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Ink Blood Mirror Magic

Emma Törzs
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Roman

„Emma Törzs ist eine starke neue Stimme im Chor der jungen Fantasy-Autorinnen.“ - phantastisch!

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Ink Blood Mirror Magic — Inhalt

Bücher, in Blut geschrieben. Spiegel, durch die mysteriöse Verfolger jeden Schritt beobachten. Und eine magische Bibliothek voller Geheimnisse.

Seit Generationen hütet die Familie Kalotay eine Sammlung alter und seltener Bücher. Bücher, mit denen man Magie wirken kann – vorausgesetzt, man zahlt den Preis in Blut. Ein solches Buch hat Abe Kalotay das Leben gekostet, und seine Tochter Joanna setzt alles daran, herauszufinden, warum. Als ihre Halbschwester Esther von Unbekannten bedroht wird, müssen die beiden entfremdeten Schwestern wieder zueinander finden, um sich einem mysteriösen Feind in den Weg zu stellen. Doch dieser schreckt vor nichts zurück, um Abes Buch zu stehlen – nicht einmal vor Mord.

„Einfach ein Genuss von Anfang bis Ende.“ The New York Times

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 28.09.2023
Übersetzt von: Diana Bürgel
560 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-70657-5
Download Cover
€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 28.09.2023
Übersetzt von: Diana Bürgel
560 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60499-4
Download Cover

Leseprobe zu „Ink Blood Mirror Magic“

Eins


Esther konnte nicht fassen, wie blau der sonnenhelle Himmel war.

Es war ein vielschichtiges Blau, beinahe weiß am verschneiten Horizont, doch je weiter sie den Blick hob, desto dunkler wurde es: vom blassen Hellblau eines Rotkehlcheneis über Coelinblau bis hin zu einem ruhigen, leuchtenden Azur. Das arktische Eis war blendend hell, und die vereinzelten Nebengebäude, die Esther durch ihr schmales Zimmerfenster sehen konnte, warfen lange indigoblaue Schatten über die weißen Spurrillen der Straße. Alles schimmerte. Es war 8 Uhr am Abend und kein [...]

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Eins


Esther konnte nicht fassen, wie blau der sonnenhelle Himmel war.

Es war ein vielschichtiges Blau, beinahe weiß am verschneiten Horizont, doch je weiter sie den Blick hob, desto dunkler wurde es: vom blassen Hellblau eines Rotkehlcheneis über Coelinblau bis hin zu einem ruhigen, leuchtenden Azur. Das arktische Eis war blendend hell, und die vereinzelten Nebengebäude, die Esther durch ihr schmales Zimmerfenster sehen konnte, warfen lange indigoblaue Schatten über die weißen Spurrillen der Straße. Alles schimmerte. Es war 8 Uhr am Abend und kein bisschen dunkler als um 8 Uhr an diesem Morgen.

»´tschuldigung«, sagte Pearl und stieß sie mit der Hüfte beiseite, damit sie ein Stück zurechtgeschnittenen Karton in den Fensterrahmen klemmen konnte. Esther ließ sich auf ihr ungemachtes Bett zurückfallen, stützte sich auf die Ellbogen und sah Pearl zu, die sich über den winzigen, überfüllten Schreibtisch beugte, um das Fenster zu erreichen.

„Wenn du mir vor zwei Wochen gesagt hättest, dass ich die Sonne aussperren würde, sobald sie wieder auftaucht, hätte ich dich gründlich ausgelacht“, erklärte Esther.

Mit den Zähnen riss Pearl ein Stück Klebeband ab. „Tja, aber vor zwei Wochen konntest du auch noch die Nacht durchschlafen. Sag nicht, dass die Dunkelheit dir nichts zu bieten hatte.“ Sie klebte den Karton fest. „Oder ich.“

„Danke, Dunkelheit, und danke, Pearl“, erwiderte Esther. Auch wenn sie tatsächlich schlecht schlief, seit die Sonne nach sechs Monaten Winter wieder aufgegangen war, kam es ihr irgendwie niederdrückend vor, dabei zusehen zu müssen, wie das Licht und die fernen Berge verschwanden und sie zurück in die Realität ihres zellenartigen Zimmers geschleudert wurde: das Bett mit den zerwühlten lila Laken, erhellt von einer nackten Glühbirne, der verkratzte Fliesenboden und der Sperrholzschreibtisch, auf dem sich lose Blätter stapelten. Bei den meisten davon handelte es sich um Notizen zu dem mexikanischen Roman, den Esther zu ihrem Vergnügen übersetzte. Der Roman selbst lag auf ihrer Kommode, sicher vor der Sammlung halb ausgetrunkener Wassergläser, die ringförmige Abdrücke auf ihren Schreibblöcken hinterließen.

Pearl setzte sich ihr gegenüber ans Fußende des Betts und sagte: „Und? Bist du bereit, dich den ungewaschenen Massen zu stellen?“

Als Antwort darauf legte sich Esther den Arm über die Augen und ächzte.

Esther und Pearl hatten den vergangenen Winter als Teil eines nur dreißigköpfigen Teams verbracht, das diese kleine Forschungsstation am Südpol am Laufen hielt, doch dann hatte der November das Sommerhalbjahr eingeläutet, und während der letzten Tage waren fast hundert neue Mitglieder aus kleinen, knatternden Frachtflugzeugen in die Korridore der Station geschwappt. Mit einem Mal waren die Schlafräume, die Kantine, der Fitnessraum und die oberen Arbeitszimmer voller Wissenschaftler und Astronomen. Fremde, die alle Kekse aufaßen, die schlafenden Computer hochfuhren und ständig nervös danach fragten, zu welcher Tageszeit der Internetsatellit erreichbar wurde.

Esther war davon ausgegangen, dass sie sich darüber freuen würde, all diese neuen Gesichter zu sehen. Sie war von Natur aus extrovertiert. Keine typische Kandidatin, wenn es darum ging, sich inmitten einer Eislandschaft in einer Forschungsstation einschließen zu lassen, die sehr an ihre winzige Highschool auf dem Land erinnerte. In dem Jahr, bevor sie in die Antarktis gekommen war, hatte sie in Minneapolis gelebt, und ihre Freunde waren aufrichtig entsetzt gewesen, dass sie über den Winter einen Job als Elektrikerin auf einer Polarstation annehmen wollte. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der so etwas schon einmal ausprobiert, es furchtbar gefunden und sich früher als geplant wieder hatte ausfliegen lassen, um der erdrückenden Isolation zu entkommen. Doch Esther schreckte das nicht.

Schließlich konnte die Antarktis auch nicht schlimmer sein als die isolierenden, extremen Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen war. Sie würde gut verdienen, ein Abenteuer erleben und – dies vor allem – für fast alle anderen Menschen auf dem Planeten vollkommen unerreichbar sein.

Irgendwann im Laufe des langen Winters war ihre Extrovertiertheit jedoch verloren gegangen und mit ihr jene fröhliche Maske, die sie eigentlich jeden Morgen anlegte, wenn sie in ihre Uniform schlüpfte. Nun sah sie zur Decke empor, die in demselben Industrieweiß gehalten war wie die industrieweißen Wände, die industrieweißen Korridore und ihre industrieweißen Kollegen.

„Ob ich in Wahrheit schon immer eher introvertiert war?“, fragte sie. „Habe ich mir die ganze Zeit selbst was vorgemacht? Die echten Extrovertierten sind jetzt da draußen und sagen, ›Hell Yeah, Frischfleisch, Party nonstop‹! Die lassen es krachen und rocken die USA.“

„Sie rocken das Internationale Territorium des Antarktisvertrags“, korrigierte Pearl, die Australierin mit doppelter Staatsbürgerschaft war.

„Von mir aus auch das.“

Pearl begann über das Bett auf Esther zuzukrabbeln. „Ich könnte mir vorstellen, dass sechs Monate im unfreiwilligen Zölibat und eine Flugzeugladung voller neuer Gesichter so ziemlich jeden extrovertiert werden lassen.“

„Hmm“, summte Esther. „Dann meinst du also, dass ich auf die Seite der Introvertierten gewechselt bin durch die schiere Macht …“

„… meines unglaublichen Körpers, ganz genau“, führte Pearl ihren Satz zu Ende und strich mit den Lippen über Esthers empfindliche Ohrmuschel.

Esther schob ihre Hand in Pearls blondes Haar, das irgendwie trotz des vollständigen Mangels an Sonnenlicht immer noch sonnengeküsst wirkte. Eine Australierin eben. So unerschütterlich strandverliebt und immer voll dabei. Sie ließ die zerzausten Strähnen durch die Finger gleiten und zog Pearl an sich, um sie zu küssen. Sobald sie Pearls Lächeln an ihrem Mund spürte, drückte sie diese noch fester an sich.

Während der vergangenen zehn Jahre, seit sie achtzehn gewesen war, hatte Esther jeden November den Wohnort gewechselt – neue Städte, Staaten, Länder. Sie hatte flatterhafte Freundschaften geschlossen und lockere Beziehungen begonnen, als würde sie sich etwas bei einem Take-away aussuchen, und dann alles beiläufig wieder hinter sich gelassen. Alle mochten sie, und wie so viele, die von allen gemocht wurden, ging sie mit einem unguten Gefühl davon aus, dass jene, denen es gelang, sie wirklich kennenzulernen und dieses strahlende Schild der Liebenswürdigkeit zu durchdringen, sie ganz und gar nicht mehr mögen würden. Das war der Vorteil daran, wenn man nie lange an einem Ort blieb.

Der andere, viel wichtigere Vorteil bestand jedoch darin, dass man nicht gefunden wurde.

Esther ließ die Hand unter Pearls Pullover gleiten und ertastete den glatten Schwung ihrer Taille, während Pearl eines ihrer langen Beine zwischen Esthers Knie schob. Doch noch während Esther auf der Suche nach Berührung instinktiv die Hüfte hob, hallten jene fernen Worte ihres Vaters ungebeten in ihrem Kopf wider – ein Glas kaltes Wasser mitten in das Gesicht ihres Unterbewusstseins.

„Am zweiten November um 11 Uhr abends, Eastern Standard Time.“ Das waren Abes Worte gewesen, bei ihrer letzten Begegnung vor zehn Jahren, in ihrem Haus in Vermont. „Wo auch immer du bist, du musst am zweiten November gehen und vierundzwanzig Stunden in Bewegung bleiben, sonst holen die Leute, die deine Mutter getötet haben, auch dich.“

Vor ein paar Tagen war der fünfte November gewesen, offiziell der Beginn der Sommersaison. Drei Tage nachdem Esther dem dringlichen Appell ihres Vaters zufolge den Ort hätte verlassen sollen.

Doch sie war nicht verschwunden. Sie war immer noch hier.

Abe war nun seit zwei Jahren tot, und zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Flucht vor zehn Jahren gab es einen Grund für Esther, zu bleiben. Einen warmen, greifbaren Grund, der gerade ihren Hals küsste.

Zum ersten Mal waren Esther und Pearl einander schon am Flughafen in Christchurch begegnet, wo sie beide zu einer großen Gruppe gehört hatten, die auf ihren Flug in die Antarktis warteten. Die zahllosen Schichten, die an Bord des Flugzeugs vorgeschrieben waren, hatten sie verborgen: Wollmütze, riesiger orangeroter Parka, Handschuhe, klobige gefütterte Stiefel, dunkle, ins Haar geschobene Sonnenbrillen. Esther hatte nur einen kurzen Eindruck von funkelnden Augen und einem vollen kehligen Lachen erhascht, bevor die ganze Truppe in das Flugzeug gescheucht wurde, wo Pearl einen Platz auf der anderen Seite des Laderaums fand.

Wegen ihrer vielen Aufgaben und der unterschiedlichen Zeitpläne hatten sich ihre Wege erst am Ende des ersten Monats wieder gekreuzt, als Esther auf der Suche nach Sparringspartnern ein Schild im Fitnessraum aufgehängt hatte.

 

Boxen, Muay Thai, BJJ, MMA, Krav Maga,
lass uns kämpfen! :) :) :)

 

Die Smileys hatte sie nur angefügt, um dem aggressiven „kämpfen“ die Schärfe zu nehmen, doch sie hatte es sofort bereut, als ein Elektriker – ein ekelhafter, riesiger Typ aus Washington, der darauf bestand, dass ihn alle „J-Dog“ nannten – den Aushang entdeckte und ihr danach hartnäckig auf die Nerven ging.

„Da kommt Killer-Smiley!“, grölte er jedes Mal, wenn sie zum Schichtwechsel auftauchte. Wann immer sie ihm beim Mittagessen in der Kantine über den Weg lief, tat er so, als würde er sich wegducken. „Machst du mich jetzt mit deinem Granatenlächeln so richtig fertig?“ An dem Tag, da er aber allen lauthals von seinem schwarzen Gurt in Karate erzählte und versicherte, einen Sparringspartner zu suchen, der es mit der Kampfkunst „wirklich ernst“ meinte, brachte er das Fass zum Überlaufen.

Das ging eine Woche so weiter, bis er sich einmal in der Kantine vor ihr aufbaute, ihr den Weg zur Pizza versperrte und so breit grinste, dass Esther seine Backenzähne sehen konnte.

„Was soll das?“, fragte sie.

„Ich kämpfe gerade mit dir.“

„Nein“, widersprach sie und stellte ihr Tablett ab. „So kämpft man mit mir.“

Ein paar Minuten später hatte sie J-Dog am Boden und im Schwitzkasten. Einer seiner Arme steckte fest in ihrem Griff, während er mit dem anderen vor ihrem Gesicht herumfuchtelte und mit seinen langen Beinen völlig effektlos über den gekachelten Boden fuhr. Alle um sie herum johlten und klatschten. „Ich lasse dich erst los, wenn du für mich lächelst“, sagte sie, und er verzog den Mund wimmernd zu einer gezwungenen Imitation seines vorherigen Grinsens. Sobald sie ihn aus ihrem Griff entließ, sprang er auf, klopfte sich die Kleider ab und sagte: „Nicht cool, Dude, nicht cool!“

Als Esther sich wieder ihrem vernachlässigten Essenstablett zuwandte und dabei versuchte, ihr eigenes, sehr echtes Lächeln zu unterdrücken, stand sie plötzlich Nase an Nase – plus/minus ein paar Zentimeter – vor Pearl. Ohne die vielen Flugzeugschichten erkannte sie nun, dass Pearl groß und tough war, mit einem Wust sonnengebleichter Haare, die sie zu einem irgendwie lässigen Knoten hochgesteckt hatte, der aber ständig drohte, zur Seite zu rutschen. Ihre braunen Augen funkelten tatsächlich genauso, wie Esther es in Erinnerung hatte. Vor allem jetzt, als ihr Funkeln Esther galt.

„So was Fantastisches habe ich noch nie gesehen“, sagte Pearl und legte eine schlanke, langfingrige Hand auf Esthers Arm. „Du gibst nicht zufällig Unterricht?“

Pearl war miserabel in Selbstverteidigung. Sie hatte keinen Killerinstinkt und zweifelte ständig an sich selbst, ihre Schläge waren zu langsam, ihre Tritte zu tief, und immer wieder musste sie so heftig lachen, dass sie in Esthers Griff ganz schlaff wurde. Nach drei Einheiten verwandelte sich der Unterricht in wilde Küsserei, und sie wechselten aus dem Fitnessraum in ihre Schlafräume. Als sie zum ersten Mal miteinander schliefen, fragte Pearl sie, während sie die Hüfte hob, damit Esther ihr die Jeans abstreifen konnte: „Warst du schon mal mit einer Frau zusammen?“

Empört sah Esther zwischen Pearls Beinen auf. „Ja, schon oft! Warum?“

„Komm runter, Don Juan“, sagte Pearl lachend. „Ich beschwere mich nicht über deine Technik. Du kommst mir nur ein bisschen nervös vor.“

Da hatte Esther begriffen, dass sie möglicherweise in Schwierigkeiten steckte. Denn es stimmte, sie war nervös. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch wie seit Jahren nicht mehr … und Pearl hatte es bemerkt. Irgendwie hatte sie es in ihrem gut trainierten Gesicht oder ihrem gut trainierten Körper gelesen. Esther war nicht daran gewöhnt, dass andere erkannten, was sie eigentlich niemandem zeigen wollte, und die Art, wie Pearl sie ansah, sie durchschaute, war beunruhigend. Daraufhin hatte sie Pearl ihr selbstbewusstestes, offenstes Lächeln geschenkt und die Zähne sehr sanft in Pearls zarte Haut auf der Innenseite ihres Oberschenkels gebohrt. Womit die Unterhaltung beendet war. Doch selbst da, noch ganz am Anfang, war ihr der Verdacht gekommen, dass es nicht leicht sein würde, Pearl zu verlassen.

Nun, eine ganze Saison später, bewirkten allein der Gedanke an die Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, sowie das Echo der Worte ihres Vaters, dass ihre Stimmung kippte. Vorsichtig schob sie Pearl von sich hinunter und beendete den Kuss. Sie ließ sich in die Kissen zurücksinken, und Pearl machte es sich an ihrer Schulter gemütlich.

„Heute Abend lasse ich mich so richtig volllaufen“, erklärte Pearl.

„Vor oder nach unserem Auftritt?“

„Davor, dabei, danach.“

„Ich auch“, beschloss Esther.

Esther und Pearl spielten in einer Pat Benatar-Coverband, die bei der Party an diesem Abend auftreten sollte. Den ganzen langen Winter über hatten sie geprobt und waren immer wieder für dieselben dreißig Leute aufgetreten, die zwar eifrig applaudierten, doch am Ende war es trotzdem so, als würde man den eigenen Eltern in Dauerschleife einen Song vorspielen, während diese trotz allen Stolzes nicht länger verbergen konnten, dass sie Hot Cross Buns keine Sekunde länger ertrugen. Heute vor neuem Publikum aufzutreten würde ebenso an ihren Nerven zerren, als müssten sie die Bühne des Madison Square Gardens erklimmen.

„Dann sollten wir zur Vorbereitung schon mal mit dem Wassertrinken anfangen“, erklärte Pearl. „Damit wir später nicht kotzen wie die Reiher.“

Sie holte zwei Gläser, und Esther stützte sich auf die Ellbogen hoch, damit sie sich das Wasser beim Trinken nicht über Kinn und Brust schüttete. Dies hier war der trockenste Ort, an dem sie je gewesen war. Jedes letzte bisschen Feuchtigkeit in der Luft war zu Eis gefroren. Im Handumdrehen war man dehydriert.

„Glaubst du, Wissenschaftler saufen so viel, um irgendwie die vielen Schreibtischjahre wieder aufzuholen?“, fragte Esther.

„Nein“, gab Pearl ohne Zögern zurück, die hier als Tischlerin arbeitete. „Nerds sind totale Partyfreaks. In Sydney bin ich öfter auf irgendwelchen abgedrehten Fetischpartys gewesen, und da war immer alles voller Chirurgen, Ingenieure und Kieferorthopäden. Wusstest du, dass Leute, die auf BDSM stehen, einen messbar höheren IQ haben als Angehörige der Blümchensexfraktion?“

„Ich glaube nicht, dass das eine belastbare Hypothese ist.“

Pearl grinste. Ihre Eckzähne waren ungewöhnlich lang und scharf, ein regelrechter Störfaktor in ihrem sonst so weichen Mund, und stellten die lustigsten Dinge mit Esthers Puls an. „Stell dir mal die entsprechenden Variablen vor.“

„Gern“, gab Esther zurück. „Aber nicht jetzt. Wir sollten uns ein bisschen beeilen.“

Pearl warf einen Blick auf die Uhr und sprang auf. „Oh, Mist! Du hast recht.“

Seit dem Abendessen vor ein paar Stunden saßen sie nun schon in dieser Höhle von einem Schlafraum, und Esther streckte sich ausgiebig, bevor sie die besockten Füße in ihre Stiefel schob.

„Gott, ich bin ja so froh, dass du hiergeblieben bist“, sagte Pearl. „Keine Ahnung, wie ich das ohne dich hinkriegen sollte.“

Esther wollte etwas erwidern, konnte die Frau vor sich jedoch nicht richtig ansehen. Diese Frau, die sie mochte wie schon seit Langem niemanden mehr. Sie verspürte ein Ziehen der Sehnsucht in der Brust, kein Verlangen, sondern etwas, das ihr viel vertrauter war, etwas, das sie immer begleitete. Sie vermisste Pearl, obwohl sie hier bei ihr war. Eine Vorwegnahme des Vermissens, als hätten ihre Gefühle noch nicht mit ihrem Entschluss gleichgezogen, dass es dieses Mal anders sein sollte, dass sie dieses Mal blieb.

Die Paranoia ihres Vaters wisperte wieder in ihrem Ohr, ermahnte sie weiterzuziehen, sagte ihr, dass sie einen schrecklichen, selbstsüchtigen Fehler machte. Dass sie Pearl in Gefahr brachte. Diese sah sie immer noch an, offen und voller Zuneigung, was sich jedoch nach und nach in Vorsicht verwandelte, da Esther nicht antwortete.

„Ich bin auch froh“, sagte Esther. Mittlerweile hatte sie ihre Miene in Pearls Gegenwart im Griff. Auch diesen plötzlichen Stimmungsumschwung, diesen Anflug von Melancholie, würde sie verheimlichen können. Sie lächelte Pearl an und sah, wie diese sich daraufhin entspannte. „Komm mich abholen, sobald du angezogen bist“, fügte sie hinzu. „Dann trinken wir uns mit einem Shot ein bisschen Mut an.“

Pearl hob die Hand und schloss die langen Finger um den Stiel eines imaginären Glases. „Auf die Massen. Mögen sie uns lieben.“

 

Die Massen liebten sie. Alle vier Mitglieder der Band hatten gewissenhaft geprobt, und es war ihnen sogar gelungen, einigermaßen passable Achtzigerjahrebandkostüme zusammenzustellen: schwarze Jeans, Lederjacken. Esther und Pearl hatten ihr Haar wild auftoupiert. Mit Haarspray wäre es noch überzeugender rübergekommen, doch das besaß niemand auf der Forschungsstation. Sie sahen gut aus, und sie hörten sich gut an. Außerdem profitierten sie davon, dass alle zu der Zeit, in der sie ihre Verstärker einsteckten, schon mehr oder weniger betrunken waren und ihnen nur zu gern zujubelten.

Esther war Bassistin und zweite Sängerin, und als sie ihren Gig mit Hell Is for Children beendeten, war ihre Kehle rau, und ihre Finger waren wund. Die Party stieg in der Kantine, die bei Tag wie eine Highschool-Cafeteria aussah, komplett mit langen grauen Plastiktischen, die man an diesem Abend an die Wände geschoben hatte, um eine Art Tanzfläche zu schaffen. Obwohl die Neonröhren an der Decke ausgeschaltet worden waren und stattdessen eine Reihe rot und lila blitzender Partyleuchten für Licht sorgte, lag eindeutig ein gewisses Mittelstufenfeeling in der Luft. Esther fühlte sich jung und albern und auf pubertäre Weise ausgelassen. Die Band hatte im vorderen Teil des Saals unter einer weißen Lichterkette gespielt, und sobald ihr Auftritt beendet war, dröhnte Popmusik aus den neuen Lautsprechern, die Esther selbst vor ein paar Monaten in den Raumecken installiert hatte.

Um Esther herum standen Leute, die sie nicht kannte und die einander nicht kannten. Ein paar weitere saßen auf Stühlen und blockierten den Schwingtüren-Durchgang zur Warmhaltetheke der dunklen Edelstahlküche. Esther fiel auf, dass die neue Sommercrew erstaunlich braun gebrannt und gesund wirkte im Vergleich zu ihren antarktisch blassen Kollegen. Auch die neuen Gerüche waren überwältigend in ihrer Vielschichtigkeit. Wenn man mit ständig denselben Leuten zusammenlebt, dasselbe Essen isst, dieselbe wiederaufbereitete Luft atmet, dann nimmt man irgendwann auch denselben Geruch an – den nicht einmal eine so feine Nase wie die von Esther spezifizieren konnte. Die neuen Kollegen brachten – buchstäblich – frischen Wind mit.

Und den Hauch von noch etwas anderem.

Esther unterhielt sich gerade mit einem neuen Tischler aus Colorado, ein Mann namens Trev, der Pearl zufolge „gefallen wollte“, als sie auf einmal wie ein Jagdhund den Kopf hochriss und die Nasenflügel blähte.

„Trägst du Aftershave?“, fragte sie. Unter dem Partygeruch nach Alkohol und Plastik war etwas, das sie ganz plötzlich an zu Hause denken ließ.

„Nein“, antwortete Trev und lächelte amüsiert, als sie sich zu ihm vorbeugte und schamlos an seinem Hals schnupperte.

„Hmm“, sagte sie.

„Vielleicht ist es mein Deo. Zeder. Sehr männlich.“

„Es riecht gut, aber nein, ich dachte … Ist ja auch egal.“ Sie standen jetzt näher beieinander, und Trevs freundlicher Blick funkelte in Flirtlaune. Anscheinend hatte er ihr Geschnüffel an seinem Hals als Interessenbekundung gedeutet. Esther wich einen Schritt zurück. Selbst wenn sie nicht vergeben wäre, machte er den Eindruck eines Mannes, der eine ganze Menge Outdoor-Ausrüstung besaß und ihr unbedingt beibringen wollte, wie man sie benutzte. Wie furchtbar originell … Allerdings bewunderte sie die kontrollierte Art, mit der er sich bewegte. Es erinnerte sie an die Trainer der Martial-Arts-Kurse, die sie seit Jahren besuchte.

Sie lächelte, um auf den Flirt einzugehen, schließlich wollte sie ja nicht einrosten, doch da fing ihre Nase schon wieder diesen Geruch auf, der sie gerade eben abgelenkt hatte. Gott, was war das? Es versetzte sie zurück in die Küche ihrer Kindheit. Sie konnte den bauchigen grünen, altersschwachen Kühlschrank vor sich sehen, die Dellen und Kerben der Ahornholzschränke. Sie fühlte das verzogene Linoleum unter ihren Füßen … Ein gemüseartiger Duft, aber kein Gemüse. Fast würzig, und es roch frisch, was hier wirklich ungewöhnlich war. Rosmarin? Chrysanthemen? Kohl?

Schafgarbe.

Auf einmal war die Antwort da, und fast hätte sie sich an den Worten verschluckt, die ihr plötzlich auf der Zunge lagen. Schafgarbe, Achillea millefolium, Plumajillo.

„Entschuldige mich“, sagte Esther und wandte sich ohne Rücksicht auf die Etikette von dem verblüfften Tischler ab. Sie schob sich an einer Gruppe von Leuten vorbei, die in der Frühstücksecke zusammenstanden und ihre Tattoos verglichen, und duckte sich unter den blauen Luftschlangen durch, die irgendjemand offenbar nach dem Zufallsprinzip an die Decke geklebt hatte. Dabei sog sie kurz und scharf die Luft durch die Nase ein. Sie folgte dem unverkennbaren Duft des Krauts, dem Geruch ihrer Kindheit, auch wenn sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, egal, wie sehr sie sich anstrengte. Schon war der Duft wieder nur eine Erinnerung, überdeckt von dem Aromagemisch aus Pizza, Bier und Körpern.

Sie stand in der Mitte des Raums, umgeben von Musik und lärmenden Fremden, zutiefst erstaunt darüber, mit welcher Wucht der Geruch ihr Herz getroffen hatte. Trug hier irgendjemand ein Parfum, das nach Schafgarbe roch? Falls ja, dann wollte sie die Arme um denjenigen schlingen und das Gesicht an seine Haut schmiegen. Normalerweise hielt Esther jeden Verlustschmerz auf Armeslänge von sich fern. Sie dachte nicht an diejenigen, die sie im Lauf der Jahre hinter sich gelassen hatte. Sie dachte nicht an jene Orte, die sie Zuhause genannt hatte, und abgesehen von der Postkarte, die sie einmal im Monat an ihre Schwester und ihre Stiefmutter schickte, dachte sie auch nicht an ihre Familie. Es war eine beständige, ermüdende Anstrengung, dieses Nichtdenken. Als wäre es ein Muskel, den sie permanent anspannen musste. Der Geruch nach Schafgarbe hatte diesen verhärteten Muskel jedoch mit einem Ruck gelockert, und mit der Entspannung kam eine Traurigkeit in ihr auf, die jener ähnelte, die sie kurz vor der Party mit Pearl in ihrem Zimmer empfunden hatte.

Pearl stand auf der anderen Seite des Raums, das Gesicht gerötet, ihr toupiertes Haar zerzaust, sodass sie aussah, als wäre sie gerade von einem fremden Motorrad oder aus einem fremden Bett gestiegen. Sie trug dunkelvioletten Lippenstift, der ihre Augen wie glänzende Beeren wirken ließ, und sie unterhielt sich mit einer Frau, die fast genauso groß war wie sie selbst. Esther stürmte auf sie zu, wild entschlossen, sich ebenso schnell aus diesem Stimmungsumschwung zu befreien, wie dieser sie überfallen hatte.

„Tequila“, verlangte sie von Pearl.

„Das ist Esther“, sagte diese zu der Frau, mit der sie sich unterhielt. „Elektrikerin. Esther, das hier ist Abby, Mechanikerin, sie hat letztes Jahr in Australien gelebt!“

Abby und Pearl brachen in gemeinschaftliches Kichern aus, fröhlich betrunken. Pearl schenkte für jede einen Shot ein und füllte Esthers Glas sofort nach, da diese den ersten Tequila in einem Zug geleert hatte. Schon fühlte sie sich besser, und nach und nach gelang es ihr, das ungute Gefühl abzuschütteln, das ihr die Kehle zugeschnürt hatte. Sie war jemand, der in der Gegenwart lebte, nicht in der Vergangenheit. Das durfte sie nie vergessen.

Die Party tat, was sie sollte, und fegte den protektiven Isolationismus aller fort, die hier überwintert hatten. Schon bald wurde getanzt und immer mehr getrunken, dann folgte ein absurdes Spiel, bei dem es irgendwie darum ging, Vogelnamen zu brüllen, und dann wurde wieder getrunken. Wie vorhergesehen kotzte auch jemand wie ein Reiher. Pearl und Abby schrien sich eine ganze Weile fröhlich Bemerkungen über jemanden zu, der irgendwie ein gemeinsamer Bekannter aus Sydney zu sein schien und der offenbar einen wirklich schlimmen Hund hatte. Schließlich wurde Esther von Pearl auf die improvisierte Tanzfläche geschleift, wo sie ihren langen, fast nur aus Beinen bestehenden Körper um Esthers kleinere Gestalt schlang. Die Bässe wummerten, und irgendwann tanzten sie so eng, als befänden sie sich in einem echten Club statt in einem aufgeheizten Kasten auf einer gewaltigen Eisfläche, viele tausend Meilen von allem entfernt, das man als Zivilisation bezeichnen konnte.

Esther schob Pearl das Haar aus dem verschwitzten Gesicht und versuchte, nicht an ihre Familie, die Warnungen ihres Vaters oder an die Tage zu denken, die seit dem zweiten November verstrichen waren. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Gegenwart, auf die Musik und Pearls Körper, der sich an ihren schmiegte. Ich wünschte, ich könnte ewig so weitermachen, dachte sie.

Doch da machte ihr Körper ihr einen Strich durch die Rechnung: Sie musste pinkeln.

Die Toilette lag ein Stück den Gang hinunter, wo es fast unheimlich still war. Esther stieß mit einem Krachen die Tür auf und fummelte an ihrer Jeans. Das Plätschern des Urins hallte laut in der Edelstahlschüssel wider, und Esther konnte ihren eigenen betrunkenen Atem hören, schwer vom Tanzen, rau vom Sprechen. Die Toilettenspülung war das reinste Brüllen. Vor dem Waschbecken betrachtete sie sich kurz im Spiegel. Mit einem Finger strich sie ihre dunklen Brauen glatt, klimperte mit den Wimpern und drehte sich ein paar Haarsträhnen um die Finger, um ihren leichten Locken etwas mehr Form zu geben. Dann hielt sie inne, verengte die Augen.

Am Rand des Spiegels entdeckte sie eine Reihe kleiner Flecken. Braunrote Schlieren auf dem Glas, sie waren symmetrisch, aber nicht identisch, ein Fleck an jeder Ecke, wie mit einem Pinsel oder mit dem Daumen gemalt. Sie beugte sich vor, musterte die Markierungen genauer und befeuchtete dann ein Papierhandtuch, um sie fortzuwischen. Das Tuch richtete nichts aus, nicht einmal, als sie Seife dazugab. Ihr Herz fing zu rasen an. Sie versuchte, die Markierungen abzukratzen, doch vergeblich.

Esther wich so hastig zurück, dass sie fast gefallen wäre.

Wer wie Esther aufgewachsen war, erkannte getrocknetes Blut auf den ersten Blick, ganz zu schweigen von einem Muster aus Blut, das sich nicht entfernen ließ. Wer wie Esther aufgewachsen war, wusste ganz genau, was ein blutiges Muster bedeutete. Der Geruch nach Schafgarbe war wieder da, allerdings wusste sie nicht, ob sie ihn wirklich hier im Toilettenraum roch oder ob er nur in ihrem Verstand existierte.

Blut. Kräuter.

Irgendjemand hier besaß ein Buch.

Irgendjemand hier übte Magie aus.

„Nein“, sagte Esther laut. Sie war betrunken. Paranoid. Seit sechs Monaten in einem Betonkasten eingesperrt. Kein Wunder, dass sie jetzt Dinge sah, die nicht da waren.

Sie wich vor dem Spiegel zurück, den Blick immer noch auf ihr eigenes entsetztes Gesicht gerichtet und zu verängstigt, um dem Glas den Rücken zuzukehren. Als sie gegen die Tür stieß, fuhr sie herum und stürmte hinaus. Sie rannte den schmalen Korridor hinunter zu den Fitnessräumen. Im Cardio-Raum war es so hell, dass das Licht zu sirren schien, die Geräte standen in akkuraten Reihen auf dem grauen gepolsterten Boden, und die grünen Wände ließen alles und jeden kränklich blass aussehen. Auf einer der Hantelbänke saß ein wild knutschendes Pärchen, das ein überraschtes Keuchen ausstieß, als Esther an ihnen vorbeirannte und in die weiße Toilette stürmte, in der es nur eine Kabine gab.

Auf dem Spiegel prangten die gleichen rotbraunen Markierungen. Dasselbe Muster. Esther entdeckte die Flecken auch in der Toilette des Gemeinschaftsraums, in der des Labors und in der neben der Küche. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie in ihr eigenes Zimmer stolperte, doch ihr Spiegel war Gott sei Dank unberührt geblieben. Wahrscheinlich waren nur die öffentlichen Spiegel markiert worden. Immerhin ein kleiner Trost. Schließlich konnte sie ja wohl kaum jeden Spiegel in der gesamten Forschungsstation zertrümmern, ohne sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Esther schloss die Tür hinter sich ab und stellte sich vor das Glas, die Hände auf die niedrige Kommode gestemmt. Sie stützte sich schwer auf das Holz, um nachzudenken. Es handelte sich hier eindeutig um irgendeine Form von Spiegelmagie, doch sie war zu panisch und zu betrunken, um sich daran zu erinnern, was das bedeutete. Eines der Bücher ihrer Familie konnte einen Spiegel in eine Art Stimmungsring verwandeln, woraufhin das Glas etwa eine Stunde lang die wahren Emotionen einer Person reflektierte. Dann gab es da noch den Spiegel in Schneewittchen, den die böse Königin immer nach der Schönsten im ganzen Land fragte … Aber war dies hier nur irgendein Märchenmist, oder war es das echte Leben?

Sie brauchte Klarheit. Nüchternheit. Mit gesenktem Kopf atmete sie bewusst tief und ruhig. Auf der Kommode lag, gerahmt von ihren Händen, der Roman, den sie gerade aus dem Spanischen ins Englische übersetzte, und sie starrte das vertraute grüne Cover an, den Schmuckrahmen und die stilisierte Zeichnung eines dunklen Türrahmens unter dem Titel La Ruta Nos Aportó Otro Paso Natural von Alejandra Gil aus dem Jahr 1937. Soweit Esther es hatte herausfinden können, war dieser Roman Gils erste und einzige Publikation – außerdem war es Esthers einziger Besitz, der früher einmal ihrer Mutter Isabel gehört hatte.

Auf der Innenseite des Covers gab es eine Notiz, eine Übersetzung des Titels in der perfekten, gleichmäßigen Handschrift ihrer Mutter. „Vergiss nicht“, hatte ihre Mutter sich selbst auf Englisch ermahnt. „Der Pfad weist uns den natürlichen nächsten Schritt.“

Esthers Stiefmutter Cecily hatte ihr diesen Roman an ihrem achtzehnten Geburtstag gegeben. Noch am selben Tag verließ sie für immer ihr Zuhause. Damals war die Übersetzung noch nötig gewesen. Eigentlich hätte Spanisch ihre Muttersprache sein sollen, doch Isabel war gestorben, bevor Esther ihr erstes Wort sprach. Inzwischen beherrschte sie die Sprache ihrer Mutter. Ein paar Monate nach ihrer Flucht ließ sie sich den spanischen Titel auf das Schlüsselbein tätowieren: „la ruta nos aportó“ auf die rechte, „otro paso natural“ auf die linke Seite. Ein Palindrom, das man auch im Spiegel lesen konnte …

Es fühlte sich an, als wären seit der Party bereits Stunden verstrichen, doch der Schweiß vom Tanzen trocknete noch immer auf ihrer Haut. Sie trug nur noch ein schwarzes Tanktop, in dem sie nun zitterte. Im Glas konnte sie die Worte ihrer Tätowierung unter den Trägern sehen. Als sie damals gestochen wurde, stand sie zum ersten Mal ohne ihre Familie da. Sie hatte sich haltlos gefühlt, verängstigt in einer Welt, in der es auf einmal keine Struktur mehr gab, weshalb ihr die bloße Vorstellung eines Pfads und erst recht eines natürlichen nächsten Schritts wie etwas ungeheuer Tröstliches erschienen war. Nun jedoch, da sie bald dreißig wurde, hervorragend Spanisch sprach und jenen Roman gelesen hatte, begriff sie, dass Gils Titel keineswegs Trost bedeutete. Vielmehr sprach er von einer Art vorgegebener Bewegung, von dem sozialen Konstrukt eines Pfads, der die Menschen, vor allem die Frauen, zu einer Abfolge von Schritten zwang, während man ihnen vorgaukelte, sie hätten sich aus freien Stücken dafür entschieden.

Heute kamen ihr diese Worte wie ein kämpferischer Schrei vor, eine Aufforderung, dem Pfad nicht zu folgen, sondern von ihm abzuweichen. Tatsächlich hatte diese Interpretation des Satzes ihr bei der Entscheidung geholfen, die längst vergangenen Anweisungen ihres Vaters zu ignorieren und auch die Sommersaison über in der Antarktis zu bleiben.

Eine Entscheidung, von der sie nun fürchtete, sie würde sie noch schrecklich bereuen.

„Du musst am zweiten November gehen“, hatte ihr Vater ihr eingeschärft, „sonst holen dich die Leute, die deine Mutter getötet haben. Und nicht nur dich, Esther. Sie werden auch deine Schwester jagen.“

Zehn Jahre lang hatte sie auf ihn gehört, hatte gehorcht. Hatte an jedem ersten November ihre Sachen gepackt und sich an jedem zweiten November auf den Weg gemacht. Manchmal war sie den ganzen langen Tag und die Nacht durchgefahren, manchmal hatte sie eine Reihe von Bussen, Flugzeugen und Zügen genommen, ohne zu schlafen. Von Vancouver nach Mexico City. Von Paris nach Berlin. Von Minneapolis in die Antarktis. Jedes Jahr, wie ein Uhrwerk. Nur dieses Jahr nicht. Dieses Jahr hatte sie die Warnung ignoriert. Dieses Jahr war sie an Ort und Stelle geblieben.

Und nun war der fünfte November da. Die Forschungsstation wimmelte von Fremden – und irgendjemand hatte ein Buch mitgebracht.

Emma Törzs

Über Emma Törzs

Biografie

Emma Törzs ist Schriftstellerin und unterrichtet Englisch und Kreatives Schreiben am Macalester College in St. Paul, USA. Sie hat bereits zahlreiche Kurzgeschichten in diversen Magazinen veröffentlicht, für die sie u.a. 2019 bereits einen World Fantasy Award gewonnen hat. „Ink Blood Mirror Magic“...

Pressestimmen
phantastisch!

„Emma Törzs ist eine starke neue Stimme im Chor der jungen Fantasy-Autorinnen.“

idowa.de

„Es bringt einen originellen Dreh in das bekannte Thema magische Bücher.“

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„Wie wunderbar erwachsen und komplex Fantasy sein kann, beweist Emma Törzs.“

Kölner Stadt-Anzeiger

„Emma Törzs (…) erzählt mit großer Geste von Vertrauen, Verlusten, Liebe und kritischen Familienbeziehungen. Ein mitreißender Fantasy-Triller über die Macht des Wortes und die Bedeutung der Literatur.“

miss.bookaholic

„Niemals hätte ich gedacht, dass ich das Buch derart lieben werde! Die Idee dahinter, die einzelnen Charaktere und deren Hintergrundgeschichten - alles daran schien einzigartig. Selbst die Gestaltung ist zauberhaft.“

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„Geheimnisvoll und spannend“

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„Dieses Buch hat mich von Anfang bis Ende sehr gut unterhalten und für spannende und wahrhaftig magische Lesestunden gesorgt“

sasaray_reads

„Ein gelungenes und faszinierendes Urban Fantasy Standalone Abenteuer um magische Bücher, Freundschaften und Familie.“

leser-welt.de

„Großartige Fantasy-Unterhaltung. Das faszinierende Magiesystem, die sympathischen Protagonisten und die spannende Geschichte haben mich wirklich begeistert.“

literaturweltblog.de

„Eine [...] bezaubernde Geschichte mit unvorhersehbaren Wendungen.“

himmelsblau

„Ich mochte vor allem die Dynamik der Schwestern und das Magiekonzept sowie das Worldbuilding sehr“

phantastiknews.de

„Spannend und abwechslungsreich.“

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