Romane über Bücher
Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Romane, in denen Bücher die Hauptrolle spielen

Bücher über Bücher

Bücher über Bücher - in diesen Romanen spielen Bücher, Buchhandlungen und Schriftsteller die Hauptrolle. Es sind Buchgeschichten, die in die magische Welt der Literatur entführen.

Blick ins Buch
Der BuchspaziererDer Buchspazierer

Roman

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können.“ Mit „Der Buchspazierer“ präsentiert der renommierte Autor Carsten Henn eine gefühlvolle Geschichte darüber, was Menschen verbindet und Bücher so wunderbar macht. Liebevoll und wertig ausgestattet, ist dieser zauberhafte Roman ein ideales Geschenk für alle Buchliebhaber.   Es sind besondere Kunden, denen der Buchhändler Carl Christian Kollhoff ihre bestellten Bücher nach Hause bringt, abends nach Geschäftsschluss, auf seinem Spaziergang durch die pittoresken Gassen der Stadt. Denn diese Menschen sind für ihn fast wie Freunde, und er ist ihre wichtigste Verbindung zur Welt. Als Kollhoff überraschend seine Anstellung verliert, bedarf es der Macht der Bücher und eines neunjährigen Mädchens, damit sie alle, auch Kollhoff selbst, den Mut finden, aufeinander zuzugehen …   „Auf dem Rücken trug er einen abgescheuerten alten Lederrucksack, prall gefüllt mit Büchern, jedes davon in Packpapier gehüllt, damit es keinen Schaden nahm. Alle nannten ihn nur den Buchspazierer.“
In Kürze wieder lieferbar

Kapitel 1

Sein eigener Herr

Es heißt, Bücher finden ihre Leser – aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg weist. So war es auch an diesem Spätsommertag in der Buchhandlung, die sich Am Stadttor nannte, obwohl das Stadttor oder besser dessen Überreste, die die meisten Bürger für ein gewagtes Kunstwerk hielten, gute drei Kreuzungen entfernt lag.

Die Buchhandlung war sehr alt und über mehrere Epochen errichtet und erweitert worden. Mauerwerk mit Schnörkeln und Gipsstuck fand sich neben schmucklosen rechten Winkeln. Ein Nebeneinander von Alt und Neu, von verspielt und nüchtern bestimmte das Äußere des Gebäudes, fand sich aber auch im Inneren wieder. Rote Plastikständer mit DVDs und CDs standen neben mattierten Metallregalen mit Mangas, diese wiederum neben polierten Glasvitrinen, in denen Globen standen, oder eleganten Holzregalen mit Büchern. Angeboten wurden auch Gesellschaftsspiele, Papeterie, Tee und neuerdings sogar Schokolade. Den verwinkelten Raum beherrschte ein schwerer, dunkler Tresen, den die Mitarbeiter nur den Altar nannten. Er sah aus, als stammte er aus der Barockzeit. Mit Schnitzereien an der Front, die eine ländliche Szene darstellten, bei der eine Jagdgesellschaft auf prachtvollen Rössern, begleitet von einer Meute drahtiger Hunde, hinter einer Rotte Wildschweine herpreschte.

In dieser Buchhandlung wurde nun die Frage gestellt, für die Buchhandlungen existierten: „Können Sie mir ein gutes Buch empfehlen?“ Die Fragestellerin, Ursel Schäfer, wusste genau, was ein gutes Buch ausmachte. Erstens unterhielt sie ein gutes Buch so sehr, dass sie im Bett so lange las, bis ihr die Augen zufielen. Zweitens ließ es sie an mindestens drei, besser vier Stellen weinen. Drittens hatte es nicht weniger als dreihundert Seiten, aber niemals mehr als dreihundertachtzig, und viertens war der Umschlag nicht grün. Büchern mit grünen Umschlägen war nicht zu trauen. Eine bittere Erfahrung, die sie mehrmals hatte machen müssen.

„Sehr gern“, antwortete Sabine Gruber, die seit drei Jahren die Buchhandlung am Stadttor leitete. „Was lesen Sie denn gern?“

Ursel Schäfer wollte das nicht sagen, sie wollte, dass Sabine Gruber es wusste, weil sie eine Buchhändlerin war und dadurch von Natur aus mit einer gewissen Portion an hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet sein musste.

„Nennen Sie mir drei Begriffe, dann suche ich das Passende für Sie heraus. Liebe? Südengland? Ein richtiger Schmöker? Ja?“

„Ist Herr Kollhoff vielleicht da?“, fragte Ursel Schäfer, ihre Stimme leicht unruhig. „Er weiß immer, was mir gefällt. Er weiß immer, was allen gefällt.“

„Nein, er ist heute leider nicht da. Herr Kollhoff arbeitet nur noch ab und an für uns.“

„Wie schade.“

„So, da hätte ich etwas für Sie. Ein Familienroman, der in Cornwall spielt. Sehen Sie hier, auf dem Cover sind das bezaubernde Anwesen der Familie zu sehen und der große umliegende Park.“

„Es ist grün“, sagte Ursel Schäfer und blickte Sabine Gruber vorwurfsvoll an. „Sattgrün!“

„Weil das Buch größtenteils in dem wundervollen Park des Earl of Durnborough spielt. Die Bewertungen sind alle sehr gut!“

Die schwergängige Eingangstür öffnete sich, und das kleine kupferne Glöckchen darüber klingelte hell. Carl Kollhoff klappte seinen Regenschirm zusammen, schüttelte ihn routiniert aus und stellte ihn in den Ständer. Sein Blick glitt durch die Buchhandlung, die er seine Heimat nannte. Er hielt Ausschau nach frisch eingetroffenen Büchern, die zu seinen Kunden wollten. Er kam sich dabei vor wie ein Muschelsammler am Strand. Und er sah auf den ersten Blick etliche Funde, die nur darauf warteten, aufgehoben und vom körnigen Sand befreit zu werden. Aber als er Ursel Schäfer erblickte, waren sie mit einem Mal ganz unwichtig. Sie warf ihm ein warmherziges Lächeln zu, als wäre er ein Amalgam aus all den reizenden Männern, in die sie sich beim Lesen der Bücher verliebt hatte, die Carl ihr über die Jahre empfohlen hatte. Dabei glich Carl keinem von ihnen. Früher hatte Carl mal einen kleinen Bauch gehabt, aber der war mit den Jahren genauso geschwunden wie die Haare auf seinem Kopf, so, als hätten sie vereinbart, ihn gemeinsam zu verlassen. Heute, mit zweiundsiebzig Jahren, war er mager, trug aber immer noch seine viel zu große alte Kleidung. Sein ehemaliger Chef sagte, er sehe mittlerweile aus, als würde er sich nur noch von den Wörtern in seinen Büchern ernähren, und die hätten wenige Kohlenhydrate. Aber viel Substanz, erwiderte Carl daraufhin stets.

An den Füßen trug Carl immer klobige, schwere Schuhe. Mit so dickem schwarzem Leder und so festen Sohlen, dass sie für ein ganzes Menschenleben reichten. Und gute Socken, die waren wichtig. Darüber eine olivgrüne Latzhose und in derselben Farbe eine Jacke mit Kragen.

Immer trug er einen Schlapphut, eine Fischermütze mit schmaler Krempe, sodass die Augen vor Regen und grellen Sonnenstrahlen geschützt wurden. Auch in Innenräumen zog er ihn nicht ab, nur zum Schlafen. Ohne fühlte er sich nicht komplett bekleidet. Ebenso wenig sah man ihn ohne seine Brille, deren Gestell er vor Jahrzehnten in einem Antiquitätenladen gekauft hatte. Dahinter lagen Carls kluge Augen, die immer aussahen, als hätte er zu lange bei schlechtem Licht gelesen.

„Frau Schäfer, wie schön, Sie zu sehen“, sagte er und trat zu Ursel Schäfer, die ihrerseits zu ihm trat und damit fort von Sabine Gruber. „Darf ich Ihnen vielleicht ein Buch empfehlen, das sich wunderbar auf Ihrem Nachttisch machen würde?“

„Das letzte hat mir sehr gut gefallen, vor allem, dass sie sich zum Schluss in die Augen gesehen haben. Ein Kuss wäre noch schöner gewesen, um die Sache zu besiegeln. Aber in dem Fall gebe ich mich auch mit einem Blick zufrieden.“

„Er war ja fast noch intensiver als ein Kuss. Manche Blicke können das sein.“

„Nicht, wenn ich küsse!“, sagte Ursel Schäfer und kam sich in diesem Moment wunderbar verrucht vor, was ihr nur noch sehr selten passierte.

„Dieses Buch“, Carl griff eines aus dem Stapel neben der Kasse, „wartet, seit es ausgepackt wurde, auf Sie. Es spielt in der Provence, und jedes Wort duftet nach Lavendel.“

„Bordeauxrote Bücher sind die besten! Endet es mit einem Kuss?“

„Habe ich das je verraten?“

„Nein!“ Sie sah ihn vorwurfsvoll an, nahm ihm aber das Buch aus der Hand.

Natürlich hätte Carl ihr nie einen Roman ohne Happy End empfohlen. Aber den kleinen Nervenkitzel, ob es diesmal anders wäre, wollte er Ursel Schäfer auf keinen Fall rauben.

„Ich bin so froh, dass es Bücher gibt“, sagte sie. „Hoffentlich ändert sich das nie! Es ändert sich ja so viel und so schnell. Alle zahlen jetzt nur noch mit Plastikgeld. Wenn ich an der Kasse die Münzen passend heraussuche, werde ich schon komisch angeguckt!“

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, Frau Schäfer. Weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können. Und der Buchdruck ist die beste Konservierungsmethode für Gedanken und Geschichten. Darin können sie Jahrhunderte überdauern.“

Mit einem warmen Lächeln verabschiedete sich Carl Kollhoff von ihr und ging durch eine mit Werbeplakaten beklebte Tür in den Raum, der Lager und Büro der Buchhandlung in einem war. Der Schreibtisch war voller gestapelter Bücher, der Rand des alten Computerbildschirms voller gelber Zettel und der große Jahresplaner an der Wand voller Einträge in Rot.

Seine Bücher lagen wie immer in einer schwarzen Plastikkiste, die in der dunkelsten Ecke stand. Früher war ihr Platz auf dem Schreibtisch gewesen, doch seit Sabine die Buchhandlung von ihrem Vater übernommen hatte, war die Kiste jeden Tag ein wenig mehr in die am schwersten zugängliche Ecke gewandert. Parallel hatte die Kiste immer mehr an Inhalt verloren. Es gab nicht mehr viele Menschen, denen er Bücher bringen sollte. Jedes Jahr verschwanden mehr von ihnen.

„Moin, Herr Kollhoff! Und, was sagen Sie zu dem Spiel? Das war doch niemals ein Elfer! Ich ärgere mich immer noch über diesen Schiri.“

Leon, der neue Schülerpraktikant, war aus der kleinen Mitarbeitertoilette getreten – und mit ihm Zigarettenrauch. Jeder andere hätte gewusst, dass es völlig sinnlos war, Carl solch eine Frage zu stellen. Denn Carl sah keine Nachrichten, hörte kein Radio, las keine Zeitung. Er war der Welt, wie er sich manchmal eingestand, ein wenig abhandengekommen. Es war eine bewusste Entscheidung gewesen, als ihn all die Berichte über unfähige Staatenlenker, das Schmelzen der Polkappen und das Leid der Vertriebenen trauriger gemacht hatten als das tragischste Familiendrama in Buchform. Es war Selbstschutz gewesen, auch wenn seine Welt seitdem viel kleiner geworden war. Sie maß nur noch gut zwei mal zwei Kilometer, und er schritt an jedem Tag ihre Grenzen ab.

„Kennen Sie das wundervolle Fußballbuch von J. L. Carr?“, fragte Carl, statt sich in der Schiedsrichterfrage auf die Seite des Praktikanten zu stellen.

„Geht es da um unseren Club?“

„Nein, um die Steeple Sinderby Wanderers.“

„Kenn ich nicht. Aber ich lese sowieso keine Bücher. Nur wenn ich muss. Also in der Schule. Und selbst dann versuche ich lieber, nur den Film dazu zu gucken.“ Er grinste, als würde er dadurch geschickt die Lehrer austricksen statt sich selbst.

„Warum absolvierst du dein Praktikum dann hier?“

„Hat meine Schwester vor drei Jahren auch gemacht, wir wohnen direkt um die Ecke, der Weg ist kurz.“ Er verschwieg, dass alle, die keine Praktikumsstelle fanden, zwei Wochen in der Hausmeisterei aushelfen mussten. Der Hausmeister nutzte diese Zeit, um sich bei den Praktikanten – stellvertretend für die gesamte Schülerschaft – mittels demütigender Arbeiten für all die vollgekritzelten Wände, alten Kaugummis unter Tischplatten und Butterbrotreste in den Rabatten zu rächen.

„Liest deine Schwester denn?“

»Nachdem sie hier war, schon – aber das wird mir nicht passieren!«

Carl lächelte, denn er wusste, warum Leons Schwester angefangen hatte zu lesen. Sein ehemaliger Chef, Gustav Gruber, der nun in der Seniorenresidenz Münsterblick lebte, hatte genau gewusst, wie man mit solch leseunwilligen Fällen wie Leon und seiner Schwester umzugehen hatte. Er ließ sie die in die Plastik eingepackten Glückwunschkarten abwischen, jede einzeln. Dabei wurde es den Praktikanten so langweilig, dass sie aus lauter Verzweiflung zu einem Buch griffen, welches er strategisch klug in ihrer Nähe deponiert hatte. Gustav Gruber hatte sie alle bekehrt. Auch mit Kindern war Gustav Gruber klargekommen, Carl dagegen erschienen sie wie fremde Wesen. Das war schon so gewesen, als er selbst ein Kind gewesen war. Und je größer der Abstand zur Kindheit wurde, desto fremder und eigenartiger erschienen sie ihm.

Leons Schwester hatte der alte Gruber damals mit einem Roman gelockt, in dem sich ein junges Mädchen in einen Vampir verliebte. Leon, in dem augenscheinlich gerade die Pubertät wütete, hätte er ein Buch hingelegt, auf dessen Umschlag ein hübscher weiblicher Teenager abgebildet gewesen wäre – und bei dem die Seiten nicht zu dicht bedruckt waren. Der alte Gruber sagte immer: Es ist nicht wichtig, was man liest, sondern dass man liest. Carl konnte das nicht für alle Druckerzeugnisse unterschreiben, denn manche Gedanken, die sich zwischen Buchdeckeln fanden, waren wie Gift – aber viel häufiger steckte Heilung im Papier. Manchmal sogar für Dinge, bei denen man gar nicht gewusst hatte, dass sie der Heilung bedurften.

Vorsichtig nahm Carl die schwarze Plastikkiste aus der Ecke. Heute waren es nur drei Bücher, sie lagen ganz verloren darin. Dann suchte er braunes Packpapier und Kordel, um jedes einzeln einzupacken, als wäre es ein Geschenk. Sabine Gruber hatte ihm mehrfach gesagt, er solle das lassen und die Kosten einsparen, doch Carl bestand darauf, denn das würden seine Kunden erwarten. Carl merkte es nicht, aber er strich über jedes Buch, bevor er es in das dicke Papier einschlug.

Schließlich holte er seinen olivgrünen Bundeswehrrucksack, der von den Jahren gezeichnet war, doch dank Carls Sorgsamkeit und Liebe in sehr guter Verfassung. Noch war er leer, aber sein Faltenwurf zeigte, dass dies nicht seine natürliche Form war. Sanft ließ Carl die Bücher in den schweren Stoff des Rucksacks sinken, den er mit einer weichen Wolldecke ausgelegt hatte. So, als wären es kleine Hundewelpen, die er zu ihren neuen Besitzern tragen würde. Er ordnete die drei Bücher so in dem Rucksack an, dass sich das größte später nahe an seinem Rücken befinden würde und das kleinste am weitesten entfernt, weil es dort durch die Rundung des Rucksacks nicht beeinträchtigt werden würde.

Beim Herausgehen überlegte er kurz und wandte sich dann an Leon. „Wisch doch bitte die Grußkarten ab, das wird Frau Gruber sehr freuen. Am besten holst du sie rein, dann hast du hier deine Ruhe dabei. Ich habe es immer hier am Schreibtisch gemacht.“ Schnell legte er Nick Hornbys Fever Pitch auf den Tisch, das er gerade in einem Regal erspäht hatte. Das Fußballfeld darauf sah verführerisch grün aus – weswegen Ursel Schäfer es sicher keines Blickes würdigen würde.

 

Carl nannte es seine Runde, dabei glich es einem Vieleck durch die Innenstadt, ohne rechten Winkel, ohne Symmetrie. Dort, wo die Reste der Stadtmauer verliefen wie die Zahnruinen eines Greises, endete seine Welt. Seit vierunddreißig Jahren hatte er sie nicht verlassen, denn in ihr befand sich alles, was er zum Leben brauchte.

Carl Kollhoff ging viel zu Fuß, und er dachte genauso viel, wie er ging. Manchmal kam es ihm vor, als könnte er nur richtig denken, wenn er ging. Als würden die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster seine Gedanken erst in Bewegung bringen.

Wenn man durch die Stadt ging, fiel es einem nicht unbedingt auf, doch jede Ringeltaube und jeder Sperling wusste, dass die Stadt rund war. Alle alten Häuser und Gassen waren auf das Münster ausgerichtet, das sich imposant in der Mitte erhob. Wäre die Stadt Teil einer Modelleisenbahnstrecke, hätte man vermutet, dass das Münster im falschen Maßstab gebaut worden sei. Es stammte aus der kurzen Zeitspanne, als die Stadt sehr reich gewesen war. Doch bevor es vollendet werden konnte, hatte diese schon geendet, weswegen ein Turm nie fertiggestellt worden war.

Die Häuser standen ehrfurchtsvoll um das Münster. Einige der besonders alten neigten sogar leicht ihre Häupter. Vor dem Hauptportal hielten sie am meisten Abstand, wodurch hier der größte und schönste Platz der Stadt, der Münsterplatz, entstanden war.

Carl betrat ihn, und sofort war da wieder dieses Gefühl, beobachtet zu werden, wie ein Reh auf einer Lichtung, den Blicken und Gewehrläufen eines Jägers hilflos ausgeliefert – worüber Carl lächeln musste, weil er sich sonst nie wie ein Reh vorkam. Am Münsterplatz war der Geruch der Stadt am intensivsten. Im 17. Jahrhundert war sie belagert worden, und ein Bäcker hatte der Legende nach das Gepuderte Rad erfunden, ein Fettgebäck in Radform mit Speichen, gefüllt mit Schokoladencreme und bestreut mit Puderzucker. Er brachte es den Belagerern, um ihnen auf diese Weise den Wunsch der Stadtbevölkerung mitzuteilen, dass sie abreisen sollten. In Wirklichkeit war das hochkalorische Gebäck erst zweihundert Jahre später erfunden worden, was auch urkundlich belegt war, doch man verbreitete weiter die alte Geschichte, und die Besucher der Stadt glaubten sie gern.

Carls Schritte führten stets über dieselben Pflastersteine des Münsterplatzes, langsam und gleichmäßig. Stand jemand im Weg, wartete Carl und beschleunigte danach seinen Schritt, um die verlorene Zeit wiedergutzumachen. Die Strecke über den Platz war so von ihm angelegt, dass sie auch am Markttag ohne Hindernisse zurückgelegt werden konnte. Zudem führte sie möglichst weit an den vier Bäckereien des Platzes mit Gepuderten Rädern vorbei, denn er ertrug den Geruch des fettig-heißen Gebäcks nicht mehr.

Carl bog in die Beethovenstraße ein, die mehr eine Gasse war und dem großen Komponisten nicht gerecht wurde. Ein Mitarbeiter des Planungsamts hatte sich verwirklicht, indem er einen ganzen Straßenzug nach berühmten Komponisten benannt hatte. Seinem persönlichen Liebling Schubert hatte er die größte Straße gewidmet.

Carl Kollhoff wusste es nicht, doch er befand sich in diesem Moment genau im Mittelpunkt seiner Welt. An zwei Seiten wurde sie von Straßenbahnlinien, der 18 und der 57, begrenzt (obwohl die Stadt nur sieben Straßenbahnlinien besaß, aber so fühlte sie sich verkehrstechnisch wie eine Metropole), an einer Seite von der Schnellstraße in den Norden und an der vierten vom Fluss, der sich die meiste Zeit des Jahres damit begnügte, pittoresk zu plätschern, und nur an wenigen Tagen im Frühling auf ein wenig Hochwasser bestand. Wie ein junger Löwe, der ab und an brüllte, obwohl seine Stimmbänder es nicht hergaben.

Sein erster Abstecher führte ihn heute in die Saliergasse zu Christian von Hohenesch. Dessen aus dunklen Steinen errichtete Villa stand leicht nach hinten versetzt, sodass dem flüchtigen Passanten nicht auffiel, wie herrschaftlich sie war. Sie kauerte sich wie ein geduckter schwarzer Schwan, der nur darauf wartete, die prachtvollen Schwingen auszubreiten. Hinter ihr lag ein rechteckiger Park, gesäumt von riesigen Eichen. In diesem standen drei Bänke, die es Christian von Hohenesch ermöglichten, zu jeder Tageszeit Sonnenstrahlen auf die Seiten eines Buchs fallen zu lassen.

Carl wusste, dass Hohenesch großen Reichtum besaß, aber nicht, dass er der reichste Bürger der Stadt war. Niemand wusste es, selbst Hohenesch nicht, da er sich nicht mit anderen verglich. Seine Familie hatte vor Generationen mit dem Gerberhandwerk am Fluss ihr Vermögen gemacht und es geschafft, dieses in der Industrialisierung nicht zu verlieren. Christian von Hohenesch musste deshalb nicht arbeiten, er ließ arbeiten. Seine Aktien und Depots taten es für ihn. Er verwaltete nur die Verwalter seines Vermögens. Einmal am Tag kam eine Haushälterin, die kochte und die wenigen bewohnten Räume putzte, einmal in der Woche ein Gärtner, damit das Sonnenlicht auch weiterhin einen Weg zu den Buchseiten fand, und einmal im Monat ein Hausmeisterservice. Und von Montag bis Freitag kam Carl mit einem neuen Buch, das Christian von Hohenesch meist bis zum nächsten Tag gelesen hatte. Soweit Carl wusste, hatte Hohenesch die Grenzen seines Reichs seit Ewigkeiten nicht verlassen.

Carl läutete, indem er an einem kupfernen Stab zog, worauf eine tiefe Glocke im Inneren der Villa erklang. Wie immer dauerte es eine Zeit, bis der Hausbesitzer durch den langen, dunklen Flur kam, um die schwere, knarzende Holztür zu öffnen, aber nur einen Spaltbreit. Nie trat Christian von Hohenesch hinaus. Er war ein schöner dunkelhaariger Mann, groß gewachsen, edle Wangenknochen, markantes Kinn – und eine Traurigkeit, die über allem lag wie grauer Puder. Er trug wie stets einen dunkelblauen Zweireiher mit einer frischen weiße Orchideenblüte am Revers, und seine schwarzen Lederschuhe glänzten, als ginge er zu einem Opernball. Hohenesch war viel jünger, als seine Kleidung vermuten ließ. Gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt. Doch seit frühester Jugend trug er Anzüge, sie fühlten sich für ihn so natürlich an wie Jeansstoff für andere.

„Herr Kollhoff, Sie sind zu spät. Wir hatten Viertel nach sieben vereinbart“, sagte Hohenesch zur Begrüßung.

Carl neigte wie selbstverständlich den Kopf. Dann zog er vorsichtig das bestellte Buch aus seinem Rucksack. „Hier, Ihr neuer Roman.“ Er zog die Schleife der Kordel gerade, da sie beim Transport leicht verrückt war.

„Sie haben es mir empfohlen. Ich hoffe, zu Recht.“ Hohenesch nahm das Buch, packte es aber nicht aus. Es war ein Roman über die Ausbildung Alexanders des Großen bei Aristoteles. Hohenesch las nur Philosophisches.

Er reichte Carl das Trinkgeld, welches an das Gewicht der Bücher angepasst war. Er hatte dieses zuvor recherchiert. „Beim nächsten Mal wieder pünktlich. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Auf Wiedersehen.“

„Ja, ich Ihnen selbstverständlich auch.“

Christian von Hohenesch schloss die schwere Tür. Und die Villa sah im selben Augenblick wie unbelebt aus.

Der Hausherr hätte gerne viele Worte über Bücher und Autoren mit Carl gewechselt, den er als gebildeten Mann mit guten Manieren kannte, als einen verwandten Geist. Aber ihm waren mit der Zeit die Worte für Einladungen abhandengekommen. Er musste sie irgendwo in den vielen Zimmern seiner großen Villa verloren haben.

 

Carl verließ Christian von Hohenesch – doch eigentlich verließ er jemand anderen. Denn Carl sah die Spiegelungen von Romanen in unserer realen Welt. Für ihn war die Stadt bevölkert von Personen aus Büchern, obwohl diese in ganz anderen Zeiten oder in fernen Ländern lebten. Christian von Hohenesch war für ihn seit dem Moment, als dieser erstmals die schwere Tür der Villa geöffnet hatte, dem großartigen Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen entsprungen. Carl hatte gerade die Villa Pemberley im Derbyshire des 18. Jahrhunderts verlassen und dessen Bewohner Fitzwilliam Darcy, einen reichen, intelligenten Gentleman, der trotz eigentlich tadelloser Manieren häufig ein wenig arrogant und harsch wirkte.

Der Grund für diese Eigenart von Carl lag darin, dass er sich nie gut hatte Namen merken können, es sei denn, sie gehörten Figuren in Romanen. Schon in der Schule war das so gewesen, als viele Lehrer Spitznamen erhalten hatten, meist wenig schmeichelhafte: Klobürste, Prinz Morphium, Spucki. Carl aber hatte ihnen andere verliehen: Odysseus, Tristan oder Gulliver. Nach dem Abitur hatte er im Gegensatz zu seinen Mitschülern nicht mit den Spitznamen aufgehört. So wurde der junge Punker mit der abgewetzten Uniform, dem er während seiner Ausbildung immer auf dem Weg zur Buchhandlung begegnete, zum braven Soldaten Schwejk. Die Obsthändlerin, bei der er seine Äpfel kaufte, zur Königin aus Schneewittchen – erfreulicherweise sah sie davon ab, ihr Obst zu vergiften. Irgendwann fiel Carl auf, dass seine Stadt voller literarischer Figuren war, ja dass sich für jeden Bewohner eine literarische Entsprechung finden ließ. In den nächsten Jahren durfte er Sherlock Holmes kennenlernen, der bei der städtischen Polizei das Morddezernat leitete, und sogar Lady Chatterley, die oft in einem dünnen Kimono die Tür öffnete und in die er sich als junger Mann ein wenig verguckte. Allerdings verließ sie dann mit Adson von Melk die Stadt. Kapitän Ahab war von einem riesigen Maulwurf in seinem Garten besessen, den er nicht zur Strecke bringen konnte. Walter Faber, einem schwer kranken Ingenieur, brachte Carl bis zu seinem Tod Bücher über Südamerika. Und der Graf von Monte Christo hatte in einem Haus mit vergitterten Fenstern gelebt, das früher ein Gefängnis gewesen war und seinen neuen Besitzer auf eine merkwürdige Art in den eigenen Mauern festgehalten hatte.

Fast immer fiel ihm ein passender literarischer Name ein, bevor es ihm gelang, sich den realen einzuprägen. So, als wollte sein Gedächtnis ihn davor schützen, sich mit Profanem zu belasten. Und ab dem Moment, in dem er einen Namen ausgewählt hatte, las er die realen gar nicht mehr. Auf dem Weg von der Netzhaut zu seinem Gehirn verwandelten sich zum Beispiel die Buchstaben eines Christian von Hohenesch wie durch ein Wunder in Mister Darcy, ohne dass es Carl auffiel. Nur in besonderen Situationen erbarmte sich sein Kopf dazu, einen weltlichen Namen herauszurücken.

Viele musste sein Gehirn sich ohnehin nicht mehr merken.

Carls Weg durch die verwinkelten Gassen führte ihn nun zu einer literarischen Figur, deren Schicksal weitaus düsterer war als das des schlussendlich glücklich verheirateten britischen Gentleman.

Seine Kundin wartete hinter der Tür und sah durch den Spion hinaus auf die Gasse, auf die wenigen Menschen, die vorbeigingen. Niemand flanierte hier, niemand bewunderte die Gebäude, denn die schönen lagen mehrere Querstraßen entfernt. In diesem Teil der Altstadt gingen die Menschen schnell, da sie die bedrückende Enge nicht ertragen konnten und es ihnen vorkam, als würden sich die Giebel der Häuser über ihnen schließen, um kein Tageslicht mehr einzulassen.

Die zierliche junge Frau hinter dem Spion wusste, in welchem Zeitraum Carl Kollhoff bei ihr eintreffen würde. Sie wusste zwar auch, dass es albern war, lange Minuten durch den Spion zu blicken, statt im Wohnzimmer auf das Klingeln zu warten, doch sie konnte nicht anders. Andrea Cremmen strich eine blonde Haarsträhne hinter ihr Ohr und zog ihr Kleid gerade. Vom Kindergarten an war sie immer die Schönste gewesen, was ihr Zuneigung, aber auch viel Neid eingebracht hatte. Und eine frühe Ehe mit einem erfolgreichen Mann aus der Versicherungsbranche namens Matthias, der auch abends und am Wochenende lange arbeitete, damit es ihnen gut ging. Andrea selbst war gelernte Krankenschwester, arbeitete jetzt aber halbtags als Sprechstundenhilfe in einer kleinen Hausarztpraxis, wo man sie an den Empfang gesetzt hatte, weil ihr Anblick die Patienten erfreute und beruhigte. Keiner hatte Andrea jemals sagen müssen, dass sie lächeln sollte, Andrea tat es einfach, es gehörte zum Hübschsein dazu. Wer hübsch ist und nicht lächelt, gilt als arrogant. Also lächelte sie den ganzen Tag.

Sie hatte sich niemals getraut, nicht perfekt auszusehen, denn was würde dann passieren? Was würden die anderen Menschen in ihr sehen, was wäre da überhaupt? Carl Kollhoff wirkte wie ein Mann, dem man sich ohne Lächeln zeigen konnte. Denn er würde die richtigen Worte wählen, um das zu beschreiben, was dann zutage trat. Andrea schien es, als wählte er seine Worte so genau aus wie ein Parfümeur die Ingredienzien für ein teures Parfüm. Sie hörte auf zu lächeln und holte die Strähne wieder zurück, erlaubte sich diese paar Haare Unordentlichkeit.

Doch als sie Carl Kollhoff in der Gasse entdeckte, strich sie diese schnell abermals hinter das Ohr.

Carl klingelte und wartete. Andrea Cremmen brauchte immer etwas Zeit, um zur Tür zu kommen, und war stets ein wenig atemlos. Trotzdem lächelte sie ihn jedes Mal freudig an.

Carl hörte, wie hektisch ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde, dann öffnete sich die Haustür.

„Herr Kollhoff, Sie sind aber früh heute! Ich hatte Sie noch gar nicht erwartet. Ich sehe sicher unmöglich aus.“ Sie fuhr sich durch ihre wunderschön glänzende Frisur, die perfekt zu ihrem eleganten Kleid mit den roten Rosen passte.

Carl fand sie bezaubernd, und doch ließ ihn Andreas Anblick auch immer ein wenig traurig werden. Denn unter all der Schönheit lag etwas, das er nicht fassen konnte – und es hatte mit dem zu tun, was er jetzt aus seinem Rucksack holte. Eines der Bücher, die Andrea Cremmen so liebte. Mit dem Gewicht des Buchs war alles in Ordnung (Carl mochte es, wenn Bücher das richtige Gewicht hatten: nicht so leicht wie eine Tafel Schokolade, nicht so schwer wie ein Liter Milch), es war das Gewicht des Inhalts, das Carl besorgte.

„Ist es gut?“, fragte Andrea Cremmen ihn und zog die Schleife am Packpapier zurecht.

„Soweit ich gehört habe, steht Die Schattenrose den anderen Werken der Autorin in nichts nach.“

„Richtig schön dramatisch?“

Jetzt war es an Carl zu lächeln. Es gab ein stilles Einverständnis zwischen ihnen. Wenn er ihr ein Buch brachte, war es immer dramatisch und endete tragisch. In der Vergangenheit hatte er ihr manchmal auch Bücher mit Happy End empfohlen, aber die hatten ihr nie gefallen. Sie fand sie zu realitätsfern. Andrea Cremmen liebte Romane, in denen die weibliche Hauptperson litt und am Ende starb oder unglücklich und allein zurückblieb. Offene Enden waren nur dann in Ordnung, wenn sie entweder das eine oder das andere davon zuließen.

„Ich werde wie immer schweigen“, sagte Carl. „Wie hat Ihnen denn der letzte Roman gefallen?“

Andrea Cremmen atmete schwer ein und schüttelte dann den Kopf. „Der war so traurig! Sie ist zum Schluss ins Wasser gegangen … Warum haben Sie mich nicht gewarnt?“ Sie zog spielerisch eine kleine Schnute.

„Das darf ich doch nicht.“

Früher hatte er ihre Bücher immer in buntes, fröhliches Geschenkpapier eingepackt. Aber es war ihm verlogen vorgekommen.

„Bringen Sie mir nächste Woche wieder eins? Ich habe von einem Roman gehört, die ganze Zeit ist darin Nacht, weil er während des Winters in Grönland spielt. Und die Hauptperson hat gerade ihr Kind verloren. Kennen Sie das? Ich fand, das klang richtig gut.“

Carl kannte das Buch. Er hatte gehofft, Andrea Cremmen würde nichts davon mitbekommen.

„Bringe ich Ihnen mit.“ Carl sagte nicht, dass er es gerne mitbringe, denn das würde er nicht.

„Können Sie mir noch etwas ans Herz legen?“

„Es gibt jetzt ganz neu einen Kriminalroman, der in unserer Stadt spielt. Ich habe ihn noch nicht gelesen, aber er soll recht lustig sein.“

Andrea Cremmen winkte ab. „Meinen Sie, das Buch würde mir gefallen?“

Carl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nicht zu lügen. Wenn man einmal eine Lüge in die Welt setzte, bekam man sie nicht wieder eingefangen. „Nein.“

„Geht mir genauso.“

„Aber es könnte Sie zum Lachen bringen. Und Sie haben, ich hoffe, damit trete ich Ihnen nicht zu nahe, ein wirklich schönes Lachen. Sie wissen sicher, dass Charlie Chaplin gesagt hat: Jeder Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Und wir haben ohnehin zu wenige Tage auf dieser Welt, als dass wir einen verlieren dürften.“ So etwas hatte er ihr noch nie gesagt. Vielleicht war die Traurigkeit in ihr an diesem Tag größer als sonst, und er hatte es gespürt? Carl wusste es nicht. Manchmal sagte sein Mund Dinge, die nicht mit seinem Kopf abgesprochen waren.

Andrea Cremmen lächelte nicht mehr, stattdessen zitterte ihre Unterlippe leicht. „Sie haben mir gerade den Tag gerettet. Danke dafür!“ Und dann schloss sie rasch die Tür.

Für Carl hatte nicht Andrea Cremmen die Tür geschlossen, für ihn hatte es die traurige, viel zu jung verheiratete Effi Briest getan, deren Schicksal genauso tragisch war wie das der vielen Frauen, über die Andrea Cremmen las. Carl hätte so gern mehr für sie getan, als Bücher zu bringen, die bewiesen, dass auch andere litten, aber nicht erklärten, wie das Leiden zu beenden war.

Hinter der Tür unterdrückte Andrea Cremmen ihre Tränen. Sie hätte ihm gerne gesagt, was heute passiert war. Aber dafür hätte sie es sich noch einmal vor Augen führen müssen, und das wollte sie nicht. Mit zitternden Händen packte sie das Paket aus und fing noch im Flur an zu lesen.

Gleich auf Seite Eins nahm sich jemand das Leben.

 

Wenige Schritte, nachdem Carl weitergegangen war, hörte er ein leises Maunzen neben sich. Als er hinunterschaute, blickte eine magere dreibeinige Katze hoch. Das Fell struppig, die Ohren durch allerlei Kämpfe ausgefranst. Carl wusste nicht, ob es ein Kater oder eine Katze war, auch wusste er nicht, wo das Tier sein Zuhause hatte, wenn es ein solches überhaupt gab. Aber er wusste, dass sie gute Freunde waren. Andere hatten ein Haustier, er hatte ein Spaziertier.

„Hallo, Hund“, sagte er und lächelte. Den Namen hatte er der Katze gegeben, weil sie sich wie einer benahm. Sie ging bei Fuß, schnüffelte an allem und markierte ihr Revier. Hund maunzte nicht, Hund brummte. Wenn Carl bei seiner Kundschaft war, setzte sich Hund nie hin, Hund lag. Er konnte immer und überall liegen, auf dem schmalsten Treppengeländer.

Hund drückte sich gegen Carls Hosenbein, dann rannte er voraus und blickte ungeduldig zu ihm zurück. Das kluge Tier schien zu wissen, dass es beim dritten Buch, das er heute auslieferte, etwas zu essen geben würde. Vier Kreuzungen entfernt am Elisenbrunnen lebte eine alte Dame, die das genaue Gegenteil von Effi Briest war, geradezu aufgedreht fröhlich und stets bunt gekleidet. Oft trug sie zwei unterschiedliche Socken oder Schuhe, oder ein Träger ihrer Latzhose hing halb über die Schulter. In ihrer Wohnung stapelte sich alles in Bergen, zwischen denen enge Täler und Schluchten verliefen. Die alte Frau erinnerte Carl an eine Figur aus einem Kinderbuch, ein verrücktes junges Mädchen, das sich die Welt so machte, wie sie ihr gefiel. Nur in diese Welt trat das alte Mädchen niemals hinein, denn der offene Himmel machte ihr Angst.

Es war vor etwas über sieben Jahren gewesen, ein wunderschöner Sommertag, den sie mit ihrem Mann im Garten verbracht hatte, im Schatten des Walnussbaums. Dann kam ein Gewitter, es kam mit Regen und Sturm und vor allem mit brachialer Kraft. Sie waren schon im Haus, als ihnen auffiel, dass sie vor lauter Müßiggang die Mülltonnen auf der Straße hatten stehen lassen – worüber die Nachbarn sich gern beschwerten. Also ging ihr Mann hinaus in den Sturm, obwohl sie versuchte, ihn davon abzuhalten. Geht ganz schnell, sagte er, bin doch gleich wieder da. Und: Was soll schon passieren? Der Ziegel hatte sich von ihrem eigenen Dach gelöst und der Wind ihn zu einem Geschoss gemacht, dem sein Kopf nichts entgegenzusetzen hatte.

Seitdem war es ihr völlig egal, was die Nachbarn dachten. Und seitdem war sie nie mehr unter freien Himmel getreten.

Beim Öffnen der Tür sagte sie nie „Guten Tag, Herr Kollhoff“, „Hallo“ oder „Schön, Sie zu sehen“. Sie sagte „Wollmundig“, „Er handelte mit gerauchten Autos“ oder „Viezeihung“. Als er heute klingelte, warf sie ihm breit grinsend „Selbst-Erfroschung“ entgegen.

Jetzt war es an Carl, aus dem Stegreif eine glaubwürdige Definition dafür zu finden.

»Selbst-Erfroschung bezeichnet den Weg zu der Erkenntnis darüber, was den innersten Kern eines Selbst ausmacht. Der Begriff nimmt Bezug auf das Märchen ›Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich‹, das sich in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an erster Stelle findet. Hinter dem Konzept der Selbst-Erfroschung steht die Hypothese, dass jeder in seinem Inneren einen Frosch hat, den er durch Liebe – im Märchen einen Kuss – in einen strahlenden Prinzen verwandeln muss. Erstmals in der Literatur tauchte der Begriff 1923 in Sigmund Freuds Werk Das Ich und das Es und der Frosch auf.«

Frau Langstrumpf reichte ihm ein Kirschbonbon als Belohnung. War seine Erklärung einmal nicht so passend, erhielt er ein Zitronenbonbon. Im Gegenzug übergab er ihr das bestellte Buch. Auf ihr Packpapier malte er immer eine große rote Blume. Frau Langstrumpf las alles, von klassischen Abenteuerromanen über Science-Fiction bis zu Humoristischem. Allerdings nur leichte Kost, nichts, was sie auf den Boden der Tatsachen holen konnte.

„Übermorgen habe ich wieder ein Wort für Sie“, sagte sie vor dem Schließen der Tür. „Eine ganz besonders harte Nuss.“ Dann beugte sie sich zu Hund und gab ihm aus ihrer Hosentasche etwas, das dieser mit einem Bissen verschlang.

Obwohl Carls Rucksack leer war, galt es, noch einen Kunden aufzusuchen. Jeder Besuch bei ihm war ein Vergnügen, denn er besaß den wärmsten Bariton, den Carl je gehört hatte. Würde man ein Sofa mit dem Klang einer Stimme beziehen, dürfte man nur die dieses Mannes dafür nehmen. Für Carl Kollhoff war er Der Vorleser, nach Bernhard Schlinks Roman über den Jugendlichen Michael Berg, der sich in eine über zwanzig Jahre ältere Frau verliebte und ihr vorlas. Carls Kunde trug allerdings in einer Zigarrenfabrik den Arbeiterinnen vor. Sie war erst vor wenigen Jahren gegründet worden und die einzige im Land. Man leistete sich einen Vorleser, der die ganze Arbeitszeit über aus Büchern vortrug, genau wie es in Kuba üblich war. Das Ganze war vor allem ein Marketinggag, weshalb der Vorleser nicht viel verdiente, doch er liebte seine Arbeit so sehr, dass er ständig einen Schal um seinen Hals trug, um die Stimmbänder zu wärmen. Außerhalb der Zigarrenmanufaktur sprach er zudem kaum, um seine Stimme zu schonen. Deshalb war es einer kleinen Sensation gleichgekommen, dass er bei Carl privat angerufen hatte, um ihn zu bitten, ihm Halspastillen mitzubringen, die es nur in der Apotheke neben der Buchhandlung gab. Der Vorleser selbst wollte nicht auf die Straße, da gerade eine Grippewelle durch die Stadt schwappte. Wohl aus diesem Grund öffnete er seine Tür heute nur einen Spalt. Nachdem er die Packung mit den Pastillen entgegengenommen und Carl dafür ein dankbares Lächeln und die Münzen samt großzügigem Trinkgeld gegeben hatte (das Carl gar nicht annehmen wollte, da er wusste, wie wenig der Vorleser besaß), holte er direkt eine Pastille aus der Dose, bevor er die Tür seiner Mietwohnung unter dem Dach des schmucklosen Mehrfamilienhauses wieder schloss. Bei dessen Bau war an allem gespart worden, was einem Gebäude ein wenig Schönheit oder Liebe verliehen hätte. Es war ein Nutzbau, wie die Käfige, in denen Hühner gehalten wurden.

 

Carl war immer traurig, wenn sein Rucksack leer war, denn dann musste er zurück nach Hause. Nicht, dass er sein Zuhause nicht mochte, doch Hund folgte ihm nie bis dorthin, und hinter der Tür seiner Wohnung wartete niemand, der ihn mit der Flanke anstieß und erwartungsvoll ansah, wenn er gestreichelt werden wollte. Der letzte Abschnitt führte ihn immer über den städtischen Zentralfriedhof. Das beruhigte Carl. Zu wissen, wo sein Weg irgendwann ein Ende finden würde, nahm Letzterem ein wenig den Schrecken. Was auch daran lag, wie schön der Friedhof war. Über zweihundert Jahre alt, und die in der Mitte stehende große Statue des Sensenmanns mit knochigem Schädel schien wissend zu lächeln.

Auf Carls Klingelschild stand E. T. A. Kollhoff. Das war eine Lüge, aber nur eine halbe, denn der Nachname stimmte. Schon immer hatte Carl den Schriftsteller E. T. A. Hoffmann bewundert – wegen seiner Initialen. Denn wer besaß schon drei? J. R. R. Tolkien, in der Musik C. P. E. Bach. Drei Initialen hatten etwas ganz Besonderes, zwischen ihnen konnte sich vieles verstecken. Es war, als läge ein Geheimnis in ihnen verborgen – und die Antwort auf die Frage, warum der Besitzer keinen der Vornamen ausschrieb.

Manchmal gingen Briefe zurück, weil ein neuer Postbote nicht wusste, dass Carl sich hinter den Buchstaben verbarg. Aber er änderte das Namensschildchen trotzdem nicht mehr, er war jetzt zweiundsiebzig Jahre und bekam ohnehin nicht mehr viel Post. Und wenn, war sie nie ein Grund zur Freude, da konnte sie ruhig eine Extrarunde im Zustellzentrum drehen.

Carls Wohnung hatte zu viele Zimmer. Es waren vier, dazu eine kleine Küche, ein fensterloses Bad, eine fensterlose Toilette. Manchmal kamen sie ihm vor wie Beete, in denen nie etwas gewachsen war. Denn zwei der Zimmer waren für seine Kinder gedacht gewesen. Das eine hatte das Zimmer für das Mädchen sein sollen, mit einem Fenster zum grünen Innenhof, und ein anderes für seinen Sohn, zur Straße hin, auf der man Autos beim Vorbeifahren beobachten konnte. Doch er hatte nie eine Frau gefunden, mit der er Kinder haben konnte. Die Wohnung hatte er trotzdem behalten. Die Miete war in all den Jahrzehnten nie erhöht worden, da sie wohl vergessen worden war.

Hier lebte er mit seiner Familie aus Papier, die er in Vitrinen mit Milchglasscheiben vor Licht und Staub schützte. Die Bücher wollten immer wieder von ihm gelesen werden. So, wie Perlen getragen werden mochten, weil sie dann schöner wurden, und, mehr noch, wie Tiere gestreichelt werden wollten, um sich geliebt zu fühlen. Manchmal kam es Carl vor, als beständen all die Worte in ihnen aus seinen Zellen, dabei wusste Carl, dass er sie mit den Jahren einfach nur in sich hineingelesen hatte.

Carl verstand Menschen, die Bücher sammelten wie andere Briefmarken. Die ihre Augen gerne über die Buchrücken streifen ließen, weil in den Büchern Menschen lebten, denen sie sich verbunden fühlen, weil sich dort Schicksale ereigneten, die sie teilten. Oder gerne teilen würden. Die ihre Bücher um sich versammelten, als wären sie eine Wohngemeinschaft aus guten Freunden.

Carl hängte seine grüne Jacke an den Haken hinter der Tür, seinen Rucksack daneben und zog beides gerade. Dann ging er in die kleine Küche, um sich am Resopaltisch ein Schwarzbrot mit Butter und Salz zu schmieren, dazu trank er ein Glas Sauerkrautsaft, und danach gab es einen grünen Apfel, geviertelt.

Die Wohnung war damals „mit Balkon“ inseriert worden. Doch dieser bestand nur aus einer gusseisernen Balustrade vor der bodentiefen zweiflügeligen Glastür, neben der sein alter Ohrensessel stand. Darauf ein Buch, in dem als Lesezeichen ein Kassenbon lag. Von diesem Platz aus konnte er in die Altstadt blicken, was er auch jetzt wieder tat. Um zu sehen, ob einer seiner Kunden unterwegs war oder ob Hund über die Dächer sprang, was er nie tat. Carl las immer bis Punkt zehn, dann wusch er sich und ging schlafen. Wenn er die Bettdecke über sich zog, tat er es in dem Bewusstsein, dass er am nächsten Tag wieder ein paar ganz besondere Bücher zu seinen ganz besonderen Kunden bringen durfte.

Balzac und die kleine chinesische SchneiderinBalzac und die kleine chinesische Schneiderin

Roman

Zwei pfiffige chinesische Studenten, die zur „kulturellen Umerziehung“ in ein abgelegenes Bergdorf ans Ende der Welt verschickt wurden, merken bald, dass sie nur eine einzige Möglichkeit haben zu überleben: Sie müssen in den Besitz jenes wunderbaren Lederkoffers gelangen, der die – verbotenen – Meisterwerke der westlichen Weltliteratur enthält. Denn nur mit ihnen können sie den Widrigkeiten ihres Daseins entkommen – und vielleicht am Ende das Herz der Kleinen Schneiderin gewinnen.
In den Warenkorb
Rendezvous für einsame HerzenRendezvous für einsame Herzen

Roman

Bonjour, mon amour!Ein französisches Dorf, eine kleine Buchhandlung und ganz viel Liebe ... Buchhändlerin Sarah hat schon viele Liebesgeschichten gelesen, aber noch keine selbst erlebt. Ihr Herz gehört gebrauchten Büchern, denen sie in ihrem liebevoll dekorierten Buchladen mit Lese-Café eine zweite Chance gibt. Doch nach einem Wasserschaden steht Sarahs Herzensprojekt vor dem Aus. Zum Glück hat sie im Dorf gute Freunde. Hilfe bekommt sie auch vom draufgängerischen Schauspieler Maxime, der Sozialstunden in seinem ungeliebten Heimatort leisten muss. Trotz aller Gegensätze kommen die beiden sich näher, und Sarah erkennt, dass es Happy Ends nicht nur in Büchern gibt.Eine wunderschöne Liebesgeschichte mit viel französischem Flair von einer der erfolgreichsten Romance-Autorinnen Frankreichs ... für alle Fans der Romane von Julie Caplin und der Filme „Chocolat“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“.
In den Warenkorb
Blick ins Buch
Happy Ever After – Wo das Glück zu Hause istHappy Ever After – Wo das Glück zu Hause ist

Roman

In ihrem neuen Sommer-Schmöker „Happy Ever After – Wo das Glück zu Hause ist“ erzählt Jenny Colgan von der Suche nach Identität und Liebe, von der Magie des Lesens und dem Glück, ein Leser zu sein. In diesem zauberhaften Wohlfühlroman der SPIEGEL-Bestseller-Autorin von „Die kleine Bäckerei am Strandweg“ und „Die kleine Sommerküche am Meer“ bringt ein nostalgischer Bücherbus Glück in jedes Dorf!   Bibliothekarin Nina weiß genau, was ihre Kundinnen lesen sollten, was gegen Liebeskummer hilft oder Trübsal vertreibt. Doch als die Bibliothek geschlossen und Nina arbeitslos wird, helfen Bücher ihr auch nicht weiter. Oder vielleicht doch? Nina eröffnet ihre ganz besondere eigene Buchhandlung: Mit einem Bücherbus kutschiert sie durch die schottischen Highlands, um Leser mit Lektüre zu versorgen – nur um festzustellen, dass das Happy End im wahren Leben komplizierter ist als in manchen Romanen. Glücklicherweise gibt es da den zwar etwas mürrischen, aber dafür extrem attraktiven Farmer von nebenan, der sie aus so mancher Notlage rettet.   Ein atmosphärischer, liebevoller Sommerroman der Bücherträume wahr werden lässt: „Aufmunternde und herzerwärmende Eskapismus-Lektüre“ Sunday Mirror    

An meine Leser

In diesem Buch findet sich keine Widmung, weil der ganze Roman euch gewidmet ist – den Lesern. Allen Lesern.

Hier geht es nämlich ums Lesen und um Bücher sowie darum, auf welche Art diese Dinge das Leben verändern. Ich finde, das tun sie stets zum Guten hin. Mein Roman handelt auch davon, wie es sich anfühlt, umzuziehen und einen Neuanfang zu wagen (wie ich es im Leben schon oft getan habe), und vom Einfluss unseres gewählten Wohnortes auf unsere Gemütslage. Ebenfalls erörtert er die Frage, ob man im echten Leben eigentlich so eine Liebesgeschichte wie in Büchern erleben kann, und es geht auch um Käse. Ich bin nämlich gerade an einen Ort gezogen, an dem viel Käse hergestellt wird, und kriege einfach nicht genug davon. Es kommt auch ein Hund namens Parsley vor.

Vor allem aber viele Bücher, weil unsere Heldin, Nina Redmond, davon träumt, eine Buchhandlung zu eröffnen.

Deshalb folgen jetzt ein paar nützliche Tipps dazu, wo man am besten liest, man sollte es dabei nämlich so bequem wie möglich haben. Falls ich einen wirklich offensichtlichen Ort vergessen haben sollte oder ihr das alles ganz anders macht, dann schreibt mir doch auf Facebook oder unter @jennycolgan bei Twitter. Ich bin nämlich der altmodischen Überzeugung, dass Lesen ein schützenswertes Gut ist. Und ich hoffe wirklich, dass ihr bei der Lektüre dieses Buches so viel Freude habt wie ich beim Verfassen, wo auch immer ihr es lesen mögt.

Badewanne
Ich entspanne mich gern abends um Viertel vor zehn in der Wanne, was meinen Ehemann in den Wahnsinn treibt. Er ist nämlich für die Temperatur zuständig (die nur etwas unter der der Sonne liegen sollte) und muss ständig Wasser nachlaufen lassen. Für mich ist die Wanne ein wahrer Luxus, nur Badeöle mag ich gar nicht. Die machen alles klebrig, deshalb finde ich sie eher eklig. Egal, darum geht es auch gar nicht, sondern ums Schmökern in der Wanne. Natürlich sind Taschenbücher dafür ideal, und im schlimmsten Fall kann man sie nachher auf der Heizung wieder trocknen (wie bei den von Leser zu Leser weitergegebenen Harry Potter-Büchern meiner Kinder, die alle verzogen und gewellt sind). Aber ich lese im Bad auch viel auf meinem E-Reader und verrate euch jetzt ein Geheimnis: Dabei blättere ich mit der Nase um. Vielleicht seid ihr ja nicht mit so einer prächtigen schottisch-italienischen Peter-Capaldi-Nase gesegnet wie ich. Aber mit ein bisschen Übung werdet ihr schnell feststellen, dass man so problemlos eine Hand im Wasser liegen lassen und trotzdem leicht umblättern kann. Falls bei euch zu Hause gern Leute unangemeldet ins Badezimmer platzen, solltet ihr aber vielleicht die Tür abschließen. Meiner Erfahrung nach sorgt dieser Anblick nämlich für große Heiterkeit.

Meine Freundin Sez benutzt beide Hände, steckt ihren E-Reader vorher aber in eine Plastiktüte. Sehr vernünftig.

Bett
Das einzige Problem beim Lesen im Bett besteht darin, dass es ein viel zu kurzes Vergnügen ist – nur zwei, drei Seiten, und der Schlaf gewinnt die Überhand. Falls es ein besonders langer Tag war, nickst du vielleicht ein paarmal kurz ein und reißt dich wieder zusammen, bevor du endgültig einschläfst. Und wenn du beim nächsten Mal wieder zu diesem Buch greifst, fragst du dich vielleicht, ob es darin wirklich um ein rosafarbenes Einhorn ging, das du im Schlafanzug durch einen Prüfungsraum verfolgt hast. Nein, lautet dann die Antwort, das alles wirst du in diesem Buch nicht finden. Du bist einfach nur eingeschlummert und musst deshalb wohl ein paar Seiten zurückblättern.

Ich habe aber vorsorglich allen Figuren in meinem Roman ganz unterschiedliche Namen gegeben. Es gibt nichts Schlimmeres, als spätabends irgendetwas über eine Cathy und eine Katie zu lesen, und man muss den Leuten das Leben ja nicht unnötig schwer machen.

Sonnenliege
In den Ferien ist so eine Liege einfach perfekt zum Schmökern, und ich konnte im Laufe meines Lebens oft am abends vorhandenen Sonnenbrand die Qualität der jeweiligen Lektüre ablesen.

Allerdings stellt man sich da schon die Frage, wie man das Buch am besten hält. Wenn man es in die Luft reckt, werden die Arme irgendwann schwer. Mal abgesehen davon, wird die Urlaubsbräune dann von einem großen buchförmigen Fleck gestört (der in manchen Kreisen allerdings als cool gilt, glaube ich). Da man mit Blick in die Sonne liest, kneift man dabei auch sehr unansehnlich die Augen zusammen.

Mit dem Buch im Schneidersitz auf einem Handtuch zu hocken ist auch nicht sehr elegant (zumindest nicht bei mir, weil ich einen leichten Buckel habe).

Positioniert man sich bäuchlings, schwitzt man auf das Buch, außerdem bohrt sich einem das Plastik der Liege in den Körper. Am besten besorgt man sich eine von diesen fantastischen Liegen für alte Damen, die einen eigenen kleinen Sonnenschirm haben. Ja, natürlich sehen die albern aus. Aber hey, man ist trotzdem allen anderen überlegen, finde ich, weil man auf diese Weise bequem lesen kann.

Auf der Straße
Früher war es einmal völlig akzeptabel, mit einem Buch vor der Nase die Straße entlangzulaufen. Die Leute sind dann mit nachsichtigem Lächeln beiseitegetreten, weil sie sich nur zu gut an Situationen erinnert haben, in denen sie selbst eine Lektüre einfach nicht aus der Hand legen konnten. (Ich habe mal in der Londoner U-Bahn beobachtet, wie eine junge Frau sich das Handgelenk in einem Halteriemen verrenkt hat, weil sie in Bank umsteigen und gleichzeitig Eine gute Partie zu Ende lesen wollte.)

Heutzutage starren jedoch alle unentwegt auf ihr blödes Handy, um es bloß nicht zwei Sekunden zu spät mitzubekommen, falls irgendjemand ein Hundefoto auf Facebook liken sollte. Einfach nur die Straße entlangzugehen ist daher auch ohne Taschenbuch vor der Nase zum reinsten Hindernislauf geworden. Lasst deshalb die gebotene Vorsicht walten!

Lesekreis
Wenn du meinen Roman für einen Lesekreis liest, dann kann ich mich nur entschuldigen, weil du vermutlich gerade um 2.15 Uhr in der Nacht vor dem Treffen damit anfängst. Ich fühle mich ja immer ein bisschen in die Schulzeit zurückversetzt, wenn mich jemand zur Lektüre eines bestimmten Buches zwingt. Und hey, wenn ich Lust auf Hausaufgaben hätte, würde ich mich doch für diesen Abendkurs einschreiben, den ich schon ewig machen will, für den ich aber irgendwie nie die Zeit finde.

Wenn man ein Buch in Eile lesen muss, dann meistens für den Fall, dass jemand fragt: „Und, wie fandest du das Ende?“ Sonst muss man nämlich mit wissender Miene nicken und dabei verzweifelt hoffen, dass der Autor nicht auf der Zielgeraden getrickst und die ganze Geschichte noch einmal auf den Kopf gestellt hat. (Ist mir das schon einmal passiert? Na, und ob!) Lasst mich euch daher versichern: Dieser Roman nimmt keine überraschende Wendung. Obwohl ich natürlich genau das behaupten würde, wenn ich mit dem Schluss überraschen wollte …

Hängematte
Als ich jünger war, habe ich einen wunderbaren Mann kennengelernt, der mir eine Hängematte gekauft und sie für mich auf meiner winzigen und äußerst gefährlichen Dachterrasse aufgehängt hat. Dort habe ich viele schöne Stunden damit verbracht, einfach nur hin und her zu schaukeln und zu lesen, Käsechips zu knabbern und an meinen tollen, gut aussehenden Freund zu denken.

Dann, mein teurer Leser, habe ich ihn geheiratet, und wir haben uns einen Haufen Kinder sowie einen Hund zugelegt und sind an einen Ort gezogen, an dem es immer regnet. Die Hängematte muss in irgendeinem Lagerraum gelandet sein. Und das, meine Freunde, ist wohl das viel beschworene Happy End.

Gemopste Lesezeit
Ah, meine liebste Gelegenheit zum Lesen! Ich komme oft absichtlich zehn Minuten zu früh, wenn ich die Kinder vom Schwimmen abholen muss, oder bleibe nach dem Einkaufen noch eine Viertelstunde im Auto sitzen, um der Welt ein bisschen Zeit für mich und mein Buch abzutrotzen. Die haben wir beide uns verdient, und ich genieße sie ganz besonders.
Pendeln

Pendeln ist einfach perfekt, wenn man den Dreh erst raushat. Guckt euch doch mal den glasigen Blick der Menschen an, die diesen komplizierten, zauberhaften Tanz durch öffentliche Verkehrsmittel jeden Tag auf sich nehmen. Aber gerade deshalb, weil Pendeln so ein straff organisierter Vorgang ist, kann uns das Gehirn für exakt die wenige zur Verfügung stehende Zeit in ferne Welten entführen. Packt euer Handy weg – dieser ganze Mist kann auch noch warten, bis ihr bei der Arbeit seid. Das hier ist eure Belohnung dafür, dass ihr pendeln müsst.

Auf Reisen
Reisen ist nicht dasselbe wie Pendeln. Wie ihr euch vorstellen könnt, bin ich absolut dagegen, dass man bald auch in Autos und Flugzeugen Zugang zum WLAN hat, obwohl es natürlich so kommen muss. Reservier im Flieger immer im Voraus einen Fensterplatz, stöpsel Kopfhörer ein, und such im Bordradio nach irgendetwas Entspannendem. Dann darfst du dich für ein paar Stunden in dein Buch vertiefen.

Gut, vermutlich wirst du kurz abgelenkt sein, wenn sich der Getränkewagen nähert. Aus Angst, übersehen zu werden, wird man dann ganz kribbelig und kann sich nicht mehr konzentrieren. Leg das Buch in diesem Moment besser beiseite, und wirf einen Blick in eine Zeitschrift. Tu so, als wärst du ganz relaxed und würdest dir keine Gedanken darüber machen, ob du gleich bedient wirst oder nicht.

Ich hab auch schon mal versucht, auf einem Billigflug gleichzeitig zu essen, zu trinken, Musik zu hören und zu lesen. Probier das lieber nicht, falls du nicht ein ordentliches Budget für die Reinigungskosten deiner Mitreisenden hast.

Züge hingegen sind geradezu fürs Lesen gemacht. Meiner Ansicht nach ist es besser, gute Kopfhörer mitzubringen, als sich in den Ruhebereich zu setzen und sich dort mit lauten Idioten herumzustreiten. Ich will ja gar nicht sagen, dass die eine Gefängnisstrafe verdient hätten, aber das Gegenteil würde ich jetzt auch nicht behaupten.

Am Feuer
Falls du kein offenes Feuer hast, tut es auch eine Kerze. Wenn die Tage kürzer werden, freue ich mich wirklich auf ein großes gemütliches Feuer und ein gutes Buch – je dicker, desto besser. Ich liebe richtig, richtig lange Romane, und je nachdem, wie nah das Wochenende ist (oder was ich momentan als Wochenende definiere), entweder eine große Tasse Tee oder ein Glas Wein, dazu ein wenig Ruhe und Frieden.

Ein Hund ist dabei auch sehr hilfreich. Hunde können uns nämlich wunderbar vormachen, dass man für ein glückliches Leben nicht alle zwei Sekunden aufs Handy schauen muss.

Im Krankenhaus
Aus dem ein oder anderen Grund habe ich im Laufe meines Lebens viel Zeit in Kliniken verbracht: In einer habe ich gearbeitet und in einer anderen mehrere Kinder zur Welt gebracht. Diese Kinder sind dann von Bäumen gefallen und haben sich Gliedmaßen gebrochen, etc., etc.

Im Krankenhaus scheint die Zeit ganz eigenen Regeln zu folgen. Sie verstreicht dort viel langsamer, und das ist auch nachts der Fall. Außerdem schwingt dort in allem eine gewisse Ehrfurcht vor den Geschehnissen um uns herum mit, vor Grenzerfahrungen, die jeden irgendwann betreffen: Verluste und neues Leben, Glück und tiefste Trauer. All dies bündelt sich hier auf den Stockwerken des sterilen, überhitzten Gebäudes, in dem rasche, professionelle Schritte auf dem glänzend polierten Linoleum Angst, Schmerz oder Freude mit sich bringen.

Ich finde es nicht so einfach, in Kliniken zu lesen. Dieser Prozess kommt mir vor, als würde sich ein großes Schiff durch schwieriges Gewässer vorankämpfen. Derweil führen die Menschen draußen an Land ihr normales Leben weiter und ahnen nichts von der schweren See, die ganz in ihrer Nähe durchpflügt wird.

Meiner Meinung nach sind Gedichte fürs Krankenhaus gut geeignet. Das sind kurze Texte, von denen man problemlos aufschauen kann, und man fühlt sich durch sie nicht so verletzlich, nicht ganz so von der Welt abgeschnitten. In solchen Situationen haben wir uns doch alle schon einmal wiedergefunden oder werden es eines Tages tun.

Ein Krankenhaus ist außerdem ein guter Ort, um sich zu jemandem zu setzen und ihm leise vorzulesen. Aus diesem Grund kann ich die Empörung nicht nachempfinden, wenn andere Leute darüber klagen, dass die Klinikcafeteria Kuchen und Eis anbietet. In Krankenhäusern sollte es auf jeden Fall Kuchen geben, das ist doch das Mindeste.

Im Schatten eines Baumes in einem sonnigen Park

Aber natürlich, und dazu bitte ein Eis von Mr Whippy, nicht dieses feste Zeug.

Sonstiges
Zu meinen wichtigsten Errungenschaften gehört es, dass ich herausgefunden habe, wie man am besten in folgenden Situationen liest: beim Stillen (indem man ein Kissen UNTER den Kopf des Babys legt), beim Haareföhnen (ich habe schreckliche Haare), beim Zähneputzen (hingegen habe ich gute Zähne, vermutlich, weil ich viel länger putze als empfohlen), beim Warten an der roten Baustellenampel, auf einer Toilette eingeschlossen bei einer furchtbar langweiligen Hochzeit (nicht meiner eigenen), auf dem Indoor-Spielplatz (am vermutlich besten Tag unseres Lebens habe ich dort mal einen kompletten Roman verschlungen, während sich meine Kinder im Bällebad vergnügt haben), bei der Pediküre (zur Maniküre gehe ich nie, weil ich dabei nicht lesen kann), beim Schlangestehen, in einem Cabrio (knifflig), in der Kirche (was eine Sünde war, für die ich auch angemessen bestraft wurde), auf Geschäftsreisen, bei denen ich allein in Restaurants essen musste (mit einem Buch ist man nie einsam), und ganz früher, als alles angefangen hat, auf dem rechten Rücksitz im alten grünen Saab 99 meines Vaters, genüsslich an einem Fab-Eis lutschend und mit dem Lockenkopf meines schlafenden jüngsten Bruders auf dem Schoß.

Also, erzählt ihr mir doch mal, wo ihr lest. Jeder Tag mit einem Buch ist nämlich besser als einer ohne, und ich wünsche euch nur allerglücklichste Tage.

So, und jetzt kommt mal mit und lernt Nina kennen …

Jenny XXX



Kapitel 1

Das Problem an tollen Sachen ist, dass sie sich oft als schreckliche Ereignisse verkleiden. Es wäre doch schön, wenn uns bei jeder üblen Erfahrung jemand auf die Schulter tippen und erklären würde: „Keine Sorge, das ist es wirklich wert. Im Moment kommt es dir zwar furchtbar vor, aber ich verspreche dir, dass am Ende alles gut wird.“

Dann könntest du sagen: „Danke, gute Fee!“ Oder du könntest auch fragen: „Werde ich denn irgendwann diese drei Kilo wieder los?“, und dann würde die Antwort lauten: „Natürlich, mein Kind!“

Das wäre echt nützlich, leider läuft das so aber nicht, und deshalb quälen wir uns oft viel zu lange mit Dingen herum, die uns gar nicht glücklich machen. Oder wir geben viel zu schnell bei einer Sache auf, die am Ende vielleicht doch gelingen würde. Meistens kann man nur schwer unterscheiden, um welche der beiden Möglichkeiten es sich denn nun handelt.

Das Leben vorwärts zu leben ist manchmal wirklich nervig. Das ging zumindest Nina durch den Kopf.

 

Nina Redmond, neunundzwanzig, mahnte sich selbst, bloß nicht in der Öffentlichkeit zu weinen. Falls du dir je gut zuzureden versucht hast, weißt du ja sicher, dass das meistens nicht gut klappt. Aber sie war hier schließlich bei der Arbeit, verdammt. An seinem Arbeitsplatz sollte man nicht heulen.

Sie fragte sich, ob andere es vielleicht trotzdem taten. Dann überlegte sie, ob es womöglich sogar alle taten, selbst Cathy Neeson mit ihren unbeweglichen, zu blonden Haaren, dem dünnen Mund und ihren Tabellenkalkulationen.

Die stand in diesem Moment mit verschränkten Armen in einer Ecke und betrachtete mit finsterem Blick den Raum. Cathy hatte dem kleinen Team, dem Nina angehörte, gerade eine mit Fachjargon gespickte Rede über die allgemeinen Kürzungen gehalten. An Sparpolitik müsse man sich eben gewöhnen, und Birmingham könne sich einfach nicht mehr all seine Büchereien leisten.

Nein, dachte Nina jetzt, vermutlich weinte Cathy eher nicht. In manchen Menschen steckte eben nicht eine einzige Träne.

(Nina wusste natürlich nicht, dass Cathy Neeson sowohl auf dem Weg zur Arbeit als auch später auf dem Heimweg weinte – den sie meistens erst nach acht Uhr abends antrat –, und zwar jedes Mal, wenn sie jemanden wegrationalisieren musste. Sie vergoss jedes Mal Tränen, wenn sie bei einem ohnehin schon winzigen Budget noch ein paar Prozent abknapsen musste, jedes Mal, wenn sie neue qualitätsbezogene Unterlagen liefern sollte, und jedes Mal, wenn ihr Chef ihr am Freitagnachmittag um vier noch jede Menge Verwaltungsarbeit aufs Auge drückte, während er selbst sich mal wieder – wie so oft – auf den Weg in den Skiurlaub machte.

Irgendwann würde Cathy es aufgeben und sich einen Job in einem Souvenirladen des National Trust suchen. Der würde zwar bloß ein Fünftel ihres bisherigen Gehalts, dafür aber auch nur die Hälfte an Arbeitsstunden und überhaupt keine Tränen mit sich bringen. Allerdings geht es in dieser Geschichte nicht um Cathy Neeson.)

Nina dachte mit einem Kloß im Hals daran, dass sie doch bloß eine ganz kleine Bücherei waren.

Am Dienstag und Donnerstag gab es dort vormittags eine Vorlesestunde für Kinder, am Mittwochnachmittag machten sie früh zu. Die Bücherei befand sich in einem etwas heruntergekommenen, altmodischen Gebäude mit schäbigem Linoleum-Fußboden, in dem es manchmal leicht muffig roch, das stimmte wohl. Und die große, tropfende Heizung brauchte morgens eine Weile, um in die Gänge zu kommen, woraufhin sie augenblicklich zu warm wurde. Das brachte Gerüche in Wallung, vor allem den ganz eigenen Mief vom alten Charlie Evans, der immer kam, um im Warmen ganz langsam den Morning Star von vorne bis hinten zu lesen.

Nina fragte sich, wo die Charlie Evans dieser Welt denn nun hinsollten.

Cathy Neeson erklärte, dass man das Büchereiangebot im Zentrum der Stadt bündeln wollte. Dort würde ein „Hub intersensorischer Erfahrungen“ entstehen, was auch immer das sein mochte, mit „multimedialem Erlebnisbereich“ und einem Café. Aber leider lag die Innenstadt für ihre Kunden mit Kinderwagen oder im fortgeschrittenen Alter mindestens zwei Busreisen zu weit entfernt.

Das Grundstück des freundlichen, schäbigen kleinen Büchereigebäudes mit Giebeldach würde verkauft werden, und es würden darauf Managerwohnungen entstehen, die für jemanden mit dem Gehalt eines Bibliothekars unerschwinglich wären.

Nina Redmond, neunundzwanzig, war ein Bücherwurm mit langem, wirrem Haar in Kastanienbraun und heller Haut mit ein paar Sommersprossen hier und da. Ihre Schüchternheit war derart ausgeprägt, dass sie oft in den unpassendsten Momenten rot wurde oder am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. Und nun hatte sie das Gefühl, dass man sie in eine Welt hinausschickte, in der ein rauer Wind wehte und wo sich auf einmal viele erwerbslose Bibliothekare zugleich auf dem Arbeitsmarkt tummelten.

„Also“, beendete Cathy Neeson ihre Ansprache, „Sie können quasi sofort damit anfangen, die ›Bücher‹ zusammenzupacken.“

„Bücher“ sprach sie aus, als fände sie das Wort angesichts ihrer glänzenden Vision des neuen Multimedia-Angebots irgendwie geschmacklos. All diese schmuddeligen, sperrigen Dinger.

 

Mit bangem Herzen und geröteten Augen schleppte sich Nina ins Hinterzimmer, wo die anderen zum Glück ähnlich mitgenommen aussahen. Ihre Kollegin Rita O’Leary hätte eigentlich schon vor gut zehn Jahren in den Ruhestand gehen sollen. In ihrem Alter konnte sie die Zahlen der Dewey-Dezimalklassifikation nicht mehr so gut lesen und sortierte die Bücher mehr oder weniger nach Gutdünken ein. Darüber hatten aber immer alle gern hinweggesehen, weil sie den Kunden gegenüber so herzlich war.

Nun brach Rita in Tränen aus, und Nina konnte einen Moment ihre eigene Traurigkeit vergessen, als sie die ältere Kollegin tröstete.

 

Viel zu schnell wurde ein Ausverkauf organisiert, bei dem die meisten der Leser ihre alten Lieblingsbücher aus der 10-Pence-Kiste durchblätterten und die schicken Neuanschaffungen links liegen ließen.

Im Laufe der nächsten Tage sollten die Angestellten eigentlich die restlichen Bücher zusammenpacken und zur Zentralbibliothek schicken.

Griffins normalerweise schon so mürrische Miene war dabei noch finsterer als sonst. Ninas Kollege trug einen langen, unangenehm dünnen Bart und zeigte sich den Menschen gegenüber herablassend, die seine literarischen Vorlieben nicht teilten. Da er nur wenig bekannte, längst vergriffene Romane aus den 1950ern über frustrierte junge Trinker in Fitzrovia mochte, hatte er häufig Gelegenheit, seine Attitüde zu perfektionieren.

„Na ja, wenigstens finden all die Bücher in der neuen großen Einrichtung in der Innenstadt ein schönes Zuhause“, sagte Nina zu ihm. Sie brachte es nicht einmal über sich, „Medienzentrum“ zu sagen.

Griffin schnaubte. »Hast du die Pläne denn nicht gesehen? Kaffee, Computer, DVDs, Pflanzen, Verwaltungsbüros … Und dann die Mitarbeiter, die Kosten-Nutzen-Analysen anfertigen und Arbeitslose schikanieren – ach, entschuldige, ›Achtsamkeitsworkshops‹ anbieten. Im ganzen verdammten Gebäude ist kein einziger Bereich für Bücher vorgesehen.« Er deutete auf die Dutzende von Kisten. „Die sind nur noch Müll. Wahrscheinlich werden die zu Straßenbelag verarbeitet.“

„Werden sie nicht!“

„Und ob! Das macht man nämlich mit toten Büchern, wusstest du das nicht? Die werden beim Straßenbau als unterste Schicht benutzt, damit große dicke Autos über Jahrhunderte von Gedankengut und Ideen und Gelehrsamkeit rollen können. So stampfen sie mit ihren dämlichen fetten Reifen metaphorisch die Liebe zum Lernen in Grund und Boden, während polternde Top-Gear-Idioten unseren Planeten zugrunde richten.“

„Du hast heute Morgen aber keine besonders gute Laune, oder, Griffin?“

„Könnten Sie beide hier vielleicht ein bisschen Gas geben?“, drängte nun eine hektisch hereinstürmende Cathy Neeson. Durch das winzige Budget hatten sie die Lieferwagen nur für einen einzigen Tag mieten können und würden ernsthafte Probleme bekommen, wenn sie nicht rechtzeitig alles einluden.

„Jawoll!“, zischte Griffin mit leiser Stimme militärisch, während Cathy mit ihrem stets unbeweglichen blonden Bob wieder nach draußen eilte. „Gott, ich kann nicht fassen, wie bösartig diese Frau ist.“

Aber Nina hörte schon gar nicht mehr hin. Stattdessen betrachtete sie verzweifelt die Tausende von Büchern um sie herum, die mit ihren wunderschönen Covern und den optimistischen Klappentexten so hoffnungsfroh wirkten. Der Gedanke, dass auch nur ein einziges davon auf der Müllkippe landen könnte, brach ihr das Herz. Das waren doch schließlich Bücher! Für Nina war das so, als würde man ein Tierheim schließen. Und sie würden heute auf keinen Fall alles wegschaffen können, egal, wie Cathy Neeson sich das vorstellte.

Aus diesem Grund war Ninas Auto, ein Mini Metro, bis obenhin mit Büchern vollgeladen, als sie sechs Stunden später vor der Haustür des kleinen Häuschens parkte, in dem sie mit ihrer Mitbewohnerin lebte.

 

„Auf keinen Fall!“, versetzte Surinder, als sie an die Tür kam und die Arme vor ihrem ziemlich beeindruckenden Busen verschränkte. Sie hatte eine grimmige Miene aufgesetzt, die sie von ihrer Mutter, einer Polizeikommissarin, geerbt hatte. Bei Nina wendete sie diesen Gesichtsausdruck oft an.

„Die kommen mir nicht ins Haus. Ausgeschlossen!“

„Es ist ja nur … Ich meine, die sind schließlich in makellosem Zustand!“

„Darum geht es doch gar nicht“, wandte Surinder ein. „Und schau mich jetzt nicht so an, als würde ich hier gerade Waisenkinder verstoßen.“

„Na ja, in gewisser Hinsicht …“, sagte Nina und versuchte, nicht allzu flehentlich zu gucken.

„Ich hab’s dir schon mal gesagt, Nina, das halten die Balken im Haus nicht aus.“

Nina wohnte seit ihrem Umzug von Chester nach Edgbaston vor vier Jahren zusammen mit Surinder in einem winzigen Reihenhaus. Sie hatten einander vorher nicht gekannt und deshalb die wunderbare Gelegenheit gehabt, befreundete Mitbewohnerinnen zu werden, statt Freundinnen zu sein, die sich durchs Zusammenleben zerstreiten würden.

Nina machte sich ständig Sorgen, dass Surinder irgendwann einen festen Freund finden würde, der dann zu ihr ziehen wollte, oder dass sie sich gemeinsam etwas Neues suchen würden. Doch trotz ihrer vielen Verehrer war dies bislang nicht geschehen, was wirklich ein Segen war.

Surinder wies Nina gern darauf hin, dass sie ja nicht die Einzige war, der so etwas passieren könnte. Aber wegen Ninas lähmender Schüchternheit und ihres ziemlich einsamen Hobbys – des Lesens – waren sie sich ziemlich sicher, dass es wohl bei Surinder als Erstes so weit sein würde.

Nina war immer die Stille gewesen, die im Hintergrund blieb und die Dinge durch die Linse ihrer geliebten Romane betrachtete.

Nach einem weiteren unbehaglichen Abend im Kreise der unbeholfenen Freunde von Surinders neuester Männerbekanntschaft dachte Nina, dass sie einfach noch nie jemandem wie den Helden aus ihren geliebten Büchern begegnet war. Einem Mr Darcy oder Heathcliff oder vielleicht sogar einem Christian Grey, wenn ihr gerade der Sinn danach stand …

Die aufgeregten jungen Männer mit feuchten Händen, bei denen ihr nie irgendetwas Witziges oder Geistreiches einfiel, konnten da einfach nicht mithalten. Sie marschierten nicht finster und wutentbrannt über Moore in Yorkshire. Sie schlugen keinen Tanz in der Brunnenhalle aus, obwohl sie doch in Wirklichkeit schon ihr Leben lang für die verschmähte Tanzpartnerin schwärmten. Sie betranken sich einfach nur wie Griffin bei der Weihnachtsfeier und versuchten dann, mit einem Zungenkuss bei ihr durchzukommen, während sie die Beziehung zu ihrer Freundin als gar nicht so verbindlich hinstellten.

Egal. Jetzt schäumte Surinder jedenfalls vor Wut, und das Schlimmste an der Sache war, dass sie recht hatte. Für mehr Bücher war im Haus einfach kein Platz, weil schon überall welche standen und lagen: im Eingangsbereich, auf der Treppe und in Ninas Zimmer, das bis in den letzten Winkel vollgestopft war. Auch im Wohnzimmer waren etliche säuberlich aufgereiht, ebenso auf der Toilette, nur für alle Fälle. Nina hatte in einer Krise immer gern Betty und ihre Schwestern in Reichweite.

„Ich kann die doch nicht draußen in der Kälte lassen“, bettelte sie nun.

„Nina, das ist bloß ein Haufen TOTES HOLZ! Und zum Teil mieft es ganz schön!“

„Aber …“

Surinders Gesichtsausdruck blieb hart, als sie ihrer Mitbewohnerin streng in die Augen sah. „Nina, das reicht jetzt, die Sache gerät gerade langsam außer Kontrolle. Und wenn ihr in der Bücherei noch die ganze Woche mit Zusammenräumen beschäftigt seid, wird es nur noch schlimmer!“

Surinder trat aus dem Haus und nahm das oberste Buch von dem Stapel, den Nina vor sich hertrug. Es war ein dicker Liebesroman.

„Jetzt guck mal, den hast du doch schon!“

„Ja, ich weiß, aber das ist eine Hardcover-Erstausgabe. Sieh mal, wie schön! Dieses Buch hat noch nie zuvor jemand gelesen!“

„Und dazu wird es wohl auch nie kommen, weil dein Stapel mit noch zu lesenden Büchern größer ist als ich!“

Zornentbrannt baute sich Surinder im Vorgarten vor Nina auf. „Nein!“, sagte sie wieder und wurde jetzt laut. „Dieses Mal lasse ich mich nicht erweichen!“

Nina spürte, wie sie zu zittern begann. Sie standen kurz vor einer ernsthaften Auseinandersetzung, und sie konnte Streit und jegliche Art von Konfrontation einfach nicht ertragen. Was Surinder natürlich wusste.

„Bitte“, sagte Nina wieder.

Surinder reckte die Hände in die Luft. „Gott, ich komme mir vor, als würde ich einen Welpen treten. Sag mal, um eine neue Arbeit hast du dich auch noch nicht bemüht, oder? Nein, du rollst dich einfach auf die Seite und stellst dich tot.“

„Außerdem“, flüsterte Nina und fixierte die Gehwegplatten, als die Tür zufiel, „habe ich heute Morgen meinen Hausschlüssel vergessen. Ich glaube, wir haben uns ausgesperrt.“

 

Surinder starrte Nina wütend an. Nachdem ihr Kommissarinnengesicht seine Schuldigkeit getan hatte, brach sie aber in Gelächter aus.

Dann schlenderten sie zu einem netten kleinen Pub an der nächsten Straßenecke, in dem es heute ausnahmsweise mal nicht proppenvoll war, und suchten sich einen gemütlichen Tisch.

Surinder bestellte eine Flasche Wein, die Nina misstrauisch beäugte. Wein war normalerweise kein gutes Zeichen und der Auslöser für ein „Was mit Nina nicht stimmt“-Gespräch, das meistens nach dem zweiten Glas losging.

Aber so ein Dasein wie ihres war doch in Ordnung, oder nicht? Es war schließlich okay, Bücher zu lieben und seine Arbeit zu mögen und sein Leben so zu führen. Ein nettes, gemütliches kleines Leben mit einer Routine, das bislang niemanden gestört hatte.

„Nein“, sagte Surinder nach dem zweiten Glas und stellte es seufzend auf den Tisch.

Nina richtete sich aufs Zuhören ein und setzte eine leidgeprüfte Miene auf.

Surinder arbeitete bei einer Importfirma für Schmuck im Büro, wo sie die Buchhaltung machte und die Diamantenhändler an der kurzen Leine hielt. Sie war großartig in ihrem Job, und alle hatten Angst vor ihr. Sowohl ihr Händchen fürs Administrative als auch ihr geschickt eingefädeltes häufiges Fehlen waren legendär.

„Es reicht einfach nicht, oder, Niens?“

Nina konzentrierte sich auf ihr Glas und wünschte wirklich, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

„Was hat denn der Berufsberater gesagt?“

„Er hat gesagt … dass es nach den Kürzungen eben nicht mehr viele Stellen für Bibliothekare gibt. Man wird vor allem Ehrenamtliche einsetzen.“

Surinder gab ein schnaubendes Geräusch von sich. „So nette alte Damen?“

Nina nickte.

„Aber die können den Leuten doch gar nicht die richtigen Romane empfehlen! Und sie wissen auch nicht, was ein Neunjähriger nach Harry Potter als Nächstes lesen sollte.“

»New World – Die Flucht«, sagte Nina automatisch.

„Genau das meine ich. Solches Fachwissen! Und kommen die überhaupt mit dem Klassifikationssystem klar? Mit der Ablage? Dem ganzen Verwaltungskram?“

Nina schüttelte den Kopf. „Eher nicht.“

„Und wo sollst du hin?“

Nina zuckte mit den Achseln. „Im neuen Medienhub gibt es wahrscheinlich Stellen für Informationsvermittler, aber dafür müsste ich an einem Kurs für Teambuilding teilnehmen und mich dann neu bewerben.“

„An einem Kurs für Teambuilding?“

„Ja.“

„Du?“ Surinder lachte. „Und, hast du dich dafür angemeldet?“

Nina schüttelte den Kopf. „Aber Griffin macht da mit.“

„Und dir wird wohl auch nichts anderes übrig bleiben.“

Nina seufzte schwer. „Vermutlich nicht.“

„Du verlierst deine Stelle, Nina! Du wirst arbeitslos! Den ganzen Nachmittag herumzugammeln und Georgette Heyer zu lesen wird daran auch nichts ändern, oder?“

Nina schüttelte den Kopf.

„Also reiß dich jetzt mal zusammen!“

„Wenn ich das mache, dürfen die Bücher dann ins Haus?“

„Nein!“


Kapitel 2

Am Tag des Teambuilding-Kurses war Nina aufgeregt, weil sie keine Ahnung hatte, was sie dort erwartete. Außerdem war ihr Auto ja immer noch bis unters Dach voll mit Büchern.

Auch Griffin nahm an dem Kurs teil und hatte ganz lässig die Beine übergeschlagen, so als wollte er sich als der entspannteste Typ aller Zeiten präsentieren. Das klappte allerdings nicht besonders gut. Sein Pferdeschwanz baumelte schlapp über sein leicht ergrautes T-Shirt, und seine Brille war schmierig.

„Diese Kursteilnehmer-Pappnasen“, flüsterte er Nina zu, um sie aufzuheitern.

Das half aber nicht, danach fühlte sie sich nur noch übler und zupfte nervös an ihrer Blümchenbluse herum.

Draußen war der Frühling so bewegt wie ein auf den Wellen hüpfendes Boot, Regenschauer und Sonnenschein wechselten einander ab.

Surinder hatte recht: Es war wirklich an der Zeit, dass sich Nina am Riemen riss. Aber manchmal kam es ihr eben so vor, als sei die Welt einfach nicht für Leute wie sie gemacht.

Selbstbewusste, charismatische Menschen wie Surinder konnten das nicht verstehen. Wer nicht extrovertiert war, sich nicht dauernd in den Mittelpunkt drängte, keine Selfies postete, nicht ständig redete und nach Aufmerksamkeit verlangte, wurde schlicht übersehen. Und normalerweise war es Nina ja ganz recht, wenn andere geradewegs durch sie hindurchguckten.

Doch jetzt wurde ihr klar, dass sie Gefahr lief, sich selbst zu übersehen. Was auch immer sie versuchte, wie viele Romane sie auch rettete, ihre Bücherei würde schließen. Ihren Arbeitsplatz würde es nicht mehr geben, und es ging ja nicht einfach nur darum, irgendwo einen neuen zu finden. Da überall Bibliothekare arbeitslos wurden, würden sich auf jede neue Stelle dreißig Kandidaten bewerben. Das war so wie bei Schreibmaschinenreparateuren oder Herstellern von Faxgeräten. Mit nur neunundzwanzig fühlte sich Nina fast schon überflüssig, den Anforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen.

Sie hatte sich für den Kurs mit ihren Kollegen und den Mitarbeitern der beiden anderen schließenden Büchereien der Region im hinteren Saal des Gebäudes zusammengefunden.

Es wurde viel gemurmelt und geklagt, über die verdammte Regierung und darüber, wie ätzend alles war. Begriffen die Menschen denn nicht, war ihnen gar nicht bewusst, was Büchereien alles für die Allgemeinheit taten?

Nina glaubte eher, dass sie es sehr wohl wussten, sich aber einfach nicht darum scherten.

Nun sprang ein junger Mann auf das kleine Podium vorne und rief zur Begrüßung: „Hey!“ Er trug Jeans und ein rosafarbenes Hemd mit offenem Kragen.

„Ich frage mich, was sie dem für diesen Kurs eigentlich bezahlen“, flüsterte Griffin. „Mehr als uns, würd ich mal wetten.“

Nina kniff die Augen zusammen. Des Geldes wegen hatte sie sich ihren Beruf jedenfalls nicht ausgesucht.

„Hallo, alle zusammen!“, rief der junge Mann. Er gehörte zu diesen Leuten, bei denen der Tonfall am Ende immer hochging. Deshalb klang bei ihm jeder Satz wie eine Frage. „Also, ich weiß, dass die Situation hier nicht ideal ist?“

„Ach, was!“, schnaubte Griffin.

„Aber ich bin mir sicher, dass wir uns am Ende des Tages alle super verstehen werden … wenn wir unseren Teamgeist und unser Selbstbewusstsein gestärkt haben, ja?“

Griffin schnaubte wieder, Nina lehnte sich jedoch ein wenig vor. Ihr Selbstbewusstsein stärken? Das könnte wirklich nicht schaden.

 

Inzwischen war etwa eine Stunde verstrichen, und sie waren mit Spielen zur Vertrauensbildung beschäftigt. Damit sollten sie den Glauben an irgendetwas zurückerlangen, obwohl sie doch später alle im Kampf um die verbleibenden Stellen gegeneinander antreten würden.

Nina war mit verbundenen Augen durch den Raum gelaufen und hatte sich dabei nur von den Stimmen der anderen leiten lassen.

Der junge Kursleiter, der sich ihnen als Mungo vorgestellt hatte, war wirklich sehr motivierend. „Sie müssen die Vorstellung aufgeben, dass Sie manche Dinge einfach nicht können!“, rief er.

„Ach?“, seufzte Griffin.

Nina hingegen schaute Mungo an. War an der Sache vielleicht doch was dran?

„Man kann alles schaffen, man muss es nur versuchen.“

„Oh, gut, dann stoße ich am besten zum olympischen Tauchteam dazu“, lautete Griffins Antwort darauf.

Mungo lächelte unbeirrbar. Dann zog er eins seiner Hosenbeine hoch, und der ganze Raum keuchte hörbar auf, als darunter eine Kunststoffprothese zum Vorschein kam.

„Ich würde es zumindest versuchen“, sagte er. „Na los, was würden Sie wirklich gern tun?“

„Eine Abteilung für Medientechnik leiten“, antwortete Griffin rasch.

Nina wusste, dass er Mungo für einen Spitzel der Büchereileute hielt.

Mungo nickte bloß. „Machen wir es doch einfach so, dass jeder etwas dazu sagt“, schlug er vor. „Seien Sie ehrlich. Hier gibt es keine Spione.“

Nina sank auf ihrem Stuhl in sich zusammen. In der Öffentlichkeit zu sprechen war für sie eine Qual.

Ein grantiger Mann, den sie nicht kannte, meldete sich ganz hinten im Raum. „Ich wollte eigentlich immer gern mit Tieren arbeiten“, erklärte er. „Draußen in der freien Wildbahn. Sie beobachten und katalogisieren … Wissen Sie, was ich meine?“

„Das klingt ja super“, sagte Mungo, und es hörte sich an, als meine er es auch so. „Toll! Kommen Sie doch mal nach vorne!“

In Nina zog sich alles zusammen, als sie sich rund um einen Tisch aufstellen mussten, den der Mann nun erklomm, um sich fallen zu lassen und von der Gruppe aufgefangen zu werden.

„Ich träume schon lange davon, Maskenbildnerin beim Film zu werden“, verriet nun eine junge Rezeptionistin aus der Zentrale. „Die großen Stars zu schminken und so.“

Mungo nickte, sie trat vor und ließ sich ebenfalls fallen. Nina konnte nicht fassen, wie problemlos sich alle darauf einließen.

„Ich will einfach nur mit Büchern arbeiten“, sagte Rita. „Das ist alles, was ich mir im Leben wünsche.“

Fallen lassen musste sie sich allerdings nicht, wegen ihrer Hüfte.

Es wurden noch weitere Ideen vorgebracht, die mit viel Nicken und dem ein oder anderen Applaus vom Rest der Gruppe bedacht wurden.

Selbst Griffin nahm seine erste Antwort zurück und murmelte, dass er eigentlich gern Comics zeichnen würde.

Nina hingegen sagte nichts, obwohl es hinter ihrer Stirn fieberhaft arbeitete. Schließlich wurde ihr klar, dass Mungo sie anstarrte.

„Ja?“

„Na los, Sie sind die Letzte. Verraten Sie uns bitte, was Sie gern tun würden. Und seien Sie ehrlich.“

Widerwillig schob sich Nina in Richtung Tisch. „Darüber habe ich eigentlich noch nie nachgedacht.“

„Und ob Sie das haben“, widersprach Mungo. „Wie jeder andere auch.“

„Es klingt aber ganz schön albern. Vor allem unter den gegebenen Umständen.“

„Wir lassen uns gerade rückwärts vom Tisch fallen“, wandte er ein. „Albern ist hier gar nichts.“

Als Nina auf den Tisch kletterte, sah der Rest der Gruppe sie erwartungsvoll an. Ihr Mund war ganz trocken, und plötzlich hatte sie einen Blackout.

„Na ja“, sagte sie und spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen. Sie schluckte schmerzhaft. „Also … ich meine. Tja. Ich hab immer schon … immer schon davon geträumt, eines Tages meine eigene Buchhandlung zu führen. Nur eine ganz kleine.“

Er herrschte kurz Schweigen, und dann erklangen von überall her Stimmen.

„Ich auch!“

„O ja!“

„Das klingt einfach WUNDERBAR!“

„Schließen Sie die Augen“, bat Mungo behutsam.

In diesem Moment kniff Nina die Augen ganz fest zu, lehnte sich zurück und fiel in wartende Arme, die sie auffingen und dann vorsichtig auf dem Boden absetzten.

Und als Nina die Augen wieder aufschlug, fragte sie sich …

 

In der Pause nahm Mungo Nina beiseite, um mit ihr über ihren Traum zu sprechen.

Nina erklärte ihm, dass sie sich Dingen wie Betriebskosten oder Lagerbeständen oder Angestellten oder all den anderen großen Verpflichtungen, die ein Geschäft eben mit sich brachte, nicht gewachsen fühle.

Er nickte sanft. Als sie ihm gestand, dass sie genug Bücher für einen ganzen Laden in ihrem Auto zwischenlagerte, lachte er und hob eine Hand. „Wissen Sie“, sagte er, „man braucht für so etwas nicht unbedingt einen festen Standort.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, statt ein Ladenlokal zu mieten, das ja entsprechende Kosten mit sich bringt, könnten Sie doch etwas anderes probieren.“

Er zeigte ihr Fotos auf der Website einer Frau, die eine Buchhandlung auf einem Frachtkahn führte. Davon hatte Nina schon gehört und seufzte neidisch.

„Es muss auch nicht unbedingt ein Schiff sein“, fügte er hinzu. „Ich kannte mal eine Frau, die in Cornwall eine Bäckerei in einem Lieferwagen eröffnet hat.“

„Eine ganze Bäckerei?“

„Eine ganze Bäckerei! Die Leute sind meilenweit dafür gefahren.“

Nina sah ihn skeptisch an. „Ein Lieferwagen?“

„Warum nicht? Haben Sie denn den Führerschein?“

„Ja.“

„So einen Wagen könnte man doch hübsch herrichten, meinen Sie nicht?“

Nina erwähnte an dieser Stelle nicht, dass sie ewig gebraucht hatte, um zu lernen, wie man im Rückwärtsgang wendete. Mungos überschwänglicher Enthusiasmus war so allumfassend, dass es leichter schien, dem jungen Mann einfach zuzustimmen.

 

„EIN LADEN?“ Griffin musste natürlich wieder stänkern. „EINE BUCHHANDLUNG? Ja, bist du denn VERRÜCKT?“

Nina zuckte mit den Achseln. „Ich weiß auch nicht“, sagte sie. „Ich könnte doch deine Comics bei mir verkaufen.“

Sie fühlte sich immer noch seltsam inspiriert. Nun zeigte sie Griffin eine Anzeige, die sie während der Pause mithilfe des begeisterten Mungo gefunden hatte. „Schau dir das mal an.“

„Was ist das?“

„Ein Lieferwagen.“

„Ein stinkender alter Imbisswagen?“

„Ein stinkender alter Imbisswagen“, musste Nina widerwillig zugeben. „Gut, der wäre wahrscheinlich nicht ideal. Aber was ist denn mit diesem hier?“

„Du scheinst Lieferwagen ja für die Lösung aller Probleme zu halten“, knurrte Griffin. „Dabei sind die bestimmt voller Ungeziefer.“

„Ich hab doch gerade gesagt, dass ich Imbisswagen ausschließe!“ Ninas leicht gereizte Stimme ließ Griffin überrascht von seinem Pint Bier aufschauen. Es kam ihm wohl vor, als hätte da eine Maus gebrüllt.

„Jetzt bleib bitte mal ernst, und schau dir den hier an.“

„Oh, ein Lieferwagen!“, rief Griffin übertrieben sarkastisch aus. „Ich weiß wirklich nicht, was du von mir hören willst.“

„Na, zum Beispiel: ›Wow, Nina, das ist ja toll! Wer hätte gedacht, dass du dein Leben in die Hand nehmen und dir so was einfallen lassen würdest?‹“

„Hat dir dieser Mungo etwa den Kopf verdreht?“

„Nein, Griffin, der ist doch nur ein Kind. Aber mir gefällt seine Einstellung.“

„Das verstehe ich nicht“, murmelte Griffin. „Ein Lieferwagen. Ich dachte, du wolltest eine Buchhandlung eröffnen?“

„Das will ich auch!“, fuhr Nina fort. „Aber ein Ladenlokal kann ich mir ja wohl nicht leisten, oder?“

„Nein“, sagte Griffin. „Du wärst als Kreditnehmer ein viel zu großes Risiko für jede Bank. Schließlich hast du überhaupt keine Erfahrung darin, ein Geschäft zu leiten.“

„Stimmt“, nickte Nina. „Aber dafür weiß ich alles über Bücher, oder?“

Griffin sah sie an. „Ja“, musste er widerwillig zugeben, „was Bücher angeht, bist du ziemlich gut.“

„Und ich kriege doch eine Abfindung“, sagte Nina. „Außerdem könnte ich den Mini Metro verkaufen. Ich meine, ich könnte … Ich könnte mir einen Lieferwagen leisten … so gerade eben. Und Ware hab ich schließlich genug, hier aus der Bücherei und … na ja, eben aus meinem Leben. Bei mir stehen ja überall Bücher rum, mit denen könnte ich den Wagen erst einmal vollmachen und dann gucken, wie es weitergeht.“

„Du hast wirklich zu viele Bücher“, seufzte Griffin. „Ich hätte ja nie gedacht, dass ich das mal über jemanden sagen würde.“

„Also“, murmelte Nina. „Wenn ich den Warenbestand schon habe … und dazu noch einen Lieferwagen …“

„Ja?“

„Ich meine, warum sollte ich damit dann nicht durch die Gegend fahren und die Bücher verkaufen?“

So langsam steigerte sie sich da richtig hinein und spürte ein aufgeregtes Kribbeln in der Brust. Warum denn nicht? Wieso sollten alle anderen ihre Träume verwirklichen dürfen, nur sie nicht?

„Wo denn, etwa in Edgbaston?“

„Nein, es müsste irgendwo sein, wo das Parken nicht so streng geregelt ist“, überlegte Nina

„Also nirgendwo.“

„Irgendwo, wo ich nicht störe. Wo ich einfach meine Bücher verkaufen darf.“

„Ich glaube nicht, dass das so funktioniert“, wandte Griffin ein.

„Das wäre wie bei Bauernmärkten, wo die Händler einmal die Woche ihre Ware anbieten.“

„Du willst also nur einmal die Woche arbeiten und dich den Rest der Zeit um deine Bücherplantage kümmern?“, fragte Griffin.

„Jetzt hör schon auf, mir die Sache schlechtzureden!“, schimpfte Nina.

„Ich bin doch nur realistisch. Soll ich jetzt etwa sagen: ›Klar, Nina, pfeif auf die Möglichkeit einer neuen Anstellung und lass mit fast dreißig alles stehen und liegen, um einem Traum hinterherzujagen!‹? Dann wäre ich dir wohl kein guter Freund.“

„Hm“, machte Nina, der er damit ziemlich den Wind aus den Segeln genommen hatte.

„Ich meine“, fuhr Griffin fort, »du bist nicht gerade ein risikofreudiger Mensch. In den vier Jahren, die ich dich nun kenne, bist du kein einziges Mal zu spät aus der Mittagspause zurückgekommen. Du hast nie irgendeinen Änderungsvorschlag für die Mitarbeiter eingebracht oder dich über irgendetwas beschwert, bist niemals während eines Feueralarms einen Kaffee trinken gegangen – nichts. Du bist die Kleine Miss Perfekte Angestellte, die Kleine Miss Ideale Bibliothekarin … Und jetzt willst du dir einen Lieferwagen kaufen und damit draußen in der freien Wildbahn Bücher verkaufen? Um damit dein Geld zu verdienen?«

„Klingt das denn so verrückt?“, fragte Nina.

„Ja“, sagte Griffin.

„Hm“, kam es wieder von Nina. „Und was hast du vor? Dich bei Illustratoren und in Comicläden und so vorstellen?“

Einen Moment wirkte Griffin verlegen. „Oh“, hauchte er. „Du liebe Güte, nein, natürlich nicht. Ich werde mich vermutlich einfach um eine der neuen Stellen bewerben. Du weißt schon … der Sicherheit wegen. Als Wissensvermittler.“

Nina nickte traurig. „Ja, ich wohl auch.“

„Mit dir als Konkurrentin werde ich die Stelle sicher nicht kriegen.“

„Jetzt sei nicht albern, natürlich wirst du das“, wandte Nina ein und konzentrierte sich peinlich berührt auf die Anzeige. „Dieser Wagen steht bestimmt sonst wo.“

Griffin beugte sich über die Annonce und brach dann in schallendes Gelächter aus. „Nina, den kriegst du sowieso nicht.“

„Warum denn nicht? Das ist der, den ich will!“ Sie verbesserte sich: „Das ist der, den ich gewollt hätte.“

Er war blau, geräumig und altmodisch, mit großen Scheinwerfern. Er konnte nicht nur hinten geöffnet werden, sondern hatte auch noch eine seitliche Tür mit einer kleinen Metalltreppe, die man ausklappen konnte. Der Wagen war wirklich schön und strahlte ein gewisses Retroflair aus. Und vor allem war im Inneren jede Menge Platz für Regale, da es sich um einen ehemaligen Brotwagen handelte. Das Ding war einfach umwerfend.

„Na, dann viel Glück“, schnaubte Griffin und deutete aufs Kleingedruckte. „Guck, der steht nämlich in Schottland!“

Blick ins Buch
Das Lächeln der FrauenDas Lächeln der FrauenDas Lächeln der Frauen

Roman

Die junge Restaurantbesitzerin Aurélie hat Liebeskummer: Von einem Tag auf den anderen wurde sie von ihrem Freund verlassen. Unglücklich streift sie durch Paris und stößt in einer kleinen Buchhandlung auf einen Roman, der gleich in den ersten Sätzen nicht nur ihr Lokal, sondern auch sie selbst beschreibt. Begeistert von der Lektüre, möchte Aurélie den Autor des Buchs kennenlernen, doch der ist leider sehr menschenscheu, erfährt sie vom Lektor des französischen Verlags. Aber Aurélie gibt nicht auf …

1


Letztes Jahr im November hat ein Buch mein Leben gerettet. Ich weiß, das klingt jetzt sehr unwahrscheinlich. Manche mögen es gar für überspannt halten, wenn ich so etwas sage, oder melodramatisch.Und doch war es genau so.
Dabei hatte nicht einmal jemand auf mein Herz gezielt und die Kugel wäre wundersamerweise in den Seiten einer dicken, in Leder gebundenen Ausgabe von Baudelaires Gedichten steckengeblieben, wie man es manchmal in Filmen sehen kann. So ein aufregendes Leben führe ich nicht.
Nein, mein dummes Herz war bereits vorher verwundet worden. An einem Tag, der wie jeder andere zu sein schien.
Ich erinnere mich noch genau. Die letzten Gäste im Restaurant – eine Gruppe von ziemlich lauten Amerikanern, ein diskretes japanisches Paar und ein paar diskutierwütige Franzosen – waren wie immer lange sitzengeblieben, und die Amerikaner hatten sich nach dem Gâteau au chocolat mit
vielen „Aaahs“ und „Ooohs“ die Lippen geleckt.
Suzette hatte, nachdem der Nachtisch serviert war, wie immer gefragt, ob ich sie wirklich noch brauche, und war dann glücklich davongeeilt. Und Jacquie war wie immer schlecht gelaunt gewesen. Dieses Mal hatte er sich über die Eßgewohnheiten der Touristen ereifert und die Augen verdreht, während er die leergefegten Teller scheppernd in die Spülmaschine warf.
„Ah, les Américains! Verstehen nichts von französischer Cuisine, rien du tout! Essen immer die Dekoration mit – warum muß ich für Barbaren kochen, ich hätte gute Lust, alles hinzuschmeißen, es macht mir schlechte Laune!“
Er hatte sich die Schürze losgebunden und mir beim Hinausgehen sein bonne nuit entgegengebrummt, bevor er sich auf sein altes Fahrrad schwang und in der kalten Nacht verschwand. Jacquie ist ein großartiger Koch und ich mag ihn sehr, auch wenn er seine Griesgrämigkeit vor sich herträgt wie einen Topf Bouillabaisse. Er war schon Koch im Temps des Cerises, als das kleine Restaurant mit den rot-weiß gewürfelten Tisch­decken, das etwas abseits vom belebten Boulevard Saint-Germain in der Rue Princesse liegt, noch meinem
Vater gehörte. Mein Vater liebte das Chanson von der „Zeit der Kirschen“, die so schön ist und so schnell vorbei, dieses zugleich lebensbejahende und etwas wehmütige Lied über Liebende, die sich finden und wieder verlieren. Und obwohl sich die französische Linke dieses alte Lied später zur inoffiziellen Hymne erkoren hat, als ein Bild für Aufbruch und Fortschritt, glaube ich, daß der wahre Grund, weshalb Papa sein Restaurant so nannte, weniger dem Gedenken an die Pariser Kommune geschuldet war, sondern ganz persönlichen Erinnerungen.
Dies ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, und wenn ich nach der Schule mit meinen Heften in der Küche saß, umgeben vom Geklapper der Töpfe und Pfannen und von tausend verheißungsvollen Gerüchen, konnte ich sicher sein, daß Jacquie immer eine kleine Leckerei für mich hatte.
Jacquie, der eigentlich Jacques Auguste Berton heißt, kommt aus der Normandie, wo man bis zum Horizont sehen kann, wo die Luft nach Salz schmeckt und das endlose Meer, über dem Wind und Wolken ihr rastloses Spiel treiben, dem Auge nicht den Blick verstellt. Mehr als einmal am Tag versichert er mir, daß er es liebt, weit zu gucken, weit! Manchmal wird ihm Paris zu eng und zu laut, und dann sehnt er sich an die Küste zurück.
„Wer einmal den Geruch der Côte Fleurie in der Nase hat, wie kann der sich in den Pariser Abgasen wohlfühlen, sag mir das!?“
Er wedelt mit dem Fleischmesser und schaut mich vorwurfsvoll mit seinen großen braunen Augen an, bevor er sich mit einer ungeduldigen Bewegung die dunklen Haare aus der Stirn wischt, die mehr und mehr – ich sehe es mit einer gewissen Rührung – von silbrigen Fäden durchzogen sind.
Es ist doch erst ein paar Jahre her, daß dieser stämmige Mann mit den großen Händen einem vierzehnjährigen Mädchen mit langen dunkelblonden Zöpfen gezeigt hat, wie man die vollkommene Crème brûlée zubereitet. Es war das erste Gericht, mit dem ich meine Freundinnen beeindruckte.
Jacquie ist natürlich nicht irgendein Koch. Als junger Mann hat er in der berühmten Ferme Saint-Siméon gearbeitet, in Honfleur, der kleinen Stadt am Atlantik mit diesem ganz besonderen Licht – Fluchtpunkt der Maler und Künstler. „Das hatte schon etwas mehr Stil, meine liebe Aurélie.“
Doch so viel Jacquie auch schimpft – ich lächle still, weil ich weiß, daß er mich nie im Stich lassen würde. Und so war es auch in jenem letzten November, in dem der Himmel über Paris weiß wie Milch war und die Menschen mit dicken Wollschals durch die Straßen hasteten. Ein November, der so viel kälter war als alle anderen, die ich in Paris erlebt hatte. Oder kam mir das nur so vor?
Wenige Wochen zuvor war mein Vater gestorben. Einfach so, ohne Vorwarnung, hatte sein Herz eines Tages beschlossen, nicht mehr zu schlagen. Jacquie fand ihn, als er nachmittags das Restaurant aufschloß.
Papa lag friedlich auf dem Fußboden – umgeben von frischen Gemüsen, Lammkeulen, Jakobsmuscheln und Kräutern, die er morgens auf dem Markt gekauft hatte.
Er hinterließ mir sein Restaurant, das Rezept für sein berühmtes Menu d’amour mit dem er angeblich vor vielen Jahren die Liebe meiner Mutter gewonnen hatte (sie starb, als ich noch sehr klein war, deswegen werde ich nie wissen, ob er nicht doch geschwindelt hat), und einige kluge Sätze über das Leben. Er war achtundsechzig Jahre alt, und ich fand das viel zu früh. Aber Menschen, die man liebt, sterben immer zu früh, nicht wahr, egal, wie alt sie werden.
„Die Jahre bedeuten nichts. Nur was in ihnen geschieht“, hatte mein Vater einmal gesagt, als er Rosen auf das Grab meiner Mutter legte.
Und als ich im Herbst etwas verzagt, aber doch entschlossen in seine Fußstapfen trat, traf mich die Erkenntnis, daß ich nun ziemlich allein auf der Welt war, mit voller Wucht.
Gott sei Dank hatte ich Claude. Er arbeitete als Bühnenbildner am Theater, und der riesige Schreibtisch, der in seiner kleinen Atelierwohnung im Bastilleviertel unter dem Fenster stand, quoll stets über von Zeichnungen und kleinen Modellen aus Karton. Wenn er einen größeren Auftrag hatte, tauchte er manchmal für ein paar Tage ab. „Ich bin nächste Woche nicht vorhanden“, sagte er dann, und ich mußte mich erst daran gewöhnen, daß er tatsächlich weder ans Telefon ging noch die Tür öffnete, obwohl ich Sturm klingelte. Kurze Zeit später war er wieder da, als wäre nichts gewesen. Er schien am Himmel auf wie ein Regenbogen, nicht zu fassen und wunderschön, küßte mich übermütig auf den Mund, nannte mich „meine Kleine“, und die Sonne spielte in seinen goldblonden Locken Versteck.
Dann nahm er mich an der Hand, zog mich mit sich fort und präsentierte mir mit flackerndem Blick seine Entwürfe.
Sagen durfte man nichts.
Als ich Claude erst einige Monate kannte, hatte ich einmal den Fehler begangen, meine Meinung unbefangen zu äußern, und mit schiefgelegtem Kopf laut überlegt, was man noch verbessern könnte. Claude hatte mich fassungslos angestarrt, seine wasserblauen Augen schienen fast überzulaufen, und mit einer einzigen heftigen Handbewegung hatte er seinen Schreibtisch leergefegt. Farben, Stifte, Blätter, Gläser, Pinsel und kleine Kartonstücke wirbelten durch die Luft wie Konfetti, und das filigrane, in sorgsamer Arbeit gefertigte Bühnenmodell für Shakespeares Sommernachtstraum zerbrach in tausend Stücke.
Seither hielt ich mich mit kritischen Bemerkungen zurück.
Claude war sehr impulsiv, sehr wechselhaft in seinen Stimmungen, sehr zärtlich und sehr besonders. Alles an ihm war „sehr“, ein wohltemperiertes Mittelmaß schien es nicht zu geben.
Wir waren damals ungefähr zwei Jahre zusammen, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, die Beziehung zu diesem komplizierten und höchst eigenwilligen Menschen infrage zu stellen. Wenn man genau hinsieht, hat doch jeder von uns seine Kompliziertheiten, seine Empfindlichkeiten und Spleens. Es gibt Dinge, die wir tun, oder Dinge, die wir niemals tun würden, oder nur unter ganz bestimmten Umständen. Dinge, über die andere lachen, den Kopf schütteln, sich wundern.
Merkwürdige Dinge, die nur zu uns gehören.
Ich zum Beispiel sammle Gedanken. In meinem Schlafzimmer gibt es eine Wand mit bunten Zetteln voller Gedanken, die ich festgehalten habe, damit sie mir in ihrer Flüchtigkeit nicht verlorengehen. Gedanken über belauschte Gespräche im Café, über Rituale und warum sie so wichtig sind, Gedanken über Küsse im Park bei Nacht, über das Herz und über Hotelzimmer, über Hände, Gartenbänke, Photos, über Geheimnisse und wann man sie preisgibt, über das Licht in den Bäumen, und über die Zeit, wenn sie stillsteht.
Meine kleinen Notizen haften an der hellen Tapete wie tropische Schmetterlinge, eingefangene Momente, die keinem Zweck dienen außer dem, in meiner Nähe zu bleiben, und wenn ich die Balkontür öffne und ein leichter Luftzug durch das Zimmer streicht, zittern sie ein wenig, so als wollten sie davonfliegen.
„Was ist das?!“ Claude hatte ungläubig die Augenbrauen hochgezogen, als er meine Schmetterlingssammlung zum erstenmal sah. Er war vor der Wand stehengeblieben und hatte interessiert einige Notizen gelesen. „Willst du ein Buch schreiben?“
Ich wurde rot und schüttelte den Kopf.
„Um Gottes willen, nein! Ich mache das …“, ich mußte selbst einen Moment überlegen, fand aber keine wirklich überzeugende Erklärung, „weißt du, ich mache das einfach so. Kein Grund. So wie andere Leute Photos machen.“
„Kann es sein, daß du ein kleines bißchen versponnen bist, ma petite?“ hatte Claude gefragt, und dann hatte er die Hand unter meinen Rock geschoben. „Aber das macht nichts, gar nichts, ich bin ja auch ein bißchen verrückt …“, er strich mit den Lippen über meinen Hals und mir wurde ganz heiß, „… nach dir.“
Wenige Minuten später lagen wir auf dem Bett, meine Haare gerieten in ein wundervolles Durcheinander, die Sonne schien durch die halb zugezogenen Gardinen und malte kleine zitternde Kreise auf den Holzfußboden, und anschließend hätte ich einen weiteren Zettel an die Wand heften können Über die Liebe am Nachmittag. Ich tat es nicht.
Claude hatte Hunger, und ich machte Omelettes für uns, und er sagte, ein Mädchen, das solche Omelettes machen könne, dürfe sich jeden Spleen erlauben. Also hier noch etwas:
Immer wenn ich unglücklich oder unruhig bin, gehe ich los und kaufe Blumen. Natürlich mag ich Blumen auch, wenn ich glücklich bin, aber an diesen Tagen, wenn alles schiefläuft, sind Blumen für mich wie der Beginn einer neuen Ordnung, etwas, das immer vollkommen ist, egal, was passiert.
Ich stelle ein paar blaue Glockenblumen in die Vase, und es geht mir besser. Ich pflanze Blumen auf meinem alten Steinbalkon, der zum Hof hinausgeht, und habe sofort das befriedigende Gefühl, etwas ganz Sinnvolles zu tun. Ich verliere mich darin, die Pflanzen aus dem Zeitungspapier zu wickeln, sie behutsam aus den Plastikbehältern zu lösen und in die Töpfe zu setzen. Wenn ich mit den Fingern in die feuchte Erde greife und darin herumwühle, wird alles ganz einfach, und ich setze meinem Kummer wahre Kaskaden aus Rosen, Hortensien und Glyzinien entgegen.
Ich mag keine Veränderungen in meinem Leben. Ich nehme immer dieselben Wege, wenn ich zur Arbeit gehe, ich habe eine ganz bestimmte Bank in den Tuilerien, die ich heimlich als meine Bank betrachte.
Und ich würde mich niemals im Dunkeln auf einer Treppe umdrehen, weil ich das unbestimmte Gefühl hätte, daß hinter mir etwas lauert, das nach mir greift, wenn ich nur zurückschaue.
Das mit der Treppe habe ich übrigens niemandem erzählt, nicht einmal Claude. Ich glaube, er hat mir damals auch nicht alles erzählt.
Tagsüber gingen wir beide unserer Wege. Was Claude abends machte, wenn ich im Restaurant arbeitete, wußte ich nicht immer so genau. Vielleicht wollte ich es auch nicht wissen. Aber nachts, wenn die Einsamkeit sich über Paris senkte, wenn die letzten Bars schlossen und ein paar Nachtschwärmer fröstelnd auf die Straße traten, lag ich in seinen Armen und fühlte mich sicher.
Als ich an jenem Abend die Lichter im Restaurant löschte und mich mit einer Schachtel voller Himbeer-Macarons auf den Weg nach Hause machte, ahnte ich noch nicht, daß meine Wohnung genauso leer sein würde wie mein Restaurant. Es war, wie gesagt, ein Tag wie jeder andere.
Nur daß Claude sich mit drei Sätzen aus meinem Leben verabschiedet hatte.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wußte ich, daß etwas nicht in Ordnung war. Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die mit einem Schlag hellwach sind, und so war es zunächst auch mehr ein merkwürdiges unbestimmtes Unwohlsein als dieser eine konkrete Gedanke, der sich allmählich in mein Bewußtsein schob. Ich lag in den weichen, nach Lavendel duftenden Kissen, von draußen drangen gedämpft die Geräusche des Hofes hinein. Ein weinendes Kind, die beschwichtigende Stimme einer Mutter, schwere Schritte, die sich langsam entfernten, das Hoftor, das quietschend ins Schloß fiel. Ich blinzelte und drehte mich zur Seite. Halb im Schlaf noch streckte ich meine Hand aus und tastete nach etwas, das nicht mehr da war.
„Claude?“ murmelte ich.
Und dann war der Gedanke angekommen. Claude hatte mich verlassen!
Was gestern nacht noch seltsam unwirklich erschienen war und nach mehreren Gläsern Rotwein so unwirklich wurde, daß ich es auch hätte geträumt haben können, wurde mit Anbruch dieses grauen Novembermorgens unwiderruflich. Reglos lag ich da und lauschte, aber die Wohnung blieb still. Aus der Küche kam kein Geräusch. Keiner, der mit den großen dunkelblauen Tassen herumklapperte und leise fluchte, weil die Milch übergekocht war. Kein Duft nach Kaffee, der die Müdigkeit vertrieb. Kein leises Surren eines elektrischen Rasierers. Kein Wort.
Ich wandte den Kopf und sah zur Balkontür hinüber, die leichten, weißen Vorhänge waren nicht zugezogen und ein kalter Morgen drückte sich gegen die Scheiben. Ich zog die Decke fester um mich und dachte daran, wie ich gestern mit meinen Macarons nichtsahnend in die leere, dunkle Wohnung getreten war.
Nur das Licht in der Küche brannte, und ich hatte einen Moment verständnislos auf das einsame Stilleben gestarrt, das sich im Schein der schwarzmetallenen Hängelampe meinem Blick darbot.
Ein handgeschriebener Brief, der offen auf dem alten Küchentisch lag, darauf das Glas Aprikosenmarmelade, mit der Claude sich am Morgen sein Croissant bestrichen hatte. Eine Schale mit Obst. Eine Kerze, zur Hälfe abgebrannt. Zwei Stoffservietten, die nachlässig zusammengerollt waren und in silbernen Serviettenringen steckten.
Claude schrieb mir nie, nicht einmal einen Zettel. Er hatte eine manische Beziehung zu seinem Mobiltelefon, und wenn sich seine Pläne änderten, rief er mich an oder hinterließ eine Nachricht auf meiner Mailbox.
„Claude?“ rief ich und hoffte noch irgendwie auf eine Antwort, aber da griff schon die kalte Hand der Angst nach mir. Ich ließ die Arme sinken, die Macarons rutschten aus der Schachtel und fielen in Zeitlupe auf den Boden. Mir wurde ein bißchen schwindlig. Ich setzte mich auf einen der vier Holzstühle und zog das Blatt unglaublich vorsichtig zu mir heran, als ob das etwas hätte ändern können.
Wieder und wieder hatte ich die wenigen Worte gelesen, die Claude in seiner großen, steilen Schrift zu Papier gebracht hatte, und am Ende meinte ich seine rauhe Stimme zu hören, ganz nah an meinem Ohr, wie ein Flüstern in der Nacht:
Aurélie,
ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt. Es tut mir leid, daß es gerade jetzt passiert ist, aber irgendwann wäre es sowieso geschehen.
Paß gut auf Dich auf,
Claude

Erst war ich reglos sitzengeblieben. Nur mein Herz klopfte wie verrückt. So also fühlte es sich an, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Am Vormittag hatte Claude sich noch mit einem Kuß im Flur von mir verabschiedet, der mir besonders zärtlich schien. Ich wußte nicht, daß es ein Kuß war, der mich verriet. Eine Lüge! Wie erbärmlich, sich auf diese Weise davonzustehlen!
In einer Aufwallung von ohnmächtiger Wut zerknüllte ich das Papier und warf es in eine Ecke. Sekunden später hockte ich laut aufschluchzend davor und strich den Bogen wieder glatt. Ich trank ein Glas Rotwein und dann noch eines. Ich zog mein Telefon aus der Tasche und rief Claude immer wieder an. Ich hinterließ verzweifelte Bitten und wilde Beschimpfungen. Ich ging in der Wohnung auf und ab, nahm wieder einen Schluck, um mir Mut zu machen, und schrie in den Hörer, er solle mich auf der Stelle zurückrufen. Ich glaube, ich habe es ungefähr fünfundzwanzigmal probiert, bevor ich mit der dumpfen Klarsichtigkeit, die der Alkohol einem bisweilen beschert, zu der Erkenntnis kam, daß meine Versuche vergeblich bleiben würden. Claude war bereits Lichtjahre entfernt, und meine Worte konnten ihn nicht mehr erreichen.
Mein Kopf schmerzte. Ich stand auf und tappte in meinem kurzen Nachthemd – eigentlich war es das viel zu große blau-weiß gestreifte Oberteil von Claudes Pyjama, das ich mir in der Nacht noch irgendwie übergezogen hatte – durch die Wohnung wie eine Somnambule.
Die Tür zum Badezimmer stand auf. Ich ließ meinen Blick schweifen, um mich zu vergewissern. Der Rasierapparat war verschwunden, ebenso wie die Zahnbürste und das Aramis-Parfum.
Im Wohnzimmer fehlte die weinrote Kaschmirdecke, die ich Claude zum Geburtstag geschenkt hatte, und über dem Stuhl hing nicht wie sonst achtlos hingeworfen sein dunkler Pullover. Der Regenmantel an der Garderobe links neben der Eingangstür war fort. Ich riß den Kleiderschrank auf, der im Flur stand. Ein paar leere Kleiderbügel schlugen mit leisem Klirren gegeneinander. Ich holte tief Luft. Alles ausgeräumt. Selbst an die Socken in der untersten Schublade hatte Claude gedacht. Er mußte seinen Abgang sehr sorgfältig geplant haben, und ich fragte mich, wie es sein konnte, daß ich nichts gemerkt hatte, nichts. Davon, daß er vorhatte zu gehen. Davon, daß er sich verliebt hatte. Davon, daß er bereits eine andere Frau küßte, während er mich küßte.
In dem hohen goldgerahmten Spiegel, der im Flur über der Kommode hing, spiegelte sich mein blasses verweintes Gesicht wie ein bleicher Mond, der von zitternden, dunkelblonden Wellen umgeben war. Meine langen, in der Mitte gescheitelten Haare waren zerzaust wie nach einer wilden Liebesnacht, nur daß es keine heftigen Umarmungen und geflüsterten Schwüre gegeben hatte. „Du hast Haare wie eine Märchenprinzessin“, hatte Claude gesagt. „Du bist meine Titania.“
Ich lachte bitter auf, trat ganz nah an den Spiegel heran und musterte mich mit dem unerbittlichen Blick der Verzweifelten. In meiner Verfassung und mit den tiefen Schatten unter meinen Augen erinnerte ich eher an die Irre von Chaillot, fand ich. Rechts über mir steckte im Rahmen des Spiegels das Photo von Claude und mir, das ich so sehr mochte. Es war an einem lauen Sommerabend entstanden, als wir über den Pont des Arts schlenderten. Ein beleibter Afrikaner, der auf der Brücke seine Taschen zum Verkauf ausgebreitet hatte, hatte es von uns gemacht. Ich erinnere mich noch, daß er unglaublich große Hände hatte – zwischen seinen Fingern wirkte meine kleine Kamera wie ein Puppenspielzeug – und daß es eine Weile dauerte, bis er endlich auf den Aus­löser drückte.
Wir lachen beide auf diesem Photo, unsere Köpfe eng aneinandergeschmiegt, vor einem tiefblauen Himmel, der die Silhouette von Paris zärtlich einhüllt.
Lügen Photos oder sagen sie die Wahrheit? Im Schmerz wird man philosophisch.
Ich nahm das Bild herunter, legte es auf das dunkle Holz und stützte mich mit beiden Händen auf die Kommode. „Que ça dure!“ hatte der schwarze Mann aus Afrika uns mit tiefer Stimme und rollendem „r“ lachend nachgerufen. „Que ça dure!“ Möge es so bleiben!
Ich merkte, wie sich meine Augen erneut mit Tränen füllten. Sie liefen mir die Wangen hinunter und platschten wie dicke Regentropfen auf Claude und mich und unser Lächeln und diesen ganzen Paris-für-Verliebte-Quatsch, bis alles zur Unkenntlichkeit verschwamm.
Ich zog die Schublade auf und stopfte das Photo zwischen die Schals und Handschuhe. „So“, sagte ich. Und dann noch einmal: „So.“
Dann drückte ich die Schublade zu und dachte darüber nach, wie einfach es doch war, aus dem Leben eines anderen zu verschwinden. Für Claude hatten ein paar Stunden gereicht. Und wie es aussah, war das gestreifte Hemd eines Herrenpyjamas, das wohl eher absichtslos unter meinem Kopfkissen vergessen worden war, das einzige, was mir von ihm blieb.

Blick ins Buch
Die Geschichte eines LügnersDie Geschichte eines Lügners

Roman

Die Welt liegt dir zu Füßen, du musst nur die richtige Geschichte erzählen Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff…Psychologisch raffiniert, hochspannend und mit funkelndem Humor erzählt John Boyne von der verführerischen Macht des Vertrauens und von einem, der für Ruhm alles tut.„Ein Roman wie Der talentierte Mr. Ripley, voll von gieriger Täuschungslust“ – New York Post

1 – Westberlin

Von dem Moment meiner Zusage an hatte mich der Gedanke, nach Deutschland zurückzukehren, nervös gemacht. Welche Erinnerungen würden, so viele Jahre nach meinem letzten Besuch, wohl wieder in mir aufsteigen?

Es war der Frühling 1988, das Jahr, in dem das erste Mal von „Perestroika“ die Rede war, ich saß in der Bar des Savoy Hotels in der Fasanenstraße und ließ meine Gedanken um meinen sechsundsechzigsten Geburtstag kreisen, bis zu dem mir nur noch wenige Wochen blieben. Vor mir auf dem Tisch stand eine Flasche Riesling, daneben ein Glas, in dem der Wein atmen konnte und das einem Hinweis in der Karte zufolge der linken Brust von Marie Antoinette nachempfunden war. Der Wein schmeckte vorzüglich, eine der kostspieligeren Sorten auf der umfänglichen Weinliste, was mich jedoch nicht zu kümmern brauchte, hatte mein Verleger mir doch versichert, der Verlag werde mit Freude für alles aufkommen. Ein solches Maß an Großzügigkeit kannte ich bislang nicht. Meine Karriere als Schriftsteller, die vor fünfunddreißig Jahren begonnen und sechs kurze Romane sowie eine unüberlegte Gedichtsammlung hervorgebracht hatte, war nie erfolgreich gewesen. Trotz zumeist positiver Besprechungen hatte keines meiner Bücher eine nennenswerte Leserschaft gefunden, und auch international war mein Werk kaum auf Interesse gestoßen. Dann aber hatte ich, zu meiner großen Überraschung, im vorangegangenen Herbst für meinen sechsten Roman Furcht einen wichtigen Literaturpreis gewonnen. Befördert durch den Prize hatte sich das Buch gut verkauft und war in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Das übliche Desinteresse wich schon bald Bewunderung und kritischer Wertschätzung, während das Feuilleton darüber diskutierte, wer sich denn nun mit der Wiederentdeckung meines Könnens brüsten dürfe. Auf einmal lud man mich zu Literaturfestivals ein und bot mir Lesereisen im Ausland an. Eine dieser Veranstaltungen, eine monatlich stattfindende Lesungsreihe im Literaturhaus, hatte mich auch nach Berlin geführt, doch obwohl ich hier geboren war, fühlte ich mich fremd.

Ich war nahe dem Tiergarten aufgewachsen, wo ich im Schatten von Statuen preußischer Adliger gespielt hatte. Als kleiner Junge hatte ich regelmäßig den Zoo besucht und davon geträumt, dort eines Tages Tierpfleger zu werden. Mit sechzehn bejubelte ich mit einer Hakenkreuzbinde am Arm zusammen mit Freunden aus der Hitlerjugend die Ankunft von Reinhold Begas’ Bismarck-Denkmal im Herzen des Parks, wo es seine neue Heimat finden sollte, nachdem es vor dem Reichstag Hitlers Plänen für die „Welthauptstadt Germania“ hatte weichen müssen. Ein Jahr später stand ich allein Unter den Linden und wohnte der Parade Tausender deutscher Wehrmachtssoldaten anlässlich der erfolgreichen Angliederung Westpolens bei. Nochmal zehn Monate später fand ich mich in der dritten Reihe bei einer Kundgebung im Lustgarten wieder, umgeben von gleichaltrigen Soldaten, die wie ich dem Führer salutierten und die Treue schworen, nachdem er uns von einem Podest vor dem Dom eines Tausendjährigen Reiches angebrüllt hatte.

1946 schließlich hatte ich mein Vaterland verlassen, um an der Universität von Cambridge englische Literatur zu studieren und im Anschluss einige unangenehme Jahre lang an einem örtlichen Gymnasium Jungen zu unterrichten, die sich über meinen Akzent lustig machten und deren Familien traumatisiert und von vier Jahrzehnten bewaffneten Konflikts und brüchiger Versöhnung zwischen ihrem und meinem Land erschöpft waren. Nach der Promotion bekam ich überraschenderweise eine Stelle im Lehrkörper des King’s College, wo man mich wie ein Kuriosum behandelte, einen Kollegen, der einer mörderischen Generation von Teutonen entrissen und in den Schoß einer ehrenwerten britischen Institution aufgenommen worden war, die sich willens zeigte, als Sieger Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Nach nur zehn Jahren wurde ich mit einer Professur belohnt, und durch die mit dem Titel einhergehende Sicherheit und Reputation fühlte ich mich zum ersten Mal seit meiner Kindheit geborgen, denn nun waren mir bis an mein Lebensende ein Zuhause und eine feste Stellung garantiert.

Wurde ich jemandem vorgestellt, den Eltern meiner Studenten beispielsweise oder einem Gönner des Colleges, wurde oft angemerkt, dass ich „auch Schriftsteller“ sei, eine ebenso lästige wie peinliche Bemerkung, wie ich fand. Natürlich hoffte ich, eine Spur von Talent zu besitzen, und sehnte mich nach einer größeren Leserschaft, aber meine übliche Antwort auf die unvermeidliche Frage „Kenne ich womöglich eins Ihrer Bücher?“ lautete „Wahrscheinlich nicht“. Für gewöhnlich baten mich die neuen Bekannten dann, einige Titel meiner Romane zu nennen, was ich in Erwartung der Demütigung tat, die ich beim Anblick ihrer leeren Gesichter empfand, während ich in chronologischer Reihenfolge meine Werke aufzählte.

An jenem Abend, um den es hier geht, hatte ich eine schwierige Veranstaltung im Literaturhaus durchgestanden, genauer gesagt ein öffentliches Interview mit einem Journalisten der ZEIT. Da ich ungern Deutsch sprach, eine Sprache, die ich nach meiner Ankunft in England vor mehr als vierzig Jahren mehr oder weniger abgelegt hatte, war ein Schauspieler engagiert worden, um dem Publikum ein Kapitel meines Romans vorzulesen. Als ich ihm allerdings die Stelle nannte, die ich ausgesucht hatte, schüttelte er den Kopf und verlangte, stattdessen aus dem vorletzten Kapitel lesen zu dürfen. Selbstverständlich war ich dagegen, denn die von ihm vorgeschlagene Passage sollte den Leser überraschen. Nein, beharrte ich und ärgerte mich über die Arroganz dieses entrechteten Hamlets, der für nichts weiter engagiert worden war als aufzustehen, vorzulesen und dann durch den Hinterausgang zu verschwinden. „Nein“, sagte ich zu ihm und wurde lauter. „Nicht die Stelle. Diese hier.“

Der Schauspieler war tödlich beleidigt. Anscheinend folgte er einem bestimmten Prozedere, wenn er vor Publikum las, und war in den Vorbereitungen genauso gründlich wie bei einem abendfüllenden Stück an der Schaubühne. Ich fand ihn affektiert und äußerte das auch, woraufhin es zu einer lautstarken Auseinandersetzung kam, die mich sehr aufregte. Schließlich gab er zähneknirschend nach, aber selbst mit meinem kläglichen Deutsch hörte ich deutlich heraus, dass er nur halbherzig vorlas, ohne den Ausdruck, den es braucht, um ein Publikum zu fesseln. Auf dem kurzen Weg zurück ins Hotel fühlte ich Ernüchterung und wollte sehnlichst nach Hause.

Der Kellner, ein Bursche Anfang zwanzig, war mir gleich aufgefallen, denn er war sehr hübsch und schien immer mal wieder zu mir herüberzublicken, während ich meinen Wein trank. Kurz schoss mir durch den Kopf, er könnte sich zu mir hingezogen fühlen, aber die Vorstellung war natürlich absurd. Ich war alt und auch nie besonders attraktiv gewesen, nicht einmal in seinem Alter, in dem der Reiz der Jugend bei den meisten Menschen einen Mangel an Schönheit aufzuwiegen vermag. Seit dem Erfolg von Furcht und meiner anschließenden Erhebung in den Rang eines literarischen Prominenten hatte die Presse mein Gesicht ausnahmslos als „vom Leben gezeichnet“ oder „nicht frei von Sorgenfalten“ beschrieben, wobei Gott sei Dank niemand wusste, wie tief sich diese Sorgen wirklich eingegraben hatten. Solche Kommentare schmerzten mich keineswegs, denn Eitelkeit war mir fremd, und meinen Glauben an Romantik hatte ich schon vor langer Zeit aufgegeben. Die Leidenschaften, die meine ganze Jugend hindurch gedroht hatten, mich zu vernichten, hatten über die Jahre nachgelassen, ich hatte meine Jungfräulichkeit nie verloren, und die Erleichterung, die mit dem Erlöschen der Lust einherging, war wohl vergleichbar mit dem Gefühl, endlich vom Rücken eines wilden Präriepferds losgebunden zu werden. Für mich erwies sich das als wahre Wohltat, denn es machte mich unempfänglich für die Reize des schier endlosen Stroms hübscher Jungen in den Hörsälen des King’s College, von denen manche in der Hoffnung auf bessere Noten schamlos mit mir flirteten. Vulgäre Fantasien und peinliche Verbindungen blieben mir dadurch erspart, ich hielt mich stets wohlwollend distanziert. Ich bevorteilte niemanden, nahm niemanden unter meine Fittiche und gab niemandem Anlass, mir bei meiner pädagogischen Arbeit schlüpfrige Motive zu unterstellen. Und so kam es einigermaßen überraschend, dass ich mich nun dabei ertappte, wie ich den jungen Kellner anstarrte und ein derart starkes Verlangen nach ihm empfand.

Ich goss mir noch ein Glas Wein ein und griff nach meiner Tasche, die ich neben den Stuhl gestellt hatte, einer Ledermappe mit meinem Kalender und zwei Büchern darin, einem Exemplar von Furcht und dem Vorabexemplar des Romans eines alten Freundes, der in ein paar Monaten erscheinen sollte. Ich las dort weiter, wo ich aufgehört hatte, am Anfang des zweiten Drittels in etwa, konnte mich aber nicht konzentrieren. Normalerweise hatte ich dieses Problem nicht, weshalb ich aufsah und mich nach dem Grund fragte. In der Bar war es nicht übermäßig laut. Eigentlich gab es nichts, was mich ablenken konnte. Aber dann, als der junge Kellner an meinem Tisch vorbeiging und der süße, berauschende Geruch von Jungenschweiß zu mir herüberwehte, wurde mir klar, dass er der Grund meiner Zerstreutheit war. Er hatte sich in mein Bewusstsein geschlichen, dieser ruchlose Schuft, und weigerte sich nun, es wieder zu verlassen. Ich legte das Buch beiseite und sah ihm dabei zu, wie er einen der Nachbartische abräumte und ihn dann mit einem feuchten Tuch abwischte, die Bierdeckel auflas und die kleine weiße Kerze wieder anzündete.

Er trug die übliche Uniform des Savoy – schwarze Hose, weißes Hemd und eine elegante braune Weste mit dem Emblem des Hotels – und war von durchschnittlicher Größe und normaler Statur. Seine Haut war so glatt, als hätte sie kaum je eine Rasierklinge berührt. Er hatte volle rote Lippen, dichte Augenbrauen und einen wilden Haarschopf, der aussah, als würde er sich mit der Entschlossenheit der dreihundert Spartaner an den Thermopylen gegen jeden Kamm zur Wehr setzen, der ihn bändigen wollte. Er erinnerte mich an Caravaggios Porträt des jungen Minniti, ein Gemälde, das ich immer bewundert hatte. Vor allem aber glomm in ihm unverkennbar der Funke der Jugend, eine kraftvolle Mischung aus Vitalität und impulsiver Sexualität, und ich fragte mich, was er wohl machte, wenn er nicht im Savoy arbeitete. Ich hielt ihn für einen anständigen und liebenswürdigen Menschen. Und das, obwohl wir noch kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten.

Erneut versuchte ich mich an meinem Buch, aber es war zwecklos, also schlug ich meinen Kalender auf, um mir in Erinnerung zu rufen, was mich in den kommenden Monaten erwartete. Mir stand eine Lesung in Kopenhagen und eine weitere in Rom bevor. Ein Festival in Madrid und eine Reihe von Interviews in Paris. Ich war nach New York eingeladen und sollte an einer kuratierten Lesungsreihe in Amsterdam teilnehmen. Zwischendurch würde ich natürlich immer wieder nach Cambridge zurückkehren, wo man mich für ein Jahr freigestellt hatte, damit ich die unerwarteten Möglichkeiten nutzen konnte, die sich mir durch den Erfolg nun boten.

Eine gelangweilte Stimme riss mich aus meinen Gedanken, ein aufdringliches Schnarren, das fragte, ob ich noch etwas bräuchte, worauf ich gereizt aufblickte und den älteren Kollegen des jungen Mannes vor mir stehen sah, übergewichtig und mit dunklen Tränensäcken unter den Augen. Ich blickte auf die fast leere Flasche Riesling – hatte ich wirklich allein eine ganze Flasche Wein getrunken? – und schüttelte den Kopf. Es war höchste Zeit, zu Bett zu gehen.

„Aber ich hätte da noch eine Frage“, sagte ich und hoffte, dass meine Neugier nicht allzu sehr auffiel. „Der Junge, der hier vorhin serviert hat. Ist er noch da? Ich würde ihm gern danken.“

„Seine Schicht war vor zehn Minuten zu Ende“, antwortete er. „Ich nehme an, dass er schon weg ist.“

Ich versuchte, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Es war schon lange her, dass ich eine so heftige und unerwartete Anziehung zu jemandem empfunden hatte, ich wusste gar nicht mehr, wie man mit derartigen Rückschlägen umging. Mir war keineswegs klar, was ich von ihm wollte, andererseits, was will man anderes von der Mona Lisa oder von Michelangelos David, als einfach stumm vor ihnen zu sitzen und ihre rätselhafte Schönheit zu bestaunen? Tags darauf würde ich nach Hause zurückkehren, es blieb also noch nicht einmal Zeit für einen unauffälligen zweiten Besuch der Bar am nächsten Abend. Es war vorbei, ich würde ihn nie wiedersehen.

Ein leises Seufzen entfuhr mir, und vielleicht hätte ich sogar über meine eigene Dummheit gelacht, doch in mir war gerade kein Lachen, sondern nur Sehnsucht und Reue. Der Schmerz der Einsamkeit, den ich mein ganzes Leben lang ertragen hatte, war vor vielen Jahren abgeklungen, aber jetzt war er ohne Vorwarnung zurückgekehrt und mit ihm altes, vergessenes Herzeleid. Meine Gedanken wanderten zu Oskar Gött und dem einen kurzen Jahr unserer Bekanntschaft. Wenn ich die Augen schloss, sah ich sein Gesicht noch vor mir, das verschwörerische Lächeln, die tiefblauen Augen und die Wölbung seines Rückens, als er am Wochenende unserer Radtour in der Pension in Potsdam schlafend dagelegen hatte. Und wenn ich ganz genau in mich hineinhorchte, verspürte ich auch noch einen Anflug der damaligen Angst, er könnte aufwachen und meine Schamlosigkeit entdecken.

Plötzlich wurde ich erneut in meinen Gedanken unterbrochen. Ich sah auf, und da stand der junge Kellner, jetzt mit einer dunklen Jeans, darüber ein saloppes Hemd, die beiden oberen Knöpfe geöffnet, und eine Lederjacke mit Pelzkragen. In der Hand hielt er eine Wollmütze.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie störe“, sagte er, und mir war sofort klar, dass er kein Deutscher war, wie ich zunächst angenommen hatte, sondern Engländer mit einem leichten Akzent aus Yorkshire oder dem Lake District. „Sie sind Erich Ackermann, nicht wahr?“

„Ganz richtig“, antwortete ich, überrascht, dass er meinen Namen kannte.

„Darf ich Ihnen die Hand schütteln?“

Er streckte mir die Rechte entgegen. Seine Handfläche sah weich aus, und auch seine gepflegten Nägel entgingen mir nicht. Was für ein reinliches Wesen, dachte ich. Am Mittelfinger trug er einen schlichten silbernen Ring.

„Gewiss“, sagte ich, leicht verblüfft von der unerwarteten Wendung. „Auch wenn wir uns noch nicht kennen – oder doch?“

„Nein, aber ich bin ein großer Bewunderer von Ihnen. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Und das noch, bevor Furcht erschienen ist, ich schwimme also nicht nur einfach auf der Welle mit.“

„Wie schön“, gab ich zurück, bemüht, meine Freude zu verbergen. „Das haben nur sehr wenige.“

„Nur sehr wenige interessieren sich für Kunst.“

„Das ist wohl richtig“, pflichtete ich ihm bei. „Aber vom fehlenden Publikum sollte sich ein Künstler niemals aufhalten lassen.“

„Ich habe sogar Ihre Gedichte gelesen“, fügte er hinzu.

Ich verzog das Gesicht. „Die hätte ich besser nicht geschrieben.“

„Da muss ich widersprechen“, sagte er und zitierte einen meiner Verse, bis ich die Hände hob, damit er aufhörte. Er strahlte und lachte, wobei er seine herrlich weißen Zähne entblößte. Unter seinen Augen traten winzige Lachfalten zutage. Er war so wunderschön.

„Und Sie heißen?“, fragte ich, froh, ihn noch ein bisschen länger anstarren zu können.

„Maurice“, antwortete er. „Maurice Swift.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Maurice. Schön zu wissen, dass es immer noch junge Leute gibt, die sich für Literatur interessieren.“

„Eigentlich wollte ich Literatur studieren“, sagte er, „aber meine Eltern konnten sich die Uni nicht leisten. Deshalb bin ich jetzt hier in Berlin. Um von ihnen wegzukommen und mein eigenes Geld zu verdienen.“

Er klang leicht verbittert, unterbrach sich aber selbst, damit er nicht noch mehr verriet. Ich war überrascht, wie sehr er in Rage geraten war, und vor allem wie schnell.

„Ob Sie mir wohl erlauben würden, Sie auf einen Drink einzuladen?“, fuhr er schließlich fort. „Ich würde Ihnen liebend gerne ein paar Fragen zu Ihrer Arbeit stellen.“

„Ich wäre hocherfreut“, antwortete ich, begeistert von der Aussicht darauf, Zeit mit ihm zu verbringen. „Bitte setzen Sie sich doch, Maurice. Aber ich muss darauf bestehen, alles auf meine Zimmerrechnung setzen zu lassen. Ich kann Sie unmöglich für mich bezahlen lassen.“

Er blickte sich um und schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Angestellte dürfen im Haus nichts trinken, schon gar nicht mit Gästen. Wenn ich erwischt werde, fliege ich raus. Eigentlich darf ich nicht einmal mit Ihnen reden.“

„Ah“, sagte ich, setzte mein Glas ab und schaute auf die Uhr. Es war erst zehn; bis die Lokale schlossen, blieb uns noch Zeit. „Vielleicht gehen wir einfach woandershin? Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie Ärger bekommen.“

„Das wäre fantastisch“, sagte er. „Ich habe mich vorhin für zwanzig Minuten in Ihre Veranstaltung geschlichen, während meiner Pause. Eigentlich wollte ich hören, was Sie so erzählen, aber stattdessen hat ein Schauspieler aus Furcht gelesen. Leider nicht besonders gut, wie ich fand.“

„Er war verärgert, weil ich eine Passage zum Vorlesen ausgesucht hatte, die er nicht mochte.“

„Aber es ist doch Ihr Roman“, sagte Maurice und runzelte die Stirn. „Was mischt er sich da ein?“

„Ganz meine Meinung. Aber er war eben anderer Ansicht.“

„Jedenfalls hat er immer noch gelesen, als ich zurückmusste, deshalb habe ich leider die Publikumsfragen verpasst. Ich hätte eine Menge Fragen gehabt. Auch wenn ich sagen muss, Herr Ackermann, dass Sie die ganze Zeit ziemlich finster geguckt haben.“

Ich lachte. „Sagen wir mal so, der Abend war durchwachsen. Aber jetzt klart er doch noch auf. Und bitte, nenn mich Erich.“

„Das kann ich nicht.“

„Ich bestehe darauf.“

„Na gut, also Erich“, sagte er leise, als würde er ausprobieren, wie sich das Wort in seinem Mund anfühlte, und ich fand, er wirkte dabei leicht nervös. Vielleicht war es mein Ego oder meine erwachte Begierde, oder auch eine Kombination aus beidem, aber das Gefühl, dass mich hier jemand verehrte, beglückte und erregte mich. „Bist du sicher, dass du noch ausgehen willst?“, fragte er mich. „Ich will mich nicht aufdrängen. Du bist nicht zu müde?“

„Ganz im Gegenteil“, gab ich zurück, auch wenn ich von meinem frühen Flug und der enttäuschenden Veranstaltung sehr wohl erschöpft war. „Ich folge dir. Mit Sicherheit kennst du die Stadt besser als ich.“

Ich stand auf und verfluchte mich selbst für das leise Stöhnen, das mir entfuhr, als meine Glieder sich wieder streckten und ich mich unbeabsichtigt kurz an seinem Oberarm festhielt. Die Muskeln fühlten sich fest und angespannt an.

„Wo wollen wir hingehen?“, fragte ich, und er nannte eine Bar auf der anderen Seite des Tiergartens, nicht weit vom Brandenburger Tor. Für einen Moment zögerte ich, da uns dies in die Nähe des im Krieg zerstörten Reichstags führen würde, einen Ort, an den es mich nicht unbedingt zurückzog, nickte dann aber doch. Auf keinen Fall durfte ich riskieren, dass er es sich anders überlegte.

„Es ist nicht weit“, sagte er, vielleicht, weil er mein Zögern spürte. „Zehn Minuten, wenn wir ein Taxi nehmen. Und um diese Zeit ist es dort meistens ziemlich ruhig. Wir können uns ungestört unterhalten, ohne uns anschreien zu müssen.“

„Großartig“, sagte ich. „Nach dir.“

Und dann, beim Verlassen des Hotels, äußerte er den Satz, vor dem mir immer graute, der mich aber jetzt auf unerklärliche Weise in einen Zustand freudiger Erregung versetzte.

„Übrigens schreibe ich auch“, sagte er, und es klang, als wäre ihm die Tatsache fast peinlich, als hätte er mir soeben den geheimen Wunsch gestanden, zum Mond fliegen zu wollen. „Jedenfalls versuche ich es.“

2 – Kopenhagen

Der Besuch in Dänemark war für Anfang April geplant und sollte drei Tage dauern; Interviews mit der Presse, gefolgt von einer Lesung in der Königlichen Bibliothek am Abend darauf. Mein dänischer Verleger lud mich ein, doch eine Nacht länger zu bleiben, damit ich mir die Stadt ansehen könne, und ich nahm dankend an. Zusätzlich buchte ich auf eigene Kosten ein Zimmer für Maurice, der sich bereit erklärt hatte, mich in der etwas nebulösen Rolle des „persönlichen Assistenten“ zu begleiten. Damit unsere Zimmer auch wirklich nebeneinanderlagen, schrieb ich dem Hotel zwei Wochen vor unserer Ankunft einen sorgsam formulierten Brief mit der entsprechenden Bitte. Dies, so redete ich mir ein, diente allein dem Zweck, dass sich mein junger Freund auch wirklich in der Nähe befand, sollte ich ihn brauchen. Eine der vielen Lügen, mit denen ich mich im Laufe unserer einjährigen Bekanntschaft selbst betrog.

Am Ende unseres gemeinsamen Abends in Berlin sechs Wochen zuvor hatte ich Maurice meine Adresse aufgeschrieben und ihn ermuntert, sich bei mir zu melden, und nach meiner Rückkehr ans College wartete ich hoffnungsvoll auf einen Brief, der aber nicht kam. Ich fragte mich, ob er den Zettel mit der Adresse verlegt hatte oder seine Sendung womöglich in der Post verloren gegangen war. Fast hätte ich selbst die Initiative ergriffen und ihm an die Adresse des Savoy geschrieben, aber ein Brief klang verzweifelter als der andere, und so gab ich es wieder auf. Nach einem knappen Monat ohne Lebenszeichen hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich wohl nichts mehr von ihm hören würde, als mit göttlichem Timing doch noch ein großer Umschlag eintraf, auf der Rückseite beschriftet mit „Maurice Swift“ und einer Berliner Adresse.

In dem Brief entschuldigte er sich dafür, sich erst jetzt bei mir zu melden, und gab vor, unsicher darüber gewesen zu sein, ob er mein Angebot, etwas von ihm zu lesen, tatsächlich für bare Münze nehmen solle oder ob es sich nicht nur um eine höfliche Floskel nach zu vielen Gläsern Wein gehandelt habe. Wie auch immer, beiliegend fände ich eine Kurzgeschichte mit dem Titel Der Spiegel, zu der er gern meine schonungslos ehrliche Meinung hören würde.

Selbstverständlich lag es mir fern, mein Wort zu brechen, doch zu meiner Enttäuschung erwies sich die Geschichte als nichts Besonderes. Die Hauptfigur, offensichtlich eine fiktionalisierte Version seiner selbst, kam schüchtern und voller Selbstzweifel daher, auf amüsante Weise unbeholfen in ihren Beziehungen zu Frauen und mit einem Talent für katastrophale sexuelle Erfahrungen. Zugleich spürte ich in dem Text eine gewisse Eitelkeit, denn egal wer dem Protagonisten begegnete, hielt diesen für überaus charmant. Aber so enttäuschend profan der Plot auch war, die Sprache überzeugte. Er hatte offensichtlich lange an seinen Sätzen gefeilt, was ich großzügig als Hinweis auf ein schlummerndes Talent deutete. Wäre nur die Geschichte an sich nicht so langweilig gewesen, befand ich, hätte man sie vielleicht sogar veröffentlichen können.

Um nicht übereifrig zu wirken, schließlich hatte er sich mit seinem Brief mehr als nur ein bisschen Zeit gelassen, wartete ich drei nicht enden wollende Tage und schickte ihm dann eine sorgfältige kritische Analyse seines Textes, in der ich mit Lob nicht geizte, ihn aber doch auf die eine oder andere Stelle hinwies, der er sich vielleicht noch einmal widmen sollte. Im Postskriptum erwähnte ich außerdem die Reise nach Kopenhagen und fragte ihn, ob er mich nicht dorthin begleiten wolle, schließlich sei ich ja nicht mehr der Jüngste, und derlei Reisen seien mitunter anstrengend. Du könntest dir einen Eindruck davon verschaffen, wie das Leben als Schriftsteller so ist, schrieb ich als Anreiz. Selbstverständlich komme ich für sämtliche Kosten auf und zahle dir außerdem ein kleines Stipendium, wofür du im Gegenzug nur ab und zu ein paar Aufgaben für mich erledigen müsstest.

Diesmal antwortete er fast umgehend mit einem freudigen „Ja“, und wir begannen, Pläne zu schmieden. Doch in der Woche vor der Abreise fühlte ich mich zunehmend beunruhigt von dem bevorstehenden Zusammentreffen; ich fragte mich, ob ein angenehmer Abend in Berlin sich in etwas Befangenes verwandeln würde, wenn wir versuchten, ihn in Dänemark auf mehrere Tage auszudehnen. Gott sei Dank erwies sich Maurice vom ersten Moment unseres Wiedersehens an als zugänglich und freundlich, und falls es ihm auffiel, dass ich ihn anstarrte, war er so höflich, es nicht anzusprechen. Jedes noch so kleine Detail an ihm faszinierte mich: sein am Hals aufgeknöpftes Hemd, das den Blick auf die nackte Haut unter dem Stoff und die Vertiefung in der Mitte der Brust freigab, wo sich die Muskeln teilten, eine Schlucht, die zu erkunden ich mich sehnte; sein Hosenbein, das beim Übereinanderschlagen der Beine ein Stück hochrutschte und einen berauschend schönen Knöchel freigab, denn Maurice trug grundsätzlich keine Socken, eine Marotte, die ich so lächerlich wie erotisch fand; seine Zunge, mit der er sich über die Lippen fuhr, wann immer es Essen gab; und sein unersättlicher Appetit, wie der eines Landarbeiters nach einem langen Erntetag. All das bemerkte ich, und mehr. Ich notierte meine Beobachtungen, las sie wieder und wieder, legte die Negative im Gedächtnis ab, um sie später zu entwickeln, und wenn er sprach, betrachtete ich ihn einfach und fühlte mich verjüngt durch die Anwesenheit dieses Jungen in meinem Leben, während ich versuchte, nicht daran zu denken, wie schmerzhaft es sein würde, wenn er unweigerlich wieder daraus verschwinden würde.

An unserem letzten Tag schlug ich einen Ausflug zum Schloss Frederiksborg vor, wobei ich vage vorgab, Pläne für einen historischen Roman zu haben, in dem es um den Großbrand im Jahr 1859 und die Rolle der Brauerei Carlsberg beim Wiederaufbau gehe. Er war einverstanden und buchte, in schönster Erfüllung seiner Pflichten als Assistent, zwei Fahrkarten für die erste Klasse und notierte sich einige Details zur Geschichte und Architektur des Ortes, an denen er mich auf der Hinfahrt teilhaben ließ. Nachdem wir einige angenehme Stunden damit verbracht hatten, die Schätze des Schlosses in Augenschein zu nehmen und durch die Gärten zu spazieren, entdeckten wir ganz in der Nähe ein kleines Restaurant, in dem wir uns an einen Ecktisch setzten und jeder ein großes Bier aus der Gegend zu dänischen Hackbällchen bestellte.

„Genau davon träume ich“, sagte Maurice und sah sich begeistert um, die blauen Augen wach und voller Leben. „Hauptberuflich Schriftsteller zu sein und dann in fremde Länder zu reisen, um dort mein Buch vorzustellen oder für den nächsten Roman zu recherchieren. Hast du nicht auch schon mal darüber nachgedacht, das Unterrichten aufzugeben und nur noch zu schreiben? Das könnte doch gut klappen, jetzt, nach dem Erfolg von Furcht.“

„Nein“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Cambridge schenkt mir seit mehr als vierzig Jahren eine Heimat und einen geregelten Tagesablauf, und ich weiß beides überaus zu schätzen. Ich könnte nie mit dem Schreiben aufhören, das ist ein essenzieller Teil von mir, aber ich freue mich wirklich nicht auf den Tag, an dem ich aufhören muss zu unterrichten.“

Er zog ein Büchlein aus seiner Umhängetasche, ein blassblaues Leuchtturm1917 mit nummerierten Seiten und Lesebändchen, und machte sich Notizen; das tat er seit unseren ersten Gesprächen in Kopenhagen, und es schmeichelte mir nicht eben wenig.

„Was?“, fragte ich und lächelte ihn an. „Habe ich etwas besonders Kluges gesagt?“

„Heimat und geregelter Tagesablauf“, sagte er und schrieb fieberhaft weiter, ohne aufzublicken. „Und dann noch was über Balance. Du scheinst ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeitsleben und Künstlerleben gefunden zu haben. Vielleicht brauche ich das auch. Kellnern stimuliert nicht gerade den Intellekt.“

„Aber es bringt immerhin die Miete ein“, erwiderte ich. „Wie dem auch sei, man kann nicht die ganze Zeit schreiben. Es gibt im Leben mehr als nur Worte und Geschichten.“

„Für mich nicht.“

„Nun ja, weil du noch jung bist und von diesem Leben träumst. Sobald du es hast, stellst du womöglich fest, dass es noch andere, genauso wichtige Dinge gibt. Kameradschaft zum Beispiel. Liebe.“

„Hast du immer schreiben wollen?“

„Ja“, antwortete ich. „Als Junge war ich irgendwie völlig versessen auf Schreibwaren. Da, wo wir gewohnt haben, gab es in der Nähe einen ganz wunderbaren Laden, und ich habe jeden Pfennig gespart, um mir dort schönes Papier und Tinte für meine Füllhalter zu kaufen. Mein Großvater war Historiker und hat mir von meinem fünften Geburtstag an jedes Jahr einen neuen Füller geschenkt. Das waren meine Schätze. Ich habe sie sogar alle noch, bis auf einen.“

„Den hast du verloren?“

„Nein. Den habe ich vor vielen Jahren einem Freund geschenkt. Die restlichen liegen in meinen Zimmern am College. Sie erinnern mich an meine Kindheit, an die Jahre vor dem Krieg. Das war wahrscheinlich die glücklichste Zeit meines Lebens.“

„Und wo war das?“, fragte er. „Wo bist du denn aufgewachsen?“

„Da, wo wir uns kennengelernt haben. In Berlin.“

„Bitte entschuldige“, sagte Maurice mit leicht gerunzelter Stirn, „aber bist du nicht Jude?“

„Das kommt auf die Definition an.“

„Aber du hast im Krieg gekämpft?“

„Nicht so richtig. Ich war Bürogehilfe in einer Kommandozentrale der Wehrmacht in Berlin. Daraus habe ich auch nie einen Hehl gemacht.“

„Ja, aber ich verstehe es immer noch nicht so ganz.“

Ich ließ den Blick aus dem Fenster zu den Touristen schweifen, die über den Møntportvejen und die Brücke zum Schloss zogen. „Meine Eltern waren Deutsche“, erklärte ich und wandte mich ihm wieder zu. „Aber der Vater meiner Mutter war Jude. Dem Blut nach bin ich sozusagen zu einem Viertel Jude, aber natürlich kann man das nicht als Bruch angeben. Damals hieß das ›Mischling‹. Ich habe das Wort 1935 zum ersten Mal gehört, als die Nürnberger Gesetze erlassen wurden. Darin stand, dass Menschen mit nur einem jüdischen Großelternteil Mischlinge zweiten Grades seien und damit Bürger des Reichs. Wer zu dieser Gruppe gehörte, blieb von der Verfolgung meist verschont.“

„Und Mischlinge ersten Grades?“, fragte er.

„Zwei Großeltern Juden. Weitaus gefährlicher.“

„Du hast doch sicher welche gekannt, oder?“

Ich spürte tief in der Brust einen stechenden Schmerz. „Einen“, sagte ich. „Oder besser: eine. Jedenfalls war sie die Einzige, von der ich es wusste.“

„Eine Freundin?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, eher nicht. Eine Bekannte.“

„Bitte nimm mir meine Frage nicht übel, aber hast du dich nicht auch geschämt, dass du für die Nazis gearbeitet hast, wenn du zu einem Viertel Jude warst?“

„Natürlich. Aber was hätte ich tun sollen? Mich weigern? Dann hätten sie mich erschossen. Oder ins Lager geschickt. Ich wollte genau wie du Schriftsteller werden, und dafür musste ich am Leben bleiben. Mein Bruder Georg hat auch für sie gearbeitet. Was hättest du denn an meiner Stelle getan, Maurice?“

„Du hast einen Bruder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Er ist jung gestorben. Als ich Deutschland nach dem Krieg verlassen habe, ist der Kontakt abgebrochen. Ein paar Jahre später habe ich dann aus einem ziemlich knappen Brief von seiner Frau erfahren, dass er bei einem Straßenbahnunfall ums Leben gekommen ist, und das war es dann. Es ist doch so, Maurice: Nenn mir irgendjemanden, der damals gelebt hat und sich nicht in irgendeiner Form für seine Taten schämt.“

„Und trotzdem hast du nie darüber geschrieben“, sagte er. „Oder in Interviews davon gesprochen.“

„Das stimmt“, gab ich zu. „Aber lass uns doch bitte wieder über andere Dinge reden. Ich verweile nicht gern in der Vergangenheit. Erzähl mir lieber etwas von dir. Von deiner Familie.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen“, sagte er mit einem Seufzen, und ich konnte sehen, dass er lieber weiter über mich gesprochen hätte. „Mein Vater ist Schweinebauer, und meine Mutter macht den Haushalt. Ich habe fünf Schwestern und einen älteren Bruder. Ich bin der Jüngste und das schwarze Schaf.“

„Wieso das?“

»Weil alle anderen dageblieben sind und in der Gegend geheiratet haben. Sie haben alle genau das getan, was von ihnen erwartet wurde. Jetzt sind sie Bauern, Bergleute, Lehrer. Keiner von ihnen ist je verreist, noch nicht mal aus Yorkshire sind sie rausgekommen. Aber mir hat das nie gereicht. Ich wollte die Welt sehen und interessante Menschen kennenlernen. Mein Vater hat gemeint, das sind Flausen, für unsereins und unseren Stand unerreichbar, aber ich glaube nicht an so was. Ich will …«

Er verstummte, blickte auf sein Bier und schüttelte den Kopf.

„Führ den Gedanken zu Ende“, sagte ich und beugte mich vor. Ich hätte gern seine Hand genommen, war aber zu feige. „Was willst du?“

„Ich will Erfolg haben“, gab er zurück, und vielleicht hätte ich schon in jenem Moment die feste Entschlossenheit in seiner Stimme hören und mich davor fürchten müssen. „Das ist alles, was für mich zählt. Ich würde alles dafür tun.“

„Selbstverständlich“, sagte ich und richtete mich wieder auf. „Ein junger Mann will immer die Welt erobern. In jedem steckt ein kleiner Alexander.“

„Manche Leute finden Ehrgeiz falsch. Mein Vater zum Beispiel. Wer von einem besseren Leben träumt, sagt er, wird zwangsläufig enttäuscht. Aber deine Arbeit hat dich doch glücklich gemacht, oder?“

„Das hat sie, ja“, antwortete ich. „Sehr sogar.“

»Und du hast nie …« Er brach kurz ab und sah aus, als wäre er sich nicht sicher, wie persönlich er werden durfte. „Du hast nie geheiratet?“

Ich trank einen Schluck Bier und entschied, dass es keinen Grund gab, ihm gegenüber unaufrichtig zu sein. Wenn wir Freunde werden sollten, war es wichtig, dass ich von Anfang an ehrlich zu ihm war.

„Dir ist natürlich bewusst, dass ich homosexuell bin.“ Ich sah ihm in die Augen, und er hielt meinen Blick, was für ihn sprach.

„Ich hatte es vermutet“, sagte er, „war mir aber nicht sicher. In deinen Büchern thematisierst du das ja nicht. Und öffentlich hast du dich auch nie dazu geäußert.“

„Ich rede ungern vor der Presse oder einem Saal voller Fremder über mein Privatleben. Und wie du weißt, schreibe ich nicht über Liebe. Das Thema habe ich in meinen Werken immer sorgfältig gemieden.“

„Ja, du hast immer bloß über Einsamkeit geschrieben.“

„Ganz genau. Aber glaub jetzt nicht, dass meine Bücher autobiografisch sind. Nur weil man homosexuell ist, ist man nicht automatisch einsam.“ Er schwieg, und ich spürte eine leise Befangenheit zwischen uns, die mich verunsicherte. „Ich hoffe, es ist dir nicht unangenehm, wenn ich so offen spreche.“

„Gar nicht“, sagte er. „Wir haben schließlich 1988. Ich mache da keine Unterschiede. Henry Rowe, mein bester Freund in Harrogate, war auch schwul. Ich habe sogar eine meiner ersten Geschichten über ihn geschrieben. Für mich sind das bloß Etiketten.“

„Ich verstehe“, sagte ich, verstand es aber eigentlich nicht. Wollte er damit sagen, dass die sexuelle Orientierung bei der Wahl seiner Freunde für ihn keine Rolle spielte oder dass er für Beziehungen mit Menschen beiderlei Geschlechts offen war? „Und hat sich dein Freund in dich verliebt? Wäre ja möglich. Du siehst sehr gut aus.“

Er errötete leicht, ignorierte aber meine Frage. „Hast du es mal versucht?“, fragte er mich. „Mit einer Frau, meine ich. Ach, ich sollte das nicht fragen. Es geht mich nichts an.“

„Schon in Ordnung“, sagte ich. „Und nein, ich habe es nie versucht. Es hätte auch garantiert nicht funktioniert. Und wie ist es bei dir mit Männern?“

Er zuckte mit den Schultern, und ich merkte, dass ich zu sehr drängte; ich musste mich zurückhalten, wenn ich ihn nicht verängstigen wollte. „Ehrlich gesagt habe ich nie groß darüber nachgedacht“, gab er zurück. „Ich will im Leben offen bleiben für alles. Aber ganz sicher weiß ich immerhin, dass ich irgendwann Vater werden will.“

„Tatsächlich?“, fragte ich überrascht. „Ein ungewöhnlicher Wunsch für jemanden in deinem Alter.“

„Irgendwie habe ich das schon immer gewollt. Ich wäre ein guter Vater, glaube ich. Aber wo wir schon bei meinen Geschichten sind“, wechselte er das Thema und klang ein bisschen so, als wäre es ihm unangenehm, die Sache anzusprechen, aber natürlich mussten wir irgendwann über seine Texte reden. Seit unserer Ankunft in Kopenhagen hatte ich noch zwei oder drei weitere von ihm gelesen, die aber leider den gleichen Eindruck bei mir hinterlassen hatten wie Der Spiegel: gut geschrieben, gewiss, aber öde. »Es sind Anfängertexte, ich weiß, aber …«

„Nein“, unterbrach ich ihn, „›Anfänger‹ ist nicht das richtige Wort. Aber sie stammen ganz eindeutig von jemandem, der seine Stimme erst noch finden muss. Du solltest mal die Geschichten lesen, die ich in deinem Alter geschrieben habe, dann würdest du dich fragen, wie ich je auch nur im Traum daran denken konnte, Schriftsteller werden zu wollen.“ Ich machte eine Pause, ermahnte mich zur Ehrlichkeit. Schon jetzt lastete eine gewisse Falschheit auf unserem Verhältnis, aber bei diesem Thema, dem Schreiben, gebot mir die Ehre, ihm die Wahrheit zu sagen. „Tatsache ist, Maurice: Du hast Talent.“

„Danke.“

„Man merkt, dass du über jedes Wort nachdenkst, ehe du es zu Papier bringst, und deine Sprache beeindruckt mich. Das Problem sind eher die Geschichten an sich. Der Stoff.“

„Du meinst, sie sind langweilig?“

„Das wäre zu hart ausgedrückt“, antwortete ich. „Aber beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, die Geschichte schon zu kennen. Ich habe die Bücher in deinem Regal förmlich vor mir gesehen. Als hätten sich die Geister der Autoren, die du verehrst, in die Ritzen zwischen den Szenen geschlichen. Es erfordert eine Menge Können, so gut zu schreiben wie du, aber letzten Endes kann eine Geschichte einfach nicht funktionieren, wenn sie den Leser nicht packt, wenn er nicht spürt, dass sie ganz und gar von dir stammt.“

Er senkte den Blick und nickte. Ich konnte sehen, dass ich ihn getroffen hatte, aber es war die Wahrheit, und er musste sie hören; wenigstens das schuldete ich ihm.

„Du hast recht“, sagte er schließlich. „Plots sind nicht gerade meine Stärke, da liegt das Problem. Ich habe das Gefühl, alle Geschichten des Universums sind schon mal erzählt worden.“

„Aber nein“, widersprach ich ihm. „Für jemanden mit Vorstellungskraft gibt es unendlich viele Geschichten.“

„Manchmal glaube ich, dass ich als Musiker besser wäre. So einer, der die Texte schreibt und die Melodie jemand anderem überlässt. Vielleicht bin ich einfach unmusikalisch.“

„Du bist zu jung, um wegen einer Schwäche gleich alles hinzuwerfen“, erwiderte ich. „Je mehr du liest, je mehr du schreibst, desto mehr Ideen werden dir kommen. Irgendwann werden sie wie Konfetti um dich herum niederrieseln, und du musst nur noch entscheiden, welche Schnipsel du auffängst und welche du zu Boden fallen lässt.“

„Und bei dir?“, fragte er und sah wieder auf. „Wie funktioniert das denn bei dir? Deine Geschichten sind immer total originell.“

„Ich bin mir nicht sicher“, musste ich gestehen. „Ich glaube, ich erfinde sie einfach beim Schreiben.“

„Im Ernst?“, fragte er lachend. „So einfach soll das sein?“

„Ja. Sieh doch mal, wir sind jetzt hier in Kopenhagen. Die Geschichten sind überall. Denk an dieses Schloss. Denk an die Besucher. Denk an uns, zwei Menschen, die sich kaum kennen und hier sitzen und sich unterhalten. Du schreibst phänomenal und wirst mit der Zeit nur noch besser werden. Du musst dich also auf das Wesentliche konzentrieren, die Geschichten selbst. Sobald du eine entdeckst oder hörst, mach sie zu deiner, und schon liegt dir die Welt zu Füßen. Einen besseren Rat kann ich dir nicht geben. Selbst in dem Hotel in Berlin, wo du arbeitest. All die Leute, die da kommen und gehen. Wer sind sie? Woher kommen sie? Wohin wollen sie? Welche Geheimnisse verbergen sie?“

„Die meisten sind einfach nur reiche Leute, die Urlaub machen.“

„Nein“, beharrte ich. „Jeder hat seine Geheimnisse. Jeder hat eine Leiche im Keller. Schau dich demnächst mal im Foyer um und frag dich: Was würden diese Leute auf jeden Fall vor mir verheimlichen wollen? Genau da findest du deine Geschichte. Ein Hotel ist ein spannender Ort. Hunderte von Menschen in einem einzigen Gebäude, und jeder ist panisch auf seine Privatsphäre bedacht.“

„Stimmt schon, es gibt schlimmere Jobs für einen angehenden Schriftsteller. Aber ich bin ständig müde, außerdem schreibe ich zu wenig. Ich will endlich weg von den Kurzgeschichten und einen Roman schreiben, nur finde ich irgendwie kein Thema.“

„Liebe“, sagte ich. „Das Thema ist immer die Liebe.“

„Aber nicht bei dir.“

„Und was bitte ist Einsamkeit“, wandte ich ein, „wenn nicht ein Mangel an Liebe?“ Dann schwieg ich kurz und dachte darüber nach, ob es noch zu früh war, auf etwas zu sprechen zu kommen, das mir seit der ersten Nacht in Kopenhagen nicht mehr aus dem Kopf ging. Mal schien es mir eine herrliche Idee, mal war ich überzeugt, dass ich mich mit der Frage nur selbst demütigen würde. „Aber noch etwas anderes: Ich habe dir doch erzählt, dass bei mir in den nächsten Monaten ziemlich viele Reisen anstehen.“

„Ja.“

„Die Sache ist die: Dieses ständige Unterwegssein strengt mich ungemein an, und ehrlich gesagt ist mir auch die Vorstellung zuwider, jeden Abend mit fremden Menschen zu essen. Mitunter tue ich mich auch mit den Hotelbuchungen und Zugfahrplänen schwer. Außerdem muss zwischendurch auch mal Wäsche gewaschen werden, ich muss Belege sammeln und so weiter. Mit anderen Worten: Ich könnte in der kommenden Zeit eigentlich gut eine Art Begleiter gebrauchen. Einen Assistenten, wenn du so willst. Jemanden, der das Gleiche tut wie du in den letzten Tagen.“

„Ach ja?“, sagte er und klang ganz aufgeregt, weil er sicherlich schon ahnte, worauf ich hinauswollte.

„Könntest du dir das vorstellen?“, fragte ich.

„Nichts lieber als das!“

„Selbstverständlich könntest du zwischen den Reisen zurück nach Berlin fahren, oder aber wir einigen uns gleich darauf, dass du, sagen wir, sechs Monate lang für mich arbeitest. Dann könnte ich dir ein Stipendium zahlen, mit dem du dir für diese Zeit über Geld keine Gedanken machen müsstest. Du könntest im Savoy aufhören, oder, wenn du das willst, dort bleiben und dir vielleicht eine schönere Unterkunft suchen. Das musst du selbst entscheiden.“

Ich nannte ihm einen Betrag; er war mehr als großzügig und höher, als ich mir eigentlich leisten konnte, aber ich wollte unbedingt, dass er Ja sagte. Als wir die Abmachung mit einem Handschlag besiegelten, fühlte ich mich so glücklich wie seit Jahren nicht mehr. Es war, als hätte ich zum zweiten Mal den Prize gewonnen.

„Danke“, sagte er hocherfreut. „Das ist sehr liebenswürdig von dir.“

„Es ist mir ein Vergnügen“, sagte ich, und das waren die ehrlichsten Worte, die mir über die Lippen kamen, seit wir das Flugzeug verlassen

SommergästeSommergästeSommergäste

Roman

Drei Liebende und der Mut, zu sich selbst zu findenEs ist der Sommer des Jahres 1925. Die Schriftstellerin Charlotte Overbeck und ihre Freundin Ellen reisen nach Rockcliff Isle, eine malerische Insel vor der kanadischen Atlantikküste. Charlotte will an ihrem neuen Roman arbeiten, Ellen ihr gemeinsames Sommerhaus einrichten. Bei der Ankunft mit dem Postschiff treffen sie im Hafen auf Crawford Maker, einen Einheimischen in Fischerkleidung, der einen toten Vogel mit mächtigen Schwingen unter dem Arm trägt. Ellen besucht ihn in seiner Werkstatt, wo er den Vogel präpariert. Sie fühlt sich erinnert an ihre kurze Karriere als Künstlerin, die sie für Charlotte aufgegeben hat, um ihre Begleiterin zu werden. Crawford erkennt ihr Talent und lädt sie ein, mit ihm auf eine Expedition in den Kongo zu gehen…

Rockcliff Isle, Mitte Juni 1925

Es war schon acht Uhr, als Crawford Maker den Hafen erreichte. Der Nebel war an diesem Morgen so dicht, dass es keinen Zweck gehabt hätte, früher aufs Wasser zu gehen, und auch jetzt war die Pier fast menschenleer. Die meisten Fischer hatten das Wetter ebenso im Blut wie Crawford, und alle ahnten, dass die Sicht heute kaum mehr besser werden würde. Ihre Boote lagen an den üblichen Plätzen, nur einige rostige Gaskanister standen auf der Pier für die nächste Ausfahrt bereit. Die Hummersaison ging dem Ende entgegen, und es würde den Treibstoff nicht lohnen, an diesem Tag auszufahren.

Crawford fuhr sich mit der Hand an die Innentasche seiner dicken Baumwolljacke – ja, der Kompass seines Großvaters und die alte Taschenuhr waren an ihrer Stelle. Er würde sie nicht brauchen. Auch er hatte nicht die Absicht, weit hinauszufahren, außerdem hätte er sich im Archipel ohnehin mit geschlossenen Augen zurechtgefunden. Aber er ging nie an Bord, ohne sich zu vergewissern, dass er beides bei sich hatte.

Das Fischerboot seiner Familie, größer als die meisten anderen und mit einer geschlossenen Kajüte, lag etwas abseits, an dem Steg der Fischfabrik. Der große Schuppen war frisch gestrichen, und von dem dunkelroten Hintergrund hob sich sogar im Nebel das leuchtende Weiß der Buchstaben ab: „Maker & Söhne, Fischverarbeitung und Export“. Er kletterte an der Strickleiter auf die „Miriam Elizabeth“ hinunter, um sich auf ihrer Backbordseite über die Reling in sein kleines Ruderboot zu schwingen. Er würde nicht weit fahren; nur um die felsige Halbinsel herum, die sich nördlich des Hafens ins Meer schob. Auf der anderen Seite von Patterson’s Cove, unterhalb des Schwalbennest-Leuchtturms, hatte er einige Hummerkisten, die er ausnehmen wollte. Doch selbst wenn sie leer waren, machte ihm das kaum etwas aus. Wenn er ehrlich war, fuhr er nur der Vögel wegen hinaus, wie fast jeden Tag. Jetzt, im Juni, hatte er fast immer Herzklopfen auf dem Meer, so gespannt war er. Es war Brutzeit, und die Insel war voller Vögel. In den hohen Kliffs und auf den Granitklippen, die sich jenseits von Patterson’s Cove erhoben, brüteten alle erdenklichen Möwenarten, Seeschwalben, Sturmtaucher, Gryllteisten und Ohrenscharben. Er würde sie selbst im Nebel erkennen können, es genügte ihm schon, ihre Rufe und ihren Flügelschlag zu hören. Er dachte an das Pärchen von Wanderfalken, das er vor ein paar Tagen über den hohen Schwalbennest-Klippen gesehen hatte. Und die Kolonie von Krähen, die sich in der Nähe des Leuchtturm niedergelassen hatte. Unwillkürlich runzelte er die Stirn. Krähen waren die einzigen Vögel, die er nicht mochte. Schon gar nicht zur Nistzeit.

Er faltete die Persenning und schob sie in das kleine Hellegatt im Bug, löste den Knoten der Vertäuung und stieß das hölzerne Boot von der „Miriam Elizabeth“ ab. Er zog die Ruder unter der Bank hervor und begann, mit kräftigen Zügen auf die Hafenmündung zuzurudern. Die Flut hatte gewendet, und das Wasser begann, in den Schlick der Bucht zurückzuströmen. Die Anstrengung machte ihm Freude, und er wusste, dass die Rückkehr einige Stunden später ein Kinderspiel sein würde.

Es war fast völlig windstill, als er den Bug des Ruderbootes nach Norden wandte. Angler’s End, die felsige Halbinsel, die backbords vor ihm aufragte, war kaum zu erkennen, die dunklen Fichten, die sich auf ihr festklammerten, nur Schemen. Von der Westküste drang die Nebelpfeife über Rockcliff Isle hinweg, sogar ihr schriller Ton vom Nebel gedämpft.

Eine halbe Stunde später legte er die Ruder an. Er wusste, dass er Patterson’s Cove passiert hatte, und hier, unterhalb des Schwalbennest-Leuchtturms, waren einige seiner Hummerfallen ausgelegt. Die hölzernen Markierungsbojen waren mit roten und weißen Streifen bemalt, den Farben der Makers, aber wahrscheinlich würde er in dieser Suppe über sie hinwegfahren, bevor er sie sah.

Crawford stutzte. Neben dem Boot, steuerbords, auf der dem offenen Wasser zugewandten Seite, hörte er Flügel schlagen. Ein paar Flügelschläge nur, oder nein – nicht einmal Schläge, eher ein leises Rauschen. Ein großer Vogel. Crawford richtete sich auf der Ruderbank auf, aber es war nichts zu sehen. Eine Kanadagans? Doch ihr Flügelschlag war rascher und flattriger. Ein Seeadler? Würde er so niedrig fliegen, ohne dass irgendeine Beute auf dem Wasser in Sicht war?

Da. Da war es wieder. Das Segeln weiter, kraftvoller Schwingen; kaum hörbar, und doch durchschnitt es den Nebel. Plötzlich eine Bewegung, die im Grau sichtbar wurde, erst nur eine Silhouette, dann ein Körper, schneeweißes Hals- und Brustgefieder, die Unterseite der Flügel von einem dunklen Graubraun umrahmt, ebenso der kurze, kräftige Schwanz. Fast wäre Crawford aufgesprungen. Er spürte sein Herz klopfen, ungewohnt schnell und heftig. Er kannte seine Vögel, jeden einzelnen in der Bay of Fundy. Aber diesen, diesen kannte er nicht. Er war größer als eine Heringsmöwe, kleiner als eine Gans, und seine Flügelspanne war weiter, als er es bei einem Vogel dieser Größe je gesehen hatte. Das Blut pochte ihm jetzt im Hals, in den Ohren. Es konnte nicht sein.

Crawford zog die Ruder völlig ein. Ohne den Blick zu senken, beugte er sich über die Ruderbank; seine Hände bewegten sich suchend darunter, fanden das Ölpapier, legten es auseinander. Er zog die Vogelflinte hervor, vorsichtig, leise. Wenn er ihn nur nicht vertrieben hatte. Aber nein, da war das Rauschen wieder. Es war ein so stiller Laut, vielleicht nur das Ächzen des Nebels, wenn er von dem Vogel zerteilt wurde. Hatte er sich doch getäuscht?

Crawford richtete sich wieder auf, den Blick angestrengt in das Grau gerichtet. Langsam, damit des Klicken möglichst gedämpft war, entsicherte er das Gewehr. Er brauchte nicht hinzusehen, seine Hände wussten, was sie taten.

Jetzt tauchte der Vogel vor ihm auf. Er flog sehr niedrig, es sah aus, als glitte er über die Wasseroberfläche. Crawford blickte auf ihn hinunter: Graubraun die Flügel und auch der Schwanz, aber das Rückengefieder dazwischen und auch das Kopfgefieder waren weiß. Der Vogel hatte kohlschwarze Knopfaugen und auch der lange, vorn gerundete Schnabel war schwarz. Nur dass – hatte er es tatsächlich gesehen oder nur sehen wollen? – dass die Spitze des Schnabels einen roten Knopf trug. Und dass sich von dort zu den Augen ein gelber Streifen zog. Crawford kniff die Augen zusammen, doch in diesem Moment glitt der Vogel in die Nebelbank zurück.

Das Meer lag so reglos, dass er es wagen konnte, in seinem kleinen Boot aufzustehen. Die Beine mehr als hüftweit auseinander gestellt, in den Knien wippend, hielt er die Balance. Er hob die Winchester an die Schulter, richtete den Lauf in die ungefähre Richtung, in die der Vogel verschwunden war, und wartete.

Wieder erschien das elegant segelnde Tier aus dem Nebel über dem Boot. Es schien keine Eile zu haben, stieg in die tief hängenden Wolken und senkte sich dann zurück bis fast auf die Wasseroberfläche. Der Vogel fraß; die Flut, die vor einer Stunde umgeschlagen war, musste genug Krill und kleine Tintenfische an die Oberfläche gespült haben. Crawford konnte den leuchtenden Streifen auf dem Schnabel jetzt gut erkennen. Landen würde der Albatros nicht, dachte er. Bei der Windstille würde es ihm schwerfallen, von der Wasseroberfläche wieder abzuheben.

Crawford hob das Gewehr. Er folgte dem Vogel mit dem Auge, das er durch das Visier gerichtet hatte, das andere zugekniffen. Ein bisschen Gischt bildete sich dort, wo der Schnabel des Vogels das Wasser durchtrennte. Einen Moment später erhob er sich, schwer mit den Flügeln flappend, sein langsamster Moment. Ein einziger Schuss ertönte, ein fast albern kleines Paffen inmitten der Nebelschwaden. Der Albatros ließ die Flügel sinken und fiel auf die Wasseroberfläche.

Mit ein paar Dutzend kräftiger Ruderstöße hatte Crawford ihn erreicht. Er kniete im Boot nieder, darauf bedacht, den größten Teil seines eigenen Gewichts innenbords zu halten. Der Albatros war trotz der enormen Flügel leichter, als er erwartet hatte, er schätze ihn auf weniger als fünf Pfund. Dort, wo die Kugel eingedrungen war, sickerte aus seiner Brust ein feiner Streifen Blut auf das weiße Gefieder. Vorsichtig zog Crawford ihn ins Boot, darauf bedacht, das Federkleid nicht zu beschädigen, die Flügel nicht zu verletzen.

Während er in seiner Werkzeugkiste nach einem Baumwollfetzen kramte, um die Wunde zu verschließen, hörte er ein helles Tuten durch den Nebel. Das Postschiff! Es würde bald den Schwalbennest-Leuchtturm umrunden. Er musste sich beeilen und nah an den hohen Felsen des Angler’s Point zurückrudern, damit er nicht Gefahr lief, mit dem Schiff zu kollidieren.

 

Während Crawford sein Ruderboot wieder an der Reling der „Miriam Elizabeth“ vertäute, tuckerte das Postschiff langsam um die Mole herum und manövrierte auf die Pier zu, die eigens im tiefsten Teil des Hafens errichtet worden war, damit es auch bei niedrigerem Wasser anlegen konnte. Er hatte einen Bindfaden um den Albatros geschlungen, um die Flügel am Körper zu halten. Wenn er nur eine Plane dabeihätte oder zumindest Zeitungspapier, um ihn einzuwickeln, aber er hatte nicht damit gerechnet, an diesem Morgen einem so großen Vogel zu begegnen. Vorsichtig legte er ihn auf dem Deck der „Miriam Elizabeth“ ab und hielt inne, bevor er selbst über die Reling kletterte. Was für ein herrlicher Vogel dieser Albatros war. Ein starker, entschlossener König der Meere, der sich in die neblige Bay of Fundy verirrt hatte. Er konnte noch immer nicht glauben, dass er ihn hatte fliegen sehen. Er fühlte Stolz auf den Vogel, seinen Vogel: Es schien ihm, als habe der Albatros diesen langen Weg, Tausende von Meilen in die falsche Richtung, nur auf sich genommen, um ihm, Crawford Maker, zu begegnen, ihm zu zeigen, wozu ein Albatros fähig war. Und um seinen Traum zu verwirklichen, nur einmal im Leben einen

Albatros mit eigenen Augen zu sehen. Crawford vergaß fast, dass er selbst es gewesen war, der des Vogels lange Reise zu einem jähen Ende gebracht hatte. Er fuhr ihm sanft mit der Hand über das Kopfgefieder. Gut gemacht, Meereskönig, dachte er, auch wenn du vom Weg abgekommen bist. Mit der rechten Hand fasste er die Füße des Albatros, hob ihn auf und sprang auf den Steg.

Als Crawford die Pier des Postschiffes erreichte, herrschte dort geschäftiges Treiben. Er blieb unwillkürlich stehen, den vom Meer und Nebel feuchten Albatros an den Füßen haltend; die Ankunft des Postschiffes war immer ein Ereignis. Mehrere Kaufleute warteten mit Karren oder Pferdewagen auf ihre Waren. Er sah Ralph Dillon vom Kaufmannsladen und auch den dicken Cossaboom, der aus der Bäckerei in Deephaven heraufgekommen war. Sherman Larsen, der letztes Jahr von seinem Vater das Amt des Postvorstehers übernommen hatte, wartete auf seine leinenen Postsäcke, und da waren auch Ron Beale und sein Sohn, Ronnie junior, mit Lucy, ihrem schweren Kaltblut, und dem Wagen. Offenbar wollten sie jemanden abholen, dabei war es noch früh in der Saison für die Sommerfrischler. Aber der Schiffsjunge wankte mehrmals mit schweren Koffern und Truhen von Bord, und hinter ihm erschienen auf der Gangway zwei auffällig städtisch gekleidete Frauen. Die eine erteilte dem Jungen Anweisungen, während die andere, die einen unförmigen Kasten in der linken Hand trug, mit der behandschuhten Rechten die Augen beschirmte und sich suchend umsah. Sie war nicht mehr jung, etwa in seinem eigenen Alter, schätzte er, um die vierzig, stämmig gebaut, in einem praktischen, warmen Tweedkostüm mit weißer Bluse und festen Schuhen. Sie hatte einen großen roten Schal dramatisch um ihre Schultern geschlungen und trug einen leinenen Sommerhut, den sie tief in die Stirn gezogen hatte.

In den kleinen Beale kam Leben. „Miss Overbeck!“, rief er und hüpfte winkend auf und ab. „Hier sind wir!“

„Wie wär’s, wenn du zu ihnen rüberläufst und ihnen was abnimmst, Ronnie, anstatt hier herumzuhopsen?“, knurrte sein Vater.

Das Kind rannte los, und Beale senior folgte ihm in Richtung des Kofferbergs.

Beide Frauen hatten die Beales inzwischen bemerkt und winkten zurück. Die zweite, die mit der Organisation des Gepäcks beauftragt schien, war jünger, schlank, ebenfalls in einem warmen Wollkostüm. Unter ihrem frischgeschnittenen dunklen Pagenkopf sah ein von Wind und kaltem Nebel leicht gerötetes Gesicht hervor. Sie wirkte lebhaft und zugleich anmutig, wie sie mit entschiedenen Gesten den Schiffsjungen anwies. Es umgab sie eine sich selbst nicht bewusste Schönheit, eine Frische, die Crawford von den Frauen auf Rockcliff Isle nicht kannte.

Die Beales und der Schiffsjunge hantierten mit dem Gepäck. Rasch trat er auf die Gruppe zu.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

Im selben Moment wurde ihm bewusst, dass er nicht gut würde helfen können, ohne den Albatros abzulegen. Und das wollte er nicht, damit das Gefieder auf der schmutzigen Pier keine Flecken bekam. Womöglich Öl- oder Teerflecken, das waren die schlimmsten.

Die ältere der beiden Frauen musterte ihn eindringlich. Jetzt, aus der Nähe, schien ihr Gesicht flächig, ein wenig bauernhaft, nicht recht in Einklang zu bringen mit dem gutgeschnittenen Kostüm. Ihr aufgestecktes, dunkelblondes Haar verschwand fast völlig unter dem Hut, und über ihre weitstehenden, blassblauen Augen wölbten sich buschige, dunkle Augenbrauen, wie die eines Mannes. In der Hand trug sie einen großen Kasten.

„Was ist – ist der Vogel krank?“, fragte sie und deutete mit einem Nicken des Kinns auf den Albatros. „Er bewegt sich gar nicht.“

„Er ist tot“, sagte Crawford. „Ich habe ihn geschossen.“

Blick ins Buch
Ein ganz besonderes JahrEin ganz besonderes Jahr

Roman

Eigentlich wollte Valerie die etwas altmodische Buchhandlung ihrer spurlos verschwundenen Tante auflösen. Doch die junge Betriebswirtin hat die Macht der Bücher und die Magie der kleinen Buchhandlung mit dem Samowar unterschätzt. Jeden Tag entdeckt sie neue Schätze der Literatur und taucht immer tiefer in die zauberhafte Welt der Bücher ein. Als sie auf ein merkwürdiges Buch stößt, das nicht zu Ende geschrieben wurde, hält sie es für einen Fehldruck. Doch dann betritt ein Kunde ihre Buchhandlung, der genau dieses Buch schon lange sucht …

EINS


Hätte jemand durch das Fenster geblickt, er hätte kaum mehr gesehen als den gebeugten Rücken einer mit großer Sorgfalt gekleideten älteren Dame, deren schneeweißer, etwas wirrer Dutt über der Kasse schwebte, von einer müden Deckenlampe in ein gnädiges Licht gehüllt. Womöglich hätte er sie dabei beobachtet, wie sie einen energischen Strich unter eine Liste zog, die sie in eine altertümliche Kladde geschrieben hatte, worauf sie besagte Kladde kaum weniger energisch zu- und ihre daneben stehende Handtasche aufklappte, aus der sie eine Geldbörse zog, welcher sie wiederum einen Geldschein eher niedrigen Zahlbetrags entnahm, den sie in die Kasse legte. Er hätte gesehen, wie ihre schmale, von Alters­flecken übersäte, im Übrigen aber aristokratisch-blasse Hand daraufhin die Kasse schloss und sie noch einmal – wie man einem alten Freund tröstend auf die Schulter klopft – berührte, um schließlich aufzustehen, an den ­deckenhohen Regalen entlangzugehen, sie zu mustern, ihnen etwas zuzuflüstern, und dann das Licht zu löschen und durch die Hintertür den kleinen Laden zu verlassen. Auf diese Weise also wäre unser Beobachter Zeuge jenes Ereignisses geworden, das sich in zwei Worten zusammenfassen lässt: Charlottes Verschwinden.
Nun bedarf es keiner besonderen Hellsichtigkeit, um zu erkennen, dass es einen solchen Beobachter nicht gab. An jenem – wie wir später noch feststellen werden: bedeutenden –
Winterabend fand sich kein Passant ein, der einen Blick durch das Fenster, oder sagen wir: in das Schaufenster warf. Mit anderen Worten,
es war ein ganz gewöhnlicher Abend, ein keineswegs unüblicher, sondern vielmehr ein typischer Abend. Gewiss war dies nicht einem Mangel an Menschen geschuldet, die sich in die Gegend verirrt hätten. Im Gegenteil, der kleine Laden der alten Dame war, wenngleich etwas zurückgesetzt, in guter Lauflage, wie es so schön heißt. Ein Backshop hätte vermutlich gute Geschäfte gemacht, ein Getränkemarkt nicht minder – von einem Fitnessstudio ganz zu schweigen. Die alte Dame, die unser nicht vorhandener Beobachter eingangs gesehen hätte, hatte es in der Hinsicht schwerer. Viel schwerer. Denn die Laufkundschaft ist ja, wie man weiß, eine seltsame Spezies, eigenwillig, störrisch, unberechenbar, vor allem aber: nie da, wenn man sie braucht. Wobei der Korrektheit halber erwähnt werden muss, dass es gerade im Geschäftszweig der alten Dame keineswegs nur auf die Lauf-, sondern in weit höherem Maße auf die Stammkundschaft ankommt. Denn in jener Art von Geschäft wird längst nicht Dutzendware zum schnellen Verbrauch angeboten oder rasch verblühende zweifelhafte Schönheit, sondern wesentlich Substanzielleres, ja Bedeutendes. Hier geht es in mehr als einem Sinne um Sein oder Nichtsein. Weshalb Charlottes
Verschwinden auch mit Fug und Recht als ein kulturelles Ereignis betrachtet werden kann –
wenn auch kein erfreuliches. Doch dazu später.
Es sollte einige Zeit dauern, bis die Tür des kleinen Ladens sich wieder öffnete. Wenn auch unter ganz anderen Umständen.


Zwei


Die Farbe war schon etwas abgeblättert, die Türverglasung hatte in einer Ecke einen Sprung. Valerie schüttelte den Kopf. Als sie das altertümliche Schloss endlich aufbekommen hatte – es war schon etwas verrostet und die Tür klemmte obendrein –, schlug ihr die abgestandene Luft von Wochen entgegen. Sie ließ die Tür offen stehen und ging als Erstes ganz nach hinten ins Büro, um auch dort ein Fenster zu öffnen. Zum Glück war es ein warmer Frühlingstag.
Valerie ließ ihre Tasche zu Boden gleiten und versuchte, nicht gleich zu verzweifeln. Wo um alles in der Welt sollte sie anfangen? Dieser Laden war wie ein Kleid, das die alte Frau um ihr Leben geschneidert hatte. Ihr mochte es gepasst haben. Für Valeries junges Leben war es unbequem, unförmig und ganz und gar unpraktisch. Zögernd nahm sie auf dem verschlissenen Sessel Platz, den Tante ­Charlot­te des besseren Lichtes wegen in der Nähe des Fensters aufgestellt hatte. „Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?“, seufzte sie.
Auf einem Beistelltischchen lag ein Stapel Visitenkarten mit dem Schriftzug des Geschäfts in fein geschwungenen Buchstaben. Valerie nahm eine davon zur Hand. Ein eigentümlicher Zauber ging von ihr aus. Die Oberfläche fühlte sich an wie mit Samt überzogen, die Lettern waren in tiefdunklem Rot hineingestanzt. Valerie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Ringelnatz & Co.“, sagte sie leise, halb amüsiert, halb peinlich berührt. Offenbar hatte Tante Charlotte der von ihr so bewunderten Pariser Buchhandlung Shakes­peare & Co. nacheifern wollen. Warum sie ihren Laden dann nicht wenigstens gleich Goethe & Co. genannt hatte, war Valerie ein Rätsel. Aber vielleicht musste sie das auch nicht verstehen. Vielleicht hatte es ganz einfach damit zu tun, dass Tante Charlotte aus einer anderen Zeit stammte.
Nun also dieser Buchladen. Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Jahre. Einige. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie die Tante nicht mehr oft gesehen, Papa und sie hatten sich nie wirklich verstanden. Als Ökonomieprofessor kam er in Gesprächen immer schnell auf wirtschaftliche Themen. Bei Tante Charlotte hatte ihn das regelmäßig auf die Palme gebracht. „Du bist einfach keine Geschäftsfrau, Charlotte, sieh es doch endlich ein!“, hatte er im Laufe buchstäblich jedes Gesprächs mit ihr ausgerufen und sich kopfschüttelnd abgewandt. Die beiden hatten kein gemeinsames Thema gefunden.
Und nun sollte ausgerechnet Valerie den alten Buchladen liquidieren, in dem sie in ihrer Kindheit so oft und gerne gewesen war und den sie später in seiner Überholtheit so befremdlich gefunden hatte. Der Zufall hatte es gewollt, dass sie die nächste Verwandte der alten Dame war und mit ihrem frisch errungenen Bachelor in Betriebswirtschaft auch über das nötige Know-how verfügte. Nur dass sie eigentlich andere Ziele gehabt hatte für die Zeit nach dem Abschluss. Sie wollte vier ­Semester anhängen und den Master machen, nebenbei Teilzeit Berufserfahrung sammeln und ihre Karriere als Consultant für Skandinavien und die aufstrebenden Volkswirtschaften des Baltikums vorbereiten. Während sie hier in Tante Charlottes altem Buchladen
saß, waren da draußen zwei Dutzend Bewerbungen an Top-Firmen unterwegs: Unterneh­mens­beratungen, Wirt­schafts­­prüfungsge­sell­schaf­ten, Marketing­agen­turen und Think Tanks. Das war es, wo sie hinwollte: ins Herz der Gescheh­nisse, dorthin, wo das Business pulsier­te, wo die Geistesblitze knisterten und die Zu­kunft erfunden wurde. Stattdessen war sie hier zwischen Altpapier gestrandet und konnte sich einigermaßen vorstellen, was sie in den Geschäftsbüchern ihrer Tante erwartete. Das hieß: Sie konnte es sich nicht vorstellen – aber das wurde ihr erst bewusst, als sie schon mittendrin war in dieser Geschichte. Oder sogar noch später.

Die ganze Sache war noch viel komplizierter dadurch, dass Tante Charlotte zwar verschwunden, nicht aber als tot registriert war. Man hatte sie schlicht nirgends gefunden. So wenig es einen Hinweis darauf gab, dass sie freiwillig irgendwohin gegangen wäre, gab es einen darauf, dass sie gar unfreiwillig irgendwo angekommen wäre – und sei es im Jenseits. Aber natürlich machte sich niemand Illusionen, am wenigsten Valerie. Sie hatte Tante Charlotte immer gerne gemocht und es bedrückte sie, dass die alte Dame – sie wäre inzwischen immerhin schon fast achtzig Jahre – auf so mysteriöse Weise aus dem Leben geschieden war. Niemand hatte sie mehr gesehen. Sie hatte sich ganz einfach aus ihrem so schrulligen wie aufgeräumten Dasein verabschiedet. Und die Notiz, die man auf ihrem Küchentisch gefunden hatte, hatte nicht einmal als offizielles Testament getaugt, weil eine Unterschrift fehlte und es genau genommen nicht um den Besitz der Hinterlassenschaften ging, sondern nur um den Verbleib: „Meine Nichte Valerie soll sich um alles kümmern.“ Nichts weiter.
Der Laden hatte sich vermutlich seit der Zeit seiner Gründung, und das war immerhin Ende der 1950er Jahre gewesen, nicht verändert. Sicher, es standen andere Lektüren in den Regalen, und der Samowar, das wusste Valerie zufällig genau, war erst in den neunziger Jahren dazugekommen, nach einer Reise ihrer Tante ins vom Kommunismus befreite Russland, das Land von Dostojewski, Tolstoi und Puschkin, Charlottes Sehnsuchtsort – bis zu jener Reise, die einiges an Ernüchterung mit sich gebracht hatte (Mama hatte damals zu ihr gesagt: „Da siehst du, dass die Wirklichkeit gegen die Literatur nicht bestehen kann.“). Ansonsten aber: alte, deckenhohe Holzregale, die längst eine neue Politur vertragen hätten, ein abgetretener Parkettboden, drei Lampen mit altertümlichen grünen Schirmen auf wackeligen Beistelltischchen, ein schwerer, geraffter, an den Rändern goldbestickter Samtvorhang, der das Schaufenster vom Rest des Raumes trennte und der vermutlich einst ein Bühnenvorhang gewesen war, womöglich aus der Zeit vor dem Krieg.
Die Nachkriegszeit, in der Tante Charlotte ihre Buchhandlung eröffnet hatte, war sicher keine schlechte Zeit, um mit Gedrucktem Geld zu verdienen, schließlich waren die Menschen geistig ausgehungert und sehnten sich nach guten Geschichten und klugen Gedanken. Im Prinzip die richtige Geschäftsidee, dachte Valerie, für damals. Nur dass die alte Dame nicht mit der Zeit gegangen war, sondern in all den Jahren seither nichts Wesentliches verändert hatte. Natürlich war sie überrollt worden von der Professionalität moderner Businesskonzepte und dem Glamour der neuen Medien. Wer, bitteschön, las heute noch im Ernst ein Buch?
Über der Eingangstür hing eine Uhr, und Valerie war ehrlich erstaunt, dass sie nicht stehengeblieben war, so wie hier ja seit vielen Jahren die Zeit stillstand. Viertel vor elf. Und kein Kunde in Sicht. „Ringelnatz und Co.“, wiederholte Valerie, seufzte und ging hinüber zu dem kleinen Hinterzimmer, das über zwei Stufen erreichbar und ebenfalls nur durch einen gerafften Vorhang – mög­licherweise dem Rest des großen Bühnenvorhangs, der das Schaufenster einrahmte – vom Verkaufsraum abgetrennt war. Die Kasse schien einem Film aus den dreißiger Jahren entwendet, groß und schwarz stand sie auf dem Schreibtisch, immerhin geradezu verheißungsvoll poliert. Aber natürlich war sie leer. Oder jedenfalls: fast leer. Ein Zehner lag im Schubfach, daneben einige unsortierte Münzen, die sich auf kaum mehr als denselben Betrag summieren würden. Rechter Hand stand ein Kasten auf dem Tisch, der Valerie an den Katalog im alten Teil der Universitätsbibliothek erinnerte, links lag eine abgegriffene Kladde, die sich beim ersten Aufblättern als Kassenbuch erwies. „Aha“, murmelte Valerie. „Immerhin hast du Buch geführt.“ Ein Fünkchen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm werden würde, glomm in ihr auf, gerade stark genug, um nach zwei Minuten als verlorene Illusion zu verrauchen. „Okay, das kann es ja nicht wirklich sein“, stellte Valerie fest und beschloss, sich mit einem Kaffee zu stärken, revidierte ihren Entschluss Richtung Tee, als sie herausfand, dass es in Tante Charlottes Reich offenbar keinen Platz für Kaffee gegeben hatte, setzte mit einiger Unbeholfenheit den Samowar in Gang und wartete.
Ein Samowar besteht aus einem größeren Wasserkocher, auf dem eine kleine Kanne sitzt, die mit Teeblättern gefüllt und dann mit dem kochenden Wasser des unteren Korpus aufgegossen wird. Danach wandert die Kanne wieder an ihren Platz, bis der solcherart angesetzte Tee kräftig genug gezogen hat, um in mehr oder weniger homöopathischen Dosen in eine Tasse gegossen und mit weiterem kochendem Wasser ins richtige Mischungsverhältnis gesetzt zu werden. Das alles dauert in etwa genauso lange, wie es den Anschein hat, weshalb Valerie mehr Zeit mit Warten zubrachte, als sie vorgehabt hatte. Also nahm sie eher wahllos ein Buch aus dem Regal und setzte sich wieder auf Tante Charlottes alten Lesesessel, um ein wenig darin zu blättern.
„Das erste Kapitel“ begann mit einer Ankunft, wie so viele Bücher und wie auch Valeries Geschichte, zumindest soweit sie sich auf den kleinen Buchladen ihrer alten Tante bezog. Allerdings war es weit später am Tag, um genau zu sein: Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der ­Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor ...
Ein guter Samowar besitzt einen Mechanismus, durch den sich der Wasserkocher von selbst ausschaltet, wenn er allzu lange läuft –
wobei man wissen muss, dass Samoware durchaus dazu gedacht sind, lange vor sich hin zu köcheln. Charlottes Exemplar hätte einen solchen Mechanismus ebenfalls besessen. Doch er stammte aus dem postsowjetischen Russland, einer Zeit, in der man wegen Pfusch die Macht des Apparats nicht mehr und die Macht der Kunden noch nicht fürchten musste. Also kochte das Wasser und kochte unablässig, bis Valerie auf Seite 248 ein Zettel in den Schoß fiel und sie erstaunt aufblickte.
Draußen hatte es zu dämmern begonnen. Längst war der laue Frühlingshauch einer perfiden Zugluft gewichen, die Valerie bereits an der Nase gepackt hatte, ehe sie dessen gewahr wurde. So zog der Tag hin, der Schnupfen auf und der Tee in seinem Kännchen, während Valerie zum ersten Mal einen Roman von Franz Kafka las und erstaunt war, ja genau genommen Seite um Seite darauf wartete, dass er sie endlich zu langweilen begann.
Besagter Zettel erwies sich als Bestellkarte, auf der Tante Charlotte akribisch vermerkt hatte, wie viele Exemplare dieses Buches sie verkauft hatte. Es waren viele. Erstaunlich viele, die Karte war geradezu übersät von gebündelten Strichen auf Vorder- und Rückseite, und wäre das Datum nicht vermerkt gewesen, an dem die alte Buchhändlerin das Werk zum ersten Mal bestellt hatte, Valerie hätte es für einen ausgesprochenen Bestseller gehalten: 12/X/1959. „Scheint jedenfalls ein Longseller zu sein“, stellte sie fest, steckte die Karte zurück in das Buch, klappte es zu und legte es beiseite. Eine Tasse heißer Tee würde jetzt guttun. Sie schloss die Tür ab, nahm sich einen der angeschlagenen Becher aus dem Schrank über der Spüle, die beide in einer Nische des Büros, vom Laden aus unsichtbar, untergebracht waren, goss sich einen Fingerbreit schwarzbraunen Tee ein und füllte mit Wasser aus dem Kocher auf. Dann setzte sie sich wieder an den Schreibtisch, suchte ein Blatt Papier heraus und begann, sich Notizen zu machen.

Man kann die Betriebswirtschaft als eine ebenso nützliche wie ungenaue Wissenschaft bezeichnen. Einer jungen Frau, die mit beiden Beinen über den Dingen schwebt, verleiht sie zweifellos eine gewisse Erdung und, falls nicht von Natur aus vorhanden, das nötige Selbstbewusstsein, um auch die unlösbarsten Aufgaben für lösbar zu erachten, also etwa das Führen, die Rettung oder gar die Liquidation einer kleinen Buchhandlung in mittlerer Lage, der die Inhaberin abhandengekommen ist, von der Kundschaft ganz zu schweigen. Und so nimmt es nicht wunder, dass am Ende eines langen Abends eine Liste von immerhin achtundvierzig Maßnahmen neben der Kasse lag, bezeichnet mit der denkwürdigen Überschrift: „First Steps/Short Term-Measures“, worunter sich so bedeutsame Stichworte fanden wie: Kassenprüfung, Banktermin, Inventur, Warenwirtschaft checken, Lieferungen und Leistungen prüfen, Cashflow-Übersicht, Außenstände, Steuerberater?, Kreditlinie?, Summen und Salden, Bilanz?
An dieser Stelle unserer Geschichte ist es Zeit, mit einem verbreiteten Vorurteil aufzuräumen. Frauen Mitte zwanzig, gebildete Frauen zumal und erst recht Frauen mit Brille (wobei zu vermerken ist, dass Valerie Kontaktlinsen trug, zumindest an jenem Tag), sind nicht zwangsläufig romantisch. Im Gegenteil, oft neigen sie zu einer ausgeprägten Nüchternheit, deren Ursprung und Ziel so unbestimmt sind, dass man annehmen muss, es habe damit keinerlei besondere Bewandtnis. Und wer den gegen neun Uhr an die Tür klopfenden jungen Mann gesehen hätte, wäre nicht umhin gekommen, diesem Befund beizupflichten. Valerie öffnete die Tür und hielt Sven die Wange hin, während sie einen Blick zum Himmel warf und überlegte, wie lange es wohl noch dauern würde, bis es regnete.
Sven, der kürzlich als Trainee in einer Unternehmensberatung angefangen hatte, warf seinerseits einen Blick in den Laden, verdrehte die Augen und sagte zur Begrüßung: „Ich möchte nicht wissen, um welche Beträge du das Lager abschreiben musst.“
„Guter Punkt“, erwiderte Valerie und eilte zum Schreibtisch zurück, um sogleich „Lagerbewertung“ zu notieren. In der Tat lauerte in den Regalen jede Menge totes Holz. Da fiel ihr ein, dass Buchhändler angeblich das Recht hatten, von Verlagen georderte Bücher zurück­zugeben, zu „remittieren“, wie man wohl sagt. Sie setzte mithin auch noch den Punkt „Remission? Rückerstattung/Verrechnung?“ auf die Liste.
„Bist du fertig?“, wollte Sven wissen, während er neben sie trat und den Schreibtisch inspizierte.
Valerie sah ihn von unten herauf an und stellte fest, dass er sich wieder diesen albernen Dreitagebart wachsen zu lassen versuchte. Tag eins hatte eine schmutzige Färbung auf das etwas rundliche Gesicht getupft. Er kratzte auch schon, das hatte sie eben beim Begrüßungsküsschen gemerkt. Morgen würde es richtig unangenehm werden und übermorgen heruntergekommen aussehen.
„Du solltest dich rasieren.“
„Mhm.“
„Bin gleich so weit. Lass mich noch einmal einen Sicherheits-Check machen.“
Der Kontrollgang dauerte genau dreißig Sekunden. Der Laden, kaum mehr als vierzig Quadratmeter groß, die Teeküche, die gleichzeitig Büro war, vielleicht gerade mal zehn, vermutlich eher acht, nicht viel Raum zum Patrouillieren. Valerie griff nach ihrer Tasche, steckte noch rasch den Kafka ein, schob Sven aus dem Laden und schloss hinter sich ab, ohne den Schatten zu bemerken, der nah an ihren Füßen vorbeihuschte.


Drei


Wer immer den Mai zum Wonnemonat erklärt hat, er muss auf Mauritius gelebt haben. Oder auf Hawaii. In mitteleuropäischen Gefilden war von Wonnen nicht viel zu erahnen. Valeries aufziehende Erkältung hatte sich über Nacht zu einem veritablen Infekt ausgewachsen. Seit dem Vorabend übte der Himmel den Weltuntergang. Mit klammen Fingern nestelte Valerie den Schlüssel ins Schloss, fluchte, weil die Tür klemmte, warf sich dagegen, polterte beinahe auf den Boden und war dankbar, als sie endlich ein Dach über dem Kopf hatte. Sie stellte den tropfenden Regenschirm in eine Ecke und flüchtete sich ins WC, wo sie in dem winzigen Spiegel über dem kleinen Waschbecken eine abgekämpfte Fremde betrachtete. Der Samowar, erinnerte sie sich, dankbar, dass Tante Charlotte eine so altmodische Person gewesen war. Das würde ihr jetzt helfen. Rasch füllte sie den Wasserkocher, gab eine Handvoll Tee in die Kanne und wickelte ihren Schal ab, um ihn zum Trocknen über die Stuhllehne zu hängen.
Ringelnatz & Co. hatte einst zu den wichtigen, zu den glanzvollen Adressen des Viertels gehört. Gegründet nach den Jahren tiefster Finsternis, war der Buchladen von Anfang an ein Leuchtturm von Geist und Kultur gewesen und über viele Jahre hinweg geblieben, und die junge, enthusiastische Buchhändlerin hatte mit ihrem Esprit und ihrer Lebensfreude so manchen jungen Mann zum Lesen verführt. Doch mit der Zeit hatten sich die Umstände geändert, hatte sich das Viertel verändert. Von den beiden Optionen – Luxussanierung und Gentrifizierung oder Verfall und sozialer Abstieg – hatte das Viertel, in dem Ringelnatz & Co. lag, letzteren Weg nehmen müssen. Einher damit ging, dass sie beide in die Jahre kamen: die Buchhändlerin und ihr Laden. Wohl gab es eine Phase, in der man sie allein ihres Daseins wegen mit Sympathie betrachtete und sogar im redaktionellen Teil der lokalen Werbeblättchen mit Würdigungen bedachte. Doch Leser ließen sich damit nicht gewinnen, schon gar keine neuen. Die alten, jene Kunden aus den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten, erinnerten sich mitunter und schauten sogar wieder einmal vorbei. Dann redeten sie über die schönen alten Zeiten, klagten über das Desinteresse der Jugend an Büchern, kauften ein antiquarisches Insel-Bändchen mit Gedichten von Hesse („Für meine Enkeltochter, ich mochte das doch auch so seinerzeit.“) und verschwanden wieder aus dem Leben der alten Dame.
Dabei muss man konzedieren, dass der Buchladen – wenn man von einer gewissen, durchaus charmanten Fadenscheinigkeit absah – nach wie vor ein Juwel war, und das nicht nur wegen der noch aus echtem, massivem Nussbaumholz gearbeiteten, deckenhohen Regale, des prächtigen Vorhangs oder der überaus musikalischen, im Übrigen aber sehr schmucken Holzdielen, die – frisch gewachst – von Ferne an die polierten Planken eines luxuriösen Segelschiffs erinnerten. Nein, vor allem natürlich wegen seines ebenso klug und umsichtig wie liebevoll gepflegten Sortiments.
Eigentlich hatte Valerie sich zu Hause noch weitere Notizen machen wollen, um ihre To-do-Liste zu vervollständigen. Doch dann hatte sie doch den Kafka zu Ende gelesen und war schließlich auf dem Sofa eingeschlafen. Sie legte das Buch auf einen Hocker, welcher der alten Dame vermutlich dazu gedient hatte, auch Bücher aus höher gelegenen Regalbrettern zu angeln. Sie würde es nicht zurückstellen können – es sah nun einmal gelesen aus. Andererseits: Hatte Valerie gestern bei der Inspektion des Ladens nicht auch eine Ecke mit antiquarischen Büchern entdeckt? In der Tat: Als sie nun noch einmal genauer darauf achtete, bemerkte sie, dass ein Teil des Ladens, und zwar der am weitesten von der Tür entfernte (was bei einem so kleinen Geschäft nicht viel zu besagen hatte), mit gebrauchten Werken bestückt war. Genau genommen waren es sehr gebrauchte Werke. Es gab hier viel in Leder Gebundenes mit goldgeprägtem Rücken, manch vom Licht der Jahre Gebleichtes, etliches Abgegriffene. Doch all die Bücher, die Tante Charlotte in diesen beiden Regalen versammelt hatte, waren ganz offensichtlich mit großer Sorgfalt behandelt worden. Valerie nahm einen Band, der offensichtlich irgendwann einmal neu gebunden worden war, heraus und schlug ihn auf, scheinbar eine Sammlung von Erzählungen, doch in Wirklichkeit ein Roman:
Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Lass deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: ›Nein, ich will nicht fern­sehen!‹ Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: ›Ich lese! Ich will nicht gestört werden!‹ Vielleicht haben sie’s nicht gehört, bei all dem Krach; sag’s lieber noch lauter, schrei: ›Ich fange gerade an, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen!‹ Oder sag’s auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe.
Valerie musste grinsen. So einen Buchanfang
hatte sie noch nie gelesen. Such dir die ­bequems­te Stellung: sitzend, langgestreckt, zusam­men­­­­gekauert oder liegend. Auf dem Rücken, auf der Seite, auf dem
Bauch. Im Sessel, auf dem Sofa, auf dem Schaukelstuhl ...
Ja, es schien alles ein enormer Unsinn und eine durchaus fragwürdige Alberei, aber es war doch auch ein Spaß, die immer wieder überraschend-wirren Wendungen der Erzählungen zu lesen, aus denen sich im Folgenden ein ganz ungewöhnlicher Roman entspann, der Valerie durch Zeiten und Länder navigierte wie ein aufmüpfiges literarisches Karussell, das sich um Konventionen nicht scherte und sich auf jeder Seite mit der Leserin frech verschwisterte.
Und so fand sich unsere Protagonistin erneut nach Stunden vergnüglicher Lektüre im Sessel der alten Buchhändlerin wieder, während neben ihr der Samowar unablässig vor sich hin kochte und zumindest eine angenehme Wärme verbreitete. Getrunken hatte sie nichts, ja nicht einmal eine Tasse eingeschenkt. Doch das machte ihr nichts. Im Gegenteil: Sie spürte, wie gut es ihr tat, eine Geschichte ganz um ihrer selbst willen zu lesen. Und sie entdeckte zu ihrer großen Verblüffung, dass sie es genießen konnte, diesem seltsamen Autor durch das amüsante Labyrinth seiner feinziselierten Erzählung zu folgen. Das hatte sie seit der Schulzeit nicht mehr getan – und damals nur als eine besonders mühselige Art geistiger Folter betrachtet. Entfernt erinnerte sie sich noch an all die Absonderlichkeiten, die sie hatte lernen müssen. Es war um Chiasmen und Tropen gegangen, um Pleonasmen, um Gleichnisse, Ellipsen und allerlei sonstige begriffliche Nebel, hinter denen sich angeblich der Zugang zum Geschriebenen verbarg. Das war bei diesen Geschichten überhaupt nicht so. Im Gegenteil: Je mehr sie in der spielerischen Sprache des Dichters dachte und je tiefer sie sich in den immer wieder überraschenden Wendungen jenes Italo Calvino verstrickte, umso prächtiger amüsierte sie sich, umso mehr wuchs ihre Neugier.
Oder, um es mit Calvinos eigenen Worten zu sagen: Wenn du’s recht bedenkst, ist dir’s auch lieber so, nämlich etwas vor dir zu haben, von dem du noch nicht genau weißt, was es ist.

Ringelnatz & Co. muss man sich als einen Laden vorstellen, der nach heutigen Maßstäben als nicht bewirtschaftbar gilt. Zu wenig Fläche. Ein so kleines Geschäft mochte sehr ausnahmsweise rentabel sein, wenn es Waren im höchstpreisigen Segment führte, etwa Juwelen und teure Uhren, vielleicht auch noch exquisite Kosmetika, wenn wir von einer soliden und im Wohlstand alternden Stammkundschaft ausgehen. Doch ein Buchladen kann sich dem Diktat der Masse schwerlich verweigern. Und selbst wenn wir uns zu den größten Optimisten rechnen (was wir natürlich tun), zählte Ringelnatz & Co. auch unter den kleinen Buchhandlungen zu den wirklich kleinen. Ein Verkaufsraum, ebenerdig, zur Straße hin die Querseite, repräsentiert durch ein „großes“ Schaufenster, das in der Mitte geteilt war durch eine Glastür. Innen beiderseits sowie links hinten Regale, deckenhoch und eng an eng gefüllt mit Büchern, hinten rechts eine kleine Treppe mit zwei Stufen, die in die Teeküche führten. Dort zwei schmale Türen, deren eine zur Toilette und deren andere auf den Hinterhof ging, wo seit langer Zeit jeglicher sozialer Austausch zum Erliegen gekommen war. Dies alles auf kaum mehr als fünfzig Quadratmetern.
Doch trotz dieser Beengtheit der Verhält­nisse hatte es die alte Buchhändlerin geschafft, ein sehr breites Sortiment zu führen! Gewiss, es fehlte den Büchern an Raum, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, nur wenige durften dem Kunden frontal ins Gesicht sehen. Dafür ließ sich schwerlich ein Freund des Lesens denken, der in dieser Schatzkammer der Literatur nicht das Buch gefunden hätte, das wirklich zu seinen Wünschen passte. Kein Lieb­haber romantischer Erzählungen, kein Le­ser historischer Sachbücher, keine Kennerin der Lyrik, die ... überhaupt: die Lyrik! Valerie stellte schnell fest, dass Tante Charlotte offenbar ein Faible für Poesie gehabt hatte. Sowohl bei den neueren als auch bei den antiquarischen Büchern bildete die Lyrik ein besonderes Gewicht. Ob es die streng gereimten und manchmal sperrigen Verse eines Andreas Gryphius oder die ebenso leichtfüßigen wie tiefgründigen Lieder Heinrich Heines waren, die elegischen Sinnlichkeiten eines Rilke, die brutale Ehrlichkeit eines Trakl oder die tiefsichtige Hingabe eines Neruda: Es fehlte nichts. Modernes, Komisches, Erdenschweres. Besonders gerne aber Humoristisches. Das schien eine besondere Vorliebe der alten Buchhändlerin gewesen zu sein.
Tatsächlich ging es Valerie nach dem Buch von Italo Calvino und zwei Bänden Robert Gernhardt schon wieder viel besser! Literatur als Therapie? Das hätte sie so nie unterschrieben. Und doch ahnte die junge Frau, dass ihr die kleinen Fluchten ins Gewitzte über den Infekt hinweggeholfen hatten, als sie zwei Tage später wieder munter war und es ihr nicht mehr schwerfiel, sich aufzuraffen und ihrer Aufgabe nachzugehen.

Blick ins Buch
Schneewittchen und die sieben SärgeSchneewittchen und die sieben Särge

Kriminalroman

Hier wird nach Märchenmanier gemordet! Jürgen Seibold, der Autor der beliebten Allgäu-Krimis, meldet sich mit einer neuen witzigen Krimireihe zurück.Robert Mondrian hat keine Lust mehr, Attentäter zu jagen und Staatsfeinde mit bloßen Händen aus dem Verkehr zu ziehen. Deswegen hat er Deutschlands geheimstem Geheimdienst den Rücken gekehrt, sich zur Ruhe gesetzt und eine Buchhandlung gekauft. Doch dann wird ausgerechnet seine Traumfrau des Mordes beschuldigt: Feinkosthändlerin Sonja soll einen ihrer Lieferanten mit einem Apfel vergiftet haben. Um den wahren Märchenmörder zu finden, der nach der Schneewittchen-Tat schon sein nächstes Opfer sucht, das er in den Backofen schubsen oder mit einer Spindel in den ewigen Schlaf schicken kann, wendet Robert gemeinsam mit seinem schusseligen Gehilfenteam seine Fähigkeiten aus Agentenzeiten wieder an …Der Buchhändler und ehemalige Geheimagent Robert Mondrian und sein verpeiltes Gehilfenteam lösen den Fall – und fordern Ihre Lachmuskeln heraus!

Prolog

Die Straße führte schnurgerade durch die Nacht. Nur ein kurzes Stück war von starken Scheinwerfern in grelles Licht getaucht, das auch die Handvoll Baracken und Garagen auf beiden Seiten der Fahrbahn aus der Dunkelheit schälte. Der Wind wirbelte ab und zu leichte Staubfahnen auf und drückte die struppigen Grasbüschel nieder, die hier und da aus dem löchrigen Asphalt zwischen den Gebäuden ragten.

Auf den ersten Blick schien alles friedlich, aber wer genauer hinsah, konnte hinter mancher Ecke ein kurzes Aufblitzen erkennen, wenn sich das Licht der Scheinwerfer auf dem Lauf eines automatischen Gewehrs spiegelte. Ab und zu war ein leises Kratzen zu hören, wenn ein Stiefel bewegt wurde, unter dem sich Sandkörner oder kleine Kiesel befanden. Vier Männer und eine Frau hatten sich auf dem Gelände verteilt, alle in dunkle Kampfanzüge gekleidet, die Gesichter von Sturmhauben bedeckt und bis an die Zähne bewaffnet. Alle hatten Nachtsichtgeräte, alle waren ausgebildet im Nahkampf und erfahren als Scharfschützen, und alle warteten, dass ihr Gegenüber einen Fehler beging. Ein Fehler nur, das sollte reichen, und der andere würde nie wieder Gelegenheit zu einem Fehler bekommen.

Niemand sagte ein Wort, die fünf Kämpfer verharrten reglos und stumm, nur manchmal verständigten sich zwei von ihnen mit knappen Handbewegungen und machten sich anschließend sofort daran, bessere Deckung zu suchen oder eine Position, aus der sie mehr von dem beleuchteten Gelände und der stockdunklen Landschaft drum herum überblicken konnten.

Der erste der vier Männer war tot, bevor er sich auch nur darüber wundern konnte, wie es sein Gegner geschafft hatte, so schnell von hinten an ihn heranzukommen. Er sank langsam zu Boden, vom anderen sorgfältig gehalten und so abgelegt, dass kaum ein Geräusch entstand. Der zweite spürte zwar noch eine Klinge im Genick, aber dann waren Wirbelsäule, Luftröhre und Stimmbänder auch schon durchtrennt, bevor er einen Laut von sich hätte geben können. Der dritte wartete auf ein Zeichen seines Kameraden, und als das nicht kam, arbeitete er sich zügig und leise zur Position des anderen hin – um Sekunden später neben seinem toten Mitstreiter niedergelegt zu werden.

Ein Mann und eine Frau waren noch übrig, und beide hatten den dritten Kämpfer seinen Platz verlassen sehen. Sie brauchten kein Zeichen, um zu wissen, was das bedeutete. Sofort wandten sie sich um und tauchten in verschiedene Richtungen in die nachtschwarzen Schatten hinter den Baracken ein. Ihre Schritte setzten sie mit Bedacht, ständig musterten sie ihre direkte Umgebung und lauschten, ob wirklich nur der Wind zu hören war oder doch vielleicht ein Schritt, ein Knirschen, ein Atemzug. Der Frau fiel auf, dass es rechts hinter ihr zischte wie von einer heftigen Windbö, doch bevor sie sich noch umdrehen konnte, hatte die Machete ihren Hals durchtrennt.

Der Mann, der die andere Richtung eingeschlagen hatte, hörte einen Körper auf einige lose Bretter fallen, der Lärm wirkte in der angespannten Stille unnatürlich laut. Er wusste, hinter welcher Baracke diese Bretter lagen, und er wusste, dass seine Kameradin inzwischen ziemlich genau dort angekommen sein musste. Er machte sich aber nicht direkt dorthin auf den Weg. Denn er wusste auch: Der andere hatte einen, wenn nicht sogar mehrere von ihnen getötet, ohne das geringste Geräusch zu verursachen. Hätte er das diesmal nicht auch lautlos zuwege gebracht, wenn er seinen nächsten Widersacher nicht in eine Falle locken wollte? Schritt für Schritt brachte er einen weiten Bogen hinter sich und achtete darauf, dass er im Schatten blieb. Sein Gewehr hatte er abgelegt, die Klinge seines Messers war geschwärzt und würde kein Licht reflektieren. Nun hatte er die Stelle vor sich, an der sich die losen Bretter befanden, und im Nachtsichtgerät zeichnete sich die Silhouette eines Menschen im Kampfanzug ab, der darauflag, das Gesicht von einer Sturmmaske bedeckt. Er sah sich um, ließ den Blick schweifen – außer ihm und dem reglosen Körper, der gut zwei Meter vom einen Ende der Baracke entfernt lag, war niemand zu sehen. Bis zum anderen Ende waren es acht oder neun Meter. Er machte einige Schritte zur Seite: Am entfernteren Ende der Baracke war niemand, kein Gegner lauerte dort, das Gewehr im Anschlag, um ihn zu erschießen, sobald er sich über die liegende Kameradin beugte. Nach weiteren Schritten in der Dunkelheit hatte er sich vergewissert, dass sich auch hinter dem anderen Ende der Baracke niemand befand. Vorsichtig näherte er sich dem Körper auf den Brettern, scannte zwischendurch immer wieder die Umgebung und hatte sich schließlich bis an ihn herangearbeitet. Er beugte sich ein wenig vor und streckte die Hand aus, um der Kameradin den Puls zu fühlen, da schnellte die eine Hand der liegenden Gestalt nach oben, und erstaunt blickte er auf seinen Bauch, durch den sich eine lange Klinge den Weg bahnte. Der andere erhob sich, während er selbst auf die Knie sackte und sein Messer fallen ließ, nahm die Sturmhaube ab und zückte ein Handy. Im Licht des Displays konnte er das Gesicht des Mannes erkennen, den sie bis hierher gejagt hatten. Eine seltsame Mischung aus Entschlossenheit und Wehmut lag auf dem markanten Gesicht. Dann kippte der Verwundete langsam nach vorn, blieb blutend liegen und hörte, wie der andere in knappen Worten Vollzug meldete. Dann wurde es still und dunkel um ihn.

 

Robert Mondrian erwachte, schwer atmend und mit rasendem Puls. Die Erinnerungen verfolgten ihn nicht mehr jede Nacht bis in seine Träume, aber oft genug, um seine Augenringe schwarzgrau wirken zu lassen. Er stand auf, trank in der Küche ein Glas Wasser, wendete die Bettdecke und das Kopfkissen und versuchte, wieder einzuschlafen. Hatte er gerade einen Wagen heranfahren hören? War gerade eine Autotür geöffnet worden, hatte er Schritte auf dem Pflaster gehört? War da eine Männerstimme gewesen, ein erstickter Schrei, ein dumpfer Aufprall wie von einem menschlichen Körper?

Verdammte Träumerei, brummte Robert und kämpfte sich zurück in einen unruhigen Schlaf.

1

Remslingen lag still in der Morgendämmerung.

Nun ja, so still es eben einer Kreisstadt im Speckgürtel von Stuttgart gegeben ist. Auf den Ausfallstraßen standen die ersten Pendler, allein im Kombi oder in der Limousine, an roten Ampeln, und auf den Gehwegen hinauf zum Bahnhof schlurften Männer und Frauen mit vollen Taschen und leerem Blick. Doch wer die Michaelskirche, deren Geläut gerade halb fünf schlug, hinter sich ließ und die Remsauen betrat, tauchte in relative Ruhe ein. Der Verkehr der Bundesstraße, die einen großen Bogen um Remslingen beschrieb, war hier nur noch ein stetes Rauschen, an manchen Stellen leiser als das Gurgeln des Flusses. Hier gab es keine müden Fußgänger, die einen anrempelten, weil sie nichts als die Abfahrtszeit der S-Bahn vor Augen hatten. Nur ab und zu einen einzelnen Hund, der an einem der Spielgeräte das Bein oder mitten auf der Wiese den Schwanz hob, und einen mürrischen Mann, der ihm nur kurz zupfiff und dann im Wegschlendern so tat, als ginge ihn das Tier und seine Hinterlassenschaft nichts an.

So still also lag Remslingen, und es war, als würde die Stadt noch einmal tief durchatmen, bevor die Hektik des beginnenden Dienstags einsetzte. Am Rand des Biergartens auf der Storcheninsel rauchte ein Obdachloser seine Kippe zu Ende und rollte den Schlafsack zusammen. Richie lümmelte in der Winnender Straße hundemüde auf dem Fensterbrett oberhalb der Eingangstür seines Scottish Pub herum und schimpfte vor sich hin, weil er seit ein paar Wochen nicht mehr vernünftig schlafen konnte. In der Langen Straße am Westrand des Marktplatzes schwang ein alter Holzklappladen auf, und der Puppenspieler beugte sich verschlafen aus dem Fenster, schlürfte geräuschvoll an seiner Bechertasse und ließ den Blick prüfend hinüber zum Marktplatz gleiten. Er sah Horst Schwarzfuß, der gerade damit begann, in seiner Metzgerei die Auslage zu ordnen. Hinter den Glasfronten rundherum war dagegen noch nirgendwo eine Bewegung auszumachen, obwohl auch der Buchladen, das Café Journal und Sonjas Vitaminoase um acht Uhr öffneten. Nur aus der Oberen Sackgasse war leise der Dieselmotor eines Transporters zu hören. Dort luden Sonjas Lieferanten frühmorgens ihre Waren ab und stapelten Obst und Gemüse in Kisten neben der Hintertür ihres Ladens. Und ließen eben manchmal den Motor laufen.

Der Motor des Transporters lief noch eine gute halbe Stunde, bis eine der Nachbarinnen auf die Gasse trat, um sich zu beschweren. Wütend griff sie durch die offene Fahrertür und stoppte den Motor. Dann baute sie sich breitbeinig vor dem Fahrer des Wagens auf, der vor der Hintertür von Sonjas Vitaminoase auf dem Pflaster lag, als ginge ihn das alles gar nichts an. Doch der Mann reagierte nicht auf ihre Schimpftirade. Er reagierte auch nicht auf das vorsichtige Anstoßen mit der Schuhspitze, mit der die Nachbarin den vermeintlich Schlafenden wecken wollte. Dann erst fiel der Frau auf, dass der Mann seltsam verkrümmt auf dem Boden lag und mit weit aufgerissenen Augen zur Hintertür von Sonjas Vitaminoase starrte. Und dass er nicht mehr atmete.

Erschrocken holte die Nachbarin Luft. Dann beendete ihr gellender Schrei die morgendliche Stille in Remslingen.

 

Was für eine Nacht! Selbst nach seinem Albtraum war es Robert Mondrian vorgekommen, als höre er Geräusche und Stimmen. Einmal glaubte er sogar, durch das geschlossene Schlafzimmerfenster den Schrei einer Frau zu vernehmen, und zog sich daraufhin die Decke über den Kopf – weshalb er das Summen des Weckers verschlief. Erst kurz nach neun schlüpfte er aus dem Bett und in die Klamotten. Er ließ nur schnell einen Kaffee aus der Maschine und schlurfte mit der Tasse in der Hand ins Treppenhaus hinaus. In der Gasse hinter dem Gebäude schien irgendetwas vor sich zu gehen, aber um nachzusehen, fehlten ihm im Moment das Interesse und die Zeit. Seinen schusseligen Mitarbeiter wollte er nicht länger als unbedingt nötig allein im Laden lassen, und falls es etwas Spannendes aus der Umgebung zu erzählen gab, würde Alfons ihm ohnehin gleich alles brühwarm berichten.

Er betrat den Buchladen durch die Hintertür, und kaum hatten die beiden Kakadus sein Eintreffen wie immer lärmend gemeldet, da kam Alfons um das Regal mit den Liebesromanen in englischer Originalausgabe geflitzt.

„Sherlock! Watson!“, rief Roberts Gehilfe. „Werdet ihr wohl den Schnabel halten!“

Die Vögel dachten natürlich nicht daran, ihm zu gehorchen, und so führte Alfons seinen Chef schnell ans andere Ende des Ladens, um ihm mit aufgeregter Stimme die Neuigkeit zu überbringen.

»Stellen Sie sich vor, Chef: Neben der Hintertür von Sonjas Vitaminoase wurde heute früh ein Toter gefunden. Die Kripo ist da und sichert Spuren. Mich haben sie auch schon gefragt, ob ich etwas beobachtet habe, aber leider …«

Roberts Mitarbeiter wirkte tatsächlich untröstlich, kein Wunder: Er liebte alles, was mit der Polizei zu tun hatte. Krimis waren die eine Leidenschaft von Alfons, die andere, noch größere, waren Superheldencomics, und während Robert inzwischen nachgegeben hatte und zumindest einige Klassiker der Kriminalliteratur führte, blieb er in seiner Ablehnung von Batman und Konsorten hart. Im Gegenzug änderte sich nichts in der gegenseitigen Anrede der beiden: Robert duzte seinen Mitarbeiter, der ihm das gleich am ersten Arbeitstag angeboten hatte – und im Gegenzug hatte auch er ihm das Du angeboten. Doch Alfons stellte sofort klar, dass er seinen Chef auf gar keinen Fall duzen könne, und Robert, obwohl er das anders sah, gab nach mehreren erfolglosen Anläufen nach.

„Meinetwegen kannst du gern raus und dir das mal aus der Nähe anschauen“, sagte Robert. „Außer deinen Kakadus ist ja noch niemand da.“

»Aber, Chef, Sie wissen doch, dass ich diese Kakadus nur in Pflege …«

Robert brachte ihn mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen und deutete grinsend zur Tür. Die altmodische Ladenglocke bimmelte noch, da war Alfons bereits am Schaufenster vorbeigehuscht und um die Hausecke verschwunden. Robert schlürfte von seinem Kaffee und schaute nachdenklich auf den Marktplatz hinaus. Ein Toter in der Gasse hinter seinem Haus. Die Kriminalpolizei, die in ihren Ermittlungen womöglich mehr Staub aufwirbelte, als ihm lieb war. Seine Kiefer mahlten, die Miene war ernst.

Dann wurde sein Blick weicher: Sonja, die natürlich weit mehr als er von der Sache betroffen war – und anders als er mit solchen Situationen keinerlei Erfahrung hatte. Einen Moment lang dachte er darüber nach, zu ihr zu gehen und ihr seine Hilfe anzubieten. Doch schon im nächsten Augenblick fiel ihm ein, warum er genau das nicht tun würde. Nein, nicht, weil er seinen Laden sonst unbesetzt zurückgelassen hätte. Robert lachte bitter. Er mochte früher auf die meisten sehr mutig gewirkt haben – aber mit einem klaren Ziel vor Augen, einem kampfbereiten Gegner als Widersacher hatte er einfach seinen Job gemacht. Aber eine Frau, für die man mehr empfand als die übliche Sympathie für eine nette Nachbarin … das war noch einmal eine ganz andere Sache.

 

Etwa zwanzig Minuten dauerte es, bis Alfons in die Buchhandlung zurückkehrte. Auf seinem blassen Gesicht hatten sich vor Aufregung rote Flecken gebildet, und statt einer vernünftigen Schilderung brachte er nur kurze oder abgebrochene Sätze zustande, die er mit überschnappender Stimme durcheinanderpurzeln ließ. Robert musste sich konzentrieren, um daraus halbwegs schlau zu werden. Scheinbar war vor der Hintertür von Sonjas Obstgeschäft einer ihrer Lieferanten tot aufgefunden worden. Alfons erging sich in Kleinigkeiten, vom laufenden Motor eines Transporters über die Nachbarin, die den Toten entdeckt hatte, bis hin zum Puppenspieler, der nach ihrem gellenden Schrei erst den Notruf gewählt hatte und dann auf die Straße gestürmt war, um nach der Frau zu sehen. Die Kriminaltechnik sicherte Spuren, eine Rechtsmedizinerin war vor Ort, und Polizeibeamte befragten die Nachbarn, wo sie heute zwischen drei und fünf Uhr morgens gewesen waren und ob sie etwas beobachtet oder gehört hatten, das der Polizei weiterhelfen konnte. Offenbar war der Tote nicht an einem Herzinfarkt gestorben. So weit hatte er das meiste verstanden, nur ein Detail verwirrte, und deshalb unterbrach er Alfons nach einer Weile.

„Was meinst du mit ›Schneewittchen‹?“, fragte Robert.

„Was?“

„Du hast gerade von ›Schneewittchen‹ gesprochen – was hat das mit dem Toten zu tun?“

»Ach so … na, weil er doch von dem Apfel gegessen hat.«

Robert hob die Augenbrauen, und Alfons machte ein Gesicht, als habe er einen besonders begriffsstutzigen Kunden vor sich.

„Von dem vergifteten Apfel“, wiederholte er. „Eben wie Schneewittchen.“

„Der Mann wurde vergiftet?“

„Ja, natürlich!“

„Mit einem präparierten Apfel?“

„Genau!“, rief Alfons aus, nickte beifällig und trug eine Miene zur Schau wie einst Roberts Mathelehrer, wenn bei einem schlechten Schüler endlich der Groschen gefallen war.

„Und woher weißt du das? Die Kripo wird’s dir ja nicht erzählt haben.“

Die roten Flecken wurden kräftiger, nun glühte Alfons fast vor Stolz. Er beugte sich ein wenig zu seinem Chef vor und senkte seine Stimme, obwohl sie allein im Laden waren.

„Die Rechtsmedizinerin hat’s mir verraten, versehentlich“, raunte er. „Ich stand direkt neben ihr, und sie hat mich wohl für einen von der Kripo gehalten. Erst, als sie aufsah, hat sie ihren Irrtum bemerkt und mich fortgescheucht.“

Die altertümliche Ladenglocke bimmelte, als die Tür aufschwang und zwei Männer in Jeans und Hemd hereinkamen. Sie schauten sich kurz beiläufig um und nahmen im Näherkommen Alfons und Robert ins Visier. Robert erkannte sofort, dass sie von der Kripo waren, noch bevor der Ältere sich ihm als Hauptkommissar Klaus Neher von der Kriminalpolizei Remslingen und seinen Kollegen als Oberkommissar Hannes Lachenmaier vorgestellt hatte.

„Sie haben einen sehr neugierigen Mitarbeiter“, sagte Neher und bedachte Alfons mit einem strengen Blick. „Ich hoffe, es ist Ihnen klar, dass Sie niemandem erzählen dürfen, was Sie vorhin aufgeschnappt haben!“

Alfons sank ein wenig in sich zusammen, was Neher mit einem leichten Grinsen quittierte, bevor er sich wieder an Robert wandte.

„Ihnen, Herr Mondrian, hat er vermutlich inzwischen schon alles anvertraut.“

Robert hatte den Polizisten noch nie gesehen, aber Neher hatte anscheinend aus dem Namen des Buchladens und der Tatsache, dass er und Alfons die einzigen Anwesenden waren, gefolgert, wer er war. Er schätzte ihn auf fünfzig Jahre oder etwas älter, und sein Hochdeutsch war badisch gefärbt.

„Ja, das hat er“, gab Robert zu. „Aber wir werden es beide nicht weitersagen.“

„Das wäre gut.“ Neher machte eine Geste, die den ganzen Raum umfasste. „Eine schöne Buchhandlung haben Sie.“

„Danke.“

Robert nickte höflich, obwohl er lieber mit den Augen gerollt hätte: Small Talk, um für die anstehende Befragung eine lockere Atmosphäre zu schaffen – plumper hätte es der Kommissar nicht anstellen können. Aber solange Neher ihn für jemanden hielt, der seine Spielchen nicht durchschaute und keine Erfahrung im Umgang mit Ermittlern hatte, so lange würde er hoffentlich nicht übertrieben gründlich in seinem Vorleben herumstöbern. Und Robert setzte noch einen drauf, indem er ein weiteres Thema anschnitt, über das sich gut plaudern ließ.

„Sie sind nicht von hier, Herr Kommissar, richtig?“

„Oh, hört man mir das noch immer an?“

„Ja, aber das stört mich nicht. Ich stamme selbst auch aus dem Badischen, auch wenn ich mir den Akzent nach vielen Jahren im Ausland abtrainiert habe.“

„Im Ausland?“

„Na ja, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen.“

Er lachte, und Neher stimmte mit ein.

„Aber glauben Sie mir“, merkte der Kommissar an. »Das ist alles nichts gegen das Schwabenland! Als ich hier anfing, von Karlsruhe in die damalige Direktion Waiblingen wechselte und ein Stück weiter oben im Remstal eine Kripoaußenstelle übernahm … Das war am Anfang kein Zuckerschlecken. Seien Sie also froh, wenn Sie reines Hochdeutsch sprechen. Ihre schwäbischen Kunden werden es Ihnen danken.«

„Wir führen übrigens auch Kriminalromane“, sagte er.

Ein gequälter Zug legte sich auf Nehers Gesicht, und Robert lachte erneut.

„Nur die Klassiker“, schob er nach. „Und keine der Geschichten spielt hier in der Gegend, soweit ich weiß.“

Alfons setzte zu einer Ergänzung an, aber ein kurzer Seitenblick von Robert sorgte dafür, dass er den Mund ohne ein Wort wieder schloss.

„Freut mich zu hören“, versetzte Neher und tat, als habe er nichts bemerkt. »Wo man als Kommissar heute ja jederzeit darauf gefasst sein muss, selbst zur Romanfigur zu werden … Aber Sie werden vielleicht verstehen, dass ich privat kein großer Freund von Krimis bin – mir reicht das, was mir durch meinen Beruf begegnet.«

„Das kann ich mir vorstellen. Es war auch nicht meine Idee, Krimis mit ins Angebot aufzunehmen, aber mein Mitarbeiter hat mich überredet. Ich schätze eher klassische Romane, vor allem anspruchsvolle Liebesgeschichten – falls Sie da mal etwas suchen, berate ich Sie gern.“

„Gut zu wissen, Herr Mondrian. Im Moment würde mich jedoch vor allem interessieren, ob Ihnen heute am frühen Morgen irgendetwas aufgefallen ist, das uns weiterhilft.“

„Leider nicht“, antwortete er, und weil Nehers Augenbrauen hochgingen, als er so schnell verneint hatte, fügte er hinzu: „Alfons hat mir schon gesagt, dass Sie und Ihre Kollegen die Nachbarn befragen und dass es Ihnen um die Zeit zwischen drei und fünf Uhr heute früh geht. Und um diese Zeit habe ich noch geschlafen, leider nicht gut heute Nacht.“

„Macht Ihnen irgendetwas Sorgen?“

Neher beobachtete ihn genau.

„Nein“, versicherte Robert und schwindelte so beiläufig, wie er konnte: „Ich vertrage nur warme Nächte nicht so gut. Mein Haus ist schön, und ich genieße die Lage mitten in der Stadt, aber das Gebäude ist halt nicht das jüngste und entsprechend schlecht gedämmt. In einem Sommer wie diesem habe ich deshalb manchmal Albträume – mit der Folge, dass ich heute verschlafen habe und später als sonst in die Buchhandlung kam.“

„Das kann ich bezeugen, Herr Kommissar!“, meldete sich Alfons zu Wort, aber Neher beachtete ihn gar nicht.

„Wenn ich Albträume habe, wache ich nachts ab und zu auf“, hakte er ein. „Und Sie?“

„Manchmal, und heute Nacht auch – aber in den paar Minuten, in denen ich wach war, habe ich nichts gesehen oder gehört, was mit einem Mord zu tun haben könnte.“

„Na ja, ob es Mord war, muss sich erst noch herausstellen.“

Robert ließ ein kurzes Lächeln zu, und Neher erwiderte es und zuckte mit den Schultern.

„Gegen Morgen“, fuhr Robert fort, „war es mir zwar, als hätte ich den Schrei einer Frau gehört. Ich dachte, dass ich das geträumt habe, aber vielleicht war es auch die Nachbarin, die den Toten entdeckt hat. Jedenfalls hat mir mein Mitarbeiter erzählt, dass das eine Frau aus der Nachbarschaft war. Mehr habe ich leider nicht für Sie.“

Neher musterte ihn noch einen Moment, dann nickte er und reichte ihm seine Visitenkarte.

»Falls Ihnen noch was einfällt …«

 

Robert stellte seine Kaffeetasse neben der Kasse ab und sah den beiden Kommissaren nach. Sie steuerten das Café Journal an, um dort die Bedienungen zu befragen. Zwei uniformierte Polizisten klingelten an einem der benachbarten Häuser, wurden eingelassen und verschwanden im Gebäude. Kleinere Gruppen von älteren Leuten oder Müttern mit Kindern standen auf dem Marktplatz beisammen und tauschten sich über den frühmorgendlichen Vorfall aus. Und auch Robert dachte darüber nach, welche Folgen der Mord in unmittelbarer Nachbarschaft für ihn haben konnte.

Fast zwei Jahre lang hatte er nun in dieser Stadt eine fast idyllische Ruhe genießen dürfen, hatte sich ganz auf den Handel mit Büchern konzentrieren und sonst in den Tag hineinleben können. Geld musste er mit seinem Laden keines verdienen: Er hatte eine ansehnliche Abfindung bekommen, als er aus dem Dienst ausgeschieden war – und fast zur selben Zeit hatte obendrein eine Erbschaft seine Finanzen so deutlich aufgebessert, dass er sich bis auf Weiteres um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen machen musste. Er hatte ein ordentliches Sümmchen in die Übernahme der Buchhandlung und in den Umbau investiert, seither machte er in manchen Monaten leichte Verluste, in den meisten aber schaffte er eine schwarze Null oder einen bescheidenen Gewinn. Das führte dazu, dass seine finanziellen Reserven nicht abnahmen – einem befreundeten Banker in Berlin gelang es sogar immer wieder, einen Teilbetrag seines Geldes so vorteilhaft anzulegen, dass Roberts Vermögen unter dem Strich in bescheidenem Umfang anwuchs. Er selbst brauchte nicht viel. Einen guten Rotwein natürlich, etwas Vernünftiges zu essen und ab und zu eine Zigarre – mehr Luxus war nicht seine Sache. Er hatte erste Freundschaften geschlossen in Remslingen und Umgebung, hatte einige Lieblingslokale gefunden und schöne Plätze im Remstal und im Schwäbischen Wald – und er hatte sich verliebt, in seine Nachbarin Sonja, auch wenn sie davon nichts ahnte. Kurzum: Alles war so, wie er es sich vor zwei Jahren erträumt hatte – und wenn er eines Tages den Mut finden würde, sich mit Sonja zu einem Rendezvous zu verabreden, würde ihm sein neues Leben mehr bieten, als er je zu hoffen gewagt hatte. Ein Leben in Frieden. In einer festen Beziehung. In einem Beruf, der einem keine Geheimnisse selbst vor den engsten Freunden aufzwang. Und in dem alles, was man totschlagen musste, ab und zu ein langweiliger Tag war.

„Sonja ist übrigens völlig durch den Wind!“

Robert fuhr blitzschnell herum und baute sich für einen Moment mit leicht angewinkelten Knien und abwehrbereit vor Alfons auf, der ihn daraufhin ganz erschrocken ansah. Dass sein Mitarbeiter hinter ihm stand, hatte er ganz vergessen, und um die alten Reflexe ein wenig zu überspielen, räusperte er sich und tätschelte die Schultern des hageren Wuschelkopfs.

„Was hast du gerade gesagt?“, fragte er dann, ging langsam zur Kasse und hob die Tasse zum Mund.

»Ich … äh … Sie haben mich erschreckt, Chef!«

„Na, hör mal, Alfons, du magst doch Krimis, da wollte ich dir mal ein bisschen Action bieten – da es doch sonst bei uns so langweilig zugeht.“

»Ja, aber …«

„Nichts aber. Was hast du gerade gesagt? Es ging um Sonja, oder?“

»Ja, Sonja ist …«

Alfons blinzelte und schaute ihn prüfend an. Sein Chef wirkte nun wieder ganz lässig, geradezu gemütlich. Ein Lächeln lag auf seinem markanten Gesicht, und das weit fallende Shirt ließ nicht erkennen, ob Robert Mondrian durchtrainiert war oder einfach nur schlank. Er hatte breite Schultern, und die Armmuskeln, die jetzt ganz locker wirkten, hatten sich während der überraschend schnellen Drehung für kurze Zeit sehr eindrucksvoll unter der leicht gebräunten Haut abgezeichnet. Alfons war verwirrt.

„Jetzt red schon!“, forderte sein Chef ihn auf.

„Sonja ist ganz durch den Wind, habe ich gesagt.“

„Kein Wunder! Es liegt ja nicht jeden Morgen eine Leiche vor dem Hintereingang ihres Ladens.“

»Das auch, aber …« Alfons senkte seine Stimme wieder zu dem verschwörerischen Tonfall, mit dem er gern Informationen weitergab, die er selbst für aufregend hielt. „Diese Kommissare haben Sonja nicht wirklich als Zeugin oder als jemanden befragt, der ohne eigenes Zutun mit einem Mordopfer konfrontiert wurde.“

„Wie meinst du das?“

„Für mich hat sich das so angehört, als würde die Kripo Sonja zu den Tatverdächtigen zählen.“

„Echt?“

Alfons nickte eifrig, schon wieder glühend vor Aufregung.

„Ach, das bildest du dir sicher nur ein“, besänftigte ihn Robert. „Wie sollte die Kripo denn auf so was kommen?“

„Sie haben Sonja nach einem Alibi gefragt.“

„Na, danach haben sie doch alle gefragt – auch von mir wollten sie wissen, wo ich heute früh zwischen drei und fünf Uhr war und was ich gemacht habe. Von dir nicht?“

»Doch, das schon, aber …«

„Aber?“

„Sonja hat daraufhin nur rumgestammelt. Es hat ein bisschen gedauert, bis sie schließlich sagte, dass sie daheim im Bett gelegen und geschlafen habe.“

„Okay, sie wird nach der Aufregung um den Toten halt durcheinander gewesen sein, da braucht man schon mal länger für eine Antwort.“

„Ich hatte den Eindruck, dass die Kommissare ihr nicht glaubten.“

„Aber wieso sollte sie den Mann denn umbringen?“

„Er war einer ihrer Lieferanten.“

„Ja, und? Dann muss sie ihn doch nicht töten, sondern nur bezahlen.“

Robert klatschte Alfons mit seiner Hand auf die rechte Schulter und lachte. Sein Mitarbeiter blieb ernst.

„Vielleicht hat sie ihn schon länger nicht mehr bezahlt?“

Nun stutzte Robert doch.

„Wie kommst du darauf?“

„Eine Nachbarin hat das Gerücht gestreut, dass Sonja schon seit einiger Zeit ein bisschen knapp bei Kasse sei – keine Ahnung, ob das stimmt. Vielleicht musste gerade der Lieferant, der jetzt tot im Hof liegt, besonders lang auf sein Geld warten.“

„Jetzt hör aber auf, Alfons! Vielleicht solltest du weniger Krimis lesen.“

„Ich zähle nur eins und eins zusammen, und das macht die Kripo auch. Denen kommen solche Gerüchte natürlich ebenfalls zu Ohren. Und wissen Sie, Chef, was das für eine Sorte Apfel war, mit der der Lieferant vergiftet wurde?“

„Keine Ahnung.“

»Die Sorte heißt ›Schöner von Winsley‹ …«

Alfons setzte dazu eine sehr geheimnisvolle Miene auf.

„Das klingt für mich eher wie der Name eines Rassehundes oder eines Rennpferdes“, brummte Robert.

„Aber, Chef, das ist eine ganz seltene Apfelsorte! Ich hab das gleich gegoogelt, nachdem die Kripo Sonja den angebissenen Apfel gezeigt und sie daraufhin sofort den Namen der Sorte genannt hatte.“ Alfons schloss die Augen und referierte aus dem Gedächtnis, was er im Internet dazu gefunden hatte: „Erntereif ab Mitte Juli, eine englische Züchtung, eng verwandt mit dem ›Schönen aus Bath‹. Wird selten im Handel angeboten, weil er sehr frisch verkauft werden muss.“

„Wieder was gelernt, danke. Und?“

»Sonja hat der Kripo erzählt, dass sie die einzige Händlerin im ganzen Rems-Murr-Kreis ist, die diese Sorte führt. Natürlich nur, wenn sie frisch geerntet wird – also von Mitte Juli bis Anfang August –, weil sich der Apfel ja nicht lange hält, wie ich schon …«

„Bitte, Alfons, komm endlich auf den Punkt!“

»Und Sonjas Lieferant wiederum ist der einzige Großhändler, der den Apfel im Angebot …«

„Alfons!“

Robert war nun etwas lauter geworden, und sein Mitarbeiter sah ihn fragend an.

„Aber, Chef, ich muss Ihnen doch erklären, warum die Kripo meiner Meinung nach glaubt, dass Sonja als Mörderin infrage kommt.“

„Musst du mir dazu wirklich einen pomologischen Vortrag halten?“

Alfons lächelte.

»Pomologisch, genau, Chef, so heißt das … Aber jetzt mal im Ernst, nur Sonja führt hier in der Gegend diese Apfelsorte, nur dieser eine Lieferant bietet die Sorte an, und jetzt ist er tot – gestorben an einem vergifteten Apfel von genau jener Sorte –, da würde ich als Kripokommissar auch stutzig werden!«

„Mich dagegen würde eher stutzig machen, dass Sonja ausgerechnet einen Apfel als Tatwaffe präpariert haben soll, der eine Spur zu ihr legt.“

Alfons runzelte die Stirn, man konnte fast sehen, wie es dahinter arbeitete.

„Hm“, machte er nach kurzem Sinnieren. »Hm … stimmt eigentlich, Chef.«

„Na, siehst du? Also wird die Kripo einfach ihrer Arbeit nachgehen, sie wird den Mörder dingfest machen, und Sonja kann in aller Ruhe weiter ihr Obst und Gemüse verkaufen.“

Erst wirkte Alfons erleichtert, dann verzog sich sein Gesicht zu einer betrübten Miene.

„Was ist denn noch?“, fragte Robert deshalb.

„Dieser Kommissar Neher bat Sonja am Ende der Befragung, vorerst nicht wegzufahren – oder, falls es sich gar nicht vermeiden ließe, ihm vorher Bescheid zu geben.“

Robert hob eine Augenbraue.

„Das klingt nicht gut, Chef, oder?“

„Nein.“

 

Robert zögerte lange, zu seiner Nachbarin zu gehen. Und dass er nach fast einer Stunde doch noch all seinen Mut zusammennahm, hatte auch mit einer Frau zu tun, die in diesem Moment mühsam über das Kopfsteinpflaster auf seine Buchhandlung zustöckelte. Selina Brand war eine nette und attraktive Frau, aber mit dem Nippes, den sie ihm als vermeintliche Umsatzbringer für seinen Laden aufschwatzen wollte, trieb sie ihn jedes Mal fast in den Wahnsinn. Also huschte er aus der Tür, als sie gerade einige besonders tückische Pflastersteine direkt vor sich musterte, und verschwand mit einigen schnellen Schritten aus ihrem Blickfeld. Er lehnte sich hinter der Hausecke gegen die Wand und lauschte, ob sie ihn entdeckt und seine Verfolgung aufgenommen hatte, aber stattdessen hörte er, wie sich ihre Schritte in ungleichmäßigem Rhythmus entfernten, und schließlich die altmodische Türglocke seines Ladens. Leise atmete Robert auf, dann erst bemerkte er, dass direkt neben ihm seine Nachbarin Sonja an der Hauswand lehnte.

„Na, liegt vor Ihrer Buchhandlung auch eine Leiche?“

Sonjas rauchige Stimme ging ihm immer unter die Haut, aber jetzt brachte sie ihn obendrein aus dem Tritt, weil er sich erst noch kurz hatte sammeln wollen, bevor er das Gespräch mit ihr eröffnete. Das hatte sich nun erledigt.

»Nein, ich … äh …«

Langsam wandte er vollends den Blick zu ihr und lächelte scheu. Sonja erwiderte sein Lächeln wie gewohnt mit einem halb spöttischen, halb neckischen Grinsen. Sie hielt eine brennende Zigarette in der linken Hand und deutete damit nun auf die Kriminaltechniker in ihren weißen Ganzkörperanzügen, die im Hof nach wie vor Spuren sicherten, Nummerntäfelchen aufstellten und Fotos schossen. Die Leiche war weg, Kreidestriche markierten die Umrisse vor der Hintertür von Sonjas Laden, und als Robert zur Oberen Sackgasse blickte, konnte er gerade noch sehen, wie das Heck eines Leichenwagens hinter dem nächsten Gebäude verschwand.

„Heute werde ich nicht mehr viel Obst verkaufen. Das zieht sich ganz schön hin mit der Untersuchung“, knurrte sie und führte die Zigarette wieder zum Mund.

Robert hatte kein Auge für die Kriminaltechniker. Er sah nur die schlanken Finger der Frau neben sich, die vollen Lippen, die sich ein wenig öffneten, und den Zigarettenfilter, der teilweise dazwischen verschwand. Ihre Wangen und ihr Hals spannten sich ein wenig an, als sie an der Zigarette zog, gleich darauf stieß sie eine kleine Rauchwolke aus. Robert schluckte trocken, und als daraufhin erneut ein leichtes Grinsen um Sonjas Mund spielte, beeilte er sich, nun doch zu den Spurensicherern hinüberzuschauen. Aus den Augenwinkeln konnte er beobachten, dass sie ihn einen Moment lang nachdenklich musterte, bevor auch sie wieder nach vorne sah.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie rauchen, Sonja“, brachte er nach einer kurzen Pause hervor.

„Nur, wenn eine Leiche hinter meinem Laden liegt“, versetzte sie trocken und ließ ein heiseres Lachen hören, das schnell in einen Hustenanfall überging. Schließlich schnippte sie die Kippe auf den Boden und trat die Glut aus. „Und auch dann sollte ich es wohl lieber lassen.“

Sie sah ihn an.

„Sie rauchen nicht, Robert?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Eigentlich?“

Er grinste.

„Na ja, ab und zu mal eine Siegerzigarre, sonst nichts.“

„Eine Siegerzigarre?“

„Kennen Sie das nicht? Ich weiß gar nicht mehr, aus welcher Sportart ich mir das geborgt habe. Ich glaube, amerikanische Baseball- oder Basketballprofis haben das früher zelebriert. Wer Meister wurde oder sonst was Tolles zuwege brachte, steckte sich eine dicke Zigarre an.“

„Und zu welchen Anlässen stecken Sie sich eine an?“

Er ging das letzte Dutzend Zigarren durch – die ersten zehn hatten mit erfolgreich abgeschlossenen Aufträgen zu tun, über die er nicht reden wollte. Die jüngste hatte er sich gegönnt, nachdem er die ersten Worte mit Sonja gewechselt hatte – auch nicht das passende Beispiel für diese Unterhaltung. Also hielt er sich an Nummer elf.

„Eine habe ich geraucht, als die Einweihungsparty meines Buchladens so gut gelaufen war.“

Sie lächelte.

„Ja, das war ein schöner Abend, da haben Sie recht. Volle Bude, leckere Häppchen, kühles Bier und kräftiger Rotwein, Sie hatten keinen schlechten Einstand in Remslingen.“

„Finde ich auch.“

„Und wie läuft’s seither? Sind Sie zufrieden?“

„Ja, durchaus.“

Ihr kehliges Lachen ließ ihn den Kopf drehen.

„Na ja, als Kaufmann müssen Sie aber noch dazulernen“, sagte sie.

„Wieso das?“

»Kennen Sie nicht die erste Regel für einen erfolgreichen Kaufmann? ›Lerne klagen, ohne zu leiden.‹ …«

„Ich werd’s mir merken, aber ganz ehrlich, ich komme zurecht.“

„Freut mich. Eine Freundin von mir hatte eine Buchhandlung ein Stück das Remstal hinauf – vor drei Jahren hat sie aufgegeben.“

„Tut mir leid. Aber es stimmt natürlich, große Sprünge sind nicht drin, das Gehalt von Alfons kann ich mir gerade so leisten, und ich persönlich brauche nicht viel.“

Sonja zwinkerte ihm zu.

„Na, geht doch!“

„Was?“

„Das mit der Kaufmannsregel.“

Sie grinsten, dann wurden beide wieder ernst. Robert überlegte, wie er am besten auf das Thema zu sprechen kommen konnte, das ihn hierhergetrieben hatte. Ihm kam nichts Originelles in den Sinn, deswegen fiel er einfach mit der Tür ins Haus.

„Alfons hat mir erzählt, dass die Kripo Sie nach einem Alibi gefragt hat und dass der Kommissar seiner Meinung nach Sie für eine der Tatverdächtigen hält.“

Sonja nickte und blickte nun sehr betrübt drein.

„Aber da müssen Sie sich keine Sorgen machen, Sonja“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Die Kripo hält anfangs doch erst einmal alle für verdächtig. Dem Kommissar muss eigentlich klar sein, dass er da auf dem Holzweg ist.“

»Eigentlich … so, wie Sie eigentlich nicht rauchen, Robert?«

Er räusperte sich, und sie fuhr nach einem tiefen Seufzer fort:

„Dem Kommissar habe ich wohl zu lange für meine Antwort gebraucht. Und dann kann halt auch niemand bezeugen, dass ich tatsächlich im Bett lag und schlief, als Helmut vor der Hintertür meines Ladens starb.“

„Helmut?“, platzte Robert heraus, und er bereute seine unbedachte Frage sofort.

Aber Sonja lächelte nur nachsichtig.

„Helmut Sichler, mein Lieferant, das Mordopfer. Wir kannten uns schon länger und früher mal auch etwas näher, wenn ich es mal so ausdrücken darf.“

„Entschuldigen Sie bitte“, fügte er schnell hinzu. „Das geht mich natürlich auch gar nichts an.“

„Kein Problem, Robert. Wir nennen uns ja auch beim Vornamen. Ich mach das mit allen so, mit denen ich regelmäßig zu tun habe.“

Wie sie das so leichthin aussprach, versetzte es ihm doch einen kleinen Stich, obwohl er als bloßer Nachbar, mit dem sie offenbar nichts weiter im Sinn hatte, natürlich keinerlei Rechte anmelden durfte.

„Und als er tot aufgefunden wurde, war ich auch noch nicht im Laden gewesen. Von meiner Wohnung in der Winnender Straße sind es mit dem Rad nur ein paar Minuten, da gehe ich selten früher als halb acht los. Als mich die Polizei verständigte, war ich noch gar nicht richtig wach. Ich bin sofort aus dem Bett gesprungen, bin ungeduscht in die Kleider geschlüpft, nicht mal für einen Kaffee hat es gereicht.“

Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu.

»Ich hoffe, man merkt mir die fehlende Dusche nicht allzu sehr an …«

Robert schnupperte. Der blumige Duft, der sie sonst umwehte, fehlte – das war sonst wohl auf ihr Shampoo oder Duschgel zurückzuführen. Aber sie roch auch heute so unglaublich gut, dass Robert Mühe hatte, die Bilder vor seinem inneren Auge zu verscheuchen … die aus dem Bett schlüpfende nackte Frau, ihre anmutigen Bewegungen, ihr von der warmen Julinacht aufgeheizter Körper. Er räusperte sich erneut und rief sich in Gedanken zur Ordnung. Dann bemerkte er, dass Sonja ihn ansah, ein bisschen verwundert, ein bisschen amüsiert.

»Äh … nein, keine Sorge«, presste er hervor und hoffte inständig, dass er nicht so rot wurde, wie es sich in diesem Moment anfühlte.

Sie lächelte ihn an, und seine Wangen brannten noch eine Spur heißer.

„Aber was den Kaffee angeht, da kann ich helfen“, kam ihm schließlich die rettende Idee, und schon sprudelte er los: »Mit Milch? Etwas Zucker? Cappuccino, Latte macchiato, Espresso? Meine Maschine in der Buchhandlung kann alles. Ich kann Ihnen den Kaffee bringen, oder Sie kommen mit und machen es sich eine Zeit lang in unserer Leseecke bequem und …«

Sonjas belustigter Blick blieb noch kurz auf ihn gerichtet, dann stieß sie sich von der Hauswand ab.

„Wissen Sie, was, Robert? Ich nehme Ihr Angebot einfach an. Hier braucht mich einstweilen eh keiner.“

Sie ging die paar Schritte bis zu dem Kriminaltechniker, der ihr am nächsten war, und sagte ihm, wohin sie jetzt zu gehen gedenke. Der Mann sah sie irritiert an.

„Kollege Neher hat Ihre Handynummer?“, fragte er sie.

„Ja.“

„Dachte ich mir. Sie müssen sich nicht bei uns abmelden. Es wäre nur gut, wenn Sie für ihn erreichbar bleiben könnten.“

„Und Sie ziehen einfach die Haustür hinter sich zu, wenn Sie im Treppenhaus fertig sind, ja?“

„Ich fürchte, das wird noch ein Weilchen dauern.“

 

Claas Michelsen zitterte ein wenig, als er das Telefonat beendete. Ein vergifteter Apfel. Eine Leiche mitten in der Altstadt von Remslingen. Sofort reihten sich erste Assoziationen aneinander, vor seinem geistigen Auge nahmen Schlagzeilen Form an, und die ersten Sätze hatte er in Gedanken schon formuliert, noch bevor er überhaupt wusste, was genau geschehen war. Zwei Telefonate und eine halbstündige Internetrecherche später hatte er genug Details beisammen, um den Chefredakteur der Stuttgarter Ausgabe des Boulevardblatts anzurufen. Der hörte in seinem Büro mit Blick aufs Esslinger Neckarufer erst ruhig zu, bevor es ihm dann doch zu bunt wurde.

„Schneewittchen?“, donnerte Horst Günther in den Hörer, und Michelsen konnte fast vor sich sehen, wie Günthers Wampe vor Empörung zitterte. Wegen seiner stark untersetzten Figur wurde er hinter vorgehaltener Hand meist nur „Napoleon“ genannt – aber auch sein harscher Umgangston und seine rücksichtslose Art wurden dem Spitznamen gerecht. „Sind Sie jetzt vollends durchgeknallt, Michelsen? Schreiben Sie das meinetwegen in Ihrem schrägen Newsblog, aber so etwas kommt mir nicht in mein Blatt! Verstanden?“

Das Gespräch war schneller weggedrückt, als Michelsen zu einer Erwiderung ansetzen konnte. Nun war guter Rat teuer. Er arbeitete seit vielen Jahren als freier Journalist, aber in einer seriösen Tageszeitung hatte er seit einigen Konzertberichten während seiner Schulzeit nichts mehr untergebracht. Zu Radio und Fernsehen hatte er keine Kontakte, und für seinen Blog, der bisher keinen einzigen Euro an Werbeeinnahmen eingespielt hatte, war ihm diese Geschichte zu schade. Also beschloss er, einstweilen weiterzurecherchieren. Vielleicht würde sich noch etwas ergeben, das ihm doch noch einen zahlenden Kunden bescherte.

 

„Napoleon“ ging unterdessen dem Hinweis des windigen freien Mitarbeiters nach. Der Kripobeamte, mit dem er sich gut verstand, fragte zwar erstaunt, woher Günther denn schon von der Geschichte wisse, aber letztlich bestätigte er ihm, dass heute am frühen Morgen unweit des Remslinger Marktplatzes eine männliche Leiche aufgefunden worden war. Mehr Details gab er nicht preis, wies aber darauf hin, dass Journalisten demnächst für vier Uhr zu einer Pressekonferenz im Gebäude der Kripodirektion am Alten Postplatz eingeladen würden. Er überprüfte, wer Zeit hatte, für sein Blatt dorthin zu gehen, aber bis auf zwei eher nicht so rührige Kollegen schien niemand verfügbar. Günther seufzte, dann brüllte er: „Sissi!“

Seine Sekretärin hatte ihn natürlich selbst durch die geschlossene Tür gehört, und an der Tatsache, dass er ihr denselben Rufnamen verpasst hatte wie all ihren Vorgängerinnen, störte sie sich längst nicht mehr.

„Rufen Sie diesen depperten Michelsen an“, befahl er, als sie in der halb geöffneten Tür stand. „Quetschen Sie ihn ein bisschen aus, und wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass er diesmal wirklich Ahnung von der Story hat, die er mir andrehen will, dann geben Sie ihm in Gottes Namen den Auftrag. Er soll um vier Uhr zur Pressekonferenz, Remslingen, Kripodirektion. Und zwei Stunden später will ich eine Geschichte im System haben, die knallt, verstanden?“

 

Pünktlich zum Ladenschluss trug Alfons den Käfig mit den beiden nervigen Kakadus Sherlock und Watson hinaus und setzte ihn auf den kleinen Bollerwagen, auf dem tagsüber ein Werbeaufsteller für das Buchthema des Monats montiert war – im Moment für Walter Scotts Ivanhoe, der vor zweihundert Jahren erschienen war. Den Bollerwagen hatte Alfons angeschafft, nachdem er seinen Chef überredet hatte, die Vögel während seiner Arbeitszeit in der Buchhandlung halten zu dürfen. Der Wagen hatte Gummireifen, aber selbst das Rumpeln metallbeschlagener Holzräder auf dem Marktplatzpflaster hätte niemand gehört: Die Kakadus krächzten und kreischten putzmunter in alle Richtungen, und der eine oder andere Passant, der die werktägliche Prozession des hageren Wuschelkopfs und seiner zwei Vögel schon kannte, machte sich einen Spaß daraus, den Vögeln Geräusche vorzumachen, die sie auch prompt mit großer Begeisterung (und noch größerer Lautstärke) nachahmten. Es dauerte jedes Mal fast zehn Minuten, bis die beiden von der Buchhandlung aus nicht mehr zu hören waren. Und wenn Robert sich ausmalte, wie Alfons seine zweischnäblige Geräuschmaschine die schmale Gasse zum Bädertörle auf die Remsauen hinunterzog und unterwegs die Gäste des spanischen Lokals und die Flaneure im Park beschallte, musste er schmunzeln.

Eines Morgens vor etwa einem Jahr hatte der Käfig mit den Kakadus vor der Wohnungstür von Alfons gestanden. Niemand hatte gesehen, wer die Viecher dort abgestellt hatte, und angeblich wusste niemand, wem sie gehörten. Ebenso angeblich suchte Alfons händeringend nach dem Besitzer oder wenigstens nach einem Platz in einem geeigneten Tierheim – doch Robert wusste längst, dass Alfons sich an die beiden Vögel gewöhnt hatte und sie so schnell nicht wieder hergeben würde. Nicht ohne Grund hatte er den beiden Namen gegeben, die nur ein Krimifreak wie er für zwei Kakadus auswählen konnte. Ab und zu ermahnte Robert seinen Mitarbeiter, dass die lauten Vögel nicht für immer tagsüber im Buchladen bleiben konnten. Aber wann immer Alfons versprach, sich eine Lösung für das Problem zu überlegen, war es eine glatte Lüge.

Robert winkte noch zwei Bekannten zu, die gerade die Obere Sackgasse heraufschlenderten und offenbar wie gewohnt zu einem der drei italienischen Restaurants unterwegs waren, die an der nordöstlichen Ecke des Marktplatzes direkt nebeneinander um Gäste warben. Dann schloss er die Ladentür und räumte noch ein paar Bücher zurück in die Regale.

Schließlich ging er in die Wohnung hinauf, öffnete die Fenster, um vor der kommenden Nacht wenigstens einen Teil der Tageshitze aus den Räumen zu vertreiben. Anschließend duschte er, zog sich eine Jeans und ein ausgeleiertes Shirt an und verließ das Haus durch die Hintertür. Die meisten Kriminaltechniker waren gegangen, nur eine Frau und ein Mann sicherten noch immer unverdrossen Spuren. Sie schauten kurz auf, als er in einigen Metern Entfernung an ihnen vorbeiging. Er grüßte, doch die beiden hatten für ihn nur ein kurzes Nicken als stumme Erwiderung übrig und konzentrierten sich gleich wieder auf ihre Arbeit.

Die Luft war noch recht warm, und mehr als eine behäbige Brise strich nicht über den Marktplatz. Im Thai-Imbiss in der Kurzen Straße musste er gar nicht erst bestellen. Als die Wirtin ihn hereinkommen sah, verschwand sie sofort in ihrer engen Küchenecke, und bald darauf ließ er sich die große Schüssel Tom Yam Gung schmecken: Garnelen, Pilze, Galgant, Zitronengras in scharfer Brühe, dazu eiskalte Cola. Kühler war ihm danach nicht, als er wieder auf die Straße trat, aber nun hatte er die richtige Grundlage für seine nächste Station.

Richie McCafferty, der Wirt des Scottish Pub nahe des Beinsteiner Tors, blickte mürrisch drein, als sein neuer Gast die Tür hinter sich schloss. Doch Robert wusste ihn zu nehmen, und weil sich im Sommer der ganze Trubel auf die Terrasse konzentrierte, die Richie neben sein Haus gebaut hatte, waren sie an warmen Tagen wie diesem im schummrigen Gastraum meist unter sich. Nachdem die Bestellung für draußen erledigt war, füllte Richie zwei Glaskrüge mit schwarzem Bier. Robert sah ihm dabei gern zu. Richie stammte aus Dunfermline, und mehr noch als dem übrigen Schottland fühlte er sich dem „Kingdom of Fife“ verbunden, wie er die oberhalb von Edinburgh gelegene Region an der schottischen Westküste am liebsten nannte. Das hieß: Aus den Boxen krachte immer zur vollen Stunde ein Klassiker der Hardrockband Nazareth, die ebenfalls aus Dunfermline stammte – wobei Richie immer Unverständliches in seinen struppigen grauen Bart murmelte, wenn er danach gefragt wurde, ob er mit dem Nazareth-Sänger Dan McCafferty verwandt sei. Und das Bier, das er offen ausschenkte, stammte von einer dortigen Brauerei. Die hatte ihm sogar eine echte schottische Zapfanlage vermittelt, mit der er das Bier von Hand aus dem Fass ins Glas pumpte, was dem Getränk etwas weniger Kohlensäure mitgab als in Deutschland üblich.

„Was ist mit dir, Richie?“, fragte Robert, als sie beieinandersaßen und ihre Glaskrüge zur Hälfte geleert hatten.

„Was soll sein?“

„Du scheinst nicht besonders gut drauf zu sein.“

Der Wirt zuckte mit den Schultern.

„Ich bin müde. Seit ein paar Wochen schlafe ich schlecht, und dann stromere ich in der Wohnung rum, lehne stundenlang an der Fensterbank oder drehe auch mal eine Runde durch die Stadt. Ist echt Mist, wenn du todmüde bist und trotzdem nicht schlafen kannst!“

Er prostete Robert zu und leerte seinen Bierkrug.

„Warst du heute Nacht auch in der Stadt unterwegs?“, fragte Robert möglichst beiläufig und hob ebenfalls sein Glas, ließ Richie dabei aber nicht aus den Augen.

„Nein, heute Nacht nicht. Du fragst wegen der Sache gleich bei dir ums Eck, wegen der Leiche hinterm Obstladen, oder?“

„Ja. Schade, hätte ja sein können, dass du zufällig was beobachtet hast.“

„Hab ich auch, aber nichts Spannendes, leider.“

„Und was?“

„Ich stand eine Weile am Fenster und hab rausgeschaut. Ein Penner ist rübergeschlurft zur Storcheninsel. Zwei Besoffene haben sich eingesaut, als sie versucht haben, ans Beinsteiner Tor zu pinkeln. Und ein Lieferwagen ist durchs Tor gefahren und die Lange Straße hinaufgerumpelt.“

„Was für ein Lieferwagen?“

„So ein alter Göppel, den sehe ich immer wieder hier durchfahren. Überall verbeult, zieht eine ziemliche Abgaswolke hinter sich her, und rundum sind verblasste Zeichnungen von Obst und Gemüse auflackiert.“

„Könnte das der Wagen von Sonjas Lieferanten gewesen sein?“

»Von Sonja Fischer? Ach so … stimmt, ja«, brummte Richie und stutzte. „Der Tote im Hof war einer ihrer Lieferanten, oder?“

Robert nickte und trank sein Glas leer.

„Mann! Dann war ich womöglich der Letzte, der diesen Typen lebend gesehen hat!“

»Na ja, von seinem Mörder abgesehen – oder von seiner Mörderin …«

»Natürlich, klar. Aber … was meinst du mit ›Mörderin‹? Du hast das gerade so seltsam betont.«

„Die Kripo verdächtigt unter anderem auch Sonja.“

Richie riss die Augen auf, er starrte Robert an, und dann legte sich langsam ein breites Grinsen auf sein verwittertes Gesicht.

„Und das macht dir zu schaffen, weil du ein Auge auf die gut aussehende Obstverkäuferin geworfen hast, stimmt’s?“

Robert schwieg.

„Natürlich stimmt’s“, gab Richie sich die Antwort gleich selbst. „Glaubst du, ich habe vergessen, wie du mir hier vor ein paar Monaten am Ende eines durstigen Abends von dieser Frau vorgeschwärmt hast? Und auch wenn sie nicht ganz nach meinem Geschmack ist, weil ich es gern etwas fülliger mag, gebe ich zu, dass sie sehr gut aussieht, und nett ist sie obendrein. Das Einzige, was ich an der ganzen Sache nicht verstehe, ist, dass du es ihr noch nicht gesagt hast. Du siehst doch auch nicht schlecht aus, Mann, ihr wärt auf jeden Fall ein schönes Paar.“

Richie lachte heiser, ging mit den beiden leeren Gläsern zum Tresen und kehrte mit zwei gefüllten Krügen zurück.

„Trink, mein Freund. Vielleicht traust du dich dann sogar heute Abend noch, der schönen Sonja reinen Wein einzuschenken.“

Aus den Lautsprechern krähte Dan McCafferty Love hurts; es war punkt zehn.

„Oder vielleicht lieber morgen“, fügte Richie hinzu.

Sie stießen an und tranken. Richie wischte sich den Mund mit dem Ärmel seines fleckigen Shirts trocken. Danach musterte er seinen Gast eine kleine Weile.

„Du siehst aus, als würdest du dir eher überlegen, wie du deiner Sonja helfen kannst. Als würdest du nach Infos suchen, die sie entlasten. Warst du früher mal Bulle oder so was?“

Robert blinzelte und sah ihn forschend an.

Richie winkte ab und lachte.

„Keine Angst, du hast mir hier im Pub niemals etwas in dieser Richtung erzählt, auch nicht an Abenden, an denen du mit ordentlicher Schlagseite hier raus bist.“

Der Wirt zwinkerte ihm zu.

„Muss ja ganz was Spannendes gewesen sein, wenn du so ein Geheimnis draus machst, Mann. Aber keine Sorge, ich bohre nicht nach, ich lass dich in Ruhe, und jetzt habe ich nur noch eine Frage. Magst du was essen? Ich habe heute ganz frisch Haggis gemacht. Und wenn du nur einen Snack magst, Schottische Eier habe ich auch.“

Robert lehnte mit gespieltem Bedauern ab. Er hatte vor Jahren einmal in einer kleinen Kneipe ein paar Kilometer von Richies Heimatstadt Dunfermline entfernt Haggis gegessen und das etwas seltsame Gericht durchaus gemocht. Aber Richie war ein so lausiger Koch, dass ihm sogar die Schottischen Eier jedes Mal missrieten. Dabei war es eigentlich keine große Kunst, hart gekochte Eier mit Wurstbrät zu umgeben, die so entstandene Kugel mit Brotkrümeln zu panieren und sie in der Fritteuse kurz auszubacken.

Durchs offene Fenster waren Rufe zu hören. Richie ging zum Tresen, zapfte ein paar Bier und trug sie auf die Terrasse hinaus. Den Rest des Abends saß Robert stumm und allein an seinem Tisch. Richie hatte zu tun, holte sich irgendwann zwischendurch einen gut gefüllten Teller zum Tresen – der Geruch, den das Essen darauf verströmte, bestätigte den schlechten Ruf des Wirtes als Koch sehr eindringlich. Um elf Uhr rockten Nazareth Hard Living, und als um Mitternacht Steamroller folgte, winkte Robert dem Wirt zu, dass er nun zahlen wolle.

„Wirklich schade, dass du heute Nacht weiter nichts gesehen hast“, sagte er.

„Andererseits bedeutet das für deine Sonja ja eher etwas Gutes“, versetzte Richie und steckte sein gut gefülltes Portemonnaie wieder weg. „Wann immer ich sie morgens zu ihrem Laden oder abends nach Hause radeln sehe, kommt sie hier an meinem Pub vorbei. Manchmal schneit sie auf ein, zwei Pint herein, manchmal winkt sie mir nur zu. Und wenn hier eine Band spielt, fehlt sie selten.“

„Sie wohnt in der Winnender Straße, da führt der direkte Weg mit dem Rad natürlich bei dir vorbei. Und heute früh hast du sie nicht gesehen?“

„Nein, heute nicht. Ich bin allerdings gegen halb sieben wieder ins Bett und hab tatsächlich noch zwei, drei Stunden schlafen können. Ob sie zu ihrer üblichen Zeit am Pub vorbeikam, kurz nach halb acht, weiß ich daher nicht.“

Robert wirkte enttäuscht, deshalb musste Richie deutlicher werden.

„Hast du mich denn nicht verstanden? Wenn ich gesehen habe, wie der Lieferant die Lange Straße entlanggefahren ist, aber Sonja weder in der Stunde davor noch in der danach hier vorbeikam, ist es doch eher unwahrscheinlich, dass sie dort war, wo schließlich der tote Lieferant aufgefunden wurde, richtig?“

Robert dachte nach.

„Wann genau soll der Lieferant denn gestorben sein?“, hakte Richie nach.

„Das weiß ich nicht. Und weil Gift im Spiel war, ich aber keine Ahnung habe, um welches es sich handelt, weiß ich auch nicht, ob der Lieferant im Hof zwischen Sonjas Laden und meinem Haus vergiftet wurde oder ob das schon vorher passiert ist. Die Polizei fragt die Leute jedenfalls immer nach dem Zeitraum von drei bis fünf Uhr heute früh.“

„Leider habe ich nicht auf die Uhr geschaut, als der Lieferwagen vor meinem Haus vorbeigefahren ist, aber das müsste schon so ungefähr in dieser Zeit gewesen sein. Und wie gesagt, da war in der Langen Straße keine Sonja weit und breit zu sehen.“

„Sie könnte heute früh einen anderen Weg genommen haben.“

„Und warum sollte sie das tun? Jede andere Strecke wäre doch ein Umweg!“

„Vielleicht wollte sie nicht, dass du sie bemerkst. Sie weiß doch sicher, dass du sie oft vorbeifahren siehst.“

„Ja, natürlich weiß sie das. Ich stalke sie ja nicht, sondern sehe sie eben zufällig, wenn ich mal am Fenster stehe oder vor dem Haus zu tun habe oder den Pub lüfte.“

„Wenn sie unbemerkt zu ihrem Laden gelangen wollte, hätte sie durchaus einen Grund gehabt, einen Umweg in Kauf zu nehmen.“

„Sag mal, Robert, was bist du denn für ein schräger Verehrer? Du stehst auf die Frau, und jetzt suchst du Gründe, die sie noch verdächtiger machen würden?“

„Das sind nur Gedankenspiele, Richie. Ich halte sie für unschuldig, aber das kann ich nicht mit Vermutungen belegen, die mir jeder Kommissar ohne große Mühe um die Ohren hauen würde.“

Themenspecial
30. Oktober 2020
Mehr Zeit zum Lesen
Warum wir wieder mehr lesen sollten: Hier gibt es Buchtipps als Alternative zu Netflix und Co.