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KüstennebelKüstennebel

Küstennebel

Ein Sylt-Krimi

Mama Carlotta ermittelt

Taschenbuch
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Küstennebel — Inhalt

Als ein Italiener als vermisst gemeldet wird, kommt das Kommissar Erik Wolf sehr gelegen – so muss er seine Schwiegermutter Carlotta nicht nach Umbrien auf eine Silberhochzeit begleiten. Zunächst stochert er im Sylter Nebel, doch dann überschlagen sich die Ereignisse: Ein Informant in Mamma Carlottas Heimatdorf ist unter seltsamen Umständen gestorben, und Erik bleibt nichts anderes übrig, als ins sonnige Italien zu reisen …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 14.05.2012
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-26473-0
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.05.2012
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95482-2
»Man muss sie einfach mögen, die italienische Miss Marple von Sylt... Und die Dialoge sind oft köstlich - wie die italienischen Menüs, die Mamma Carlotta andauernd kocht.«
Brigitte

Leseprobe zu »Küstennebel«

Als er das erste Mal erwachte, war es noch dunkel. Wie lange hatte er geschlafen? Anscheinend nur ein oder zwei Stunden. Dann musste ihn der Schuss aufgeschreckt haben. In seiner Nähe hatte jemand gefragt: »Was war das?«
Erik Wolf hatte es sofort gewusst. Für ein oder zwei Sekunden hatte die Welt stillgestanden, hatte das Entsetzen jedes Geräusch verschluckt, dann hatte jemand laut aufgeschrien, ein weiterer Schrei gellte, kurz darauf drang Tumult die Treppe von der Bahnhofshalle zu den Gleisen herauf .
Erik zog seinen Dienstausweis aus der Tasche und [...]

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Als er das erste Mal erwachte, war es noch dunkel. Wie lange hatte er geschlafen? Anscheinend nur ein oder zwei Stunden. Dann musste ihn der Schuss aufgeschreckt haben. In seiner Nähe hatte jemand gefragt: »Was war das?«
Erik Wolf hatte es sofort gewusst. Für ein oder zwei Sekunden hatte die Welt stillgestanden, hatte das Entsetzen jedes Geräusch verschluckt, dann hatte jemand laut aufgeschrien, ein weiterer Schrei gellte, kurz darauf drang Tumult die Treppe von der Bahnhofshalle zu den Gleisen herauf .
Erik zog seinen Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn den Mitreisenden hin. »Polizei! Sie bleiben hier auf dem Bahnsteig!« Dann rannte er die Treppe hinab und folgte dem Gang Richtung Bahnhofshalle.
Dort drängten sich ein paar Menschen um eine Person, die am Boden lag. Einer hatte ein Handy am Ohr. »Polizei? Kommen Sie sofort! In der Bahnhofshalle ist jemand erschossen worden ! «
Erik schob sich an ein paar Leuten vorbei, die sich nur widerwillig zur Seite drängen ließen. Dann sah er den Toten vor sich liegen, auf dem Rücken, Arme und Beine von sich gestreckt, den Blick zur Decke gerichtet, starr, ausdruckslos. Auf seinem Gesicht lag kein Entsetzen, nur ein leichtes Staunen. Steffen Ellebrecht war von seinem Mörder überrascht worden.
Erik sank neben seinem toten Kollegen auf die Knie. Von ferne ertönte ein Martinshorn, das schnell näher kam. Schon bald hörte er Bremsen quietschen und das Schlagen von Autotüren, dann eilige Schritte und energische Stimmen.
Jemand griff nach seinen Schultern und sagte: »Stehen Sie bitte auf. «
Erik erhob sich, ohne den Blick von dem Toten zu lassen, auf dessen Brust sich ein dunkler Fleck ausbreitete.
»Kennen Sie den Mann?«
Erik nickte. »Wir haben zusammen die Polizeischule besucht. Gelegentlich haben wir uns hier in Flensburg getroffen. Er wollte mich vom Zug abholen.«

 

Als er das nächste Mal erwachte, war der Tag angebrochen. Die Finsternis hatte einem grauen Morgen Platz gemacht. Auf Sylt herrschte dichter Nebel. Er musste vom Festland herübergekommen sein. Schon als Erik am Vorabend über den Hindenburgdamm gefahren war, hatte der Küstennebel den Wind zum Schweigen gebracht. Und nun hatte er sich noch immer nicht gelichtet.
Nach wie vor hatte Erik das Gesicht von Steffen Ellebrecht vor Augen, den gebrochenen Blick, das Blut auf seiner Jacke. Kommissar Annegarn, dem jungen Ermittler, hatte es nicht gefallen, dass ein älterer Kollege ihn unterstützen wollte. Nachdem Erik seine Aussage gemacht hatte, wurde er nach Hause geschickt. »Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich Sie brauche.«
Zum Tathergang hatte Erik ohnehin nichts sagen können. Aber er hatte Annegarn die Adresse von Steffen Ellebrecht gegeben und ihm erklärt, dass dieser zwei Jahre zuvor aus dem Dienst ausgeschieden war, zermürbt von anonymen Drohungen. Kommissar Annegarn hatte Ellebrechts Namen nie gehört. »Das war vor meiner Zeit. Hat er Familie? Kennen Sie seine Telefonnummer?«
Erik hatte alles erzählt, was er wusste. » Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie den Täter in seinem persönlichen Umfeld finden«, hatte er gesagt. »Steffen hatte keine Feinde. Vielleicht war es ein Racheakt? Ein Ganove, den er in den Knast gebracht hat ? «
Doch Kommissar Annegarn hatte ihn gebeten, sich mit solchen Vermutungen zurückzuhalten. Nachdem Erik seine Personalien hinterlassen hatte, wurde er wie alle anderen aus der Bahnhofshalle geschoben und konnte von draußen noch eine Weile zuschauen, wie die Flensburger Kollegen mit ihrer Arbeit begannen. Aber nicht lange, denn bald schon spürte er wieder eine Hand auf seinem Arm.
»Hier gibt es nichts mehr zu sehen«, sagte ein Kollege in grüner Uniform. »Gehen Sie bitte weiter. Der Bahnhof wird kurzfristig geschlossen. «
Ohne diesen Hinweis hätte Erik sich in den nächsten Zug gesetzt und wäre nach Sylt zurückgefahren. So aber tastete er sich durch den Nebel zu dem Restaurant am Hafen, wo er einen Tisch für zwei Personen reserviert hatte. Er bestellte Matjesfilets mit Bratkartoffeln, wie er es sich vorgenommen hatte. Während der Fahrt über den Hindenburgdamm hatte er sich darauf gefreut.
Während er aß und sein Bier trank, starrte er den leeren Stuhl und das unbenutzte Gedeck an. Steffen Ellebrecht! Sein Kollege hatte oft davon gesprochen, dass er sich vor der Rache einiger Schwerverbrecher fürchtete. Aber seit er nicht mehr im Dienst war, hatte er sich sicherer gefühlt. Die anonymen Drohungen hatte er Stück für Stück vergessen können …
Kaum hatte Erik das Besteck zur Seite gelegt, erschien die Bedienung an seinem Tisch. »Wie wär’s mit einem Küstennebel zur Verdauung?«, fragte sie mit resoluter Freundlichkeit.
Und Erik hatte sich zu schwach gefühlt, um ausgerechnet ein Getränk mit diesem Namen abzulehnen. Er hatte die milchig-weiße Flasche mit dem blauen Etikett betrachtet, die ihm die Kellnerin hinhielt, und genickt. Als er das Glas geleert hatte, spürte er die Wärme, die der Schnaps in seinem Körper erzeugte, und fühlte sich tatsächlich besser.

 

Als Erik zum dritten Mal erwachte, hatte sich der Nebel aufgelöst. Er würde sich dem Tag stellen müssen, die Erinnerung an Steffen Ellebrechts Tod in sich einschließen. Bloß nicht darüber reden! Lucia hätte er natürlich davon erzählt, gleich nach seiner Heimkehr hätte er sich seine Erschütterung von der Seele geredet, hätte sich von ihr trösten lassen. Aber die lautstarke Ergriffenheit seiner Schwiegermutter, ihre vielen Worte, ihre großen Gesten hätte er nicht ertragen. Insbesondere jetzt nicht, da es zwei Gäste in seinem Haus gab, mit denen er kein tieferes Gefühl teilen wollte. Sie waren ihm zu fremd.
Erik zog sich die Decke über die Ohren. Dabei wusste er genau, dass es keinen Sinn hatte, sich zu verstecken. Man würde ihn über kurz oder lang die Treppe hinunterlocken, in die Küche bugsieren, ihm etwas zu essen aufnötigen, ihn immer wieder fragen, ob das Treffen mit seinem früheren Kollegen lustig gewesen sei, ob er sehr viel getrunken habe und deswegen erst mit dem letzten Zug nach Sylt zurückgekehrt sei und ob er etwa bis in den hellen Tag hinein schlafen musste, weil er einen Kater hatte.
Italiener brachten kein Verständnis für Einsilbigkeit auf. Also würde er das berichten, was am nächsten Tag sowieso in der Zeitung zu lesen war. Dann würden alle, die da unten in der Küche auf ihn warteten, ein paarmal pflichtbewusst »Madonna!« und »Terribile!« rufen, aber anschließend über seinen Kopf hinweg über diesen Mord diskutieren. Und Erik würde schweigend danebensitzen, sich am liebsten die Ohren zuhalten, während alle auf einmal drauflosredeten, sich entweder gegenseitig zustimmten oder lauthals widersprachen und ihre Meinung mit Händen und Füßen untermauerten.
Auch jetzt wurde in der Küche heftig debattiert. Wenn Erik die Worte, die zu ihm hochdrangen, richtig verstand, ging es um die Frage, ob Silvia von Schweden ihrem königlichen Gemahl irgendeinen Seitensprung verzeihen solle. Eriks Schwiegermutter wusste anscheinend einiges über den Zustand der royalen Ehe, wozu es offenbar mindestens zwei gegensätzliche Ansichten gab, die lautstark vertreten wurden. Dazu prustete die Espressomaschine, Tassen klirrten, Stühle wurden gerückt, und nun erklang auch noch laute Klaviermusik aus seiner Stereoanlage. Es war nicht auszuhalten !
Stöhnend erhob Erik sich. An Schlaf war ohnehin nicht mehr zu denken. Auf dem Weg ins Bad warf er einen Blick nach unten und stellte fest, dass seine Tochter am Treppengeländer stand. Sie trug die Trainingskleidung, in die sie in den Ferien jeden Morgen schlüpfte und die sie erst wieder auszog, wenn sie zu Bett ging und es an diesem Tag kein Plié und keine Arabesque mehr zu üben gab. Kerzengerade stand sie da, mit einem Ernst, als stünde ihr ein Solo als sterbender Schwan bevor. Vor ihr hatte Luana sich aufgebaut, die Carolins Haltung korrigierte und sie mit Kommandos quälte, vor denen Erik eilig ins Bad flüchtete.
Deprimiert starrte er sein breites, kantiges Gesicht im Spiegel an, die blasse Haut, die müden Augen. Mit einer schwachen Geste strich er sich über seinen Schnauzer, das einzige Ziel seiner Eitelkeit. Der Schnauzer war ihm wichtig, ihn hatte er gern akkurat geschnitten, dagegen waren ihm seine Frisur und seine Kleidung eher gleichgültig. Was er anzog, musste bequem sein, das war die Hauptsache. Lucia hatte ihn oft gebeten, sich mal etwas Modisches zuzulegen, aber Erik hatte sich stets geweigert, in eine enge Jeans zu steigen, wenn er den Bauch einziehen musste, um sie zu schließen.
Mamma Carlottas Stimme war sogar bis in diesen stillen Raum zu hören. Zwar wurde das Leben für ihn leichter, wenn seine Schwiegermutter zu Besuch war und ihm die Sorge um den Haushalt und die Kinder abnahm, dass aber jeder ihrer Handgriffe von Lärm begleitet wurde, von Gesang, Verwünschungen, Selbstgesprächen oder Geschirrgeklapper, bereitete ihm Kopfschmerzen. Wenn dann noch italienische Verwandtschaft zu Gast war, kam es ihm an manchen Tagen sogar unerträglich vor. So wie heute! Schon zu Lucias Lebzeiten hatte er drei Mordfälle auf einmal herbeigesehnt, wenn Besuch aus Italien erwartet wurde.
Er versuchte, mit dem Geräusch des Wasserhahns die Pizzicato-Polka zu übertönen, die von unten heraufdrang, aber es gelang ihm nicht. Auch Luanas Stimme konnte er nur aussperren, wenn er die Dusche andrehte. »Erste Position! Schau auf deine Füße, Carolina! Und jetzt …!«
Erik stellte sich unter den heißen Wasserstrahl und genoss es, dass nur noch Rauschen und Prasseln zu hören war. Heißer Dampf legte sich auf die Fliesen und auf die Fensterscheiben, und für ein paar wunderbare Augenblicke fühlte er sich allein in seinem Haus. Aber nur, bis er die Dusche abgestellt hatte und anfing, sich abzutrocknen.
Nun war auch Tizios Stimme zu hören. »Carolina! Wo ist die Torta al limone?«
Der Sohn von Carlottas verstorbener Schwester war das letzte Mal zu Gast auf Sylt gewesen, als Lucia noch lebte. Den verwitweten Erik zu besuchen, war ihm nie in den Sinn gekommen. Kein Wunder! Erik wusste, dass die Verwandtschaft seiner Frau mit einem einsilbigen Friesen wie ihm nichts anfangen konnte und dass Lucia oft gefragt worden war, was sie nur an diesem Mann fand, der stundenlang über einem Buch hocken oder in eine Landschaft starren konnte, ohne ein Wort von sich zu geben.
Dass in Umbrien, wo er doch ab und an einen Besuch machen musste, über seinen Kopf hinweg geredet wurde, dass niemand auf eine Antwort wartete, wenn er aus Höflichkeit etwas gefragt worden war, dass er, wenn er mal etwas zum Gespräch beisteuerte, so erstaunt angesehen wurde, als hätte man seine Anwesenheit zwischenzeitlich vergessen – das wusste er natürlich auch.
Aber es machte ihm nichts aus. Im Gegenteil! Seit seine italienische Verwandtschaft über ihn hinwegsah, gestalteten sich seine Besuche ein wenig angenehmer. Das war der Kompromiss, den sie gefunden hatten – Erik, der Sylter, und die Mitglieder der weitverzweigten Familie Capella. Erik war anwesend, wie man das von einem angeheirateten Familienmitglied erwarten durfte, aber er störte nicht weiter. Und er musste sich selbst nicht mehr ständig stören lassen.
Seit Lucias Tod war er nur zweimal in Umbrien gewesen, und das auch nur seinen Kindern zuliebe, denen er den Kontakt zu den Verwandten ihrer Mutter erhalten wollte. Die müde Höflichkeit, mit der man ihm früher entgegengekommen war, hatte bei diesen letzten beiden Besuchen noch weiter abgenommen und war zu einer Gleichgültigkeit geworden, die Erik sehr angenehm fand. Lediglich seine Schwiegermutter hatte ihn ständig mit Essen bedrängt, ihn zum Espresso genötigt, auf Antworten bestanden, wenn sie ihm überflüssige Fragen stellte, und ständig von ihm wissen wollen, ob er sich im Elternhaus seiner verstorbenen Frau wohlfühle.
Trotzdem dachte Erik nicht gern an die Silberhochzeit, die ihm bevorstand. Er wusste nicht einmal, in welchem Verwandtschaftsverhältnis er und seine Kinder zu dem Jubelpaar standen. Aber dass er zu diesem Anlass nach Italien reisen musste, wusste er genau. Mamma Carlotta hatte es ihm unmissverständlich klargemacht.
Seufzend stutzte er seinen Schnauzer zurecht und rasierte sich das Kinn. Blieb nur zu hoffen, dass sich auf Sylt in den nächsten Tagen ein Kapitalverbrechen ereignete und die Staatsanwältin sein Urlaubsgesuch ablehnte. Er strich über seine Haare, stellte fest, dass ein paar graue hinzugekommen waren, und fand sich reizlos und unattraktiv.
Die Stereoanlage gab noch immer keine Ruhe, während Erik in seine weiten, bequemen Bermudas stieg und sich ein altes T-Shirt über den Kopf zog. Mamma Carlotta redete ununterbrochen auf den Kuchen ein, der sich anscheinend nicht schneiden lassen wollte, Luanas Stimme wiederholte unermüdlich: »Und hoch und ab, dann die zweite Position! Und hoch und ab …«
Tizio übertönte das Ganze mit der mehrfach vorgetragenen Frage, wo sich die Auflagen für die Sonnenliegen befänden, und Mamma Carlotta antwortete mit einer so komplizierten Beschreibung des Aufbewahrungsortes, dass Tizio vermutlich noch dreimal nachfragen würde. Währenddessen raste Felix als Formel-1-Pilot die Treppe hinab, Mamma Carlotta kam urplötzlich auf die Idee, die Pizzicato-Polka mit ihrem Gesang zu begleiten, und Tizio hatte anscheinend für Durchzug gesorgt, weshalb die Wohnzimmertür ins Schloss knallte und alle anderen derart laut mit ihm schimpften, dass die Klaviermusik kaum noch zu hören war.
Erik dachte darüber nach, den Tag außer Haus zu verbringen, obwohl er an diesem dienstfreien Sonnabend eigentlich den Gartenzaun streichen wollte. Aber jeder Ort, an dem es ruhig war, kam ihm besser vor als sein eigenes Haus.

 

Mamma Carlotta fühlte sich großartig, als sie die Haustür hinter sich ins Schloss zog und kurz darauf das Fahrrad aus dem Schuppen holte. Endlich war mal Leben im Hause Wolf am Süder Wung! Bei jedem ihrer Besuche hatte sie darüber geklagt, dass es dort viel zu ruhig zuging. Erik und Carolin waren so verschlossen wie alle anderen Friesen und antworteten auf ihre Fragen oft derart einsilbig, dass es einfacher war, sich mit der Fliege an der Wand zu unterhalten. Ein schrecklicher Zustand für Carlotta Capella! Zum Glück redete und lachte Felix genauso gern wie seine italienischen Vorfahren und freute sich über jedes Wort, das seine Nonna an ihn richtete.
Sie schob das Fahrrad auf die Straße und atmete tief ein. Herrlich, diese würzige Luft! Viel zu kalt natürlich für einen Sommertag, aber Mamma Carlotta hatte sie mittlerweile lieben gelernt, die klare Luft auf Sylt, die immer ein wenig nach Salz roch, die leichter war als die warme Luft in Umbrien, blumiger und aromatischer.
Inzwischen liebte sie auch das Meer, das ihr anfänglich Angst gemacht hatte, den Himmel, der über Sylt weiter zu sein schien als über ihrem Dorf in Umbrien, und sogar den Wind, der hier allgegenwärtig war. Schade nur, dass die Menschen, die auf Sylt lebten, genauso rau waren wie das Nordseeklima. Wenn sie ihnen »Buon giorno!« entgegenrief, antworteten sie mit einer gequälten Silbe, die erst zerquetscht und dann gestreckt wurde: »Moin!«
Auch die junge Frau, die ihr gerade entgegenkam, nuschelte ihr diesen Gruß zu. Sie half manchmal beim Bäcker aus und redete so leise, undeutlich und sichtlich ungern, dass Mamma Carlotta ihr noch nichts von ihrer Lebensgeschichte hatte entlocken können.
Eriks Assistent Sören Kretschmer gehörte ebenfalls zu denen, die langsam und leise redeten, dem Gerichtsmediziner war südländisches Temperament ebenfalls fremd, und der Chef der Spurensicherung, der gelegentlich ins Haus kam, erschrak sogar, wenn in seiner Gegenwart laut gelacht wurde. Auch Fietje und Tove, ihre heimlichen Freunde in Wenningstedt, waren so träge und gemütsarm wie alle anderen Sylter.
Umso mehr freute Mamma Carlotta sich über den Besuch ihres Neffen. Und dass er seine Freundin mitgebracht hatte, hatte die Freude noch größer gemacht. Jedenfalls anfänglich …
Sie war entzückt gewesen, als sie hörte, dass Tizio die Frau fürs Leben gefunden hatte – bis sie Luana kennengelernt hatte. Hübsch war sie, kein Zweifel, sehr hübsch sogar. Sie hatte ein schmales Gesicht, große Augen, eine kleine Nase und ausdrucksvolle Lippen. Ihre langen, dunklen Haare hatte sie wohl dem Erbteil ihrer Mutter zu verdanken, die Italienerin gewesen war, die helle Haut stammte vermutlich von ihrem deutschen Vater. Und ihre Figur war atemberaubend. Schlank, aber mit den richtigen Rundungen an den rechten Stellen.
Allerdings hatte Mamma Carlotta vom ersten Augenblick an den Verdacht gehabt, dass Luana ihre wahren Gefühle versteckte: Langeweile, Überdruss, Unlust. All das sprach nicht nur aus ihrem Blick, sondern auch aus der Körperhaltung. Und was Mamma Carlotta am wenigsten leiden konnte: Luana verschloss sich sofort, wenn es um ihr Leben, ihre Vergangenheit und ihre Familie ging. Sie hörte sich an, was Mamma Carlotta zu erzählen hatte, aber selbst antwortete sie nur ausweichend, am liebsten überhaupt nicht. Sobald Fragen auf sie zukamen, machte sie Carolin den Vorschlag, gemeinsam ein paar Pirouetten zu drehen, und entzog sich so dem Interesse an ihrer Person. Dass sie ständig ihr Handy am Ohr hatte, machte sie auch nicht sympathischer, vor allem, dass sie sämtliche Gespräche im Flüsterton führte und niemals erwähnte, von wem sie angerufen worden war und worum es in dem Gespräch gegangen war, gefiel Mamma Carlotta gar nicht.
Und seit sie einsehen musste, dass Luana vom Kochen nichts verstand und immer gerade ihre Nägel lackierte, wenn Gemüse geputzt werden musste, war es mit der Sympathie für Luana stetig bergab gegangen. Wie konnte Tizio sich in eine solche Frau verlieben? Wie konnte er ernsthaft in Erwägung ziehen, Luana zu heiraten? Er brauchte eine Frau, die mit seinem kleinen Gehalt die Familie durchbringen konnte, und nicht eine, die den größten Teil davon für Kosmetik, Modeschmuck und Miniröcke ausgab!
Nachdenklich schob Mamma Carlotta das Fahrrad auf die Straße. Wenn sie wenigstens wüsste, ob Luana aus so geordneten Verhältnissen stammte, dass man sie als Mitglied der Familie Capella akzeptieren konnte! Aber Luana redete, wenn überhaupt, über ihre verstorbene Mutter und wich allen Fragen nach ihrem Vater aus. Nur dass Luana keine Geschwister hatte und ihre Mutter an einer Herzkrankheit gestorben war, hatte Mamma Carlotta bisher in Erfahrung gebracht. Alles andere hüllte Luana in Schweigen.
Mamma Carlotta bog vom Süder Wung in die Westerlandstraße ein, um zu Feinkost Meyer zu fahren. Wenn Gäste im Hause waren, konnte das Essen gar nicht opulent genug sein! Sie freute sich darauf, statt nur für vier Familienmitglieder nun für sechs Leute zu kochen. Eine Personenzahl, bei der das Gemüseputzen, Schnippeln, Rühren, Braten und Abschmecken erst anfing, Spaß zu machen! Wenn sie sich nach dem Einkaufen einen Aperitif in Käptens Kajüte genehmigte, würde ihr die Arbeit in der Küche noch flotter von der Hand gehen.
Ihre kurzen dunklen Locken flogen, der Rock des roten Sommerkleides, das sie sich in der Friedrichstraße von Westerland gekauft hatte, flatterte. Sie hob die linke Hand vom Lenker, um den Rock in der Nähe ihrer Knie festzuhalten, aber als das Rad zu schwanken begann, nahm sie das kleinere Risiko in Kauf und gestattete ihrer Mitwelt einen Blick auf ihre Oberschenkel, die seit fast vierzig Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hatte, der nicht zu ihrer Familie gehörte. Vorsichtshalber legte sie den Kopf in den Nacken, damit sie selbst nicht mit ansehen musste, wie ihre Beine sich zeigten, als gehörten sie zu einem jungen Mädchen.
In ihrem Dorf hätte sie sich damit alle gleichaltrigen Frauen zu Feindinnen gemacht. Dort hatte sie sich schon rechtfertigen müssen, als sie nach dem Tod ihres Mannes von einer dicken Mamma zu einer molligen Mittfünfzigerin geworden war, die ohne Haarknoten von Sylt zurückgekehrt war und seit ihrem ersten Besuch sogar mit Lockenstab und Lippenstift umgehen konnte. Eine Sensation für die schwarz gekleideten Witwen von Panidomino!
Sie war gerade auf der Höhe der Touristinformation angekommen, als sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Mann bemerkte. Er war von undefinierbarem Alter, nicht besonders groß und hatte einen zierlichen Körperbau. Leicht gebeugt ging er und bewegte sich mit schleppenden Schritten voran. Von seinem Gesicht war nicht viel zu erkennen, denn der ungepflegte Bart überwucherte nicht nur sein Kinn, sondern wuchs ihm sogar die Wangen hoch. Auf dem Kopf trug er eine Strickmütze mit einem dicken Bommel, die er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass sie sogar seine Brauen verdeckte. Fietje Tiensch, der Strandwärter von Wenningstedt, der am Ende der Seestraße Dienst tat! Jedenfalls dann, wenn er seine Pflichten nicht vergaß und einem Glas Jever in Käptens Kajüte den Vorzug gab.
Mamma Carlotta stieg vom Rad und versuchte, ihn auf sich aufmerksam zu machen. »Fietje! Huhu!«
Aber Fietje Tiensch sah weder nach rechts noch nach links. Wer nicht genau hinschaute, konnte glauben, dass er mit seinen Gedanken woanders war und schon das kühle Jever vor sich sah, das er auf dem Weg zu seinem Strandwärterhäuschen in Käptens Kajüte trinken würde. Aber Mamma Carlotta merkte schnell, dass Fietjes Gleichmut nur gespielt war. Urplötzlich machte er einen Schritt zur Seite, duckte sich blitzschnell und gab vor, an dem Modeangebot von Annanitas Modestübchen interessiert zu sein, vor dessen Schaufenstern auf zwei Ständern die Sonderangebote präsentiert wurden. Fietje und Mode? Das passte so wenig zusammen wie Fietje und Karriere oder Fietje und gesunde Ernährung.
Was aber zu Fietje Tiensch gehörte und was ihm schon eine Menge Ärger eingebracht hatte, war das Spannen. Schon mehr als einen Konflikt hatte er deswegen mit Erik Wolf gehabt, bei dem sich wütende Kurgäste beschwerten, weil Fietje ihnen ins Schlafzimmer geguckt hatte. Die Kurverwaltung hatte Fietje abgemahnt und ihm mit Kündigung gedroht, wenn er nicht aufhörte, heimlich das Leben fremder Menschen zu beobachten.
Noch immer beschäftigte er sich mit dem Angebot pastellfarbener Hosen und strassbesetzter T-Shirts, ohne einen Mann aus den Augen zu lassen, den Mamma Carlotta nur kurz von hinten sehen konnte. Kaum hatte sie den Hals gereckt, war er schon um die Hausecke verschwunden. Prompt schlich Fietje ihm hinterher.
Kopfschüttelnd blickte Mamma Carlotta ihm nach, wie er genauso flink hinter der Hausecke verschwand wie sein Opfer. Was mochte Fietje an diesem Mann interessieren? Sonst war er nachts unterwegs, um sich in das Intimleben anderer zu schleichen, die vergessen hatten, die Vorhänge zuzuziehen. Sie würde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen. Fietje durfte nicht noch einmal auffällig werden, wenn er seinen Job als Strandwärter behalten wollte.
Sie bog nach rechts in die Hauptstraße ein und fuhr auf Feinkost Meyer zu. Besser war es, erst die Einkäufe fürs Abendessen zu erledigen, bevor sie Fietje ins Gewissen reden würde. Natürlich musste sie darauf achten, es mit den Vorhaltungen nicht so weit zu treiben, dass die Freundschaft, die sie zu Fietje Tiensch und dem Wirt der Imbissstube unterhielt, in Gefahr geriet. Die beiden hatten sich in ihrem Leben schon zu oft anhören müssen, dass etwas aus ihnen geworden wäre, wenn sie auf die Ermahnungen von Menschen gehört hätten, die es gut mit ihnen meinten.
Trotzdem würde Mamma Carlotta ihren erzieherischen Auftrag als Schwiegermutter eines Kriminalhauptkommissars ernstnehmen und erst dann unauffällig dazu übergehen, sich mit einem kleinen Glas für die Arbeit in der Küche in Schwung zu bringen. Vielleicht hatte Tove Griess wieder Rotwein aus Montepulciano bestellt, wie er es immer tat, wenn die Schwiegermutter von Hauptkommissar Wolf auf Sylt erwartet wurde. Und da Fietje Tiensch seine gesamte Freizeit in Toves Imbissstube verbrachte, war die Chance, ihn dort anzutreffen, sehr groß. Fietje Tiensch hatte keine Familie, keine Freunde, niemanden, der auf ihn achtgab, er brauchte jemanden, der ihn zurückhielt, wenn er auf direktem Wege in irgendeinen Schlamassel war. Er brauchte jemanden wie Mamma Carlotta! Jedenfalls gelegentlich.
Sie fühlte sich wohl. Der Besuch der heruntergekommenen Imbissstube würde also einem wohltätigen Zweck folgen, das machte es ihr leichter, Eriks Wünschen zuwiderzuhandeln, der sie eindringlich vor Käptens Kajüte gewarnt hatte. Die war schon mehrmals vom Gewerbeaufsichtsamt geschlossen worden, der Wirt galt als gewalttätig und cholerisch und kannte die Gefängniszelle im Polizeirevier Westerland besser als jeder andere Sylter.
Und was von Fietje Tiensch, dem inselbekannten Spanner, zu halten war, hatte Erik ihr auch gründlich erklärt. Seitdem war er der Meinung, dass seine Schwiegermutter bei ihrem ersten Besuch nur ein einziges Mal versehentlich in diese Spelunke geraten war, weil Tove Griess einen guten Rotwein aus Montepulciano ausschenkte und sie keine Ahnung gehabt hatte, welch anrüchiges Etablissement sie betrat. Erik ging davon aus, dass sie seitdem einen großen Bogen um Käptens Kajüte machte. Und diese Überzeugung wollte sie auf keinen Fall erschüttern.
Leider dauerten ihre Einkäufe länger, als sie gedacht hatte. Die Zucchini für die Vorspeise hatte sie lange befühlen und sich dann mit einer anderen Kundin beraten müssen, ob sie schon zu weich waren und ob der Auskunft des Verkäufers zu trauen war, dass sie erst an diesem Morgen bei Feinkost Meyer angeliefert worden waren.
Zu einem eindeutigen Ergebnis war sie nicht gekommen, aber als sie die Obst- und Gemüseabteilung verließ, wusste sie, dass die andere Kundin aus Köln stammte und zum ersten Mal allein Urlaub machte, weil es ihr im letzten Herbst endlich gelungen war, ihren untreuen Ehemann vor die Tür zu setzen. Während Mamma Carlotta die schönsten Artischocken für die Spaghetti ai carciofi aussuchte, hatte sie sogar noch erfahren, dass die betrogene Kölnerin sich an ihrem Ehemann gerächt hatte, indem sie, bevor sie die Scheidung verlangte, alles heimlich kopierte, was sie in seinem Schreibtisch fand. Auch die Auszüge von dem Liechtensteiner Konto! Und da der Mann neben seiner Ehefrau nicht auch noch seinen Ruf verlieren und die schicke Eigentumswohnung auf keinen Fall gegen eine Gefängniszelle eintauschen wollte, hatte er ihr zähneknirschend alles überlassen, was sie haben wollte. Für eine so spannende Geschichte konnte man sich schon mal etwas länger in der Gemüseabteilung aufhalten.
Sie war ein wenig außer Atem, als sie ihr Fahrrad vor Käptens Kajüte abstellte. Die beiden Einkaufstaschen, die am Lenker baumelten, hätte sie gern dort hängen lassen, aber die Kassiererin von Feinkost Meyer hatte ihr von den Diebstählen erzählt, die immer dreister wurden. Wenn man auf Sylt seiner Einkäufe nicht sicher sein konnte, war es wohl besser, beide Taschen mit in die Imbissstube zu nehmen.
Schimpfend über die Last und über die Tatsache, dass heutzutage niemandem zu trauen sei, drückte sie mit dem rechten Ellbogen die Türklinke herunter, stieß mit dem linken Knie die Tür auf, schob sich durch den Spalt, der gerade groß genug war, und sorgte mit herausgereckter Kehrseite dafür, dass die Tür nicht vorzeitig ins Schloss zurückfiel. Prustend lehnte sie ihre Einkäufe an die Theke, dann sah sie den Wirt, der ihre Bemühungen interessiert verfolgt hatte, empört an. »Sie hätten mir ruhig helfen können!«
Tove Griess’ bärbeißiges Gesicht wurde noch missmutiger. »Was kaufen Sie auch so viel ein?«
Grimmig runzelte er die Stirn, aber als er unter die Theke griff und die Flasche mit dem Rotwein aus Montepulciano hervorholte, wusste Mamma Carlotta, dass er sich trotzdem über ihren Besuch freute.
Genau wie der Strandwärter Fietje Tiensch, der bei Mamma Carlottas Eintreten den Blick aus seinem Jever genommen hatte und nun freundlich lächelte. »Moin, Signora! Sie haben ja eingekauft, als stünde eine Hungersnot bevor!«
»Sì, sì!« Mamma Carlotta vergaß vorübergehend, dass sie Fietje die Leviten lesen wollte, und berichtete erst einmal ausführlich von den beiden Gästen, die das Haus ihres Schwiegersohns zurzeit beherbergte, von den vier Gängen, die sie zum Abendessen servieren wollte, wobei sie auch alle Gerichte erwähnte, die sie zunächst in Erwägung gezogen hatte, und sämtliche Gründe schilderte, die sie bewogen hatten, sich anders zu entscheiden. Danach sah Fietje schon so verwirrt aus, dass sie darauf verzichtete, auch noch die Rezepte zu erläutern.
Und dann fiel ihr ein, warum sie hergekommen war. »Allora, Fietje … Was habe ich gesehen? Vor einer Stunde? He? Was war so … molto interessante an diesem Mann? Warum mussten Sie ihm hinterherschleichen?«
Fietje schien zu glauben, dass er mit der Bestellung eines weiteren Jever von Mamma Carlottas Frage ablenken könne. Aber natürlich gelang es ihm nicht.
»Lo ammetta! Geben Sie es zu!«
Tove Griess betrachtete seinen einzigen Stammgast, als wollte er ihm nie wieder ein Bier vorsetzen. »Jetzt schon am helllichten Tag? Und auf offener Straße?«
Aber Fietje winkte ab. »Die Signora hat sich getäuscht.« Mamma Carlotta wurde hitzig, wie immer, wenn man ihr ein X für ein U vormachen wollte. Und wenn sie hitzig wurde, achtete sie nicht mehr auf ihre Worte und ihre Bewegungen. Tove Griess rückte daher das Rotweinglas von ihr weg und musste auf den nächsten Gast seiner Imbissstube verzichten, der den Kopf zur Tür hereinsteckte und ihn erschrocken zurückzog, als er Mamma Carlotta gestikulieren sah und schimpfen hörte.
»Wollen Sie mir weismachen, Sie interessieren sich für la moda? Ich weiß genau, dass Sie sich hinter dem Ständer mit den Sonderangeboten versteckt haben, damit der Signore Sie nicht sehen konnte.«
Fietje sah ein, dass er überführt war. » Ich dachte, ich kenne den Kerl«, räumte er widerwillig ein. »Von früher. Ein entfernter Verwandter …«
Damit wollte sich Tove Griess zwar zufriedengeben, nicht aber Mamma Carlotta. »Wenn man jemanden sieht, den man von früher kennt, dann geht man zu ihm und spricht ihn an. Erst recht, wenn es sich um einen Verwandten handeln könnte.« Sie sah Fietje kopfschüttelnd an. »Ein Cousin? Ein Neffe? Oder ein angeheirateter Verwandter?«
» Weiß ich nicht so genau «, druckste Fietje herum. » Außerdem habe ich mich wohl geirrt. Ich habe ihn lange nicht gesehen. Wahrscheinlich hatte der Mann nichts zu tun mit meinem … meinem Verwandten. Und eigentlich will ich den auch gar nicht wiedersehen. Also, ich meine … wenn er es gewesen ist, bin ich froh, dass ich kein Wort mit ihm geredet habe. Ich glaube, ich konnte ihn nie leiden.«
Fietje hielt erschöpft inne. So viele Sätze auf einmal überanstrengten ihn dermaßen, dass er nun erst mal das Bierglas ansetzen musste.
»Sie hätten ihn nach seinem Namen fragen können«, beharrte Mamma Carlotta. »Und wenn er tatsächlich Ihr Verwandter gewesen wäre, hätten Sie sich mit ihm ausgesprochen und versöhnt.«
Aber davon wollte Fietje nichts hören. »Mir liegt das nicht so wie Ihnen, Signora. Das Leute-Ansprechen, meine ich.«
»Auch nicht, wenn es um einen Verwandten geht?«
»Vielleicht war’s nur ein alter Bekannter.« Fietje versuchte es mit einem schiefen Grinsen. »Der Butler meiner Eltern.«
Mit diesem Scherz hoffte er offenbar, das Gespräch in eine andere Richtung lenken zu können, aber Mamma Carlotta war nicht so leicht von einem Thema wegzulocken, das ihr gefiel. Und alte Familiengeschichten gefielen ihr immer. Für sie gab es nichts Schöneres, als einem Fremden Einblick in die eigene Familiengeschichte zu geben und sich anzuhören, welche Freuden und Schicksalsschläge es in anderen gegeben hatte. Selbst jemand, der sich seiner Familie schämte, musste doch besser damit fertigwerden, wenn er so oft wie möglich darüber sprechen konnte!

Gisa Pauly

Über Gisa Pauly

Biografie

Gisa Pauly hängte nach zwanzig Jahren den Lehrerberuf an den Nagel und veröffentlichte 1994 das Buch »Mir langt’s – eine Lehrerin steigt aus«. Seitdem lebt sie als freie Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin in Münster, ihre Ferien verbringt sie am liebsten auf Sylt oder in Italien....

Medien zu »Küstennebel«

Pressestimmen

Brigitte

»Man muss sie einfach mögen, die italienische Miss Marple von Sylt... Und die Dialoge sind oft köstlich - wie die italienischen Menüs, die Mamma Carlotta andauernd kocht.«

Forum - das Wochenmagazin

»"Küstennebel" liest sich leicht und lädt zum Schmunzeln ein. Sylt-Liebhaber und Freunde der italienischen Küche finden sich wieder.«

Hamburger Morgenpost

»(...) unterhaltsamer Inselkrimi«

Rhein-Zeitung

»Gisa Pauly gelingt es, einem unterhaltsame Lesestunden zu verschaffen und mit viel Herz Charaktere zu zeichnen, die mal nordfriesischen Esprit besitzen und mal südländischen Charme.«

Krimi-Couch.de

Mamma Carlotta ist eine absolut liebenswerte Person.

Fragen und Antworten zu Gisa Pauly
Sie haben Fragen zum Autor? Wir haben das Wichtigste für Sie zusammengefasst.
Sind Bücher von Gisa Pauly verfilmt worden?
Momentan sind noch keine Filme rund um Mamma Carlotta geplant.
Wie heißt die aktuelle Neuerscheinung von Gisa Pauly?
Der aktuelle Roman von Gisa Pauly heißt »Venezianische Liebe« und ist im August 2017 erschienen.
Wie ist die Reihenfolge aller Bücher der Mamma Carlotta-Krimis von Gisa Pauly?
Alle Infos zur Krimi-Reihe von Gisa Pauly finden Sie hier: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/reihenfolge-der-mamma-carlotta-serie-von-gisa-pauly

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