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Die schönsten Inselromane

Die schönsten Insel- und Küstenromane - romantisch und gefühlvoll

Mit diesen Büchern können Sie sich an die Nord- und Ostsee träumen oder an die Küsten Cornwalls. Gefühlvolle Liebesromane und und spannende Familiensagas warten auf Sie.

Begeben Sie sich mit unseren ProtagonistInnen auf intensive Reisen an die schönsten Küsten und lassen sich vom einmaligen Charme des Insellebens verzaubern! Losgelöst von der Hast und dem Lärm des Festlands und vom unendlichen Meer umgeben, führen die Insulaner ein eigenes Leben. Ein idealer Schauplatz also für die Entstehung kleiner Bäckereien, dramatische Familiensagen, Freundschaften in Zeiten des Umbruchs, die große Liebe und resolute Hobbyermittlerinnen. 

Rauschendes Meer, weicher Sand unter den Füßen und packende Geschichten im Herzen – wir wünschen Ihnen eine wundervolle Zeit mit unseren Büchern! 

Italienischer Flair auf Sylt

Blick ins Buch
LachmöweLachmöwe

Ein Sylt-Krimi

15 Jahre Mamma Carlotta – und kein bisschen ruhiger! Die italienischste Bewohnerin Sylts ist wieder im Einsatz. Nudeln kochen und auf die Nordsee starren? Doch nicht mit Mamma Carlotta! Auch in ihrem 15. Fall stolpert die Kult-Ermittlerin wieder mittenrein in die abgründigen Seiten der Sylt-Idylle. Bisher 1,8 Millionen Mal gingen die rasanten Bücher um Hobby-Detektivin Mamma Carlotta über den Ladentisch. Mit dem 15. Fall „Lachmöwe“ dürfte Bestseller-Autorin Gisa Pauly mit Leichtigkeit über die nächste Millionenhürde springen. Denn wenn „die italienische Miss Marple von Sylt“ (Brigitte) der Polizei unter die Arme greift, kann selbst der beste Kommissar einpacken! Dieses Mal wird es besonders turbulent: Tote Pflegerinnen, verdächtige Kindermädchen und rüstige Rentner halten Mamma Carlotta auf Trab. Und ein solch ausgefuchster Mörder ist selbst der Ikone des Sylt-Krimis noch nicht untergekommen. Wie gut, dass nun Rentner Richard an ihrer Seite ist. Denn die Jagd nach dem Täter verlangt dem rüstigen Power-Duo alles ab. Perfekte Cozy Crime für Ihre Strandlektüre – machen Sie Urlaub mit Mama Carlotta! Bücher für den Urlaub gibt es viele. Hervorragende Regionalkrimis ebenso. Doch kaum ein anderer Nordsee-Krimi bringt das Lebensgefühl auf Sylt mit so viel Charme und Situationskomik auf den Punkt wie die Mamma Carlotta-Reihe. Lassen Sie die Seele baumeln und schmökern Sie nach Herzenslust – „Lachmöwe“ ist ein pures Vergnügen und ein perfekter Tipp für Ihre Urlaubslektüre. Der SPIEGEL-Bestseller #1 – ein Grund zum Feiern! 15 Jahre Mamma Carlotta, 15 unglaubliche Fälle, zahllose begeisterte Fans und kein Ende in Sicht! Geht es nach Autorin Gisa Pauly, wird sie die Welt so lange mit humorvollen Regio-Krimis bereichern, bis ihr die Zutaten für den perfekten Nordsee-Roman ausgehen. Das wird sicher nie der Fall sein – denn Mamma Carlotta hat noch viel vor!

1 – Carlotta Capella war …

Carlotta Capella war mit einem guten Schlaf gesegnet. Nur in Vollmondnächten wurde sie von wirren Träumen heimgesucht, die sie weckten und aus dem Bett trieben. Zu Hause in ihrem umbrischen Dorf ging sie dann, vor allem in Sommernächten, in den Garten, schimpfte leise mit dem Mond, wenn er grell silbern am Himmel stand, horchte auf das Heulen eines Hundes und auf die Schritte der Nachbarin, die ebenso unter dem Vollmond litt wie Mamma Carlotta. Dann zogen sie beide ein Bettjäckchen über ihre Nachthemden, das Carlotta von ihrer Mutter und die Nachbarin von ihrer Schwiegermutter gehäkelt bekommen hatte, stellten sich an den Zaun und plauderten den Ärger über den Vollmond weg, bis er schließlich blasser wurde und im grauen Tagesanbruch unterging.
Auf Sylt war das anders. Hier war die Nacht auch im Hochsommer kalt, in diesem Fall besonders, weil sich gegen Abend ein Wind erhoben hatte, der die Sommerwärme des Tages vertrieb. Außerdem war auf Sylt nicht zu erwarten, dass sich eine Verbündete fand, der es nichts ausmachte, bei Nacht das Haus zu verlassen und sich mit einer anderen im Nachthemd die Zeit zu vertreiben. Ihr Bettjäckchen hatte Carlotta natürlich nicht mit nach Sylt genommen, sie hätte sich schon eine dicke Strickjacke um den Körper wickeln müssen. Aber allein wäre sie im Garten auf jeden Fall geblieben. Die Sylter harrten im Hause aus, spontane Plaudereien am Gartenzaun waren selbst am helllichten Tag nur selten möglich. Und Mamma Carlotta mochte sich nicht vorstellen, wie ihr Schwiegersohn reagieren würde, wenn ihm später zu Ohren kam, dass seine Schwiegermutter außer Haus im Nachthemd gesichtet worden war.
Also würde sie am Fenster stehen bleiben, in den Garten starren, das Spiel des Windes mit den Bäumen betrachten und hoffen, dass es sie ermüden würde. Vielleicht war es dann möglich, noch einmal in den Schlaf zu finden.
Sie lehnte die Stirn an die kühle Scheibe, als sie leicht zu schwanken begann, merkte, dass ihre Augenlider schwer wurden, und wollte gerade die Gardinen schließen und einen Versuch unternehmen, wieder einzuschlafen, da machte sie im Nachbargarten eine Bewegung aus. Kein Baum, der vom Wind bewegt, kein Busch, der von ihm gerüttelt wurde, nein, eine Person, die sich geduckt davonmachte. Woher war sie gekommen? Aus dem Gemüsegarten der Familie Kemmertöns? Oder aus dem kleinen Holzhaus, das an der Grenze zum Grundstück der Wolfs stand? Das war vor ein paar Jahren erbaut worden und wurde von den Kemmertöns an Feriengäste vermietet. Zurzeit wohnte dort eine Frau, die am Osterweg als Pflegerin eingestellt worden war. Sie war allein aus Polen nach Sylt gekommen, um sich einer demenzkranken Frau anzunehmen, die auf Hilfe angewiesen war. Konnte es sein, dass sie Besuch von einem Mann bekommen hatte? Ein Mann, der offenbar nicht gesehen werden wollte?
Mamma Carlotta war schlagartig hellwach, in ihrem Kopf kreisten die Ideen. Ein verheirateter Mann, der mit der Polin ein Verhältnis begonnen hatte? Ein Mann, der aus anderen Gründen nicht offen bekennen wollte, dass er die Nacht mit ihr verbrachte? War die Frau, die dort wohnte, womöglich doch verheiratet und hatte in ihrer Heimat eine Familie, für die sie in Deutschland arbeitete? An Schlaf war nicht mehr zu denken. Hatte es sich überhaupt um einen Mann gehandelt? Nein, es hätte auch eine Frau gewesen sein können. Carlotta hatte nur eine Gestalt gesehen, die dunkel gekleidet war und sich geduckt bewegt hatte. So wie jemand, der nicht gesehen werden wollte. Vielleicht ein Dieb? Jemand, der der armen Frau, die fern von der Heimat dafür sorgte, dass ihre Familie genug zu essen hatte, das wenige, das sie besaß, gestohlen hatte? Mamma Carlotta war alarmiert. Sie würde ihren Schwiegersohn beim Frühstücken fragen. Oder … besser nicht. Wenn jemand in das Ferienhaus eingebrochen war, dann gab es bald eine Anzeige, und Erik würde dafür sorgen, dass der Dieb gestellt, überführt und verurteilt wurde. Dann war es früh genug, ihm von ihrer Beobachtung zu erzählen. Vorher würde er das, was sie ihm sagte, ja doch nur mit einer wegwerfenden Geste abtun, die sie mittlerweile gut genug kannte. Wenn seine Schwiegermutter sich in seine Arbeit einmischen wollte, konnte Kriminalhauptkommissar Erik Wolf sehr ungemütlich werden.
Mamma Carlottas Lider begannen zu flattern, ihr Kopf wurde schwer, der Schlaf kam zurück. Mit schleppenden Schritten ging sie zum Bett und ließ sich auf die Matratze sinken. Gott sei Dank, sie würde noch eine Mütze Schlaf abbekommen! Dieser Gedanke war ihr letzter, ehe sie tatsächlich einschlief.


2 – Erik erschrak, als der …

Erik erschrak, als der linke Blinker den Takt zu schlagen begann. „Ich Idiot!“
Da hatte er doch tatsächlich den Weg genommen, der ihm in all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war, die Richtung, die er blindlings einschlug, wenn er in Gedanken war. Und das war er an diesem Morgen! Die Staatsanwältin hatte angerufen. Tilla! So musste er sie jetzt nennen. Ungern, aber was blieb ihm anderes übrig? Von Anfang an hatte er sie nicht ausstehen, ihre ruppige, unfreundliche Art nicht leiden können. Wenn sie ihn anrief, brachte sie nicht einmal die Höflichkeit auf, ihn zu begrüßen oder sich gar nach seinem Befinden zu erkundigen. Nein, sie fiel immer gleich mit ihrem Anliegen ins Haus und zeigte ihm dann mit der Verächtlichkeit, die sie beherrschte wie keine Zweite, mit diesem Naserümpfen, das er vor sich sah, obwohl sie in Flensburg an ihrem Schreibtisch saß, was sie von ihm hielt. Nichts nämlich! Er war zu träge, zu trödelig, zu leidenschaftslos und zu umständlich. Alles andere als ein gewiefter Kriminalbeamter, der auf Zack war. Erst recht kein attraktiver Mann, keiner, der sich gut und modisch kleidete, der mehr für sein Äußeres tat, als regelmäßig zum Friseur zu gehen und seinen Schnauzer zu pflegen. Schon seit Jahren war er für sie wegen seiner Mittelmäßigkeit ein rotes Tuch. Bis vor einigen Monaten war das so gewesen. Dann allerdings hatte sich etwas geändert. Noch immer konnte er nicht sagen, was eigentlich passiert war. Oder vielmehr … er wollte es nicht.
Er fuhr auf den Parkplatz, der voller Baufahrzeuge stand, auch ein Kran war dort aufgestellt worden. Das Polizeirevier Westerland, das seit Jahren in dem alten Gebäude am Kirchenweg untergebracht war, musste unbedingt renoviert werden. Aber schnell hatte sich herausgestellt, dass es nicht damit getan sein würde, den Anstrich der Räume und die Fußböden zu erneuern. Es waren eklatante Schäden an dem alten Gemäuer festgestellt worden, die umfangreiche Umbaumaßnahmen erforderlich machten. Und das würde lange dauern. So war die gesamte Polizei in ein paar hässliche Container umgesiedelt worden, die neben dem Telekom-Gebäude errichtet worden waren. Die Kriminalpolizei hatte Glück gehabt, ihr waren ein paar Büroräume in der oberen Etage des Telekom-Gebäudes überlassen worden. Und Erik, mit der Stimme der Staatsanwältin im Ohr und ihren Worten in den Gedanken, war daran vorbeigefahren, die Kjeirstraße bis zu ihrem Ende, und dann in den Kirchenweg eingebogen. Erst als er die Lieferwagen der Baufirma am Straßenrand gesehen hatte, war ihm schlagartig klar geworden, dass er den Weg zur Arbeit gefahren war, der ihm seit Jahren vertraut war. Tilla würde mit Spott nicht sparen, wenn sie davon erführe.
Tilla! Was für ein exaltierter Name! Aber er passte zu ihr. Ende des vorigen Jahres war es passiert. Sie hatten an einer Hotelbar mehrere Cocktails getrunken, und Erik war der Fehler unterlaufen, die Staatsanwältin zu küssen. Unter Alkoholeinfluss, wohlgemerkt! So was zählte doch nicht. Noch heute bereute er es bitter und konnte sich überhaupt nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Wenn sie wenigstens darüber hinweggegangen wäre und diese dumme Angelegenheit so schnell wie möglich vergessen hätte. Aber nein! Sie duzte ihn seitdem und machte keinen Hehl daraus, dass sich zwischen ihr und dem Kriminalhauptkommissar von Sylt im zwischenmenschlichen Bereich etwas verändert hatte.
Während Erik auf dem Parkplatz wendete, um wieder in den Kirchenweg einzubiegen und zum Telekom-Gebäude zurückzufahren, brummte er ungehalten vor sich hin. Alle Streifenpolizisten von Sylt tuschelten vermutlich darüber, dass Erik Wolf und Dr. Tilla Speck etwas miteinander hatten. Erik mochte sich gar nicht vorstellen, welche Blüten Klatsch und Tratsch mittlerweile trieben.
Langsam fuhr er die Kjeirstraße zurück und bog auf den Parkplatz neben den Containern ein. Dort war für ihn ein Platz reserviert, an dem sein Name stand. Sein Mitarbeiter Sören Kretschmer stand neben seinem Rennrad, das er sorgfältig am Fahrradständer angekettet hatte, und wartete auf ihn.
„Warum hat das so lange gedauert, Chef?“
Erik antwortete nicht, sondern ging an ihm vorbei in den Container, an dem ein großes Schild mit der Aufschrift Polizeirevier Sylt – Wache prangte. Er trat durch die Tür, die den Hinweis trug: Bitte hier klingeln/anmelden, allerdings ohne zu klingeln, und erst recht, ohne sich anzumelden. Polizeimeister Enno Mierendorf und Obermeister Rudi Engdahl beschäftigten sich dort in aller Seelenruhe mit ein paar Handtaschen- und diversen Ladendiebstählen. Zurzeit ereignete sich nicht viel auf Sylt, obwohl die Saison schon begonnen hatte. Die Touristen aus Nordrhein-Westfalen hatten die Insel als Erste gestürmt, viele Feriengäste aus anderen Bundesländern würden an diesem Wochenende folgen. Erik ließ sich auf den neuesten Stand der träge laufenden Ermittlungen bringen, dann verließ er den Container wieder und ging zum Eingang des Telekom-Gebäudes, in dem Sören bereits verschwunden war. Wenn Tilla gesehen hätte, mit welcher Gemütlichkeit im Revierzimmer gearbeitet wurde! Sie wäre hellauf entsetzt gewesen.
Erik musste lange auf den Aufzug warten, Sören war natürlich zu Fuß in die dritte Etage hochgestiegen, er nutzte ja jede Gelegenheit zur körperlichen Ertüchtigung. Seit sie ihr Büro im Telekom-Gebäude hatten, ermahnte Sören seinen Chef häufig, etwas für seine Fitness zu tun. „Jeden Tag ein paarmal hier hoch und wieder runter, das bringt schon was!“
Doch Erik fand jedes Mal einen neuen Grund, warum es ihm gerade an diesem Tag nicht möglich war. Mal wollte er nicht in Schweiß geraten und sein frisches Hemd ruinieren, mal wollte er nicht mit Atemnot oben ankommen, wo jemand auf ihn wartete, dem er sich fit und ausgeruht präsentieren wollte, und dann wieder hatte er einfach keine Lust. So wie an diesem Tag. Es fiel ihm wesentlich leichter, lange auf den Aufzug zu warten, als die Treppen hochzusteigen. Er besaß eben mehr Geduld als Bewegungsdrang. Außerdem konnte er hier, vor der Lifttür, die sich nicht öffnete, in Ruhe in sich gehen.
Insgesamt dachte er viel mehr über Dr. Tilla Speck nach, als ihm recht war und als irgendjemand ahnte. Seine Schwiegermutter versuchte ja oft, seine Ideen anzustoßen und in Tillas Richtung zu schieben. Wenn sie dann verzweifelte, weil er nicht reagierte, hatte sie keine Ahnung, dass er längst in Gedanken bei der Staatsanwältin war. Ihr letzter Fall hatte sie noch näher zueinandergeführt. Wieder hatte er sie geküsst. Und diesmal konnte er sich nicht darauf berufen, dass Alkoholeinfluss seine Sinne vernebelt hatte. Nun fielen ihm auch wieder ihre Worte ein. Es war am Strand gewesen, bei Dunkelheit, in einem Strandkorb, in dem sie sich verstecken konnten. Sie hatte ihm gestanden, dass sie nicht wegen der Ermittlungen nach Sylt gekommen war, sondern seinetwegen. Und er hatte nichts darauf erwidert, hatte die Worte zwischen ihnen stehen und dann davonfliegen lassen, war später nicht darauf zurückgekommen und hatte sich in letzter Zeit oft gefragt, was seine Verschlossenheit wohl bei ihr anrichtete. Welche Frau hielt es aus, den Blick auf ihre Gefühle freizugeben und keine Erwiderung zu erhalten? Als er sich diese Frage zum ersten Mal gestellt hatte, war ihm klar geworden, wie schäbig er sich benommen hatte. Notgedrungen hatte er sie angerufen und war sich noch erbärmlicher vorgekommen, als sie sich darüber freute.
Endlich öffnete sich die Tür des Aufzugs, zwei Telekom-Angestellte schoben einen Stuhl und mehrere Pakete heraus und warfen ihm eine Erklärung zu, warum es so lange gedauert hatte. Er hörte gar nicht zu, winkte ab, als hätte er alle Zeit der Welt, und stieg in den Aufzug. Heute Morgen hatte Tilla ihn angerufen, weil sie nach Sylt kommen wollte. Frühere Nachbarn aus Flensburg hatten endlich ein Haus auf Sylt gefunden, in Eriks Nähe, und die Staatsanwältin eingeladen, sie bald zu besuchen.
„Stell dir vor, sie wohnen auch am Süder Wung. Da könnte ich doch mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich werde die Gerckes besuchen, mir ihr neues Haus ansehen, mich zu Carlotta in die Küche setzen, ihr beim Kochen zusehen und abends etwas mit dir unternehmen. Wie wär’s mit der Bar vom Hotel Windrose?“ Sie hatte leise gelacht. „Wir haben immer noch nicht unser Versprechen eingelöst. Der Barkeeper wartet noch darauf, uns alle Cocktails zu mixen, die er im Repertoire hat.“
Und er? Er hatte zugesagt und behauptet, er freue sich über ihren Besuch. Zum Glück hatte sie gleich ergänzt, sie habe wieder ein Hotelzimmer gebucht. Allerdings nicht im Hotel Windrose, dort war nichts mehr frei gewesen, sondern im Horizont, in dem seine Tochter ihre Ausbildung machte. Aber egal! Hauptsache Hotelzimmer! Erik lebte nach wie vor in der Angst, seine Schwiegermutter könne der Staatsanwältin das Gästezimmer anbieten. Tja, und nun freute er sich tatsächlich. Auch deswegen, weil sie das Gespräch begonnen hatte, indem sie ihren Namen nannte und Erik begrüßte. Dass sie ihn duzte, hatte auch den Vorteil, dass sie nicht mehr seinen Nachnamen auf ihn abschoss, so wie früher, sondern ihn beim Vornamen nannte, der viel weicher und freundlicher über ihre Lippen kam. Und am Ende des Gesprächs hatte sie noch liebenswürdige Worte gefunden, ehe sie den Hörer auflegte. Es hatte also tatsächlich etwas gefruchtet, dass er sich ein Herz gefasst und ihr erklärt hatte, wie sehr ihn ihre Unhöflichkeit aufbrachte.
Sein Mitarbeiter Sören Kretschmer, frischgebackener Oberkommissar, hatte schon seine Akten aus dem Schrank genommen und grinste ihn an. „Haben Sie wieder den Aufzug genommen?“
Er war ein sportlicher junger Mann von Ende zwanzig, der auf ein Auto verzichtete und jeden Weg mit seinem Rennrad zurücklegte. Demzufolge war er schlank und muskulös, nur sein Gesicht war kugelrund. Heimlich verglich Erik ihn manchmal mit einem gesunden Landarbeiter, der den ganzen Tag an der frischen Luft verbrachte und sich von der Sonne bescheinen ließ. Sörens Gesicht sah immer aus wie ein rotbackiger Apfel.
Um das Thema seiner Unsportlichkeit nicht weiter zu vertiefen, sagte Erik: „Die Staatsanwältin wird heute kommen.“ Es hatte ja keinen Sinn, den Besuch zu verschweigen. Sören nahm, wenn Mamma Carlotta auf Sylt war, jede Mahlzeit im Hause Wolf ein. Er würde der Staatsanwältin also begegnen, das war nicht zu vermeiden.
Sören ließ seinen Blick über die Akten schweifen. „Wir haben kein Kapitalverbrechen zurzeit.“
„Ihr Besuch ist mehr privater Natur.“
Über Sörens Gesicht ging ein Grinsen, das Erik überhaupt nicht gefiel. Schnell ergänzte er: „Am Ende der Straße ist eine neue Familie eingezogen. Frühere Nachbarn von der Staatsanwältin aus Flensburg. Die haben sie eingeladen, ihr neues Haus zu besichtigen. Und dann wird sie eben auch einen Besuch bei uns machen. Ist ja klar.“


3 – Mamma Carlotta war …

Mamma Carlotta war alles andere als ausgeschlafen. Wie immer nach einer Vollmondnacht. Diesmal half nicht einmal ein doppelter Espresso, es musste ein zweiter her. Stöhnend ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und betrachtete den Frühstückstisch, die Teller, von denen das Rührei gekratzt worden war, die Marmeladenflecken und Krümel auf der Tischdecke, die Butter, die zu glänzen begann. Ihr selbst hätte es den Magen umgedreht, wenn man sie zu einem derart opulenten Frühstück nötigte. Ein guter Espresso oder zwei, dazu ein Zwieback, das reichte ihr vollkommen. Die Gewohnheit der Deutschen, sich schon am frühen Morgen den Bauch vollzuschlagen, würde sie nie übernehmen. Anders als Lucia. Ihre Tochter hatte noch gar nicht lange auf Sylt gelebt, da schwärmte sie schon von Rührei und Schinken und sogar von Lachs und Leberwurst zum Frühstück. Und sie bestand darauf, dass ihre Kinder erst zur Schule aufbrachen, wenn sie nicht nur mit Liebe und Geborgenheit, sondern auch mit vielen Sattmachern und Vitaminen gefüttert worden waren.
„La mia piccola!“
Die Gedanken an Lucia waren noch immer schwer zu ertragen. Die Frage, warum der Fahrer des Lkw ausgerechnet in dem Augenblick das Steuer verrissen hatte, als Lucia ihm entgegenkam, war noch immer so quälend wie vorher. Sie würde keine Antwort bekommen, Lucias plötzlicher Tod hatte eine Wunde aufgerissen, die nie verheilen würde. Aber doch vernarbte sie allmählich und tat nicht mehr ganz so weh.
Kükeltje, die kleine schwarze Katze der Familie Wolf, schien zu spüren, dass die Herrin von Küche und Kühlschrank schweren Gedanken nachhing. Schnurrend ging sie Carlotta um die Beine und sprang schließlich auf ihren Schoß. Aus dem Warmen, Weichen wurde tatsächlich ein Trost. Mamma Carlotta drückte die Katze an sich und merkte, dass die Gedanken an Lucia erträglicher wurden.
Als es an der Haustür läutete, hätte Mamma Carlotta es beinahe nicht bemerkt. Erik hatte – nachdem sein Sohn Felix lange genug gedrängt hatte – eine neue Klingel angeschafft, die bei jeder Benutzung eine Melodie produzierte. Carlotta überlegte gerade, wer das Radio angestellt haben mochte, als ihr klar wurde, dass Beethovens Unvollendete von jemandem ausgelöst worden war, der vor der Haustür stand.
Es war die Nachbarin, die gleich noch einmal den Daumen auf die Klingel drückte, weil sie auf Im weißen Rössl am Wolfgangsee hoffte. Frau Kemmertöns war dann aber auch mit dem Radetzkymarsch hochzufrieden und ließ sich ins Haus ziehen, ohne darauf zu bestehen, das gesamte Repertoire der Melodieklingel auszuprobieren.
Mamma Carlotta war überrascht über den frühen Besuch. Frau Kemmertöns arbeitete halbtags am Infostand des Kurhauses. Wenn sie morgens Dienst hatte, war zwischen Frühstück und Arbeitsbeginn keine Zeit, einen Besuch zu machen, wenn sie erst nachmittags antreten musste, ließ sie sich Zeit mit dem Start in den Tag und fand deswegen genauso wenig Zeit für einen Besuch. Das war heute anders, und Mamma Carlotta wurde schnell klar, woran es lag: In Frau Kemmertöns schlummerte eine Neuigkeit, die rausmusste.
Besonders gesprächig war die Nachbarin nicht. Sie hielt es so wie Erik und die meisten anderen Friesen: Was gesagt werden musste, wurde gesagt, aber darüber hinaus hielt man den Mund. Auch deswegen, weil das ganze Gerede schrecklich anstrengend war. Und Anstrengungen, die sich vermeiden ließen, wich Frau Kemmertöns gern aus. Sie war in Carlottas Alter, Anfang sechzig, von ähnlicher Statur, was bedeutete, dass sie überall gut gepolstert war, und trug auch ähnliche Kleidung wie Mamma Carlotta. In diesem Fall einen geblümten Sommerrock und eine weiße Bluse mit einem tiefen Ausschnitt. Carlotta warf einen Blick auf die gerötete, schweißglänzende Haut ihres Dekolletés und war nun überzeugt, dass Frau Kemmertöns einem Skandal auf die Spur gekommen war. Vielleicht würde gleich ihre Brust zu vibrieren beginnen, eine Fähigkeit, die Carlotta bisher bei keiner anderen Frau beobachtet hatte und die sie immer wieder zum Staunen brachte. Wenn die Nachbarin echauffiert war, geriet ihre Brust in atemberaubende Schwingungen. Genau genommen das einzig Dynamische an Frau Kemmertöns’ Körper.
„Stellen Sie sich vor …“, begann sie.
Eine sehr verheißungsvolle Einführung, für die Mamma Carlotta behände die richtige Atmosphäre schaffte. Sie drückte Frau Kemmertöns auf einen Stuhl, bediente die Espressomaschine, huschte in den Vorrat und holte eine Packung Cantuccini, stellte mit großem Geklirr das Frühstücksgeschirr auf die Spüle und schob die Krümel mit ihrer rechten Handkante in die linke Handfläche. Das alles, während Frau Kemmertöns nicht weiter als bis „… was ich heute Nacht gesehen habe …“ gekommen war. Verblüfft starrte sie auf die Gebäckschale, als wüsste sie nicht, wie sie vor ihr erschienen war. Das Tempo der Schwiegermutter von Kriminalhauptkommissar Wolf war ihr oft unheimlich, und sie hatte sich sogar schon einmal bewogen gefühlt, ein ernstes Gespräch mit ihr zu führen, weil sie fürchtete, dass die Geschwindigkeit, mit der Carlotta durch den Alltag rauschte, gesundheitsschädlich war. Sie hatte sich noch nicht einmal in die richtige Sitzposition geschaukelt, da dampfte schon der Espresso vor ihr.
„Ich kann nämlich bei Vollmond nicht schlafen.“
Was Frau Kemmertöns gesehen hatte, war zu deren Bedauern für Mamma Carlotta nicht ganz so aufregend, wie sie gehofft hatte. Sie erfuhr umgehend, dass sie nicht die Einzige war, die des Nachts eine skandalöse Beobachtung gemacht hatte.
„Natürlich nicht zum ersten Mal“, fuhr Frau Kemmertöns fort.
Das allerdings war Carlotta neu. „Sie bekommt öfter Herrenbesuch di notte? Mitten in der Nacht?“
Jetzt war sie davon überzeugt, dass die Gestalt, die sie gesehen hatte, männlich gewesen war, so wie natürlich auch deren Anliegen typisch männlich gewesen sein musste.
„Die hat ein Verhältnis“, stellte Frau Kemmertöns fest, mit einer Stimme, die so gespenstisch klang, als könnte auch von Exorzismus oder mehrköpfigen Höllenhunden die Rede sein. „Vermutlich mit einem verheirateten Mann. Einen Grund muss es ja haben, dass er sich nur bei Dunkelheit zu ihr schleicht. Und immer unter einem schwarzen Umhang mit Kapuze.“
„Madonna!“
Im Nu kam jeder männliche Anwohner vom Süder Wung in Verdacht, wurde aber gleich wieder verworfen. Nein, in der Nachbarschaft wohnten nur achtbare Ehepaare, zudem noch viele in einem Alter, das amouröse Abenteuer von vornherein ausschloss. Obwohl … Frau Kemmertöns fand den Einwand, dass ein höheres Alter eine Ehefrau in Sicherheit wog, nicht ganz stichhaltig. Aber als Carlotta einen Hinweis auf Herrn Kemmertöns gab, stimmte sie zu. Die Vorstellung, dass ihr Jupp sich auf eine derartige Anstrengung einließ, erschien ihr nun auch absurd.
„Es muss also jemand sein, der nicht in der Nähe wohnt. Vielleicht in Westerland? Oder ein Feriengast?“
Sie beratschlagten ausgiebig, obwohl sie wussten, dass ihnen keine Erleuchtung kommen würde, und hatten eigentlich auch gar nicht die Absicht, eine Lösung für diese Denksportaufgabe zu finden. Das Erörtern der vielen Möglichkeiten, das Rätseln, das Grübeln und Beratschlagen machte ihnen Freude genug. Am Ende waren sämtliche Einwohner von Wenningstedt einmal kurz ins grelle Licht des Verdachts geraten, aber genauso schnell wieder in den Schatten der Unbescholtenheit gestoßen worden. Etwas länger blieb ein neu Hinzugezogener im Zentrum des Misstrauens stehen, aber auch er landete schließlich auf der Seite der Unschuldigen.
„Obwohl …“ Frau Kemmertöns fand einen Künstler generell verdächtig. „Er ist Sänger, hat überall in Deutschland Auftritte, geht manchmal auf Tournee … Wie soll seine Frau da den Überblick über seine Freizeit behalten?“
Diese Frau war Felix’ neue Lehrerin, Hedda Gercke, die selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben war, weil Lehrer das nach Carlottas Meinung ganz automatisch waren. Sie bestand darauf, dass ein Lehrer immer recht hatte, moralisch integer war und stets als gutes Vorbild herhalten konnte. Sie war davon überzeugt, dass ein Pädagoge mit Abschluss seines Studiums auch seine Ausbildung zum Moralapostel vollendete. So war das zu ihrer Zeit gewesen, und sie wollte einfach, dass sich daran nichts änderte, obwohl ihre Enkelkinder ihr schon mit einigen Gegenbeispielen gekommen waren. Auch Frau Kemmertöns hatte schon davon gehört, dass die Lehrer von heute nicht mehr das waren, was sie in ihrer Kindheit gewesen waren, aber schließlich fand auch sie, dass man zu wenig von den Gerckes wisse, um über sie urteilen zu können. „Und es soll ja auch Künstler geben, die ein ganz normales, solides Leben führen.“ Bei diesem Satz verblasste die Röte auf ihrem Dekolleté, und das Vibrieren hatte ein Ende. Von da an kehrten sie genüsslich nach draußen, was sie von der Familie wussten, die vor ein paar Wochen ein Haus am Ende der Straße bezogen hatte. Beide Anfang vierzig, wusste Frau Kemmertöns zu berichten, und mit drei Kindern gesegnet.
Dazu konnte Mamma Carlotta etwas sagen, die sich schon einmal über die Tochter der Familie Gercke gewundert hatte. „Die trägt einen Hahnenkamm auf dem Kopf. Rot gefärbt. Und mindestens ein Dutzend Ringe in jedem Ohrläppchen. Sogar die Oberlippe hat sie durchstochen.“ Sie schüttelte sich. „Und sie ist von oben bis unten tätowiert.“
Ob diese Tatsache für ausgeprägte pädagogische Fähigkeiten der Mutter sprach, war ein Gesprächsthema, das einen weiteren Espresso überdauerte, dann kam die Nachbarin mit einem Spruch, den Mamma Carlotta noch nicht kannte. „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie.“
Diese Aussage bot noch einmal eine Menge Gesprächsstoff. Aus dem Morgen wurde schon ein sonniger Vormittag, als ein lauter Schrei durch das Küchenfenster hereindrang, das Carlotta gekippt hatte, als Klatsch und Tratsch die Atmosphäre in der Küche aufgeheizt hatten. Eine männliche Stimme!
„War das etwa mein Jupp?“ Frau Kemmertöns horchte angestrengt. Scheinbar konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Mann, der noch übergewichtiger und phlegmatischer war als sie selbst, zu einer solchen Gefühlsaufwallung fähig war.
Dann ein weiterer Schrei. Lauter und verzweifelter. Ein Schrei, der durch Schluchzen zerrissen wurde. Von einer hellen Stimme, auch männlich, aber jünger.
„Was ist da los?“ Mamma Carlotta ging ans Küchenfenster und schob ihr Ohr an die Öffnung. „Sì, Signora, das kommt wirklich aus Ihrem Giardino.“


4 – Sören bekam das …

Sören bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. „Weiß Ihre Schwiegermutter schon, dass heute hoher Besuch erwartet wird?“ Er rieb sich die Hände. „Das wird ein Festmahl.“
Erik starrte auf eine Aktennotiz, als wäre sie überaus wichtig für die nächsten dienstlichen Schritte, die er zu tun gedachte. „Sie wird es erst eine Stunde vorher erfahren. Wenn keine Zeit mehr ist, die Menüfolge zu ändern und das Beste vom Besten auf den Tisch zu bringen. Wenn die Staatsanwältin sich selbst zum Essen einlädt, dann muss sie mit dem vorliebnehmen, was sie bekommt. Basta.“
Aber Sören winkte ab. „Alles, was die Signora kocht, ist lecker. Die Staatsanwältin wird hingerissen sein. So wie immer.“
Das befürchtete Erik auch. Wenn er an das Gejubel in seiner Küche dachte, wäre ihm glatt daran gelegen, von einem Mord gehindert zu werden, rechtzeitig Feierabend zu machen.
Sörens Gesicht wurde mit einem Mal ernst. Er setzte sich auf die Schreibtischkante seines Chefs, als wollte er ein Gespräch mit ihm führen, das Nähe brauchte. „Sie müssen mir nichts mehr vormachen, Chef. Ich weiß doch, wie die Sache aussieht. Also können Sie es ruhig zugeben. Ich mochte die Staatsanwältin ja genauso wenig wie Sie, aber seit sie ihre weiche Seite zeigt, habe ich meine Meinung geändert. In Wirklichkeit ist sie viel netter, als ich vorher gedacht habe. Und Sie können ruhig zugeben, dass Sie Ihre Meinung ebenfalls geändert haben. Dass die Dame ziemlich attraktiv ist, wussten wir doch schon vorher. Nun ist sie auch noch ganz umgänglich geworden. Was wollen Sie mehr? Sie sollten sich endlich zu Ihren Gefühlen bekennen.“
„Gefühle?“ Erik starrte seinen Mitarbeiter an, als hätte dieser etwas Unanständiges von sich gegeben. „Sie glauben doch nicht etwa …“
„Doch, das glaube ich.“ Sören erhob sich von der Schreibtischkante und ging zur Tür. „Mal ganz ehrlich, Chef! Jede andere Frau hätte Ihnen schon den Marsch geblasen. Ein Kuss, ein romantischer Abend am Strand, noch ein Kuss … und dann Sendepause! Wirklich erstaunlich, dass die Staatsanwältin sich so was bieten lässt. Oder haben Sie zwischendurch mal ihre Nummer gewählt? Nur um zu wissen, wie es ihr geht?“ Er wartete Eriks Antwort nicht ab. „Nein, haben Sie nicht.“
„Doch! Einmal habe ich sie angerufen.“
„Um ihr frohe Weihnachten zu wünschen? Na toll! Die Frauen, die ich kenne, wären sauer. Stocksauer! Die würden Sie mit dem A… mit dem Allerwertesten nicht mehr angucken. Aber was macht die Staatsanwältin? Ausgerechnet sie, die wir für so kaltschnäuzig gehalten haben, ruft an, weil sie auf Sylt ist, und will Sie besuchen. Schon mal darüber nachgedacht, warum?“
Erik saß mit offenem Mund da und blieb auch so sitzen, als Sören sein Büro bereits verlassen hatte. Als sein Telefon zu klingeln begann, dauerte es eine Weile, bis er sich in der Lage sah, zum Hörer zu greifen.
Dann allerdings ging ein Ruck durch seinen Körper. „Was? Am Süder Wung?“ Er ließ sich die Hausnummer noch einmal sagen und stöhnte auf. „Das sind meine Nachbarn.“ Er stand schon auf und griff nach seiner Jacke, als er das Telefonat noch nicht einmal beendet hatte. „Bin sofort da.“
Nur kurz dachte er an den frommen Wunsch, der ihm noch vor wenigen Minuten durch den Kopf gegangen war. Nun hatte er sich erfüllt. Er hatte einen Mord am Hals.


5 – Mamma Carlotta war …

Mamma Carlotta war nicht mehr zu halten. Sie sprang auf, lief ins Wohnzimmer und von dort auf die Terrasse, Kükeltje auf den Fersen, die scheinbar glaubte, dass am Ende dieses Parcours ein Töpfchen mit Sahne wartete. Wieder waren Stimmen zu hören, diesmal aber leiser, doch noch immer erregt. Irgendetwas geschah auf der anderen Seite des Gartenzauns.
Sie eilte zurück und wäre in der Diele beinahe mit Frau Kemmertöns zusammengestoßen, die es noch nicht weiter als bis dorthin geschafft hatte. Carlotta griff nach ihren Oberarmen und drehte sie Richtung Haustür. „Wir gehen vorne rum.“
Frau Kemmertöns ließ sich widerstandslos aus dem Haus schieben und akzeptierte, dass die Schwiegermutter von Kriminalhauptkommissar Wolf viel eher an ihrem Gartentor ankam als sie selbst.
Herr Kemmertöns stand vor der Treppe, die zu seinem Haus hinaufführte, und versuchte, sich die Haare zu raufen, was nicht möglich war, da sein Haupthaar ihn schon vor Jahren verlassen hatte. Nervös fuhr er sich über die Glatze und sagte immer wieder: „Klei mi ann Mors.“
Damit richtete er sich wohl an den Mann, der auf der unteren Treppenstufe saß, den Kopf auf die Brust gelegt, die Hände vors Gesicht geschlagen.
Carlotta schätzte ihn auf Anfang sechzig. Seine Figur war schlank und drahtig, sie hätte einem jungen Mann gehören können, aber seine Hände waren die eines Älteren. Er hatte glattes, dunkles Haar, das sich an den Schläfen bereits lichtete, aber nur wenige graue Strähnen aufwies. Seine Jeans waren nach der neuesten Mode, mit abgeschabten Knien und ein paar durchlöcherten Stellen, wie sie bei jungen Leuten zu sehen waren. Mamma Carlotta hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass ihr Enkel sie, wenn er seine Jeans anzog, an den Landstreicher in ihrem Dorf erinnerte, der sich freute, wenn eine der Frauen sich bereit erklärte, seine Hose zu flicken. Aber mittlerweile hatte sie gelernt, dass jemand, der solche Jeans trug, mit der Mode ging. Auch das bunte Hemd des Mannes wirkte sehr modisch, die Slipper, die er an den nackten Füßen trug, ebenfalls. Sie hatten sogar den gleichen Farbton wie das Hemd. Ein Mann, der auf sein Äußeres achtete.
„Klei mi ann Mors!“ Herr Kemmertöns schien weder Mamma Carlotta noch seine Frau wahrzunehmen.
Frau Kemmertöns machte einen energischen Schritt nach vorne. „Was ist los, Jupp?“
Er wies zur Tür des Holzhauses, die offen stand. „Da! Sie ist tot!“
Carlotta war in zwei, drei Schritten an der Tür und setzte vorsichtig einen Fuß in das Ferienhaus. Es hatte keinen Vorraum, sie stand gleich in einem kleinen Wohnzimmer. Am anderen Ende gab es eine Tür, die in eine winzige Schlafkammer führte.
Josef Kemmertöns erschien hinter ihr. „Gehen Sie da nicht rein, Signora.“
Sie wollte nach dem Grund fragen, unterließ es aber. Die Antwort lag auf der Hand. „Wir müssen meinen Schwiegersohn anrufen.“
„Schon erledigt. Ich habe gleich den Notruf gewählt.“
„Und Sie sind ganz sicher …?“
„Tausendprozentig! Die Frau kann nicht mehr leben. Alles voller Blut.“
Wieder fuhr er sich mit beiden Händen über den Schädel, ging zur Eingangstür und blieb dort stehen, als wollte er kontrollieren, dass Carlotta das Haus verließ. Sie tat es notgedrungen, obwohl die geöffnete Schlafzimmertür einen unwiderstehlichen Reiz auf sie ausübte. Die Neugier zog sie dorthin, aber die Angst vor dem, was sie zu sehen bekommen würde, hielt sie zurück. Und dann kam noch die Befürchtung hinzu, dass es dort Spuren geben könnte, die nicht zerstört werden durften. Als diese Sorge sich in ihr breitmachte, folgte sie Herrn Kemmertöns bereitwillig nach draußen. Ein schrecklicher Gedanke, dass der Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle Spuren in der Nähe einer Toten fand, die – nach langer und mühevoller Ermittlungsarbeit – der Schwiegermutter des Kriminalhauptkommissars zugeordnet wurden. Diese Angst war schließlich stärker als ihre Neugier.
Außerdem gab es vor dem Holzhaus noch etwas zu tun. Der Mann, der noch immer auf der unteren Treppenstufe saß und nach wie vor nicht aufblickte, brauchte Trost, Zuwendung, ein offenes Ohr, um sich auszusprechen. Scheinbar hatte er die Leiche entdeckt und war ganz starr vor Entsetzen. Carlotta hockte sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Rücken. Er zuckte unter ihrer Berührung zusammen und sah auf. Seine Augen waren trocken, scheinbar war er zu aufgewühlt zum Weinen. Er starrte sie an, als hätte sie etwas gesagt, was ihn bis ins Mark erschüttert hatte. In Wirklichkeit schwieg sie, weil auch Carlotta Capella wusste, dass es Gelegenheiten gab, in denen mehr zu erreichen war, wenn kein Wort fiel. Was sollte man auch einem Mann sagen, der gerade den Tod gesehen hatte, dem vor Augen geführt worden war, wozu Menschen fähig waren?
„Wer sind Sie?“, fragte er mit einer Stimme, die sich anhörte, als sei ihm ihr Name völlig egal.
In diesem Augenblick erkannte sie ihn. Der Besitzer der Wäscherei Janssen, zu dem sie kürzlich die Wohnzimmergardinen gebracht hatte, die von Eriks Pfeifentabak ganz gelb geworden waren. Er war so freundlich gewesen, sie am nächsten Tag mit seinem Lieferwagen zurückzubringen und gleich wieder aufzuhängen, ohne dafür eine Gebühr zu verlangen. Damit hatte er sich Carlottas Sympathie erworben.
„Sono Carlotta Capella“, antwortete sie mit sanfter Stimme und zeigte zum Nachbarhaus. „Ich komme aus Italien, bin bei meinem Schwiegersohn und den Enkeln zu Besuch.“
Entweder war ihm ihre Antwort gleichgültig, oder er hatte sie nicht verstanden, was ihm ebenso gleichgültig war.
„Herr Janssen …“ Sie stockte, weil ihr einfiel, dass er einen anderen Namen trug als den, der über der Tür der Wäscherei stand.
„Er heißt Keno Verbeck“, korrigierte Josef Kemmertöns. „Seine Frau ist eine geborene Janssen.“
„Ah, sì.“ Jetzt fiel es ihr wieder ein. Keno Verbeck hatte eingeheiratet und führte die Wäscherei mit seiner Frau gemeinsam, so hatte sie bei einer kleinen Plauderei herausgefunden. Seine Frau ließ sich allerdings nur selten im Laden blicken. Selten? Nein, eigentlich nie. Vermutlich hatte sie mit Haus, Garten und Kindern genug zu tun.
Autos fuhren vor, Motoren erstarben, Türen schlugen, eilige Schritte kamen aufs Gartentor zu. Die Mordkommission war im Anmarsch.
„Klei mi ann Mors“, sagte Herr Kemmertöns schon wieder.
Carlotta wandte sich an seine Frau. „Was heißt das?“
„Kratz mich am Hintern“, antwortete Frau Kemmertöns stoisch und schien nicht bereit, Mamma Carlotta zu erklären, weshalb der Todesfall in ihrem Ferienhaus jemanden dazu bringen sollte, sich der blank gescheuerten Hose ihres Mannes zu nähern.

Mamma Carlotta ist eine typische italienische Nonna. Die Familie ist ihr Ein und Alles, ihre Kinder stehen für sie immer im Mittelpunkt. Mamma Carlotta hatte keineswegs ein leichtes Leben. Schon mit sechzehn wurde sie schwanger und bekam in kurzer Folge sieben Kinder. Ihre Schwiegereltern wurden pflegebedürftig und später auch ihr Mann schon in jungen Jahren. Ihr Leben hat immer aus viel Arbeit, Schicksalsschlägen und Entbehrungen bestanden. Trotzdem hat sie es genossen und wollte nie ein anderes. Immer war sie mit dem zufrieden und glücklich, was sie hatte. Eine, wie ich finde, bemerkenswerte Eigenschaft. 


Gisa Pauly

Romantik mit Meerblick

Blick ins Buch
Die kleine Bäckerei am StrandwegDie kleine Bäckerei am Strandweg

Roman

Es klingt fast zu gut um wahr zu sein – Polly wird ihr Hobby zum Beruf machen, und das in Cornwall, auf einer romantischen Insel mit Männerüberschuss. Genau die richtige Kur für ein leeres Konto und ein gebrochenes Herz. Aber die alte Bäckerei ist eine windschiefe Bruchbude, am Meer kann es sehr kühl sein, und der Empfang, den manche Insulaner ihr bereiten, ist noch viel kälter. Gut, dass Polly Neil hat, einen kleinen Papageientaucher mit gebrochenem Flügel. Doch bald kauft der halbe Ort heimlich ihr wunderbares selbstgebackenes Brot, und als sie Neil fliegen lassen soll, ist sie schon fast heimisch geworden. Nur das mit der Liebe gestaltet sich komplizierter als gedacht ...

Kapitel 1
Manchmal stellte Polly sich vor, wie sie es viele Jahre später, als alte Dame an einem weit entfernten Ort, schwierig fände, ihr Leben auf Mount Polbearne zu erklären. An manchen Tagen konnte man von dort mit dem Auto aufs Festland fahren, manchmal musste man aber das Boot nehmen. Gelegentlich waren die Menschen auch für längere Zeit vom Rest der Welt abgeschnitten, und es wusste niemand, wann das eintreffen würde und für wie lange. Der Gezeitenkalender konnte eben nur Ebbe und Flut vorhersagen, aber nicht das Wetter.
„Aber war das denn nicht fürchterlich?“, würde man sie fragen. „Zu wissen, dass es keine Verbindung zum Festland gab?“
Polly dachte dann daran, wie die Sonnenstrahlen auf dem Hochwasser glitzerten und schließlich ihre Farbe änderten. Dann leuchtete das Meer im Westen pink, rosa oder lila im Licht des Sonnenuntergangs. Bei diesem Anblick wurde einem klar, dass ein anderer Tag vorbeigezogen war und man weiterhin festsaß.
„Ehrlich gesagt nicht“, würde sie sagen. „Das war wirklich schön. Man musste es sich einfach nur mit den anderen Bewohnern von Polbearne gemütlich machen. Dann musste man halt aufpassen, dass man alles hochgestellt, außer Reichweite des Wassers gebracht hatte. Und wenn wir noch Strom hatten, war das natürlich super, aber wenn nicht, na ja, kam man auch irgendwie klar. Und dann flackerten hinter all den kleinen Fensterscheiben eben Kerzen. Das war so behaglich.“
„Das klingt wie vor hundert Jahren.“
Polly würde lächeln. „Ich weiß. Aber so lange ist das in Wirklichkeit noch gar nicht her … Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Wenn man sein Herz an einen Ort verliert, dann trägt man ihn eben immer in sich.“


2015
Polly blätterte die Papiere im glänzenden Ordner mit dem Foto eines Leuchtturms durch, das doch wirklich hübsch war. Sie versuchte eben mit aller Kraft, das Positive zu sehen.
Und die beiden Männer im Raum waren sympathisch, viel freundlicher als eigentlich nötig. Ehrlich gesagt waren sie so nett, dass es Polly dadurch merkwürdigerweise nicht besser, sondern eher schlechter ging. Statt wütend werden zu können oder eine Abwehrhaltung einzunehmen, war sie einfach nur traurig.
Chris und sie waren damals so stolz auf ihr kleines Büro im ehemaligen Bahnhof gewesen, in dessen hinterem Zimmer sie jetzt saßen. Der frühere Warteraum mit seinem nicht funktionierenden Kamin war einfach zauberhaft und schnuckelig.
Aber inzwischen herrschte in beiden Räumen das totale Chaos: Überall lagen Papiere und Ordner herum, Computer wurden hin und her geschoben, und die beiden reizenden Herren von der Bank gingen alles durch. Chris saß da und schmollte, er sah aus wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Polly hingegen versuchte, sich nützlich zu machen, huschte hin und her, fing gelegentlich jedoch einen sarkastischen Blick von Chris auf, mit dem er zu sagen schien: „Warum bist du bloß so zuvorkommend zu diesen Typen, die uns doch fertigmachen wollen?“ Und damit hatte er nicht ganz unrecht, aber sie konnte einfach nicht anders.
Später kam Polly dann in den Sinn, dass die Bank vermutlich aus gutem Grund so nette Angestellte schickte – um Konfrontationen und Streit zu vermeiden und damit die Leute kooperierten. Das machte sie traurig, ihretwegen und auch wegen Chris, aber genauso wegen dieser reizenden Männer, die von Berufs wegen den ganzen Tag mit dem Elend anderer Menschen zu tun hatten. Und das alles war doch wirklich nicht ihre Schuld, auch wenn Chris es natürlich so sah.
„Also“, erklärte nun der ältere der beiden Männer, ein Inder, der einen Turban trug und auf dessen Nasenspitze eine kleine Brille thronte. „Normalerweise werden Insolvenzverfahren vor dem Bezirksgericht verhandelt. Sie müssen dabei nicht beide anwesend sein, es reicht, wenn einer der Direktoren daran teilnimmt.“
Polly war beim Wort „Insolvenz“ zusammengezuckt. Das hörte sich so ernst und endgültig an. Bankrott gingen doch normalerweise nur Promis und alberne Popstars, keine hart arbeitenden Menschen wie sie.
Chris schnaubte sarkastisch. „Das kannst ruhig du übernehmen“, sagte er zu Polly. „So was machst du doch gern.“
Mitfühlend sah der jüngere Mann Chris an. „Wir können uns natürlich gut vorstellen, wie schwierig das für Sie sein muss.“
„Wieso?“, fragte Chris. „Sind Sie etwa auch schon mal pleitegegangen?“
Polly starrte wieder den hübschen Leuchtturm an, aber das Bild hatte seine Wirkung leider verloren. Deshalb dachte sie lieber an etwas anderes und bewunderte jetzt Chris’ wunderbare Zeichnungen, die sie vor sieben Jahren bei ihrem Einzug hier aufgehängt hatten. Damals hatten sie beide sich als Mittzwanziger voller Enthusiasmus in das Abenteuer gestürzt, eine Firma für Grafikdesign zu gründen. Am Anfang war es gut gelaufen, Chris hatte aus seinem alten Job ein paar Kunden mitgebracht, und auf der kaufmännischen Seite hatte Polly unermüdlich geschuftet, Networking betrieben, neue Aufträge an Land gezogen und nicht nur Prospekte von Firmen an ihrem Wohnort Plymouth reingeholt, sondern ihren Wirkungskreis bis auf Exeter und Truro erweitert.
Sie investierten in Plymouth in eine Wohnung in einem neu erschlossenen Gebiet am Wasser, in ein minimalistisches und hochmodernes Apartment. Dann zeigten sie sich in all den Restaurants und Bars, in denen man gesehen werden musste. Und es lief gut – zumindest eine Zeit lang. Sie kamen sich wie echte Senkrechtstarter vor und erzählten den Leuten gerne von ihrer eigenen Firma. Aber dann kam 2008 nicht nur die Bankenkrise – neue Computertechnik machte es auch einfacher als je zuvor, Bilder zu bearbeiten und selbst grafisch zu arbeiten. Viele Unternehmen erteilten keine Aufträge mehr, weil sie Kosten senken wollten und Selbstständige einsparten. Chris zufolge ging damit die Qualität des Grafikdesigns den Bach runter, aber vieles wurde jetzt einfach von eigenem Personal erledigt. Es wurde gemacht, aber eben nicht mehr von ihnen.
Polly arbeitete sich die Finger wund. Ohne Unterlass pries sie die Arbeit ihrer talentierten besseren Hälfte an, lockte mit Rabatten und brachte Aufträge rein. Chris hingegen zog sich völlig in sein Schneckenhaus zurück und pflegte seinen Groll gegen eine Welt, die seine wunderbaren Zeichnungen und handgemalten Schriftzüge verschmähte. Während er bockig und schweigsam wurde, versuchte Polly, dem mit einer positiven Einstellung entgegenzuwirken. Es war jedoch gar nicht so einfach, das durchzuhalten.
Irgendwann hatte dann selbst sie ihn angefleht, die Firma aufzugeben und sich anderswo einen Job zu suchen. Damals hatte sie sich von ihm anhören müssen, dass sie nicht zu ihm hielt und gegen ihn intrigierte.
Das war schon ein Weilchen her, aber trotzdem wollte Polly nicht einmal sich selbst eingestehen, wie erleichtert sie war, dass nun endlich alles vorbei war. Natürlich war das Ganze nicht angenehm, vielmehr ganz furchtbar und peinlich. Dabei ging es schließlich vielen Leuten so, die mit ihnen früher durch die Bars in Plymouths trendigem Zentrum gezogen waren. Jeder kannte irgendwen, der dasselbe durchgemacht hatte.
Pollys Mutter hingegen konnte das alles gar nicht verstehen, für sie kam eine Insolvenz quasi einem Aufenthalt im Knast gleich.
Sie würden die Wohnung verkaufen und noch einmal ganz von vorn anfangen müssen. Aber dieser Besuch von Mr Gardner und Mr Bassi von der Bank bedeutete zumindest, dass endlich etwas passierte und jetzt alles geregelt wurde. Die letzten zwei Jahre waren sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht elend und entmutigend gewesen. Die ganze Sache hatte ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Eigentlich waren sie fast zwei Leute geworden, die sich eher unfreiwillig eine Wohnung teilten. Polly fühlte sich völlig ausgelaugt.
Als sie nun zu Chris rübersah, bemerkte sie in seinem Gesicht Falten, die ihr vorher noch nie aufgefallen waren. Andererseits musste sie sich auch eingestehen, dass sie ihn schon länger nicht mehr richtig angesehen hatte. Sie war immer als Erste nach Hause gegangen, während er noch im Büro geblieben war und stundenlang an den wenigen Aufträgen gefeilt hatte, als könnte er durch Perfektionismus das Unausweichliche abwenden. Wenn er dann heimgekommen war, war sie seinem Blick am Schluss lieber ausgewichen, weil er ihr jedes Mal wie eine Anklage, eine Schuldzuweisung vorgekommen war.
Eins war schon seltsam – wäre hier nur ihre Beziehung in die Brüche gegangen, dann wären alle mitfühlend gewesen, hätten ihnen zu helfen versucht, hätten ihnen mit Ratschlägen tröstend zur Seite gestanden. Aber die Unternehmenspleite schien die Leute zu verschrecken, man hatte zu viel Angst, dazu etwas zu sagen. Man blieb auf Distanz und stellte kaum Fragen, und das galt selbst für Pollys beherzte beste Freundin Kerensa.
Vielleicht lag es an der Furcht vor Armut – die Angst vor dem Verlust des hart erarbeiteten Lebensstandards schien in den Menschen tief zu gründen. Und daher hielten sie sich lieber fern, falls das irgendwie ansteckend sein sollte. Vielleicht war den Leuten ihr Verhalten auch gar nicht klar, oder sie und Chris hatten einfach zu lange die perfekte Fassade aufrechterhalten. Sie hatten gute Miene zum bösen Spiel gemacht, bei Verabredungen zum Essen mit Kreditkarte bezahlt und die Luft angehalten, wenn der Kellner die Karte durchzog. Zu Geburtstagen hatten sie selbst gemachte Geschenke mitgebracht – zum Glück konnte Polly backen, das hatte sich als extrem nützlich erwiesen. Den schicken schwarzen Mazda hatten sie noch, obwohl der jetzt natürlich auch verschwinden musste. Aber das Auto war Polly sowieso egal, wichtig war ihr Chris. Oder er war es zumindest gewesen, aber den alten Chris hatte sie eigentlich schon seit einem Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen. Den liebevollen, witzigen Mann, der am Anfang ihrer Beziehung so schüchtern gewesen und dann richtig aufgeblüht war, nachdem er sich als Grafikdesigner selbstständig gemacht hatte. Die beiden waren ein Team, und Polly unterstützte ihn bei allem. Wie sehr sie an ihn glaubte, bewies sie ihm dann auch, als sie bei der Firma einstieg. Sie investierte ihre gesamten Ersparnisse in das Unternehmen (von denen nach der Hypothek allerdings nicht mehr viel übrig geblieben war), bezirzte Kunden, blieb am Ball und kämpfte um jeden einzelnen Auftrag, wobei sie sich jedoch langsam, aber sicher an den Rand der Erschöpfung arbeitete.
Und damit machte sie es nur noch schlimmer. Der Frühling war eisig kalt, eigentlich fühlte er sich eher wie ein endloser Winter an. An jenem verhängnisvollen Abend kam Chris nach Hause, und sie sah ihm in die Augen, schaute ihn dieses eine Mal wirklich an. „Das war’s“, versetzte er grimmig.
Die Lokalzeitungen machten zu, also ging die Nachfrage nach Layout und Grafikdesign zurück … Und die meisten Firmen brauchten eigentlich auch keine Flyer mehr, oder falls doch, entwarf sie der Inhaber selbst und druckte die Dinger dann einfach aus. Inzwischen war eigentlich jeder sein eigener Fotograf und Designer und übernahm, was Chris einst mit so viel Sorgfalt und Liebe zum Detail erledigt hatte. Es lag nicht nur an der Krise, obwohl die natürlich nicht gerade geholfen hatte. Die Welt veränderte sich einfach. Chris hätte genauso gut versuchen können, Piepser oder Kassetten zu verkaufen.
Sie hatten schon seit Monaten keinen Sex mehr, und wenn Polly in den frühen Morgenstunden aufwachte, lag Chris oft hellwach neben ihr, rechnete im Kopf alles durch oder ließ sich einfach von Sorge und Qual zerfressen. Dann suchte sie vergeblich nach den passenden Worten, um ihn zu trösten.
„Das bringt doch nichts“, knurrte er bei jedem ihrer Vorschläge, von Hochzeitskarten bis hin zu Schuljahrbüchern. Oder: „Ist doch eh alles aussichtslos.“ Er wurde immer unzugänglicher, bis die Zusammenarbeit zwischen ihnen fast unmöglich geworden war. Und weil Chris Pollys Geschäftsideen nicht passten, aber kaum noch Aufträge reinkamen, hatte auch Polly immer weniger zu tun. Chris ging morgens als Erster aus dem Haus, um eine Runde zu joggen, das war seine einzige Chance, Stress abzubauen, wie er betonte. Sie biss sich auf die Lippe und hielt ihm nicht vor, dass er ihre Vorschläge in diese Richtung alle abschmetterte – ein Spaziergang, vielleicht runter zum Strand, ein Picknick, Sachen, die nichts kosteten. Er fauchte dann, dass doch sowieso alles sinnlos sei und er darauf nun wirklich keine Lust habe.
Polly versuchte auch, ihn zum Arzt zu schicken, aber das war ebenfalls reine Zeitverschwendung. Chris wollte einfach nicht zugeben, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte – mit ihm, mit ihnen, mit einfach allem. Angeblich war das nur eine schwierige Phase, bald würde sich alles wieder einrenken. Dann erwischte er sie bei der Jobsuche im Internet, und das brachte das Fass zum Überlaufen. Beim Streit an diesem Abend flogen beinahe die Teller, und es kam alles ans Licht: dass Chris sich Geld geliehen hatte und die Situation viel schlimmer war, als er Polly gegenüber je zugegeben hatte. Irgendwann hatte sie ihn nur noch mit offenem Mund angestarrt.
Eine Woche, eine quälend lange Woche später gab er schließlich klein bei, setzte sich mit ihr hin und sah ihr in die Augen. „Das war’s.“
Und jetzt hockten sie hier zusammen mit den reizenden Männern von der Bank in den Trümmern ihres Unternehmens. All die Träume, all die hochfliegenden Pläne, die sie in besseren Zeiten geschmiedet hatten, waren dahin. Es blieb nichts mehr von den Unterlagen, die Chris einst unterschrieben hatte. Nach der Unterzeichnung hatten sie eine Flasche Champagner aufgemacht, den Schreibtisch im zauberhaften kleinen Büro damit getauft und ihre Anzeige in den Gelben Seiten bewundert. Und nun waren all diese Dinge von einer Welt geschluckt worden, der es offenbar völlig egal war, wie sehr sie geschuftet oder wie sehr sie sich den Erfolg gewünscht hatten. Im wahren Leben waren diese ganzen Realityshow-Klischees nämlich völlig irrelevant. Es war vorbei, und das konnten auch alle Leuchtturmbilder der Welt nicht ändern.


Kapitel 2
„Also, das bleibt mir noch“, sagte sich Polly, die bei ihrem Fußmarsch durch die Stadt vom kalten Frühlingswind ordentlich durchgepustet wurde. Sie versuchte verzweifelt, sich zusammenzureißen und sich auf die positiven Dinge in ihrem Leben zu konzentrieren. Schließlich war sie mit ihrer besten Freundin zum Krisengipfel verabredet und wollte ihr nicht tränenüberströmt gegenübertreten.
„Ich bin gesund. Abgesehen von meinem wackeligen Knöchel, den ich mir – selbst schuld – beim Tanzen verknackst hab, geht es mir gut. Ich bin im Vollbesitz meiner Kräfte. Mein Geld ist durch die Firma zwar futsch, aber es verlieren doch ständig Leute noch viel größere Summen. Von Naturkatastrophen bin ich bislang verschont geblieben, und meiner Familie geht es gut, auch wenn sie ziemlich nervt. Meine Beziehung … na ja, andere Menschen machen Schlimmeres durch, viel Schlimmeres. Wenigstens müssen wir uns nicht scheiden lassen und –“
„Hast du sie noch alle?“, fragte Kerensa laut. Obwohl sie Schuhe mit unglaublich hohen Absätzen trug, hatte sie Polly in ihren Chucks auf dem Weg von der Unternehmensberatung nach Hause problemlos eingeholt. „Deine Lippen bewegen sich ja. Vielleicht wirst du langsam doch noch verrückt. Und, weißt du …“
„Was denn?“
„Na ja, daraus könntest du vielleicht sogar Kapital schlagen. Behinderte kriegen doch bestimmt eine Rente.“
„KERENSA!“, fauchte Polly. „Du bist einfach furchtbar! Und nein. Wenn du es unbedingt wissen willst – ich hab mir die positiven Aspekte meines Lebens aufgesagt und war gerade bei ›Wenigstens müssen wir uns nicht scheiden lassen‹.“
Vermutlich zog Kerensa jetzt ein langes Gesicht, aber das Botox machte es einem manchmal nicht leicht, ihre Miene korrekt zu interpretieren. Zum Glück verlieh sie ihrer Meinung immer direkt lautstark Ausdruck.
„Gott im Himmel, ernsthaft? Was steht denn sonst noch auf deiner Liste, etwa dass du zwei Arme und Beine hast?“
„Ich dachte, wir wollten uns treffen, damit du mich ein bisschen aufmuntern kannst.“
Kerensa hielt die Tüte eines Weinladens hoch, in der etwas leise klirrte.
„Ja, allerdings. Also, wie sehen die weiteren Punkte auf deiner Liste aus? Dass du arbeits- und obdachlos bist, hast du vermutlich außen vor gelassen, was?“
Inzwischen hatten sie Kerensas makelloses kleines Häuschen erreicht. Neben der polierten roten Tür mit dem Messingklopfer standen rechts und links zwei Orangenbäumchen.
„Ehrlich gesagt bin ich langsam nicht mehr so sicher, ob ich noch mit reinkommen will“, maulte Polly, meinte es aber nicht ernst. So war Kerensa eben, sie packte den Stier gern bei den Hörnern. Diese Strategie hätte Polly im letzten Jahr vielleicht auch lieber anwenden sollen, während die Firma bankrottging und Chris sich immer weiter zurückzog. Polly hatte Kerensa nur ein einziges Mal um einen Rat gebeten, nach ein paar Gläsern zu viel auf einer Weihnachtsparty vor x Jahren. Kerensa hatte ihr damals gesagt, dass ihre Geschäftsidee riskant sei, und sie dann gebeten, sie nicht noch einmal zu fragen. Polly hatte sich eingeredet, dass doch alle Geschäftsideen riskant waren, und das Thema seitdem nicht mehr angesprochen.
„Ach, komm doch rein, wenn du schon mal hier bist, ich kann doch unmöglich all diese Pringles allein essen“, verkündete Kerensa ungerührt und zog ihren Schlüssel mit dem Tiffanys-Anhänger hervor.
„Du isst doch nie Pringles“, grummelte Polly. „Du stellst die immer nur hin und sagst dann: ›Oh, ich musste heute Mittag so einen Riesenlunch essen, den ich mir in Wirklichkeit nur ausdenke, iss du doch bitte die Pringles, sonst werden die nämlich schlecht.‹ Was übrigens gar nicht stimmt.“
„Na ja, wenn du bleiben würdest, dann könntest du sie auch ganz langsam und genüsslich verspeisen, statt sie runterzuschlingen, als wärst du am Verhungern.“
Bevor Polly noch irgendwas erwidern konnte, hob Kerensa beide Hände. „Na los, komm schon, wenigstens heute Nacht.“
„Okay“, sagte Polly.
Polly musste die Augen schließen, um es auszusprechen, aber da erschienen vor ihrem inneren Auge Mr Gardner und Mr Bassi, die es ihnen verkündeten: Sie würden die Wohnung an die Bank verlieren. Bei dieser Nachricht hatte ihre Mum reagiert, als hätten sie ihren Erstgeborenen verkauft. Kein Wunder, dass Polly ihrer Mutter möglichst wenig anvertraute.
„Also, ich versuche ja, die positiven Aspekte zu sehen.“
„Die positiven Aspekte der Obdachlosigkeit?“
„Sei nicht so gemein. Und ich kann mir jetzt endlich mal was für mich selbst suchen.“
Kerensa versuchte, die Stirn zu runzeln, und starrte dann auf den Schleier von Chipskrümeln hinunter, den Polly auf ihrem BoConcept-Sofa verteilt hatte.
„Nur für dich?“
Polly biss sich auf die Unterlippe. „Also, wir trennen uns jetzt nicht oder so. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie wir zu zweit in einer fürchterlichen, winzigen Mietwohnung aufeinanderhocken …“
Sie holte tief Luft und trank dann einen großen Schluck Wein.
„Chris hat gesagt, dass er vorübergehend wieder bei seiner Mutter einzieht. Nur bis … bis wir das wieder auf die Reihe kriegen. Weißt du, was ich meine? Bis wir sehen, wie es zwischen uns steht.“
Polly tat ihr Bestes, um es so klingen zu lassen, als wäre diese Entscheidung durch ruhiges, vernünftiges Abwägen gefällt worden, nicht durch lautes Streiten mit anschließendem Schmollen.
„Ich meine, ein Tapetenwechsel tut uns bestimmt gut.“
Kerensa nickte mitfühlend.
„Bis die Wohnung verkauft ist … stehe ich aber leider mit leeren Händen da. Wenn wir dafür mehr kriegen als erwartet, dann sind damit eventuell die Schulden getilgt, aber …“
„Aber du rechnest nicht damit?“
„Bei meinem Glück im Moment“, sagte Polly, „kriege ich bestimmt kaum etwas zurück. Und wenn ich dann mit meinem Geld in der Hand aus der Bank trete, schlägt der Blitz ein und lässt es in Flammen aufgehen. Danach knallt mir vermutlich ein Klavier auf den Kopf, und ich falle in einen Gully.“
Kerensa tätschelte ihr die Hand. „Und wie sieht es bei Chris aus?“
Polly zuckte mit den Achseln. „Im Prinzip genauso. Diese Konkursverwalter waren wirklich nett, also den Umständen entsprechend.“
„Was für ein fürchterlicher Job.“
„Aber die haben wenigstens Arbeit“, sagte Polly. „Was ich im Moment schon beeindruckend finde.“
„Schaust du dich denn nach was Neuem um?“
„Oh ja“, sagte Polly. „Aber ich bin offenbar für jede einzelne Stelle auf diesem Planeten überqualifiziert und zu alt. Außerdem scheint für Einstiegsjobs heute niemand mehr bezahlt zu werden. Und ich bräuchte erst mal dringend eine Postanschrift.“
„Du weißt doch, dass du hier wohnen kannst“, sagte Kerensa augenblicklich.
Polly sah sich in diesem absolut perfekten, makellosen Singlefrauen-Bau um. Kerensa konnte sich die Männer aussuchen – kein Wunder, bei ihrem durchtrainierten Körper, ihren teuren Klamotten und ihrer erbarmungslosen Arroganz –, hatte aber nicht die geringste Lust auf etwas Ernsthaftes. Sie war wie eine Rassekatze, während Polly selbst sich eher wie ein freundlicher, aber leicht verwahrloster Hund vorkam. Vielleicht wie ein Cockerspaniel, schließlich hatte sie rötlich blondes Haar und wenig markante Gesichtszüge.
„Ich würde lieber in einer Tonne schlafen, als unsere Freundschaft damit aufs Spiel zu setzen, dass wir uns wieder die Wohnung teilen.“
„Wir hatten doch eine super Zeit“, wandte Kerensa ein.
„Hatten wir nicht“, entgegnete Polly. „Du warst jedes Wochenende mit lauten Arschlöchern auf ihrem Boot unterwegs und hast nie abgewaschen!“
„Also erstens hab ich dich jedes Mal gefragt, ob du nicht mitkommen willst.“
„Und ich hab immer Nein gesagt, weil das eben Arschlöcher waren.“
Kerensa zuckte mit den Achseln. „Und zweitens hab ich deshalb nie abgewaschen, weil ich da doch nie was gegessen hab. Du warst diejenige, die überall Mehl und Hefe verteilt hat.“
Das mit dem Backen hatte Polly nie ganz aufgegeben. Kerensa hingegen hielt Kohlenhydrate für Gift und war fest davon überzeugt, dass sie eine Glutenallergie hatte. Eigentlich war es ein Wunder, dass die beiden immer noch so gut befreundet waren.
„Trotzdem, keine Chance!“, sagte Polly traurig. „Aber Himmel, ich bin auch nicht in der Verfassung dazu, in eine WG mit irgendwelchen Mittzwanzigern zu ziehen und so zu tun, als wäre ich so jung und hip wie die.“
Sie war dieses Jahr 32 geworden und fragte sich gerade, ob einer der winzigen Vorteile ihrer Insolvenz womöglich darin bestand, dass sie nicht mehr ständig für alle Welt Hochzeits- und Taufgeschenke kaufen musste.
Kerensa lächelte. „Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee. Mit denen könntest du wieder durch die Clubs ziehen.“
„O Gott!“
„Und die ganze Nacht aufbleiben, einen Joint rumgehen lassen und über den Sinn des Lebens diskutieren.“
„Ach du jemine.“
„Oder zu Musikfestivals gehen und da zelten.“
„Jetzt mal im Ernst“, sagte Polly, „ich bin schon fertig genug, da musst du nicht auch noch Salz in die Wunden streuen. Riesel, riesel.“
Mit einer Miene der perfekt einstudierten Verzweiflung auf ihren Zügen reichte Kerensa ihr die Pringlesdose. „Na, sag ich doch, dann wohnst du eben hier bei mir.“
„Für unbegrenzte Zeit auf deinem unbezahlbaren Sofa in deiner Einzimmerwohnung?“, murmelte Polly. „Nein, danke, es ist wirklich wahnsinnig nett von dir, mir das anzubieten, aber ich suche erst mal im Internet. Was für mich allein. Das wird bestimmt … cool.“
Schweigend beugten sich die beiden Freundinnen über den Laptop. Polly scrollte durch die Liste mit Wohnungen im Rahmen des von der Bank festgelegten Budgets. Das war kein schöner Anblick, ehrlich gesagt schienen die Mieten in letzter Zeit wie verrückt in die Höhe geschossen zu sein. Es war furchtbar.
„Das ist ja kaum ein Schrank“, sagte Kerensa von Zeit zu Zeit. „Und die Wohnung da hat keine Fenster. Warum haben die denn ein Foto von dieser fleckigen Mauer eingestellt? Wie sehen dann wohl erst die anderen Wände aus? Oh, diese Straße kenne ich aus der Zeit, in der ich mit dem Sanitäter zusammen war, da gehen ständig irgendwelche Typen mit Flaschen aufeinander los.“
„Es gibt einfach nichts“, sagte Polly, in der langsam Panik aufstieg. Ihr war wirklich nicht klar gewesen, wie verhältnismäßig niedrig ihre Hypothek gewesen war und wie hoch die Mieten. „Hier ist absolut nichts zu finden.“
„Wie sieht es denn mit diesen Manager-WGs aus?“
„Die sind unglaublich teuer, und außerdem muss man da für einen Satellitenfernsehanschluss zahlen und sich die Wohnung vermutlich mit einem Freak teilen, der in seinem Zimmer Hanteln stemmt.“
Je weiter Polly nach unten scrollte, desto unruhiger wurde sie. Sie war nicht sicher, wie weit sie ihre Erwartungen noch herunterschrauben konnte, aber je mehr sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass sie unbedingt allein leben musste. So sehr sie sich auch bemühte, vor Kerensa, Chris und ihrer Mutter die Fassung zu wahren – ihr war etwas Schlimmes passiert, und davon würde sie sich nicht so schnell erholen. Die Aussicht, sich abends in den Schlaf zu weinen, während um sie herum jugendliche Mitbewohner einen auf Party machten, war einfach zu viel. Sie musste sich erst einmal zurückziehen und mit sich selbst klarkommen. Und deshalb konnte sie jetzt wirklich nicht auf zehn Jahre jünger machen und über Boybands quatschen. Oder zu ihrer Mutter zurückziehen. Mum liebte sie ja auf ihre Weise und würde alles für sie tun. Aber sie würde auch seufzen, sich besorgt nach Chris erkundigen und die Enkelkinder anderer Leute erwähnen … Nein. Pollys Verhältnis zu ihr war schon in Ordnung, dem Zusammenleben mit ihr würde es aber nicht standhalten.
Okay, also was dann?


Kapitel 3
Am nächsten Morgen stand Kerensa früh auf und ging um kurz nach sechs aus dem Haus, um in einem Park in der Nähe British Military Fitness zu machen, obwohl doch März war und Regen ans Fenster prasselte. Natürlich hatte sie Polly aufgefordert mitzukommen, die hatte jedoch nur gestöhnt und sich noch einmal umgedreht. Sie hatte einen kleinen Kater und immer noch den Geschmack von Pringles auf der Zunge.
Als Kerensa weg war, kochte Polly erst einmal Kaffee und versuchte, das winzige, absolut makellose Häuschen aufzuräumen. Aber das brachte ja doch nichts, ihre kleine Reisetasche schaffte Unordnung in diesem Apartment, und sie würde einfach nie begreifen, warum die Kissen bei ihr nicht so perfekt aufrecht stehen blieben wie bei Kerensa. Als Polly dann nach ihrem Kaffee griff, verschüttete sie etwas davon auf den sündhaft teuren Teppich und fluchte. Nein, das hatte einfach keine Zukunft.
Deshalb schmiss sie noch einmal den Laptop an. Die Stellenanzeigen konnten warten, erst einmal brauchte sie jetzt eine Bleibe.
Dieses Mal ging sie es langsamer an und schaute sich jede einzelne Wohnung in Plymouth an, die sie sich leisten konnte. Alle waren entweder ganz grauenhaft oder lagen in einer Gegend, in der sie sich ohne Auto nicht sicher fühlen würde. Polly scrollte bis zur allerletzten Seite durch. Das war es also, mehr gab es nicht. Unter den Angeboten war nichts gewesen, was sie sich wenigstens gern mal angesehen hätte, geschweige denn wo sie beruhigt einziehen würde.
Natürlich hatte ihr nicht nur Kerensa ihr Sofa angeboten, sondern auch noch andere Freunde, aber allein den Gedanken an die bangen Fragen nach ihrem Befinden und das besorgte Murmeln konnte Polly nicht ertragen. Außerdem vermutete sie auch, dass ein paar ihrer Freundinnen froh wären, wenn sie ihnen gelegentlich die Kinder abnehmen würde, aber die Vorstellung fand sie noch schrecklicher. Sie wollte auf keinen Fall als eine Mischung aus tantenhafter alter Jungfer und unbezahlter Babysitterin auf Zehenspitzen durch eine fremde Wohnung schleichen, um ihre Gastgeber nicht zu stören.
Mit Anfang zwanzig hatte sie mal gedacht, dass Chris und sie inzwischen wahrscheinlich verheiratet und gesettelt sein würden. Er würde viel Geld verdienen, sie sich vielleicht ums Kind kümmern … und nun war es wirklich anders gekommen.
Stopp, so durfte sie einfach nicht denken. Sie konnte jetzt entweder in Selbstmitleid versinken oder nach vorne schauen. Aus einer Laune heraus beschloss sie, ihre Suche aufs ganze Land auszuweiten. Wow! Wenn sie nach Wales zöge, könnte sie sich dort jede Menge Wohnungen leisten, und zwar richtig schöne. Oder in die schottischen Highlands. Oder ins ländliche Nordirland. Oder in den Peak District. Dabei wusste sie nicht einmal so genau, wo der Peak District eigentlich lag, aber da gab es auf jeden Fall zig Apartments, in die sie auch ohne Geld, Vitamin B und zu Pringles verführenden Freundinnen einziehen konnte, selbst ohne Job … Na ja, das vielleicht lieber doch nicht.
Sie engte den Radius wieder ein und suchte nur noch im Südwesten, und da sprang ihr ein Ort ins Auge, an den sie schon ewig nicht mehr gedacht hatte – Mount Polbearne. Da war sie mal auf einem Schulausflug gewesen, wie wohl jede Klasse irgendwann. Dass dort überhaupt noch jemand wohnte, war kaum zu glauben.
Polly studierte das Minifoto, auf dem nicht besonders viel zu erkennen war. Es unterschied sich dadurch von all den anderen Bildern, durch die sie sich geklickt hatte, dass es von außen aufgenommen war. Man sah ein Fensterchen unter einem Giebeldach. Die Farbe blätterte vom Rahmen ab, und die schartigen Ziegel wirkten uralt. Im Kurztext stand „Ungewöhnliche Lage“, was normalerweise „Halt dich fern!“ hieß. Trotzdem klickte Polly das Bild an und nahm einen Schluck längst kalten Kaffee.
Mount Polbearne also. Das war eine Gezeiteninsel, so viel wusste sie noch. Damals waren sie mit dem Bus dorthin gefahren, und eine Straße mit Kopfsteinpflaster hatte die Insel mit dem Festland verbunden. Überall hatten Schilder davor gewarnt, beim Einsetzen der Flut über diesen Damm zu fahren oder bei Ebbe darüber hinwegzusegeln. Sie hatten aufgeregt gequietscht, als dann Wasser zwischen den Steinen hochgespritzt war, weil sie jetzt womöglich alle ertrinken würden. Neben dem Damm konnte man Stümpfe von alten Bäumen erkennen, die inzwischen nicht mehr an Land standen. Ganz oben auf der Insel gab es eine zerfallene Kirche und einen Souvenirladen, in dem Kerensa und sie riesige Lollis mit Erdbeergeschmack gekauft hatten. Aber da konnte man doch nicht wohnen, die Hälfte der Zeit würde man ja festsitzen! Ein Pendlerleben war jedenfalls ganz sicher unmöglich.
Auf der Webseite gab es noch ein anderes Foto, und darauf wirkte das Gebäude wie eine ziemliche Bruchbude. Das Dach war schief und krumm, und die beiden Fenster, von denen eins auf dem ersten Bild zu sehen gewesen war, waren schmutzig und gingen nach außen auf. Unten gähnte das schwarze Loch eines leer stehenden Ladenlokals. Dem Seewind so ausgesetzt zu sein, hatte das Häuschen offenbar ziemlich mitgenommen. Polly fragte sich auch, ob ein Ausflug auf ein Fleckchen Erde, das bei Flut vom Festland abgeschnitten war, für Touristen wohl immer noch so interessant war wie früher. Heutzutage wollten doch alle nur Surfstrände, Themenparks und teure Fischrestaurants. Cornwall hatte sich wirklich verändert.
Aber jetzt stach ihr noch etwas ins Auge, dass das Häuschen nämlich über zwei Zimmer plus Bad verfügte. Hier wohnte man weder zur Untermiete noch in einer WG, das war eine komplette kleine Wohnung. Und sie lag in Pollys finanziellem Rahmen. Mehr noch, der nach vorne rausgehende Wohnraum war auch ziemlich groß, sechs mal acht Meter. So geräumig war das Wohnzimmer ihrer Wohnung hier in Plymouth nicht, das war klein und eng, mit angestrahlten Spiegeln an beiden Seiten, die die Illusion von mehr Platz schaffen sollten. Sie fragte sich, wie hoch die Wohnung da unter dem Dach wohl lag. Wenn das Ladenlokal unten leer stand, dann wäre außer ihr nämlich niemand in dem Häuschen – mal abgesehen von den Ratten. Hmm. Dann fiel ihr Blick auf das letzte Bild. Das war der Blick aus den vorderen Fenstern, und das Foto war von innen aufgenommen.
Hinter den Fenstern befand sich … gar nichts, nur ein Stückchen Weltall, das sich bei genauerem Hinsehen als das Meer herausstellte. Die Aufnahme stammte von einem Tag, an dem Himmel und Ozean sich im gleichen grauen Farbton gezeigt hatten und einfach ineinander übergegangen waren. Lange starrte Polly fasziniert auf diese weite graue Leere. Die sah genau so aus, wie Polly sich fühlte: hohl. Aber irgendwie war dieser Anblick auch seltsam beruhigend, als erteilte er der Welt die Erlaubnis, eben auch mal grau zu sein. Wenn Polly früher aus dem Fenster ihrer Managerwohnung geschaut hatte, dann hatte sie immer jede Menge Leute wie sich selbst gesehen, die Audi und BMW fuhren und ihr Abendessen im Wok kochten, nur dass deren Firma nicht den Bach hinunterging und sie noch miteinander zu sprechen schienen. Der Blick aus dem Fenster war einfach stressig gewesen. Das da hingegen … war etwas ganz anderes.
Sie suchte Mount Polbearne auf Google Earth und stellte zu ihrer Verwunderung fest, dass sich dort tatsächlich ein paar Straßen mit Steinhäuschen von der Kirchenruine auf dem Hügel zum Hafen hinunterschlängelten. Der lag im rechten Winkel zur Straße da, und man konnte ein paar Fischkutter darin erkennen. Ganz offensichtlich war über diesen Teil von Cornwall noch nicht der Immobilienboom hereingebrochen, so weit abseits von der Autobahn schien dieses unmoderne Fleckchen Land noch nicht entdeckt worden zu sein. Andererseits lag es nur fünfzig Meilen von Plymouth entfernt, also könnte sie immer wieder mal zurückkommen …
Mit ein wenig zittrigen Fingern klickte sie den Button mit der Aufschrift „Makler kontaktieren“.

Eine dramatische Familiensaga vor der stimmungsvollen Kulisse der Nordseeküste

Blick ins Buch
Der Nordseehof – Als wir träumen durftenDer Nordseehof – Als wir träumen durften

Roman

„Wir müssen nach vorn sehen. Da liegt die Zukunft.“ In diesem ersten Band ihrer Saga um den ostfriesischen Nordseehof erzählt Regine Kölpin – spannend, bewegend und voller norddeutscher Atmosphäre – den Beginn einer dramatischen Emanzipationsgeschichte um drei Frauen aus drei Generationen.   Ostfriesland, 1948: Johanna, Tochter eines Großbauern, verliebt sich in den Schlesien-Flüchtling Rolf – eine Liebe, die keine Zukunft hat, denn Johanna ist bereits dem wohlhabenden Hoferben Eike versprochen. Doch die beiden hören nicht auf zu träumen – von dem Glück der Heimat, der Wärme einer Familie und ihrer gemeinsamen Zukunft. Der Nordseehof: Vor der stimmungsvollen Kulisse der norddeutschen Landschaft entfaltet sich eine opulente Familiensaga über die Macht der Träume und den Wunsch nach Freiheit, über verbotene Liebe und wahre Heimat.   Band 1: Der Nordseehof – Als wir träumen durften Band 2: Der Nordseehof – Als wir der Freiheit nahe waren Band 3: Der Nordseehof – Als wir den Himmel erobern konnten

1948–1949


Kapitel 1

Das Unwetter war abgezogen, hatte die Luft gereinigt, und die verbliebenen wenigen Wolken sahen aus wie mit lässigen Strichen an den Himmel gewischt. Obwohl die Sonne an diesem Tag im Juni schien, war es ziemlich abgekühlt, sodass Johanna sich ein Wolltuch um die Schultern gelegt hatte. Nach dem Gewitter war es nötig gewesen, alle Kühe auf den Marschwiesen durchzuzählen und sich zu vergewissern, dass mit den Tieren alles in Ordnung war.

Kurz bevor Johanna zum Landwirtschaftsweg abbog, der zum Eilershof, dem Gehöft ihrer Eltern, führte blieb sie stehen, denn Rolf Menzel winkte zu ihr herüber. Er hatte gerade das Gatter der Schafweide verschlossen.

„Ist bei euch alles in Ordnung, Hanna?“, rief er, schob sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht und setzte die Schiebermütze wieder auf. „Das war aber ein Regen und ein Donnern! Ich habe eben nach den Tieren geschaut.“ Er stellte den Eimer neben dem Gatter ab und kam auf sie zu. Verlegen und ein wenig unbeholfen. Er fixierte sie mit seinem einzigartigen Blick. Genau das mochte Johanna an ihm. Sie hatte noch nie einen Menschen mit so schönen blauen Augen gesehen.

„Ja, danke!“ Johannas Stimme zitterte. Wie immer, wenn sie ihm nah war.

Rolf nahm die Schiebermütze wieder vom Kopf und drehte sie mit den Händen. „Hauptsache, alles ist heil geblieben“, sagte er schließlich mit seinem schlesischen Akzent.

Rolf war nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit vielen anderen Flüchtlingen nach Ostfriesland gekommen und lebte seit einem Jahr auf dem Nordseehof, der großen Deichschäferei von Thilo und Lientje Deeken, die nicht weit vom Eilershof entfernt ebenfalls in der Marsch lag.

„Ein Fremder, aber fleißig“, sagte Lientje Deeken immer. „Kann man was mit anfangen. Ist ja nun wirklich nicht mit allen so.“

Johanna stieß es ab, wenn die Schäferin derart abfällig über die Vertriebenen redete. Und noch weniger mochte sie es, wenn sie solche Dinge über Rolf sagte.

„Mit eurem Vieh ist doch auch nichts passiert, oder?“, riss er Johanna aus ihren Gedanken. „Keine Kuh durch den Draht gegangen? Keine vom Blitz erschlagen?“

„N… nein, alles gut“, stotterte Johanna und begann, mit einer Schuhspitze über den Schotter zu scharren. Sie suchte krampfhaft nach einem unverfänglichen Thema.

„Bist du später bei der Friesen-Jugend?“, fragte Rolf.

Erleichtert sah sie ihn an. Dort hatten sie sich kennengelernt, zur Akkordeonmusik zum ersten Mal zusammen getanzt – und sich dabei ineinander verliebt. Seitdem schlichen sie umeinander herum wie eine Katze um einen Topf Sahne, die genau wusste, dass sie Schläge bekommen würde, wenn sie auch nur einen winzigen Tropfen davon kostete.

Johanna, die Tochter des Großbauern Eilers, und ein schlesischer Vertriebener. Ein Ding der Unmöglichkeit!

Johanna nickte rasch. „Ich versuche es.“ Um jeden Preis, setzte sie in Gedanken hinzu. Es war ihre einzige Chance, sich zu sehen, herumzuflachsen und ab und zu ein Wort miteinander zu wechseln. Auch wenn das andere Jungvolk aus Neusiel dabei war.

Rolf lächelte sie an. „Das ist schön, dort können wir bestimmt in Ruhe und ein bisschen länger reden, weil keine Arbeit ruft.“ Er fügte mit dunkler Stimme hinzu: „Allein.“

Johannas Herz klopfte wie verrückt. „Ja, gern.“

Rolf setzte sich die Mütze wieder auf den Kopf. „Ich muss dann mal, sonst bekomme ich Ärger mit dem alten Deeken. Bis später, Hanna.“

„Bis dann.“ Johanna mochte es, wie er ihren Namen abkürzte, und auch, wie er ihn aussprach. Rolf nahm am Gatter den Eimer wieder auf und setzte seinen Weg fort. Immer mit leicht gebeugter Haltung und zugleich mit einem Stolz, der ihn unangreifbar erscheinen ließ.

Johanna wartete, bis Rolf um die Wegbiegung verschwunden war, und lehnte sich dann an ein Weidegatter. Sie sog die klare Luft tief ein und schaute über die Marsch, deren Grünfläche sich scheinbar endlos dahinzog und erst am Meer oder am nächsten Geestrücken endete.

Heute strich der Wind heftiger über die Wiesen und ließ das Gras in Wellen tanzen. Johanna liebte die Weite der Landschaft, die nur hin und wieder von vereinzelten Hecken oder Bäumen durchbrochen wurde. Oder von den paar Höfen und Katen, die wie kleine rote Sprenkel im Grün der Marsch wirkten.

Johanna liebte auch den Wind, der in Ostfriesland sein stetiges Lied sang, und sie liebte das Schreien der Möwen, wenn sie sich in seinen Armen wiegten. Hier war sie zu Hause, hier gehörte sie hin. Das Dorf, die Leute, der Hof …

Johanna wusste, was Heimat bedeutete, und hatte mit denen, die ihre verlassen mussten, unendliches Mitleid.

Bis zum Mittagessen dauerte es noch eine Weile, und so konnte sie die Zeit hier draußen in der Natur ein wenig genießen. Es war ohnehin besser, nicht derart aufgewühlt zu Hause zu erscheinen, denn Johanna hatte keine Lust, unangenehme Fragen beantworten zu müssen.

Wie immer hatte Rolf sie arg durcheinandergebracht, und allein die Vorstellung, ihn später wiederzusehen, machte sie nervös. Ihre Hände zitterten, sie konnte sich einfach nicht gegen diese Gefühle wehren. „Du musst ihn dir aus dem Kopf schlagen“, sagte sie zu sich selbst, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte. „Egal, ob nun die neue Zeit anbricht oder nicht. In Neusiel wird es noch ein wenig länger dauern, bis alle die Veränderungen akzeptiert haben.“

Die neue Zeit, in der jetzt, nach der Währungsreform, alles besser werden sollte. Davon sprachen alle. Die Welt hatte sich in den letzten Jahren mit einer Geschwindigkeit gedreht, die Johanna, nein, allen im Dorf fast Angst machte. Die Wunden des Krieges waren noch zu präsent, hatten auch auf dem Land ihre Spuren hinterlassen. Vor allem die Bombardierungen von Wilhelmshaven und die vereinzelten Stabbrandbomben, die zwar keine größeren Schäden angerichtet hatten, aber über Neusiel abgeworfen worden waren, hatten zu großer Verunsicherung geführt.

Dann waren nach dem Krieg unzählige Flüchtlinge aus dem Osten gekommen. Von den Behörden wurde angeordnet, dass die Menschen auf den Höfen und bei anderen Familien im Dorf untergebracht werden mussten. Jede Kammer wurde genutzt. Und nicht nur das: Die Menschen lebten auf Dachböden, in Stallungen und Kammern. Gefreut hatte es keinen, aber es nützte ja nichts, den Vertriebenen musste geholfen werden, und alle packten irgendwie mit an.

Viele gingen freundlich und hilfsbereit mit den Neuankömmlingen um, andere reagierten weniger positiv und redeten verächtlich über die Ostländer.

Obwohl es den Menschen hier während des Krieges noch recht gut gegangen war, vor allem den Bauern, hatte es ohne den Schwarzmarkt auch bei ihnen an vielen Dingen gefehlt, und nicht alle waren gut über die Runden gekommen. Und nun sollten sie das wenige auch noch mit den Fremden teilen. Etliche Familien auf dem Land waren Teilselbstversorger und hielten das ein oder andere Schwein, von denen so manches schwarzgeschlachtet worden war. Für alles andere hatte es Lebensmittelmarken gegeben.

Inzwischen hatte sich das Leben recht gut eingespielt, und Johanna war davon überzeugt, dass die Menschen nach und nach Teil der heimischen Bevölkerung werden würden. Spätestens, wenn sie endlich eigene Häuser und Wohnungen hätten und nicht mehr bei den Neusielern in den Häusern und auf den Höfen untergebracht waren. Nur würde das bestimmt noch eine Weile dauern. Trotz der neuen Zeit.
Seit einer Woche hatte sich mit der Währungsreform über Nacht allerdings viel verändert. Glaubte man den Neusielern, die in Oldenburg oder Wilhelmshaven gewesen waren, so waren die Lager in den Geschäften aufgefüllt, ja, diese brachen unter der Last des Angebots förmlich zusammen. Auch im Dorfladen war plötzlich alles zu haben.

Das Land wirkte wie befreit von einer festen Kette, deren Glieder noch vor ein paar Wochen unzerstörbar gewirkt hatten.

Johanna atmete einmal tief ein und aus.

Die Wunden heilten trotzdem nicht von heute auf morgen, und das Bedürfnis nach Sicherheit und festen Strukturen war nach wie vor das höchste Gebot. Ihre Eltern und viele andere im Dorf hielten deshalb weiter an ihren Traditionen fest und würden davon keinen Fingerbreit abweichen. Egal, ob das Herz ihrer einzigen Tochter für einen Vertriebenen aus Schlesien schneller schlug.

Wenn Keno da gewesen wäre, wäre die Lage gewiss anders. Er hätte sie verstanden, sie unterstützt … Johanna schluckte die aufkommenden Tränen hinunter, wie immer, wenn sie an ihren Bruder dachte. Sie hoffte wie ihre Eltern Tag für Tag, dass er noch lebte, denn Keno war nach dem Krieg bisher noch nicht zurückgekehrt. Er war 1943 bei der Schlacht vor Stalingrad dabei gewesen und entweder gefallen, oder er befand sich wie so viele andere in sowjetischer Gefangenschaft. Sie hatten seitdem kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Die Angst um den Erben war überall auf dem Eilershof spürbar. Lautes Lachen wurde augenblicklich verschluckt, und aus jeder Ecke kroch die unausgesprochene Trauer wie eine fette Spinne und wickelte die ganze Familie fest in ihren Kokon.

Mutter und Vater hatten natürlich alles darangesetzt, Keno zu finden, und durchforsteten ständig sämtliche Vermissten-Listen des Suchdienstes vom Roten Kreuz. Und jedes Mal, wenn die Suche wieder erfolglos war, legte sich eine weitere Schicht Schwermut über den Eilershof, sodass Johanna oft glaubte, darunter zu ersticken. Vielleicht wäre es gut gewesen, endlich Klarheit zu haben.

Johanna schob die Gedanken beiseite und ließ ihren Blick lieber noch etwas über das flache Land schweifen, genoss das Summen der Bienen und Hummeln und den Schrei des Bussards über ihr.

Es war nicht nur Kenos Abwesenheit, auch ihr Vater war nach seiner Rückkehr aus Frankreich verändert.

Er war still geworden. Schlich tagsüber wie ein Schatten über den Hof, gab mechanisch seine Anweisungen und zog sich zurück, sobald er konnte. Einzig wenn er mit den anderen Männern aus dem Dorf oder den Nachbarhöfen über die politische Lage sprechen konnte, taute er kurzzeitig auf, um sich danach noch mehr zurückzuziehen. Johanna verstand ihren Vater oft nicht.

Mitten in der Nacht aber schrie er, weil ihn böse Träume quälten. Zudem hatte ihr Vater den „komischen Blick“, wie Johanna ihn nannte – alle Heimkehrer im Dorf schauten anfangs so. Die Augen wirkten wie tot, und sah man hinein, erkannte man das Dunkel der Seele. Was auch immer die Männer in diesem vermaledeiten Krieg erlebt hatten: Danach war mit ihnen eine Veränderung vorgegangen, die Angst machte. Keiner sprach über seine Erlebnisse. Aber diese Leere im Blick spiegelte deutlicher als jedes Wort wider, dass die Seelen der Männer zerstückelt worden waren. Zerhackt von Erlebnissen, die zu grausam waren, als dass man sie je aussprechen durfte.

Ob die Heimkehrer je wieder die Alten wurden, konnte keiner sagen. Wo die Söhne und Ehemänner noch nicht nach Hause gekommen waren, hoffte einfach jeder, dass sie überhaupt zurückkehrten. Gleichgültig, in welcher Verfassung.

Ihre Mutter sagte, irgendwann würde Vater vergessen können. Und da er auch bessere Tage und Nächte hatte, gab Johanna die Hoffnung nicht auf, dass sie recht hatte.

„Wenn Keno zurückkommt, wird alles gut“ – auch das sagte ihre Mutter Tag für Tag. Was sein würde, wenn es nicht so wäre, wurde totgeschwiegen. „Bis dahin belastest du deinen Vater nicht und bist eine gute und folgsame Tochter. Dann wird es schon werden.“

Rolf Menzel zu lieben, sich gar mit ihm einzulassen und auf dieser Liebe zu bestehen, war da sicher keine gute Idee. Ihr Vater brauchte die alten Strukturen, um gesund zu werden. Und Johanna wollte nicht schuld sein, wenn er seine trüben Gedanken nicht loswurde.

Sie seufzte so laut, dass einer der Schafböcke sie erstaunt anblickte. „Guck du nur!“ Johanna lachte auf. „Deine Frauen grasen alle am Deich des Jadebusens, und du hast keinen Kummer mit der Liebe!“ Der Bock gab einen kurzen Ton von sich und fraß weiter.

Johanna schrak zusammen, als die Glocke der Kirche in Neusiel zwölfmal schlug. Wenn sie sich jetzt nicht beeilte, kam sie zu spät zum Mittagessen. Das würde ihre Mutter verärgern, und dann könnte sie ihr vielleicht verbieten, heute Nachmittag zur der Friesen-Jugend zu gehen. Johanna umfasste ihr Tuch und sputete sich.

Kapitel 2

Schon wenige Minuten später war sie am Hofeingang angekommen. Vor ihr lag der Gulfhof ihrer Eltern.

Das Wohnhaus klebte wie eine Nase vorn rechts am breiteren Scheunen- und Stalltrakt. In der angrenzenden Scheune befand sich unten die große Diele, wo auch das Korn gedroschen wurde, und am Ende des Ganges das Plumpsklo. In einem weiteren Raum lagerten Futtervorräte. Von der Diele aus gelangte man in die rechts und links abgetrennten Kuhställe.

Oben auf der Tenne stapelten sich Heu und Stroh.

Als Johanna näher trat, glänzte das große grüne Scheunentor an der Giebelseite in der Sonne. Der Eilershof verfügte auch über Nebengelasse wie die geschlossene Remise, in der die Kutschen und Gerätschaften untergestellt waren. In einem Stalltrakt war Platz für die zehn Kutsch- und Arbeitspferde.

Im hinteren Teil des Hofes gab es ein paar Schweinekoben mit Auslauf. Der Obstgarten schloss sich der Scheune an, dort war auch der Hühnerstall zu finden.

Links vom Eilershof ging ein Weg zu einem kleinen Haus ab, das einmal das Altenteil der Eltern werden sollte.

Die Hühner stoben gackernd auseinander, als Johanna über das rot geklinkerte Pflaster des Hofes rannte. Ihre Mutter schaute ihr schon ungeduldig aus der Haustür entgegen. Sie hatte einen derben Leinenrock mit einer Strickjacke an, und ihr aschblodes Haar war zu einem Kranz geflochten. „Johanna!“, rief sie. „Was träumst du herum? Wir wollen essen!“

„Ich beeile mich!“ Sie hastete in die Waschküche, wusch sich dort die Hände und stand kurz darauf in der Küche, wo auf dem weißen Ofen in einem großen Topf eine Hühnersuppe blubberte. Ihre Mutter hatte gestern zwei der Hennen geschlachtet.

Der rechteckige, grobe Holztisch war für vier Leute gedeckt. Ihre Mutter stellte Kenos Teller täglich mit dazu. Schließlich konnte er jederzeit überraschend zurückkehren und sollte sich dann sofort zu Hause fühlen. Immer diese Hoffnung. Diese grausame, verratene Hoffnung.

„Füllst du bitte etwas von der Suppe um, und bringst es nach nebenan?“ Ihre Mutter sagte immer nebenan und nicht Diele. Sie zeigte auf einen schwarzen Emailletopf, der erheblich kleiner als der andere war.

Johanna nickte. Das Essen, das sie nach nebenan auf die Diele bringen sollte, war für die anderen, wie ihre Mutter sich ebenfalls stets ausdrückte, ohne auch sie genau zu benennen. Vielleicht fühlte sie sich dann besser.

Die anderen waren das Gesinde und die bei ihnen untergebrachte Flüchtlingsfamilie. Dem Eilershof war eine Frau mit zwei Kindern zugewiesen worden. Martha Selig und ihre beiden fünf- und siebenjährigen Jungs waren ruhige Mitbewohner. Frau Selig versuchte, so gut es mit den Kindern eben ging, auf dem Hof mitzuhelfen.

Die Unterkunft der Familie befand sich in der Achterkök, einem Anbau hinter der eigentlichen Hofküche. Johannas Mutter hatte sie notdürftig hergerichtet. Es war zwar eng, aber Frau Selig verfügte so über eine kleine Küche mit Brennhexe, eine Bank, einen Tisch mit Stühlen und einen alten, zerschlissenen Sessel. Hinter einem notdürftigen Vorhang aus alten Bettlaken standen zwei Feldbetten, die sie sich zu dritt teilten. Wasser bekamen sie aus der Pumpe. Es war leider sehr eisenhaltig, zum Teekochen taugte es ebenso wenig wie zum Wäschewaschen. Für richtig gutes Wasser mussten alle zum Brunnen hinter dem Feld laufen. Das Mittagsmahl brauchte Martha Selig aber nicht selbst zubereiten, das wurde stets von Johannas Mutter in der großen Hofküche für sie mitgekocht. „Den Rest bekommt Frau Selig dann schon hin“, sagte sie immer.

Nur mochte sie es nicht, Fremde am Tisch sitzen zu haben, weshalb die anderen eben in der Diele essen mussten.

Johanna bemerkte, dass ihre Mutter sie mit kritischem Blick ansah, als sie den Topf mit einer großen Schöpfkelle füllte. „Du wirkst noch immer völlig verschwitzt.“

„Der Weg war weit“, erwiderte Johanna ausweichend. „Ich habe alle Weiden kontrolliert, mit dem Vieh ist alles in Ordnung.“ Sie nahm den Topf und brachte ihn in die Diele, wo die beiden Mägde, die Knechte und Frau Selig mit ihren Kindern schon sehnsüchtig warteten. Frisches Brot und Butter hatte ihre Mutter bereits hingestellt.

Jetzt im Sommer war es still hier. Im Winter konnte man durch die Wände die Kühe in dem dahinterliegenden Stall rumoren hören.

Johannas Eltern saßen mit gefalteten Händen am Tisch, als sie zurückkam. Kenos leerer Platz wirkte wie immer bedrückend, und Johanna mied den Blick dorthin.

Sie lauschte dem Gebet des Vaters und wartete dann, bis ihre Eltern sich von der Suppe genommen hatten, bevor sie sich selbst einen Teller auftat. Der salzige Duft der Brühe zog durch ihre Nase, und sie merkte, wie hungrig sie nach dem langen Weg durch die Marsch war.

„Morgen gehen wir zum Tee zu den Deekens“, sagte ihre Mutter unvermittelt und, wie Johanna fand, eine Spur zu beiläufig. Sie schob ihrer Tochter den Brotkorb rüber. Dabei zitterten ihre Finger ein wenig.

Johanna starrte in die Fettaugen der Suppe und schob mit dem Löffel ein Stück Hühnerhaut beiseite. Sie ahnte, was der Besuch in der Deichschäferei bedeutete.

Ihre Mutter bestätigte ihre Befürchtung, als sie hinzufügte: „Eike wird auch da sein. Der Jung hat sich ja wieder gefangen. Hat lange genug gedauert. Nun müssen wir, wo das auch mit der D-Mark angelaufen ist, so langsam wieder an die Zukunft denken. An deine Zukunft!“

Johanna schluckte.

„Wie meinst du das?“

Ihre Mutter lächelte versonnen. „So, wie ich es sage. Denk mal nach. Du und Eike, wäre das nicht schön? Ihr kennt euch schon so lange. Du hättest ausgesorgt. Und Vadder wäre wirklich glücklich.“ Sie sah zu ihrem Mann, der unmerklich nickte, aber weiter schweigend seine Suppe aß.

Johanna umklammerte den Löffel so fest, dass er ihre Hand fast einschnitt. Sie wollten sie also wirklich mit Eike, dem Erben vom Nordseehof, verkuppeln. Sie hatte schon lange damit gerechnet. Sie und Eike, ihr Kinderfreund. Inzwischen hatten sie sich aber aus den Augen verloren, und auch er war nach dem Krieg ein anderer geworden.

Johanna wusste nur, dass er irgendwo in Afrika und anderswo gekämpft hatte und wie ihr Vater völlig verändert zurückgekommen war. Es gab den alten Spielkameraden von früher nicht mehr. Eike war in den ersten Monaten nach seiner Heimkehr stundenlang mit gesenktem Kopf durch die Marsch spaziert und hatte nicht mal ein „Moin“ für seine Nachbarn übriggehabt. „Der wird schon wieder“, hieß es dennoch.

Und er wurde wieder, denn mittlerweile grüßte Eike die Nachbarn, und er legte auch Hand auf dem Hof an. Aber er lachte kaum, und wenn, wirkte es nicht echt.

„Der Jung kann ja man froh sein, dass er nicht in Gefangenschaft geraten ist wie unser Keno“, sagte Johannas Mutter nun. „Und man muss schließlich nach vorn sehen. Nie aufgeben, weißt du? Immer den nächsten Schritt machen.“ Sie klang sehr zufrieden. „Nun sach du doch auch mal was, Marten!“

Johannas Vater nickte nur. „Jo“, kam es schließlich mit einem versuchten Lächeln.

Als seine Frau die Brauen hochzog und ihn noch einmal eindringlich ansah, wählte er langsam und bedächtig seine Worte: „Foline, also deine Mutter, hat recht. Eike ist eine gute Partie für dich, mien Deern.“ Er tätschelte Johannas Hand. „Dir soll es ja mal besser gehen. Kein Krieg mehr, keine Angst und keine unnützen Toten. Alles in Butter. Überleg es dir, du würdest uns mit dieser Verbindung eine große Freude machen. Und für dich wäre es eine gute Absicherung!“ Er tauchte den Löffel wieder in die Suppe und schlürfte sie ab. „Thilo Deeken findet die Idee, dass ihr heiratet, genauso gut wie ich, und Lientje wird sich schon fügen und sich an den Gedanken gewöhnen. Dieses eine Mal hat sie keine Wahl.“ Ihr Vater nahm sich Suppe nach. „Am liebsten würde sie Reent den Hof geben, aber das ist nun mal ausgeschlossen, er ist der jüngere Sohn. Also braucht Eike eine Frau, damit das alles seinen Weg geht.“ Er atmete tief ein, denn das war für ihn eine übermäßig lange Rede gewesen.

„Siehst du! Dein Vater würde sich freuen. Genau wie ich.“ Ihre Mutter lächelte. „Bei Eike passt alles. Du kennst ihn seit deiner Kindheit, er ist ein guter Mensch.“ Sie bemerkte Johannas skeptischen Blick und fügte hastig hinzu: „Herzklopfen ist keine Basis für ein ganzes Leben – und muss es auch nicht sein. Die Liebe kommt von allein, wenn man sich erst aneinander gewöhnt hat.“

Johanna war der Appetit vergangen. Sie legte den Löffel weg, starrte auf den Teller und schwieg. Was sollte sie auch erwidern? Sie wusste keinen Weg, wie sie ihren Eltern diesen Wunsch abschlagen sollte, ohne sich mit ihnen zu überwerfen. Trotzdem ging es doch um sie!

Der Nordseehof war ein zwar imposantes, aber auch düsteres Gebäude, und Eikes Eltern waren keine herzlichen Menschen, vor allem Lientje Deeken war eine unangenehme Frau. Zudem war Johanna Eikes jüngerer Bruder Reent suspekt. Sie konnte ihn nicht einordnen. Nach außen hin wirkte er freundlich, aber da lag etwas in seinem Blick, was Johanna nicht mochte. Es erinnerte sie an eine ihrer Katzen, die schnurrend auf alle Besucher zukam, ihnen dann aber ohne Warnung die Krallen in die Hand hieb.

Woher Eike sein freundliches Gemüt hatte, wusste Johanna nicht. Vielleicht war Thilo Deeken ein umgänglicher Mann, nur tat der es ihrem Vater gleich und sprach nur dann, wenn ihn etwas wirklich interessierte.

Weil Johanna immer noch schwieg, plauderte ihre Mutter munter weiter. Jede Silbe aber erschien Johanna wie ein winziger Nadelstich.

„Wenn Keno erst aus dem Krieg zurück ist, kann der unseren Hof übernehmen. Du hast dann ein neues Zuhause und eine Aufgabe. Das wünscht man sich in diesen Zeiten für seine Kinder! Absicherung.“ Es klang, als wäre alles längst beschlossene Sache. „Von uns kriegst du eine Kuh, das unterschreibst du, und damit ist das mit dem Erbe geklärt. So wird es seit Generationen gemacht, das weißt du.“

Jetzt sah Johanna von ihrem Teller auf. Sie wollte ihren Eltern klarmachen, dass sie Eike nicht heiraten konnte. Dass sie Rolf Menzel mochte. Aber ihr blieben die Worte im Hals stecken. Nein, das konnte sie ihren Eltern nicht sagen. Es wäre bestimmt gut, erst einmal den Mund zu halten und mitzuspielen.

„Mach dich morgen ein bisschen hübsch. Wie sich das gehört.“

Johanna schluckte. „Ja.“ Sie hegte noch den Funken Hoffnung, dass Eike sie vielleicht gar nicht wollte. Johanna fand selbst, dass sie keine Schönheit war. Sie hatte langes, leicht gewelltes aschblondes Haar, das sie meist unter einem Kopftuch zu einem Dutt zusammenband. Manchmal zog sie es auch vor, alles sorgsam zu flechten und zurückzustecken. Ihren Po fand sie eine Spur zu breit, die Schenkel zu dick. Es gab hübschere Mädchen im heiratsfähigen Alter. Und die Männer waren in der Unterzahl und konnten wählen.

„Was hast du heute noch vor?“, fragte ihre Mutter jetzt. „Der erste Heuschnitt ist eingefahren, wir haben ein bisschen Luft, bevor die Getreideernte beginnt.“

„Ich möchte mal wieder zur Friesen-Jugend. Die anderen sind aus dem Zeltlager in Upschört zurück. Mal sehen, was sie erzählen. Es waren nicht alle mit, aber ich habe gehört, dass es lustig gewesen ist.“

Johanna war auch nicht mitgefahren, weil Rolf auf dem Nordseehof arbeiten musste und sie ohne ihn keine Lust gehabt hatte. So konnten sie sich zumindest zwischendurch mal von Weitem sehen. Warum sollte sie im Zeltlager mit einem anderen tanzen, wenn ihr Herz bereits vergeben war?

Außerdem war auf dem Hof wegen der Heuernte eine Menge zu tun gewesen, weil das Gras vor dem Regen in die Scheune gebracht werden musste. Sie hatten es gerade noch geschafft. Manchmal beneidete sie die jungen Menschen in der Friesen-Jugend, deren Eltern keine Landwirtschaft hatten und die deshalb an viel mehr Aktivitäten teilnehmen konnten.

„Langsam bist du mit deinen zwanzig Jahren für die Friesen-Jugend eigentlich zu alt“, sagte ihre Mutter. „Aber gut, dann geh hin. Die Briten wollen es ja nicht anders mit ihrer demokratischen Umerziehung. Als ob wir das nicht selbst hinkriegen könnten.“

Johanna mochte die Treffen der Friesen-Jugend, weil sie eine Abwechslung zum anstrengenden Hofalltag darstellten. Unter Aufsicht der Britischen Militärregierung hatte sich dieser Jugendbund aus der Gruppe „Waterkant“ gebildet. Die Besatzer legten Wert darauf, dass die jungen Menschen etwas über Demokratie lernten und auch, wie die Eingliederung der Vertriebenen unterstützt werden konnte. In Deutschland sollte ein anderer Wind wehen als während der Jahre des Faschismus. Und da wollten sie bei der Jugend beginnen. Deshalb waren alle im Dorf angehalten, den jungen Leuten keine Steine in den Weg zu legen, wenn sie sich treffen wollten.

Es war eine bunt gemischte Gruppe, die keine Unterschiede zwischen Einheimischen und Fremden machte. Dort herrschte Lockerheit. Lebendigkeit. Das Stück Freiheit, das ihnen abhandengekommen war und ihnen auch jetzt zu Hause oft fehlte. Bei der Friesen-Jugend durfte man unbeschwert lachen und fröhlich sein. Beides war dort ehrlicher als anderswo. Sie machten außerdem viel Musik, sangen und tanzten Volkstänze. Ja, Johanna war nicht mehr jugendlich, aber auch noch nicht volljährig.

Mittlerweile hatte sie die Suppe doch aufgegessen und wartete, bis auch die Eltern so weit waren. Dann stand sie auf und verabschiedete sich höflich. Sie wollte in ihr Zimmer gehen und sich ein wenig frisch machen.

In der Waschkumme befand sich noch ein Rest Wasser vom Morgen, und in der Schublade hatte sie ein kleines Stück Lavendelseife versteckt. Sie wollte gut riechen, wenn sie Rolf gegenüberstand.

Johanna schlüpfte aus dem derben Leinenrock und der Bluse, wusch sich gründlich, putzte die Zähne und suchte aus dem schweren Eichenschrank ihr Sommerkleid mit den halblangen Armen heraus. Es war aus dunkelgrünem, leichtem Stoff, auf dem sich ein paar rosafarbene Blumen verteilten. Vorn geknöpft umschmeichelte es Johannas Oberkörper, von der Hüfte an war es leicht ausgestellt und umspielte ihre Waden.

Als sie das Kleid angezogen hatte, nahm sie sich die Haare vor. Es dauerte, ehe sie die ausgebürstet hatte.

Johanna entschied sich für einen geflochtenen Zopf, den sie nach vorn über die Schulter legen konnte. Die Kühle vom Morgen hatte sich verflüchtigt, und der Wind war abgeflaut, sodass sie auf ihr Schultertuch verzichten konnte.

Als sie fertig war, blieb ihr noch eine volle Stunde, die sich endlos vor ihr ausdehnte. Johanna legte sich aufs Bett.

In der Ruhe war es allerdings schwer, die dunklen Gedanken zu vertreiben. Also richtete sie sich wieder auf und trat ans Fenster.

Morgen würde sie zu Eike auf den Nordseehof gehen müssen. Aber heute war heute. Und gleich würde sie erst einmal Rolf treffen.

Nordsee-Atmosphäre pur

Blick ins Buch
Das Haus am Deich – Fremde UferDas Haus am Deich – Fremde Ufer

Roman

Salzige Luft, Meeresrauschen, der Ruf der MöwenIn ihrem Roman „Das Haus am Deich – Fremde Ufer“ erzählt SPIEGEL-Bestsellerautorin Regine Kölpin die Geschichte zweier ungleicher Freundinnen. Inspiriert von der Geschichte ihrer eigenen Familien geht es in diesem 1. Band der dreiteiligen Saga um die Jahre 1947 – 1950, um Flucht, Neuanfang und Suche nach Heimat.   1947: Nach einer dramatischen Flucht aus Stettin findet die junge Frida mit ihren Eltern in der Wesermarsch Zuflucht – Heimat ist es nicht. Um zu überleben, muss die Familie auf einem Bauernhof hart arbeiten; Fridas Traum, Pianistin zu werden, rückt in weite Ferne. Auch ihre Kindheitsfreundin, die Anwaltstochter Erna, kann ihr nicht helfen. Denn auch sie tut sich schwer, in Norddeutschland anzukommen, und findet zudem bei ihren Eltern keinen Halt, als sie unehelich schwanger wird. Erst ein kleines Haus direkt am Deich bringt Hoffnung – auf Wärme, Zugehörigkeit, ja sogar eine neue Heimat!   Vor der atmosphärischen Kulisse Norddeutschlands entfaltet sich in „Das Haus am Deich“ das Schicksal zweier Frauen und ihrer Familien: wahrhaftig, atmosphärisch und bewegend! Band 1: Das Haus am Deich – Fremde Ufer Band 2: Das Haus am Deich – Unruhige Wasser Band 3: Das Haus am Deich – Sicherer Hafen

1947–1948


Kapitel 1

Dichter Nebel lag über dem Jadebusen und machte es Ulrich Köhle und Hero Gerken schwer, in Sichtweite der anderen vier Männer zu bleiben, die sich zu ihren Granatfangkörben und Stellnetzen ins Watt aufgemacht hatten. Schon früh am Morgen waren sie von Eckwardersiel links vom großen Priel losgezogen.
Gespenstisch hallten vereinzelte Rufe über die See, die sich langsam zurückzog und das Wattenmeer schon bald freigeben würde. Der Rückweg würde dann etwas leichter werden.
Ulrich schob den Schlickschlitten, auf dem der Granatfangkorb stand, mit gebeugtem Oberkörper durch die hüfthohe, braungraue Nordsee. Auch wenn sie mit der Tide gingen, bot das Wasser großen Widerstand, und jeder Schritt konnte zur Qual werden.
Die Arbeit forderte seine ganze Kraft. Schon bald war die Kleidung von Schweiß durchtränkt, sein Atem ging schwer. Der feuchte Nebel hemmte das Luftholen zusätzlich, man hatte den Eindruck, als setzten sich die winzigen Wassertröpfchen in seiner Lunge fest. Schritt für Schritt stampfte Ulrich vorwärts, Schritt für Schritt ein Kampf mit den Naturgewalten, denen sie etwas Nahrung abtrotzen wollten.
Ulrich war müde. Er schlief trotz der harten Arbeit schlecht und hatte sich auch heute aus dem Bett gequält. Es machte ihm Sorge, dass er mit seiner Frau Margret und der Tochter Frida noch immer auf dem Hof von Hero Gerken lebte und sie noch kein eigenes Zuhause hatten, aber jegliche Versuche, ein eigenes Häuschen oder eine Kate – und sei es auch nur zur Miete – zu finden, waren bislang gescheitert. Wie oft war Ulrich schon bei der Gemeinde gewesen, aber es schien momentan aussichtslos. Und so fristeten sie bereits viel zu lange ihr Dasein auf dem Hof der Gerkens, wo sie nach dem Krieg und nach der Flucht aus Stettin mehr schlecht als recht in einem kleinen Zimmer untergekommen waren. Eine Wahl hatten sie nicht gehabt.
Man hatte ihn, Ulrich, gegen Kriegsende zum Volkssturm verpflichtet, so wie alle Männer zwischen sechzehn und fünfundsechzig Jahren an die Waffen gerufen worden waren. Verteidigung des Heimatbodens hatten sie es genannt. Er und die anderen mit der schwarz-roten Armbinde und der weißen Aufschrift: Volkssturm.
Margret und Frida hatten Stettin derweil mit dem letzten Zug verlassen und waren in einer Odyssee Richtung Westen gefahren, bis sie in Nordenham strandeten. Von dort kamen sie mit der Kleinbahn nach Eckwarden, wo mehrere Bauern mit Pferdegespannen bereitstanden, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Und so waren die beiden Frauen auf dem Hof der Gerkens gelandet. Ulrich war nach Kriegsende zu ihnen gekommen, nachdem er irgendwann die Panzerfaust einfach weggeworfen hatte und getürmt war. Er hatte sich als Bauernjunge verkleidet auf einem Milchwagen bis Eckwarden durchgeschlagen.
Gefunden hatte er seine Frau und seine Tochter mithilfe der Pappkarten, die Margret aus Kartons gebastelt und nach Stettin-Stolzenhagen an die alte Adresse geschickt hatte.
Nun musste Ulrich sich aber beeilen, denn obwohl Hero Gerken sonst ein umgänglicher Mann war, konnte er ziemlich grantig werden, wenn seine Helfer nicht spurten. Weil er eine Menge Körbe draußen im Watt hatte, ging ihm neben Ulrich auch Focko Ewert aus Fedderwardersiel zur Hand. Focko war ein kräftiger, rothaariger Mann, wortkarg, wie die Menschen der Region eben waren, und fleißig wie kein anderer. Da er aus einer alteingesessenen Fischerfamilie stammte, fiel ihm die Arbeit leicht, schließlich kannte er zeitlebens nichts anderes.
Bauer Gerken hatte sich heute die Schultertrage gegriffen und kam ebenfalls nur langsam voran, weil auch er bis zum Knöchel im Schlick einsackte. Das Joch der Trage, man nannte es einfach Jöck, hatte einen ausgefrästen Bogen, und an den Seiten hingen dünne Ketten mit Körben.
Die Fischerei war für Hero Gerken wie für viele zwar nur ein Nebenerwerb, den sie zusätzlich zur Landwirtschaft betrieben, aber in diesen Zeiten war man froh über jedes Einkommen.
Ulrich bohrte seine Augen in das undurchdringliche Weiß. Er mochte den Nebel nicht, obwohl er ihn auch aus seiner Heimat kannte. Hier aber, wohin es ihn mit seiner Familie verschlagen hatte, zeigte er ihm den Verlust, die Lähmung. Die Tristesse. Ein Leben ohne Musik, nur geprägt von harter Arbeit und ohne Ziel. Es gab kein gemütliches Zusammensein wie vor dem Krieg. Keine Stunden, in denen ihre Tochter Frida am Klavier saß und ihnen vorspielte, was sie im Konservatorium gelernt hatte. Und dann diese dunklen Gedanken, die ihn seit der Flucht immer mal wieder ohne Vorwarnung überfielen und ummantelten wie Pech, das er einfach nicht abkratzen konnte.
Ulrich kämpfte sich weiter durch die Nordseefluten, bis sie die Granatkörbe, mit denen sie die Garnelen fingen, erreicht hatten.
Diese speziellen Fanggeräte waren gegen den Ebbstrom im Watt waagerecht auf einer Holzstellage angebracht und mit Tauen gegen das Abtreiben gesichert. Es handelte sich um Körbe, die wie lange, runde Trichter gefertigt waren, deren Öffnungen vorn einen Durchmesser von einem Meter hatten. Der vorderste Korb verjüngte sich nach hinten, wo ein weiterer, schmalerer Korb von über einem Meter Länge angesteckt war. Er endete in einer kleinen Öffnung, die mit einem konischen Holzklotz verschlossen wurde.
Sie schoben den Schlitten auf die Rückseite der Körbe, und Ulrich wischte sich den Schweiß von der Stirn. Noch immer herrschte um sie herum diese dichte, undurchdringliche Brühe, die die Weite des Meeres in eine kleine Welt verwandelte. Ulrich konzentrierte sich wieder auf die Arbeit. Je schneller sie waren, desto eher konnten sie zurück an Land.
„Fang einholen!“, befahl Hero Gerken, der bei der Arbeit stets deutlich machte, wer das Sagen hatte. Er war, genau wie die anderen Fischer, in Ölzeug gekleidet, und hüfthohe Stiefel schützten ihn vor der Nässe. Auf dem Kopf trug er eine Schiebermütze.
Ulrich hatte in den letzten zwei Jahren Routine beim Leeren der Fangkörbe bekommen. Die Wattenfischerei war anders als die Binnenfischerei, die er von Stolzenhagen her kannte und an die er sich gern wehmütig erinnerte. Dort hatten sie vom Fischerdorf Glienken aus mit kleinen Holzbooten in der Oder und im Dammschen See Aale gefischt. Im Sommer waren sie vorwiegend in der Nacht mit ihren sieben Meter langen Booten und leichten Schleppnetzen, die sie Zeesen nannten, rausgefahren. Da der Aal empfindlich war, durften sie den Motor nur nutzen, um in die Fanggebiete zu gelangen.
Im Herbst und Frühjahr waren sie tagsüber in die Odergewässer gefahren, hatten dort größere Schleppnetze ausgeworfen und mit dem Strom gezogen. Auch dort musste für das Bewegen der Boote die Muskelkraft der Fischer eingesetzt werden.
Teilweise fuhren sie bis zu fünfundzwanzig Kilometer weit hinaus. Damit sie in der Dunkelheit erkannt wurden, hatten sie kleine Petroleumlampen als Erkennungslichter auf die Boote gesetzt. Kam das erste Eis oder gefror die Oder gar zu, musste der Fischfang eingestellt werden. Damit es keine Schäden an den Booten gab, hatten sie die Rümpfe ständig mit der Eisaxt freigeschlagen.
Da der Fisch auch in Kriegszeiten nie rationiert worden war, hatte er direkt an den Bootsliegeplätzen verkauft werden können. Aber die Frauen fuhren auch mit den Booten nach Stettin zum Fischmarkt, wo die Tiere in der Regel lebendig an den Mann gebracht wurden.
Ulrich seufzte. Hier war eben alles anders, aber in diesen Zeiten durfte man weder nachdenken noch trauern. Es galt zu überleben und die Familie durchzubringen. Alles andere war ein Luxus, den sich keiner leisten konnte.
Er zog nun den Holzklotz mit einem gezielten Griff aus der Öffnung des hinteren Korbes und leerte den Fang in das Behältnis auf dem Schlitten.
Dann ging es weiter. Insgesamt hatte Hero Gerken sechs Granatkörbe aufgestellt.
Ulrich war froh, dass Focko mit ins Watt gegangen war. Er lächelte ihm wortlos zu, und sie arbeiteten Hand in Hand. Er mochte den jungen Mann, der mit seinen zwanzig Jahren etwas älter als Frida war.
„Heute hat es sich gelohnt“, meinte Hero Gerken mit einem Blick zum Schlitten, wo der Behälter schon gut gefüllt war. „Zwei haben wir noch, die bekomme ich auch noch mit.“
Ulrich und Focko halfen ihm, auch diesen Fang einzubringen. Inzwischen war das Wasser so weit abgelaufen, dass es nur noch die Knie umspülte. Ulrich fand das wesentlich angenehmer, der Rückweg war noch weit und beschwerlich genug.
Auch die anderen Fischer hatten ihre Körbe geleert, und die, die zu den Stellnetzen wollten, liefen weiter. Sie mussten nur auf den noch niedrigeren Wasserstand warten, damit der Butt, der sich im Watt eingegraben hatte, aufgesammelt werden konnte.
Ulrich, Focko und Bauer Gerken aber machten kehrt. „Wir gehen zurück!“, rief Hero den anderen Fischern zu.
„Jo!“, hörte Ulrich, dann war wieder nur das Durchpflügen der Stiefel durchs Wasser zu vernehmen. Ganz regelmäßig, Schritt für Schritt ein leichtes Glucksen und Ziehen.
Ulrich konzentrierte sich darauf, den Schlitten mit dem wertvollen Fang sicher über den Schlick zu schieben, und war froh, als er das Festland im Dunst erkennen konnte. Hier war der Nebel nicht ganz so dicht wie eben noch auf See, und man konnte erahnen, dass sich die Sonne gleich durch die Schwaden kämpfen und sie später vertreiben würde.
Am Hafen angekommen, setzte Hero Gerken das Joch ab und lupfte die Schiebermütze. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das war ja mal ein erfolgreicher Morgen, was?“
Ulrich nickte und begutachtete zusammen mit Focko den Granat. „Ist nur wenig Beifang dabei, und die Garnelen sind recht groß.“
„Jo.“ Hero setzte die Mütze wieder auf. „Die werden unsere Frauen schnell los. Dann lass uns mal sehen, dass wir fix zum Hof kommen. Focko muss ja auch nach Fedderwardersiel, die warten sicher schon auf dich, was?“
„Jo, immer sinnig“, antwortete Focko mit seinem gleichbleibend freundlichen Lächeln. Er strich sich über den kurzen Bart, der sein Kinn zierte.
„Ich geb dir Ende der Woche deinen Lohn. Auf jeden Fall danke, dass du wieder geholfen hast.“
„Da nich für. Ich helfe ja noch einmal, dann kannst du mich danach bezahlen.“ Focko schob sich die Strickmütze, die er immer bis über die Ohren hochrollte, ein Stück in den Nacken. „Denn will ick mol.“ Er nickte Ulrich zu und machte sich mit den Händen in den Hosentaschen auf den Weg zum Hof, wo er seinen Einspänner stehen hatte, mit dem er die knapp fünfzehn Kilometer nach Fedderwardersiel fahren würde.
Hero warf einen Blick zum Himmel. „Nu word dat ok tied för mi. Die Frauen haben bestimmt schon mit dem Melken begonnen. Und dann givt dat een moi Tass Tee!“ Er angelte in der Tasche nach einem Priem und stopfte ihn in den Mund.
Ulrich lehnte ab, als Hero ihm auch einen anbot. Er mochte Kautabak nicht. Sie verstauten den Schlitten in einem Verhau und schlossen die Tür. Der Bauer nahm den Jöck wieder auf, Ulrich hob den Korb mit den Garnelen an den Griffen an und balancierte ihn vor seinem Bauch.
„Denn man tau!“, sagte Hero Gerken.
Der Korb war schwer und unhandlich zu schleppen. Ulrich war froh, dass der Bauer weiterhin keine Lust verspürte, sich zu unterhalten. Er zog es ohnehin vor, seinen Gedanken nachzuhängen – immerzu dachte er darüber nach, dass sich in ihrem Leben schon bald etwas ändern musste.
Kurz darauf erreichten sie den Hof. Es war ein typisches Gehöft aus rotem Klinker und mit Satteldach. Vorn das Wohnhaus, an das sich die Stallungen mit den Kühen anschlossen. Hinzu kamen Nebengebäude mit Pferdeboxen und Schweinekoben, eine Remise für die Fahrzeuge sowie eine Scheune.
Sowohl Hero als auch seine Frau Elsa-Maria machten keinen Hehl daraus, dass sie die Flüchtlingsfamilie aus Stettin nur duldeten, auch wenn sie nie unhöflich waren und nie ein böses Wort fiel. Trotzdem waren sie Eindringlinge in eine fest gefügte Familienstruktur.
Immerhin waren die Köhle-Frauen günstige Arbeitskräfte. Die Familie musste fünfundzwanzig Reichsmark Miete für das fünfzehn Quadratmeter große Zimmer zahlen. Ulrich verdingte sich als Tagelöhner. Mal arbeitete er als Zimmermann, zudem auf den Höfen im Stall oder auf den Feldern, oder er half wie heute beim Fischen. Stets zog er von Bauer zu Bauer, bot seine Tätigkeiten an und war dankbar über jede Arbeit, denn die sicherte seiner Familie das Überleben. Da jedoch noch immer viele Männer nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren, fehlte es an Fachkräften, sodass Ulrich ein gewisses Auskommen hatte, das aber meist in Naturalien gezahlt wurde.
Häufig durften sie alle am Mittagstisch der Bauernfamilie teilnehmen, vor allem, wenn er auch bei den Gerkens wieder etwas instand gesetzt hatte. Das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung stand, ging für Lebensmittel und andere überlebenswichtige Dinge drauf. Die Lebensmittelkarten reichten nicht, und so war großes Geschick angesagt, wenn man wie die Köhles nichts zum Tauschen hatte.
Zwar besaßen sie noch die Sparbücher, die sie aus Stolzenhagen mitgenommen hatten und von denen sie bei der örtlichen Bank auch immer mal wieder ein paar Reichsmark abheben konnten, aber dieses Kapital wollte Ulrich nur dann ernsthaft anzapfen, wenn es unbedingt nötig war. Es war ihre Rücklage, um sich ein eigenes Zuhause herzurichten, sobald sich die Möglichkeit bot. Er beschloss, nächste Woche noch einmal zur Gemeinde zu gehen, auch wenn er es hasste, als Bittsteller aufzutreten. Doch Skrupel brachten ihn nicht weiter.
Ein eigenes Haus zu finden hatte für Ulrich höchste Priorität, vor allem, weil sich die neunzehnjährige Frida bei den Gerkens in der Landwirtschaft sehr unwohl fühlte.
Ulrich hatte ein schlechtes Gewissen. Er wollte sein Kind wieder lachen sehen. Doch dazu bedurfte es nicht der frischen Nordseeluft, nicht der Fischerei und schon gar nicht eines Kuhstalls. Dazu brauchte es ein Klavier. Noten. Und die Welt der Musik. Und Ulrich wusste nicht, woher er das hier bekommen sollte.

Es roch süßlich und nach Kuh. Die Ketten klirrten, nur selten gab eines der Tiere einen Laut von sich. Frida hörte das regelmäßige Kauen, ab und zu klatschte ein Schwanz die Fliegen von den Flanken.
Sie hatte manchmal das Gefühl, vom Heimweh aufgefressen zu werden. Es war die Wortkargheit der Menschen. Die Sprache, die sie oft nicht verstand, weil sich das Platt hier von dem in Stettin unterschied.
Sie war doch erst neunzehn und nun zu einem Leben gezwungen, das sie sich so anders vorgestellt hatte! Sie liebte das Klavierspiel, und nun saß sie neben einer Kuh und versuchte, ihr die Milch zu entlocken, was ihr ebenso wenig gelang wie viele andere Arbeiten auf dem Bauernhof. Aber sie sollte aufhören zu jammern.
Immerhin war es im Augenblick möglich, im Stall zu melken. Dazu trieben sie die Kühe von den nahen Weiden zum Hof und anschließend wieder zurück. Das war bequem, denn wenn die Tiere weiter entfernt weideten, war es notwendig, hinzulaufen und die Tiere dort an einen Melkbaum zu binden, der von Weide zu Weide geschleppt wurde. Das war echte Knochenarbeit. Frida seufzte.
Gegen ihren Widerwillen half nur eins. Sie schloss die Augen und hatte sofort Franz Schubert im Kopf. In Gedanken spielte sie das Allegro vivace durch, während sie am Euter der Kuh zerrte. Wieder einmal traf sie ein Schlag vom Kuhschwanz, und sie wich angeekelt zurück, als sie sah, dass ihr eine Kuhlaus über den Arm krabbelte. Das Allegro im Kopf verstummte, Frida sprang auf und stieß dabei den Eimer um. Der Melkschemel kippte hintenüber, und sie begann zu straucheln. Nur mit Mühe stürzte sie nicht gegen die nächste Kuh.
Die wenige Milch versickerte im Stroh. Zu allem Überfluss bekam Frida noch einen weiteren heftigen Schlag mit dem Kuhschwanz ins Gesicht. Es brannte, als hätte sie jemand mit der Peitsche malträtiert. Ihr kamen die Tränen.
„Mist“, fluchte Frida. „Verdammter, blöder Kuhmist!“
Hinter ihr tappten Schritte. Kalle Gerken, der Sohn des Bauern, tauchte bei ihr auf. „Zu blöd zum Melken!“, sagte er, rollte mit den Augen und stieß mit der Stiefelspitze ein Stück getrockneten Kuhfladen in Fridas Richtung. Er bückte sich, betastete das Euter der Kuh, die Frida eben gemolken hatte. „Sag mal, wie lange bist du schon dabei?“
Frida zuckte mit den Schultern.
„Das ist ja nix, was du da rausgepumpt hast. Nix!“
Kalle seufzte genervt und griff nach dem Schemel. Er setzte sich darauf und begann mit regelmäßigen Bewegungen an den Zitzen zu drücken und zu ziehen. Schon bald spritzte die Milch mit kräftigem Strahl in den Eimer. „So geiht dat!“, sagte er zufrieden.
Frida nickte. Sie würde es wohl nie lernen. Dazu hasste sie es zu sehr. Ihre Finger gehörten auf die Tasten eines Klaviers und nicht an das Euter einer schwarz-weiß gefleckten Kuh! „Da war eine Laus“, sagte sie entschuldigend.
„Das kommt vor“, gab Kalle ungerührt zurück. „Ich sag Vadder Bescheid, dann machen wir das Ungeziefer weg.“ Er schaute Frida an. Sie konnte den Blick nicht deuten. Lag Schalk darin? Verachtung? Oder doch ein kleines bisschen Sympathie?
Nein, korrigierte sie sich. Es ist Mitleid. Kalle Gerken hatte Mitleid mit dem Flüchtlingsmädchen mit diesen schmalen langen Fingern, denen die Kraft fehlte, um Milch aus einem Euter zu bekommen. Er konnte schließlich nicht wissen, was diese Hände wirklich vermochten. Dass sie in der Lage waren, die Klavierversion von Mozart in d-Moll zu spielen. Oder von Beethoven das Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur. Das konnte Kalle nicht wissen, und so hatte er Mitleid mit ihr, die in seinen Augen unfähig zum Leben war. Weil sie nicht einmal eine Kuh melken konnte.
„Nu sieh zu, dass du vorankommst. Gibt gleich Frühstück. Mudder macht sicher schon Tee!“
Er verließ den Stall, nicht ohne sie noch einmal mit diesem eigenartigen Blick anzusehen. Dieses Mal machte er Frida Angst, denn sie erkannte noch etwas anderes darin, und das war – Verlangen.
Frida nahm schnell den Hocker und wischte den Gedanken beiseite. Eine Kuh musste noch gemolken werden, bei den anderen war ihre Mutter schon gewesen. Sie trug eben ihren letzten gefüllten Eimer aus dem Stall. Frida setzte sich erneut auf den Schemel, die Kuh drehte den Kopf zu ihr und sah sie mit den großen Kulleraugen an. Als Frida mit dem Melken begann, wandte sie sich wieder der Grasration zu.
„Ich muss das hinkriegen, damit ich schnell aus diesem Mief rauskomme!“, versuchte Frida murmelnd, sich selbst Mut zu machen.
Mit verbissenem Gesichtsausdruck umfasste sie die Zitzen und legte los. Genauso, wie Kalle es eben gemacht hatte. Kein lustloses Ziehen, das keinen Erfolg brachte. „Du brauchst Gefühl“, hatte ihre Mutter gesagt, die das Melken erstaunlicherweise sehr schnell gelernt hatte.
Frida bemühte sich nach Kräften, und tatsächlich schoss etwas Milch in den Eimer. Aber wieder versiegte der Strom schnell, sosehr sie auch drückte und zog. Sie konnte es nicht, wahrscheinlich, weil diese Arbeit sie so unglaublich abstieß.
Frida lehnte den Kopf an den Bauch der Kuh, zuckte aber sofort zurück, weil sie fürchtete, auch dieses Tier könnte Läuse haben.
Erneut vernahm sie Schritte und zerrte rasch wieder am Euter herum.
Es war ihre Mutter Margret. Sie erkannte das allmorgendliche Dilemma, und ihr Mund verzog sich zu einem Strich. „Komm, ich mach das“, sagte sie kopfschüttelnd und wie immer ein bisschen genervt, weil Frida sich so dumm anstellte.
Binnen kurzer Zeit war das Euter leer.
„Gut, dass wir fertig sind, ich habe großen Hunger, nun noch die Viecher raus“, sagte ihre Mutter. Doch Frida spürte, dass sie ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte. Sie schaute ihr hinterher, als sie die Kühe rasch auf die Weide trieb.
Frida knurrte der Magen ebenfalls, zudem war sie müde, aber auf einem Bauernhof gab es keine Gnade, und sie mussten früh raus aus dem Bett. Frida wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht und stöhnte, als sie wahrnahm, dass sie aus jeder Pore nach Kuhstall roch.
Wie sie den Krieg hasste, der ihr all das eingebracht hatte! Wie sie Hitler und seine Gleichgesinnten hasste, die der Auslöser für ihr jetziges Leben waren!
Sie wollte, zum Teufel noch mal, keine Kühe melken, keine Ställe ausmisten und Kartoffeln hacken. Sie wollte nicht gleich losziehen und den Granat, den ihr Vater heute Morgen aus dem Meer gefischt hatte, sieben und kochen und schließlich an den Haustüren verkaufen. Nein, verdammt, das wollte sie alles nicht! In Stolzenhagen hatten das die Mütter getan, und sie durfte sich auf das Klavierspielen konzentrieren. Oder darauf, bei Kulescza mit ihren Freundinnen ein Eis zu essen.
Bei schönem Wetter waren sie hoch zur Göringstraße gelaufen, hatten sich an einen der vom Grün umrankten Tische gesetzt und es sich gut gehen lassen.
Nicht nur danach sehnte sich Frida, sondern vor allem auch nach ihrer Freundin Erna, mit der sie in Stettin das Löwe-Konservatorium besucht hatte. Sie hatten sich zum letzten Mal auf der Flucht im Zug gesehen, seitdem hatte Frida nichts mehr von ihrer Freundin gehört und wusste nicht einmal, ob sie noch lebte. Erna und sie, das war eine besondere Verbindung gewesen. Zwei junge Mädchen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ernas Vater war Anwalt und verkehrte in den angesehenen Kreisen Stettins, weshalb Erna das Löwe-Konservatorium besuchen durfte, obwohl sie nicht zu den talentiertesten Schülerinnen gehörte. Das war normalerweise vollkommen ausgeschlossen, denn die Aufnahmekriterien waren überaus streng, und man konnte dort nur mittels einer Empfehlung die Ausbildung genießen. Trotzdem machte Erna das Musizieren Spaß, und sie hatte irgendwann auch einen gewissen Ehrgeiz entwickelt, damit sie nicht die Schlechteste war. An Fridas außergewöhnliche Begabung kam sie zwar nie heran, aber das gelang auch den anderen Schülerinnen nicht.
Frida hatte eben ein besonderes Talent, auch wenn sie aus einer einfachen Fischerfamilie stammte. Sie lebte nicht wie Erna in der wunderschönen Altstadt Stettins, sondern im Stadtteil Stolzenhagen, genauer gesagt in dem kleinen Viertel Glienken direkt an der Oder. Ihre Familie besaß ein gemütliches Haus, in dem genügend Platz für alle gewesen war. Umgeben von einem Garten. Hinter ihrem Haus liefen die Bahnschienen entlang.
Erna hatte Frida nur selten zu Hause besuchen dürfen, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sich ihr Kind in einer Fischersiedlung aufhielt, weshalb Frida meist bei Erna zu Besuch gewesen war. Ihre Freundin selbst hatte ihre einfache Herkunft nie gestört. Doch wenn sich ihre Eltern im Konservatorium oder beim Abholen begegnet waren, hatte Frida den von Geests stets angesehen, dass sie heimlich die Nase über sie, das Fischermädchen, rümpften.
Wie gern würde sie mit ihrer Freundin wieder durch Stettin streifen, mit ihrem Vater in Konzerte und Theater gehen und schöne Kleider tragen! Das alles hatte sie schon als Kind gedurft, weil ihr Vater den Drang seiner Tochter zur Musik und Kultur immer sehr unterstützt hatte.
Aber an all das war in Eckwarderhörne gar nicht zu denken. In Stettin auch nicht mehr, dachte Frida. Stettin liegt in Schutt und Asche. Und ich sollte mich glücklich schätzen, dass ich noch beide Eltern habe.
Dennoch wäre es hier leichter gewesen, wenn ihre Familie wenigstens einen kleinen Garten gehabt hätte, den sie zum Blühen hätte bringen können. Dazu ein Gemüsebeet, wo sie täglich etwas ernten konnten, um daraus ein schmackhaftes Essen zu bereiten. Das wäre ein winzig kleiner Lichtblick in der großen Finsternis gewesen. Denn im Garten zu arbeiten hatte sie in Glienken immer gemocht. Ihre Hände konnten nicht nur dem Klavier wunderbare Töne entlocken, sondern auch wahre Wunder an Pflanzen verbringen.
Aber nicht einmal das gab es hier für sie. Den Garten des Bauernhofs durfte sie nicht betreten, vermutlich weil die Gerkens befürchteten, sie könnte sie bestehlen.
Frida seufzte noch einmal leise auf und machte sich auf den Weg aus dem Stall. Sie hielt sich die Nase zu, als sie am Misthaufen vorbeikam und ein Schwarm Schmeißfliegen aufstob.

Focko war nicht gleich losgefahren, weil er hoffte, Frida noch zu sehen. Sie war für ihn mit ihrem goldblonden Haar und den einzigartigen grünen Augen das schönste Mädchen, das ihm je begegnet war. Er kam nur deshalb gern zu Bauer Gerken, weil er so die Möglichkeit hatte, ihr zu begegnen. Doch leider schaute sie ihn gar nicht an. Jedenfalls nicht so, wie er es sich wünschte. Sie war nett und freundlich, wie sie zu jedem nett und freundlich war – aber sonst?
Focko seufzte, doch ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er sie sah. Sie wirkte frustriert, wahrscheinlich hatte es mal wieder mit dem Melken nicht geklappt.
„Moin“, begrüßte er sie.
Frida blieb stehen, und sofort wurden ihre Gesichtszüge weicher. „Seid ihr schon vom Fischen zurück?“
„Jo, guter Fang.“ Focko nahm die Wollmütze vom Kopf und drehte sie verlegen. „Wird sicher ein freundlicher Tag. Die Sonne kommt durch.“ Er scharrte mit der Schuhspitze über das grobe Pflaster des Hofs.
„Ich muss dann auch“, sagte Frida. „Sie warten mit dem Frühstück. Ich bin spät dran, weil …“ Sie brach ab. Es schien ihr unangenehm zu sein, dass sie mit dem Melken Probleme hatte.
„Ist auch schwer. Ich kann es auch nicht“, sagte Focko, der sofort wusste, worum es ging.
„Nein?“ Frida wirkte erstaunt. „Ich dachte, nur ich stelle mich so dumm an.“
„Nein, ich kann es wirklich nicht. Sieh nur!“ Focko streckte seine Hände vor. Doch sogleich schämte er sich. Sie waren klobig, unter den Nägeln klebte das Watt, und auf der Oberfläche kringelten sich rote Haare. „Bin eher Fischer.“
Frida fing an zu kichern und zeigte ihm ihre Hände, die schmal und feingliedrig waren. Aber auch ihre Nägel waren von der harten Arbeit abgesplittert. „Ich bin Pianistin“, sagte sie und hielt die Hände noch näher an Fockos. Er hätte sie mit einer Hand umfassen können. So aber berührten sich nur ihre Fingerspitzen. Sie standen eine Weile voreinander und tauchten in den Blick des anderen ein. Mit einem Mal glaubte Focko so etwas wie Magie zu spüren. Mochte sie ihn doch? Wenigstens ein ganz kleines bisschen? Ihm klopfte das Herz bis zum Hals. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Das scheue Mädchen aus Stettin und er, der muskulöse Fischer. Grün und Grau, Gold und Rot.
Frida hatte noch nicht aufgehört zu lächeln. Sie ließ aber ihre Hände wieder sinken. „Danke, Focko. Ganz doll danke, dass du mir Mut machst. Ist wirklich nicht einfach für mich. Das alles hier.“
Sie machte einen Schritt rückwärts. „Bis dann. Wir sehen uns!“ Frida rannte zum Haus, als wäre der Teufel hinter ihr her.
Focko aber blieb noch eine ganze Weile stehen und sah ihr nach. Sie hatte sich mit ihm unterhalten, sich sogar bei ihm bedankt! Was hatte Frida für schöne Augen …
Diesen Blick würde er mitnehmen nach Fedderwardersiel. Und schon bald wollte er zurückkommen. Zu Frida. Auch wenn er sich besser keine Hoffnungen machte.


Kapitel 2

Erna von Geest schüttelte den Kopf. Dieses grün getupfte Kleid mit dem weißen Spitzenkragen war eine einzige Katastrophe. Das konnte sie unmöglich anziehen! Sie brauchte dringend neue und moderne Kleider, aber die zu bekommen war selbst für ihre Familie im Augenblick nicht so einfach. Sie waren nach dem Bombenangriff auf Stettin im August 1944, als sie ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten, zunächst aufs Land zu Freunden gezogen, und ihr Vater hatte für Nachschub gesorgt. Wie er auch immer an die Kleider und Hüte gekommen war. Erna wollte das gar nicht so genau wissen.
Das alles hatten sie auch auf der Flucht mitnehmen können, aber etliches Gepäck war im Güterwagen während der Fahrt gen Westen verloren gegangen, und dazu gehörte der gesamte Kleiderbestand von Erna. Ihr verbliebener Koffer war zuvor am Bahnhof in Stettin auch noch gestohlen worden.
Als sie nach der Flucht die Villa in Varel bezogen hatten, war Ernas Kleiderschrank leer gewesen. Wieder hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass es nicht lange so blieb, aber es war einfach nichts dabei, was Erna wirklich gefiel. Dieses Fähnchen, das ihre Mutter jetzt angeschleppt hatte, passte überhaupt nicht zu ihr!
„Mutter!“ Ernas Stimme klang schrill, das tat sie immer, wenn sie aufgebracht war.
„Was ist denn?“, fragte ihre Mutter mit strenger Stimme und steckte den Kopf zur Tür herein.
„Das Kleid ist unmodern und hässlich. Ich will so nicht rausgehen.“ Erna zog es wieder aus und schleuderte es auf den Stuhl. „Der Krieg ist vorbei, und ich will wieder hübsch aussehen!“ Sie warf sich aufs Bett wie ein trotziges Kind. Erna wusste selbst, dass ihr Verhalten für eine Neunzehnjährige überaus kindisch war und sich nichts änderte, wenn sie herumwütete, aber das schäbige Kleid, das einer Großmutter hätte dienlich sein können, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
Erna ging das derzeitige Leben auf die Nerven, sie hatte unsägliches Heimweh nach Stettin. Und sie vermisste Frida. Sie vermisste das Lachen ihrer Freundin und die vielen Gespräche, die nur mit ihr möglich waren.
Ihre Mutter Stine stand starr im Türrahmen und wusste mit dem Wutanfall der Tochter nichts anzufangen. „Man hat dir auf der Flucht den Koffer gestohlen, der Rest ist verschollen, und derzeit bekommt man nicht viel, das weißt du. Die Marken reichen hinten und vorne nicht. Ich trage im Augenblick auch nur das, was da ist. Wir müssen geduldig sein. Es gibt nichts anderes. Aber das wird sich bald ändern, glaub mir. Ich habe munkeln gehört, dass es bald besser wird.“ Sie wandte sich zum Gehen. Wie immer in kerzengerader Haltung, das Kinn ein Stück nach vorn gereckt. Die Illusion von Stolz und Unnahbarkeit. „Nun mach dich schon fertig. Assessor Braun und seine Gemahlin kommen gleich.“
Klack, war die Tür zu, und Erna hörte die zackigen Schritte auf der Treppe.
Was interessierte sie dieser blöde Assessor? Erna trommelte weiter mit den Fäusten auf dem Kissen herum. Es tat so gut, diese ohnmächtige Wut hinauszuschlagen! Sie war doch noch jung, hatte Träume und Ziele, und alles war in den letzten zwei Jahren völlig zerstört worden.
Erna wollte ihr altes Leben zurück. Sie wollte in Stettin am Manzelbrunnen vorbeiflanieren. Aber den gab es nicht mehr, genauso wenig wie das Stettiner Schloss, das wie vieles andere den Bombenangriffen zum Opfer gefallen war. Und wo lebte sie nun? In der provinziellen Kleinstadt Varel, die der Pracht Stettins nicht im Mindesten das Wasser reichen konnte.
Es war aber nicht nur das. Ihr ging es nicht gut, denn sie wachte nachts oft auf, weil sie die Grausamkeit der Träume nicht ertragen konnte. Mit Schaudern holten sie dann die Erinnerungen an den Krieg ein.
Diese ständige Angst, dass die Sirenen jaulten und die Flieger kamen. Die Panik, ob man es auch dieses Mal in den Bunker schaffen konnte, und dann, ob die Wände und Rohre dort hielten oder ob man bereits im vorgefertigten Grab saß.
Nicht einmal ihre Zeugnisse hatte Erna mitnehmen dürfen. Alles, was ihrer Mutter überflüssig erschienen war, musste zurückbleiben und wurde nicht in die Tasche gepackt, wenn sie in den Luftschutzkeller gingen. Ernas Einwände hatte sie ignoriert. „Zeugnisse braucht heutzutage kein Mensch!“
Damals nicht, da ging es ums Überleben, aber jetzt?
Mutters Satz hatte in ihren Ohren so endgültig und frustrierend geklungen. Jahrelang hatte sie gelernt, weil sie nicht wie ihre Mutter nur Hausfrau eines großen Hausstandes an der Seite des erfolgreichen Mannes sein wollte. Insgeheim träumte Erna von einem Studium der Medizin, auch wenn sie am Konservatorium ausgebildet wurde und die Musik durchaus mochte. Und dann durften die Beweise für ihr Geschick in Mathematik und Biologie nicht mitgenommen werden! Nach dem letzten Bombenangriff lagen die Zeugnisse ohnehin unter einem Berg von Schutt in Stettin begraben.
Dieser furchtbare Angriff, bei dem sie alles verloren hatten … Wieder drängten sich in Erna die Bilder hoch. Anfangs waren die Bomber über die Stadt nur hinweggeflogen, und es kam schnell Entwarnung, aber schon bald wurde der Luftschutzkeller zum zweiten Zuhause.
Erna biss sich auf die Unterlippe, um den Schmerz ertragen zu können. Dieser Schmerz, der seit dem einen Angriff 1942 in ihr wütete, denn es war der Anfang vom Ende gewesen. Sie würde dieses Bombardement nie vergessen. Diesen grausamen Vorboten auf das, was sie noch ertragen musste.
Gegen zehn Uhr hatten die Scheinwerferfinger ihre Strahlen in den Himmel gereckt und nach den Fliegern der Alliierten gesucht. Kaum saßen Erna und ihre Eltern im Luftschutzkeller, fielen die Bomben. Es ging die ganze Nacht, aber ihr Haus und ihr Viertel hatten alles schadlos überstanden.
Ihre Seelen jedoch nicht. Wer einmal in einem solchen Keller gehockt hatte, dem Tod auf Gedeih und Verderben ausgeliefert, würde das niemals vergessen können. Diese Angst, dass es wieder passieren konnte, und das langsame, innere Absterben mit jedem weiteren Angriff.
Zwei Jahre später erfolgte im August 1944 das große, furchtbare Inferno, als das Bomber Command der Royal Air Force kam und von Angriff zu Angriff die wunderschöne Altstadt Stettins mit den imposanten Gebäuden und dem Hafengebiet fast völlig zerstörte. Und nicht nur die Gebäude.
An dieser Stelle konnte Erna nicht weiterdenken, sonst hätte sie geschrien, so wie in den Träumen, wenn sie das Grausame wieder und wieder erlebte.
Ach, ihr schönes Stettin! Erna seufzte. Die Stadt, die sie mit Lachen und Lebensfreude verband. Die Stadt, in der die Leichtigkeit ihre Bewohner tanzen ließ. Da, wo der Himmel so blau war wie sonst nirgendwo.
Vorbei.
Stettin war zu einem Haufen Schutt geworden, aus dem die Mauern der zerstörten Gebäude wie Gerippe in den Himmel ragten.
Geblieben war ihr dieses schrecklich getupfte Omakleid mit dem leicht ausgestellten Rock, das ihre Mutter gestern irgendwo aufgetrieben hatte. Es wirkte wie ein Zeichen dafür, mit welcher Tristesse es weitergehen würde.
Die Tür klackte erneut, und ihre Mutter kam zurück. Sie wirkte aufgebracht. „Erna, nun reiß dich mal zusammen! Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf. Herold wird bald bestimmt aus der Gefangenschaft zurückkommen. Und genug zu essen haben wir auch, weil dein Vater Verbindungen hat“, hob sie an. „Der neue Staat braucht Menschen wie ihn. Sein Wissen als Jurist ist unverzichtbar. Nun zieh dich schon an, wir bekommen doch gleich Besuch.“ Ihre Mutter klang verärgert und ungeduldig. Sie war eigentlich nie freundlich und entspannt. Jedenfalls nicht richtig. Nach außen, ja, da lächelte sie. Aber wann hatte sie ihre Tochter das letzte Mal in den Arm genommen? Erna konnte sich nicht erinnern. Ihre Mutter war kalt wie ein Fisch. Sie war noch nie eine herzliche Frau gewesen, aber seitdem ihr Sohn Herold eingezogen worden war und niemand wusste, wo er steckte, und dann der kleine Toni …
Nein, jetzt nicht Toni.
Erna hieb abermals mit der Faust aufs Kissen. Was war das für ein Gott, der ihnen den Kleinen unverhofft geschenkt und ihn dann gleich wieder zu sich genommen hatte? Kein Wunder, dass ihre Mutter wie von einem Eiskegel umgeben war. Vermutlich hätte sie die Welt sonst nicht ausgehalten.
„Ich gehe in die Küche und erwarte Gehorsam.“ Ihre Mutter verschloss nachdrücklich die Tür. Sie würde niemals über ihre Gefühle reden oder darüber, was das alles mit ihr gemacht hatte. Und schon gar nicht, welche Schuld und Verantwortung im Krieg sich auch ihre Familie auf die Schultern geladen hatte. Erna setzte sich auf und stützte das Gesicht in ihre Hände. Die Verbindungen ihres Vaters kannte sie nicht im Detail, aber sie ahnte von Tag zu Tag mehr, in welchen Kreisen er sich bewegte und stets bewegt hatte.
Ihr Vater war einer von denen, die den Führer lautstark unterstützt hatten und jetzt keine Skrupel kannten, sich wieder ganz nach vorn durchzukämpfen – die Vergangenheit bewusst ignorierend.
Erna erinnerte sich gut an die Familie Salomon, die in der Wohnung nebenan gelebt und bei der sich ihre Mutter immer Mehl oder Eier geliehen hatte. Ihre Eltern sprachen stets mit vorgehaltener Hand über die Nachbarn, weil sie nicht wie die anderen eintausend in Stettin lebenden Juden nach Polen deportiert worden waren, da „der Führer“ Wohnraum brauchte für jene Deutschen, die in seenahen Berufen arbeiteten.
„Da hat der Salomon Glück mit seiner Mischehe. Die haben sie noch verschont“, hatte ihr Vater einmal abfällig geäußert. „Ich betone: noch! Warum auch immer sich eine deutsche Frau mit einem Juden einlässt.“

Dr. Salomon war Arzt und viele Jahre lang auch abends zu den von Geests rübergekommen, wenn es nötig war. Auch als ihm schon nicht mehr erlaubt war zu praktizieren. In der Zeit litt Erna einmal unter Halsweh und Fieber, und so spät am Abend war kein Arzt mehr zu bekommen. Die Praxis von Dr. Salomon war schon lange geschlossen, Leute wie ihn, den Juden, durfte man nicht mehr aufsuchen. Erna aber ging es schlecht. Zwar hatte Vater verboten, dass sie mit Familie Salomon Kontakt hatten, aber er war an jenem Abend nicht da.
Ihre Mutter wusste sich keinen anderen Rat, als bei den Nachbarn zu klingeln. Erna stand in der Tür und schaute mit fiebrigen Augen auf die andere Seite des Hausflurs, wo Frau Salomon mit blassem Gesicht öffnete und sich Mutters Anliegen anhörte.
Sie sah zu Erna, nickte dann, und kurz darauf kam Dr. Salomon mit der Arzttasche in ihre Wohnung. Er untersuchte Erna schweigend. Seine Hände zitterten, als er etwas zum Spülen für den Hals und zum Senken des Fiebers aus der Tasche zog und mit wenigen Worten erklärte, wie sie alles einnehmen und anwenden sollte. Dann huschte er fast lautlos zur Wohnungstür.
Kaum stand er aber im Hausflur, stampfte Ernas Vater die Treppen herauf. Er verstellte Dr. Salomon kurz den Weg, musterte ihn und ließ ihn dann vorbei, woraufhin dieser augenblicklich in seiner Wohnung verschwand, als wäre er eine Maus, die vor der Katze Deckung sucht.
„Was hat der Jude hier gemacht?“ Die eiskalte Stimme des Vaters machte Erna Angst. Sie war so anders als die, mit der er ihr eine gute Nacht wünschte oder sie für ihre ausgezeichneten Noten lobte. Das hier war die Stimme des Mannes, der alles zerschmetterte, was nicht in sein Weltbild passte.
Mutter zog ihn rasch in den Wohnungsflur und schloss die Tür. „Erna ist krank, und ich habe keinen anderen Arzt erreicht“, verteidigte sie sich. „Es geht ihr wirklich schlecht, Heinz!“
Erna stand mit zitternden Knien im Türrahmen ihres Zimmers, weil sie aufgestanden war, als sie die schneidende Stimme ihres Vaters vernommen hatte. Er musterte sie. „Geh zurück in dein Bett!“ Dann drehte er sich zu seiner Frau um. „Das mit dem Arzt hätte bis morgen Zeit gehabt. Bevor du den Quacksalber bemühst. Er ist des deutschen Volkes Feind!“, knurrte ihr Vater. „Wir sprechen uns noch.“
Erna wollte eigentlich zurück ins Bett kriechen, denn sie fühlte sich wirklich sehr elend, aber sie sah, dass der Vater den Telefonhörer in die Hand nahm. Er hob nur kurz die Brauen, als er seine Tochter bemerkte, und Erna verschloss die Tür, bevor sie sich hinlegte und die Decke bis zur Nasenspitze hochzog.
Dann versuchte sie zu lauschen, was ihr Vater sagte. Leider verstand sie nichts.
Kurz darauf kam die Mutter zu ihr. Sie legte den Finger an die Lippen, schüttelte den Kopf und bedeutete Erna zu schweigen. Ihre Mutter versorgte sie mit der Medizin, die Dr. Salomon ihnen gegeben hatte, und verschwand genauso lautlos, wie sie gekommen war.
In der Nacht wurde es nebenan laut.
Erna hörte, wie Porzellan zerschellte, vernahm das Flehen von Frau Salomon. Ihr Weinen und Schluchzen. Dank der Medizin ging es Erna etwas besser, und sie quälte sich aus dem Bett zum Fenster. Vor dem Haus stand ein großer Transporter, der von Männern mit Maschinenpistolen bewacht wurde. Sie wusste, was das bedeutete. Ihre Nachbarn wurden abgeholt wie zuvor so viele Juden. Es hieß, sie würden umgesiedelt, und man sah sie nie wieder. Erna schluckte, denn jetzt war auch Jakob fort. Er hatte so wunderschöne braune Augen und als erster Junge ihre Hand gehalten.
Sie stürzte durch den Flur zum Schlafzimmer der Eltern. „Vati, hilf ihnen doch!“, rief sie.
Aber ihr Vater stand mit grimmigem Gesicht am Fenster und schaute sich die Deportation der Nachbarn seelenruhig an. „Das geht alles seinen rechten Weg, Erna. Der Staat muss aufräumen mit denen, die sich nicht an das halten, was für sie vorgesehen ist.“
Erna wusste damals nicht so genau, was er meinte. Sie war zu jener Zeit dreizehn Jahre alt, Mitglied im Jungmädelbund, und sie freute sich darauf, bald zum BDM, dem Bund deutscher Mädchen, gehen zu dürfen. Schon bei den Jüngeren lernte sie, dass Juden Menschen zweiter Klasse waren, aber das traf doch nicht auf die Salomons zu. Das waren schließlich ihre Nachbarn, und die Mutter war nicht einmal Jüdin.
„Hast du sie gemeldet?“, fragte Erna am nächsten Morgen ihren Vater. „Weil er mir geholfen hat, als ich krank war?“
Die Antwort blieb der Vater ihr schuldig.

Erna lachte hämisch auf. Jetzt, nach dem Krieg, als all die schlimmen Sachen langsam publik wurden, formten sich immer mehr Bilder einer verblendeten Zeit, die sie nicht sehen wollte, aber zur Kenntnis nehmen musste. Manchmal fiel es ihr schwer, ihren Eltern noch in die Augen zu blicken.
Erna stand auf und schaute in den ovalen Spiegel. Ihre Augen waren rot unterlaufen, das Haar stand wirr in alle Richtungen ab.
„Du siehst schlimm aus“, sagte sie laut und streckte sich die Zunge heraus. Sie äffte die Stimme ihrer Mutter nach. „Mach dich zurecht, Erna! Assessor Braun und Gemahlin kommen gleich!“
Keine Frage dazu, warum ihr Kind so verzweifelt war. Welche Ängste sie quälten. Warum sie seit der Flucht extrem abgenommen hatte. Das Leben ging weiter. Immer geradeaus.
Im Hause von Geest bewahrte man Haltung. Gleichgültig, was passiert war. Ihre Eltern lebten noch in der alten Zeit. Sie hatten nur die Lebensumstände verändert, weil sie es mussten. Und trotzdem gab es schon wieder fast alles, was man benötigte, um weiterhin nach außen hin Eindruck zu schinden. Eine vollständig eingerichtete Villa.
Passendes Geschirr und Kristallgläser. Weiße Stoffservietten, die allerdings an den Kanten verschlissen waren und einige Löcher aufwiesen. Erneut drängte sich Erna die Frage auf, warum ihre Familie ein Haus und Dinge besaß, die andere nicht hatten. Und wie immer schob sie diese Gedanken beiseite, weil sie die Antwort in Wahrheit gar nicht kennen wollte.
Ihre Trauer hatten die von Geests in Stettin gelassen. Über Toni wurde nicht mehr gesprochen. Auch nicht über die schöne Altbauwohnung, in der sie gelebt hatten und die mit allem ausstaffiert gewesen war, was man sich wünschen konnte. Vergoldete Wasserhähne, flauschige Teppiche und viele Bücher in einem Regal, das bis zur Decke reichte. Mein Kampf immer schön in Sichtweite, weil es Vaters Lieblingsbuch war.
Ihre Eltern hatten das alles zurückgelassen, abgehakt, und waren in Varel zwar in ein anderes Haus gezogen, doch sie hatten das privilegierte Denken mitgenommen und ignorierten einfach, dass es ihre Welt nicht mehr gab.
Und doch befürchtete Erna, es würde den Eltern und ihresgleichen gelingen, in der neuen Welt eine weitere aufzubauen, die der von vor dem Krieg ähnelte. Warum war ihr Vater nie belangt worden und hatte auch jetzt schon wieder einen hohen Posten, obwohl er in Stettin dicht an der Seite des stellvertretenden Gauleiters Paul Simon agierte hatte? Welche Verbindungen hatte sich ihr Vater schon wieder zunutze gemacht, dass sie so bevorzugt wohnen durften? Manchmal verglich Erna ihren Vater mit einem Aal, der sich durch finstere und dicht verwachsene Gewässer stets stromaufwärts schlängelte und immer am Ziel ankam.
Menschen wie ihr Vater würden auch in der neuen Demokratie ihren Platz finden und nach und nach die Fäden in die Hand nehmen, sie straffen und die Geschicke im Land am Ende lenken.
Seufzend wusch sich Erna das Gesicht, zupfte die Frisur zurecht und zog das verhasste Kleid an.
Es musste doch einen Weg aus diesem Gefängnis geben! Einen Weg zurück zum tiefen Blau des Himmels. Sie glaubte nicht, dass es den nur in Stettin gab.

„Die Nordsee ist die Landschaft meiner Seele. Nirgendwo lässt sich besser träumen,...“

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Das alte Hotel an der NordseeküsteDas alte Hotel an der Nordseeküste
»Die Nordsee ist die Landschaft meiner Seele. Nirgendwo lässt sich besser träumen, streiten oder lieben als in ihrer unmittelbaren Nähe.« Eigentlich hat Isabell, 32, geschiedene Mutter von zwei Kindern, fast nur schlechte Erinnerungen an ihre Kindheit an der deutschen Nordseeküste. Und auch mit der Liebe hat sie nach ihrer Scheidung und einer heftigen Enttäuschung abgeschlossen. Doch als ihr Vater stirbt und sie gemeinsam mit ihrer Schwester das alte Familienhotel erbt, zögert Isabell trotz allem keine Sekunde, ihr ruhiges Leben in Bozen gegen zu erwartenden Streit und drohende Feindseligkeiten in der alten Heimat einzutauschen. Schließlich ist es ihr Kindheitstraum, den Ballsaal des Hotels endlich wieder zum Leben zu erwecken. Dumm nur, dass ihre Schwester bereits beschlossen hat, aus dem gemeinsamen Erbe ein Tagungshotel zu machen. Und dass der neue Freund ihrer Schwester ausgerechnet Isabells einstige große Liebe ist. Doch Isabell gibt die Hoffnung nicht auf, dass über verschlungene Wildrosenpfade alles irgendwie noch gut werden kann…Ein herrlich romantischer Roman um eine Frau, ihre Vergangenheit und einen traumhaften Ballsaal. Für alle Leser*innen von Jenny Colgan und Sontje Beerman Erschien bereits 2018 unter dem Titel „Die Wahrheit über Wildrosen“
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Eine Liebesgeschichte wie ein Sommertag am Meer

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Sylter RosenSylter Rosen

Ein Nordsee-Inselroman

Sylt im Sommer und ein familiengeführter Pferdehof - Ein Inselroman zum Träumen und Schwelgen für alle Fans von Sontje Beermann und Julia Rogasch»Ich antwortete nicht auf seine Frage. Sein linker Arm lag auf der Banklehne. Er könnte mich erreichen mit seiner Hand, meine Schulter berühren, wenn da nicht ein Geschirrtuch zwischen uns wäre. Würde er dann den Arm um mich legen? Ein Geschirrtuch, das uns trennte  – verflucht.«Liebeskummer, Geldsorgen und Schreibblockade: Es könnte besser laufen für die junge Autorin Lisa. Traummann Markus hat sich als Betrüger entpuppt und Lisa ohne einen Cent und mit einer üppigen Hotelrechnung auf Sylt sitzengelassen. Außerdem ruft ihr Verlag täglich an und möchte endlich eine Idee für ihren neuen Roman sehen. Da kommt der Job auf dem Insel-Pferdehof gerade recht. Hier trifft Lisa den wortkargen, aber attraktiven Kristian, der zwar ihr Herz bewegt, den sie aber nicht recht einschätzen kann ...
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Meer, Freunde und gutes Essen

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Endlich wieder Meer für michEndlich wieder Meer für mich

Roman

Meeresluft macht lebenshungrig!Courtney Downey ist achtunddreißig Jahre und weiß plötzlich nicht mehr, wer sie ist. Ihr ganzes Leben drehte sich bisher um ihre fünfzehnjährige Tochter Susan. Egal, dass der Job sie manchmal langweilt, nicht so schlimm, dass ihre Ehe in die Brüche ging – Hauptsache war immer, dass es Susan gut geht. Doch als Susan beschließt, die Ferien bei ihrem Vater und dessen neuer Freundin zu verbringen statt bei ihrer Mutter, bricht für Courtney eine Welt zusammen. Ein Jobangebot im malerischen Cornwall kommt da wie gerufen. Zwischen Sand, Meer und kleinen Strandcafés entdeckt sie ihre Leidenschaft fürs Leben neu, ihr Talent fürs Kochen – und ihre Sehnsucht nach Liebe …Ein sommerlicher Wohlfühlroman über die heilende Kraft des Genießens und einen Neuanfang an der malerischen Küste Cornwalls – die perfekte Urlaubslektüre!

Teil eins

Eins

„Was hat sie eigentlich, was ich nicht habe?“, jammere ich.

„Botox“, entgegnet Claire wie aus der Pistole geschossen.

Gerade habe ich mir eine gewaltige Gabel ihres selbst gebackenen Banoffeekuchens in den Mund geschoben. Banane, Toffee und Backkunst schließen Bekanntschaft mit mir. Als der Geschmack in meinem Mund explodiert, schließe ich kurz erstaunt und voller Bewunderung die Augen. O Gott, ich liebe Kuchen einfach! Kuchen und eine Tasse guten, starken Tee. Inzwischen bin ich leicht zufriedenzustellen.

Als ich die Augen wieder öffne, stelle ich fest, dass Claire hämisch grinst und auf ihrem schicken Barhocker aus Chrom herumwirbelt, der auch gut ins Weltall passen würde. Elegant. Absolut up to date. Sie dreht sich immer weiter und stößt sich bei jeder Bewegung vom Küchenblock aus Marmor ab, um Schwung zu gewinnen, wie eine wunderschöne, aber offensichtlich leicht verrückte Mischung aus Kind und Frau. Dann stoppt sie. Sie starrt mich wieder an und wartet, bis der Schwindel nachlässt. Die Handflächen auf beide Ohren gelegt, hebt sie die rotbraunen Augenbrauen, so hoch sie kann, und zieht ihre weiche sommersprossige Haut fest über die Wangenknochen nach hinten. Ich muss mir tatsächlich die Hand auf den Mund pressen, um keinen Erstickungsanfall zu kriegen. Es ist gespenstisch. Sie ist das Ebenbild von … ihr. Der Anblick ist urkomisch. Ich fange an, mich vor Lachen zu krümmen. Claires Augen sind so weit hochgezogen, dass sie fast aus den Höhlen springen. So sieht wahre Schönheit aus. Behauptet wenigstens Hollywood. Meiner Ansicht nach sollte Hollywood sich dringend mal am Kopf untersuchen lassen, weil dort dieses Aussehen als schön verkauft wird. Was rede ich da? Ich kann den Reichen und Berühmten aus dem La-La-Land keinen Vorwurf machen – das ist nun mal der Look unserer Generation, oder? Mittlerweile bin ich ermüdet und entnervt, dass es für Frauen so schwierig ist, in Würde zu altern. Wann ist Altwerden so grausam geworden? Und außerdem ein Tabu? War es früher nicht eine anerkannte Lebensphase? Eine Zeit, um einfach nur man selbst zu sein? Etwas, das man sich ehrlich verdient hat? Meine Oma Alice hat sich darüber gefreut. Offen gestanden konnte sie es kaum erwarten. Ständig predigte sie mir, wie wichtig es sei, sich selbst treu zu bleiben und seine Lebenssituation anzunehmen.

„Schau nicht zu weit zurück, Courtney. Dieser Weg ist dir versperrt.“

Das sagte Alice immer, bevor ihr die Demenz mit Mitte sechzig ihren brillanten Verstand raubte. Sie war meine Vertraute in allen Lebenslagen. Alice hörte mir zu, nahm mich und stellte mich hoch auf das Podest, das sie so liebevoll für mich vorgesehen hatte. Sie fand es schön, älter zu werden: die lila Haartönung, die altersgerechten, bequemen Schuhe, das kostenlose Busticket, den Seniorenteller zum Sonderpreis. Jetzt stirbt diese Frauengeneration aus. Alte Damen, wie wir sie kannten, verschwinden allmählich vom Erdboden. Trotzdem will ich so eine sein. Ich will, dass sie ihre Rolle in der Gesellschaft behalten. Ich will auch einen Trolley mit Rädern, in den sämtliche Einkäufe hineinpassen. Keine Schlepperei mehr und auch kein Geld für umweltschädliche Einkaufstüten. Ich will Roastbeef-Seniorenteller plus Kartoffeln, zwei Gemüsesorten und Dessert. Ich will, dass die Leute mir im vollen Bus einen Sitzplatz anbieten. Das habe ich mir dann verdient. Aus welchem Grund will kein Mensch mehr alt werden? Eines steht für mich fest. Mir ist es egal, was ich eines Tages im Spiegel sehen werde. Genau, wie es Oma Alice egal war. Ich brenne schon darauf. Auf die Akzeptanz. Die Freiheit.

Claire sitzt da wie erstarrt. Inzwischen zieht sie einen albernen Schmollmund, während ich, ruckartig und immer noch kauend, den Kopf senke. Ich kann nicht lachen. Ich darf nicht. Da ich den Mund voll habe, wäre das Ergebnis ziemlich unschön. Außerdem ist Claires Küche blitzblank sauber, und ich möchte nicht diejenige sein, die das Ergebnis dieser Knochenarbeit zunichtemacht. Also betrachte ich eindringlich meine schwarz-weißen Turnschuhe und kaue immer schneller auf den Bananenscheiben herum. Die müssen unbedingt runter. Ich schlucke vorsichtig. Ein Banoffee-Spuckfestival erfolgreich vermieden.

„Da hast du völlig recht, Mrs Carney, schnapp dir ein goldenes Sternchen von Ryan Goslings unvergleichlichem Po!“ Ich lache und lecke den Kuchenrest von den Zinken meiner Gabel. Dabei male ich mir Ryan Goslings straffen Po aus. Am liebsten würde ich einen Freudentanz aufführen, bleibe jedoch sitzen.

„Oh, das könnte ich. Schauspieler, ja … aber insbesondere Profi-Tennisspieler … Am besten Agassi in den Neunzigern! Ein absolutes Sahneschnittchen, mit oder ohne Perücke!“ Sie stöhnt lüstern und fährt sich dabei mit der Zunge über die Lippen.

„Claire!“ Ich lache über ihre Kühnheit.

„Was? Nur weil du freiwillig ins Kloster eingetreten bist? Ich bin noch immer eine absolut heiße Frau aus Fleisch und Blut.“ Sie wackelt mit den Schultern in meine Richtung und macht das Peace-Zeichen, etwa so wie die Spice Girls früher. Vielleicht Geri. Da merkt man ihr das Alter an, aber das verrate ich ihr nicht.

„Klar, eine Frau aus Fleisch und Blut und dazu glücklich verheiratet“, zische ich ihr leise zu.

„Offen gestanden, Courtney, verlasse ich mich nach fünfzehn Jahren glücklicher Ehe ziemlich stark auf meine Fantasie, damit das auch so bleibt. Das sage ich dir. So sorge ich dafür, dass es im Schlafzimmer weiter dreckig zugeht. Jedes Mal, wenn Andy Murray in Wimbledon das Hemd über den Kopf zieht und seinen muskelbepackten Oberkörper zeigt, blinzle ich und speichere imaginäre Fotos in meiner geistigen Datenbank ab. Klick. Klick. Klick. Martin behauptet weiterhin, dass er auf mich steht. Herrje, vielleicht, wenn das Licht aus ist. Ohne das gute alte Internet wären wir verloren, weil uns die … tja … ein besseres Wort fällt mir nicht ein … die Anregungen ausgingen.“

Als ich die Hand hebe, verstummt sie schlagartig.

„Danke! So genau wollte ich es gar nicht wissen“, rufe ich, worauf sie lacht.

Inzwischen blinzelt sie immer wieder und meint: „Warum reden wir immer über Gott und die Welt, aber du willst nie etwas über mein Liebesleben hören?“ Als sie die Nase rümpft, hüpfen ihre Sommersprossen.

„Es passt einfach nicht zu mir … Ich spreche eben nicht über solche Sachen. Das ist privat.“ Ich erschaudere um der theatralischen Wirkung willen.

„Ich weiß, dass du keines hast!“

„Nun, wie du so richtig festgestellt hast, habe ich keinen Sex. Ich habe keine unanständigen Geschichten auf Lager.“ Ich zucke die Achseln.

„Sex ist nicht unanständig, Courtney, sondern totale Spitzenklasse!“ Wieder rollt sie verführerisch die Schultern, während sie sich mit der Zunge über die Unterlippe fährt. Amüsiert schüttle ich den Kopf über meine Freundin und nippe an meinem Tee. Ich weiß alles, was es über Claire Carney zu wissen gibt. Ihre elektronisch inspirierte Schlafzimmerakrobatik mit Martin kann sie für sich behalten, vielen Dank auch.

„Jedenfalls sollten wir in diesem Stadium aufhören, hinter ihrem Rücken über sie zu lästern. Wenn wir hier zusammensitzen, stört es mich nicht, aber später fühle ich mich deshalb ziemlich schlecht. Ich war noch nie gern eine Zicke und bin auch nicht sehr gut darin.“ Ich verziehe das Gesicht und spiele damit auf ihre beeindruckende schauspielerische Leistung von vorhin an.

„Ach, herrje, warum denn nicht? Sie verdient es nicht, dass hinter ihrem Rücken nicht über sie geredet wird. Die verleiht dem Zickigsein doch völlig neue Dimensionen! So eine Frechheit! Dämliche Plastikkuh! Muh.“ Claire reibt sich die vom vielen Blinzeln angestrengten Augen und dreht sich wieder auf ihrem Hocker.

„Ach, komm schon, Claire, Spott ist ansteckend“, appelliere ich an ihre einfühlsame Seite.

„Muh!“, wiederholt sie, dreht sich noch einmal um die eigene Achse und fügt hinzu: „Schau, was für einen Gefallen sie dir getan hat, Courtney. Dir und mir ist klar, dass das die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, ist. Mar-nee braucht David, Courtney braucht David nicht. Sei froh, dass du ihn los bist“, sagt Claire und setzt dabei ihre Küchenumdrehungen fort. Inzwischen achte ich nicht mehr auf sie, trinke meinen Tee und begutachte meine Nägel, die dringend neu lackiert werden müssen. Wie heißt das noch mal? Ein Hauch von Farbe. Die abgedroschenste Floskel der Welt. Nach einer Weile hält Claire vor mir an und schwenkt nachdrücklich den Zeigefinger, bevor sie sich eine dünne goldene Klammer aus dem kurzen roten Haar zieht. Gnadenlos öffnet sie sie mit den Zähnen und steckt sich damit den Pony aus dem Gesicht. Ordentlich. Alles an Claire Carney ist ordentlich. Wenn sie in einem Benimmratgeber für junge Damen vorkäme, dann wäre sie eine Mischung aus einer kleinen Miss Akkurat und einer kleinen Miss Perfektion. Und, tja, nur unter uns gesagt, sie ist auch eine kleine Miss Zwanghaft.

„Hat sie wirklich. So viel ist mir bekannt. Ach, schau, wir wissen beide, dass ich David seit Jahren satthatte.“ Ich stochere mit meiner Gabel auf dem Rand des mit komplizierten chinesischen Schriftzeichen dekorierten Tellers herum. Allerdings fahre ich zuerst mit dem kleinen Finger den Rand nach, um die restliche Sahne abzukriegen. Ich stecke ihn in den Mund. Mein Gott, ist das lecker. Claire macht den allerköstlichsten Banoffeekuchen. Die Fernsehköchin Mary Berry könnte ihr nicht das Wasser reichen. Sie ist wirklich begabt. Ständig schlage ich ihr vor, eine eigene Bäckerei zu eröffnen. Claire würde sich vermutlich bei Ihnen beschweren, dass ich sie schon jahrelang damit belagere und mich raushalten sollte. Gut, sie backt schon seit einiger Zeit zu Hause Kuchen für Festlichkeiten – meiner Ansicht nach Meisterwerke –, aber genau daher weiß ich ja, dass sie einen Laden aufmachen könnte. Claire erhält aus der Nachbarschaft Unmengen von Anfragen für Geburtstage, Taufen und Hochzeiten, und sie kann wahre Kunstwerke erschaffen.

Oft tauschen wir uns über unsere Liebe zum Kochen und Essen aus. Ich bin für das Herzhafte zuständig, sie für das Süße. Kochen ist etwas, an dem ich große Freude habe und das ich einfach tun muss. Es ist meine Leidenschaft. Wenn ich ein Gericht zubereite, bin ich entspannt und ruhe absolut im Hier und Jetzt. All das stammt aus der Zeit, als Oma Alice für mich gekocht hat: Das war nicht nur ein Essen, sondern etwas völlig anderes und Magisches. Eine Theateraufführung. Alice ließ mich kosten, während sie kochte und nach Augenmaß Zutaten hinzufügte. Sie sang Opernarien, schmeckte ab, stöhnte wohlig und gab eine Prise von diesem hier und eine Fingerspitze von etwas anderem dort hinein. So lebte ihre in Italien geborene Mutter in ihr weiter. Laut einer Legende hat Alice’ Mutter Virginia einmal Linguine mit Meeresfrüchten für das Königshaus gekocht, doch weiter geht die Geschichte nicht. Wir hatten so viel Spaß beim Essen. Hinzu kommt, dass ich damals noch richtigen Hunger hatte, kaum zu fassen. Ich aß zum Frühstück Haferbrei, danach ein leichtes Mittagessen und zu guter Letzt ein nahrhaftes Abendessen. Keine Knabbersachen. Bis auf einen selbst gemachten Nachtisch am Freitag keine Süßigkeiten. Wann immer ich jetzt das esse, was ich mir selbst zubereite, spüre ich Sonnenschein, Kraft und Tatendrang. Das Essen und ich haben ein ganz besonderes Verhältnis.

Aber ich schweife ab. Diese Wirkung hat Essen immer auf mich! Eigentlich sollte ich Ihnen erzählen, worüber Claire und ich gerade lachen. Es ist die Frau, wegen der mich mein Mann nach vierzehn Jahren Ehe verlassen hat. Mar-nee. Mar-nee Maguire. Nein, der Bindestrich ist kein Rechtschreibfehler. So schreibt Mar-nee ihren Namen. Mar-nee ist Kosmetikerin. Eine wunderschöne Kosmetikerin. Das will uns die Welt per Gehirnwäsche wenigstens glauben machen. Wie ich schon sagte, muss ich an einer Augenkrankheit leiden, wenn andere dieses Aussehen tatsächlich schön finden. Hoffentlich stehe ich mit meiner ablehnenden Haltung nicht allein da. Mar-nee hat viel an ihrem Gesicht und anderen Körperteilen herumdoktern lassen. Um ehrlich zu sein, ist schwer festzustellen, wo die Plastik-Mar-nee aufhört und die echte anfängt. Selbstverständlich sind das nur Mutmaßungen. David beteuert nachdrücklich, dass alles an ihr Natur ist, aber das kann gar nicht stimmen. Sie hat sich eindeutig Falten aufspritzen und an der Stirn und rings um die Augen gewaltige Mengen Botox verabreichen lassen. Ihre Augenbrauen sitzen so hoch, dass sie beinahe den Haaransatz berühren, was ihr den Gesichtsausdruck einer Frau verleiht, die gerade ihre Eltern beim Sex ertappt hat. Ganz zu schweigen von ihren Lippen, die aussehen, als wäre sie von einer Biene gestochen worden. Sie sind so geschwollen, als hätte sie einen riesigen Stock voller schwangerer Bienenköniginnen gegen sich aufgebracht. Und dann ist da noch ihr Busen. Sagen wir mal so: Er ist ihrem restlichen Körper stets ein gutes Stück voraus. Außerdem hat Mar-nee Unmengen falscher Haarsträhnen, eine Million lockige Verlängerungen, deren Farbe sich ständig ändert. So viele Haare, dass ich mich bei jeder unserer Begegnungen frage, ob sie nicht früher eine kleine Mar-Jungfrau war. Hochgewachsen. Spindeldürr. Na klar. Allerdings ist Mar-nee eben so, wie sie ist. Nicht mein Geschmack, doch was für den einen ein Albtraum ist, ist für den anderen das wahr gewordene Paradies. Claire findet, dass Mar-nee mir meinen Mann ausgespannt hat. Meiner Ansicht nach hat Mar-nee einen kreuzunglücklichen Mann getroffen, der die hartnäckig verstopfte Toilette in ihrem Schönheitssalon repariert hat. Ein Zufall also. Und dann hat sie sich in ihn verliebt. Und die Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Oh, ich bezweifle nicht, dass sie ihn zu einem Seitensprung ermutigt und ihn dann bedrängt hat, sich von mir zu trennen. Aber, hey, c’est la vie. Er ist derjenige, der eigentlich die Eier hätte haben sollen, sich durchzusetzen.

Ja, ich weiß, das klingt, als wollte ich Ihnen eine schmutzige Skandalgeschichte auftischen, um mich reinzuwaschen und mein Gesicht zu wahren, doch ich schwöre, dass dem nicht so ist. Als ich von Davids Affäre erfuhr, war es mir egal. Absolut egal. Ich schwöre. Ich hatte schon seit Jahren mit so etwas gerechnet. In gewisser Weise habe ich vielleicht sogar darauf gehofft. Ihn unbewusst in diese Richtung geschoben. Als ich zum Beispiel in einer Ratgeberphase war und The Secret – das Geheimnis las, habe ich das Universum darum gebeten, David glücklich zu machen. Insgeheim war mir klar, was ich mir wünschte: Das Problem war, dass ich wusste, David könne mit mir nicht glücklich werden, weil, nun ja, ich mit ihm auch nicht glücklich war.

Manchmal, spätnachts, frühmorgens oder wenn er zum Frühstück sein Crunchy-Nut-Müsli in sich hineinschlürfte, malte ich mir Szenarien aus, in denen David eine andere Frau kennenlernte und auszog. Mich in Ruhe ließ. Ich weiß, dass das grausam ist, aber ich verrate es Ihnen, weil es die Wahrheit ist. Und hören Sie, ich bin nicht auf den Kopf gefallen. In den Monaten bevor es passierte, fand ich all die üblichen Hinweise auf eine Affäre. David war kein Oscar-Preisträger wie Al Pacino. Er hätte die Anzeichen nicht verstecken können, selbst wenn er es versucht hätte. Er roch anders, und mit anders meine ich, dass er anfing, sich vor der Arbeit mit literweise Deo einzusprühen, worauf bald auch Rasierwasser folgte. Ich glaube, er hatte seit unserer zweiwöchigen Hochzeitsreise nach Mallorca keine einzige Flasche Rasierwasser mehr besessen, und damals auch nur, weil ich ihm vor dem Hinflug Fahrenheit aus dem Duty-free geschenkt hatte.

Außerdem begann er, sich, tja, wieder dieses Wort, anders anzuziehen. Normalerweise bestand Davids Outfit aus schwarzen Jeans, einem schwarzen Hemd und schwarzen Schuhen. Soweit ich mich erinnern kann, trug er ausschließlich Schwarz. Eine Hommage an sein Idol Johnny Cash, pflegte er zu witzeln. Als die Affäre Fahrt aufnahm, ging es mit den seltsamen Klamotten los. Anfangs war es nur eine ausgewaschene Jeansjacke. Dann kam eine Beanie, die überhaupt nicht zu ihm passte und aussah wie eine Badekappe. Eines Tages schleppte er eine riesige Tüte des Designerladens Brown Thomas nach Hause. Er hatte sich durch die Hintertür ins Haus geschlichen (niemand benutzt bei uns die Hintertür, außer um die Komposttonne zu befüllen oder die Vögel mit Körnern zu füttern). Er verhielt sich sonderbar. Verstohlen. Schreckhaft. Geheimnistuerisch. Er ignorierte mich mit Absicht, rührte meine Sahnesoße für die Linguine mit Meeresfrüchten auf dem Herd um und eilte an mir vorbei. Eine Sekunde – oder eher einen Sekundenbruchteil – lang fragte ich mich, ob er mir ein Geschenk gekauft hatte. Während ich die Kräuter aus der köchelnden Soße entfernte, hörte ich, wie er sich oben bewegte. Etwa zwanzig Minuten später kam er wieder nach unten und rief vom Flur aus in die Küche hinein, er müsse noch einmal für ein paar Stunden weg. Der Schönheitssalon, wo er die sanitären Anlagen repariere, quengle schon wieder (David bezeichnete Leute, die sich über seine Arbeit beschwerten, als „Quengler“. Wir hatten eine ganze Menge davon). Da fiel bei mir mit einem lauten Knall der Groschen. Ich schaltete den Herd ab und verdarb damit meine Linguine. Ein Hauch weiterer anstehender Zerstörungen umwehte mich.

Ich pirschte mich aus der Küche ins Wohnzimmer, öffnete meine schweren silberfarbenen Vorhänge einen Spaltbreit und spähte aus dem Fenster. Da war er, mein Mann, und betrachtete sich im Seitenspiegel seines weißen Transporters mit der Aufschrift David Downey, Installateur, 24-Stunden-Service. Erschrocken ließ ich den Vorhang los, und als ich wieder danach griff und ihn zurückzog, fiel mir die Kinnlade herunter.

„Was, zum Teufel, ist das?“, flüsterte ich in den Vorhang hinein. Er war mit einer himmelblauen engen Jeans bekleidet, die saß wie eine zweite Haut. Dazu trug er eine bis zum Kinn geschlossene Motorradjacke mit grellweißen Ralleystreifen, diesen breiten, wie man sie bei Jugendlichen sieht. Gerade fuhr er sich mit den Fingerspitzen durchs Haar, damit es hochstand. Er wirkte wie einer von den Jedwards. Oder sollte ich Dad-wards sagen? Oder einfach nur peinlich?

„Vielleicht solltest du mit deinen Wünschen vorsichtig sein, Courtney“, raunte ich in den Raum hinein, während ich beobachtete, wie er in den Transporter kletterte, sein Gesicht noch einmal im Rückspiegel überprüfte, sich mit dem Zeigefinger über die Zähne schrubbte und rückwärts aus der Einfahrt rangierte. Langsam ließ ich den Vorhang sinken, kehrte zurück in die Küche und kratzte die Soße in einen Tupperware-Behälter. Dann holte ich mir eine Flasche kaltes Bier aus dem Kühlschrank. Ich entfernte den Kronkorken, lehnte mich an die Hintertür und leerte die Flasche in wenigen Schlucken. Jede Faser meines Körpers war von Erleichterung erfüllt. Es war schwer in Worte zu fassen, was ich empfand, doch seltsamerweise war Hoffnung der wohl treffendste Ausdruck. Hoffnung, dass er mich verlassen würde. Oder Hoffnung, dass ich mich nun, da ich von seiner Affäre wusste, ins Zeug legen und um ihn kämpfen würde. Hoffnung, dass sich mein Leben in die eine oder andere Richtung ändern könnte.

Aber ich sagte nichts. Tat nichts. Stellte nichts infrage. Die Scheuklappen saßen unverrückbar fest. Selbst als er an jenem Abend Stunden später nach Hause kam, mit gerötetem Gesicht, nervös pfeifend und in ausgesprochen guter Laune, schob ich es einfach beiseite und lebte weiter meinen Alltag. Ich wusste einfach nicht, was ich unternehmen sollte. Während ich mich in den nächsten Wochen an die Situation gewöhnte, stellte ich fest, dass er sein Mobiltelefon behandelte wie einen Koffer, der eine tickende Bombe enthielt. Er bewachte dieses Telefon wie der Geheimagent Jason Bourne. Nur um ihn zu ärgern, fragte ich ihn hin und wieder, ob ich sein Telefon benutzen dürfe, weil ich meines nicht finden könne. Jedes Mal wurde er kreidebleich.

„W-w-w-was? W-w-w-warum?“, stammelte er.

„Der Akku ist leer.“

„Ich erwarte gerade einen sehr wichtigen Anruf …“

Manchmal tat er so, als wäre er wirklich angerufen worden und es handelte sich um einen Notfall. Allerdings vergaß er, das Telefon auf stumm zu schalten, und es läutete, während er vorgab zu telefonieren. Er unternahm keine Anstalten, Sex mit mir zu haben. Doch fairerweise machte ich ihm das nicht zum Vorwurf. Es war nichts Neues. Mich in Fahrt zu bringen, war, als wollte man einen rostigen alten Traktor anwerfen. Meine Lust auf Sex hatte schon vor Jahren die Koffer gepackt und war ausgezogen.

„Tschüss, Courtney“, hatte sie mir zum Abschied winkend zugerufen. „Für mich gibt’s hier nichts mehr zu holen, Süße.“

Wie ich zugeben muss, nicht Davids Schuld. Er hatte sich wirklich bemüht. Bücher, DVDs und verschiedene bunte, vibrierende Spielzeuge mitgebracht, aber ich hatte mich strikt geweigert, sie auszuprobieren. Wenn wir Sex hatten, war er sanft und geduldig, doch er wusste, was es war. Fake Sex. Von meiner Seite her eine Übung in Timing und vorgetäuschtem Stöhnen. Er beklagte sich nie und nahm es auch nicht persönlich. Vielleicht hätte er das tun sollen. Oder ich. Vielleicht hätte ich mit ihm darüber reden müssen.

Als die Affäre voranschritt, vermied es David wochenlang so weit wie möglich, sich mit mir im selben Zimmer aufzuhalten. Er arbeitete bis spätabends. Die Quengler krochen aus ihren Löchern. Er ging sogar so weit, Mar-nees Freundinnen bei uns zu Hause anrufen und mir von ihren tropfenden Duschen, undichten Toiletten und explodierenden Gasthermen erzählen zu lassen. Wenn ich sie um eine Nummer für einen Rückruf bat, nuschelten sie stets, sie hätten Davids Mobilfunknummer und würden versuchen, ihn auf diese Weise zu erreichen. Eine Minute später meldete er sich dann selbst und klagte, er habe noch einen Notfall, ich brauche seinetwegen nicht aufzubleiben. Natürlich hätte ich ihn mühelos zur Rede stellen und ihn fragen können, wo das zusätzliche Geld aus diesen Notfällen abgeblieben sei. Aber ich tat es nicht, weil ich es nicht über mich brachte, ihn aufzuhalten. Ich brauchte mehr Zeit, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Doch als er mir vier Monate später endlich gestand, er habe, wie er es ausdrückte, „mehr als eine schäbige Affäre“, sie seien bis über beide Ohren verliebt, er werde mich verlassen und zu ihr in ihre Luxuswohnung ziehen … da weinte ich. Ich hatte tatenlos zugesehen. Es war eine schreckliche Mischung von Tränen: Erleichterung, Trauer und starke Schuldgefühle. Erleichterung meinetwegen. Trauer, weil ich in meiner Ehe versagt hatte. Und starke Schuldgefühle wegen unseres geliebten einzigen Kindes, unserer vierzehnjährigen Susan, einer absoluten Papatochter. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass es mir das Herz brach, weil wir bei unserer wunderschönen Susan gescheitert waren. Wir hatten ihre Familie nicht zusammengehalten. Ihr keine sogenannte „normale Jugend“ ermöglicht. Unsere Bedürfnisse vor ihre gestellt.

Allerdings kümmerte es mich rein gar nicht, dass ich fallen gelassen worden und nicht mehr erwünscht war. So seltsam es auch sein mochte, interessierte es mich nicht, dass ich meinen Mann nicht hatte halten können. Dass mein Mann mich gegen ein jüngeres Modell eingetauscht hatte. Auch die anstehende Scheidung war mir egal. Es war mir gleichgültig, dass ich allein sein würde. Das ist es immer noch, wirklich, was mir die größeren Sorgen bereitete. Warum wollte ich keinen Partner, keinen Liebhaber? War ich frigide? Ein scheußliches Wort, übrigens eines, das David mir nie an den Kopf geworfen hat, wenn ich nicht mit ihm ins Bett wollte, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Ich grübelte darüber nach, warum es mich erleichterte, allein zu sein. War das normal?

Wie schon gesagt, ich musste an Susan denken, und ihre Gefühle bedeuteten mir sehr viel. Doch diese Ehe hatte eindeutig ihr Verfallsdatum erreicht. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich so empfand, als ich mein Eheversprechen in den Wind schlug, aber dass unsere Ehe tot war, hatte ich schon seit Jahren gewusst. Sie hätte eigentlich niemals eingegangen werden sollen. Ohne die tickende Zeitbombe meiner biologischen Uhr, die sich bei mir schon mit einundzwanzig bemerkbar machte, hätte es nie eine Hochzeit gegeben. Vom ersten Tag an sehnte ich mich nach einem Kind. Niemand versteht das, weil ich noch so jung war und erst am Anfang des Lebens stand. Als ich David mit zweiundzwanzig kennenlernte, hatte ich meine Zukunft genau geplant. Ehe und Kinder. Ehe und Kinder. Ehe und Kinder. Ich übernehme für mein Handeln die volle Verantwortung. Ja, ich war naiv und bedürftig, und, bei Gott, ich habe meine Lektion gelernt. David war nie der richtige Mann für mich, und ich habe ihn aus den völlig falschen Gründen geheiratet. Letzten Endes deshalb, weil ich ein Kind wollte.

Aber das ist Schnee von gestern. Obwohl es bereits ein Jahr her ist, haben Claire und ich uns ein wenig auf die beiden eingeschossen. Hin und wieder, so wie heute, habe ich ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil wir hinter ihrem Rücken über David und Mar-nee reden und über sie als Paar lästern. Eigentlich sind die zwei keine schlechten Menschen. Sie vergöttern Susan, so viel steht fest. Mar-nee hat keine eigenen Kinder. Wenn ich das ausspreche, zeigt Claire mit dem Finger auf mich und sagt: „Noch nicht.“ David und ich haben viel Kontakt. Sind höflich. Gemeinsames Sorgerecht. Also müssen wir uns wegen Susan vertragen. David ist … wie drücke ich das in unserer ach so politisch korrekten Welt richtig aus? Leicht beeinflussbar. Ein Mitläufer. Mit Mar-nee bin ich nur selten allein. Wenn wir uns begegnen, nicken wir einander zu und betreiben Small Talk. Mehr ist nicht drin.

Claire fährt fort. „Schon gut, aber als ich sie Donnerstagabend bei Aldi gesehen habe, er in künstlich abgewetzte knallenge orangene Jeans, einen Nietengürtel und eine drei Größen zu kleine kakifarbene wattierte Bomberjacke gequetscht, hätte ich mir beinahe in die Hose gepinkelt. Ich war so nah dran.“

Claire streckt die Hand aus und hält Zeigefinger und Daumen so dicht wie möglich aneinander, ohne dass sie sich berühren, und kneift fest die Beine zusammen. Sie neigt dazu, zu pinkeln, wenn sie zu heftig lacht. Kleine Miss Hosenpinklerin. Dann wedelt sie mit den Händen, als wäre sie ein Vogel, der gleich abhebt. Manchmal empfinde ich Claires übersprudelnde Energie als anstrengend. Allerdings wirklich nur manchmal.

„Oh, oh, oh, und seine Haare? Ich habe ganz vergessen, dir seine Haare zu beschreiben. Gütiger Himmel, inzwischen sind sie tief anthrazitfarben bis blauschwarz, aber gestylt und fallen ihm über ein Auge. Ich schwöre dir, Courtney, er ist in die Reihe mit den Einkaufswagen gelaufen … zweimal.“

Claire schlägt die Hand vor den Mund, weil sie merkt, dass mir das Thema mittlerweile unangenehm ist. Ich seufze auf. Aber ich bin machtlos dagegen und will das Gespräch aufrechterhalten.

„Warum steckt sie ihn in solche Klamotten? Letzten Monat hatte er wasserstoffblonde Haare! Das ist alles nur ihr Werk. Weißt du, eigentlich tut er mir leid. Wenn er mich nicht öffentlich gedemütigt und mich offiziell für eine Desperate Housewife aus Orange County sitzen gelassen hätte, wäre ich wahrscheinlich noch seine Frau. Alles hat seine Vor- und Nachteile.“ Ich schürze die Lippen.

„Man möchte doch meinen, dass sie als Kosmetikerin mit so viel grellem Orange ihre Kundschaft vergrault, oder?“ Claire hat Mar-nee die Affäre mit einem verheirateten Mann nie verziehen. Ebenso wenig David, weil er als verheirateter Mann eine hatte. In Claires Welt ist das ein Vergehen, für das keine Vergebung existiert. Punktum. Ihrer Ansicht nach hätte er mich zuerst verlassen müssen.

Ich antworte mit meiner üblichen Litanei. „Wie ich schon immer sage, Claire, würde ich mich vermutlich jedes Mal vor Widerwillen winden, wenn er die Bettdecke zurückziehen und mir den Hintern tätscheln würde. Wenn er in seiner ausgewaschenen, angegrauten Unterhose daläge, während ich innerlich um meine längst verschwundene Lust auf Sex weine. Ich würde der Pflicht halber mitspielen, weil ich mir sonst immer abenteuerlichere und bizarrere Ausreden ausdenken müsste, warum ich keinen Sex haben kann. In unseren letzten Ehejahren hatte ich gefühlte hundertneunundneunzigmal eine Pilzinfektion. Ich habe scheußliche Dinge über meine Vagina gesagt, die keine Frau jemals sagen müssen sollte. Ich hatte alle vier Tage meine Periode, verdammt! Außerdem müsste ich mich immer noch wegen der endlosen Schilderungen seiner unzähligen Golfpartien zu Tode langweilen, in denen er jedes Loch analysiert, während ich mich gedanklich in die Arme eines langhaarigen Mannes aus einem Groschenroman flüchte. Wahrscheinlich würde ich David weiterhin genauso unglücklich machen wie er mich, und ganz gleich, was du auch sagst, er hat es nicht verdient, unglücklich zu sein. Er ist kein schlechter Mensch.“ Das meine ich ernst.

„Stehst du auf Typen mit langen Haaren?“ Claire schnappt sofort zu. Sie hat versucht, mich auf Tinder zu verkuppeln, nur damit sie selbst sieht, was da so auf dem Markt ist. Sie nennt es „in Tinder“, nicht „auf Tinder“, was ich lustig finde, weil es nach einer verborgenen Welt klingt. Allerdings macht Tinder mir eine Heidenangst.

„Nein, tu ich nicht. Außerdem möchte ich nicht, dass ein Michael-Bolton-Klon morgen früh bei mir im Büro aufkreuzt, okay?“

„Michael Bolton hat seit Jahren keine langen Haare mehr.“

Ich neige den Kopf zur Seite und blicke sie finster an. Keinen Schritt weiter, sagt dieser Blick.

„Also muss ich mir alles über deine eingebildeten Pilze und deine unpässliche Vagina anhören, aber über mein Sexleben in der Ehe darf ich nicht reden, richtig?“ Sie lacht auf.

„Stopp!“ Ich schlage mir mit der Hand auf die Stirn. „Stopp … Sorry, das ist mir einfach so rausgerutscht. Könnten wir bitte einfach das Thema wechseln?“ Der restliche Banoffeekuchen erinnert mich daran, dass ich ihn schlichtweg keine Sekunde länger stehen lassen kann. Gut, ich könnte, werde ich aber nicht. Also nehme ich meine Gabel und greife wieder zu. Claire nickt und lässt ihren Milchkaffee kreisen, sodass sich der an den Rändern des hohen Glases klebende weiße Schaum in der Mitte sammelt. Ja, Claire besitzt eine dieser tollen Milchkaffeemaschinen. In Claires Küche gibt es alles. Sämtliche modernen Geräte. Einen Fußboden aus grauem Schiefer, graue Möbel mit schimmernden Chromgriffen, Utensilien, Töpfe und Pfannen, die so niedrig hängen, dass man sich ducken muss, und ein Backrohr, in dem man wohnen könnte, so groß ist es. Es ist eine Küche wie aus einer Hochglanzzeitschrift, die einen sofort „O Gott, ich brauche eine neue Küche!“ ausrufen lässt. Claires Küche würde sogar in ein Restaurant passen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wie bereits gesagt, koche ich selbst leidenschaftlich gern und habe eine übertriebene Schwäche für gutes Essen, doch ich verfüge nur über einen alten Herd, eine Mikrowelle mit Rissen und abgenutzte Töpfe und Pfannen mit Kupferboden. Das war’s dann auch schon.

„Ist er diesmal ein bisschen zu süß geworden?“ Claire weist mit dem Kopf auf meinen Kuchenteller.

Ich fahre mir mit der Zunge im Mund herum, insbesondere über die Rückseiten der Zähne. Inzwischen bin ich recht gut in diesem Verkostspiel.

„Vielleicht ein kleines bisschen zu viel Zucker, Schatz“, erwidere ich wahrheitsgemäß, da ich noch nicht aufgelöste Körnchen ertaste. Sie reißt eine Seite von ihrem Block ab und notiert sich etwas. Ich beobachte, wie die Sommersprossen auf ihrer Nase sich bewegen, als sie sich konzentriert und entsprechend ihr Gesicht verzieht.

Wir sind schon seit dem College befreundet und haben beide Theaterwissenschaft im Samuel Beckett Centre am Trinity College in Dublin studiert. Wir verstanden uns auf Anhieb. Beide waren wir Einzelkinder, und es war wundervoll, wie entspannt wir uns miteinander fühlten. Als wir uns nach unserem Abschluss beruflich orientierten, konkurrierten wir um dieselben Vorsprechtermine. Diese Jahre als hart zu bezeichnen, wäre untertrieben. Obwohl ich mich wirklich abmühte, wurde „beinahe“ zu einem Wort, das ich nicht mehr hören konnte. Mein Interesse an der Schauspielerei ließ allmählich nach, und die Romantik übernahm das Zepter.

In Liebesdingen gehörte Claire demselben Club an wie ich. Sie hatte ihren Freund Martin bereits mit vierzehn kennengelernt und sich mit neunzehn verlobt. Die anderen fanden das seltsam und hielten sie für übergeschnappt. Ich nicht. Wir heirateten im selben Jahr. Sie war meine Brautjungfer und ich ihre. Was den heiligen Stand der Ehe betraf, hatte Claire die um einiges klügere Wahl getroffen. Sie zog den Sechser im Lotto, während ich nur ein vom Regen durchweichtes Rubbellos abbekam.

„Offen gestanden begreife ich noch immer nicht, wie ihr so lange zusammenbleiben konntet.“ Claire legt den Stift weg, nimmt ihr Glas und stützt das Kinn darauf. Ihre Ellbogen ruhen auf der Marmorplatte.

„Ach, ich auch nicht. Eigentlich dämlich. Es war nicht Davids Schuld. Ich war zweiundzwanzig und auf einer Mission. Und, hey, ich habe meine Susan gekriegt …“ Meine Stimme erstirbt.

„Heute reden wir nicht über Susan. So lautet die Abmachung. Wir wollten Zeit nur für uns.“ Claires Stimme ist leise, aber streng. Sie weiß genau über meine Schwierigkeiten mit Susan Bescheid. Die arme Claire, tagelang habe ich ihr deswegen etwas vorgejammert. Sie ist unglaublich verständnisvoll und hilfsbereit. Sicher hat sie eine ganz klare Haltung zu Susans Benehmen, doch sie bleibt meistens neutral und hört sich meine Klagen an.

„Ich denke, du hast recht damit, dass ich meine besten Jahre vergeude. David und ich haben nicht zusammengepasst wie Toffee und Biskuitteig, so viel steht fest“, erwidere ich und lecke mir die Lippen ab.

„Das habe ich nie behauptet, und außerdem bist du noch keine alte Schachtel, Courtney. Du bist erst achtunddreißig und siehst absolut spitze aus. Die Leute sagen immer noch, dass du Kate Winslet ähnelst! Was stimmt! Wenn ich nicht glücklich verheiratet wäre und wir beide lesbisch wären … Hey, wir wären ein Lesben-Sandwich und gleichzeitig gut befreundet!“ Claire macht Witze, doch sie beteuert ständig, wie schön ich bin, die Gute.

„Wenn wir schon bei Sandwiches sind: Was hältst du von einem weichen weißen Brötchen mit Hühnchen und Krautsalat?“, erkundigt sie sich.

Als ich den Kopf schüttle, fällt ein winziges Bananenrestchen von meiner Gabel auf die Arbeitsfläche. Claire stürzt sich darauf wie ein Falke. Bevor ich blinzeln kann, fördert sie ihr blaues Mikrofasertuch zutage, und der Fleck ist weg. Ich lache schnaubend auf.

„Hast du wirklich eine Geheimtasche für Putzlappen?“, frage ich sie, und das ist mein voller Ernst.

„Du Scherzbold. Wenn ich wirklich in meiner Küche ein Geschäft eröffnen soll, wie du und Martin mir immer predigt, muss alles blitzsauber sein. Wenn … falls ich beschließe, von zu Hause aus zu arbeiten, könnte ich jederzeit Besuch vom Gewerbeaufsichtsamt bekommen. Deshalb muss ich mir angewöhnen, hier für Ordnung zu sorgen.“

Ihr Blick huscht durch ihre blank gescheuerte Küche. Das blaue Tuch verschwindet auf mysteriöse Weise.

„Bist du sicher, dass ich dich nicht dazu verführen kann, zusammen mit mir ein Sandwich zu essen? Ich verabscheue es, allein Weißmehl und Kohlenhydrate zu mir zu nehmen“, meint sie halb im Scherz.

Wieder schüttle ich den Kopf. „Ich fände es auch weiterhin besser, wenn du ein Ladenlokal kaufen und eine Bäckerei mit einem echten Schaufenster eröffnen würdest, damit die Leute deine Kuchen auch sehen.“ Es ist eher Martin, der auf ein Geschäft von zu Hause aus drängt, als ich.

Auf der Arbeitsplatte läutet mein Telefon. Wir schauen beide aufs Display. Es ist mein Onkel Tom. Claire stößt ein Würgegeräusch aus, während ich den Anruf wegdrücke und das Telefon einstecke.

„Heutzutage läuft doch alles online. Da kann man sich die Kuchen auch anschauen. Ich richte eine eigene Website ein“, widerspricht sie.

„Das ist nicht dasselbe“, entgegne ich mit einem leichten Achselzucken. „Stell dir vor, du schlenderst durch den Sandymount Green, und plötzlich glaubst du, dass dir Bäckereigeruch in die Nase steigt. Du schnupperst wie Scoobie Doo mit seiner imaginären Duftspur. Du kennst doch diesen süßen, leckeren Duft … Sandkuchen oder Vanilleextrakt. Wie, wenn man sich bei Marks & Spencer magisch von der Plätzchentheke angezogen fühlt. Man geht weiter und bleibt vor einem supertollen Schaufenster stehen: Kuchen in allen erdenklichen Größen, Formen und Farben. Glasuren, die so kunstvoll wirken, dass sie eigentlich in eine Galerie gehören. Du öffnest die Tür, und dieser Duft … Oh, du kaufst sie alle! An einer Website kann man nicht schnuppern, Claire.“ Ich bin vom Barhocker aufgestanden und breite theatralisch die Arme aus, um meine Worte zu untermauern.

„War wohl das Beste, dass du die Schauspielerei an den Nagel gehängt und stattdessen beschlossen hast, Ferienhäuser zu vermitteln“, teilt sie mir mit und klatscht dabei langsam in die Hände.

Tief in meinem Innersten weiß ich, dass eine richtige Bäckerei für sie ein wahr gewordener Wunschtraum wäre. Aber eigentlich geht es mich nichts an. Es ist ihre Sache und die Sache der beiden. Also wechsle ich das Thema.

„Jetzt mal im Ernst: Wenn die Leute behaupten, dass ich aussehe wie Kate Winslet, warum fügen sie dann immer ›in Titanic‹ hinzu? Nie in Der Vorleser, Liebe braucht keine Ferien oder Zeiten des Aufruhrs? Ich bin eine ganz besondere Kate Winslet.“ Ich drehe die Gabel um und lecke den verbleibenden Banoffeekuchen von der Rückseite ab. Das Gewerbeaufsichtsamt wäre damit gar nicht einverstanden.

„Weil du Glückskuh nicht wie achtunddreißig aussiehst, sondern eher wie dreißig, wenn überhaupt! Die jüngere Kate und du, ihr habt diese unglaubliche Figur, nach der jede Frau sich sehnt. Für deine Figur würde ich töten. Stattdessen ziehe ich wie immer ernsthaft eine Magenverkleinerung in Erwägung.“ Sie beäugt mich mit Missfallen, leckt ihre Gabel ab und zieht dabei den Bauch ein.

„Warst du mal wieder beim Augenarzt?“ Ich lache über ihre absurde Bemerkung und lege die Gabel wieder weg. Ich bin satt! Weshalb lecke ich dann noch immer Sahne von einer Gabel? „Ich schwöre außerdem bei Gott, dass ich dich zwingen werde, Geld in eine Spardose zu stecken, wenn du noch einmal das Wort Magenverkleinerung in den Mund nimmst! Ich werde sie die Magenverkleinerungsspardose nennen!“ Das ist mein Ernst.

„Aber es wäre die Lösung all meiner Probleme!“ Sie springt vom Barhocker und streicht sich mit den Händen über den Körper. „Und den Rest würde ich absaugen lassen. Hier, hier, hier, hier und hier.“ Es ist, als würde sie den Ententanz tanzen. Sie zupft an sämtlichen Körperteilen herum.

„Du willst doch gar nicht mager sein, Claire“, wiederhole ich zum wohl millionsten Mal. „Dann wäre dein Kopf zu groß.“

„O doch, das will ich, Courtney“, antwortet sie, ebenfalls zum millionsten Mal. „O ja, verdammt! Dürr wie eine Bohnenstange. Ich will den Lutscherkopf-Look. Ich will neben Posh Spice stehen und die Leute raunen hören, wie stark sie zugenommen hat. Es liegt an den dämlichen Kuchen. Unter der Woche, wenn ich dich nicht zum Füttern und Verkosten hierhabe, esse ich alle selbst. Gestern hat ein Damen-Bridgeclub zwei Zitronen-Käse-Kuchen bei mir bestellt. Aber natürlich habe ich drei gebacken. War der Grund ein guter Businessplan für meine Kundinnen, drei für den Preis von zwei? Bei meinem dicken, fetten Hintern, nein, war es nicht. Ich habe mir Frauenzimmer angeschaut und den ganzen Kuchen mit einer Kanne heißem Tee verschlungen!“, jammert sie weiter, während sie sich wieder setzt.

„Was ist daran so schlimm, Claire? Wen willst du eigentlich beeindrucken? Martin liebt dich so, wie du bist. Herrje, er liebt dich, seit du vierzehn bist.“ Ich finde es schrecklich, wenn sie auf sich selbst und ihrem Aussehen herumhackt.

„Es geht nicht um Martin, sondern um mich. Ich hasse es, dick zu sein. Ich habe Sehnsucht nach schicken Klamotten, Courtney. Nach Mode. Ich würde alles dafür geben, einfach bei River Island hineinzuspazieren und Sachen von der Stange kaufen zu können.“

„Das haben wir schon x-mal durchgekaut. Wie oft war ich jetzt mit dir bei den Weight Watchers?“ Anklagend zeige ich mit dem Finger auf sie.

„Elfmal.“

„Elfmal. Genau. Und jedes Mal hast du nach dem zweiten Wiegen gekniffen.“

„Ich mag die Gruppenleiterinnen nicht, das ist der Grund. Die sind so gönnerhaft. Wenn ich ihre selbstzufriedenen Gesichter sehe, kriege ich erst richtig Lust zu essen!“ Sie jammert noch ein bisschen. „Ich kann mir nicht einmal mehr die Kardashians anschauen. Seit Khloe weg ist, macht es mir keinen Spaß mehr. Sie war der einzige Grund, warum ich mir die Sendung angesehen habe: Um herauszufinden, wie sie mit ihren dünnen Schwestern klarkommt!“

„Khloe ist fit geworden … und hat sich aufmöbeln lassen, aber das ist ein anderes Thema. Wenn du fit werden willst, nur zu, aber quäl dich nicht weiter mit den Jeans von River Island in Größe achtunddreißig, Claire. Ich bin doch hier der Loser und der Single. Wie du schon sagtest, sollte ich mich bei Tinder herumtreiben.“ Dabei fuchtle ich mit den Händen vor ihrem Gesicht herum wie eine Zauberkünstlerin.

Ihre Miene ist plötzlich ernst. „Ich glaube, dir war noch nie bewusst, wie schön du bist, Courtney.“ Inzwischen lacht Claire nicht mehr. Ihre schimmernden grünen Augen blicken mich finster an. Mir ist klar, dass sie mich dazu drängen will, rauszugehen und wieder zu daten. Nur dass ich kein Interesse habe. Ich habe nicht die geringste Lust, einen neuen Mann oder neue Männer kennenzulernen. Absolut null Bedürfnis, überhaupt je wieder einem Mann zu begegnen. Ich bin mit meiner Lebenssituation zufrieden – nur Susan und ich und ein Beruf, den ich liebe und der uns ernährt und die Rechnungen bezahlt. Ich habe noch nie für Jungs geschwärmt. Die jugendliche Lüsternheit hat mich einfach übersprungen. Es gab nie eine Band, die ich angehimmelt habe, oder einen Schauspieler, in den ich verliebt zu sein glaubte. Ich habe auch nie Herzchen auf meine Schulbücher oder Schultasche gemalt. In meiner ganzen Schulzeit hat nie jemand ein Herzchen von mir gekriegt. David war mein allererster Freund. Klar, es gab Küsse hinter dem Fahrradschuppen beim Flaschendrehen oder einen gelegentlichen ungelenken langsamen Tanz bei der Freitagabenddisco im Saal des Sportvereins in unserem Viertel. Ein paar Jungen haben mich sogar gefragt, ob ich mit ihnen ausgehen wolle. Doch ich hatte kein Interesse. Die Wochenenden verbrachte ich lieber damit, für mich und Alice zu kochen oder bei meinen Nachbarn zu babysitten. Jungs waren eben nicht meine Sache.

„Wenn du nicht meine beste Freundin wärst, würde ich dich hassen. Ich würde dich auf der Straße böse anglotzen. Du siehst immer spitze aus, und dabei tust du kaum etwas dafür. Ich hingegen sehe nie spitze aus, obwohl ich mich abrackere und versuche, jede Wabbelfalte an meinem immer dicker werdenden Bauch zu tarnen.“ Claire tätschelt ihren Bauch und tut dann so, als wollte sie ihn als Boxsack benutzen. „M-m-m-ma … M-m-m-ma …“ Sie umfasst ihren umfangreichen Bauch mit den Händen.

„Hör auf“, sage ich leise. Ich weiß nur zu gut, wie sehr Claire mit ihrem Gewicht kämpft. Es ist eine tägliche selbstzerstörerische Schlacht aus Hungern und Fressattacken. Claire hat jede nur erdenkliche Diät hinter sich. Sie hat sich von Äpfeln und Wasser, Cayennepfeffer und Honig, Hühnchen und Salat, Fisch und Erbsen und Wasser und Orangen ernährt. Es gibt ständig einen neuen Diättrend. Außer Saftentgiftung. Das wird nie passieren.

Als es oben poltert, zieht Claire sich mit einem tiefen, gutturalen Seufzer an der Marmorplatte vom Barhocker hoch.

„Wie geht es ihm? Besser?“ Ich hebe den Blick zur weiß verputzten Decke, um mich nach ihrem Mann zu erkundigen, der oben an Männergrippe verendet. Sie verdreht die meergrünen Augen.

„Herrje, Courtney, er treibt mich in den Wahnsinn. Man möchte meinen, dass er an der schlimmsten Grippe leidet, seit sich die Schweinegrippe mit dem Zika-Virus verbündet hat. Ich flitze wie ein Jo-Jo die Treppe rauf und runter. In Zeiten wie diesen bin ich froh, dass wir keine Kinder haben. Sonst wäre es jeden Tag so!“ Sie zwinkert mir zu. Der einzige Grund, warum Martin und Claire keine Kinder haben, besteht darin, dass Martin keine will. Als Claire mir das ganz am Anfang bei einer von mir selbst gebackenen Pizza Margherita sachlich mitteilte, war ich sofort erschrocken. Nicht, weil Martin keine Kinder wollte, denn das war ganz allein seine Entscheidung, sondern weil Claire oft erzählt hatte, dass sie sich welche wünschte, und nun eine tapfere Fassade aufrechtzuerhalten schien. Wir saßen in meiner Küche in Dun Laoghaire, kurz nachdem ich mit David zusammengezogen war. Es war das Weihnachtsfest vor unseren Hochzeiten.

„Du bäckst wirklich die leckerste Pizza der Welt!“, verkündete Claire und zupfte an dem Stück in ihrer Hand, sodass sich Käsefäden auseinanderzogen. „Du förderst meine Sucht. Wenn Pizza ein Mann wäre, hätte ich eine Affäre!“, nuschelte sie mit vollem Mund. Ihr damals langes rotes Haar hatte sie seitlich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

„Ich glaube, ich kriege jetzt endlich die perfekte Pizza hin. Das Wichtigste ist, dass einem der dünne Boden so gelingt, dass er im Mund nicht zerbröselt und trotzdem Biss hat. Ich habe ziemlich viel Olivenöl und ein wenig mehr als die empfohlenen zweihundert Milliliter warmes Wasser benutzt.“

Gerade bestreute ich den Belag mit zusätzlichem, frisch geriebenem Parmesan, als Claire beiläufig anmerkte: „Martin und ich haben uns endlich darauf geeinigt, dass Kinder nicht unser Ding sind.“ Sie betrachtete ihr Telefon, wischte mit dem angefeuchteten Finger Käsekrümel vom Display und wich meinem Blick aus.

„Oh … darf ich fragen, warum?“ Die Parmesanschüssel in meiner Hand zitterte nicht.

„Wir wollen es eben beide so. Ich lasse mir vor der Hochzeit eine Spirale einsetzen.“ Sie nahm ihr Weinglas, ließ die rote Flüssigkeit kreisen und trank einen großen Schluck.

„Aha.“ Ich stellte den Parmesan wieder mitten auf den Tisch.

„Wir denken, dass wir so viel mehr unternehmen können. Martin möchte unbedingt reisen … Er will Indien sehen, ja eigentlich die ganze Welt.“ Sie pflückte eine Kirschtomate von der Pizza und steckte sie in den Mund.

„Kann man mit Kindern denn nicht reisen?“, hakte ich vorsichtig nach, während ich tat, als wäre ich mit dem Entkorken einer Rotweinflasche beschäftigt.

„Nein … nein … denn, weißt du, wir wollen frei sein und spontan hinfahren, wohin wir Lust haben. Wir wollen keine Abhängigkeiten.“

Ihr Tonfall gefiel mir gar nicht. Ihre Antwort klang nicht wie sonst, sondern eingeübt. Aber ich stellte ihre gemeinsame Entscheidung nicht weiter infrage, etwas, das seitdem an mir nagt. Mich belastet. Ich bin nicht sicher, warum ich geschwiegen habe. Ich hatte nur den Eindruck, dass es ihr so recht war. Sie teilte es mir mit und fragte mich nicht nach meiner Meinung. Ihr Entschluss stand fest.

Offen gestanden wunderte es mich anfangs sehr, insbesondere, nachdem wir alle verheiratet waren und ich mich in einen Wie-kann-ich-schneller-schwanger-werden-Nazi verwandelte. Claire hörte zu, wenn ich über Eisprungtests sprach, wirkte jedoch leicht geistesabwesend. Wenn wir zu viert ausgingen, um uns einen netten Abend zu machen, trank ich nur Mineralwasser, weil ich ja schwanger werden wollte, worauf sie mir sagte, ich solle ein wenig das Leben genießen. Als ich Claires Gebäck zurückwies, weil ich keine Milchprodukte mehr aß – ein Ammenmärchen besagte, dass das die Fruchtbarkeit förderte –, meinte sie: „Genau deshalb will ich kein Baby.“ Während ich mich damit abrackerte, meinem Körper mehr Vitamin B zuzuführen, und mich nur noch von fadem, dunklem Blattgemüse ernährte, verschlang Claire Schokodonuts, Lasagne und knusprige Weißmehlbrötchen mit würzigem Hühnchen und Butter. Es war eine elende Quälerei. Manchmal betrachtete ich Claire und fragte mich, warum, um alles in der Welt, sie nicht Mutter werden wollte. Das war etwas, das ich beim besten Willen nicht an ihr verstand. So stark waren das Bedürfnis und die körperliche Sehnsucht in mir. Rückblickend betrachtet ist leicht zu begreifen, dass es jeder Frau den Kinderwunsch ausgetrieben hätte, mich zu beobachten. Das Zusammensein mit mir machte keinen Spaß mehr. Und insbesondere jetzt, da ich die äußerst stolze Besitzerin einer launischen, frechen und mürrischen Tochter bin, die bald sechzehn wird, kapiere ich es. Kinder bedeuten harte Arbeit, mit den Wehen fängt es an, und es geht immer so weiter. Obwohl ich den Boden vergöttere, den die Füße meiner Tochter berühren, ist es dennoch eine ziemliche Plackerei.

„Jetzt liegt er diesen Monat schon zum zweiten Mal deswegen flach. Ich habe ihm gesagt, er solle sich in der Schule gegen Grippe impfen lassen, aber er hat mich ausgelacht. Du kennst ja Martin, das Sinnbild von Gesundheit und Fitness. Inzwischen bereut er es. Offenbar fängt er sich jedes Virus ein, das gerade in der Schule umgeht.“ Claire hält mich zurück und legt die Hand auf die schmale goldene Klinke der Küchentür.

„Er muss sein Immunsystem stärken. Nimmt er Vitamin C und Zink?“, frage ich.

„Martin? Martin Carney und eine Tablette nehmen? Wie lange kennst du meinen Mann jetzt schon, Courtney?“ Claire spielt die Entsetzte und schaut auf eine Uhr, die sich nicht an ihrem Handgelenk befindet.

„Weigert er sich weiterhin standhaft, zum Arzt zu gehen und Medikamente zu schlucken?“ Erstaunt schüttle ich den Kopf.

„Niemals! Martin war in seinem ganzen Leben noch nicht beim Arzt.“ Claire senkt leicht die Stimme.

„Nicht einmal als Kind?“ Ich spreche ebenfalls leiser, ohne zu wissen, warum.

„Nein. Martins Mum – Mrs Carney Senior, wie sie sich nennt – hat bei der ganzen Familie Hausmittel angewendet. Klar, er hat mich dazu gebracht, Tinkturen herzustellen und sie ihm auf die Stirn zu schmieren. Sehen wir mal, was er jetzt schon wieder von mir will. Ob ich seine Unterhose in Whiskey kochen und ihm damit das Gesicht abreiben soll?“ Mit einem Knarzen öffnet sie die Tür. Ich kriege einen Lachanfall. Bevor sie hinausgeht, nimmt sie ein Buch aus dem rot laminierten Bücherregal. Sie tut, als leckte sie es ab, und reicht es mir dann. Es ist eine Biografie des Fernsehkochs Jamie Oliver.

„Raus mit dir, du Spinnerin“, meine ich lachend, während sie das Buch wieder ordentlich an seinen Platz stellt.

Der Zimtgeruch macht mich wieder hungrig. Ob ich deshalb die Titanic-Kate bin? Damals hatte sie ein paar Pfunde mehr auf den Rippen. Ich streiche mir mit den Händen über die Oberschenkel. Seit Davids Affäre habe ich eindeutig zugelegt, finde aber, dass es mir besser steht. Die meisten Opfer von Seitensprüngen kriegen nichts mehr hinunter, können nicht mehr schlafen und schreiben wunderschöne, tragische Gedichte. Das habe ich wenigstens gehört. Ich für meinen Teil aß wie ein Scheunendrescher und schlief wie ein Engel, da ich das breite Doppelbett nun ganz für mich hatte. Ich legte mich absichtlich quer übers Bett, einfach nur, weil ich es konnte. Ich schaute mir eine DVD-Staffel nach der anderen an, und zwar ausgewählt nach meinem wundervollen Mädchengeschmack. Ich fühlte mich frei. Ich war Single und genoss meine neue Unabhängigkeit. Ich kochte im Überfluss Gerichte, die ich liebte, die David jedoch stets verabscheut hatte. Lamm zum Beispiel. Ich bereitete Lammschulterbraten mit Rosmarin und Knoblauch zu. Ich kochte Currys mit Lamm und Kichererbsen. Ich machte frühlingshafte Lammspießchen mit luftgetrockneten Tomaten, gelbem Paprika und roten Zwiebeln. Nachts stellte ich aus Lammresten und Mozzarella überbackene Toasts her und verspeiste sie im Bett. Ich tat, was ich wollte. Ich aß, was ich wollte. Und ich fand es fantastisch, obwohl es zugegebenermaßen heute in diesem Land vermutlich weniger Lämmer gibt, weil ich so viele verschlungen habe.

Um auf Claires ziemlich schmeichelhaften Vergleich zurückzukommen. Es freut mich sehr, mit Kate Winslet verglichen zu werden. Das ist das größte Kompliment überhaupt. Vermutlich ähneln sich unsere Gesichtszüge. Ich habe helle Haut, breite Lippen, große blaue Kulleraugen und gewelltes, störrisches, langes blondes Haar. Allerdings war meine Schauspielerkarriere im Gegensatz zu der der Oscarpreisträgerin nur sehr kurz. Mein Bedürfnis nach Normalität war, rückblickend betrachtet, wirklich schräg. Ich befürchtete, es niemals zum Altar und auf den gynäkologischen Stuhl zu schaffen. Der arme David hatte eigentlich nie eine Chance. Mein Körper hatte den überwältigenden Drang, sich fortzupflanzen.

Diesen urtümlichen Trieb versteht wahrscheinlich niemand so recht. Er ergriff Besitz von meinem Körper. Anders kann ich es Ihnen nicht erklären. Es war wie ein Zwang. Ein Juckreiz, den ich nicht stillen konnte, ganz gleich, wie heftig ich mich auch kratzte. Es kam häufig vor, dass ich fremde Leute mit Neugeborenen auf der Straße ansprach, um an ihnen zu schnuppern (an den Babys, nicht an den fremden Leuten!). Ich war wie eine Besessene.

Vorsprechtermine zu bekommen, war für mich nie ein Problem, was allerdings nicht für das Ergattern von Engagements galt. Wahrscheinlich war meine Winslet-Optik die Eintrittskarte. Ich stand zwar in verschiedenen Theatern auf der Bühne und hatte dazu eine Teilzeitstelle bei einer Eventagentur, doch ich dachte ständig nur an Babys. Als ich David bei einer Wohltätigkeitsauktion, wo ich arbeitete, kennenlernte, erzählte er während eines Bieterduells um Profi-Golfstunden, dass er Single sei und einen festen Job und eine eigene Firma habe. Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Peinlich, oder? Da würde ich heute voll und ganz zustimmen. Courtney Downey, die Venusfliegenfalle. Ich war erst zweiundzwanzig und für unsere Zeiten wegen meiner Erziehung sehr arglos. Und so spielte es für mich keine Rolle, dass David und ich absolut keine Gemeinsamkeiten hatten.

Ich nehme Claires Glas, meine leere Teetasse, das Besteck und meinen praktisch blank geputzten Teller und bringe alles zum Becken, um es zu spülen. Vermutlich erscheint es den meisten Menschen seltsam, dass ich mit achtunddreißig noch nie verliebt gewesen bin. Gut, ich bin bis über beide Ohren in Susan verliebt, das ist wahre Liebe, aber Sie verstehen schon, was ich meine. Ich habe nie ein Feuerwerk im Bauch verspürt oder weiche Knie bekommen. Dieses sprichwörtliche Feuerwerk wartet noch immer darauf zu explodieren. Eigentlich würde ich es als Unsinn abtun und sagen, dass es so etwas nicht gibt. Doch wenn ich Claire und Martin sehe, wird mir klar, dass das nicht stimmt. Claire ist bis über beide Ohren, mit sprühenden Funken, weichen Knien und absolut pyrotechnisch in ihren Mann verliebt.

Ich mag Martin Carney wirklich. Er ist einer der aufgeschlossensten Menschen, die mir je begegnet sind. Seine Persönlichkeit ist überlebensgroß. Er dominiert jeden Raum und jede Dinnerparty. Gebildet, schlagfertig und selbstbewusst. Ich würde uns nicht als sehr enge Freunde bezeichnen, aber wir verstehen uns gut. David behauptete immer, Martin sei undurchschaubar. Doch seit der Trennung hat Martin sich stets um mich und Susan gekümmert. Er erbietet sich, etwas im Haus zu erledigen, Dinge, die er vermutlich für Männersache hält. Ich gehe nie darauf ein, denn diese Männersachen kann ich selbst. Doch ich weiß die Geste zu schätzen. Er ist Berufsberater in der Oberschule hier am Ort, und die Schüler beten ihn an. Der beste Berater überhaupt, wird oft auf dem Gelände von St Jude’s geraunt. Martin kleidet sich stets, um seine Schüler zu beeindrucken. Er trägt eine Uniform, bestehend aus einem gestärkten weißen Hemd, gepunkteten Fliegen, farbenfrohen Westen und schwarzen Hosen. Seine schwarzen Lackschuhe sind immer blitzblank poliert. Martin ist ebenso makellos wie seine geliebte Frau.

Claire kehrt mit einer Wärmflasche bezogen mit braunem Plüsch, einer Tasse mit der Aufschrift Father Ted und einer blauen Schale zurück und durchquert ihre Küche, bis sie neben mir an der Spüle steht. „Ich habe mir gerade etwas überlegt, Mrs Ex-Downey: Bitte nimm deinen Geburtsnamen wieder an. Ich könnte nicht mehr mit Martin befreundet sein, wenn er mich je verlassen würde, obwohl er im Gegensatz zum wirren David wenigstens ein Gehirn hat.“ Als ich ihr die Gegenstände aus der Hand nehme, bückt sie sich, öffnet das Backrohr und summt vor sich hin. Wieder rieche ich Zimt. Und Vertrautheit.

„Ich glaube, in zwanzig Minuten müssten sie fertig sein.“ Sie kickt die Tür des Backrohrs zu und bleibt dabei mit der Ferse ihres Flipflops hängen. Claire trägt eine dreiviertellange kakifarbene Cargohose, ein weißes fließendes Herrenhemd und die bereits erwähnten Flipflops. Ihr kurzes rotes Haar hat eigentlich keine Pflege nötig, außer der Klammer, die verhindert, dass ihr der seitliche Pony über das linke Auge fällt. Bis auf den für sie typischen schwarzen Kajalstrich in den Winkeln ihrer grünen Katzenaugen ist sie ungeschminkt. Sie ist so attraktiv. Anders als sie selbst nehme ich ihr Gewicht gar nicht wahr. Wir stehen nebeneinander. Beide sind wir genau eins siebzig groß.

„Wie macht er sich, Schwester Carney?“, frage ich sie rasch in amerikanischem Akzent wie in einer Krankenhausserie. Grinsend beobachtet sie, wie ich Spülmittel mit Zitronenduft ins Becken spritze. Sie dreht für mich den Hahn auf, lehnt sich an die Arbeitsplatte und betrachtet mich. Claire besitzt einen dieser Brauseköpfe, die ich noch immer nicht bedienen kann, ohne alles unter Wasser zu setzen. Ich plätschere im Becken herum, um Schaumblasen zu erzeugen. Rasch fördert sie ihr blaues Zaubertuch zutage und wischt mein Durcheinander auf. Dabei antwortet sie mir nicht, sondern scheint tief in Gedanken versunken. Deshalb wiederhole ich meine Frage.

„Wie macht er sich, Schwester Carney?“

„Er ist noch immer leicht daneben … seltsam, als ob er noch Fieber hätte. Aber er weigert sich, Paracetamol zu nehmen, also wird er leiden und es selbst ausschwitzen müssen. Allerdings habe ich ihn nie so erledigt erlebt. Er sagt, dass ihm der Schädel platzt, wahrscheinlich ist das der Grund.“ Sie schaut mir in die Augen, und da sie offenbar froh ist, herausgefunden zu haben, warum Martin sich so eigenartig benimmt, fährt sie in einem leicht ironischen Tonfall fort.

„Die derzeitigen Forderungen sind nicht weiter anspruchsvoll: abgestandene Limo und eine neue Wärmflasche, obwohl er bereits glüht. Wie ich zu meiner Freude melden kann, keine in Whiskey gekochte Unterhose. Ich wechsle die Bettwäsche, wenn du einkaufen gehst, sie ist total durchgeschwitzt, und bringe ihn dazu, sich kalt abzuwaschen.“ Sie wendet sich wieder dem komplizierten, laufenden Wasserhahn zu und schaltet ihn geschickt ab. Wir denken beide darüber nach, während ich das Geschirr spüle und es zum Abtropfen in den zweistöckigen Ständer stelle. Dann setzen wir uns wieder an den Küchenblock in der Mitte der Küche.

Dieser Sonntagnachmittag fasst mein Leben mehr oder weniger zusammen. Weil Susan die Wochenenden bei ihrem Dad verbringt, erhole ich mich bei Claire und Martin, koste ihre Kuchen und äußere meine bescheidene kulinarische Meinung, während sie sich Notizen macht. Gelegentlich lästern wir über David und Mar-nee. Obwohl ich weiß, dass das nicht sehr nett ist, lenkt es mich von der Entscheidung ab, die ich Ende des Monats treffen muss. Der Entscheidung, die in jedem wachen Moment über mir schwebt. Heute ist der 16. Mai. Bereits erwähnte Entscheidung muss gefällt werden und am 31. Mai bis spätestens zehn Uhr auf dem Schreibtisch meines Chefs Lar Kilroy liegen. Es ist ein einmaliges Angebot, und ich habe hart dafür gearbeitet. Allerdings gehört mein Leben nicht nur mir. Ich muss auch an meine wunderbare Tochter denken.

Noch kritischer wird es dadurch, dass ein neues Mädchen in der Stadt beziehungsweise in unserem Büro ist. Yvonne Connolly, wippende schwarze Föhnfrisur, knallenge Kostüme, blendend weiße Zähne und außerdem spitze in ihrem Job. Das sollte ich am besten wissen, denn ich habe sie angelernt. Nie hätte ich gedacht, dass sie so schnell so gut sein würde. Sie wartet nur darauf, dass ich den Job ablehne, dann hat sie ihn nämlich in der Tasche. Ich habe mich zu sehr abgemüht, um das zuzulassen, aber ich muss auch auf meine Tochter hören, oder? Schließlich bin ich in allererster Linie Mutter. Aber ich will diesen Job wirklich. Zum ersten Mal seit Jahren freue ich mich auf etwas, das nur für mich bestimmt ist.



Zwei 

Nach meiner Banoffee-und-Läster-Sitzung mit Claire fahre ich mit meinen bis auf den letzten aufgerundeten Cent berechneten Wocheneinkäufen im vollgestopften Kofferraum meines winzigen weißen Peugeots gemütlich nach Hause. Inzwischen muss ich Preise vergleichen. Milch und Brot kaufe ich in dem einen Supermarkt, Fleisch und Hühnchen in einem anderen und Putzmittel im dritten. David bringt Susan erst um fünf nach Hause. Seit David mit Mar-nee zusammen ist, ist er die Pünktlichkeit in Person. Sie hat bei ihm einige positive Veränderungen bewirkt, so viel muss ich ihr lassen.

Sogar zu seiner eigenen Hochzeit ist David zu spät gekommen. Fünf Minuten lang musste ich die Kirche umkreisen und darauf warten, dass er aufkreuzte. Oma Alice neben mir im Brautauto knirschte brummelnd mit den Zähnen und hielt fest meine schweißfeuchte Hand. Onkel Tom, der vorne saß, lachte hämisch. „Ich wusste ja gleich, dass dieser Bursche ein Vollidiot ist. Offenbar kommst du doch nicht unter die Haube, Courtney.“ Irgendwann erschien David, ohne das Chaos, das er angerichtet hatte, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er hatte sich das Masters-Turnier angeschaut und die Zeit ganz vergessen. Typisch.

Claires und Martins Haus mit Meerblick steht am Sandymount-Strand. Deshalb nehme ich die Küstenstraße zu mir nach Hause nach Dun Laoghaire. Unterwegs gestatte ich mir, geistig ein wenig abzuschweifen. Obwohl ich versuche, in Gedanken meinen Arbeitsplan für diese Woche aufzustellen, wandern diese wie immer sofort zu meiner pubertierenden Tochter Susan. Claire wollte deshalb heute nicht über Susan sprechen, weil Mutter und Tochter derzeit eine ziemlich schwierige Phase durchmachen. Ein gefährliches Terrain. Susan ist nicht mehr sonderlich begeistert von mir, ihrer Mummy – oder ihrer Mom, wie sie mich mit amerikanischem Akzent nennt. Inzwischen bin ich für sie Staatsfeindin Nummer eins, und diese Entwicklung unserer Beziehung gefällt mir gar nicht. Selbstverständlich will ich nur, dass sie glücklich ist, doch ich kann beim besten Willen nicht feststellen, ob das zutrifft. Mittlerweile haben wir kaum noch eine Verbindung zueinander und reden fast nicht mehr. Vor der Trennung war unser Verhältnis blendend. Inzwischen überwache ich sie, wie sie es nennt, auf Schritt und Tritt, und damit hat sie recht. Wer ihre Snapchat-Bilder aufruft, wird mich buchstäblich hinter ihr sehen, wie ich mich an sie heranpirsche und daran verzweifle, dass jede ihrer Bewegungen an weiß der Himmel wen gesnapchattet wird. Nichts in meinem Haus ist mehr privat. Jeder Zentimeter wurde per Snapchat der Welt kundgetan, angefangen von meiner Toilette bis hin zu meinem unaufgeräumten Schrank. Fast ist es, als könnte Susan nicht leben, ohne anderen mitzuteilen, dass sie es tut.

Sie geht in die Küche. „Ich gehe in die Küche.“

Sie macht den Kühlschrank auf. „Wieder nichts Leckeres im Kühlschrank.“

Sie steht mitten in der Küche. „Küchenfußboden muss gewischt werden.“

Im Garten. „Moms leere Weinflaschen müssen in den Glascontainer.“

Beim Öffnen des Küchenschranks. „Nur noch ein Teebeutel im Haus.“

Tödliche Langeweile. Ich sehe keinen Sinn darin. Susan lebt in einer Welt der sozialen Medien. Sie vereinnahmen ihr Dasein. Jeden wachen Moment. Die besten Chirurgen auf diesem Planeten würden selbst unter größten Bemühungen daran scheitern, das iPhone von ihrer Hand zu trennen. Inzwischen ist es mit ihrem Arm verwachsen. Offen gestanden nervt es mich entsetzlich, dass es piept, piept, piept und piept, wann immer ich versuche, mit ihr zu sprechen. Ja, wir haben 2017, alle machen das, ich weiß.

„Wir haben zwei null eins sieben, Courtney, alle tun es“, predigt David mir ständig, wenn ich ihn anrufe, um mich zu beschweren, und ihn bitte, mit ihr zu reden. Ich frage ihn, ob wir genügend darauf achten.

Es wird doch nicht dadurch richtig, dass alle es tun. Wie gefährlich ist das eigentlich?

„Chill mal! Es ist ja nur ein harmloser Spaß“, lautet seine immer gleiche Antwort. Ich glaube, bevor David Mar-nee Maguire kennengelernt hat, hatte er das Wort „chillen“ noch nie gehört. Jetzt benutzt er es in Gesprächen mit mir in fast jedem Satz, und wir müssen viel miteinander sprechen. Wissen Sie, David und ich waren nie bei Gericht. Vermutlich werde ich diese Entscheidung eines Tages bereuen. Wir haben beschlossen, dass es das Beste für Susan sei, wenn wir unsere Angelegenheiten privat regeln und mit so wenig Durcheinander wie möglich unsere neuen Leben anfangen. Deshalb haben wir entschieden, uns die Erziehung zu teilen. Zum Glück verlief die Trennung ganz still und leise, weil wir die ganze Zeit Susans Interessen im Blick hatten. Allerdings war der Abend, an dem wir es ihr eröffneten, entsetzlich genug.

Als die Ampel auf Gelb umschaltet, bremse ich langsam, trete auf die Kupplung und ruckle am Schaltknüppel, um sicherzugehen, dass ich im Leerlauf bin. Dann ziehe ich die Handbremse. Ein älteres Paar, das einen Zwillingsbuggy schiebt, vergewissert sich klugerweise, ob ich wirklich stehe, bevor es dem grünen Männchen vertraut. Sie wirken beide erschöpft. Ich erinnere mich.

Wir saßen am Küchentisch, aßen zu Abend, und mir blieb jeder Bissen in der Kehle stecken. Ich hatte das Freitags-Lieblingsessen unserer Familie an einem Montag gekocht. Meine leckere gegrillte Hühnerbrust, Risotto mit süßen Gartenerbsen, roten Zwiebeln und Waldpilzen und dazu rosafarbene Limo von Avoca. „Freitag mit Nachschlag“, nannte David das immer. Susan schöpfte sofort Verdacht, als sie neben mir stand und mir beim Hacken der Frühlingszwiebeln die Tränen in die Augen traten. Susan war vierzehn, jedoch nicht auf den Kopf gefallen. Sie wusste, dass wir wegen diesem und jenem stritten, und hatte all das schlecht getarnte Geflüster belauscht. Aber ich gab mir die größte Mühe, sie so gut wie möglich davor zu schützen. „Ich weiß, dass du und Dad euch hasst, Mom“, sagte sie manchmal. Ich meinte zu ihr, sie solle nicht albern sein. Ich hasste Dad wirklich nicht. Und dennoch war ich es, die meinem kleinen Mädchen das Herz brach.

„Susan, Daddy und ich haben beschlossen, dass wir nicht mehr verheiratet sein können. Daddy zieht aus.“ Harte Worte, keine Beschönigungen, die nackte Wahrheit. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht einfach damit herausgeplatzt, sondern habe jede Trennungsratgeber-Website zwischen Dublin und Toronto konsultiert. Die Wahrheit sei der einzige Weg, hieß es da. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

„Ich habe mich in eine andere Frau verliebt, Schätzchen, es ist überhaupt nicht Mummys Schuld“, ergänzte David dummerweise, obwohl wir abgesprochen hatten, ihr dieses Detail zu verschweigen. Ich umklammerte mein Glas so fest, dass es mich noch heute wundert, warum es nicht als Metapher für unsere zerbrochene Familie in tausend Scherben zersprang. Susan starrte uns nur an. Ihre leuchtenden Augen waren glasig, doch sie blieb gefasst. Ihr Risotto hatte sie kaum angerührt.

„In wen hast du dich verliebt, Daddy?“, fragte sie zögernd. Das Herz schlug mir bis zum Hals.

„In eine sehr nette Dame namens Mar-nee, in die schöne, reizende Mar-nee Maguire. Ich werde bei ihr wohnen. Sie ist so lieb und hätte es sicher gern, wenn du uns besuchst. Sie hat einen Lagerraum, den sie im Moment nur benutzt, um Sachen für ihren Salon aufzubewahren, und sagt, du könntest ihn einrichten, wie du willst. Wir könnten zu dritt zu IKEA fahren und …“

Ich knallte die Handflächen auf den Tisch, was ich sofort bereute. Die auf dem Kopf stehende Glasflasche mit Ketchup kippte um. Ich hatte versucht, ihr auch noch den letzten Rest des Inhalts abzuringen. Susan stieß einen Schrei aus.

„Entschuldige … entschuldige. Bitte, David, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Mar-nee zu erörtern. Wir müssen über Susan und ihre Gefühle sprechen“, flehte ich ihn an.

„Beruhige dich, Courtney, ja? Chill mal!“ David verschränkte abwehrend die Arme. Das erste „chillen“ war mir vor die Füße geworfen worden. Und ich hatte versucht, mich in Anwesenheit dieses Vollidioten zu beherrschen.

„Ich bin ganz ruhig, David. Ich möchte nur, dass wir uns auf Susan und ihre momentanen Gefühle konzentrieren.“ Ich befingerte meinen Armreif und drehte meine langen Haare zu einem Knoten zusammen, um meine Hände zu beschäftigen. Die Küchenuhr tickte so laut, dass wir alle drei hinschauten. Der Stundenzeiger zählte unsere letzte Mahlzeit als Familie ab. Niemand hatte etwas gegessen. Es sprach auch niemand, bis Susan ihren Stuhl zurückschob, dass er über die Bodenfliesen scharrte (normalerweise verboten). Sie hüstelte und sagte dann leise: „Es ist toll, was auch immer … Ich wusste schon Bescheid.“ Sie hatte das Display ihres iPhones entsperrt, sodass es ihr angespanntes Gesicht beleuchtete. Dann hielt sie das Telefon von sich und setzte eine traurige Miene auf.

„Also … Mom und Dad hassen einander. Dad haut ab.“ Sie snapchattete tatsächlich unsere Trennung. Das waren die letzten öffentlichen Worte unserer Tochter zu dem Thema, dass die Ehe ihrer Eltern gescheitert war und dass ihr Vater mit seiner neuen, jüngeren Freundin zusammenzog.

Nun trete ich fest auf die Kupplung, schalte in den ersten Gang und betätige sanft das Gaspedal. Als David endlich auszog, stand Susan bitterlich weinend neben seinem Firmentransporter. Die Nachbarn brauchten eine Ewigkeit, um ihre braunen Tonnen herauszurollen, und beobachteten alles. Zweifellos hatte David unsere Privatangelegenheiten schon überall herumposaunt. Als er wegfuhr, nahm ich mein zitterndes kleines Mädchen in den Arm. Doch etwas hatte sich in ihr verändert, das spürte ich sofort. Sie wirkte steif, abweisend und ganz weit entfernt. Ich drückte sie so fest wie möglich an mich, machte tröstende Geräusche, sagte ihr, wie sehr ich sie liebte, und wiederholte ein ums andere Mal: „Alles wird gut, Schätzchen.“

„Ich spiele in meinem Zimmer mit meinem iPad“, lautete ihre einzige Antwort, als sie sich meiner Umarmung entwand. Das nächste Jahr verbrachte sie den Großteil der Zeit mit genau diesem iPad in besagtem Zimmer. Aus irgendeinem abstrusen Grund hatte ich das Gefühl, dass sie mir die Schuld gab.

Unsere Regelung ist, dass Susan während der Woche bei mir und an den Wochenenden bei David und Mar-nee wohnt. Die Ferien werden gerecht aufgeteilt. Das erste Weihnachtsfest war das schwerste. Das erste als zerbrochene Familie. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass David Susan jedes Jahr an Heiligabend haben konnte und dass sie den Weihnachtstag bei mir feiern würde. Allerdings ist das Problem, dass Susan mehr Zeit mit ihrem Dad und Mar-nee verbringen will. Ich bin nicht dumm und kenne den Grund. Sie sind sehr großzügig mit ihr und den Telefon- und iPad-Zeiten. Davids Ansicht nach sind soziale Medien in Ordnung und gehören heutzutage zum Erwachsenwerden eben dazu. Ein bisschen Spaß, chill mal, Courtney! Ich halte es jedoch überhaupt nicht für spaßig. Ganz und gar nicht. Ich kann einfach nicht darüber lachen. Vor der Trennung haben Susan und ich die ganze Zeit gelacht. Der Himmel weiß, mit wem sie jetzt in ihrer Snapchat-Welt lacht. Wir haben so viel gelacht, dass man es an meinen Falten sieht. Ich habe mir auf die Knie geklopft, den Kopf in den Nacken gelegt und zusammen mit ihr vor Lachen gebrüllt.

Ich lockere den Fuß und riskiere ein spöttisches Lächeln in den Rückspiegel. Winslet mit Krähenfüßen. Gut, auch wenn ich Botox ablehne, kann ich trotzdem hin und wieder über das Älterwerden jammern.

Susan und ich standen uns so nah. Fast war es albern. Jeden Abend kochten wir zusammen: Sie war meine Assistentin. Als sie noch klein war, haben wir Kochschule gespielt. Susan war die Küchenchefin, ich der Souschef. Ich brachte ihr das Kochen bei, und sie hatte, beschmiert mit Mehl und anderen klebrigen Zutaten, solche Freude daran. An den Wochenenden gingen wir in einer Schule in der Nähe zum Reiten und erkundeten mit den Pferden die Gegend. Da David samstags und sonntags meist zu Aufträgen gerufen wurde, kutschierte ich sie zu Festen. Manchmal fuhren wir nach Dondrum, bummelten durch die Läden, schlürften Smoothies und amüsierten uns großartig.

Als sie dreizehn wurde, änderte sich plötzlich alles. Vielleicht ein Zufall. Ich werde es wohl nie erfahren, doch es begann, kurz nachdem David darauf bestanden hatte, ihr zu Weihnachten ein iPhone zu schenken. Inzwischen unternehmen wir fast gar nichts mehr miteinander, geschweige denn, dass wir lachen würden. Tja, Mar-nee bringt sie die ganze Zeit zum Lachen, sagt sie wenigstens.

Ich starre in den Rückspiegel und versuche, mit dem angefeuchteten Zeigefinger etwas verlaufenen Eyeliner unter meinen eisblauen Augen wegzuwischen. Früher einmal war ich ein Mensch, der laut Susan in allem nur das Gute sah und so wundervoll war. Courtney Downey, deren Glas stets halb voll war. Courtney Downey, ihre Mum und immer für einen Scherz zu haben. „Mum, ich finde es so toll, dass wir beste Freundinnen sind!“ Dann umarmte sie mich fest.

„Mütter sollten nicht die besten Freundinnen ihrer Töchter sein“, waren Claires Worte, und ich widersprach ihr stets.

„Warum nicht?“

„Tja, weil du sie darauf hinweisen musst, wenn sie Mist baut, und so eine beste Freundin braucht niemand“, erwiderte sie offen.

„Das mache ich doch auch!“, entgegnete ich.

„Machst du nicht, Courtney … Du kritisierst Susan nie.“

„Was soll das heißen?“ Inzwischen war ich sauer und fühlte mich in die Ecke gedrängt.

„Gar nichts … Ich meine nur, dass sie keine Grenzen gesetzt bekommt, wenn du sie wie eine beste Freundin behandelst, oder?“

Als ich mich umdrehe und das ruhige sommerabendliche Meer betrachte, denke ich über dieses längst vergangene Gespräch nach. Ich drücke auf den elektrischen Fensteröffner und atme die nach Salz und Seetang riechende Luft ein. Natürlich bin ich inzwischen sicher, dass Claire recht hatte. Was mich derzeit am meisten belastet, ist, dass ich regelmäßig wütend auf Susan bin. Das liegt nicht nur an mir. So ein Mensch bin ich nicht. Wenn ich manchmal heftig mit ihr streite, begreife ich nicht, was aus mir geworden ist. Jemand, den ich nicht mag. Ich vergesse, was ich für ein Glück gehabt habe. Sie. Unsere Gesundheit. Meinen Beruf. Dass meine einzige andere Blutsverwandte, Alice, meine Großmutter mütterlicherseits, noch bei mir auf dieser großen, grünen Erde weilt.

Ich schalte in den vierten Gang und fahre auf der freien, offenen Straße weiter. Die Wahrheit tut mehr weh, als ich mir eingestehen will. Und sie lautet, dass Susan Mar-nee seit einem Jahr mir vorzieht. Ein beschämender Gedanke, eine beschämende Erkenntnis, es fühlt sich an wie ein Messerstich.

„Sie versteht mich eben, Mom, sie ist mehr auf meiner Wellenlänge“, hat Susan mich erst gestern Abend beinahe angeschrien, als ich sie bat, das Telefon wegzulegen, aufzuhören, auf Facebook mit Mar-nee zu chatten, und ins Bett zu gehen. Sie verbesserte mich, sie würden snapchatten, bevor sie das Telefon auf ihre vollgestopfte Kommode warf. Dann bat sie mich wieder einmal, mitten in der Woche eine Nacht in Mar-nees Luxuswohnung verbringen zu dürfen. Absichtlich ging ich nicht auf dieses Ansinnen ein. „Wo sind Sophie und Emily?“, fragte ich sie stattdessen. „Warum redest du auf diesem Ding ständig mit Mar-nee?“ Damit spielte ich auf die beiden Mädchen in unserer Straße an, die Susan noch immer anrufen, obwohl sie sie offenbar völlig fallen gelassen hat. Mir wurde klar, dass ich wie ein Dinosaurier klang, als ich Snapchat als „dieses Ding“ bezeichnete.

„Die sind so unreif, Mom. Mit denen hänge ich nicht mehr ab. Außerdem hat Sophie nicht einmal Snapchat, und Ems Mutter überwacht sie auf Schritt und Tritt.“ Susan erschauderte.

„Auch wenn sie unreif sein mögen, sind sie seit deinem sechsten Lebensjahr deine Freundinnen!“

„Menschen entwickeln sich weiter, Mom.“ Susan befreite ihren dunklen Pferdeschwanz von der Haarspange und fuhr mit einem rosafarbenen Entkrausungskamm hindurch.

„Menschen, nicht fünfzehnjährige Mädchen.“ Ich hatte fünf schmutzige Gläser von der Kommode genommen und stand in der Tür ihres Zimmers.

„Sophie geht noch mit ihrer Mom zum Reiten, und Emily will nur in der Siedlung herumlaufen und hofft, dabei John Murphy von Hausnummer sechs zu begegnen. John sieht mit seinem Skateboard aus wie ein echter Loser. Ich halte das nicht aus … wirklich nicht!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht.

„Ich finde, das ist nicht sehr nett von dir, Susan.“ Die schmutzigen Gläser in meiner Hand klapperten.

„Vielleicht schnallst du es einfach nicht, Mom.“ Sie griff nach einer Tube, die irgendeine teure Feuchtigkeitscreme aus dem Salon enthielt, und schraubte sie auf.

„Bist du nicht ein bisschen zu jung, um so viele Hautpflegeprodukte zu benutzen?“, rief ich aus.

„Man kann nie zu früh anfangen, auf seine Haut zu achten, Mom! Ich finde, du kümmerst dich selbst viel zu wenig darum. Mar-nee kapiert nicht, warum du nie eine Tönung aufträgst.“ Das hatte sie nicht böse gemeint, ich weiß. Offenbar war ihr meine Miene nicht entgangen. „Ich … ich … ich … für mich siehst du superhübsch aus, Mom. Du hast eine tolle Haut … für dein Alter … Weißt du, dass du mit Bag’N’Vanish deine Tränensäcke loswerden kannst? Das ist Mar-nees allerneuestes, schickstes Augenpflegegerät. Und vielleicht ein bisschen Botox in die Augenwinkel? Wir könnten eine Menge für dich tun!“ Sie sprang vom Bett, kam auf mich zu, hob die Zeigefinger an meine Augenwinkel und zog die Haut zurück. „Hier! Schau mal!“, verkündete sie mit äußerst selbstzufriedener Miene. „Sieh in den Spiegel, Mom!“ Sie war sehr stolz auf sich. Ich hingegen war gekränkt und nicht in der Lage, das Spiel mitzuspielen. Langsam schob ich ihre Hände weg.

„Danke, Susan, aber ich altere lieber in Würde“, erwiderte ich, bemüht, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen. Ich wusste, dass sie mich nicht hatte beleidigen wollen.

„Ist dir klar, dass du damit die Einzige bist?“ Sie entfernte sich auf nackten Füßen.

„Hoffentlich denkst du nicht mal im Traum daran, an deinem Gesicht herumpfuschen zu lassen, wenn du älter bist.“ Meine Stimme war eine Oktave zu hoch geworden.

„Ich würde es jetzt tun, wenn ich könnte. Kylie Jenner hat sich mit sechzehn die Lippen machen lassen. Kris, das ist ihre Mom, ist ja so cool. Außerdem ist sie total uralt und sieht spitze aus“, teilte Susan mir mit.

„Kylie Jenner sieht aus wie eine Witzfigur“, gab ich zurück, und das war mein Ernst. Das arme Kind. Was würde nur in zwanzig Jahren aus ihr werden?

„Ach, verschon mich!“ Sie schlug die mit gelben und weißen Gänseblümchen bedruckte Bettdecke zurück.

„Findest du sie wirklich hübsch?“, hakte ich verwundert nach.

„Ich halte Kylie Jenner für das allerschönste Mädchen der Welt, Mom. Das tun alle.“ Als sie unter die Decke schlüpfte und diese bis zum Kinn hochzog, hätte ich am liebsten losgeheult.

„Gute Nacht, Susan!“ Tief enttäuscht löschte ich das Licht. Diese Fixierung auf Äußerlichkeiten bereitet mir wirklich Sorge. Susan. Susan. Susan. Mein Herzenswunsch. Die einzige wahre Liebe meines Lebens. Mein achteinhalb Kilo schweres Bündel absoluter Freude. Meine Zweijährige mit schwingenden Zöpfchen und Schnuller. Mein anhängliches Kleinkind. Mein reizendes Mädchen bei der Erstkommunion. Meine zehnjährige Kochgefährtin. Mein einziges Kind. Inzwischen meine launische Fast-Sechzehnjährige. Bald wird es Zeit fürs College sein. Ohne Bestechung kann ich sie nicht mehr dazu bringen, mich irgendwohin zu begleiten. Aber Susan und Mar-nee gehen zusammen shoppen. Keine Ahnung, wie alt Mar-nee eigentlich ist. Wegen der gelifteten Haut und der verzweifelten Anwendung von Chemikalien ist das schwer festzustellen. Allerdings kleidet sie sich genau wie Susan: grüne Bomberjacken, Jeanshemden, dunkle Leggings und Stiefel von Timberland.

„Bitte, Mom … Bevor du runtergehst, bitte … Du hast meine Frage nicht beantwortet. Bitte lass mich eine Nacht in der Woche bei Mar-nee und Dad pennen“, flehte sie.

„Nein. Auf gar keinen Fall. So läuft das nicht, Susan. Du verbringst schon jedes Wochenende dort. Unter der Woche wohnst du bei mir. Ich will nicht mehr darüber diskutieren, Schatz.“ Leise schloss ich die Tür hinter mir. Ich hatte versucht, verständnisvoll zu sein und zu verbergen, wie gekränkt ich war. Wieder einmal.

 

Ich biege um die Ecke und steure auf unser Vorstadthaus zu: Clover Green Hill Nummer 16. Eigentlich hat David es nach dem Tod seiner Mutter geerbt, weshalb es bereits abbezahlt war, als ich ihn kennenlernte. Offen gestanden habe ich mich dort nie wirklich zu Hause gefühlt. Freundlicherweise lässt David Susan und mich weiter dort wohnen, damit ihr Leben weniger aus dem Takt gerät. Ich zahle ein wenig Miete an ihn, zugegebenermaßen eine sehr geringe Summe. Er muss die Hälfte von Mar-nees gewaltigem Luxuswohnungskomplex abbezahlen, weil ihr Mieter ausgezogen ist, um ihm Platz zu machen. Deshalb bekommen wir kaum Unterhalt. Er finanziert Susans Telefonrechnung und die Krankenversicherung, und das war’s dann auch schon. Ich komme klar. Ich habe einen ziemlich guten Job. Außerdem will ich von David nur, dass er für Susan ein toller Vater ist. Und das ist er zugegebenermaßen. Nicht, dass er es sehr mit Disziplin hätte, aber er liebt das Mädchen über alle Maßen. Unsere Vereinbarung, nur mündlich, lautet, dass Susan und ich bleiben können, bis sie achtzehn ist. Dann werden wir die Wohnsituation neu verhandeln. Claire macht das entsetzlich wütend. Ständig weist sie mich darauf hin, dass ich juristisch nichts in der Hand habe. Inzwischen traut sie David keinen Zentimeter mehr über den Weg.

„Was, wenn er und Mar-nee beschließen, ein Baby zu kriegen und nach Dun Laoghaire zu ziehen? Immerhin können wir nicht beurteilen, ob sie unter all dem Botoxgift erst fünfundzwanzig ist! Benutz deine grauen Zellen, Courtney!“

Doch was soll ich tun? Es ist ja nicht so, dass ich auf Schritt und Tritt über bezahlbare Angebote stolpern würde. Ich kann es mir weder jetzt noch irgendwann sonst leisten, ein Haus zu kaufen, und außerdem ist es Susans Zuhause. Mein Onkel Tom hat das Haus von Oma Alice in Inchicore vermietet, um die Kosten für ihr Pflegeheim aufzubringen. David würde uns sowieso nie vor die Tür setzen. Organisation war nie seine Stärke. Sparsamkeit übrigens auch nicht.

An mein eigenes Elternhaus erinnere ich mich nicht wirklich. Meine Eltern starben im Abstand von zehn Monaten, als ich sechs war, und ich habe nur noch einige vage Momente im Gedächtnis. Wie ich auf einer improvisierten Schaukel aus einem Autoreifen an einem dicken blauen Seil im Garten spiele, die mein Dad für mich aufgebaut hatte. Mum, wie sie Schokosoße auf ein viereckiges Stück Eiscreme löffelte. Ich weiß noch, dass ich ein paar Sekunden warten musste, bis die Soße hart wurde, und sie dann mit dem Löffel aufknackte.

Mein Dad kam bei einem Motorradunfall auf dem Weg zur Arbeit in einer Autowerkstatt in der Nähe ums Leben. Meine Mutter, die schon seit Jahren an MS litt, folgte ihm zehn Monate später. Alice Bedford, meine geliebte Großmutter mütterlicherseits, nahm mich auf und ermöglichte mir ein wunderschönes Leben. Alice’ einziger Sohn Tom war um einige Jahre älter, hatte geheiratet und war ausgezogen, bevor ich einzog. Alice und ich lebten glücklich in ihrem zweistöckigen Vierzimmerhäuschen in Inchicore. Sie war Köchin (Frauen wurden damals nicht als Küchenchefin bezeichnet) und arbeitete in Dublin in einem kleinen Café namens Rosie’s. Hier standen herzhafte, altmodische Gerichte für die Bauarbeiter und Busfahrer in der Gegend auf der Karte. Corned Beef mit Kohl. Schinken mit Salzkartoffeln und mächtiger brauner Soße. Heiße Sandwiches mit Fleisch auf dicken, in echter Butter getränkten Weißbrotscheiben. Warmes Essen. Sättigendes Essen. Doch zu Hause in unserem kleinen Paradies in Inchicore widmete sie sich der köstlichen modernen italienischen Küche, inspiriert vom Vermächtnis ihrer Mutter. Ihr Geheimrezept für Linguine mit Meeresfrüchten war ein absoluter Traum. Alice’ Meeresfrüchteüberraschung nannte sie sie. Niemals ließ sie sich von mir über die Schulter schauen, wenn sie das kochte. Stattdessen durfte ich kosten und raten. Ich liebte dieses Spiel. Nie riet ich völlig richtig. Bis heute experimentiere ich mit der Meeresfrüchteüberraschung, aber sie schmeckt nie so gut wie bei Alice. Irgendetwas fehlt immer, und nun werde ich nie mehr erfahren, was die besondere Zutat war.

Es gelang ihr irgendwie, diese Speisen zu zaubern. Woodcock’s, der Fischhändler im Ort, verkaufte ihr abends nach dem Aufräumen die Fische, die er nicht losgeworden war. Und dennoch gelangen ihr damit Meisterwerke. Teures Fleisch war ebenfalls unerschwinglich, doch Oma kochte die allerleckerste Pasta carbonara aus guanciale – Schweinebacken. Ich half ihr bei der Zubereitung hausgemachter Nudeln. Sie ließ mich Mehl und Eier vermengen, während sie neben mir stand und eine Prise Salz oder einen Esslöffel Olivenöl dazugab. Ihr malvenfarbener wattierter Hausmantel, wie sie ihn nannte, schützte dabei ihre gute Kleidung. Anschließend deckte ich den Teig mit Frischhaltefolie ab, und während er eine halbe Stunde ruhte, legten wir alte Platten auf und tanzten ein wenig. Wir besaßen zwar einen Fernseher, schalteten ihn jedoch nur selten ein.

Tom besuchte uns nie. Ich habe wirklich keine Ahnung, ob Alice deshalb traurig war. Sie erwähnte ihn nicht. Ach, wie wir es liebten, zu ihren Lieblingsstücken aus längst vergangenen Tagen zu tanzen. Bing Crosby und Doris Day. Das gute Sideboard wurde zur Seite geschoben, damit wir mehr Platz zum Herumwirbeln hatten. Es war arglos und wundervoll.

Ihr altes Nudelholz war so schwer, dass nur sie den Teig ausrollen konnte. Ich spähte Oma über die Schulter, beobachtete, wie sie den Teig von einer Hand in die andere springen ließ, und wunderte mich, weil er nie zerriss. Mit einem scharfen Messer schnitt sie ihn rasch in Streifen und schickte mich dann vor dem Essen zum Händewaschen. Ich weiß noch, wie ich nach dem Festmahl hungerte, das mich erwartete. Als Köchin war sie ihrer Zeit weit voraus.

Ach, wo war ich stehen geblieben? O ja, Mar-nee und Susan. Nun, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Mar-nee und Susan snapchatten jeden Tag. Es treibt mich in den Wahnsinn. Inzwischen haben Sie sicher erraten, dass ich Snapchat hasse. Klar, ich habe keine Ahnung, wie es funktioniert, aber deshalb hasse ich es umso mehr. Ich hasse diese Welt, die sich von iPads, iPhones und dem Internet abhängig macht und in der Susan inzwischen lebt. Ich verabscheue, wie sie mir die Tochter genommen hat. Ja, ich könnte die Geräte vermutlich konfiszieren und eine Nicht-unter-meinem-Dach-Regel aufstellen. Aber das passt einfach nicht zu mir. Susan ist nicht auf den Kopf gefallen, nein, sie ist sehr klug. Und deshalb erstaunt es mich am meisten. Ich will sie auf keinen Fall wie ein Dummerchen behandeln. So machen es mittlerweile alle, das habe ich schon mitgekriegt. Doch ich will ihr beibringen, selbst zu verstehen, was für eine absolute Zeitverschwendung es ist, Stunden damit zu verbringen. Ich bin zwar keine Diktatorin, jedoch Mutter, und deshalb bin ich in Sorge. Und da ich nun, was die eigentliche Erziehung anbelangt, alleinerziehend bin, ist mein Leben schwieriger geworden.

Als ich gerade in die Auffahrt einbiege, erhalte ich eine SMS von David, in der er schreibt, er habe sie soeben abgesetzt. Ich sehe ihn und Mar-nee in ihrem kleinen gelben Mazda-Sportwagen auf der anderen Straßenseite stehen und auf meine Ankunft warten, um sicherzugehen, dass Susan nicht allein zu Hause ist. Beim Anblick von Davids alberner Frisur heben sich meine Mundwinkel unwillkürlich zu einem spöttischen Lächeln. Als ich winke, gibt Mar-nee übertrieben viel Gas und braust davon. Ich bin erleichtert, dass David bei dieser eingeschränkten Sicht nicht selbst fährt. Claire hat absolut recht: David kann so unmöglich richtig sehen.

Leise vor mich hin kichernd steige ich aus, erleichtert, dass der gefürchtete Wocheneinkauf erledigt ist. Heute Abend koche ich uns vegetarische Tagliatelle carbonara mit Pfifferlingen, roten Zwiebeln und meiner hausgemachten Sahnesoße. Anschließend habe ich ein Date mit dem besten Lover von allen. Dem, der mich nie enttäuscht und mich mit Selbstbewusstsein erfüllt. Er kann nichts falsch machen. Sein Name ist Signor Pinot grigio. Pure Glückseligkeit. Ich öffne den Kofferraum und beginne, die Tüten herauszuholen.

Heute Abend muss ich mich unbedingt mit Susan zusammensetzen und mit ihr über die anstehende wichtige Entscheidung sprechen. Wieder eine Unterhaltung, die nicht in meinem Sinne verlaufen wird. Sie will mit dem neuen Angebot nichts zu tun haben. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Susan macht, das Telefon vor dem Gesicht, die rote Haustür auf und teilt all ihren Followern mit, dass sie mir die Tür aufmacht. Snap. Chat. Kein Hallo für Mummy. Ihre Timberland-Stiefel mit den offenen gelben Senkeln knirschen unsere kurze Kiesauffahrt entlang.

„Hallo, Schatz! Hast du vielleicht eine Minute Zeit, mir zur Hand zu gehen?“, frage ich mit einem breiten Lächeln und balanciere dabei eine abtrünnige Gurke unter dem Kinn.

„Mom will wieder mal was von mir. Bis später, Leute!“ Sie schürzt die zu dick mit Lipgloss bedeckten Lippen und hält zwei Finger an ihr iPhone. Ihre langen Nägel sind neongrün.

„Ich bin nicht auf dem Kriegspfad, Schatz. Ich brauche nur ein bisschen Hilfe.“ Ich atme tief durch und lächle tapfer weiter. Sie ist so stark geschminkt, dass ich mir auf die Zunge beißen muss. Im Moment könnte sie auch für achtzehn durchgehen.

„Okay. Erst mal habe ich nicht behauptet, dass du auf dem Kriegspfad bist, sondern nur, dass du wieder mal was von mir willst“, entgegnet sie und gönnt mir das, was ich eine Pflichtumarmung nenne.

„Wie war es bei Daddy und Mar-nee?“, frage ich, ohne auf ihre Abwehrhaltung zu achten. Lächeln. Lächeln. Lächeln. Ich bin eine moderne Frau. Ich lebe so, wie ich will. Ha! Ich möchte lernen, besser zu ihr durchzudringen. „Habt ihr am Wochenende viel unternommen? Du hast mich gestern Abend gar nicht angerufen.“

„Beide voll cool, so wie immer. Nein, wir haben nur gechillt, ein paar Gesichtsmasken aufgelegt und Videos auf YouTube geglotzt. Sorry, hab ich vergessen.“ Mit einem Brummeln löst sie sich aus meiner Umarmung und wickelt ihr dunkles Haar immer wieder um den kleinen Finger. Wir beobachten, wie die Locke hochspringt.

„Wunderbar. Hoffentlich hast du den beiden liebe Grüße von mir ausgerichtet. Bist du so gut und nimmst eine Einkaufstüte? Und, Schatz, ich muss heute Abend dringend mit dir über Mr Kilroys Angebot für einen Sommerjob reden. Ich glaube, das wird sicher sehr spannend für uns.“ Ein kleines Zuckerstückchen zum Schluss. In ihrem Gesicht passiert etwas, das ich im ersten Moment nicht erkenne: Ihre Miene erhellt sich. War das etwa wirklich ein Lächeln? Mein Herz setzt einen Schlag aus. Hat sie es sich anders überlegt? Oh, ein Wunder ist geschehen.

„Also, Mom, Mar-nee schenkt mir diese supertollen Henna-Tattoos zum Geburtstag. Die halten ungefähr ein Jahr!“ Als sie ihr Haar auf der anderen Seite loslässt, springt es ebenfalls hoch. Offenbar hat sie meinen letzten Satz überhaupt nicht mitgekriegt.

Oh, Mar-nee, wie kannst du nur so dumm sein? Ich beiße mir auf die Zunge. Es tut weh, allerdings nicht so weh wie die Tatsache, dass Mar-nee mir mit schwachsinnigen Geschenken die Tochter abspenstig machen will. Halb permanente Tattoos bei einer Fünfzehnjährigen?

Was Susan nicht weiß, ist, dass ich bereits Pläne für ihren sechzehnten Geburtstag habe. Nächsten Samstagabend veranstalte ich für sie eine Überraschungsparty im Sportverein. Ich habe schon vor Monaten reserviert und es geschafft, heimlich die meisten ihrer Freunde einzuladen. Martin war ein Schatz und hat mir in der Schule dabei geholfen. Er hat Susan aus dem Klassenzimmer geholt, da sie Dienst in der mobilen Bibliothek habe, während ihre Lehrerin Ms Butler die Einladungen an die wenigen Auserwählten verteilte. Außerdem habe ich eine Amateurband gebucht, die sie meiner Ansicht nach mag. Zu essen gibt es vegetarische Minihamburger und Süßkartoffelpommes. Claire bäckt einen riesigen Schoko-Biskuitkuchen in iPad-Form. Ich habe ihr Gutscheine für alle ihre Lieblingsläden gekauft: Superdry, Claire’s, H&M. David und Mar-nee habe ich nicht eingeladen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass sie sich nicht verplappern. Natürlich lade ich sie noch ein, allerdings erst kurz vor dem Termin. Da sie am Sonntag ohnehin ein Geburtstagsmittagessen für Susan geben, weiß ich, dass sie da sein werden. Hoffentlich wird es eine kleine, gemütliche Party.

Susan schnappt sich eine Einkaufstüte aus Plastik, und ich folge ihr ins Haus. Unser kleiner Flur führt in die Küche, wo ich den Kühlschrank öffne, um die Wocheneinkäufe zu verstauen. Susan ist inzwischen Vegetarierin, was für mich in Ordnung ist. Sie war eine begeisterte Fleischesserin, bis sie herausfand, dass Mar-nee sich vegetarisch ernährt. Früher haben wir die leckersten hausgemachten Rindfleischburger mit Frühlingszwiebeln und Koriander gemacht und sie, unabhängig von der Jahreszeit, auf unserem Gasgrill gegart. Wir haben Angus-Steaks in der Pfanne gebraten, sie mit Vollkornbrot und Gläsern voller eiskalter Milch gegessen, die Teller auf dem Schoß, und uns dabei The X Factor angeschaut. Nun beobachte ich, wie sie sich die ungeöffnete Tüte auf dem blau gefliesten Küchenboden zwischen die Füße klemmt und anfängt, sie zu knipsen.

„Mach schon, Susan, da ist Frozen Yoghurt drin.“ Ich schaffe Platz im Gefrierfach.

„Moment!“ Sie knipst immer wieder, scrollt rasch die Fotos durch und macht noch eines. Was ist denn nur so interessant an einer Plastiktüte für fünfundzwanzig Cent, die Frozen Yoghurt und Tiefkühlerbsen enthält?

„Instagram“, beantwortet sie meine unausgesprochene Frage.

Sie ist unglaublich hübsch. Hochgewachsen wie David, schlanker Körperbau, pechschwarzes, schulterlanges Haar mit einem stumpfen Pony. Ihre eisblauen Augen sind mit meinen identisch und betonen ihre rosenknospenfarbenen Lippen. Nach fünf Jahren Zahnspange sind ihre Zähne makellos gerade. Allerdings ist es heute Abend schwierig, unter der dicken Schminke ihre wunderschöne Haut auszumachen. Doch ich werde das nicht erwähnen. Sie wird erwachsen, das verstehe ich. Das Problem ist nur, dass sie ganz und gar nicht mehr das kleine Mädchen ist, das ich kannte, und das tut weh. Ich muss mich daran gewöhnen, sosehr ich die alte Susan auch vermisse.

„Komm, beeil dich“, sage ich und weise mit dem Kopf auf die Tüte. „Bitte, Schatz.“ Lächeln.

Im Kühlschrank rollt sich eine alte rote Chilischote zusammen und bettelt darum, zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Ich nehme sie heraus, schließe den Kühlschrank, trete auf das silberne Pedal des Mülleimers an der Wand und werfe sie hinein.

Als mein Telefon läutet, krame ich es aus der Tasche meiner Lederjacke. Eine SMS vom Pflegeheim, die mir mitteilt, Oma weigere sich weiterhin, zu Abend zu essen. Ihre tief liegenden Augen und der eingefallene Mund heute Morgen haben mir verraten, dass ihr das Leben allmählich entweicht. „Kämpf dagegen an“, will ich sie am liebsten anschreien. Aber sie ist einundneunzig Jahre alt. Wie jeden Morgen werde ich vor dem Büro bei ihr vorbeischauen und versuchen, ihr etwas Haferbrei einzuflößen. Da mein Onkel Tom, ihr Sohn, meistens abends bei ihr ist, bemühe ich mich, ihm nicht zu begegnen. Er ist ihr nächster Verwandter, aber er mochte mich nie. Ich ihn auch nicht. Während meiner Jugend sahen wir ihn nie. Er hat uns nie besucht. Sie nie angerufen. Sie nie zum Mittagessen, auf einen Drink oder in sein Haus in der Northside eingeladen. Weihnachtsfeste kamen und gingen, ohne dass je eine Karte eingetroffen wäre. Seltsam, dass er in ihren letzten Tagen nicht mehr von ihrer Seite weicht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen.

„Mar-nee hat diesen absolut coolen kirschroten Nagellack, der im Dunkeln leuchtet. Sie hat versprochen, mir die Fingernägel zu lackieren, die Zehennägel natürlich auch. Ich werde morgen so toll aussehen, wenn wir in Sport Yoga machen, weil wir alle chillen sollen und so … Darf ich heute also dort übernachten, Mom, bitte?“ Sie hat die Tüte noch immer nicht ausgepackt.

Als ich den Kopf schüttle, zieht sie tief seufzend die Mundwinkel nach unten. Ich ignoriere sie, woraufhin sie wieder seufzt, diesmal lauter.

„Tut mir leid, Susan, aber nein. Auf gar keinen Fall. Morgen hast du Schule“, erwidere ich ruhig. Nicht schon wieder dieser Streit. Mar-nee wird sie doch nicht etwa dazu ermutigen, mich darum zu bitten?

„Na und? Sie kann mich auf dem Weg zum Salon auf ihrem neuen Moped in die Schule fahren. Bitte, Mom, bitte.“ Sie steht auf ihren in Timberland gehüllten Zehenspitzen und krampft die Hände ineinander.

„Nein. Und ich habe deinem Dad gesagt, Susan, dass du nicht hinten auf Mar-nees Moped mitfahren darfst.“ Ich knirsche mit den Zähnen.

„Okay, dann gehe ich eben zu Fuß. Da kriege ich die frische Luft und die Bewegung im Freien, auf denen du ständig herumhackst.“ Inzwischen hüpft sie von einem Fuß auf den anderen. Offenbar ein Regentanz à la Mar-nee.

„Hör zu, Schatz … Ich habe sämtliche Zutaten für deine Lieblings-Carbonara eingekauft. Ich dachte, wir kochen zusammen, essen, unterhalten uns über unsere Pläne für den Sommer, schauen uns alte Folgen von Dance Moms an und kuscheln uns aufs Sofa, so wie früher.“ Ich sehe sie finster an, bevor ich selbst nach der Tüte greife und die inzwischen tropfenden Tiefkühllebensmittel heraushole.

„Ach, Dance Moms ist doch ein alter Hut, Mom. Ich werde mich heute Abend zu Tode langweilen!“ Sie schleudert mir die Worte entgegen. Dabei rollt das Weiße in ihren Augen wie bei einer Wahnsinnigen. Und da ist er, mein Protest. Die Antwort rutscht mir heraus, bevor ich sie zurücknehmen und mir etwas Besseres einfallen lassen kann. Etwas weniger Konfliktträchtiges.

„Also gut, dann kannst du ja das Schlachtfeld aufräumen, das du dein Zimmer nennst. Ich kriege nicht mal mehr die Schubladen auf, um saubere Sachen hineinzulegen, und alle unsere Tassen sind offenbar auf Dauer unter dein Bett umgezogen!“ Ich weiß, dass ich leicht die Stimme erhoben habe, und krümme die Zehen in meinen Adidas, um mich zu bremsen und zu beherrschen.

„Das ist mein Zimmer! Du solltest da nicht mal reingehen! Achte meine Privatsphäre!“, entgegnet sie scharf und lehnt sich an den Küchentisch.

„Ach ja? Und wie sollen deine sauberen Kleider und die Schuluniformen dann da reinkommen?“ Ich bemühe mich, leiser zu sprechen.

„Ich würde meine Kleider lieber selber waschen. Du wäschst sie sowieso nie richtig.“ Sie reibt mit einem Timberland-Stiefel über die blauen Küchenfliesen.

„Und was soll das heißen, Susan?“, erkundige ich mich ungeduldig.

„Dass du zum Beispiel Weichspülmittel benutzen solltest. Wie die Klamotten riechen, ist genauso wichtig, wie dass sie sauber sind. Wir haben 2017, Mom!“ Sie starrt mich an. Trägt sie falsche Wimpern?

„Ach, wirklich?“ Ich betrachte ihre Augen ein wenig gründlicher. Wenn ich dieses Jahr noch einmal höre, dass wir 2017 haben, fange ich an zu schreien.

„Ja, wirklich.“ Sie tritt vom Tisch weg.

„Okay, dann kaufe ich Weichspülmittel, und du kannst deine Sachen in Zukunft selbst waschen und bügeln. Immerhin bist du fast sechzehn.“ Ich wende mich wieder dem Kühlschrank zu.

„Danke! Das fände ich klasse. Ich frage dich ja nur schon seit Monaten, ob ich selber waschen, bügeln und kochen kann. Aber offenbar hältst du mich noch für ein Baby.“

Ich schiebe die alte, halb volle Milch beiseite, stelle den frischen Liter daneben und mache den Kühlschrank zu. Dann knülle ich die Plastiktüte in der Hand zusammen. „Ich koche sehr gern für dich, Susan.“ Mir ist klar, wie bedürftig ich klinge.

„Das weiß ich, Mom, aber ich ernähre mich eben anders als du“, erwidert sie spitz.

„Ich koche doch nur noch vegetarisch!“ Ich fasse es nicht.

„Ja, klar. Aber inzwischen esse ich lieber vegan …“

„Oh, bitte, mach dich nicht lächerlich!“ Ich schlage mit der Hand auf die Arbeitsfläche. So eine aggressive Geste lag nicht in meiner Absicht, und ich könnte mich ohrfeigen.

„Schau, du fängst schon wieder an. Alles muss so laufen, wie du willst …“

„Susan, du bist bereits zu dünn. Warum, um alles in der Welt, willst du das, was du essen kannst, noch weiter einschränken?“ Ich breite die Hände aus, sodass die Handflächen zur Decke zeigen.

„Weil ich Tiere liebe, Mom!“ Ihre Augen funkeln mich an.

„Ich auch, Susan, doch ich denke, dem trägst du schon Rechnung, indem du kein Fleisch isst. Ich begreife einfach nicht …“

„Mar-nee hat ein Video von PETA gesehen und mir davon erzählt. Wenn du das Video kennen würdest, würdest du auch keine tierischen Produkte mehr essen, Mom.“ Tränen treten ihr in die Augen.

„Mar-nee sollte mit dir nicht über die Dinge reden, die sie sieht, Schatz. Das überfordert ein Mädchen in deinem Alter. Mar-nee ist erwachsen. Du musst dich noch entwickeln und aufpassen, was du aus deinem Ernährungsplan streichst“, erkläre ich ihr betont vernünftig.

„Du kannst mich nicht vor den Grausamkeiten schützen, die Tieren aufgezwungen werden. Du kannst mich nicht dazu bringen, etwas zu essen, womit man schutzlosen Tieren Schmerzen zufügt!“, schreit sie.

„Tut einem Huhn das Eierlegen weh? Ich glaube nicht!“, brülle ich zurück. Ich bin am Ausflippen. Ich habe den Streit verloren, einzig und allein deshalb, weil Mar-nee wieder einmal hinter alldem steckt. Wieder einmal bin ich als Mutter einer pubertierenden Tochter gescheitert.

„Warum bist du immer so gemein zu mir?“

„Wie bin ich denn immer so gemein zu dir?“ Ich kann es nicht fassen, doch ich reiße mich zusammen. „Ich bin nicht gemein, Schatz. Ich möchte nur, dass du gesund bleibst, mehr nicht. Das hier ist dein Zuhause. Bei mir. Du bist mein Baby, und ich liebe dich“, sage ich ihr mit leiser Stimme und gehe mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.

„Du lässt mir keinen Platz, Mom!“, kreischt sie mich an, macht auf dem Absatz kehrt und stürmt aus der Küche. Ich stehe mit offenem Mund da. Die Küchenuhr tickt weiter. Die Zeit wartet auf niemanden. Auch nicht auf Frauen. Ich atme tief durch die Nase ein und halte die Luft an. Ihre Zimmertür knallt zu. Langsam atme ich aus. Dennoch rinnt mir eine Träne das Gesicht hinunter. Ich gehe zum Küchentisch, rücke mir einen Stuhl zurecht und setze mich. Wie sind wir in zehn Minuten von null auf hundert gekommen? Ich schlage die Hände vors Gesicht. Inzwischen bin ich erschöpft von diesen Streitereien und von ihrer Häufigkeit. Leise weine ich vor mich hin und habe schreckliches Selbstmitleid. Als ich mir das Gesicht abwische, wird mir klar, dass ich mittlerweile immer ein Papiertaschentuch in der Hosentasche habe, weil eine von uns so oft weint.

„Hormone! Ich wette, ihr kriegt gleichzeitig eure Periode“, beharrt Claire. Aber ich weiß, dass es nicht daran liegt.

Ich wuchte mich hoch, packe die restlichen Einkäufe aus und stelle mein Weinglas in die Gefriertruhe, damit es abkühlt. Der Kloß in meiner Kehle bleibt. Ich bin so gekränkt. Ja, ich weiß, dass das alles nach „ach, ich Arme“ klingt, doch ich habe Susan mein Leben gewidmet, und wenn wir uns nicht vertragen, fehlt mir die Kraft. Ich kann nicht verstehen, warum sie keine Zeit mit mir verbringen will. Ich bin ratlos. Claire meint stets, es handle sich nur um eine vorübergehende Phase. Allerdings wird es immer schlimmer. Was würde es bringen, nach ihr zu rufen, damit sie wieder runterkommt? Oder ihr zu sagen, dass ich sie bei mir haben will, weil ich sie so liebe? Oder wie sehr es mich verletzt, dass sie nicht bei mir sein will? Sehen Sie, es wäre nicht das erste Mal, sondern das tausendste im letzten Jahr. Ihr ist es egal. „Hallo, Leute“, höre ich von oben und weiß, dass sie sich wieder in der Welt ihrer Internetfreunde verloren hat.

Schweren Herzens beschließe ich, mit meiner Soße anzufangen. Nachdem ich alles, was ich dazu brauche, aus dem Kühlschrank genommen habe, schalte ich das Radio an. Eine Talkshow füllt die leere Luft. Eine Debatte über irgendeine Entwicklung in der amerikanischen Politik, auf die ich mich nicht konzentrieren kann. Als ich das Gas anstelle, erwachen blaue Flammen zum Leben. Ich streife ein Armband von meinem Handgelenk, binde mein blondes Haar zu einem losen Dutt auf dem Scheitel zusammen und wasche mir die Hände. Danach träufle ich ein wenig Olivenöl in die Pfanne und erhitze es, während ich die Eier ein wenig zu heftig aufschlage und verquirle. Als ich die Pilze reinige und würfle, spüre ich, wie mein Herzschlag sich verlangsamt, während ich sie ins brodelnde Öl gleiten lasse. Rasch reibe ich den Parmesan, gebe ihn zu den verquirlten Eiern, schütte Vollfettsahne dazu und rühre alles mit einer Gabel durch. Kochen hilft mir dabei, die Realität auszublenden. Es bleibt unausgesprochen, doch wie lange noch? Im meinem Herzen weiß ich, dass meine bald sechzehnjährige Susan ausziehen und bei David und Mar-nee wohnen will.

Inspiriert von Rosamunde Pilchers Lebensgeschichte

Rosa - Ein Sommer in CornwallRosa - Ein Sommer in Cornwall

Ein Rosamunde-Pilcher-Roman

Ein stimmungsvoller Generationenroman um eine ehrgeizige Journalistin und eine lebenskluge Bestsellerautorin vor der Kulisse Cornwalls„Keine Zeit für Vorwürfe. Lieber durchatmen und von den Gedanken ablenken, die ungefragt auf sie einstürmen. Weitermachen, bevor sie sich selbst in Frage stellen kann.“ Obwohl Leona sich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß nach Cornwall zu setzen, lässt ihr Job ihr keine andere Wahl: Sie soll Rosa Chiprel interviewen, eine 90 Jahre alte Bestsellerautorin, die mit ihren Werken Millionen von Lesern erreicht hat. In der idyllischen Umgebung taucht Leona immer tiefer in die Geschichte der alten Dame ein. Doch dabei wird sie auch mit ihrer eigenen schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert und trifft ihre große Liebe Fil wieder. Eine folgenschwere Entscheidung steht ihr bevor.
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Krimis an Nord- und Ostsee
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03. Mai 2021
15 Jahre Mamma Carlotta – ein Grund zum Feiern!
Erfahren Sie alles über die Sylter Krimi-Reihe um Mamma Carlotta und ihren neuen Fall „Lachmöwe”.