabriel weder sein Jackett ausziehen noch den Ärmel seines Hemds hochschieben. Durch einige Verrenkungen gelang es ihm jedoch, eine Art Bandage an seinem Arm zu erkennen. Ein frisch angelegter Verband, von dem eine Blutspur zu seinem Handgelenk führte.
»Gut, Schluss jetzt mit dem Blödsinn!«, rief er entnervt. »Wo sind wir hier? In Wicklow?«
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Wicklow? Wo ist das?«
»Ein Wald im Süden.« Er seufzte.
»Im Süden von was?«, fragte sie.
»Machen Sie sich über mich lustig? Südlich von Dublin!«
Sie sah ihn mit großen Augen an.
»Sie glauben wirklich, dass wir in Irland sind?«
»Wo sollten wir denn sonst sein?«
»Na ja, in Frankreich schätze ich. In der Nähe von Paris. Ich würde sagen im Wald von Rambouillet oder . . .«
»Hören Sie mit Ihren Wahnvorstellungen auf!«, unterbrach er sie. »Und überhaupt, wer sind Sie eigentlich?«
»Ein Mädchen mit einer Knarre. Also stelle ich hier die Fragen.«
Er sah sie herausfordernd an, begriff jedoch, dass er die Situation nicht im Griff hatte.
»Ich heiße Alice Schäfer und bin Kommissarin bei der Kriminalpolizei von Paris. Ich habe den Abend mit Freundinnen auf den Champs-Élysées verbracht. Ich weiß nicht, wo wir uns befinden und wie wir, einer an den anderen gekettet, hierhergekommen sind. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wer Sie sind. Nun sind Sie an der Reihe.«
Nach kurzem Zögern entschloss sich der Unbekannte, seine Identität preiszugeben.
»Ich bin Amerikaner. Ich heiße Gabriel Keyne und bin Jazzpianist. Normalerweise lebe ich in Los Angeles, aber ich bin häufig unterwegs auf Konzertreisen.«
»Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern?«, fragte Alice ihn.
Gabriel runzelte die Stirn und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.
»Also .  . . gestern Abend habe ich mit meinem Bassisten und meinem Saxophonisten im Brown Sugar ge­­spielt, einem Jazzclub im Temple-Bar-Viertel in Dublin.«
In Dublin . . . der Typ spinnt doch!
»Nach dem Konzert habe ich mich an die Bar gesetzt und vielleicht etwas zu sehr dem Cuba Libre zugesprochen«, fuhr Gabriel fort und öffnete die Augen.
»Und dann?«
»Dann . . .«
Er verzog das Gesicht und biss sich auf die Lippe. Offensichtlich fiel es ihm ebenso schwer wie ihr, sich an das Ende des Abends zu erinnern.
»Hören Sie, ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, dass ich mich mit einem Typen gestritten habe, dem meine Musik nicht gefiel. Dann habe ich ein paar Mädchen angemacht, war aber zu besoffen, um mir eine zu angeln.«
»Große Klasse. Sehr elegant, wirklich.«
Er fegte den Vorwurf mit einer Handbewegung beiseite und stand von der Bank auf, sodass Alice seinem Beispiel folgen musste. Mit einer plötzlichen Bewegung des Unterarms zwang sie ihn, sich wieder zu setzen.
»Ich habe den Club gegen Mitternacht verlassen«, versicherte er. »Ich konnte kaum noch aufrecht stehen. Am Aston Quay habe ich ein Taxi herangewunken. Nach wenigen Minuten hielt ein Wagen und . . .«
»Und was?«
»Ich weiß es nicht mehr«, gab er zu. »Ich muss dem Fahrer meine Hoteladresse gegeben haben und auf der Rückbank eingeschlafen sein.«
»Und danach?«
»Nichts, wenn ich es Ihnen doch sage!«
Alice ließ die Waffe sinken und einige Sekunden verstreichen, um über diese schlechten Neuigkeiten nachzudenken. Offensichtlich konnte der Typ ihr nicht helfen, die Situation aufzuklären. Im Gegenteil.
»Ihnen ist schon klar, dass alles, was Sie mir erzählt haben, ein Witz ist?«, sagte Alice schließlich und seufzte.
»Und warum das?«
»Weil wir in Frankreich sind, das ist doch eindeutig!«
Gabriel suchte mit den Augen den Wald ab, der sie umgab: die Bäume, die dichten Büsche, die von Efeu bedeckten Felswände, die goldene Kuppel, die das Herbstlaub bildete. Sein Blick wanderte den entrindeten Stamm einer riesigen Ulme hinauf und entdeckte zwei Eichhörnchen, die, mit schnellen Sprüngen von Ast zu Ast, eine Blaumerle verfolgten.
»Ich wette mein Hemd, dass wir nicht in Frankreich sind«, widersprach er und kratzte sich am Kopf.
»Es gibt jedenfalls nur eine Möglichkeit, das festzustellen«, erwiderte Alice gereizt, steckte ihre Pistole ein und veranlasste ihn, sich zu erheben.
Sie verließen die Lichtung und drangen in den Wald ein. Aneinandergekettet schlugen sie sich durch das dichte Unterholz, folgten verschlungenen Pfaden und mussten immer wieder kleine Bäche überspringen. Sie brauchten etwa dreißig Minuten, um diesem Waldlabyrinth zu entkommen. Schließlich gelangten sie auf eine schmale asphaltierte Allee, deren Bäume über ihren Köpfen ein Gewölbe bildeten. Je weiter sie ihr folgten, desto deutlicher ließen sich die Geräusche der Zivilisation vernehmen.
Ein vertrautes Brummen: der aufsteigende Lärm einer Großstadt . . .
Von einer merkwürdigen Vorahnung ergriffen, zog Alice Gabriel in Richtung eines Sonnenfleckens, der sich in der Ferne abzeichnete. Sie folgten dem Licht, bis sie zu einer Rasenfläche kamen, die offenbar einen See säumte.
Da bemerkten sie sie.
Eine eiserne Brücke, die anmutig in einem weiten Bogen einen Ausläufer des Sees überspannte.
Eine cremefarbene, elegant geschwungene Brücke, verziert mit Blumenschalen.
Eine bekannte Fußgängerbrücke, die in Hunderten von Filmen zu sehen ist.
Die Bow Bridge.
Sie waren weder in Paris noch in Dublin.
Sondern in New York.
Im Central Park.


»Vielleicht morgen«

Guillaume Musso im Interview

Ihr neuer Roman »Vielleicht morgen«, beginnt mit einem E-Mailaustausch zwischen einem Mann und einer Frau, quer durch die Zeit. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Sie kam mir vor einigen Jahren nach der Lektüre eines Zeitungsartikels. Darin ging es um die Schaffung einer Website, über die Internetsurfer E-Mails verschicken können, die der Empfänger erst zu einem vom Absender festgelegten Datum erhält. Das könnte am folgenden Tag, Monat oder gar ein halbes Jahrhundert später sein.

Ich fand diese Idee sehr fruchtbar, und, ausgehend von dieser Hypothese, begann ich dann die Geschichte einer Frau zu entwickeln, die gerade von ihrem Geliebten verlassen wurde und ihm eine lange Nachricht sendet, die er erst zehn oder zwanzig Jahre später erhalten soll.

Nachdem sie eine Weile brachlag, hat sich die Story stark weiterentwickelt, die Ursprungsidee aber ist dieselbe geblieben, das heißt die der romanhaften Möglichkeiten, die neuen Technologien in unser Leben zu integrieren. In meinen Romanen habe ich oft mit diesen beiden Elementen Zeit und Raum gearbeitet, und das Wissen, dass heute dank des Internet unsere Gedanken, Fotos, letztendlich auch unser Gedächtnis jederzeit Spielzeug einer Verzerrung von Zeit und Raum werden kann, bietet mir als Romanautor unendlich viele Möglichkeiten.

Ihr Roman ist in der realistischen Gegenwart verankert, wagt aber gleichzeitig Abstecher ins Übernatürliche.
Eher ins »Fantastische« gemäß der Definition von Tzvetan Todor: »Das Fantastische ist die Unschlüssigkeit, die ein Mensch empfindet, der nur die natürlichen Gesetze kennt und sich einem Ereignisses gegenübersieht, das den Anschein des Übernatürlich hat.«

Das ist zweifellos auf die Lektüre meiner Kindheit und Jugend zurückzuführen – die Geschichten von Stephen King bis zu den Romanen von Richard Matheson und Ken Grimwood  und schließlich Episoden aus The Twilight Zone - Geschichten, die nicht zu erklären sind, in denen es von  Parallelwelten nur so wimmelt!

Doch man findet auch andere Referenzen aus der Filmkunst, beispielsweise die gewöhnlichen »hitchcockschen« Helden, die Opfer einer viel zu komplizierten Maschinerie werden oder Zweifel an der wahren Natur ihres Partners hegen. Ein Thema von Hitchcock (Verdacht, Im Schatten des Zweifels), aber auch gewisse Filme von Barbet Schroeder, die meine Jugend geprägt haben, wie Die Affäre der Sunny von B. oder Weiblich, ledig, jung sucht ...

»Vielleicht morgen« ist auch ein Roman über die große Liebe und ihre Exzesse.
Eine Frage taucht tatsächlich in dem Roman auf: Wozu kann uns die Große Liebe treiben? Bis zu welchen Exzessen kann sie uns führen? Es ist auch eine Geschichte über den Schein innerhalb eines Paars und die Zweifel, was den Partner betrifft, mit dem wir unser Leben teilen.

Meine Protagonistin Emma, eine junge New Yorker Sommelière, hat sich in Matthew verliebt, einen Philosophieprofessor an der Havard University, der mit seiner Frau eine nach außen hin ideale Ehe führt, eine beneidenswerte gesellschaftliche Position innehat, ein hübsches Haus in Boston bewohnt und eine reizende kleine Tochter hat ...

Während sie über diese Menschen, die sie idealisiert, Nachforschungen anstellt, stößt Emma auf Geheimnisse, die sie niemals hätte aufdecken dürfen, und die ihr Leben gefährden.

Von da an verwandelt sich der Roman in einen komplexen psychologischen Thriller. Als Autor manipulieren Sie sowohl Ihre Protagonisten als auch die Leser, indem Sie Sichtweisen und Anschein verändern. Lüge und Schein nehmen eine wesentliche Rolle ein ...
Tatsächlich wollte ich die Handlung wie eine Treibjagd im intimsten Bereich aufbauen mit Personen, deren wahre Natur sich im Laufe der Geschichte entwickeln und enthüllen wird. Personen, ständig hin- und hergerissen zwischen ihrer dunklen und ihrer helleren Seite.

Auch wenn man hier gewisse Themen wiederfindet, die mir wichtig sind, ist das Neue an diesem Roman, dass man der Psychologie der Protagonisten, ihren Motivationen, Befürchtungen und Ängsten noch näher kommt. Dies ist vielleicht der Roman, der mir beim Schreiben am meisten Freude bereitet hat, weil sich meine Helden darin selbst in größte Gefahr begeben.

Trotz der Spannung mischt sich häufig Humor unter den Nervenkitzel ...
Ja, dank einer ganzen Reihe von Nebenfiguren, die ich mir ausgedacht habe. Sie bereichern die Geschichte durch ihre Verschiedenartigkeit und bringen Humor und Fantasie hinein. Man begegnet zum Beispiel einem charismatischen und mysteriösen Geschäftsmann, halb Steve Jobs, halb Mark Zuckerberg, einer anrührenden und kessen Galeristin und einem blutjungen französischen Hacker, der sich mit seiner Familie überworfen hat und mit meiner Heldin ein komisches Paar von Amateurermittlern bildet.

Ich schreibe gerne Romane, die nicht allein einem Genre zuzuordnen sind, und in einen Kriminalroman muss auch Humor vorhanden sein, der die Pausen und die Momente der Ruhe in dem beängstigenden Crescendo der Spannung füllt.

Und es gibt noch eine weitere »Person«, die eine wichtige Rolle spielt. Es handelt sich um Boston und Umgebung, wo Dreiviertel der Handlung angesiedelt ist.
Ja, das ist kein Zufall. Boston ist zugleich die Wiege Amerikas, der großen Universitäten und Forschungszentren von Cambridge wie Harvard – wo Facebook entstand – und MIT, eine Art Labor der Zukunft für alles, was Wissenschaften und Technologien betrifft.

Die Tatsache, dass diese Metropole die symbolische Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft bildet, spiegelt sich im Thema meines Romans wider und liefert ihm einen fast natürlichen Rahmen.

Vielleicht morgenVielleicht morgenVielleicht morgen

Roman

Emma lebt in New York und hat ihre letzte Trennung noch immer nicht verwunden. Matthew kümmert sich in Boston allein um seine Tochter, seit seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam. Beiden hat das Schicksal übel mitgespielt. Doch dann macht Matthew auf einem Flohmarkt eine Entdeckung, die die Leben der beiden verbindet – und grundlegend verändert ...

Universität Harvard

Cambridge

19.Dezember 2011

 

Der Hörsaal war überfüllt, doch es herrschte Ruhe. Die Zeiger des Bronze-Zifferblatts der alten Wanduhr zeigten auf 14:55. Die von Matthew Shapiro gehaltene Philosophie-Vorlesung neigte sich dem Ende zu.

Erika Stewart, zweiundzwanzig Jahre alt, saß in der ersten Reihe und fixierte ihren Professor. Seit einer Stunde versuchte sie erfolglos, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hing geradezu an seinen Lippen und nickte bei jedem Satz. Trotz der Gleichgültigkeit, auf die ihre Bemühungen stießen, übte der Professor eine täglich größer werdende Faszination auf sie aus.

Seine jugendlichen Züge, sein kurzes Haar und sein Dreitagebart verliehen ihm einen beträchtlichen Charme, der unter den Studentinnen für Aufruhr sorgte. Mit seiner verwaschenen Jeans, seinen abgenutzten Lederstiefeln und seinem Rollkragenpullover ähnelte Matthew eher einem Doktoranden als seinen, zumeist streng und nüchtern wirkenden, Kollegen. Mehr noch als sein markantes Gesicht betörte jedoch seine Redegewandtheit.

Matthew Shapiro war einer der beliebtesten Professoren auf dem Campus. Seit fünf Jahren lehrte er in Cambridge, und seine Vorlesungen begeisterten die Neulinge. So hatte Mundpropaganda dafür gesorgt, dass sich in diesem Quartal über achthundert Studenten für seine Kurse eingeschrieben hatten. Seine Vorlesung fand derzeit im größten Hörsaal von Sever Hall statt.

 

LEER IST DIE REDE JENES PHILOSOPHEN, DURCH DIE KEIN EINZIGES LEIDEN EINES MENSCHEN GEHEILT WIRD.

 

Auf diesem Satz von Epikur, der aus einer Auswahl von Schriften mit dem Titel Von der Überwindung der Angst stammte und den er an die Tafel geschrieben hatte, basierte Matthews Lehre.

Seine Philosophie-Vorlesungen sollten verständlich sein und nicht überfrachtet von abstrusen Fachbegriffen. Seine Überlegungen und Schlussfolgerungen waren immer realitätsbezogen. Shapiro ging bei seinen Ausführungen stets vom Alltag der Studenten aus, von konkreten Problemen, mit denen sie konfrontiert waren: Der Angst, in einer Prüfung zu versagen, dem Bruch einer Liebesbeziehung, der Tyrannei der Blicke anderer, dem Sinn des Studiums ... Auf dieser Grundlage zitierte der Professor Plato, Seneca, Nietzsche oder Schopenhauer. Dank seiner lebhaften Darstellung schienen diese eminenten Persönlichkeiten eine Zeit lang die Lehrbücher zu verlassen, um vertraute und verständliche Freunde zu werden, die nützliche und tröstliche Ratschläge zu erteilen vermochten.

Mit Intelligenz und Humor verstand es Matthew, auch Populärkultur in seine Vorlesungen zu integrieren. Filme, Songs, Comics: Über alles konnte man philosophieren. Sogar Fernsehserien fanden ihren Platz in seinem Unterricht. Dr. House wurde als Beispiel für experimentelles Argumentieren herangezogen, die Schiffbrüchigen aus Lost boten Gelegenheit, Überlegungen zum Gesellschaftsvertrag anzustellen, während die machohaften Werbeleute aus Mad Men dazu dienten, die Entwicklung der Beziehungen zwischen Mann und Frau zu studieren.

Obwohl diese pragmatische Philosophie dazu beigetragen hatte, ihn auf dem Campus zu einem »Star« zu machen, hatte sie auch viel Neid und Verärgerung unter seinen Kollegen hervorgerufen, die Matthews Vorlesungen für oberflächlich hielten. Zum Glück hatten die guten Ergebnisse von seinen Studenten bei Prüfungen und in Auswahlverfahren bisher zu seinen Gunsten gesprochen.

Eine Gruppe von Studenten hatte seine Vorlesungen sogar gefilmt und auf YouTube online gestellt. Diese Initiative hatte die Neugier eines Journalisten vom Boston Globe geweckt, dessen Artikel auch von der New York Times übernommen wurde. Danach hatte man Shapiro aufgefordert, eine Art »Antibuch« der Philosophie zu schreiben. Obgleich sich der Titel gut verkaufte, war dem jungen Professor die beginnende Popularität nicht zu Kopf gestiegen, er war weiterhin für seine Studenten da und sorgte sich um ihren Erfolg. Die schöne Geschichte hatte jedoch eine tragische Wendung genommen. Im letzten Winter hatte Matthew Shapiro seine Frau bei einem Autounfall verloren. Ein plötzlicher, unerwarteter Tod, der ihn hilflos zurückgelassen hatte. Er hielt weiter seine Vorlesungen, aber der faszinierende und begeisterte Lehrer hatte den Enthusiasmus verloren, der ihn zuvor ausgezeichnet hatte.

Erika kniff die Augen zusammen, um ihren Professor genauer zu mustern. Seit dem Drama war in Matthew etwas zerbrochen. Seine Züge waren härter geworden, sein Blick hatte das Feuer verloren; Trauer und Kummer verliehen ihm jedoch eine düstere und melancholische Ausstrahlung, die ihn für die junge Frau noch unwiderstehlicher machte.

Die Studentin senkte den Blick und ließ sich von der sonoren Stimme tragen, die den Hörsaal erfüllte. Eine Stimme, die etwas von ihrem Charisma verloren hatte, aber immer noch angenehm war. Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster, heizten den großen Raum auf und blendeten die Studenten in den mittleren Reihen. Erika fühlte sich wohl, umfangen von diesem beruhigenden Tonfall. Doch dieser wunderbare Augenblick hielt nicht an. Sie zuckte zusammen, als die Glocke das Ende der Vorlesung ankündigte. Ohne Eile packte sie ihre Sachen ein und wartete, bis der Hörsaal sich geleert hatte, um sich Shapiro schüchtern zu nähern.

»Was tun Sie denn hier, Erika?«, fragte Matthew erstaunt, als er sie bemerkte. »Sie haben diesen Schein doch bereits letztes Jahr gemacht. Sie müssen die Vorlesung nicht mehr belegen.«

»Ich bin wegen des Satzes von Helen Rowland hier, den Sie so oft zitieren.«

Matthew runzelte verständnislos die Stirn.

»Die Dummheiten, die ein Mensch in seinem Leben am meisten bereut, sind jene, die er nicht begangen hat, als er die Möglichkeit dazu hatte.«

Dann nahm sie allen Mut zusammen und erklärte: »Um in diesem Sinne nichts bereuen zu müssen, möchte ich eine Dummheit begehen. Also, ich habe nächsten Samstag Geburtstag und würde gerne ... ich würde Sie gerne zum Essen einladen.«

Matthew sah sie überrascht an und versuchte sofort, seine Studentin zur Vernunft zu bringen:

»Erika, Sie sind doch eine intelligente junge Frau. Also wissen Sie sehr wohl, dass es tausend Gründe gibt, warum ich Ihre Einladung ablehnen werde.«

»Aber Sie hätten Lust dazu, nicht wahr?«

»Lassen wir das, bitte«, unterbrach er sie.

Erika spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Sie stammelte noch einige Worte der Entschuldigung, bevor sie den Hörsaal verließ.

Matthew zog seufzend seinen Mantel an, band sich seinen Schal um und ging hinaus auf den Campus.

 

 

Mit seinen ausgedehnten Rasenflächen, den imposanten braunen Backsteingebäuden und den lateinischen Sinnsprüchen auf den Giebeln strahlte Harvard den Stil und die Zeitlosigkeit eines britischen College aus.

Sobald Matthew draußen war, drehte er sich eine Zigarette, zündete sie an und verließ dann rasch die Sever Hall. Die Ledertasche umgehängt, überquerte er den Yard, den großen, von Rasen bedeckten Innenhof, der von einem Gewirr an Wegen durchzogen war, die über mehrere Kilometer weit zu den Vorlesungssälen, Bibliotheken und Unterkünften führten.

Der Park lag in einem schönen herbstlichen Licht. Die Temperaturen waren für die Jahreszeit ausgesprochen mild, und der Sonnenschein schenkte den Bewohnern Neuenglands einen angenehmen, späten Altweibersommer.

»Mister Shapiro! Achtung!«

Matthew drehte den Kopf in Richtung der Stimme. Ein American Football sauste auf ihn zu. Er konnte ihn gerade noch auffangen und spielte ihn sofort zurück zum Quarterback, von dem er gekommen war.

Die Studenten besetzten, ihre geöffneten Laptops auf den Knien, alle Bänke im Hof. Auf dem Rasen ertönte immer wieder Gelächter, und es waren hitzige Debatten im Gang. Hier vermischten sich die Nationalitäten harmonischer als andernorts, und die kulturelle Vielfalt wurde als Bereicherung empfunden. Bordeauxrot und Grau, die Kultfarben der berühmten Universität, wurden voller Stolz auf Blousons, Sweatshirts und Sporttaschen zur Schau gestellt: In Harvard ließ das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft alle Unterschiede verblassen.

Matthew zog an seiner Zigarette, während er an der monumentalen Massachusetts Hall, im georgianischen Stil erbaut, vorbeiging, in der sich sowohl die Büroräume der Direktion als auch die Unterkünfte der Studenten des ersten Studienjahrs befanden. Oben auf den Stufen stand Miss Moore, die Assistentin des Rektors, die ihm einen wütenden Blick zuwarf, gefolgt von einer Abmahnung (»Mister Shapiro, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass es verboten ist, auf dem Campusgelände zu rauchen ...«) und einer wortreichen Moralpredigt über die schädlichen Wirkungen des Tabaks.

Mit starrem Blick und undurchdringlicher Miene ignorierte Matthew sie ganz einfach. Einen kurzen Moment war er versucht, ihr zu antworten, dass sterben zu müssen nun wirklich seine geringste Sorge sei, aber er besann sich eines Besseren und verließ das Universitätsgelände durch das riesige Tor, das auf den Harvard Square führte.

 

Der Square, auf dem es zuging wie in einem Bienenstock, war ein großer Platz, gesäumt von Geschäften, Buchhandlungen, kleinen Restaurants und Terrassencafés, in denen Studenten und Professoren die Welt neu erfanden oder ihre Vorlesungen weiterführten. Matthew suchte in seiner Tasche und zog sein U-Bahn-Ticket heraus. Er hatte soeben den Fußgängerüberweg zur Station der Red Line betreten, die in einer knappen Viertelstunde das Zentrum von Boston erreichte, als ein alter, blubbernder Chevrolet Camaro an der Ecke Massachusetts Avenue und Peabody Street auftauchte. Der junge Professor zuckte zusammen und wich zurück, um nicht von dem knallroten Coupé angefahren zu werden, das mit quietschenden Reifen vor ihm anhielt.

Das Fenster an der Fahrerseite wurde geöffnet, und zum Vorschein kam die rote Haarpracht von April Ferguson, die seit dem Tod seiner Frau mit in seinem Haus wohnte.

»Hallo, schöner Mann, soll ich dich mitnehmen?«

Das Dröhnen des V8-Motors fiel in dieser Ökoenklave aus dem Rahmen, wo man ganz auf das Fahrrad und Hybridfahrzeuge eingeschworen war.

»Ich nehme lieber die öffentlichen Verkehrsmittel«, lehnte Matthew ab. »Bei dir hat man das Gefühl, in einem Fahrsimulator zu sitzen!«

»Na komm schon, sei kein Angsthase. Ich fahre sehr gut, und das weißt du genau!«

»Vergiss es. Meine Tochter hat bereits ihre Mutter verloren. Ich möchte es ihr ersparen, mit viereinhalb Jahren Vollwaise zu werden.«

»Schon gut! Nun übertreib mal nicht! Komm, Hasenfuß, beeil dich! Ich halte den ganzen Verkehr auf!«

Von dem Hupen gedrängt, ergab sich Matthew seufzend in sein Schicksal und stieg in den Chevrolet.

Kaum hatte er den Sicherheitsgurt angelegt, als der Camaro, unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln, auch schon eine gefährliche Kehrtwende machte, um gen Norden zu brausen.

»Boston liegt aber in der anderen Richtung!«, protestierte Matthew und klammerte sich am Haltegriff fest.

»Ich mache nur einen kleinen Umweg über Belmont. Gerade mal zehn Minuten. Und keine Sorge wegen Emily. Ich habe ihren Babysitter gebeten, eine Stunde länger zu bleiben.«

»Ohne mit mir darüber zu sprechen? Also ehrlich, ich ...«

Die junge Frau drückte das Gaspedal durch und beschleunigte so plötzlich, dass es Matthew die Sprache verschlug. Nachdem sie einen Lastwagen überholt hatte, wandte sie sich ihm zu und reichte ihm eine große Mappe.

»Stell dir vor, ich habe vielleicht einen Kunden für den Farbholzschnitt von Utamaro«, sagte April.

April Ferguson leitete eine Galerie im South End, die auf erotische Kunst spezialisiert war. Sie hatte ein echtes Talent, unbekannte Künstler aufzuspüren und deren Arbeiten zu verkaufen, wobei sie hübsche Gewinne einstrich.

Matthew öffnete den Verschluss der Mappe und schlug die Seidenhülle zurück, die einen japanischen Farbholzschnitt schützte. Es war eine Shunga, ein erotischer Holzschnitt, aus dem späten achtzehnten Jahrhundert, auf der eine Kurtisane mit einem Kunden zu sehen war, die sich einem ebenso sinnlichen wie akrobatischen Liebesakt hingaben. Die Unverblümtheit der Szene wurde durch die anmutige Linienführung und den Motivreichtum der Kleidung gemildert. Das Gesicht der Geisha war von faszinierender Feinheit und Eleganz. Kein Wunder, dass solche Werke später sowohl Klimt als auch Picasso beeinflusst hatten.

»Bist du sicher, dass du dich davon trennen willst?«

»Ich habe ein Angebot bekommen, das man einfach nicht ablehnen kann«, antwortete April und imitierte dabei Marlon Brandos Stimme aus dem Film Der Pate.

»Von wem?«

»Von einem bedeutenden asiatischen Sammler, der zu Besuch bei seiner Tochter in Boston weilt. Er ist offenbar zum Kauf bereit, bleibt aber nur einen Tag in der Stadt. Eine solche Gelegenheit wird sich so bald nicht wieder bieten ...«

Der Chevrolet hatte das Universitätsviertel verlassen. Sie fuhren nun einige Kilometer auf einer Schnellstraße am Fresh Pond – dem größten See von Cambridge – entlang, bevor sie Belmont erreichten, eine kleine Stadt westlich von Boston. April gab eine Adresse in ihr Navi ein und ließ sich zu einem schicken Wohnviertel leiten, in dem eine von Bäumen umgebene Schule direkt neben einem Park und mehreren Sportplätzen stand. Sie sahen sogar einen Eisverkäufer, der direkt aus den 1950er-Jahren zu stammen schien. Obgleich es ausdrücklich verboten war, überholte der Camaro einen Schulbus und parkte in einer ruhigen, von Villen gesäumten Allee.

»Kommst du mit?«, fragte April und griff nach der Kunstmappe.

Matthew schüttelte den Kopf.

»Ich warte lieber im Auto.«

»Ich beeile mich, so gut es geht«, versprach sie, blickte in den Rückspiegel und zupfte sich eine gelockte Haarsträhne à la Veronica Lake über das rechte Auge.

Dann nahm sie einen Lippenstift aus ihrer Tasche und zog sich rasch die Lippen nach, bevor sie ihr Outfit als Femme fatale perfektionierte, indem sie in einen hautengen roten Lederblouson schlüpfte.

»Übertreibst du nicht ein bisschen?«, fragte Matthew ein wenig provozierend.

»Ich bin nicht schlecht, ich bin nur so gezeichnet«, erwiderte sie kokettierend im Tonfall von Jessica Rabbit.

Schließlich öffnete sie die Wagentür und schwang ihre endlos langen Beine, die in Leggings steckten, aus dem Wagen.

Matthew blickte ihr nach und sah sie an der Haustür der größten Villa in der Straße klingeln. Auf der Skala der Sinnlichkeit war April nicht weit von der höchsten Stufe entfernt – perfekte Maße, Wespentaille, Traumbusen –, aber diese Inkarnation männlicher Phantasien liebte ausschließlich Frauen und tat ihre Homosexualität auch offen kund.

Das war übrigens einer der Gründe, warum Matthew sie als Mitbewohnerin akzeptiert hatte, wusste er doch, dass es zwischen ihnen nie die geringste Zweideutigkeit geben würde. Zudem war April witzig, intelligent und schlagfertig. Sicher, sie hatte einen problematischen Charakter, ihre Ausdrucksweise war blumig, und sie war zu homerischen Wutausbrüchen fähig, aber sie verstand es wie sonst niemand, seine Tochter wieder zum Lachen zu bringen, und das war für Matthew unbezahlbar.

Er warf einen Blick auf die andere Straßenseite. Eine Mutter und ihre beiden kleinen Kinder dekorierten den Garten. Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen ... diesen verhängnisvollen 24.Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.

In den ersten drei Monaten nach dem Unfall hatte der Schmerz ihm keine Atempause gelassen und jede Sekunde vergiftet – eine offene Wunde, der Biss eines Vampirs, der jegliches Leben aus ihm gesaugt hatte. Um diesem Martyrium ein Ende zu bereiten, war er mehrfach versucht gewesen, zu einer radikalen Lösung zu greifen: aus dem Fenster zu springen, sich aufzuhängen, einen Medikamentencocktail zu trinken, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen ... Aber jedes Mal hatte ihn der Gedanke an den Kummer, den er Emily damit zufügen würde, zurückgehalten. Er hatte einfach nicht das Recht, seiner Tochter den Vater zu rauben und ihr Leben zu zerstören.

Die Auflehnung der ersten Wochen war einer langen Phase der Trauer gewichen. Das Leben war erstarrt in Überdruss, eingefroren in einer anhaltenden Verzweiflung. Matthew befand sich nicht mehr im Kriegszustand, er war einfach am Boden zerstört, von der Trauer erdrückt, dem Leben gegenüber verschlossen. Der Verlust war und blieb inakzeptabel. Es gab keine Zukunft mehr.

Auf Aprils Rat hin hatte er sich jedoch überwunden und bei einer Selbsthilfegruppe angemeldet. Er hatte an einer Sitzung teilgenommen und versucht, seinen Schmerz in Worte zu fassen, ihn mit anderen zu teilen, war dann aber nie wieder hingegangen. Um falschem Mitgefühl, abgedroschenen Phrasen oder dümmlichen Lebensweisheiten zu entgehen, hatte er sich isoliert, sich monatelang willenlos treiben lassen und war ohne jeden Plan wie ein Gespenst durch sein Leben geirrt.

Seit einigen Wochen jedoch kam es ihm so vor, als würde der Schmerz langsam nachlassen, auch wenn er nicht hätte sagen können, dass er sich wieder »lebendig« fühlte. Das Aufwachen war und blieb schwierig, aber sobald er in Harvard eintraf, konzentrierte er sich, hielt seine Vorlesungen und nahm mit seinen Kollegen an den Konferenzen teil, wenn auch mit weniger Elan als früher.

Es war nicht so, dass er schon wieder auf die Beine gekommen wäre, vielmehr akzeptierte er nach und nach seinen Zustand und half sich selbst mit bestimmten Leitsätzen aus seinem Lehrstoff. Zwischen dem stoischen Fatalismus und der buddhistischen Wandelbarkeit nahm er das Leben nun als das an, was es war: Etwas äußerst Prekäres und Labiles, ein Prozess in ständiger Entwicklung. Nichts war unveränderlich, schon gar nicht das Glück. Es war zerbrechlich wie Glas und durfte nicht als gesichert betrachtet werden, da es doch nur einen Augenblick dauern konnte.

Durch Kleinigkeiten gewann er wieder Freude am Leben: einen Spaziergang in der Sonne mit Emily, ein Football-Match mit seinen Studenten, einen besonders gelungenen Scherz von April. Tröstliche Anzeichen, die ihm behilflich waren, die Trauer auf Distanz zu halten und einen Damm zu errichten, hinter dem er seinen Kummer verbergen konnte.

Doch diese Erholung stand auf tönernen Füßen. Der Schmerz lag auf der Lauer, jederzeit bereit, Matthew zu überwältigen. Eine Kleinigkeit genügte, um sich zu entfesseln und grausame Erinnerungen in Matthew zu wecken: Eine Frau, der er zufällig auf der Straße begegnete und die Kates Parfum oder den gleichen Regenmantel trug; ein Lied, das er im Radio hörte und das ihn an glückliche Zeiten erinnerte; ein Foto, das er in einem Buch fand ...

Die letzten Tage waren beschwerlich gewesen, hatten einen Rückfall angekündigt. Der nahende Todestag von Kate, die Dekorationen und der Trubel bei den Vorbereitungen für Weihnachten und Silvester, all das erinnerte ihn an seine Frau.

Seit einer Woche schreckte er jede Nacht mit heftigem Herzklopfen aus dem Schlaf hoch, war in Schweiß gebadet und wurde immer wieder von derselben Erinnerung heimgesucht: den albtraumhaften Bildern von den letzten Lebensmomenten seiner Frau. Matthew war bereits vor Ort, als Kate ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo ihre Kollegen – sie war Ärztin – sie nicht hatten retten können. Er hatte zugesehen, wie ihm der Tod brutal die Frau entriss, die er liebte. Ihnen waren nur fünf Jahre des perfekten Glücks beschieden gewesen. Fünf Jahre innigsten Einvernehmens, kaum die Zeit, den Weg für eine Geschichte zu bereiten, die sie nicht leben durften. Eine Begegnung, wie man sie nur ein Mal im Leben hat, das glaubte er, sicher zu wissen. Und dieser Gedanke war ihm unerträglich.

Matthew bemerkte, dass er dabei war, den Ehering zu drehen, den er noch immer am Ringfinger trug. Er hatte zu schwitzen begonnen, und sein Herz klopfte heftig. Er ließ das Fenster des Camaro herunter, suchte in seiner Jeanstasche nach seinem angstlösenden Medikament und schob eine der Tabletten unter seine Zunge. Diese Pillen verschafften ihm einen künstlichen Trost, der seiner Unruhe innerhalb von Minuten ein Ende bereitete. Er schloss die Augen, massierte sich die Schläfen und atmete tief durch. Um sich gänzlich zu beruhigen, musste er rauchen. Er stieg aus, verriegelte die Tür und entfernte sich einige Schritte auf dem Bürgersteig, bevor er sich eine Zigarette anzündete und einen tiefen Zug nahm.

Sein Herzschlag normalisierte sich, und er fühlte sich sofort besser. Mit geschlossenen Augen, das Gesicht der herbstlichen Brise zugewandt, genoss er die Zigarette. Das Sonnenlicht fiel zwischen den Zweigen hindurch. Die Luft war fast schon verdächtig mild. Einige Augenblicke verharrte er reglos, bevor er die Augen wieder öffnete. Am Ende der Straße vor einer der Villen hatte sich eine Menschenansammlung gebildet. Neugierig näherte er sich dem charakteristischen neuenglischen, mit Holz verkleideten Haus. Auf dem Rasen davor wurde eine Art Trödelmarkt abgehalten – typisch für dieses Land, wo die Menschen mindestens fünfzehn Mal im Leben umzogen.

Matthew mischte sich unter die zahlreichen Neugierigen, die auf über hundert Quadratmetern in den angebotenen Sachen stöberten. Den Verkauf leitete ein Mann seines Alters mit Glatze und kleiner eckiger Brille, verdrießlichem Gesichtsausdruck und unstetem Blick. Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und hatte die nüchterne Strenge eines Quäkers. Neben ihm nagte ein Shar-Pei an einem Hundeknochen aus Latex.

Jetzt nach Schulschluss und bei dem milden Wetter hatten sich viele Menschen eingefunden, die nach Schnäppchen Ausschau hielten. Die Stände quollen über von bunt zusammengewürfelten Gegenständen: Holzruder, Baseballschläger und -handschuhe, eine Golftasche, eine alte Gibson-Gitarre. An einen Zaun gelehnt standen ein BMX-Rad, das unvermeidliche Weihnachtsgeschenk der frühen 1980er-Jahre, ein Stück weiter Inlineskates und ein Skateboard. Einige Minuten lang spazierte Matthew zwischen den Ständen umher, wobei er Spielsachen entdeckte, die ihn an seine eigene Kindheit erinnerten: ein Jo-Jo aus hellem Holz, ein Zauberwürfel, Spiele wie Memory, Mastermind, Frisbee, E.T., der Außerirdische, als Riesen-Plüschtier, eine Figur aus Der Krieg der Sterne ... Die Preise waren niedrig; der Verkäufer wollte offensichtlich möglichst schnell möglichst viel loswerden.

Matthew war drauf und dran, das Gelände des Flohmarkts zu verlassen, als er einen Computer entdeckte. Es war ein Laptop, ein MacBook Pro mit Fünfzehn-Zoll-Bildschirm. Nicht das neueste Modell, aber eines aus der letzten oder vorletzten Serie. Matthew ging zu dem Gerät und prüfte es von allen Seiten. Das Aluminiumgehäuse war durch einen Vinylaufkleber außen auf dem Deckel personalisiert. Der Sticker zeigte eine Figur à la Tim Burton: Eine stilisierte Eva, sehr sexy, die zwischen ihren Händen das Apfel-Logo der bekannten Computerfirma zu halten schien. Unterhalb der Illustration war die Signatur »Emma L.« zu lesen, ohne dass man wirklich wusste, ob es sich um die Künstlerin handelte, die diese Figur gezeichnet hatte, oder um die frühere Eigentümerin des Laptops.

Warum nicht?, dachte er, während er das Etikett betrachtete. Sein altes Powerbook hatte Ende des Sommers den Geist aufgegeben. Zwar hatte er einen PC zu Hause, aber er benötigte wieder einen Laptop. Seit drei Monaten verschob er diese Ausgabe ständig auf später.

Das Gerät wurde für vierhundert Dollar angeboten. Ein Betrag, der ihm angemessen erschien. Das traf sich gut, denn er schwamm derzeit nicht gerade im Geld. Sein Professorengehalt in Harvard war zwar nicht schlecht, aber nach Kates Tod hatte er um jeden Preis ihr gemeinsames Haus in Beacon Hill halten wollen, obwohl er dafür eigentlich nicht mehr die nötigen Mittel besaß. Also hatte er sich entschlossen, eine Mieterin ins Haus zu nehmen, doch auch mit dem, was April ihm zahlte, verschlangen die Raten drei Viertel seines Einkommens und ließen ihm wenig Spielraum. Er hatte sogar sein Motorrad verkaufen müssen, ein Liebhaberstück, eine Triumph von 1957, die sein ganzer Stolz gewesen war.

Er ging zu dem Verkäufer und deutete auf den Mac.

»Der Computer funktioniert doch, oder?«

»Nein, der ist nur Deko ... natürlich funktioniert er, sonst würde ich ihn nicht zu diesem Preis anbieten! Es ist der ehemalige Laptop meiner Schwester, ich habe die Festplatte selbst formatiert und das Betriebssystem neu installiert. Der ist wie neu.«

»Einverstanden, ich nehme ihn«, erklärte Matthew nach kurzem Zögern.

Er kramte in seinem Geldbeutel. Er hatte nur dreihundertzehn Dollar dabei. Verlegen versuchte er zu handeln, aber der Mann lehnte sehr entschlossen ab. Verärgert zuckte Matthew die Schultern. Er wollte gerade gehen, als er Aprils fröhliche Stimme hinter sich hörte.

»Lass mich ihn dir schenken!«, sagte sie und bedeutete dem Verkäufer, zu warten.

»Das kommt gar nicht infrage!«

»Zur Feier des Verkaufs meines japanischen Farbholzschnitts!«

»Hast du den erhofften Preis dafür bekommen?«

»Ja, aber nicht ohne Mühe. Der Typ dachte, für diesen Preis hätte er zusätzlich noch Anrecht auf einige Kamasutra-Übungen!«

»Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.«

»Woody Allen?«

»Nein, Blaise Pascal.«

Der Verkäufer reichte ihm den Laptop, den er in den Originalkarton gepackt hatte. Matthew dankte ihm mit einem Kopfnicken, während April bezahlte. Dann beeilten sie sich, wieder zum Auto zu kommen.

Matthew bestand darauf, zu fahren. Als sie Boston erreichten, konnte er, während sie im Stau standen, noch nicht ahnen, dass der Kauf, den er soeben getätigt hatte, sein Leben für immer verändern würde.

 

 

 

Kapitel 2

 

Miss Lovenstein

 

Ich werde nie von Hunden gebissen, nur von Menschen.

Marilyn Monroe

 

 

 

Bar des Restaurants Imperator

Rockefeller Center, New York

18:45 Uhr

 

Die Bar des Restaurants Imperator oben im Rockefeller Center beherrschte die Stadt und bot einen Panoramablick über Manhattan. Ihre Einrichtung war das Ergebnis einer geschickten Mischung aus Tradition und neuem Design. Bei der Renovierung des Lokals hatte man darauf geachtet, die Holzvertäfelungen, Art-déco-Tische und Lederclubsessel beizubehalten. Dieses Interieur verlieh dem Ort die behagliche Atmosphäre eines alten englischen Clubs, verbunden mit modernen Elementen wie etwa der langen, gut beleuchteten Theke aus Mattglas, die quer durch den Raum verlief.

Die zierliche Gestalt schlängelte sich leichtfüßig zwischen den Tischen hindurch, servierte Weine, lud zur Verkostung ein und erklärte mit pädagogischem Talent Herkunft und Geschichte der verschiedenen edlen Tropfen. Die junge Sommelière Emma Lovenstein verstand es trefflich, andere mit ihrer Begeisterung anzustecken. Ihre graziösen Handbewegungen, die Präzision ihrer Gesten, ihr offenes Lächeln – alles an ihrer äußeren Erscheinung spiegelte ihre Leidenschaft und den Wunsch wider, diese mit anderen zu teilen.

Eine Gruppe von Kellnern brachte das vorletzte Gericht.

»Crostini mit Schweinefuß-Rillettes überbacken mit Parmesan«, verkündete Emma, während sich beifälliges Gemurmel erhob, sobald die Gäste ihren Teller vor sich stehen hatten.

Sie goss jedem ein Glas Rotwein ein, hielt das Etikett der Flasche dabei verdeckt, beantwortete Fragen der Gäste und gab ihnen Hinweise, um ihnen beim Erkennen des Weins zu helfen.

»Es ist ein Morgon, Côte du Py, Cru du Beaujolais«, verriet sie schließlich. »Ein Wein mit langem Abgang, aromatisch, rassig, nervös mit einer samtigen Note und mit Erdbeer-Sauerkirscharomen. Er bildet einen wunderbaren Gegensatz zum rustikalen Charakter der Schweinefüße.«

Es war ihre Idee gewesen, wöchentlich diese Weinproben zu veranstalten, die dank entsprechender Mundpropaganda immer beliebter wurden. Das Konzept war einfach: Emma bot vier Weine zur Verkostung an, begleitet von vier Gerichten, die der Chefkoch des Feinschmeckerrestaurants, Jonathan Lempereur, dazu erdachte. Jede Degustation dauerte eine Stunde, war um ein spezielles Thema arrangiert, eine Rebsorte oder ein Herkunftsgebiet, und bot Gelegenheit zu einer spielerischen Einführung in die Weinkunde.

Emma trat hinter die Theke und gab den Kellnern ein Zeichen, das letzte Gericht zu servieren. Sie nutzte diese kurze Pause, um unauffällig einen Blick auf ihr Handy zu werfen, das blinkte. Als sie die SMS gelesen hatte, empfand sie einen Moment lang Panik.

 

Ich bin diese Woche auf der Durchreise in New York.

Essen wir heute Abend zusammen?

Du fehlst mir.

François

 

»Emma?«

Die Stimme ihres Assistenten riss sie aus der Betrachtung ihres Displays. Sie fasste sich sofort wieder und verkündete den Gästen im Speisesaal:

»Zum Abschluss dieser Verkostung bieten wir Ihnen eine Ananas in Magnolienblättern an Marshmallow-Eis, karamellisiert im Holzfeuer.«

Sie öffnete zwei neue Weinflaschen und schenkte den Gästen ein. Nach dem kleinen Ratespiel sagte sie schließlich:

»Ein italienischer Wein aus dem Piemont, ein Moscato d’Asti. Eine schmeichelnde Rebsorte, aromatisch und luftig, leicht prickelnd und süß. In der Nase überzeugt er mit Rose, die feinen Perlen unterstreichen elegant die Frische der Ananas.«

Der Abend endete mit den Fragen der Gäste. Einige davon betrafen Emmas berufliche Laufbahn. Sie beantwortete sie gerne, ohne sich etwas von ihrer Unruhe anmerken zu lassen.

Sie stammte aus einer einfachen Familie in West Virginia. Als sie vierzehn Jahre alt war, hatte ihr Vater, ein Fernfahrer, seine Familie im Sommer zu einem Besuch der Weinberge Kaliforniens mitgenommen. Für den Teenager war das eine wahre Entdeckung, die in ihr das Interesse und die Leidenschaft für Wein geweckt und sich als spätere Berufung entpuppt hatte.

Sie hatte die Hotelfachschule in Charleston besucht, die eine solide Ausbildung in Önologie anbot. Mit dem Diplom in der Tasche hatte sie ohne Bedauern ihr Provinznest verlassen. Auf nach New York! Anfangs arbeitete sie als Kellnerin in einem beliebten Restaurant in West Village. Bis zu sechzehn Stunden am Tag servierte sie, beriet bei der Weinauswahl und kümmerte sich um die Bar. Eines Tages hatte sie einen merkwürdigen Gast entdeckt. Es war jemand, dessen Gesicht sie sofort erkannt hatte: ihr Idol, Jonathan Lempereur, den die Restaurantkritiker als den »Mozart der Gastronomie« bezeichneten. Der Sternekoch leitete ein hervorragendes Restaurant in Manhattan: das berühmte Imperator, das so mancher für die »beste Tafel der Welt« hielt. Das Imperator war wirklich absolute Spitzenklasse und empfing Jahr für Jahr Tausende von Gästen aus aller Welt. Oft musste man über ein Jahr im Voraus reservieren. An diesem Tag aß Lempereur hier zusammen mit seiner Frau. Inkognito. Er besaß damals bereits Restaurants in verschiedenen Ländern und war unglaublich jung, um an der Spitze eines solchen Unternehmens zu stehen!

Emma hatte allen Mut zusammengenommen und es gewagt, ihr »Idol« anzusprechen. Jonathan hatte ihr interessiert zugehört, und sehr schnell hatte sich das Essen in ein Vorstellungsgespräch verwandelt. Der Erfolg war Lempereur nicht zu Kopf gestiegen. Er war anspruchsvoll, aber bescheiden, stets auf der Suche nach neuen Talenten. Beim Bezahlen der Rechnung hatte er ihr seine Karte gereicht und gesagt:

»Sie fangen morgen an.«

Am nächsten Tag hatte sie einen Vertrag als Zweite Chef-Sommelière im Imperator unterschrieben. Drei Jahre lang hatte sie sich mit Jonathan wunderbar verstanden. Lempereur war von überschäumender Kreativität, und die Suche nach Harmonie zwischen den Speisen und dem Wein fand in seiner Küche viel Raum. Beruflich hatte sich ihr Traum erfüllt. Letztes Jahr hatte der französische Starkoch nach der Trennung von seiner Frau die Schürze an den Nagel gehängt. Das Restaurant war übernommen worden, doch obwohl Jonathan Lempereur nicht mehr am Herd stand, war sein Geist hier noch immer präsent, und die Gerichte, die er erfunden hatte, standen weiterhin auf der Speisekarte.

»Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und hoffe, dass Sie einen angenehmen Abend verbracht haben«, sagte sie, um die Veranstaltung zu beenden.

Emma verabschiedete sich von den Gästen, hielt eine kurze Nachbesprechung mit ihrem Assistenten ab und packte ihre Sachen zusammen, um sich auf den Heimweg zu machen.

 

 

Emma nahm den Aufzug und befand sich bald darauf am Fuß des Rockefeller Center. Es war schon lange dunkel. In der Kälte bildete ihr Atem kleine weiße Wolken. Der eisige Wind, der über den Vorplatz fegte, hatte die zahlreichen Schaulustigen nicht entmutigen können, die sich an der Absperrung der Kunsteisbahn drängten, um den riesigen Weihnachtsbaum zu fotografieren. Die Äste des rund dreißig Meter hohen Baums bogen sich unter den elektrischen Lichterketten und dem üppigen Schmuck. Ein eindrucksvolles Schauspiel, das Emma jedoch trübsinnig stimmte. Es mochte ein Klischee sein, aber die Last der Einsamkeit wog während der Festtage am Jahresende noch schwerer. Sie trat an den Bordstein, zog die Mütze tiefer ins Gesicht und den Schal fester um den Hals, während sie prüfend auf die Lichtanzeigen an den Taxidächern blickte und ohne große Hoffnung nach einem freien Wagen Ausschau hielt. Es war leider gerade Stoßzeit, und alle yellow cabs, die an ihr vorbeifuhren, waren bereits mit Fahrgästen besetzt. Resigniert bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenmenge und lief eiligen Schrittes zur Ecke Lexington Avenue/53th Street. Sie verschwand in der U-Bahn-Station und nahm die Linie E Richtung downtown. Wie vorherzusehen, war der Wagon überfüllt, und sie musste, eingezwängt zwischen anderen Fahrgästen, stehen.

Trotz der unruhigen Fahrt zog sie ihr Handy heraus und las erneut die SMS.

 

Ich bin diese Woche auf der Durchreise in New York.

Essen wir heute Abend zusammen?

Du fehlst mir.

François

 

Leck mich doch, du Mistkerl. Ich stehe nicht zu deiner Verfügung!, schimpfte sie in Gedanken, ohne das Display aus den Augen zu lassen.

François war der Erbe eines großen Weinbergs im Bordelais. Sie hatte ihn vor zwei Jahren auf einer Entdeckungsreise zu französischen Rebsorten kennengelernt. Er hatte ihr nicht verheimlicht, dass er verheiratet und Vater von zwei Kindern war, dennoch war sie auf seine Annäherungsversuche eingegangen. Emma hatte ihre Frankreichreise verlängert, und sie hatten eine traumhafte Woche verbracht, in der sie die Weinstraßen der Region erkundet hatten: die berühmte »Route du Médoc« auf den Spuren der Grands Crus Classés und der Châteaux, die »Route des Coteaux« mit ihren romanischen Kirchen und archäologischen Stätten, den Landhäusern und den Abteien des Entre-deux-Mers, das mittelalterliche Dorf Saint-Émilion ... In der Folgezeit hatten sie sich in New York wiedergesehen, wenn François dort beruflich zu tun hatte. Sie hatten sogar eine weitere Urlaubswoche auf Hawaii verbracht. Zwei Jahre einer sporadischen, leidenschaftlichen und zerstörerischen Beziehung. Zwei Jahre des enttäuschten Wartens. Jedes Mal, wenn sie sich wiedersahen, versprach François, er stünde kurz davor, seine Frau zu verlassen. Sie glaubte das natürlich nicht wirklich, aber sie war ihm regelrecht verfallen, also ...

Und dann, eines Tages, als sie über ein Wochenende verreisen wollten, hatte François ihr eine SMS geschickt, um ihr mitzuteilen, dass er seine Frau noch liebe und die Beziehung zu ihr beenden wolle. Bereits mehrmals in ihrem Leben hatte sich Emma gefährlichen Grenzen genähert – Bulimie, Magersucht, Autoaggression –, und die Ankündigung dieses Bruchs öffnete erneut Abgründe in ihr.

Ein unendliches Gefühl von Leere hatte sie vernichtet. Das Dasein hatte ihr plötzlich nichts mehr zu bieten, und das Leben war ihr nur noch als ein großer Schmerz erschienen. Die einzige Lösung, allem zu entfliehen, hatte sie darin gesehen, sich in ihre Badewanne zu legen und die Pulsadern aufzuschneiden. Zwei tiefe Schnitte in jedes Handgelenk. Es war kein Hilferuf gewesen, kein Theater. Diese heftige Lebenskrise war durch die enttäuschte Liebe ausgelöst worden, aber das Übel saß tiefer. Emma wollte ihrem Leben ein Ende bereiten, und es wäre ihr auch gelungen, wenn sich ihr idiotischer Bruder nicht ausgerechnet diesen Moment dafür ausgesucht hätte, bei ihr hereinzuschneien und ihr vorzuwerfen, sie habe in diesem Monat das Altersheim für ihren Vater nicht bezahlt.

Als sie an diese Episode zurückdachte, spürte Emma, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Die U-Bahn erreichte die Station der 42th Street, wo sich ein Busterminal befand. Dort leerte sich der Wagen, und sie fand endlich einen Sitzplatz. Sie hatte sich gerade gesetzt, als ihr Handy vibrierte. François ließ nicht locker.

 

Ich flehe dich an, Darling, antworte mir.

Gib uns eine neue Chance. Gib mir ein Zeichen.

Ich bitte dich. Du fehlst mir so sehr.

Dein François

 

Emma schloss die Augen und atmete tief durch. Ihr ehemaliger Liebhaber war ein egoistischer und wankelmütiger Manipulator. Er verstand es, seine Verführungskünste einzusetzen, um sich als großherziger Held darzustellen und sie in seinen Bann zu ziehen. Es gelang ihm, ihre Selbstkontrolle vollständig auszuschalten. Er wusste genau, wie er ihre Schwächen und ihr mangelndes Selbstvertrauen grausam ausnutzen konnte. Er stürzte sich auf ihre Schwachstellen, riss alte Wunden auf. Vor allem beherrschte er die Kunst, die Dinge zu verdrehen und zu seinem Vorteil zu präsentieren, um Emmas Glaubwürdigkeit zu erschüttern.

Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, ihm zu antworten, schaltete sie ihr Handy aus. Sie hatte zu viel Mühe aufgewandt, sich seinem Einfluss zu entziehen. Und sie wollte ihm auf keinen Fall wieder auf den Leim gehen, nur weil sie sich so kurz vor Weihnachten einsam fühlte.

Denn ihr schlimmster Feind war nicht François. Ihr schlimmster Feind war sie selbst. Sie konnte einfach nicht ohne Leidenschaft leben. Hinter ihrer umgänglichen und lustigen Art lauerten ihre Impulsivität und ihre emotionale Labilität, die, wenn sie die Oberhand gewannen, sie abwechselnd in tiefe Depression und unkontrollierbare Euphorie stürzten.

Sie war auf der Hut vor ihrer schrecklichen Angst, verlassen zu werden, die sie jederzeit ins Straucheln bringen und in die Selbstzerstörung treiben konnte. Ihr Gefühlsleben war voller schmerzlicher Beziehungen. In der Liebe hatte sie Menschen zu viel gegeben, die es nicht verdient hatten. Dreckskerlen wie François. Aber sie hatte etwas in sich, das sie nicht verstand und nicht unter Kontrolle bekam. Eine dunkle Kraft, eine Sucht, die sie Männern in die Arme trieb, die gebunden waren. Sie suchte wahllos nach einer Art von Symbiose, wohl wissend, dass ihr diese Beziehungen im Grunde weder die Sicherheit noch die Stabilität geben würden, die sie sich so sehr wünschte. Und doch machte sie weiter, wenn auch voller Abscheu, wurde zur Komplizin ihrer Untreue, zerstörte Ehen, obgleich dies im Gegensatz zu ihren Wertvorstellungen und ihrem Streben stand.

Die Psychotherapeutin, zu der sie seit ein paar Monaten ging, hatte ihr zum Glück geholfen, Abstand zu gewinnen und vor ihren Emotionen auf der Hut zu sein. Inzwischen wusste sie, dass sie daran arbeiten musste, sich zu schützen und sich von verhängnisvollen Beziehungen fernzuhalten.

Sie erreichte die Endstation: das World Trade Center. Dieses Viertel im Süden der Stadt war bei den Attentaten vollständig zerstört worden. Heute war es noch immer eine Baustelle, aber bald würden wieder mehrere Türme aus Glas und Stahl die Skyline New Yorks beherrschen. Ein Symbol für die Fähigkeit Manhattans, aus den Prüfungen gestärkt hervorzugehen, dachte Emma, während sie die Treppen zur Greenwich Street hinaufstieg.

Ein Beispiel, über das es sich nachzudenken lohnt ...

Schnellen Schrittes ging sie bis zur Kreuzung Harrison Street und betrat den Vorplatz eines Wohnkomplexes, der aus hohen Brownstone-Gebäuden bestand, die Anfang der 1970er-Jahre errichtet worden waren, als TriBeCa noch ein Gewerbegebiet voller Lagerhäuser war. Sie gab den Zutrittscode ein und stieß mit beiden Händen eine schwere Gusseisentür auf.

Lange Zeit hatte der Komplex 50 North Plaza in seinen drei Türmen mit vierzig Etagen Hunderte von Apartments zu moderaten Mietpreisen beherbergt. Heute waren die Preise im Viertel explodiert, und der Komplex würde bald renoviert werden. Inzwischen sah die Eingangshalle ziemlich trist und heruntergekommen aus: Bröckelnder Putz, trübe Beleuchtung, und die Sauberkeit ließ zu wünschen übrig. Emma holte die Post aus ihrem Briefkasten und nahm einen der Aufzüge, um in die vorletzte Etage hinaufzufahren, wo sich ihr Apartment befand.

»Clovis!«

Sie hatte kaum den Fuß über die Schwelle gesetzt, als ihr Hund schon an ihr hochsprang und sie stürmisch begrüßte.

»Lass mich wenigstens die Tür schließen!«, rief sie, während sie das Fell des Shar-Pei streichelte, das sich in festen Falten wellte.

Sie stellte ihre Tasche ab und spielte ein paar Minuten mit dem Hund. Sie mochte seine kräftige Statur, seine kompakte Schnauze, seine offenherzig blickenden Augen, seine freundlich schmollende Miene.

»Wenigstens du wirst mir immer treu bleiben!«

Als wolle sie ihm dafür danken, stellte sie ihm eine große Schüssel mit Trockenfutter hin.

Die Wohnung war klein – knapp vierzig Quadratmeter –, aber sie hatte Charme: helles, rohes Holzparkett, Wände mit Sichtmauerwerk, großes Glasfenster. Die offene Küche war um eine Theke aus schwarzem Sandstein und drei Hocker aus gebürstetem Metall angeordnet. Das »Wohnzimmer« wurde von vollgestellten Bücherregalen gesäumt. Amerikanische und europäische Romane, Essays über Filme, Bücher über Wein und Gastronomie. Das Haus hatte viele Mängel: alte Leitungen, immer wiederkehrende Wasserschäden, eine von Mäusen heimgesuchte Waschküche, Aufzüge, die ständig defekt waren, eine kaputte Klimaanlage, Mauern, die so dünn waren, dass sie bei Sturm zitterten und über das Intimleben der Nachbarschaft keine Unklarheiten ließen. Die Aussicht war jedoch bezaubernd, reichte über den Fluss und bot einen atemberaubenden Blick auf Lower Manhattan. Hintereinander sah man eine Abfolge erleuchteter Gebäude, die Hudson-Quais und Schiffe, die über den Fluss glitten.

Emma zog Mantel und Schal aus, hängte ihr Kostüm an einem Kleiderständer auf, schlüpfte in eine alte Jeans und ein zu großes T-Shirt der Yankees, bevor sie ins Bad ging, um sich abzuschminken.

Der Spiegel zeigte ihr das Bild einer jungen Frau von dreiunddreißig Jahren mit leicht gewelltem, braunem Haar, hellgrünen Augen und einer schmalen Nase, auf der einige Sommersprossen zu sehen waren. An ihren sehr, sehr guten Tagen konnte man eine Ähnlichkeit mit Kate Beckinsale oder Evangeline Lilly feststellen, aber heute war kein guter Tag. Als letzte Anstrengung, um sich nicht von Traurigkeit überwältigen zu lassen, zog sie ihrem Spiegelbild eine spöttische Grimasse. Sie nahm die Kontaktlinsen heraus, die ihre Augen reizten, setzte ihre Brille gegen die Kurzsichtigkeit auf und ging in die Küche, um sich einen Tee zu kochen.

Brrr, hier kann man sich echt einen abfrieren, dachte sie fröstelnd, hüllte sich in eine Wolldecke und drehte die Heizung höher. Bis das Wasser kochte, setzte sie sich auf einen der Barhocker und öffnete ihren Laptop, der auf der Theke stand.

Sie kam um vor Hunger. Sie ging auf die Website eines japanischen Restaurants mit Heimservice und bestellte sich eine Miso-Suppe sowie eine gemischte Platte mit Sushi, Maki und Sashimi.

Sie erhielt eine Bestätigungsmail, überprüfte ihre Bestellung und den Lieferzeitpunkt und nutzte die Gelegenheit, ihre anderen Mails zu lesen, wobei sie befürchtete, Post von ihrem ehemaligen Liebhaber vorzufinden.

Zum Glück war nichts von François dabei.

Aber eine andere, rätselhafte Mail war da, geschrieben von einem gewissen Matthew Shapiro.

Ein Mann, von dem sie noch nie zuvor gehört hatte.

Und der ihr Leben auf den Kopf stellen sollte ...


Kommentare

1. Herr
Wolfgang Bonath am 10.06.2018

Die Romane von Guillaume Musso lesen sich leicht und lässig. Erfüllt allen Erwartungen und ist spannend. Kein Wunder wenn einiges verfilmt wird. Super und ich warte auf die nächsten

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