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Night of Shadows and Flames – Der Wilde Wald (Night of Shadows and Flames 1)

Laura Labas
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Roman

Paperback (17,00 €) E-Book (14,99 €)
€ 17,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 29.02.2024 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Night of Shadows and Flames – Der Wilde Wald (Night of Shadows and Flames 1) — Inhalt

Als junge Hexe hat es Billie im Reich Wimborne nicht leicht. Ihre Art wird von Vampiren unterdrückt, und ein magischer Wald droht, das Land zu verschlingen. Um ihre Familie zu schützen, muss Billie für einen geheimnisvollen Fremden Vampire jagen. Als sie sich unfreiwillig im Haus des so attraktiven wie mächtigen Vampirs Tian wiederfindet, will sie nichts lieber, als ihn zu töten und zu fliehen. Er verhält sich jedoch unerwartet zuvorkommend und bringt dadurch ihre Gefühle durcheinander. Doch um sich selbst zu retten, muss sie Tian verraten ...

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erscheint am 29.02.2024
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70911-8
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€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erscheint am 29.02.2024
432 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60751-3
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Leseprobe zu „Night of Shadows and Flames – Der Wilde Wald (Night of Shadows and Flames 1)“

1. Kapitel


Die Wintersonne neigte sich dem Horizont entgegen und färbte die Wipfel der weiß gesprenkelten Tannen flammend orange. Ich saß auf den Stufen des Wohnwagens und zog die Kordeln meiner Stiefel mit geübten Bewegungen fest.

„Hast du es bald, Billie?“, rief Elma aus dem Wagen, ohne sich die Mühe zu machen, rauszuschauen. Dafür war es ihr zu kalt. Sie war nicht für den Winter geschaffen. Nicht so wie ich.

Ich konnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als den weißen Boden mit vampirischem Blut zu besprenkeln.

Kleiner Scherz.

Weiße Wolken bildeten sich [...]

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1. Kapitel


Die Wintersonne neigte sich dem Horizont entgegen und färbte die Wipfel der weiß gesprenkelten Tannen flammend orange. Ich saß auf den Stufen des Wohnwagens und zog die Kordeln meiner Stiefel mit geübten Bewegungen fest.

„Hast du es bald, Billie?“, rief Elma aus dem Wagen, ohne sich die Mühe zu machen, rauszuschauen. Dafür war es ihr zu kalt. Sie war nicht für den Winter geschaffen. Nicht so wie ich.

Ich konnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als den weißen Boden mit vampirischem Blut zu besprenkeln.

Kleiner Scherz.

Weiße Wolken bildeten sich beim Ausatmen vor meinem Mund.

„Kannst du mir zwei Sekunden geben, mir die Schuhe anzuziehen?“, schrie ich zurück.

„Das waren bereits mehr als zwei Sekunden. Das Feuer geht gleich aus.“

Ich verdrehte die Augen. „Du bist eine Hexe. Ein bisschen Magie kannst du schon einsetzen.“

Stille.

Kopfschüttelnd stand ich auf. Die zwei alten grauen Gäule, die unseren Wagen normalerweise mit der Unterstützung unserer Magie zogen, wieherten leise. Wir hatten sie nirgendwo angebunden. Sie wussten, wie gut sie es bei uns hatten, selbst wenn sie in der Kälte stehen mussten.

Im Vorbeigehen klopfte ich ihnen liebevoll auf die Flanken. Sie trugen mit Schaffell gefütterte Decken, in die Tante Frinn einen Zauber gewebt hatte, der sie warmhielt. Selbst bei eisigen Temperaturen wie heute.

Ich stapfte weiter durch den Schnee und verließ die Lichtung auf der Suche nach Brennholz.

Im Schutz der schlanken Tannen lag zwar weniger Schnee, doch die Temperaturen sanken augenblicklich. Ich erzitterte und rieb mir über die dunkelblaue Wolljacke. Das nächste Mal konnte Tante Elma selbst gehen. Ich hatte keine Zeit. Musste mich gleich schon auf den Weg nach Westwend machen, um eine „Verabredung“ einzuhalten.

Nicht dass ich ihr entgegenfiebern würde. Sie führte mir wieder vor Augen, wie katastrophal unsere Lage sich momentan darstellte. Doch da sich daran nichts ändern ließ, musste ich die Zähne zusammenzubeißen.

Ich sammelte im schwindenden Licht einen Armvoll Holz zusammen. Dabei war es nicht wichtig, ob es nass oder trocken war. Mit einem kleinen Zauber würde die Feuchtigkeit verfliegen.

Als ich fast nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte, kehrte ich zum Wohnwagen zurück. Eine Buntglas-Laterne lockte mich zur Tür, die genauso beeindruckend wirkte wie alles andere an dem Wohnwagen.

Dabei handelte es sich nicht um einen gewöhnlichen umfunktionierten Planwagen. Damit hätten sich meine Tanten nicht zufriedengegeben.

Sie würden es niemals zugeben, doch sie besaßen einen extravaganten Geschmack, der sich in allem, was sie taten oder besaßen, widerspiegelte.

Der hintere Teil des Wagens war zweistöckig, der vordere Teil einstöckig, aber mit einer hohen Decke. Die Form erinnerte an ein kleines Schiff mit mehreren eingelassenen Rundfenstern und einem blassgrünen Dach, aus dem zwei gebogene Kaminrohre ragten. Der hintere Teil besaß zwei Erker jeweils auf der gegenüberliegenden Seite und ein kleines Rundtürmchen.

Jeder, der den Wohnwagen mit der gelblich-braunen Fassade sah, hätte eigentlich auf den Gedanken kommen müssen, dass bloß Hexen darin hausen konnten. Unserer Erfahrung nach sahen die meisten Menschen aber nur das, was sie sehen wollten. In diesem Fall war dies ein normaler Wagen, der von zwei widerspenstigen Gäulen gezogen wurde.

„Bin wieder da“, rief ich vor der schwarz lackierten Holztür, da ich keine freie Hand zum Anklopfen hatte.

Wenige Augenblicke später öffnete mir Frinn die Tür und ließ mich ins kuschelig warme Innere. Zumindest bis zur gewebten Fußmatte.

„Schuhe aus“, sagte sie streng und nahm mir den Holzstapel ab.

„Ich muss gleich eh wieder …“, beschwerte ich mich, doch sie wandte sich bereits ab. Ich seufzte. Man konnte keine Diskussion mit ihr führen und erwarten, zu gewinnen.

Ich ergab mich meinem Schicksal und setzte mich auf die gepolsterte Bank gleich neben der Tür.

Hier unten im Eingangsbereich hatten all die Möbel und Gegenstände ihren Platz gefunden, für die der Schlafbereich zu klein gewesen war. Leider konnte sich Elma nur schlecht von Sachen trennen, und Frinn und ich brachten es nicht übers Herz, sie dazu zu bringen. Deshalb glich dieser Teil einem Antiquitätenladen ohne Kundschaft. Ein großer verblasster Teppich lag in der Mitte, und auf ihm stand zurzeit ein Webstuhl mit Arbeitstisch und diversen Stoffresten darauf verteilt. Der dreibeinige Hocker hatte schon bessere Tage gesehen, und ich müsste ihn sicher bald wieder reparieren, weil er drohte, ein Bein zu verlieren.

Eine Topfpflanze mit breiten Blättern und ohne jeglichen Nutzen stand neben der Bank, auf der ich gerade meine Stiefel auszog. Sie sah weder besonders hübsch aus, noch bildete sie schöne Blüten. Immerhin ging sie in der hier herrschenden Hitze nicht ein.

Von der Decke hing einsam und verlassen ein langer gemusterter Teppich. Elma hatte ihn vor ein paar Jahren geknüpft, ohne darüber nachzudenken, dass ihre ältere Schwester die Farbe Orange nicht ausstehen konnte. Deshalb war er hierher verbannt worden.

Abgesehen davon gab es noch einen weiteren an die Wand gerückten Werktisch mit allerlei Krimskrams darauf, eine Garderobe, gestapelte Decken, Bücher und Werkzeug, das Hugh des Öfteren benutzt hatte. Er liebte es, Figuren aus Holz zu schnitzen, und etliche davon fand man an den seltsamsten Stellen verteilt.

Durch einen Raumteiler abgetrennt befand sich an die linke Seite gequetscht eine Kochnische samt Esstisch. Von dem schwarzen Herd reichten zwei Blechrohre zum Dach hinaus, damit wir durch den stinkenden Qualm nicht erstickten. Ein Einzelbett mit durchgelegener Matratze hatten wir erst vor Kurzem links neben die Leiter gestellt.

Ich hängte meine geflickte Wolljacke an einem Metallhaken auf, der wie der Schwanz einer Sirene geformt war, und tapste dann zur festgenagelten Sprossenleiter, die ins obere Stockwerk führte.

Elma saß direkt im ersten sehr kleinen Raum an ihrem Schreibtisch und werkelte an einer Taschenuhr herum, die sie vor einigen Tagen auf der Straße gefunden hatte. Mehr als der Tisch und ihr schmales Bett passten nicht hier rein.

„Kannst du es nicht mal gut sein lassen?“, ärgerte ich sie, bloß um sie abzulenken.

Wann immer sie sich derart zurückzog, dachte sie an Hugh. Und an Hugh zu denken machte sie traurig.

„Wilhelmine Kron“, presste sie hervor, ehe sie ihre Wangen aufblies. Sie drehte sich auf dem quietschenden Stuhl zu mir um. „Deine Erziehung lässt wie immer zu wünschen übrig. Du hast deine älteren Verwandten mit Respekt und Höflichkeit zu behandeln.“

Ich verschränkte die Arme, während ich mich seitlich an die Wand lehnte. Das Lächeln konnte ich nur mit Mühe unterdrücken.

„Zum Glück musst du dir das selbst ankreiden.“

„Billie!“

„Hab dich auch lieb, Tante.“ Ich überbrückte den geringen Abstand zu ihr und drückte sie einmal fest. „Ich mache mich jetzt auf den Weg. Gibt es etwas, das ich ihm ausrichten soll?“

Ich bereute es fast, sie gefragt zu haben, weil sich die Schatten sofort wieder auf ihr Gesicht legten.

„Dass wir ihn lieben und auf ihn warten.“

„Natürlich.“ Ich zögerte einen Moment, doch es gab nichts, das ich nicht schon hunderte Male zuvor gesagt hätte, um sie zu beruhigen. Nichts davon hatte je Wirkung gezeigt.

Hugh geht es gut.

Mein Vertrag ist fast erfüllt.

Wir bekommen ihn zurück.

Mein Zimmer hatte ich mir mit meinem Cousin Hugh, Elmas Sohn, geteilt, bevor … vor allem. Ich hatte im linken Bett geschlafen und er im rechten. Dazwischen gab es einen zurückgezogenen Vorhang und einen halben Meter Platz. Gerade breit genug, um zu den eingebauten Regalen zu kommen, die meine wenigen Habseligkeiten beherbergten.

Normalerweise ging ich auch hier auf dem Land niemals ohne meinen Dolch raus, doch Elma hatte mich so aufgescheucht, dass ich ihn vergessen hatte. Jetzt nahm ich die Waffe mit der Obsidianklinge vom Regal und schob sie zurück in die Lederscheide an meinem Gürtel.

Abgesehen davon wagte ich es nicht, mich mit Kräutern oder Amuletten auszustatten, aus Angst, als Hexe erkannt zu werden. Das würde mich in große Schwierigkeiten bringen. Im besten Fall würde ich in einem Kampf gegen die Häscher sterben, im schlimmsten als Sklavin in irgendeinem Vampirhaushalt landen.

Ich erschauerte allein bei dem Gedanken.

Nein. Das wäre wirklich ein grausames Schicksal. Insbesondere nachdem ich diesem bereits einmal ganz knapp entkommen war.

Das Kribbeln weckte mich aus meinen tiefen Gedanken.

„Ja, ja, ich komme ja schon“, murmelte ich. Als hätte mich das schwarze Tattoo, das sich direkt unter meinem linken Schlüsselbein befand, verstanden, hörte es auf, zu jucken. Drei detailliert gestochene Motten, die meinen Pakt mit Moth besiegelt hatten. Eine war nach oben ausgerichtet, die andere flog nach links auf mein Herz zu und die dritte blieb scheinbar unbewegt dazwischen. Sie alle waren mit Punkten gesprenkelt und besaßen zusätzlich zu den weitgefächerten Flügeln noch lange, geschwungene Fühler.

Ich war diesen Pakt nicht freiwillig eingegangen. Moth hielt Hugh als Geisel, und was sollte ich anderes tun, als zu gehorchen?

„Hast du was gesagt?“, fragte Frinn an der Tür stehend. Sie trug eine blaue Schürze über ihrem dicken Wollkleid. Obwohl sie die fünfzig bereits überschritten hatte, war ihre Haut so rein und strahlend, dass ich sie darum beneidete. Meine Sommersprossen brachten mich eines Tages noch an den Rand der Verzweiflung.

Zudem war ich die einzige in meiner Familie mit widerspenstigem dunkelroten Haar. Elma, Frinn und meine Mutter hatten allesamt schwarzes Haar, auch wenn dieses bei ihnen nun mit vielen grauen Strähnen durchzogen war. Selbst das von Hugh und meinem Vater zeigte nicht den Hauch von Rot.

Vielleicht war ich ja doch ein Kuckuckskind und deshalb hatten mich meine Eltern loswerden wollen …

„Ich muss gehen“, sagte ich. „Bis morgen früh.“

Als ich an Frinn vorbeigehen wollte, drückte sie kurz meinen Unterarm. Ihre blauen Augen strahlten Wärme und Zuversicht aus. Die Sorge in ihrem Gesicht schien in den Hintergrund gerückt.

„Sei vorsichtig.“

Ich grinste schief. „Immer.“

Nachdem ich mich im Eingangsbereich wieder mühselig angezogen hatte, verließ ich das warme Innere und erzitterte sogleich.

Salazar und Paddy schnaubten glücklich. Ich wünschte mir, mit den beiden Gäulen tauschen und mit einer wärmenden Decke hier stehen bleiben zu können, anstatt mich zur Stadt aufzumachen.

 

Es half nichts. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg von unserem Halteplatz am Rand eines Waldes bis zur Straße, die direkt in die Hauptstadt von Wimborne hineinführte.

Da wir keinen festen Wohnsitz hatten, war es einfach, mit dem Wohnwagen vor Städten und Dörfern zu halten. Auch sicherer. Dort wurden wir nicht von neugierigen Nachbarn beäugt, und Häscher verirrten sich selten aufs Land, wenn sie nicht gerade verzweifelt versuchten, Hexen oder Hexer aufzuspüren und festzunehmen.

„Warum muss es auch so kalt sein heute?“ Ich zog den schwarzen Schal über meinen Kopf, sodass meine Ohren verdeckt waren. Danach steckte ich bibbernd meine Hände in die gefütterten Taschen meiner Jacke.

Immerhin hielten meine neuen Stiefel dem Schnee stand und sogen sich nicht mit Feuchtigkeit voll. Es waren momentan die kleinen Dinge, die mir Genugtuung verschafften. So etwas wie Glück hatte ich schon lange nicht mehr empfunden.

Wahrscheinlich seit Hugh von Moth entführt worden war. Noch heute machte ich mir Vorwürfe, nicht ausreichend auf meinen Cousin aufgepasst zu haben. Er war nur drei Jahre jünger, doch er hatte immer zu mir aufgesehen. Damals waren wir noch zusammen auf die Jagd nach Vampirinnen und Vampiren gegangen, bis dies eines Tages schiefgelaufen war.

Moth hatte ihn ergriffen und mich dazu gebracht, einen Vertrag mit ihm einzugehen.

Ich knirschte mit den Zähnen. Bald. Nicht mehr lange und ich hätte ein Jahr in seinen Diensten gestanden. Sobald der nächste Monat rum war, würde er Hugh frei und mich in Ruhe lassen.

Als ich die Straße erreicht hatte, konnte ich froh sein, mir während der Wanderung im Dunkeln nicht das Genick gebrochen zu haben. So nahe am Osttor von Westwend gab es immerhin ein paar Öllaternen, die den Weg wiesen. Das war keineswegs selbstverständlich, und es gab sie hier bloß, weil es sich um die Hauptstadt von Wimborne handelte.

Da es schon spät war, fuhren nur ab und zu Wagen an mir vorbei. Alle hatten es eilig. Niemand warf mir einen zweiten Blick zu. Die Wahrscheinlichkeit war zu groß, dass ich eine Vampirin auf Streifzug war und man dadurch meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Vielleicht fiel ich aber auch einfach nicht auf.

Ich wusste nicht, was mir lieber war. Es wäre sicherlich von Vorteil, eine Aura des Respekts auszustrahlen. Insbesondere in den heutigen Zeiten.

Vor fast einem Jahrhundert hatten sich das Vampir- und das Hexenvolk den Menschen zu erkennen gegeben. Man hatte immer über ihre Existenz gemunkelt. Nicht selten war es vorgekommen, dass Menschen von Wesen wie Ghulen oder Sirenen gefressen worden waren, doch so richtig geglaubt hatte man die vermeintlichen Ammenmärchen wahrscheinlich nicht.

Nach der Offenbarung hatte es jedoch kein Zurück mehr in die Leugnung gegeben. Die Menschheit musste sich neu arrangieren.

Während das Hexenvolk allerdings unterdrückt und versklavt wurde, hatten sich Vampirinnen und Vampire aufgeschwungen, um über alle zu herrschen. Den Menschen war nichts anderes übrig geblieben, als ihre Existenz nach erfolglosen Aufständen zu akzeptieren. Was einfacher zu ertragen war, weil sich nicht wirklich viel für sie änderte. Klar, hier und dort gab es einen leer gesaugten Menschen, aber vornehmlich terrorisierten Vampirinnen und Vampire mein eigenes Volk.

Hexen und Hexer hatten es schwer.

Ich atmete aus, und immer noch bildeten sich Wölkchen vor meinem Mund. Es war ein kleiner Trost, dass es nicht zu schneien begonnen und der Wind vor einer Weile nachgelassen hatte. Sosehr ich eine schneeverwehte Landschaft auch bewundern mochte, so wenig Spaß machte es, sich dabei fortbewegen zu müssen.

Westwend ragte wie eine riesige Festung vor mir auf. Jedes Mal war ich beeindruckt von der steinernen Stadt, die alle anderen Siedlungen in den Schatten stellte.

Die graublaue Stadtmauer umschloss die Hafenstadt zu allen Seiten und war in regelmäßigen Abständen mit Geschütztürmen ausgestattet. Dahinter bohrten sich blau und rot gekachelte Spitzdächer in den Himmel sowie einige große Backsteinbauten mit cremefarbenen Rundbögen, die sich überall in der Stadt wiederfanden. Immergrüne Pflanzen rankten sich an Hauswänden hinauf und wurden teilweise zu einem undurchdringlichen Geflecht, das den Zugang zu alten Ruinen versperrte. Rauch stieg aus unzähligen Kaminen und mischte sich mit dem weiß getünchten Nachthimmel.

Die Türen des massiven Osttors waren geöffnet und das schwere Gitter in der Mauer versteckt. Ich hatte es noch nie geschlossen erlebt und wusste nicht, was dafür geschehen müsste. Trotz konstanter Bedrohung durch übernatürliche Wesen, blieb meine Welt überraschend friedlich.

Ein Mann und eine Frau von der Stadtwache standen entspannt vor einer Kohlepfanne und wärmten sich daran die Hände. Bei meinem Eintreten blickten sie kurz auf und nickten mir zu. Ich strahlte für sie wohl keinerlei Gefahr aus.

Von diesem Punkt aus bewegte ich mich auf dem unregelmäßigen grauen Kopfsteinpflaster zwischen den riesigen Stein- und Lehmbauten entlang. Hier wie überall herrschte der Eindruck von geordnetem Chaos.

Westwend war ursprünglich nicht als eine Großstadt geplant worden. Nachdem die riesige Festung auf dem Hügel im Osten erbaut worden war, hatten sich nach und nach Menschen drumherum angesiedelt. Eben dort, wo noch Platz war. Dabei waren sie so kreativ geworden, dass einige Häuser mithilfe von Stelzen über anderen Häusern errichtet worden waren. Und durch ihre Mitte schlängelte sich die Sanil bis zum Cantari Meer.

Trotzdem oder gerade deshalb strahlte Westwend eine unglaubliche Weite und Vielseitigkeit aus. Beengte Gassen gab es zuhauf, genauso wie riesige Einkaufspassagen, in denen die Oberklasse ihr Geld verprasste, wenn sie dies nicht gerade in der beeindruckenden Markthalle in der Nähe des Rathauses tat.

Eine betrunkene Frau stolperte aus einer Bar und rempelte mich an. Ihre Wangen waren rot und ihre Augen glasig.

„Pass doch auf“, grummelte ich, mir über den Arm wischend.

„Pass du doch auf, Hexe“, zischte sie, ehe sie die Straße entlangtorkelte.

Ich erstarrte für eine Sekunde. Woran hatte sie mich erkannt? Waren Häscher in der Nähe, die sie gehört hatten?

Im nächsten Moment kam mir die Erleuchtung, dass sie den Begriff bloß als Beleidigung benutzt hatte. Trotzdem sah ich mich sicherheitshalber um.

Als ich niemanden in unmittelbarer Nähe entdecken konnte und die Fenster bis auf die der Bar allesamt dunkel blieben, setzte ich meinen Weg fort.

Bei den Göttern, wie sehr ich Westwend verabscheute. Überall waren Trunkenbolde, Süchtige nach Rauschgiften, die den Geist vernebelten, oder Häscher, die es auf meinesgleichen abgesehen hatten. Von den Vampirinnen und Vampiren einmal ganz zu schweigen. Die brauchte wirklich niemand. Auch wenn ebenjene mir widersprechen und gleich darauf die Kehle rausbeißen würden.

Während im Rathausviertel die Fassaden gepflegt und die Gassen gekehrt waren, häufte sich in White Bell der Unrat. Wenn einen nicht unbedingt Besorgungen in diesen Stadtteil führten, vermied man dieses heruntergekommene und ärmliche Viertel Westwends. Zum Glück musste ich es nur durchqueren, um zu Moth zu gelangen.

Mit wachem Blick und den Fingern um meinen Dolchschaft machte ich einen Bogen um einen Schneehaufen, den jemand neben seinem Lokal zusammengekehrt hatte. Das Schaufenster eines Barbiers wirkte überraschend edel dafür, dass er hier und nicht im Rathausviertel zu finden war. Goldene und schwarze Lettern, eine Werbetafel im Fenster, die die Preise bezifferte, und verschiedene Grünpflanzen zur Dekoration.

Seufzend setzte ich meinen Weg fort. Ich war schon spät dran, und die Motten unter meinem Schlüsselbein hatten wieder zu jucken begonnen.

Er wurde ungeduldig.

Als hätte es jemals die Möglichkeit gegeben, dass ich meinen Vertrag nicht erfüllte. So einfältig war ich nun auch nicht. Ich wusste, dass er Hugh sofort schaden würde, und das könnte ich meinen Tanten niemals antun. Mir selbst natürlich auch nicht.

Eine der schwarzen Laternen, die in regelmäßigen Abständen die Nacht erhellten, flackerte heftig, ehe sie ganz erlosch. Ich beeilte mich.

Wenige Minuten später läutete die Lunar Uhr bereits zur neunten Stunde. Ich war eindeutig zu spät. Die Glockenschläge waren so laut, dass ich mir einbildete, mein Körper würde vibrieren.

Ich verließ die große Straße zugunsten einer grau gepflasterten Gasse, duckte mich unter einer Wäscheleine hindurch, die zwischen zwei Häusern aufgehängt war und an Spannung eingebüßt hatte. Es war rutschig hier, und nicht nur einmal verlor ich auf den glatt getretenen Steinen beinahe das Gleichgewicht. Unelegant ruderte ich mit den Armen und versuchte, mich zu fangen. Immerhin fiel ich nicht hin und brach mir auf peinliche Weise das Genick.

Dann endlich erreichte ich das kleine gedrungene Stadthaus, das genauso unscheinbar wirkte wie alle in der Straße: eine mit Ritterkreuz-Efeu überwucherte Steinfassade, ein verlassener Balkon und abgedunkelte Fenster. Ein Hauch von Licht drang aus dem unteren Stockwerk nach draußen und verriet, dass es bewohnt war.

Ich stieg die zwei Stufen zur Haustür hinauf und betätigte den Messingklopfer, der die Form einer Katze hatte. Zwei Mal schlug ich ihn ans gebeizte Holz, bevor ich innehielt.

Es dauerte nicht lange, bis die Tür von dem Diener geöffnet wurde, der mich jedes Mal erwartete. Seine Freude, mich zu sehen, hielt sich allerdings in Grenzen. Er war ein Mann, der die achtzig Jahre weit überschritten hatte. Dennoch strahlte er Stärke und Abneigung aus wie niemand sonst, dem ich je begegnet war.

Wahrlich beeindruckend.

„Schön, dich wiederzusehen“, zwitscherte ich zur Begrüßung, weil mir einzig zwei Möglichkeiten blieben.

Die erste war die Naheliegende: Ich gab mich trotzig, wütend und ausfallend und konnte doch nichts an der Situation ändern. Und ja, ich hatte es in der Anfangszeit damit versucht.

Die zweite war die, dass ich mir meinen Humor nicht nehmen ließ, um gerade Moth nicht zeigen zu müssen, wie sehr es mir unter die Haut ging, ihm zu dienen. Damit meinte ich nicht nur die Motten, die er mir eigenhändig gestochen hatte.

Der Diener, der zu seinem Glück kein Sklave war, – denn menschliche Sklavinnen und Sklaven zu halten war verboten –, grunzte etwas Unverständliches und schritt dann wie gewohnt mit schlurfenden Sohlen in den angrenzenden Salon.

Im Gegensatz zum kalt wirkenden Flur, der nicht ein einziges Möbelstück beherbergte, war der Salon eingerichtet – weiche Sofas mit geschwungenen Rosenholzlehnen, dicke Teppiche auf den knarzenden Fußbodendielen und Wandbehänge in gedeckten Farben sowie gerahmte Landschaftsgemälde. Ein gut gefülltes Bücherregal stand direkt neben der Tür und gegenüber des weißen Specksteinkamins, in dem ein Feuer prasselte. Funken sprühten, als hätte gerade erst jemand frisches Holz nachgelegt, und der Geruch von Zedern breitete sich aus. Juckte mir in der Nase.

Ich sah mich um, doch ich war allein. Die drei hohen Spitzbogenfenster hatte vermutlich der Diener mit den schweren Brokatvorhängen verhüllt. Licht spendeten das Kaminfeuer und die vereinzelt platzierten Schirmlampen.

„Wo ist Hugh?“, fragte ich.

Der Diener drehte sich wortlos von mir weg und ließ mich stehen.

„Du bist spät“, kam es prompt aus der dunklen Ecke, die am weitesten von mir entfernt war. Ich hatte Moths Anwesenheit bis dahin nicht bemerkt. Wie üblich kleidete er sich in dunklen Schatten, sodass seine Identität geheim blieb. Wirbelnde Nebelschwaden von Kopf bis Fuß, die mich gerade am Anfang stets abgelenkt hatten.

Ich konnte lediglich seine Silhouette erkennen, abgesehen davon sah ich seinen schwarzen Umhang und die Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Trotz der Schatten. Er wollte nicht das geringste Risiko eingehen, dass ich ihn erkannte.

Schon öfter hatte ich mich gefragt, ob das daran lag, dass wir uns im Schein der Sonne begegnen könnten. In der Stadt als Mann und Frau, wenn ich nicht mit ihm rechnete.

War das der Grund für seine Vorsicht? Weil er jemand Bekanntes war? Oder weil er mir bereits begegnet war? Vorher …

Als er mein Mottentattoo eigenhändig gestochen hatte, hatte er mir die Augen verbunden, weil er mir so nahe hatte kommen müssen. Mit den Fingern hatte er hauchzart über mein Haar gestrichen, damit er es nicht versehentlich mit dem Band verknotete. Es war das erste Mal, dass ich einen Hauch von Wärme von ihm ausgehend gespürt hatte.

Doch ich konnte und wollte meinen Sinnen nicht vertrauen, für den Fall, dass er mich in die Irre führte.

Natürlich hatte ich längst mit meiner Magie überprüfen wollen, ob es sich bei ihm um einen Vampir handelte oder nicht, doch er musste einen Schutzbann um sich gewoben haben. Das bedeutete, entweder er selbst war als Hexer dazu fähig oder er hatte den Zauber eingekauft. Schutzzauber wie diese gab es zuhauf auf dem Markt zu erstehen. Sie waren nichts Besonderes und kein weiterer Hinweis auf seine Identität.

Ein Jahr war mittlerweile vergangen, seit wir uns das erste Mal begegnet waren. Ich konnte mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen.

Es gab so viele Dinge, die ich im Zusammenhang mit ihm und Hugh bereute.

Laura Labas

Über Laura Labas

Biografie

Laura Labas wurde 1991 in der Kaiserstadt Aachen geboren. Schon früh verlor sie sich im geschriebenen Wort und entwickelte eigene fantastische Geschichten, die sie mit ihren Freunden teilte. Mit vierzehn Jahren beendete sie ihren ersten Roman. Spätestens da wusste sie genau, was sie für den Rest...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Freitag, 22. März 2024 in Leipzig - Zentrum
Zeit:
19:00 Uhr
Ort:
Schille-Theaterhaus,
Otto-Schill-Straße 7
04109 Leipzig - Zentrum

Moderation: Christian Handel

Mit anschließendem Get together und Sektempfang.

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