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Hüttengaudi

Ein Alpen-Krimi

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Hüttengaudi — Inhalt

Kommissarin Irmi Mangold ärgert sich: Warum hat sie sich zu dieser Schrothkur in Oberstaufen überreden lassen? Und dann steht sie vor einem Toten, der ihr bekannt vorkommt: ihrem Exmann Martin ... Währenddessen hat es Kollegin Kathi Reindl in Garmisch mit einem toten Liftmann zu tun, der zu Lebzeiten im Skiklub mitmischte. Ein Dorn im Auge war ihm die neue Skihütte, deren Wirte er so piesackte, dass sie verkaufen wollten. Zwei Mordfälle mit derselben Todesursache – nur Zufall?

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.12.2012
288 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30168-8
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.03.2011
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95180-7

Leseprobe zu »Hüttengaudi«

Prolog

Was hatte ihre Mutter ihr zum Dreißigsten grinsend auf den weiteren Lebensweg mitgegeben? Als Frau musst du dich irgendwann entscheiden, ob du eine Kuh oder eine Ziege werden willst. Irmi hatte das schrecklich zynisch gefunden – und über die letzten zwanzig Jahre zugenommen. Damit gehörte sie eindeutig in die Kategorie Kuh, dabei hatte sie sich für diese Statur gar nicht bewusst entschieden. Die Pfunde waren einfach über sie gekommen – mäßig, aber gleichmäßig.

Sie war nicht eitel, höchstens ein ganz kleines bisschen. Sie war kein Fashion Victim, [...]

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Prolog

Was hatte ihre Mutter ihr zum Dreißigsten grinsend auf den weiteren Lebensweg mitgegeben? Als Frau musst du dich irgendwann entscheiden, ob du eine Kuh oder eine Ziege werden willst. Irmi hatte das schrecklich zynisch gefunden – und über die letzten zwanzig Jahre zugenommen. Damit gehörte sie eindeutig in die Kategorie Kuh, dabei hatte sie sich für diese Statur gar nicht bewusst entschieden. Die Pfunde waren einfach über sie gekommen – mäßig, aber gleichmäßig.

Sie war nicht eitel, höchstens ein ganz kleines bisschen. Sie war kein Fashion Victim, wirkte aber auch nicht ungepflegt. Kleidung kaufte sie meist im Vorübergehen an Sonderpreisständern – weniger wegen des reduzierten Preises, sondern weil sie sich ihr quasi in den Weg stellte. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, freiwillig einen Modeladen zu betreten. Shopping stand auf ihrer Liste überhaupt nirgendwo.

Außerdem gab es Kataloge, in denen man die Ecken umknicken konnte von all den Seiten, auf denen Verlockendes zu sehen war. Sie nahm die Kataloge bisweilen mit in die Badewanne, wo sie regelmäßig abstürzten, woraufhin die bereits ausgefüllten Bestellkarten bis zur Unkenntlichkeit verwischten und sich die Eselsohren mitsamt des Katalogs auflösten.

Eigentlich empfand sie es jedes Mal als Affront, wenn so ein Moppelfrauenkatalog eintraf: von Größe vierzig bis Größe sechzig. Woher wussten die, dass sie keine Größe sechsunddreißig war? Vermutlich durch den Verkauf von Adressen, was Datenschutz betraf, gab sie sich als Polizistin erst recht keinen Illusionen hin. Es kamen auch Werbeblättchen mit Wunderpillen – und ja, sie war gefährdet. Verschämt dachte sie immer wieder mal darüber nach, sich so etwas zu bestellen. Klang einfach zu gut und zu einfach: essen wie sonst und dabei abnehmen. Fressen wie beim römischen Gelage und dann die Ich-setz-nicht-an-Pille hinterher. Auch die Bauchmuskeltrainer aus dem Shopping-Fernsehen ließen sie immer mal zusammenzucken. Sollte sie sich so was mal bestellen? Nein, natürlich würde sie das nicht tun. Das wäre ja peinlich.

Und dann war Lissi gekommen, ihre Nachbarin. Lissi, das Energiewunder. Lissi, der Kugelblitz. Einsfünfundfünfzig groß und rund. Dabei war sie beileibe nicht fett oder unförmig, nur eben rund mit dem besten Dirndldekolleté, das man sich vorstellen konnte. Von Figurfragen war sie meist unbeeindruckt, umso mehr hatte sich Irmi gewundert, als Lissi ihr die kühne Frage gestellt hatte, ob sie mit ihr nach Oberstaufen fahren wolle.

Irmi hatte erst einige Sekunden überlegt: Oberstaufen? Lag das nicht irgendwo kurz vor Vorarlberg, wo die Menschen so einen drolligen Dialekt hatten? Und was sollten sie dort?

»Wir machen eine Schrothkur«, hatte Lissi erklärt.

Leicht befremdet hatte Irmi das »wir« registriert, aber in ihrer flammenden Rede für das Schrothwesen hatte ihre Nachbarin am »wir« festgehalten. »Was glaubst du, wie gut uns das tut! Es geht uns ja nicht ums Abnehmen. Es geht ums Entgiften. Ohne Verzicht kein Genuss, ohne Kampf kein Sieg, ohne Reinigung keine Heilung«, schmetterte sie.

Irmi fragte sich, aus welcher Broschüre sie das wohl hatte. Ihre Einwände, sie müsse weder kämpfen, noch bedürfe sie irgend­einer Heilung, wurden geflissentlich übergehört.

»Wir brauchen das. Mal raus aus dem Alltag. Und Ober­staufen passt viel besser zu uns als die Karibik oder so.« Schwungvoll hatte Lissi ein Unterkunftsverzeichnis auf den Tisch geworfen. »Ich hab auch schon was ausgesucht für uns. Was Kleines, Kuscheliges.«

Hinterher hatte Irmi nicht den blassesten Schimmer, warum sie schließlich zugestimmt hatte.

 

Wie hatte ihre Mutter das gestern formuliert? »Wenn du weiter so abnimmst, wirst du in zehn Jahren aussehen wie eine alte Ziege. Mager und faltig – zickig bist ja eh schon.« Sie hatte das »mager« besonders tirolerisch betont: »mooger«. Ihre Tochter Sophia war herumgehüpft wie ein Derwisch und hatte laut gerufen: »Mama ist ’ne Zicke, Mama ist ’ne Zicke!«

Kathi hatte beide mit einem »Leckts mi« gestoppt, die Tür zugeknallt und war die Treppe hinaufgerannt mit einem Geräuschpegel, der auch auf eine Herde Flusspferde hätte deuten können. Vorausgesetzt, Flusspferde würden durch Tiroler Häuser trampeln.

Kathi war vor den Spiegel getreten, hatte ihr bauchfreies T-Shirt noch weiter hochgezogen und nüchtern konstatiert: Rippen statt Wölbung nach außen. Die Brüste noch kleiner als früher, und da hatte sie auch nicht gerade in der Dolly-Buster-Liga gespielt. Das knochige Dekolleté gefiel ihr wirklich nicht. Sie drehte sich um und blickte über die Schulter. Kein Arsch in der viel zu weiten Jeanshose. Man konnte es nicht mal auf den Modetrend der »Boyfriend-Jeans« schieben. Das war eine ganz normale Damenhose, die ihr früher mal richtig gut gepasst hatte.

Dann schob sie das Kinn näher an den Spiegel heran und betrachtete ihr Gesicht. Sie war hübsch, das war sie immer schon gewesen. Auf der Stirn traten erste schmale Falten zum Vorschein, in den Augenwinkeln auch. Sie würde in ein paar Tagen dreißig werden und dabei ziemlich »mooger« ­daherkommen.

Dabei aß sie genug, mehr als Irmi und ihre Kollegin An­drea, die schon zunahmen, wenn sie das Wort Fleischsalat nur dachten oder die Torte bloß durch die Scheibe beim Kondi-tor ansahen. Richtig neidisch waren die beiden auf sie.

Jetzt allerdings war sie zugegebenermaßen arg schmal geworden. Das lag auch an ihrem Neuen. Sven studierte Architektur in München und war erst fünfundzwanzig. Außerdem war er Veganer. Und weil Kathi dieses ganze Grün- und Kör­nerzeug nicht mochte, ihn aber nicht durch den Verzehr toter Tiere provozieren wollte, aß sie lieber gar nichts.

Sie und Sven hatten sowieso wenig Zeit zum Essen. Schließlich gab es auch Wichtigeres, wenn der eine nächtelang über Modellen in München saß und die andere mit unmöglichen Dienstzeiten in Garmisch. So oft trafen sie sich nicht, aber wenn sie sich trafen … Kathi war jedes Mal ein wenig überrascht, dass ein eher anämischer Kulturmensch es im Bett so krachen lassen konnte.

 

1

Da saß sie nun in dem eher puristisch eingerichteten Hotelzimmer. An den Wänden hingen Bilder von Allgäuer Landschaften. Der Hochgrat, der Alpsee, eine üppig geschmückte Kuh beim Almabtrieb. Oder nein, hier hieß das ja Viehscheid.

Eine Einführungsveranstaltung hatte es gegeben mit Erklärungen, die Irmi auch nicht gerade beruhigt hatten. Sie wurden aufgeklärt, dass der Name Schrothkur nichts mit Schrot und Korn zu tun hatte, sondern von einem schlesischen Fuhrmann namens Johann Schroth stammte. Der Mann hatte irgendwann um 1820 nach einem Pferdetritt ein steifes Knie bekommen, sich erfolgreich mit feuchtkalten Wickeln behandelt und daraus dann die Therapie mit einem Ganzkörper­wickel abgeleitet. Seine Beobachtung, dass krankes Vieh die Nahrung verweigerte und wenig trank, übertrug er als Diät mit sogenannten Trockentagen auf den Menschen. Er musste ein echter Marketingprofi gewesen sein, denn schon bald hatte er sich einen Ruf als »Wunderdoktor« erarbeitet und eine Kurklinik in Niederlindewiese im heutigen Tschechien er­öffnet.

Hermann Brosig, einer der dortigen Kurärzte, war nach englischer Kriegsgefangenschaft nach Oberstaufen gelangt und hatte dort die Schrothsche Heilkur eingeführt.

Nicht, dass Irmi dem Mann seine Karriere nicht gegönnt hätte und sein Überleben im Krieg. Aber hätte der nicht durch Kriegstraumatisierung den ganzen Blödsinn vergessen und mit irgendwas anderem sein Geld verdienen können? Und Oberstaufen – und damit ihr – den Schrothwahnsinn ersparen?

Irmi verfluchte Schroth, Brosig und Lissi, sich selbst aber am allermeisten. Sie hätte ja nur nein sagen müssen. Nun aber saß sie hier neben ihrem Koffer auf dem Bett und wusste, dass sie in wenigen Minuten zum Abendessen antreten sollte.

Abendessen war ein großes Wort. Sie sollte hier zwei ­Wochen lang cholesterinfreie Nahrung zu sich nehmen, ohne tierisches Eiweiß und Fette. Kein Salz, nur Kohlenhydrate und das im Umfang von fünfhundert Kalorien am Tag. Wussten diese Wahnsinnigen denn nicht, was allein eine einzige Leberkas-Semmel an Kalorien hatte? Von fünfhundert Kalorien konnte doch kein bayerischer Mensch leben!

Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Das dreigängige Menü bestand aus einem Süppchen, das wenig mehr war als gewürztes Wasser, gekochtem Gemüse als Hauptgang und Kompott als Hauch eines Nachtisches. Himmel, ihre Zähne hatte sie doch noch! Schon jetzt sehnte sie sich danach, einfach mal herzhaft in etwas hineinzubeißen.

Lissi war sehr still geworden, das Gespräch verlief eher schleppend. Klar, Lissi fühlte sich schuldig! Gut so, fand Irmi. Ihre Nachbarin murmelte, dass sie gleich ins Bett gehe, weil sie doch gestern noch eine Problemgeburt im Stall gehabt habe und die ganze Nacht wach gewesen sei.

Nun, Irmi war nicht böse um die frühe Schlafenszeit und ruhte trotz ihres Grants gut und traumlos. Plötzlich ertönte von irgendwoher ein schauerliches Geräusch. Felswände schienen einzustürzen, und eine Sirene heulte grauenvoller als alles, was je an ihr Ohr gedrungen war.

Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Das Geräusch kam von einem Radiowecker und war so laut, dass es die gesamte Unterwelt geweckt hätte. Hektisch hieb Irmi auf einige Tasten ein, doch das Gerät dröhnte weiter. Mit einem jähen Sprung aus dem Bett erreichte sie die Strom­zufuhr und entriss dem Ding den Saft. Leider hing nun auch die halbe Steckdose aus der Wand.

Irmis Herz raste. Dass es nun auch noch klopfte und ­jemand etwas von Tee flötete, der draußen stehe, gab ihr den Rest. Sie hatte, bevor sie den Wecker so rüde vom Strom getrennt hatte, einen Blick darauf geworfen. Es war halb vier Uhr in der Früh, da stand nicht mal ein Landwirt auf!

Gestern bei der Einführung hatten sie das nun folgende Horrorszenario bereits durchgesprochen: Irmis schlafwarme Haut wurde in feuchte Tücher gewickelt, damit der Körper gegen die Kälte mit einer gesteigerten Durchblutung anheizte. Wärmflaschen im Rücken, an den Füßen und auf dem Bauch trieben den Schweiß zusätzlich aus allen Poren. Die anschließende Schnürung war am schlimmsten. Da durfte man wirklich nicht klaustrophobisch sein. Und von wegen wohlig warme Hülle. Irmis Tüchergefängnis heizte sich nicht auf. Sie fror. Ziemlich lange. Bis sie um Hilfe rief und ihr erklärt wurde, dass ihr Körper eben noch ganz falsch reagiere. Einen bedauernden Blick hatte ihr die Packerin zugeworfen und versichert, dass sie mit zunehmender Entgiftung auch normaler reagieren werde. Normaler?

Immerhin schlief Irmi im Wickel wieder ein und zog sich, nachdem sie entwickelt worden war, nochmals in ihr Bett zurück. Gut, das Frühstück war ja auch nicht der Rede wert, ebenso wenig wie das Mittagessen. Nachdem sie und Lissi sich wirklich nicht für Nordic Walking hatten erwärmen können, hatte man ihnen den Ponyhof empfohlen. Zum Fünf-Uhr-Tee.

Das Lokal entdeckten sie in Weidach. Mit Ponys hatte es wenig zu tun – die Pferdchen hier waren von anderem Kaliber. Vorbei schwebten mit kostbaren Ketten und Armreifen behängte Damen weit jenseits des Alters, das man gerne zugab.

Auf der Terrasse lag ein Flor aus Rosenblättern, offenbar anlässlich einer Hochzeit. Der Mann, der sich verehelicht hatte, war ein berühmter Doppelprofessor an der Uni Tübingen – das entnahmen Irmi und Lissi der Unterhaltung zweier Damen am Nebentisch, deren altersgemäße Taubheit dazu führte, dass sie extrem laut redeten.

Irmi blickte zum Hochzeitspaar hinüber: Das neue Weibchen war eine bildschöne orientalisch aussehende Frau, Irmi vermutete, eine Iranerin. Sie war etwa so alt wie die erwach­senen Kinder des Herrn Professor, denen anzusehen war, wie sehr sie die neue Stiefmama schätzten. Die eine Tochter blickte unentwegt auf das sanft gerundete Bäuchlein der Iranerin. Ein Hauch eines Bauchs – im engen Partykleid aber sichtbar. Die Tochter schien ihre Erbpfründe schwinden zu sehen.

An einem zweiten Tisch saßen weitere geldige Gäste, ebenfalls behängt mit allerlei schwerem Schmuck. Eine Frau ­redete ohne Punkt und Komma, und Irmi fragte sich, ob diese Dame denn nie Luft holte.

Irgendwann kamen Riesenplatten mit Backhendl, Leberkas und Obatzda – in den Himmel wachsende Gestelle, die üppig mit Brezen behängt waren. Irmi warf einen Seitenblick auf Lissi, die hektisch an ihrem Wasser sog.

»Ungesundes Zeug«, sagte Lissi. »Ich glaub, wir zahlen mal.«

Wenig später trollten sie sich. Draußen kamen sie an Porsche Cabrios vorbei, einem Maybach, zwei Bentleys, diversen Benzen und ein paar Z3, die neben den Riesenkutschen so wirkten, als gehörten sie der Putzfrau.

Sie stapften bergwärts, und Irmi war wirklich verwundert, wie frisch sie ausschreiten konnte, obwohl sie nichts gegessen hatte. Schweigend gingen sie voran, bis Lissi schließlich sagte: »Prominent sein ist vielleicht a Soach.«

Irmi musste lachen. Lissi war wirklich eine Philosophin.

 

Am nächsten Morgen hatte Irmi den Eindruck, dass sie sich schon etwas schneller erwärmte in ihrem Wickel. Das Problem an dieser Kur war natürlich, dass man zu viel Zeit hatte. Ein normaler Menschentag wurde in angemessenen Abständen von Essen unterbrochen. Man überlegte, was man kochen würde. Oder aber man studierte Speisekarten, man saß, wartete, aß. Man räumte Geschirr weg. Essen teilte den Tag in vernünftige Abschnitte. Essen war Belohnung.

Zumindest eins hatte Irmi am dritten Tag ihres Aufenthalts schon begriffen: Ihre Einstellung zum Essen würde sie ­ändern. Nicht mehr schnell im Stehen irgendwas in sich hi­neinschlingen, sondern sich Zeit nehmen. Essen war doch so schön.

Weil die Tage so viel Leere boten, nahmen Irmi und Lissi natürlich die Freizeitangebote gerne an, beispielsweise eine Wanderung zur Alpe Mohr.

»Wie weit ist es denn zu der Alm?«, fragte Irmi den Wanderführer.

»Gnädige Frau, ich sehe, Sie stammen aus dem Oberbayerischen. Bei uns im Allgäu heißt das Alp oder Alpe.«

Zweierlei verdarb Irmi den Tag: die Anrede »Gnädige Frau« und dieses »bei uns«, das in tiefstem Sächsisch vorgetragen wurde. Sehr ungnädig schlurfte Irmi deshalb dahin, zumal der Großteil des Weges auf Asphalt verlief.

Die Lage der Alm, pardon Alpe, war wunderschön, so wie dieses ganze Allgäu überhaupt sehr schön war. Die Berge waren weniger erdrückend als bei ihr daheim. Das Auge konnte sich immer wieder an Fixpunkten festhalten: Höfen, Wiesenhängen, Waldstücken, Tümpeln und Seen. Die Landschaft stieg gefällig stufenförmig an: Sanfte Hügel gingen über in Vorberge, und am Horizont standen die Gipfel Spalier. Dieses Allgäu ist wie ein Aquarell, dachte Irmi. Kein schweres Ölgemälde wie das Karwendel.

Oben angekommen, suchten sie sich einen Tisch, jemand trug einen Riesenberg Kaiserschmarrn vorbei, was Irmis Laune nicht gerade steigerte, und dann trat auch noch ein ­allein unterhaltender Ziehharmonikaspieler auf. Immerhin hatte sie ja schon gelernt, »dass ma im Allgäu isch, wenn d Schumpa scheener wia d Föhla sind«. Dabei standen Schumpa für Jungkühe und Föhla für junge Mädchen. Und außerdem sagten die hier »i bi gsi« für »ich bin gewesen« – und das klang in Irmis Ohr doch sehr Schwyzerdütsch.

Der Kaiserschmarrnduft wehte herüber, der Mann sang von den »Blauen Bergen« – ein Albtraum. Irmi bestellte sich einen trockenen Wein. Kurwein war schließlich erlaubt. Gut, »das Viertele« hatte sie schon zu Mittag genossen, aber sei’s drum. Als hätte Lissi auf einen Startschuss gewartet, rief sie: »Dann bringen S’ doch gleich einen halben Liter.«

Der Wein, der die Kehle in den leeren Magen hinunterrann, tat seine Wirkung. Und ja, sie nahmen noch einen halben Liter. »Mezzo litro für die Damen«, blökte der Sachse, ­bestimmte Tage erforderten einfach Drogen.

Eigentlich war er ganz nett, der Sachse. Man konnte ja nichts für seinen Geburtsort. Sie tranken. Ein Leben ohne Alko­hol war zwar möglich, aber an Tagen wie diesen eben keine Lösung. Also schunkelten sie und sangen mit, Lissi legte ein flottes Tänzchen mit dem Sachsen aufs Parkett. Der Tag schritt fort, das Licht wurde weicher.

Auf der Wiese neben dem Haus baute sich eine Alphorngruppe auf und begann, diesem seltsamen Instrument nach­gerade magische Töne zu entlocken. Irmi setzte sich auf die Brüstung und hörte zu. Ein Gänsehauterlebnis. Ein Instrument, das die Seele berührte. Vielleicht machte sie der Wein so sentimental. Oder diese bucklige Region. Oder der leere Magen. Der Sachse hielt gerade einen Vortrag über das Alphorn.

»Alphörner waren immer Sache von Landschaften, wo es Hirten und Herden gab – egal ob im Allgäu, in Südamerika oder in Tibet. Hirten haben auf die Signalwirkung solcher Hörner gesetzt, um sich über die Täler hinweg zu verständigen. Sie lockten damit ihre Tiere an. Das Alphorn ist ein kultisch-mystisches Instrument.«

Inzwischen fand Irmi ihn wirklich sympathisch. Er sah eigent­lich auch recht gut aus. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Netter Hintern. Gut, der Schnäuzer war natürlich ein Minuspunkt, der Dialekt auch, aber wahrscheinlich war sein Job, hungernde Menschen bei Laune zu halten, auch nicht ­gerade prickelnd.

Lissi jedenfalls schien ihn ganz besonders ansprechend zu finden, was Irmi mit Verwunderung registrierte. Warum eigent­lich? Sie kannte Lissi nur als Alfreds Frau. Immer schon. Sie hatten geheiratet, als Lissi achtzehn und schwanger ge­wesen war. Sie kannte Lissi als perfekte Köchin, perfekte Bäue­rin, Mutter von drei Söhnen, die alle eine gute Ausbildung machten. Der Älteste studierte sogar in Weihenstephan Agrarwissenschaft. Lissi war kürzlich vierzig geworden und hatte sich immer nur um ihre vier Männer gekümmert.

Irmi schlenderte auf die Wiese hinaus, wo ein älterer Mann an sein Alphorn gelehnt stand.

»Stimmt es, dass so ein Alphorn nur aus einem Baum stammen darf, der auf über zwölfhundert Metern gewachsen ist?«, erkundigte sich Irmi.

»Na, des isch a Mythos. Es gaoht au mit Fichta, dia weiter dunda wachset.« Er lachte sie an. »I bi dr Sepp.« Reichte ihr die Hand und fuhr dann in bestem Hochdeutsch fort: »Wenn man ein Alphorn aus einem Stamm schaffen will, sollte der Baum eine Krümmung aufweisen. Die erhält er zum Beispiel, wenn der junge Setzling durch den Schnee zu Boden gedrückt wird und später dann dem Licht zustrebt. Eng gewachsenes Holz ist für den Musikinstrumentenbau, gerade bei Geigen, sehr wichtig. Und in Hochlagen wachsen die Bäume sehr langsam, die Jahresringe liegen viel dichter beisammen als beim Talholz. Deshalb die Zwölfhundert-Meter-Regel, aber zwingend ist das nicht.«

Irmi lächelte den Mann an. »Du kennst dich aus?«

»Ja, i bau dia Trümmer au.«

Es war großartig, wie er zwischen seinem Heimatdialekt und dem gepflegten Deutsch für die Touristen hin und her springen konnte. Der Mann war eindeutig zweisprachig.

»Mei, heutzutage gibt’s Alphörner auch zwei- oder dreiteilig, aus Transportgründen. Es isch ja au bled, wenn ma so a Trumm auf em Dach transportiera muas oder es aus’m Fen­schtar vom Auto naus hängt.«

Sie plauderten eine Weile. Sepp, der sicher weit über siebzig war, setzte sich zu Irmi ins Gras und erzählte weiter. Er war ein Alphornbauer der ersten Stunde gewesen.

»Als Buaba hond mir scho auf em Gartaschlauch gschpielt«, berichtete er lachend.

Und Irmi erfuhr, dass der Heimatbund das Alphorn im Allgäu 1958 wiederbelebt hatte und das erste Alphorn damals in Marktoberdorf erklungen war – »also fascht im Unterland«.

Der Tag hatte sich zum Guten gewendet. Sepp hatte sie noch eingeladen, ihn bei Gelegenheit zu besuchen, und es war dunkel, als sie zu Tale marschierten. Lissi ging neben dem Sachsen, sie lachten und scherzten, Irmi versuchte ab und zu, Lissis Blick zu erhaschen, aber die sah weg. So what, Lissi war schließlich erwachsen.

 

2

Irmi ging ins Bett. Diesmal ohne Hungergefühl. Sie hatte an ihrem Handy einen etwas freundlicheren Weckton eingestellt und fügte sich in die frühmorgendliche Packung. Es war der vierte Tag, sie war allmählich drin im Kurrhythmus und entschlief sanft in ihrem Ganzkörperwickel. Bis ein gellender Schrei sie weckte.

Es war ein Schrei in einer ohrenbetäubenden Frequenz. Darauf folgte ein herzhaftes: »Scheiße, das darf doch nicht wahr sein!« Sie hörte Getrappel zur Tür und Rufe nach ­irgendwem. Wer das sein sollte, blieb Irmi ein Rätsel. Es war halb fünf, wer sollte schon da sein außer der Packerin? Das Getrappel kam zurück, es war mehr ein Flapp-Schlapp, das Geräusch, das schlecht am Fuß vertäute Crocs erzeugen. Die Packerin trug solche Dinger.

Vergeblich versuchte Irmi, sich zu befreien, aber das gelang ihr nicht, also rief sie: »Was ist los? Hallo?«

Keine Antwort.

»Hallo? Ich bin von der Polizei!«

Das Flapp-Schlapp erreichte ihre Tür. Die Packerin öffnete und starrte sie mit großen Augen an.

»Frau Mangold, Sie sind von der Polizei?«

»Ja, sogar Hauptkommissarin. Bei der Kripo. Also, was ist los?«

»Da drüben! Oh Gott, das ist mir noch nie passiert!«

»Holen Sie mich da mal raus!« Irmi hasste es, wenn Menschen keine präzisen Angaben machten. Und ein »Oh Gott!« half nie weiter. Der war im entscheidenden Moment nicht zuständig, das hatte Irmi in ihrem Leben gelernt.

Die Packerin tat wie ihr geheißen, und anstatt sich abzu­duschen, wickelte sich Irmi in den Bademantel, der ungut an ihrer schwitzigen Haut klebte. Sie fummelte ihre Zehen in die Flip-Flops und unter zweistimmigem Flapp-Schlapp gingen sie in die Nachbarkabine.

Da lag ein Mann. Im Wickel. Sein Kopf war zur Seite gesunken. Ein erbärmliches Bild, das diese Schroth-Mumie abgab! Aber elend sahen sie doch alle aus bei dieser Kur.

Die Augen der Packerin waren weit aufgerissen. Sie wiederholte leise flüsternd: »Das ist mir noch nie passiert.«

Irmi trat näher. Sie fühlte mit geübtem Griff die Halsschlagader. Da war Stille. Der Mann war tot, keine Frage.

Irmi drehte sich zu der Frau um. »Was haben Sie gemacht?«

»Ich? Nichts!«

Das war vielleicht genau das Problem. Ein Zertifikat im Schwitzfolterkeller besagte, dass die Packerinnen die erforderlichen Weiterbildungsmaßnahmen wie regelmäßige Erste-Hilfe-Kurse absolviert hätten. Der Ausweis als anerkannte Schrothkurpackerin musste alle zwei Jahre bestätigt werden. Doch es schien an der Praxis zu hapern.

Irmi atmete tief durch. »Haben Sie reanimiert?«

Die Dame schüttelte den Kopf. Es folgte ein gebetsmühlenartig wiederholtes »So was ist mir noch nie passiert«.

Die Frage, ob sie einen Arzt informiert hätte, konnte sich Irmi schenken. Der trat übrigens in diesem Moment auf den Plan. Es war der Kurarzt, der die Eingangsuntersuchung gemacht und bei der Gelegenheit ihren BMI bemängelt hatte. Er hatte außerdem behauptet, dass ein bisschen Fett­reserve ab einem bestimmten Alter nicht schade, allein das Bauchfett sei das gefährliche, denn es fördere sogar Demenz.

Der Mann trat an das Packbett, untersuchte den Mann und drückte ihm am Ende die Augen zu.

»Tot.«

»Ach was!«, entfuhr es Irmi.

»Und was machen Sie hier, Frau Mangold?«

Gerne hätte Irmi schwungvoll ihre Polizeimarke präsentiert, aber sie war im Bademantel und darunter nackt, mit zu viel Fettreserve.

»Ich bin von der Polizei. Maria«, sie nickte der Packerin zu, »hat um Hilfe gerufen.«

»Aha«, sagte er, »aber das ist ja kaum eine Sache der Polizei. Sind Sie hier überhaupt zuständig?«

Wie sie so was hasste! Neunmalkluge Schwätzer, und das vor fünf in der Früh. »Durchaus, wir sprechen von einer ört­lichen und einer sachlichen Zuständigkeit. Zweitere betrifft alle Polizeiorgane, also auch mich. Und was die Behörde vor Ort betrifft, werden wir die gleich mal anrufen.« Polizei­organe, was redete sie, sie war im Hungerwahn, eindeutig. Und genervt!

»Ja, aber …«

»Lieber Herr Doktor. Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass Sie hier ›natürlicher Tod‹ ankreuzen werden? Ein vorher noch putzmunterer Mann mittleren Alters liegt eine Stunde später tot im Wickel?«

Irmi wandte sich an die Packerin. »Wann haben Sie ihn eingewickelt? Hat er da irgendwie komisch auf Sie gewirkt? Oder sogar krank?«

»Um halb vier ist er runtergekommen. Er war gut drauf. Besser als … besser als Sie … äh … die meisten so früh morgens. Der wirkte auf mich sowieso recht fit.«

»Wann haben Sie ihn gefunden?«

»Um halb fünf.«

»Wieso sind Sie eigentlich noch mal zu ihm reingegangen?«

Nicola Förg

Über Nicola Förg

Biografie

Nicola Förg, Bestsellerautorin und Journalistin, hat mittlerweile 20 Kriminalromane verfasst, an zahlreichen Krimi-Anthologien mitgewirkt und 2015 einen Islandroman vorgelegt. Die gebürtige Oberallgäuerin, die in München Germanistik und Geografie studiert hat, lebt heute mit...

Medien zu »Hüttengaudi«

Pressestimmen

wohin?Dahin!

»Gruselig, authentisch und humorvoll.«

Bild Online

»Grantig, witzig, authentisch, so macht ein ländlicher Krimi nicht nur im Urlaub Spaß!«

Oberbayerisches Volksblatt

»Eine genialer Heimat- Krimi, klug inszeniert, von bodenständigem Personal bevölkert und in zünftiger Umgebung plaziert.«

Bianco (CH)

»Der neue Alpenkrimi der Erfolgsautorin bereitet mit Witz, Charme, authentischen Protagonisten, Lokalkolorit und jeder Menge Leichen vergnügliche Lesestunden.«

Tiroler Tageszeitung

»Mit der sympathisch-resoluten Irmi Mangold würde man gern eine Brettljause vertilgen, ihr als Mörder aber lieber nicht in die Quere kommen. Unterhaltsam und spannend.«

Neue Westfälische

»Hüttengaudi ist ein kurzweiliges Werk auf fast 300 Seiten, in dem Frau ihren Mann steht. Aufregend weiblich diese Geschichte. Männliche Figuren bleiben konsequent im Hintergrund: Am Urlaubsort, im Arbeitsalltag. Und – ja tatsächlich – bei der Lösung des Falls.«

Lea

»Grusel gepaart mit Humor – perfekt!«

Süddeutsche Zeitung

»So liest es sich durchgehend spannend, wenn die Kommissarin das Werdenfelser Land durchsucht, eine Gegend, zu der bei der orts- und mundartkundigen Förg sogar noch das Stroafn und das Herrensalettl gehören.«

Garmisch-Partenkirchner Tageblatt

»Spannung bis zur letzten Seite, liebenswerte Charaktere und vergnügliche Unterhaltung – eine wahrhaft mörderische Hüttengaudi eben.«

Münchner Merkur

»Mit Witz und Charme bereitet Nicola Förg vergnügliche Lesestunden.«

Freundin DONNA

»Liebenswert menschelnder 'Alpen-Krimi'.«

Bayerischer Rundfunk

»Authentische Protagonisten, Lokalkolorit und jede Menge Leichen, das ist die geschickte Mixtur ihres Erfolgs.«

Kommentare zum Buch

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