Liebe Judith, in deinem Roman stehen Mutter-Tochter-Beziehungen im Zentrum. Was hat dich an diesem Thema besonders gereizt?
Beim Schreiben tauche ich meistens mit einer Fragestellung in die Geschichte ein. Besonders faszinieren mich die Prägungen, die wir von unseren Eltern mit bekommen – und im Speziellen Töchter von ihren Müttern. Selbst das Unausgesprochene kommt irgendwann ans Licht, und es gibt Wiederholungen: transgenerationale Themen, die sich wiederholen, bis wir sie auflösen. Ich habe mich gefragt: Was macht eine Mutter aus? Bleibt man Mutter, auch wenn man das Kind nicht selbst großgezogen hat? Und ist man Mutter, wenn man das Kind nicht selbst geboren hat? Wie prägen uns die Geheimnisse unserer Mütter – und wie das, was nie ausgesprochen wurde?
Wie bist du auf die Idee gekommen, Polaroid-Bilder als zentrales Motiv und Verbindungsglied zwischen den Generationen zu nutzen?
Ich hatte bereits einen großen Teil geschrieben, doch es fehlte mir ein Symbol – ein Element, das durch die Zeit reisen kann. Ich habe eine Schwäche dafür, mir vorzustellen, wo ein Objekt vorher war: eine Münze, ein Stein. Als Idee erschien es mir schließlich wundervoll, dass am Ende ein Polaroid-Bild alles zusammenführt. Am Polaroid-Bild liebe ich, dass jede Aufnahme kostbar und unwiederholbar ist. Ein Moment, der sich nicht vervielfältigen lässt. Oft zeigen sie auf den ersten Blick etwas Unspektakuläres, Alltägliches – und gerade darin liegt ihre eigentliche Kraft.
Maries Entscheidung, ihr Kind auszusetzen, ist radikal. Wie hast du dich in diese Ausnahmesituation hineingedacht?
Im Prozess gibt es immer diesen Moment, in dem ich in die Figuren hineinklettere. Menschen innerlich nachzuvollziehen, fällt mir durch meinen Beruf als Schauspielerin leicht. Ich spiele sie durch – so, wie ich mich einer Rolle annähern würde. Dass Marie ihr Kind aussetzt, entstand erst beim Schreiben. Natürlich habe ich im Vorfeld einen Rohentwurf, doch die Figuren und ihre Schicksale zeigen sich mir anfangs oft nur skizzenhaft, fast zwei dimensional. Erst nach und nach gewinnen sie Tiefe. Als ich gerade in Maries Leben eingetaucht war, stieß ich zufällig auf einen Zeitungsartikel über eine Frau, die 1981 in einem Berliner Kaufhaus ausgesetzt worden war. Dieser Zufall gab mir die entscheidende Idee.
Alma wächst mit einer Lebenslüge auf. Glaubst du, dass Geheimnisse in Familien manchmal notwendig sind – oder immer zerstörerisch?
Geheimnisse können beides sein: zerstörerisch und bewahrend. Doch früher oder später finden sie ihren Weg an die Oberfläche. In meiner Geschichte ist Gabriele die Hüterin des Geheimnisses – und sie trägt die Last am schwersten. Denn wer schweigt, leidet am meisten. Erst wenn das Verborgene ans Licht tritt, entsteht ein Raum für Heilung. So auch in Niemands Töchter.
Deine Figuren erleben immer wieder Brüche, Verluste und Neuanfänge. Was möchtest du über Resilienz und das Weiterleben nach Krisen erzählen?
Ich liebe Menschen mit Brüchen, mit Fehlern – und mit dem Mut, neu anzufangen. Nichts ist langweiliger, als wenn immer alles gelingt; darin liegt kaum eine Möglichkeit zu wachsen. Meine größten Krisen waren zugleich meine größten Lehrmeister. Scheitern, wieder aufstehen, weitermachen – darin liegt für mich die eigentliche Stärke. Ich glaube, wir müssen solche Erfahrungen durchleben, um überhaupt Resilienz entwickeln zu können.
Maries Indienreise ist ein Wendepunkt in ihrem Leben. Hast du eigene Erfahrungen mit Indien gemacht, die in den Roman eingeflossen sind?
Tatsächlich habe ich zwei große Indienreisen unternommen. Mit dem Rucksack und alleine bin ich in meinem Leben schon viel herumgekommen, doch Indien hatte eine besonders soghafte Wirkung auf mich. Dieses Lebensgefühl konnte ich unmittelbar aus meinen eigenen Erfahrungen heraus ins Schreiben übertragen.
Die Bäckerei in Mayen ist ein zentraler Ort für Alma und Gabriele. Gibt es ein reales Vorbild für diesen Schauplatz?
Ja, den gibt es. Ich habe unzählige Stunden bei meinen Großeltern und in unseren Bäckereien verbracht. Meine ganze Familie stammt aus Mayen – dort liegen meine Wurzeln, auch wenn ich in Köln aufgewachsen bin. Die Bäckerei im Buch war tatsächlich unsere, und die Figuren Jupp und Hedwig tragen in abgewandelter Form viel von meinen Großeltern in sich. Nicht das, was ihnen widerfährt, doch ich brauchte mir nur vor zustellen, wie sie reagiert hätten. Meine Großmutter war ein wundervoller Mensch, und die Zeit bei ihr war für mich prägend und unverlierbar.
Gibt es eine Figur, mit der du dich beim Schreiben besonders verbunden gefühlt hast? Warum?
Irgendwie schreibt man immer auch ein Stück entlang des eigenen Lebens. Es gibt Elemente, in denen ich mich wiederfinde oder mit denen ich mich verbunden fühle. Am nächsten ist mir allerdings Alma. Doch auch in die anderen drei Frauen einzutauchen, war eine Freude und eine wunderbare Reise.
Dein Roman endet mit der Hoffnung auf eine neue Familie. Glaubst du, dass Versöhnung und Neuanfang immer möglich sind?
Zumindest möchte ich das glauben. Familie, das kann viel sein. Sie muss nicht zwingend die klassische Kernfamilie sein. Wichtig ist, dass wir unsere „Herde“ finden – unsere Menschen, unseren Ort, an dem wir ganz wir selbst sein dürfen.
Du selbst bist Mutter, Tochter, Schauspielerin und Schriftstellerin. Wie bekommst du das alles unter einen Hut? Und was sind die größten Herausforderungen im Alltag mit Jobs und Familie?
Ehrlich gesagt weiß ich oft selbst nicht, wie ich das alles unter einen Hut bekomme! Ein Schlüssel, damit dieser Spagat gelingt, ist sicherlich Disziplin und eine gute Planung, und gleichzeitig auch Flexibilität. Als Mutter habe ich gelernt: Nutze die Lücke – und sei dann zu hundert Prozent bei der Sache. Wenn ich mit meiner Tochter zusammen bin, dann ganz und gar. Dasselbe gilt fürs Schreiben und fürs Spielen. Meistens stehe ich sehr früh auf und schreibe gleich am Morgen, auch vor Drehtagen. In drehfreien Zeiten widme ich mich ausschließlich dem Schreiben. Ich agiere nicht so sehr nach dem Lustprinzip. Wenn ich mir etwas Vornehme bin ich sehr damit beschäftigt, sehr stur und sehr eisern – das habe ich wohl von meiner Großmutter.
Bewertungen
Von verlorenen Wurzeln und Neuanfängen
Judith Hoersch erzählt in "Niemands Töchter" die Geschichte von vier Frauen. Alma wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel mit ihrer Mutter Gabriele auf, fühlt sich in ihrer Familie fremd und lebt mit einem Schweigen über ihre Herkunft. Isabell lebt in Berlin und vermisst ihre Mutter Marie auf …
Judith Hoersch erzählt in "Niemands Töchter" die Geschichte von vier Frauen. Alma wächst in den Achtzigerjahren in der Eifel mit ihrer Mutter Gabriele auf, fühlt sich in ihrer Familie fremd und lebt mit einem Schweigen über ihre Herkunft. Isabell lebt in Berlin und vermisst ihre Mutter Marie auf eine Weise, die ihr gesamtes Fühlen und Handeln bis in die Gegenwart hinein prägt. Als sich ihre Wege schicksalhaft kreuzen, entfaltet sich eine Geschichte, die über Generationen hinweg von Verlust und der Suche nach Zugehörigkeit erzählt.
Besonders gefallen hat mir die Sprache des Romans. Sie ist poetisch, ruhig und voller Sätze, die zum Innehalten einladen. Ich habe mir beim Lesen einige Zitate notiert (z. B. "Verzeihen und verstehen haben nicht wirklich etwas miteinander zu tun.") Zudem finde ich die Verknüpfung der verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen sehr gelungen. Die oft kurzen Kapitel, die vielen Zeitsprünge und die unterschiedlichen Stimmen der vier Frauen sorgen für ein hohes Tempo und einen durchgehend spannenden Erzählfluss. Die Geschichte nähert sich dabei behutsam den Themen Identität, Mutterschaft und Herkunft und gibt immer wieder entsprechende Denkanstöße. Die Protagonistinnen sind mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet: komplett unterschiedlich in ihren Persönlichkeiten und Lebenswegen, dabei aber stimmig und glaubwürdig in ihren Entwicklungen.
Einziger kleiner Kritikpunkt ist für mich das Zusammentreffen von Alma und Isabell, das (ohne zu viel vorwegzunehmen) etwas konstruiert und von einigen Zufällen getragen wirkt. Dennoch fügt es sich für mich insgesamt passend in die Erzählung ein.
Alles in allem ist "Niemands Töchter" ein sehr berührender, poetischer und leiser Roman. Ein tolles Debüt von Judith Hoersch, das ich sehr gerne weiterempfehle.
Mütter und Töchter
Das Buchcover hat mich nicht angesprochen: ein Frauengesicht, halb verdeckt von einer Sonnenblume - von der nicht klar ist, was sie ausdrücken soll - ist etwas lapidar für eine Geschichte, in der es sich um Frauen handelt. Den Klappentext fand ich aber doch recht interessant.
Es geht um v…
Das Buchcover hat mich nicht angesprochen: ein Frauengesicht, halb verdeckt von einer Sonnenblume - von der nicht klar ist, was sie ausdrücken soll - ist etwas lapidar für eine Geschichte, in der es sich um Frauen handelt. Den Klappentext fand ich aber doch recht interessant.
Es geht um vier Frauen, Mütter und Töchter, Marie und Gabriele, Alma und Isabell. Die zentrale Figur ist Marie: Von ihr laufen die Fäden aus. Es dauert etwas, bis sich die verschlungenen Fäden entwirren lassen. Die Autorin Judith Hoersch versteht es, ihrem Lesepublikum Schritt für Schritt, bzw. Seite für Seite die Beziehung zwischen den vier Frauen deutlich zu machen und aufzuklären. Meisterlich versteht sie es, das Gespanntsein auf eine Auflösung bis zum Ende aufrecht zu erhalten.
Es geht um die Beziehung von Müttern zu Töchtern, von Töchtern zu Müttern; um Geheimnisse, die unbeantwortet stehen bleiben; von der Angst verlassen zu werden; von der Angst loszulassen; von der Angst, nicht um seiner selbst geliebt zu werden. Konflikte, die wahrscheinlich jede/r von uns kennt. Gibt es eine Lösung? Im Prinzip nicht! Diese Erwartung kann ein Buch auch gar nicht erfüllen. Es kann aber – und tut das auch – darauf hinweisen, was Probleme zwischen Müttern und Töchtern sein könnten: Den Anderen nicht so akzeptieren, wie er ist; mangelndes aufeinander Zugehen; überbordende Ängstlichkeit. Im Buch gibt es ein zufriedenstellendes Ende.
Teils schwere, aber auch zutiefst wichtige Themen
So richtig aufmerksam geworden auf das Buch bin ich zunächst eher durch das Coverdesign, ich bin einfach ein großer Fan von Covern, die im Stil von Gemälden gestaltet sind. Aber auch der Klappentext hat mich dann gleich gepackt und in mir die Neugierde geweckt herauszufinden, was es mit all diese…
So richtig aufmerksam geworden auf das Buch bin ich zunächst eher durch das Coverdesign, ich bin einfach ein großer Fan von Covern, die im Stil von Gemälden gestaltet sind. Aber auch der Klappentext hat mich dann gleich gepackt und in mir die Neugierde geweckt herauszufinden, was es mit all diesen Fragen über Verantwortung, familiäre (Ver-)Bindungen und gesellschaftliche Strukturen so auf sich hat.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Alma, die in den 1980er‑Jahren in der Eifel aufwächst, und Isabell, die 2019 in Berlin lebt und den Verlust ihrer Mutter nie ganz überwunden hat. Was beide, für den Leser meiner Meinung nach schon früh deutlich, verbindet ist eine schmerzhafte Leerstelle in sich, die ihr Fühlen und auch ihre Beziehungen prägt.
Insgesamt wird die gesamte Geschichte über Mütter, Töchter und das (oft auch unterbewusste) Weitergeben von transgenerationalen Wunden von Judith Hoersch in einem wunderbar ruhigen, eher melancholischen Ton erzählt. Die verschiedenen Perspektiven der Frauen bauen langsam immer mehr ein Gesamtbild der Lage auf und bringen teils auch eine unterschwellige Spannung mit sich, was schön zu lesen ist.
Alles in allem ein eindrückliches, bewegendes Buch, das nicht nur Fragen von individuellem Interesse verarbeitet, sondern auch gesellschaftliche Themen toll verarbeitet. Worüber ich mir noch etwas unschlüssig bin, ist u.A. die Tatsache, wie ich dazu stehe, dass manche (durchaus meiner Meinung nach hochrelevante aber auch oft schwierige) Themen, wie z.B. Vergewaltigungen hier nur relativ kurz, in einem Nebensatz erwähnt werden. Da hätte es sicherlich Potential gegeben, das noch etwas auszuarbeiten.
Wunderbarer Lesestoff
Judith Hörsch ist mit ihrem neuen Roman „Niemands Töchter“ ein ganz wunderbares Werk gelungen, das ich definitiv weiterempfehlen werde. Bereits das Cover hat eine sog-artige Wirkung auf mich entfaltet und ich hätte in einer Buchhandlung direkt nach dem Buch gegriffen. Wunderbar harmoniert das Cov…
Judith Hörsch ist mit ihrem neuen Roman „Niemands Töchter“ ein ganz wunderbares Werk gelungen, das ich definitiv weiterempfehlen werde. Bereits das Cover hat eine sog-artige Wirkung auf mich entfaltet und ich hätte in einer Buchhandlung direkt nach dem Buch gegriffen. Wunderbar harmoniert das Cover mit dem Titel, wirklich gelungen. Auch inhaltlich hat mich die Geschichte um Alma und Isabell, die beide von ihren unterschiedlichen Leben mit allen Herausforderungen erzählen, direkt gepackt und ich habe das Buch wirklich schnell durchgelesen. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber zum Ende hin fügt sich einiges zusammen und ich bin wirklich begeistert, mit welch tollem Lesestoff ich in das neue Jahr starten durfte. Ich kann das Buch nur wärmstens weiterempfehlen und vergebe fünf Sterne, große Klasse!
Tiefgehend und berührend
Das Debüt von Judith Hoersch finde ich gut gelungen. Ich fand das Buch teilweise sehr emotional und tiefgehend und es hat mich zum Nachdenken angeregt.
Der Schreibstil mit den Perspektiv und Zeitsprüngen forderte für mich ein bisschen mehr Konzentration als bei anderen Büchern. Teilweise …
Das Debüt von Judith Hoersch finde ich gut gelungen. Ich fand das Buch teilweise sehr emotional und tiefgehend und es hat mich zum Nachdenken angeregt.
Der Schreibstil mit den Perspektiv und Zeitsprüngen forderte für mich ein bisschen mehr Konzentration als bei anderen Büchern. Teilweise war ich dann kurz verwirrt aber dennoch ist das Buch gut geschrieben.
Ich habe nur kurz überlegt ob man das auch anders hätte schreiben können. Dennoch hatte ich zu keinem Moment das Gefühl nicht mehr weiter lesen zu wollen.
Ich hätte mir allerdings eine Trigger Warnung oder content note gewünscht. Es werden schon Themen thematisiert, die für Manche Menschen schwierig sein könnten und auch wenn man im Klappentext schon lesen konnte, dass es um Mutterschaft & Tochter geht, glaube ich, dass man dort noch gezielter eine kleine Notiz machen könnte.
Das Cover und die Gestaltung finde ich total schön! Und trotz meiner Kritik hat's mir gefallen.