Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand
Blick ins Buch
Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer

Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer

Roman

Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 9,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 1-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer — Inhalt

Mit Liebe gekocht, auf Treue gepocht

Mit ihren stimmungsvollen Wohlfühlromanen um die „„Kleine Bäckerei am Strandweg“ eroberte Jenny Colgan in Deutschland die Bestsellerlisten. Mit ihren auf der schottischen Insel Mure spielenden Romanen um Flora und die kleine Sommerküche setzt sie ihren Erfolg fort. In „Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer“, dem zweiten Band, entführt Colgans Leserinnen erneut in eine Welt voller Freundschaft, Liebe und köstlicher Rezepte.   

Mit ihren hellrosa Wänden, der Theke voller duftender Scones, Kuchen und Quiches sowie den urigen Steingutbechern für den Tee ist Floras kleine Sommerküche auf der Insel Mure inzwischen ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. Neben ihrem Café, ihrem Hof und der Wettervorhersage, gehört jedoch auch Joel, ihr ehemaliger Chef und heutiger Freund zu Floras Universum. Nur ist er beruflich allzu oft in der Welt unterwegs – und während Flora unter diesen ständigen Trennungen leidet, scheint er davon unberührt. Es braucht einen ganzen Sommer, eine Hochzeit und eine Beinahe-Katastrophe, bis er erkennt, dass er kurz davor ist, Flora zu verlieren.

„Ich sehnte mich sofort nach der Insel Mure. Ein einziges Vergnügen.“ Sophie Kinsella

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 04.06.2019
Übersetzt von: Sonja Hagemann
464 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31363-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.05.2019
Übersetzt von: Sonja Hagemann
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99310-4

Leseprobe zu „Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer “

Ein paar Zeilen von Jenny

Hallo!

Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal über die Ereignisse auf der kleinen schottischen Insel Mure geschrieben, und ich hatte dabei so viel Spaß, dass ich damit unbedingt weitermachen wollte. Für mich sind die Highlands und die schottischen Inseln in all ihrer Schönheit etwas ganz Besonderes – auch wenn das Leben dort oben wirklich hart sein kann.

Lasst mich euch kurz auf den neuesten Stand bringen, falls ihr das erste Buch nicht gelesen habt, was nicht schlimm ist. Und wenn doch, müsst ihr euch wenigstens nicht den Kopf [...]

weiterlesen

Ein paar Zeilen von Jenny

Hallo!

Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal über die Ereignisse auf der kleinen schottischen Insel Mure geschrieben, und ich hatte dabei so viel Spaß, dass ich damit unbedingt weitermachen wollte. Für mich sind die Highlands und die schottischen Inseln in all ihrer Schönheit etwas ganz Besonderes – auch wenn das Leben dort oben wirklich hart sein kann.

Lasst mich euch kurz auf den neuesten Stand bringen, falls ihr das erste Buch nicht gelesen habt, was nicht schlimm ist. Und wenn doch, müsst ihr euch wenigstens nicht den Kopf darüber zerbrechen, wer noch mal wer war. Ich finde das nämlich immer sehr nervig, weil ich ein furchtbares Namensgedächtnis habe. (Das erwähne ich an dieser Stelle auch für den Fall, dass wir uns mal begegnen und ich mir eure Namen nicht merken kann!)

Also: Anwaltsgehilfin Flora MacKenzie wurde von London aus auf die abgelegene schottische Insel Mure geschickt – wo sie aufgewachsen war –, um dort ihrem (ebenso attraktiven wie schwierigen) Chef Joel zu helfen.

Bei der Rückkehr zu ihrem Vater und ihren drei Brüdern hat Flora zu ihrer eigenen Überraschung gemerkt, wie sehr sie ihr Zuhause vermisst hatte. Deshalb hat sie beschlossen, auf der Insel zu bleiben und dort ein kleines Café zu eröffnen, in dem sie tolle lokale Produkte vom Hof ihrer Familie verkauft und alte Rezepte ihrer verstorbenen Mutter nachkocht.

Zur Verblüffung aller anderen hat auch ihr Chef, Joel, sich zum Bleiben entschieden. Er hat sein verrücktes Leben im Hamsterrad für etwas Ruhigeres und Bodenständigeres aufgegeben und tastet sich mit Flora gerade vorsichtig an eine Beziehung heran.

Beide arbeiten für den amerikanischen Milliardär Colton Rogers, dem die halbe Insel gehört und der sich in Floras Bruder Fintan verliebt hat, einen begnadeten Käsehersteller.

So weit alles klar? Ja, da oben scheint irgendwie was im Wasser zu sein (außerdem gibt es dort auch lange Winter und kaum WLAN) …

Die anderen beiden Figuren, die euch noch interessieren dürften, sind Saif und Lorna. Sie sind schon in Begegnung in der kleinen Sommerküche am Meer aufgetaucht.

Saif ist Arzt und ein syrischer Flüchtling, der auf seinem Weg nach Europa unglaubliches Leid ertragen musste. In Großbritannien hat man ihm dann unter der Bedingung Asyl gewährt, dass er zum Wohl des Landes seine medizinischen Kenntnisse an einem abgelegenen Ort zur Verfügung stellt. Inzwischen hat er schon seit über einem Jahr nichts mehr von seiner Familie gehört.

Lorna ist die Leiterin der Grundschule auf der Insel und Floras beste Freundin.

Okay, ich glaube, das wären dann alle.

Na ja, jedenfalls hoffe ich, dass euch Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer gefällt, und ich wünsche euch einen tollen Tag, wo auch immer ihr seid. Und falls ihr gerade Urlaub macht, dann bin ich ganz furchtbar neidisch, den Statistiken zufolge regnet es bei mir zu Hause nämlich mit Sicherheit gerade. Schickt mir doch ein Selfie! Ihr findet mich auf Facebook oder bei Twitter unter @jennycolgan!

Alles Liebe

Jenny

XXX

 

Eine Bemerkung zum Thema Aussprache:

Alle „Chs“ solltet ihr so aussprechen, als würdet ihr gerade irgendwas aushusten. Hier noch ein kurzer Überblick über die traditionellen Namen im Buch:

Agot – AH-gott

Eilidh – EY-li

Innes – I-NESS

Iona – Ei-OH-na

Isla – EI-la

Saif – Se-IFF

Seonaid – Scho-NEYT

Teàrlach – Tscher-LACH

Cynefin (Subst.): der Ort, an den man wirklich gehört, an dem man sich voll und ganz zu Hause fühlt

Es war einmal ein Prinz, der in einem Schloss ganz aus Eis lebte. Er war sich dessen allerdings gar nicht bewusst, weil er noch nie irgendwo anders gewesen war, nie etwas anderes gesehen hatte. Kälte war für ihn ganz normal, weil er ja sonst nichts kannte. Der Prinz regierte eine riesige Ödnis, war Herrscher über Bären und wilde Tiere und legte vor niemandem Rechenschaft ab.

Ein weiser Ratgeber empfahl ihm, auf Reisen zu gehen, sich eine Braut zu suchen und von anderen zu lernen.

Der Prinz jedoch lehnte ab und sprach: „Mir geht es doch gut hier!“ Mit der Zeit wurde sein Turm aus Eis immer mächtiger und konnte von niemandem mehr betreten oder erklommen werden. Nichts gedieh an seinem Fuße, und Drachen drehten ihre Runden rund um das Bauwerk. Das Leben darin wurde immer gefährlicher, trotzdem wollte der Prinz nicht gehen. Viele versuchten, in den Turm zu gelangen, um den Prinzen zu retten, aber niemandem war es bisher geglückt. Bis zu jenem Tag …


Kapitel 1

Selbst zum Frühlingsanfang hin ist es auf Mure ziemlich düster.

Flora war das jedoch egal, sie liebte den Moment, wenn sie morgens aufwachte und sich in tiefster Finsternis an Joel gekuschelt wiederfand. Der hatte einen leichten Schlaf (und Flora wusste ja noch nicht einmal, dass er vor ihrer Zeit fast gar nicht geschlafen hatte), daher war er meistens schon wach, wenn sie sich noch die Augen rieb. Dann wurde seine sonst so angespannte, stets wachsame Miene bei ihrem Anblick sanfter, und sie lächelte, wieder einmal überrascht und überwältigt und beängstigt angesichts ihrer tiefen Gefühle für ihn, ihres Erzitterns im Rhythmus seines Herzschlags.

Flora mochte sogar die kältesten Morgen; dann musste sie sich zwar antreiben, um in die Gänge zu kommen, doch zumindest hatte sie jetzt nicht mehr eine Stunde Fahrt vor sich, musste sich nicht im Zug gegen Millionen andere Pendler drücken lassen, die ihr ihre Viren ins Gesicht bliesen und drängelten und ihr das Leben unangenehmer machten als nötig.

Stattdessen stocherte sie mit dem Feuerhaken im feuchten Torf des Holzofens herum, der das zauberhafte Gästehaus beheizte. Hier wohnte Joel, während er für den Milliardär Colton Rogers arbeitete, dem die halbe Insel gehörte.

Nachdem Flora das Feuer wieder in Gang gebracht hatte, warfen die flackernden Flammen Schatten an die geweißten Wände, und augenblicklich wurde es noch gemütlicher im Zimmer.

Das Einzige im Raum, auf dessen Anschaffung Joel bestanden hatte, war die sündhaft teure, hochmoderne Kaffeemaschine. Flora überließ es gerne ihm, daran herumzuhantieren, während er gleichzeitig der Arbeit wegen ins Internet zu gehen versuchte und sich wie üblich über das unzuverlässige WLAN hier auf der Insel beklagte.

Flora griff dann nach ihrem Kaffee, zog einen alten Pulli über und schlenderte zum Fenster des Häuschens hinüber. Sie ließ sich auf der urigen Ölheizung nieder, einer von der Art, wie es sie in Schulen noch gab, die Colton allerdings ein Vermögen gekostet hatte. Dann schaute Flora aufs dunkle Meer hinaus, auf dessen Wellen sich manchmal weiße Schaumkronen zeigten, wenn es ein windiger Tag werden würde. Gelegentlich war das Wetter jedoch selbst ganz früh am Morgen schon so unfassbar klar, dass man noch die kalten Sterne am Himmel glitzern sehen konnte. Auf Mure gab es keine Lichtverschmutzung, und die Sterne kamen Flora größer vor, als sie sie aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte.

Sie umfing ihre Tasse mit den Händen und lächelte, als im Hintergrund die Dusche anging.

„Wo musst du denn heute hin?“, rief sie zehn Minuten später.

Joel steckte den Kopf zur Tür herein. „Erst einmal nach Hartford“, erklärte er. „Über Reykjavík.“

„Kann ich dich nicht begleiten?“

Joel warf ihr einen finsteren Blick zu. Seine Arbeit war kein Anlass für Scherze.

„Na komm schon, dann könnten wir im Flugzeug rummachen.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher …“

Um leichter von Mure wegzukommen, hatte Colton sein eigenes Flugzeug, und Flora war stinkwütend, weil es für geschäftliche Angelegenheiten reserviert war und sie bisher noch kein einziges Mal damit geflogen war.

Ein Privatjet! Eigentlich konnte sie sich so etwas gar nicht vorstellen.

Leider verstand Joel überhaupt keinen Spaß, wenn es um seine Arbeit ging. Tatsächlich konnte man ihn generell nur schwer aufziehen, was Flora manchmal Sorgen machte.

„Ich wette, es gibt nichts, was diese Stewardessen noch nicht gesehen haben“, spann Flora ihren Gedanken fort.

Das traf bestimmt zu, aber Joel scrollte bereits durch die Seiten des Wall Street Journal und hörte ihr gar nicht richtig zu.

„Freitag in zwei Wochen bin ich wieder zurück. Colton konsolidiert im Moment einfach … na ja …“

Flora wünschte wirklich, er könnte ihr mehr über seine Arbeit erzählen, so wie früher, als auch sie noch im Gewerberecht gearbeitet hatte. Dabei ging es ihr nicht nur um die Schweigepflicht, Joel war generell zurückhaltend.

Flora zog eine Schnute. „Dann verpasst du ja die Argylls.“

„Die was?“

„Das ist eine Band, die auf ihrer Tournee auch im Harbour’s Rest spielt. Die Typen sind echt genial.“

Joel zuckte mit den Achseln. „Eigentlich hab ich für Musik auch nicht viel übrig.“

Flora ging zu ihm hinüber. Die Einwohner von Mure hatten die Musik im Blut. Als es auf der Insel noch keine Fähren und Flugzeuge gab, hatte man hier eben selbst für Unterhaltung sorgen müssen. Dabei hatten alle immer mit großem Eifer mitgemacht, wenn auch vielleicht nicht mit entsprechendem Talent.

Flora tanzte gut und konnte auch halbwegs die Brodhrán schlagen, wenn niemand mit mehr Talent zur Hand war, und ihr Bruder Innes war ein viel besserer Fiddler, als er zugeben wollte. Der Einzige hier, der überhaupt kein Instrument spielen konnte, war der bullige Hamish. Deshalb hatte ihre Mutter ihm meist nur ein paar Löffel in die Hand gedrückt, mit denen er sich austoben konnte.

Flora legte den Arm um Joel. „Wie kann man denn Musik nicht mögen?“, fragte sie.

Joel blinzelte und schaute über ihre Schulter hinweg. Eigentlich war es albern, nur eine Kleinigkeit auf dieser endlosen Achterbahnfahrt, als die er seine schwierige Kindheit empfunden hatte. Jede neue Schule war eine weitere Gelegenheit gewesen, wieder mal danebenzuliegen, die falschen Klamotten zu tragen, die falschen Bands gut zu finden. Und davor hatte er eben Angst gehabt. Es war ihm einfach nie gelungen, die ungeschriebenen Regeln zu lernen, so war es ihm zumindest vorgekommen. Es hatte zum Beispiel so unendlich viele coole Musikgruppen gegeben, dass er da unmöglich hinterherkommen konnte. Deshalb war es leichter gewesen, die Finger gleich ganz davonzulassen, und auch später hatte er mit der Musik nie wirklich seinen Frieden gemacht. Er hatte es nie gewagt herauszufinden, was er eigentlich mochte, hatte keine älteren Geschwister gehabt, die ihm diesbezüglich die richtige Richtung weisen konnten.

Und bei der Kleidung war es genauso. Joel trug nur zwei Farben, Blau und Grau, achtete dabei aber darauf, immer perfekt geschnittene Stücke aus dem hochwertigsten Material zu wählen – nicht etwa, weil er Geschmack hatte, sondern weil es ihm am einfachsten erschien. Auf diese Art und Weise brauchte er über die ganze Sache nicht groß nachzudenken. Allerdings hatte er genug Dates mit Models gehabt, um von ihnen so einiges über Kleidung zu lernen. Wenigstens dafür waren sie gut gewesen.

Nun warf Joel einen Blick zu Flora hinüber, die schon wieder aufs Meer hinausstarrte. Manchmal hatte er Schwierigkeiten, sie vor dem Hintergrund von Mure überhaupt zu erkennen, sie von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Ihr Haar bestand aus Strängen von Seetang, die auf die weißen Dünen ihrer Schultern fiel, ihre Tränen waren Salzwasser im Sturm, ihr Mund eine perfekte Muschel. Flora war wirklich kein Model, ganz im Gegenteil. Sie kam ihm so bodenständig und solide vor wie der Erdboden unter ihren Füßen. Sie war eine Insel, ein Dorf, eine Stadt, ein Zuhause. Sanft liebkoste er sie, weil er kaum glauben konnte, dass sie wirklich ihm gehörte.

Diese Berührung kannte Flora von ihm schon, und sie konnte nicht leugnen, welche Sorgen die Geste ihr machte. Die Art und Weise, wie Joel sie manchmal anschaute, gefiel ihr gar nicht: als wäre sie etwas Zerbrechliches, Wertvolles. Und das war sie beides nicht. Sie war einfach nur eine junge Frau mit denselben Fehlern und Sorgen wie alle anderen auch. Irgendwann würde er das begreifen, und Flora dachte mit Schrecken an den Augenblick, in dem ihm klar werden würde, dass sie keine Selkie war. Sie war kein magisches Wesen, welches in sein Leben getreten war, um all seine Probleme zu lösen … Sie hatte solche Angst vor dem Moment, in dem er erkennen würde, dass sie einfach nur eine ganz normale Person war, die mit überflüssigen Pfunden kämpfte und sonntags in ihren übelsten Klamotten rumgammelte … Was wäre, wenn sie sich irgendwann über Spülmittel stritten?

Aber nun küsste sie ihm erst einmal sanft die Hand. „Jetzt guck mich nicht so an, als wäre ich ein Wassergeist.“

Er grinste. „Na ja, für mich bist du schon einer.“

„Wann geht denn dein …? Oh.“ Sie vergaß jedes Mal, dass Coltons Flieger sich nach den Passagieren richtete, nicht nach den Vorgaben einer Fluggesellschaft.

Joel warf einen Blick auf die Uhr. „Jetzt gleich. Colton hat in letzter Zeit wirklich Hummeln im Hintern … Ich meine … Wir haben unglaublich viel zu tun.“

„Willst du nicht erst noch frühstücken?“

Joel schüttelte den Kopf. „Das ist zwar ein bisschen albern, aber es gibt an Bord doch tatsächlich Brot und Scones aus Annies Küche.“

Flora lächelte. „Meine Güte, seid ihr extravagant.“ Sie küsste ihn. „Komm bitte bald wieder.“

„Wieso, bist du sonst weg?“

„Nein“, sagte Flora und zog ihn eng an sich heran. „Ich gehe nirgendwohin.“

Als er ohne einen letzten Blick zurück verschwand, schaute Flora ihm hinterher und seufzte. Es war seltsam, aber eigentlich wusste sie bei ihrem Freund nur beim Sex, dass er hundertprozentig da war. Voll und ganz da, bei ihr, Atemzug um Atemzug, Bewegung um Bewegung. Eine solche Hingabe allerdings hatte sie noch nie zuvor erlebt.

Vorher hatte sie es eher mit selbstsüchtigen oder angeberischen Liebhabern zu tun gehabt und auch mit komplett unfähigen Liebhabern, die durch zu viel Pornos in jungen Jahren verdorben waren.

Aber so etwas war ihr noch nie untergekommen – diese Intensität, die beinahe an Verzweiflung grenzte, als wäre Joel am liebsten ganz und gar in sie hineingekrochen. Sie fühlte sich zutiefst verstanden und hatte selbst das Gefühl, ihn vollkommen zu kennen. Ständig dachte sie darüber nach, aber Joel war ja leider meistens unterwegs. Und in der restlichen Zeit wusste sie immer noch nicht, worum sich seine Gedanken eigentlich drehten; daran hatte sich seit ihrer ersten Begegnung wenig geändert.

 

Einen Monat später war es draußen nicht mehr so dunkel, Joel war aber immer noch nicht zurück, weil er von einem Termin zum nächsten hetzte. Auch Flora ging heute auf Reisen, allerdings war das Ziel bei ihr nicht besonders interessant.

Sie wohnte vorübergehend wieder auf dem Hof, in ihrem alten Kinderzimmer. Dass sie hier als erwachsene Frau in ihrem Jugendzimmer mit den verstaubten Schleifen vom Highland Dancing schlief, ärgerte sie, genau wie die Sache mit dem Aufstehen. Da mochte sie sich den Wecker noch so früh stellen, und sie musste ja wirklich zeitig aus den Federn, aber ihre Brüder und ihr Vater waren immer schon seit einer Stunde auf den Beinen und mit dem Melken beschäftigt.

Bis auf Fintan, das Food-Genie der Familie. Er verbrachte inzwischen nämlich den größten Teil seiner Zeit mit der Käse- und Butterherstellung für Annies Küche und hoffentlich bald auch für Coltons neues Hotel, The Rock. Aber die anderen beiden – der kräftige, aber nicht besonders clevere Hamish und Innes, Floras ältester Bruder – waren im Dunkeln oder Hellen, bei Regen oder Sonnenschein früh draußen. Flora versuchte zwar, ihren Vater zu etwas mehr Geruhsamkeit anzuhalten, Eck war aber meistens auch mit von der Partie. Während Floras Zeit als Anwaltsgehilfin in London hatten ihre Brüder sie gerne damit aufgezogen, dass sie ein Faulpelz war. Eigentlich hatte Flora gehofft, sie durch ihre neue Rolle als Betreiberin eines Cafés zum Schweigen zu bringen. Aber leider wurde sie von ihnen immer noch als Leichtgewicht angesehen, weil sie ja erst um 5:30 Uhr morgens aufstand.

Sie sollte langsam wirklich ausziehen. Im Ort gab es sogar ein paar kleine Häuschen, die zu vermieten waren. Mit dem, was das Café abwarf, konnte sie sich so etwas Extravagantes allerdings nicht leisten.

Und daran würde sich wohl auch nichts ändern. Auf Mure gab es so tolle lokale Produkte – frische Biobutter aus ihrer eigenen Milchkammer, Fintans köstlichen Käse, besten Fisch und Meeresfrüchte aus dem kristallklaren Wasser, und der Regen ließ hier das allersüßeste Gras wachsen, durch das die Kühe fett wurden. Aber das alles kostete Geld.

Flora überschlug im Kopf, wie spät es jetzt in New York war, wo ihr Freund arbeitete – und ihr wurde klar, wie merkwürdig es ihr vorkam, Joel ihren Freund zu nennen.

Als ihr Chef hatte er sie hier auf die Insel geschickt, damit sie sich für Colton Rogers um eine rechtliche Angelegenheit kümmerte. Aber das war nur ein Aspekt der ganzen Angelegenheit gewesen. Sie hatte nämlich seit Jahren schon für ihn geschwärmt, seit ihrer ersten Begegnung. Er hingegen hatte seine Freizeit damit verbracht, sich mit Models zu treffen, und Flora nicht einmal bemerkt. Sie hätte nie gedacht, dass er je auf sie aufmerksam werden würde. Aber als sie sich im vergangenen Sommer zusammen um dieses Projekt kümmerten, war er genug aufgetaut, um seine Assistentin endlich mal richtig wahrzunehmen, und am Ende sogar genug, um seine berufliche Zukunft hier bei Colton auf Mure zu planen.

Doch in Wirklichkeit hielt er sich kaum auf der Insel auf. Colton hatte ihm das Gästehaus zugewiesen, eine wundervoll wiederhergerichtete Jagdhütte, weil man in The Rock immer noch auf die Eröffnung wartete, die ihre Zeit zu brauchen schien.

Nun jettete Colton eigentlich ständig um die Welt, um wichtige Milliardärangelegenheiten zu erledigen, und schien Joel dabei jede Minute an seiner Seite zu brauchen. Deswegen hatte Flora ihren Freund den Winter über kaum zu Gesicht bekommen, und jetzt war er gerade in New York. An so etwas wie ein gemeinsames Zuhause – oder auch nur einen ruhigen Moment, in dem man sich mal zusammensetzen und reden konnte – schien er gar nicht zu denken.

Rein theoretisch hatte Flora ja vorher schon gewusst, dass Joel ein Workaholic war – schließlich hatte sie jahrelang für ihn gearbeitet. Ihr war bloß nicht klar gewesen, was das für ihre Beziehung bedeuten würde. Für sie blieben nur ein paar Krümel hier und da, und das war wirklich nicht viel.

Und heute hatte Joel ihr nicht einmal eine aufmunternde Nachricht geschrieben. Vielleicht hatte er ja vergessen, dass sie gleich nach London fliegen würde, um dort offiziell ihre Kündigung zu unterschreiben.

Flora war sich ursprünglich nicht sicher gewesen, ob sie es überhaupt schaffen würde, Annies Küche den Winter über weiterzubetreiben. Dann kamen nämlich keine Touristen auf die Insel, und die Nacht dehnte sich so sehr aus, dass es überhaupt nicht mehr hell wurde, jedenfalls nicht so richtig. An solchen Tagen war die Versuchung groß, sich einfach die Decke über den Kopf zu ziehen und im Bett zu bleiben.

Aber zu ihrer Überraschung war im Café jeden Tag etwas los. Regelmäßig kamen Mütter mit ihren Babys und Rentner, die mit ihren Altersgenossen bei einem Käsescone beisammensaßen und plauderten. Die Strickgruppe, die für die Leute von Fair Isle Pulloverbestellungen übernahm und sich normalerweise reihum bei ihren Mitgliedern traf, hatte beschlossen, Annies Küche zu ihrem Zuhause zu machen. Flora konnte sich gar nicht daran sattsehen, mit welchem Tempo und Geschick die knorrigen alten Finger mit den unterschiedlichsten Arten von Wolle wundervolle Musterfolgen zauberten.

All das genoss sie so sehr, dass es ihr eines Tages plötzlich aufging: Das hier war jetzt ihre Aufgabe, sie gehörte genau hierher. Ursprünglich hatte ihre Firma in London sie eine Weile freigestellt, damit sie für Colton arbeiten konnte. Dieser Zeitraum war nun verstrichen, deshalb musste sie offiziell kündigen. Bei Joel war es genauso, er arbeitete inzwischen Vollzeit für Colton.

Flora hatte die Reise nach London vor sich hergeschoben und gehofft, dass sie beide vielleicht zusammen hinfliegen und die Papiere unterschreiben konnten, aber das kam ihr jetzt nicht mehr wahrscheinlich vor.

Heute würde sie deshalb nur noch schnell Isla, einer ihrer beiden jungen Mitarbeiterinnen, beim Öffnen des Lokals helfen und dann ihre Reise antreten. Das Café war in demselben hellen Rosa gestrichen worden, das auch früher seine Hauswände geziert hatte, bevor die Farbe verblasst und abgeblättert war. Jetzt passte es wieder perfekt in die Reihe mit dem schwarz-weißen Harbour’s-Rest-Hotel, dem hellblauen Angelladen und den cremefarbenen Souvenirshops. Sie boten dicke Wollpullis, Muscheln und kleine Steinfiguren an, natürlich alles Mögliche mit Schottenkaro, Highlandkühe in Spielzeuggröße sowie die typischen Karamell- und Toffee-Bonbons. Jetzt, im Winter, hatten allerdings mehrere dieser Shops geschlossen.

Der Wind pfiff übers Meer und peitschte Flora Gischt und Regen ins Gesicht. Sie grinste und rannte vom Hof den Hügel hinunter, was bei ihr inzwischen als Pendeln durchging. Gut, es war eisig kalt – obwohl ihre riesige Steppjacke sie ja perfekt isolierte –, trotzdem würde sie diesen Weg auf keinen Fall für eine Fahrt in der überhitzten, vollgestopften U-Bahn eintauschen, wo ihr die Menschenmassen entgegenströmen würden, heiß, kalt, heiß, kalt, Gedränge, und immer noch mehr Menschen. In London hatte sie ständig mit Geschrei und Streitereien und zu nah auffahrenden Autos zu kämpfen, mit Gehupe und Konflikten zwischen Fahrradkurieren und Taxifahrern. Im Hintergrund dröhnten dabei Züge, der Wind wirbelte Gratiszeitungen, Fast-Food-Verpackungen und Zigarettenstummel auf und trug sie die Straße entlang …

Nein, dachte Flora, selbst an Tagen wie heute, behaltet eure Pendelei gerne für euch. Sie fehlte ihr nicht einen Moment.

Aus Annies Küche fiel bereits das Licht golden nach draußen. Das Café bestand aus einem schlichten großen Raum, in dem zehn bunt zusammengewürfelte alte Tische kunstvoll angeordnet worden waren. Die im Moment noch leere Theke würde sich bald unter Scones, Kuchen, Quiche, selbst gemachten Salaten und Suppen nur so biegen, die Iona und Isla gerade hinten in der Küche zubereiteten. Mrs Laird, eine Bäckerin von der Insel, brachte jeden Tag zwei Dutzend Brotlaibe vorbei, die im Lokal ziemlich schnell weggingen, und die Kaffeemaschine lief ohne Unterbrechung von morgens bis abends. Flora konnte immer noch nicht so recht glauben, dass dieses Café wirklich existierte, und das dank ihr. Die Rückkehr an ihre alte Wirkungsstätte erfüllte sie nicht etwa mit Trauer oder Verzweiflung, sondern mit großer Freude. Und dass sie zu Hause das alte Kochbuch ihrer Mutter wiedergefunden hatte, war eine glückliche Fügung gewesen. Es hatte sich wie ein toller, verrückter Zeitsprung angefühlt.

Im Nachhinein erschien Flora das alles so offensichtlich, als hätte sie gar nicht anders handeln können. Es kam ihr vor, als sei das hier ihr Zuhause, und die Menschen hier, an die sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnern konnte – inzwischen älter, aber mit denselben bekannten Gesichtern, von Generation zu Generation weitergegeben –, gehörten genauso zu ihrer Welt dazu wie eh und je. All das, was in Floras Universum von Bedeutung war – Joel, ihr Café, die Wettervorhersage, der Hof, die Frische ihrer Ware – war ihr irgendwie viel wichtiger als der Brexit, die Erderwärmung, das Schicksal der Menschheit. Es war nicht unbedingt eine Abkehr von der Welt, eher eine Erneuerung ihrer selbst.

Jetzt hatte Flora ungewöhnlich gute Laune, als sie ihre MacKenzie-Familienbutter aus dem Kühlschrank holte – so cremig und salzig, dass man für einen Toast sonst eigentlich nichts weiter brauchte.

Ihr Blick fiel wohlwollend auf das sauber aufgereihte Steingutgeschirr, das hier auf der Insel hergestellt und gebrannt wurde. Es stammte aus der Produktion eines neu Zugezogenen aus England, der auf der Insel in einem Cottage wohnte, noch weiter oben als die Höfe. Er brannte die robusten, schlichten Becher in Erdtönen – Sand, Grau und Braun – in einem Ofen hinter dem Haus. Mit ihren dicken Böden und den Seitenwänden, die nach oben hin dünner wurden, waren sie perfekt, um darin einen Caffè Latte lange warm zu halten.

Im Café gab seit einiger Zeit ein höflicher Aushang darüber Aufschluss, dass die Becher auch zu kaufen waren, sonst steckten die Kunden sie nämlich heimlich ein. Für Geoffrey an der alten Straße zum Macbeth-Hof hatte sich dadurch ein schöner neuer Nebenverdienst ergeben.

Gerade als Flora das Schild an der Tür zu „Geöffnet“ umdrehte, teilten sich die Wolken, und es sah fast so aus, als würde man heute zusammen mit dem orkanartigen Wind auch ein paar Sonnenstrahlen abbekommen, was ihr ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Joel war nicht da, und das war traurig. Andererseits konnte sie, sobald sie endlich diese blöde Reise nach London hinter sich gebracht hatte, Lorna zu sich einladen und sich mit ihr zusammen bei einer Flasche Prosecco The Only Way Is Essex angucken.

Auch wenn sie nicht viel verdiente, war es immer noch genug für eine halbe Flasche Schaumwein, und mal ganz im Ernst, gab es denn im Leben etwas Besseres? Jetzt lief im Radio ein Lied, das sie mochte, und Flora war so fröhlich, wie man Mitte Februar überhaupt nur sein konnte; da bewegte sich plötzlich ein Schatten am Eingang.

Flora öffnete die Tür für ihre erste Kundin heute Morgen, die aus der arktischen Kälte blinzelnd ins Warme trat und Flora dabei die ganze Sonne wegnahm. Floras gute Laune erhielt plötzlich einen Dämpfer, als sie in der Kundin Jan erkannte.

Bei ihrer Rückkehr nach Mure hatte Flora einen netten – wirklich sehr netten – Mann namens Charlie oder Teàrlach kennengelernt. Er hatte hier auf Mure eine Agentur für Abenteuerurlaub, die sich mit Angeboten für Geschäftsleute und Anwälte über Wasser hielt, bevorzugt aber für Wohltätigkeitsorganisationen Aufenthalte für sozial benachteiligte Kinder vom Festland organisierte.

Charlie hatte Flora gern gehabt, und Flora, die sich endlich damit abgefunden hatte, dass sie wohl niemals etwas mit Joel anfangen würde, hatte ein bisschen mit ihm geflirtet. Na ja, sogar mehr als nur ein bisschen, dachte sie nun.

Es war ihr peinlich, daran zurückzudenken, weil sie ja ziemlich schnell von einem Mann zum nächsten übergegangen war. Charlie war jedoch ein Gentleman und hatte Verständnis gezeigt.

Na ja, allerdings gab es da noch den anderen Aspekt der ganzen Geschichte, dass Charlie in dieser Zeit nämlich mit seiner Kollegin und Langzeitfreundin Jan eine Pause eingelegt hatte.

Jan hielt Flora jedenfalls für ein nutzloses Flittchen und gab ihr für alles die Schuld, weil sie Charlie ihrer Meinung nach vom rechten Weg abgebracht hatte. Das hatte Jan Flora nie verziehen und machte sie bei jeder Gelegenheit in der Öffentlichkeit laut vernehmlich herunter.

Normalerweise würde so etwas Flora nicht groß stören. Aber auf einer Insel mit der Ausdehnung von Mure war es gar nicht so einfach, einander aus dem Weg zu gehen. Und wenn man jemanden nicht mochte, dann konnten die regelmäßigen Zusammentreffen ganz schön nervig werden.

Jan war groß, trug einen praktischen Kurzhaarschnitt, hatte einen kantigen Kiefer und war fest davon überzeugt, dass sie (durch ihre Arbeit mit Charlie bei Outdoor Adventures) gerade die Welt rettete, während alle anderen nur Taugenichtse waren.

Erstaunlicherweise trug sie heute jedoch ein Lächeln auf dem Gesicht. „Morgen!“, trällerte sie. Flora schaute zu Isla und Iona rüber, die über Jans gute Laune ebenso verblüfft waren und fragend mit den Schultern zuckten.

„Äh … Hi, Jan!“, grüßte Flora. Normalerweise ignorierte Jan sie völlig und bestellte bei den jungen Mädchen, wobei sie die ganze Zeit mit überlauter Stimme redete und so tat, als existierte Flora gar nicht. Am liebsten hätte Flora ihr deswegen ja den Zutritt zum Café verwehrt, aber so etwas war eigentlich gar nicht ihre Art, und sie hätte auch gar nicht gewusst, wie sie das überhaupt anstellen sollte. Darüber hinaus war es vermutlich auch kontraproduktiv, eine Mitarbeiterin von Outdoor Adventures auf die schwarze Liste zu setzen. Schließlich verteilte Flora über Charlie den Großteil ihrer übrig gebliebenen Ware an die Kinder des Abenteuerprogramms.

„Hallo!“ Jan wedelte so übertrieben mit der linken Hand herum, dass Flora schon dachte, sie würde jemandem auf der anderen Straßenseite zuwinken.

Zum Glück war Isla bei solchen Sachen mehr auf Zack. „Jan! Ist das da etwa ein Verlobungsring?“

Jan errötete zart und blickte so verschämt drein, wie sie es denn hinbekam, also nicht besonders, während sie kokett ihre Hand zeigte.

„Charlie und du, ihr macht das Ganze also offiziell?“, fragte Isla. „Das ist ja toll!“

„Herzlichen Glückwunsch!“, rief Flora, die sich wirklich für sie freute. Die Sache mit Charlie hatte ihr damals echt leidgetan. Dass er sich in seinem Leben jetzt endlich wohl genug fühlte, um Jan einen Antrag zu machen, war eine tolle Neuigkeit. „Wirklich super, ich wünsche euch nur das Beste!“

Jan wirkte ein wenig verblüfft, so als hätte sie insgeheim eigentlich gehofft, Flora würde sich zu Boden werfen und sich vor Verzweiflung die Haare raufen.

„Und, für wann ist die Hochzeit geplant?“, fragte Iona.

„Die soll natürlich in The Rock stattfinden.“

„Falls das Hotel denn je eröffnet“, warf Flora ein. Sie hatte keine Ahnung, worauf Colton noch wartete.

Jan zog die Augenbrauen hoch. „Oh, ich bin mir sicher, es gibt hier auch Leute, die die Sachen gebacken kriegen … Habt ihr heute Morgen diese Teigtaschen mit Rosinen?“

Hatten sie nicht, wie Flora zu ihrem Ärger zugeben musste.

„Na ja, das ist jedenfalls eine tolle Nachricht“, bekräftigte sie daher lieber noch einmal.

Allerdings wollte sie auf der Neuigkeit auch nicht allzu sehr herumreiten, damit es bloß nicht so aussah, als sei sie auf eine Einladung scharf. Was sie wirklich nicht war. Letzten Sommer hatten so einige Leute sie und Charlie zusammen gesehen und erinnerten sich nur zu gut daran, wie Jan ausgeflippt war, als sie die beiden bei einem Kuss erwischt hatte. Das Letzte, was Flora gebrauchen konnte, war eine neue Welle von Klatsch und Tratsch, gerade jetzt, wo endlich wieder Ruhe eingekehrt war.

Deshalb verzog sie sich lieber hinter den Tresen. „Kann ich dir vielleicht etwas anderes anbieten?“

„Vier Stück Quiche. Also … Normalerweise ist in eurem Zeug ja immer viel zu viel Zucker, und ich weiß schon, dass ihr nicht sehr nachhaltig arbeitet, aber …“

Auch ihr neues Glück konnte Jans Pedanterie also nichts anhaben, dachte Flora. „Entschuldigung, wie bitte?“

„Na ja“, sagte Jan, während ein Lächeln ihre Lippen umspielte. „Wir haben uns überlegt, dass du vielleicht das Catering für unsere Hochzeit übernehmen könntest.“

Flora blinzelte. Sie war echt scharf darauf, sich im Bereich Catering einen Namen zu machen. Was The Rock anging, so gab es nämlich nichts Neues, und sie wollte unbedingt mehr Geld reinbringen, um den Mädchen etwas mehr zahlen zu können.

Einerseits hatte sie keine große Lust darauf, Charlie beim Heiraten zuzusehen. Andererseits war es ihr doch eigentlich auch egal, oder? Und das Geld könnten sie wirklich gut gebrauchen. Darüber hinaus wäre sie ja doch die meiste Zeit hinter den Kulissen, um in der Küche sicherzugehen, dass alles gut lief. Ja, ehrlich gesagt war das vielleicht sogar die beste Lösung.

„Natürlich!“, rief sie also aus. „Das machen wir gern.“

Wieder runzelte Jan die Stirn. Plötzlich traf Flora die Erkenntnis, dass Jan im Vorfeld offenbar ein Szenario gedanklich durchgespielt hatte, in dem ihre Kontrahentin sich durch diesen Vorschlag furchtbar erniedrigt fühlen würde. Was Jan die ganze Sache bringen sollte, war Flora dabei zwar nicht klar. Aber sie würde auf keinen Fall so tun, als würde sie sich über das Angebot nicht freuen.

Jan lehnte sich zu ihr vor. „Und das wäre auch ein tolles Hochzeitsgeschenk.“

Flora kniff die Augen zusammen, während sich Stille über den Laden legte, nur durchbrochen vom Klingeln der Tür, als nun die üblichen Morgengäste hereinkamen. Isla und Iona nahmen ihre Plätze hinter dem Tresen ein, um die Neuankömmlinge zu bedienen. Dabei hielten sie sich in sicherem Abstand zu dieser schwierigen Unterhaltung, entfernten sich aber nur so weit, dass sie noch alles mitbekamen.

„Äh“, sagte Flora schließlich. „Nein, ich fürchte … Ich fürchte, das müssten wir euch schon in Rechnung stellen. Tut mir leid.“

Jan nickte mitfühlend. „Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für dich gewesen sein muss“, sagte sie schließlich.

Flora guckte einfach nur mit heiterer Miene beharrlich geradeaus.

„Dabei sollte man ja meinen, du mit deinem reichen Freund würdest der Insel gerne mal was Gutes tun wollen.“

Flora musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten, dass die Sache so nun wirklich nicht lief, überhaupt nicht. Es würde ihr nämlich nicht im Traum einfallen, von Joel auch nur einen Penny anzunehmen. Ihr graute allein schon bei der Vorstellung, ihn um irgendwas zu bitten. Bisher hatten sie noch kein einziges Wort über das Thema Geld verloren. In diesem Augenblick musste sie sich zwar eingestehen, dass sie ja generell wenig redeten, aber das verdrängte sie jetzt mal.

Joel erkannte gewisse Feinheiten oft nicht, aber er empfand Flora als willkommene Abwechslung zu all den Frauen aus seiner Vergangenheit, die immer maulend Shoppingtrips eingefordert hatten. Allerdings ging er davon aus, dass Flora sich eben nichts wünschte, gar nichts brauchte, was so auch nicht stimmte.

Egal, jedenfalls entrüstete Flora die Vorstellung, wie sich Jan und ihre reiche, wohlgenährte Familie auf eins ihrer berühmten Annies-Küche-Büfetts stürzten – auf Hummer, Austern auf Eis, Brot und Butter in Topqualität, Rindfleisch aus der Gegend und den besten Käse weit und breit, auf leuchtende Obstkuchen und frisch geschlagene Sahne –, und das alles für lau … Dass sie sich damit den Bauch vollschlugen und sich auch noch köstlich darüber amüsierten, dafür keinen Penny bezahlt zu haben …

Ohne ein weiteres Wort packte Flora die Quiche-Stücke ein und tippte den Preis in die Kasse. Mit gönnerhaftem Lächeln zählte Jan ganz, ganz langsam ihre Münzen auf die Theke und verließ dann das Café, während Flora ihr wütend hinterherstarrte.

„Wirklich schade“, murmelte Iona, die ihr ebenfalls hinterherschaute.

„Diese Frau ist ein Monster“, knurrte Flora, deren gute Laune inzwischen völlig verflogen war.

„Nein, ich meine, ich wäre so gerne zu der Hochzeit gegangen“, sagte Iona. „Ich wette, dass da jede Menge gut aussehende Jungen kommen.“

»Ist das eigentlich alles, woran du denkst – wie du Jungs kennenlernen kannst?«

„Nein“, entgegnete Iona. „Tatsächlich denke ich immer nur darüber nach, wie ich Jungs kennenlernen kann, die nicht als Fischer arbeiten.“

„Hey!“, rief da jemand aus einer Gruppe Fischer rüber, die ihre Hände an den großen Steingutbechern mit heißem Tee wärmten und frisches, warmes Sodabrot aßen.

„Ich will ja niemandem zu nahe treten“, sagte Iona. „Aber ihr riecht immer nach Fisch und habt auch einfach nicht genug Daumen, weil die ständig im Netz hängen bleiben. Oder vertue ich mich da etwa?“

Die Fischer blickten einander an und nickten. Ja, das mussten sie zugeben, da hatte sie durchaus recht, keine Frage.

„Okay!“, rief Flora und reckte die Hände in die Luft. „Ich muss los und mein Flugzeug erwischen.“

Jenny Colgan

Über Jenny Colgan

Biografie

Jenny Colgan studierte an der Universität von Edinburgh und arbeitete sechs Jahre lang im Gesundheitswesen, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit dem Marineingenieur Andrew hat sie drei Kinder, und die Familie lebt etwa die Hälfte des Jahres in Frankreich. Ihre Romane um »Die kleine Bäckerei...

Medien zu „Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer “
Pressestimmen
Westfälischer Anzeiger

„wunderbar leicht und die perfekte Urlaubslektüre“

Ostthüringer Zeitung

„Ein Fest für Romantiker.“

Madonna

„traumhafte Romanze“

Kommentare zum Buch
Floras Geschichte geht weiter
Ascora am 02.08.2019

Bei dem Buch „Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer“ handelt es sich um den Folgeband zu „Die kleine Sommerküche am Meer“, allerdings kann man diesen Band wunderbar ohne Vorkenntnisse lesen – ich selbst kannte den ersten Band auch nicht. Flora MacKenzie hatte London den Rücken gekehrt und ist auf die schottische Insel Mure und zu ihrer Familie heimgekehrt. Mit dem kleinen Cafe hat sie sich eine ganz neue Geschäftsidee aufgebaut und eine neue Existenz, da kommt ihr der Auftrag die Hochzeit ihres Bruders auszurichten gerade Recht. Außerdem muss sie prüfen ob die Beziehung zu ihrem ehemaligen Chef noch eine Chance hat. Zum Stil: Erzählt wird die Geschichte in der dritten Person und es gibt im Großen und Ganzen drei Handlungsstränge bzw. drei Paare: Flora und Joel, Fintan und Colton sowie Lorna und Saif. Alle Charaktere sind sehr lebendig und authentisch gezeichnet und sehr individuell. Auch die Insel Mure an sich nimmt einen wichtigen Part ein und wird sehr bildlich beschrieben. Ein gewisses Manko war vielleicht die Fülle an Ereignissen und Themen, die angesprochen wurden, fast jedes Kapitel springt zu einem anderen Paar und wechselt den Handlungsstrang, man musste doch bewusst lesen und aufpassen. Der leichte und lockere Schreibstil der Autorin Jenny Colgan war allerdings ein großer Pluspunkt und so fesselnd, dass ich gerne immer weitergelesen habe. Als besonderes Highlight finden sich am Ende des Buches noch einige original schottische Rezepte zum Nachkochen. Mein Fazit: Eine gelungene Fortsetzung mit neuen Ereignissen die auch einige aktuelle Themen aufgreifen.

Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer
Susanne Krebs am 13.06.2019

Du liebe Güte, unter einer leichten Sommerlektüre stelle ich mir wirklich etwas anderes vor. Unheilbarer Bauchspeicheldrüsenkrebs, ein Psychokollaps, traumatisierte Flüchtlingskinder, unerfüllte Liebe... um nur einiges zu nennen. Da wurde wirklich nichts ausgelassen. Sehr enttäuschend, wenn man wie bei den Vorgängern etwas Heiteres mit Happy End erwartet. Als Leser fühle ich mich da durch Cover und Klappentext mal so richtig in die Irre geführt. Ist wohl eher was für die Leser von Schicksalhaftem a la Lori Nelson Spielman.

Liebesroman, Familiengeschichte und Drama - spannende und unterhaltsame Fortsetzung der Reihe von "Floras Küche"
Lena am 08.06.2019

Flora MacKenzies Mutter ist inzwischen drei Jahre tot und Flora hat sich mit "Annies Küche" auf der schottischen Insel Mure ein kleines Café aufgebaut, das zwar gerade in den Sommermonaten durch den Tourismus floriert, das aber dennoch vor allem aufgrund der Gutmütigkeit von Flora finanziell wenig ertragreich ist. Mehr Sorgen macht ihr allerdings ihre Beziehung zu ihrem ehemaligen Chef, dem Anwalt Joel Binder, der zu ihr auf die Insel gezogen ist, aber so distanziert ist und sich unaufhörlich in die Arbeit für seinen Klienten, den Milliardär Colton Rogers stürzt, der auf Mure ein Ressort eröffnen möchte, dass Flora sich gar nicht mehr sicher ist, ob sie und Joel überhaupt eine Beziehung führen.   Dr. Saif Hassan ist aus Syrien geflüchtet und hat in Schottland ein Visum erhalten, um auf der Insel Mure zu praktizieren. Er hat sich gut auf der rauen Insel eingelebt, die älteren Damen stehen in seiner Praxis Schlage und versorgen ihn gern mütterlich aus ihrer Küche. Saif wartet tagtäglich auf Nachrichten aus Syrien, denn er vermisst seine Frau Amena und seine beiden Söhne. Als zumindest seine Kinder endlich gefunden werden, ist er überglücklich, doch auf Mure sieht er sich mit den traumatisierten Kindern mit Problemen konfrontiert, die ihn überfordern.   "Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer" ist er zweite Band der neuen Buchreihe von Jenny Colgan. Nachdem mir der Auftakt gut gefallen hatte, musste ich wissen, wie es mit Flora und ihrem Neuanfang auf Mure weitergegangen ist. Durch das Vorwort der Autorin findet man sich auch nach knapp einem Jahr Abstand wunderbar in die Fortsetzung des Romans ein.   Den zahlreichen Handlungssträngen geschuldet, ist der Roman aus den Perspektiven verschiedenster Protagonisten geschrieben, wobei die liebenswürdige Flora den größten Anteil an der Geschichte hat. Trotz der großen Anzahl der Charaktere schafft es die Autorin jedem von ihnen Leben einzuhauchen, so dass man gebannt jeden der Erzählstränge verfolgt. Keiner von ihnen ist einfach und geradlinig - Flora weiß nicht, woran sie mit Joel ist, der sich den Dämonen seiner Vergangenheit stellen muss, um neben dem beruflichen Erfolg auch endlich emotionales Glück in sein Leben einziehen zu lassen. Saif ist glücklich, dass er seine Kinder wieder bei sich hat, weiß aber nicht, was sie in den zwei Jahren seiner Abwesenheit während des Kriegs in Syrien erlebt haben und wie er ihnen helfen kann, ihre Erlebnisse zu verarbeiten, um auf Mure neu zu beginnen. Floras Bruder Fintan scheint nach seinem Coming-Out das Glück für sich gepachtet zu haben, muss aber vor der Hochzeit eine dunkle Seite seines Verlobten Colton entdecken.   Durch die lebendigen Beschreibungen kann man problemlos in die Charaktere eintauchen und ihre Sorgen und Probleme nachvollziehen. Das Buch ist eine Mischung aus Liebesroman, Familiengeschichte und Drama, das spannend und unterhaltsam ist, auch wenn die wiederholten Beschreibungen von Floras Mystik als Walflüsterin und Selkie-Mädchen mit durchscheinender Hau auf Dauer ermüden.   Cover und Buchtitel suggerieren eine triviale sommerliche Liebesgeschichte, doch der Roman bietet durch die ernsten Töne viel mehr als das. Alle Einzelschicksale konnten mich mitnehmen, einzig die Geschichte um Dr. Saif Hassan und seine kriegstraumatisierten Kinder empfand ich als zu oberflächlich und eigentlich hätte es diesen Teilen des Romans gar nicht gebraucht, um den anderen Charakteren und ihren Nöten mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Ich freue mich deshalb schon auf ein Wiedersehen in Band 3 "Weihnachten in der kleinen Sommerküche am Meer", der schon am 1. Oktober 2019 erscheint.

Erdhaftig schmökert am 05.06.2019

Bisher fand ich die Bücher über die kleine, schottische Insel Mure und ihre teils skurrilen Bewohnern bezaubernd und stets amüsant. Das ist bei diesem Band anders. Mir kommt es vor als ob die Autorin zu viel in die Geschichte hinein packen wollte. Vieles davon ist ihr gelungen:   Familienglück Der syrische Arzt Said fühlt sich endlich in der Gemeinschaft aufgenommen und seine Kinder wurden gefunden, kommen zu ihm nach Mure. Dort merkt es, wie nervenaufreibend Erziehung sein kann – früher waren dafür die Frauen seiner Familie zuständig. Auch die Bewohner freuen sich für ihn und lassen ihn auf ihre Art spüren, dass sie ihn wertschätzen ebenso wie seine Jungs.   Die Familie um Flora herum wird größer, es gibt neue Sorgen und die Paare finden ihre eigenen, manchmal etwas steinigen Wege zueinander zu finden. Es gibt ein Auf und Ab der Gefühle und jede Menge „Küchentischpsychologie“.   Schwere Schicksale … wurden leider mit hinein geflochten. Und eins zieht sich durch und wird erst am Ende des Titels so richtig konkret benannt. Vorher ahnte man in verschiedene Richtungen, immer die falschen und das tut der Geschichte an sich nicht gut.   Der locker-leichte Schreibstil zeigt sich zwar, wird aber immer wieder gehemmt durch Erklärungen für Leser, die dieses Buch zuerst lesen. Das störte mich gewaltig. Dann doch lieber ein Kapitel vorab mit Erläuterungen. Denn diese Serie ist eine sehr seichte, die durch ihren amüsanten, guten Stil erst lesenswert wird.

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden