Reihenfolge der Mamma-Carlotta-Serie von Gisa Pauly
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Die Krimis von Gisa Pauly

Mamma Carlotta ermittelt auf Sylt

Dienstag, 09. Oktober 2018 von Piper Verlag


NEWS

Gisa Pauly erhält den RTV-Literaturpreis!

Zum ersten Mal vergab in diesem Jahr die Fernsehzeitschrift rtv den »rtv-Literaturpreis«.

Über 10 Millionen Leser waren aufgerufen, ihre literarischen Favoriten zu nennen. 194 Namen wurden eingereicht, von Allende bis Zeh, quer durch alle Genres. Die meisten Stimmen erhielt Gisa Pauly, die mit unterhaltsamen Romane, vor allem den Sylt-Krimis um »Mamma Carlotta«, regelmäßig in den Bestsellerlisten vertreten ist. Auf den Plätzen zwei und drei folgten Sebastian Fitzek und Charlotte Link.

»Ein solcher Publikumspreis ist mir viel mehr wert als der einer Fachjury. Ich schreibe ja nicht für Fachleute, sondern für die breite Leserschaft«, freut sich die 71-jährige Schriftstellerin, als sie vom Gewinn des »rtv-Literaturpreis« erfuhr. Im Interview mit rtv betonte sie außerdem, dass Spaß die Treibfeder für Ihr Schreiben sei und sie nicht ans Aufhören denke: »Ich will schreiben, so lange ich kann!«

Lesen Sie das exklusive Interview mit Gisa Pauly!

Das Interview wird in der rtv-Ausgabe 41 veröffentlicht

Sylt-Krimis

In den turbulenten Sylt-Krimis von Gisa Pauly prallt das Temperament von Mamma Carlotta auf die Mentalität der Inselbewohner, vor allem aber mischt sich die Italienerin immer wieder in die polizeilichen Ermittlungen ihres friesisch-wortkargen Schwiegersohns ein. Wer Rita Falk und den Eberhofer mag, wird auch von Mamma Carlotta begeistert sein.

Mamma Carlottas 12. Fall

Mamma Carlotta ist über alle Maßen stolz auf ihre Enkelin Carolin, hat diese doch einen der begehrten Ausbildungsplätze im neuen Edelhotel »Frangiflutti«, zu Deutsch: »Wellenbrecher«, ergattert! Kaum ist die resolute Italienerin auf Sylt gelandet, macht sie sich auf, um Carolins neuen Arbeitsplatz zu inspizieren – sehr zum Leidwesen ihrer Enkelin. Was für ein Glück, dass sich herausstellt, dass die Frau des Hoteliers eine alte Bekannte aus Italien ist, und Carlotta gar keine Ausrede braucht, um sich im »Frangiflutti« aufzuhalten. Als dann einer der Kellner des Hotelrestaurants von einem Tag auf den anderen verschwindet und Hauptkommissar Erik Wolf die Ermittlungen aufnimmt, findet auch Carlotta eine Spur. Doch nicht im Traum hätte sie gedacht, dass diese direkt nach Italien führt, mitten hinein in eine große Betrugsgeschichte.

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WellenbrecherWellenbrecher

Ein Sylt-Krimi

Mamma Carlotta freut sich, als ihre Enkelin Carolin eine Ausbildung als Hotelkauffrau beginnt. Das neue Hotel in Wenningstedt, »Frangiflutti«, ist aber auch eine besonders feine Adresse. Als ein Kellner des Hotelrestaurants spurlos verschwindet, übernimmt Kriminalhauptkommissar Erik Wolf den Fall. Dabei stößt er auf eine unglaubliche Geschichte. Seine Schwiegermutter entdeckt derweil eine Spur, die nach Italien führt. Dabei geht es um Wein, einen großen Betrug, eine Million, und um die Staatsanwältin ...
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Carlotta Capella duckte sich hinter einer großen Palme, griff nach einer Zeitung, faltete sie auseinander und versteckte sich dahinter. Wenn sie sich unauffällig verhielt, würde niemand auf sie aufmerksam werden. Diskretion war zwar nicht gerade ihre Stärke, aber in diesem Fall musste sie wenigstens so tun, als kümmerte sie sich nur um das, was sie etwas anging. Niemand sollte merken, worauf es ihr wirklich ankam.

Sie lugte über den Rand des Zeitungsblatts auf die Menschen in ihrer Nähe. Zwei Männer in Business-Anzügen, mit gelangweilten Gesichtern und wichtig aussehenden Aktentaschen neben sich, zwei weitere mit einem Laptop auf dem Schoß und eine Dame in ihrem Alter, die auf jemanden zu warten schien. Sie blickte immer wieder zu den Aufzügen und dann auf ihre Armbanduhr. Unter anderen Umständen hätte Mamma Carlotta sie angesprochen, hätte im Nu herausgefunden, mit wem die Dame verabredet war, und ihr geraten, sich an das junge Mädchen an der Rezeption zu wenden, das sicherlich gern für sie in dem Hotelzimmer anrufen und nachfragen würde, wann der Gast in die Lobby kommen wolle, der die Dame warten ließ. Bis dieser endlich erschienen wäre, hätte Carlotta einen kurzen Überblick über ihr Leben gegeben, hätte von ihrem Heimatdorf in Umbrien erzählt, von ihren sieben Kindern, ihrem verstorbenen Mann und der Familie ihrer Tochter auf Sylt. Aber sie hielt sich zurück. Schon nach dem ersten Satz wäre es ja mit der Unauffälligkeit vorbei gewesen. Carlotta Capella konnte unmöglich leise reden, konnte nicht auf große Gesten verzichten, lachte gern laut heraus und verhielt sich mit Vorliebe so, dass alle Anwesenden sich nach ihr umdrehten.

Und das wäre in diesem Fall natürlich genau das Falsche gewesen.

Also beließ sie es dabei, am Zeitungsrand vorbeizuschauen, die Rezeption im Auge zu behalten und dort das junge Mädchen in der Uniform des Hotels Frangiflutti zu beobachten. Wie eifrig sie ihre Arbeit verrichtete! Welche Mühe sie sich gab, alles richtig zu machen! Sogar die Augen des Chefrezeptionisten ruhten wohlwollend auf ihr, wenn sie einen neuen Gast mit großer Freundlichkeit begrüßte und dafür sorgte, dass sein Gepäck ins Zimmer gebracht wurde. Erst vor ein paar Tagen hatte sie in dem neuen Hotel von Wenningstedt angefangen, und schon präsentierte sie sich, als stünde sie bereits seit Jahren an dieser Hotelrezeption. Der Stolz weitete Mamma Carlotta das Herz. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer Strickjacke, als brauchte es mehr Platz, als könnte es aus ihrem Brustkorb springen. Für dieses wunderbare Gefühl, von dem nur Menschen etwas wissen, die sich selbst in einem Kind wiedererkennen, lohnte es sich, etwas zu tun, was ihr Ärger einbringen würde, wenn sie dabei erwischt wurde.

Lange hatte Carolin gezögert. Sollte sie Lehrerin werden und ein Studium auf dem Festland beginnen oder sich fürs Hotelfach entscheiden? Erik hatte seine Tochter von dem Studium überzeugen wollen, aber Mamma Carlotta war froh gewesen, als die Entscheidung für die Ausbildung in einem Hotel gefallen war. So blieb ihre Enkelin fürs Erste auf Sylt, in der Obhut der Familie, und musste sich nicht den vielen Gefahren einer Großstadt aussetzen, in der sie niemanden kannte und sich womöglich einsam fühlen würde. Carolin war ja anders als ihre italienischen Verwandten. Die machten dort, wo sie fremd waren, so lange auf sich aufmerksam, bis sie bekannt waren wie bunte Hunde, was meistens nicht lange dauerte. Carolins verstorbene Mutter war so gewesen, ihr Bruder Felix war so, und sie selbst, die Nonna, natürlich auch. Aber Carolin kam ja ganz nach Erik, war ruhig, besonnen, gewissenhaft und leise.

Sie hatte es schwerer, Anschluss zu finden und sich in fremder Umgebung einzuleben. In Gedanken nannte Mamma Carlotta das Friesisch-Herbe von Schwiegersohn und Enkelin manch- mal sogar steif und humorlos, aber das hätte sie niemals laut ausgesprochen.

Gerührt betrachtete sie Carolin. Wie groß sie geworden war! Gestern noch ein Kind und heute eine junge Dame. Seit sie ihr Abitur bestanden und den Führerschein gemacht hatte, war sie mit einem Mal erwachsen geworden. Sogar das hochtoupierte Haarnest hatte sie aufgegeben, das sich während des Abiballs noch auf ihrem Kopf getürmt hatte, und die Haarspiralen vor ihren Augen gab es auch nicht mehr. Carolin achtete mittlerweile auf eine seriöse Wirkung und verzichtete nun auch auf das, was ihr Vater Kriegsbemalung nannte. Der Hotelbesitzer hatte während des Bewerbungsgesprächs ohne jedes Zartgefühl darauf hingewiesen, dass er an seiner Rezeption niemanden zu sehen wünsche, der in einer Parfümerie als lebende Werbefläche für auffällige Kosmetika noch gerade so durchging. Das hatte gereicht, während zuvor keine einzige familiäre Ermahnung gefruchtet, sondern nur dazu geführt hatte, dass der Lidstrich noch dicker wurde, der Lippenstift von knallrot zu dunkellila und der Teint zu einem kränklichen Puderweiß wechselte. Eriks Hinweis, Carolin habe Ähnlichkeit mit der Wasserleiche, die kürzlich aus dem Lister Hafen gezogen worden war, hatte leider auch nicht zum gewünschten Ergebnis geführt.

Mamma Carlotta duckte sich tiefer, als ihre Enkelin in ihre Richtung sah. Nachdem sie ein einziges Mal während des Frühstücks vernehmbar darüber nachgedacht hatte, wie schön es wäre, Carolin einmal in ihrem neuen Wirkungsfeld zu erleben, um stolz auf sie sein zu können, war sie gewarnt worden. »Wehe, jemand von der Familie taucht in der Lobby des Frangiflutti auf! Das wäre ja so was von peinlich.«

Aber konnte man einer Nonna verbieten, an einem neuen Lebensabschnitt ihrer Enkelin teilzuhaben? Nein! Mamma Carlotta wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, wie Carolin zurechtkam, und sich nicht auf ihre viel zu knappen Berichte verlassen müssen.

Bestens kam sie zurecht, das war unschwer zu erkennen. Mamma Carlotta war sehr beruhigt, dass ihre Enkeltochter weder durch besondere Schüchternheit noch durch Einsilbigkeit auffiel, wie ihre Nonna befürchtet hatte. Ja, Carolin hatte sich für die richtige Ausbildung entschieden! Mamma Carlotta war sich nun ganz sicher. Sie konnte wieder nach Hause gehen, voller Stolz auf ihre Enkelin und angefüllt mit den schönen Erinnerungen an die Zeit, als sie ein Baby gewesen war.

Sie erhob sich vorsichtig, ließ sich aber gleich wieder zurücksinken, als sie merkte, dass Carolins Blick durch die Lobby wanderte. Besser noch ein paar Minuten warten, bis Carolin abgelenkt war. Dann würde Carlotta zum Strand gehen, dort in den Himmel blicken und Lucia sagen, dass aus ihrer Tochter eine angehende Hotelkauffrau geworden war, auf die sie sehr stolz sein konnte. Vielleicht würde sie dort Fietje Tiensch, dem Strandwärter von Wenningstedt, begegnen und könnte ihm von ihrer Enkeltochter erzählen, die mit einem Mal erwachsen geworden war und auf dem besten Weg, im Hotelfach Karriere zu machen. Anschließend würde sie natürlich noch in Käptens Kajüte einkehren und dort ebenfalls zum Besten geben, was sie zurzeit am meisten bewegte: der Stolz einer Großmutter. In der Imbissstube würde sie auch zur Diskussion stellen, ob eine Enkelin das Recht hatte, ihrer Oma einen wichtigen und noch dazu brandneuen Teil ihres Lebens vorzuenthalten, indem sie ihr verbot, sich dort blicken zu lassen, wo sich dieses neue Leben abspielte. Carolin wusste doch, dass es für ihre Nonna nichts Schlimmeres gab, als von Neuigkeiten in der Familie ausgeschlossen zu werden. Was ihren Nachkommen wichtig war, hatte auch für Mamma Carlotta allergrößte Bedeutung. Und dass man ihr ständig unterstellte, Einfluss nehmen zu wollen...Mamma Carlotta wollte gerade in Gedanken diesen Verdacht empört zurückweisen, da kamen ihr die Worte ihres verstorbenen Mannes in den Sinn. »Misch dich nicht in alles ein, Carlotta. Die Kinder müssen auf ihre Art glücklich werden.«

Hatte sie etwa jemals etwas anderes im Sinn gehabt? Selbstverständlich wollte sie nur, dass die Kinder glücklich wurden. Notfalls auch auf ihre eigene Art, wenn es gar nicht anders ging. »Ich möchte lediglich an ihrem Leben teilhaben. Als Zaungast!«

Dino war damals schon sehr krank gewesen und hatte nicht mehr oft gelacht. In diesem Augenblick jedoch war das Lächeln kurz zurückgekehrt. »Zaungast? Du bist immer mittendrin im Spiel, und im Nu rennst du als Mittelstürmer aufs Tor los.«

Sie erinnerte sich noch, dass sie diesen Vergleich sehr unpassend gefunden hatte und froh gewesen war, lang und breit darüber lamentieren zu können, dass Dino das Leben mit einem Fußballspiel verglich. Erst recht, dass er sich seine Frau in einem Trikot, mit einem Ball vor den Füßen und im Sturm aufs Tor vorstellen konnte. Darüber hatte sie so lange geredet, bis der eigentliche Gesprächsgegenstand vergessen und Dino eingeschlafen war. Von einem Problem mit vielen Worten abzulenken, gehörte zu Carlottas Spezialitäten, das war damals schon so gewesen und heute nicht anders.

Carolin nahm gerade ein Telefongespräch an. Carlotta hörte ihre Stimme, die nicht leise und unbeholfen klang, sondern kräftig und selbstbewusst. »Hotel Frangiflutti, buon giorno. Sie sprechen mit Carolina. Was kann ich für Sie tun?«

Mamma Carlotta traten Tränen der Rührung in die Augen. Ihre kleine Bambina! Gestern noch hatte sie Carolin die Schuhe geschnürt und die Nase geputzt, und heute repräsentierte sie erfolgreich ein großes Hotel! Ein italienisches Hotel wohlgemerkt, mit einem Namen, der italienisch war, in der Übersetzung aber sehr gut nach Sylt passte. Wellenbrecher! Hier sollten die Gäste am Telefon mit ein paar italienischen Ausdrücken empfangen werden, das erwartete der Hotelbesitzer, dem es um eine besondere Note ging. Carolin hatte den Ausbildungsplatz auch deswegen bekommen, weil sie die Tochter einer italienischen Mutter war und Grundkenntnisse in der italienischen Sprache besaß. Vor allem aber, davon ließ Mamma Carlotta sich nicht abbringen, weil sie jemand war, der die Fähigkeiten für einen Job im Hotelgewerbe mitbrachte und es dort zu etwas bringen würde.

An dieser Überzeugung änderte auch der ratlose Gesichtsausdruck nichts, den Carolin nun aufsetzte. Dass ihre Enkelin eine Frage nicht beantworten konnte und den Hörer an ihren Chef weiterreichte, war völlig normal. Schließlich hatte sie ihre Ausbildung erst vor ein paar Tagen begonnen.

Aber dass aus der Unsicherheit in ihrer Miene nun schlagartig blanker Zorn wurde, ließ sich nicht einfach beiseiteschieben. Wütend starrte Carolin zur Eingangstür. Mamma Carlotta fuhr herum. Was war da los?

Ein sechzehnjähriger Junge betrat das Hotel, der nicht hierher passte. Er trug durchlöcherte Jeans, ein T-Shirt, das aussah, als hätte er darin gerade ein Fußballtraining absolviert, und eine Gitarre auf dem Rücken. Seine langen dunklen Locken waren im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden, in seinen Ohren blitzten mehrere Stecker und Ringe, in seinem Gesicht ein spitzbübisches Lächeln. Das wurde noch breiter, als er Carolins wütendes Gesicht sah.

»Können Sie mir sagen, wie das Kulturprogramm von Wenningstedt aussieht? Gibt’s heute Abend ein Konzert, eine Lesung oder ...«

Zum Glück telefonierte Carolins Chef immer noch, so hörte er hoffentlich nicht, dass die neue Auszubildende eine Frage mit den Worten unterbrach: »Zieh Leine, und zwar ein bisschen dalli, du Schietbüdel!«

Felix’ Grinsen wurde noch eine Spur breiter. »So springt man hier mit den Gästen um?«

»Du bist kein Hotelgast. Also verschwinde!«

Mamma Carlotta sah sich heimlich nach einem Fluchtweg um. Sie hatte sich zwar vorgenommen, sich wie eine vornehme Dame zu verhalten, die es sich leisten konnte, im Frangiflutti zu logieren, und dafür extra das dunkle Kleid angezogen, das sie vorsichtshalber in den Koffer gepackt hatte. Man wusste ja nie, ob es während ihres Aufenthalts auf Sylt eine Beerdigung geben würde, zu der sie passend gekleidet sein musste. Dieses Kleid hatte zum Glück einen weiten Rock, der große Schritte zuließ. Gut, dass sie sich nicht für das schwarze Kostüm mit dem unbequemen Rock entschieden hatte. In diesem Kleid würde ihr die Flucht gelingen. Hinter der Palme hervor und dann nichts wie weg! Ehe sie von ihrer Enkelin ebenfalls Schietbüdel genannt wurde! Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber dass es sich nicht um ein Kompliment handelte, konnte sie sich denken.

Carolin würde sich, wenn sie zum Abendessen heimkam, schrecklich über ihren Bruder aufregen, der sich unterstanden hatte, sie an ihrem Ausbildungsplatz in Verlegenheit zu bringen. Da durfte nicht auch noch ihre Großmutter in der Nähe der Rezeption erwischt werden. Mamma Carlotta versuchte sich verzweifelt einzureden, dass es weit weniger unpassend sei, sich hinter einer Palme zu verbergen, wenn man sich still verhielt und lediglich Beobachter bei der Arbeit der Enkeltochter war, als wie Felix in das neue Leben seiner Schwester zu platzen und sie sogar unter Druck zu setzen. Aber die Angst, von Carolin ertappt zu werden, wurde nicht geringer. Sie musste hier weg! Sobald Carolin ihr den Rücken zudrehte, würde sie so schnell wie möglich zum Ausgang huschen und verschwinden. Und am Abend würde dann nur Felix im Kreuzfeuer von Carolins Empörung stehen, und sie selbst konnte ihren Enkel sogar dafür tadeln, dass er seiner Schwester und ihrer neuen Arbeit nicht mit dem nötigen Respekt begegnete.

Mit zornbebenden Händen und sprühenden Augen händigte Carolin ihrem Bruder einen Veranstaltungsplan aus und zischte ihm etwas zu, was die anderen Gäste in der Lobby hoffentlich nicht verstehen konnten. Mamma Carlotta glaubte, »Verpiss dich!« vernommen zu haben, und blickte sich erschrocken um, doch zum Glück entdeckte sie kein entrüstetes Gesicht unter den Hotelgästen.

Sie duckte sich tiefer, als Felix an ihr vorbei Richtung Ausgang schlenderte, feixend, aufreizend langsam. Erst als er wieder auf der Straße stand, erhob sie sich vorsichtig, ließ Carolin nicht aus den Augen, die von ihrem Vorgesetzten angesprochen wurde und abgelenkt war . . . doch bevor sie zum Ausgang huschen konnte, ertönte eine Stimme.

»Carlotta? Incredibile! E’ davvero?«

Hauptkommissar Erik Wolf schlug die Akte zu, stand auf und reckte sich. Dann zog er den Bund seiner Jeans an die richtige Stelle, dorthin, wo er im Sitzen gekniffen und gedrückt hätte, und versuchte, sein Hemd weiter hineinzustopfen, was aber nicht gelang, weil die Jeans zu eng war. Wieder mal dachte er sehnsüchtig an seine alten Breitcordhosen, deren Bund er so weit vom Körper abziehen konnte, dass noch eine geballte Faust in die Hosen passte, und an seine Pullunder, vor allem an die, die seine verstorbene Frau selbst gestrickt hatte. Das waren noch gemütliche Zeiten gewesen! Aber nun war er mit einer Frau zusammen, die es nicht unbedingt gemütlich, aber ganz sicher schick haben wollte. Für Svea waren Passform und Design nicht nur wichtig, sondern sogar unentbehrlich. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Cordhosen und Pullunder verbannt wurden und stattdessen knappe Kleidung angeschafft worden war, die sie gut sitzend und Erik unbequem nannte. Jeans, deren Verschluss drückte, und Hemden, deren Knopfleisten verrieten, wenn seine Schwiegermutter mal wieder besonders gut gekocht hatte. Svea glaubte, seine alte, bequeme Ausstattung sei in der Kleidersammlung gelandet. Wie gut, dass sie keine Ahnung hatte! Alles, was Erik lieb und wert, jedoch nicht gerade modisch war, hatte er im Wäschekeller untergebracht. Und gelegentlich, wenn er ganz sicher sein konnte, dass Svea nicht zu Besuch kam, holte er die älteste und weiteste seiner Cordhosen heraus, lümmelte sich aufs Sofa und erfreute sich daran, dass es nirgendwo kniff.

Reihenfolge der Mamma-Carlotta-Serie von Gisa Pauly

Vom ersten Fall »Die Tote am Watt« bis zum aktuellen Krimi »Wellenbrecher« – die Sylt-Krimis von Gisa Pauly in chronologischer Reihenfolge

Gisa Pauly über ihr Sylt

Die Autorin erzählt, was ihr die Insel Sylt, auf der all ihre Krimis mit der temperamentvollen Hobbyermittlerin Mamma Carlotta spielen, bedeutet.

Welche Bedeutung hat Sylt für Sie?

Gisa Pauly: Meine Begeisterung für die Insel ist 1972 in einem Familienurlaub entstanden. Natürlich ist Sylt heute nicht mehr nur ein Ferienort, sondern auch Arbeitsplatz für mich: Seit ich die Sylt-Krimis verfasse, nimmt das Schreiben die meiste Zeit auf der Insel in Anspruch. Ich sorge aber dafür, dass das Genießen der Insel trotzdem nie zu kurz kommt.


Was unternehmen Sie eigentlich auf Sylt, wenn Sie nicht schreiben?

GP: Fahrrad fahren! Als Münsteranerin liebe ich es, über die Insel zu radeln. Mein Tipp für Sylt-Besucher: Strandspaziergänge, immer an der Wasserkante entlang, danach in einem Strandbistro einkehren und aufs Meer blicken. Abgesehen vom Fahrradfahren gibt es nichts Erholsameres!

Was macht Sylt für Sie so besonders?

GP: Seine Vielfältigkeit! Man kann dort Jubel und Trubel genauso wie Einsamkeit und absolute Ruhe finden. Sylt ist nie eintönig und immer in Bewegung. Deshalb empfinde ich die Insel als ein Kunstwerk, das stets neu geschaffen wird.


Was macht es so spannend, eine temperamentvolle Italienerin wie Mamma Carlotta auf Sylter Zurückhaltung treffen zu lassen?

GP: Mamma Carlottas laute Fröhlichkeit und ihre Fähigkeit, aus Kleinigkeiten ein Fest oder gar eine Tragödie zu machen, bilden einen tollen Kontrast zu Sylt. Das Reizvolle für mich daran: dass die beiden Mentalitäten, so verschieden sie sind, sich bereitwillig aufeinander zubewegen und sich bemühen einander anzupassen. Das kann rührend und sehr emotional sein!

Buon appetito – jetzt kocht Mamma Carlotta!

Die besten Rezepte von Mamma Carlotta.

Von Amarettinikuchen bis Zuppa veloce - geheimsten Familienrezepte, gespickt mit den schönsten Anekdoten von der besten italienischen Köchin von ganz Sylt!

Blick ins Buch
Dio Mio!Dio Mio!

Mamma Carlottas himmlische Rezepte

Mamma Carlotta hat mehrere Talente. Ihren Schwiegersohn in den Wahnsinn treiben, zum Beispiel. Oder reden, bis einem die Ohren abfallen. Und natürlich das Aufklären von Morden. Königin allerdings ist sie im Kochen! Von Amarettinikuchen bis Zuppa veloce – nur die feinsten Gerichte kommen bei der resoluten Italienerin auf den Tisch. In diesem Buch verrät sie uns endlich ihre geheimsten Familienrezepte, gespickt mit den schönsten Anekdoten. Ein großartiges Geschenkbuch für alle, die gerne genießen.
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Liebe Leser!

Wie schön, dass Sie einmal zu mir nach Panidomino kommen! Sonst bin ich es ja immer, die in Deutschland, auf Sylt, auftaucht. Ich habe Ihnen schon viel von meinem Dorf erzählt, aber noch längst nicht alles. Unter uns Frauen in Panidomino geht es ja immer um die gleichen Themen: Männer, Amore, Kinder und Rezepte. Später sind es dann nur noch die Rezepte. Wenn die Männer gestorben oder gebändigt sind, wenn auf Amore nicht mehr zu hoffen ist und die Kinder aus dem Haus sind. Vieles ist dann nicht mehr so wichtig, aber die Rezepte, die bleiben es! Sie werden sogar immer wichtiger. Jede Frau in Panidomino hat ihre eigenen Rezepte, von der Mutter oder Großmutter überliefert, selbst verfeinert mit geheimen Kräutern und Gewürzen. Wenn jemand fragt: »Kannst du mir das Rezept geben?«, ist jede von uns peinlich berührt, denn keine verrät gern ihre kleinen Geheimnisse und Tricks. Aber eine Bitte abschlagen? So was tut keine Italienerin, der Höflichkeit über alles geht. Andererseits . . . wer eine Köchin dazu nötigt, ist selbst unhöflich. Und bei der Antwort auf eine Unhöflichkeit darf geschummelt werden. Nicht alles verraten, ein paar Gewürze weglassen, die Garzeiten ein wenig abändern, sodass am Ende, wenn eine Nachbarin zum Beispiel meine Baci di Natale backt, jeder bekennen muss: Bei Carlotta schmecken sie besser.

Dann aber wurde ich auf Sylt immer öfter nach meinen Rezepten gefragt. Von der Nachbarin Frau Kemmertöns, dem Bäcker, der Apothekerin, den Kassiererinnen von Feinkost Meyer, sogar von der Staatsanwältin und der Schwester des Gerichtsmediziners Dr. Hillmot. No, no, in diesem Fall sind das keine Unhöflichkeiten, bei den Friesen muss man das anders sehen. Menschen, die begeistert Fischbrötchen, Labskaus und Grünkohl essen, die Kartoffelsalat mit matschiger Mayonnaise zubereiten und den Fisch mit einer dicken Panade unkenntlich machen, ehe sie ihn braten, haben eine andere Vorstellung von guter Küche. Die verstehen nicht, dass Rezepte als gut gehütete Geheimnisse von einer Generation in die nächste getragen werden. Bei den Friesen ist alles ein bisschen anders als in bella Italia. Und deswegen habe ich mich entschlossen, meine Rezepte preiszugeben – und die meiner Nachbarn, Freundinnen und Verwandten gleich mit. Die können ja kein Deutsch, und von diesem Buch wissen sie nichts . . .

Buon appetito!

Ihre Mamma Carlotta

 

Roberto und seine Geschwister

Panidomino ist zwar nur ein kleines Bergdorf in Umbrien, aber manchmal kommt es mir so vor, als passiere dort mehr als in großen Städten oder auf Sylt. Das mag daran liegen, dass in einem Dorf einer auf den anderen guckt, die Kontakte eng sind und jeder Einblick in das Leben des anderen hat. So kommt vieles ans Tageslicht, was dort, wo das Leben anonym abläuft, gar nicht bemerkt wird. In Panidomino gibt es auch das eine oder andere Unikum, das in einer Stadt womöglich verhaltensgestört genannt und zum Außenseiter gemacht würde. In einem Dorf wie unserem ist dagegen jeder integriert, auch diejenigen, die in einer großen, unübersichtlichen Gesellschaft vielleicht an den Rand gedrängt werden.

Sì, meine Heimat ist bello. Sehr schön! In Panidomino wird auch noch täglich gekocht, in fast jedem Haus. Fast Food? So was gibt es bei uns nur ganz, ganz selten. Eine Italienerin wird vor der Hochzeit für ihre Schönheit gerühmt und nach der Hochzeit für ihre Kochkunst. Und Letzteres ist viel wichtiger, denn Schönheit vergeht ja bekanntlich . . .

Roberto, einer der Weinbauern in Panidomino, gehört praktisch zur Familie. Mein Schwiegervater war mit ihm befreundet, und mein Dino ging jeden Monat zu ihm und kaufte Wein. Dass er dann immer beschwipst nach Hause kam . . . aber Schwamm drüber. Roberto ist schon über siebzig, und seit mindestens vierzig Jahren geht er jeden Abend nach der Arbeit in Luigis Trattoria. Lange Zeit trank er dort immer drei Gläser Limoncello.

»Einen für mich, einen für meinen Bruder in Palermo und einen für meine Schwester in Milano.«

Das ging wie gesagt vierzig Jahre lang so. Dann aber erschien er eines Abends bei Luigi und bestellte zwei Gläser Limoncello. »Due!«

Luigi war erschrocken: »Dio mio! Gibt es einen Todesfall in der Familie?«

»No, no«, wehrte Roberto ab. »Aber il Dottore hat mir geraten, mit dem Trinken aufzuhören. Sonst habe ich nicht mehr lange zu leben.«

Luigi sah das ein und serviert Roberto seitdem nur die Limoncelli für seine Geschwister. An seinem achtzigsten Geburtstag aber hat Roberto noch einmal über die Stränge geschlagen und sich mal wieder einen Limoncello ganz für sich allein gegönnt . . .

 

Liebe geht durch den Magen

Chiara war die Schneiderin in unserem Dorf, eine gute Frau. Keine Mühe war ihr zu groß, um ihren geliebten Mann zu verwöhnen. Matteo liebte sie natürlich auch, aber vor allem ihre Bruschette. »Chiaras Bruschette«, das behauptete er oft, »sind noch besser als ihr Busen und ihr Hintern.«

Madonna! So was sagt man doch nicht! Erst recht nicht, wenn der Busen zu dick und der Hintern zu breit ist. Unter diesen Umständen ist es nicht schwer, besonders gute Bruschette zu servieren. Zugegeben, Chiaras waren wirklich gut, aber nicht besser als meine und die der anderen Frauen in unserem Dorf. Bruschette können wir alle zubereiten, das lernen wir schon von klein auf . . .

Und jetzt sitzt Matteo da und klagt jeden Tag, dass er Chiaras Bruschette nicht mehr zu essen bekommt. Mittlerweile ist er ein alter Mann, der immer noch nicht begreifen kann, dass Chiara gegangen ist. Es war doch nicht das erste Mal, dass er sie losschickte, damit sie Rotwein für ihn besorgte, mitten in der Nacht, als alle Geschäfte geschlossen waren. Chiara, folgsam wie immer, war zu der Tankstelle gegangen, in der neben der Kasse immer ein großes Fass Vino rosso stand, aus dem der Tankwart für sie einen Liter abzapfte. Was dann geschah, hat der Tankwart später oft erzählt. Ein Wagen mit einem deutschen Kennzeichen war vorgefahren, der Fahrer hatte Chiara angesprochen. Und dann war sie einfach zu ihm ins Auto gestiegen. Den Rotwein habe sie neben der Tanksäule stehen lassen, erzählte der Tankwart. »Basta!«

Seitdem bekommt Matteo jedes Jahr zum Geburtstag eine Karte von Chiara, aber eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden hat sie ihm niemals geliefert. Und er rührt keine Bruschetta an, die man ihm vorsetzt. »Chiaras waren die besten«, lallt er dann jedes Mal, »andere will ich nicht.«

 

Liebesgrüße aus Panidomino

Ich habe Ihnen schon gelegentlich von dem Bäcker auf Sylt erzählt. È vero, es gibt mehrere. Der, den ich meine, hat seine Bäckerei in Wenningstedt und eine Schwester, die in der Türkei verheiratet ist. Der Bäcker ist immer in Sorge um sie. Kann ein Mensch, fragt er oft, der mit Krabbenbrot, Labskaus und Grünkohl groß geworden ist, mit Köfte und Kebab glücklich werden? Das fragt er mich immer wieder, aber eine Antwort habe ich nicht für ihn. Meine Tochter war mit Antipasti, Primo, Secondo und Dolce groß geworden, musste sich aber damit abfinden, dass Enrico und die Kinder oft nur ein gebratenes Fischfilet mit Kartoffelsalat wollten und dafür gern auf die anderen Gänge verzichteten. Der Bäcker nimmt seiner Schwester, wenn er sie besucht, immer frisch gekochtes Labskaus mit, und ich habe, wenn Lucia in Panidomino zu Besuch war, Pesto alla Genovese zubereitet und ihr mit nach Sylt gegeben. Natürlich hätte sie das Pesto auch selbst machen können, Feinkost Meyer hat alles im Sortiment, was dafür nötig ist. Aber die Oliven von dem Weinbauern am Rand unseres Dorfes sind nun mal die besten, und der Pecorino, den Giovanni auf dem Markt verkauft, ist unvergleichlich. Lucia hat immer wieder bestätigt, dass ihr mein Pesto alla Genovese am besten schmeckt. Sie wissen zum Glück nicht, wie der Pecorino von Giovanni schmeckt und wie gut die Oliven aus Panidomino sind. Deshalb wird Ihnen das Pesto alla Genovese auch schmecken, wenn Sie sich die Zutaten im Supermarkt besorgen.

 

Ein Schwein in Raffaellos Trattoria

In Raffaellos Trattoria in Panidomino wird eine Minestrone serviert, die überall bekannt ist. Niemand kocht sie so gut wie Raffaello. Jeden Abend bekommt er von seinen Gästen zu hören: »Delizioso! Magnifico! Fantastico!«

Eines Abends erschien ein Ehepaar bei ihm, das ebenfalls die Minestrone bestellte. Was Raffaello an diesem Abend zu hören bekam, erzählt er heute noch auf jeder Geburtstagsfeier, jeder Hochzeit, jeder Taufe.

Dem Mann passierte es, dass er die ganze Minestrone über seiner Hose verschüttete. Entsetzt sprang er auf und rief: »Madonna! Ich sehe ja aus wie ein Schwein!«

Die Frau blieb ganz ruhig. »Ich weiß, mein Lieber! Und außerdem hast du auch noch die Minestrone auf deiner Hose.«

Und wenn Raffaello diese Geschichte noch hundertmal erzählt, wir lachen immer wieder darüber.

Exklusiver Kurzkrimi von Gisa Pauly – Mama Carlotta ermittelt in »Pollo Marengo«

Mama Carlotta ist auf der Suche nach einem verschwundenen Rezept. Dieses gibt’s am Ende des Kurzkrimis zum Nachkochen.

Pollo Marengo
Erik Wolf strich lange über seinen Schnauzer, bis er wusste, was er sagen wollte: »Du lädst uns zum Essen ein? In ein Restaurant?«
»Sì, Enrico! Warum nicht?« Mamma Carlotta tat so, als wäre es das Normalste der Welt, die Küche kalt zu lassen und auswärts zu essen. In Wirklichkeit waren ihre Restaurantbesuche an einer Hand abzuzählen, und ihre Witwenrente reichte gerade aus, um gelegentlich ein Flugticket von Umbrien nach Sylt zu kaufen.  
»Da steckt doch was anderes dahinter«, mutmaßte Erik, der als Sylter Kriminalhauptkommissar von Natur aus misstrauisch war. »Weißt du eigentlich, was ein Essen im ‚Pollo Marengo‘ kostet?«
Mamma Carlotta wurde nervös. Und wie immer, wenn sie sich durchschaut fühlte, redete sie so lange von etwas anderem, bis sie hoffen konnte, dass die Frage, die sie nicht beantworten wollte, vergessen worden war. Bei ihrem Dino, Gott hab ihn selig, hatte das immer funktioniert, bei Erik klappte es leider nicht.
»Hast du im Lotto gewonnen?«, setzte er nach, als sie weitschweifig auf die Verteuerungen im Allgemeinen und die Kostenexplosion in der Friedrichstraße ausgewichen war. Es half also nichts, sie musste mit der Wahrheit heraus. Das hatte ihre Schwägerin am Ende ihres langen Telefonats ohnehin vorgeschlagen. »Enrico ist un Commissario! Der kann uns helfen!«
Doch Carlotta wusste aus leidvoller Erfahrung, wie korrekt Erik mit Recht und Gesetz umging. Für eine Italienerin heiligte der Zweck jedes Mittel, aber für Erik reichte nicht einmal ein Indiz. Nein, für ihn mussten Beweise her. Dabei war Cesare praktisch überführt, da war Carlotta mit der Frau ihres Bruders sofort einer Meinung gewesen.
»Das Rezept ist weg! Gestohlen!«, hatte Rosamunda berichtet. »Das geheime Rezept der Cicalas, das immer am Tag der Hochzeit auf die Tochter übergeht. Kurz vor der Trauung hat der Brautvater gemerkt, dass es nicht mehr an seinem Platz lag. Die Mutter der Braut hat ‚Pollo Marengo‘ ja noch aus dem Gedächtnis gekocht, aber kurz vor der Hochzeit bekam sie einen Schlaganfall und kann sich nun an nichts mehr erinnern.«
»Madonna!« Das konnte kein Zufall sein, dass Cesare, ein entfernter Verwandter der Cicalas, nach Sylt ging, um ein Restaurant zu eröffnen, und es ausgerechnet ‚Pollo Marengo‘ nannte. Dass er das gleichnamige Gericht dort anbot, wusste Mamma Carlotta inzwischen, nun musste sie nur noch herausfinden, ob es genauso schmeckte wie bei Signora Cicala. Damit wäre Cesare überführt.  
»Du willst da persönlich hin?«, erkundigte sich Erik.
»Cesare hat mich nie gesehen«, antwortete Mamma Carlotta. »Und ich kenne ihn auch nur vom Hörensagen.«
Am Abend bestellten Erik und die Kinder Spaghetti Carbonara, Mamma Carlotta ließ sich wie geplant ‚Pollo Marengo‘ vorsetzen. Schon nach dem ersten Bissen war sie sich sicher: »Das Rezept von Signora Cicala! Kein Zweifel! Cesare hat es gestohlen.«
»Das lässt sich nicht beweisen«, wehrte Erik ab. »Du erwartest hoffentlich nicht, dass das Kommissariat von Westerland sich darum kümmert.«
Mamma Carlotta hatte es ihrer Schwägerin ja gleich gesagt. Nur aufgrund einer Anschuldigung verhaftete Erik niemanden.
»Wegen eines Rezeptes?« Erik tippte sich an die Stirn. Und das tat er noch einmal, als Carlotta ihm erzählt hatte, dass ‚Pollo Marengo‘ etwas ganz Besonderes war. »Für Napoleon erfunden.«
Nach der Schlacht in Piemont habe er sich hungrig in einen Gasthof begeben, wo die Wirtin, eine Vorfahrin von Signora Cicala, für den großen Feldherrn ein Huhn briet. Sie hatte alles herbeigeholt, was es noch in ihrem Hause gab: Tomaten, Hühnerbrühe, Brot und Eier. »So ist ‚Pollo Marengo‘ entstanden.« Mamma Carlotta seufzte tief auf. »Nun ist das Rezept verloren! Dabei kommen viele Touristen extra deswegen in die Trattoria Cicala.«
»Vergiss es!«, sagte Erik. »Ich werde keine Hausdurchsuchung anordnen. Schon deswegen nicht, weil der Diebstahl in Italien geschehen ist. Die deutsche Polizei ist nicht zuständig.«
Carlotta machte gar nicht erst den Versuch, ihn umzustimmen, sie hatte nichts anderes erwartet. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als selbst zur Tat zu schreiten. Wenn Cesare das Rezept nicht in einem Tresor aufbewahrte, würde sie es bekommen! Rosamunda, die Cicalas, das ganze Dorf - alle bauten auf ihre Hilfe. Nein, sie durfte die Erwartungen nicht enttäuschen.
Die Kinder, auf deren Unterstützung sie gehofft hatte, winkten leider schon ab, ehe sie die beiden ins Gebet genommen hatte. »Ne, Nonna! Versuch’s gar nicht erst!« Carolin und Felix wollten keinen Ärger mit ihrem Vater riskieren. »Wenn der rausbekommt, dass wir dir bei einem Einbruch geholfen haben …«
Sie war also allein. Ganz allein mit dem Versprechen, das sie Rosamunda gegeben hatte, allein mit dem Mitleid für die Familie Cicala und mit der Frage, wie man sie in ihrem Dorf ansehen würde, wenn sie mit leeren Händen zurückkam.
Blieben also nur ihre heimlichen Freunde auf Sylt! Tove Griess, der Wirt der schmuddeligen Imbiss-Stube, und sein einziger Stammgast, der Strandwärter Fietje Tiensch, der in Käptens Kajüte seine gesamte Freizeit verbrachte. Beide waren mit dem Gesetz schon so oft in Konflikt geraten, dass es auf ein weiteres Mal nicht ankam. Das behauptete Mamma Carlotta jedenfalls, als sie sich an die Theke setzte, um die beiden zur Komplizenschaft zu überreden.
Tove und Fietje wehrten sich mit Händen und Füßen, aber nachdem sie so lange auf die beiden eingeredet hatte, dass sie gar nicht mehr wussten, worum es eigentlich ging, nickten sie schließlich, nur damit Carlotta endlich stillschwieg. Einer italienischen Mamma, die doppelt so schnell redete wie sie und dabei so heftig gestikulierte, dass man Angst um das Inventar von Käptens Kajüte bekommen konnte, waren sie nicht gewachsen.
So standen sie in der nächsten Nacht mit Mamma Carlotta hinter dem Restaurant ‚Pollo Merengo‘ und suchten nach Ausflüchten aus der leichtfertig gegebenen Zusage.
»Das ist nicht Ihr erster Bruch«, zischte Mamma Carlotta, die merkte, warum die beiden von einem Bein aufs andere traten. »Ich weiß das von meinem Schwiegersohn!«
Tove strich die Segel. »Also gut, drehen Sie sich um«, sagte er, damit die Schwiegermutter des Kriminalhauptkommissars später wenigstens reinen Herzens behaupten konnte, sie hätte nichts gesehen.
Carlotta tat, was er verlangte. Gemeinsam mit Fietje starrte sie in die finstere Nacht, lauschte auf das Rauschen des Meeres, hielt ihr Gesicht dem Wind hin und zuckte mit keiner Wimper, als in das Heulen einer Sturmbö das Geräusch von splitterndem Glas drang. Sie wandte sich erst um, als Tove sagte: »Alles klar.«
Das Fenster der Restaurantküche stand weit offen, Tove machte eine einladende Geste. »Wir wär’s mit Räuberleiter? Aber das Rezept klauen müssen Sie allein.«
Die Räuberleiter klappte erstaunlich gut, und kurz darauf huschte Mamma Carlotta mit einer Taschenlampe durch die Küche, während Tove und Fietje vor dem Fenster die Stellung hielten.
»Beeilung!«, hörte sie Tove leise rufen. »So ein Rezept muss doch in der Nähe des Herdes liegen!«
Er hatte recht. Direkt über dem Herd gab es ein Regalbrett mit Rezeptbüchern. Aus einem sah ein Blatt heraus, und als Mamma Carlotta es hervorzog, wusste sie, dass sie fündig geworden war. »Pollo Marengo!«  
Mit dem Blatt in der Hand huschte sie zum Fenster zurück, durch das der Wind hereinjaulte und mit den Gerätschaften klapperte. Hoffentlich holten diese Geräusche niemanden auf den Plan!
Sie kniete sich in die Fensteröffnung und starrte ängstlich auf die vier Hände, die sich ihr von unten entgegenstreckten.  
»Springen!«, forderte Tove Griess.
»Wir fangen Sie auf«, drängelte Fietje Tiensch.
Doch noch bevor sie ihren Mut zusammengenommen hatte, rief Tove plötzlich: »Polizei!« So friesisch-bedächtig die beiden sonst reagierten - wenn sie eine Uniform sahen, verschwanden sie schneller als jeder italienische Mafioso.
Erschrocken ließ Mamma Carlotta sich zurückfallen und duckte sich unter die Fensterbrüstung. Vor dem Fenster waren Schritte zu hören, dann zwei Stimmen. »Ist jemand bei Cesare eingestiegen? Das Fenster steht offen!«
Mamma Carlotta presste sich in die Dunkelheit unter dem Fenster, als sie das Scharren von Fußspitzen an der Hauswand hörte und ein Schatten auf den Fußboden fiel. Ein Mann spähte über die Fensterbank!
Doch dann verschwand er wieder, und jemand sagte: »Ich sehe nichts. Wir müssen durch den vorderen Eingang.«
Anscheinend hatten die beiden noch nichts von einer Räuberleiter gehört, was Mamma Carlottas Herz mit Dankbarkeit erfüllte. Kaum hatten die Schritte sich entfernt, kletterte sie erneut auf die Fensterbank, das Rezept in ihren zitternden Händen, und ließ sich, diesmal ohne lange nachzudenken, zur Erde plumpsen. Sie landete auf allen vieren, richtete sich stöhnend auf, wollte das Rezept an ihr Herz drücken und ein Dankgebet an den Schutzheiligen ihres Dorfes richten … da wurde es ihr von einer Bö aus der Hand gerissen. Bis zum Gartenzaun hetzte sie ihm nach, aber der Wind war zu heftig und zu unberechenbar. Fassungslos sah sie dem Rezept nach, wie es an der Hausecke des Nachbarn aufgewirbelt wurde und kurz darauf in einer Baumkrone verschwand. »Madonna!« Alles war umsonst gewesen! Nun war das Rezept ein für alle Mal verloren! Das Andenken an Napoleon! Die Attraktion der Trattoria Cicala!
Mutlos schlich sie davon. Ihre Mission war gescheitert. Ein dreister Diebstahl würde ungesühnt und ihr selbst der Dank und die Anerkennung ihres Dorfes verwehrt bleiben.  
Zwei Tage quälte sie sich mit der Niederlage herum, dann glaubte sie, dass ein Besuch in Käptens Kajüte sie aufheitern könnte. Schon vor der Tür merkte sie, dass etwas anders war. Der Geruch! Sonst drangen die Schwaden von mehrfach benutztem Frittierfett nach draußen, jetzt duftete es nach … Mamma Carlotta konnte den Gedanken nicht zu Ende denken und riss die Tür auf. Entgeistert starrte sie das Schild an, das über der Theke hing. ‚Heute Napoleons Leibgericht!‘
Tove Griess grinste breit. »Ich hätte nie gedacht, Signora, dass es Ihnen mal die Sprache verschlagen könnte.«
Er hatte auch noch nie erlebt, dass Mamma Carlotta stotterte: »Wie … kommen Sie … zu dem Rezept?«
»Es hing im Baum hinter dem Haus«, entgegnete Tove.
»Aber seine Gäste«, mischte Fietje sich ein, der an seinem Stammplatz hockte, »wollen nur Pommes und Currywurst. Dieses Pollodingsbums ist ein Ladenhüter.«
Mamma Carlotta hatte ihre Sprache noch immer nicht wiedergefunden. Ohne ein Wort streckte sie die Hand aus. Tove verstand, holte das reichlich ramponierte Rezept unter der Theke hervor und reichte es ihr. »Der Besitzer von diesem piekfeinen Restaurant war übrigens gerade hier.«
»Cesare?«, fragte Mamma Carlotta. »Hat er etwa gemerkt, dass Sie hier ‚Pollo Marengo‘ anbieten?«
Tove nickte, während er nach dem Rotwein suchte, den Mamma Carlotta gerne trank. »Der hatte tatsächlich die Stirn, mir mit Anzeige zu drohen!«
Mamma Carlotta starrte den Wirt entsetzt an. »Cesare glaubt, dass Sie ihm das Rezept gestohlen haben?«
»Habe ich aber nicht!« Tove schien sich in seinem reinen Gewissen sehr wohlzufühlen, ein Genuss, in den er selten kam. »Und dann habe ich ihm von einer Signora erzählt, die aus einem Dorf stammt, in dem ebenfalls Napoleons Leibgericht angeboten wird. Komischerweise hat er von da an nicht mehr von Polizei geredet.« Er goss ein Glas Rotwein für Mamma Carlotta ein und prostete ihr zu. »Geht aufs Haus!«

Rezept: Pollo Marengo (für 4 P.)

Zutaten:
1 Brathühnchen (etwa 1,2 kg), Olivenöl, Salz, Pfeffer, 2 Knoblauchzehen, 2 geschälte Tomaten oder 1 El Tomatenpüree, 100 ml herber Weißwein, 100 ml konzentrierte Hühnerbrühe, 150 g frische Zwiebeln, 12 Perlzwiebelchen, 3 El Butter, 2 Scheiben Toastbrot, 4 Eier, 1 Messerspitze Fleischextrakt, 1 El geh. Petersilie. Signora Cicala fügte noch 150 g frische Pilze und 4 Süßwasserkrebse bei.

Das Brathuhn in 4 Teile schneiden, Olivenöl erhitzen. Die Teile darin ringsum anbraten und mit Salz und Pfeffer bestreuen. Die Flügel und die Bruststücke aus der Kasserolle nehmen. Die Schenkel halb zugedeckt bei kleiner Hitze 5 Min. weiterbraten. Die Schenkel aus der Kasserolle nehmen, etwas Öl abgießen und die kleingeschnittenen Tomaten oder das Tomatenpüree und den zerdrückten Knoblauch hineingeben. Einige Minuten anziehen lassen. Mit Weißwein ablöschen, kurz einkochen, dann die Hühnerbrühe zufügen. (Signora Cicalas besonderer Kniff ist es, mit Madeira abzulöschen, was sie bis jetzt niemandem verraten hat.) Unterdessen die geputzten Pilze vierteln. Mit den geschälten Perlzwiebeln in einem zweiten Topf in 1 El Butter knapp weich dünsten. Das Fleisch wieder zu den Tomaten geben. Zugedeckt 15 Min. schmoren. Die Toastscheiben diagonal halbieren und in der verbliebenen Butter goldgelb rösten. Das restliche Olivenöl erhitzen.
Die Eier in einer Tasse aufschlagen, mit Salz und Pfeffer würzen und in das heiße Öl gießen. Mit einem Löffel rasch das Eiweiß auf das Eigelb zurückschlagen und mehrmals mit heißem Öl begießen. Sobald das Eiweiß fest wird, die Eier warm stellen. Die Fleischstücke aus der Kasserolle nehmen und ebenfalls warm stellen.
Die Sauce etwas einkochen lassen und mit Salz, viel Pfeffer aus der Mühle und Fleischextrakt abschmecken. Sauce, Perlzwiebeln und Pilze auf den Fleischstücken anrichten und das Gericht mit den frittierten Eiern, den Buttercroutons und Krebsen garnieren und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Mamma Carlotta und die Malerei

Mamma Carlotta macht mal wieder Urlaub auf Sylt und wie es der Zufall will, erinnern sie die Begebenheiten im Krimi »Strandläufer« an eine Geschichte, die sich einmal in ihrem Heimatort Pandomino zugetragen hat

>> Eine Frage des Geschmacks

In meinem Dorf in Umbrien gibt es un pittore. Einen Maler, Sie verstehen? No, kein Anstreicher! Den haben wir natürlich auch. Allora … ich meine einen Maler, der schöne Bilder pro-duziert. Viel schöner als die von Boy Lindegard, von dem im Buch »Strandläufer« die Rede ist. Der malte nämlich abstrakt, das hat mir meine Enkelin genau erklärt, und das gefällt mir nicht besonders gut. Tachismus, hat Carolina gesagt, heißt es, wenn der Maler nicht malt, was er sieht, sondern das, was er fühlt. Terribile! Wenn er wütend ist, knallt er die Farben auf die Leinwand, ist er gut gelaunt, streicht er sanft mit dem Pinsel hin und her, und das in fröhlichen Farben, wenn er sich verliebt hat. Aber sobald die Liebe vorbei ist, kleckst er graue Farbe darüber oder krakelt alles mit roten Blitzen und schwarzen Kreisen voll. Das soll Kunst sein? Non. Mai! Ricardo, der Maler in meinem Dorf, arbeitet ganz anders. Er malt Vasen mit blühenden Blumen, Obstschalen mit Weintrauben und Pfirsichen und viele Bilder von unserer schönen Landschaft.


Alle Bewohner unseres Dorfes lieben Ricardos Bilder, es gibt kein Haus, in dem nicht mindestens ein Gemälde von Ri-cardo hängt. Leonarda war die Einzige, die Ricardos Bilder nicht mochte. Vielleicht lag das daran, dass sie nicht in Panidomino geboren und aufgewachsen war. Sie hat am Comer See gewohnt, ehe sie Sandro kennenlernte, der damals gerade die Wäscherei seines Vaters übernommen hatte. Seinetwegen war sie nach Panidomino gekommen, und zunächst dachte man, sie wären verlobt, doch das erwies sich schnell als Gerücht. Verliebt waren sie aber ganz sicher, das fiel sogar Signora Fantonello auf, die von Liebe nichts mehr wissen wollte, seit sie von ihrem Mann verlassen worden war.
Ach, es war schön zu sehen, wie Sandro alles tat, um Leonarda eine Freude zu machen. Er schenkte ihr Blumen, führte sie zum Essen aus und half ihr sogar bei der Wäsche. Als sie Geburtstag hatte, rechneten alle damit, dass er ihr einen Ring schenken würde. Aber Sandro sagte, er habe sich etwas viel Besseres ausgedacht. Madonna, das hatte er wirklich! Ein wunderbares Geschenk! Fantastico!

Er bat Ricardo, ein Bild zu malen. Extra für Leonarda! Man stelle sich das vor! An dem Tag vor ihrem Geburtstag traf ich Sandro zufällig. Er kam aus Ricardos Atelier und trug etwas Großes, Viereckiges bei sich. Zweifelsohne ein Gemälde! Aber natürlich unter einer Decke verborgen, damit niemand das Bild sah und Leonarda etwas verriet. Mir hat er es aber doch gezeigt. Sandro weiß ja, wie verschwiegen ich bin. Veramente! Vor allem, wenn es um Amore geht, sind meine Lippen versiegelt.
Das Bild war … meraviglioso! Viele rote Herzen vor einem wolkenlosen Himmel, dazwischen ein paar weiße Tauben, eine davon mit einem Brief im Schnabel. Ein Firmament der Liebe! Darunter der Berg, auf dem Panidomino liegt, und in der Ecke rechts unten ein paar Weinflaschen von Signor Rometti, dem Besitzer des größten Weinbergs in der Gegend. Er verwendet auffällige blaue Etiketten, an denen der Wein aus seiner Produktion sofort zu erkennen ist. Gelegentlich schenkt er Ricardo eine Leinwand oder ein paar Eimer Farbe, damit seine Schaffenskraft nicht versiegt, und Ricardo sorgt als Gegenleistung dafür, dass Signor Romettis Wein überall bekannt wird. Aber wenn man das vergisst, stören die blauen Etiketten nicht weiter. Das Bild war ein Meisterwerk, so viel war klar.

Sandro kehrte am nächsten Tag mit stolzgeschwellter Brust von Leonardas Geburtstagsfeier zurück. »Hat sie sich gefreut?«, habe ich ihn gefragt, obwohl diese Frage natürlich überflüssig war. Welche Frau freut sich nicht über ein solches Geschenk, über ein Bild, das nur für sie gemalt worden war!
Aber dann wurde ich zufällig Zeuge eines Telefongesprächs. Leonarda lief mit ihrem Telefonino durch den Weinberg von Signor Rometti, während ich ein paar Rebstöcke weiter den Weg zum Olivenbauern einschlug. Was konnte ich dafür, dass ich jedes Wort verstand? Keiner kann mir vorwerfen, ich hätte gelauscht. Mio Dio, sie hätte ja auch leiser reden können … Aber laut und vernehmlich hat sie von Kitsch gesprochen und davon, dass sie ein derart hässliches Bild in ihrem Leben noch nicht gesehen hätte. Sie müsse sich sogar überlegen, ob sie mit einem Mann, der einen derart schlechten Geschmack bewiesen habe, überhaupt zusammen sein wolle. Madonna, wie kann man nur so undankbar sein! Ich konnte Leonarda wirklich nicht verstehen!

Lange habe ich überlegt, ob ich Sandro die Wahrheit sagen sollte. Aber ich entschloss mich dann doch zu schweigen, obwohl mich jedes Mal, wenn ich ihn traf, Zweifel überkamen, ob ich richtig handelte. Dann aber vergaß ich die Angelegenheit, weil eine andere Sensation unser Dorf aufrüttelte: Bei Leonarda war eingebrochen worden! Jemand war über ihren Balkon in die Wohnung eingedrungen und hatte das schöne Bild gestohlen, das Ricardo extra für sie gemalt hatte. Sonst war noch alles an seinem Platz, der Dieb hatte es augenscheinlich auf dieses Bild abgesehen. 
Ricardo erhöhte daraufhin die Preise für seine Gemälde, weil er fand, dass dieser Diebstahl ein Beweis dafür war, wie hoch seine Kunst geschätzt wurde. »Wenn ich tot bin, Carlotta«, sagte er zu mir, »wird das Stillleben über deinem Sofa Tausende wert sein. Vielleicht sogar Millionen.«
Ich liebe das Bild mit den roten Tulpen in der goldenen Vase, aber … Millionen? Das konnte ich nicht recht glauben.


Von allen Seiten wurde Leonarda tiefes Mitgefühl entgegengebracht. Sogar die Polizei kam zu ihr und sicherte ihr zu, alles zu tun, um den Dieb zu fangen. Aber es gab keine Spuren und keine Verdächtigen, und so musste Leonarda sich damit abfinden, dass Sandros wunderbares Geschenk verloren war. Sie beteuerte überall, dass der Verlust ihr das Herz zerriss, dass sie aber stark sein müsse und sich damit abfinden wolle. Doch dass Leonarda von Kitsch gesprochen hatte, konnte ich noch nicht vergessen, obwohl ich mir große Mühe gab.

Ein Jahr verging, und noch immer waren Leonarda und Sandro nicht verheiratet. Es hieß, er habe schon einige Anträge gemacht, aber Leonarda bisher nur mit »vielleicht« geantwortet. Warum sie zögerte, konnte niemand verstehen. 
Dann stand wieder ihr Geburtstag vor der Tür. Was würde sich Sandro diesmal einfallen lassen, um Leonardas Herz zu erobern? Zum Glück waren auch alle Nachbarinnen eingeladen worden und eine wie die andere besonders pünktlich erschienen. Jede wollte dabei sein, wenn Sandro kam und sein Geschenk überreichte. Würde es diesmal ein Verlobungsring sein? 
Ich blickte zufällig aus dem Fenster, als er aufs Haus zukam. In den Händen hielt er ein großes, in Geschenkpapier gewickeltes Viereck. Mich beschlich ein banges Gefühl, und Leonarda schien es ähnlich zu gehen. Sie wurde blass, als sie Sandro die Tür öffnete, und fragte, kaum dass er sie umarmt, geküsst und ihr gratuliert hatte: »Was ist das für ein Geschenk?«
Sandro lächelte geheimnisvoll. »Darauf kommst du nie.«
Leonarda allerdings sah so aus, als käme ihr durchaus eine Ahnung. Und ich bin sicher, dass ich außer ihr die Einzige war, der ebenfalls etwas schwante. 
Als Leonarda das Geschenkpapier entfernt hatte, sank sie blass und zitternd in einen Sessel. Sandro glaubte natürlich, dass sie von Freude überwältigt worden war, und behandelte sie wie eine Schwerkranke. Vorsichtig nahm er ihr das Bild ab und hängte es auf den Haken, den er vor einem Jahr für eben dieses Bild in die Wand geschlagen hatte. Die roten Herzchen, die weißen Tauben, unser Dorf auf dem Berg und Signor Romettis Weinflaschen – alles wie vor einem Jahr. 
»Anscheinend hat der Dieb es gleich an den nächsten Kunsthändler verkauft«, klärte Sandro seine Liebste auf, die immer noch fassungslos dasaß. »In Città di Castello habe ich es zufällig bei einem Antiquitätenhändler entdeckt und zurückgekauft. Der Inhaber des Ladens wollte mir nicht verraten, woher er es hatte, aber das muss man wohl verstehen. Er will natürlich nicht zugeben, dass er Diebesgut verkauft.« 
»Du hast es zweimal bezahlt?«, flüsterte Leonarda.
Sandro griff nach ihrer Hand. »Du weißt ja, dass mir für dich nichts zu teuer ist.« Und dann sank er vor ihr auf die Knie und machte ihr einen weiteren Heiratsantrag, diesmal in der sicheren Erwartung, dass sie ihn annehmen würde. 
Alle Nachbarinnen suchten schon nach ihren Taschentüchern, Leonardas Mutter kam aus der Küche und begann zu weinen, ihr Vater suchte bereits nach einer gut gekühlten Flasche Sekt … da sagte Leonarda: »Nein!« Es gäbe unüberbrückbare Differenzen, erklärte sie zum Entsetzen aller, sie hätten in wichtigen Dingen einen unterschiedlichen Geschmack. Ich glaube, ich war die Einzige, die verstand, was sie damit meinte.

Schon zwei Tage später zog Leonarda an den Comer See zu-rück. Was aus dem Bild geworden ist? Ich weiß es nicht. Wenn Leonarda es auch Kitsch genannt hat, ich wünsche dem Bild trotzdem nicht, dass es ihm so ergeht wie dem Gemälde von Boy Lindegard. »Strandläufer« hieß es – so wie das Buch – und es hat ein schreckliches Schicksal erleiden müssen.

Kommentare

1. Strandläufer
Heike Rudewig am 08.05.2017

Ich bin begeistert. Spannung, Humor und die autentische Beschreibung der Orte, das ist ein perfektes Gesamtpaket und macht mich neugierig.

2. immer wieder gern gelesen
e. Krüger am 14.05.2018

Immer wieder eine kurzweilige Lektüre. Ideale Urlaubsbücher für den Nordsee-Fan. Live, bei einer Lesung erlebt. Einfahren gut.

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