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Die schönsten Inselromane

Die schönsten Insel- und Küstenromane - romantisch und gefühlvoll

Mit diesen Büchern können Sie sich an die Nord- und Ostsee träumen oder an die Küsten Cornwalls. Gefühlvolle Liebesromane und und spannende Familiensagas warten auf Sie.

Begeben Sie sich auf intensive Reisen an die schönsten Küsten und lassen sich vom einmaligen Charme des Insellebens verzaubern! Losgelöst von der Hast und dem Lärm des Festlands und vom unendlichen Meer umgeben, führen die Insulaner ein eigenes Leben. Ein idealer Schauplatz also für die Entstehung kleiner Bäckereien, dramatische Familiensagen, Freundschaften in Zeiten des Umbruchs, die große Liebe und resolute Hobbyermittlerinnen. 

Rauschendes Meer, weicher Sand unter den Füßen und packende Geschichten im Herzen – wir wünschen Ihnen eine wundervolle Zeit mit unseren Büchern! 

Italienischer Flair auf Sylt

Schwarze SchafeSchwarze Schafe

Ein Sylt-Krimi

Von schwarzen Schafen und falschen Fuffzigern

Endlich wieder Sommer auf Sylt, das genießt neben den Touristen auch Mamma Carlotta. Für Tratsch und Klatsch sorgt Sänger Pierre Thom, der gerade mit seiner Partnerin – einem echten Superstar! – auf der Insel weilt. Doch all das ist vergessen, als Frau Kemmertöns Mamma Carlottas Hilfe sucht: Ihr Lottogewinn ist verschwunden! Sie hatte ihn in einer alten Lexikonreihe versteckt, die ihr Mann nun an das lokale Tierheim gespendet hat. Keine Frage, die beiden Frauen müssen das Geld unbemerkt zurückholen! Selbstverständlich haben sie nicht erwartet, dabei des Nachts über eine Leiche zu stolpern. Und erst recht nicht, dass diese am nächsten Morgen wie vom Erdboden verschluckt sein könnte … Treibt sich etwa ein schwarzes Schaf auf Sylt herum?

„Gisa Paulys Romane verbreiten auf jeder Seite Inselatmosphäre.“ WDR

Gisa Pauly lebt als freie Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin in Münster, ihre Ferien verbringt sie am liebsten auf Sylt oder in Italien. Ihre turbulenten Sylt-Krimis um die temperamentvolle Mamma Carlotta erobern ebenso regelmäßig die Spiegel-Bestsellerliste wie ihre Italien-Romane. Die Leser der Fernsehzeitschrift rtv wählten sie zur beliebtesten Autorin des Jahres 2018.

Band 16 der Reihe um Hobbyermittlerin Mamma Carlotta

1


Kriminalhauptkommissar Erik Wolf warf zornig den Hörer auf die Gabel zurück. „Schon wieder!“

Als hätte ihn seine eigene Gefühlsaufwallung erschreckt, blieb er nun sitzen wie ein gescholtener Schüler, der ermahnt worden war, sich ruhig und anständig zu benehmen. Sein Blick wanderte durch den Raum, und prompt merkte er, dass er wieder ruhiger wurde. Diese schäbigen Holzmöbel, die kahlen Wände, die Fenster, die dringend geputzt werden mussten, zu denen passte kein Temperamentsausbruch. Ein hässlicher Raum! Auch das Büro im Polizeirevier am Kirchenweg war nicht schön gewesen, allerhöchstens funktional, und auch das nicht in allen Bereichen. Immerhin hatte es ein paar Grünpflanzen gegeben und einen großen Wandkalender, auf den sein Blick gefallen war, wenn er aufsah. Jetzt hatte er nur eine schmucklose Wand vor sich. Angeblich lohnte es sich nicht, hier Hand anzulegen, die Unterbringung der Kriminalpolizei im Telekomgebäude war nur für eine Übergangszeit geplant. Aber man kannte das ja. Wenn ein altes Haus wie das Polizeirevier Westerland erst einmal einer Renovierungskolonne in die Hände gefallen war, konnte es lange dauern.

Er strich sich seinen Schnauzer glatt, sehr lange, immer und immer wieder, dann öffnete er seine Schreibtischschublade, tastete blind nach dem Inhalt, schob seine Pfeife zur Seite, obwohl er sie am liebsten angesteckt hätte, und seufzte erleichtert auf, als das Schokoladenpapier an seinen Fingerspitzen knisterte. Ein Stück Trauben-Nuss-Schokolade tat immer gut. Fast so gut wie das Anzünden der Pfeife, das Paffen der ersten Rauchwolken und ihr Gewicht im Mundwinkel, wenn sie zuverlässig glühte. Aber Rauchen im Büro kam natürlich nicht infrage. Mit geschlossenen Augen schob er sich ein Stück Schokolade in den Mund, legte den Rest zurück, während sie in seinem Mund schmolz, und genoss den Augenblick, in dem nur noch die Trauben und Nussstücke auf seiner Zunge lagen.

Die Tür öffnete sich, Oberkommissar Sören Kretschmer trat ein. „Gibt’s was Neues, Chef?“

„Immer nur dasselbe“, brummte Erik.

Sören stutzte. „Wollen Sie damit etwa sagen …?“

„Ja. Letzte Nacht schon wieder.“

„Das kann doch nicht wahr sein.“ Sören hockte sich auf die Ecke von Eriks Schreibtisch. „Können wir die Ermittlungen nicht ablehnen?“

„Ich habe gerade mit dem Kurdirektor telefoniert. Der will unter keinen Umständen, dass etwas davon an die Öffentlichkeit dringt. Das Image unserer Insel würde schwer leiden. Er braucht also Spezialisten.“

Sörens rundes Gesicht, das immer einem reifen Apfel ähnelte, verzog sich ärgerlich. „Das kann nicht mehr lange dauern. Die Bauern suchen bereits nach Schafhirten. Die Tierheime organisieren private Wachen … der Kerl hat keine Chance.“

Erik entschloss sich zu einem zweiten Stück Schokolade. Er bot Sören eins an, der aber lehnte wie immer ab. „Nur gut, dass die Presse zurzeit mit dem Superstar aus Amerika beschäftigt ist. Nicht auszudenken, wenn das Inselblatt gerade jetzt mitten in einem Sommerloch steckte …“

Erik erhob sich schwerfällig. Nur ganz kurz schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er immer unbeweglicher wurde, obwohl er doch noch nicht einmal fünfzig war. Aber er schob diesen unangenehmen Gedanken schnell beiseite. Irgendwann würde er mit Sport beginnen. Irgendwann ganz bestimmt …

Er glättete seinen Pullunder, kontrollierte, ob in den tiefen Taschen seiner weiten Cordhose alles steckte, was er brauchte, dann sagte er zu Sören: „Kommen Sie, wir fahren zum Mittagessen.“

Sören zögerte. „Ihre Schwiegermutter ist gerade erst auf Sylt angekommen.“

„Gestern schon.“

„Da kann man ihr schon einen Gast zumuten?“

Erik schob Sören zur Tür. „Sie wissen doch, wie sie ist. Wenn ich ihr erzähle, dass Sie bei Gosch ein Fischbrötchen essen statt bei ihr Antipasti, Primo, Secondo und Dolce, wäre sie tödlich beleidigt.“


2


Am Morgen hatte sie nur kurz den Kühlschrank und die Regale in der Vorratskammer inspiziert. Es war wie immer gewesen. Außer ein paar Konservendosen mit den Aufdrucken „Nasi Goreng“, „Pichelsteiner Eintopf“ und „Königsberger Klopse“ war nicht viel zu finden gewesen. Es wurde Zeit, dass sie hier mal wieder Hand anlegte. In zwei, drei Monaten verlotterte der Haushalt ihres Schwiegersohns vollkommen. Da musste sie erst einmal für Ordnung sorgen, für Vorräte, die nicht in einer Fabrik, sondern in der eigenen Küche hergestellt worden waren, und für den gewissen Überfluss, der zu einem gut geführten Haushalt gehörte. Also für Lebensmittel, die niemand brauchte, die aber gern gegessen wurden: italienisches Gebäck, einige Hartwürste und natürlich jede Menge Oliven. Die Antipasti, die sie für gewöhnlich am Tag ihres Eintreffens auf Sylt einlegte, würden noch warten müssen. Nun hatte sie erst einmal fürs Mittagessen eingekauft, am Nachmittag würde sie dann das frische Gemüse, das gute Olivenöl und eine große Flasche Balsamico besorgen. Am nächsten Tag schon würde es im Hause Wolf duften, dass jedem Gast das Wasser im Mund zusammenlief. Nach der Siesta würde sie noch einmal losgehen, und dann mit viel Zeit. Sie würde alle Lebensmittel genau in Augenschein nehmen und ausgiebig betasten, um die frischeste Ware zu bekommen, sie würde die Kassiererinnen begrüßen und sich erkundigen, ob die eine immer noch die schrecklichen Gummistrümpfe tragen musste und eine andere endlich den Mut aufgebracht hatte, zum Zahnarzt zu gehen. Und natürlich würde sie auch den Filialleiter begrüßen, um ihn daran zu erinnern, dass er für die nächsten zwei Wochen die kritischste Kundin im Laden haben würde, die ihm je begegnet war. So jedenfalls hatte er einmal gesagt, und Mamma Carlotta hatte es als Kompliment verstanden, obwohl sie nicht sicher war, dass der Filialleiter es so gemeint hatte.

Natürlich war sie auch noch nicht dazu gekommen, die Nachbarin zu begrüßen. Ihr Flugzeug war ja erst am späten Nachmittag in Hamburg gelandet. So freute sie sich nun, dass Frau Kemmertöns ihr entgegenkam und ihr damit die Aufgabe abnahm, am Nachbarhaus zu klingeln oder darauf zu warten, dass man sich am Gartenzaun traf. Mamma Carlotta ließ die Einkaufstaschen fallen, damit sie beide Hände zur Begrüßung frei hatte. In Panidomino, ihrem Dorf, würde sie nach ihrer Rückkehr jede einzelne Nachbarin in ihre Arme ziehen, aber sie hatte mittlerweile gelernt, dass Gefühlsausbrüche dieser Art auf Sylt nicht gern gesehen und völlig unüblich waren. Jedenfalls unter denen, die auf der Insel geboren waren oder schon lange hier lebten. Also würde die rechte Hand völlig ausreichen.

„Moin.“ Dass Frau Kemmertöns sich freute, die Schwiegermutter ihres Nachbarn zu sehen, konnte nur der erkennen, der mit ihrem Temperament vertraut war. In Italien wäre diese Art von Begrüßung einer Beleidigung gleichgekommen.

„Buon giorno!“ Natürlich ließ Mamma Carlotta es sich nicht nehmen, Frau Kemmertöns so zu begrüßen, wie sie es gewohnt war: laut und herzlich, mit vielen überflüssigen Worten und Episoden, mit denen sie ins Haus fiel, um das Schweigen, das sie ernten würde, zu übertönen. Als sie ausgiebig das schlechte Wetter in Panidomino geschildert und erwähnt hatte, dass der Pfarrer ihres Dorfs an Gallensteinen litt, merkte sie allerdings, dass Frau Kemmertöns diesmal ihren Wortschwall nicht wie sonst über sich ergehen ließ wie einen Regenguss, dem man nicht ausweichen konnte. Nein, sie versuchte, Mamma Carlotta zu unterbrechen, weil sie augenscheinlich etwas auf dem Herzen hatte, was rauswollte. Das war ungewöhnlich. In Frau Kemmertöns’ Leben geschah wenig, ihre Tage liefen eintönig dahin. Die wenigen aufregenden Erlebnisse hatte sie allesamt Carlotta Capella zu verdanken, von der sie gelegentlich zu Abenteuern verführt wurde, die sie immer erst abzuwehren versuchte, wenn es zu spät war. Diesmal schien sie jedoch etwas zu drängen.

„Ich bin froh, dass Sie auf Sylt sind“, brachte sie schließlich heraus. „Ich brauche dringend Ihre Hilfe.“

Mamma Carlotta begriff sofort, dass es nicht um ein Pastarezept oder einen biologischen Unkrautvernichter ging. Sie riss ihre Einkaufstaschen in die Höhe und winkte die Nachbarin mit einem Kopfnicken zur Tür der Wolfs. „Ich muss das Mittagessen vorbereiten. Währenddessen können Sie mir erzählen, was los ist.“

Wie immer war Frau Kemmertöns von Mamma Carlottas Tempo völlig überfordert. Sie stand noch mit ausgestreckten Armen da, um ihr eine Einkaufstasche abzunehmen, als Carlotta schon auf dem Weg zur Haustür war – mit beiden Taschen. Und die Tür war längst aufgeschlossen und aufgestoßen worden, als Frau Kemmertöns sich endlich in Bewegung gesetzt hatte. Obwohl die beiden Frauen im gleichen Alter, von gleicher Statur und sich auf den ersten Blick sogar ähnlich waren, unterschieden sie sich auf den zweiten doch gründlich voneinander. Beide mussten ein Gewicht in Bewegung bringen, das in Kleidergröße 44 passte, für Frau Kemmertöns mit Stöhnen und Prusten verbunden, für Mamma Carlotta kein Problem. Sie ließ die Haustür hinter sich offen stehen und hatte schon in der Küche die Espressomaschine in Gang gesetzt, als sie endlich Frau Kemmertöns’ Schritte hörte. Diese drückte die Haustür umständlich ins Schloss, was Mamma Carlotta in der Regel mit einem kräftigen Stoß erledigte, der die Tür ins Schloss donnern ließ, dass die Fensterscheiben erzitterten.

Frau Kemmertöns setzte sich an den Tisch, betrachtete die Espressotasse, als könnte sie sich nicht erklären, wie diese so schnell dorthin gekommen war, und sah Mamma Carlotta beim Auspacken der Einkäufe zu. So wie Kükeltje, die kleine schwarze Katze der Familie Wolf, die mal wieder hoffte, dass in der großen Einkaufstasche von Mamma Carlotta auch etwas für sie sein könnte. Aufgeregt strich sie um Carlottas Beine herum, wurde aber zu ihrem großen Missfallen überhaupt nicht beachtet.

„Nun reden Sie schon! Wie kann ich Ihnen helfen?“

Frau Kemmertöns begann zu Mamma Carlottas Verdruss erst einmal mit einer längeren Vorrede, ließ sich über das Phlegma ihres Mannes aus, beklagte dessen Unaufmerksamkeit und die Tatsache, dass er mal wieder ihren Geburtstag vergessen hatte.

„Aber dabei brauchen Sie nicht meine Hilfe“, drängte Carlotta. „Ihr Jupp war doch schon immer so.“

Darüber musste Frau Kemmertöns erst einmal nachdenken, dann nickte sie. „Ja, eigentlich schon …“

Carlotta war froh, dass sie ihre Ungeduld an der Fleischwurst auslassen konnte, sonst wäre Frau Kemmertöns Gefahr gelaufen, bei den Schultern gepackt und geschüttelt zu werden, damit sie endlich mit ihrer Neuigkeit herausrückte.

Aber die Zwiebeln schmorten schon in der Pfanne, als es endlich so weit war: „Ich habe im Lotto gewonnen.“

„Come?“ Mamma Carlotta rutschte der Streuer mit dem Majoran aus der Hand. „Das ist ja … grande. Congratulazioni!“

Warum Frau Kemmertöns alles andere als einen glücklichen Eindruck machte, konnte sie nicht verstehen. Sie selbst hätte in einem solchen Fall Freudenschreie ausgestoßen, die bis zum anderen Ende des Dorfs zu hören gewesen wären, und dafür gesorgt, dass sämtliche Nachbarinnen herbeigelaufen wären, um zu erfahren, was bei den Capellas los war. Und dann hätte sie einen Teil des gewonnenen Geldes in Spumante umgesetzt und so lange gefeiert, bis ihre Kinder sie ermahnt hätten. Die wären bald von der Sorge befallen worden, dass das ganze Geld durch zügellose Feierei durchgebracht worden war, ehe man sich überlegen konnte, wie es investiert werden sollte.

„Wie viel?“

Frau Kemmertöns flüsterte: „Hunderttausend.“

Mamma Carlotta merkte erst, dass die Zwiebeln angebrannt waren, als sie sich ausgiebig über diesen riesigen Geldbetrag erregt und sich vorgestellt hatte, welche Wünsche man sich mit so viel Geld erfüllen konnte. „Dio mio!“ Sie riss die Pfanne vom Herd, leerte sie über dem Abfalleimer und machte sich daran, die nächste Zwiebel zu pellen und in Stücke zu schneiden. „Werden Sie verreisen? Oder sich endlich den rosa Blazer kaufen, den Sie schon so lange haben wollen?“

„Größe 42“, antwortete Frau Kemmertöns dumpf. „Für den hätte ich abnehmen müssen.“

Mamma Carlotta riskierte es erneut, die Zwiebeln dem heißen Fett zu überlassen, und setzte sich zu der Nachbarin. „Was dann?“

Frau Kemmertöns fiel ein, dass sie einen Espresso vor sich stehen hatte, und führte die Tasse langsam und sehr bedächtig zum Mund, trank einen winzigen Schluck, rieb Ober- und Unterlippe aneinander, stellte die Tasse zurück und sagte dann: „Das Geld ist weg.“

„Come?“ Mamma Carlotta hielt es nicht auf ihrem Stuhl. Zum Glück, denn am Herd gab es eindeutig Handlungsbedarf. Aufgeregt verteilte sie die Zwiebeln in der Pfanne und drehte die Hitze zurück. „Wie konnte das passieren?“

Die Wurst hatte sich bereits unter die Zwiebeln gemischt und ihre Farbe verändert, die Bohnen hatten sich dazugesellt, das Ganze war mit Salz, Pfeffer und Majoran gewürzt und mit Rotweinessig überträufelt worden – da wusste Mamma Carlotta endlich, was geschehen war.

Vor vier Wochen war es gewesen. Frau Kemmertöns hatte zwischen der Mitteilung, dass sie gewonnen hatte, und der Heimkehr ihres Mannes, der einmal in der Woche in Käptens Kajüte mit seinen ehemaligen Kollegen Schafkopf spielte, genug Zeit gehabt, sich zu überlegen, was aus den Hunderttausend Euro werden würde, wenn ihr Jupp davon erfuhr. Er würde ein neues Gartenhaus haben wollen, an dem ihr nichts lag, ein neues Auto anschaffen wollen, an dem Frau Kemmertöns ebenfalls nichts lag, oder es einfach auf die hohe Kante legen wollen. Sie dagegen träumte von einer Kreuzfahrt, an der ihrem Mann nichts lag, und vermutete, dass er allen Leuten erzählen würde, dass sie gewonnen hätten, wo es doch Frau Kemmertöns gewesen war, die seit Jahren den Lottoschein ausfüllte. Und das, obwohl ihr Mann es bisher für rausgeworfenes Geld gehalten hatte.

Mamma Carlotta musste länger darüber nachdenken, ob dieses Verhalten für eine Ehefrau, die nach der Heirat alles mit ihrem Mann teilen sollte, richtig war, rang sich dann aber dazu durch, für die Nachbarin Verständnis zu haben. Sie kannte ja Herrn Kemmertöns. „Was haben Sie mit dem Geld gemacht?“

„Ich habe es in einem Lexikon versteckt. Nach unserer Hochzeit haben wir uns die Lexikonreihe zugelegt. Sie macht sich so gut im Bücherschrank, wirkt ein bisschen vornehm, und man muss ja immer mal was nachschlagen …“ Frau Kemmertöns stockte und dachte offenbar darüber nach, wann sie zum letzten Mal etwas nachgeschlagen hatte. Es fiel ihr nicht ein.

„Das macht man doch heute im Internet“, sagte Mamma Carlotta und war stolz auf ihre moderne Auffassung.

„Eben!“ Nun fiel Frau Kemmertöns wieder ein, warum sie so lange nichts nachgeschlagen hatte. Dass sie kein Smartphone besaß, verdrängte sie, und dass sie den Laptop, der seit ein paar Jahren das Wohnzimmer zierte, nicht einmal anstellen konnte, ebenfalls. „Also dachte ich, da ist das Geld gut aufgehoben. Da geht ja nie einer ran. Ich staube die Bücher regelmäßig ab, das war’s.“

„Ist etwa doch einer rangegangen?“

Frau Kemmertöns schüttelte den Kopf. „Das Geld steckt im dritten Band. D – E. Von Daktylus bis Ethnografie habe ich die Seiten herausgeschnitten. Da passten die Hunderttausend Euro rein. Da waren sie gut aufgehoben.“ Mit zitternder Stimme ergänzte sie: „Eigentlich.“ Dann kamen ihr die Tränen.

Mamma Carlotta ist eine typische italienische Nonna. Die Familie ist ihr Ein und Alles, ihre Kinder stehen für sie immer im Mittelpunkt. Mamma Carlotta hatte keineswegs ein leichtes Leben. Schon mit sechzehn wurde sie schwanger und bekam in kurzer Folge sieben Kinder. Ihre Schwiegereltern wurden pflegebedürftig und später auch ihr Mann schon in jungen Jahren. Ihr Leben hat immer aus viel Arbeit, Schicksalsschlägen und Entbehrungen bestanden. Trotzdem hat sie es genossen und wollte nie ein anderes. Immer war sie mit dem zufrieden und glücklich, was sie hatte. Eine, wie ich finde, bemerkenswerte Eigenschaft. 


Gisa Pauly

Romantik mit Meerblick

Blick ins Buch
Ein neuer Sommer in der kleinen BäckereiEin neuer Sommer in der kleinen Bäckerei

Roman

Die perfekte Lektüre für den Sommer: Jenny Colgans neuer gefühlvoller Frauenroman zum Mitfühlen, Schwelgen und Genießen!
„Ein neuer Sommer in der kleinen Bäckerei“, der 4. Band der Reihe um „Die kleine Bäckerei am Strandweg“, führt alle Fans von  SPIEGEL-Bestsellerautorin Jenny Colgan zurück auf jene idyllische Insel vor der Küste Cornwalls.

Kleine Häuschen in Hellblau oder Zitronengelb, unberührte Natur überall – als Marisa Rossi auf der zauberhaften Insel ankommt, nimmt sie das alles kaum wahr. Seit dem Tod ihres geliebten Großvaters steht sie neben sich. Selbst das Kochen köstlicher italienischer Gerichte, sonst ihre Leidenschaft, ist ihr jetzt zu viel. Hier, am Ende der Welt, will sie sich neu erfinden.

Doch das erweist sich als schwierig, denn ihr Nachbar ist ein attraktiver russischer Klavierlehrer, der lautstark bis in die Nacht komponiert. Nur zaghaft knüpft Marisa neue Freundschaften. So zu Polly, deren kleine Bäckerei am Strandweg dringend neue Ideen bräuchte. Mehr Pep ist gefragt, mehr Leichtigkeit, mehr ... dolce vita?

„Niemand versteht sich so gut auf gemütliche Eskapismus-Romance wie Jenny Colgan“ Sunday Express

Jenny Colgans warmherzige und gleichzeitig erfrischenden Romane um „Die kleine Bäckerei am Strandweg“ und „Die kleine Sommerküche am Meer“ sind wie Urlaub: voller Sonne, Freundschaft, Liebe und gutem Essen. Marisa, die Heldin in Colgans neuem Frauenroman, sucht nach einem Neuanfang und die kleine Bäckerei nach einem neuen Erfolgsrezept. So entsteht ein sommerlich leichter Roman mit Herz!

„Wohlfühlfaktor: Sehr hoch, wie immer bei Jenny Colgan, der Meisterin der Romane, in die man immer gleich einziehen will, weil ihre Welten sich so kuschelig anfühlen beim Lesen.“ Berner Zeitung

Teil 1

Kapitel 1


Vor einer Weile war die Sonne rausgekommen, und die ganze Familie war zum Spielen nach draußen gegangen.

Wenn man sie sich so ansah, fiel einem auf den ersten Blick gar nichts Seltsames auf.

Die meisten Leute lächelten, wenn sie bemerkten, dass es sich bei den Kindern um Zwillinge handelte, von denen jeder eindeutig einem Elternteil ähnelte – der Junge mit dem rebellischen blonden Haar und der offenen, strahlenden Miene war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das kleine Mädchen wirkte zurückhaltender und hatte die helle, mit Sommersprossen übersäte Haut und das rotblonde Haar der Mutter.

Bei genauerem Hinsehen würde man allerdings etwas um sie herumflattern sehen und annehmen, dass man sich wohl verguckt haben musste. Denn was, um alles in der Welt, sollte ein Papageientaucher hier zu suchen haben?

***

 

Während der ersten ein oder zwei Jahre ihres Lebens hatte ein Schutzgitter an der Treppe den Lebensraum von Avery und Daisy quasi auf die helle Küche im ebenerdigen Anbau beschränkt.

Denn Polly Miller, geborene Waterford, hatte furchtbare Angst davor gehabt, dass sie die Wendeltreppe des Leuchtturms hinunterfallen könnten.

In einem Leuchtturm zu leben war mit Kindern eine noch blödere Idee als vorher, so toll sie es auch finden mochten.

Pollys Hoffnung, die Sicherheit ihrer Sprösslinge möglichst lange durch das Gitter gewährleisten zu können, war dahin, als sie die etwa achtzehn Monate alten Zwillinge mal eine Sekunde lang aus den Augen ließ.

Als Polly sich wieder zu ihnen umdrehte, betätigte Avery gerade die Verschlussvorrichtung, während Daisy das Törchen öffnete.

Neil (der Papageientaucher) stand auf dem Gitter, beinahe so, als wäre das Ganze seine Idee gewesen. Immerhin flatterte er schuldbewusst durchs Treppenhaus davon, als Polly ihre Kinder wieder einfing.

Die Zeit des Treppengitters war damit jedoch definitiv vorbei.

Polly setzte sich auf das abgewetzte alte Sofa und hob sich beide Kinder auf den Schoß – den blonden Avery, der Huckle so ähnelte, und Daisy, die aussah wie Polly selbst. „Nein“, erklärte sie geduldig zum millionsten Mal. „Nein, wir gehen nicht nach oben.“

„Oben!“, wiederholte Avery.

Daisy nickte. „Oben … NEIN?“

In dem Moment kam Huckle zum Mittagessen und grinste, als die Zwillinge vom Schoß ihrer Mutter rutschten und über den steinernen Fußboden auf ihn zusausten. „DADDY!“

„Bringst du ihnen mal wieder bei, dass oben der spannendste Ort der Welt ist?“

„Sie haben das Treppengitter geöffnet. In Teamarbeit.“

Huckle hob die beiden kleinen Menschen hoch und hielt einen von ihnen in jedem Arm.

„Ihr seid wirklich genial“, sagte er und drückte seine kichernden Kinder an sich.

„Genial ist daran überhaupt nichts“, wandte Polly ein. „Wenn sie jetzt dauernd nach oben krabbeln wollen, wird irgendwann jemand die Treppe hinunterfallen und dabei draufgehen.“

„Ich dachte, deshalb hätten wir zwei“, sagte Huckle und ging zum Herd hinüber.

***

 

In den folgenden vier Jahren purzelten sie tatsächlich etliche Male die Treppe hinunter, ohne sich dabei je nennenswerte Verletzungen zuzuziehen. Auch die Zusammensetzung der Gang – Junge, Mädchen, Papageientaucher – blieb gleich, und die drei brachten sich gemeinsam in immer neue, immer unerhörtere Schwierigkeiten.

„Eigentlich hatte ich am Anfang gedacht, dass Neil auf die Babys eifersüchtig sein würde“, sagte Polly jetzt, als Huckle und sie in der angenehm warmen Frühlingssonne saßen und dabei zusahen, wie ihre Kinder mit Neil Twistball spielten. Der Vogel flatterte dabei um die Stange herum und jedes Mal nach oben, wenn sich ihm der Ball näherte.

Die Rasenfläche erstreckte sich bis zu den Klippen, und normalerweise war es hier viel zu windig, um draußen zu sitzen. Aber es gab eine windgeschützte Stelle direkt hinter einem niedrigen Mäuerchen. Da konnte man sich ausstrecken, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und einfach einen wunderbar wohligen Moment genießen.

Allerdings hatte Polly von dort aus die Zwillinge nicht mehr im Blick, wenn sie sich hinlegte, daher richtete sie sich alle paar Minuten wie ein Erdmännchen auf und trotzte dem kalten Wind.

„Neil war doch furchtbar eifersüchtig auf die Babys!“, sagte Huckle und konnte nicht fassen, dass sie das vergessen hatte. „Allerdings hast du am Anfang ja im Milchkoma vor dich hin gedämmert. Damals hätte eine Atombombe explodieren können, und du hättest es nicht mitbekommen. Außer natürlich, wenn dadurch auch nur ein Staubkorn auf den Kindern gelandet wäre. Was glaubst du denn, woher die ganzen Macken an den Babybettchen stammen?“

„Ich dachte, das wäre Dekoration!“

„Das sind Schnabelspuren.“

„O Gott! Böser Vogel!“

„Ja, er ist ein ganz böser Vogel“, bestätigte Huckle gleichmütig. „Komisch, da könnte man fast denken, es wäre keine gute Idee, sich einen wilden Seevogel als Haustier zuzulegen.“

„Das sollte man ja auch nicht“, nickte Polly. „Aber er hat sich eben mich zugelegt.“

Vor Jahren war innerhalb kürzester Zeit nicht nur Pollys Firma, sondern auch die Beziehung zu ihrem damaligen Verlobten den Bach runtergegangen, weshalb sie allein und nervös nach Mount Polbearne gezogen war. Eines Nachts war ein Papageientaucherjunges in das Lokal gekracht, in dem sie inzwischen ihre Bäckerei hatte.

Sie hatte das Tier gepflegt, bis sein gebrochener Flügel geheilt war, und es dann freizulassen versucht.

Davon hatte der Vogel aber nichts wissen wollen. Neil hatte beschlossen, dass es viel besser war, bei einer Bäckerin zu leben, als jeden Tag ins kalte Seewasser tauchen zu müssen. Und das konnte Huckle durchaus verstehen.

Jetzt schauten Polly und er dabei zu, wie Neil um ihre Kinder herumsauste.

„Ich meine, er könnte vielleicht …“

„Nein, Neil kann nicht babysitten!“, versetzte Polly streng.

„Schon klar, schon klar“, sagte Huckle. „Ich hab nur überlegt, wie schön es doch wäre, sich mal bei Andy draußen hinzusetzen.“

Andy gehörte nicht nur der Pub des Ortes, sondern auch die Imbissbude, bei der es köstliche Pommes gab.

„Oder vielleicht sogar in das schicke Restaurant zu gehen und dort ein Glas Wein zu trinken. Ohne dass die ganze Zeit kleine Monster auf uns herumturnen.“

„Wir könnten doch Kerensa anrufen“, schlug Polly vor.

Das war die Frau von Reuben, ihrem reichen Freund, der auf dem Festland wohnte.

„Im Moment bin ich nicht in der Stimmung dazu, mich mit Reuben herumzuschlagen“, sagte Huckle. „Ganz zu schweigen von … Lowin.“

Obwohl die Zwillinge meilenweit weg gewesen waren, hüpften sie bei der Erwähnung dieses Namens sofort herbei.

„GEHEN WIR RÜBER ZU LOWIN?“

Lowin, der Sohn von Reuben und Kerensa, war inzwischen acht und der große Held der Zwillinge. Was auch kein Wunder war, schließlich lebte er in einer riesigen Villa, die aussah wie die von Tony Stark, und besaß jedes Computerspiel und jedes einzelne Playmobil-Set auf Erden.

Lowin seinerseits duldete die Zwillinge mehr oder weniger, solange sie beim Spielen genau seinen Befehlen Folge leisteten und ihm wie das Dienstpersonal jeden verrückten Wunsch von den Lippen ablasen.

Daisy und Avery stellten sich mit Begeisterung als willige Sklaven zur Verfügung und ließen sich nur zu gern auf jede von Lowins neuen Phasen ein.

Und das war auch kein Problem, solange sein Interesse zum Beispiel den Avengers oder Rennautos galt.

Seit Neuestem war Lowin allerdings ganz verrückt nach Schlangen. Und trotz Kerensas Beteuerungen war Polly sich nie hundertprozentig sicher, ob Reuben seinem Sohn nicht doch eine riesige Königsboa kaufen würde. Es fehlte gerade noch, dass er sie wie einen Schal um den Hals überallhin mitnehmen und die Schlange am Ende gar noch Neil verspeisen würde.

„Heute nicht“, antwortete Polly auf die Frage ihrer Kinder.

Enttäuschung machte sich auf den Gesichtern der Zwillinge breit.

„Aber er kriegt doch eine riesige Rutsche, die aussieht wie eine Schlange! Die längste Rutsche der Welt!“

„Das klingt ganz schön gefährlich“, bemerkte Polly und stand auf. „Okay. Zum Essen gibt es nur was aus den Hähnchenresten, sorry.“

„Ist nicht schlimm“, erwiderte Huckle, der bald wieder losfahren würde, um für seinen Honigverkauf Klinken zu putzen. Die Zeiten waren hart – im Südwesten Englands hatte es etliche Überschwemmungen gegeben, und viele Geschäfte kämpften ums Überleben, aber er gab sein Bestes.

„Ich freue mich einfach über was selbst Gekochtes, schließlich stehen für mich in den nächsten zwei Wochen immer nur Mahlzeiten in Restaurants und Hotels an.“

„Tu doch wenigstens so, als würde dich das stören!“, bat Polly.

„Da brauche ich gar nicht so zu tun!“, versicherte Huckle. Dann wurde seine Miene ernster, während er nach ihrer Hand griff. „Und das weißt du genau!“

„Ich wünschte, ich könnte losziehen und in Hotels übernachten.“

„Wir reden hier nicht vom Ritz, sondern vom Travelodge an der A40!“

„Ich weiß. Aber in deiner Gesellschaft wirkt alles wie das Ritz.“

Sie küssten sich.

Huckle fand es furchtbar, dass er wegmusste, aber es ging nicht anders. Und auch so war es für sie schon schwierig genug, über die Runden zu kommen.

„Denk an die Fenster!“, sagte er.

„Ich weiß, ich weiß.“

Es würde ihre Lebensqualität enorm verbessern, wenn sie die alten, klapprigen Leuchtturmfenster mit Einfachverglasung gegen denkmalschutzgerechte Doppelglasfenster austauschen könnten. Nie wieder würden sie sich widerwillig aus dem Bett quälen und in eisiger Kälte durchs Treppenhaus laufen müssen.

Oder vielleicht doch? Wer konnte schon sagen, ob man den Turm je auf eine Temperatur bringen könnte, die andere Leute als warm bezeichnen würden – Pollys Mutter zum Beispiel oder Kerensa oder, na ja, so ziemlich jeder.

Aber für ihre kleine Familie war der Leuchtturm perfekt – und die Kinder kannten ja nichts anderes.

Huckle hatte einen alten Fernseher ins Elternschlafzimmer gestellt, und im Winter machten die vier es sich dort unter einer Heizdecke gemütlich. Dann schauten sie sich zusammen Vaiana an, während Neil auf dem Nachttisch herumhopste. In diesen Momenten war der Turm für Polly einer der glücklichsten Orte auf Erden, zugige Fenster hin oder her.

Und jetzt kam ja endlich der Frühling! Wenn Huckle dieses Jahr genug verdiente, würden sie sich die Fenster und einen neuen Boiler leisten können, und dann würde es wirklich keinen Grund mehr zur Klage geben, dachte Polly, während sie in die Küche ging.

Sie hörte das fröhliche Geplapper der Zwillinge, die von ihrem Vater verlangten, dass er JETZTSOFORT zum Tiger wurde. Als Huckle dieser Aufforderung bereitwillig nachkam, brüllte er allerdings so wild und laut, dass Polly sich Sorgen um Avery machte. Aber im Notfall würde Daisy dessen Tränen schon trocknen.

Polly hatte aus den Resten des Brathähnchens eine Brühe gemacht, zu der sie jetzt Graupen und Gemüse gab.

Voller Vorfreude dachte Polly an den Sommer, wenn Huckle zurück zu Hause sein und erste Touristen die Saison einläuten würden. Dann würden sie alle Hände voll zu tun haben.

Sie konnte es kaum erwarten, wieder warme Sonnenstrahlen auf den Wangen zu spüren, nachdem im Winter gefühlt jedes einzelne Wochenende ein Unwetter über sie hereingebrochen war.

Wenn monatelang Regen gegen die Fenster klatschte, standen überall Gummistiefel herum, und die Kinder wurden gereizt, weil sie nicht genug an die frische Luft kamen. Zu Hause Höhlen zu bauen und Mama beim Backen zu helfen verlor im Laufe der Zeit seinen Reiz.

Die Stürme wurden schlimmer – was mit dem Klimawandel zu tun hatte, das war Polly klar – und die Winter härter.

Huckle kam in die Küche. „Und, was steht bei euch so an, während ich weg bin?“, fragte er und lauschte gleichzeitig mit einem Ohr Averys Geschichte darüber, dass Lowin zu seinem Geburtstag die größte Schlange der Welt bekommen würde.

„Das Übliche“, sagte Polly. „Ach, nein, das hab ich ja ganz vergessen! Reubens Streuner kommen!“


Kapitel 2


Auf dem Festland, drüben in Exeter, hatte eine von Reubens „Streunern“ noch keine Ahnung davon, dass sie bald in diese Kategorie fallen würde.

Dort trommelte gerade ohne jeden Erfolg Caius laut gegen die Tür seiner Mitbewohnerin. Sein Name wurde „Kies“ ausgesprochen, mit langem I, wie er bei der ersten Begegnung gern hochnäsig erklärte, außer in dem Fall, dass die andere Person es durch Zufall richtig gesagt hatte. Dann behauptete er stattdessen: „Ehrlich gesagt ist es ja ›Ki-us‹, okay?“

„Marisa!“, rief er. Über den ganzen Radau hinweg war es zugegebenermaßen kaum zu hören.

Theoretisch fand Caius es cool, dass er mit vielen DJs befreundet war, oder zumindest mit Leuten, die sich als solche bezeichneten. Aber er hatte leider den Fehler gemacht, sie ums Auflegen bei seinen Partys zu bitten.
Das Resultat war furchtbar, denn jetzt stritten sie darüber, wer die teuersten Kopfhörer hatte, brachten ihre albernen Lautsprecher durcheinander und wetteiferten darum, wer das bizarrste Zeug auflegte. Es herrschte absolutes Chaos.

Vielleicht hätte Caius sich auch überlegen sollen, was seine Nachbarn eigentlich von dem Theater hielten, wenn er sich denn um die Nachbarn geschert hätte.

Aber Caius war reich und gut aussehend, daher traf er selten jemanden, der ihn nicht mochte, und konnte sich kaum vorstellen, wie das wohl war.

Die Wohnung war proppenvoll, vor allem mit – zumindest entfernten – Bekannten von ihm. Aber am wichtigsten war ihm, dass hier alle gut aussehend und wohlhabend waren, mehr musste er über sie gar nicht wissen.

Und er brauchte für diese Leute nun das Zimmerchen, das er sowieso bloß vermietet hatte, weil seine Eltern darauf bestanden hatten – sie hatten irgendwas von „Verantwortung tragen“ und „vernünftig wirtschaften“ gefaselt. Schwer zu sagen, was genau es gewesen war, denn er hatte an dem Tag einen schlimmen Absturz hinter sich gehabt und bei dem Gespräch auch noch seine Kopfhörer getragen, es hätte also alles sein können.

„Marisa!“, brüllte er jetzt wieder, so laut er konnte. Caius verzog das Gesicht, weil er nicht gern laut wurde. Am liebsten sprach er ganz langsam und gedehnt oder sagte am besten gar nichts und gab einfach nur Kellnern ein Zeichen, damit sie ihm Sachen brachten.

„Marisa! Na, komm schon, das ist eine Party! Kannst du uns nicht ein paar Kanapees machen?“

Immer noch keine Antwort. Caius zog eine Schnute. Mittlerweile musste sie ihn doch gehört haben.

Früher hatte man mit Marisa noch Spaß haben können. Okay, so richtig auch wieder nicht, schließlich hatte sie einen echten Job und ging zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett.

Aber sie hatte gekocht und gelächelt und war witzig gewesen, und es hatte ihm gefallen, dass sich jemand ein bisschen um ihn gekümmert hatte.

Irgendwann war sie jedoch ganz still geworden und hatte sich zurückgezogen. Er wusste, dass sie ihm den Grund dafür erklärt hatte, irgend so ein Familienscheiß, aber er vergaß es immer wieder, und die ganze Sache wurde wirklich lästig.

„Marisa! Die Gäste wollen dieses Zimmer benutzen! Für ihre Jacken!“

„Und auch für Sex und Drogen!“, erklärte eine von drei Personen mit dickem schwarzem Eyeliner, die gerade hinter Caius erschienen waren. Die anderen beiden nickten nachdrücklich.

„Quatsch, es geht wahrscheinlich echt nur um Jacken!“, versicherte Caius. Er runzelte die Stirn. „Du weißt schon, dass es hier draußen Tequila gibt, oder? Hier gibt es Tequila und da drin bei dir nicht, deshalb kann ich dich wirklich nicht verstehen.“

***

 

Na, da haben wir was gemeinsam, dachte Marisa. Sie selbst verstand sich nämlich auch nicht.

Eine dramatische Familiensaga vor der stimmungsvollen Kulisse der Nordseeküste

Blick ins Buch
Der Nordseehof – Als wir träumen durftenDer Nordseehof – Als wir träumen durften

Roman

„Wir müssen nach vorn sehen. Da liegt die Zukunft.“
In diesem ersten Band ihrer Saga um den ostfriesischen Nordseehof erzählt Regine Kölpin – spannend, bewegend und voller norddeutscher Atmosphäre – den Beginn einer dramatischen Emanzipationsgeschichte um drei Frauen aus drei Generationen.  

Ostfriesland, 1948: Johanna, Tochter eines Großbauern, verliebt sich in den Schlesien-Flüchtling Rolf – eine Liebe, die keine Zukunft hat, denn Johanna ist bereits dem wohlhabenden Hoferben Eike versprochen. Doch die beiden hören nicht auf zu träumen – von dem Glück der Heimat, der Wärme einer Familie und ihrer gemeinsamen Zukunft.

Der Nordseehof: Vor der stimmungsvollen Kulisse der norddeutschen Landschaft entfaltet sich eine opulente Familiensaga über die Macht der Träume und den Wunsch nach Freiheit, über verbotene Liebe und wahre Heimat.  

Band 1: Der Nordseehof – Als wir träumen durften
Band 2: Der Nordseehof – Als wir der Freiheit nahe waren
Band 3: Der Nordseehof – Als wir den Himmel erobern konnten

1948–1949


Kapitel 1

Das Unwetter war abgezogen, hatte die Luft gereinigt, und die verbliebenen wenigen Wolken sahen aus wie mit lässigen Strichen an den Himmel gewischt. Obwohl die Sonne an diesem Tag im Juni schien, war es ziemlich abgekühlt, sodass Johanna sich ein Wolltuch um die Schultern gelegt hatte. Nach dem Gewitter war es nötig gewesen, alle Kühe auf den Marschwiesen durchzuzählen und sich zu vergewissern, dass mit den Tieren alles in Ordnung war.

Kurz bevor Johanna zum Landwirtschaftsweg abbog, der zum Eilershof, dem Gehöft ihrer Eltern, führte blieb sie stehen, denn Rolf Menzel winkte zu ihr herüber. Er hatte gerade das Gatter der Schafweide verschlossen.

„Ist bei euch alles in Ordnung, Hanna?“, rief er, schob sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht und setzte die Schiebermütze wieder auf. „Das war aber ein Regen und ein Donnern! Ich habe eben nach den Tieren geschaut.“ Er stellte den Eimer neben dem Gatter ab und kam auf sie zu. Verlegen und ein wenig unbeholfen. Er fixierte sie mit seinem einzigartigen Blick. Genau das mochte Johanna an ihm. Sie hatte noch nie einen Menschen mit so schönen blauen Augen gesehen.

„Ja, danke!“ Johannas Stimme zitterte. Wie immer, wenn sie ihm nah war.

Rolf nahm die Schiebermütze wieder vom Kopf und drehte sie mit den Händen. „Hauptsache, alles ist heil geblieben“, sagte er schließlich mit seinem schlesischen Akzent.

Rolf war nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit vielen anderen Flüchtlingen nach Ostfriesland gekommen und lebte seit einem Jahr auf dem Nordseehof, der großen Deichschäferei von Thilo und Lientje Deeken, die nicht weit vom Eilershof entfernt ebenfalls in der Marsch lag.

„Ein Fremder, aber fleißig“, sagte Lientje Deeken immer. „Kann man was mit anfangen. Ist ja nun wirklich nicht mit allen so.“

Johanna stieß es ab, wenn die Schäferin derart abfällig über die Vertriebenen redete. Und noch weniger mochte sie es, wenn sie solche Dinge über Rolf sagte.

„Mit eurem Vieh ist doch auch nichts passiert, oder?“, riss er Johanna aus ihren Gedanken. „Keine Kuh durch den Draht gegangen? Keine vom Blitz erschlagen?“

„N… nein, alles gut“, stotterte Johanna und begann, mit einer Schuhspitze über den Schotter zu scharren. Sie suchte krampfhaft nach einem unverfänglichen Thema.

„Bist du später bei der Friesen-Jugend?“, fragte Rolf.

Erleichtert sah sie ihn an. Dort hatten sie sich kennengelernt, zur Akkordeonmusik zum ersten Mal zusammen getanzt – und sich dabei ineinander verliebt. Seitdem schlichen sie umeinander herum wie eine Katze um einen Topf Sahne, die genau wusste, dass sie Schläge bekommen würde, wenn sie auch nur einen winzigen Tropfen davon kostete.

Johanna, die Tochter des Großbauern Eilers, und ein schlesischer Vertriebener. Ein Ding der Unmöglichkeit!

Johanna nickte rasch. „Ich versuche es.“ Um jeden Preis, setzte sie in Gedanken hinzu. Es war ihre einzige Chance, sich zu sehen, herumzuflachsen und ab und zu ein Wort miteinander zu wechseln. Auch wenn das andere Jungvolk aus Neusiel dabei war.

Rolf lächelte sie an. „Das ist schön, dort können wir bestimmt in Ruhe und ein bisschen länger reden, weil keine Arbeit ruft.“ Er fügte mit dunkler Stimme hinzu: „Allein.“

Johannas Herz klopfte wie verrückt. „Ja, gern.“

Rolf setzte sich die Mütze wieder auf den Kopf. „Ich muss dann mal, sonst bekomme ich Ärger mit dem alten Deeken. Bis später, Hanna.“

„Bis dann.“ Johanna mochte es, wie er ihren Namen abkürzte, und auch, wie er ihn aussprach. Rolf nahm am Gatter den Eimer wieder auf und setzte seinen Weg fort. Immer mit leicht gebeugter Haltung und zugleich mit einem Stolz, der ihn unangreifbar erscheinen ließ.

Johanna wartete, bis Rolf um die Wegbiegung verschwunden war, und lehnte sich dann an ein Weidegatter. Sie sog die klare Luft tief ein und schaute über die Marsch, deren Grünfläche sich scheinbar endlos dahinzog und erst am Meer oder am nächsten Geestrücken endete.

Heute strich der Wind heftiger über die Wiesen und ließ das Gras in Wellen tanzen. Johanna liebte die Weite der Landschaft, die nur hin und wieder von vereinzelten Hecken oder Bäumen durchbrochen wurde. Oder von den paar Höfen und Katen, die wie kleine rote Sprenkel im Grün der Marsch wirkten.

Johanna liebte auch den Wind, der in Ostfriesland sein stetiges Lied sang, und sie liebte das Schreien der Möwen, wenn sie sich in seinen Armen wiegten. Hier war sie zu Hause, hier gehörte sie hin. Das Dorf, die Leute, der Hof …

Johanna wusste, was Heimat bedeutete, und hatte mit denen, die ihre verlassen mussten, unendliches Mitleid.

Bis zum Mittagessen dauerte es noch eine Weile, und so konnte sie die Zeit hier draußen in der Natur ein wenig genießen. Es war ohnehin besser, nicht derart aufgewühlt zu Hause zu erscheinen, denn Johanna hatte keine Lust, unangenehme Fragen beantworten zu müssen.

Wie immer hatte Rolf sie arg durcheinandergebracht, und allein die Vorstellung, ihn später wiederzusehen, machte sie nervös. Ihre Hände zitterten, sie konnte sich einfach nicht gegen diese Gefühle wehren. „Du musst ihn dir aus dem Kopf schlagen“, sagte sie zu sich selbst, als sie sich wieder etwas beruhigt hatte. „Egal, ob nun die neue Zeit anbricht oder nicht. In Neusiel wird es noch ein wenig länger dauern, bis alle die Veränderungen akzeptiert haben.“

Die neue Zeit, in der jetzt, nach der Währungsreform, alles besser werden sollte. Davon sprachen alle. Die Welt hatte sich in den letzten Jahren mit einer Geschwindigkeit gedreht, die Johanna, nein, allen im Dorf fast Angst machte. Die Wunden des Krieges waren noch zu präsent, hatten auch auf dem Land ihre Spuren hinterlassen. Vor allem die Bombardierungen von Wilhelmshaven und die vereinzelten Stabbrandbomben, die zwar keine größeren Schäden angerichtet hatten, aber über Neusiel abgeworfen worden waren, hatten zu großer Verunsicherung geführt.

Dann waren nach dem Krieg unzählige Flüchtlinge aus dem Osten gekommen. Von den Behörden wurde angeordnet, dass die Menschen auf den Höfen und bei anderen Familien im Dorf untergebracht werden mussten. Jede Kammer wurde genutzt. Und nicht nur das: Die Menschen lebten auf Dachböden, in Stallungen und Kammern. Gefreut hatte es keinen, aber es nützte ja nichts, den Vertriebenen musste geholfen werden, und alle packten irgendwie mit an.

Viele gingen freundlich und hilfsbereit mit den Neuankömmlingen um, andere reagierten weniger positiv und redeten verächtlich über die Ostländer.

Obwohl es den Menschen hier während des Krieges noch recht gut gegangen war, vor allem den Bauern, hatte es ohne den Schwarzmarkt auch bei ihnen an vielen Dingen gefehlt, und nicht alle waren gut über die Runden gekommen. Und nun sollten sie das wenige auch noch mit den Fremden teilen. Etliche Familien auf dem Land waren Teilselbstversorger und hielten das ein oder andere Schwein, von denen so manches schwarzgeschlachtet worden war. Für alles andere hatte es Lebensmittelmarken gegeben.

Inzwischen hatte sich das Leben recht gut eingespielt, und Johanna war davon überzeugt, dass die Menschen nach und nach Teil der heimischen Bevölkerung werden würden. Spätestens, wenn sie endlich eigene Häuser und Wohnungen hätten und nicht mehr bei den Neusielern in den Häusern und auf den Höfen untergebracht waren. Nur würde das bestimmt noch eine Weile dauern. Trotz der neuen Zeit.
Seit einer Woche hatte sich mit der Währungsreform über Nacht allerdings viel verändert. Glaubte man den Neusielern, die in Oldenburg oder Wilhelmshaven gewesen waren, so waren die Lager in den Geschäften aufgefüllt, ja, diese brachen unter der Last des Angebots förmlich zusammen. Auch im Dorfladen war plötzlich alles zu haben.

Das Land wirkte wie befreit von einer festen Kette, deren Glieder noch vor ein paar Wochen unzerstörbar gewirkt hatten.

Johanna atmete einmal tief ein und aus.

Die Wunden heilten trotzdem nicht von heute auf morgen, und das Bedürfnis nach Sicherheit und festen Strukturen war nach wie vor das höchste Gebot. Ihre Eltern und viele andere im Dorf hielten deshalb weiter an ihren Traditionen fest und würden davon keinen Fingerbreit abweichen. Egal, ob das Herz ihrer einzigen Tochter für einen Vertriebenen aus Schlesien schneller schlug.

Wenn Keno da gewesen wäre, wäre die Lage gewiss anders. Er hätte sie verstanden, sie unterstützt … Johanna schluckte die aufkommenden Tränen hinunter, wie immer, wenn sie an ihren Bruder dachte. Sie hoffte wie ihre Eltern Tag für Tag, dass er noch lebte, denn Keno war nach dem Krieg bisher noch nicht zurückgekehrt. Er war 1943 bei der Schlacht vor Stalingrad dabei gewesen und entweder gefallen, oder er befand sich wie so viele andere in sowjetischer Gefangenschaft. Sie hatten seitdem kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Die Angst um den Erben war überall auf dem Eilershof spürbar. Lautes Lachen wurde augenblicklich verschluckt, und aus jeder Ecke kroch die unausgesprochene Trauer wie eine fette Spinne und wickelte die ganze Familie fest in ihren Kokon.

Mutter und Vater hatten natürlich alles darangesetzt, Keno zu finden, und durchforsteten ständig sämtliche Vermissten-Listen des Suchdienstes vom Roten Kreuz. Und jedes Mal, wenn die Suche wieder erfolglos war, legte sich eine weitere Schicht Schwermut über den Eilershof, sodass Johanna oft glaubte, darunter zu ersticken. Vielleicht wäre es gut gewesen, endlich Klarheit zu haben.

Johanna schob die Gedanken beiseite und ließ ihren Blick lieber noch etwas über das flache Land schweifen, genoss das Summen der Bienen und Hummeln und den Schrei des Bussards über ihr.

Es war nicht nur Kenos Abwesenheit, auch ihr Vater war nach seiner Rückkehr aus Frankreich verändert.

Er war still geworden. Schlich tagsüber wie ein Schatten über den Hof, gab mechanisch seine Anweisungen und zog sich zurück, sobald er konnte. Einzig wenn er mit den anderen Männern aus dem Dorf oder den Nachbarhöfen über die politische Lage sprechen konnte, taute er kurzzeitig auf, um sich danach noch mehr zurückzuziehen. Johanna verstand ihren Vater oft nicht.

Mitten in der Nacht aber schrie er, weil ihn böse Träume quälten. Zudem hatte ihr Vater den „komischen Blick“, wie Johanna ihn nannte – alle Heimkehrer im Dorf schauten anfangs so. Die Augen wirkten wie tot, und sah man hinein, erkannte man das Dunkel der Seele. Was auch immer die Männer in diesem vermaledeiten Krieg erlebt hatten: Danach war mit ihnen eine Veränderung vorgegangen, die Angst machte. Keiner sprach über seine Erlebnisse. Aber diese Leere im Blick spiegelte deutlicher als jedes Wort wider, dass die Seelen der Männer zerstückelt worden waren. Zerhackt von Erlebnissen, die zu grausam waren, als dass man sie je aussprechen durfte.

Ob die Heimkehrer je wieder die Alten wurden, konnte keiner sagen. Wo die Söhne und Ehemänner noch nicht nach Hause gekommen waren, hoffte einfach jeder, dass sie überhaupt zurückkehrten. Gleichgültig, in welcher Verfassung.

Ihre Mutter sagte, irgendwann würde Vater vergessen können. Und da er auch bessere Tage und Nächte hatte, gab Johanna die Hoffnung nicht auf, dass sie recht hatte.

„Wenn Keno zurückkommt, wird alles gut“ – auch das sagte ihre Mutter Tag für Tag. Was sein würde, wenn es nicht so wäre, wurde totgeschwiegen. „Bis dahin belastest du deinen Vater nicht und bist eine gute und folgsame Tochter. Dann wird es schon werden.“

Rolf Menzel zu lieben, sich gar mit ihm einzulassen und auf dieser Liebe zu bestehen, war da sicher keine gute Idee. Ihr Vater brauchte die alten Strukturen, um gesund zu werden. Und Johanna wollte nicht schuld sein, wenn er seine trüben Gedanken nicht loswurde.

Sie seufzte so laut, dass einer der Schafböcke sie erstaunt anblickte. „Guck du nur!“ Johanna lachte auf. „Deine Frauen grasen alle am Deich des Jadebusens, und du hast keinen Kummer mit der Liebe!“ Der Bock gab einen kurzen Ton von sich und fraß weiter.

Johanna schrak zusammen, als die Glocke der Kirche in Neusiel zwölfmal schlug. Wenn sie sich jetzt nicht beeilte, kam sie zu spät zum Mittagessen. Das würde ihre Mutter verärgern, und dann könnte sie ihr vielleicht verbieten, heute Nachmittag zur der Friesen-Jugend zu gehen. Johanna umfasste ihr Tuch und sputete sich.

Kapitel 2

Schon wenige Minuten später war sie am Hofeingang angekommen. Vor ihr lag der Gulfhof ihrer Eltern.

Das Wohnhaus klebte wie eine Nase vorn rechts am breiteren Scheunen- und Stalltrakt. In der angrenzenden Scheune befand sich unten die große Diele, wo auch das Korn gedroschen wurde, und am Ende des Ganges das Plumpsklo. In einem weiteren Raum lagerten Futtervorräte. Von der Diele aus gelangte man in die rechts und links abgetrennten Kuhställe.

Oben auf der Tenne stapelten sich Heu und Stroh.

Als Johanna näher trat, glänzte das große grüne Scheunentor an der Giebelseite in der Sonne. Der Eilershof verfügte auch über Nebengelasse wie die geschlossene Remise, in der die Kutschen und Gerätschaften untergestellt waren. In einem Stalltrakt war Platz für die zehn Kutsch- und Arbeitspferde.

Im hinteren Teil des Hofes gab es ein paar Schweinekoben mit Auslauf. Der Obstgarten schloss sich der Scheune an, dort war auch der Hühnerstall zu finden.

Links vom Eilershof ging ein Weg zu einem kleinen Haus ab, das einmal das Altenteil der Eltern werden sollte.

Die Hühner stoben gackernd auseinander, als Johanna über das rot geklinkerte Pflaster des Hofes rannte. Ihre Mutter schaute ihr schon ungeduldig aus der Haustür entgegen. Sie hatte einen derben Leinenrock mit einer Strickjacke an, und ihr aschblodes Haar war zu einem Kranz geflochten. „Johanna!“, rief sie. „Was träumst du herum? Wir wollen essen!“

„Ich beeile mich!“ Sie hastete in die Waschküche, wusch sich dort die Hände und stand kurz darauf in der Küche, wo auf dem weißen Ofen in einem großen Topf eine Hühnersuppe blubberte. Ihre Mutter hatte gestern zwei der Hennen geschlachtet.

Der rechteckige, grobe Holztisch war für vier Leute gedeckt. Ihre Mutter stellte Kenos Teller täglich mit dazu. Schließlich konnte er jederzeit überraschend zurückkehren und sollte sich dann sofort zu Hause fühlen. Immer diese Hoffnung. Diese grausame, verratene Hoffnung.

„Füllst du bitte etwas von der Suppe um, und bringst es nach nebenan?“ Ihre Mutter sagte immer nebenan und nicht Diele. Sie zeigte auf einen schwarzen Emailletopf, der erheblich kleiner als der andere war.

Johanna nickte. Das Essen, das sie nach nebenan auf die Diele bringen sollte, war für die anderen, wie ihre Mutter sich ebenfalls stets ausdrückte, ohne auch sie genau zu benennen. Vielleicht fühlte sie sich dann besser.

Die anderen waren das Gesinde und die bei ihnen untergebrachte Flüchtlingsfamilie. Dem Eilershof war eine Frau mit zwei Kindern zugewiesen worden. Martha Selig und ihre beiden fünf- und siebenjährigen Jungs waren ruhige Mitbewohner. Frau Selig versuchte, so gut es mit den Kindern eben ging, auf dem Hof mitzuhelfen.

Die Unterkunft der Familie befand sich in der Achterkök, einem Anbau hinter der eigentlichen Hofküche. Johannas Mutter hatte sie notdürftig hergerichtet. Es war zwar eng, aber Frau Selig verfügte so über eine kleine Küche mit Brennhexe, eine Bank, einen Tisch mit Stühlen und einen alten, zerschlissenen Sessel. Hinter einem notdürftigen Vorhang aus alten Bettlaken standen zwei Feldbetten, die sie sich zu dritt teilten. Wasser bekamen sie aus der Pumpe. Es war leider sehr eisenhaltig, zum Teekochen taugte es ebenso wenig wie zum Wäschewaschen. Für richtig gutes Wasser mussten alle zum Brunnen hinter dem Feld laufen. Das Mittagsmahl brauchte Martha Selig aber nicht selbst zubereiten, das wurde stets von Johannas Mutter in der großen Hofküche für sie mitgekocht. „Den Rest bekommt Frau Selig dann schon hin“, sagte sie immer.

Nur mochte sie es nicht, Fremde am Tisch sitzen zu haben, weshalb die anderen eben in der Diele essen mussten.

Johanna bemerkte, dass ihre Mutter sie mit kritischem Blick ansah, als sie den Topf mit einer großen Schöpfkelle füllte. „Du wirkst noch immer völlig verschwitzt.“

„Der Weg war weit“, erwiderte Johanna ausweichend. „Ich habe alle Weiden kontrolliert, mit dem Vieh ist alles in Ordnung.“ Sie nahm den Topf und brachte ihn in die Diele, wo die beiden Mägde, die Knechte und Frau Selig mit ihren Kindern schon sehnsüchtig warteten. Frisches Brot und Butter hatte ihre Mutter bereits hingestellt.

Jetzt im Sommer war es still hier. Im Winter konnte man durch die Wände die Kühe in dem dahinterliegenden Stall rumoren hören.

Johannas Eltern saßen mit gefalteten Händen am Tisch, als sie zurückkam. Kenos leerer Platz wirkte wie immer bedrückend, und Johanna mied den Blick dorthin.

Sie lauschte dem Gebet des Vaters und wartete dann, bis ihre Eltern sich von der Suppe genommen hatten, bevor sie sich selbst einen Teller auftat. Der salzige Duft der Brühe zog durch ihre Nase, und sie merkte, wie hungrig sie nach dem langen Weg durch die Marsch war.

„Morgen gehen wir zum Tee zu den Deekens“, sagte ihre Mutter unvermittelt und, wie Johanna fand, eine Spur zu beiläufig. Sie schob ihrer Tochter den Brotkorb rüber. Dabei zitterten ihre Finger ein wenig.

Johanna starrte in die Fettaugen der Suppe und schob mit dem Löffel ein Stück Hühnerhaut beiseite. Sie ahnte, was der Besuch in der Deichschäferei bedeutete.

Ihre Mutter bestätigte ihre Befürchtung, als sie hinzufügte: „Eike wird auch da sein. Der Jung hat sich ja wieder gefangen. Hat lange genug gedauert. Nun müssen wir, wo das auch mit der D-Mark angelaufen ist, so langsam wieder an die Zukunft denken. An deine Zukunft!“

Johanna schluckte.

„Wie meinst du das?“

Ihre Mutter lächelte versonnen. „So, wie ich es sage. Denk mal nach. Du und Eike, wäre das nicht schön? Ihr kennt euch schon so lange. Du hättest ausgesorgt. Und Vadder wäre wirklich glücklich.“ Sie sah zu ihrem Mann, der unmerklich nickte, aber weiter schweigend seine Suppe aß.

Johanna umklammerte den Löffel so fest, dass er ihre Hand fast einschnitt. Sie wollten sie also wirklich mit Eike, dem Erben vom Nordseehof, verkuppeln. Sie hatte schon lange damit gerechnet. Sie und Eike, ihr Kinderfreund. Inzwischen hatten sie sich aber aus den Augen verloren, und auch er war nach dem Krieg ein anderer geworden.

Johanna wusste nur, dass er irgendwo in Afrika und anderswo gekämpft hatte und wie ihr Vater völlig verändert zurückgekommen war. Es gab den alten Spielkameraden von früher nicht mehr. Eike war in den ersten Monaten nach seiner Heimkehr stundenlang mit gesenktem Kopf durch die Marsch spaziert und hatte nicht mal ein „Moin“ für seine Nachbarn übriggehabt. „Der wird schon wieder“, hieß es dennoch.

Und er wurde wieder, denn mittlerweile grüßte Eike die Nachbarn, und er legte auch Hand auf dem Hof an. Aber er lachte kaum, und wenn, wirkte es nicht echt.

„Der Jung kann ja man froh sein, dass er nicht in Gefangenschaft geraten ist wie unser Keno“, sagte Johannas Mutter nun. „Und man muss schließlich nach vorn sehen. Nie aufgeben, weißt du? Immer den nächsten Schritt machen.“ Sie klang sehr zufrieden. „Nun sach du doch auch mal was, Marten!“

Johannas Vater nickte nur. „Jo“, kam es schließlich mit einem versuchten Lächeln.

Als seine Frau die Brauen hochzog und ihn noch einmal eindringlich ansah, wählte er langsam und bedächtig seine Worte: „Foline, also deine Mutter, hat recht. Eike ist eine gute Partie für dich, mien Deern.“ Er tätschelte Johannas Hand. „Dir soll es ja mal besser gehen. Kein Krieg mehr, keine Angst und keine unnützen Toten. Alles in Butter. Überleg es dir, du würdest uns mit dieser Verbindung eine große Freude machen. Und für dich wäre es eine gute Absicherung!“ Er tauchte den Löffel wieder in die Suppe und schlürfte sie ab. „Thilo Deeken findet die Idee, dass ihr heiratet, genauso gut wie ich, und Lientje wird sich schon fügen und sich an den Gedanken gewöhnen. Dieses eine Mal hat sie keine Wahl.“ Ihr Vater nahm sich Suppe nach. „Am liebsten würde sie Reent den Hof geben, aber das ist nun mal ausgeschlossen, er ist der jüngere Sohn. Also braucht Eike eine Frau, damit das alles seinen Weg geht.“ Er atmete tief ein, denn das war für ihn eine übermäßig lange Rede gewesen.

„Siehst du! Dein Vater würde sich freuen. Genau wie ich.“ Ihre Mutter lächelte. „Bei Eike passt alles. Du kennst ihn seit deiner Kindheit, er ist ein guter Mensch.“ Sie bemerkte Johannas skeptischen Blick und fügte hastig hinzu: „Herzklopfen ist keine Basis für ein ganzes Leben – und muss es auch nicht sein. Die Liebe kommt von allein, wenn man sich erst aneinander gewöhnt hat.“

Johanna war der Appetit vergangen. Sie legte den Löffel weg, starrte auf den Teller und schwieg. Was sollte sie auch erwidern? Sie wusste keinen Weg, wie sie ihren Eltern diesen Wunsch abschlagen sollte, ohne sich mit ihnen zu überwerfen. Trotzdem ging es doch um sie!

Der Nordseehof war ein zwar imposantes, aber auch düsteres Gebäude, und Eikes Eltern waren keine herzlichen Menschen, vor allem Lientje Deeken war eine unangenehme Frau. Zudem war Johanna Eikes jüngerer Bruder Reent suspekt. Sie konnte ihn nicht einordnen. Nach außen hin wirkte er freundlich, aber da lag etwas in seinem Blick, was Johanna nicht mochte. Es erinnerte sie an eine ihrer Katzen, die schnurrend auf alle Besucher zukam, ihnen dann aber ohne Warnung die Krallen in die Hand hieb.

Woher Eike sein freundliches Gemüt hatte, wusste Johanna nicht. Vielleicht war Thilo Deeken ein umgänglicher Mann, nur tat der es ihrem Vater gleich und sprach nur dann, wenn ihn etwas wirklich interessierte.

Weil Johanna immer noch schwieg, plauderte ihre Mutter munter weiter. Jede Silbe aber erschien Johanna wie ein winziger Nadelstich.

„Wenn Keno erst aus dem Krieg zurück ist, kann der unseren Hof übernehmen. Du hast dann ein neues Zuhause und eine Aufgabe. Das wünscht man sich in diesen Zeiten für seine Kinder! Absicherung.“ Es klang, als wäre alles längst beschlossene Sache. „Von uns kriegst du eine Kuh, das unterschreibst du, und damit ist das mit dem Erbe geklärt. So wird es seit Generationen gemacht, das weißt du.“

Jetzt sah Johanna von ihrem Teller auf. Sie wollte ihren Eltern klarmachen, dass sie Eike nicht heiraten konnte. Dass sie Rolf Menzel mochte. Aber ihr blieben die Worte im Hals stecken. Nein, das konnte sie ihren Eltern nicht sagen. Es wäre bestimmt gut, erst einmal den Mund zu halten und mitzuspielen.

„Mach dich morgen ein bisschen hübsch. Wie sich das gehört.“

Johanna schluckte. „Ja.“ Sie hegte noch den Funken Hoffnung, dass Eike sie vielleicht gar nicht wollte. Johanna fand selbst, dass sie keine Schönheit war. Sie hatte langes, leicht gewelltes aschblondes Haar, das sie meist unter einem Kopftuch zu einem Dutt zusammenband. Manchmal zog sie es auch vor, alles sorgsam zu flechten und zurückzustecken. Ihren Po fand sie eine Spur zu breit, die Schenkel zu dick. Es gab hübschere Mädchen im heiratsfähigen Alter. Und die Männer waren in der Unterzahl und konnten wählen.

„Was hast du heute noch vor?“, fragte ihre Mutter jetzt. „Der erste Heuschnitt ist eingefahren, wir haben ein bisschen Luft, bevor die Getreideernte beginnt.“

„Ich möchte mal wieder zur Friesen-Jugend. Die anderen sind aus dem Zeltlager in Upschört zurück. Mal sehen, was sie erzählen. Es waren nicht alle mit, aber ich habe gehört, dass es lustig gewesen ist.“

Johanna war auch nicht mitgefahren, weil Rolf auf dem Nordseehof arbeiten musste und sie ohne ihn keine Lust gehabt hatte. So konnten sie sich zumindest zwischendurch mal von Weitem sehen. Warum sollte sie im Zeltlager mit einem anderen tanzen, wenn ihr Herz bereits vergeben war?

Außerdem war auf dem Hof wegen der Heuernte eine Menge zu tun gewesen, weil das Gras vor dem Regen in die Scheune gebracht werden musste. Sie hatten es gerade noch geschafft. Manchmal beneidete sie die jungen Menschen in der Friesen-Jugend, deren Eltern keine Landwirtschaft hatten und die deshalb an viel mehr Aktivitäten teilnehmen konnten.

„Langsam bist du mit deinen zwanzig Jahren für die Friesen-Jugend eigentlich zu alt“, sagte ihre Mutter. „Aber gut, dann geh hin. Die Briten wollen es ja nicht anders mit ihrer demokratischen Umerziehung. Als ob wir das nicht selbst hinkriegen könnten.“

Johanna mochte die Treffen der Friesen-Jugend, weil sie eine Abwechslung zum anstrengenden Hofalltag darstellten. Unter Aufsicht der Britischen Militärregierung hatte sich dieser Jugendbund aus der Gruppe „Waterkant“ gebildet. Die Besatzer legten Wert darauf, dass die jungen Menschen etwas über Demokratie lernten und auch, wie die Eingliederung der Vertriebenen unterstützt werden konnte. In Deutschland sollte ein anderer Wind wehen als während der Jahre des Faschismus. Und da wollten sie bei der Jugend beginnen. Deshalb waren alle im Dorf angehalten, den jungen Leuten keine Steine in den Weg zu legen, wenn sie sich treffen wollten.

Es war eine bunt gemischte Gruppe, die keine Unterschiede zwischen Einheimischen und Fremden machte. Dort herrschte Lockerheit. Lebendigkeit. Das Stück Freiheit, das ihnen abhandengekommen war und ihnen auch jetzt zu Hause oft fehlte. Bei der Friesen-Jugend durfte man unbeschwert lachen und fröhlich sein. Beides war dort ehrlicher als anderswo. Sie machten außerdem viel Musik, sangen und tanzten Volkstänze. Ja, Johanna war nicht mehr jugendlich, aber auch noch nicht volljährig.

Mittlerweile hatte sie die Suppe doch aufgegessen und wartete, bis auch die Eltern so weit waren. Dann stand sie auf und verabschiedete sich höflich. Sie wollte in ihr Zimmer gehen und sich ein wenig frisch machen.

In der Waschkumme befand sich noch ein Rest Wasser vom Morgen, und in der Schublade hatte sie ein kleines Stück Lavendelseife versteckt. Sie wollte gut riechen, wenn sie Rolf gegenüberstand.

Johanna schlüpfte aus dem derben Leinenrock und der Bluse, wusch sich gründlich, putzte die Zähne und suchte aus dem schweren Eichenschrank ihr Sommerkleid mit den halblangen Armen heraus. Es war aus dunkelgrünem, leichtem Stoff, auf dem sich ein paar rosafarbene Blumen verteilten. Vorn geknöpft umschmeichelte es Johannas Oberkörper, von der Hüfte an war es leicht ausgestellt und umspielte ihre Waden.

Als sie das Kleid angezogen hatte, nahm sie sich die Haare vor. Es dauerte, ehe sie die ausgebürstet hatte.

Johanna entschied sich für einen geflochtenen Zopf, den sie nach vorn über die Schulter legen konnte. Die Kühle vom Morgen hatte sich verflüchtigt, und der Wind war abgeflaut, sodass sie auf ihr Schultertuch verzichten konnte.

Als sie fertig war, blieb ihr noch eine volle Stunde, die sich endlos vor ihr ausdehnte. Johanna legte sich aufs Bett.

In der Ruhe war es allerdings schwer, die dunklen Gedanken zu vertreiben. Also richtete sie sich wieder auf und trat ans Fenster.

Morgen würde sie zu Eike auf den Nordseehof gehen müssen. Aber heute war heute. Und gleich würde sie erst einmal Rolf treffen.

Nordsee-Atmosphäre pur

Blick ins Buch
Das Haus am Deich – Fremde UferDas Haus am Deich – Fremde Ufer

Roman

Salzige Luft, Meeresrauschen, der Ruf der Möwen

In ihrem Roman „Das Haus am Deich – Fremde Ufer“ erzählt SPIEGEL-Bestsellerautorin Regine Kölpin die Geschichte zweier ungleicher Freundinnen. Inspiriert von der Geschichte ihrer eigenen Familie geht es in diesem 1. Band der dreiteiligen Saga um die Jahre 1947 – 1950, um Flucht, Neuanfang und Suche nach Heimat.  
1947: Nach einer dramatischen Flucht aus Stettin findet die junge Frida mit ihren Eltern in der Wesermarsch Zuflucht – Heimat ist es nicht. Um zu überleben, muss die Familie auf einem Bauernhof hart arbeiten; Fridas Traum, Pianistin zu werden, rückt in weite Ferne. Auch ihre Kindheitsfreundin, die Anwaltstochter Erna, kann ihr nicht helfen. Denn auch sie tut sich schwer, in Norddeutschland anzukommen, und findet zudem bei ihren Eltern keinen Halt, als sie unehelich schwanger wird. Erst ein kleines Haus direkt am Deich bringt Hoffnung – auf Wärme, Zugehörigkeit, ja sogar eine neue Heimat!  

Vor der atmosphärischen Kulisse Norddeutschlands entfaltet sich in „Das Haus am Deich“ das Schicksal zweier Frauen und ihrer Familien: wahrhaftig, atmosphärisch und bewegend! 

Band 1: Das Haus am Deich – Fremde Ufer
Band 2: Das Haus am Deich – Unruhige Wasser
Band 3: Das Haus am Deich – Sicherer Hafen

1947–1948


Kapitel 1

Dichter Nebel lag über dem Jadebusen und machte es Ulrich Köhle und Hero Gerken schwer, in Sichtweite der anderen vier Männer zu bleiben, die sich zu ihren Granatfangkörben und Stellnetzen ins Watt aufgemacht hatten. Schon früh am Morgen waren sie von Eckwardersiel links vom großen Priel losgezogen.
Gespenstisch hallten vereinzelte Rufe über die See, die sich langsam zurückzog und das Wattenmeer schon bald freigeben würde. Der Rückweg würde dann etwas leichter werden.
Ulrich schob den Schlickschlitten, auf dem der Granatfangkorb stand, mit gebeugtem Oberkörper durch die hüfthohe, braungraue Nordsee. Auch wenn sie mit der Tide gingen, bot das Wasser großen Widerstand, und jeder Schritt konnte zur Qual werden.
Die Arbeit forderte seine ganze Kraft. Schon bald war die Kleidung von Schweiß durchtränkt, sein Atem ging schwer. Der feuchte Nebel hemmte das Luftholen zusätzlich, man hatte den Eindruck, als setzten sich die winzigen Wassertröpfchen in seiner Lunge fest. Schritt für Schritt stampfte Ulrich vorwärts, Schritt für Schritt ein Kampf mit den Naturgewalten, denen sie etwas Nahrung abtrotzen wollten.
Ulrich war müde. Er schlief trotz der harten Arbeit schlecht und hatte sich auch heute aus dem Bett gequält. Es machte ihm Sorge, dass er mit seiner Frau Margret und der Tochter Frida noch immer auf dem Hof von Hero Gerken lebte und sie noch kein eigenes Zuhause hatten, aber jegliche Versuche, ein eigenes Häuschen oder eine Kate – und sei es auch nur zur Miete – zu finden, waren bislang gescheitert. Wie oft war Ulrich schon bei der Gemeinde gewesen, aber es schien momentan aussichtslos. Und so fristeten sie bereits viel zu lange ihr Dasein auf dem Hof der Gerkens, wo sie nach dem Krieg und nach der Flucht aus Stettin mehr schlecht als recht in einem kleinen Zimmer untergekommen waren. Eine Wahl hatten sie nicht gehabt.
Man hatte ihn, Ulrich, gegen Kriegsende zum Volkssturm verpflichtet, so wie alle Männer zwischen sechzehn und fünfundsechzig Jahren an die Waffen gerufen worden waren. Verteidigung des Heimatbodens hatten sie es genannt. Er und die anderen mit der schwarz-roten Armbinde und der weißen Aufschrift: Volkssturm.
Margret und Frida hatten Stettin derweil mit dem letzten Zug verlassen und waren in einer Odyssee Richtung Westen gefahren, bis sie in Nordenham strandeten. Von dort kamen sie mit der Kleinbahn nach Eckwarden, wo mehrere Bauern mit Pferdegespannen bereitstanden, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Und so waren die beiden Frauen auf dem Hof der Gerkens gelandet. Ulrich war nach Kriegsende zu ihnen gekommen, nachdem er irgendwann die Panzerfaust einfach weggeworfen hatte und getürmt war. Er hatte sich als Bauernjunge verkleidet auf einem Milchwagen bis Eckwarden durchgeschlagen.
Gefunden hatte er seine Frau und seine Tochter mithilfe der Pappkarten, die Margret aus Kartons gebastelt und nach Stettin-Stolzenhagen an die alte Adresse geschickt hatte.
Nun musste Ulrich sich aber beeilen, denn obwohl Hero Gerken sonst ein umgänglicher Mann war, konnte er ziemlich grantig werden, wenn seine Helfer nicht spurten. Weil er eine Menge Körbe draußen im Watt hatte, ging ihm neben Ulrich auch Focko Ewert aus Fedderwardersiel zur Hand. Focko war ein kräftiger, rothaariger Mann, wortkarg, wie die Menschen der Region eben waren, und fleißig wie kein anderer. Da er aus einer alteingesessenen Fischerfamilie stammte, fiel ihm die Arbeit leicht, schließlich kannte er zeitlebens nichts anderes.
Bauer Gerken hatte sich heute die Schultertrage gegriffen und kam ebenfalls nur langsam voran, weil auch er bis zum Knöchel im Schlick einsackte. Das Joch der Trage, man nannte es einfach Jöck, hatte einen ausgefrästen Bogen, und an den Seiten hingen dünne Ketten mit Körben.
Die Fischerei war für Hero Gerken wie für viele zwar nur ein Nebenerwerb, den sie zusätzlich zur Landwirtschaft betrieben, aber in diesen Zeiten war man froh über jedes Einkommen.
Ulrich bohrte seine Augen in das undurchdringliche Weiß. Er mochte den Nebel nicht, obwohl er ihn auch aus seiner Heimat kannte. Hier aber, wohin es ihn mit seiner Familie verschlagen hatte, zeigte er ihm den Verlust, die Lähmung. Die Tristesse. Ein Leben ohne Musik, nur geprägt von harter Arbeit und ohne Ziel. Es gab kein gemütliches Zusammensein wie vor dem Krieg. Keine Stunden, in denen ihre Tochter Frida am Klavier saß und ihnen vorspielte, was sie im Konservatorium gelernt hatte. Und dann diese dunklen Gedanken, die ihn seit der Flucht immer mal wieder ohne Vorwarnung überfielen und ummantelten wie Pech, das er einfach nicht abkratzen konnte.
Ulrich kämpfte sich weiter durch die Nordseefluten, bis sie die Granatkörbe, mit denen sie die Garnelen fingen, erreicht hatten.
Diese speziellen Fanggeräte waren gegen den Ebbstrom im Watt waagerecht auf einer Holzstellage angebracht und mit Tauen gegen das Abtreiben gesichert. Es handelte sich um Körbe, die wie lange, runde Trichter gefertigt waren, deren Öffnungen vorn einen Durchmesser von einem Meter hatten. Der vorderste Korb verjüngte sich nach hinten, wo ein weiterer, schmalerer Korb von über einem Meter Länge angesteckt war. Er endete in einer kleinen Öffnung, die mit einem konischen Holzklotz verschlossen wurde.
Sie schoben den Schlitten auf die Rückseite der Körbe, und Ulrich wischte sich den Schweiß von der Stirn. Noch immer herrschte um sie herum diese dichte, undurchdringliche Brühe, die die Weite des Meeres in eine kleine Welt verwandelte. Ulrich konzentrierte sich wieder auf die Arbeit. Je schneller sie waren, desto eher konnten sie zurück an Land.
„Fang einholen!“, befahl Hero Gerken, der bei der Arbeit stets deutlich machte, wer das Sagen hatte. Er war, genau wie die anderen Fischer, in Ölzeug gekleidet, und hüfthohe Stiefel schützten ihn vor der Nässe. Auf dem Kopf trug er eine Schiebermütze.
Ulrich hatte in den letzten zwei Jahren Routine beim Leeren der Fangkörbe bekommen. Die Wattenfischerei war anders als die Binnenfischerei, die er von Stolzenhagen her kannte und an die er sich gern wehmütig erinnerte. Dort hatten sie vom Fischerdorf Glienken aus mit kleinen Holzbooten in der Oder und im Dammschen See Aale gefischt. Im Sommer waren sie vorwiegend in der Nacht mit ihren sieben Meter langen Booten und leichten Schleppnetzen, die sie Zeesen nannten, rausgefahren. Da der Aal empfindlich war, durften sie den Motor nur nutzen, um in die Fanggebiete zu gelangen.
Im Herbst und Frühjahr waren sie tagsüber in die Odergewässer gefahren, hatten dort größere Schleppnetze ausgeworfen und mit dem Strom gezogen. Auch dort musste für das Bewegen der Boote die Muskelkraft der Fischer eingesetzt werden.
Teilweise fuhren sie bis zu fünfundzwanzig Kilometer weit hinaus. Damit sie in der Dunkelheit erkannt wurden, hatten sie kleine Petroleumlampen als Erkennungslichter auf die Boote gesetzt. Kam das erste Eis oder gefror die Oder gar zu, musste der Fischfang eingestellt werden. Damit es keine Schäden an den Booten gab, hatten sie die Rümpfe ständig mit der Eisaxt freigeschlagen.
Da der Fisch auch in Kriegszeiten nie rationiert worden war, hatte er direkt an den Bootsliegeplätzen verkauft werden können. Aber die Frauen fuhren auch mit den Booten nach Stettin zum Fischmarkt, wo die Tiere in der Regel lebendig an den Mann gebracht wurden.
Ulrich seufzte. Hier war eben alles anders, aber in diesen Zeiten durfte man weder nachdenken noch trauern. Es galt zu überleben und die Familie durchzubringen. Alles andere war ein Luxus, den sich keiner leisten konnte.
Er zog nun den Holzklotz mit einem gezielten Griff aus der Öffnung des hinteren Korbes und leerte den Fang in das Behältnis auf dem Schlitten.
Dann ging es weiter. Insgesamt hatte Hero Gerken sechs Granatkörbe aufgestellt.
Ulrich war froh, dass Focko mit ins Watt gegangen war. Er lächelte ihm wortlos zu, und sie arbeiteten Hand in Hand. Er mochte den jungen Mann, der mit seinen zwanzig Jahren etwas älter als Frida war.
„Heute hat es sich gelohnt“, meinte Hero Gerken mit einem Blick zum Schlitten, wo der Behälter schon gut gefüllt war. „Zwei haben wir noch, die bekomme ich auch noch mit.“
Ulrich und Focko halfen ihm, auch diesen Fang einzubringen. Inzwischen war das Wasser so weit abgelaufen, dass es nur noch die Knie umspülte. Ulrich fand das wesentlich angenehmer, der Rückweg war noch weit und beschwerlich genug.
Auch die anderen Fischer hatten ihre Körbe geleert, und die, die zu den Stellnetzen wollten, liefen weiter. Sie mussten nur auf den noch niedrigeren Wasserstand warten, damit der Butt, der sich im Watt eingegraben hatte, aufgesammelt werden konnte.
Ulrich, Focko und Bauer Gerken aber machten kehrt. „Wir gehen zurück!“, rief Hero den anderen Fischern zu.
„Jo!“, hörte Ulrich, dann war wieder nur das Durchpflügen der Stiefel durchs Wasser zu vernehmen. Ganz regelmäßig, Schritt für Schritt ein leichtes Glucksen und Ziehen.
Ulrich konzentrierte sich darauf, den Schlitten mit dem wertvollen Fang sicher über den Schlick zu schieben, und war froh, als er das Festland im Dunst erkennen konnte. Hier war der Nebel nicht ganz so dicht wie eben noch auf See, und man konnte erahnen, dass sich die Sonne gleich durch die Schwaden kämpfen und sie später vertreiben würde.
Am Hafen angekommen, setzte Hero Gerken das Joch ab und lupfte die Schiebermütze. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das war ja mal ein erfolgreicher Morgen, was?“
Ulrich nickte und begutachtete zusammen mit Focko den Granat. „Ist nur wenig Beifang dabei, und die Garnelen sind recht groß.“
„Jo.“ Hero setzte die Mütze wieder auf. „Die werden unsere Frauen schnell los. Dann lass uns mal sehen, dass wir fix zum Hof kommen. Focko muss ja auch nach Fedderwardersiel, die warten sicher schon auf dich, was?“
„Jo, immer sinnig“, antwortete Focko mit seinem gleichbleibend freundlichen Lächeln. Er strich sich über den kurzen Bart, der sein Kinn zierte.
„Ich geb dir Ende der Woche deinen Lohn. Auf jeden Fall danke, dass du wieder geholfen hast.“
„Da nich für. Ich helfe ja noch einmal, dann kannst du mich danach bezahlen.“ Focko schob sich die Strickmütze, die er immer bis über die Ohren hochrollte, ein Stück in den Nacken. „Denn will ick mol.“ Er nickte Ulrich zu und machte sich mit den Händen in den Hosentaschen auf den Weg zum Hof, wo er seinen Einspänner stehen hatte, mit dem er die knapp fünfzehn Kilometer nach Fedderwardersiel fahren würde.
Hero warf einen Blick zum Himmel. „Nu word dat ok tied för mi. Die Frauen haben bestimmt schon mit dem Melken begonnen. Und dann givt dat een moi Tass Tee!“ Er angelte in der Tasche nach einem Priem und stopfte ihn in den Mund.
Ulrich lehnte ab, als Hero ihm auch einen anbot. Er mochte Kautabak nicht. Sie verstauten den Schlitten in einem Verhau und schlossen die Tür. Der Bauer nahm den Jöck wieder auf, Ulrich hob den Korb mit den Garnelen an den Griffen an und balancierte ihn vor seinem Bauch.
„Denn man tau!“, sagte Hero Gerken.
Der Korb war schwer und unhandlich zu schleppen. Ulrich war froh, dass der Bauer weiterhin keine Lust verspürte, sich zu unterhalten. Er zog es ohnehin vor, seinen Gedanken nachzuhängen – immerzu dachte er darüber nach, dass sich in ihrem Leben schon bald etwas ändern musste.
Kurz darauf erreichten sie den Hof. Es war ein typisches Gehöft aus rotem Klinker und mit Satteldach. Vorn das Wohnhaus, an das sich die Stallungen mit den Kühen anschlossen. Hinzu kamen Nebengebäude mit Pferdeboxen und Schweinekoben, eine Remise für die Fahrzeuge sowie eine Scheune.
Sowohl Hero als auch seine Frau Elsa-Maria machten keinen Hehl daraus, dass sie die Flüchtlingsfamilie aus Stettin nur duldeten, auch wenn sie nie unhöflich waren und nie ein böses Wort fiel. Trotzdem waren sie Eindringlinge in eine fest gefügte Familienstruktur.
Immerhin waren die Köhle-Frauen günstige Arbeitskräfte. Die Familie musste fünfundzwanzig Reichsmark Miete für das fünfzehn Quadratmeter große Zimmer zahlen. Ulrich verdingte sich als Tagelöhner. Mal arbeitete er als Zimmermann, zudem auf den Höfen im Stall oder auf den Feldern, oder er half wie heute beim Fischen. Stets zog er von Bauer zu Bauer, bot seine Tätigkeiten an und war dankbar über jede Arbeit, denn die sicherte seiner Familie das Überleben. Da jedoch noch immer viele Männer nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren, fehlte es an Fachkräften, sodass Ulrich ein gewisses Auskommen hatte, das aber meist in Naturalien gezahlt wurde.
Häufig durften sie alle am Mittagstisch der Bauernfamilie teilnehmen, vor allem, wenn er auch bei den Gerkens wieder etwas instand gesetzt hatte. Das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung stand, ging für Lebensmittel und andere überlebenswichtige Dinge drauf. Die Lebensmittelkarten reichten nicht, und so war großes Geschick angesagt, wenn man wie die Köhles nichts zum Tauschen hatte.
Zwar besaßen sie noch die Sparbücher, die sie aus Stolzenhagen mitgenommen hatten und von denen sie bei der örtlichen Bank auch immer mal wieder ein paar Reichsmark abheben konnten, aber dieses Kapital wollte Ulrich nur dann ernsthaft anzapfen, wenn es unbedingt nötig war. Es war ihre Rücklage, um sich ein eigenes Zuhause herzurichten, sobald sich die Möglichkeit bot. Er beschloss, nächste Woche noch einmal zur Gemeinde zu gehen, auch wenn er es hasste, als Bittsteller aufzutreten. Doch Skrupel brachten ihn nicht weiter.
Ein eigenes Haus zu finden hatte für Ulrich höchste Priorität, vor allem, weil sich die neunzehnjährige Frida bei den Gerkens in der Landwirtschaft sehr unwohl fühlte.
Ulrich hatte ein schlechtes Gewissen. Er wollte sein Kind wieder lachen sehen. Doch dazu bedurfte es nicht der frischen Nordseeluft, nicht der Fischerei und schon gar nicht eines Kuhstalls. Dazu brauchte es ein Klavier. Noten. Und die Welt der Musik. Und Ulrich wusste nicht, woher er das hier bekommen sollte.

Es roch süßlich und nach Kuh. Die Ketten klirrten, nur selten gab eines der Tiere einen Laut von sich. Frida hörte das regelmäßige Kauen, ab und zu klatschte ein Schwanz die Fliegen von den Flanken.
Sie hatte manchmal das Gefühl, vom Heimweh aufgefressen zu werden. Es war die Wortkargheit der Menschen. Die Sprache, die sie oft nicht verstand, weil sich das Platt hier von dem in Stettin unterschied.
Sie war doch erst neunzehn und nun zu einem Leben gezwungen, das sie sich so anders vorgestellt hatte! Sie liebte das Klavierspiel, und nun saß sie neben einer Kuh und versuchte, ihr die Milch zu entlocken, was ihr ebenso wenig gelang wie viele andere Arbeiten auf dem Bauernhof. Aber sie sollte aufhören zu jammern.
Immerhin war es im Augenblick möglich, im Stall zu melken. Dazu trieben sie die Kühe von den nahen Weiden zum Hof und anschließend wieder zurück. Das war bequem, denn wenn die Tiere weiter entfernt weideten, war es notwendig, hinzulaufen und die Tiere dort an einen Melkbaum zu binden, der von Weide zu Weide geschleppt wurde. Das war echte Knochenarbeit. Frida seufzte.
Gegen ihren Widerwillen half nur eins. Sie schloss die Augen und hatte sofort Franz Schubert im Kopf. In Gedanken spielte sie das Allegro vivace durch, während sie am Euter der Kuh zerrte. Wieder einmal traf sie ein Schlag vom Kuhschwanz, und sie wich angeekelt zurück, als sie sah, dass ihr eine Kuhlaus über den Arm krabbelte. Das Allegro im Kopf verstummte, Frida sprang auf und stieß dabei den Eimer um. Der Melkschemel kippte hintenüber, und sie begann zu straucheln. Nur mit Mühe stürzte sie nicht gegen die nächste Kuh.
Die wenige Milch versickerte im Stroh. Zu allem Überfluss bekam Frida noch einen weiteren heftigen Schlag mit dem Kuhschwanz ins Gesicht. Es brannte, als hätte sie jemand mit der Peitsche malträtiert. Ihr kamen die Tränen.
„Mist“, fluchte Frida. „Verdammter, blöder Kuhmist!“
Hinter ihr tappten Schritte. Kalle Gerken, der Sohn des Bauern, tauchte bei ihr auf. „Zu blöd zum Melken!“, sagte er, rollte mit den Augen und stieß mit der Stiefelspitze ein Stück getrockneten Kuhfladen in Fridas Richtung. Er bückte sich, betastete das Euter der Kuh, die Frida eben gemolken hatte. „Sag mal, wie lange bist du schon dabei?“
Frida zuckte mit den Schultern.
„Das ist ja nix, was du da rausgepumpt hast. Nix!“
Kalle seufzte genervt und griff nach dem Schemel. Er setzte sich darauf und begann mit regelmäßigen Bewegungen an den Zitzen zu drücken und zu ziehen. Schon bald spritzte die Milch mit kräftigem Strahl in den Eimer. „So geiht dat!“, sagte er zufrieden.
Frida nickte. Sie würde es wohl nie lernen. Dazu hasste sie es zu sehr. Ihre Finger gehörten auf die Tasten eines Klaviers und nicht an das Euter einer schwarz-weiß gefleckten Kuh! „Da war eine Laus“, sagte sie entschuldigend.
„Das kommt vor“, gab Kalle ungerührt zurück. „Ich sag Vadder Bescheid, dann machen wir das Ungeziefer weg.“ Er schaute Frida an. Sie konnte den Blick nicht deuten. Lag Schalk darin? Verachtung? Oder doch ein kleines bisschen Sympathie?
Nein, korrigierte sie sich. Es ist Mitleid. Kalle Gerken hatte Mitleid mit dem Flüchtlingsmädchen mit diesen schmalen langen Fingern, denen die Kraft fehlte, um Milch aus einem Euter zu bekommen. Er konnte schließlich nicht wissen, was diese Hände wirklich vermochten. Dass sie in der Lage waren, die Klavierversion von Mozart in d-Moll zu spielen. Oder von Beethoven das Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur. Das konnte Kalle nicht wissen, und so hatte er Mitleid mit ihr, die in seinen Augen unfähig zum Leben war. Weil sie nicht einmal eine Kuh melken konnte.
„Nu sieh zu, dass du vorankommst. Gibt gleich Frühstück. Mudder macht sicher schon Tee!“
Er verließ den Stall, nicht ohne sie noch einmal mit diesem eigenartigen Blick anzusehen. Dieses Mal machte er Frida Angst, denn sie erkannte noch etwas anderes darin, und das war – Verlangen.
Frida nahm schnell den Hocker und wischte den Gedanken beiseite. Eine Kuh musste noch gemolken werden, bei den anderen war ihre Mutter schon gewesen. Sie trug eben ihren letzten gefüllten Eimer aus dem Stall. Frida setzte sich erneut auf den Schemel, die Kuh drehte den Kopf zu ihr und sah sie mit den großen Kulleraugen an. Als Frida mit dem Melken begann, wandte sie sich wieder der Grasration zu.
„Ich muss das hinkriegen, damit ich schnell aus diesem Mief rauskomme!“, versuchte Frida murmelnd, sich selbst Mut zu machen.
Mit verbissenem Gesichtsausdruck umfasste sie die Zitzen und legte los. Genauso, wie Kalle es eben gemacht hatte. Kein lustloses Ziehen, das keinen Erfolg brachte. „Du brauchst Gefühl“, hatte ihre Mutter gesagt, die das Melken erstaunlicherweise sehr schnell gelernt hatte.
Frida bemühte sich nach Kräften, und tatsächlich schoss etwas Milch in den Eimer. Aber wieder versiegte der Strom schnell, sosehr sie auch drückte und zog. Sie konnte es nicht, wahrscheinlich, weil diese Arbeit sie so unglaublich abstieß.
Frida lehnte den Kopf an den Bauch der Kuh, zuckte aber sofort zurück, weil sie fürchtete, auch dieses Tier könnte Läuse haben.
Erneut vernahm sie Schritte und zerrte rasch wieder am Euter herum.
Es war ihre Mutter Margret. Sie erkannte das allmorgendliche Dilemma, und ihr Mund verzog sich zu einem Strich. „Komm, ich mach das“, sagte sie kopfschüttelnd und wie immer ein bisschen genervt, weil Frida sich so dumm anstellte.
Binnen kurzer Zeit war das Euter leer.
„Gut, dass wir fertig sind, ich habe großen Hunger, nun noch die Viecher raus“, sagte ihre Mutter. Doch Frida spürte, dass sie ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte. Sie schaute ihr hinterher, als sie die Kühe rasch auf die Weide trieb.
Frida knurrte der Magen ebenfalls, zudem war sie müde, aber auf einem Bauernhof gab es keine Gnade, und sie mussten früh raus aus dem Bett. Frida wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht und stöhnte, als sie wahrnahm, dass sie aus jeder Pore nach Kuhstall roch.
Wie sie den Krieg hasste, der ihr all das eingebracht hatte! Wie sie Hitler und seine Gleichgesinnten hasste, die der Auslöser für ihr jetziges Leben waren!
Sie wollte, zum Teufel noch mal, keine Kühe melken, keine Ställe ausmisten und Kartoffeln hacken. Sie wollte nicht gleich losziehen und den Granat, den ihr Vater heute Morgen aus dem Meer gefischt hatte, sieben und kochen und schließlich an den Haustüren verkaufen. Nein, verdammt, das wollte sie alles nicht! In Stolzenhagen hatten das die Mütter getan, und sie durfte sich auf das Klavierspielen konzentrieren. Oder darauf, bei Kulescza mit ihren Freundinnen ein Eis zu essen.
Bei schönem Wetter waren sie hoch zur Göringstraße gelaufen, hatten sich an einen der vom Grün umrankten Tische gesetzt und es sich gut gehen lassen.
Nicht nur danach sehnte sich Frida, sondern vor allem auch nach ihrer Freundin Erna, mit der sie in Stettin das Löwe-Konservatorium besucht hatte. Sie hatten sich zum letzten Mal auf der Flucht im Zug gesehen, seitdem hatte Frida nichts mehr von ihrer Freundin gehört und wusste nicht einmal, ob sie noch lebte. Erna und sie, das war eine besondere Verbindung gewesen. Zwei junge Mädchen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ernas Vater war Anwalt und verkehrte in den angesehenen Kreisen Stettins, weshalb Erna das Löwe-Konservatorium besuchen durfte, obwohl sie nicht zu den talentiertesten Schülerinnen gehörte. Das war normalerweise vollkommen ausgeschlossen, denn die Aufnahmekriterien waren überaus streng, und man konnte dort nur mittels einer Empfehlung die Ausbildung genießen. Trotzdem machte Erna das Musizieren Spaß, und sie hatte irgendwann auch einen gewissen Ehrgeiz entwickelt, damit sie nicht die Schlechteste war. An Fridas außergewöhnliche Begabung kam sie zwar nie heran, aber das gelang auch den anderen Schülerinnen nicht.
Frida hatte eben ein besonderes Talent, auch wenn sie aus einer einfachen Fischerfamilie stammte. Sie lebte nicht wie Erna in der wunderschönen Altstadt Stettins, sondern im Stadtteil Stolzenhagen, genauer gesagt in dem kleinen Viertel Glienken direkt an der Oder. Ihre Familie besaß ein gemütliches Haus, in dem genügend Platz für alle gewesen war. Umgeben von einem Garten. Hinter ihrem Haus liefen die Bahnschienen entlang.
Erna hatte Frida nur selten zu Hause besuchen dürfen, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sich ihr Kind in einer Fischersiedlung aufhielt, weshalb Frida meist bei Erna zu Besuch gewesen war. Ihre Freundin selbst hatte ihre einfache Herkunft nie gestört. Doch wenn sich ihre Eltern im Konservatorium oder beim Abholen begegnet waren, hatte Frida den von Geests stets angesehen, dass sie heimlich die Nase über sie, das Fischermädchen, rümpften.
Wie gern würde sie mit ihrer Freundin wieder durch Stettin streifen, mit ihrem Vater in Konzerte und Theater gehen und schöne Kleider tragen! Das alles hatte sie schon als Kind gedurft, weil ihr Vater den Drang seiner Tochter zur Musik und Kultur immer sehr unterstützt hatte.
Aber an all das war in Eckwarderhörne gar nicht zu denken. In Stettin auch nicht mehr, dachte Frida. Stettin liegt in Schutt und Asche. Und ich sollte mich glücklich schätzen, dass ich noch beide Eltern habe.
Dennoch wäre es hier leichter gewesen, wenn ihre Familie wenigstens einen kleinen Garten gehabt hätte, den sie zum Blühen hätte bringen können. Dazu ein Gemüsebeet, wo sie täglich etwas ernten konnten, um daraus ein schmackhaftes Essen zu bereiten. Das wäre ein winzig kleiner Lichtblick in der großen Finsternis gewesen. Denn im Garten zu arbeiten hatte sie in Glienken immer gemocht. Ihre Hände konnten nicht nur dem Klavier wunderbare Töne entlocken, sondern auch wahre Wunder an Pflanzen verbringen.
Aber nicht einmal das gab es hier für sie. Den Garten des Bauernhofs durfte sie nicht betreten, vermutlich weil die Gerkens befürchteten, sie könnte sie bestehlen.
Frida seufzte noch einmal leise auf und machte sich auf den Weg aus dem Stall. Sie hielt sich die Nase zu, als sie am Misthaufen vorbeikam und ein Schwarm Schmeißfliegen aufstob.

Focko war nicht gleich losgefahren, weil er hoffte, Frida noch zu sehen. Sie war für ihn mit ihrem goldblonden Haar und den einzigartigen grünen Augen das schönste Mädchen, das ihm je begegnet war. Er kam nur deshalb gern zu Bauer Gerken, weil er so die Möglichkeit hatte, ihr zu begegnen. Doch leider schaute sie ihn gar nicht an. Jedenfalls nicht so, wie er es sich wünschte. Sie war nett und freundlich, wie sie zu jedem nett und freundlich war – aber sonst?
Focko seufzte, doch ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er sie sah. Sie wirkte frustriert, wahrscheinlich hatte es mal wieder mit dem Melken nicht geklappt.
„Moin“, begrüßte er sie.
Frida blieb stehen, und sofort wurden ihre Gesichtszüge weicher. „Seid ihr schon vom Fischen zurück?“
„Jo, guter Fang.“ Focko nahm die Wollmütze vom Kopf und drehte sie verlegen. „Wird sicher ein freundlicher Tag. Die Sonne kommt durch.“ Er scharrte mit der Schuhspitze über das grobe Pflaster des Hofs.
„Ich muss dann auch“, sagte Frida. „Sie warten mit dem Frühstück. Ich bin spät dran, weil …“ Sie brach ab. Es schien ihr unangenehm zu sein, dass sie mit dem Melken Probleme hatte.
„Ist auch schwer. Ich kann es auch nicht“, sagte Focko, der sofort wusste, worum es ging.
„Nein?“ Frida wirkte erstaunt. „Ich dachte, nur ich stelle mich so dumm an.“
„Nein, ich kann es wirklich nicht. Sieh nur!“ Focko streckte seine Hände vor. Doch sogleich schämte er sich. Sie waren klobig, unter den Nägeln klebte das Watt, und auf der Oberfläche kringelten sich rote Haare. „Bin eher Fischer.“
Frida fing an zu kichern und zeigte ihm ihre Hände, die schmal und feingliedrig waren. Aber auch ihre Nägel waren von der harten Arbeit abgesplittert. „Ich bin Pianistin“, sagte sie und hielt die Hände noch näher an Fockos. Er hätte sie mit einer Hand umfassen können. So aber berührten sich nur ihre Fingerspitzen. Sie standen eine Weile voreinander und tauchten in den Blick des anderen ein. Mit einem Mal glaubte Focko so etwas wie Magie zu spüren. Mochte sie ihn doch? Wenigstens ein ganz kleines bisschen? Ihm klopfte das Herz bis zum Hals. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Das scheue Mädchen aus Stettin und er, der muskulöse Fischer. Grün und Grau, Gold und Rot.
Frida hatte noch nicht aufgehört zu lächeln. Sie ließ aber ihre Hände wieder sinken. „Danke, Focko. Ganz doll danke, dass du mir Mut machst. Ist wirklich nicht einfach für mich. Das alles hier.“
Sie machte einen Schritt rückwärts. „Bis dann. Wir sehen uns!“ Frida rannte zum Haus, als wäre der Teufel hinter ihr her.
Focko aber blieb noch eine ganze Weile stehen und sah ihr nach. Sie hatte sich mit ihm unterhalten, sich sogar bei ihm bedankt! Was hatte Frida für schöne Augen …
Diesen Blick würde er mitnehmen nach Fedderwardersiel. Und schon bald wollte er zurückkommen. Zu Frida. Auch wenn er sich besser keine Hoffnungen machte.


Kapitel 2

Erna von Geest schüttelte den Kopf. Dieses grün getupfte Kleid mit dem weißen Spitzenkragen war eine einzige Katastrophe. Das konnte sie unmöglich anziehen! Sie brauchte dringend neue und moderne Kleider, aber die zu bekommen war selbst für ihre Familie im Augenblick nicht so einfach. Sie waren nach dem Bombenangriff auf Stettin im August 1944, als sie ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten, zunächst aufs Land zu Freunden gezogen, und ihr Vater hatte für Nachschub gesorgt. Wie er auch immer an die Kleider und Hüte gekommen war. Erna wollte das gar nicht so genau wissen.
Das alles hatten sie auch auf der Flucht mitnehmen können, aber etliches Gepäck war im Güterwagen während der Fahrt gen Westen verloren gegangen, und dazu gehörte der gesamte Kleiderbestand von Erna. Ihr verbliebener Koffer war zuvor am Bahnhof in Stettin auch noch gestohlen worden.
Als sie nach der Flucht die Villa in Varel bezogen hatten, war Ernas Kleiderschrank leer gewesen. Wieder hatte ihr Vater dafür gesorgt, dass es nicht lange so blieb, aber es war einfach nichts dabei, was Erna wirklich gefiel. Dieses Fähnchen, das ihre Mutter jetzt angeschleppt hatte, passte überhaupt nicht zu ihr!
„Mutter!“ Ernas Stimme klang schrill, das tat sie immer, wenn sie aufgebracht war.
„Was ist denn?“, fragte ihre Mutter mit strenger Stimme und steckte den Kopf zur Tür herein.
„Das Kleid ist unmodern und hässlich. Ich will so nicht rausgehen.“ Erna zog es wieder aus und schleuderte es auf den Stuhl. „Der Krieg ist vorbei, und ich will wieder hübsch aussehen!“ Sie warf sich aufs Bett wie ein trotziges Kind. Erna wusste selbst, dass ihr Verhalten für eine Neunzehnjährige überaus kindisch war und sich nichts änderte, wenn sie herumwütete, aber das schäbige Kleid, das einer Großmutter hätte dienlich sein können, hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
Erna ging das derzeitige Leben auf die Nerven, sie hatte unsägliches Heimweh nach Stettin. Und sie vermisste Frida. Sie vermisste das Lachen ihrer Freundin und die vielen Gespräche, die nur mit ihr möglich waren.
Ihre Mutter Stine stand starr im Türrahmen und wusste mit dem Wutanfall der Tochter nichts anzufangen. „Man hat dir auf der Flucht den Koffer gestohlen, der Rest ist verschollen, und derzeit bekommt man nicht viel, das weißt du. Die Marken reichen hinten und vorne nicht. Ich trage im Augenblick auch nur das, was da ist. Wir müssen geduldig sein. Es gibt nichts anderes. Aber das wird sich bald ändern, glaub mir. Ich habe munkeln gehört, dass es bald besser wird.“ Sie wandte sich zum Gehen. Wie immer in kerzengerader Haltung, das Kinn ein Stück nach vorn gereckt. Die Illusion von Stolz und Unnahbarkeit. „Nun mach dich schon fertig. Assessor Braun und seine Gemahlin kommen gleich.“
Klack, war die Tür zu, und Erna hörte die zackigen Schritte auf der Treppe.
Was interessierte sie dieser blöde Assessor? Erna trommelte weiter mit den Fäusten auf dem Kissen herum. Es tat so gut, diese ohnmächtige Wut hinauszuschlagen! Sie war doch noch jung, hatte Träume und Ziele, und alles war in den letzten zwei Jahren völlig zerstört worden.
Erna wollte ihr altes Leben zurück. Sie wollte in Stettin am Manzelbrunnen vorbeiflanieren. Aber den gab es nicht mehr, genauso wenig wie das Stettiner Schloss, das wie vieles andere den Bombenangriffen zum Opfer gefallen war. Und wo lebte sie nun? In der provinziellen Kleinstadt Varel, die der Pracht Stettins nicht im Mindesten das Wasser reichen konnte.
Es war aber nicht nur das. Ihr ging es nicht gut, denn sie wachte nachts oft auf, weil sie die Grausamkeit der Träume nicht ertragen konnte. Mit Schaudern holten sie dann die Erinnerungen an den Krieg ein.
Diese ständige Angst, dass die Sirenen jaulten und die Flieger kamen. Die Panik, ob man es auch dieses Mal in den Bunker schaffen konnte, und dann, ob die Wände und Rohre dort hielten oder ob man bereits im vorgefertigten Grab saß.
Nicht einmal ihre Zeugnisse hatte Erna mitnehmen dürfen. Alles, was ihrer Mutter überflüssig erschienen war, musste zurückbleiben und wurde nicht in die Tasche gepackt, wenn sie in den Luftschutzkeller gingen. Ernas Einwände hatte sie ignoriert. „Zeugnisse braucht heutzutage kein Mensch!“
Damals nicht, da ging es ums Überleben, aber jetzt?
Mutters Satz hatte in ihren Ohren so endgültig und frustrierend geklungen. Jahrelang hatte sie gelernt, weil sie nicht wie ihre Mutter nur Hausfrau eines großen Hausstandes an der Seite des erfolgreichen Mannes sein wollte. Insgeheim träumte Erna von einem Studium der Medizin, auch wenn sie am Konservatorium ausgebildet wurde und die Musik durchaus mochte. Und dann durften die Beweise für ihr Geschick in Mathematik und Biologie nicht mitgenommen werden! Nach dem letzten Bombenangriff lagen die Zeugnisse ohnehin unter einem Berg von Schutt in Stettin begraben.
Dieser furchtbare Angriff, bei dem sie alles verloren hatten … Wieder drängten sich in Erna die Bilder hoch. Anfangs waren die Bomber über die Stadt nur hinweggeflogen, und es kam schnell Entwarnung, aber schon bald wurde der Luftschutzkeller zum zweiten Zuhause.
Erna biss sich auf die Unterlippe, um den Schmerz ertragen zu können. Dieser Schmerz, der seit dem einen Angriff 1942 in ihr wütete, denn es war der Anfang vom Ende gewesen. Sie würde dieses Bombardement nie vergessen. Diesen grausamen Vorboten auf das, was sie noch ertragen musste.
Gegen zehn Uhr hatten die Scheinwerferfinger ihre Strahlen in den Himmel gereckt und nach den Fliegern der Alliierten gesucht. Kaum saßen Erna und ihre Eltern im Luftschutzkeller, fielen die Bomben. Es ging die ganze Nacht, aber ihr Haus und ihr Viertel hatten alles schadlos überstanden.
Ihre Seelen jedoch nicht. Wer einmal in einem solchen Keller gehockt hatte, dem Tod auf Gedeih und Verderben ausgeliefert, würde das niemals vergessen können. Diese Angst, dass es wieder passieren konnte, und das langsame, innere Absterben mit jedem weiteren Angriff.
Zwei Jahre später erfolgte im August 1944 das große, furchtbare Inferno, als das Bomber Command der Royal Air Force kam und von Angriff zu Angriff die wunderschöne Altstadt Stettins mit den imposanten Gebäuden und dem Hafengebiet fast völlig zerstörte. Und nicht nur die Gebäude.
An dieser Stelle konnte Erna nicht weiterdenken, sonst hätte sie geschrien, so wie in den Träumen, wenn sie das Grausame wieder und wieder erlebte.
Ach, ihr schönes Stettin! Erna seufzte. Die Stadt, die sie mit Lachen und Lebensfreude verband. Die Stadt, in der die Leichtigkeit ihre Bewohner tanzen ließ. Da, wo der Himmel so blau war wie sonst nirgendwo.
Vorbei.
Stettin war zu einem Haufen Schutt geworden, aus dem die Mauern der zerstörten Gebäude wie Gerippe in den Himmel ragten.
Geblieben war ihr dieses schrecklich getupfte Omakleid mit dem leicht ausgestellten Rock, das ihre Mutter gestern irgendwo aufgetrieben hatte. Es wirkte wie ein Zeichen dafür, mit welcher Tristesse es weitergehen würde.
Die Tür klackte erneut, und ihre Mutter kam zurück. Sie wirkte aufgebracht. „Erna, nun reiß dich mal zusammen! Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf. Herold wird bald bestimmt aus der Gefangenschaft zurückkommen. Und genug zu essen haben wir auch, weil dein Vater Verbindungen hat“, hob sie an. „Der neue Staat braucht Menschen wie ihn. Sein Wissen als Jurist ist unverzichtbar. Nun zieh dich schon an, wir bekommen doch gleich Besuch.“ Ihre Mutter klang verärgert und ungeduldig. Sie war eigentlich nie freundlich und entspannt. Jedenfalls nicht richtig. Nach außen, ja, da lächelte sie. Aber wann hatte sie ihre Tochter das letzte Mal in den Arm genommen? Erna konnte sich nicht erinnern. Ihre Mutter war kalt wie ein Fisch. Sie war noch nie eine herzliche Frau gewesen, aber seitdem ihr Sohn Herold eingezogen worden war und niemand wusste, wo er steckte, und dann der kleine Toni …
Nein, jetzt nicht Toni.
Erna hieb abermals mit der Faust aufs Kissen. Was war das für ein Gott, der ihnen den Kleinen unverhofft geschenkt und ihn dann gleich wieder zu sich genommen hatte? Kein Wunder, dass ihre Mutter wie von einem Eiskegel umgeben war. Vermutlich hätte sie die Welt sonst nicht ausgehalten.
„Ich gehe in die Küche und erwarte Gehorsam.“ Ihre Mutter verschloss nachdrücklich die Tür. Sie würde niemals über ihre Gefühle reden oder darüber, was das alles mit ihr gemacht hatte. Und schon gar nicht, welche Schuld und Verantwortung im Krieg sich auch ihre Familie auf die Schultern geladen hatte. Erna setzte sich auf und stützte das Gesicht in ihre Hände. Die Verbindungen ihres Vaters kannte sie nicht im Detail, aber sie ahnte von Tag zu Tag mehr, in welchen Kreisen er sich bewegte und stets bewegt hatte.
Ihr Vater war einer von denen, die den Führer lautstark unterstützt hatten und jetzt keine Skrupel kannten, sich wieder ganz nach vorn durchzukämpfen – die Vergangenheit bewusst ignorierend.
Erna erinnerte sich gut an die Familie Salomon, die in der Wohnung nebenan gelebt und bei der sich ihre Mutter immer Mehl oder Eier geliehen hatte. Ihre Eltern sprachen stets mit vorgehaltener Hand über die Nachbarn, weil sie nicht wie die anderen eintausend in Stettin lebenden Juden nach Polen deportiert worden waren, da „der Führer“ Wohnraum brauchte für jene Deutschen, die in seenahen Berufen arbeiteten.
„Da hat der Salomon Glück mit seiner Mischehe. Die haben sie noch verschont“, hatte ihr Vater einmal abfällig geäußert. „Ich betone: noch! Warum auch immer sich eine deutsche Frau mit einem Juden einlässt.“

Dr. Salomon war Arzt und viele Jahre lang auch abends zu den von Geests rübergekommen, wenn es nötig war. Auch als ihm schon nicht mehr erlaubt war zu praktizieren. In der Zeit litt Erna einmal unter Halsweh und Fieber, und so spät am Abend war kein Arzt mehr zu bekommen. Die Praxis von Dr. Salomon war schon lange geschlossen, Leute wie ihn, den Juden, durfte man nicht mehr aufsuchen. Erna aber ging es schlecht. Zwar hatte Vater verboten, dass sie mit Familie Salomon Kontakt hatten, aber er war an jenem Abend nicht da.
Ihre Mutter wusste sich keinen anderen Rat, als bei den Nachbarn zu klingeln. Erna stand in der Tür und schaute mit fiebrigen Augen auf die andere Seite des Hausflurs, wo Frau Salomon mit blassem Gesicht öffnete und sich Mutters Anliegen anhörte.
Sie sah zu Erna, nickte dann, und kurz darauf kam Dr. Salomon mit der Arzttasche in ihre Wohnung. Er untersuchte Erna schweigend. Seine Hände zitterten, als er etwas zum Spülen für den Hals und zum Senken des Fiebers aus der Tasche zog und mit wenigen Worten erklärte, wie sie alles einnehmen und anwenden sollte. Dann huschte er fast lautlos zur Wohnungstür.
Kaum stand er aber im Hausflur, stampfte Ernas Vater die Treppen herauf. Er verstellte Dr. Salomon kurz den Weg, musterte ihn und ließ ihn dann vorbei, woraufhin dieser augenblicklich in seiner Wohnung verschwand, als wäre er eine Maus, die vor der Katze Deckung sucht.
„Was hat der Jude hier gemacht?“ Die eiskalte Stimme des Vaters machte Erna Angst. Sie war so anders als die, mit der er ihr eine gute Nacht wünschte oder sie für ihre ausgezeichneten Noten lobte. Das hier war die Stimme des Mannes, der alles zerschmetterte, was nicht in sein Weltbild passte.
Mutter zog ihn rasch in den Wohnungsflur und schloss die Tür. „Erna ist krank, und ich habe keinen anderen Arzt erreicht“, verteidigte sie sich. „Es geht ihr wirklich schlecht, Heinz!“
Erna stand mit zitternden Knien im Türrahmen ihres Zimmers, weil sie aufgestanden war, als sie die schneidende Stimme ihres Vaters vernommen hatte. Er musterte sie. „Geh zurück in dein Bett!“ Dann drehte er sich zu seiner Frau um. „Das mit dem Arzt hätte bis morgen Zeit gehabt. Bevor du den Quacksalber bemühst. Er ist des deutschen Volkes Feind!“, knurrte ihr Vater. „Wir sprechen uns noch.“
Erna wollte eigentlich zurück ins Bett kriechen, denn sie fühlte sich wirklich sehr elend, aber sie sah, dass der Vater den Telefonhörer in die Hand nahm. Er hob nur kurz die Brauen, als er seine Tochter bemerkte, und Erna verschloss die Tür, bevor sie sich hinlegte und die Decke bis zur Nasenspitze hochzog.
Dann versuchte sie zu lauschen, was ihr Vater sagte. Leider verstand sie nichts.
Kurz darauf kam die Mutter zu ihr. Sie legte den Finger an die Lippen, schüttelte den Kopf und bedeutete Erna zu schweigen. Ihre Mutter versorgte sie mit der Medizin, die Dr. Salomon ihnen gegeben hatte, und verschwand genauso lautlos, wie sie gekommen war.
In der Nacht wurde es nebenan laut.
Erna hörte, wie Porzellan zerschellte, vernahm das Flehen von Frau Salomon. Ihr Weinen und Schluchzen. Dank der Medizin ging es Erna etwas besser, und sie quälte sich aus dem Bett zum Fenster. Vor dem Haus stand ein großer Transporter, der von Männern mit Maschinenpistolen bewacht wurde. Sie wusste, was das bedeutete. Ihre Nachbarn wurden abgeholt wie zuvor so viele Juden. Es hieß, sie würden umgesiedelt, und man sah sie nie wieder. Erna schluckte, denn jetzt war auch Jakob fort. Er hatte so wunderschöne braune Augen und als erster Junge ihre Hand gehalten.
Sie stürzte durch den Flur zum Schlafzimmer der Eltern. „Vati, hilf ihnen doch!“, rief sie.
Aber ihr Vater stand mit grimmigem Gesicht am Fenster und schaute sich die Deportation der Nachbarn seelenruhig an. „Das geht alles seinen rechten Weg, Erna. Der Staat muss aufräumen mit denen, die sich nicht an das halten, was für sie vorgesehen ist.“
Erna wusste damals nicht so genau, was er meinte. Sie war zu jener Zeit dreizehn Jahre alt, Mitglied im Jungmädelbund, und sie freute sich darauf, bald zum BDM, dem Bund deutscher Mädchen, gehen zu dürfen. Schon bei den Jüngeren lernte sie, dass Juden Menschen zweiter Klasse waren, aber das traf doch nicht auf die Salomons zu. Das waren schließlich ihre Nachbarn, und die Mutter war nicht einmal Jüdin.
„Hast du sie gemeldet?“, fragte Erna am nächsten Morgen ihren Vater. „Weil er mir geholfen hat, als ich krank war?“
Die Antwort blieb der Vater ihr schuldig.

Erna lachte hämisch auf. Jetzt, nach dem Krieg, als all die schlimmen Sachen langsam publik wurden, formten sich immer mehr Bilder einer verblendeten Zeit, die sie nicht sehen wollte, aber zur Kenntnis nehmen musste. Manchmal fiel es ihr schwer, ihren Eltern noch in die Augen zu blicken.
Erna stand auf und schaute in den ovalen Spiegel. Ihre Augen waren rot unterlaufen, das Haar stand wirr in alle Richtungen ab.
„Du siehst schlimm aus“, sagte sie laut und streckte sich die Zunge heraus. Sie äffte die Stimme ihrer Mutter nach. „Mach dich zurecht, Erna! Assessor Braun und Gemahlin kommen gleich!“
Keine Frage dazu, warum ihr Kind so verzweifelt war. Welche Ängste sie quälten. Warum sie seit der Flucht extrem abgenommen hatte. Das Leben ging weiter. Immer geradeaus.
Im Hause von Geest bewahrte man Haltung. Gleichgültig, was passiert war. Ihre Eltern lebten noch in der alten Zeit. Sie hatten nur die Lebensumstände verändert, weil sie es mussten. Und trotzdem gab es schon wieder fast alles, was man benötigte, um weiterhin nach außen hin Eindruck zu schinden. Eine vollständig eingerichtete Villa.
Passendes Geschirr und Kristallgläser. Weiße Stoffservietten, die allerdings an den Kanten verschlissen waren und einige Löcher aufwiesen. Erneut drängte sich Erna die Frage auf, warum ihre Familie ein Haus und Dinge besaß, die andere nicht hatten. Und wie immer schob sie diese Gedanken beiseite, weil sie die Antwort in Wahrheit gar nicht kennen wollte.
Ihre Trauer hatten die von Geests in Stettin gelassen. Über Toni wurde nicht mehr gesprochen. Auch nicht über die schöne Altbauwohnung, in der sie gelebt hatten und die mit allem ausstaffiert gewesen war, was man sich wünschen konnte. Vergoldete Wasserhähne, flauschige Teppiche und viele Bücher in einem Regal, das bis zur Decke reichte. Mein Kampf immer schön in Sichtweite, weil es Vaters Lieblingsbuch war.
Ihre Eltern hatten das alles zurückgelassen, abgehakt, und waren in Varel zwar in ein anderes Haus gezogen, doch sie hatten das privilegierte Denken mitgenommen und ignorierten einfach, dass es ihre Welt nicht mehr gab.
Und doch befürchtete Erna, es würde den Eltern und ihresgleichen gelingen, in der neuen Welt eine weitere aufzubauen, die der von vor dem Krieg ähnelte. Warum war ihr Vater nie belangt worden und hatte auch jetzt schon wieder einen hohen Posten, obwohl er in Stettin dicht an der Seite des stellvertretenden Gauleiters Paul Simon agierte hatte? Welche Verbindungen hatte sich ihr Vater schon wieder zunutze gemacht, dass sie so bevorzugt wohnen durften? Manchmal verglich Erna ihren Vater mit einem Aal, der sich durch finstere und dicht verwachsene Gewässer stets stromaufwärts schlängelte und immer am Ziel ankam.
Menschen wie ihr Vater würden auch in der neuen Demokratie ihren Platz finden und nach und nach die Fäden in die Hand nehmen, sie straffen und die Geschicke im Land am Ende lenken.
Seufzend wusch sich Erna das Gesicht, zupfte die Frisur zurecht und zog das verhasste Kleid an.
Es musste doch einen Weg aus diesem Gefängnis geben! Einen Weg zurück zum tiefen Blau des Himmels. Sie glaubte nicht, dass es den nur in Stettin gab.

„Die Nordsee ist die Landschaft meiner Seele. Nirgendwo lässt sich besser träumen,...“

Blick ins Buch
Das alte Hotel an der NordseeküsteDas alte Hotel an der Nordseeküste

»Die Nordsee ist die Landschaft meiner Seele. Nirgendwo lässt sich besser träumen, streiten oder lieben als in ihrer unmittelbaren Nähe.«

Eigentlich hat Isabell, 32, geschiedene Mutter von zwei Kindern, fast nur schlechte Erinnerungen an ihre Kindheit an der deutschen Nordseeküste. Und auch mit der Liebe hat sie nach ihrer Scheidung und einer heftigen Enttäuschung abgeschlossen. Doch als ihr Vater stirbt und sie gemeinsam mit ihrer Schwester das alte Familienhotel erbt, zögert Isabell trotz allem keine Sekunde, ihr ruhiges Leben in Bozen gegen zu erwartenden Streit und drohende Feindseligkeiten in der alten Heimat einzutauschen.

Schließlich ist es ihr Kindheitstraum, den Ballsaal des Hotels endlich wieder zum Leben zu erwecken. Dumm nur, dass ihre Schwester bereits beschlossen hat, aus dem gemeinsamen Erbe ein Tagungshotel zu machen. Und dass der neue Freund ihrer Schwester ausgerechnet Isabells einstige große Liebe ist. Doch Isabell gibt die Hoffnung nicht auf, dass über verschlungene Wildrosenpfade alles irgendwie noch gut werden kann…

Ein herrlich romantischer Roman um eine Frau, ihre Vergangenheit und einen traumhaften Ballsaal.

  • Für alle Leser*innen von Jenny Colgan und Sontje Beerman
  • Erschien bereits 2018 unter dem Titel „Die Wahrheit über Wildrosen“
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Eine Liebesgeschichte wie ein Sommertag am Meer

Blick ins Buch
Sylter RosenSylter Rosen

Ein Nordsee-Inselroman

Sylt im Sommer und ein familiengeführter Pferdehof - Ein Inselroman zum Träumen und Schwelgen für alle Fans von Sontje Beermann und Julia Rogasch

»Ich antwortete nicht auf seine Frage. Sein linker Arm lag auf der Banklehne. Er könnte mich erreichen mit seiner Hand, meine Schulter berühren, wenn da nicht ein Geschirrtuch zwischen uns wäre. Würde er dann den Arm um mich legen? Ein Geschirrtuch, das uns trennte  – verflucht.«

Liebeskummer, Geldsorgen und Schreibblockade: Es könnte besser laufen für die junge Autorin Lisa. Traummann Markus hat sich als Betrüger entpuppt und Lisa ohne einen Cent und mit einer üppigen Hotelrechnung auf Sylt sitzengelassen. Außerdem ruft ihr Verlag täglich an und möchte endlich eine Idee für ihren neuen Roman sehen. Da kommt der Job auf dem Insel-Pferdehof gerade recht. Hier trifft Lisa den wortkargen, aber attraktiven Kristian, der zwar ihr Herz bewegt, den sie aber nicht recht einschätzen kann ...


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Lesegenuss an der malerischen dänischen Ostseeküste

Wohin das Meer uns trägtWohin das Meer uns trägt

Roman

Für einen kurzen Abstecher in die Vergangenheit ist kein Umweg zu weit ...

Großer Lesegenuss: Drei liebenswerte Figuren und ein klappriger Bücherbus auf einer Fahrt entlang der malerischen dänischen Ostseeküste

Der junge Bibliothekar Henrik ist entsetzt: Ausgerechnet er, der mit Büchern so viel besser zurechtkommt als mit Menschen, wird dazu verdonnert, mit dem klapperigen Bücherbus die süddänische Ostseeküste entlangzufahren. Als wäre das nicht genug, soll er auch noch die verdächtig stille Praktikantin Elina beaufsichtigen, die Sozialstunden ableisten muss. Als sich dann auch noch die 90-jährige deutsche Urlauberin Else als blinde Passagierin in den Bücherbus einschleicht und auf die nahegelegene Insel Alsen gefahren werden möchte, gerät die Reise vollends außer Kontrolle – und wird zu einem liebenswerten wie atmosphärischen Roadtrip entlang sandiger Buchten und hyggeliger Dörfer.

Warmherziger Roadtrip mit einem Bus voll Bücher in die dänisch-deutsche Vergangenheit.

Die deutsche Autorin Tabea Petersen lebt seit Jahren in Dänemark und hat sich in die süddänische Ostseeküste mit ihren grünen Hügeln, sonnigen Buchten und hyggeligen Dörfern verliebt. Eine Gegend, die gerade bei deutschen Urlaubern sehr beliebt ist. Auch weil hier eine große deutschsprachige Minderheit lebt, oftmals Nachkommen von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein eher unbekannter Aspekt deutsch-dänischer Geschichte, der lebendig wird, wenn die 90-jährige Else in den klapprigen Bücherbus steigt …

Für Fans von Katharina Herzog und Dänemark

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Wellen, Meeresbrise und Neuanfang

Blick ins Buch
Die kleine Ostsee-BäckereiDie kleine Ostsee-Bäckerei

Ein Küstenroman

Warmherziger Liebesroman um eine Bäckerei an der traumhaft schönen Ostseeküste. Für alle LeserInnen von Jenny Colgan und Meike Werkmeister

„Ich erinnerte mich nur zu gern an diese Ferien zurück. Das Meer, der Duft nach frischen Brötchen und die Liebe meiner Tante waren fest mit meiner Jugend verwoben.“

Liz zieht nach dem Tod ihres Freundes zu ihrer Tante an die See. Dort hofft sie, ihre Schuldgefühle besiegen zu können. Schnell steckt sie all ihre Energie in den Erhalt der kleinen Bäckerei. Trotz gebrochenem Herzen entwickelt sie Gefühle für den gut aussehenden Bjarne. Doch die beiden verfolgen unterschiedliche Ziele, denn Bjarne hat andere Pläne mit der Bäckerei. Hat die Liebe da überhaupt eine Chance?

„Eine wirklich romantische und unterhaltsame Geschichte, die ich jedem ans Herz legen kann, man spürt einfach dieses gewisse Küstenfeeling. Bitte mehr davon“  ((Leserstimme auf Netgalley))

Erschien bereits 2018 unter dem Titel „Glück hat viele Farben“

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Krimis an Nord- und Ostsee
Buchblog
25. April 2022
Ein neuer Fall für Mamma Carlotta
Wie soll man ermitteln, wenn die Leiche immer wieder verschwindet? Erfahren Sie alles über die Sylter Krimi-Reihe um Mamma Carlotta und ihren neuen Fall „Schwarze Schafe".