Nicola Förg Alpenkrimi
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Die »Alpen-Krimis« von Nicola Förg

Nicola Förg, Bestsellerautorin und Journalistin, hat mittlerweile 19 Kriminalromane verfasst, an zahlreichen Krimi-Anthologien mitgewirkt und 2015 einen Islandroman vorgelegt.
Die gebürtige Oberallgäuerin, die in München Germanistik und Geografie studiert hat, lebt heute mit Familie sowie Ponys, Katzen und anderem Getier auf einem Hof in Prem am Lech – mit Tieren, Wald und Landwirtschaft kennt sie sich aus.
Sie bekam für ihre Bücher mehrere Preise für ihr Engagement rund um Tier- und Umweltschutz.

Fragen an Nicola Förg

zu »Rabenschwarze Beute« (Alpen-Krimi 9)

»Rabenschwarze Beute« ist wie jeder gute Kriminalroman nicht nur spannende Unterhaltung sondern auch eine Art Momentaufnahme der Gesellschaft im Umfeld eines Verbrechens. Bei Irmis und Kathis neuem Fall geht es viel um das Phänomen von (Mode)-Blogs und um die Selbstdarstellung im Internet. Sehen Sie hier besondere Gefahren für unsere Gesellschaft?
Die Gefahr könnte jeder einzelne für sich bannen, denn mit gesundem Menschenverstand und Intuition kommt man weit. Aber gerade junge Mädchen und auch Jungs stehen stark unter Druck. Sie eifern diesen künstlichen Internet-Vorbildern nach und müssen fast zwingend scheitern - weil sie eben keine Modelmaße haben und/oder kein Geld da ist, sich mit Schichten vom Kosmetik oder gar Operationen selbst ständig zu optimieren. Und sind wir ehrlich: Keiner ist frei davon, sich immer wieder mit anderen zu vergleichen und man muss recht alt werden, um so souverän zu sein, sich selbst anzunehmen. 

So wie die eher handfeste Kommissarin Irmi Mangold?
Auch Irmi Mangold ist da nicht komplett souverän, was ihr Aussehen betrifft, aber ihre Welt ist so bodenständig und so real, dass sie sich immer wieder selber erdet.  Sie geht nur beruflich ins Internet - und das schon ungern. 
Darum versteht sie auch nicht, wie es zu einer Rufmordkampagne kommen kann, wie sie im Roman auf einem  Ärztebewertungsportal stattfindet. Für Irmi Mangold hat der Arzt etwas mit Vertrauen zu tun, mit einer Chemie, die passen muss. Und sie ist sicher:  Völlig unreflektiert werden online Hotels, Bücher, Klamotten oder Ärzte bewertet. Früher hat man gesagt: Schlaf mal eine Nacht drüber. Das würde Irmi Mangold  gerne den meisten Facebook-, Instagram- und Twitter-Kommentatoren zurufen! 

Die Figur der jungen Modebloggerin La Jolina, die ihre vierjährige Tochter schon für Shootings missbraucht, steht dagegen für eine Selbstinszenierung in den sozialen Medien, die über Leichen zu gehen scheint…
Es ist mir wichtig, Schwarz/Weiß-Polemik zu vermeiden. Es bleibt immer ein Stück weit offen, wie der Leser das bewerten will. Ist La Jolina deshalb eine schlechte Mutter? Ist sie für die schöne Fassade und rücksichtslose Selbstoptimierung zu bedauern oder ist das eben ihr Weg? Wie hoch ist der Preis für den Ruhm und muss man ihn nicht zwingend zahlen? 

Dieses Mal geht es in Ihrem Alpenkrimi nach Murnau an den Staffelsee, ins Garmischer Ski-Olympiastadion, bis ins Ostallgäu … Hören Sie eigentlich manchmal von Lesern, die sich auf den Weg machen, Orte aus Ihren Krimis zu besichtigen? 
In der Tat gibt es eine ganze Reihe von Lesern, die meine Bücher wie einen Reiseführer verwenden und sich die Orte des Geschehens genau ansehen wollen, auch ausloten, wo genau die Leich´ gelegen hat. Sie fahren die kriminellen Straßen, testen, ob Irmi auch wirklich vor Ort war! Sie kehren in den genannten Gasthäusern ein und  da kann ich in dem Fall nur zuraten. Die Buchenberg Alm hoch über den Seen des Ostallgäus ist wirklich ein ausgesucht schönes Platzerl. 
Wirklich gespenstisch hingegen sind die Katakomben im Skistadion - und wer nicht am Alpenrand lebt: Diesmal geht es ja auch ins Bergische Land bis nach Velbert, auch da kann man sich am Ort eines tragischen, fiktiven Unfalls gruseln. Diese Authentizität ist mir wichtig und ich recherchiere stets vor Ort – nicht bloß im Internet – und schon sind wir wieder beim Thema…

Markus Göldner, der ermordete Architekt, hatte sich Feinde gemacht, weil er bei modernen Bauwerken auf Maßnahmen des Vogelschutzes bestand. Haben Sie zum Thema Vogelschutz recherchiert – wie bei früheren Büchern zu anderen Aspekten des Tier- und Umweltschutzes?
Wie immer hatte ich sehr gute Leute im Boot. Hans Joachim Fünfstück vom LBV in Garmisch, Sylvia Weber vom LBV in München, sehr engagierte Menschen, die aber auch bereit waren, sich in das Hirn einer Krimiautorin hineinzudenken. Schicke Glastürme wie der  Posttower in Bonn stehen für regelrechte Massaker an Vögeln, vor allem zu Zeiten der Vogelzugs. Und ausge-rechnet ein Architekt, wo es um Ästhetik und Formensprache geht, macht sich zum Nestbeschmutzer seiner Zunft!

Er beschwert sich auch beim Nachbarn, der in der Silvesternacht stundenlang Böllerschüsse vom Balkon abgibt.
Ja, wenige Menschen überlegen, was Silvesterfeuerwerke für Vögel für einen Schock bedeuten. Gerade in der kalten Winternacht steigen sie dann viel zu schnell und hoch auf – und sterben oft daran.

Auch Windkrafträder geraten in den Fokus….
Ja, vordergründig natürlich, weil Vögel im tödlichen Sog der Rotoren sterben. Gerade Rotmilane haben keine Angst vor den flügelschlagenden, merkwürdigen Gesellen. Aber noch viel interessanter ist ja die Tatsache, dass Landwirte, auf deren Grund so eine Anlage gebaut werden soll, eine auskömmliche Pacht bekommen - sofern die Anlage genehmigt wird.  Gibt es aber in einem bestimmten Abstand Horste von Greifvögeln, dann gibt es keine Genehmigung und das ganze schöne Geld wäre futsch.  Da verschwindet doch schnell mal so ein Horst rückstandlos! Wo es um viel Geld geht, da ist immer auch kriminelle Energie.

Sie werden auch mit diesem Buch auf Lesereise gehen – macht Ihnen das Freude? Inspiriert sie vielleicht sogar die eine oder andere Begegnung mit Ihren Lesern zu neuen Stoffen?
Unbedingt – egal ob 20 oder 600 Zuhörer kommen! Es entstehen immer schöne Gespräche. Leser äußern, wo ihr Fokus liegt, beispielsweise darin, ob Irmis Lover Jens jetzt endlich mal seine Frau verlässt… Zudem lerne ich Deutschland und auch Österreich kennen, es verschlägt mich durchaus in Gegenden, die abseits klassischer Routen liegen.  Ich bin ja auch zusammen mit der großartigen Interpretatorin meiner Hörbücher, mit Michaela May, unterwegs – und das auch weit jenseits des Weißwurstäquators. Und ob man es glaubt oder nicht: Ein großes Festival im Norden wünscht sich immer, dass die bayerischen Damen im Dirndl auftreten….

Blick ins Buch
Rabenschwarze BeuteRabenschwarze Beute

Ein Alpen-Krimi

Silvester in Murnau: Ein Mann in Tarnanzug ballert mit einer Schreckschusspistole in die Nacht hinaus. Wegen der Knallerei dauert es eine Weile, bis jemandem auffällt, dass da wirklich einer totgeschossen wurde. Das Opfer, Markus Göldner, ist ein arrivierter Architekt, der aber vor allem durch sein aggressives Engagement im Vogelschutz auffiel: Er wetterte gegen Sommerfeuerwerke, gegen Böllerschützentreffen und gegen Windkraftanlagen. Da er sich so viele Feinde damit gemacht hat, kommen Irmi Mangold und Kathi Reindl mit ihren Ermittlungen kaum voran. Doch dann verschwindet die vierjährige Tochter der berühmten Modebloggerin La Jolina, und die beiden Kommissarinnen stehen plötzlich vor einem Fall, der zwar zehn Jahre zurückliegt, aber noch heute Albträume bereitet …

1

Rums! Die Kristallgläser erzitterten. Rums! Das Geschirr erbebte. Es war das gute Service, das von der Oma väterlicherseits stammte, noch handbemalt und nicht spülmaschinenfest. Weswegen es eben nur an Weihnachten oder Silvester oder bei anderen besonderen Anlässen zum Einsatz kam. Es war ihr schon als Kind eingetrichtert worden, dass man keinesfalls ein Stück zerbrechen durfte, weil sonst das komplette Service wertlos würde. Was es de facto ohnehin schon war, denn wer wollte heute noch so was haben? Rums!

Es war halb zwölf, das neue Jahr stand in den Startlöchern, und Beate war vorsichtig positiv gestimmt. Sie hatte Markus vor einem halben Jahr übers Internet kennengelernt, und er schien im Gegensatz zu den Flitzpiepen, Dumpfbacken, Angeberärschen und Altmachos, die sie auf ihrem Weg durch die Datingportale getroffen hatte, nahezu mackenlos zu sein. Und Beate wollte einfach mal ans Glück glauben.

Markus hatte die Gabel weggelegt und sah sie fragend an.

»Ist er das?«

»Ja, genau, das ist dieser Volltrottel Rieser! Er ballert jedes Jahr schon ab halb zwölf und hört auch nach eins nicht auf.«

Markus hatte die Stirn gerunzelt und stand auf. Öffnete die Balkontür und trat hinaus. Es war nicht übermäßig kalt, die Temperatur bewegte sich um den Gefrierpunkt, der Himmel war bedeckt und schien keine Lust zu haben, mit frenetischem Sternengefunkel ein neues Jahr zu feiern. Markus sah hinüber. Da stand allen Ernstes ein Mann am geöffneten Fenster. Er trug einen Tarnanzug und hatte einen Gehörschutz über seine Mütze gestülpt, die die Ludolfs sicher auch aufgesetzt hätten. Es war kaum zu glauben, aber er hielt eine Schreckschusspistole in der Hand, die er markig hinausreckte und dann abfeuerte. Mechanisch zog er die Hand zurück und lud nach. Und setzte den Bewegungsablauf fort wie ein Roboter, völlig fokussiert, ohne Regung im Gesicht. Rums.

Beate war hinterhergekommen.

»Der hat sie nicht alle. Lass Rudolf Rieser mal Rieser sein. Ich will mich nicht schon wieder über den aufregen. Nicht heute! Komm wieder rein, es gibt noch Mousse.«

Markus schüttelte ungläubig den Kopf. »Was für ein Wahnsinn! Und das macht der jedes Jahr?«

»Ja, leider. Zumindest seit ich hier wohne.«

Beate verbrachte schon ihr viertes Silvester hier. Es war keine Traumwohnung, in der sie lebte, aber nach der Scheidung hatte sie auf der Straße gestanden. Oder anders formuliert: Ihr Ex hatte die besseren Anwälte gehabt, keine Skrupel davor, die Türschlösser auszutauschen, ihre Klamotten in den Garten zu kippen – und er hatte sie bluten, ja ausbluten lassen. Emotional und finanziell. Von der Vierhundert-Quadratmeter-Villa in Hagen war sie ins Wohnviertel Längenfeldleite umgezogen. Kein Aufstieg, aber sie war zufrieden. Die Praxis nahm sie sehr in Anspruch, und sie kam gar nicht dazu, sich eine andere Wohnung zu suchen, sie war eh kaum daheim.

»Was für ein Irrsinn«, wetterte Markus. »Und der Idiot schießt doch absichtlich in unsere Richtung. Der könnte ja auch vorne raus von seinem Balkon schießen. Der will mich einfach provozieren!«

»Mich auch«, sagte Beate.

»Dieser ganze Silvesterwahnsinn! Da ballern einzelne ein paar Hundert Euro in die Luft. Ja, wo sind wir denn? Wir müssen doch keine Götter mehr besänftigen! Keine Brandopfer bringen! Egomanisches Pack, keiner denkt an seine Mitmenschen, an Kinder oder an die Tiere.«

»Na ja, manche denken schon an ihre Haustiere. Wer schlau ist, sperrt seine Katze oder seinen Hund in ein dunkles Zimmer und lässt die Jalousien herunter. Aber selbst wenn man sie schützt, haben manche Tiere panische Angst. Wir hatten einen Jagdhund, der eigentlich hätte schussfest sein müssen. Der war an Silvester völlig durch den Wind«, sagte Beate.

Wotan war ein Schisser gewesen, und ihr Ex hatte ihn natürlich verachtet. Ohne Beate hätte er ihn vielleicht sogar erschossen. So aber war Wotan geblieben und mit zwölf Jahren an Herzversagen gestorben. Beate wollte die Bilder abschütteln, aber die Erinnerung war gemein. Plötzlich hockte sie wie ein fies grinsender Troll auf einem Eckregal.

»Mir geht es um die Wildtiere, das weißt du ganz genau. Tausende von Vögeln steigen vor Schreck innerhalb von Minuten von ihren Schlafplätzen in den Luftraum auf, um dem Böllerlärm und den Raketen möglichst schnell zu entkommen. Dabei erreichen sie Höhen von über tausend Metern. Manche Vögel fliehen ganz aus den Städten, aber wo sollen sie hin? Es wird doch heutzutage überall geknallt!«

Markus hatte sich in Rage geredet wie jedes Mal, wenn es um dieses Thema ging. Er war ein sehr engagiertes Mitglied im LBV, dem Landesbund für Vogelschutz. Als Beate ihrer Freundin Petra davon erzählt hatte, hatte die sich bemüßigt gefühlt, den uralten Sparwitz anzubringen: »Der Markus ist eben gut zu Vögeln.« Petra hatte das wahnsinnig komisch gefunden, aber die war schon immer etwas einfach gestrickt gewesen.

Genau genommen war auch Beate selbst gut zu Vögeln, sie engagierte sich ebenfalls für Wildtiere. Das war ein Überbleibsel aus ihrem vorigen Leben. Dank ihres Chirurgenexgatten hatte sie einen Jagdschein gemacht, und nach dem Ende der Beziehung hatte sie sich auf die andere Seite hinüberbewegt. Auf die Seite der Tiere. Als sie mit Markus zu chatten begonnen hatte, war das Interesse für Tier- und Umweltschutz ein Bindeglied zwischen ihnen geworden. Ein Mann, der beim LBV den Mund aufmachte, war für Beate allemal interessanter als einer, der soeben den dritten Porsche gekauft hatte oder der mit seiner Villa am Gardasee prahlte, wo selbst die Außenmauern aus Marmor waren.

»Dir muss ich das nicht sagen«, fuhr Markus fort. »Gerade im Winter hat diese Störung verheerende Folgen für viele Vogelarten. Durch den Aufstieg in so große Höhen verlieren sie unnötig Energie, die sie im Winter viel dringender zum Überleben bräuchten. Die Höhen der normalen Pendelflüge liegen selten über hundert Metern. Die Vögel sind in Lebensgefahr. Nicht selten verlieren sie durch ihre Panik die Orientierung und fliegen dann gegen Häuser, Autos oder andere Hindernisse. Und es kann Tage dauern, bis die Tiere sich von diesem Schock erholt haben.«

»Das Problem ist nur, dass das so einem Trottel wie dem Rieser da drüben am Arsch vorbeigeht«, bemerkte Beate. »Mit solchen Leuten brauchst du nicht zu diskutieren. Das wissen wir ja beide. Zu gut wissen wir das! Und du weißt, dass …« Sie schluckte. Nein, sie wollte sich gerade heute den Abend nicht versauen lassen. »Die Lohmillers schräg unter mir haben auch mehrfach versucht, ihn einzubremsen. Die haben drei kleine Kinder, die sich zu Tode fürchten. Seine Antwort war, dass das einmal im Jahr sein Recht sei. Und wenn sie nicht die Schnauze hielte, könne er ja auch mal rein zufällig schießen, wenn die Kinder am Spielplatz wären. Dieses Ekelpaket!«

Markus schüttelte nochmals den Kopf und hob sein Weinglas. »Darauf, dass die Deppen nicht aussterben und wir uns gefunden haben als Bastion gegen diese Deppen.«

Sie lächelte. Er war wirklich so was wie der Hauptgewinn. Klug und attraktiv. Mitte fünfzig und gut in Schuss. Sie stießen an, ignorierten das gleichförmige Geknalle, das sich um fünf vor zwölf in ein Inferno steigerte. Nun ging es los, die Deutschen ließen ihr sonst so gut gehütetes Geld in Rauch aufgehen. In bizarren Lichtspielen, in schwefeligem Gestank. Sie brüllten sich an und herzten sich, die Gesichter in den Lichtblitzen zu Fratzen verzerrt. Die knallenden Sektkorken klangen wie dezente Musik – gemessen an dem Lärm. Würden Außerirdische an Silvester auf der Erde landen, sie würden angesichts dieses grausamen Kriegs ihren Raumboliden so schnell wie möglich mit Umkehrschub zurück ins Weltall katapultieren.

Markus und Beate waren kurz auf den Balkon gegangen, hatten mit einem Glas Champagner angestoßen und den Nachbarn Vreni und Wolfi »A guats Neues!« zugerufen. Rums!

»Wird das jedes Jahr lauter, oder werd ich empfindlicher?«, schrie Vreni herüber.

»Beides!«, brüllte Beate zurück.

Sie gingen hinein und versuchten die Ohren so gut wie möglich auf Durchzug zu stellen. Ihr Gespräch drehte sich nur noch um den Irrsinn und Unsinn von Silvesterfeuerwerken, und Markus hatte sich immer weiter in Rage geredet. Schließlich stand er auf, um eine SMS zu schreiben, was Beate einen Stich versetzte. An wen schrieb er? An seine Kollegen? Seine Tochter? An eine andere Frau?

Um halb eins war das Inferno abgeflaut, hier und dort waren noch einzelne Böller zu hören, nur das Geknalle des Nachbarn hielt an.

Plötzlich sprang Markus auf und riss die Balkontür auf. »Es reicht jetzt, du Volltrottel!«, schrie er. »Ich ruf die Polizei an! Das hat mit einem Silvesterfeuerwerk nichts mehr zu tun.«

Man hörte ein paar zustimmende Rufe, und jemand beklatschte seine Rede. Als Antwort donnerte ein weiteres »Rums«. Beate spürte, wie sich die schon etwas angestrengte Gute-Laune-Stimmung weiter verflüchtigte und einer indifferenten Aggression Platz machte. Es hätte ein schöner Abend werden sollen. Aber Rieser schoss mitten hinein in die Luftschlösser, und sie konnte ihre Wut nicht mehr unterdrücken. Dieser ekelhafte Nachbar! Und dieser unbedachte Markus! Wozu anrennen gegen das Unvermeidliche? Der Abend hätte hinübergleiten sollen in eine Nacht voller Leidenschaft – doch Riesers Donnerhall torpedierte jede Romantik. Erotisch gesehen war die Luft jedenfalls raus.

Beate starrte auf die Goldbordüre des Geschirrs. Wie viele Menschen vor ihr mochten davon gegessen haben? An besonderen Tagen wie heute, die nichts werden konnten, weil sie überfrachtet waren mit allzu vielen Wünschen, Vorschusslorbeeren und Emotionen. Und warum kam Markus nicht mehr herein? Sie wollte nicht zulassen, dass sich ein wohlbekanntes Gefühl einschlich. Das Wie-finde-ich-ein-Haar-in-jeder-Männersuppe-Gefühl. Es sollte doch schön werden!

Schließlich stand sie auf und ging hinaus auf den Balkon. Da war kein Markus mehr. Und auch Rieser war nirgends zu sehen.

 

Irmis Handy läutete um Viertel nach eins. Sie lächelte. Hatte Jens es also doch noch geschafft. In all den Jahren, die sie sich kannten, hatten sie noch nie Silvester zusammen gefeiert. Aber telefoniert oder gesimst hatten sie immer. Mal früher, mal später – je nachdem, wann sich Jens von seiner Familie hatte loseisen können.

Irmi fand es nicht schlimm, dass sie seit Jahren die Silvesternacht im Kuhstall verbrachte. Sie und Bernhard hatten ein Auge auf die Tiere. Ihnen war klar, dass auf einem Hof viel Brennbares lagerte. Sie befanden sich zwar nicht gerade im Zentrum des Silvesterorkans, aber auch in Eschenlohe und Grafenaschau wurde geschossen. Manche zogen mit ihrer explosiven Ware irgendwohin in die scheinbare Einöde und zündeten das Feuerwerk auf einem von Bernhards Feldern an.

Sie und ihr Bruder hassten Silvester. Um Mitternacht stießen sie mit einem Bier an, es gab eine linkische Umarmung, Bernhard warf den Tieren etwas zusätzliches Futter hin – dann ging er.

Auch Weihnachten war Irmi am liebsten, wenn es vorbei war. Ohne Eltern und ohne Kinder war Heiligabend gnadenlos. Immer wieder musste sie sich klarmachen, dass die Feiertage vorübergehen würden wie jedes Jahr. Auch wenn Weihnachten und Silvester mit stumpfen Dolchen in den immer gleichen Wunden bohrten. Niemals sonst stand die Einsamkeit so raumfüllend vor dem Christbaum, der den alten Baumschmuck ihrer Mutter trug. Die kleinen Nikoläuse, die eine Nickelbrille aufhatten. Die Engel, die eigentlich einen Stern tragen sollten, der aber bei allen längst abgebrochen war. Nur noch ganz wenige von den guten Kugeln waren übrig geblieben, den meisten hatten die Kater den Garaus gemacht.

Der Schmuck war wie Irmi selbst: angeschlagen, nicht mehr fabrikneu. Allerdings durfte der Schmuck stets eine lange Sommerpause im Karton einlegen, bis er in der Adventszeit wieder auftauchte. So eine Kartonpause im Leben hätte doch was, dachte Irmi amüsiert. Den Sommer über einfach unter einem Kartondeckel verschwinden …

Ehe Irmi das Gespräch annahm, sah sie auf ihr Handy und stellte fest, dass nicht Jens anrief, sondern Sailer.

»Chefin, Frau Mangold, a guats Neues wünsch i Eahna. Es fangt allerdings unguat an. Do is oaner vom Balkon gschossn worden.«

»Was ist passiert?«

»Ma hot oan vom Balkon abigholt.«

Es wurde auch aufs Nachfragen hin nicht besser.

»Tot?«

»So hört man’s. Der Sepp und i san scho unterwegs. Kemman Sie selber?«

»Wenn Sie mir noch sagen, wohin?«

»Murnau, Längenfeldleite.«

Eigentlich freute sich Irmi, wenn die Feiertage der Arbeitsrealität wichen. Aber diesmal kam diese etwas abrupt. Sie tätschelte Irmi Zwo die Stirn, die auf dem besten Weg war, eine der ältesten Rinderseniorinnen entlang des Alpenhauptkamms zu werden. Sie sah Irmi durchdringend an. Dann geh mal, schien sie zu sagen. Wir kommen hier mit Wiederkäuen gut allein klar.

Letztlich kamen alle klar, mit oder ohne eine Irmi, die sich um die Ihren sorgte. Irmi löschte das Licht, irgendwo knallte es noch. Die Kater hatte sie ins Haus gesperrt, Kicsi auch. Und alle drei zeigten Solidarität. Die kleine Hündin wurde von zwei Katern auf der Couch flankiert. Alle drei sahen sie missmutig an: Kannst du den Lärm mal abstellen?, schienen sie zu fragen.

»Würd ich gerne, Leute!«

Kicsi steckte die Schnauze unter die Vorderläufe, die Kater schlossen die Augen. Ein Traumtrio. Irgendwie glaubte Kicsi wohl, sie sei eine Katze. Sie bellte nie, was für einen Chihuahua fast unglaublich war. Sie knurrte ab und an, und Irmi hatte den Eindruck, dass sie das eher tat, um das Schnurren der Kater zu imitieren.

Bernhard war schon um halb eins ins Bett gegangen, das tat er immer. Irmi fuhr manchmal zu ihrer einzigen »Nachbarin« Lissi und deren Familie hinüber, die etwa achthundert Meter entfernt im nächsten Hof lebte. Doch das würde heute entfallen. Sie überlegte kurz, ob sie Kathi anrufen sollte, doch dann beschloss sie, Kathi erst mal die Silvesterfete zu gönnen. Tote neigten ja nicht zur Flucht, und bei der momentanen Temperatur behielten sie die Form und Fasson auch recht gut.

Eine SMS schnarrte. Diesmal war es Jens.

»Meine allerliebste Liebste! Wünsche dir einen guten Start ins neue Jahr und uns ein baldiges Treffen. Ich muss kurz in die USA, ich flieg nachher gleich los. Aber anschließend sehen wir uns. Fühl dich umarmt!«

Irmi lächelte. Kurz in die USA. Jens musste ständig kurz mal irgendwohin auf dem Erdball. Und komischerweise steckte er das Reisen, die Verspätungen, die Meetings zur Unzeit immer noch ganz locker weg. Wahrscheinlich, weil er negativen Gedanken zu Dingen, die er sowieso nicht ändern konnte, erst gar keinen Platz einräumte.

Irmi simste zurück: »Alles Liebe. Dickes bayerisches Busserl. Muss zum Arbeiten. Ein Toter. Geht schon gut los, das neue Jahr.«

Ein Kuss-Emoji kam zurück.

Als Irmi Richtung Murnau steuerte, durchzuckten immer noch vereinzelte Lichtblitze den grauen Himmel. Es nieselte ein wenig, und das Nass gefror. Das neue Jahr schien ein renitentes Exemplar zu werden. Auf den Straßen lagen die Überreste des nächtlichen Kriegsgeschehens. Papier, Alufolie, Holzstecken. Drei junge Männer taumelten grölend mitten auf der Straße. Die dazugehörige junge Frau kotzte herzhaft vor Petras Kiosk in der Bahnhofstraße. Irmi hasste Silvester wirklich abgrundtief.

Sie bog am Staffelsee-Gymnasium ab und fuhr in den Längenfeldweg ein. Weiter vorne war schon ein Streifenwagen mit Blaulicht zu sehen, daneben das Auto von Sepp und Sailer. Menschen säumten die Absperrung. Irmi eilte auf eine Freifläche zwischen den Häusern. Im nassen Gras lag eine Gestalt. Ein paar gemurmelte Neujahrswünsche für die Kollegen, dann ging Irmi in die Knie. Das linke krachte herzhaft. Der Notarzt war da, es gab wenig deuterischen Spielraum. Der Mann hatte eine Schusswunde in der Brust. Die Kugel war ins Herz gefahren. Keine Austrittswunde.

»Guter Schuss. Dürfte sofort tot gewesen sein. Na ja, er stand ja auch auf dem Präsentierteller«, bemerkte der Arzt.

Der Mann hatte nur ein Hemd an. Man würde wohl keinen Geldbeutel oder sein Handy finden, beides lag hoffentlich in der Wohnung, aus der er quasi herausgerissen worden war. Mitten aus dem Leben.

Irmi erhob sich, sah Sailer an, der ausnahmsweise diesen Impuls verstand. Er deutete hinauf.

»Oben, erster Stock. Do is er gstandn. Und a paar Zeugen hier herunten im Gartn ham gsehn, wie er wie a Klappmesser nach vorn gekippt und runtergfalln is.«

Irmi war Sailers Blick gefolgt. Der Mann war in jedem Fall vom Garten oder von einem der gegenüberliegenden Häuser aus erschossen worden. Man würde die Eintrittswinkel, die Geschwindigkeit des Geschosses feststellen können. Irmi hatte keine Zweifel, dass sie den Standpunkt des Schützen ziemlich genau würden festlegen können. Aber die Spurenlage versprach katastrophal zu werden. Überall waren Silvesterselige herumgetrampelt. Getränke waren verschüttet, und Betrunkene hatten sich irgendwo erleichtert oder sich des Mageninhalts wieder entledigt. Überall lag der Unrat, Irmi trat auf einen gebrauchten Pariser. Na Mahlzeit, es versprach frustrierend zu werden.

»Gehört hat natürlich keiner was?«

Dabei war ihr schon klar, wie dämlich diese Frage war. Jeder hatte was gehört, Knaller und Böller nämlich. Wer konnte die schon von einem echten Schuss unterscheiden.

»Do is noch was«, sagte Sailer zögerlich.

»Ja?«

»Auf der Seite«, er wies zu einem Fenster im Nachbargebäude jenseits des Gartens, »schießt a gewisser Rieser seit halbe zwölfe.«

»Wie, er schießt?«

»Mit Schreckschuss, aber vielleicht is dem ja a normales Projektil dazwischenkemma?«

»Spinn i?«

»Naa, Frau Mangold. Der Sepp hockt scho bei dem, wegen der Fluchtgefahr, i moan …«

»Sehr umsichtig, Sailer. Und sagen Sie, der Balkon, von dem der Mann abgestürzt ist? War er da allein?«

»Naa, da wohnt dem sei Freindin.«

Eine Frau, der man in der Silvesternacht den Mann vom Balkon geschossen hatte? Die gerade noch den Champagner in der Hand gehalten und sich womöglich auf Neujahrssex gefreut hatte? Das war in der Tat ein abruptes Ende.

»Ist jemand bei der Frau?«

»A Nachbarin.«

»Okay, der Sepp soll beim Rieser bleiben. Alle verfügbaren Leute befragen Zeugen. Ich gehe zu der Frau. Das hat Priorität. Sie kommen mit mir.«

Irmi hastete ins Treppenhaus, wo Menschen vor geöffneten Türen standen und sich leise unterhielten. Ihnen allen stand die Angst im Gesicht geschrieben, aber auch Neugier und das schaurig-wohlige Gefühl, bei einer solchen Katastrophe zum Glück nur Zuschauer zu sein. Ein Mann in Jogginghose und schrillbuntem Rautenpullover, den selbst die Altkleidersammlung ablehnen würde, sah Irmi scharf an.

»San Sie von der Polizei? Des war a Attentäter. Ganz gewiss! Jetzt geht das mit dene ISler aa bei uns los.«

»Haben Sie was gehört? Gesehen?«

»Die Mutschlerin is laut schreiend die Treppn runter. Da san mir hinterher. Und da lag dann ihr Gspusi am Boden.«

»Vorher haben Sie nichts gehört?«

»Den Rieser halt, den bleden Hund, den.«

Seine Frau stand neben ihm. Sie trug ein apartes Jerseyleiberl mit einer Paillettenverzierung in Form einer Eule, deren Form vom Doppel-F-Vorbau seltsam verzerrt wurde. Nun mischte auch sie sich ins Gespräch ein. »Der Rieser, der is gemeingefährlich, der …«

»Danke«, unterbrach Irmi und nickte Sailer zu. »Der Kollege nimmt das alles gleich mal auf.«

Irmi flüchtete in den ersten Stock. Die Tür von Dr. Beate Mutschler war die einzige, die nicht offen stand. Eine Frau Anfang fünfzig öffnete, und Irmi stellte sich vor.

»Ich bin die Vreni Haseitl, die Nachbarin«, erklärte die Frau. »Die Beate, die Beate …« Sie brach ab und ging in Richtung Wohnzimmer.

An den Wänden des Flurs hingen Drucke von Gabriele Münter und eine stylishe Garderobe aus Birkenholz. Durch die geöffnete Küchentür war eine Einbauküche in Aubergine zu sehen. Das Wohnzimmer hatte eine riesige Fensterfront und war ebenfalls hochwertig möbliert. Hier hatte jemand Geschmack, was man vielleicht nicht vermutet hätte. Die Wohnung hatte etwas von einem Überraschungsei: außen pfui, innen hui.

Was natürlich so auch nicht stimmte, denn in Murnau war nichts pfui. Hier waren selbst die Wohnblocks noch schmuck, in Murnau gab es keine sozialen Brennpunkte. Murnau war ein Lummerland, das mit perfekter Lage, schönen Geschäften und Restaurants prunkte. In Murnau fuhren die Kunden mit dem Cayenne am Aldi im Kemmelpark vor, die Kids wurden mit jeder Menge Qs und Xs bayerischer Autobauer am Gymnasium abgeholt. Die Alteinwohner grantelten gegen die zuagroaste Kunst- und Kulturschickeria. Am Staffelsee lebten diejenigen, die es geschafft hatten, und jene, die die Gnade der richtigen Geburt für sich verbuchen konnten. Das Staffelseevolk bildete sich viel ein auf etwas, das wahrlich nicht sein Verdienst war, sondern eher der Eiszeit oder dem lieben Himmelspapa zu verdanken war.

Auf der grau melierten Couch im Wohnzimmer saß Frau Dr. Beate Mutschler. Sie hatte schulterlanges, leicht lockiges Haar und trug ein dunkelgraues Etuikleid, für das ihre Beine möglicherweise etwas zu kräftig waren. Irmi schätzte sie auf Mitte vierzig. Sie war hübsch, ohne bildschön zu sein, dazu war ihre römische Nase ein wenig zu markant.

Beate Mutschler sah auf, und in ihrem Blick lag das, was Irmi schon so oft gesehen hatte und was sie dennoch bis ins Mark traf: »Sagen Sie mir, dass das alles nur ein Albtraum ist.« Und: »Sie machen alles wieder gut, oder?« Aber genau das konnte Irmi nicht tun.

Die Nachbarin hatte eine Karaffe mit Wasser und Gläser mitgebracht. Eines davon füllte sie und reichte es Frau Mutschler, die in mechanischen Schlucken trank. Irmi bekam auch ein Glas Wasser.

»Plötzlich war er weg. Einfach weg«, stammelte Beate Mutschler.

»Können Sie mir erzählen, was genau passiert ist?«, fragte Irmi sanft.

»Er hatte sich noch so aufgeregt wegen der Vögel. Weil Feuerwerke doch so grässlich für Vögel sind. Grässlich. Die armen Tiere.« Sie begann zu weinen.

Irmi sah Frau Haseitl an, die ihre Nachbarin umfasst hatte.

»Auf einmal war er weg. Einfach weg. Wir kennen uns seit gut einem halben Jahr. Es war unser erstes Silvester.« Sie weinte heftiger. Dann begannen ihre Augenlider zu zucken, ein Zittern lief in Wellen durch ihren Körper. Ihre Atmung ging stoßartig.

Irmi war klar, dass das kein guter Zeitpunkt für Fragen nach Feinden oder anderen Details war. Sie ging hinaus und rief in den Hausflur hinunter: »Sailer, schicken Sie mir den Notarzt hoch, bitte!«

Dann rief sie die Psychologin vom Kriseninterventionsteam an. Und die Staatsanwaltschaft. Es war ja nicht so, dass an solchen Tagen alle die Korken knallen ließen. Polizei, Ärzte und Seelsorger standen parat, um die emotionalen und körperlichen Beschädigungen durch diese verdammten Feiertage zu verhindern und zu flicken.

Der Arzt war wenige Minuten später da. Er schlug vor, Beate Mutschler zur Überwachung mit ins UKM zu nehmen, die Murnauer Unfallklinik, um sie zu stabilisieren. Aber auch am nächsten Tag würde nichts besser sein. Sobald die beruhigenden Medikamente den Blutkreislauf verlassen hatten, würde Beate Mutschler mit voller Wucht von der Erinnerung überwältigt werden: Ihr war der Freund vom Balkon geschossen worden.

Als die Frau versorgt war und die Sanitäter sie in die Klinik gebracht hatten, sank Irmi zur Nachbarin auf die Couch. Dieser sah man an, dass auch sie am Limit war. Dabei wirkte sie patent und eher rustikal, so, als hätte sie schon einige Sturmtiefs überstanden.

»Was haben Sie denn von der ganzen Sache mitbekommen, Frau Haseitl?«

»Wir haben uns um zwölf über den Balkon hinweg zugeprostet. Schon da haben wir uns über den Rieser geärgert. Als ich später noch eine Flasche Sekt vom Balkon holen wollte – ich weiß gar nicht, wann das war, aber sicher ging es schon auf eins zu –, jedenfalls habe ich da den Markus gesehen, der auch draußen stand. Er hat zum Rieser hinübergeschrien und wahnsinnig wütend gewirkt. Und dann ist er plötzlich nach vorn geklappt. Mir ist es ewig vorgekommen, bis er schließlich gefallen ist. Ich war wie gelähmt. Mein Mann ist dann rausgekommen, um zu fragen, wo ich denn bliebe. Inzwischen war auch Beate auf dem Balkon. Sie hat hinuntergeschaut und angefangen zu schreien. Dann ist sie losgerannt. Wolfi, also mein Mann, hat die Situation schneller erfasst und ist hinterhergerannt. Ich war immer noch wie paralysiert und habe hinuntergesehen, wo Wolfi aufgetaucht ist. Er hat versucht, Beate vom Markus wegzuziehen. Auf einmal waren überall Leute, und schon bald ist ja auch die Polizei gekommen …«

Sie sprach leise, musste sich immer wieder räuspern.

»Haben Sie eigentlich den Rieser währenddessen irgendwo gesehen?«

»Das hab ich mich auch gefragt. Er war da, als Markus geschrien hat. Aber wie lange er dagestanden ist? Keine Ahnung. Aber er war jedenfalls weg, als Wolfi losgelaufen ist. Ja doch, da bin ich mir sicher.«

»Wie hieß denn der Markus mit vollem Namen?«

»Markus Göldner, die Beate kennt ihn noch nicht so lange.«

Irmi sah sich um. »Haben Sie sein Handy oder seine Geldbörse irgendwo gesehen?«

Die Nachbarin schüttelte den Kopf. Irmi stand auf und trat an die Garderobe. In der Innentasche eines Herrenmantels lagen Handy und Geldbeutel. Das Telefon war ausgeschaltet. Die Börse enthielt diverse Kreditkarten, achtzig Euro in bar, Führerschein und Ausweis. Markus Johannes Göldner, geboren am 5. 5. 1962 in Essen. Irmi ging zurück ins Wohnzimmer.

»War er mit dem Auto da?«

»Ja, klar.«

»Wissen Sie, was er für eins hat?«

»Einen Dacia Duster, das ist ein SUV. Sein Statement gegen das Establishment.«

Irmi sah sich genauer um, auf einer Kommode lag der Schlüssel. Mit Dacia-Logo.

»Der Wagen steht wahrscheinlich unten?«

Vreni Haseitl nickte. »Was ist das für ein Irrsinn! Wie kann so was bei uns passieren? Und wie soll die Beate je darüber hinwegkommen?«

Gute Frage. Konnte man so etwas jemals verarbeiten?

»Sind Sie mit Beate Mutschler näher befreundet?«

»Ja. Ich arbeite auch in ihrer Praxis. Als Helferin, schon seit zehn Jahren. Beate ist Hautärztin. Und wir kennen uns schon lange.«

Irmi wartete.

»Beate hat eine ziemlich üble Scheidung hinter sich. Drum wohnt sie auch hier. Wir haben erfahren, dass im Haus jemand auszieht, und Beate brauchte dringend eine Wohnung. Finden Sie in Murnau mal was! Der Markt ist leer gefegt! Der Ulf, das ist ihr Ex, hat ihr das Leben zur Hölle gemacht. Na ja, danach hatte sie ein paar Beziehungen, lauter Trottel, wenn Sie mich fragen.«

Irmi lächelte sie an. »Und Markus?«

»Ein guter Typ. Die beiden haben es ganz ruhig angehen lassen. Er ist auch geschieden. Ich glaub, sogar zweimal. Wohnt in Kempten. Ist Architekt. Das hätte was werden können mit den beiden.«

Ein Architekt mit Understatementauto, dessen neues Jahr sehr kurz geworden war. Die Liebenden waren beide Scheidungskinder. Konnte es was werden, wenn zwei schwer Verwundete sich gegenseitig die Wunden leckten? Was Beziehungen betraf, konnte Irmi allerdings nicht auf viel Erfahrung zurückgreifen. Eine Scheidung, die ewig her war, und aus Feigheit vor dem Feind eine langjährige Beziehung zu einem verheirateten Mann konnte sie auf ihrem Konto verbuchen. Nicht viel, aber sie würde sich auch in tausend Jahren nicht auf einem Datingportal umsehen. Wenn Jens ihr Leben verlassen würde, dann käme sie auch ohne Mann aus. Ihr Leben bestand generell aus viel »ich« und wenig »wir«.

»Sie sagten, dieser Markus sei richtig wütend gewesen, Frau Haseitl?«, fuhr Irmi fort.

»Ja, komisch irgendwie. Klar hat der Rieser genervt, aber der Markus war richtig außer sich. Das hat mich schon gewundert.«

»Vielen Dank.« Irmi verabschiedete sich und verließ die Wohnung. Im Treppenhaus hatten sich inzwischen die Türen geschlossen. Die Show war over and out. Sie überquerte den Garten und ging zu Rieser hinüber. Sepp öffnete ihr die Tür. Er rollte mit den Augen.

»Des is a rechter Zornbinkel, a Gifthaferl«, flüsterte er. »Obacht, Frau Mangold!«

Die Wohnung lag ebenfalls im ersten Stock und war geschnitten wie die von Beate Mutschler. Diesen Flur zierten allerdings keine Kunstdrucke, sondern Urkunden von Sportschützenevents und Schützenscheiben. Rudolf Rieser saß am Küchentisch auf der Eckbank, deren gemusterter Bezug in Orange und Ocker längst durchgewetzt war. Ein paar leere Bierflaschen lungerten herum, eine angebrochene Chipstüte. Sepp saß ihm mit grimmigster Miene gegenüber. Irmi musste in sich hineinlächeln. Sepp war ein friedfertiger Mensch, aber solche Typen hasste er, und außerdem hasste er es, ausgerechnet heute seine Frau und die Kinder im Stich lassen zu müssen.

Rieser war nicht groß, ein aufgstellter Mausdreck genau genommen. Er hing da auf der Bank, die Beine provokant geöffnet, die Wampe quoll über den Hosenbund einer Tarnhose, die Irmi der Schweizer Armee zuordnete. Den olivfarbenen Pulli hatte er ausgezogen, was leider sein T-Shirt mit Schweiß- und Eierflecken in Szene setzte. Überall sprießte grau-schwarze Behaarung hervor. Angesichts dieses Ästheten durfte man wirklich keinen schwachen Magen haben.

»Was soll der Scheiß hier, du Zupfgeign?«, brüllte er Irmi entgegen.

»Herr Rieser, diese Frage stellen sich Ihre Nachbarn auch. Sie ballern anscheinend jedes Jahr an Silvester so rum?«

»Das ist nicht verboten!«

Irmi atmete tief durch. Schreckschusswaffen waren meist Nachbildungen von echten Pistolen und Revolvern. Allerdings verschossen sie keine Projektile, sondern Reizgas- und Kartuschenmunition. Dabei erzeugten sie einen lauten Knall und waren so konzipiert, dass man sie nicht etwa illegal auf scharfe Munition umbauen konnte. Dass ein Freak das natürlich dennoch schaffen würde, war nicht auszuschließen. Und dass man auch mit einer Schreckschusswaffe aus nächster Nähe einen Menschen erheblich verletzen oder gar töten konnte, stand außer Frage.

»Und ich habe einen Waffenschein!«, brüllte Rieser hinterher.

»Der Herr Rieser ist bei einem Sicherheitsdienst«, erklärte Sepp voller Verachtung. »Und Sportschütze. Ein echter Waffennarr, der Herr Rieser, gell!«

»Ich sag Ihnen beiden mal was! Wenn die Bullerei ihren Job machen würde, dann gäb es weniger private Securitydienste. Und wenn wir wie in Amerika alle Waffen hätten, dann täten wir das Gschlerf und Gschwerl zurücktreiben in den Osten und die Kanacken runter bis in die Sahara!«

Irmi hatte mühsam gelernt, solche Menschen durch ihre Reaktion nicht auch noch zu beflügeln. Denn das würde ihnen das Gefühl geben, im Recht zu sein.

»Nun, Herr Rieser, ich nehme mal an, Sie haben eine PTB-Waffe. Augenscheinlich sind Sie über achtzehn Jahre alt, aber das Schießen mit einer Schreckschusspistole ist auch für Besitzer eines Waffenscheins nur auf dem eigenen befriedeten Besitztum zulässig und wenn es dabei nicht zu einer Lärmbelästigung kommt. Jetzt frage ich mich: Gehört Ihnen die ganze Straße? Herrscht gerade Notstand? Findet gerade eine Not- oder Rettungsübung statt? Eine genehmigte Sportveranstaltung? Sind Sie Landwirt und verfügen über eine Sondergenehmigung zum Vögelvertreiben?«

»Es ist Silvester, du oberschlaue Matz! Du F…«

»Behalten Sie den Rest Ihrer Rede für sich, Rieser. Das rate ich Ihnen dringend! Und was Silvester betrifft, so ist das Schießen nur auf dem eigenen, befriedeten Besitztum erlaubt oder auf einem anderen Besitztum, wenn es der Inhaber des Hausrechts genehmigt hat.«

»Der Willi, der wo der Hausbesitzer ist, hat nichts dagegen. Und wenn Sie schon so schlau sind: Der Transport zum Schießort ist erlaubnisfrei, sofern die Waffe in nicht-schießbereitem Zustand verschlossen transportiert wird. Ist sie, ich hab sie ja nur aus dem Schrank bis zum Gangfenster transportiert.«

Rieser wollte sich schier ausschütten vor Lachen. Irmi war sich natürlich bewusst, dass sie sich in einer rechtlichen Grauzone bewegten. Lärmbelästigung an Silvester anzuführen war im Ernstfall eines Prozesses wenig erfolgreich.

»Bestimmt haben Sie noch andere Waffen, Herr Rieser, die Sie natürlich alle an einem sicheren Ort verwahren, oder? Dürfen wir die alle mal sehen?«

Er bedachte Irmi mit einem finsteren Blick. »Dann kommen Sie mit!«

Im Wohnzimmer in Eiche rustikal gab es einen ordnungsgemäßen Waffenschrank. Rieser griff nach einer filigranen Balletttänzerin aus Porzellan, die auf einem Podest stand. Dieses ließ sich öffnen, und darin befand sich der Schlüssel. Im Schrank gab es zwei Luftgewehre und drei Pistolen der Marke Walther, die er wohl als Sportschütze benötigte. Dazu noch eine Walther P99 Q und ein paar Schlagstöcke.

»Die Q ist Ihre Dienstwaffe?«

»Ja, und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass private Sicherheitsdienste keine Waffen tragen sollen! Wann sind Sie zum letzten Mal auf einer Großveranstaltung bekifften und gewaltbereiten Jugendlichen gegenübergestanden? So alt, wie Sie aussehen, war das bei der Bereitschaftspolizei, und das ist lange her! Vermutlich machen Sie bloß Profiling und so! Die Hände bloß nicht selber schmutzig machen, was? Steh du doch mal dem Mob nackt gegenüber! Sollen wir Holzlatten aus dem Zaun reißen, oder wie? Außerdem wirken solche Waffen auch präventiv!«

Dass er Worte wie präventiv kannte, fand Irmi beachtlich.

»Und die Schreckschusspistole?«, fragte sie, ohne auf seine Beschimpfungen näher einzugehen.

»Liegt in der Küche.«

»Gut, dann nehmen wir das hier alles mal mit.«

»Das darfst du gar nicht, du Rutschn!«

Er schien Mühe zu haben, sich zwischen Du und Sie zu entscheiden.

»O doch, das darf ich. Haben Sie weitere Waffen hier?«

»Sehen Sie welche?«

»Ich meine auch die, die Sie versteckt haben.«

»Du F…!«

Irmi nickte Sepp zu, der Handschuhe anzog und die Waffen in eine Tasche zu laden begann.

»Bitte, Herr Rieser, gehen Sie doch vor in die Küche.«

Knurrend kam er ihrer Aufforderung nach. Auf einem Küchenschneidebrett, über dessen Keimzahl Irmi lieber nicht nachdenken wollte, lag die Schreckschusspistole. Eine Walther P99, ein Nachbau des Originals, das mit echten Projektilen schoss.

»Und die haben Sie umgebaut, um den Mann vom Nachbarbalkon zu holen? Oder welche Ihrer sonstigen Waffen haben Sie verwendet?« Irmi lächelte.

»Was soll ich getan haben?«

»Einen Mann vom Balkon geschossen, der über Ihre Schießübungen nicht so erbaut gewesen ist. Der Sie angebrüllt hat. Dafür gibt es Zeugen. Und der dann kurz nach seiner Tirade vom Balkon geschossen wurde.«

»Jetzt pass mal auf, du siebengscheite Urschl. Ich hab den gesehen. Ob der was gebrüllt hat, weiß ich nicht. Ich hatte Gehörschutz auf. Ich war mit Wichtigerem beschäftigt.«

Das klang nun so staatstragend, als habe er im Auftrag Seiner Majestät gehandelt. Oder der Waffenlobbyisten. Oder im Auftrag Donald Trumps. Das war sicher ein Mann nach Riesers Geschmack.

»Und noch was, ich hab gesehen, wie er fiel. Erst nach vorne, ich dachte, der muss kotzen. Dann hing er kurz noch auf der Brüstung wie ein Sack, und dann kam das Ganze ins Ungleichgewicht und ging zu Boden.« Er lachte mit einer fiesen Polterstimme.

»Ja, das kann einen schon erheitern, wenn Menschen erschossen werden.« Irmis Stimme hätte Granitblöcke zerschneiden können.

»Ja, du dumme Fotze!«

Nun hatte er es doch getan. Neben all seinen bayerischen Schimpfworten war »Fotze« quasi das furiose Finale. Irmi wandte sich an Sepp.

»Der Herr Rieser mag bestimmt gerne mitkommen nach Garmisch. Sein hoheitlicher Schussauftrag ist ja nun erfüllt. Und einen Durchsuchungsbeschluss bekommen wir sicher. Ob der Herr Rieser nicht doch noch andere Waffen hat?«

»Ja, du Matz, du!«

»Matz oder Fotze?«, fragte Irmi kühl und fand sich richtig gut. So viel Contenance gelang ja nicht immer.

Sie defilierten an den Zuschauern in Riesers Hausflur vorbei, Sailer war dazugekommen, Andrea auch. Es war halb drei geworden. Die Kriminaltechniker waren am Werk, der Tote war bereits abtransportiert. Handy und Geldbeutel hatte Irmi der KTU übergeben.

Sailer und Andrea hatten herausgefunden, dass Markus Göldner vermutlich gegen null Uhr fünfzig erschossen worden war. Die Beschreibungen seines Sturzes vom Balkon deckten sich bei allen Befragten und stimmten auch mit dem überein, was Vreni und Rieser gesagt hatten. Alle Zeugen hatten Rieser schießen sehen. Den ganzen Abend schon, aber wie lange er auf dem Balkon gestanden hatte, da war man sich uneins. Ob Rieser den Mann erschossen hatte, vermochte niemand zu hundert Prozent zu sagen. Wenn es nicht Rieser gewesen war, dann hatte er zumindest ein perfektes und perfides Alibi, eben weil er die ganze Zeit gut sichtbar herumgeballert hatte. Und dann hatte sich jemand anderes genau das zunutze gemacht. Der Täter musste gleichzeitig wie Rieser geschossen haben. Ein perfekter Mord!

Mit einem unguten Gefühl, dass ihr gerade ein Faden entglitt, bevor sie ihn überhaupt aufnehmen konnte, stand Irmi mit Andrea und Sailer auf der Straße und sah sich um. Da war der Dacia Duster, und bei allem Minimalismus: Mit Knopfklick öffnen ließ er sich dann doch. Im Inneren gab es verdreckte Bergstiefel, einen dicken langen Lodenmantel, ein Spektiv, ein weiteres Fernglas, ein Notebook.

»Wen hot der bespitzelt?«, fragte Sailer.

Irmi sah ihn überrascht an. »Keine Ahnung! Er sei Architekt gewesen, hat die Nachbarin gesagt. Und er war im Tierschutz aktiv. Die KTU soll sich auch den Wagen vornehmen.« Irgendwo schlug es drei Uhr. Eigentlich läge Irmi längst im Bett.

»Was machen mer jetzt?«, fragte Sailer.

»Nichts mehr. Der gute Rieser übernachtet bestimmt gerne bei uns. Das nehm ich auf meine Kappe. Sauberer als bei ihm ist es im Café Loisach allemal. Morgen, also nachher, ist auch noch Zeit. Wir müssen vor allem wissen: Wer war Markus Göldner?« Sie lächelte Andrea an. »Und du gehst bitte auch ins Bett und setzt dich nicht gleich an den PC. Das ist ein Befehl!«

»Passt schon«, bemerkte Andrea und lächelte zurück.

»Ernsthaft. Ich will morgen keinen vor elf im Büro sehen. Andere Menschen haben schließlich auch frei.«

»Aber weniger Tote«, murmelte Sailer.

Es war kurz vor vier, als Irmi ins Bett ging. Sie erwachte um acht, für ihre Verhältnisse spät, doch vier Stunden unruhigen Schlafes waren alles andere als ausreichend gewesen. Irmi traf Bernhard in der Küche.

»Warst du in der Nacht no weg?«, fragte er.

»Hmm, ein Toter in Murnau.«

»Hot er sich totgesoffen oder was?«

»Nein, Bruderherz, eine Kugel.«

»Fangt ja gut an, das neie Johr«, sagte Bernhard und schenkte Irmi ein schiefes Lächeln.

Sie kannte ihn gut genug, um das als Mitgefühl und Aufmunterung zu deuten. »Allerdings!«

Bernhard würde am heutigen Feiertag zum Frühschoppen aufbrechen, während Irmi sich ins Büro aufmachte. Doch, das Jahr nahm schnell Fahrt auf.

Engagement für den Tier- und Umweltschutz

zu »Scharfe Hunde« (Alpen-Krimi 8)

Nicola Förg wurde 2012 vom bayerischen Tierschutzbund, 2015 vom Garmischer Tierheim sowie 2015 und 2016 vom bayerischen Jagdverband für ihr Engagement ausgezeichnet. Sie setzt sich nicht nur auf ihrer wöchentlichen Tierseite im »Münchner Merkur« für Tiere und Umwelt ein, sondern widmet sich auch in ihren Romanen oft Themen des Tier- und Naturschutzes.

Nicola Förg verrät, worauf beim Kauf von Hundewelpen zu achten ist
 

Frau Förg, dieses Mal haben es die beiden Garmischer Kommissarinnen mit illegalem Welpenhandel zu tun. Gibt es einen derart mafiös organisierten Handel mit Tierbabys aus Osteuropa? 
Leider ja, und zwar mit steigender Tendenz. Die Welpen kommen aus Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei. Es handelt sich meist um Rassen, die gerade in sind. Die Niederlande und Belgien agieren dabei als Transit- und Umschlagsländer für die armen Wesen, die aus so genannten Vermehrerstationen stammen.
Die Hundemütter sind nichts anderes als Gebärmaschinen, die ohne Unterlass Welpen produzieren. Sie leben unter erbärmlichen Bedingungen und werden später – wenn ausgelaugt – entsorgt.  Die Welpen werden den Müttern viel zu früh entrissen, sind oft krank, traumatisiert und in keiner Weise sozialisiert. Spätere Besitzer geraten in einen Strudel von Verzweiflung – man will dem Tier ja helfen – und die Tierarztkosten explodieren meist.  

Lohnt sich das Geschäft für die Welpendealer? Und was riskieren sie, wenn sie erwischt werden?
Allerdings, der illegale Tierhandel ist nach dem Waffen- und dem Drogenhandel das lukrativste Geschäft und fällt aufgrund seiner festen Struktur und des länderübergreifenden Netzwerkes unter die organisierte Kriminalität. Betrug, Korruption, Tierquälerei sind darin ebenso enthalten wie Körperverletzung, Bedrohung und Erpressung. Das Internet macht das Geschäft zudem einfach, die einschlägigen Börsen sind voll von süßen Welpen.
Die Dealer werden immer gerissener: die Annoncen klingen seriöser, schlechtes Deutsch wird vermieden, und verräterische Billigangebote werden durch höhere Preise ersetzt. Diese mafiösen Zirkel zu sprengen ist sehr schwer, doch in den letzten Jahren sind die Behörden sehr aktiv. Da mittlerweile Haftstrafen verhängt wurden, die über einem Jahr hinausgehen, werden die Taten als Verbrechen definiert. 

Sie haben wie immer gründlich recherchiert, bevor Sie Irmi Mangold und Kathi Reindl auf diesen Fall angesetzt haben. Wer hat Ihnen dieses Mal als Experte zur Seite gestanden?
Ich hatte mit Birgitt Thiesmann von VIER PFOTEN und Tessy Lödermann, Vizepräsidentin des Bayerischen Tierschutzbundes großartige Expertinnen. Beide haben seit Jahren mit diesem relativ neuen Zweig der organisierten Kriminalität zu tun. Birgitt Thiesmann war selbst in Vermehrerstationen in Osteuropa (wie sie auch Irmi Mangold in meinem Krimi in Ungarn kennenlernt), um das Leid zu dokumentieren und mit Hilfe der örtlichen Tierschützer und der Polizei die Hunde dort herauszuholen. Tessy Lödermann ist auch in der Hinsicht involviert, dass sie – fliegen solche Transporte auf – die sicher gestellten Welpen händeringend in den Tierheimen unterzubringen sucht. Aber das sind oft Hunderte kranker Tiere – wohin damit?

Den ersten Toten gibt es in einer eindrucksvollen Szene bei einem Bulldoggtreffen in Ohlstadt. Man merkt, Sie kennen die Gegend, die Menschen – und auch die Traktoren?
Was die Bulldogs betrifft, haben wir selber drei: ein großes Arbeitstier und zwei Oldtimer, mit denen wir auch auf Bulldoggtreffen fahren. Es ist immer sehr hilfreich und charmant, genau hinzusehen und vor allem hinzuhören. Festzelte wie beim Buchinger Viehmarkt oder beim Gauschützenfest in Prem, Trachtenumzüge und Oldtimerrundfahrten sind Füllhörner für echte Typen und treffende Dialoge.

Es geht aber auch nach Ungarn?
Ja, ich war – und bin in weit geringerem Umfang als früher – Reisejournalistin. Die meerglatten Weiten der Puszta waren für mich lange Jahre eine Art zweite Heimat. Man kann nur das beschreiben, was man selber mit dem Herzen gesehen hat.

Die Todesarten kann man ja – mit schwarzem Humor – als „orginell“ bezeichnen?
Die Kommissarinnen haben in der Tat zu tun! Eisenhut ist hochgiftig und steht dennoch in vielen Gärten. Das macht die Tätersuche schwierig und gefährlich. Ein fiktiver Tollwutfall zeigt uns zudem auf, dass wir uns in Mitteleuropa nicht in Sicherheit wiegen sollte, gelten solche Krankheiten doch als ausgerottet.
Die »Scharfen Hunde« malen auch gruselige Szenarien – ein Krimi  bleibt ein Krimi. Und Irmi Mangold gerät immer wieder in brenzlige Situationen, denn manche Schurken glaubt man oft fälschlicherweise auf den ersten Blick als solche zu erkennen… Andere erkennt man erst sehr viel später, oft gemeinsam mit der ebenfalls bass erstaunten Kommissarin!

Mit einer gewissen »CoolCard« kommen auch die jüngsten Entwicklungen in der Tourismusbranche zur Sprache und sorgen für reichlich Aufruhr in Irmi Mangolds Ermittlungsgebiet… 
»All Inclusive«-Karten gibt es ja in vielen Alpenregionen. Die Konzepte sind unterschiedlich, die einen kauft man für eine bestimmte Anzahl von Tagen, die anderen sind gratis, die Zusatzkosten werden über die höheren Übernachtungspreise hereingeholt. Für die Gäste ist alles, was umsonst ist, sehr verführerisch, aber auf der anderen Seite stehen eben auch Menschen, die nur noch einen Bruchteil ihres Normalpreises für ihr Angebot bekommen.
Manche Nutzer dieser Karten grasen sie regelrecht ab, versuchen so viel wie möglich mitzunehmen und sonnen sich am Abend darin, wie viel sie gespart haben. »Koscht nix« bringt nicht unbedingt das Beste im Menschen hervor, wir sind auch hier mitten drin in der Geiz-ist-geil-Mentalität.  Und wo es um viel Geld geht und Eitelkeiten der Macher solcher Karten, gibt es natürlich auch jede Menge Mordmotive…

Blick ins Buch
Scharfe HundeScharfe HundeScharfe Hunde

Ein Alpen-Krimi

Was haben der renitente Besitzer einer Outdoor-Agentur, ein holländischer Camping-Urlauber und eine begüterte Werdenfelser Oma miteinander zu tun? Erst einmal nichts, außer dass sie alle an einer Eisenhut-Vergiftung starben. Drei Suizide? Drei Morde? Doch bevor das Kommissarinnenduo Irmi Mangold und Kathi Reindl in die Ermittlungen eintauchen kann, stürzt vor dem Farchanter Tunnel ein ungarischer Lkw um. Heraus purzeln unzählige Käfige mit sehr jungen Hundewelpen. Der Fahrer schweigt. Merkwürdig ist jedoch, dass im Fahrerhaus die Adresse der verstorbenen Werdenfelser Oma entdeckt wird. Irmi und ihre Kollegin tauchen ein in ein Milieu, das dem der Waffenschmuggler und Drogenhändler in nichts nachsteht, denn es geht um unermesslich viel Geld …

Prolog

 

 

Es wurde jeden Tag beschwerlicher. Ihr Gesicht zuckte. Die Knie sackten ihr weg. Das Fieber kam und ging. Allzu oft wollte sie nicht zum Arzt gehen. Schnell galt man als verrückt. Sie war nicht verrückt. Oder doch?

Von irgendwoher ertönte ein Knarzen. Oft hörte sie Geräusche, die nicht real waren, und sah Doppelbilder, verschwommene Schemen. Wie jetzt. Jemand war durch die Terrassentür hereingekommen. Aber dieser Mann konnte doch kein Trugbild sein. Er redete auf sie ein. Schnell, laut, aggressiv. Sie wich langsam zurück.

Ein Schlag traf sie ins Gesicht. Ihr Vater hatte sie einmal geschlagen, aber das lag ewig zurück. Ihr Schulranzen war in den Dorfweiher gefallen, sie hatte das nicht gewollt, aber ihr Vater hatte zugeschlagen mit den Worten: »Du dumme Pute!« Dabei war es der Lois aus ihrer Klasse gewesen, der sie getriezt hatte und ihr den Schulranzen entrissen. Dann war die Tasche in den Weiher geflogen, selbst der Lois hatte das nicht gewollt. Aber für ihren Vater hatte das nicht gezählt, sie war immer schuld gewesen. Mädchen hatten zu kuschen. Recht hatten die Jungs, die Lehrer, der Herr Pfarrer, der Herr Doktor und der Zahnarzt, der so entsetzlich aus dem Mund roch, wenn er sich über einen beugte.

Das alles schoss ihr durch den Kopf. Dann folgte ein zweiter Schlag, und sie fiel auf die Couch.

»Bitch!«, brüllte der Mann. »Don’t even think about it!«

Er fluchte in einer Sprache, die sie nicht verstand. Dann riss er ein paar Bücher aus dem Regal und drosch mit einem Baseballschläger in die Vitrine mit dem Meißner Porzellan, wo die Tänzerinnen standen und die schönen Tierfiguren. Das schmerzte sie mehr als die Schläge.

»I’ll be back«, sagte er. Im Hinausgehen trat er noch gegen eine große Bodenvase. Wasser ergoss sich über den Teppich, die langstieligen Sonnenblumen fielen auf den Boden. Ihr kam es so vor, als schnappten die Blumen nach Luft, als würden ihre schweren Köpfe augenblicklich altern.

Sie ging langsam ins Gäste-WC und sah in den Spiegel des Alliberts. Blut lief aus dem Mundwinkel, doch es schmerzte kaum. Im Spiegelschrank stand eine Flasche mit Jod, das brannte nicht. Es waren auch nicht die Schmerzen der Erniedrigung, die sie quälten.

Nein, ihre Schmerzen waren anderer Art. Sie hätte jemanden ins Vertrauen ziehen müssen – keinen Arzt, aber doch eine ihr vertraute Person. Gab es so jemanden überhaupt? Und auch diese Person hätte sie wahrscheinlich für verrückt erklärt. Doch wenn sie das Ungeheuerliche, das Dunkle ausgesprochen hätte, dann hätte sie ihm Platz eingeräumt.

Ihr graute es hinauszugehen, zu hell war es im Garten. Und nachts waren dort die Geister. Sie kamen aus ihren kleinen Gräbern.

 

 

 

1

 

 

»Und hier eine echte Rarität: ein Lanz HL, Baujahr 1928. Schon mit Allrad und Knicklenker!«, rief der Ansager. »Und dahinter gleich ein Lanz HR 2, beide vorgestellt vom Mair Franzl hier aus Ohlstadt.«

»Ist der schön!«, rief Jens entrückt. »Weißt du, der junge Kaufmann Heinrich Lanz war ein echter Visionär. Er hat Rundschreiben verfasst, um den Bauern klarzumachen, wie viel effektiver die maschinelle Landwirtschaft sei. Und im Jahr 1921 wurde dann der Urbulldog vorgestellt, großartig!«

Irmi lächelte. Irgendwie bezaubernd, dass ein Mensch, der mit Landwirtschaft so viel zu tun hatte wie ein Nilpferd mit Spitzentanz, eine solche Begeisterung für Bulldogs entwickelte.

»Muss ich mir Sorgen machen? So schön find ich den Mair Franzl eigentlich gar nicht. Mir ist er zu klein und zu dünn.«

»Nicht der Fahrer, sondern sein Ackerschlepper!«

»Ach so«, meinte Irmi und lachte.

Der Ansager blätterte in seinem Manuskript. »Und jetzt kimmt a Stihl.«

»Haben die etwa mal Bulldogs gebaut?«, fragte Irmi verdutzt. Beim Thema Stihl konnte sie mitreden, schließlich hatte sie eine heiß geliebte Motorsäge von dieser Firma, die sie nie verlieh. Getreu dem Motto, dass eine Frau ihren Mann, ihr Pferd und ihre Motorsäge besser nicht aus der Hand gab. Nun ja, der Mann war eigentlich nur in Teilzeit ihrer, Pferde waren ihr unheimlich – aber die Stihl, das war ihre Leidenschaft.

»Ja, zwischen 1948 und 1963 hat Stihl auch Traktoren gebaut«, erklärte Jens. »Allerdings nur insgesamt zweitausend Stück.«

Wieder was gelernt, dachte Irmi. Und das von einem Fischkopp, der keine Ahnung hatte, wie man mit einer Stihl-Motorsäge umging.

»Und jetzt kimmt a Porsche P 111 vom Feistl Sepp aus Sindelsdorf!« Der Ansager gab wirklich alles, so frenetisch wie er bei jedem Teilnehmer brüllte.

»Mir gefällt die elegante rote Schnauze«, meinte Jens.

»Ich weiß nicht, rot ist nicht meine Farbe«, sagte Irmi.

»Och, ich erinnere mich da an so einen roten BH …« Jens grinste anzüglich.

»Ja, ja, brüll noch lauter, damit das ganze Oberland meine Dessous kennt«, zischte Irmi.

»Schau, da kommt der Bernhard«, lenkte Jens von der Unterwäschedebatte ab.

Irmis Bruder Bernhard tuckerte mit seinem Kramer KL 180 heran. Der Schlepper war unverwüstlich und zum Kreiseln und Schwadern immer noch im Einsatz.

»Also, der hat wirklich eine schöne Schnauze«, befand Irmi. »Die Bulldogs von Kramer schauen einfach am nettesten aus. Grün ist eine so dezente und freundliche Farbe.«

»Also, dass ihr Bayern einem Schwaben zujubelt?« Jens grinste.

»Es ist doch nur ein Bulldog aus Schwaben, der schwätzt ja it«, konterte Irmi. »Und der Rost macht ihn sexy, find ich. Traktoren sind schöner, wenn sie nicht so gelackt und restauriert sind.«

»Ach, das beruhigt mich! Ich bin ja auch schon etwas rostig und unrestauriert«, behauptete Jens. »Und wenn du lieber einen grünen BH in Kramergrün …«

»Ich lass dich gleich hier zurück, allein unter Fremdsprachlern!«, drohte Irmi.

Im nächsten Moment wurde sie durch den Ansager unterbrochen, dessen Mikro pfiff wie eine Maus, die gerade von einer Katze gefangen wurde und um ihr Leben quiekte. »Des is a Güldner vom Geisler Willi … naa … des is ja die Nummer 98, des is der … ah ja … der Mangold Bernhard aus Schwaigen. Burschen, warum haltets eich ned an die Reihenfolge! Da wird ma ja ganz damisch!«

Ja, bei so einem Oldtimertreffen hielt man tunlichst die Regeln ein, insbesondere wenn es einen derart beherzten Ansager gab. Mittlerweile waren schon hundert Oldtimer an ihnen vorbeigeschnauft, -geschnaubt und -gescheppert. Fünfzig Jahre und älter waren sie. Am besten gefielen Irmi die Exemplare, die von einem langen harten Arbeitsleben erzählten – so wie ihr Kramer.

Oldtimer-Bulldog-Treffen waren »in«, und das heutige in Ohlstadt war ganz besonders gut besucht. Es war ein perfekter Tag, nicht zuletzt, weil die Landwirte guten Gewissens freimachen konnten – es war ein Sonntag im Herbst, und die Hauptarbeit des Jahres war getan. Nachts hatte es noch geschüttet wie aus Kübeln, doch in der Früh hatte es aufgerissen. Es war ein kühler Morgen gewesen, Nebel waren aus dem Moor gestiegen, die Sonne hatte mit den Wassertropfen in den Spinnennetzen Ringelreihen getanzt. Inzwischen waren die Temperaturen angenehm lau mit einem leichten Windchen.

Die Lederhosen- und Dirndldichte war hoch auf der Veranstaltung. Obwohl Jens sich wie ein Schnitzel über Irmi im Dirndl gefreut hätte – den Gefallen tat sie ihm nicht. Sie hatte eh nur ein Exemplar, das sie vor Jahren mal erstanden hatte, und das war so eng, dass sie sich beim Verschnallen wahrscheinlich ein paar Rippen gebrochen hätte. Mal ganz davon abgesehen, dass sie keine Luft bekommen hätte. Irmi war sich sicher, dass Menschen weder über Kiemen atmen noch auf Porenatmung umstellen konnten. Sie hasste Dirndl, insbesondere weil man dann noch eine Strumpfhose benötigte, die in den Hüftspeck einschnitt und deren Zwickel immer zu tief saß, auch wenn man die Nylonwurstpelle zwei Nummern zu groß kaufte. Dafür endete die Dirndlbluse kurz unter der in ihrem Fall durchaus üppigen Oberweite. Zwischen Bluse und Strumpfhose blieb immer ein Stück frei, was ungut ins Kreuz zog.

Nein, Irmi war eine ganz schlechte Vertreterin ihrer Heimat. Sie konnte auch nicht Ski fahren, aß nie Kesselfleisch und konnte sehr gut ohne Schweinshaxn leben. Außerdem sprach sie kaum Dialekt. Bei Befragungen kam es einfach besser an, wenn man ansatzweise Hochdeutsch konnte. Generell wurde man von Menschen aus dem restlichen Deutschland besser verstanden, was allerdings manchen Bayern und speziell den Werdenfelsern eher unwichtig war. Eher im Gegenteil. Nur manchmal lockerte ein Dialektwort zur rechten Zeit verstockte Bauernschädel.

Aber heute hatte Irmi frei, es war sowieso recht ruhig gewesen die letzten zwei Monate. Bei der anhaltenden Hitze hatten alle Schwerkriminellen wahrscheinlich reglos im Keller gesessen und auf Abkühlung gehofft. Gut, es waren zwei junge Männer ertrunken, es gab die üblichen Bergabstürze – aber nichts, was die Mordkommission mehr zum Schwitzen gebracht hatte als diese Saharahitze.

Jens war wie immer auf der Durchreise, er musste morgen nach Mailand weiter. Dennoch war es natürlich Schwesternpflicht, Bernhard beim Bulldogtreffen zu applaudieren. Eigentlich mochte ihr Bruder solche Events nicht, aber der Mann und die drei Söhne der Nachbarin Lissi hatten ihn zum Mitmachen überredet. Lissis Männer waren Mitglieder bei den Eicherfreunden und hätten die Firmengeschichte des Traktorunternehmens selbst im Schlaf heraussprudeln können. Die vier Eicher-Freaks hatten mit zwei Tigern, einem Panther und einem Leopard gleich vier der blauen Raubkatzen am Start. Auf Bulldogtreffen heimsten sie Preise ein für die längste Anreise oder die stärkste Gruppe und waren auch schon dreimal zur Traktor-WM nach Bruck/Fusch am Großglockner gefahren.

»So, und jetzt für die, die sich ned so auskenna«, erklärte der Ansager. »Bulldog hoaßt der Traktor, Trecker oder Ackerschlepper, seit die Firma Heinrich Lanz Mannheim die legendären Lanz Bulldog Ackerschlepper herstellt hot. Der Name is von dene ersten Motoren kemma, die Ähnlichkeit mit dem Gesicht einer Bulldogge g’habt ham solln. Andre sogn, des lag daran, dass der Motor bellt hot als wie a Bulldogge. Der Fendt im Allgäu hingegen hot seine ersten Schlepper Dieselross g’nannt, um dem skeptischen Landwirt zum vermitteln: Der is bräver als dei Ackergaul, is leichter zum pflegen, und statt Heu frisst er halt Diesel. Des stimmt ja aa!«

In Zeiten von Autos, die vor Elektronik strotzen und beim leisesten Pieps den Dienst versagen, wecken solche Motoren irgendwie archaische Sehnsüchte, dachte Irmi.

»Der Bulldogkonstrukteur Fritz Huber hat schon recht«, meinte Jens noch immer ganz verzückt. »Ein Schlepper kann nicht einzylindrig genug sein.«

Irmi lächelte in sich hinein. Männer – da waren sie alle gleich. Ob studierter Preiß oder Werdenfelser Bauernschädel.

Die Karawane der Bulldogs schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es waren auch Exoten dabei: ein Normag-Zorge, ein tschechischer Zetor, ein McCormick aus einer seltenen Baureihe, ein Bührer aus der Schweiz. Und auch einen Hatz TL 24 von 1956 sah man eher selten im Oberland. Sein Fahrer verzog keine Miene, sondern saß etwas vornübergebeugt auf dem grünen Gefährt. Na, der hat ja wenig Spaß, dachte Irmi. Jens schoss ein weiteres Foto. Von ihm aus hätte man wahrscheinlich noch ein paar Hundert Modelle ansehen können. Irmi hingegen befand, dass ihr Bier in der Flasche langsam lack wurde. Nach inzwischen 123 Bulldogs hätte man sich eigentlich mal ein neues holen und sich hinsetzen können. Das lange Stehen bekam ihrem Kreuz nicht wirklich.

Den Platz hatte Jens ausgesucht: Sie standen in einer Kurve, wo die Route einen scharfen Knick machte. Hier hatte man einen besonders guten Blick – erst von vorne, dann von der Seite – auf all die alten Ackerschlepper.

Irmi sah dem knatternden Hatz hinterher. Plötzlich veränderte sich etwas in den Augen der Leute auf der anderen Straßenseite. Rufe, Flüche, Menschen, die zur Seite sprangen – der Hatz fuhr weiter stur geradeaus. Er hüpfte über die Bordsteinkante und tuckerte hinein in eine Garageneinfahrt. Irgendwie geriet der Fahrer nun in Schräglage und verriss das Steuerrad. Anstatt frontal in das Garagentor zu brettern, ging die unruhige Fahrt quer durch ein Blumenbeet, durch den ganzen Garten und endete im Zaun, wo der Hatz feststeckte und seine Räder durchdrehten. Der Mann war zur Seite gekippt.

Sekundenlang passierte nichts. Die Blicke der Menschen hatten sich festgesogen an dem Geschehen. Doch dann brandete auf einmal eine Woge an Geräuschen heran. Irmi war als eine der Ersten losgelaufen, und sie war auch zusammen mit einem jungen Mann als Erste bei dem Fahrer, der leblos am Boden lag.

Irmi ertastete einen schwachen Puls. Die Gesichtsfarbe des Mannes war ungut bläulich. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn.

Der junge Mann hatte schon den Notarzt alarmiert und brachte den Mann nun in stabile Seitenlage.

»Ich bin Sanitäter«, sagte er. »Sind Sie Ärztin?«

»Nein, Polizistin.«

Der junge Mann sah überrascht auf.

Irmi zuckte mit den Schultern und betrachtete den Fahrer genauer. Dass ein Mann mittleren Alters einen Herzinfarkt erlitt, kam vor in der Sonne. Doch irgendetwas in ihrem Inneren war auf einmal hellwach, die leichte Biermüdigkeit verflogen. Irgendetwas stimmte nicht.

Der Sanka hatte sich inzwischen durchgearbeitet, die Sanitäter hantierten, der Notarzt brauste heran. Irmi kannte ihn. Er war gebürtiger Pfälzer, lebte in Peißenberg und schien ständig im Einsatz zu sein. Er war einer von denen, die bereit waren, überall auszuhelfen. Ein Workaholic, der dem Leben und dem Nachgrübeln darüber Arbeit entgegenstemmte. Er dürfte in Irmis Alter sein. Anscheinend verbrachte er wenig Zeit daheim, verbrämte womöglich seine Flucht vor dem Privaten mit dem Dienst an der Menschheit. Dass er nun bald aufhören würde, wie Irmi gehört hatte, war ihr unheimlich. Sie selbst war auch so ein Workaholic – würde sie jemals aufhören können?

Auf der Rückseite des Gartens, an den eine Kuhweide anschloss, schwebte der Hubschrauber ein. Die Kühe buckelten davon, in einem gewissen Sicherheitsabstand hielten sie an, drehten sich fast synchron um, als hätten sie das einstudiert, diese tierische Drehung nach links im Herdengleichklang – und glotzten zurück. Der Traktorfahrer wurde verladen, und das gelbe Luftinsekt entschwebte schnell. Der Notarzt kam zurück und grinste Irmi schief an. »Schlechte Werbung fürs Oldtimerfahren«, bemerkte er.

»Na, der Bulldog hat ja gut durchgehalten«, sagte Irmi mit einem Seitenblick auf den Oldie, den irgendjemand ausgemacht hatte. Er stand da, die Schnauze unschuldig in den etwas verbeulten Jägerzaun gesenkt. »Herzinfarkt?«

»Zumindest mal massive Herzrhythmusstörungen. Was mich allerdings stört …« Er zögerte.

»Ja?«

»Der Schweiß und na ja … die Tatsache, dass er sich eingenässt hat.«

Irmi suchte den Blick des Arztes, der auffällig leise sprach. »Sie meinen …?«

»Unkontrollierter Harndrang, außerdem muss er sich vor oder während der Ausfahrt übergeben haben, es waren da so allerlei Reste an der Jacke.«

Mit dem Pfälzer Dialekt klang das Unerhörte immer noch ganz harmlos, aber von der Leichtigkeit des Familiensonntags war nichts mehr übrig.

»Das heißt konkret …?«

»Er könnte etwas gegessen haben, was ihm gar nicht gutgetan hat«, sagte der Pfälzer mit einem leichten Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte.

»Reden wir jetzt von einem schlechten Tiramisu oder was Dramatischerem?«

»Eine Salmonellenvergiftung ist auch dramatisch. Ich war da mal am Gardasee, als ich …«

»Danke, ersparen Sie mir die Details. Reden wir von Gift?«

»Sie wissen doch, die Dosis macht das Gift. Vierzehn Bier am Tag sind unter Umständen tödlich. Langfristig, meine ich. Aber dieser Mann hatte was im Körper, was da überhaupt nicht hingehört. So, und jetzt empfehle ich mich, schöne Frau.« Der Notarzt ging davon. Irmi sah ihm nach. Er blieb noch hie und da stehen, plauderte kurz, augenscheinlich kannten ihn viele hier, bevor er schließlich in seine Notarztkarosse stieg und losfuhr.

Die Schaulustigen verzogen sich allmählich. Die Veranstalter hatten schnell reagiert, indem sie die Route umgelenkt hatten, denn es waren insgesamt 303 Fahrzeuge gewesen. Irmi war davon überzeugt, dass viele der Fahrer und Zuschauer gar nicht mitbekommen hatten, was passiert war. So ein Hubschrauber landete gerne mal, weil sich der Gottfried nebenan in der Tenne erhängt hatte oder die alte Zilli einem Schlaganfall erlegen war oder der Flori, der Sohn vom Schwager, wieder mal eine Alkoholvergiftung hatte. Solche normalen Begebenheiten in den Familien brachten einen Werdenfelser nicht gleich in ungebührliche Wallung.

Jens hatte ein Stück entfernt auf sie gewartet und kam nun näher. Irmi versuchte auf Privatmodus umzuschalten. »Jetzt hab ich dir den Tag verdorben. Hast du gar nicht mehr zugeschaut?«

»Ach, die Bulldogs stehen alle auf der Festwiese. Ich kann mir jeden einzelnen noch ansehen, wenn ich das möchte. Ich sehe aber lieber dich an, und du siehst … na ja …«

»Na ja was? Beschissen? Verschwitzt? Alt? Faltig?«

Jens schüttelte nachsichtig den Kopf. »Dass ihr Frauen immer gleich so negativ seid. Du siehst nie beschissen aus. Nein, du hast das Knobelgesicht. Du rätselst über diesen Mann, und sein Abgang macht dir Kopfzerbrechen. Weil du glaubst, der wird dich noch beschäftigen?« Das war eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Das kann sein. Ich hoffe nicht. Ich weiß nicht.« Himmel, sie hatte sich auch schon intelligenter ausgedrückt. Aber ihr Gehirn war immer noch im falschen Modus.

»Trinken wir ein Bier? Ein kaltes?«, fragte Jens.

»Unbedingt.«

Die beiden gingen nebeneinanderher, ein unsichtbares Band verknüpfte sie zu einer Einheit. Irmi hätte niemals Händchen gehalten oder sich untergehakt. Schon gar nicht hier, wo man sie kannte. Solche raren Momente hob sie sich für anderswo auf. Und Jens hatte das über die Jahre gelernt. Er übte Zurückhaltung. Sie hatte ihn in der Vergangenheit ein-, zweimal so rüde und barsch abgewehrt, dass man als Mann hätte beleidigt sein können. Doch Jens war nicht so, er schloss solche Dinge irgendwo ein. Irmi wusste, dass sie es nicht überreizen sollte. Zu viel Ballast, der aufgehäuft war und immer mehr wurde, konnte auch schwere Türen sprengen.

Vor dem Festzelt waren Bänke aufgestellt, man musste nicht im stickigen Inneren sitzen, wo die Luft stand und die Musikanten gerade Dem Land Tirol intonierten. Irmi und Jens quetschten sich zu Lissi und ihren Männern auf die Bierbank. Natürlich wurde über den Unfall gesprochen, aber es war Jens, der mit Traktorfragen ablenkte vom Bruchpiloten. Irmi wusste, dass er das für sie tat. Für so etwas liebte sie ihn. Auch für so etwas.

Schließlich war Aufbruch. Irmi und Jens schlenderten zu den Bulldogs. Um einen Lanz Baujahr 1938 stand eine Schar von Zuschauern und verfolgte die Prozedur am Glühkopfmotor, einem ventil- und vergaserlosen Zweitaktdiesel mit Kurbelgehäuse-Aufladung. Zum Starten musste erst mal die Glühnase im Zylinderkopf mit einer Lötlampe erhitzt werden. Nach etwa fünf Minuten wurde das Lenkrad entfernt, seitlich eingesteckt und diente als Schwungrad. Und dann grummelte er los, der Lanz! Das Volk applaudierte.

Zwei Männer neben Irmi redeten über einen absoluten Raritätenbulldog, der siebzigtausend Euro eingebracht hatte.

»Leck mi fett. Für siebzigtausend würd ich sogar mei Alte hergeben, nein, für weit weniger!«, rief der eine und sah Irmi dann gleich entschuldigend an.

Jens wurde schließlich eingeladen, mit einem von Lissis Söhnen mitzufahren, was er dankbar annahm. Er warf Irmi einen Seitenblick zu. Ihm war klar, dass Irmi ins Büro fahren würde. Mal kurz nachfragen. Nur mal so.

 

Im Büro erfuhr Irmi, dass der Mann in die Unfallklinik Murnau eingeliefert worden war. Dort bekam sie nur die Auskunft, dass er auf der Intensivstation des UKM lag, mehr war nicht zu erfahren. Beim Veranstalter fand sie den Namen des Fahrers heraus. Der Bulldog mit der Nummer 123 gehörte einem gewissen Julius Danner. Der Name sagte ihr irgendetwas, doch ihr wollte ums Verrecken nicht einfallen, woher.

Da würde sie wohl den Computer bemühen müssen. Über die Jahre hatte sie sich zähneknirschend mit der Computerarbeit abgefunden, doch sie wäre nie auf die Idee gekommen, in einem Forum mitzublubbern und sich einen albernen Namen wie kätzchen352, hexe55 oder mausezähnchen zu geben. Und wie Mausezähnchen in Wirklichkeit aussah, wollte sie sich lieber gar nicht vorstellen. Die Menschheit verblödete galoppierend, die Hirne weichten auf.

Sich jenseits des Büros einem Computer auch nur auf weniger als einen Meter zu nähern war Irmi so fern wie der Südpol. Sie bestellte auch keine Kleidung im Internet. Das überließ sie Bernhard, dessen Helden Engelbert Strauss, Siepmann und Grube hießen. Und da gab es auch für sie feine Fleecepullover.

Bei ihrer Recherche nach Julius Danner stieß Irmi auf eine Agentur namens Skydreams, deren Betreiber er war. Die Homepage zeigte opulente Bilder, eine Diashow lief durch. Die Vita von Julius Danner war umfangreich: Er war fünfundvierzig Jahre alt, hatte Sport studiert und war mehrere Jahre als Guide der Explora-Hotels in Chile gewesen. Als zertifizierter Ballonfahrer verfügte er sogar über eine Lizenz, um die Ballone anderer deutscher Ballonunternehmen kontrollieren zu dürfen. Außerdem war er Gleitschirm-Fluglehrer, staatlich geprüfter Bergführer und entführte offenbar Touristen in Südamerika auf himmelhohe Gipfel. Vulkane waren sein Spezialgebiet – rund um Klassiker wie den Aconcagua oder den Popocatepetl hatte er seine Programme gesponnen, die so klangen, als müsse man für die Teilnahme über eine gewaltige Fitness verfügen.

Da dürfte der Verunglückte selbst doch auch gute Lungen gehabt haben, oder etwa nicht? So einer war doch sicher absolut durchtrainiert? Natürlich verstarben auch und gerade junge Hochleistungssportler an Herzinfarkten, aber die hatten vorher meist tief in die Chemiekiste aus dem weiten Reich des Dopings gegriffen. Oder war sie da schon auf einer Spur? Der Peißenberger Pfälzer hatte Gift angedeutet.

Irmi betrachtete das Foto von Julius Danner. Irgendetwas in ihr wehrte sich, diesem Mann Drogenmissbrauch zu unterstellen. Sie fuhr den Computer herunter, unzufrieden, unruhig, getrieben – ohne genau zu wissen, was da in ihr wühlte.

 

Als sie daheim ankam, lag da nur ein Zettel, dass alle noch bei Lissi seien. Die Nachbarin hatte aufgetischt, bei ihr sah Essen immer wie ein Kunstwerk aus. Sie arrangierte banalen Käse und Aufschnitt mit ein paar Kräutern und Blumen auf wertigen Keramikplatten, und schon hatte man den Eindruck, als wäre man mittendrin in einem Food-Fotoshooting für eines dieser Landmagazine, die nur Städter lasen.

Es wurde spät und ein klein wenig feuchtfröhlich. Zu Hause schlief Jens binnen Sekunden ein. Kein Abschiedssex mehr.

 

Am nächsten Morgen stand Irmi um fünf auf und braute Jens einen starken Kaffee. Als er um halb sechs vom Hof fuhr, horchte sie seinem Auto nach. Dann war es auf einmal still. Nur aus dem Stall hallten ein paar Geräusche herüber. Der ältere Kater sprang auf Irmis Schoß und gab einen Laut von sich, der wie »Ähh« klang. Sie hatte von ihm noch kein einziges Miau gehört – immer nur dieses »Ähh«. Dafür konnte er es variieren, von anklagend bis schmeichelnd. Die jetzige Tonlage vermeldete eindeutig: »Hunger.« Irmi füllte ihm einen Napf und trank ihren Kaffee auf dem Hausbankerl vor der Tür.

Jedes Mal, wenn Jens wieder weg war, fühlte sie sich leer – und ein kleines bisschen erleichtert. Sie war nun wieder frei, »ich« zu sagen. Sie fühlte sich wohl im »wir«, aber lieber nur temporär.

 

Als Irmi ins Büro kam, traf sie Sailer auf dem Gang.

»Gestern hots aan derbröselt, hört ma. Und Sie waren vor Ort?«, sagte der ohne eine Begrüßung oder sonstiges unnötiges Beiwerk.

Sailer, dessen Verwandtschaft das ganze Werdenfels, bis weit in den Pfaffenwinkel und den Landkreis Tölz hinein mit einem Spinnennetz überzogen hatte, wo an den Knotenpunkten irgendwo Kusinen, Vettern, Groß-, Klein-, und Mittelneffen saßen, der wusste immer alles.

»Der Schwoger is mitg’fahrn, er sammelt Dieselrösser«, schickte Sailer noch zur Erklärung hinterher.

»Aha. Und allwissend, wie Ihre Anverwandten so sind, Sailer, wissen Sie sicher auch, wen es derbröselt hat?«

»Den Danner, den Julius.«

»Und zu dem Mann haben Sie irgendwas zu sagen?« Das drohte mal wieder so ein typisches Sailer-Gespräch zu werden, wo man dem Kollegen mühevoll dünnere und dickere Würmer aus der Nase ziehen musste.

»Der Danner …« Sailer rollte mit den Augen.

»Den Namen kennen wir ja nun. Und weiter?«

»Oiso der Danner …«

»Sailer!«

»Wissen S’, Frau Mangold, erinnern S’ Eahna no an den Fall mit dem Buchwieser, den wo ma auf der Kandahar derschussn hot?«

»Ja«, sagte Irmi und versuchte ruhig zu bleiben. Buchwieser war Lehrer in der Eliteschule des Klosters Ettal gewesen und erschossen auf der Kandahar-Piste aufgefunden worden. Ja, sie erinnerte sich.

»War der auch Traktor gefahren, oder was, Sailer?«

»Mei, der Buchwieser war a ähnlicher Typ wie der Danner. Kopf durch die Wand. Laut. Rigoros. Verstehen S’?«

»Nicht so ganz.«

»Der Julius Danner is aa a Querulant. Der schadt dem Tourismus.«

»Inwiefern?«

»Der mog die CoolCard ned.«

Allmählich wurde es Irmi nun doch zu bunt. »Sailer, Sie reden in Rätseln. Julius Danner mochte was für ein Dingsbums nicht? Ich kenn nur ein Coolpack!«

»Ned a Coolpack. Des is a Card. A Karte hoit. Die Ilse, was mei Cousine zweiten Grades …«

»Sailer, können Sie heute noch zum Punkt kommen?«

»Es gibt im Loisachtal, im Ammertal, in Murnau und im Allgäu draußen die sogenannte CoolCard. All inclusive oder wie des hoaßt. Und da kann der Gast dann alles umsonst machen – Bergbahnen und Schifflefahren und ins Museum.«

»Das klingt doch eigentlich gut.«

»Ja, aber der Danner und ein paar andere meng des wohl ned, zwengs der Wettbewerbsverzerrung. War aa vui in der Zeitung, der Danner.«

Irmi erinnerte sich vage, hatte aber maximal die Überschriften der Artikel gelesen.

»Ich darf zusammenfassen, Sailer: Julius Danner ist ein Querulant, und er liegt mit einer All-inclusive-Karte im Zwist? Warum denn das?«

»Weil er hot a Flugschule für Gleitschirme, Sie wissen scho, die mit dene Lappen in der Luft rumfliagn. Ja mei, aber des kann uns ja egal sein«, beendete Sailer seine wirre Rede.

Was die Flugschule mit der Karte zu tun haben sollte, erschloss sich Irmi nicht. Sie beschloss, lieber nicht nachzufragen. Dennoch wollte ihre unbestimmte Unruhe nicht weichen.

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Sailer. Ja, ich war vor Ort, ich stand zufällig genau daneben. Ich hab sogar mit dem Notarzt gesprochen und gewartet, bis dieser Julius Danner im Heli war.«

»Und des ham S’ ned g’macht, weil Eahna fad war, sondern weil Sie was wittern.« Sailer versuchte sich an einer merkwürdigen Nasenbewegung, wie ein Riesenkaninchen mit Zuckungen sah das aus.

Irmi ließ ihn einfach stehen. Warum unterstellten ihr alle, sie sei quasi scharf darauf, einen Fall an Land zu ziehen? Sie war doch nicht in der Eifel, wo sich diese Kommissarin mit dem fragwürdigen Modegeschmack mehr »Action« für ihren Polizeialltag wünschte. Eine Serie, die nicht mal in der Eifel gedreht worden war, sondern bei Siegburg. Aber egal, sie lebte auch nicht in Hängarsch, das korrekt natürlich Hengasch hieß, und ihre Mitarbeiter waren ein bisschen pfiffiger als die der Fernsehkollegin.

Apropos Mitarbeiter – wo steckte eigentlich Kathi? Als hätte diese Irmis Überlegungen gespürt, trampelte die jüngere Kollegin ins Zimmer. Kathi war blass und zaunrackendürr wie immer, doch irgendwas sah anders aus als sonst. Sie hatte die Haare schwarz gefärbt.

»Machst du auf böse Hexe oder auf schwarz wie Ebenholz? Was soll diese Typveränderung?«, erkundigte sich Irmi.

»Hör mir bloß auf! Drum bin ich auch zu spät. Ich hab einen Kupferton draufgetan, und das Ergebnis war Karottenorange mit Lilastich. Ich also was Dunkelbraunes drüber, dann war’s komplett lila. Da half nur noch schwarz, oder?«

Irmi grinste. »Hat was von Cher.«

»Na toll. Die ist ja fast hundert und dreißigmal operiert. So will ich nicht enden. Gibt’s sonst was Neues?«

Irmi erzählte vom Bulldogtreffen und von den Andeutungen, die der Notarzt und Sailer gemacht hatten.

Kathi stieg überraschenderweise ein. »Klar, die CoolCard. Die gibt es im Außerfern auch. Die Ruine Ehrenberg ist drin, glaub ich, der Hahnenkamm und das Schiff am Heiterwanger See. In der Tiroler Zeitung war erst kürzlich wieder ein Artikel drin. Es hat sich nämlich die WmC! formiert.«

»Ist das eine Diätpille?«

»Weg mit der CoolCard! heißt das. WmC – Ausrufungszeichen.«

»Das klingt wirklich wie eine Abnehmpille. Weg mit dem Hüftspeck. Ausrufungszeichen.« Im Gegensatz zu ihrer Kollegin könnte sie diese Pille durchaus gebrauchen. »Okay, Kathi, es weiß also jeder, dass es so eine Karte gibt, bloß ich nicht?«

»Du musst nur die Äuglein aufsperren, Irmi. Am Eingang vieler Gemeinden, die da mitmachen, steht ein Schild mit dem Motto ›Nebenkostenfrei ins Urlaubsglück‹. Hast du das noch nie gesehen? Mit einem blöden Steinbock drauf, der ein noch blöderes Krönchen trägt?«

Irmi überlegte. »Na ja, jetzt, wo du es sagst. Ich hatte aber nicht den Eindruck, das müsse mich interessieren.«

»Die Frau Hauptkommissar beherrscht eben die Kunst der Ausblendung. Immer nur den aktuellen Fall im Blick.« Kathi knuffte Irmi in den Oberarm. »Und wird dieser Dingsbums ein Fall?«

»Woher soll ich das denn wissen?«

»Indem wir in Murnau im Klinikum anrufen!«

»Wie willst du das machen? Dich als seine Gattin ausgeben? Warum interessiert uns ein verunfallter Traktorfahrer?«

»Weil du diesen besonderen Blick draufhast. So … so …«

»Nicht du auch noch! Raus!«, rief Irmi und wedelte mit den Armen. Sie musste unbedingt an ihrem Pokerface arbeiten. Offenbar sah man ihr jede Gefühlsregung an.

Dann beugte sie sich über ein paar Unterlagen. Sie hatte zu tun, und darüber vergaß sie schließlich auch den Herrn Danner.

 

Als sie am Abend heimfuhr, nahm sie zum ersten Mal das Schild wahr, das am Ortseingang von Oberau stand. Ein Pfeil zeigte nach links. »Noch 7 Kilometer zum Urlaubsglück.« Der Steinbock hatte Glupschaugen und stand auf einem stilisierten Bergkamm. Das Krönchen saß ihm keck und albern zwischen den Hörnern. Die Schrift war rot und aggressiv, eigentlich hätte ihr das wirklich auffallen müssen.

Langsam fuhr sie weiter, bis sie das Schild passierte, das den Weg zu Lissis Hof wies: »Urlaub auf dem Bauernhof«, darunter das Biokreis-Schild. Und der Steinbock. Sie bog spontan ab und traf auf Lissi, die in ihrem Gemüsegarten werkelte.

»Irmi, wie schön! Sonst seh ich dich tagelang gar nicht und nun so oft! Ist Jens wieder weg?«

»Ja, heute ganz früh.«

Lissi nickte. In dieser Geste lag große Zuneigung zu Irmi und tiefes Verständnis. »Magst was trinken?«

»Gern.«

Während Lissi im Haus verschwand, setzte sich Irmi in das Salettl, das nach Westen ging und gerade von der Abendsonne beschienen wurde.

Der ganze Hof war ein Ort, der Lissis Erdverbundenheit widerspiegelte. Ihre Bodenhaftung, ihr Geschick mit Pflanzen, ihrer Gabe, aus alten Wurzeln Kunstwerke zu schaffen, aus alten Klematisranken Kränze zu winden. Lissis Kreativität entlockte ganz einfachen, alltäglichen Dingen neues Leben. Irmi bewunderte das sehr, denn sie selbst hatte eher den braunen Daumen der Dörrnis. Dementsprechend sah der Hof von ihr und ihrem Bruder so aus wie viele Höfe hier: in erster Linie zweckmäßig.

Lissi kam mit zwei Hugos wieder. »Ist zwar angeblich schon wieder out, schmeckt mir aber immer noch am besten. Ist viel Mineralwasser drin, kaum Prosecco. Ich glaub, ich hatte gestern etwas viel erwischt.«

»Jens auch.« Irmi prostete Lissi zu und schloss die Augen. »Ich glaub, ich sollte mal bei dir Urlaub machen.«

»Bitte sehr, eine unserer Ferienwohnungen ist grad frei«, bemerkte Lissi lächelnd.

Ihre Nachbarin vermietete zwei Wohnungen, das wusste Irmi, aber sie hatte nie näher nachgefragt oder sich gar eine der Wohnungen angesehen. In dieser Region vermietete man eben an Fremde, früher war das ein Zubrot für die Hausfrau gewesen, doch in der Nachfolgegeneration hatten viele die Vermietung aufgegeben. Zu aufwendig, zu wenig Verdienst, zu hohe Kosten. Eher ein Klotz am Bein als eine Geschäftsidee.

Zum zweiten Mal heute erfasste Irmi eine leise Betroffenheit. Sie war wohl wirklich viel zu sehr auf ihren Job fokussiert, um das Leben um sich herum wahrzunehmen. Das lag sicher auch daran, dass sie nicht neugierig war. Neid war ihr immer fremd gewesen. Irmi schaute nur dann argwöhnisch auf andere, wenn es um einen Fall ging. Wenn sie auf der Hut sein musste, um nicht in einen Strudel von Lügen hinabgezogen zu werden. Außerhalb ihrer Fälle huschte das Leben der anderen vorbei wie Schilder auf einer schnellen Autofahrt – verschwommen und unlesbar.

Irmi schlug die Augen wieder auf. »Lissi, was ist eigentlich diese CoolCard?«

Viele andere hätten nun gefragt: Warum willst du das wissen? Lissi hingegen beantwortete Fragen nur selten mit Gegenfragen. Sie nahm die Menschen ernst, und sie war nicht zynisch. Genau das zog Irmi so an. Manche hätten Lissi als naiv bezeichnet, aber Lissi war einfach ein klarer Mensch, dessen Weg klar war. Sie musste nicht allzu viel fragen.

»Das ist eine All-inclusive-Karte. Wir gehören auch zu diesem Verbund.«

»Und wie funktioniert das?«

»Wenn du als Vermieter da mitmachst, erhalten deine Gäste diese Karte. Wir müssen pro Tag und Gast einen Obolus abgeben an die Cool GmbH. Aus diesem Pool werden dann die Anbieter von hundertfünfzig Aktivitäten bezahlt.«

In dem Moment wurden sie vom heranstürmenden Sohnemann Felix unterbrochen. »Mama, die Lisa kalbt, der Papa braucht Hilfe!«

Es war immer überraschend, wie flink Lissi trotz ihrer Rundlichkeit war. Schon war sie aus dem Liegestuhl gesprungen. »Irmi, ich muss. Gruß an den Bernhard.«

Mutter und Sohn sausten davon, der Sohn hoch aufgeschossen, die Mama ein Kugelblitz. Alle drei Söhne hatten die hagere Statur des Vaters geerbt, auch Nachzügler Felix, aber er hatte außerdem Lissis Kreativität und ihre Tierliebe mitbekommen.

Irmi fuhr nach Hause, wo sie allein mit dem wie immer fast leeren Kühlschrank war. Wenigstens enthielt er noch einen Kräuterquark und zwei Karotten. Knäckebrot gab es in der Speis, ein Bier auch.

Hintergründe zu den Themen in »Das stille Gift«

(Alpen-Krimi 7)

»Das stille Gift«, handelt von der Bedrohung des Viehs durch das hochgiftige Fäulnisbakterium Clostridium Botulinum, das in Verdacht steht, sich durch Gärungsprozesse in Biogasanlagen zu vermehren. Gelangen die vergifteten Gärreste als Dünger auf die durch Monokulturen und Unkrautvernichtungsmittel ausgelaugten Böden, könnten sie für Rinder zur tödlichen Gefahr werden. Wie bei jedem ihrer Bücher hat Nicola Förg umfassend recherchiert und renommierte Experten und Fachliteratur zu Themen wie dem chronischen Botulismus oder den Einsatz des Herbizids Glyphosat konsultiert.
 

Gespräch mit Prof. em. Dr. Monika Krüger, ehemalige Leiterin des Instituts für Bakteriologie und Mykologie der Veterinärmedizinischen Fakultät an der Universität Leipzig


Ist das Bakterium Clostridium botulinum tatsächlich überall?
Clostridium botulinum ist im Erdboden sowie im Bodensediment von Meeren und Seen in der Regel in Form von Sporen weit verbreitet. Vögel können es mit Körnern aufpicken, Kühe und Pferde nehmen es mit Gras und Silage auf. Normalerweise richtet das Bakterium beziehungsweise seine Sporen im Organismus keinen Schaden an und wird einfach wieder ausgeschieden. Wird aber nun der sporenhaltige Kot dieser Tiere unter den sauerstoffarmen Bedingungen einer Güllegrube oder einer Sammelanlage für Hühnermist aufgefangen, kann das Bakterium dort auskeimen, sich vermehren und Toxin produzieren. Gelangt dieser Dünger nun auf die Felder, hat man den Erreger über eine große Fläche verteilt. Noch schlimmer als Stallgülle ist der Gärrest aus Biogasanlagen.

Glyphosat ist ein beliebtes Unkrautvernichtungsmittel. Es gilt als unbedenklich, oder?
Nach einer neuen Einschätzung der WHO wird Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ eingestuft, da es Krebserkrankungen des Lymphsystems auslösen könne. Dabei beziehen sich die WHO-Experten auf Studien aus Schweden, den USA und Kanada. Dort waren kranke Landwirte, die mit Glyphosat gearbeitet hatten, untersucht worden. Zudem gebe es „überzeugende Belege“ dafür, dass Glyphosat bei Labortieren wie Mäusen und Ratten Krebs verursache. Monsanto hingegen preist den Stoff weiterhin als umweltfreundliche Alternative zum bodenschädigenden Pflügen an. Das Herbizid wird unmittelbar vor und nach der Ernte eingesetzt, schwerpunktmäßig in den Großbetrieben Norddeutschlands. So gerät es ins Stroh und weiter ins Viehfutter und ins Menschenessen. Wir alle nehmen Glyphosat auf – mit konventionellem Fleisch, Milch, Milchprodukten, Eiern, Sojaprodukten, Brot und anderen Getreideprodukten.

(Auszug, das ungekürzte Interview findet sich im Buch)
 

Nicola Förg im Interview

 Über ihre Passion für Tier- und Umweltschutz und warum sie niemals in die Stadt ziehen würde

Wie kommen Sie auf Ihre Themen rund um Tier- und Umweltschutz? Schöpfen Sie da aus eigenen Erfahrungen?
Wir leben auf einem Ponyhof und haben auch Hausgäste in unserem Ferienhaus sowie Kinder, die zu Pferdespaziergängen kommen. Mit jedem Jahr erschüttert es mich mehr, wie weit weg diese Familien von der Landwirtschaft und der Lebensmittelerzeugung sind. Rein in den Supermarkt, raus mit eingeschweißter Putenwurst zum Dumpingpreis, der eigentlich jedem sagen müsste: Hier kann kein Tierwohl zugrunde liegen und das kann auch für die Erzeuger nicht gesund sein.   
Unsere Nachbarn sind Milchbauern, die versuchen zu wirtschaften. Die meisten in einer Höher-Weiter-Mehr Mentalität. Werde groß oder sterbe… Wenige versuchen es mit einer Nische, auch hier sieht man diese Irrfahrten durch die Empfehlungen von Bauernverband und Agrarzeitschriften. Man spürt die Verunsicherung: Wem kann ich noch glauben? Werden Grenzwerte nur beliebig festgesetzt und  scheinbar wissenschaftlich versierte Studien gekauft?

Wie sah bei »Das stille Gift«  die Zusammenarbeit mit den Experten aus?
Das war in dem Fall sehr aufwändig, denn das Thema rund um eine Vergiftung durch chronischen Botulismus, rund um den irrwitzigen Anbau von Energiepflanzen in Monokulturen, um die Biogasanalgen zu füttern, ein Thema mitten hinein in die Glyphosat Diskussion, bedurfte sehr vieler Gespräche mit betroffenen Bauern und Kennern der Szene. Dazu hatte ich mit Frau Prof. Monika Krüger die ausgewiesene Expertin an der Hand, eher eine Frau, die als Enfant Terrible gilt, weil sie den angesprochenen gekauften Studien immer wasserdichte, ganz andere Ergebnisse entgegen hält. Frau Krüger hat netterweise das gesamte Manuskript gelesen und mit Anmerkungen versehen.

Dürfen Regionalkrimis auch ernsthafte Themen ansprechen oder erwartet man von dem Genre leichte Unterhaltung?
Unterhaltung und Nachdenklichkeit schließen sich ja nicht aus. Mir ist das zu schwarz-weiß. Unterhaltsame Feierabendlektüre versus großes kluges Weltwissens-Buch? Man kann mit einer Geschichte unterhalten und dennoch hoffen/glauben/wünschen, dass man Leser nachdenklich stimmt und dass etwas nachhallt. Ich mag eher Dialoge zum Schmunzeln und versuche Menschen mit einem Augenzwinkern zu charakterisieren. Ich mag Bücher, die wie das Leben sind: mal launig dahinplätschern wie ein Sommerabend, mal gewalttätig sind wie eine Gewitterfront.
›Regional‹ ist falsch besetzt: Die Landschaft, das Wetter, die Historie, die Mentalität prägen die Menschen und sind wichtige Zutaten zur Authentizität einer Geschichte, aber ›regional‹ heißt doch nicht per se ›albern‹.

Das schöne Bayernbild Ihrer Alpenkrimis hat Brüche…
Was ist Bayern? Bayern reicht von Unterfranken, über Schwaben bis ins Allgäu und bis ins Berchtesgadener Land. Schon das hat so viele unterschiedliche Facetten und Farbschattierungen! Das Gebirge ist eine Gegend, wo die Familien zum Teil schon seit Generationen leben, wo es eng ist und wo Licht und Schatten sehr dicht beieinander liegen. Da kommt natürlich ein ganz eigener Menschenschlag heraus. Der Vorteil ist mit Sicherheit ein gewisses Aufgehobensein und die Hilfsbereitschaft. Es gibt klare Strukturen, die auffangen. Auf der anderen Seite aber herrscht noch viel Enge in den Köpfen und eine Zweiklassengesellschaft der Ureinwohner und den Zuagroasten..

Ziehen Sie jetzt nicht lieber in die Großstadt?
Sicher nicht. Niemals! Ich bin, in geringerem Umfang als früher, ja immer noch Reisejournalistin. Ich war ziemlich viel unterwegs auf der Welt und es gibt definitiv keinen schöneren Platz auf der Welt, als das westliche Oberbayern und das Ostallgäu. Würde man eine Landschaft auf dem Reißbrett planen, würde man genau das erschaffen: Seen, grüne Hügel und dahinter hohe Felsenberge. Ich könnte Ihnen großartige leere Landschaften in Kanada, Norwegen oder Island nennen, aber da fehlt bei aller Magie eine Zutat: Da gibt es keine Biergärten, keine Berghütten, nicht den Genuss, den wir hier so selbstverständlich finden. Ich kann hinterm Haus losreiten, losradeln, loslaufen, langlaufen. Ich sehe Sterne und die Milchstraße – keine Lichtverschmutzung. Ich habe Platz, ohne dem Nachbarn quasi auf dem Grill zu sitzen. Es fließt ein Bach, der noch mäandrieren darf, Pfützen bleiben stehen, aus denen Katzen und Vögel trinken. Meine Welt ist noch unverbaut. Mein Ostallgäu ist ein Gesamtpaket, zum Heulen schön!

Warum setzen Sie auf zwei Frauen als Ermittlerinnen?
Als Frau ist es einfacher und authentischer sich in die Gefühlswelt von Frauen einzuleben. Ich finde es charmanter, starke Frauentypen zu kreieren, sie auch in ihrem Privatleben zu zeigen. Ich mag beide Figuren, weil sie total unterschiedliche Lebensentwürfe darstellen, zwei Generationen und zwei Pole. Irmi ist nun Mitte Fünfzig, über die Lebensmitte hinaus, sie weiß, dass man nicht unverwundbar und das Leben endlich ist. Das macht sie behutsamer, sie ist eine bodenständige Frau, die sehr gut zuhören und sehr genau hinsehen kann. Kathi hingegen ist Dreißig, sie ist eine Urgewalt, bildhübsch, oft zu schnell in Wort und Tat und doch gutmütig, klar und ehrlich. Und nun kommt ihre Tochter in die Pubertät, hat einen ersten Freund – und die coole Kathi steht vor völlig neuen Problemen.

Als viel gelesene Autorin steht man ja immer mal wieder im Rampenlicht.  Welches Erlebnis mit einem Leser oder einer Leserin war das prägendste bislang für Sie?
Ich genieße (fast) alle Lesungen, weil das Gespräch mit den Lesern immer sehr fruchtbar ist. Mit am eindrucksvollsten fand ich eine Szene in Augsburg in einer großen Buchhandlung: Ein Mann um die Dreißig, groß, stattlich, tätowiert sagte zu mir ganz betreten: »Frau Förg, wissen Sie eigentlich, dass ich so weinen musste, wegen Ihnen?« Ich war etwas irritiert, bis er sagte: »Die Szene, als der Hund der Kommissarin stirbt, war so berührend. Mein Hund ist auch erst kürzlich gestorben.« Dieser große Kerl hatte dabei Tränen in den Augen. So etwas berührt auch mich und bestätigt mich. Wenn Bücher, die Seele berühren, hat der Schreiberling etwas richtig gemacht!«

Ist eine Verfilmung Ihrer Krimis im Gespräch?
Ja, in der Tat. Es gibt konkrete Pläne für »Scheunenfest«, es gibt einen Pitch, einen Drehbuchautoren, eine wunderbare Produzentin und Michaela May würde Irmi spielen. Für mich eine Traumbesetzung.

Das stille Gift

Ein Alpen-Krimi

Ein Teil einer künstlichen Hüfte, das zwei Touristen aus einem Güllefass wie ein Katapult um die Ohren fliegt, ist der Auslöser für die Suche nach einem lange verschwundenen Mann. Irmi Mangold und Kathi Reindl finden heraus, zu wem die Hüfte gehörte. Die Geschichte des Bauern ist ein Albtraum. Erst kommt sein behinderter Sohn ums Leben, dann verenden all seine Kühe an einer rätselhaften, schleichenden Krankheit, und schließlich gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm selbst. Alles deutet auf einen Giftskandal hin, der mehr Lügen und Verdächtige hervorbringt als das Garmischer Land Kuhfladen.

Prolog

 


Langsam und doch stetig kam das Licht. Wo eben noch ein schwerer Flanellmantel aus tiefem Schwarz gewesen war, entstanden Grautöne, die immer heller wurden. Allmählich definierten sich Felszacken, die für einen kurzen Moment wie von einem Heiligenschein erleuchtet wurden. Dann kletterte die Sonne immer weiter, und der Heiligenschein verschwand so eilig, wie er gekommen war.
Es würde ein weiterer paradiesischer Tag werden – hoch über der Hölle da unten. Vor Jahren hatte er irgendwo den Spruch gelesen: In den Bergen ist es nicht leicht, einen weiten Horizont zu haben. Aber man kann hinaufsteigen – dorthin, wo er sich weitet.
Das konnte man in der Tat und dabei weiter sehen als alle anderen. Häufig stand er auf einem der Fleischbanktürme und blickte auf ein Meer aus Blau oder auf die Wolken, aus denen die Gipfel aufstiegen. Doch nach all der Zeit wollte es ihm nicht mehr gelingen, die Last abzuwerfen. Er war ein Eremit, die Wanderer hörte er schon von weither. Oft hockte er nur wenige Meter von ihnen entfernt hinter einem Felsen versteckt. Sie sprachen, sie brüllten regelrecht gegen die Stille an, sie zückten kleine bunte Kameras oder flache Tablets, weil sie alles, was sie gesehen hatten, unten in der Hölle vorzeigen wollten. Mit ihren Herzen stimmte etwas nicht, denn die schienen nicht in der Lage zu sein, das Gesehene zu bewahren. Dann aßen sie ihre Brote, Schokolade und Müsliriegel. Die meisten nahmen ihre Abfälle wieder mit, aber nicht alle. Er sammelte die Verpackungen ein und betrachtete die bunten Bildchen und Aufschriften wie kryptische Botschaften aus einer anderen Welt.
Auch wegen der Schafe und Kühe unten auf den Almen sammelte er sie ein. Die Menschen stolperten achtlos durch den Herrschaftsbereich anderer, die sie durch ihre Nachlässigkeit gefährdeten. An liegen gelassenen Flaschen oder Dosen verletzten sich die wilden Tiere und das Almvieh. Wenn sie neugierig waren, fraßen sie Verpackungsfolien – und schon so manches Tier war kläglich verendet. Aber bis dahin waren die Wanderer längst wieder weg.
Der Senn auf einer der Almen war Holländer und respektierte sein Eremitendasein. Der große rothaarige Mann war ihm dankbar gewesen, dass er zweimal schon Jungvieh vor dem Absturz bewahrt und ein Ziegenbaby gerettet hatte, das die Mutter nicht annehmen wollte. Der Holländer hatte in seinem lustigen Dialekt gesagt: »Du bist mein Phantom der Alm. Danke.« Der Senn würde im Tal nichts von ihm erzählen, er war kein Redner, er kiffte nur ein bisschen zu viel. Der Fremde von den weit entfernten Meeresgestaden arbeitete aber gut, er passte in diese große Stille.
Oft kam sie nicht zu ihm, das wäre auch gar nicht gegangen. Aber wenn sie kam, brachte sie immer Schokolade mit und Zeitungen. Letztens hatte er eine Meldung über eine Touristin gelesen, die mit ihrem Hund über eine Almwiese gelaufen war. Die Kühe hatten sie attackiert, und die Frau war gestorben. Nun schrieben die Journalisten von »Mörderkühen«. Dabei waren Kühe nie Mörder – Tiere mordeten niemals, Tiere jagten Beute, oder sie verteidigten sich. Wie weit war es gekommen mit den Menschen, wie weit hatten sie sich von der Natur entfernt! Kühe waren doch klassische Fluchttiere, keine Angriffstiere. Nur wenn sie sich extrem in die Enge getrieben fühlten, mussten sie reagieren. Auf einer Alm durften sie außerdem ein bisschen mehr Wildtier sein. Dort hatten sie kaum mehr Kontakt zu Menschen, sondern ihren Herdenverband mit ihren besonderen Rangordnungen. Viele Wanderer waren übergriffig. Wie oft hatte er aus einem seiner Verstecke beobachtet, wie Leute aus nächster Nähe fotografierten oder versuchten, die empfindlichen Nasen der Kühe zu streicheln – und sobald ein Hund im Spiel war, fühlten sie sich bedroht wie von einem wilden Raubtier. Kein Wunder, wenn die Hunde bellend über die Weiden sausten, Stadthunde, die ja sonst so gar keinen Spaß hatten, wenn Herrchen und Frauchen tagsüber neun Stunden bei der Arbeit waren und abends gerade noch eine Runde um den Block schafften. Die wenigsten leinten ihren Hund kurz an und umgingen die Kühe zügig und ohne Kontaktaufnahme. Dabei waren die Berge doch kein grenzenloser Freizeitraum, sie waren Lebensraum, der Rücksicht erforderte.
Ein paar so jungen Rotzlöffeln hätte er am liebsten den Hintern versohlt, als sie im Trinkwasserbrunnen für das Vieh ihre Bikes wuschen. Ein einziger Tropfen Öl verunreinigte etwa tausend Liter Trinkwasser! Aber hätte das die jungen Männer überhaupt interessiert? Die Tiere verloren immer, wo der Mensch sich ausbreitete.
Er liebte Kühe und wusste, welche Fehler man bei der Haltung machen konnte. Das hatte er immer gewusst, egal, was die anderen gesagt hatten. Aber es hatte niemand interessiert, dass er sie so sehr geliebt, gehegt und gepflegt hatte. Es ging auf keine Kuhhaut. Ein alter Spruch, eine Redensart, die auf der mittelalterlichen Vorstellung basierte, dass der Teufel die Verfehlungen der Menschen aufschrieb, um nach deren Tod über Beweismaterial zu verfügen, wenn es zum Kampf um die Seelen kam. Damals schrieb man auf Pergament, und das wurde aus Tierhäuten gemacht. Und auf einer Kuhhaut war ganz schön viel Platz für Sünden!
Er hatte oft darüber nachgedacht, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Ein Schritt nach vorn auf einem der Fleischbanktürme hätte genügt. Dort war alles brüchig, alles bröselte und bröckelte. Sich wild zu überkugeln und weit unten im Geröll und Schutt zu enden – das wäre ein angemessener Tod gewesen. Freiheit hätte das bedeutet, wenigstens eine kurze Freiheit, ehe die Felsen ihn zermalmt hätten. Aber er hatte den Schritt nie getan, er musste leben und nun zurückkehren in die Hölle, um es zu Ende zu bringen.

 

 

1

Seit sechsundzwanzig Jahren kamen die Millers aus Ratingen nach Garmisch-Partenkirchen. Zum fünfjährigen Jubiläum hatten sie vom Tourismusverband ein Piccolöchen bekommen, zum Zehnjährigen einen Blumenstrauß. Zum Fünfzehnjährigen gab es ein Käsebrettchen mit Messer, dessen Griff ein geschnitzter Gamskopf zierte. Oder ein Steinbock. Oder ein Hirsch. Das war nicht so klar ersichtlich – »schnitzkünstlerische Freiheit«, wie Heinrich zu sagen pflegte. Wobei Annemone sicher war, dass es sich um eine Gams handelte.
Zum Zwanzigjährigen hatten sie noch ein Brettchen bekommen, allerdings üppig belegt mit Käse und Kaminwurzen und schön in Zellophan eingeschlagen. Zum Fünfundzwanzigjährigen hatte es einen Essensgutschein gegeben, den sie im Gasthaus Mohren eingelöst hatten, nur die Getränke hatten sie selber zahlen müssen.
Den Dreißigsten wollten sie auf jeden Fall noch voll machen. Sie hatten nach sechzehn Jahren das Quartier wechseln müssen, weil die alte Zilli mit der Vermietung aufgehört hatte. Das Bad am Gang und die Toilette eine Etage tiefer waren auch nicht ganz auf dem Stand der Zeit gewesen. Außerdem hatte die alte Zilli nicht mehr so gut gesehen, was etwas zulasten der Reinlichkeit gegangen war.
Nun wohnten die Millers seit zehn Jahren bei der Franziska und dem Franzl, die ihre Landwirtschaft aufgegeben, die Tenne an einen Autobastler vermietet und im Haus Ferienwohnungen eingerichtet hatten. Zu diesem rein persönlichen Zehnjährigen hatte es einen Obstkorb und Wein gegeben und ein Glas Honig vom Franzl. Die Bienenstöcke waren sein Heiligtum. Wenn sie abreisten, kaufte Annemone auch immer ein Glas Honig, denn sie zahlte dann nur drei Euro statt der üblichen sechs.
Doch – man konnte sagen, sie waren angekommen im Werdenfels. Sie hatten sich hochgearbeitet zu Stammgästen und konnten mit Fug und Recht behaupten, diese Region zu kennen. Annemone war zwar nicht mehr so gut zu Fuß, Senkbreitplattspreizfüße, der Hallux und circa zwanzig Kilo Übergewicht standen ihr einfach im Weg. Daher wanderten sie seit einigen Jahren eher im Flachen dahin. Besonders liebten sie die Loisachauen.
Auch heute, an einem leicht bewölkten Herbsttag, hatten sie sich zum Spaziergang aufgemacht. »Es riecht nach Regen«, hatte der Franzl gesagt. Das Ehepaar aus Ratingen hatte einige Jahre gebraucht, um den tiefgründigen Witz zu verstehen. Die Bauern odelten immer dann, wenn sie vermuteten, dass es am Abend oder am nächsten Tag regnen und die Gülle so richtig ins Erdreich gespült würde.
»Es riecht heute aber ganz schön nach Regen«, kicher­­te Annemone, die unpassend zur Körperfülle ein Micky­mausstimmchen hatte.
»Saubären«, maulte Heinrich und zupfte an seinem Janker, den er letztes Jahr teuer beim Grasegger in Garmisch-Partenkirchen erstanden hatte.
»Den hängen wir dann zum Lüften auf den Balkon«, beruhigte ihn die Ehegattin.
Sie gingen am Feldrain entlang. Draußen auf dem Feld dröhnte ein gewaltiger Bulldog, der ein noch gewaltigeres Fass schleppte, aus dem es stinkend hinauskotzte.
»Was die für Maschinen haben! Früher gab’s das nicht«, maulte Heinrich weiter. »Die Viecher sind nur noch im Stall. Laufställe für Millionen bauen sie, und wir Feriengäste kriegen keine Kühe mehr auf der Wiese zu sehen. Ich fahr doch nicht fast siebenhundert Kilometer, damit es hier genauso aussieht wie bei mir zu Hause.«
Dabei tat es das wirklich nicht, denn weit hinten war die Seilbahn zur Zugspitze zu sehen, die das Licht reflektierte. Die Berge warfen lange Schatten – wie in Ratingen sah es hier definitiv nicht aus.
»Ja, ja, früher war alles besser. Da haben wir auch bei Zilli auf dem eiskalten Klo geschissen«, konterte Annemone, die sich den Tag nicht verderben lassen wollte. »Und die Landwirtschaft ändert sich nun mal.«
»Ach komm, Mönchen, das kannst du nicht vergleichen. Wozu braucht ein Bauer hier solche Geräte? Die haben doch gar nicht die Flächen dafür! Angabe ist das, Overkill!«
Mönchen schwieg und zupfte ein paar Ahornblätter ab, die sich schon herbstlich umfärbten. Sie walzte etwas tiefer hinein in die Baumgruppe, um Eicheln aufzulesen. Heinrich hasste den Dekowahn seiner Frau, aber über all die Jahre hatte er resigniert. So war sie halt, sein Mönchen. Hier ein Engelchen, da ein Tierchen, dort ein paar Hummelfiguren, viele gestickte Deckchen, Blümchen und Gestecke – immer passend zur Jahreszeit.
Lieber stand er sich die Füße in den Bauch, als unter diese Bäume zu robben. Das Traktorengeräusch kam näher. Immer näher. Er würde keinen Zentimeter weichen. Schließlich stand er auf dem Wanderweg. Diese Saubauern machten sowieso allerorts Wege einfach zu Teilen ihrer Wiesen. Er hatte noch die alten Wanderkarten, da waren Wege eingezeichnet, die es heute gar nicht mehr gab.
Der Bulldog hatte ihn im Vorbeifahren fast touchiert, das Fass ließ die Erde beben, und dann kam der Strahl. Treffer, nein, Volltreffer musste man sagen. Heinrich war kurzzeitig wie erstarrt, dann rannte er dem röhrenden Gefährt hinterher. Erneut wurde er eingeodelt, aber das war ja nun egal.
»Anhalten! Halten Sie sofort an! Sie ausgemachter Trottel! Saubauer! Anhalten!«
Es gab ein gurgelndes Geräusch. Der Traktor blieb stehen, und überraschend schnell öffnete sich die Tür. Aus schier schwindelnder Höhe sprang ein Mann herab.
»Ja, du Depp, du! Was wuist du auf meim Feld? Ja, schleich di!«
»Sie sagen Depp zu mir? Sie haben mich tätlich angegriffen.«
»Wos hob i?«
»Mich über den Haufen gefahren und befleckt.«
Der Mann begann schallend zu lachen. »Befleckt, ja du bist mir ja ein ganz ein gscheiter Depp.«
Heinrichs Gesicht wurde rot unter der Odelschicht. »Ich zeig Sie an!«
»Ja, wärst halt an Schritt zur Seite getretn!«
»Sie haben den Weg verodelt. Den Weg!«
»Woaßt was, i hob mei Zeit ned g’stohln. Habe die Ehre.«
Der Landwirt stieg wieder auf, das Gefährt erdröhnte und setzte sich in Bewegung. Heinrich rannte noch ein paar Schritte hinterher, dann zischte noch etwas durch die Luft. Eine Art Geschoss. Heinrich stolperte und wäre fast gestürzt. Auf dem Boden lag ein Metallteil. Das hätte ins Auge gehen können, im wahrsten Sinne des Wortes. Na, hoffentlich war dem Saubauern etwas an seinem Höllengespann gebrochen, und er würde liegen bleiben oder in die Luft fliegen. Doch das tat er nicht. Er drehte weiter seine Kreise.
Heinrich hob das Teil auf und wickelte es in ein Taschentuch, um es einzustecken.
»Den zeig ich an!«, brüllte er nochmals und wandte sich um. Annemone starrte ihn entgeistert an. Vor Zorn bebend baute er sich vor seiner Frau auf. »Schmeiß deine Scheißblätter weg. Wir gehen zur Polizei.«
Nervös zwinkerte Annemone mit ihren Schweinsäuglein. Das tat sie immer, wenn sie sich richtig unwohl fühlte und gegen die Ohnmacht ankämpfte, die ihr Mann ihr ständig vermittelte. Als sie seinerzeit – viel zu jung – geheiratet hatte, war sie chancenlos gewesen gegen seine Übermacht, aber sie hatte gelernt, sich zu wehren, auch wenn es sie jedes Mal so viel Kraft kostete und sie anschließend immer ein paar Pralinen brauchte.
»Was willst du bei der Polizei?«
»Den Idioten anzeigen! Das war ein tätlicher Angriff! Ich hätte tot sein können.«
»Ja, an dem Gestank, den du ausdünstest, kann man tatsächlich sterben.«
Nicht nur Heinrich war sprachlos, sondern auch Annemone, denn so schlagfertig war sie nur selten. Er drehte sich wortlos um und stapfte davon.
Irmi gab es nur ungern zu, aber von Zeit zu Zeit schaute sie sich Bauer sucht Frau an. So wie gestern. Ein paar Kumpels ihres Bruders hatten mal vorgeschlagen, Bernhard für die Sendung anzumelden, so »schiach« sei der doch gar nicht. Und Irmi habe dann auch gleich die Chance, die neue Schwägerin auf Herz und Nieren zu prüfen. Aber Bernhard brauchte keine Frau, er war nicht interessiert. Irmi hatte für einen Moment darüber nachgedacht, was es wohl bedeuten würde, wenn ihr Bruder doch noch … Würde sie mit einer fremden Frau unter einem Dach leben wollen? Würde sie dann ausziehen? Wie schnell ihr gut eingerichtetes Leben auf einmal aus den Fugen geraten könnte … theoretisch zumindest.
Wie hätten sie Bernhard wohl bei RTL angekündigt? Als den behäbigen Bernhard? Den malerischen Milchbauern? Den Schweiger aus Schwaigen? Dieser Alliterationswahn war doch eine Seuche: In der Bauernvermittlungsshow gab es den romantischen Rinderwirt, den schmusigen Schafbauern und den zickigen Ziegenzüchter. Ganz zu schweigen vom feinsinnigen Forstwirt. Hühnerhöfe im heimeligen Harz gab es ebenso wie schneidige Schweineställe im schnuckeligen Schwaben. Der sanfte Sven, der kräftige Karl und der magische Martin. Natürlich auch der lustige Ludwig und der humorvolle Hubert. Puh!
Längst prägte Bauer sucht Frau das Bild der deutschen Landwirtschaft, allerdings nicht immer auf die vorteilhafteste Weise. Entweder waren die Höfe komplett verranzt, dann hatte das Drehteam als Ausgleich alles an Requisiten verteilt, was Romantik versprach. Für Menschen wie Irmi war es jedoch nichts als ein totaler Verhau! Kein Bauer warf Strohballen neben die Eingangstür, warum auch? Keiner stellte drei rostige Bulldogs in den Obstgarten. Und angesichts der Kätzchen mit ihren verklebten Schnupfenaugen und der Ponys, die stundenlang irgendwo angebunden standen, war es erstaunlich, dass der Tierschutz nicht längst Sturm lief.
Oder die Bauern bekamen von RTL brandneue Traktoren mit lackschwarzen Reifen hingestellt. Die Fahrzeuge glänzten so, dass sie aussahen, als kämen sie direkt vom Tieflader. Ob die Kandidaten diese Schlepper wohl behalten durften? Dann sollte man sich das Ganze doch noch mal überlegen. So ein neuer Fendt wäre schon was!
Irmi musste in sich hineingrinsen, nahm einen Schluck Kaffee und sah auf die Uhr. Es war elf. Kathi würde erst mittags kommen, sie musste mit dem Soferl zum Zahnarzt. So cool die Tochter der Kollegin sonst war – wenn es um Zahnarztbesuche ging, mutierte sie zum Panikbündel.
Es war ruhig am heutigen Dienstag, es war generell ruhig zurzeit. Im Herbst waren die meisten Touristen weg, ein paar ältere Herrschaften nutzten die Preisvorteile der Nachsaison – die nützliche Nachsaison für pfiffige Pensionäre im großartigen Garmisch … oder so ähnlich.
Irmi nippte erneut am Kaffee. Da wurde es im Gang plötzlich lauter. Sie hörte Sailers durchaus kräftige Stim­­me, die dann von ziemlichem Gebrüll übertönt wurde. Irmi seufzte, hatte sie nicht gerade daran gedacht, wie ruhig es derzeit war? Als sie die Tür öffnete, schlugen ihr nicht nur böse Worte entgegen, sondern auch eine Woge übelsten Geruchs. Der Gestank ging von einem Mann in den Sechzigern aus, der aussah, als hätte er statt Fango eine Odelpackung bekommen. Gerade zog er seinen Janker aus und wedelte ihn vor Sailer herum, was den Geruch nun auch noch verteilte.
»Jetzt halten S’ amoi die Babbn!«, brüllte Sailer. »Oder in Ihrem Jargon: Einfach mal die Fresse halten.«
Tatsächlich erstarb der nächste Redeschwall in einem »Pfft«. Irmi beobachtete die dazugehörige Frau, die ganz leicht lächelte.
Der Geruch blieb mehr als streng. Hieß es nicht, dass sich der menschliche Geruchssinn relativ schnell adaptierte? Davon war zumindest für Irmi nicht viel zu spüren. Sie versuchte, flach zu atmen und sagte: »Was ist hier los? Können wir alle mal auf normale Lautstärke umstellen?«
Der Mann fuchtelte mit dem Arm, was die Geruchsbelastung sofort wieder erhöhte. »Ich will Anzeige erstatten, aber Ihr Kollege lässt mich nicht zu Wort kommen.«
»Der brüllt als wie ein Murenabgang im Gebirg«, maulte Sailer. »Bisher hob i nix verstanden.«
»Dann gehen wir doch alle mal nach vorne, und Sie, Herr … wie war der Name? Sie erzählen uns jedenfalls, worum es eigentlich geht. Aber bitte in Zimmerlautstär­­ke!« Irmi lief vorneweg. Dort, wo Anzeigen aller Art aufgenommen wurden, riss sie Türen und Fenster auf und sah den Mann an. »Name?«
»Miller. Heinrich Miller. Und das ist meine Frau Annemone. Aus Ratingen. Seit sechsundzwanzig Jahren machen wir hier Urlaub. Sechsundzwanzig. Ein halbes Leben. Und dann werde ich tätlich angegriffen! So was ist mir noch nie passiert! Ich hätte tot sein können!« Sein Organ steigerte sich schon wieder zum Orkan.
Es dauerte eine Weile, bis man Herrn Miller so weit beruhigt hatte, dass er seine Geschichte erzählen konnte. Von einem Trecker in der Größe eines Hochhauses und einem Fass mit dem Fassungsvermögen der Weltmeere. Von einem lebensgefährlichen Bauern, der ihn aufs Gröbs­­te beleidigt und anschließend fast niedergefahren hatte, und das auf einem Wanderweg, namentlich dem Ahornwegerl, wo sie auch schon seit Jahren spazieren gingen. Er verlangte Schadenersatz für seinen Janker, er forderte Schmerzensgeld und die Höchststrafe für den Landwirt, weil es ja schließlich ein Mordanschlag gewesen sei.
Sailer nahm alles auf, Irmi ließ sich mehrfach erklären, wo genau der Vorfall sich zugetragen habe, wurde dabei aber stets unterbrochen, weil Herr Miller das Wort »Vorfall« durch »Mordanschlag« ersetzte. Dann erfragte sie die Adresse seiner Ferienbehausung und gelobte, sich zu melden.
»Und geschossen hat er auch noch!«
»Wie? Geschossen?«
»Mir ist ein Geschoss um die Ohren geflogen!« Er hielt Irmi das seltsame Teil entgegen.
»Und wo kam das genau her?«
»Aus der … der … na ja, der Sprühdüse hinten …«
Sailer gluckste, verschluckte sich und ging hustend nach draußen.
Irmi unterdrückte das Lachen. »Sie meinen aus dem …«
»Ja, wo die Scheiße eben rausfliegt.« Miller stampfte wie ein Rumpelstilzchen mit dem Fuß auf. Seine Frau schwieg beharrlich und sah zu Boden. »Das Teil gehört sicher zu dem Trecker. Damit können Sie ihn überführen, falls er leugnet.« Seine Augen funkelten, wahrscheinlich sah er im Fernsehen zu viele Sokos, Tatorte und andere Formate, die jeden Laien zum Superermittler machten.
Endlich waren sie draußen, auch der Geruch verflog allmählich. Sailer war nebenan am Telefon, um zu eruieren, wer denn nun den Anschlag verübt hatte. Irmi betrachtete das merkwürdige Ding. Das Material kam ihr komisch vor, von einem Bulldog schien das nicht zu stammen.
Eigentlich fiel die Odelattacke nicht ganz in Irmis Zuständigkeitsbereich, aber da sie gerade ziemlich unterbesetzt waren, beschloss sie abzuwarten, was Sailer herausfand. Sie packte das merkwürdige Ding in eine Plastiktüte und stopfte es in die Tasche ihrer Fleecejacke, die über dem Stuhl hing. Wie jeden Herbst war sie ständig falsch angezogen. In der Früh, wenn es knapp über null Grad war, fror sie. Kam dann die Sonne heraus, entfaltete sie noch immer eine sommerliche Kraft, und die Brühe rann einem den Körper hinab. Abends wurde es schlagartig kalt. Am besten zog man Kleidung nach dem Zwiebelprinzip an. Nur Sailer trug Uniform oder eine kurze Lederne, unabhängig von allen Temperaturschwankungen.
»Des Feld g’hört dem Urban. Denn kennen S’ doch, oder?«
Irmi überlegte kurz. Urban?
»Der Urban. Der Rupert«, fuhr Sailer fort.
»Ach der!« Irmi erinnerte sich. Rupert Urban war ein unsympathischer, großspuriger Typ, den Bernhard gar nicht schätzte. Der Wald von Rupert Urban grenzte an den der Mangolds. Daher hatte Urban ein Durchfahrtsrecht, von dem er immer dann Gebrauch machte, wenn es besonders nass war. »Der macht mir Loasen nei wie Bachbetten«, pflegte Bernhard zu schimpfen. Zudem nahm es Urban mit den Grenzbäumen nicht immer so ganz genau.
Urban überging alle Gesprächsangebote, und ein schärferer Ton prallte ebenso an ihm ab. Über die Jahre hatte Bernhard immer versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Irmi hatte kaum Berührungspunkte mit ihm gehabt, sie wusste nur, dass Urban ein echter Millionenbauer war. Ihm gehörten vier Mietshäuser in Partenkirchen, er besaß den Hof, und hatte außerdem eine sehr begüterte Frau aus dem Fuchstal geheiratet. Auch dort gab es einen großen Hof und Bauplätze für das immer weiter ausufernde München. Käffer wie Seestall oder Denklingen bei Landsberg waren längst Schlafdörfer für Münchenpendler geworden – Gewinner waren solche wie Urban.
»Fahren Sie hin?«, fragte Sailer. »Hier ist ja sonst gar keiner mehr. Die Kathi beim Zahnarzt, die Andrea krank, der Sepp hot frei, a Streife is unterwegs …«

»Den Begriff Regionalkrimi mag ich nicht so sehr...«

Nicola Förg über »Scheunenfest« (Alpen-Krimi 6)

Schon der 6. Fall für die beiden Kommissarinnen Kathi Reindl und Irmi Mangold! Regionalkrimis scheinen weiterhin zu boomen. Was steckt hinter dem ungebrochenen Reiz am Mord ums Eck?
Ehrlich gesagt, mag ich den Begriff »Regionalkrimi« nicht so sehr. Erstens spielen Krimis immer irgendwo, die Landschaft, das Wetter, die Historie, die Mentalität prägen die Menschen und sind wichtige Zutaten zur Authentizität einer Geschichte. Auch Donna Leon oder Henning Mankell schreiben »Regionalkrimis«. Das Wort nervt aber erst recht in Verbindung mit Allgäu oder Alpen. In den letzten Jahren hat es sich in den Köpfen der Menschen so festgesetzt, dass ein Krimi aus dem Süden Schenkel klopfende Heiterkeit verbreiten muss - und Bücher eher Kabarett und Slapstick denn Buch sind. Ich schreibe Krimis, die natürlich auch Dialoge zum Schmunzeln haben dürfen, die Menschen mit einem Augenzwinkern charakterisieren - aber es geht doch primär um menschliche Abgründe und um Mord, was ich wenig heiter finde.

Die beiden Frauen haben keine festen Partner, Irmi eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Zudem erholt sie sich zu Beginn des Buches von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Gehören private Probleme zu einem guten Krimi dazu?
Die Irmi ist keine gebrochene Persönlichkeit, sie ist eine optimistische, zupackende, bodenständige Persönlichkeit. Aber ich wollte zeigen, dass auch und gerade solche Menschen, die immer selbstbestimmt sind, die alles selber können und nie Hilfe annehmen, an einen point of no return kommen. Irmi hat das akzeptiert, erliegt dem Zauber Nordnorwegens im Winter und spürt sich wieder. Sie spürt sich auch wieder als die Kommissarin, die die Intuition hat. Und die braucht sie in dem Fall auch!

Dieses Mal kommen Sie mit wenig Tieren aus….
Ich weiß, ich stehe in Verdacht, gerne Tierthemen aufzugreifen, was im Falle von »Mordsviecher« und »Platzhirsch« natürlich wahr ist. Aber das sind eben die Themen vor meiner Haustüre. Es ist meine Lebensrealität inmitten von Pferden, Katzen und Kaninchen zu leben, es ist meine Realität, selber Heu zu machen oder Bäume zu fällen. Und auf dem Land ist das auch die Realität vieler Menschen. Sei es im Bereich der Nutztiere wie beim Bruder meiner Kommissarin, seien es Haustiere, die heiß geliebt werden. Meine Themen sind immer ein klein wenig „aufklärerisch“. Und das bedeutet eben auch, dass Menschen mit dem einen oder anderen tierischen, ländlichen Thema in Berührung kommen, das in einen Krimi verwoben wurde. Ein Thema, das ihnen sonst vielleicht nicht untergekommen wäre …

Sie sagen aufklärerisch, andere nennen es sozialkritisch und dieses Mal beschäftigen sie sich mit dem brisanten Thema der ausländischen Pflegekräfte.
Ich möchte das gar nicht so hoch hängen, aber mir kommen eben immer wieder Geschichten unter, die mich aufregen, die mich berühren, die mich erschüttern. Aus dieser inneren Bewegung entsteht dann eben der Wunsch, eine Geschichte zu erzählen, die andere auch bewegt. Und in dem Fall ist es das gewaltige Problem der Pflege alter Menschen. Auch ich stand vor der Frage, wie ich meinen Eltern ein würdiges Altern ermöglichen kann. In meiner Familie sind wir den Weg der ausländischen Pflegekräfte gegangen und das ist für alle Beteiligten ein Tanz auf sehr dünnem Eis. Die Angehörigen haben ein bohrend schlechtes Gewissen, die lieben Alten sind natürlich nicht immer lieb. Die Mädchen aus dem Ausland sind weder Engel noch Teufel. Die meisten haben Sprachprobleme, sie haben Heimweh. Sie erfüllen einen übermenschlichen 24-Stunden-Job – emotional ist das alles hochsensibel. Und ja, ich musste einige Jahre durchatmen, um nun erzählen zu können. Der Tod, ja das Verenden meiner schwer dementen Mutter war mit das Bitterste, was ich erlebt habe.

Eine junge rumänische Pflegerin kommt bei einem Tennenbrand um.
Ja - und das bringt Sand ins Getriebe einer schrecklich normalen Familie aus dem Ammertal. Was nun tun mit den Alten? Da ist die Rede von den Karpatenweibern, die man mit Verachtung sieht. Wiewohl das ein weites Tal ist, sind da so viele Scheuklappen vor den Augen. Es geht eben immer auch darum, aus den richtigen Familien zu stammen, Zugereiste haben immer nur ein Ticket zweiter Klasse! Und es ist beklemmend zu sehen, wie viele Grauzonen diese Familie zulässt, wenn es um Lug und Trug geht. Nur Mord schließt man kategorisch aus.

Getötet wurde aber nicht nur die junge Rumänin, sondern auch eine junge Norwegerin?
Ja, sie ist eine Austauschstudentin und freundete sich mit der Rumänin an. Es ging mir auch darum zu zeigen, welche zwei Pole wir im heutigen so gar nicht vereinten Europa haben. Da ist eine gebildete junge Frau aus einem Land, das viele nur mit Menschenhändlern, Drogenschiebern und Sinti und Roma assoziieren. Eine junge Frau, für die 1200 Euro im Monat sehr viel Geld sind. Die andere kommt aus einem Land, das durch sein Ölvorkommen reich ist, wo Überfluss herrscht, wo ein junges Mädchen alle Möglichkeiten hat. Zwei junge Frauen mit ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen sind fröhlich und mit der Unverwundbarkeit der Jugend nach Bayern gekommen. Und sterben gemeinsam in einer Tenne!

Und die junge Norwegerin hatte noch einen ganz anderen Beweggrund zu kommen?
Ihr Auftauchen führt uns in ein unrühmliches Kapitel unserer Geschichte, es entführt uns in die Zeit norwegischer Besatzungssoldaten. Und auch hier bin ich ganz persönlich bewegt. Meine Eltern sind beide verstorben, auch im Falle meines Vaters sind alte Dokumente und Bilder lange in der Truhe des Verdrängens gelegen. Als ich dann seinen Ariernachweis in Händen hielt, seine Entlassungspapiere aus britischer Gefangenschaft, die alten Fotos – da erging es mir eben wie meiner Kommissarin. Ich gehöre zur Generation deren, die gerufen haben: Warum habt ihr da mitgemacht? Wir wurden im Geschichtsunterricht so mit der NS Zeit torpediert, dass wir zugemacht haben. Ich hadere heute damit, dass ich zu wenig gefragt habe - und um mit einer meiner Figuren zu sprechen: Krieg ist eben Millionen mal ein Einzelschicksal und wenn der letzte Zeitzeuge gestorben ist, dann ist es Geschichte. Scheunenfest ist auch ein Buch gegen das Vergessen!

Wenn man die Verwandtschaft auf dem Cover von »Scheunenfest« findet

Die Autorin Nicola Förg erhielt diese flauschigen Grüße von Kater Easy, der ganz begeistert von ihrem Roman »Scheunenfest« war. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob er die Lektüre überleben sollte...Sein Frauchen Annett Ackermann war so nett und hat in seinem Namen das Foto eingesendet.

Blick ins Buch
ScheunenfestScheunenfest

Ein Alpen-Krimi

Düster ragt das Skelett einer abgebrannten Scheune in den Himmel über dem Ammertal. Bei den Aufräumarbeiten werden darin die verkohlten Leichen zweier Frauen gefunden. Wurden die beiden Opfer eines tragischen Unfalls, oder hat jemand versucht, die Spuren eines Verbrechens zu verschleiern? Ein neuer verzwickter Fall für Irmi Mangold und Kathi Reindl.

1

Ein sauberes Dekolleté, aus dem die Brüste appetitlich hervorquollen. Bierkrüge, die zusammenkrachten. Als er mit dem Tandemradl an den Schleierfällen vorbeifuhr, riefen ein paar Kinder: »Du musst immer einen Helm anziehen, Helm anziehen, Helm anziehen …« Die Frau mit dem Dekolleté lachte mit sehr roten Lippen. Ein alter Schulfreund, der zweite Mann auf dem Tandemrad, legte ihm die Hand auf die Schulter und grölte. Dann begann er zu wackeln und zu ruckeln. Sie würden umfallen, der Weg war doch so steinig …

Es war zwei Uhr achtundvierzig, als Herbert Springer aus dem Tiefschlaf fuhr. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er sich noch erinnern, was er geträumt hatte. Einen ziemlichen Schmarrn, denn den Schulfreund hatte er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, der war nach Kanada ausgewandert, und natürlich konnte man an den Schleierfällen nicht radeln, man konnte dort ja kaum gehen, wenn man schlecht zu Fuß war.

Herbert sprang aus dem Bett. Der Traum war weggewischt, die Zeitspanne zwischen Schlaf und Wachen war so kurz gewesen wie ein Wimpernschlag. Hätte er die Augen noch geschlossen gehalten, hätte er den Traum vielleicht noch eine Weile festhalten können, aber in seinen Körper war schon so viel Adrenalin geströmt, dass sein Herz raste. Es war der nervige Piepser, der ihn geweckt hatte. Er las die Nachricht auf dem Display: eine Adresse, es waren Personen in Gefahr, die Einsatzart war ein B5. Als erster Kommandant wusste er, dass dies der feuerwehrinterne Code für einen Großbrand war.

Zwei Sekunden später schallten die Sirenen durch das Dorf, und schon drei Minuten nach der Alarmierung saß Herbert im ersten Fahrzeug. Er konnte fast in einem Rutsch in Hose und Stiefel springen. Als er mit dem Jeep durchs Dorf raste, war es zwei Uhr zweiundfünfzig. Der LF 20, das erste Angriffsfahrzeug, so hieß das nun mal, war ihm auf den Fersen. Zum Glück wohnten viele seiner Leute unweit des Feuerwehrhauses.

Ein schwarzer Himmel wölbte sich über die Schneeflächen, und das fahle Mondlicht verschwand immer wieder hinter faserigen Wolken. Das Kreischen der Sirenen schallte auch durch die Nachbardörfer, und man hätte schon einen sehr guten Schlaf haben müssen, um nicht vom Geräusch aufzuschrecken. Fenster klappten, Köpfe reckten sich hinaus. Gestalten in Morgenmänteln, Pantoffeln oder eilig übergestülpten Stiefeln hasteten durch die verschneiten Bauerngärten. Wo brennt es? Hoffentlich nicht bei uns! Viele sahen am nachtschwarzen Himmel den Feuerschein, der hinaufzüngelte wie ein Feuer speiender Drache.

Es brannte beim Schmid, und das war gar nicht gut, schließlich lag der Hof mitten im Dorf. Die Tenne hatte bereits zur Hälfte Feuer gefangen, und zwar in der rechten Hälfte, die direkt ans Wohnhaus angrenzte. Immerhin gab es eine gute Brandschutzmauer dazwischen. Herbert wusste, dass dennoch immer alles passieren konnte, aber er hatte Routine und Nerven wie Drahtseile, zumindest solange das Adrenalin ihn begleitete, und das würde heute wohl noch eine Weile der Fall sein.

Die Wehren aus Oberammergau und Altenau heulten nun auch heran, und für einen Sekundenbruchteil fragte sich Herbert, ob die Saulgruber mal wieder in die falsche Richtung gefahren waren. Dann lächelte er, heute war kein Nebel, da würden die Nachbarn es ja wohl schaffen. Rotes Kreuz und Polizei lichtorgelten ebenfalls heran. Herbert wies die Kollegen von den anderen Wehren ein. Eigentlich hätte der Kreisbrandinspektor aus Ogau – so lautete die saloppe Abkürzung für Oberammergau – übernehmen sollen, doch der war im Urlaub.

Inzwischen hatte Herbert seinen Atemschutztrupp ins Wohnhaus geschickt, der Sicherungstrupp stand bereit, und auf die Tenne lief bereits voller Angriff. Bei einem Brand dieser Größe würde das Hydrantennetz in jedem Fall zusammenbrechen. Deshalb waren die anderen Wehren – Saulgrub und Ettal waren mittlerweile auch eingetroffen – damit beschäftigt, die Ansaugstellen an der Ammer zu besetzen.

Als die Kollegen Burgi Schmid auf einer Trage durch den Bauerngarten bugsierten, war es drei Uhr zehn. Ihr Mann Xaver humpelte, auf zwei Feuerwehrler gestützt, hinterher und brüllte irgendwas Unverständliches. Der Notarzt hastete den beiden Alten entgegen. Zu allem Überfluss hatte sich ein Ettaler Feuerwehrmann, ein Zuagroaster mit großer Klappe und Sendungsbewusstsein, den Knöchel gebrochen, als er vom Einsatzfahrzeug gesprungen war – wie ein Keltenkrieger, der sich in die Schlacht stürzen will. Dadurch wurden unnötig Sanitäter abgezogen, die den übereifrigen Kollegen mit einem Krankenwagen abtransportieren mussten.

Einige Kollegen aus Altenau hielten dicke Decken hoch, um damit die heranbrandende Flut von Dorfbewohnern abzuhalten. Der Atemschutztrupp hatte abgeklärt, dass nun niemand mehr im Wohnhaus war. Zwei benachbarte Bauern waren in den Stall des Schmid-Hofs gelaufen, der einen kleinen Teil der brennenden Tenne bildete, und hatten die Tiere herausgetrieben. Es waren zum Glück nicht mehr viele: sechs Kühe, ein Geißbock, sieben Schafe. Eine Frau, die über dem Nachthemd eine Daunenjacke trug und deren nackte Beine in den viel zu großen Latschen ihres Mannes steckten, versuchte die flatternden und gackernden Hühner zusammenzuhalten. Bei Katastrophen taten Menschen oft instinktiv das Richtige, das wusste Herbert.

Irgendwo war ein Schrei zu hören: »Da kommt nix!« Wie so oft hatte jemand im Durcheinander die Schläuche an den falschen Verteiler angeschlossen, Schlauchordnung war eben nicht jedermanns Sache. Die Nachbarhäuser standen unter Wasserbeschuss, und Herbert befürchtete nun kein Übergreifen der Flammen mehr aufs Wohnhaus.

Es war drei Uhr zwanzig, als plötzlich alle in eine Richtung starrten: Im linken Teil der Tenne brannte es auf einmal taghell. Das Licht schmerzte in den Augen wie bei einer Explosion. Herbert, der erste Kommandant, vermutete Metallbrand, womöglich auch Kunstdünger oder Ammoniak, irgendetwas in der Art, und das war schlecht, sehr schlecht sogar. Dennoch gelang es der Feuerwehr, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Herberts Adrenalinspiegel war weiterhin auf Spitzenniveau.

Drei Stunden später hatten sie schließlich jeden Balken abgelöscht, und die Wärmebildkamera zeigte keine Brandnester mehr an. Zwei Journalisten vom Garmischer Tagblatt waren inzwischen aufgelaufen, hatten fotografiert und waren im Weg herumgestanden. Herbert hasste ihre hartnäckigen Fragen, ob man zu diesem Zeitpunkt schon etwas über die Brandursache sagen könne. Die vordringlichste Aufgabe der Feuerwehr war es schließlich, Menschenleben zu retten und die Flammen zu löschen, und in dieser Hinsicht war heute ja einiges geboten gewesen.

Bevor die Brandermittler aus Garmisch eintreffen würden, wollte Herbert eine erste Inspektion in dem abgebrannten Gebäude machen. Doch plötzlich fragte ihn ein Kollege: »Wo is eigentlich die Pflegerin? Du woaßt scho, des Madel. Wo is die?«

Das Adrenalin, das eine kurze Pause eingelegt hatte, schoss wieder ein. Aus Herberts Magen stieg Säure auf.

»Such den Franz«, antwortete er. Franz Schmid, einen der Söhne der beiden Alten, hatte er vorhin noch irgendwo im Getümmel gesehen.

Der erste Kommandant stieg über die vor sich hin dampfenden Balken. Wo der blendend helle Schein ins Schwarz der Nacht herausgefahren war, hielt Herbert inne. Es war offensichtlich, dass hier etwas mit gewaltiger Wut und Hitze gebrannt hatte. Die genauen Umstände zu untersuchen würde Aufgabe der Brandermittler sein, aber Herbert war sich sicher, dass hier etwas den Brand in Gang gesetzt und beschleunigt hatte.

Der Schmid hatte noch ein altes Holzhochsilo in seiner Tenne gehabt, auch das war fast vollständig heruntergebrannt. Draußen gab es noch ein neueres Fahrsilo, aber der alte Xaver hatte immer noch das unpraktische Holzmonstrum mit Silage vollgepackt. Von dem einst fünf Meter hohen Turm war nur noch ein Ring von etwa einem Meter fünfzig übrig geblieben, und lediglich die untere der beiden Entnahmeluken war erhalten. Herbert spähte über den Rand, und sein ganzer Körper war auf einmal stocksteif. Die Magensäure schwappte ihm bis in die Kehle, sein Herz raste.

»Alle zruck!«, rief er. »Zruck!«

Im Silo lagen zwei verkohlte verbogene Gestalten, die gerade noch als Menschen zu erkennen waren. Das war nun Sache der Kriminaler. Herbert informierte die Polizisten, und schon war ein zweites Feuer entfacht: ein Lauffeuer, das von den Kollegen sofort auf die Neugierigen übergriff. Zwei Tote im Silo! Wer? Warum? Was war passiert? Das Lauffeuer eilte durch das Dorf.

Es war halb acht, als Kathi Reindl und ihre Kollegin Andrea in Unterammergau eintrafen. Zehn Minuten später spähten sie über den Rand des Silos.

»Scheiße!«, entfuhr es Kathi. »Irgendeine Idee, wer das sein kann? Wird jemand vermisst?«

»Es gibt eine rumänische Pflegekraft, über deren Aufenthaltsort momentan nichts bekannt ist«, meinte Herbert langsam.

»Und die andere Leiche?«

»Liabs Madel, wir haben hier die ganze Nacht einen Brand gelöscht, der aufs gesamte Dorf hätte übergreifen können. Und mit Bränden hat Ugau in seiner Geschichte ja durchaus schlechte Erfahrungen gemacht«, sagte Herbert nun etwas schärfer.

Kathi drehte sich um und beäugte ihre Kollegin mit einer Mischung aus Verachtung und Bedauern. Andrea war blass wie der Schnee und sah aus, als müsse sie gleich kotzen. Kathi hatte sich vorgenommen, netter zu ihr zu sein. Vor allem jetzt, wo Irmi nicht da war. Deshalb schickte sie Andrea zu den Spurensicherern, weg vom Fundort der Leichen.

Auch Kathi fühlte sich irgendwie zittrig, wenn sie ehrlich war. Zwei verbrannte Menschen in einem Silo in Unterammergau. Was für ein Wahnsinn. Und was für ein Wintermorgen, der doch still hätte sein müssen. Stad wie die ganze stade Zeit, wo die Tage kurz waren und weniger forderten als der aufdringliche Sommer, der einem den Schlaf raubte, weil man bis nachts um halb elf draußen saß und am nächsten Morgen das Licht schon so früh ins Zimmer fiel. Irmi sagte immer, dass sie den Sommer hasste. Sie mochte diese frühe Dunkelheit, darum war sie wohl auch dorthin gereist, wo es noch dunkler war. Sie fehlte hier.

Schließlich gaben die Spurensicherer das Startzeichen, die Leichen aus der Ruine zu holen. Herbert wusste, was das hieß. Dafür waren nun wieder sie zuständig. Sie, die Männer fürs Grobe. Zusammen mit seinen Kollegen Sepp, Willi und Hans verrichtete er diesen gruseligen Dienst. Sie schoben die Brandopfer in zwei Leichensäcke. Es war leicht, die Toten wogen fast nichts.

»Der Leib hebt lang gut zamm«, sagte Willi.

Herbert schwieg, jeder hatte seine eigene Art, mit solcher Pein umzugehen. Zusammen mit Sepp trug er den ersten Sack und lud ihn ins Auto der Gerichtsmedizin.

Willi stand derweil in der Tenne. Was do no alls rumflackt, dachte er und kickte das dunkle Gebilde, das er neben dem ausgebrannten Silo entdeckt hatte, mit dem Stiefel aus dem Gebäude. Sein Kollege Hans hatte davon gar nichts mitbekommen.

Allmählich wurde es ruhiger. Die Nachbarwehren waren davongefahren. Kathi war im Gespräch mit den Brandermittlern, die Herberts Ansicht teilten und den Brandherd jetzt schon lokalisieren konnten. Sie wollten noch jemanden aus München hinzuziehen und versprachen, rasch zu arbeiten. Die Gerichtsmedizin stand in den Startlöchern. Kathi hatte Franz Schmid zu ihrem Wagen gebeten.

»Ich habe gehört, die Pflegerin Ihrer Eltern wird vermisst. Sie war nicht im Haus, wo sie ja wohl eigentlich hätte sein müssen.«

Franz Schmid, der um die fünfzig sein musste, hatte wirres, graubeigeblondes Haar, das vermutlich selten einen Schnitt bekam. Kathi blickte auf die geplatzten Äderchen, die wie ein feines Gespinst seine Wangen überzogen. Sein linkes Augenlid hing leicht nach unten, ein schöner Mann war das nicht. Wahrscheinlich war er das nicht einmal in jungen Jahren gewesen, bevor er viel zu viel gesoffen hatte.

»Ja, sie war dann wohl nicht da«, sagte der Mann mürrisch.

Kathi riss die Augen auf. »Das ist alles, was Sie mir zu sagen haben? In der Tenne Ihrer Eltern lagen zwei Tote! Ist Ihnen vielleicht schon mal die Idee gekommen, dass Ihre Pflegerin die eine davon sein könnte?«

»Die Idee scho.«

Selbst wenn man dem Mann eine gewisse Verwirrung nach so einer Nacht zubilligen wollte, erzeugte so viel Einsilbigkeit bei Kathi starke Aggressionen.

»Schmid!«, brüllte sie. »Zwei Tote! Und die Pflegerin fehlt. Hat sie einen Freund? Wo könnte das Madel stecken? Verstehen Sie mich?«

Er schwieg, von Kathis Ausbruch wenig beeindruckt. An diesem Mann schien alles abzutropfen.

»Das weiß man bei solchen doch nicht«, sagte er schließlich.

»Solchen was?«

»Na ja, Ostweibern halt. Sind doch alle nur auf Männer aus, die sie heiraten und rausholen aus den Karpaten.«

Kathi sah wieder Irmi vor sich, die in solchen Momenten ganz leise wurde und Eiseskälte in ihre Stimme zu legen vermochte. Sie war nahe dran, dem Schmid Franzl eine zu scheuern.

»Ich frag Sie nun zum letzten Mal: Haben Sie eine Idee, wo das Madel sein könnte?«

»Nein, normal müsst sie da sein. Dafür wird sie ja bezahlt, die Trutschn.« Franz Schmid war so kooperativ und gesprächig wie ein zermergelter Hackstock.

Kathi atmete tief durch. Dann zählte sie innerlich bis fünf. Irmi hatte ihr mal geraten, bis zehn zu zählen, aber so weit kam sie nicht, ehe es aus ihr herausschrie: »Und wenn sie doch im Silo lag? Was hat sie da gemacht?«

»Sich vor dem Brand versteckt? Was woaß denn i?«, murmelte er und schaute grimmig.

So dumm war doch wohl keiner, sich bei Feuer in ein Silo zu flüchten? Andererseits: Wussten alle Menschen, welche Gefahr von Silogasen ausging?

»Wo war das Zimmer der Pflegerin? Hat die vielleicht auch einen Namen?«

»Ionella. Ionella Adami.«

»Und das Zimmer?«

»Oben. Aber da können Sie jetzt ned eini!«

»Sie glauben gar nicht, was ich alles kann!«

Kathi stampfte davon und auf Herbert zu, der angesichts der herannahenden Rachegöttin unwillkürlich einen Schritt zur Seite machte.

»Ich muss ins Wohnhaus. Es gibt die berechtigte Sorge, dass eine der Leichen die Pflegerin ist.«

Herbert sah Kathi in die Augen, und obwohl Kathi alles andere als der sensible Typ war, spürte sie in diesem Blick eine schwere Last. Der Mann machte sich Vorwürfe, und sie hatte auf einmal das Gefühl, ihn trösten zu müssen.

»Sie konnten nichts tun. Sie haben doch Wärmebildkameras. Die haben ja auch nichts mehr angezeigt. Sie haben das Haus und das Dorf gerettet.«

»Von mir aus können Sie reingehen. Gefahr besteht jedenfalls keine.« Er zögerte. »Wo ist eigentlich Frau Mangold?«

»Im Urlaub. Kennen Sie Irmi?«

»Eher ihren Bruder, den Bernhard. Der ist bei der Wehr in Eschenlohe. Man kennt sich oiwei.«

Ein kleiner Plausch über Bekannte, wie man das im ländlichen Raum eben so machte. Hätte da nicht die schwarze Ruine gestanden, hätte nicht der Brandgeruch in den Lungen gebissen und wären da nicht zwei Tote gewesen.

»Wenn wir mal annehmen, die eine Leiche ist die Pflegerin. Wer ist dann die zweite?«, fragte Kathi.

»Ich bin kein Hellseher.«

»Aber Feuerwehrkommandant in Ugau. Nicht in New York oder Mexiko City. Sie kennen doch jeden hier. Hatte diese Ionella einen Freund?«

»Klar san s’ der brutal nachg’stiegen. Schlange san s’ g’standen. Aber es wird ja wohl kaum einer ein Schäferstündchen im Silo ausmachen!«

Kathi schwieg. »Ich geh dann mal rein«, sagte sie schließlich.

»Ich komm mit, falls was wär’«, meinte Herbert.

Kathi widersprach nicht, sondern winkte Andrea heran. Zu dritt gingen sie durch den Bauerngarten und betraten das Wohnhaus. Der Gestank war überall, er würde auch noch eine Weile bleiben und penetrant an den Brand erinnern.

Im Gänsemarsch stiegen Kathi, Andrea und der Feuerwehrler die kleine Treppe hinauf, die vom Gang aus in den ersten Stock führte. Gleich vorn gab es rechts und links je einen Raum, von denen der eine ein altes Kinderzimmer war. An einem Schrank pappten noch Mainzelmännchen-Sammelaufkleber und Fußballerbilder aus Zeiten, in denen Beckenbauer noch ein Bürscherl gewesen war und Breitner noch nicht gewusst hatte, dass er mal Pädagogik studieren würde. Im anderen Zimmer standen ein altes, mit Bauernmalerei verziertes Doppelbett und ein Bauernschrank, offenbar das Schlafzimmer der beiden Alten. Weiter hinten am Gang befanden sich zwei weitere Räume: ein kleines Duschbad, das neu eingebaut zu sein schien, und ein Zimmer, das ebenfalls mit Jugendmöbeln aus den Siebzigern ausgestattet war. An der Wand hing ein offenbar mehrfach umgeklebtes Pferdeposter von einem Haflinger. Es war zerknittert und hatte abgeschnittene Ecken. Die Einrichtung war spartanisch: Schrank, Bett, ein Schreibtischchen, ein Holzstuhl, ein Regal. Über der Stuhllehne hing ein BH, im Regal lagen ein paar Bücher mit dramatisch anmutenden Umschlägen. Es schien sich um einige rumänische und mehrere deutsche Liebesromane zu handeln. Auch eine Möglichkeit, Deutsch zu lernen, dachte Kathi. Neben den Büchern standen zwei gerahmte Bilder, ein Familienfoto und das Porträt eines Mannes, das mit »Franz Davidis« betitelt war. Darunter stand ein Spruch: Die vom Geist Gottes Erleuchteten dürfen nicht aufhören zu reden, noch dürfen sie die Wahrheit unterdrücken. So ist die Kraft des Geistes, dass der menschliche Verstand, jede falsche List beiseitelassend, allein bestrebt ist, die Ehre Gottes zu vergrößern, sollte auch die ganze Welt toben und sich widersetzen.

Kathi runzelte die Stirn.

»War wohl religiös, diese Pflegerin«, sagte Andrea.

»Und wer ist Franz Davidis?«, fragte Kathi.

Andrea zuckte mit den Schultern.

Im Regal lagen außerdem die Tablettenboxen des Ehepaars Schmid. Zumindest nahm Kathi an, dass sich darin deren Medikamente befanden. Wahrscheinlich hatte die Pflegerin sichergehen wollen, dass die beiden Alten nicht versehentlich die falschen Tabletten in einer falschen Dosierung einnahmen. Der Schrank war mit Kleidung nur spärlich bestückt, auf dem säuberlich gemachten Bett saß ein Plüschhase, der sehr abgegriffen aussah.

Als die drei wieder das Zimmer verlassen hatten, blickte Kathi auf eine Tür am Ende des Gangs.

»Da tät ich nicht rausgehen. Da ist ja … also … da ist ja nix mehr«, sagte Herbert.

Kathi stutzte. Klar, an das Haus schloss sich der kleine Stall an, der von der mehrstöckig gebauten Tenne quasi umschlossen war. Und die Tenne war ja nun komplett abgebrannt. Da war wirklich nichts mehr …

Aus dem kleinen Bad, das kaum mehr als ein paar Schminkutensilien, ein Duschgel, einen Deoroller und ein billiges Parfüm enthielt, holte Kathi die Zahn- und Haarbürste von Ionella und packte sie in Plastikbeutel – für den DNA-Abgleich. Eine Weile standen sie alle unschlüssig im Gang.

Andrea warf noch einen Blick in das Zimmer und auf den Hasen. »Ist das traurig«, sagte sie leise.

Kathi war schlecht, und sie hatte Hunger.

Momentan war wenig zu tun. Sie mussten auf eine schnelle Identifizierung der Leichen hoffen. Als Nächstes würden sie mit den beiden Alten reden und mit der übrigen Familie. Aber für den Moment lag eine gespenstische Stille über dem Haus, das noch vor wenigen Stunden von den Sirenen umjault gewesen und vom Feuerschein hell beleuchtet gewesen war.

Herbert ging langsam zu seinem Jeep. Vorbei an dem Jägerzaun, vorbei an den flackernden Lichtern der Polizei, die immer noch den Himmel durchzuckten. Dann spie er. Auf seine Schuhspitzen, auf die Feuerwehrstiefel. Haix, »Schuhe für Helden«, trug man bei den Wehren – doch wie ein Held fühlte er sich in diesem Moment nicht gerade.

 

2

»In my darkest hour«, sang eine einschmeichelnde Frauenstimme. Ein paar Kerzen brannten in der morgendlich leeren Bibliothek, die auch ein Restaurant beherbergte. Hier, im Sortland Hotell, hatte der Schriftsteller Lars Saabye Christensen sein letztes Buch geschrieben. Viele seiner Werke wuchsen die Wände hinauf, in einer Glasvitrine ruhte ein Originalmanuskript, der Widerschein der Kerzen tanzte auf den Scheiben.

Irmi war in den letzten Wochen öfter hier gewesen. Immer wenn es größere Einkäufe zu tätigen gab, fuhr man in die Stadt. Wobei Stadt ein bisschen übertrieben war, Sortland war eher ein Städtchen. Irmi nippte an ihrem Kaffee, während draußen ein bläuliches Licht Schlieren in den Himmel zu ziehen begann. Es war neun Uhr morgens, erst gegen zehn würden sich Rosa und Lila ins Blau mischen. Um zwei würde der Farbkasten Gelb und Orange hinzufügen, die schwarzen Fjordberge würden scharfe Konturen zeichnen, und dann würde das Licht wieder davongleiten – langsam, sanft, sphärisch.

Die ersten Tage war Irmi geneigt gewesen hinauszustürmen, um das Licht schnell aufs Foto zu bannen. Doch der Himmel hier war viel gnädiger zu den Fotografen als der in den Alpen mit seinen schnellen Sonnenauf- und -untergängen. Sie hatte schon bald gelernt, dass sie sich hier auf 68 Grad und 42 Minuten nördlicher Breite befand. In der Polarnacht kam die Sonne nicht mehr über den Horizont, dennoch war Licht, magisches Licht, vier bis fünf Stunden lang. Genug Zeit für Hunderte, ja Tausende von Fotos. Genug Zeit für einen weiteren Kaffee, den die Norweger ja literweise tranken.

Es war ein klarer Tag, es würde heute heller werden als an den Tagen zuvor. Irmi beschloss, zum Hafen zu schlendern, durch die Stadt, die immer blauer wurde, und zwar nicht nur wegen des Himmelsspektakels. Zur Jahrtausendwende hatte der Künstler Bjørn Elvenes nämlich ein Projekt entwickelt, mit dem aus Sortland, dem »schwarzen Land«, eine »blaue Stadt« werden sollte, Blåbyen. Er entwarf eine Farbpalette und begann die Häuser Sortlands in verschiedenen Blautönen zu streichen. Sortland war zu diesem Zeitpunkt nicht gerade ein Vorzeigestädtchen, und der Künstler wollte mit seiner Aktion die depressive Stimmung wegmalen. Die Stadtväter hatten sich für besonders clever gehalten und dafür Industriefarbe zur Verfügung gestellt, die billiger war. Der Künstler klagte wegen der mangelnden Qualität, es gab ein langes Hin und Her – nun wurde schließlich weitergemalt, in diversen Blautönen. Letztlich herrschten auch hier am Weltenende, an der Kante des Universums, Bauernschläue und die Macht des Geldes.

Am Hafen lag die »Arctic Whale«, eine Gruppe von Touristen hatte aufgeregt das Deck gestürmt. Winter Whale Watching Tours waren etwas ganz Neues, ebenso die Wintergäste, die Pauschalreisen hierher buchten. Denn wer fuhr schon freiwillig im Winter nach Nordnorwegen?

Irmi hatte es gewagt, sie war an einem windigen Tag Anfang Januar nach Kopenhagen, von da aus nach Oslo und weiter nach Narvik geflogen. Das Weihnachtsfest hatte sie knapp überstanden, aber auch nur, weil Bernhard so gar keine Antennen für seine Schwester hatte oder haben wollte.

Am 6. Januar hatte sie die Krippe weggepackt, die alte Krippe mit den versehrten Figuren, wie es sie in vielen Familien gab. Den Hirten waren die Arme schon vor vielen Jahren abgebrochen. Der eine von ihnen trug eigentlich ein Holzbündel auf der Schulter, aber ohne Arm ging das schlecht. Irmi hatte ihn immer wieder angeklebt, doch sobald sie das Holzbündel hineingeschoben hatte, löste sich der Arm wieder. Nun hatte der arme armlose Hirte keinen Job mehr. Einer der Heiligen Drei Könige hat sein Bein verloren. Wie wanderte man als Einbeiniger aus dem Morgenland heran? Der Esel war ein Dreibein, und einer der Engel hatte sich seiner Laute entledigt. Da war das Frohlocken auch nicht mehr das, was es mal gewesen war. Versehrt und arbeitslos waren sie, diese Figuren. Die lange Wartezeit im Sommer setzte ihnen zu, denn irgendwann räumte man die Kiste im Speicher eben doch um, stellte eine andere darüber – und schon gab es neue Versehrte.

Als Irmi dieses Jahr ihr Krippenvölkchen wegpackte, begann sie zu weinen, sie konnte gar nicht mehr damit aufhören. Warum war das Leben so ungerecht? Es gab immer neue Verletzungen, es ging mit großen Schritten dem Alter entgegen, das einem die Mutter nahm, den Vater, die Freunde. Es war düster in Irmis Seele.

Zwei Tage lang spürte sie gar nichts, dann regte sich in ihr ein Fluchtreflex. Wieder einmal besuchte sie Adele, berichtete ihr von einer Freundin, die sie besuchen wolle. Ausgerechnet hinter dem Polarkreis. Doch letztlich hatte Adele ihr zugeraten.

Adele war ihre Therapeutin. Niemals hätte Irmi gedacht, dass sie mal zu so einer Seelenklempnerin gehen würde. Sie musste lächeln, während sie da im Sortland Hotell saß und an Adele dachte. Das Klempnerhandwerk passte so gar nicht zu Adele Renner mit ihrer leicht entrückten Weltfremdheit. Dafür war sie mit ihrer sanften und liebevollen Art gar nicht handfest genug. Als Irmi sich irgendwann eingestanden hatte, dass ihre Schlafstörungen, ihre für sie selbst unfassbare Bedrücktheit mitten an bunten Sonnentagen das Maß des Erträglichen überstiegen hatten, war es fast schon zu spät gewesen. Sie hatte ihr sprachloses Entsetzen selber nicht verstanden, sie hatte die Bilder gesehen, die immer wieder in ihrem Inneren auftauchten, aber sie hatte mit niemandem darüber reden können. Ein gemeinsames Wochenende mit Jens, bei dem sie ihn nur noch angepflaumt und jeden seiner Blicke und Gesten falsch gedeutet hatte, war die Initialzündung gewesen. Sie konnte sich selbst zerstören, aber doch nicht die Menschen, die sie liebten. Man durfte den Besten nicht immer die schlechtesten Seiten zumuten. Aber genau das hatte sie getan.

Und so war sie an die zierliche und alterslose Adele gelangt. Weit weg von Garmisch, im Allgäu draußen, weil man sie dort nicht kannte. Adele hatte sie nicht belabert, hatte keine Gemeinplätze von sich gegeben, keine Plattitüden, aber auch nicht die ganze Zeit geschwiegen. Stattdessen hatte Adele ihr eine EMDR-Therapie angeboten, das sogenannte Eye Movement Desensitization and Reprocessing, zu Deutsch »Augenbewegungsdesensibilisierung und Wiederaufarbeitung«. So lautete die etwas sperrige Bezeichnung für eine Methode, bei der eine traumatisierte Person eine besonders belastende Phase ihres traumatischen Erlebnisses gedanklich einfrieren soll, während der Therapeut den Klienten mit langsamen Fingerbewegungen zu rhythmischen Augenbewegungen anhält. Irmi kam das alles zwar etwas merkwürdig vor, aber sie akzeptierte zum ersten Mal, dass sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt. Sie begriff, dass das Eingesperrtsein mit einem Rentierschädel in einem dunklen Bunker, dass diese Todesangst, die sie dort empfunden hatte, eben doch tiefe Schäden in ihr hinterlassen hatte. Und weil die Methode des EMDR nach dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 bei den Überlebenden so gut funktioniert hatte, vertraute Irmi dieser kleinen Frau. Vielleicht auch, weil diese selbst so unperfekt wirkte.

Adele hatte sich Irmis Reisepläne angehört und sie letztlich gutgeheißen, trotz des merkwürdigen Ziels. Kathi hingegen hatte Irmi angesehen, als sei sie geistesgestört, als sie ihr erzählte, dass sie mitten im Winter nach Nordnorwegen fahren wollte. »Was willst du denn auf einer windgepeitschten Insel am verschissensten Arsch der Welt? Da wird ja selbst ein Bauerntrampel wie du depressiv«, hatte sie gesagt. Von Irmis Therapie wusste sie ja nichts. Irmi hatte nur gutmütig gelacht. Eigentlich sollte die Reise ihre Schwermut ja eher vertreiben. Kathi hatte ihr zu Ayurveda in Sri Lanka oder zumindest zu »so einem Wellness-Chichi auf Malle« geraten.

Doch Irmi war nordwärts geflogen.

Wieder trank sie einen Schluck von ihrem Kaffee und winkte einem Mann auf dem Schiff zu. Sie selbst hatte kürzlich auch so eine winterliche Whale Watching Tour mitgemacht, mit Ssemjon, der seinen Namen den Eltern zu verdanken hatte, die glühende Tolstoi-Anhänger waren. Ssemjon war Deutscher und hatte ein Guesthouse an einer windigen Inselspitze. Er war extrem wetterfest und voller Euphorie. Auch Irmi hatte sich nach einiger Zeit den Norwegern angepasst und trug nun über ihren ohnehin schon warmen Klamotten einen dieser typischen Overalls. Schmeichelhaft für die Figur waren sie nicht gerade, denn sie machten einen zum Michelinmännchen oder Öltank. Aber nicht umsonst hatte das halbe Land sie – sie waren wattiert, wasserfest, winddicht.

Mit dem Schiff waren sie bis in den engen Trollfjord eingefahren, dessen Ende zugefroren war. Irmi war es fast unglaublich erschienen, dass die Schiffe der Hurtigruten hier wenden konnten. Seeadler hatten über dem Boot gekreist, das Licht hatte Feuersbrunst am Himmel gespielt. Sortland war Anlegestation, und immer wenn eines der stolzen weißen Schiffe der Hurtigruten kam, blieben Autos auf der Brücke stehen, und es wurde fotografiert. »Man hat schon ein Halteverbot auf der Brücke diskutiert«, hatte Ssemjon erklärt. »Doch der Antrag wurde abgeschmettert: Die Hurtigruten ist ein Teil der nationalen Identität, so viel Zeit muss eben sein!«

Und Zeit hatte Irmi genug in dieser anderen Welt, die sich aus Eis und Wind, aus Licht und so viel Dunkelheit jeden Tag neu erschuf. Ihre Finger waren bei der Whale Watching Tour an Deck des Schiffes zusehends zu Eiskrallen geworden, aber sie hatte den Auslöser der Kamera, die Kathi ihr mitgegeben hatte, nicht loslassen können. Ein Lob auf die Michelinmännchenbekleidung. Nur Ssemjon hatte ohne Mütze im Wind gestanden und gelächelt, weil er fand, dass seine Wahlheimat der schönste Platz der Welt war, gerade jetzt, wo die Fjordberge immer schwärzer wurden. Und es schon um drei Uhr nachmittags Nacht wurde. Irmi verstand ihn gut. Erst nach einiger Zeit hatte sie den Rhythmus hier begriffen, die Welt war langsamer geworden, nichts zählte mehr, nur das Licht, das zauberhafte, betörende Licht.

Nachdem Irmi ihre Einkäufe erledigt hatte, fuhr sie zurück nach Bø, an jenem Berg vorbei, der wie ein Spaten aussah. Es war stockdunkel, als sie nach gut einer Stunde Fahrt über kurvige Sträßchen im Guesthouse in Ringstad ankam, ihrem Zuhause auf Zeit. Vom offenen Meer blies ein scharfer Wind in den Vesterålsfjord herein, und es riss ihr fast die Tür aus der Hand, als sie die Tüten ins Haus schleppte. Kaum hatte sie alles eingeräumt, da klingelte das Schnurlostelefon, das auf der Theke lag. Sie hob ab und verstand erst gar nichts.

Es war Kathi. Wie war sie an ihre Telefonnummer gekommen? Es rauschte, fast wie der Wind draußen. Immer wieder brach Kathis Stimme ab. Nur eines war ganz klar zu verstehen: »Du musst zurückkommen.« Irmi begab sich mit dem Mobilteil näher zur Ladestation, und das Rauschen wurde zu einem Rascheln.

»Erzähl das bitte noch mal. Ich kann dich nur ganz schlecht verstehen«, sagte Irmi und starrte auf ein grandioses Foto an der Wand, das ihr Domizil am Wasser zeigte. Darüber war das Nordlicht zu sehen, Aurora borealis genannt – ein Spektakel, das süchtig machte. Das Foto war nur eines von vielen, die Ian aus seiner schwarzen Kamera zaubern konnte. Seine Bilder konnten einen zu Tränen rühren, so schön waren sie.

Irmi hatte Carina und Ian vor einigen Jahren in Garmisch kennengelernt, wo sie Urlaub gemacht hatten – voller Sehnsucht nach unberührter Natur, von der sie im Ruhrgebiet, wo sie damals wohnten, nicht genug finden konnten. Inzwischen hatten die beiden eine alte Handelsstation in der Inselwelt der Vesterålen gepachtet, in der sie Zimmer vermieteten, und sie hatten Irmi per E-Mail herzlich dorthin eingeladen. Ian veranstaltete nicht nur Schneeschuhwanderungen, Touren mit dem Winterkajak und Adlersafaris, sondern auch großartige Fotokurse, die irgendwo im Nirgendwo einer Bucht hinter den Schären stattfanden. Er hatte Irmi ein paar Privatstunden gegeben und ihr dabei erklärt, dass es nur einen hassenswerten Buchstaben im Alphabet gebe: P wie Programmautomatik. Ian war ein Magier der Blende und gab sein Wissen gern weiter. Selbst Irmi hatte am Ende spektakuläre Fotos gemacht. Die würden ihr bleiben, auch wenn sie wieder in Deutschland wäre.

Doch was wollte Kathi von ihr?

Der Bericht ihrer Kollegin war schnörkellos. Es ging um einen Tennenbrand in Unterammergau. Um zwei Tote im Silo und zwei Alte, die nicht zu Schaden gekommen waren. Kathis Rede wurde immer wieder unterbrochen von einem kaum vernehmbaren Schlucken.

»Der Chef und die Staatsanwaltschaft wollen jemanden von außen holen, weil du nicht da bist. Jemanden aus München.« Wieder eine kurze Pause. »Wir brauchen hier niemanden aus München. Ich hab gesagt, dass du zurückkommst. Ich, ach … Ich war mir sicher, dass du zurückkommst.«

Es blieb still am anderen Ende der Leitung. In der Küche klapperte irgendwer mit Geschirr. »Aber jetzt nicht mehr?«, fragte Irmi. »Jetzt bist du dir nicht mehr sicher?«

»Nein, ich hätte dich nicht stören dürfen. Es ist absurd, ich …«

Es kam Irmi vor, als sei Kathi überraschend stark aus der Bahn geworfen. Sie war fast schon beklemmend leise und zurückgenommen. War das »ihre« Kathi, die sagte: »Ich hätte dich nicht stören dürfen«? Kathi, das Sturmtief? Kathi, Taifun und Tornado in Personalunion? Das Mobilteil des Telefons begann zu piepsen, schrill und nervtötend.

»Kathi, ich ruf sofort zurück. Ich glaube, der Akku gibt gerade auf.« Klack.

Irmi ging die steile Treppe hinauf in ihr Zimmer, das ihr in den letzten drei Wochen zum Zuhause geworden war. Es dauerte eine Weile, bis sie ihr Handy gefunden hatte, es steckte oben im Koffer, in der Deckeltasche, in die sie gebrauchte Wäsche zu stecken pflegte. Sie schaltete es ein, und mit dem Aufflackern des Bildschirms, mit diesem Startton, den sie nun schon so lange nicht mehr gehört hatte, passierte etwas in ihr. Es war wie ein Ruck, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Da war sie wieder: Irmi Mangold, Hauptkommissarin aus Schwaigen in Oberbayern.

Sie ging ins Bad und schaute in den Spiegel, der zu hoch hing – dabei war sie wahrlich nicht klein. Sie reckte sich ihrem Spiegelbild entgegen und lächelte wieder. Auf einmal war es so mühelos. Als wäre es das Einfachste der Welt. Der Weg lag klar vor ihr, ein Weg, den sie schon verloren geglaubt hatte.

Sie ging hinaus auf die steile Außentreppe, denn drinnen unter dem Dach war kein Empfang. Sie wählte eine Nummer und hatte im nächsten Moment ihren Chef am Apparat. Sie redeten ein paar Minuten. »Wir brauchen niemanden aus München«, lautete Irmis letzter Satz.

Dann rief sie Kathi zurück. »Ihr müsst mit Hochdruck an der Identifizierung arbeiten. Es wird ein klein wenig dauern, bis ich zu Hause bin. Der Weg vom Polarkreis zurück in die Welt zieht sich.« Irmi lachte.

Die Tränen traten ihr in die Augen, sie war so dankbar, so demütig. Wie oft hatte sie diesen Moment herbeigesehnt, den Moment, an dem sie sich wieder spüren würde, eine Irmi mit klaren Gedanken und klarem Blick. Sie hatte versucht, die Normalität herbeizukämpfen. Dann war sie wieder in ein tiefes Loch gefallen und hatte darüber nachgedacht, was eine berufsunfähige Polizistin wohl tun könnte. An der Supermarktkasse arbeiten? Oder putzen gehen? Dabei hasste sie Putzen!

Und nun war es auf einmal so leicht, ohne Vorwarnung, ohne Kampf. Was Kathi erzählt hatte, war grausam und gruselig. Aber Irmi freute sich, denn das war es doch, was ihr Leben ausmachte. Sie musste forschen und wühlen in den Exkrementen menschlicher Leben, und diesmal freute sie sich darauf. Nicht auf die Exkremente, aber darauf, das zu tun, was sie konnte: genau hinsehen, genau hinhören.

»Du kommst?« Kathi klang ungläubig.

»Was für eine Frage! Wir reden von Unterammergau. Das ist ein Dorf voller Gallier. Da brauchen wir keine Münchner.«

Wir – es jubelte in ihr. Wir, wir, wir.

»Puh, da bin ich aber froh. He, du alter Bauerntrampel, du hast mir gefehlt«, sagte Kathi leise, und es klang ein wenig so, als schniefte sie.

Natürlich war der Abschied am nächsten Tag etwas wehmütig. Ein letztes Mal war Irmi mit Carina in Straume im Supermarkt, bevor sie am Abend fliegen würde. Sie waren in der kleinen Kunstgalerie, bei der Tankstelle und auf der Post gewesen. Dann waren sie weiter nach Bø in einen Haushaltswarenladen gefahren, und während Carina wieder irgendwas suchte, hatte Irmi eine Abschiedstour zu ihrem Lieblingsplatz gemacht, einer eindrucksvollen Skulptur mit dem Titel »Der Mann vom Meer«.

Auf dem Weg dorthin kam sie an den voll behängten Gestellen mit Stockfisch vorbei, der insgesamt sicher zwei Millionen Euro wert war, wenn es sich um Fisch der besten Qualität handelte. Sie legte einen Abstecher in das kleine Museum ein, das vor allem Regine Norman gewidmet war, einer mutigen Frau, deren bösartiger Mann ihr das Schreiben hatte verbieten wollen. Deshalb hatte sie heimlich in einer Höhle geschrieben, bevor sie schließlich vor ihm geflohen war. 1913 war sie die erste Norwegerin gewesen, die sich scheiden ließ. Im Museum war auch ein Christbaum aufgestellt, wie ihn die Menschen hier oben früher selbst angefertigt hatten. Da es auf den Inseln keine üppigen Wälder mit Nadelbäumen wie in Irmis Heimat gab, hatten die armen Fischer Löcher in einen Birkenstamm gebohrt und Wacholderzweige hineingesteckt.

Schließlich erreichte sie den »Mann vom Meer«, eines von dreiunddreißig Land-Art-Kunstwerken im Nordland. Die gusseiserne Skulptur blickte über Inseln, die einst bewohnt gewesen waren, deren Menschen aber 1950 umgesiedelt wurden, weil der Staat nicht wegen ein paar Insulanern Wasser und Strom dorthin legen lassen wollte. Der über vier Meter lange Mann stand fest verankert da. Sein starkes Rückgrat war dem Wasser abgewandt. In die Rückseite der Skulptur war eine kleine Frauenfigur aus Gold eingelassen. Irmi blickte in den Himmel, der inzwischen dunkelrot geworden war, und nickte der goldenen Frau zu. Frauen stärkten Männern den Rücken.

Sie dachte an Jens, den sie über ihre Auszeit informiert hatte. Ja, es war ein formelles Informieren gewesen, eine Art Abwesenheitsnotiz für Geschäftsfreunde. So redete man nicht mit dem Mann, den man liebte. Jens wusste zwar als Einziger, dass Irmi sich Hilfe geholt hatte, aber Genaueres wusste er nicht. Er hatte ihr Glück gewünscht und sie gebeten, sich zu melden, wenn es an der Zeit sei. Er werde auf sie warten, ein ganzes Leben. Sie beschloss, ihn von zu Hause aus anzurufen.

Später traf sie sich mit Carina in einem Café. Die beiden Freunde würden ihr fehlen. Ian, der Engländer aus Cornwall, der einst in Deutschland beim Militär gewesen war und da schon alles und jeden fotografiert hatte. Als Lastkraftwagenfahrer war er eine Weile im Ruhrgebiet gefangen gewesen, wo er Carina getroffen hatte, die norwegische Fremdsprachensekretärin, auch sie Kind einer vom Wind gepeitschten Insel am Polarkreis.

Dass schon heute Abend ein Platz in einem Flug von Narvik nach München mit nur einem Umstieg in Oslo frei gewesen war, kam Irmi wie ein Wink des Schicksals vor. Das würde keine lange Flugexpedition werden wie auf dem Hinweg, als sie mehrmals hatte umsteigen müssen, mit Verspätungen und langen Aufenthalten in irgendwelchen Wartehallen.

Ganz so reibungslos ging es dann aber doch nicht vonstatten. Das Flugzeug bekam zunächst keine Starterlaubnis, und die Passagiere lungerten eine ganze Weile auf dem Vorfeld herum. Als sie endlich abgehoben und die Flughöhe erreicht hatten, leuchtete der Himmel. Die Fluggäste hingen alle auf einer Kabinenseite, staunten, stießen spitze Schreie aus, versuchten durch die kleinen Fenster zu fotografieren. Und doch gab das Nordlicht einzig für Irmi ein letztes furioses Spiel. Bis der schwarze Vorhang der Nacht fiel. Sie würde in jedem Fall wiederkommen an dieses Ende der Welt, allein wegen der Aurora borealis. Sie hatte das Nordlicht gesehen und war süchtig geworden.

Schon am ersten Tag ihrer Anwesenheit hatte Ian Irmi entführt. Mit der Stirnlampe auf dem Kopf waren sie hinausgegangen, dorthin, wo es knackte und knarzte. Ebbe und Flut arbeiteten im Eis der zugefrorenen Buchten. Ian hatte Schneekristalle aufgehoben, schweigsam und andächtig. Immer wieder hatte er zum Himmel geblickt. Ob es kommen würde? Es verging eine weitere Stunde. War das eine Wolke dort oben? Nein, es war eine gräuliche Schliere, die ganz plötzlich am Himmel erschien. »Das kann der Beginn des Nordlichts sein, sie kann aber auch wieder verschwinden«, hatte Ian gesagt. Irmi hatte den Kopf in den Nacken gelegt und gespürt, wie sie Gänsehaut bekam. Sie wollte es zwingen, wollte das Nordlicht herbeihypnotisieren. Doch die Natur kann man nicht zwingen, wenn der Mensch das nur begreifen würde. Sie hatte tief durchgeatmet und die Schultern entspannt. Langsam waren sie zum Guesthouse zurückgegangen. Auf einmal hatte es begonnen. Die Aurora borealis färbte den Himmel, waberte, formierte sich neu, verlief wieder. Changierte in allen sphärischen Abstufungen von Grün. Verwirrende Schönheit! Der Mensch war so klein dagegen, ein Wicht – und Irmi war so dankbar gewesen. Vom ersten Tag an.

Sie war eingetaucht in das norwegische Leben, von Anfang an. Carina hatte eine Weihnachtsfeier nach der anderen zu organisieren gehabt, einige davon hatten erst nach Weihnachten stattgefunden, weil vorher immer so viel los gewesen war. Die Gäste hatten Irmi zugeprostet, sie wusste nur selten, mit dem wievielten Aquavit. In der Küche des Guesthouse hatte der tschechische Koch Lutefisk zubereitet, jene gewöhnungsbedürftige Weihnachtsspezialität, für die der Trockenfisch abwechselnd in Natronlauge und Wasser eingelegt wird. Auch das Essen war mit Aquavit besser zu überstehen, dem alle üppig zusprachen. Man gab Kinderreime zum Besten, zum Beispiel den vom Hühnchen, das einfach tot vom Zaun fiel. Ganz schön makaber für einen Kinderreim, fand Irmi, auch wenn das Hühnchen am Ende zum Engel wurde. Was sollten die Kinder daraus lernen? Die heitere Runde nötigte Irmi, das Gesicht so ins Deutsche zu übersetzen, dass es sich reimte. Irmi gab alles und dichtete:

Hühnchen saß auf dem Zaun ganz munter.

Hühnchen fiel hinunter.

Kein Arzt konnt helfen in der Not,

denn Hühnchen war schon tot.

Hühnchen kam in den Himmel droben,

Hühnchen konnt es dort nur loben.

Hühnchen wurd ein Engel schnell

in des Himmels Schloss so hell.

Die Zuhörer johlten, und Ian heftete Irmi den Vesterålen-Dichterpreis an – in Form einer zerbrochenen Muschel. Diese lag nun im Bauch des Flugzeugs, sicher eingehüllt in eine Stinkesocke in Irmis Koffer. In jenen feuchtfröhlichen Nächten hatte man auch ein Weihnachtslied gesungen, das die Melodie von »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad« hatte. Irmi summte es leise im Flugzeug vor sich hin und sah dabei noch einmal in die Nacht hinaus. Bestimmt würde sie wiederkommen, aber jetzt hatte sie erst einmal in Bayern zu tun. Daheim! Daheim, endlich!

Sie kamen noch später als geplant in München an, weil es zunächst keine Landeerlaubnis gegeben hatte. Zu viel Schnee, hatte es geheißen. Wurde es nicht eigentlich jedes Jahr Winter? Launig hatte der Kapitän damit gedroht, dass er wegen des Nachtflugverbots in München dann wohl in Linz landen müsse. Nachts um elf im Schneesturm in Linz, na, das waren Aussichten! Irgendwie war es ihm dann aber doch noch gelungen, kurz vor knapp in München niederzugehen.

Es war nach elf, als Irmi ihr Gepäck hatte, den Ankunftsbereich verließ und gegen eine Wand von Menschen lief. Es war doch immer höchst merkwürdig, wenn man in all die erwartungsfrohen Gesichter sah, in die suchenden Blicke, wenn man die Enttäuschung spürte, dass die eigenen Lieben noch nicht dabei waren.

Kathi trug eine kurze grasgrüne Daunenjacke und passende grüne Stiefel und belebte damit das Einerlei an dunklen Wintermänteln. Sie stand etwas abseits und hob die Hand zu einer Art Winken, als sie Irmi entdeckte. Betrachter dachten vermutlich, dass hier eine sehr schlanke Tochter ihre nicht so schlanke Mutter abholte. Die Schlemmerei in Norwegen war nicht gerade ein Diättrip gewesen.

»Hei«, sagte Irmi und blieb stehen. Es wäre ihr unpassend vorgekommen, Kathi zu umarmen.

»Hei«, sagte Kathi. »Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr.«

Während sie über den verzögerten Start und das Nordlicht plauderten, erreichten sie das Auto und wenig später den Autobahnzubringer. Er schneite wirklich wie verrückt, und Kathi fluchte über die »Erzdeppen, die besser daheimbleiben sollten«, und über die »bleden Münchner, die ihren Ring nicht räumen und eh nicht Auto fahren können«. Auf der Garmischer Autobahn lag eine geschlossene Schneedecke, und sie hatten schon die Starnberger Ausfahrt erreicht, als Irmi sich erkundigte: »Weiß man schon was?«

Kathi schüttelte den Kopf. »Wenig. Die eine Frau könnte Ionella Adami sein, eine junge Rumänin.«

»Rumänin?«

»Ja, sie hat bei der Familie, wo die Tenne abgebrannt ist, als Pflegekraft gearbeitet. Du weißt schon, diese Frauen aus Rumänien oder Polen, die ein paar Wochen bleiben, bevor die Nächste kommt. Und so weiter.«

Auch wenn schon ein langer Tag hinter ihr lag, war Irmi nun hellwach. Eine junge Rumänin starb in einem Silo in Unterammergau? Und mit ihr eine weitere Person?

Weil Irmi gar nichts sagte, fuhr Kathi fort: »Ich hab schon mal kurz mit Andrea und Sailer darüber diskutiert, und die haben gemeint, das sei inzwischen gang und gäbe. Ich war etwas überrascht, weil ich immer gedacht hab, auf den Bauernhöfen funktioniert das noch besser mit dem Generationenvertrag. Ich meine …«

Ach Kathi, dachte Irmi. Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd, und am Hof, da gibt’s koane Probleme … Da sitzen die Alten im Austragshäusl inmitten von Streuobstwiesen, und die Omama pflegt noch ein wenig den Bauerngarten, und der Opapa fährt noch mit dem alten Dieselross das Wasserfass auf die Weiden. Am Ende schläft die Omama vor einer Kochsendung im BR zum letzten Mal friedlich ein, und der Opapa beendet sein Leben am Hausbankerl.

Aber so war es eben nicht mehr! Viele aus der jüngeren Generation waren Nebenerwerbsbauern, hasteten nach der frühen Stallarbeit auf die Baustelle oder in eine Fabrik, und kaum waren sie daheim, war der Stall wieder dran. Ihre Frauen hatten längst Jobs, die schicke Kleidung und Pumps erforderten. Und selbst auf den Höfen, wo der Jungbauer wirtschaftete und die Eltern nebenan lebten, war wenig Raum für Pflege. Meist machte es der Sohn dem Vater nicht recht, und die Alten konnten nicht loslassen.

»Wie ist denn die Situation in dieser Familie?«, fragte Irmi möglichst neutral, obwohl es in ihrem Inneren toste. Ihr war jetzt schon klar, dass in diesem Fall jede Menge Sprengstoff lag.

»Die Frau ist schwerst dement, der Mann noch recht fit, aber sie sind halt sehr alt, oder! Beide weit über neunzig. Es gibt zwei Söhne, Frauen, Enkel … Ich hab mal eine Art Stammbaum der Familie Schmid erstellt.«

»Super, den schau ich mir morgen mal an. Habt ihr schon alle befragt?«

»Noch nicht alle. Natürlich sind die total durch den Wind wegen des Brandes. Die Tenne ist komplett hin. Und keiner weiß, wo Ionella abgeblieben ist. Die Aussagen hab ich zusammengestellt, bisher ist alles noch sehr dünn, und wir warten auf die Identifizierung der Leichen.«

»Ist diese Ionella denn als vermisst gemeldet?«

»Nein, das nicht. Franz Schmid, der eine Sohn des Alten, und der Enkel Thomas – beides granatenmäßige Ekelpakete – waren der Meinung, die Ionella sei abgehauen, weil das solche ja gerne tun.«

Irmi grinste. Ja, sie war schlagartig angekommen in Kathis Sprachwelt. »Solche?«

»Na ja, die Herren halten wenig von den ›Weibern aus den Karpaten‹. Originalton. Die Familie hat wohl schon einige Mädels verschlissen. So einfach war das offenbar nicht.«

Kathi hatte eine so begnadete Art, Kompliziertes in wenigen treffenden Worten zusammenzufassen, dachte Irmi.

»Klar ist das nicht einfach«, sagte sie. »Da kommt so ein Mädchen vielleicht wirklich irgendwo aus den Karpaten und soll vierundzwanzig Stunden am Tag präsent sein. Ob sie überhaupt alles versteht …«

»Sicher ned, wenn die so richtig ugauerisch redn«, meinte Kathi grinsend.

»Eben. Daran scheitern doch schon die Preißn, und die sind immerhin deutsche Muttersprachler«, konterte Irmi. »Und davon mal abgesehen: Die Alten sind sicher nicht immer lieb und pflegeleicht, und nicht jede dieser jungen Frauen weiß vorher, worauf sie sich da einlässt. Manche werden ihren Vorteil suchen, andere werden viel zu jung und sensibel sein. Da prallt so viel aufeinander!«

Irmi war sich bewusst, dass auch die finanzielle Lage in vielen Familien katastrophal war. Bauernrenten waren weniger als Almosen, die Kosten für ein Pflegeheim waren meist nicht aufzubringen. Da war diese Nebenwelt der Pflege oft die einzige Chance, auch wenn die Kinder ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie selbst nicht genug anpackten. Denn tief drinnen wusste die jüngere Generation natürlich, dass die Alten auch deshalb so wenig abgesichert waren, weil sie nie etwas von ihrem Besitz verkauft, sondern immer nur »das Sacherl beieinandgehalten« hatten. Weil sie neue Laufställe für die Kühe zu einem Preis gebaut hatten, für den andere sich eine Villa mit Meerblick auf Malle gekauft hätten. Weil die Kredite wie ein Albdruck über den mit Solarpanels bedeckten Dächern dieser Ställe lagen. Vorsorge war ein Unwort gewesen, und auf einmal war die Quittung da. Diese Ostmädels waren die einzige Chance. Irmi wusste das, sie kannte das aus einigen Familien, wo sich Rumäninnen und Polinnen die Klinken in die Hand gaben.

Ihre eigenen Eltern waren zu Hause gestorben, sie und Bernhard hatten letztlich Glück gehabt. Vater und Mutter waren ohne lange Leidenszeit gegangen. Ihre Mutter fehlte ihr plötzlich so sehr. Die Trauer war wie ein böser Stich, der sie in unregelmäßigen Abständen quälte. Es tat noch immer sehr weh, und das würde wohl ewig so bleiben.

»Wurde denn sonst noch etwas Verwertbares gefunden?«, fragte Irmi und versuchte sich wieder auf den Fall zu konzentrieren.

»Beide Leichen sind Frauen. Das weiß die Gerichtsmedizin ganz sicher«, sagte Kathi zögerlich.

»Ach!«

»Ehrlich gesagt, hatte ich angenommen, es würde um ein Verhältnis oder so gehen. Ein Lover und seine Geliebte vielleicht.«

»Ein Schäferstündchen im Silo? Das ist aber kein guter Platz.«

»Und ein Schäferstündchen zwischen zwei Frauen im Silo macht es noch komplizierter«, sagte Kathi. »Und das in Ugau.«

Irmi starrte hinaus ins Dunkel. »Sonst noch was?«

»Eine der Frauen hatte ein Handy dabei, das ist aber völlig zusammengeschmolzen. Man konnte keine Anrufe oder irgendwelche anderen Daten retten. Es war ein Smartphone von Samsung, immerhin das weiß die KTU. Das war’s aber auch schon. Bis jetzt sind keine Vermisstenmeldungen eingegangen. Aber jetzt komm du doch erst mal richtig an, oder!«

Als Kathi Irmi in Schwaigen absetzte, war es nach eins. Der Schnee fiel unermüdlich weiter. Irmi bedankte sich und schloss die Haustür auf. Sie stutzte kurz, als sie den Gang betrat. Erst kürzlich hatte er einen neuen Linoleumboden bekommen, der wie Holzdielen aussah, und sie hatte sich noch nicht an den Anblick gewöhnt. Der alte karierte, bei dem an manchen Stellen schon das Jutegewebe herausgekommen war, hatte seinen Dienst ja wirklich getan, aber irgendwie hatte Irmi ihn in Gedanken noch abgespeichert.

Sie machte Licht und ging in die Küche. Auf dem Tisch stand ein Schokonikolaus, und daneben lag ein Zettel: »Wellcom, Schwester!« Irmi lächelte, während sie auf einen Stuhl glitt. Das Englische war nicht gerade eine Stärke ihres Bruders. Aber sie war gerührt.

Von einem Kissen erhob sich etwas Schwarzes. Katzenbuckel! Der kleine Kater, der schon längst nicht mehr klein war, sondern ein Mordsbrackl geworden war. Er sprang auf den Tisch, gab Irmi einen gewaltigen Nasenstüber, gähnte und begann zu schnurren. Irmi kraulte ihn unterm Kinn. »He, Süßer. Du stinkst ganz schön aus dem Hals!«

Sie war daheim. Vom Gang kam ein merkwürdig kratzendes Geräusch. Der alte Kater hatte Irmis Koffer, den sie dort abgestellt hatte, umgeworfen und herzhaft draufgepinkelt. Nun kratzte er ein wenig halbscharig auf diesem neuen Katzenklo herum und bedachte Irmi mit einem vernichtenden Blick. Dann zeigte er ihr das Hinterteil und wackelte in seinem Djangogang davon. Der alte Kater war schwer beleidigt und nicht gerade auf Willkommenskomitee eingestellt. Irmi wischte das Malheur weg. Prima, die erste Amtshandlung daheim war das Eliminieren von Katzenpisse. Einfach großartig!

Interview mit Nicola Förg zu »Platzhirsch«

(Alpen-Krimi 5)

Das zentrale Thema in ihrem neuen Krimi ist die Jagd. Wie stehen Sie persönlich dazu?
Nicola Förg: Ich lebe hier am Waldrand mit Rehen auf du und du. Diese Rehe fressen Rosenknospen und die Bepflanzung unseres Fischteichs. Ich persönlich finde das amüsant, und wenn der Verlust einiger Knospen das Schlimmste ist, was mir im Leben passiert, bin ich sehr gut dran. Mir ist aber bewusst, dass Waldbesitzer die ökonomisch denken müssen, auch Lösungen gegen Verbiss finden müssen. 
Allerdings liegt die Wahrheit sicher nicht nur im Abschuss. Wenn die Tiere ausreichend Äsung außerhalb des Waldes haben, verbeißen sie auch nicht. Ich werde sicher keine Jägerin mehr werden, ich war, bin und werde aber auch keine verbitterte Parolenschreiern gegen die Jagd generell. 

Haben Sie persönlich Erfahrung beim Jagen?
Nicola Förg: Nein, aber ich habe als Reiterin Erfahrung mit Jägern, die mit einem Gewehr vor mir und dem Pferd herumgewedelt und dabei wüste Schimpftiraden losgelassen haben. Und ich bin da nicht quer durch den Wald und auch nicht in der Dämmerung geritten, sondern mittags auf einem Feldweg am Saume eines Waldes, ein Dorf im Blick. Mein Nachbar hat noch einige Schrotkugeln im Allerwertesten stecken – sah sein Hund doch angeblich aus wie ein Fuchs….   

In Ihrem Buch gibt es »böse« und »gute« Jäger. Lassen sich Jagd und Tierschutz wirklich vereinen, wie es Ihr Mordopfer Regina von Braun versucht hat?
Nicola Förg: Gut und böse vereinfacht mir das Thema zu sehr. Aber Jagd und Tierschutz ist möglich, auch wenn das sicher eine Gratwanderung ist. Die Positionen sind verhärtet, aber wenn jemand wirklich die Natur liebt, ein echter Wildbiologe ist und Ahnung von Ökologie hat, dann kann Jagd auch Tierschutz sein. Problematisch wird es, wenn man nur noch rein ökonomische Gesichtspunkte anlegt. Unsere ganze zubetonierte, verdichtete, begradigte Welt lässt Tieren keinen Raum mehr. Wir sind beängstigend weit weg von der Natur, wie die ganze Geschichte um »Schadbär« Bruno gezeigt hat. 

Sie sind bekannt für Ihre akribische Recherche. Jäger gelten aber auch heute noch als verschworene Gemeinschaft, auch weitgehend als Männerdomäne. Wie konnten Sie da vordringen?
Nicola Förg: Ich habe Bekannte, die Jäger sind. Die um jeden Abschuss ringen. Die zögern, die nachdenken. Die eben auch in einem Ökonomie-Ökologie-Konflikt stehen. Ich hatte sehr kompetente und nie propagandistische Hilfe im Bayerischen Jagdverband. Und ich hatte einige Informanten, die wissen, warum sie lieber unerwähnt bleiben wollen angesichts ihrer Geschichten von Waffennarren, skrupellosen Wilderern und reinen Trophäengierigen. 

Was war das Eindrucksvollste, das Sie bei dieser Recherche gelernt haben?
Nicola Förg: Dass kein Klischee stimmt, dass es eben nicht die Guten und die Bösen gibt. Dass es in unserem Umgang mit der Natur längst kurz vor zwölf ist. Oder der Zeiger leider die Marke übersprungen hat. 

Ein zweites großes Thema des Buchs sind die so genannten »Schwabenkinder« – Bergbauernkinder aus den Alpen, die in früheren Zeiten auf Kindermärkten in Oberschwaben als billige Saisonarbeiter feilgeboten wurden. Wie sind Sie darauf gekommen?
Nicola Förg: Ein sehr lieber Freund von mir, dem ich das Buch auch gewidmet habe, stammt aus Galtür in Tirol. Er hat mich schon vor 20 Jahren mit dem Thema in Verbindung gebracht. Galtür hatte eine intensive Kinderwanderung. Es ist ein sehr bitteres Kapitel, das ich umso bitterer finde, als es bis weit ins 20. Jahrhundert gereicht hat. 
Und das hier bei mir auch geografisch so bedrückend nahe liegt. Ich bin in 30 Minuten im Außerfern, über dessen Pässe und Steige sich vor 100 Jahre unterernährte Kinder in Lumpen und schlechtem Schuhwerk schleppten und nicht selten von Lawinen verschüttet wurden. Die Zeitzeugen sterben uns weg, es ist wichtig, solche Ereignisse vor dem Vergessen zu bewahren. 

Regionalkrimis gibt es heute wie Sand am Meer. Was muss man tun, um aus der Masse hervorzustechen, um mehr als nur Durchschnitt zu sein?
Nicola Förg: Das  muss letztlich der Leser entscheiden. Und wenn man Bestseller steuern könnte, ertränken wir in selbigen. Ich kann nur meinen Weg weitergehen, und der setzt zwar auch auf Humor, aber er ist weit weg von Slapstick und Hauruck-Comedy, wie das ja anscheinend Usus ist im Regionalen. 
Ich erzähle Geschichten über das Leben, über das Menschsein, das oftmals sehr schwer werden kann. Es liegt so viel Tragik hinter den Fassaden. Man glaubt mir gottlob mein Anliegen und die Authentizität. Und ich glaube, der Leser hat ein gutes Gespür dafür, ob Figuren echt sind und nicht bloß Marionetten.

Wenn Sie schreiben, wie sehr verwachsen Sie dann mit Ihrem Alter Ego Irmi Mangold?
Nicola Förg: Sie ist kein Alter Ego, aber ich mag sie sehr. Ich fahre in den »heißen Schreibphasen« z. B. Auto und lasse Irmi dann Dialoge sprechen. Sie kann denken, fühlen und damit auch wachrütteln. Und manches was sie denkt und sagt, würde ich auch sagen. Aber sie hat es ja schon für mich getan! 

Skifahren, Milchpreise, Kurtreiben, jetzt die Jagd haben Sie bereits in Ihre Krimis eingearbeitet – welche Alpenthemen warten noch auf Irmi und Kathi?
Nicola Förg: Da setzen wir doch mal auf die Spannung und Vorfreude. Aber es liegt noch genug Sprengstoff über den hohen Bergen und dem buckligen Voralpenland!

Blick ins Buch
PlatzhirschPlatzhirsch

Ein Alpen-Krimi

Eine ermordete Biologin und ein Elch als einziger Zeuge – nicht die besten Voraussetzungen für die Ermittlungen von Irmi Mangold und Kathi Reindl, doch schon bald tauchen erste Verdächtige auf. Hatte sich die Jägerin, die Rehe lieber im Wald als auf dem Teller sieht, mit den falschen Leuten angelegt? Vielleicht mit einem Wilderer? Und was hat das mit einem Tagebuch zu tun, das sich auf dem gut versteckten Laptop der Ermordeten befindet?

PROLOG

 

Es herrschte jene Stille, die nur der Morgen herbeizaubert. Ein paar Vögel irgendwo in den Bäumen begrüßten den Tag, die Wiesen atmeten Feuchte, und die flache Sonne stand noch hinter den Fichten.
Früher war Irmi ein Morgenmuffel gewesen – sie hatte es gehasst, in einer Landwirtsfamilie aufzuwachsen, denn dort hatte man stets zu unchristlichen Zeiten aufstehen müssen. Mittlerweile liebte sie den Morgen, er war die einzige unschuldige Zeit des Tages. Die Zeit des klaren Blicks. Auch Irmis Abende waren häufig still, aber sie hatten meist etwas Bleiernes an sich. Ihnen war ein Tag vorhergegangen, der Körper und Geist strapaziert hatte. Nur der Morgen war unschuldig und rein, bevor die Menschen dem Tag mit ihrer Unzulänglichkeit, ihrem Hass und ihren Verzweiflungstaten die Unschuld raubten.
Aus dem Wald traten vier Rehe, eins davon war der kleine Rehbock, den Irmi insgeheim Hansi getauft hatte. Er hob den Kopf und sah herüber. Lange. Dann senkte er die glänzende schwarze Nase und begann zu fressen. Die so eleganten und filigranen Tiere zogen langsam über die meerglatten Weiten am Rande des großen Moors. Sie waren grau, denn sie trugen noch ihr Winterkleid. Bald schon würden sie fürchterlich zerrupft aussehen und ins Braune wechseln. Im Wald würden ganze Fellbüschel liegen, und die Rehe würden ihre Hälse verdrehen, um sich das juckende Fell vom Rücken zu knabbern.
Anfang März war es schon einmal ungewöhnlich warm gewesen, doch es war die typische oberbayerische Rache gefolgt: Es hatte wieder geschneit, und zwar zuhauf. Der kurze Versuch mit aufgekrempelten Jeans war ganz schnell wieder den gefütterten Gummistiefeln und den Fleecejacken gewichen. Heute Morgen hatte es auch nur zwei Grad plus, aber der Frühling schien irgendwo zu kauern und nur darauf zu warten, dem Weiß den Kampf ansagen zu dürfen. Diese ganze Jahreszeit war so unschuldig und optimistisch.
Die Rehe mussten etwas gehört haben, denn sie standen auf einmal starr wie Statuen da. Bernhard kam drüben aus dem Stall und ging über den gekiesten Vorplatz zum Haus hinüber. Hansi senkte als Erster wieder den Kopf – von diesem trampeligen Menschen drohte ihm keine Gefahr. Irmi fröstelte, aber sie konnte sich so schwer vom Anblick der Tiere lösen. Plötzlich ruckten sie wieder mit den Köpfen. Rannten eine kurze Strecke, hielten inne.
Der kleine rabenschwarze Kater kam wie ein Gummiball über die Wiesen gehüpft – in himmelhohen Sprüngen. Hansi schüttelte den Kopf, als wolle er den Kater für diese Energieverschwendung rügen. Schließlich hatte er Irmi erreicht, strich um ihre Beine und schüttelte vorwurfsvoll und angewidert die nassen Pfoten. Irmi lächelte und schenkte den Rehen einen letzten, fast wehmütigen Blick. Den Kater im Gefolge ging sie hinein.
Der Frieden eines Morgens war so kurzlebig. Auch der Friede des Frühlings wurde viel zu schnell von den donnernden Sommergewittern abgelöst, und die Rehe würden schon bald unter den Beschuss derer geraten, die um ihre Bäume fürchteten. Viele der Kitze würden die Mähmassaker nicht überleben. Der Friede für Tiere war so fragil. Jeder Friede war so anfällig für Störungen …

 

Es dröhnte, als würde jemand eine Lawine absprengen, und Sophia rief lachend: »Du klingst wie Dumbo, wenn du so trötest!«
»Sehr witzig!«, maulte Kathi wütend und nieste erneut. Das wiederum trieb das Soferl zu einem wahren Lachkrampf, sie wollte sich ausschütten vor Lachen, doch was sie dann tatsächlich verschüttete, war der Kakao, der den alten Holztisch flutete. Sophia sprang zwar sofort auf, um Küchenkrepp zu holen, aber die Flutwelle hatte schon die Tischkante erreicht und stürzte als brauner Wasserfall auf Kathis Jeans.
»Du blöde Nuss!«, brüllte Kathi und rannte unter Niesen die Treppe hinauf. Dort schälte sie sich aus der engen Jeans, feuerte sie neben das Bett und fingerte ein Papiertaschentuch aus der Packung am Nachttisch. Da lag draußen noch meterhoch Schnee, da zogen die Tourengeher in Karawanen zu Berge – und sie hatte Heuschnupfen. Jedes Jahr kam er wie ein plötzliches Gewitter ohne Ankündigung. Dabei war es so klar wie das Amen in der Kirche, dass die fiese Hasel und die bösartige Erle wieder blühen würden. Die gemeine Birke würde sich auch noch dazugesellen. Aber der Winter verdrängte dieses Wissen. Und eines Morgens wachte Kathi dann auf und fühlte sich, als habe sie die ganz Nacht durchgesoffen. Die Augen tränten, die Nase lief. Heißa! Der Frühling war da.
Kathi hasste das Frühjahr. Und sie hasste den Morgen. Um diese Tageszeit hatte sie gar keinen Nerv für ihre putzmuntere Tochter. Ebenso wenig wie für ihre Mutter, die immer gegen halb sechs aufstand und ihr jeden Morgen etwas zum Essen aufdrängte. Frühstück wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendbrot wie ein Bettler – diesen Spruch hatte sie schon in Soferls Alter gehasst. Bis heute hasste sie Frühstücken. Ein schwarzer Kaffee war doch völlig ausreichend. Warum ließen diese beiden lästigen Stehaufmännchen sie nicht einfach in Ruhe morgenmuffeln?

 

1

 

März 1936
Es geht auf Josephi. Leider. Es hat tagelang geschneit, heut hat es aufgerissen. Irgendwo singt schon ein Vogel. Er singt hinein in diese Welt aus Weiß, die uns blendet. Ich zwinkere schon den ganzen Tag gegen die Sonne. Ach, würde sie doch nur wieder verschwinden. Aber ich werde es nicht mehr lange hinauszögern können. Der Herr Vater ist im Lechtal unten gewesen, er hat telefonieren lassen. Mir ist das unheimlich. Man spricht in ein Rohr, und so viele Tagreisen entfernt hören die etwas? Ganz so, als stünde einer neben einem? Der Herr Pfarrer hat auch gesagt, das ist Teufelswerk.
Aber der Herr Vater hat kein Einsehen. Er hat gesagt, dass ich gehen muss, auch wenn ich schon sechzehn bin. Solange dich keiner heiratet, musst du gehen. Er hat gesagt, ich sei selber schuld, dass ich noch keinen Burschen hätt. Wo soll ich denn einen Burschen hernehmen? Wir kommen den ganzen Winter doch nicht raus.
Die Flausen hierzubleiben, die wolle er mir schon austreiben, hat der Herr Vater gesagt. Und dass ich a gschnablige Fechl bin. Das ist nicht schön von ihm. Und das ist auch gar nicht wahr. Aber ich bin ein Mädchen, und der Herr Vater mag keine Mädchen. Die Zwillingsbrüder sind vor sechs Jahren am Joch gestorben, die Lawine hat sie beide mitgerissen.
Nur gut, dass die Johanna mit von der Partie ist und der Jakob. Mir wird jedes Jahr banger. Das erste Jahr war es am leichtesten, obwohl ich mir zwei Zehen erfroren habe. Aber das geschieht allen. Wir sind neun gewesen und eine Frau, die uns führen sollte. Von Elbigenalp waren sie auch heraufgestiegen, weswegen wir vier Hinterhornbacher immer am Hornbach entlang bis zur Hermann-von-Barth-Hütte hatten gehen müssen. Dort trafen wir uns, es gab eine Marend, sogar Muggafugg. Wir aßen und tranken, denn um den Krottenkopf herum und auf zum Mädelejoch, das war keine feine Strecke. Vereist war es gewesen, das Mädelejoch hatte kaum Schnee, der Wind hatte ihn verblasen. Aber dann kamen die Kitzabolla. Und kalt war es gewesen. So kalt.
Aber ich wusste damals noch nicht, was geschehen würde. Die Großen waren schon oft außi zu den Fritzle, der Konrad war sogar auf dem Kindermarkt in Ravensburg gewesen. Was er berichtet hat, war nicht schön. Später hatte auch der Konrad feste Herrschaften, und nun ist er längst als Stuckateur dussa. Ab dem dritten Jahr wurden wir in Kempten immer schon erwartet, sogar mit einem Fuhrwerk abgeholt. »Was für ein Glück«, hat die Mama immer gesagt. »Was ihr für ein Glück habt.« Und dann hat sie mich jedes Jahr so komisch angesehen, und bekreuzigt hat sie sich. Jedes Jahr mehr. Ich hatte ja Glück, zwei erfrorene Zehen sind nichts. Dem Oswald fehlen sogar drei Finger. Ganz schwarz sind die gewesen.
Mir wird es dennoch jedes Jahr schwerer ums Herz. Wir sind die Letzten. Aus Elbigenalp kommen sie nicht mehr, zwei der Mädchen, die Hermine und die Maria, sind tot. Warum, weiß ich nicht genau. Seit wir die Letzten sind, gehen wir den kürzeren Weg übers Hornbachjoch. Ich fürchte mich immer unter den Höllhörnern. Der Herr Pfarrer hat gesagt, der Teufel hause in den Zacken. Und dass wir beten müssten am Joch und uns bekreuzigen und einen Rosenkranz sprechen. Der Herr Pfarrer ist ein Knatterle, hat die Johanna gesagt, so was darf man aber doch nicht über einen Kirchenmann sagen. Wenn der Herr Pfarrer wüsste, dass wir uns immer nur ganz kurz bekreuzigt und nie einen Rosenkranz gebetet haben … Aber der Herr Pfarrer weiß ja nicht, wie eisig kalt es ist im Sturm droben am Joch.
Die Johanna hat gesagt, dass sie dieses Jahr nicht mehr heimkommen will, so wie die Gertrud. Diese Johanna. Solche Pläne hat die Johanna! Sie ist ein Wildfang, die Johanna! Ich habe viel lesen können im Winter. Der junge Herr Kaplan hat mir Bücher zugesteckt und Lesen mit mir geübt. Wir sind ja immer nur im Winter in der Schule, und oft fiel der Unterricht aus. Der junge Herr Kaplan musste aber bald nach der Christnacht gehen, ein Sozialist sei er, wurde geraunt. Was ist ein Sozialist? Ist ein Mann Gottes ein Sozialist?
»Schneewittchen ist schon tot«, sagte Benedikt. Dabei klang er altklug wie immer, und Julia atmete auf.
Sie selbst war schon wieder tausend Tode gestorben, weil Bene sich einmal mehr von der Gruppe abgesetzt hatte. Der Junge war eine Katastrophe, er schien osmotisch durch Wände diffundieren zu können. Man hatte ihn gerade noch im Blick, und eine Sekunde später war er verschwunden. Fand man ihn dann doch irgendwann, sagte er gerne: »I hob mi verzupft.« Das hatte er vom Allgäuer Opa, »der, wo in Trauchgau residiert«. Bene sagte wirklich »residiert«, der Opa schien ein relativ großes Haus zu haben. Julia beneidete weder Benes Eltern noch seine zukünftigen Lehrer. Bene beneidete sie auch nicht. Das war ein Kind, das anecken würde, ein allzu wacher Geist und ein Übermaß an Phantasie verunsicherten den Rest der dumpfen Welt.
»Benedikt, wo warst du schon wieder?« Julia versuchte streng zu klingen.
»Julia«, er ahmte die Stimme der Erzieherin nach, »ich habe doch gesagt, dass ich das tote Schneewittchen besuchen muss.«
In diesem Moment kam ihre Kollegin Lea zurück. Sie wirkte immer etwas überfordert und hatte offenbar das Elend der ganzen Welt auf ihre schmalen Schultern geladen.
»Diese Regina von Braun ist nirgendwo«, jammerte sie. »Die Haushälterin weiß auch nicht, wo sie steckt.«
»Oh, du liabs Herrgöttle«, kam es von Benedikt, und er schlug sich theatralisch die Hand auf die Stirn.
Das hatte er bestimmt auch vom Trauchgauer Opa. Julia unterdrückte das Grinsen, wies Bene zurecht und wandte sich an die Kollegin: »Vielleicht ist sie schon zu den Gehegen gegangen und füttert die Tiere. Wir gehen einfach mal runter.«
Gehen war allemal eine gute Idee, denn es hatte höchstens null Grad an diesem Morgen. Die Zwergentruppe war nur deshalb vergleichsweise ruhig, weil sie Kakao und Kekse bekommen hatte. Julia begann die Becher einzusammeln, überprüfte, dass jedes Kind seinen Rucksack hatte, und erklärte den Kleinen, dass sie nun ganz leise sein müssten, um die Tiere nicht zu erschrecken. »Pst«, machte sie, was augenblicklich eine ganze Woge von »Pst«-Geräuschen hervorrief – in der Lautstärke eines Düsenjets. Unter abflauenden »Psts« marschierten die Kinder in Zweierreihen hinter Julia her, hinein in den Wald, vorbei an einem Schild, das in Richtung Wildgehege deutete.
Julias Kindergartengruppe hatte am Morgen eigentlich einen Termin bei Dr. Regina von Braun. Die Biologin besaß ein Gut, das sie – wie man sich erzählte – mehr als Bürde denn als Würde ererbt hatte. Um es am Leben zu erhalten, hatte sie ein Walderlebniszentrum initiiert. Julia war die Eigentümerin nicht ganz unbekannt, weil Regina von Braun gern in Kindergärten vom Wald und seinen Bewohnern erzählte und dabei auch mal eine Eule mitbrachte oder einen Greifvogel. Sie war nämlich nicht nur Biologin, sondern auch Jägerin und Falknerin, und das wenige, was Julia von ihr wusste, war, dass ihre Tage offenbar mehr als vierundzwanzig Stunden hatten. Heute sollten die Kinder zwei zahme Elche und einige Rentiere besuchen. Das war natürlich eine Sensation im Oberland, ein echter Elch!
Nach fünf Minuten erreichten sie eine Lichtung. Die Sonne stand schon höher am Himmel und beleuchtete eine große Erklärungstafel und eine Sitzgruppe aus dickem Holz. Das Gehege lag dahinter, rechts davon stand ein großer Schuppen mit einer Schubkarre davor, die ein wenig vereinsamt wirkte. Bevor Julia ihn noch am Kapuzenzipfel erwischen konnte, sauste Benedikt davon, am Zaun entlang, hinüber zum Schuppen und hinein durch ein hohes Stahltor, das er öffnete, als habe er nie was anderes getan. Lea brüllte ihm ein verzweifeltes »Benedikt!« hinterher, Julia stöhnte. Es hätte so nette Jobs im Büro gegeben, bei Krankenkassen oder Behörden – warum nur hatte sie sich als Zwergenbezwingerin verdingt?
»Ihr bleibt hier und schaut euch schon mal mit Lea die Bilder auf der Tafel an. Ich hole den Bene, vielleicht ist Frau von Braun ja auch noch in dem Schuppen.«
Julia eilte zu dem Tor, das überraschend leichtgängig war. Der Schuppen entpuppte sich als Unterstand mit einem gewaltigen Vordach. Frische Hackschnitzel waren ausgebreitet, es duftete nach Holz. Benedikt stand da und betrachtete interessiert den Boden.
Dort lag Regina von Braun. Ihre ausgesprochen blauen Augen schienen verwundert ins Leere zu starren. Sie war blass, und ihr langes dunkles Haar war auf den Holzschnitzeln ausgebreitet. Aus einer Schusswunde an der Stirn trat Blut aus. Das kalkweiße Gesicht, die Haare wie Ebenholz, das rote Blut – eine tote Märchenfrau.
»Siehst du, Julia? Schneewittchen ist schon tot«, sagte Benedikt völlig ungerührt.
Julia war wie paralysiert und wachte erst auf, als hinter ihr das Chaos ausbrach. Natürlich war es Lea nicht gelungen, die Kinder auf den Holzbänken zu halten. Nun standen sie hier, und als eines zu weinen begann, brach ein kollektives Heulkonzert aus. Julia schaffte es irgendwie, die Kleinen wegzuscheuchen und sie zurück zum Haupthaus zu bringen, wo es in einem Nebengebäude einen Seminarraum mit Küche gab. Es glückte ihr sogar noch, Lea zum Kakaokochen abzukommandieren, die Polizei und die Haushälterin zu alarmieren.
Als die sich völlig erschüttert in Richtung des Geheges aufmachen wollte, stellte sich ihr Benedikt in den Weg. »Das darfst du nicht, das verwischt die Spuren. Wie im Fernsehen.«
Du lieber Himmel, was fand man im Hause Haggenmüller denn passend als TV-Kost für einen Fünfjährigen? Nun ja, bei den beiden Rechtsanwaltseltern konnte man ja nie wissen, dachte Julia und wunderte sich über sich selbst. Da draußen lag eine tote Frau, und sie dachte über Kindererziehung nach.
Die Haushälterin war leise weinend auf einen Stuhl gesunken. Benedikt ging zu ihr hin und reichte ihr einen Becher Kakao. »Abwarta und Kakau trinka«, sagte er. Oh, du segensreicher Opa aus dem schönen Halblechtal …

 

Irmi war beschwingt ins Büro gekommen. Dort traf sie auf eine Kathi, die wie die Inkarnation von »I don’t like Mondays« aussah. Die Augen verquollen, fummelte Kathi ein Taschentuch nach dem anderen heraus und verfluchte ihre Allergiemedikamente, die alle nichts halfen.
»Versuch’s doch mal mit Sulfur-Globuli«, schlug Irmi vor, was ihr einen Blick einbrachte, der vernichtend war.
»Zuckerkügelchen mit nix drin. Du glaubst auch an jeden Hokuspokus, Irmi, oder? So ein Placeboscheiß.«
Bevor Irmi in eine Diskussion einsteigen konnte, dass die homöopathischen Globuli sogar bei ihren Kühen wirkten und die Rinder ja kaum im Verdacht standen, auf ein Placebo hereingefallen zu sein, kam Sailer.
»Morgen, die Damen. Des wird heit nix mit Kaffeetrinken. Im Waldgut Braun is wer tot geworden.«
Tot geworden – der gute Sailer.
»Weiß man auch, wer tot geworden ist, Sailer?«
»Ja, die Frau Regina von Braun höchstselber. Derschussen.
Sauber derschussen. Ned derhängt oder so was Unguats.« Sauber derschussen – auch eine schöne Formulierung. Abgesehen davon war es für Irmi mehr als überraschend, dass der sonst so kryptische Sailer die komplette Information von sich gab, ohne dass sie ihm alles aus der Nase ziehen musste. Der Mann schien Montage zu mögen.
»Wer hat uns informiert?«, fragte Kathi unter Niesen.
»A Madl, das wo Kindergärtnerin ist. De Kinder ham de
Frau g’funden.«
Auch das noch! Ein verschreckter Haufen Kinder, die überall herumgetrampelt waren, dachte Irmi.
»Na merci, Mausi«, kam es von Kathi.
Irmi sparte sich eine Zurechtweisung, informierte stattdessen das Team von der Kriminaltechnischen Untersuchung und forderte die Polizeipsychologin an – wegen der Kinder und weil sie ein ungutes Gefühl hatte, das sie momentan schwer zu deuten wusste. Dann nickte sie Kathi zu und wies Sailer an, den Kollegen Sepp im Streifenwagen mitzunehmen. Seit Irmi und ihr altes Cabrio vom TÜV geschieden worden waren, fuhr sie einen japanischen SUV, und der hatte dank Blechdach natürlich den Vorteil, dass man ein Blaulicht draufsetzen konnte. Außerdem besaß er eine gewisse Bodenfreiheit, was bei den alpinen Einsätzen nicht von Nachteil war.
Die Bodenfreiheit erwies sich heute als recht sinnvoll.
Zwei Kilometer hinter Grainau war das Waldgut durch ein verwittertes Holzschild ausgewiesen. Die Teerdecke der Zufahrtsstraße war von Löchern durchsetzt, die gut und gern als Ententümpel hätten herhalten können. Auf den Tümpeln lag eine dünne Eisschicht, die unter den Autoreifen brach.
Das Sträßchen mäandrierte durch den Wald. Es lagen noch immer Schneehaufen am Wegesrand, und Irmi vermutete, dass das Gut im Winter bisweilen von der übrigen Welt abgeschnitten war. Sie fand den Gedanken gar nicht so uncharmant, während Kathi böse nach vorne starrte und maulte: »Das ist voll am Arsch der Welt hier.« Und nieste.
Zu ihrer Linken lag ein kleiner Moorsee, alles sehr idyllisch und doch auch düster in seiner schweren Farbigkeit. Sie kamen aus dem Wald, ein Feld lag vor ihnen und mittendrin das Gut. Rechts thronte das Haupthaus auf einem kleinen Hügel, ein stolzer Bau oder besser ein ehemals stolzer Bau im Stil eines kleinen Jagdschlösschens. Links stand ein Wirtschaftsgebäude mit einem anschließenden Stadl. Vor ihnen schlängelte sich das Sträßchen weiter, vorbei an einem Tipidorf, und danach schon wieder der Wald, der hier alles umschloss. Sogar Irmi empfand das als etwas bedrückend, so als könnte der Wald auf sie zukommen und alles überwuchern wie in einem Dornröschenschloss.
Sie parkten vor dem Wirtschaftsgebäude, und ein bärtiger kräftiger Mann, der sicher schon in den Siebzigern war, kam auf sie zu.
»Veit Bartholomä«, stellte er sich vor. »Meine Frau und ich stehen der Regina ein wenig bei und helfen ihr …« Er schluckte. Es war schon auf den ersten Blick klar, dass er eigentlich ein tatkräftiger Mann war, der momentan jedoch am Limit seiner Beherrschung angelangt war. Ein Dackel saß neben ihm und begutachtete die Neuankömmlinge. Er hatte den Kopf schräg gelegt und blickte Irmi so an, wie das nur Dackel können. Dann begann er zu bellen.

»Mordskalt« ein LandIDEE-Krimi von Nicola Förg

Für ihre begeisterten Krimi-Leser hat Nicola Förg  noch ein besonderes Extra: einen LandIDEE-Kurzkrimi, der Lust auf noch mehr Bücher von ihr macht!

Holz macht dreimal warm – beim Schlagen, beim Hacken und beim Heizen. Diese Weisheit ist nicht nur alt, sondern auch wahr. In diesem Fall hatte das Holz allerdings kalt gemacht, und zwar einen Mann. In der Stirn des Toten steckten einige Holzspreißel, und neben ihm auf dem Boden lag ein blutiger Prügel, der gerade von der KTU vorsichtig verpackt wurde. 
War das die Mordwaffe? Eigentlich war es kaum anzunehmen, dass der Mörder die Tatwaffe einfach so liegen ließ. Es sei denn, er hatte Handschuhe getragen, was bei den herrschenden Temperaturen durchaus naheliegend war. Es winterte sehr, weswegen allerorts die Kreissägen gekreischt hatten und nun die Holzstapel wuchsen. 
„Kennst du den?“, fragte Franz gerade. „‘Ein harter Winter steht bevor‘, sagte der alte Indianerhäuptling und hielt das Ohr witternd in den Wind. ‚Warum?‘, fragte der Trapper. ‚Der weiße Mann macht viel Holz.‘“ Franz wollte sich ausschütten vor Lachen, was angesichts des holzspreißelgespickten Toten eher pietätlos anmutete.

„Ein Ohr kann nicht wittern“, wandte Max ein. 
„Spaßbremse!“, konterte der Kollege.
Max Brauer und Franz Oberlechner waren vor etwa einer Stunde an den Fundort der Leiche gerufen worden und hatten sich schon ein wenig umgesehen. Der Tote, der neben einem Stapel Brennholz aufgefunden worden war, hatte das Rentenalter schon erreicht. Er trug eine Jogginghose, einen Skianorak, der in den Achtzigerjahren modern gewesen sein mochte, leichte Bergstiefel und eine hohe Skimütze, wie sie Ingemar Stenmark zu seinen Erfolgszeiten beim Slalom angehabt hatte. Um den Hals hing ein Feldstecher. 

Was gab es hinter der Holzbeige wohl heranzuzoomen? Vielleicht eine Nachbarin, die gerne mal vergaß, die Gardinen zuzuziehen? Was ja auch gleich ein Motiv ergeben hätte: Spanner spannt solange, bis Ehemann ihm einen Prügel über den Kopf zieht. Ein kleiner Haken an dieser Theorie war nur, dass der Holzstapel keinerlei Einsichten in fremder Leute Schlaf- oder Badezimmer bot, aber momentan wusste man ja auch noch gar nicht, ob der Fundort der Leiche identisch war mit dem Platz, wo man den Mann erschlagen hatte. 

Der Holzstapel stand am Beginn eines steilen Sträßchens mit blumigem Namen in einem kleinen Dorf am Rande der großen, erhabenen Alpen. Im Sträßchen wohnten vielleicht fünfzehn Parteien – alle in großen behäbigen Landhäusern mit trutzigen Balkonen. Die Gärten waren groß und im Sommer bestimmt aufwändig gepflegt und üppig bepflanzt. Dass es hier viele grüne Daumen gab, war wohl auch dem Umstand zuzuschreiben, dass das Gros der Bewohner im Rentenalter war. Wie der Tote. 

„In zehn Jahren ist das eine Geisterstraße“, witzelte Franz, der heute besonders aufgeräumt wirkte. Nun, einen aus der wackeren Rentnerschar hatte es nun schon früher erwischt. Bei dem Toten handelte es sich um einen ehemaligen Schauspieler. Pikanterweise wurde er im Dorf meist nur „die Leich“ genannt. Götz Habersetzer hieß er mit vollem Namen, und er hatte es einst zu einem gewissen Ruhm gebracht – dank einer Vorabendserie, die alles und alle zu überleben drohte. Er war auch in diversen Krimis zu sehen gewesen, da aber meist nur kurz, denn er hatte stets die Leiche gegeben. 

„Na, das liegt ihm eben“, sagte der Franz.
Der Unterschied lag auf der Hand. Damals hatte er sich aus eigener Kraft erheben können, wenn die Klappe fiel. Heute nahm ihn ein Wagen mit, und er würde auch die Gerichtsmedizin deutlich länger belagern als auf seinen früheren Drehs. Aus der TV-Leiche war eine Real-Leiche geworden. 
Bisher gab es keinerlei Anhaltspunkte für Tatmotiv oder Täter. Max stöhnte. Sie würden wieder wie die heiligen drei Könige von Haus zu Haus ziehen und Leute befragen müssen. Polizeiarbeit war oftmals sehr zäh.
Im ersten Haus öffnete niemand. Das sei auch nur ein Ferienhaus, erzählte wenig später die Nachbarin, die ihrerseits vom Ableben Götz Habersetzers tief betroffen war. Sie wusste allerdings nichts Schlechtes, aber auch nichts anderes Bemerkenswertes über den Mann zu sagen. 
Da war das Gespräch mit einer Dame weiter oben in der Straße schon ergiebiger. 

„Hatte Herr Habersetzer Feinde?“, fragte Max die Frau.
„Nur indirekt.“
„Was meinen Sie damit?“
„Nicht er hatte Feinde, sondern seine Katzen, denn die haben jedes Beet als Katzenklo angesehen, besonders die frisch geharkten. Kaum hatte man etwas angepflanzt, hatten diese Hurenviecher es auch schon wieder um- und ausgegraben. Das kam nicht überall so gut an.“
„Bei Ihnen auch nicht?“, fragte Franz und betrachtete demonstrativ das Areal, das die Größe eines botanischen Gartens hatte.
„Bei mir war das weniger ein Problem, meine Beete haben sie weitgehend verschont. Keine Ahnung, warum. Aber sein direkter Nachbar, der Herr Mayr, hat schöne weiche Beete und zwei sehr zwiderne Jack Russell Terrier. Einer hat sogar mal so ein Katzentier erlegt.“ Sie lächelte.
Aha, das war doch schon mal was!, dachte Max. Wenn der giftige Terrier sogar eine Katze erlegt hatte, dann waren Habersetzer und Mayr sicher keine dicken Freunde. An Katzen schieden sich bekanntlich die Geister, dachte er. Seine Frau liebte die beiden Kater Netzer und Delling abgöttisch. Mehr als ihn, da gab er sich keinen Illusionen hin. Er mochte die Kater nicht sonderlich. Netzer und Delling waren Weicheier, die mit Begeisterung Shopping-TV, „Bauer sucht Frau“ und irgendwelche dümmlichen Fernsehkrimis ansahen, die in ihm Brechreiz auslösten. Er hingegen schaute als glühender Bayern-Fan vor allem Fußball. Netzer und Delling verschliefen nicht nur die Sportschau demonstrativ, sie hatten auch immer volles Haar und keinen Bauchansatz und gemahnten Max an seine eigenen Unzulänglichkeiten. Wenn den beiden etwas zustieße – seine Frau liefe Amok. Insofern war der Tod einer Katze ein starkes Mordmotiv, wobei in dem Fall ja eher Habersetzer seinen Nachbarn hätte meucheln müssen und nicht umgekehrt. Aber wer weiß? Vielleicht waren sie in Streit geraten, der Streit war eskaliert - und zack, bumm, Holzprügel, tot! 

Herr Egon Mayr, den sie als Nächsten aufsuchten, stammte definitiv nicht aus dem hiesigen Sprachraum. Was er von sich gab, war ein Pfälzisch, das Max in solch einer ungefilterten Form nur selten gehört hatte. 
„Die tote Katz war der Leich völlig egal. Die Katzen sind von seiner verstorbenen Frau übriggeblieben. Die hat ihm ein klasse Testament hinterlassen. Neben dem Pflichtteil hat sie ihm die Hälfte des restlichen Vermögens vererbt und dem Tierheim die andere. Seine Hälfte ist allerdings an den Auftrag gebunden, die Viecher zu hegen und zu pflegen. Sie hat sogar eine Person eingesetzt, die sich über das Wohlergehen der lieben Tierchen informiert. Weiber, sag ich. Er muss die Viecher pflegen, bis sie alle im Katzenhimmel sind. Der war doch nur froh um eine weniger! Es waren anfangs acht, nun sind es nur noch fünf. Glauben Sie mir: Der würde sie am liebsten eigenhändig erwürgen, dankbar war der meiner Pamela. Wir waren echt gute Kumpels, die Leich und ich.“
„Wem war er dankbar?“, fragte Max mit einem Stirnrunzeln.
„Pamela. Die Terrierhündin heißt Pamela, nach Pamela Anderson. Die andere heißt Dolly. Nach …“

„Wunderbar, danke schön“, unterbrach Franz ihn. Ob Dolly Parton, Dolly Buster oder Dolly, das Klonschaf - jedenfalls war das keine heiße Spur. 
Eher zufällig trafen sie auf Josephine Bäcker, eine alte Freundin der verstorbenen Gattin von Götz Habersetzer und zugleich die Katzenaufpasserin. Als Max sie ansprach, war sie gerade damit beschäftigt, die nun völlig verwaisten Tiere einzusammeln.
Josephine Bäcker redete viel und gern und gab den Polizisten tiefe Einblicke in die Ehe ihrer Freundin mit der Leich. Sie war auch gar nicht so verwundert, dass er erschlagen worden war. Er sei nämlich ein knickriger Sparstrumpf gewesen und extrem spießig. Das sehe man jetzt ja auch an der Zeitung. 

„Hä?“, entfuhr es Franz.
Nun, die Dame wusste von einer Freundin, dass Götz Habersetzer seit einiger Zeit seine Zeitung nicht mehr bekam. Daraufhin habe er im Medienhaus Rabatz geschlagen, ihm sei aber versichert worden, dass mit seinem Abo alles in Ordnung sei. Daher habe er in den letzten Wochen mit seinem Feldstecher hinter dem Holzstapel gehockt und zu seiner blauen Zeitungsrolle aus Plastik hinübergestarrt, um den Zeitungsdieb zu stellen. 
Das erklärte immerhin schon mal den Fundort der Leiche. Und auch sonst konnten sich die Polizisten das Szenario gut vorstellen. Die Leich stellt den Dieb, Handgemenge – zack, bumm, Holzprügel, tot. Nur wer war der Dieb? Sollten sie sich nun auch auf die Lauer legen? 

Franz und Max wussten, dass blinder Aktionismus gar nichts brachte, und taten nun etwas, was bei der Polizei nicht jeden Tag vorkam: Sie dachten nach. Und zwar intensiv. Wer kam denn noch mit der Zeitung in Berührung? Normalerweise die Austräger, die es hier aber nicht gab. In diesem Dorf kam die Zeitung mit der Post. Das heißt, sie wurde von dem gelbblauen Postboten ausgeliefert, der ebenfalls von hier stammte. Als Franz und Max ihn in die Mangel nahmen, erwies er sich als wenig heldenhaft. Er gestand. 

„Sie geben also zu, dass Sie die Zeitung von der Leich, also die Zeitung von Herrn Götz Habersetzer erst gar nicht ausgeliefert haben?“, fasste Max zusammen. 
„Jaaa“, sagte der Postbote gedehnt. „Ab und zu mal. Für meine Oma. Immer wenn Artikel über 90-jährige Geburtstage, über den Gesangsverein und über den Trachtenverein D‘ Stoabergler drin waren. Die Oma kann sich das Abo nicht leisten. Kostet ja ein Vermögen, so ein Zeitungsabo, und dann schreiben die Schmierfinken doch nur Unsinn.“
„Und dann ist Ihnen Habersetzer auf die Schliche gekommen, es gab Zoff, und Sie haben ihn erschlagen?“, triumphierte Franz. „Jetzt geben Sie das halt zu. Das spart uns allen Zeit!“

Aber genau das gab er nicht zu. Er beharrte darauf, zwar ab und zu die Zeitung gemopst zu haben, aber nie bei Habersetzer unter Verdacht gestanden zu haben. Habersetzer hätte einen frühmorgendlichen Jogger verdächtigt, erzählte der Postbote. Einen Zuagroasten, einen aus der Neubürgersiedlung, den hätte er in Verdacht gehabt. Das habe er dem Postboten sogar mal erzählt. Warum also hätte der die Leich zur Leiche machen sollen? 

Für Franz und Max war es eine verfahrene Sackgasse ohne gute Wendemöglichkeiten. Wenn sie dem Postboten nicht nachwiesen, wirklich mit Habersetzer wegen der Zeitung in Streit geraten zu sein, dann sah es schlecht aus für eine Verhaftung. Am Holzstapel ließ sich auch keine DNA des Postboten sichern. 

An diesem Tag war Franz zum Zahnarzt gegangen, und so saß Max allein in seinem Auto und observierte den Holzstapel, ohne so recht zu wissen, warum eigentlich. Schon bald wurde er von zwei Terriern umkläfft. Aha, der Herr Mayr, dessen Pamela die Katze gefressen hatte, holte sich hier mit der Schubkarre Holz. 

Max stieg aus. „Herr Mayr, habe die Ehre. Ihr Holz?“
„Ja, selber gemacht. Gefällt im Wald meines Sohns. Gespalten, geschnitten, aufgeschichtet. Geschwitzt hab ich! Holz macht dreimal warm. Eine Mordsarbeit. Wenn man die Stunden mal rechnet, lohnt sich das nicht. Aber ich bin ja in Pension.“ Scheit um Scheit flog in die Schubkarre. 

Eine Mordsarbeit? Und hinter dem Stapel hatte der Habersetzer gehockt, hatte durchs Fernglas gestarrt und sich gegrämt, dass kein Dieb aufgetaucht war. Hatte gefroren. 

Der Rest war einfach. Mayr war ebenfalls kein Held. Und ein mordsschlechter Lügner war er dazu. Die Leich hatte unbedingt den Zeitungsdieb zur Strecke bringen wollen und war dabei immer frustrierter geworden. Und aus Frust, und weil er eben so knickrig gewesen war, hatte er nach jedem Holzstapelhock drei, vier Scheite mitgehen lassen. 
Das wiederum hatte Mayr gesehen. Der hatte den Habersetzer nämlich seinerseits beobachtet. Eines Tages war es ihm zu bunt geworden. Kleinvieh macht auch Mist, hatte er sich gesagt und den Nachbarn gestellt. Habersetzer war wütend geworden und hatte gemeint, der Mayr solle sich wegen so ein paar Holzscheiten nicht so aufmandeln. Da hatte Mayr, der ja schließlich für jeden dieser Scheite geschwitzt hatte, zur Drohung mit einem Holzscheit gewedelt. Und der Nachbar hatte in dem Moment einen Schritt nach vorne gemacht. 

Unfall, Totschlag, Mord – darüber hatten jetzt andere zu befinden. Max und Franz waren zufrieden. Sie waren schon so nahe dran gewesen an Mayr. Bloß das Motiv hatte sich eben geändert. 

Es war saukalt. Mordskalt war es geworden. Ein harter Winter stand bevor, aber Mayr würde weniger Holz brauchen als erwartet. In U-Haft war es nämlich erst mal recht gut geheizt.

Alle Titel von Nicola Förg

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.