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LGBTQ+-Bücher und queere Literatur

Wenn Worte Brücken bauen und verschlossene Türen öffnen, dann tun LGBTQ+-Bücher genau das. Sie sind nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft, sondern auch ein mutiger Schritt in Richtung Verständnis und Akzeptanz.

Von den versteckten Botschaften und subtilen Hinweisen in den Werken vergangener Jahrhunderte bis zu den stolz und offen erzählten Geschichten unserer Zeit – LGBTQ+-Bücher haben einen langen Weg zurückgelegt. Und sie werden nicht nur für ein queeres Publikum geschrieben, wie das Genre Gay Romance zeigt. 

Unsere Romane feiern die Liebe in all ihren Formen und zeigen, dass das Herz keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht. In diesem Sinne, lasst uns Seite für Seite ein Zeichen setzen – für eine Welt, in der Liebe keine Grenzen kennt.

„Eines der aufwühlendsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. " Denis Scheck

Blick ins Buch
Ein wenig Leben

Roman

Jude, JB, Willem und Malcolm: Vier New Yorker, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. „Ein wenig Leben“ ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe.

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Liebe ist so viel mehr

„Liebe ist für mich wie ein Farbspektrum. Ich kann auf viele verschiedene Arten Liebe empfinden und diesem Gefühl diverse Bedeutungen zuschreiben – ohne, dass diese in Konkurrenz zueinanderstehen.“ Saskia Michalski 

Lieben und lieben lassenLieben und lieben lassen
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Gefühle passen in keine Schublade

Liebe ist ein Spektrum, keine Schublade

Selbst aufgewachsen in einer Welt zwischen Disney-Klischees und konservativen Geschlechteridentitäten, spürt Saskia Michalski früh, dass they nicht den Erwartungen entspricht. Saskia begreift, dass Liebe facettenreich ist, und entscheidet sich für einen eigenen Weg. Heute lebt they in einer polyamoren Beziehung und damit ein Leben außerhalb des heteronormativen und monogamen Konstrukts, mit dem die meisten Menschen aufwachsen. Auf Instagram und TikTok spricht they offen über die verschiedensten Beziehungsformen und ist damit zu einem der bekanntesten Gesichter der queeren Community geworden. Mit Empathie und Humor schafft Saskia es, queere Inhalte auch für diejenigen zugänglich zu machen, die damit bisher kaum Berührungspunkte hatten.

„Liebe ist für mich wie ein Farbspektrum. Ich kann auf viele verschiedene Arten Liebe empfinden und diesem Gefühl diverse Bedeutungen zuschreiben – ohne, dass diese in Konkurrenz zueinanderstehen.“ – Saskia Michalski 

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Für Fans von Alexis Hall und Casey McQuiston

„Auf diese queere Lovestory hat das Genre seit Jahren gewartet!“ Christina Lauren

Blick ins Buch
I'm So (Not) Over You – Manchmal braucht die große Liebe eine zweite ChanceI'm So (Not) Over You – Manchmal braucht die große Liebe eine zweite Chance

Roman

Vorgetäuschte Beziehungen bedeuten nicht gleich vorgetäuschte Gefühle ... 

Als Kian von seinem Ex-Freund Hudson um ein Treffen gebeten wird, hofft er heimlich auf eine Liebeserklärung. Aber Hudson fleht ihn an, bei einem Essen mit seinen Eltern ihre Liebe vorzutäuschen.

Die Familie hat keine Ahnung, dass sie inzwischen getrennte Wege gehen. Kian stimmt zögernd zu, doch als er auch noch zur Hochzeit von Hudsons Cousine eingeladen wird, möchte er wirklich ablehnen!

In letzter Minute gelingt es Hudson, Kian davon zu überzeugen, ihn zu begleiten. Keiner kann leugnen, dass das Knistern zwischen ihnen noch immer da ist. Aber gibt es eine zweite Chance für ihre Liebe?  

Für alle Leser:innen von Alexis Hall, Casey McQuiston, Andreas Suchanek und Alicia Zett. 


Begeisterte Stimmen zum Debütroman von Kosoko Jackson: 

„Ein witziges, romantisches und geradezu entzückendes Buch, eine willkommene und frische neue Stimme: Kosoko Jackson!“ Julia Whelan

„Auf diese queere Lovestory hat das Genre seit Jahren gewartet!“ Christina Lauren

„Eine herausragende neue Stimme des Genres“ Entertainment Weekly


1


Die erste und einzige Regel, um über deinen Ex hinwegzukommen, lautet, nicht auf dessen Nachrichten zu antworten. Das lässt sich auf vielerlei Weise erreichen, je nach Person.

Erstens, seinen Kontakt umbenennen in: NICHT ANTWORTEN.

Zweitens, seine Nummer blockieren.

Drittens, dir ein scheußliches Haarteil auf den Schädel kleben, damit du aussiehst und dich verhältst wie ein völlig anderer Mensch.

Viertens, ein komplett neues Leben als Eigentümer eines Tante-Emma-Ladens im ländlichen Indiana anfangen und es gut sein lassen. Das ist eine Methode, der ich besonders zugetan bin.

Das alles sind gute und wirksame Möglichkeiten. Tu, was du tun musst – niemand wird hier verurteilt.

Und trotzdem, irgendwie habe ich einen Weg gefunden, diese einfache Regel zu brechen. Nicht bloß zu brechen, sondern weit aufzusprengen. Sie zu zerschmettern, wenn man so will.

Denn eine Nachricht zu öffnen und zu beantworten ist eine Sache, aber sich zu entscheiden, der Bitte deines Ex auch noch zu folgen, etwas völlig anderes.

Googelt Schlechte Idee, und unsere hilfreiche Suchmaschine wird ausspucken: Meintest du Kian Andrews’ Entscheidungen, wann immer sie Hudson Rivers betreffen?

Mein Handy in meiner Tasche vibriert einmal, und mein Herz setzt einen Schlag aus.

Vielleicht sagt Hudson ab. Oder vielleicht erkennt er, dass die letzten drei Monate ein Fehler waren, und gesteht mir, dass er immer noch wahnsinnig verliebt in mich ist? Vielleicht …

Nö, nur Divya.

DIVYA EVANS: Nur fürs Protokoll: Das ist eine beschissene Idee.

 

 

„Klar, dass du das sagst“, murmle ich, völlig vergessend, dass sie mich, na ja, gar nicht hören kann. Und sie mag ja recht haben, aber darum geht es nicht.

Als ich vor einer Woche die Nachricht von Hudson bekam, in der er mich fragte, ob ich mich mit ihm im Watering Hole treffe, war Divya nicht gerade begeistert. Sie rümpfte die Nase, als rieche sie etwas Ranziges, was nicht völlig daneben war.

Denn für sie war meine Beziehung mit Hudson genau das: ranzig. Was natürlich jeder über seinen Ex sagt, weil man sich dann besser fühlt.

KIAN ANDREWS: Das hast du schon gesagt – mehrmals.

 

DIVYA EVANS: Trotzdem willst du einfach nicht hören. Erinnere mich noch mal, wer macht seinen Juraabschluss in Harvard?

 

KIAN ANDREWS: Wow … das waren ja … Zwölf Stunden, ohne dass du deinen Harvard-Abschluss erwähnt hast. Das ist ein neuer Rekord!

 

DIVYA EVANS: Aber im Ernst, K. Das ist eine miese Idee. Letzte Aussprachen sind nicht so gut, wie du denkst.

 

 

Als angehende Anwältin sollte sie eigentlich verstehen, warum ich mich mit Hudson treffen muss: um zu verarbeiten, was passiert ist, um dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen und es mit einem Klebstoff aus Wahrheit zu versiegeln. Die Erinnerung daran, wie wir Schluss gemacht haben, ist eine offene Wunde, die nie verheilt ist. Es war eine explosive Trennung, die damit endete, dass ich ihn auf sämtlichen Social-Media-Plattformen blockierte und mich so volllaufen ließ, dass die zwei Wochen danach nur ein verschwommener Nebel waren.

Vielleicht wird Divya deshalb Staatsanwältin und keine Verteidigerin.

Ein weiteres Vibrieren, eine weitere Nachricht.

DIVYA EVANS: Ich bin nur ein paar Blocks entfernt, falls du mich brauchst.

 

KIAN ANDREWS: Wie groß ist die Chance, dass das passiert?

 

 

Ziemlich groß, wenn ich ehrlich bin. Divya war schon immer mein Fels in der Brandung, egal, was war. Ob sie nun verhinderte, dass ich mich blamierte, als ich zwei Wochen nach meiner Trennung im Club zu weinen anfing, oder dafür sorgte, dass ich meinen wertlosen Hintern aus dem Bett bekam, damit ich mein Teilstipendium nicht verlor, oder sogar ein paar Männer mit absoluten Hammerärschen auftrieb, um mir über meine hoffnungslose Besessenheit von Hudson hinwegzuhelfen, Divya war stets meine Ride-or-die-Freundin.

Also ist es nur vernünftig, anzunehmen, dass Divya mein schweres Geschütz ist, das ich auf der Kurzwahltaste habe, wenn ich gerade im Begriff bin, eine weitere traumatisierende Hudson-Erfahrung durchzumachen. Wie heißt es so schön? Hinter jedem tollen schwulen Kerl steht eine hammercoole Frau?

Wieder vibriert mein Handy. Ich ziehe es aus der Tasche, ohne hinzusehen, da ich mit einer weiteren (wohlverdienten) witzigen Spitze von Divya rechne. Aber stattdessen starrt mir eine E-Mail entgegen.

VON: JOBS@SPOTLIGHT.COM

AN: KIAN.ANDREWS@NORTHEASTERN.EDU

BETREFF: RE: Bewerbung Investigativ-journalismus-Fellowship | Andrews, Kian

 

Ich starre ewig aufs Display, das bunte Hintergrundbild von einem der vielen Leuchttürme an der Küste North Carolinas. Ich will diesen Moment auskosten. Ihn festhalten, in seiner Schachtel lassen und irgendwo abseits ganz oben ins Regal stellen. Wenn ich erst mal ein berühmter Journalist bin, mit Quellen, die mich in meinen DMs anbetteln, pulitzerpreisgekrönte Storys zu schreiben, und ich eine Gastvorlesung an der Northeastern halte, wird man mich fragen: Wie haben Sie in diesem kompetitiven, mörderischen Business angefangen?

Und ich werde sagen: Meinen ersten Job bekam ich bei Spotlight. Wird es Spotlight in zwölf Jahren noch geben? Wahrscheinlich nicht. News-Websites fressen sich gegenseitig auf wie Bakterien. Aber es ist das Heißeste, bei dem man im Journalismus gerade arbeiten kann. Eine Investigativjournalismus-Fellowship dort zu bekommen würde mein Leben verändern. Das wäre wie … Gehe nicht über Los; stattdessen kriegst du bei deiner zweiten Runde die Parkstraße.

Ich tippe auf das Display, um es wieder aufzuwecken. Die E-Mail-Benachrichtigung verhöhnt mich noch immer. Vielleicht ist es eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch? Vielleicht hat mein Pitch über den Mangel an Bildungsprogrammen in der Appalachen-Region und wie das Studierende mehrere Stufen zurückwirft, den ich die ganze letzte Woche erarbeitet habe, sie wirklich beeindruckt, und sie bieten mir unbesehen eine Stelle an. Das wäre nicht unplausibel. Weißen passiert so was ständig. Und ich habe gute – nein, verdammt gute Referenzen.

Wie Divya sagt, sie könnten sich glücklich schätzen, mich zu kriegen.

Aber wie mein Journalistik-Professor sagte: Journalisten gibt es wie Sand am Meer. Warum sollte man Sie irgendjemand anderem vorziehen?

Was uns wieder zu Divya Evans und ihren genauen Worten zurückbringt: Du bist ein gottverdammter Star, Kian Andrews.

Ich wünschte, ich hätte dasselbe Level an Selbstbewusstsein wie sie. Ich bin gut darin, es vorzutäuschen, wenn ich mit ihr zusammen bin, zumindest glaube ich das. Aber jetzt? Allein in diesem Café? Während ich etwas so Dummes tue, wie auf den Jungen zu warten, der mir das Herz gebrochen hat – der sich inzwischen um sieben Minuten verspätet –, und auf die E-Mail starre, die meine Karriere verändern könnte? Da verstecke ich diese selbstbewusste Fassade weit hinten im Schrank, so wie mich selbst früher in der Middle School.

Und ich habe mir geschworen, mich nie wieder zu verstecken.

Ohne zu viel darüber nachzudenken, tippe ich ein weiteres Mal auf das Display und gebe dann meinen Code ein, bevor ich meine Meinung ändern kann. Ein weiteres Tippen, und die E-Mail füllt das Display aus.

Sehr geehrter Mr Andrews,

Danke für Ihre Bewerbung für die Investigativ-journalismus-Fellowship bei unserer Spotlight-Niederlassung in Boston. Wir haben uns entschieden, zu diesem Zeitpunkt …

 

„Scheiße.“

Nicht nötig, weiterzulesen. Ich könnte eine STRG-F-Suche nach „Wir haben uns entschieden“ in meinem Posteingang machen und mehr als ein Dutzend Ergebnisse bekommen. Diesmal ist es nicht anders, auch wenn ich es mir verzweifelt wünsche.

Ich bin gerade mitten in einer Nachricht an Divya, in der ich sie über die Absage von Spotlight informiere, was zweifellos zu einer Antwort von ihr führen wird, dass die Drinks heute Abend auf mich gehen, als mich ein Bariton-Räuspern hinter mir innehalten lässt. Die tiefe Stimme durchschneidet die leisen, sinnlichen Töne der Esperanza-Spalding-Coversängerin, die uns im Watering Hole ihr Ständchen bringt, selbst wenn diese Stimme so deplatziert ist wie ein Schwarzer Kerl in Boston – alias ich.

Aber sie ist unverkennbar. Sogar nach drei Monaten, in denen ich allem aus dem Weg gegangen bin, was mit Hudson zu tun hat, lässt die Art, wie er so mühelos aus den Tiefen seines Zwerchfells spricht, mir immer noch Schauer über den Rücken rieseln. Und so, wie sein jungenhaftes Grinsen sein markantes Kinn betont, will ich am liebsten dahinschmelzen.

„Kian?“

Ich gebe mein Bestes, mich langsam umzudrehen. Eifrigkeit sieht an niemandem gut aus, besonders nicht in Gegenwart deines Ex, wenn du versuchst, so zu tun, als wärst du über ihn weg und würdest dein Leben als glücklicher Single-Mittzwanziger genießen.

Aber mein Gott, sieht er gut aus.

Nein, nicht gut.

Heiß.

„Hey“, sagt er schmunzelnd. „Danke, dass du gekommen bist.“

Da ist es. Dieses Lächeln. Dasselbe schiefe Grinsen, das er mir geschenkt hat, als wir einander im ersten Collegejahr zugeteilt wurden, um eine Präsentation über Die Glasglocke zu halten. Dieses Lächeln, das er mir vor unserem ersten Kuss geschenkt hat, nach fast zwei Jahren Kriegen-sie-sich-oder-nicht.

Dieser Südstaatenakzent. Genau der, den er immer besonders betonte, wenn wir sonntagmorgens im Bett lagen, weil er wusste, was das mit mir anstellte.

Das alles zusammen, dazu noch eine Prise traditionell akzeptierter männlicher Züge, reichlich altes Geld, und du hast Hudson Rivers.

Ich kann bereits spüren, wie mich diese Schwerelosigkeit überkommt. Dieses übelkeiterregende Gefühl, das einer Kohlenmonoxidvergiftung ähnelt. Das ist es, was Hudson ist: ein Gift, das mein Urteilsvermögen und meine praktischen Sinne durcheinanderwirbelt. Er ist gefährlich. Er ist ein Fehler. Er wird mir wehtun.

Aber er ist so verdammt schön. Und er fehlt mir. Verdammt, er fehlt mir so sehr.

„Klar, kein Problem.“ Gib dich entspannt. Tu so, als wär es dir egal. „Ich hatte sowieso nichts vor. Ich meine, ich war in der Stadt. Ich meine, ich war in der Gegend. Ich meine, ich war in der Gegend, weil ich hier wohne und nichts vorhatte.“ Außer neurotisch meine E-Mails nach einer Antwort von Spotlight zu checken und offensichtlich wie ein Idiot auszusehen, der beim besten Willen keinen anständigen Satz rausbringt.

Divya und ich haben das mehrmals durchgespielt, wie bei einem Zeugen, der auf ein gefährliches Kreuzverhör vorbereitet wird. Ich muss standhaft bleiben. Ich muss gleichgültig bleiben. Ich muss die Kontrolle behalten. Keine dreißig Sekunden rum, und ich mache schon genau das Gegenteil davon.

Hudson behält einfach dieses sanfte, charmante Grinsen auf seinem Gesicht. Es ist, als wüsste er, dass mein Gehirn einen Kurzschluss hat. Er hat mich schon öfter so durchdrehen sehen; auf dem College, wenn ich zu viele Arbeiten abzugeben hatte und nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Und jedes Mal hat er einfach gewartet, bis ich mich aus meiner selbst gegrabenen Grube wieder herausgeredet hatte, mich angelächelt und vielleicht mit seinen Daumen mit sanften, beruhigenden Bewegungen über meine Fingerknöchel gerieben.

Diesmal gibt es jedoch keine dieser Berührungen, und dieses Lächeln, das einst süß und neckend war, wirkt jetzt höhnisch. Obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt, ist es das, was mein Kopf und mein Herz denken. Komisch, wie nach einer Trennung von jemandem alles, was man einmal an ihm geliebt hat, zu allem wird, was man hasst.

„Ich habe aber nicht viel Zeit“, füge ich hinzu, um ein wenig Würde und Macht zurückzugewinnen. „Also, was immer du auch willst, bringen wir es hinter uns, ja?“

„Sicher, Darlin’.“

Ich zucke zusammen, als wäre sein Wort der Auslöser eines Schockhalsbands. Er setzt sich, erstarrt, als habe er irgendeinen Befehl geflüstert, der einen Scheinwerfer auf ihn gerichtet hat, und schüttelt den Kopf.

„Tut mir leid. Macht der Gewohnheit.“

„Nennst du jetzt viele Typen so?“ Das war unnötig.

„So habe ich das nicht gemeint, und das weißt du, K.“

„Kian“, erinnere ich ihn. „K ist für Freunde reserviert, und du, Hudson, bist nicht mehr mein Freund.“

Da. Ich habe es getan. Vorteil: Kian. Der Ball ist wieder in meinem Spielfeld. Ich habe das Narrativ unter meine Kontrolle gebracht. Hudson, der wortgewandte Charmeur aus Georgia, ist nicht mehr derjenige, der die Macht hat. Ich …

„Das ist eigentlich genau, warum ich dich angerufen habe.“ Hudson weicht meinem Blick aus und spielt mit dem Zuckerpäckchen, das ich aufgerissen und auf den Tresen geworfen habe. Er faltet es zu einer unbestimmten Form, faltet es wieder auseinander und faltet es noch mal, wie ein Origami-Experiment für Arme.

Ich kenne diesen Tick. Er spielt mit Dingen herum, wenn er nervös ist – besorgt, eigentlich. Es kommt nur so selten vor, dass ich das sehe. Es ist … ungefähr genauso häufig, wie ein schlechtes Foto von Beyoncé zu finden.

Kann es sein, dass der große Hudson Rivers nervöser ist als ich?

„Scheiß drauf.“ Er wirft das zerknüllte Papier auf den Tresen. „Es ist noch nie was Gutes dabei herausgekommen, um den heißen Brei herumzureden.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich derjenige bin, der …“

„Ich habe dich hergebeten, weil ich möchte, dass du mein fester Freund bist.“

Und ich war noch nie so froh wie in diesem Moment, Schwarz zu sein. Nicht nur, weil Schwarze weniger Falten bekommen – Black don’t crack, wie man so schön sagt –, sondern weil ich so, wie mir das Blut in die Wangen schießt, sonst aussehen würde wie eine überreife Tomate.

Und an Tomaten ist nichts sexy.



2


Es gibt zwei perfekte Schlagwörter, die den meisten Leuten in den Sinn kommen, wenn sie Hudson Rivers erwähnen: Whiskey und eine Stahlsaitengitarre.

Whiskey, weil seine Stimme genauso weich und vollmundig ist wie der Alkohol, für dessen Herstellung und Vermarktung seine Familie berühmt ist.

Und eine Gitarre, weil er die nicht nur großartig spielen kann, sondern weil seine Stimme auch eine sanfte, verführerische Note hat, gegen die Odysseus’ Sirenen wie grottenschlechte Teilnehmer bei The Voice klingen.

Weiß Hudson, dass er diese Wirkung auf Leute hat? Absolut.

Nutzt er es zu seinem Vorteil? Hundertprozentig. Ich habe ihn in Aktion gesehen.

Kümmert das irgendeinen von uns? Scheiße, nein.

Denn wer regiert die Welt? Nicht Mädels, sondern Jungs mit hammermäßigem Kinn. Und Hudson Rivers hat genau das.

Und Geld – das hilft auch.

Ich meine, kommt schon, welcher normale Mensch kann im September in Boston ein schwarzes Henley-Shirt mit dunkler Jeans, ein verkehrt herum aufgesetztes Baseballcap und klobige Stiefel tragen und den Look wirklich gut aussehen lassen? Aber er schafft es mühelos, und dafür hasse ich ihn. Aber ich liebe ihn auch dafür. Oder vielleicht ist es meine Geilheit, die da aus mir spricht. Ich schätze, es könnte alles drei sein.

Wenn ich ehrlich bin, passen alle diese Beschreibungen auf Hudson. Bei anderen Männern wäre es ekelhaft, aber Hudson trägt die Krone gut. Er meistert die Balance zwischen selbstbewusst und arrogant, als wäre es sein Hauptfach. Er weiß, dass er attraktiv ist, aber er spricht nicht darüber. Ich habe ihm immer gesagt, dass er aussieht wie Jesse Williams, wenn der zehn Jahre jünger wäre. Zu dieser unglaublich zutreffenden Aussage stehe ich noch immer. Sicher, er hasst es, Selfies zu machen, was einen direkten Fotovergleich schwierig macht, und auf seinem Instagram ist höchstens gelegentlich ein Foto von irgendeinem Ort, an den er gereist ist, oder ein Sonnenuntergang oder irgendetwas anderes Alltägliches (vor sechzehn Stunden hat er laut seinem Account nach einem Jahr erfolgloser Anläufe endlich Der Wassertänzer fertig gelesen – schön für ihn). Aber das bedeutet nicht, dass ich falschliege! Wenn man all das in Betracht zieht und dazu noch die Tatsache, dass er nicht über den Reichtum oder Einfluss seiner Familie spricht, außer es ist tatsächlich relevant für die Unterhaltung, dann ist Hudson Rivers auf dem Papier ein guter Mensch. Verdammt, er ist auch im wahren Leben ein großartiger Mensch.

Na ja, abgesehen davon, dass er mich in genau diesem Café abserviert hat – an genau diesem Tisch, an dem wir seit zehn Minuten verlegen sitzen.

„Du siehst gut aus“, sagt er schließlich, während er einen Schluck von seinem Americano nimmt.

Ich stoße ein leises, spöttisches Schnauben aus, von dem ich denke, dass es unbemerkt bleibt.

Ich dagegen habe mich deutlich verändert. Nicht freiwillig, wohlgemerkt. Falls mir romantische Komödien irgendetwas beigebracht haben, dann, dass man nach einer großen Trennung eine große Veränderung braucht. Und führt diese große Veränderung nicht herbei, indem ihr euch die Haare selbst vor dem Spiegel schneidet, denn das geht nie gut aus.

Für mich bestand die Veränderung darin, dass kurzärmelige Hemden Band-Shirts wichen. Kurze, gegelte Locken wurden zu einem kleinen Afro unter einem Beanie. Schlecht sitzende Jeans wurden gegen gut geschnittene ausgetauscht. Schmutzige Vans von einem No-Name-Outlet wurden durch billige, aber trotzdem modische Stiefel ersetzt.

„Ist es so schlimm, das zu sagen?“, fragt er.

„Nein. Überhaupt nicht. Danke.“ Ein Herzschlag. „Du kannst dich dafür bei Divya bedanken; das war alles ihre Idee.“

„Wie geht’s ihr übrigens?“

„Sie will dir immer noch eine reinhauen.“

„Also geht’s ihr großartig. Schön zu hören.“

Ein Lächeln droht sich zu zeigen, aber ich beiße mir in die Wange, bis ich Blut schmecke. Das hat er nicht verdient. Nein. Absolut nicht. Er verdient keinerlei Lob oder Genugtuung. Er hat mich abserviert! Nicht andersrum. Kein Lass uns drüber reden. Kein Ich bin nicht glücklich. Nichts. Völlig aus heiterem Himmel. Er verdient keinerlei Erleichterung, die ein Lächeln ihm vielleicht schenken könnte. Er darf nicht das Gefühl haben, vom Haken zu sein, weil es Kian anscheinend großartig geht.

Bleib bei der Sache. Bleib konzentriert. Rein. Raus.

„Bitte sag nicht, du hast dich bei mir gemeldet, um mich zu fragen, wie es Divya geht. Dafür hättest du auf Insta nachsehen können. Was kommt als Nächstes, fragst du mich, wie das Wetter wird?“

„Das Wetter ist in Boston im Sommer immer gleich. Um die dreißig Grad, mit einer dreißigprozentigen Gewitterwahrscheinlichkeit.“

„Werd nicht frech, Hudson.“

„Aber du magst es doch, wenn ich frech bin. Und wenn ich mich recht erinnere …“ Er lehnt sich vor und stützt die starken Unterarme mit genug Gewicht auf den Tisch, dass er wackelt. „Du hast es früher auch gemocht, wenn ich … diese Sache mit meiner Zunge an deinem …“

„Kann ich euch irgendwas bringen?“

Aus dem Nichts taucht eine Kellnerin auf – Samantha: dunkle Haare, ein zu strahlendes Lächeln, im zweiten oder dritten Collegejahr, glaube ich, und dem hungrigen Blick nach zu urteilen, denkt sie entweder, sie kann eine schnelle Nummer auf der Toilette kriegen – eine Art Initiationsritus im Watering Hole –, oder sie hält Hudson für modernen Hochadel.

Technisch gesehen läge sie mit Letzterem nicht falsch.

Aber Hudson ignoriert die hungrigen Blicke, zumindest bis ihr Warten so offensichtlich wird, dass er sie nicht mehr ignorieren kann.

„Nein, danke, Darling.“ Samantha öffnet den Mund, wahrscheinlich, um das heutige Tagesangebot anzupreisen, aber Hudson schneidet ihr das Wort ab.

„Aber mein Schatz kann haben, was immer er will.“

Ihre Züge entgleisen, und das ist beinahe – beinahe – genug, um ihn nicht zu korrigieren.

„Nicht dein Schatz.“

Ihr Gesicht hellt sich wieder auf. Samantha, die Kellnerin, durchläuft hier heute wirklich ihre persönliche Gesichtsreise.

„Trotzdem, bringen Sie ihm, was immer er will.“ Hudson reicht ihr dreißig Dollar, mehr, als jeder Drink hier kostet. Aber es ist auch Blutgeld – an diese Geldscheine sind Bedingungen geknüpft. Samantha wendet sich mir zu, reglos, entschlossen und stur.

„Iced Mochaccino.“ Ein Augenblick verstreicht. „Danke.“ Ich habe die letzten sieben Jahre in Boston verbracht, aber das bedeutet nicht, dass ich meine Südstaatenmanieren verloren habe.

„Kommt sofort“, antwortet sie fröhlich, bevor sie verschwindet.

„Jetzt geht das schon wieder los“, murmle ich.

„Hm?“

„Dass du denkst, du kannst Leute kaufen. Wir Südstaatler sollen doch respektvoll und gastfreundlich sein, schon vergessen? Das schließt dich nicht aus, nur weil du reich bist.“

„Meine Familie ist reicher als Gott persönlich, danke der Nachfrage“, sagt er mit einem flirtenden Zwinkern. „Und ich habe ihr dreißig Dollar gegeben für einen Drink, der sechs Dollar kostet, und dir freie Wahl gelassen, zu bestellen, was du willst. Das hört sich für mich nach einem guten Menschen an.“

„Hört sich nach jemandem an, der gerade bewiesen hat, dass ich recht habe.“

Er öffnet den Mund, schließt ihn und öffnet ihn dann wieder. „Das werde ich nicht mal einer Antwort würdigen.“

„Dann beantworte mir das.“ Ich stütze die Unterarme auf den Tisch und lehne mich vor. In einem Psychologiekurs habe ich gelernt, wenn man wissen will, ob jemand wirklich lügt, soll man ihm in die Augen sehen. Sogar die besten Lügner verraten sich dort: leicht geweitete Pupillen, ein Blinzeln, ein Zucken. Reflexartige Reaktionen, biologisch verknüpft mit der menschlichen Entscheidung, die Wahrheit zurückzuhalten.

Also konzentriere ich mich darauf und verliere mich dabei in seinen warmen, freundlichen und einladenden braunen Augen. Neun von zehn Mal, wenn ein Ex sich wieder bei dir meldet, völlig aus heiterem Himmel, gibt es nur einen einzigen Grund, warum er dich sprechen will.

„Hast du mich deinen festen Freund genannt, damit du es rechtfertigen kannst, mich um Versöhnungssex zu bitten?“

Um ehrlich zu sein, und ich schäme mich nicht besonders, das zu sagen, falls Hudson das will, würde er es kriegen. Mit seinem perfekten, warmen Südstaatenakzent, der teuren (aber bequemen) Kleidung und der richtigen Menge Parfüm, das nach Mahagoni riecht, ist er ein gefährlicher, berauschender Mikrokosmos. Dazu der jungenhafte Charme, den man bei jemandem, dessen Familie schon mehrmals Beyoncé und Jay-Z getroffen hat, nicht erwarten würde, und niemand, absolut niemand an der Northeastern war gegen seine Anziehungskraft immun.

Also warum hat ein kluger Kerl wie ich etwas so Dummes getan, wie mich wieder in diese Situation zu bringen?

Einfach.

Weil ich immer noch in ihn verliebt bin.

Ich liebe sein Lächeln. Ich liebe es, wie seine Augen aussehen, wenn er gerade aufgewacht ist, wie ein bewölkter Küstenort am frühen Morgen. Ich liebe es, wie sein Akzent stärker wird, wenn er gestresst oder müde ist. Und ich liebe sein Lachen.

Außer, wenn es mir gilt.

Wie jetzt gerade.

Hudson hat diese Art von Lachen, die wirkt wie eine teure Flasche Wein. Es ist überraschend tief, und sein ganzer Körper bebt, wenn er etwas tatsächlich urkomisch findet.

Und offensichtlich bin ich mit meiner Frage über Versöhnungssex das Lustigste, was er die ganze Woche gehört hat.

Er fährt für die längsten zehn Sekunden meines Lebens damit fort, sich vor Lachen zu schütteln. Mit jeder Sekunde, die vergeht, kocht weiß glühende Wut in mir hoch und droht auszubrechen wie Lava am Rand eines erwachenden Vulkans. Als er aufhört, was gut für ihn und sein Wohlergehen ist, wischt er sich Tränen aus den Augen.

„T-tut mir leid. Ich habe dich nicht ausgelacht, versprochen.“

„Wenn du jetzt sagst, ›Ich habe dich angelacht …‹“

„Ich meine, komm schon, das war lustig. Du hast doch einen Witz gemacht, oder?“

Da ist sie, die perfekte Ausrede. Lächle und sag, dass du einen Witz gemacht hast, Kian. Stürz dich in dein Schwert; besser, wie ein Idiot aussehen, der den Einsatz verpasst hat, als tatsächlich zuzugeben, dass du dich immer noch nach dem Mann sehnst, der dir das Herz gebrochen hat – in genau diesem verdammten Café.

Denn das Einzige, was noch erbärmlicher ist als das, ist … Na ja, es gibt nichts Erbärmlicheres.

Ich bekomme nicht die Chance zu lügen, bevor Hudson weiterspricht.

„Aber das ist egal, Kian, denn ich will wirklich wieder mit dir zusammen sein.“

„… Okay …“

„Aber nur für einen Tag.“

Schallplattenkratzer.

„Bitte, was?“

„Vielleicht drei Tage, höchstens. Ich glaube nicht, dass wir länger brauchen werden.“

Für den – unwahrscheinlichen – Fall, dass Hudson Rivers sagen würde, er habe einen Fehler gemacht und wolle mich zurück, hatte ich eine ganze Rede geplant. Ein metaphorisches Hin und Her, an dem ich während der letzten neunzig Tage meisterhaft gefeilt habe, um es sowohl romantisch als auch hitzig wirken zu lassen. Ich habe jede Erwiderung geplant, mir jedes Wort überlegt, das ich benutzen würde. Genug, um ihn zu treffen und zum Nachdenken zu bringen, aber nicht so, dass es einstudiert wirkt. Das ist es, was jeder unter der Dusche macht: Diskussionen planen.

Und sich einen runterholen natürlich. Das hab ich auch reichlich gemacht.

Aber das hier habe ich nicht geplant. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich mir darauf keinen runterholen werde.

„Warum drei Tage?“

Hudson rutscht nervös auf seinem Stuhl herum. Seine Schultern sind steif, seine Haltung angespannt. Seine Augen wirken ein bisschen dunkler, und wie er vorgebeugt ist … Als versuche er, sich kleiner zu machen. Als wisse er, dass das, woran er denkt und was er vorschlagen will, falsch ist.

Und ich weiß, dass es mir nicht gefallen wird.

„Hör zu“, sagt er schließlich. „Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es kein Notfall wäre, das weißt du doch, oder?“

„Mmhm …“

„Und es ist nicht so, als ob ich das geplant hätte. Ich würde dir das nicht antun. Auch wenn wir Schluss gemacht haben, bist du immer noch … ein wichtiger Mensch für mich, Kian. Es ist mir wichtig, dass du das verstehst.“

„Spuck’s einfach aus.“

Er holt tief Luft.


28. Juni 1969 – die Geburtsstunde der Pride-Bewegung

In ihrem ebenso dramatischen wie emotionalen Roman „Pride began on Christopher Street“ erzählen Christian Handel und Andreas Suchanek nicht nur von einer außergewöhnlichen queeren Liebe, sondern auch von der Geburtsstunde des Christopher Street Day. 

Blick ins Buch
Pride began on Christopher StreetPride began on Christopher Street

Roman

Eine unwahrscheinliche Liebe, ein unerbittliches Gesetz, ein großer historischer Moment – ein gefühlvoller Roman über das Recht zu lieben, wen man will 

In ihrem historischen Roman „Pride began on Christopher Street“ verknüpfen Christian Handel und Andreas Suchanek die dramatischen Ereignisse, auf die der Christopher Street Day zurückgeht, mit einer tief bewegenden queeren Liebesgeschichte. 

New York 1969: Den Polizisten Jake und den schwulen Freigeist Finn trennen das Gesetz, ihre Herkunft und ihre Vorstellung davon, wen man lieben darf. Dennoch rettet Jake Finn vor einem brutalen Polizeiübergriff. Denn Jake ist selbst schwul, ohne es sich einzugestehen, und zwischen ihnen funkt es sofort. Obwohl sie in ihren Vorurteilen über den anderen gefangen sind, nähern sie sich an. Als sich in der Nacht auf den 28. Juni 1969 im Stonewall Inn in der Christopher Street die Bar-Besucher erstmals gegen die Polizei wehren, müssen sich die beiden entscheiden, auf welcher Seite sie stehen … 

Der 28. Juni 1969 wird im Roman für Jake und Finn zum Schicksalsmoment für ihre Liebe – und in der Realität schrieb dieser Tag Geschichte: Der Stonewall-Aufstand in der Christopher Street wird zum Wendepunkt der LGBTQIA⁺-Bewegung im Kampf um Gleichbehandlung und Anerkennung . 

In ihrem ebenso dramatischen wie emotionalen Roman „Pride began on Christopher Street“ erzählen Christian Handel und Andreas Suchanek nicht nur von einer außergewöhnlichen queeren Liebe, sondern auch von der Geburtsstunde des Christopher Street Day. 

Schon ein Jahr nach dem Aufstand wird das Ereignis in New York mit einem Gedenkmarsch gewürdigt. Heute finden Pride-Paraden, im deutschen Sprachraum oft Christopher Street Day (CSD) -Paraden, weltweit statt als buntes Fest der Diversität.

Kapitel 1

Das Stonewall Inn war wie jeden Freitag brechend voll, die Luft dick vom Zigarettenqualm, der Geruch nach Schweiß und Eau de Cologne überwältigend. Ebenso wie das Stimmengewirr der ausgelassenen Gäste, das sich mit den Tönen von Shirley Basseys This Is My Life zu einer Kakofonie vermischte, die nach dem nächtlichen Spaziergang von dem Theater, in dem Finn arbeitete, bis hierher an seinen Nerven zerrte. Fast dreiundzwanzig Uhr. Ob die anderen sauer auf ihn waren, weil er sich verspätet hatte?

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, im Gewühl um sich herum seine Freunde zu erspähen. Das von innen und außen schwarz gestrichene Fenster am Eingang der Bar ließ kein Licht herein, und die spärliche Beleuchtung durch die wenigen von der holzvertäfelten Decke herabhängenden Lampen machte es schwer, weiter als nur ein paar Meter zu sehen.

Doch nach einem Moment entdeckte er Gloria und Ricardo nahe der Jukebox in ein Gespräch vertieft – vermutlich ging Shirley Bassey sogar auf Ricardos Konto. Maggie hingegen sah er nirgends. Machte sie die Tanzfläche im Hinterraum unsicher?

Statt zu den anderen zu gehen, drängte sich Finn durch das Gewühl zur Theke, die sich beinahe über die ganze Länge des schlauchförmigen Schankraums zog, und bestellte Getränke: zwei Bier und einen Cocktail.

Mit einem Glas in der einen und den beiden Bierflaschen in der anderen Hand versuchte er dann, sich bis zur Jukebox durchzukämpfen, ohne allzu viel zu verschütten.

„Der verlorene Sohn!“, kreischte Gloria überschwänglich und breitete die Arme aus, als sie ihn auf sich zustolpern sah. Darauf, dass sie dabei den Umstehenden ihren puscheligen Ärmelsaum ins Gesicht schleuderte, achtete sie gar nicht. „Na, du hast dir ja Zeit gelassen“, rügte sie Finn und betrachtete ihn mit strengem Blick.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Ich wurde aufgehalten.“

„Und ich kann mir lebhaft vorstellen, von wem. Ist der für Mama?“ Sie deutete auf den Cocktail.

Finn nickte.

„Guter Junge.“ Gloria pflückte das Glas aus seiner Hand und beäugte die Flüssigkeit im schummrigen Licht.

„Dirty Martini“, erklärte er für den Fall, dass sie nicht selbst draufkam.

Sie seufzte theatralisch. „Dirty bestimmt.“ Sie führte das Glas an die Lippen und nippte daran. „Hat der Barkeeper überhaupt Alkohol reingeschüttet?“

„Ach, hab dich nicht so“, wiegelte Finn ab, obwohl er genau wusste, was Gloria meinte. Wie er liebte sie das Stonewall, aber die Gläser waren schmuddelig und die Longdrinks ordentlich mit Wasser gestreckt.

Er stellte eine Bierflasche zwischen seine Füße auf den klebrigen Boden, lehnte sich an die Wand und stieß mit Ricardo an, der ebenfalls ein Bier in der Hand hielt. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit trug Ricardo einen Schal um den Hals, Lippenstift im Gesicht und eine Perücke auf dem Kopf. So zerrupft, wie sie aussah, hatte sie das vergangene Jahrzehnt in Glorias Schrank vor sich hin gegammelt.

„Was hast du denn heute noch vor?“, fragte Finn ihn.

Ricardo verdrehte die Augen. „Wette verloren. Du erinnerst dich vielleicht.“

„Sei lieb zu ihm“, wies Gloria Finn an, ehe er etwas sagen konnte. „Sag ihm, dass er toll aussieht.“

„Du siehst toll aus, Principessa.“

„Du mich auch“, erwiderte Ricardo. „Wann bringst du deinen Tjorben endlich mal mit hierher?“

Punkt für ihn.

„Er heißt Tjorge, nicht Tjorben“, korrigierte Finn. „Und er ist nicht mein Tjorge.“

„Dafür lässt du dich in den letzten Wochen ganz schön oft von ihm … aufhalten.“

„Wie dem auch sei. Deinen Bruce sehe ich hier auch nirgendwo.“

Darum war es auch nicht schade. Finn liebte Ricardo, dessen Freund hingegen konnte er nichts abgewinnen.

„Du weißt, dass Bruce Schuppen wie diesen hier nicht mag“, verteidigte Ricardo ihn.

Finn schnalzte mit der Zunge. „Ich sag doch, dein Freund ist komisch.“

„Still, Finn“, unterbrach ihn Gloria und wandte sich dann an Ricardo. „Ärger dich nicht. Du weißt doch: Unser Finn glaubt nicht an die Liebe. Sie hat ihn verbittert.“

„An die Liebe schon“, widersprach Finn. „Nur nicht an langfristig glückliche Beziehungen.“ Um das Thema zu wechseln, deutete er auf Glorias lilafarbenen Hosenanzug. „Neu?“

„Das alte Ding? Hab ich mir schon vor über zehn Jahren gekauft.“ Sie stemmte die Linke in die Hüfte und verbog den Körper zu einer dramatischen S-Kurve. „Passt mir aber immer noch wie angegossen.“

„Heiß, Mama!“, rief ihr ein anderer Gast zu.

Auf Glorias Lippen zeigte sich ein zufriedenes Lächeln. „Danke, Schätzchen!“, rief sie über den Gesang der Supremes hinweg, deren Stimmen inzwischen aus der Jukebox tönten.

Mit ihren zweiundvierzig Jahren war Gloria deutlich älter als die meisten Gäste im Stonewall, aber sie galt als Institution im Greenwich Village und besuchte die Bar seit der Neueröffnung als Gay Club vor zwei Jahren regelmäßig – zumindest seit dem Zeitpunkt, an dem die Türsteher auch Queens hereingelassen hatten. Solche gab es viele im Viertel, aber wenige regierten bereits so lange wie Gloria.

Finn war einer der wenigen hier, der sie ohne Make-up gesehen hatte, und obwohl er seit Jahren als Untermieter bei ihr lebte, war das auch für ihn nicht oft vorgekommen. Sie waren schon eine ungewöhnliche WG: Gloria, Maggie und er – eine Dragqueen, die schillernde Farben liebte, eine Lesbe, die ausgerechnet für die Regierung arbeitete, und er, ein Schwuler, der sexuell selten etwas anbrennen ließ und in seiner Freizeit am liebsten Science-Fiction-Bücher las.

„Wo ist eigentlich Maggie?“, fragte er.

„Ist bereits abgezogen“, teilte Gloria ihm mit. „Mit einer langmähnigen Rothaarigen.“

„Wenn sie sich an der mal nicht die Finger verbrennt“, fügte Ricardo hinzu.

Finn starrte nach unten. „Und was mache ich jetzt damit?“

Gloria warf einen vielsagenden Blick auf seinen Schritt. „Ich sag’s ja nicht gern, Schätzchen. Aber inzwischen solltest du gemerkt haben, dass Maggie damit nichts anfangen kann.“

„Ich meine das zweite Bier.“ Er schielte zu Ricardo, doch der schüttelte den Kopf.

„Ich habe genug für heute, muss morgen früh raus.“

„Arbeit?“

Ricardo hob die muskulösen Schultern. „Frühschicht. Das hier ist mein letztes.“ Er setzte die Bierflasche an die Lippen und trank.

Finn tat es ihm gleich und versuchte, nicht allzu enttäuscht zu sein. Maggie war schon abgezischt, und Gloria würde sicher auch gleich aufbrechen. Mama brauchte ihren Schönheitsschlaf, wie sie so gern sagte. Und es war ja nicht ihre Schuld, dass er eine ganze Stunde zu spät gekommen war.

„Gib es doch dem Typ da drüben.“ Ricardo deutete in eine der schummrigen Ecken.

Finn vermutete, dass der Kerl, der dort stand, ungefähr in seinem Alter war. Er trug die dunklen Haare kurz, war frisch rasiert und hübsch, wirkte aber ein bisschen verkrampft. Als Finns Blick dem seinen begegnete, hielt er ihm stand. Zumindest, bis Finn die Flasche hob und ihm zuprostete. Der Mann zögerte, hob dann jedoch ebenfalls sein Getränk. Bier aus einem Glas.

Anfängerfehler. An den Tresen gab es keine Wasserleitungen, weshalb über Stunden dieselbe Brühe zum Spülen der Gläser verwendet wurde.

„Der beobachtet dich bereits, seit du hier angekommen bist“, behauptete Ricardo.

„Wirklich?“

„Ja. Ich muss ohnehin gleich los, geh doch mal rüber.“

„Und dann was?“

Gloria schnaubte. „Als ob man dir das sagen müsste, Finn-Schätzchen.“

„Na, mach schon“, feuerte Ricardo ihn an. „Der ist vielleicht kein norwegischer Tänzer …“

„Tjorge stammt aus Stockholm.“

„Sag ich doch. Aber der Kerl ist immerhin hier und nicht bei einer vollbusigen Blondine an der Upper East Side.“

Finn reckte das Kinn. „Ach, komm schon, du weißt, dass zwischen Tjorge und Evelyn nichts läuft. Die beiden …“

„… tun nur für die Presse so, als ob sie ein Paar wären“, unterbrach ihn Ricardo und verdrehte die Augen. „Schon klar. Ich hab’s kapiert.“

„Und es ist ja nicht so, als ob wir ein Paar wären.“

„Natürlich nicht. Du lässt dich nur gern“, Ricardo malte Gänsefüßchen in die Luft, „von ihm aufhalten.“

„Schluss jetzt, ihr beiden.“ Gloria blickte sie streng an.

„Ach was“, neckte Ricardo sie. „Für dich finden wir bestimmt auch noch jemanden.“

Sie verdrehte die Augen. „Der Zug ist abgefahren.“

„Quatsch!“, protestierte Finn. Gloria bekam bloß ihren Ex nicht aus dem Kopf.

„Wie wär’s denn mit dem dort im Anzug?“, schlug Ricardo vor. „Auf solche Typen stehst du doch?“

Finn und Gloria drehten gleichzeitig die Köpfe. Als sie den Typ, von dem Ricardo sprach, entdeckten, brach Finn in Lachen aus und Gloria versetzte Ricardo eine Kopfnuss.

„Willst du mich verarschen?“, fragte sie.

„Der Typ ist eine Frau“, klärte Finn ihn auf. „Sag bloß, du kennst sie nicht?“

Als Ricardo ungläubig und offensichtlich ahnungslos zu der Person im Anzug starrte, die lässig an der Backsteinwand lehnte und das bunte Treiben beobachtete, erbarmte sich Finn seiner.

„Das ist Stormé DeLarverie.“

„Die Stormé? Stormy?“

„Du bist ihr ernsthaft noch nicht begegnet?“

DeLarverie war eine Ikone in New York. Seit über zehn Jahren schon tourte sie als Herrenimitatorin mit der Jewel Box durchs Land, einer Revuegruppe, deren fünfundzwanzigköpfige Tänzerinnenriege ausschließlich aus Queens bestand. DeLarverie, die als männlicher Sänger dort auftrat, war die einzige Frau der Truppe. Seit einigen Jahren lebte sie in New York und ließ sich oft im Village blicken. Finn hatte angenommen, Ricardo sei ihr bereits begegnet. Der zuckte allerdings hilflos mit den Schultern.

„Ich habe vor ein paar Jahren einen Auftritt von ihr im Apollo Theater gesehen“, berichtete Gloria. „Un-glaub-lich! Und das nicht nur, weil das eine der wenigen Shows ist, in denen nicht nur weiße Künstler auftreten. Und ihre Stimme!“ Sie legte die Hand auf die Brust und sah zur Decke.

„Jetzt klingst du ganz schwärmerisch“, neckte Ricardo sie.

Gloria packte ihn an der Schulter. „Wir gehen jetzt nach Hause.“

„Mögt ihr nicht doch wenigstens noch auf ein weiteres Getränk bleiben?“, bat Finn.

Seine Freunde schüttelten gleichzeitig die Köpfe.

„Wie gesagt, ich muss morgen früh raus“, wiederholte Ricardo.

„Und ich muss dringend auf das stille Örtchen“, platzte Gloria heraus. „Und das erledige ich auf keinen Fall in diesem Höllenloch.“

Das konnte Finn verstehen. Dass das Stonewall keinen Wasseranschluss hatte, sorgte nicht nur dafür, dass die Gläser mit Voranschreiten des Abends immer schmutziger wurden, sondern erwies sich für die sanitären Anlagen als Katastrophe.

„Zieh nicht so ein Gesicht, Finn“, befahl ihm Gloria. „Geh einfach rüber zu dem Schnuckelchen, dann hast du uns gleich vergessen. Er schaut schon wieder zu uns. Aber brich ihm nicht das Herz!“

„Sehr witzig“, erwiderte Finn, verabschiedete sich allerdings ohne Widerspruch von seinen Freunden.

Die Idee, mit dem dunkelhaarigen Fremden zu sprechen, gefiel ihm. Vielleicht war es das Jagdfieber, der Gedanke an die Suche nach einem heißen Flirt – oder nach ein bisschen mehr. Es stimmte zwar, dass zwischen Tjorge und ihm nichts anderes lief als regelmäßiger Sex in der Abstellkammer des Theaters, aber das immerhin seit einem halben Jahr. Obwohl Finn selbst nicht mehr wollte als Spaß, nervte es ihn manchmal, dass Tjorge jedes seiner Angebote ausschlug, gemeinsam tanzen oder essen zu gehen, und an seiner Scheinbeziehung mit Evelyn festhielt. Der Typ in der Ecke mochte trotz seines Alters ein Grünschnabel in der New Yorker Schwulenszene sein, aber im Gegensatz zu Finns schwedischem Tänzer war er wenigstens hier.

„Hi“, begrüßte er ihn, als er dicht vor ihm stehen blieb.

„Hi“, antwortete der andere mit unbewegter Miene, doch Finn bemerkte, wie er den Rücken durchdrückte.

„Bist du zum ersten Mal hier?“

Der Gesichtsausdruck des Mannes bekam etwas Lauerndes, als sei er nicht sicher, was er von der ganzen Situation halten sollte.

Finn knipste ein strahlendes Lächeln an. „Du bist zum ersten Mal hier“, beantwortete er sich seine eigene Frage.

„Sieht man mir das so deutlich an?“

Finn deutete auf die Umstehenden. Teenager und junge Männer Anfang zwanzig, die farbenfrohe T-Shirts und eng sitzende Hosen trugen, Queens wie Gloria, die opulente Klamotten und gewaltige Perücken zur Schau stellten und sich die Gesichter dramatisch geschminkt hatten, und Lesben in Anzügen. Sie alle bewegten sich ausgelassen durch die Bar. Sein Gegenüber hingegen sah aus, als würde er sich fehl am Platz fühlen.

Finn lehnte sich an die Wand. „Wie heißt du?“

Wieder zögerte der andere. „Milton“, antwortete er schließlich.

„Ist das dein richtiger Name oder der, den du auf die Liste am Eingang geschrieben hast?“

Milton hab das Glas an den Mund und trank.

Vielleicht hatte er Angst, weil er wie Maggie für die Regierung arbeitete und es sich nicht leisten konnte, dass sein richtiger Name registriert wurde.

„Na gut, Milton. Ich bin Zoroastor Diggs.“

„Zoroastor?“ Milton sah ihn mit großen Augen an.

„Gebe ich immer an, wenn ich ins Stonewall komme“, gab Finn unbekümmert zu. Er beugte sich nach vorn, dicht an Miltons Ohr. „Aber meine Freunde nennen mich Finn.“

Selbst im verrauchten Zwielicht der Bar konnte er sehen, wie Miltons Adamsapfel zuckte. Er erwiderte nichts.

Finn ging wieder etwas auf Abstand. „Du kennst dich immerhin gut genug aus, um zu wissen, dass du auf den Registrierungslisten nicht deinen richtigen Namen angeben solltest. Bist du neu in der Stadt oder nur zu Besuch?“

Diese Frage überraschte Milton offenbar. „Ich lebe hier.“

„Hier? In New York?“

„In Greenwich.“

„Wirklich? Ich habe dich hier noch nie gesehen.“

Die Schultern des anderen lockerten sich. „Ich dich auch nicht. Bist du denn von hier?“

„Iowa.“

„Ein Farmer.“ Langsam schien sich Milton zu entspannen.

„Eher nicht. Mein Vater war Autoverkäufer. Und ich bin schon mit neunzehn hierhergezogen. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.“

„Und was machst du hier, Zarastro, den seine Freunde Finn nennen?“

„Zoroastor“, korrigierte Finn. „Das ist eine Figur aus einem Buch.“

„Bist du Autor?“

Finn schüttelte den Kopf. „Ich arbeite am Theater. Aber ich lese gern.“

„Im Theater? Welches denn?“

„Off-Broadway“, wich Finn aus. „Eigentlich sogar Off-off-Broadway.“

Milton wartete darauf, dass er weitersprach, aber Finn blieb stumm, und so blickten sie sich einfach nur an. Milton wirkte neugierig, aber wachsam. Grünschnabel eben.

Finn trank den letzten Rest Bier aus, stellte die Flasche ab und legte vorsichtig die Hand auf Miltons Schulter. Dieser versteifte sich, wich jedoch nicht zurück. Finn wartete einen Augenblick, dann trat er näher an ihn heran.

Noch immer sagte er nichts, sondern blickte Milton nur in die Augen. Dunkel wirkten sie, mit einer seltsamen Schwere darin. Machte das nur das diffuse Licht im Stonewall?

Milton räusperte sich. „Ich war schon ewige Zeiten nicht mehr im Theater.“

„Warum nicht?“

Ihre Gesichter trennten nur noch wenige Zentimeter.

Schweiß trat Milton auf die Stirn.

Langsam ließ Finn die Hand von dessen Schulter über den Arm gleiten, bis er Miltons Fingerspitzen berührte. Wieder zuckte dieser zusammen, aber er wandte sich nicht ab und machte keine Anstalten, Finn von sich zu stoßen.

„Und ein Buch habe ich auch seit der High School nicht mehr gelesen. Ich weiß selbst nicht, warum. Irgendwie hab ich’s einfach nicht mehr gemacht. Bei uns zu Hause gab es nicht viele Bücher.“

Finn musste grinsen. Am liebsten hätte er sich nach vorn gebeugt und Milton geküsst, um ihn vom Plappern abzuhalten. Aber er ahnte, dass ihn das zu diesem Zeitpunkt überfordert hätte. Stattdessen griff er, kaum dass die ersten Töne von (We’ve Got) Honey Love aus der Jukebox plärrten, nach Miltons Hand und zog ihn mit sich aus der dunklen Ecke.

„Du gehst nicht ins Theater“, rief er aufgedreht. „Und du liest keine Bücher. Tanzt du wenigstens?“

Milton stemmte sich gegen den Griff. „Ich …“

Doch was immer er sagen wollte, Finn erfuhr es nicht.

„Das ist ein Cop!“, schrie jemand in diesem Augenblick schrill vom Eingang her.

Um Finn und Milton stoben die Leute auseinander.

Prickelnde queere Romance in Berlin!

Eine spannende Liebesgeschichte, die zeigt, dass wahre Liebe keine Labels kennt.

Blick ins Buch
Stolen KissesStolen Kisses

Roman

Prickelnde queere Romance in Berlin - Für Leser:Innen von Casey McQuiston und Alexis Hall

Eigentlich hatte es für Kai und Jannis nur ein One-Night-Stand im Hotel werden sollen, doch zwischen leidenschaftlichen Küssen und dem Plündern der Minibar vergehen die Stunden wie im Flug. Trotzdem verschwindet Kai am nächsten Morgen schweren Herzens. Sein Leben besteht aus Verpflichtungen, ein Coming-out ist unmöglich. Jannis bleibt traurig zurück, droht in der absoluten Freiheit zu ertrinken. Dann konkurrieren die beiden Modefirmen ihrer jeweiligen Familien plötzlich miteinander. Gewinnt die Liebe zwischen beiden oder verlieren sie sich in einem Netz aus Machtkampf und Intrigen?


  • LGBTQ-Fokus - Stolen Kisses ist ein LGBTQ-Buch, das sich auf die Darstellung von Gay Romance konzentriert. Perfekt für alle, die nach LGBTQ-Romanen und deutscher Gay-Romance suchen!
  • Schwule Charaktere - Die Hauptfiguren in Stolen Kisses sind schwul, was zur Vielfalt und Inklusivität in Romanen beiträgt!
  • Authentisch - Andreas Suchanek verleiht seinem New Adult-Roman mit Own-Voice-Elementen viel Echtheit! 

Prolog

Jannis


Eigentlich hatte es nur ein Quickie sein sollen. Das hatte ich zumindest gedacht. Bis mein Date das Hotelzimmer betrat, das wellige Haar vom Wind zerzaust, in Hoodie und Jogginghose gekleidet. Er trug seine Selbstsicherheit vor sich her wie eine Mauer, durch die keine Emotion hindurchschimmerte.

„Kai“, sagte er.

„Jannis“, sagte ich.

Dann fanden sich unsere Lippen. Gierig, wie zwei Verdurstende in einem Meer aus zu vielen Möglichkeiten. Das Bett war die Rettungsinsel. Die Verbindung war einfach da, und die Kleidungsstücke wurden auf Autopilot weggerissen und ins Zimmer geworfen.

Seine Augen hatten die Farbe eines wolkenverhangenen Meeres. Unsere Körper verschmolzen miteinander, während der Wind den Regen gegen das Hotelzimmerfenster prasseln ließ. Das Licht der Stehlampe floss warm über das Bett, tauchte den Rest des Raums in ein diffuses Schattenspiel. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte.

Es gab nur ihn und mich.

Wir lagen nackt auf dem Bett, konnten den Blick nicht voneinander lösen. Unsere Kleidungsstücke waren im ganzen Zimmer verteilt, und ehrlich, ich war nicht gerade stolz auf die Socke, die auf dem Lampenschirm gelandet war.

Es folgten drei Stunden, in denen seine Lippen mich überall küssten. Seine Zunge meinen Körper erkundete. Seine Hände mich streichelten. Endlich spürte ich wieder echte Nähe, mehr als nur eine flüchtige Berührung.

Jetzt lag Kai auf mir. Schaute mit einem sanften Glanz in den Augen herab, der sich mit einem Hauch von etwas anderem vermengte. Sehnsucht? Traurigkeit? Er lächelte. Die Wolken über dem Meer rissen auf, es funkelte in dem dunklen Blau.

Ich strich ihm eine Strähne aus der Stirn.

Ein fragender Ausdruck erschien in seinen Augen, woraufhin ich nickte.

Er lag zwischen meinen Beinen, schob sich langsam in mich. Seine Schultermuskeln spannten sich an, traten hervor. Sanft strich ich darüber. Er biss sich auf die Unterlippe, bremste sich selbst, um mir nicht wehzutun. Gut so, denn ich hatte da schon andere, schmerzhafte Erfahrungen gemacht.

„Alles okay?“, fragte er heiser.

Ich genoss das Gefühl der absoluten Nähe und lächelte. Er begann, sich in mir zu bewegen.



Kai


Ich konnte mich nicht an ihm sattsehen.

Normalerweise flüchtete ich nach einem Quickie, so schnell es ging. Dieser Plan hatte sich in Luft aufgelöst, als ich vor sechs Stunden das Hotel betreten hatte. Der Regen hatte nachgelassen, prasselte aber noch immer gegen die Fensterscheibe. Die Nacht ging langsam in die Morgendämmerung über.

Jannis lag neben mir und erwiderte meinen Blick mit glänzenden Augen. Die Sommersprossen auf seinem Gesicht schienen zu leuchten. Seine rotblonden Locken hatten sich endgültig in eine Sturmfrisur verwandelt. Obwohl wir die Stunden mit Küssen und Streicheln verbracht und insgesamt vier Kondome verbraucht hatten, wollte ich noch immer nicht aufstehen.

Mein Blick glitt kurz über seine Schultern. Ich sah den Berliner Fernsehturm in der Morgendämmerung. Das hier war Freiheit. Der Druck war von meiner Brust gewichen, die Verantwortung zu einer fernen Erinnerung geworden. Nicht weit entfernt wartete ein anderes Leben, grau und schwer.

Jannis rückte näher, seine Hände legten sich auf meine Taille, seine Lippen berührten meinen Hals. Sie waren weich, hinterließen bei jeder Berührung einen kribbelnden Nachhall.

„Der längste Quickie meines Lebens“, sagte er mit einem Grinsen, das in meinem Magen ein seltsames Kitzeln auslöste.

„Stimmt“, gab ich zu.

Er verdrehte die Augen. „Du weißt, dass man Wörter auch zu ganzen Sätzen verbinden kann?“

Ich lachte leise. „Postkoitale Wortfindungsstörungen.“

Es war längst zur Gewohnheit geworden, so wenig wie möglich über mich zu erzählen. In den vergangenen Stunden hatte ich immer mal wieder etwas preisgegeben, meist aber ausweichend geantwortet.

„Alles klar, Medizinstudent?“, bohrte er weiter.

Meinen Beruf hatte ich ihm nicht genannt. Laut Datingprofil waren wir fast im gleichen Alter, er ein Jahr jünger als ich, also fünfundzwanzig. Nur war ich kein Student mehr. Leider.

Die Schatten schlossen langsam wieder zu mir auf, die Realität dämpfte das Licht, zog mich zurück in ihre Kälte. Ich wollte etwas sagen, doch Jannis hätte es nicht mehr gehört. Die Kitzelattacken hatten ihn genauso erschöpft wie mich. Sein Atem berührte gleichmäßig meinen Hals, er war eingeschlafen. Sicherheitshalber stellte ich meinen Wecker, aber nur auf lautlos. Meine Uhr würde vibrieren. Ich dämmerte ebenfalls weg, schreckte aber eine Stunde später wieder hoch.

Vorsichtig wand ich mich aus der Umarmung, deckte ihn zu und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Er lächelte im Schlaf. Beinahe hätte ich geschrien vor Schmerz.

Die Enge kehrte zurück in meine Brust.

Schnell zog ich mir Shorts, Jogginghose und Hoodie über und schlüpfte in die Sneaker. Ein letzter Blick auf das Bett, wo Jannis schlief.

„Danke“, flüsterte ich.

Ich öffnete die Hoteltür und ließ sie sanft hinter mir ins Schloss gleiten. Am Empfang bezahlte ich den Inhalt der Minibar, die wir in den vergangenen Stunden geplündert hatten.

Vor dem Hotel trat ich in den Regen, zog die Kapuze über. Der frühe Morgen nahm mich auf, Berlin erwachte. Die Regentropfen trafen mein Gesicht, liefen daran herab und spülten die Emotionen der Nacht davon, ließen die Erinnerung verblassen.

Nur sein Lächeln blieb.



1. Kapitel 

Jannis


Ich genoss das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das mit dem Aufwachen einherging. Das Prasseln des Regens gegen die Scheibe war schwächer geworden. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich die Stille registrierte. Mein Arm tastete wie von selbst nach rechts. Im nächsten Moment schoss ich in die Höhe.

Kai war fort.

Mein Herz begann zu rasen. Ich konnte nicht einmal genau sagen, warum. Das Gefühl von unendlicher Leere und Einsamkeit schlug über mir zusammen, und weil es so unvorbereitet kam, dauerte es einen Augenblick, bis ich mich wieder beruhigt hatte.

„Natürlich ist er weg.“ Ich zog die Beine an, presste die Stirn auf die Knie und ließ meinem Puls Zeit, von Sprint auf Spaziergang zurückzuwechseln.

Hatte er vielleicht seine Nummer hinterlassen?

Hatte er nicht. Sicherheitshalber suchte ich auch in der Ritze zwischen Nachttisch und Bett – man kannte das ja aus Filmen. Am Ende warteten beide auf den Anruf des anderen, und es gab unzählige Missverständnisse, bis sie sich schließlich auf einer Brücke in Paris umarmten, unter der die Seine entlangplätscherte. Ich wäre schon mit der Spree zufrieden.

Meine Uhr leuchtete mir entgegen, und ich stöhnte auf. Walk of Shame war gar kein Ausdruck für das, was mir bevorstand. Ich schlüpfte in meine Unterhose und den ganzen Rest meiner noch immer im Zimmer verstreuten Kleidungsstücke, natürlich im Zeitlupentempo wegen Koffeinmangel.

In meinem Magen saß der Kloß eines Berliner Morgens, der jede Wärme vertrieb. Kein Weichzeichner mehr, nur noch harte Linien und Kanten.

Genau das erwartete mich auch vor dem Hotel. Die Menschen eilten durch die Straßen, jeder hatte Angst vor dem nächsten Regenschauer. Oder Schnee. Mein Atem kondensierte in der Luft, zumindest bis ich die U-Bahn-Haltestelle erreichte. Der vertraute Geruch von Gummi, Metall und Dingen, die ich lieber ignorierte, drang an meine Nase. Kais Meinung dazu kannte ich ja, nach dieser Nacht. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, doch ich verdrängte es sofort.

Ich stieg ein und sank auf einen der Sitze, wenigstens musste ich nicht umsteigen. Die Bahn fuhr ruckelnd an, als wollte sie dafür sorgen, dass ich auch ja nicht versehentlich einschlief.

Minuten später schlurfte ich die Treppenstufen einer U-Bahn-Haltestelle hinauf und betrat den vertrauten Kiez. Kreuzberg. Die Straßen um mich herum füllten sich immer schneller, die Markthalle war bereits geöffnet. Kurz darauf stand ich vor unserem Haus. Es strahlte etwas aus, das irgendwo zwischen Künstlercharme und Abrissbude einzuordnen war. Der hüfthohe Metallzaun rostete vor sich hin, und der Vorgarten war ein Dschungel. Die Eingangstür war in diesem Monat gelb gestrichen, mit roten Punkten darauf.

Leise schob ich den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und betrat das Haus. Der Geruch von frischen Krapfen drang in meine Nase, Fett brutzelte in der Pfanne.

Ich fluchte innerlich.

„Ich habe Krapfen gemacht“, trällerte es aus der Küche.

Niedergeschlagen ließ ich die Schultern sinken. Ich nahm mir extra lange Zeit, die Sneaker an die Seite zu kicken.

„Es bringt dir gar nichts, es hinauszuzögern“, rief meine Mutter.

Der Flur war mit einem verschlissenen Teppich ausgelegt, an den Wänden hingen Bilder, die sie in ihrer Frühphase angefertigt hatte. Alle zeigten Silhouetten, gekleidet in bunte Kleckse, die Blusen, Pullis, Jeans oder andere Kleidungsstücke darstellten.

Unweigerlich sah ich eine Silhouette mit schwarzen Jogginghose, Hoodie und welligem, dunklem Haar vor mir.

„Ist er abgehauen?“, erklang die Stimme meiner Schwester.

„Das würde er seiner ihn liebenden Mutter nicht antun“, kam es sofort und extralaut. „Schließlich habe ich mich stundenlang vor den Herd gestellt, um ihm Krapfen zu machen.“

Was bedeutete, dass sie die Backmischung herausgeholt und in die Pfanne gekippt hatte. Unter Anleitung meiner Schwester natürlich, denn sobald Mama etwas tat, das ihr keinen Spaß machte, schweiften ihre Gedanken zu Modeentwürfen. Mit fatalen Folgen für die aktuelle Tätigkeit. O ja, Zucker konnte in der Pfanne brennen. Und wenn sie das nächste Mal einen Smoothie mixte, sollte der Pfeffer nicht in der Nähe stehen.

„Da ist er ja.“ Mit einem Satz war sie bei mir und riss mich in eine Umarmung.

Ich schob sie genervt von mir. Fehlte nur noch, dass sie mir in die Wange kniff.

Sie kniff mir in die Wange. „Wie war es?“

„Wir hatten doch darüber gesprochen.“ Meine Stimme war ein Knurren.

„Normalerweise bist du nicht so lange weg“, rief meine Schwester vom Küchentisch.

Sie war die kleine Ausgabe meiner Mutter. Beide besaßen einen dichten Lockenkopf und genau wie ich eine Menge Sommersprossen. Während meine Mutter zu poppigen Farben neigte – heute trug sie ein geblümtes Kleid und darunter eine Hose und Stiefel –, bevorzugte Rebecka gedeckte Töne. Das wusste ich, weil man im Haus einer Modedesignerin gewissen Fachbegriffen nicht entkam. Meine Schwester war wohl ein Herbsttyp.

„Setz dich.“ Sie klopfte auf den Stuhl neben sich.

Teller, Krapfen, Ahornsirup und Nutella standen bereit. Daneben eine große Tasse mit dampfendem Kaffee und einem Schuss Hafermilch darin. Diese Kombination war der auf mich zugeschnittene, perfekte Köder. Mit Nutella bekamen sie mich immer, das war sozusagen mein Kryptonit. Um sicherzugehen, hatten sie den Deckel bereits abgeschraubt und einen Löffel dazugelegt.

„Ich hasse euch“, verkündete ich grummelig.

„Aber das geht doch gar nicht, mein Schatz.“ Meine Mutter streckte die Hand aus, um meine Haare zu wuscheln, aber ich konnte darunter wegtauchen. „Du liebst uns.“

„Darüber habe ich noch nicht final entschieden.“

„Wie war er?“, fragte meine Schwester, zwei Sekunden nachdem ich mich gesetzt hatte.

Dass sie nicht einmal wartete, bis ich den Löffel in der Hand hielt, sagte einiges über sie aus. „Das geht dich nichts an.“ In diesem Haus gab es keine Privatsphäre.

„Du siehst ganz zerknautscht aus“, bemerkte meine Mutter. „In diesen Hotelbetten schläft man nie gut.“

„Ging schon.“ Ich kniff die Augen zusammen. Verdammt!

„Also Hotel.“ Becks nickte zufrieden. „Das ist ein Punkt für mich.“

An welcher Stelle hatte mein Leben eigentlich diesen Verlauf genommen? Vermutlich vor fünfundzwanzig Jahren, am Tag meiner Geburt. „Ihr habt schon wieder gewettet?!“

„Wetten ist das falsche Wort. Wir haben uns nur unterhalten“, korrigierte meine Mutter. „Schließlich …“ Sie sah Hilfe suchend zu Becks, die immer die besseren Ausreden parat hatte.

„… haben wir uns Sorgen um dich gemacht“, nahm diese elegant den Faden auf, während sie gleichzeitig gedankenverloren ein Papier studierte.

In diesen Augenblicken rechnete ich ihr keinerlei Chancen aus, jemals als Schauspielerin Fuß zu fassen.

„Sportlich oder Business?“, fragte sie.

„Sportlich“, erwiderte ich reflexartig.

„Der Punkt geht an mich“, stellte meine Mutter klar.

Ich verdrehte die Augen und steckte den Löffel ins Nutellaglas. Die Nugatcreme landete in Form von Klecksen und Punkten auf dem Krapfen, als hätte ich sie mit einem Pinsel dorthin geschleudert. Moderne Kunst war das allemal. Schnell stopfte ich mir den Mund damit voll.

„Passt es dir mit dem großen Löffel?“, fragte meine Schwester. „Oder brauchst du einen kleinen? Welcher Löffel ist dir lieber?“

Ich warf ihr einen tödlichen Blick zu und machte damit klar, dass ich diese Frage nicht beantworten würde.

„Berliner oder Tourist?“, fragte sie weiter.

Ich deutete auf meinen Mund und zuckte mit den Schultern. „Forry.“

„Mensch, Becky, jetzt lass ihn doch mal kauen“, sagte meine Mutter. „Mit vollem Mund …“

Meine Schwester setzte bereits zum Protest an. Sie hasste es, Becky genannt zu werden.

„Schluss jetzt“, brüllte ich und schleuderte die Krapfenkrümel davon.

Natürlich war mir klar, was die nächste Frage gewesen wäre. Meine Mutter kannte keine Grenzen. Für sie war Freiheit gleichbedeutend mit Brokkoli und Tempeh, ein Grundnahrungsmittel. Und genau deshalb ließ sie sich auch grundsätzlich nicht den Mund verbieten. Dazu gehörte auch, sich in alles – wirklich alles – einzumischen. Andere Kinder wurden durch Jugendzeitschriften oder auf dem Pausenhof aufgeklärt. Ich hatte schon mit sieben Jahren gewusst, was „nicht binär“ und „Drag Queen“ bedeutet.

Glücklicherweise verzog meine geliebte Zwillingsschwester angeekelt das Gesicht. Auch sie hatte wohl geahnt, in welche Richtung unsere Mutter als Nächstes gefragt hätte. „Also ich habe gewonnen“, beschloss sie daher. „Du könntest ruhig mal ein bisschen kreativer werden, was deine Sexpartner angeht.“

„Sag das den Touristen.“ Die Niedergeschlagenheit war zurück, und plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf Krapfen oder Nutella. „Die wollen halt immer nur Spaß.“

Meine letzte Beziehung war mit einem Knall zu Ende gegangen, als ich erfuhr, dass es neben mir noch einen anderen gab. Und obwohl ich keine Probleme hatte, Dates zu vereinbaren, wollte es einfach nicht mit etwas Ernstem klappen. Möglicherweise war mein Herz noch nicht wieder vollständig geheilt, doch nach all der Zeit sehnte ich mich nach einer Schulter zum Anlehnen. Eine, die mich nicht aus dem Hinterhalt rammte.

„Tut mir leid“, sagte meine Schwester jetzt.

Ich erwiderte ihren Blick mit einem schwachen Lächeln.

„Denk immer daran, du hast hier eine Freiheit, die viele Menschen nicht haben“, kam es erwartungsgemäß von meiner Mutter. „Der Rest kommt auch noch.“

Sie sah grenzenlose Freiheit als eine grüne Wiese voller bunter Blumen. Für mich war es ein Meer, in dem ich ertrank. Doch wenn sie von Nähe oder festen Partnerschaften sprach, legte sich stets ein Schatten über ihr Gesicht. Vermutlich hatte es etwas mit unserer Familie zu tun. Rebecka und ich wussten so ziemlich gar nichts über unsere Großeltern – sie waren früh gestorben – und über „den Erzeuger“.

„Was hast du denn heute vor?“, fragte Becks.

Manche Fragen waren einfach überflüssig. „Es ist Sonntag.“

„Und?“

„Keine Pläne“, ergänzte ich. „Ilyas ist nachher bestimmt mit Sandy auf dem Tempelhofer Feld unterwegs.“

Meine Mutter legte die Stirn in Falten. Sie liebte Tiere, aber seitdem die Dackelhündin von Ilyas einen ihrer Modeentwürfe zu Fetzen verarbeitet hatte, beäugte sie „das Tier“ mit maximaler Skepsis.

„Wenn du quasi nichts zu tun hast“, sagte meine Mutter listig, „wäre das doch die perfekte Gelegenheit, den Katalog zu erweitern. Außerdem habe ich dir die Liste mit den neuen Pop-up-Stores auf den Schreibtisch gelegt.“

Das hatte ich davon, Informatik zu studieren. Der emotionale Teil meiner Mutter war in Tränen ausgebrochen, als ich meinen technokratischen Berufswunsch verkündet hatte. Der pragmatische hatte vor Freude gejauchzt, denn damit konnte ich Websites programmieren.

„Wird gemacht“, sagte ich. „Aber ich stelle eine Bedingung.“

„Habe ich dir nicht all meine Liebe gegeben?“, begann sie sofort.

„Keine Wetten mehr über mich und meine …“

„Betthäschen“, schlug Becks vor.

„One-Night-Stands“, kam es von meiner Mutter.

„Hotelluder“, setzte Schwestermonster noch eins drauf.

Diesen Tag würde ich nutzen, um meine Rache zu planen. Oh, sie hatten ja keine Ahnung, was ihnen bevorstand.

„… potenziellen Lebensgefährten“, sagte ich.

„O Gott“, entfuhr es meiner Mutter, und das wollte schon was heißen, denn sie war alles, aber nicht religiös. „Das ist so heteronormativ.“

„Mutter!“ Ich funkelte sie an.

„Ist ja gut, ist ja gut.“

Sie wedelte mit der Hand. „Keine Wetten mehr. Für die nächsten sechs Monate, versprochen. Aber du hörst auf, mich ›Mutter‹ zu nennen.“

Ich nickte zufrieden. Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Kurzerhand tauchte ich den Löffel ins Nutellaglas und schob ihn danach in meinen Mund. Die Stuhlbeine schabten über den Boden, als ich aufstand. Die Kaffeetasse kam mit.

Von der Küche führten drei Türen ab. Keine Ahnung, welcher Architekt dieses Haus konstruiert hatte, aber dass meine Mutter es liebte, sagte schon alles. Die Zimmer der Frauen – oder wie ich sie nannte, die Frauenzimmer (jep, ein absichtliches Wortspiel) – befanden sich im Erdgeschoss. Sie hatten ihr eigenes Tageslichtbad.

Ich öffnete die Tür und stieg die Stufen hinauf, die in mein Reich führten. Ein großer Raum, an den ein kleineres Bad angeschlossen war. Da es hier im Winter meist frostig wurde und wegen der schlechten Dämmung keine Chance auf vernünftiges Heizen bestand, hatte ich nicht mal groß darum kämpfen müssen. Im Sommer war es dafür eine Sauna.

Mein Bett war eine Palette, auf der eine Matratze lag. Vor dem orangen Schreibtisch stand ein 1970er-Schalensitz. Der Fernseher war recht neu, die Couch davor von IKEA. Ein Hängesessel hing von der Decke.

Das Ganze wirkte, als habe jemand Möbelstücke aus unterschiedlichen Jahrzehnten herausgepickt und hier abgestellt. Immerhin war mein Laptop vom letzten Jahr, mit dem konnte ich arbeiten.

Mit einem Seufzen ließ ich mich auf die Matratze fallen. Sofort sah ich Kais Augen wieder vor mir. Sturmgepeitschtes Blau, darüber eine gelöste Strähne seines Haares. Das war überraschend weich gewesen, vermutlich benutzte er irgendein superedles Shampoo. Dieser akkurate Schnitt, dazu manikürte Fingernägel … er hatte eindeutig einen guten Job, bei dem er sich auch präsentabel herrichten musste.

„Der war garantiert geschäftlich hier“, murmelte ich.

Natürlich bestand die Möglichkeit, ihn einfach noch einmal über Grindr anzuschreiben. Ich zog mein Smartphone hervor. Es war keine Pushnachricht eingegangen, also hatte er sich nicht gemeldet. Vielleicht schlief er ja noch.

Wenn ich eingeschlafen war, konnte eine Bombe neben mir detonieren, nichts bekam mich wach. Und das meine ich wortwörtlich. Becks hatte sich früher immer geärgert, weil ihr blöder Bruder ständig Silvester verschlief. Als meine Mutter einmal nicht hingesehen hatte, hatte dieses Monster neben meinem Kinderbett Knallfrösche gezündet.

Ich sage jetzt nichts zur Aufsichtspflicht, die eindeutig von gewissen Erziehungsberechtigten vernachlässigt worden war. Auf jeden Fall hatte ich trotz Lärm weitergeschlafen.

Es war also durchaus möglich, dass Kai versucht hatte, mich zu wecken, und am Ende unverrichteter Dinge abgezogen war. Und wozu ein Zettel, schließlich konnten wir ja über Grindr miteinander schreiben. Alles easy.

Ich öffnete die App.

Und schloss sie wieder.

Es kam schon irgendwie klammernd rüber, wenn ich mich jetzt sofort meldete. Ein paar Stunden konnte ich warten. Gar kein Problem. Zumindest kein großes Problem.

Eine Pushnachricht ging ein. Mein Bauch vollführte einen Purzelbaum.

Es war Ilyas.

Enttäuschung pur, obwohl ich das meinen besten Freund nicht unbedingt wissen lassen sollte. Wie vermutet war er bereits auf dem Tempelhofer Feld unterwegs, damit Sandy ihre überschüssige Energie loswerden konnte. Diese Dackel sahen unschuldig aus, aber in denen steckte die Power eines Kernreaktors. Ich hatte einmal auf sie aufgepasst – der Tag des Zwischenfalls mit Moms Entwurf –, und das Tier hatte mich geschafft. Ehrlich. Am Ende war es mir egal, dass sie auf der Decke lag und mein ausgepackter Döner neben ihr.

Ich versprach Ilyas, mich gleich auf den Weg zu machen. Vermutlich lud er Nico ebenfalls ein. Der Dritte im Bunde fungierte als Alibihetero. Falls Ilyas’ Eltern uns entdeckten. Schließlich war ich der verdorbene Schwule.

In diesen Augenblicken war ich tatsächlich dankbar für die Freiheit, die meine Familie mir ermöglichte. Und diese Stadt. Ich warf meine Kleidung aufs Bett und sprang unter die Dusche. Wenigstens begann der Kaffee langsam zu wirken.

Zwanzig Minuten später war ich ausgehbereit.

Kurz vor der Tür stoppte ich, knabberte an meiner Unterlippe und rang mich schließlich dazu durch, die App noch einmal zu öffnen. Es wurde im Profil angezeigt, wann Kai zuletzt online war, da konnte ich ja einen Blick riskieren.

Ich ging auf die Favoritenseite, wo er abgespeichert war.

Mein Magen sackte ab.

Sein Profil war gelöscht.

Was bedeutet echte Verbundenheit in unsicheren Zeiten?

„Ein großartig geschriebener Roman über die Verheißung der Jugend, die Suche nach Seelenverwandten und der eigenen Berufung.« Oprah Daily

Die letzten AmerikanerDie letzten Amerikaner

Roman

Was kommt nach den Träumen?

Es ist ein Jahr des Aufbruchs: Seamus, Fyodor, Iwan, Noah und Fatima bleibt nicht mehr viel Zeit, um über ihre Zukunft zu entscheiden. In ihrem letzten Jahr in Iowa City, einer verschlafenen Universitätsstadt im Mittleren Westen, fragen die Liebenden und Freunde sich: Worauf setzt man im Leben? Arbeit, Liebe, Geld, Tanz, Poesie? Und wie sieht wahre Verbundenheit in einer Zeit des Umbruchs und der Krisen aus?

Feinfühlig und unerschrocken erzählt Brandon Taylor von Freundschaft und radikaler Selbstoffenbarung, Herkunft und Ambition – und erweist sich erneut als exzellenter Chronist unserer Gegenwart.

„Brandon Taylor verfügt über ein Feingefühl, so unerschöpflich und elegant, wie wir es nur von Klassikern kennen, und schreibt zugleich geschliffen scharf über die Gegenwart.“ Emma Cline

„Scharfsinnig, intim, urkomisch, ergreifend ... Ein großartig geschriebener Roman über die Verheißung der Jugend, die Suche nach Seelenverwandten und der eigenen Berufung.“ Oprah Daily

„Taylor hat das Talent, unseren schnöde dahinsurrenden Alltag in Poesie zu verwandeln.“ The New York Times Book Review

„Taylors Romane sind so groß, dass sie die ganze Welt enthalten.“ Esquire

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„Charmant-dreist und hinreißend zärtlich.“ ― Queer.de

„Eigentlich lag ich immer daneben. Neben den Jungs und neben den Mädchen, neben der richtigen Antwort und noch wichtiger: neben der richtigen Frage.“

Blick ins Buch
Die Geschichte meiner SexualitätDie Geschichte meiner Sexualität

Roman

„Dieser Debütroman hat das Zeug dazu, ein Hit zu werden.“ NRC Handelsblad

„Das neue literarische Talent 2021“ Vogue

Eigentlich lag Sofie immer daneben. Bei den Jungs und bei den Mädchen, bei der richtigen Antwort und noch wichtiger: bei der richtigen Frage. Mit siebzehn plante sie ihre Solide Entjungferung mit Walter, die immerhin keine Enttäuschung war, aber doch irgendwie Wahnsinn. So Wahnsinn wie ein Flugzeugabsturz, überwältigend und nicht so richtig gut. Einige Jahre später hat sie es aufgegeben, die Frau zu werden, die andere in ihr sehen. Sie trägt die Haare raspelkurz, schwärmt für Jennifer, Muriel und Frida.

„Ein Debüt, wie man es selten erlebt. Die Entdeckung einer ganz eigenen Stimme, voller Bravour und Mumm!“ Ruth Joos, VPRO

Wie Sofie fast zum Star der lesbischen Community von Amsterdam wird, unter heftiger Verliebtheit leidet und doch darum ringt, andere nah an sich heranzulassen, davon erzählt Tobi Lakmaker in seinem gefeierten Debütroman. Mit charmant-dreistem Witz und hinreißender Zärtlichkeit schreibt er von den Räumen zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, von queerer, fluider und Trans-Identität – und davon, dass wahre Intimität dort beginnt, wo wir alle Kategorien vergessen.

„Wenn Sie mich fragen, stößt Lakmaker Sally Rooney vom Thron.“ Jozedien van Beek, De Standaard

„Beißend, witzig und manchmal traurig, mit einem Touch Salinger.“ De Morgen

Meine Mutter ist eine Vaterjüdin

Meine Mutter hat immer gesagt: „Unsere Freunde sind nicht reich, sie haben bloß im richtigen Moment ein Haus gekauft.“ Meine Eltern haben in ganz genau dem richtigen Moment gekauft: in der Jacob Obrechtstraat 7 – im Herzen von Oud-Zuid. Jemand hat mir mal erklärt, in Amsterdam Oud-Zuid wohnten zwei Sorten von Menschen: ordinär Reiche und intellektuelle Juden. Ordinär reich waren wir nicht, wenn ich meinen Eltern glauben darf, Juden waren wir auch keine – meine Mutter war nur eine Vaterjüdin –, und als ich meinen Vater mal gefragt habe, was ein Intellektueller sei, antwortete er: „Ich kenne nur einen: Wilfred Oranje.“

Mit zwanzig habe ich eine Weile im alten Zimmer von Wilfred Oranje gewohnt, denn der war inzwischen tot, und immer, wenn ich dort wach wurde, sah ich Hunderte von Büchern von Sigmund Freud um mich herum. Lange habe ich es dort nicht ausgehalten. Ich wollte zwar auch eine Intellektuelle werden, aber jedes Mal, wenn ich ein Buch las, fielen mir die Augen zu. Ich kann es nicht ändern: Wenn ich zu lange auf Werke von Männern starre, die aussehen wie Sigmund Freud, fallen mir einfach die Augen zu.

Von meinem achtzehnten bis zweiundzwanzigsten Lebensjahr habe ich versucht, mir alle möglichen Sigmund Freuds einzuverleiben, doch was hatte ich am Ende davon? Nur das deutliche Gefühl, dass ich nicht Sigmund Freud war. Genauer gesagt: dass ich kein Mann war, sondern eine Frau. Damit tat ich mich sehr schwer – mit dem Frausein. Man wollte, dass ich meine Haare lang wachsen lasse. Natürlich sagt dir das nie jemand ins Gesicht, aber wenn Leute wollen, dass du etwas unbedingt schluckst, machen sie ja meist nicht den Mund auf. Sie lassen es dich wissen.

Inzwischen habe ich sehr kurze Haare und gehe in eine Selbsthilfegruppe für Transgender. Willst du mehr darüber wissen? Ruf mich gerne an. Ich bin überhaupt nicht transgender, sondern einfach nur jemand, der gerne Frauen penetriert und es leid ist, dafür ständig Geräte anschaffen zu müssen. Die Teile kosten ein Schweinegeld, und zu oft weiß man nicht, was man mit dem sauteuren Ding anfangen soll, weil es plötzlich schief in die Gegend ragt. Wisst ihr, womit ich echt durch bin? Mit Schieflagen jeglicher Art.

Natürlich hätte ich auch Bücher von Menschen lesen können, die nicht wie Sigmund Freud aussehen – von Frauen zum Beispiel oder schwarzen Männern. Oder noch besser: schwarzen Frauen. Aber Fakt ist doch, dass die nie zum Kanon gehören. Dieser beknackte Kanon. Und ich weiß, jetzt denkt ihr: „Woolf gehört doch auch zum Kanon, Baldwin gehört doch auch zum Kanon.“ Wollt ihr eine ehrliche Antwort? Von Baldwin will ich mir schon lange ein Buch kaufen, und bei Virginia Woolf sind mir genauso die Augen zugefallen. Unmittelbar nachdem sie die Blumen kaufen wollte, fielen mir die Augen zu.

Als ich ungefähr siebzehn war, setzte ich mir in den Kopf, ein Genie zu werden. Das Ärgerliche an Genialität ist nur, dass es sich damit genauso verhält wie mit Homosexualität: Man wird es nicht, man ist es. Heißt es. Wenn ihr mich fragt, waren alle Genies einfach Menschen, die es schafften, nicht ans Telefon zu gehen, wenn die Welt mal wieder was von ihnen wollte, um sich derweil auf etwas zu konzentrieren, worauf die Welt dann rein zufällig gewartet hatte. Na egal, jedenfalls: Ich ging auch oft nicht ans Telefon, so oft, dass meine Freundinnen mir die Freundschaft kündigten. Stattdessen fingen sie an zu lästern. Sie sagten, dass mit mir was nicht stimme, dass ich ja wohl lesbisch sein müsste, so, wie ich Zahra ansehen würde. Recht hatten sie – in allen Punkten.

Weil mich meine Freundinnen fallen gelassen hatten, hing ich immer öfter mit Felix und Chiel ab. An unserem weißen und elitären Gymnasium waren sie am weißesten und elitärsten, und das gefiel mir. In den Pausen sagte Chiel meist nur einen Satz: „War’s das jetzt?“, und dann nickte Felix. Ich nickte ebenfalls, aber eigentlich wusste ich nicht so genau, was er damit sagen wollte. Ich wusste nur, dass er recht hatte, denn das hatten sie, die weißen, elitären Typen. Ich selbst hatte selten recht, und das ging mir mit der Zeit ziemlich auf den Geist.

Eigentlich lag ich immer daneben. Bei den Jungs und bei den Mädchen, bei der richtigen Antwort und noch wichtiger: bei der richtigen Frage. Man kann so viele Antworten haben, wie man will, wenn einem die richtige Frage fehlt, redet man bloß im luftleeren Raum. Das immerhin ist mir inzwischen klar geworden. Mir ist klar geworden, dass Antworten einer Frage vorangehen. Und solange die nicht stimmen, wirst du eins immer behalten: unrecht.


Walter, der Recruitment Consultant

Die Geschichte meiner Sexualität geht so: Seit jeher bin ich auf der Suche gewesen nach jemandem, der die Türen und Fenster schließt und sagt: Jetzt ist alles gut. Konkreter stand ich erst auf Männer und dann auf Frauen, natürlich schon immer auf Frauen, auf Muriel, die rothaarige Nachhilfelehrerin mit den langen Beinen, auf welche Frau stand ich denn bitte nicht, und doch waren meine Augen oder irgendwas anderes Essenzielles verschlossen. Das spielt aber eigentlich keine Rolle.

Ich wurde von Walter, dem Recruitment Consultant, entjungfert, aber damit will ich mich nicht allzu lange aufhalten. Er wählte die Liberalen, und wenn es mir echt nicht gelang, irgendeine Erregung zu spüren, versuchte ich, daran zu denken, wegen dieses schrägen Zusammenhangs zwischen dem Geilen und dem Verhassten.

Ich wurde in der Sarphatistraat entjungfert, in einem Haus am Weesperplein, aus dem ein Fahnenmast ragt. Daran erkenne ich es noch heute, denn der Mast erinnert mich an Walters dicke und aufdringliche Erektion. Walter war sehr lieb. An dem Abend sagte er: „Ich glaube, ich bin nervöser als du.“ Er war tatsächlich nervöser als ich. Mir ging das alles, um ehrlich zu sein, am Arsch vorbei.

Warum ich unbedingt entjungfert werden wollte? Ich wollte meine S. E. hinter mir haben. Meine S. E. – das war meine Solide Entjungferung. Ich schwänzte den Unterricht oft mit Milan in der Coffee Company, und unser Gespräch kreiste immer nur um unsere zukünftige S. E. Vor allem kreiste es um die sorglose und wilde Zeit danach. Die S. E. sollte vor unseren Kindern als Alibi fungieren, denn zweifellos würden die irgendwann mit der Frage kommen: „Mit wem war eigentlich dein erstes Mal?“ Und dann könnten wir darauf eine grundsolide Antwort geben.

Milan wurde letztendlich in der Toilette der Amsterdamer Uniklinik entjungfert – er hatte angefangen, Medizin zu studieren. Und ich wie gesagt von Walter, in der Nacht vom 1. auf den 2. September 2011. Wir trafen uns danach noch ein Weilchen, nicht weil mir an dem Kontakt so viel gelegen hätte, sondern weil die Solidität es erforderte.

Walter und ich hatten uns im Mazzeltof kennengelernt, kurz nachdem ich Matthijs van Nieuwkerk gesimst hatte. Eigentlich wäre ich viel lieber mit Van Nieuwkerk ins Bett gegangen, aber er hat mir nie auf meine SMS geantwortet. Mein Bruder hatte mir seine Nummer gegeben, denn der hatte jede Menge Connections. Danach sehnte ich mich mit siebzehn: Sex und jede Menge Connections.

Um mich auf meine SMS an van Nieuwkerk konzentrieren zu können, hatte ich mich in eine Snackbar um die Ecke verzogen. Als ich ins Mazzeltof zurückkam, sah ich Walter da stehen und küsste ihn direkt auf die Wange. Hinten in der Kneipe saß Betsie. Ich ging zu ihr und sagte: „Der wird’s.“ Seit ich Betsie kannte, war sie immer minimal hübscher gewesen als ich, weshalb es die Hölle war, mit ihr auszugehen. Ich war ständig zweite Wahl. Darum musste ich Männer davon überzeugen, dass es nur eine Option gab: mich, Sofie Lakmaker.

Um Walter von Betsie fernzuhalten, bot ich an, die nächste Runde zu holen. An der Bar versuchte ich, Blickkontakt herzustellen. Walter sah mich furchtbar ängstlich an, und um ihn zu beruhigen, gab ich ihm das Bier, das für Betsie bestimmt gewesen war. Ich sagte: „Wir könnten jetzt rumknutschen.“

„Ich mag keine selbstbewussten Frauen“, antwortete er. Ich nickte, und dann knutschten wir rum.

Eine Woche später verabredeten wir uns im Lempicka. Er erzählte mir, er komme aus Heerlen und sein Opa habe eines Tages entdeckt, dass man altes Frittierfett in Biodiesel umwandeln könne, weshalb seine Eltern jetzt einen Pool im Garten hätten. Ich erzählte ihm, dass ich Philosophie studieren wolle. Woraufhin er mir vorwarf, ich sei links. Ich erwiderte, er sei rechts, und schlug vor, zu ihm zu gehen.

Wir haben dann auf seinem Bett noch ein bisschen weiter rumgeknutscht, und nach einer Viertelstunde sagte ich: „Lass es uns einfach machen.“ Walter litt Höllenqualen, das merkte ich wohl, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Zumindest dachte ich das. Er war sechsundzwanzig und ich wie gesagt siebzehn, und das ist ja das Verrückte: Je mehr Zeit einem bleibt, desto eiliger hat man es. Ich weiß noch, dass er etwas zu knappe Boxershorts trug, die immer knapper wurden durch seinen halb steifen Schwanz. Später stellte sich heraus, dass Walter durchgängig einen Halbsteifen hatte, weswegen er sich ständig einen runterholen musste. Eine Zeit lang wollte er, dass ich das tue, aber ich war offenbar zu grob.

Freundinnen von mir hatten auf ihre Entjungferung schwer enttäuscht reagiert. Alle sagten: „Das soll es gewesen sein?“ Ich dagegen fand es Wahnsinn. Vielleicht nicht im rein positiven Sinn, eher so, wie ein Flugzeugabsturz Wahnsinn ist: überwältigend und so, dass man es womöglich nie in Worte fassen kann. Walters Schwanz war überall. Nach einer Weile sagte er: „Ich hätte gerne, dass du ihm ein Küsschen gibst.“ Ich fand das eigentlich albern, habe es dann aber doch getan. Wenn man nie etwas tut, was man albern findet, geht auch nichts voran.

Nachdem Walter gekommen war, sagte er: „Versprichst du mir, dass wir es nie wieder so machen?“ Damit meinte er, ohne Kondom. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es dazu kam – man kann nicht behaupten, dass es dem Zauber des Augenblicks geschuldet gewesen wäre. Das Ganze dauerte Stunden. Ich habe zwar mal erwähnt, ich sei zu „Everywhere“ von Fleetwood Mac entjungfert worden, und das Lied lief tatsächlich irgendwann, aber wenn man’s genau nimmt, bedurfte es der kompletten Geschichte der westlichen Popmusik.

Als ich aufwachte, stand Patrick im Türrahmen. Patrick war Walters Mitbewohner, und wenn ich ehrlich bin, fand ich ihn um einiges attraktiver als Walter. Sein Haar war streng nach hinten gekämmt. Wie Walter kam er aus Limburg, nur dass er das G weniger weich aussprach. Eigentlich sah Patrick aus wie ein Arschloch, aber genau das gefiel mir. Er sah zumindest nach irgendwas aus. Walter sah aus wie jemand, der in der Metro neben einem steht und den man dann fragt, ob man mal vorbeidarf. So einer war Walter.

Patrick war auf der Suche nach seiner Krawatte, und als ich mich umdrehte, um Walter zu fragen, sah ich, dass das Bett ansonsten leer war. Er war schon zur Arbeit gefahren, wo er Leute recruiten musste. Fragt mich nicht, worum es da ging, aber er verdiente eine Menge Geld. Walter war in Utrecht beschäftigt, und ich fand das ziemlich deprimierend. Vielleicht war das sogar meine größte Angst: irgendwann mal irgendwo beschäftigt zu sein. Erst recht in Utrecht.

Patrick arbeitete bei einem Start-up in Amsterdam, und als ihm auffiel, dass Walter nicht da war, hörte er gar nicht mehr auf zu grinsen. Er fragte, ob wir es denn nett gehabt hätten. Ich antwortete, dass wir es furchtbar nett gehabt hätten, doch darüber erschrak er ziemlich. Die Leute mögen es nicht besonders, wenn man das Wort „furchtbar“ zu oft benutzt. Vielleicht, weil das zu selbstbewusst klingt.

Patrick blieb dann noch eine Viertelstunde im Türrahmen stehen, und dadurch verspannte ich mich ein bisschen. Ich hatte nämlich absolut gar nichts an, und ich glaube, das wusste er auch. Sich nackt mit jemandem zu unterhalten, dem nur die Krawatte fehlt, sorgt für ein gewisses Gefälle. Schließlich sagte ich: „Und jetzt lese ich das Quote 500.“ Dieses Ranking der reichsten Niederländer lag neben Walters Bett, zusammen mit ein paar Büchern voller Ratschläge, wie man mit minimalem Aufwand einen Haufen Geld machen kann. Einfach altes Frittierfett in Biodiesel umwandeln, würde ich sagen, aber das ist wohl doch nicht alles.

Kurz nach meiner Entjungferung zogen Patrick und Walter in ein Haus in Zeeburg. Das hatten sie vom frisch gewählten Bürgermeister Van der Laan gekauft, denn der zog natürlich in seine Amtswohnung. Er hinterließ eine ganz ordentliche Hütte. Sie wurde allerdings von Patricks Flamme Lianne eingerichtet, und die hatte einen fürchterlichen Geschmack. Lianne war Zahnarzthelferin, ein Beruf, der sich in der Wahl des Mobiliars niederschlug. Eigentlich hatte man in diesem Haus an der Ertskade ständig das Gefühl, man wäre zum Zähneziehen da.

Und wer glaubt, Liannes Anschlag auf die Einrichtung sei nicht zu toppen, kennt Patrick schlecht. Der verteilte nämlich im ganzen Haus Bücher von Kluun. Ich schwör’s euch: Wohin man guckte, überall lag so ein widerliches Buch. „Super Typ“, sagte Patrick jedes Mal über ihn. Das ging mir wahnsinnig auf die Nerven. Trotzdem war er immer noch ein unterhaltsamerer Gesprächspartner als Walter – mit dem sprach ich damals kaum noch. Der wollte mich die ganze Zeit dazu bringen, Bücher zu lesen, die einem helfen, den eigenen Körper kennenzulernen, aber dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Deshalb hielt ich mich beim Frühstück und in anderen müßigen Momenten einfach an Patrick und Lianne. Bei denen war wenigstens was los, wisst ihr? Lianne war streng gläubig, und um sie zu ärgern, sagte Patrick ständig „Gott verdammt“. Dann sah er mich feixend an, woraufhin wir beide losprusteten. Super Typ, dieser Patrick.

Am 22. November 2011 postete Walter auf Facebook, dass er Single und auf der Suche sei. Wütend rief ich ihn daraufhin an, und obwohl er im Auto saß, ging er direkt dran. Er hatte so eine Freisprechanlage. „Schätzchen“, sagte er, „du bist siebzehn.“ „Aha“, sagte ich. Kurz hörte ich nur das Rauschen der A 2, und dann flüsterte er: „Wenn du dreiundzwanzig wärst, hätte ich dir sofort einen Heiratsantrag gemacht.“ Das war natürlich genauso albern, und es gibt Tage, an denen ich mich frage, was wohl aus uns geworden wäre, wenn wir das einfach durchgezogen hätten. Wahrscheinlich wäre ich jetzt auch irgendwo beschäftigt, und vielleicht wäre das gar nicht mal so schlimm.

Nenn es Liebe

2018 wurde ein sehr schlechtes Buch über mich geschrieben: Liebe. Selbst hätte ich es vielleicht Nenn es Liebe oder so ähnlich betitelt, denn das, was zwischen mir und dem Autor war, hatte mit Liebe nur sehr entfernt zu tun. In dem Buch heiße ich „das Mädchen A.“, aber das ist halt Unsinn. Ich heiße ganz einfach Sofie Lakmaker. Ich habe nur Rezensionen gelesen, nicht das Buch selbst, und die waren vernichtend. Das reicht mir. Manche Leute behaupten, Rezensenten seien auch nur Menschen, aber ich glaube das nicht. Meiner Meinung nach haben sie immer recht und befriedigen damit ein fast seit meiner Geburt bestehendes Bedürfnis: recht zu haben und Menschen nahe zu sein, die dieses Recht für sich in Anspruch nehmen.

Auf dem Cover ist ein sehr hübsches Mädchen drauf, viel hübscher, als ich es bin – oder zu der Zeit war, in der ich mit Lusche D. – so nenne ich ihn jetzt mal – zusammen war. Wahrscheinlich merkte Lusche D. das auch nach einer Weile, konnte es aber nicht mehr korrigieren, denn dank der schlechten Kritiken gab es natürlich keine zweite Auflage.

Meine Mutter sagte, Rache sei ein Gericht, das man am besten kalt serviert, doch ich weiß eigentlich gar nicht so genau, ob ich darauf aus bin. Vielleicht haben die Rezensenten schon für mich Rache genommen, oder vielleicht ist Rache einfach nicht so wichtig. Rache ist etwas für nachtragende Menschen – ich bin vor allem traurig.

Ich lernte Lusche D. kennen, als ich vier war, und das war natürlich nicht der Moment, in dem wir zusammenkamen, denn er war damals zwölf. Er war der beste Freund meines Bruders Daniel und wollte nie bei uns zu Hause spielen, sondern immer bei sich. Meine Eltern misstrauten ihm deshalb sofort, aber ich habe mich mit so was wie Misstrauen eigentlich nie lange aufgehalten. Erst recht nicht mit vier.

Wir sahen uns zum ersten Mal seit langer Zeit auf Daniels Geburtstag wieder. Ich war gerade von Walter, dem Recruitment Consultant, entjungfert worden, und davon erzählte ich ihm in allen Einzelheiten. Während ich redete, sah ich ein glühendes Interesse in seinen Augen, und ich glaube, diesen Blick konnte man wie folgt interpretieren: „Eine Frau, die spricht.“

Später radelten wir zusammen nach Hause, und ich musste ganz dringend. Ich pinkelte auf die Straße, und wieder sah ich diesen Blick: „Eine Frau, die pinkelt.“ Lusche D. hat mir unglaublich viele Erkenntnisse zu verdanken. Ein paar Monate später schickte er mir eine SMS: Ob ich mit der Schule fertig sei. Ich antwortete, dass ich einen Schnitt von 7,8 hätte, und dass der eigentlich bei 8,3 läge, wenn man nur die schriftlichen Prüfungen betrachtete.

Zur Feier des Tages gingen wir im De Wetering was trinken, wo ich ihn fragte, ob er mit seinem Geschlecht zufrieden sei. Er antwortete, dass er bisher niemanden habe klagen hören. Dann fragte er mich natürlich, was ich mit meinem Leben anfangen wolle, denn es gibt wirklich niemanden, der dir diese Frage nicht stellt, wenn du achtzehn bist, und ich weiß eigentlich nicht mehr, was ich darauf antwortete. Ich meine, ich sagte nichts, und dann, dass meine Mutter Krebs habe. „Das ist ja Scheiße“, sagte er.

Als das De Wetering schloss, zogen wir um ins De Spuyt. Das war echt eine geschmacklose Kneipe, und ein paar Stunden später zogen wir weiter in eine noch geschmacklosere: das Mazzeltof. Es war mir wirklich scheißegal, ob ich Walter da traf. Eigentlich hoffte ich, Lianne und Patrick zu begegnen. Ich wollte ihn fragen, ob er Kluun immer noch für einen super Typen hielt. Aber er war nicht da, und auch Lianne war nirgends zu entdecken.

Das Angenehme an Walter war gewesen, dass ich mit ihm zusammen sein konnte, ohne mich auf ihn konzentrieren zu müssen. Lusche D. dagegen stellte mir ständig Fragen. Schließlich stellte ich ihm eine Frage, nämlich: „Meinst du, Daniel findet das hier schlimm?“ Er sah mich an und schwafelte dann bedächtig was von Mädchen, die eines Tages Frauen werden. Das fand ich ein bisschen ermüdend: all die Erkenntnisse von Lusche D. über Mädchen und Frauen und den Moment, in dem sich die einen in die anderen verwandeln.

Daniel fand es schrecklich, glaube ich. Ein paar Wochen später saß ich mit ihm in einer Kneipe und sagte: „Lass uns über Lusche D. reden.“ „Nö“, antwortete er. Das Verrückte an Daniel ist, dass man das dann auch echt nicht tut. Ich jedenfalls nicht. Er sagte bloß, dass es seiner Meinung nach eine gute Idee wäre, wenn ich für ein Weilchen nach Prag zöge. Und das Verrückte an Daniel ist, dass man das dann auch echt in Betracht zieht.

Jedenfalls sind Lusche D. und ich nach dem Mazzeltof noch eine Weile durch die Straßen gelaufen. Wir wollten einander natürlich küssen, aber trauten uns beide nicht. An der Ecke zur Ruysdaelkade sagte ich: „Come on, son.“ Und dann haben wir uns geküsst. Es war schon wieder hell geworden, und das Leben atmete zahllose Möglichkeiten, wenn ihr mich fragt.

Wenig später zog ich so gut wie bei ihm ein. Er wohnte in der Nieuwe Looiersstraat, gegenüber von dem Pilatesstudio, in das meine Mutter ging. Deshalb guckte ich immer erst aus dem Fenster und hielt Ausschau nach ihrem Fahrrad, bevor ich zur Tür raustrat. Meine Mutter hatte ihr Fahrrad gelb lackiert, weil sie dachte, dass es dann nicht mehr gestohlen würde. Zwei Dinge verlor sie ständig: Fahrräder und Kontaktlinsen.

Meistens aß sie sie, ihre Linsen. Sie nahm sie zum Reinigen in den Mund, vergaß dann aber, dass sie da schon ein Kaugummi drin hatte. Ganze Hypotheken sind für die Kontaktlinsen meiner Mutter draufgegangen. Ihre Fahrräder verlor sie etwas weniger oft, und der Trick mit dem Gelb hat wirklich eine Zeit lang funktioniert. Eines Tages sah ich sie allerdings wieder auf der Straße herumtasten: Sie hatte sowohl ihre Kontaktlinsen als auch ihr Fahrrad verloren. Und so irrte sie durch die Gegend, emsig auf der Suche nach ihrem Fahrrad. Meine Mutter glaubte nämlich, dass Diebe ihr Fahrrad bei genauerer Betrachtung so hässlich fänden, dass sie es an der nächsten Ecke einfach wieder abstellen würden.

Eigentlich kann ich gar nicht sagen, warum ich bei Lusche D. einzog. Genau genommen gibt es viele Dinge, die ich nicht so richtig verstehe, und da rede ich dann gerne ein bisschen drum herum. Ich vermute, dass ich mich bei ihm sicher fühlte, aus dem einfachen Grund, dass seine Welt Ränder hatte. Zwar nicht die stabilsten Ränder; Ränder voller Ängste und Ambitionen. Aber es waren welche, und so was fehlt einem mit achtzehn meistens.

Genau das tat ich bei ihm zu Hause: mich an den Wänden entlanghangeln, die komplett mit Seufzenden Männern vollgehängt waren. An jeder Wand hing einer: Ernest Hemingway, Jack London, Nick Drake. Lusche D.s Haus war eine Art Selbstmordparadies, und an manchen Tagen hatte ich das Gefühl, er wolle sich ihnen so bald wie möglich anschließen. Das wäre sicher auch passiert, wenn seine Lektorin dem nicht einen Riegel vorgeschoben hätte.

Mein Gott, diese Lektorin! Sie rief ihn ungefähr alle halbe Stunde an. Nicht um zu fragen, wo sein Manuskript bleibe, nein, sie fragte nur, ob er genug Obst im Haus habe. Die Frau machte mich wahnsinnig. Jedes Mal, wenn wir einander begegneten, sagte sie so was wie: „Und du bist ein bisschen zu jung für Lusche D.“ Dann schaute ich sie nur glasig an und dachte: Und du bist ein bisschen zu alt. Ich habe noch nie jemanden so verliebt gesehen. Vielleicht wäre alles gut geworden, wenn ich nur einen Bruchteil der Gefühle empfunden hätte, die sie für Lusche D. hegte.

Jedes Mal, wenn sie sichergestellt hatte, dass er genügend Äpfel im Haus hatte, erzählte sie ihm, wie brillant er sei. Mir fielen dann regelmäßig fast die Augen zu. Und alle glaubten ihr, weil sie irgendwann mal mit Harry Mulisch zusammengearbeitet hatte. Na, wenn ihr mich fragt, ist das eigentlich Grund genug, um nicht mehr ans Telefon zu gehen. Es sei denn, man will echt sehr schlechte Bücher schreiben, die neunhundert Seiten zu lang sind. Und genau das tat Lusche D.: sehr schlechte Bücher schreiben, bei denen man wirklich bei jeder Zeile denkt: „Also, das kommt mir jetzt überflüssig vor.“

Aber es war mir total egal, versteht ihr, dass er so schlechte Bücher schrieb. Ich fand es einfach nett mit ihm. Mein Partner braucht echt nicht übermäßig talentiert zu sein. Was ich allerdings ein bisschen störend fand: dass er mich ständig als seine Muse bezeichnete. Ob ihr’s glaubt oder nicht, ich inspirierte ihn. Für so einen Quatsch muss man mich wirklich nicht wecken. Lass mich in Gottes Namen einfach weiterschlafen, wenn ich deine Muse bin. Eine etwas zu junge, schnarchende Muse: Das war ich.

Selbst schrieb ich nicht, oder jedenfalls nicht echt, wie ich es damals nannte – ich arbeitete im Bagels & Beans. Davor hatte ich drei Tage in einem Restaurant in der Roelof Hartstraat gearbeitet, aber da hatte der Chef am zweiten Tag gefragt, wer ihm in der Pause einen blasen wolle. Da wollte ich natürlich direkt wieder aufhören, aber er fand, dass ich ihm diese Gefälligkeit noch schuldig sei.

Bei Bagels & Beans habe ich es nicht viel länger ausgehalten. Oder eher: Sie haben mich nicht viel länger ausgehalten. Nach meinem Probemonat hinterließen sie eine Nachricht auf meiner Mailbox: „Sofie, du bist ein superliebes Mädchen, aber echt zu verträumt für uns.“ Wärt ihr dabei gewesen, hättet ihr das sicher ähnlich gesehen. Ich vergaß alles. Ich gab nicht mal die Bestellungen durch – die Leute bekamen einfach kein Essen.

Aber ich will ehrlich zu euch sein: Eine große Dichterin, das wollte ich werden. In der Woche, nachdem ich bei Bagels & Beans rausgeflogen war, erreichte meine Kreativität ihren Höhepunkt. Da meine Eltern nicht wissen durften, dass ich gefeuert worden war, radelte ich jeden Tag kreuz und quer durch die Stadt. Ich trank an verschiedensten Orten Kaffee und kritzelte da und dort was zusammen. Es war, als würde ich verschwinden, und genau das hatte ich auch vor: weggehen und wiederkommen, wenn ich alle Erwartungen übertroffen hätte. Langfristig geht so was nicht, denn man muss sich immer und überall verantworten, doch diese eine Woche lang klappte es.

An einem meiner letzten verschwundenen Tage saß ich im Eye, wo ein Junge und ein Mädchen neben mir ein Sandwich aßen. Das Mädchen war echt hübsch. Ich war nicht echt hübsch. Ich war manchmal hübsch. Ich schrieb:

 

Ich bin recht hübsch,

aber bleibe es nicht,

komme nur ab und zu vorbei,

um zu gucken, wie andere mich ansehen.

 

Damit komme ich zu einem sehr wesentlichen Punkt: mein Äußeres. Am liebsten lief ich den ganzen Tag in meinem Trainingsanzug von Real Madrid rum. Nur kamen dann immer wieder diese Abende, mit Menschen, mit Blicken, mit Bier, und sie riefen: Wir wolln was fürs Auge! Dann gehorchte ich. Ich zog eine Hose an, die am Hintern gut saß, trug Foundation auf, sodass meine Haut perfekt schien, und glättete mein Haar.

Ohne geglättetes Haar war ich, wenn ihr mich fragt, wenig bis nichts wert. Bei Walter tat ich all das auch, aber den sah ich eben nur so flüchtig: Er musste immer wieder zurück nach Utrecht. Mit Lusche D. war ich dagegen so gut wie pausenlos zusammen, da kann man so was nicht durchhalten. Schwer zu erklären, aber es kommt der Moment, an dem man erstickt. Wer lange genug manchmal hübsch ist, erstickt. Das könnt ihr mir glauben.

Eine weitere Frucht der Woche, die auf meinen Rauswurf bei Bagels & Beans folgte, war ein Gedicht über mein Perineum. An mein Perineum, eigentlich. Es war ein Entschuldigungsschreiben, weil mein Perineum ständig mit dem Ergebnis eines so unaufrichtigen Genusses konfrontiert wurde. Der Sex mit Lusche D. war nämlich schrecklich. Wirklich schrecklich. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll – und ob ich anfangen soll. Er lief jedenfalls immer gleich ab: Wir saßen bei ihm auf der Couch, und dann küssten wir uns. Ein bisschen leidenschaftlich, ein bisschen furchtbar gleichgültig. Dann stand er auf – das hasste ich, ich wollte nie, dass er aufsteht –, und wir gingen zusammen ins Schlafzimmer. Dort legten wir uns hin: ich unten und er oben.

Die Frage ist, wie weit ich hier ins Detail gehen sollte. Es läuft darauf hinaus, dass etwas sehr Eintöniges geschah, bei dem ich die ganze Zeit dasselbe Geräusch machte und er die ganze Zeit denselben Gesichtsausdruck hatte. Nachher verließ er das Zimmer und blieb ungefähr zehn Minuten weg. Ich bin nie dahintergekommen, was in jenen zehn Minuten passierte. Wenn er wiederkam, warf er mir ein Handtuch zu. Dann fühlte ich mich immer wie eine Nutte. Aber das Gefühl wurde regelmäßig von der Erleichterung abgelöst, dass diese Prozedur wieder einmal vorbei war.

Inzwischen habe ich Freundinnen, die sagen: „Ach Soof, Heterosex ist einfach so schlecht.“ Aber das glaube ich nicht. Sie müssen da doch auch Spaß dran haben. Ich jedenfalls nicht, so viel steht fest.

Ein paar Monate nach unserem Kuss auf der Ruysdaelkade fuhren Lusche D. und ich für ein verlängertes Wochenende an den Lido. Auf Wikipedia steht: „Dieser Badeort ging in die Weltliteratur ein, weil dort Thomas Manns Roman Der Tod in Venedig spielt.“ Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich glaube, ich hätte es auch schreiben können. Irgendwas starb in mir an jenem Wochenende. Was genau, weiß ich nicht, vermutlich jedoch: der Glaube daran, dass es gut ausgeht. Mit mir und Lusche D., und noch viel wichtiger: mit mir und dem Musendasein.

Ach Gott, die Musen. Ich habe an jenem Wochenende eine kennengelernt, und was für eine. Sie war die Frau eines Schrecklich Berühmten Autors, und ich würde sie gerne beim Namen nennen, aber der ist mir gerade entfallen. Vielleicht habe ich ihn auch nie gekannt. Schätzungsweise hat sie sich mir vorgestellt als: die Muse eines Schrecklich Berühmten Autors.

Lusche D. musste ihn für Vrij Nederland interviewen, weil er womöglich den Literaturnobelpreis gewinnen würde. Er genoss nämlich den ruhmreichen Ruf eines angesehenen europäischen Schriftstellers. Die EU stand damals mal wieder unter Druck, und deshalb hielt es jeder für eine gute Idee, den Preis an einen Wahren Europäer zu vergeben. Bei mir genoss dieser Mann allerdings vor allem den Ruf eines Üblen Lüstlings. Er bekam den Nobelpreis in dem Jahr nicht, hat aber noch Chancen: Wenn derzeit eine Gruppe besonders unter Druck steht, dann wohl die der Üblen Lüstlinge.

Am Abend nach dem Interview gingen wir zu viert essen: Lusche D. und ich zusammen mit dem Widerling und seiner Frau. Das Erste, was der Widerling zu mir sagte, war, dass ich mit offenen Haaren sicher noch besser aussähe, und das hatte er gut erkannt. Ich hatte allerdings vergessen, meinen Haarglätter mit nach Venedig zu nehmen, deshalb war das nicht zu ändern. Nach dieser Bemerkung sprach er über die Conditio humana, und dazu hatte ich eigentlich auch was zu sagen, doch wann immer er sprach, wandte er sich ausschließlich an Lusche D.

Deshalb redete ich irgendwann nur noch mit der Frau des Widerlings, und die fand ich ziemlich ermüdend. Wir entdeckten, dass sowohl sie als auch mein Vater für das Rijksmuseum gearbeitet hatten, und ich hoffte, sie würde mir verraten können, was er da getan hatte, denn das verstand niemand. Meine Mutter sagte immer: „Es könnte sein, dass dein Vater eigentlich für den Geheimdienst arbeitet.“ Wer weiß. Mein Vater hat darüber nie ein Wort verloren. Ganz selten erzählte er mal was, stiftete damit aber nur noch mehr Verwirrung. „Das Trampeltier hat heute wieder alles gegeben.“ Solche Dinge sagte er dann.

Das Trampeltier war die Vorgesetzte meines Vaters, und ihre Sicht der Dinge unterschied sich doch sehr von seiner. Ich habe sie nur einmal gesehen, auf der Museumsnacht. Sie gab mir einen Spieß mit Erdbeeren und meinte, dass ich den in den Schokoladenbrunnen halten könne, wenn ich das lecker fände. Mein Vater meinte, dass ich mir die Gemälde ansehen könne, wo wir doch in einem Museum seien. Das habe ich auch kurz getan, bin aber immer wieder zu dem Brunnen zurückgeschlichen. Darin zeigte sich der visionäre Weitblick des Trampeltiers: Menschen mögen Schokolade lieber als Kunst.

Sie hat es im Rijksmuseum länger ausgehalten als mein Vater. Das Trampeltier hat die Große Wende überlebt, mein Vater nicht. Während der Großen Wende wurden alle entlassen, die lieber in einem Museum als in einem Schokoladengeschäft arbeiten wollten. Mein Vater hatte das falsche Mindset, deshalb bekam er einen silbernen Händedruck. Davon sind wir dann ein paarmal in den Urlaub gefahren, und während ich das alles der Frau des Widerlings erzählte, sagte sie unaufhörlich: „Er wird sich wahrscheinlich nicht an mich erinnern.“ Ich schwör’s euch: Diese Art von Aussage macht mich echt fertig.

Eine Stunde später gingen wir in ein Restaurant, das der Widerling ausgesucht hatte. Um dort hinzukommen, mussten wir ein Boot nehmen, und auf diesem Boot fing er an, mir in die Waden zu kneifen. Ich war bestürzt, und ich glaube, Lusche D. auch, aber auf seinem Gesicht war ein Lächeln eingefroren. Er bekommt womöglich den Literaturnobelpreis, also lass ihn ruhig fummeln, sollte es mir vermutlich sagen.

Ich sah das anders. Ich fragte den Widerling, was er sich in Gottes Namen dabei denke, und da kräuselten sich seine Mundwinkel verschmitzt. „Ich habe gehört, du willst durch Europa radeln“, sagte er. Das stimmte, das hatte ich tatsächlich vor. Am glücklichsten war ich auf dem Fahrrad, also dachte ich: Warum nicht für immer? Ich nickte, woraufhin der Widerling nuschelte: „Wollte nur kontrollieren, ob du schon startklar bist.“

Beim Essen litten alle darunter, dass der Widerling sich ständig an die Bedienung ranschmiss. Ich konnte ihm nicht unrecht geben: Sie war ein wunderschönes Mädchen. Es wurde allerdings noch schlimmer, wenn sie nicht da war – denn dann ignorierte er seine Frau, sprach ausschließlich mit Lusche D. und warf mir hin und wieder zu, ich möge meinen Tintenfisch aufessen.

Aber ich konnte nicht mehr: Als Vorspeise hatte ich eine Pizza bestellt. Ich war so satt, dass ich das Gefühl hatte, mich für den Rest meines Lebens problemlos von nichts als Mandarinen ernähren zu können: so satt. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Frau des Widerlings mit mir mitfühlte. Als er auf dem Klo war, flüsterte sie: „Liebes, es reicht, wenn du mal probierst.“ Danach ging Lusche D. aufs Klo, und der Widerling nutzte die Gelegenheit, um mich zu fragen, worin ich denn gut sei. „In der Schule?“, fragte ich zurück. „Nach was anderem würde ich nie zu fragen wagen“, antwortete er. Wieder erschien dieses Lächeln. Gott, was war der für ein Übler Lüstling, dieser Schrecklich Berühmte Autor.

„Liebes, es reicht, wenn du mal probierst.“ An diesen Satz musste ich nachher noch oft denken. Ich habe das Musendasein probiert und wollte es auskotzen wie meinen Tintenfisch. Irgendwann erzählte ich das Lusche D.: „Mir graut davor, wie die Frau des Widerlings zu enden.“ Er antwortete, das werde er nie zulassen – eine nicht sehr beruhigende Reaktion, wenn ihr mich fragt. Diese Dinge haben zu meinem Entschluss beigetragen, das Ganze dann doch zu beenden. Außerdem fand ich es schlimm, dass ich dem Moment, an dem wir uns ausziehen würden, schon beim Nachtisch mit Schaudern entgegensah. Lusche D. spürte das, denke ich. Er sagte: „Ich möchte gar nicht so sehr mit dir vögeln, ich möchte einfach mit dir sein.“

Im Sein waren wir tatsächlich ganz brauchbar. Ich glaube, niemand hat die Türen und Fenster so perfekt geschlossen wie Lusche D. damals. Er und ich lebten in einer sehr kleinen Welt, voll mit Bob Dylan, dem Lied „Paris 1919“ von John Cale und Gedanken, die sich im Grunde einzig und allein um Anerkennung drehten und die Furcht, sie nie zu erhalten.

Lusche D. hat mir enorm geholfen, diese Angst zu überwinden. Er schrieb mir sogar einen Brief: „Bleib ruhig, folge deiner Intuition und verschwende keine einzige Minute, keinen Gedanken an Die Anderen, an Erwartungen und Ambitionen. Die Anderen gibt es nicht, sie werden sich auflösen, ihre Meinungen sind völlig irrelevant. Lass sie ruhig kribbelig werden. Schäme dich nur für die Dinge, für die du dich schämen solltest. Und was den Rest angeht: Versetze dich nie in deinen Feind.“

Ich verstand nicht so ganz, was er mit dem letzten Satz sagen wollte. Mit dem Satz davor übrigens auch nicht. Aber davon mal abgesehen, waren das sehr nützliche Ratschläge. Misslich war nur, dass ich nicht erkannte, dass er Der Andere war. Im Grunde wollte ich Lusche D. besiegen, ihn und meinen Bruder und vielleicht noch eine Reihe Anderer – genau genommen: Männer. Versteht mich nicht falsch, das ist ein prima Menschenschlag, und es gibt jede Menge Männer, mit denen ich mich gut verstehe, aber: Es geht einfach so oft schief.

Mit schief meine ich, dass Frauen noch oft schwingendes langes Haar haben und Männer viel kürzeres, und dass Frauen alles in allem ein ganzes Stück weniger Raum bleibt, zum Atmen und dazu, Witze zu reißen, über die dann auch wirklich jemand lacht, und nicht pausenlos lächeln zu müssen, ohne dass man sie gleich für eine Hexe hält. Über solche Dinge kann ich mich ziemlich aufregen.

Dieses Bewusstsein war bei mir mit achtzehn noch nicht geweckt. Lusche D. und ich machten ziemlich viele Witze über Minderheiten, vor allem über Lesben. Das seien doch echt eigenartige Menschen, fanden wir. Als es aus war zwischen uns, er sich aber noch nicht gegen mich gewandt hatte und wir uns auf einen Kaffee trafen, meinte er, ich sei jetzt doch noch die Kampflesbe geworden, über die wir früher immer so gelacht hätten. Da blieb mir die Luft weg. Für diejenigen unter euch, die noch nie auf ein kulturelles Stereotyp reduziert worden sind: Es fühlt sich an, als würde man einen Mordsschlag in die Magengrube verpasst bekommen und kurz um Luft ringen. Das Ärgerliche daran ist, dass man wegen des Luftmangels ein Weilchen nicht nachdenken kann und deshalb immer wieder dasselbe tut: lächeln.

Und zu guter Letzt hat er sich gegen mich gewandt. Es ist eine etwas tragische Geschichte – die Frage ist nur, ob wir das Thema vertiefen müssen. Es fing mit der Bemerkung über Kampflesben an und endete mit einem Haufen Bemerkungen ähnlicher Art. Genau genommen endete es da, wo es immer endet: bei der Ausrede, dass das Humor sei und du den aushalten können musst.

Ich habe viel über Humor nachgedacht und mich gefragt, warum ich immer Du sein musste. Und vielleicht liegt es nicht einmal am Humor – vielleicht entsteht das Giftige aus der Tatsache, dass die Ichs und die Dus so ungleich verteilt sind. Ich habe versucht, ihm das klarzumachen, aber er hat es nicht verstanden. So ist das mit Menschen, die zu lange Ich sind: Sie werden nie mehr Du. Er nannte mich eine lesbische Fundamentalistin, und vielleicht bin ich das tatsächlich. Aber auch mit Fundamentalisten kann man Spaß haben. Glaubt mir.

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