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Lachmöwe (Mamma Carlotta 15)Lachmöwe (Mamma Carlotta 15)

Lachmöwe (Mamma Carlotta 15)

Gisa Pauly
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Ein Sylt-Krimi

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Lachmöwe (Mamma Carlotta 15) — Inhalt

15 Jahre Mamma Carlotta – und kein bisschen ruhiger! Die italienischste Bewohnerin Sylts ist wieder im Einsatz.

Nudeln kochen und auf die Nordsee starren? Doch nicht mit Mamma Carlotta! Auch in ihrem 15. Fall stolpert die Kult-Ermittlerin wieder mittenrein in die abgründigen Seiten der Sylt-Idylle.

Bisher 1,8 Millionen Mal gingen die rasanten Bücher um Hobby-Detektivin Mamma Carlotta über den Ladentisch. Mit dem 15. Fall „Lachmöwe“ dürfte Bestseller-Autorin Gisa Pauly mit Leichtigkeit über die nächste Millionenhürde springen. Denn wenn „die italienische Miss Marple von Sylt“ (Brigitte) der Polizei unter die Arme greift, kann selbst der beste Kommissar einpacken!

Dieses Mal wird es besonders turbulent: Tote Pflegerinnen, verdächtige Kindermädchen und rüstige Rentner halten Mamma Carlotta auf Trab. Und ein solch ausgefuchster Mörder ist selbst der Ikone des Sylt-Krimis noch nicht untergekommen. Wie gut, dass nun Rentner Richard an ihrer Seite ist. Denn die Jagd nach dem Täter verlangt dem rüstigen Power-Duo alles ab.

Perfekte Cozy Crime für Ihre Strandlektüre – machen Sie Urlaub mit Mama Carlotta!

Bücher für den Urlaub gibt es viele. Hervorragende Regionalkrimis ebenso. Doch kaum ein anderer Nordsee-Krimi bringt das Lebensgefühl auf Sylt mit so viel Charme und Situationskomik auf den Punkt wie die Mamma Carlotta-Reihe. Lassen Sie die Seele baumeln und schmökern Sie nach Herzenslust – „Lachmöwe“ ist ein pures Vergnügen und ein perfekter Tipp für Ihre Urlaubslektüre.

Der SPIEGEL-Bestseller #1 – ein Grund zum Feiern!

15 Jahre Mamma Carlotta, 15 unglaubliche Fälle, zahllose begeisterte Fans und kein Ende in Sicht! Geht es nach Autorin Gisa Pauly, wird sie die Welt so lange mit humorvollen Regio-Krimis bereichern, bis ihr die Zutaten für den perfekten Nordsee-Roman ausgehen. Das wird sicher nie der Fall sein – denn Mamma Carlotta hat noch viel vor!

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 03.05.2021
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31448-0
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 03.05.2021
480 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99873-4
Download Cover
„Man muss sie einfach mögen, die italienische Miss Marple von Sylt... Und die Dialoge sind oft köstlich - wie die italienischen Menüs, die Mamma Carlotta andauernd kocht.“
Brigitte

Leseprobe zu „Lachmöwe (Mamma Carlotta 15)“

1 – Carlotta Capella war …

Carlotta Capella war mit einem guten Schlaf gesegnet. Nur in Vollmondnächten wurde sie von wirren Träumen heimgesucht, die sie weckten und aus dem Bett trieben. Zu Hause in ihrem umbrischen Dorf ging sie dann, vor allem in Sommernächten, in den Garten, schimpfte leise mit dem Mond, wenn er grell silbern am Himmel stand, horchte auf das Heulen eines Hundes und auf die Schritte der Nachbarin, die ebenso unter dem Vollmond litt wie Mamma Carlotta. Dann zogen sie beide ein Bettjäckchen über ihre Nachthemden, das Carlotta von ihrer [...]

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1 – Carlotta Capella war …

Carlotta Capella war mit einem guten Schlaf gesegnet. Nur in Vollmondnächten wurde sie von wirren Träumen heimgesucht, die sie weckten und aus dem Bett trieben. Zu Hause in ihrem umbrischen Dorf ging sie dann, vor allem in Sommernächten, in den Garten, schimpfte leise mit dem Mond, wenn er grell silbern am Himmel stand, horchte auf das Heulen eines Hundes und auf die Schritte der Nachbarin, die ebenso unter dem Vollmond litt wie Mamma Carlotta. Dann zogen sie beide ein Bettjäckchen über ihre Nachthemden, das Carlotta von ihrer Mutter und die Nachbarin von ihrer Schwiegermutter gehäkelt bekommen hatte, stellten sich an den Zaun und plauderten den Ärger über den Vollmond weg, bis er schließlich blasser wurde und im grauen Tagesanbruch unterging.
Auf Sylt war das anders. Hier war die Nacht auch im Hochsommer kalt, in diesem Fall besonders, weil sich gegen Abend ein Wind erhoben hatte, der die Sommerwärme des Tages vertrieb. Außerdem war auf Sylt nicht zu erwarten, dass sich eine Verbündete fand, der es nichts ausmachte, bei Nacht das Haus zu verlassen und sich mit einer anderen im Nachthemd die Zeit zu vertreiben. Ihr Bettjäckchen hatte Carlotta natürlich nicht mit nach Sylt genommen, sie hätte sich schon eine dicke Strickjacke um den Körper wickeln müssen. Aber allein wäre sie im Garten auf jeden Fall geblieben. Die Sylter harrten im Hause aus, spontane Plaudereien am Gartenzaun waren selbst am helllichten Tag nur selten möglich. Und Mamma Carlotta mochte sich nicht vorstellen, wie ihr Schwiegersohn reagieren würde, wenn ihm später zu Ohren kam, dass seine Schwiegermutter außer Haus im Nachthemd gesichtet worden war.
Also würde sie am Fenster stehen bleiben, in den Garten starren, das Spiel des Windes mit den Bäumen betrachten und hoffen, dass es sie ermüden würde. Vielleicht war es dann möglich, noch einmal in den Schlaf zu finden.
Sie lehnte die Stirn an die kühle Scheibe, als sie leicht zu schwanken begann, merkte, dass ihre Augenlider schwer wurden, und wollte gerade die Gardinen schließen und einen Versuch unternehmen, wieder einzuschlafen, da machte sie im Nachbargarten eine Bewegung aus. Kein Baum, der vom Wind bewegt, kein Busch, der von ihm gerüttelt wurde, nein, eine Person, die sich geduckt davonmachte. Woher war sie gekommen? Aus dem Gemüsegarten der Familie Kemmertöns? Oder aus dem kleinen Holzhaus, das an der Grenze zum Grundstück der Wolfs stand? Das war vor ein paar Jahren erbaut worden und wurde von den Kemmertöns an Feriengäste vermietet. Zurzeit wohnte dort eine Frau, die am Osterweg als Pflegerin eingestellt worden war. Sie war allein aus Polen nach Sylt gekommen, um sich einer demenzkranken Frau anzunehmen, die auf Hilfe angewiesen war. Konnte es sein, dass sie Besuch von einem Mann bekommen hatte? Ein Mann, der offenbar nicht gesehen werden wollte?
Mamma Carlotta war schlagartig hellwach, in ihrem Kopf kreisten die Ideen. Ein verheirateter Mann, der mit der Polin ein Verhältnis begonnen hatte? Ein Mann, der aus anderen Gründen nicht offen bekennen wollte, dass er die Nacht mit ihr verbrachte? War die Frau, die dort wohnte, womöglich doch verheiratet und hatte in ihrer Heimat eine Familie, für die sie in Deutschland arbeitete? An Schlaf war nicht mehr zu denken. Hatte es sich überhaupt um einen Mann gehandelt? Nein, es hätte auch eine Frau gewesen sein können. Carlotta hatte nur eine Gestalt gesehen, die dunkel gekleidet war und sich geduckt bewegt hatte. So wie jemand, der nicht gesehen werden wollte. Vielleicht ein Dieb? Jemand, der der armen Frau, die fern von der Heimat dafür sorgte, dass ihre Familie genug zu essen hatte, das wenige, das sie besaß, gestohlen hatte? Mamma Carlotta war alarmiert. Sie würde ihren Schwiegersohn beim Frühstücken fragen. Oder … besser nicht. Wenn jemand in das Ferienhaus eingebrochen war, dann gab es bald eine Anzeige, und Erik würde dafür sorgen, dass der Dieb gestellt, überführt und verurteilt wurde. Dann war es früh genug, ihm von ihrer Beobachtung zu erzählen. Vorher würde er das, was sie ihm sagte, ja doch nur mit einer wegwerfenden Geste abtun, die sie mittlerweile gut genug kannte. Wenn seine Schwiegermutter sich in seine Arbeit einmischen wollte, konnte Kriminalhauptkommissar Erik Wolf sehr ungemütlich werden.
Mamma Carlottas Lider begannen zu flattern, ihr Kopf wurde schwer, der Schlaf kam zurück. Mit schleppenden Schritten ging sie zum Bett und ließ sich auf die Matratze sinken. Gott sei Dank, sie würde noch eine Mütze Schlaf abbekommen! Dieser Gedanke war ihr letzter, ehe sie tatsächlich einschlief.


2 – Erik erschrak, als der …

Erik erschrak, als der linke Blinker den Takt zu schlagen begann. „Ich Idiot!“
Da hatte er doch tatsächlich den Weg genommen, der ihm in all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war, die Richtung, die er blindlings einschlug, wenn er in Gedanken war. Und das war er an diesem Morgen! Die Staatsanwältin hatte angerufen. Tilla! So musste er sie jetzt nennen. Ungern, aber was blieb ihm anderes übrig? Von Anfang an hatte er sie nicht ausstehen, ihre ruppige, unfreundliche Art nicht leiden können. Wenn sie ihn anrief, brachte sie nicht einmal die Höflichkeit auf, ihn zu begrüßen oder sich gar nach seinem Befinden zu erkundigen. Nein, sie fiel immer gleich mit ihrem Anliegen ins Haus und zeigte ihm dann mit der Verächtlichkeit, die sie beherrschte wie keine Zweite, mit diesem Naserümpfen, das er vor sich sah, obwohl sie in Flensburg an ihrem Schreibtisch saß, was sie von ihm hielt. Nichts nämlich! Er war zu träge, zu trödelig, zu leidenschaftslos und zu umständlich. Alles andere als ein gewiefter Kriminalbeamter, der auf Zack war. Erst recht kein attraktiver Mann, keiner, der sich gut und modisch kleidete, der mehr für sein Äußeres tat, als regelmäßig zum Friseur zu gehen und seinen Schnauzer zu pflegen. Schon seit Jahren war er für sie wegen seiner Mittelmäßigkeit ein rotes Tuch. Bis vor einigen Monaten war das so gewesen. Dann allerdings hatte sich etwas geändert. Noch immer konnte er nicht sagen, was eigentlich passiert war. Oder vielmehr … er wollte es nicht.
Er fuhr auf den Parkplatz, der voller Baufahrzeuge stand, auch ein Kran war dort aufgestellt worden. Das Polizeirevier Westerland, das seit Jahren in dem alten Gebäude am Kirchenweg untergebracht war, musste unbedingt renoviert werden. Aber schnell hatte sich herausgestellt, dass es nicht damit getan sein würde, den Anstrich der Räume und die Fußböden zu erneuern. Es waren eklatante Schäden an dem alten Gemäuer festgestellt worden, die umfangreiche Umbaumaßnahmen erforderlich machten. Und das würde lange dauern. So war die gesamte Polizei in ein paar hässliche Container umgesiedelt worden, die neben dem Telekom-Gebäude errichtet worden waren. Die Kriminalpolizei hatte Glück gehabt, ihr waren ein paar Büroräume in der oberen Etage des Telekom-Gebäudes überlassen worden. Und Erik, mit der Stimme der Staatsanwältin im Ohr und ihren Worten in den Gedanken, war daran vorbeigefahren, die Kjeirstraße bis zu ihrem Ende, und dann in den Kirchenweg eingebogen. Erst als er die Lieferwagen der Baufirma am Straßenrand gesehen hatte, war ihm schlagartig klar geworden, dass er den Weg zur Arbeit gefahren war, der ihm seit Jahren vertraut war. Tilla würde mit Spott nicht sparen, wenn sie davon erführe.
Tilla! Was für ein exaltierter Name! Aber er passte zu ihr. Ende des vorigen Jahres war es passiert. Sie hatten an einer Hotelbar mehrere Cocktails getrunken, und Erik war der Fehler unterlaufen, die Staatsanwältin zu küssen. Unter Alkoholeinfluss, wohlgemerkt! So was zählte doch nicht. Noch heute bereute er es bitter und konnte sich überhaupt nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Wenn sie wenigstens darüber hinweggegangen wäre und diese dumme Angelegenheit so schnell wie möglich vergessen hätte. Aber nein! Sie duzte ihn seitdem und machte keinen Hehl daraus, dass sich zwischen ihr und dem Kriminalhauptkommissar von Sylt im zwischenmenschlichen Bereich etwas verändert hatte.
Während Erik auf dem Parkplatz wendete, um wieder in den Kirchenweg einzubiegen und zum Telekom-Gebäude zurückzufahren, brummte er ungehalten vor sich hin. Alle Streifenpolizisten von Sylt tuschelten vermutlich darüber, dass Erik Wolf und Dr. Tilla Speck etwas miteinander hatten. Erik mochte sich gar nicht vorstellen, welche Blüten Klatsch und Tratsch mittlerweile trieben.
Langsam fuhr er die Kjeirstraße zurück und bog auf den Parkplatz neben den Containern ein. Dort war für ihn ein Platz reserviert, an dem sein Name stand. Sein Mitarbeiter Sören Kretschmer stand neben seinem Rennrad, das er sorgfältig am Fahrradständer angekettet hatte, und wartete auf ihn.
„Warum hat das so lange gedauert, Chef?“
Erik antwortete nicht, sondern ging an ihm vorbei in den Container, an dem ein großes Schild mit der Aufschrift Polizeirevier Sylt – Wache prangte. Er trat durch die Tür, die den Hinweis trug: Bitte hier klingeln/anmelden, allerdings ohne zu klingeln, und erst recht, ohne sich anzumelden. Polizeimeister Enno Mierendorf und Obermeister Rudi Engdahl beschäftigten sich dort in aller Seelenruhe mit ein paar Handtaschen- und diversen Ladendiebstählen. Zurzeit ereignete sich nicht viel auf Sylt, obwohl die Saison schon begonnen hatte. Die Touristen aus Nordrhein-Westfalen hatten die Insel als Erste gestürmt, viele Feriengäste aus anderen Bundesländern würden an diesem Wochenende folgen. Erik ließ sich auf den neuesten Stand der träge laufenden Ermittlungen bringen, dann verließ er den Container wieder und ging zum Eingang des Telekom-Gebäudes, in dem Sören bereits verschwunden war. Wenn Tilla gesehen hätte, mit welcher Gemütlichkeit im Revierzimmer gearbeitet wurde! Sie wäre hellauf entsetzt gewesen.
Erik musste lange auf den Aufzug warten, Sören war natürlich zu Fuß in die dritte Etage hochgestiegen, er nutzte ja jede Gelegenheit zur körperlichen Ertüchtigung. Seit sie ihr Büro im Telekom-Gebäude hatten, ermahnte Sören seinen Chef häufig, etwas für seine Fitness zu tun. „Jeden Tag ein paarmal hier hoch und wieder runter, das bringt schon was!“
Doch Erik fand jedes Mal einen neuen Grund, warum es ihm gerade an diesem Tag nicht möglich war. Mal wollte er nicht in Schweiß geraten und sein frisches Hemd ruinieren, mal wollte er nicht mit Atemnot oben ankommen, wo jemand auf ihn wartete, dem er sich fit und ausgeruht präsentieren wollte, und dann wieder hatte er einfach keine Lust. So wie an diesem Tag. Es fiel ihm wesentlich leichter, lange auf den Aufzug zu warten, als die Treppen hochzusteigen. Er besaß eben mehr Geduld als Bewegungsdrang. Außerdem konnte er hier, vor der Lifttür, die sich nicht öffnete, in Ruhe in sich gehen.
Insgesamt dachte er viel mehr über Dr. Tilla Speck nach, als ihm recht war und als irgendjemand ahnte. Seine Schwiegermutter versuchte ja oft, seine Ideen anzustoßen und in Tillas Richtung zu schieben. Wenn sie dann verzweifelte, weil er nicht reagierte, hatte sie keine Ahnung, dass er längst in Gedanken bei der Staatsanwältin war. Ihr letzter Fall hatte sie noch näher zueinandergeführt. Wieder hatte er sie geküsst. Und diesmal konnte er sich nicht darauf berufen, dass Alkoholeinfluss seine Sinne vernebelt hatte. Nun fielen ihm auch wieder ihre Worte ein. Es war am Strand gewesen, bei Dunkelheit, in einem Strandkorb, in dem sie sich verstecken konnten. Sie hatte ihm gestanden, dass sie nicht wegen der Ermittlungen nach Sylt gekommen war, sondern seinetwegen. Und er hatte nichts darauf erwidert, hatte die Worte zwischen ihnen stehen und dann davonfliegen lassen, war später nicht darauf zurückgekommen und hatte sich in letzter Zeit oft gefragt, was seine Verschlossenheit wohl bei ihr anrichtete. Welche Frau hielt es aus, den Blick auf ihre Gefühle freizugeben und keine Erwiderung zu erhalten? Als er sich diese Frage zum ersten Mal gestellt hatte, war ihm klar geworden, wie schäbig er sich benommen hatte. Notgedrungen hatte er sie angerufen und war sich noch erbärmlicher vorgekommen, als sie sich darüber freute.
Endlich öffnete sich die Tür des Aufzugs, zwei Telekom-Angestellte schoben einen Stuhl und mehrere Pakete heraus und warfen ihm eine Erklärung zu, warum es so lange gedauert hatte. Er hörte gar nicht zu, winkte ab, als hätte er alle Zeit der Welt, und stieg in den Aufzug. Heute Morgen hatte Tilla ihn angerufen, weil sie nach Sylt kommen wollte. Frühere Nachbarn aus Flensburg hatten endlich ein Haus auf Sylt gefunden, in Eriks Nähe, und die Staatsanwältin eingeladen, sie bald zu besuchen.
„Stell dir vor, sie wohnen auch am Süder Wung. Da könnte ich doch mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich werde die Gerckes besuchen, mir ihr neues Haus ansehen, mich zu Carlotta in die Küche setzen, ihr beim Kochen zusehen und abends etwas mit dir unternehmen. Wie wär’s mit der Bar vom Hotel Windrose?“ Sie hatte leise gelacht. „Wir haben immer noch nicht unser Versprechen eingelöst. Der Barkeeper wartet noch darauf, uns alle Cocktails zu mixen, die er im Repertoire hat.“
Und er? Er hatte zugesagt und behauptet, er freue sich über ihren Besuch. Zum Glück hatte sie gleich ergänzt, sie habe wieder ein Hotelzimmer gebucht. Allerdings nicht im Hotel Windrose, dort war nichts mehr frei gewesen, sondern im Horizont, in dem seine Tochter ihre Ausbildung machte. Aber egal! Hauptsache Hotelzimmer! Erik lebte nach wie vor in der Angst, seine Schwiegermutter könne der Staatsanwältin das Gästezimmer anbieten. Tja, und nun freute er sich tatsächlich. Auch deswegen, weil sie das Gespräch begonnen hatte, indem sie ihren Namen nannte und Erik begrüßte. Dass sie ihn duzte, hatte auch den Vorteil, dass sie nicht mehr seinen Nachnamen auf ihn abschoss, so wie früher, sondern ihn beim Vornamen nannte, der viel weicher und freundlicher über ihre Lippen kam. Und am Ende des Gesprächs hatte sie noch liebenswürdige Worte gefunden, ehe sie den Hörer auflegte. Es hatte also tatsächlich etwas gefruchtet, dass er sich ein Herz gefasst und ihr erklärt hatte, wie sehr ihn ihre Unhöflichkeit aufbrachte.
Sein Mitarbeiter Sören Kretschmer, frischgebackener Oberkommissar, hatte schon seine Akten aus dem Schrank genommen und grinste ihn an. „Haben Sie wieder den Aufzug genommen?“
Er war ein sportlicher junger Mann von Ende zwanzig, der auf ein Auto verzichtete und jeden Weg mit seinem Rennrad zurücklegte. Demzufolge war er schlank und muskulös, nur sein Gesicht war kugelrund. Heimlich verglich Erik ihn manchmal mit einem gesunden Landarbeiter, der den ganzen Tag an der frischen Luft verbrachte und sich von der Sonne bescheinen ließ. Sörens Gesicht sah immer aus wie ein rotbackiger Apfel.
Um das Thema seiner Unsportlichkeit nicht weiter zu vertiefen, sagte Erik: „Die Staatsanwältin wird heute kommen.“ Es hatte ja keinen Sinn, den Besuch zu verschweigen. Sören nahm, wenn Mamma Carlotta auf Sylt war, jede Mahlzeit im Hause Wolf ein. Er würde der Staatsanwältin also begegnen, das war nicht zu vermeiden.
Sören ließ seinen Blick über die Akten schweifen. „Wir haben kein Kapitalverbrechen zurzeit.“
„Ihr Besuch ist mehr privater Natur.“
Über Sörens Gesicht ging ein Grinsen, das Erik überhaupt nicht gefiel. Schnell ergänzte er: „Am Ende der Straße ist eine neue Familie eingezogen. Frühere Nachbarn von der Staatsanwältin aus Flensburg. Die haben sie eingeladen, ihr neues Haus zu besichtigen. Und dann wird sie eben auch einen Besuch bei uns machen. Ist ja klar.“


3 – Mamma Carlotta war …

Mamma Carlotta war alles andere als ausgeschlafen. Wie immer nach einer Vollmondnacht. Diesmal half nicht einmal ein doppelter Espresso, es musste ein zweiter her. Stöhnend ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und betrachtete den Frühstückstisch, die Teller, von denen das Rührei gekratzt worden war, die Marmeladenflecken und Krümel auf der Tischdecke, die Butter, die zu glänzen begann. Ihr selbst hätte es den Magen umgedreht, wenn man sie zu einem derart opulenten Frühstück nötigte. Ein guter Espresso oder zwei, dazu ein Zwieback, das reichte ihr vollkommen. Die Gewohnheit der Deutschen, sich schon am frühen Morgen den Bauch vollzuschlagen, würde sie nie übernehmen. Anders als Lucia. Ihre Tochter hatte noch gar nicht lange auf Sylt gelebt, da schwärmte sie schon von Rührei und Schinken und sogar von Lachs und Leberwurst zum Frühstück. Und sie bestand darauf, dass ihre Kinder erst zur Schule aufbrachen, wenn sie nicht nur mit Liebe und Geborgenheit, sondern auch mit vielen Sattmachern und Vitaminen gefüttert worden waren.
„La mia piccola!“
Die Gedanken an Lucia waren noch immer schwer zu ertragen. Die Frage, warum der Fahrer des Lkw ausgerechnet in dem Augenblick das Steuer verrissen hatte, als Lucia ihm entgegenkam, war noch immer so quälend wie vorher. Sie würde keine Antwort bekommen, Lucias plötzlicher Tod hatte eine Wunde aufgerissen, die nie verheilen würde. Aber doch vernarbte sie allmählich und tat nicht mehr ganz so weh.
Kükeltje, die kleine schwarze Katze der Familie Wolf, schien zu spüren, dass die Herrin von Küche und Kühlschrank schweren Gedanken nachhing. Schnurrend ging sie Carlotta um die Beine und sprang schließlich auf ihren Schoß. Aus dem Warmen, Weichen wurde tatsächlich ein Trost. Mamma Carlotta drückte die Katze an sich und merkte, dass die Gedanken an Lucia erträglicher wurden.
Als es an der Haustür läutete, hätte Mamma Carlotta es beinahe nicht bemerkt. Erik hatte – nachdem sein Sohn Felix lange genug gedrängt hatte – eine neue Klingel angeschafft, die bei jeder Benutzung eine Melodie produzierte. Carlotta überlegte gerade, wer das Radio angestellt haben mochte, als ihr klar wurde, dass Beethovens Unvollendete von jemandem ausgelöst worden war, der vor der Haustür stand.
Es war die Nachbarin, die gleich noch einmal den Daumen auf die Klingel drückte, weil sie auf Im weißen Rössl am Wolfgangsee hoffte. Frau Kemmertöns war dann aber auch mit dem Radetzkymarsch hochzufrieden und ließ sich ins Haus ziehen, ohne darauf zu bestehen, das gesamte Repertoire der Melodieklingel auszuprobieren.
Mamma Carlotta war überrascht über den frühen Besuch. Frau Kemmertöns arbeitete halbtags am Infostand des Kurhauses. Wenn sie morgens Dienst hatte, war zwischen Frühstück und Arbeitsbeginn keine Zeit, einen Besuch zu machen, wenn sie erst nachmittags antreten musste, ließ sie sich Zeit mit dem Start in den Tag und fand deswegen genauso wenig Zeit für einen Besuch. Das war heute anders, und Mamma Carlotta wurde schnell klar, woran es lag: In Frau Kemmertöns schlummerte eine Neuigkeit, die rausmusste.
Besonders gesprächig war die Nachbarin nicht. Sie hielt es so wie Erik und die meisten anderen Friesen: Was gesagt werden musste, wurde gesagt, aber darüber hinaus hielt man den Mund. Auch deswegen, weil das ganze Gerede schrecklich anstrengend war. Und Anstrengungen, die sich vermeiden ließen, wich Frau Kemmertöns gern aus. Sie war in Carlottas Alter, Anfang sechzig, von ähnlicher Statur, was bedeutete, dass sie überall gut gepolstert war, und trug auch ähnliche Kleidung wie Mamma Carlotta. In diesem Fall einen geblümten Sommerrock und eine weiße Bluse mit einem tiefen Ausschnitt. Carlotta warf einen Blick auf die gerötete, schweißglänzende Haut ihres Dekolletés und war nun überzeugt, dass Frau Kemmertöns einem Skandal auf die Spur gekommen war. Vielleicht würde gleich ihre Brust zu vibrieren beginnen, eine Fähigkeit, die Carlotta bisher bei keiner anderen Frau beobachtet hatte und die sie immer wieder zum Staunen brachte. Wenn die Nachbarin echauffiert war, geriet ihre Brust in atemberaubende Schwingungen. Genau genommen das einzig Dynamische an Frau Kemmertöns’ Körper.
„Stellen Sie sich vor …“, begann sie.
Eine sehr verheißungsvolle Einführung, für die Mamma Carlotta behände die richtige Atmosphäre schaffte. Sie drückte Frau Kemmertöns auf einen Stuhl, bediente die Espressomaschine, huschte in den Vorrat und holte eine Packung Cantuccini, stellte mit großem Geklirr das Frühstücksgeschirr auf die Spüle und schob die Krümel mit ihrer rechten Handkante in die linke Handfläche. Das alles, während Frau Kemmertöns nicht weiter als bis „… was ich heute Nacht gesehen habe …“ gekommen war. Verblüfft starrte sie auf die Gebäckschale, als wüsste sie nicht, wie sie vor ihr erschienen war. Das Tempo der Schwiegermutter von Kriminalhauptkommissar Wolf war ihr oft unheimlich, und sie hatte sich sogar schon einmal bewogen gefühlt, ein ernstes Gespräch mit ihr zu führen, weil sie fürchtete, dass die Geschwindigkeit, mit der Carlotta durch den Alltag rauschte, gesundheitsschädlich war. Sie hatte sich noch nicht einmal in die richtige Sitzposition geschaukelt, da dampfte schon der Espresso vor ihr.
„Ich kann nämlich bei Vollmond nicht schlafen.“
Was Frau Kemmertöns gesehen hatte, war zu deren Bedauern für Mamma Carlotta nicht ganz so aufregend, wie sie gehofft hatte. Sie erfuhr umgehend, dass sie nicht die Einzige war, die des Nachts eine skandalöse Beobachtung gemacht hatte.
„Natürlich nicht zum ersten Mal“, fuhr Frau Kemmertöns fort.
Das allerdings war Carlotta neu. „Sie bekommt öfter Herrenbesuch di notte? Mitten in der Nacht?“
Jetzt war sie davon überzeugt, dass die Gestalt, die sie gesehen hatte, männlich gewesen war, so wie natürlich auch deren Anliegen typisch männlich gewesen sein musste.
„Die hat ein Verhältnis“, stellte Frau Kemmertöns fest, mit einer Stimme, die so gespenstisch klang, als könnte auch von Exorzismus oder mehrköpfigen Höllenhunden die Rede sein. „Vermutlich mit einem verheirateten Mann. Einen Grund muss es ja haben, dass er sich nur bei Dunkelheit zu ihr schleicht. Und immer unter einem schwarzen Umhang mit Kapuze.“
„Madonna!“
Im Nu kam jeder männliche Anwohner vom Süder Wung in Verdacht, wurde aber gleich wieder verworfen. Nein, in der Nachbarschaft wohnten nur achtbare Ehepaare, zudem noch viele in einem Alter, das amouröse Abenteuer von vornherein ausschloss. Obwohl … Frau Kemmertöns fand den Einwand, dass ein höheres Alter eine Ehefrau in Sicherheit wog, nicht ganz stichhaltig. Aber als Carlotta einen Hinweis auf Herrn Kemmertöns gab, stimmte sie zu. Die Vorstellung, dass ihr Jupp sich auf eine derartige Anstrengung einließ, erschien ihr nun auch absurd.
„Es muss also jemand sein, der nicht in der Nähe wohnt. Vielleicht in Westerland? Oder ein Feriengast?“
Sie beratschlagten ausgiebig, obwohl sie wussten, dass ihnen keine Erleuchtung kommen würde, und hatten eigentlich auch gar nicht die Absicht, eine Lösung für diese Denksportaufgabe zu finden. Das Erörtern der vielen Möglichkeiten, das Rätseln, das Grübeln und Beratschlagen machte ihnen Freude genug. Am Ende waren sämtliche Einwohner von Wenningstedt einmal kurz ins grelle Licht des Verdachts geraten, aber genauso schnell wieder in den Schatten der Unbescholtenheit gestoßen worden. Etwas länger blieb ein neu Hinzugezogener im Zentrum des Misstrauens stehen, aber auch er landete schließlich auf der Seite der Unschuldigen.
„Obwohl …“ Frau Kemmertöns fand einen Künstler generell verdächtig. „Er ist Sänger, hat überall in Deutschland Auftritte, geht manchmal auf Tournee … Wie soll seine Frau da den Überblick über seine Freizeit behalten?“
Diese Frau war Felix’ neue Lehrerin, Hedda Gercke, die selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben war, weil Lehrer das nach Carlottas Meinung ganz automatisch waren. Sie bestand darauf, dass ein Lehrer immer recht hatte, moralisch integer war und stets als gutes Vorbild herhalten konnte. Sie war davon überzeugt, dass ein Pädagoge mit Abschluss seines Studiums auch seine Ausbildung zum Moralapostel vollendete. So war das zu ihrer Zeit gewesen, und sie wollte einfach, dass sich daran nichts änderte, obwohl ihre Enkelkinder ihr schon mit einigen Gegenbeispielen gekommen waren. Auch Frau Kemmertöns hatte schon davon gehört, dass die Lehrer von heute nicht mehr das waren, was sie in ihrer Kindheit gewesen waren, aber schließlich fand auch sie, dass man zu wenig von den Gerckes wisse, um über sie urteilen zu können. „Und es soll ja auch Künstler geben, die ein ganz normales, solides Leben führen.“ Bei diesem Satz verblasste die Röte auf ihrem Dekolleté, und das Vibrieren hatte ein Ende. Von da an kehrten sie genüsslich nach draußen, was sie von der Familie wussten, die vor ein paar Wochen ein Haus am Ende der Straße bezogen hatte. Beide Anfang vierzig, wusste Frau Kemmertöns zu berichten, und mit drei Kindern gesegnet.
Dazu konnte Mamma Carlotta etwas sagen, die sich schon einmal über die Tochter der Familie Gercke gewundert hatte. „Die trägt einen Hahnenkamm auf dem Kopf. Rot gefärbt. Und mindestens ein Dutzend Ringe in jedem Ohrläppchen. Sogar die Oberlippe hat sie durchstochen.“ Sie schüttelte sich. „Und sie ist von oben bis unten tätowiert.“
Ob diese Tatsache für ausgeprägte pädagogische Fähigkeiten der Mutter sprach, war ein Gesprächsthema, das einen weiteren Espresso überdauerte, dann kam die Nachbarin mit einem Spruch, den Mamma Carlotta noch nicht kannte. „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie.“
Diese Aussage bot noch einmal eine Menge Gesprächsstoff. Aus dem Morgen wurde schon ein sonniger Vormittag, als ein lauter Schrei durch das Küchenfenster hereindrang, das Carlotta gekippt hatte, als Klatsch und Tratsch die Atmosphäre in der Küche aufgeheizt hatten. Eine männliche Stimme!
„War das etwa mein Jupp?“ Frau Kemmertöns horchte angestrengt. Scheinbar konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihr Mann, der noch übergewichtiger und phlegmatischer war als sie selbst, zu einer solchen Gefühlsaufwallung fähig war.
Dann ein weiterer Schrei. Lauter und verzweifelter. Ein Schrei, der durch Schluchzen zerrissen wurde. Von einer hellen Stimme, auch männlich, aber jünger.
„Was ist da los?“ Mamma Carlotta ging ans Küchenfenster und schob ihr Ohr an die Öffnung. „Sì, Signora, das kommt wirklich aus Ihrem Giardino.“


4 – Sören bekam das …

Sören bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. „Weiß Ihre Schwiegermutter schon, dass heute hoher Besuch erwartet wird?“ Er rieb sich die Hände. „Das wird ein Festmahl.“
Erik starrte auf eine Aktennotiz, als wäre sie überaus wichtig für die nächsten dienstlichen Schritte, die er zu tun gedachte. „Sie wird es erst eine Stunde vorher erfahren. Wenn keine Zeit mehr ist, die Menüfolge zu ändern und das Beste vom Besten auf den Tisch zu bringen. Wenn die Staatsanwältin sich selbst zum Essen einlädt, dann muss sie mit dem vorliebnehmen, was sie bekommt. Basta.“
Aber Sören winkte ab. „Alles, was die Signora kocht, ist lecker. Die Staatsanwältin wird hingerissen sein. So wie immer.“
Das befürchtete Erik auch. Wenn er an das Gejubel in seiner Küche dachte, wäre ihm glatt daran gelegen, von einem Mord gehindert zu werden, rechtzeitig Feierabend zu machen.
Sörens Gesicht wurde mit einem Mal ernst. Er setzte sich auf die Schreibtischkante seines Chefs, als wollte er ein Gespräch mit ihm führen, das Nähe brauchte. „Sie müssen mir nichts mehr vormachen, Chef. Ich weiß doch, wie die Sache aussieht. Also können Sie es ruhig zugeben. Ich mochte die Staatsanwältin ja genauso wenig wie Sie, aber seit sie ihre weiche Seite zeigt, habe ich meine Meinung geändert. In Wirklichkeit ist sie viel netter, als ich vorher gedacht habe. Und Sie können ruhig zugeben, dass Sie Ihre Meinung ebenfalls geändert haben. Dass die Dame ziemlich attraktiv ist, wussten wir doch schon vorher. Nun ist sie auch noch ganz umgänglich geworden. Was wollen Sie mehr? Sie sollten sich endlich zu Ihren Gefühlen bekennen.“
„Gefühle?“ Erik starrte seinen Mitarbeiter an, als hätte dieser etwas Unanständiges von sich gegeben. „Sie glauben doch nicht etwa …“
„Doch, das glaube ich.“ Sören erhob sich von der Schreibtischkante und ging zur Tür. „Mal ganz ehrlich, Chef! Jede andere Frau hätte Ihnen schon den Marsch geblasen. Ein Kuss, ein romantischer Abend am Strand, noch ein Kuss … und dann Sendepause! Wirklich erstaunlich, dass die Staatsanwältin sich so was bieten lässt. Oder haben Sie zwischendurch mal ihre Nummer gewählt? Nur um zu wissen, wie es ihr geht?“ Er wartete Eriks Antwort nicht ab. „Nein, haben Sie nicht.“
„Doch! Einmal habe ich sie angerufen.“
„Um ihr frohe Weihnachten zu wünschen? Na toll! Die Frauen, die ich kenne, wären sauer. Stocksauer! Die würden Sie mit dem A… mit dem Allerwertesten nicht mehr angucken. Aber was macht die Staatsanwältin? Ausgerechnet sie, die wir für so kaltschnäuzig gehalten haben, ruft an, weil sie auf Sylt ist, und will Sie besuchen. Schon mal darüber nachgedacht, warum?“
Erik saß mit offenem Mund da und blieb auch so sitzen, als Sören sein Büro bereits verlassen hatte. Als sein Telefon zu klingeln begann, dauerte es eine Weile, bis er sich in der Lage sah, zum Hörer zu greifen.
Dann allerdings ging ein Ruck durch seinen Körper. „Was? Am Süder Wung?“ Er ließ sich die Hausnummer noch einmal sagen und stöhnte auf. „Das sind meine Nachbarn.“ Er stand schon auf und griff nach seiner Jacke, als er das Telefonat noch nicht einmal beendet hatte. „Bin sofort da.“
Nur kurz dachte er an den frommen Wunsch, der ihm noch vor wenigen Minuten durch den Kopf gegangen war. Nun hatte er sich erfüllt. Er hatte einen Mord am Hals.


5 – Mamma Carlotta war …

Mamma Carlotta war nicht mehr zu halten. Sie sprang auf, lief ins Wohnzimmer und von dort auf die Terrasse, Kükeltje auf den Fersen, die scheinbar glaubte, dass am Ende dieses Parcours ein Töpfchen mit Sahne wartete. Wieder waren Stimmen zu hören, diesmal aber leiser, doch noch immer erregt. Irgendetwas geschah auf der anderen Seite des Gartenzauns.
Sie eilte zurück und wäre in der Diele beinahe mit Frau Kemmertöns zusammengestoßen, die es noch nicht weiter als bis dorthin geschafft hatte. Carlotta griff nach ihren Oberarmen und drehte sie Richtung Haustür. „Wir gehen vorne rum.“
Frau Kemmertöns ließ sich widerstandslos aus dem Haus schieben und akzeptierte, dass die Schwiegermutter von Kriminalhauptkommissar Wolf viel eher an ihrem Gartentor ankam als sie selbst.
Herr Kemmertöns stand vor der Treppe, die zu seinem Haus hinaufführte, und versuchte, sich die Haare zu raufen, was nicht möglich war, da sein Haupthaar ihn schon vor Jahren verlassen hatte. Nervös fuhr er sich über die Glatze und sagte immer wieder: „Klei mi ann Mors.“
Damit richtete er sich wohl an den Mann, der auf der unteren Treppenstufe saß, den Kopf auf die Brust gelegt, die Hände vors Gesicht geschlagen.
Carlotta schätzte ihn auf Anfang sechzig. Seine Figur war schlank und drahtig, sie hätte einem jungen Mann gehören können, aber seine Hände waren die eines Älteren. Er hatte glattes, dunkles Haar, das sich an den Schläfen bereits lichtete, aber nur wenige graue Strähnen aufwies. Seine Jeans waren nach der neuesten Mode, mit abgeschabten Knien und ein paar durchlöcherten Stellen, wie sie bei jungen Leuten zu sehen waren. Mamma Carlotta hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass ihr Enkel sie, wenn er seine Jeans anzog, an den Landstreicher in ihrem Dorf erinnerte, der sich freute, wenn eine der Frauen sich bereit erklärte, seine Hose zu flicken. Aber mittlerweile hatte sie gelernt, dass jemand, der solche Jeans trug, mit der Mode ging. Auch das bunte Hemd des Mannes wirkte sehr modisch, die Slipper, die er an den nackten Füßen trug, ebenfalls. Sie hatten sogar den gleichen Farbton wie das Hemd. Ein Mann, der auf sein Äußeres achtete.
„Klei mi ann Mors!“ Herr Kemmertöns schien weder Mamma Carlotta noch seine Frau wahrzunehmen.
Frau Kemmertöns machte einen energischen Schritt nach vorne. „Was ist los, Jupp?“
Er wies zur Tür des Holzhauses, die offen stand. „Da! Sie ist tot!“
Carlotta war in zwei, drei Schritten an der Tür und setzte vorsichtig einen Fuß in das Ferienhaus. Es hatte keinen Vorraum, sie stand gleich in einem kleinen Wohnzimmer. Am anderen Ende gab es eine Tür, die in eine winzige Schlafkammer führte.
Josef Kemmertöns erschien hinter ihr. „Gehen Sie da nicht rein, Signora.“
Sie wollte nach dem Grund fragen, unterließ es aber. Die Antwort lag auf der Hand. „Wir müssen meinen Schwiegersohn anrufen.“
„Schon erledigt. Ich habe gleich den Notruf gewählt.“
„Und Sie sind ganz sicher …?“
„Tausendprozentig! Die Frau kann nicht mehr leben. Alles voller Blut.“
Wieder fuhr er sich mit beiden Händen über den Schädel, ging zur Eingangstür und blieb dort stehen, als wollte er kontrollieren, dass Carlotta das Haus verließ. Sie tat es notgedrungen, obwohl die geöffnete Schlafzimmertür einen unwiderstehlichen Reiz auf sie ausübte. Die Neugier zog sie dorthin, aber die Angst vor dem, was sie zu sehen bekommen würde, hielt sie zurück. Und dann kam noch die Befürchtung hinzu, dass es dort Spuren geben könnte, die nicht zerstört werden durften. Als diese Sorge sich in ihr breitmachte, folgte sie Herrn Kemmertöns bereitwillig nach draußen. Ein schrecklicher Gedanke, dass der Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle Spuren in der Nähe einer Toten fand, die – nach langer und mühevoller Ermittlungsarbeit – der Schwiegermutter des Kriminalhauptkommissars zugeordnet wurden. Diese Angst war schließlich stärker als ihre Neugier.
Außerdem gab es vor dem Holzhaus noch etwas zu tun. Der Mann, der noch immer auf der unteren Treppenstufe saß und nach wie vor nicht aufblickte, brauchte Trost, Zuwendung, ein offenes Ohr, um sich auszusprechen. Scheinbar hatte er die Leiche entdeckt und war ganz starr vor Entsetzen. Carlotta hockte sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Rücken. Er zuckte unter ihrer Berührung zusammen und sah auf. Seine Augen waren trocken, scheinbar war er zu aufgewühlt zum Weinen. Er starrte sie an, als hätte sie etwas gesagt, was ihn bis ins Mark erschüttert hatte. In Wirklichkeit schwieg sie, weil auch Carlotta Capella wusste, dass es Gelegenheiten gab, in denen mehr zu erreichen war, wenn kein Wort fiel. Was sollte man auch einem Mann sagen, der gerade den Tod gesehen hatte, dem vor Augen geführt worden war, wozu Menschen fähig waren?
„Wer sind Sie?“, fragte er mit einer Stimme, die sich anhörte, als sei ihm ihr Name völlig egal.
In diesem Augenblick erkannte sie ihn. Der Besitzer der Wäscherei Janssen, zu dem sie kürzlich die Wohnzimmergardinen gebracht hatte, die von Eriks Pfeifentabak ganz gelb geworden waren. Er war so freundlich gewesen, sie am nächsten Tag mit seinem Lieferwagen zurückzubringen und gleich wieder aufzuhängen, ohne dafür eine Gebühr zu verlangen. Damit hatte er sich Carlottas Sympathie erworben.
„Sono Carlotta Capella“, antwortete sie mit sanfter Stimme und zeigte zum Nachbarhaus. „Ich komme aus Italien, bin bei meinem Schwiegersohn und den Enkeln zu Besuch.“
Entweder war ihm ihre Antwort gleichgültig, oder er hatte sie nicht verstanden, was ihm ebenso gleichgültig war.
„Herr Janssen …“ Sie stockte, weil ihr einfiel, dass er einen anderen Namen trug als den, der über der Tür der Wäscherei stand.
„Er heißt Keno Verbeck“, korrigierte Josef Kemmertöns. „Seine Frau ist eine geborene Janssen.“
„Ah, sì.“ Jetzt fiel es ihr wieder ein. Keno Verbeck hatte eingeheiratet und führte die Wäscherei mit seiner Frau gemeinsam, so hatte sie bei einer kleinen Plauderei herausgefunden. Seine Frau ließ sich allerdings nur selten im Laden blicken. Selten? Nein, eigentlich nie. Vermutlich hatte sie mit Haus, Garten und Kindern genug zu tun.
Autos fuhren vor, Motoren erstarben, Türen schlugen, eilige Schritte kamen aufs Gartentor zu. Die Mordkommission war im Anmarsch.
„Klei mi ann Mors“, sagte Herr Kemmertöns schon wieder.
Carlotta wandte sich an seine Frau. „Was heißt das?“
„Kratz mich am Hintern“, antwortete Frau Kemmertöns stoisch und schien nicht bereit, Mamma Carlotta zu erklären, weshalb der Todesfall in ihrem Ferienhaus jemanden dazu bringen sollte, sich der blank gescheuerten Hose ihres Mannes zu nähern.

Gisa Pauly

Über Gisa Pauly

Biografie

Gisa Pauly hängte nach zwanzig Jahren den Lehrerberuf an den Nagel und veröffentlichte 1994 das Buch „Mir langt’s – eine Lehrerin steigt aus“. Seitdem lebt sie als freie Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin in Münster, ihre Ferien verbringt sie am liebsten auf Sylt oder in Italien....

Pressestimmen
Brigitte

„Man muss sie einfach mögen, die italienische Miss Marple von Sylt... Und die Dialoge sind oft köstlich - wie die italienischen Menüs, die Mamma Carlotta andauernd kocht.“

schreiblust-leselust.de

„Mamma Carlotta ist eine großartige Protagonistin, die den Leser immer wieder schmunzeln lässt.“

Schweizer Familie (CH)

„Wie die Autorin Gisa Pauly in einem Interview verriet, ist sie entschlossen, bis an ihr Lebensende weiterzuschreiben. Die Leserin wird es freuen, ist doch jedes Mal für Unterhaltung und Spannung gesorgt.“

heidizengerling.com

„Einfach herrlich geschrieben, mit jeder Menge Spannung und kriminalistischem Spürsinn – aber auch mit viel Lokalkolorit.“

Ruhr Nachrichten

„Gisa Pauly ist wieder das Kunststück gelungen, einen spannenden Krimi mit Inselatmosphäre und vielen besonderen Charakteren zu mischen.“ „Lesenswert und unterhaltsam“ „Mamma Carlotta hat nichts von ihrem Charme und ihrer Nase für gutes Essen und mörderische Fahndungen verloren.“

Sylt life

„Mehr als einmal bringt Gisa Pauly ihre Leser zum Schmunzeln und sorgt für Abwechslung. Sehr spannender Krimi, den man nur schwer aus der Hand legt.“

Frau von Heute

„Wieder ein humorvoller Krimi von Gisa Pauly!“

Lübecker Kreiszeitung

„Das ist ein Sylt-Krimi, der einfach Spaß macht. Wenn wir schon nicht auf die Insel dürfen, dann holen wir Sylt eben nach Hause.“

meine-news.de

„Spannung pur mit einer Prise Lokalkolorit - die perfekte Mischung für laue Sommerabende!“

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