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Weihnachtsgeschenkideen für Weltenbummler

Montag, 21. November 2016 von Malik / National Geographic


Geschenktipps und Empfehlungen von Malik National Geographic

Wir haben die besten Abenteuerbücher und Reiseberichte für Abenteurer, Outdoor-Fans und Reisende, denn diese Bücher wecken Fernsucht und Abenteuerlust.


Geschenkideen für Bergsteiger
Geschenke für Reisende

»Weltherz« von Markus Steiner

Eine Empfehlung von Bettina Feldweg, Malik Lektorat

»Ideale Lektüre zum Jahresende: Markus Steiners poetischer Reisebericht erzählt davon, wie weit die Sehnsucht nach Veränderung tragen kann - nach Israel und Indien, bis in den Himalaja und durch ganz Australien. Perfekt für die Zeit der guten Vorsätze: Wer Neues wagt, wird belohnt!«

Blick ins Buch
WeltherzWeltherz

Von einem, der auszog, die Freiheit zu suchen

»Da bohrt einer dicke Bretter, das dicke Brett Leben und das andere dicke Brett Sprache.« Andreas Altmann »Weltherz« erzählt die Geschichte von Markus Steiner, der sich mit 37 Jahren auf die Suche machte: nach Wirklichkeit und echter Verbindung in einer Gesellschaft, die zunehmend künstlich und leer wird, von der Natur entkoppelt. Er kündigte seinen Job als Marketingmanager in einem Online-Start-up, verließ die paradiesische Monotonie des einsamen Großstädters und ging auf Weltreise - langsam und ohne festen Wohnsitz. Er lief zum Mount Everest, durchquerte den australischen Kontinent mit dem Zug, fuhr per Anhalter in Japan, litt an indischem Fieber, meditierte in einem Kloster in Thailand, fand in Israel das Glück im Zufall und in Indonesien einen Guru. Seine Storys sind intensiv und poetisch, abenteuerlich und verlockend. Durch seine Sprache werden Begegnungen lebendig und die Welt ein farbiger Ort, den man braucht, um Frieden zu finden, um frei zu sein.
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Prolog oder Vom Aufbruch

Noch vor meinem vierzigsten Geburtstag wollte ich entdecken, wer ich wirklich bin. Herausfinden, was ich mit meiner Lebenszeit anstellen möchte. Ich wollte keine Mensch-Maschine sein, die Geld generiert. Kein Panther hinter tausend Stäben. Kein Kästchen bewohnen. Ich wollte leben, mich lebendig fühlen. Ich wollte wissen, auf welche Weisen man leben kann. Ich wollte die Vielfalt der Welt erfahren und mit der Natur verbunden sein. Ich wollte Klarheit. Ich wollte meine Natur aufspüren, mein Wesen, meine Identität. Ich wollte dem leisen und lauten Singen meiner Seele lauschen. Die Stimmen der Welt hören. Von der Magie kosten – ehe es daran ging, mich einzurichten. Ich wollte einen Fuß in Landschaften setzen, die ich noch nicht kannte. Ich wollte ein freies, einfaches, ein reiches Leben. Ich entschied mich, auf Reisen zu gehen. Die Reise verwandelte mich.
Wenn es für mich so etwas wie eine Gebrauchsanweisung zur Freiheit gibt, dann hat sie der Schriftsteller Edgar Allan Poe als »vier Voraussetzungen des Glücks« vor Langem aufgeschrieben:

1.    Das Leben im Freien,
2.    Die Liebe zu einem Menschen,
3.    Die Loslösung von jedem Ehrgeiz,
4.    Die schöpferische Tätigkeit.

Ich kündigte 2001 meinen Job bei einem Internet-Start-up. Packte meinen Rucksack und zog sechs Wochen später los Richtung Himalaja, die Berggiganten Nepals anstaunen. Seitdem reise ich, Daumen in den Wind, folge meinem Instinkt, jeder wilden Fantasie, und setze auf Vertrauen, das wir als Fremde immer brauchen, als verbindende Kraft für die schlummernden Beziehungen. Zu uns selbst, der Welt und den Menschen.
Ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Denn beim Beatnik Jack Kerouac las ich vom Wert eines solchen Buches: Alles, was man in ein Tagebuch schreiben würde, gleich wie banal, sei später immer von außergewöhnlichem, beinahe qualvollem Interesse, notierte er in Anlehnung an die Worte des Schriftstellers Julien Green. Ich schrieb meine Gedanken auf und die Geschichten, die mir unterwegs begegneten, die vom Leben erzählen sollten. Ich hielt fest, was erfahrbar war. Dies sind die Aufzeichnungen meiner Reise.

Teil 1
ISRAEL
Bequemlichkeitstrance und Freiheitsschwüre

Eins
Seelenreise
Ich trage noch meinen Winterpulli. Nennt mich verrückt. Alles beginnt heute. Alles. Sitze da, am Strand – auf meinem Rucksack und neben meinem vorläufigen Gefühl: alles ziemlich verrückt und wackelig. Weil es nicht mehr so sein würde, wie es einmal war.
Nach vier Stunden Passkontrollenduell und Generalverdachtswahnsinn am Ben Guiron Airport atme ich Tel Aviv ein. An einer menschenleeren Kreuzung am Ende der Allenby Road bin ich müde aus dem Taxi gestolpert. Mehr noch als das überfließende Licht, die unverwandt rauschende See und die Morgenstille haut mich die leichte Luft um, die warm und sanft – so lautlos wie ein Landstreicher – an meinem Gesicht entlangstreift. Eine ganze Weile schaue ich der Aufführung der Möwen über dem offenen Meer zu. Ich werde seelenruhig. Ich höre mich atmen.
Wohin hätte ich besser aufbrechen können als an den Ort, wo diejenigen hinströmen, die sonst nicht wissen, wo sie bleiben sollen. Einen Ort, an dem es nicht weiter auffällt, wenn man laut fragt: Warum bin ich hier? Was ist mir heilig? Und gerade erst ein paar Schritte in der Welt unterwegs, erhalte ich die Quittung all der wunderbaren Möglichkeiten und laufe Gefahr, gleich zu Beginn dieser Reise an Fieber zu erkranken, am Stendhal-Syndrom zu verzweifeln: Tel Aviv. Kann kaum begreifen, was da wirkt. Kann ein Ort so leicht, so schön sein? So aufsässig, mutig, trotzig? Kann Freiheit ein Verführer sein, reich und süchtig machen? Kann man so federleicht das Leben lieben?
Manchmal erliege ich einer Illusion, die mich antreibt. Der Illusion, die besonders intensiven Augenblicke des Lebens einfrieren zu können. Solange ich daran denke, kann mir nichts passieren. Will durchs Leben schlendern, will das Leben verehren, weil es mir gelingt, dass Weltherz und Sinne voll auf Empfang stehen. Jeden schalen Alltag will ich mir vorwerfen, keineswegs den Alltag hinrichten.
Am Strand von Tel Aviv schmecke ich das würzige Aroma des Abenteuers, das vor mir liegt: Dem Fremden auf den Leib zu rücken, es zu bedrängen, daran zu rütteln – es auszuhalten. Mein Hunger wird gestillt werden von allen Versuchungen, die ich am Wegesrand aufsammeln will. Und von Shakespeares klingender Liebesmusik: »I shall be gone and live / or stay and die.«
Der Sonnenaufgang riecht nach Schischa. Zwei Araber und ein Israeli sitzen nicht weit von mir, ziehen gemeinsam an einer Wasserpfeife. Die unzähligen Nationalitäten und Völker im winzigen Israel, nicht größer als das Saarland. Jeder hat seinen Grund zu kommen. In Israel, heißt es, habe man immer zwei Gründe für Aufbruch und Ankunft: einen, den man sagt. Und einen, den man besser verschweigt.
Es ist ein Montag im Oktober, 4 Uhr 30. Mein Kopf ist auf meinen Rucksack gestützt. Ich liege reglos im Sand und döse. Niemand war an der Rezeption meiner Pension anzutreffen, als ich an die Tür klopfte. Ich beschloss, auf das Zimmer zu pfeifen, den Rest der erschöpften Nacht in den Himmel zu starren und zu hören, was das Meer mir sagt.
Ein Aufbruch, ein Anfang, so groß, so blau, so leise wie Liebe. In das Morgengrauen gekippt, der Blick auf das weite Meer, ohne Unterschlupf, ohne Ziel, ohne Weg. Bewaffnet mit Plänen, die nur vage durchschimmern. Ich sehe, wie die Sonne Tel Aviv wach küsst. Die Surfer sind da, wenig später die Hitze. Dann stehe ich auf und schwimme im Meer.

Tief hinabtauchend sinke ich zu meinen Gedanken, schleppe mühsam hinauf, was mich nach Tel Aviv brachte.
Am Flughafen sah ich die Werbeplakate einer global agierenden Bank (Global, voll gut. Weltweit Kohle abheben! Kostenlos!). Auf vier Plakaten waren abgebildet: Kinderhände (Untertitel: »Potential mit 0«), ein Student (»Aufbruch mit 20«), ein Business-Mann mit Champagnerglas (»Erfolg mit 46«) und Hände, die Weinreben wiegen (»Herausforderung mit 58«). So bitte leben. So stellte man sich also mein Leben vor. Denken einkassieren. Abhängigkeit zementieren. Das Leben als Skript, ein Drehbuch, wie bei der Truman-Show. Trifft man diese Wahl, gibt es keine Wahl mehr. Das war’s dann. Selbst wenn ein Riss den Himmel durchschneidet.
Immer sollen wir das Leben anderer wollen. Es kommt so hübsch als Ganzes, als Einheit daher, als heißgemangelter Anzug von der Stange. Ich folgte einer Route, die bedenklich auf Bürgerlichkeitstrance zusteuerte, auf einen Lebensstil, den andere schon für mich entworfen hatten. Ich wählte den Anzug nicht einmal richtig selbst. Manchmal erhält man Stoff von minderer Qualität. Was wusste ich denn schon, wer ich war? Was wusste ich denn schon, was ich brauchte? Was gut tat?
Ich war abhängig. Ein Tramp moderner Zeiten. Digitaler Knecht. Wie in Chaplins Film »Modern Times« sangen jeden Morgen die Sirenen der Arbeit, dann die Melodien der Business-Unterwürfigkeit – und abends noch schnell irgendeinen Anbieter wechseln. Der Samstag war dann für das Amazon-Paket da. Ich war abhängig, so war’s. Von Unternehmen, Terminen und Stimmungen, Trends, Technologie und der Telekom, von Menschen, Meetings und Meinungen, von Verpflichtungen und Zwängen.
Das erregende und erfüllende Gefühl des Aufbruchs: Milchiges Licht bricht plötzlich durch alle Ritzen. Man gibt etwas auf. Den Komfort des Wissens. Man bricht auf, in einen Zustand des Nicht-Mehr-Wissen-Wollens. Heute sehen wir nichts mehr, was wir nicht vorher erwarten. Unser Leben wird von Algorithmen bestimmt. Sie berechnen, wie wir leben wollen. Sie beantworten die wichtigsten Fragen – die an uns selbst. Wir verwechseln ihre Berechnungen mit unserem Denken. Ich will das Denken zurückerobern. Ich will mit eigenen Augen sehen, nicht fragen: Wie ist es da drüben? Ich will hin, will fühlen, will spüren.
Das holprige, haltlose Leben auf der Straße will ich zu meinem Prinzip erheben. Ein Streifzug durch die Welt. Konnte losgehen. Jetzt mal Gegenwart. Kein neues Leben. Aber einen Ort zum Leben: Tage. Kurs Voraus, laufe los, steige ein, in das Flugzeug nach Tel Aviv. Und Udo Lindenberg wusste, warum, er hat es besungen, »Das Leben«: »Nimm dir das Leben / und lass es nicht mehr los / greif’s dir mit beiden Händen / mach’s wieder stark und groß / lass die andern weiterhetzen, weiterhetzen – wir nich’ / wir streunen locker durch die Gegend / mal sehn wohin es uns so bringt.«
Spazieren zum Rothschild Boulevard. Bauhaus-Bauten. Ich sitze in einem Café, ein Glas Granatapfelsaft vor mir, Palmen am Rand der abschüssigen Straße. Brandungssound auf der Tonspur. Ein Mann auf einem Fahrrad fährt mit einem Surfbrett unter dem Arm die Straße hinunter. Ein Liebespaar schlendert ihm entgegen. Das Paar lacht und küsst sich. Das Mädchen vergräbt den Kopf an der Schulter des Jungen. Auf dem Rücken des Mädchens baumelt ein Maschinengewehr. Gegenüber eine junge Frau, die ein blaues T-Shirt trägt. Aufschrift: »Imagine Peace Everywhere«. So sieht das Weiterleben aus an einem Ort, an dem sie jungfräuliche Seelen in Uniformen stecken und sie für etwas kämpfen lassen, was sie Freiheit nennen wollen. Was in Tel Aviv unverzüglich haften bleibt, sind die Widersprüche. David Sedaris wusste: »Speed eliminates all doubt.« Geschwindigkeit vernichtet allen Zweifel, befeuert Gedankenroutine und unseren vielleicht größten Irrtum: die Verwechslung von Bequemlichkeit und Freiheit.
Tel Aviv blickt mir in die Augen. Wer auch immer mir begegnet, schaut mich an, mit interessiertem, mit respektvollem Blick, der fragt: Wer kommt da? Wer bist du? Und der flehend fordert: Erzähl mir deine Geschichte! In Tel Avivs Augen lodert noch aufmerksames Interesse. Jetzt falle ich in grüne Augen, versinke dann in blaue, braune, schwarze. Ein Bündel flammender Blicke folgt, fröhliche, funkelnde, leuchtende, glänzende, scheinende, strahlende, kaleidoskopartige, große, kleine, runde, schmale, aufgerissene, verdrehte, verweilende, sezierende, suchende, hektische, geschminkte, ungeschminkte, melancholische, teuflische, engelsgleiche, fragende, nickende, blitzende – Lebensbeweise.
Wir haben verlernt. Zu fragen, zu bitten, zu sehen. Hinzusehen. Uns anzusehen. Wir verschenken keine Aufmerksamkeit mehr. Wir nehmen nur noch. Immer dann, wenn wir Empfang haben, mit den paar Zoll Display. Wir betrachten Dinge, begehren und verehren sie. Und wir stürzen unsere Welt damit ins Chaos.
Dabei genügen unserem Gehirn zweihundert Millisekunden, um ein einzelnes Gesicht zu erkennen, und man sagt, es brauche auch nicht viel länger, um sich zu verlieben. Und wenigstens diese eine Sache, die wir lieben, braucht unsere Seele doch. Das ist es doch wert, das Leben. Warum tun wir es so selten?

»The Travel Episodes« von Johannes Klaus (Hrsg.)

Ein Geschenktipp von Katharina Wulffius, Abteilung Digitale Medien:
 

»Für alle, die selbst gern reisen, denn sie werden in diesem Buch Orte entdecken, die sie überraschen. Und auch für diejenigen, die lieber zu Hause bleiben, eine absolut empfehlenswerte Lektüre in der kalten Jahreszeit, denn sie werden sich in ferne Länder träumen!

Die Geschichten sind authentisch und intensiv, die Autoren bewundernswert. Eine besondere Reise über den Globus.«

Blick ins Buch
The Travel EpisodesThe Travel Episodes

Neue Reisegeschichten von allen Enden der Welt

Band III

Je näher die Autoren der Travel Episodes allen Enden der Welt kommen, desto klarer wird: Es sind nicht nur die weißen Strände, die mystischen Tempelanlagen und aufregenden Metropolen, die sie immer einen Schritt weiter gehen lassen – es sind die Menschen. Die Bewohner der Länder, die sie besuchen, und die anderen Reisenden, die vielleicht Weggefährten werden oder sogar Freunde fürs Leben. Die Geschichten in diesem neuen Band erzählen von besonderen Begegnungen: Von heldenhaften Fischern an den Ufern des Yukon. Von einem schottischen Klosterboss in Thailand. Von einem verwegenen Maler in Mexiko. Von einer besonderen Seilschaft in den Weiten des norwegischen Gletschers. Und davon, dass man sich selbst nirgends so nahe kommt wie in der Fremde.
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Vorwort Von Gesa Neitzel

Wir gehören einer Generation an, die Selbstfindung (oder Selbstsuche – je nachdem, wen man fragt) zum erklärten Lebensziel gemacht hat. Das eigene Innenleben nach außen zu tragen, ist für uns »Millennials« eine so selbstverständliche Beschäftigung geworden wie das Atmen.
Wir klagen über unsere ständige Erreichbarkeit und die Schnelllebigkeit unserer schönen neuen Welt – und können doch gleichzeitig kein Abendessen mehr miteinander verbringen, ohne mindestens dreimal unser Smartphone auf Neuigkeiten zu überprüfen oder – noch schlimmer – den Teller aus jedem möglichen Winkel zu fotografieren. Das Paradox unseres eigenen Seins ist uns dabei gar nicht mehr bewusst. Wir leben es schließlich tagtäglich.
Aber nun mal ehrlich: Dieses Gemecker über den Ist-Zustand kann doch auch keiner mehr hören. Tatsächlich möchte ich heute nämlich ein ganz anderes Bild malen.
Ich sehe Hoffnung!
Hoffnung, dass wir diese Show am Ende gut über die Bühne bringen werden; dass unsere Generation aufgrund weltweiter Vernetzung herausragende Dinge erreichen wird; Grenzen, kulturelle Unterschiede und eingerostete Glaubenssätze überwinden und ein frisches Bewusstsein schaffen kann. Klar, dass wir zunächst mal mit all unseren neuen Möglichkeiten selbst zurechtkommen müssen, bevor wir über den Tellerrand hinausschauen können. Aber das sei uns doch bitte auch gestattet.
Reisen zu fremden Orten kann uns dabei helfen, Horizonte zu erweitern, Grenzen zu überschreiten, Fragen zu stellen, Antworten zu finden, Menschen zu begegnen, Vorurteile aus der Welt zu schaffen, Leidenschaften zu erforschen, Fehler zu machen, an sich selbst zu wachsen.
»I wish I had never gone traveling – said no one. Ever.«
Egal, wie schön oder scheußlich eine Reise ist; egal, wie lang oder wie kurz wir verschwinden; egal, wie nah wir bleiben oder wie weit wir gehen – irgendetwas nehmen wir von unterwegs immer mit. Dabei dient die Reise an sich oftmals nur als Mittel zum Zweck. Wir wollen raus aus dem Alltag, weg, was erleben! Erst später, wenn der Rucksack, zerfetzt und abgenutzt, im Keller verstaut wurde, stellen wir fest, dass die Nebenprodukte des Reisens – das Verstehen fremder Kulturen, neue Sprachkenntnisse, neue Leidenschaften und Freundschaften, der Sinn für die einfachen Dinge des Lebens – auf einmal wichtiger werden, als jede Selbstfindung es jemals hätte sein können.
Denn wenn ich eines in den Gesichtern dieser, unserer reisenden Generation sehe, dann ist es Durst. Hunger. Der Drang danach, etwas in dieser Welt zu bewegen.
Es wird uns oft vorgeworfen, wir seien nur noch auf unser eigenes Wohl bedacht und hätten jeden Sinn für Gemeinschaft verloren. Dass wir alle einpacken können, weil unsere Generation nichts weiter als Egoisten und Selbstdarsteller hervorgebracht hat? – Nee, komm jetzt.
Ich glaube, das Gegenteil bahnt sich gerade an.
In diesem Buch geht es nicht um Selbstdarstellung. Es geht um Begegnungen. Um Freundschaften. Es geht um die Autoren selbst, die sich in der Fremde zurecht- und vielleicht auch ein bisschen selbstfinden müssen. Vor allem aber um Menschen. Um uns Menschen, die wir – trotz unserer Unterschiede – doch alle ähnlich ticken.
Und ich glaube fest daran, dass wir, wenn unser Durst nach der Fremde erst mal gestillt ist, wenn uns die eigene Selbstfindung als Motivation für das Reisen schlichtweg ungenügend wird und alle Selfies geschossen sind, dass wir dann am anderen Ufer patschnass, vom Gegenwind gepeitscht und mit einem Seesack voller Erfahrungen ankommen und unseren Blick endlich auf das richten werden, was nicht nur uns selbst, sondern diesem unbeschreiblich großen Ganzen dient, das wir in den Jahren unterwegs mit all seinen Facetten kennenlernen durften.
Johannes Klaus sammelt in den Travel Episodes – und auch über die Kanten dieses Buches hinaus – Geschichten von jungen und von erfahrenen Autoren, die vor allem eines verbindet: der Glaube daran, dass man sich selbst nirgends näherkommt als auf Reisen. Er hat ein Gespür für besondere Geschichten und ist von einer Bescheidenheit, die so ganz im Gegensatz zu der selbstdarstellerischen Tendenz von uns »Millennials« steht… Ich erinnere mich noch genau an unseren ersten E-Mail-Kontakt. Ich saß irgendwo auf Bali bei einer Luftfeuchtigkeit von gefühlten 90 Prozent und mit einer verkrusteten Wunde am Hinterkopf, die ich mir beim Surfen zugezogen hatte, und ich war so verloren wie ich es als alleinreisende Backpackerin damals nur sein konnte. Ich wusste nicht wohin mit mir. An diesem Tag folgte ich spontan seinem Aufruf für neue Reise-Autoren.
Lieber Johannes, ich habe dir das so nie gesagt, aber dass du mich damals in deinen Schreibpool aufnahmst, hat mir die Welt bedeutet – warst du doch der erste Fremde, der meine Geschichten für gut befand. Und dank deiner E-Mail fand meine eigene Geschichte über die Jahre mehr und mehr Buchstaben, Wörter und Kapitel. Es braucht Menschen wie dich, die Menschen wie mir eine Plattform geben. Nicht zuletzt deshalb, um den Glauben an sich selbst ein klein wenig zu stärken. Ich bin sicher, dass es vielen der jungen Autoren in diesem Buch da ganz ähnlich geht. Und dafür möchte ich dir Danke sagen.
In 26 dieser Geschichten dürft ihr, liebe Leser, nun eintauchen. Mögen sie euch an ferne Orte entführen. Mögen sie euch Lebensweisen näherbringen, die ihr so nie für möglich gehalten hättet. Mögen sie euch inspirieren und zum Staunen bringen. Und Mut machen, euch selbst und die Welt kennenzulernen.

Vorwort Von Johannes Klaus

Dieses Grün! Ein Leuchten, fast albern, als hätte sich Mutter Natur in einem übermütigen Moment ein Späßchen erlaubt. Grüner als grün sozusagen. Nichts ist vergleichbar mit der Farbe eines jungen Reisfelds.
Das kleine Örtchen Batad auf der philippinischen Insel Luzon ist umgeben von hohen Bergen und nur über einen schmalen Trampelpfad erreichbar. Im Gegensatz zu uns beiden sind es die Menschen hier gewohnt, Waren bergauf, bergab zu tragen, und als wir schweißtriefend das Dorf erreichen, hat uns so mancher Mann mit einem ausgewachsenen Baumstamm auf dem Rücken munter plaudernd überholt.
Es ist herrlich. Kein Motorenlärm unterbricht das Zirpen der Grillen, mal kräht ein Hahn. Ein Hund bellt, das ist sein Job. Wir sitzen, genießen den Blick über die majestätischen Reisterrassen und quatschen.
Krusty, Le Chiffre, der Schwede: mein Freund Alex hat viele Namen. Und doch ist er unverwechselbar. Sollte man denken!
Budva, Montenegro. Ich kaufe einen Wurstzipfel, ein anderer Mann Tomaten. Die Verkäuferin verwechselt uns, wir lachen – und werden beste Freunde. Noch oft werden wir gemeinsam reisen, viele Lieder singen, manchen Übernachtbus überleben und fantastische Abenteuer erleben. Das Grün philippinischer Reisfelder bewundern. Doch was das Schönste ist: das Lachen begleitet uns – egal, wo wir sind.
Als ich ein paar Monate zuvor meine große Reise begann, stieg ich in Mannheim in den Zug nach Wien, ich war allein. Es regnete, ich fühlte mich nicht gerade wohl: Den Job hatte ich gekündigt, und nun wollte ich so lange die Welt bereisen, wie meine Ersparnisse reichten, ohne genauen Plan – und trotz aller Vorfreude hatte ich vor diesem Abenteuer gehörigen Respekt.
Ein gutes Jahr später komme ich zurück in die Heimat, kein anderer Mensch, doch in vielen Punkten gewandelt. Ich habe ohne festen Reisepartner viele Länder erkunden dürfen und den Luxus genossen, mich dabei selbst besser zu verstehen. Ich habe mich gezwungen, meine Schüchternheit, mit der ich mich mein Leben lang plage, abzulegen, Kontakte zu knüpfen, mich zu öffnen. Ich merkte, dass ich Zeit allein brauchte, aber auch auf andere Menschen angewiesen war. In den Reise-Flow kommen, das dauert eine Weile. Dann ergeben sich – ganz natürlich – die unvoreingenommenen Begegnungen mit Fremden, die mich nicht in den Kontext meines alten Lebens daheim einordnen, sondern nur das sehen, was mich in diesem Augenblick ausmacht.
Je länger und öfter ich unterwegs bin, desto unwichtiger werden Sehenswürdigkeiten. Das Salz in der Suppe und das Sahnehäubchen auf der Erdbeertorte einer Reise sind die Menschen, denen ich begegne – manchmal sind es lose Bekanntschaften, manchmal werden es neue Freunde.
Menschen in der Fremde, in ihrer Heimat kennenzulernen, ist ein einmaliges Erlebnis und bietet Einblicke in ganz andere Lebenskonzepte, die mich das hinterfragen lassen, was ich in Deutschland als selbstverständlich hingenommen hatte. Selbstlose Herzlichkeit, fast unvernünftige Gastfreundschaft zu erleben, ist berührend – und manchmal fast beschämend.
Kontakte mit anderen Reisenden bringen, in seltsam schneller Vertrautheit, den nötigen Austausch (man hat so viel gemeinsam, ob man nun aus Kanada, Frankreich, Schweden oder Neuseeland kommt) und jede Menge gute Laune. Und hin und wieder ist eine Bekanntschaft der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die eine Reise überdauert, wie mit Alex. Eine tolle Erfahrung.
In diesem Band erzählen die Autoren von ihren eigenen, besonderen Begegnungen – fröhlichen und furchterregenden, inspirierenden und irritierenden. Wortlose Gespräche mit zentralasiatischen Nomaden, die entwaffnende Ehrlichkeit eines deutschen Kreuzfahrt-Reisenden oder einige Wochen mit einem griechischen Aussteiger – alle guten Geschichten haben Menschen im Mittelpunkt. Und erzählen dabei mehr über ferne Länder, fremde Kulturen und das Reisen, als es bloße Fakten je vollbringen könnten.
Gute Reise!

TEIL I
DAS GLÜCK DES FREMDSEINS

Südsee
Auf der Rückseite des Globus

Ich befinde mich auf maximaler Distanz zu meiner Heimat und zu allem Bekannten, und damit müsste ich jetzt eigentlich verdammt nah am Gegenpol sein: dem Unbekannten. Dem Exotischen. Dem maximal Fremden. Aber was ist das überhaupt, das Fremde?
Von Daniel Rössler

Wenn du nach Fidschi fliegst, dann ahnst du, dass du dich nach und nach an den Rand der Welt bewegst. Dorthin, wo alles hinter dir liegt und vor dir nur noch ein paar Inseln und der nächste Sonnenaufgang. Dorthin, wo die Zeit aufhört. Oder wo sie beginnt. Je nachdem, wie du es sehen willst. Ich persönlich sehe das eher entspannt, meine Meinung zu Fragen der Datumsgrenze ist nicht sehr ausgeprägt. Ich weiß, dass man dort als Erster den Tagesanbruch erleben, Silvester feiern und den Countdown zu einem neuen Jahrtausend runterzählen kann, aber wie oft kommt so was schon vor? Nicht oft genug jedenfalls, um sich deshalb gleich eine eigene Meinung bilden zu müssen, und schon gar nicht, um sich deswegen zu streiten.
Mein Sitznachbar sieht das ein wenig anders. »Wir waren die Ersten!« sagt Salesi und schnaubt durch die Nase. »In Fidschi geht die Sonne weltweit als Erstes auf, und deshalb gab es bei uns auch den ersten Sonnenaufgang des Millenniums.« Ich erinnere mich vage an diesen seltsamen Streit. »War das nicht in Kiribati?« Schnauben. »Oder Tonga?« Lautes Schnauben. Ich entschließe mich, den Mund zu halten, mir fallen ohnehin keine weiteren pazifischen Zwergstaaten ein.

Der Kampf um den ersten Sonnenaufgang war jedenfalls schmutzig.

Zeitzonen wurden verschoben, neue Sommerzeiten eingeführt, Tourismusprospekte gedruckt. Ein Kampf mit allen Mitteln. Der Sonne war das aber ziemlich egal, die scherte sich nicht um Hochglanzbroschüren und geografische Gutachten und ging am 1. Januar auf wie immer. Salesi scheint es mittlerweile auch egal zu sein. Die Stewardess hat das Essen gebracht und ein Bier, beides lässt er sich hörbar schmecken und schnaubt nicht mehr.
Ich schaue aus dem Fenster und weiß nicht, worüber ich mich mehr wundern soll: Über Grenzen und den Ärger, den sie selbst dort verursachen, wo man sie nicht sehen kann? Über die Geschwindigkeit, mit der Salesi gerade sein zweites Bier austrinkt? Oder über die endlosen Wassermassen, die unter uns liegen wie eine flüssige Wüste? Seit Stunden blicke ich nach draußen und hoffe jedes Mal, etwas zu erblicken, das nicht blau ist und Pazifik heißt. Aber da ist nichts anderes, seit einem halben Tag nicht.

Alles blau, alles Pazifik, so weit das Auge reicht.

Ich weiß, ich weiß – wenn man in eine Gegend reist, die unmissverständliche und vor Feuchtigkeit triefende Namen wie »Ozeanien« oder »Südsee« trägt, sollte man ein bisschen Wasser schon aushalten können. Versuche ich ja auch. Aber 714 Millionen Kubikkilometer sind eben ziemlich viel. Ich komme aus einem alpinen Binnenstaat, die größte zusammenhängende Wassermasse in meiner näheren Umgebung ist ein öffentliches Schwimmbad mit 1,80 Meter Beckentiefe und Badeschluss um 17 Uhr. Und jetzt befinde ich mich über einem Ort, der flüssig ist und nichts als flüssig, in dem Wasser regiert und Land im besten Fall geduldet ist. Einem Ort, der auf den meisten Weltkarten ganz rechts oben und auf einigen gar nicht mehr eingezeichnet ist. Einem Ort, der auf so ziemlich jedem Globus in so ziemlich jedem Kinderzimmer dieser Erde auf seiner abgewandten Rückseite liegt. Dort, wo man nur durch Zufall hintippt und danach Staub am Finger hat.
Die Stewardessen tragen weiße Blumen im Haar und die Männer große Bäuche vor sich her, das sind die einzigen Exotika, die bisher auffallen. Aber der Innenraum eines Flugzeuges eignet sich auch nicht besonders für ethnologische Beobachtungen. Flugzeug-Innenräume sind kulturelle Vakuumkammern, sie sehen immer gleich aus, egal, ob man über die sibirische Steppe fliegt oder über den Südpazifik. Aber im Moment bin ich ganz froh darüber: über den Pazifischen Ozean zu fliegen und nicht über die russische Tundra, froh über die nette Stewardess mit der schönen weißen Blume im Haar und einem kalten Fiji Bitter in der Hand. Ich trinke mein Bier und lächle beseelt auf das Meer, das sich im abendlichen Licht langsam rosarot färbt.
Eine Woge der Zufriedenheit strömt durch meinen Körper, und ich ahne in diesem Moment nicht mal ansatzweise, dass ich in wenigen Wochen in einer russischen Propellermaschine über genau diesem Meer um mein Leben zittern werde. Es wird nicht rosarot sein, sondern schwarz wie der Schlund der Hölle, und es wird kein Bier geben und keine Stewardess mit Blume im Haar. Aber das weiß ich jetzt alles noch nicht, und deshalb bestelle ich ein zweites Bier und freue mich. Ich fliege nach Fidschi, an das Ende der Welt. Oder in ihre Mitte, je nachdem, wie man es sehen will.

Maritime Geschenke für Segler
Ungewöhnliche Abenteuer

»Auf Jesu Spuren« von Nils Straatmann

Ein Geschenktipp von Margret Kirsch, Malik Lektorat:
 

»Bei weihnachtlichem Kerzenschein ins Heilige Land: Nils Straatmanns origineller Roadtrip zu unseren religiösen Wurzeln und zu den Menschen im Nahen Osten bietet perfekten Stoff, um sich packen zu lassen, zu schmunzeln, aber auch mal wieder innezuhalten.«

Blick ins Buch
Auf Jesu SpurenAuf Jesu Spuren

Eine Wanderung durch Israel und Palästina

Wandern, wo Jesus von Nazareth wandelte: Nils Straatmann reist mit einem alten Schulfreund den Lebensweg des historischen Jesus nach – vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem, den heute eine riesige Mauer dominiert, durch den Golan bis zum Hermon, auf dem im Winter der Skitourismus boomt. Mit unstillbarer Neugier erkundet der junge Theologe, was von den Ideen des einstigen Erlösers im Heiligen Land geblieben ist. Trifft in einem Beduinen-Camp auf Harry Potter, fährt mit einem der letzten Fischer auf den See Genezareth und wird bei einem palästinensischen Barbier als Spion verdächtigt. Dabei nähert er sich fundiert und ebenso skeptisch wie selbstironisch den drei Weltreligionen an. Räumt mit Vorurteilen und weitverbreitetem Halbwissen auf. Und erfährt bei seinen Begegnungen, dass die Fähigkeit zur Nächstenliebe eine der größten menschlichen Stärken ist.
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Prolog


8. Juli 2016, Zgheib-Militärbasis, Sidon, Libanon
Mehrere Rollen NATO-Draht schirmen die Straße vom restlichen Verkehr ab. Ein Panzer steht in der Einfahrt, das Rohr direkt auf uns gerichtet. Ein Typ in Uniform sitzt am Geschützturm und raucht eine Zigarette. Hinter ihm an einer Schranke stehen weitere Soldaten. Von ihren Schultern hängen Gewehre.
»Was wollt ihr hier?«, fragt einer von ihnen auf Englisch.
»Wir brauchen eine Genehmigung, um in den Süden des Landes zu kommen«, antworte ich so naiv wie möglich. »Uns wurde gesagt, wir sollen uns an euch wenden.«
»Wer hat das gesagt?«
»Freunde. Im Hostel.«
Der Soldat winkt uns zu einem weiß getünchten Empfangshäuschen, wo ein schlecht gelaunter Beamter hinter einem abgewetzten Schreibtisch unsere Pässe kontrolliert.
»Telefone?«, fragt er barsch. »Abgeben!«
Wir ziehen unsere Handys aus der Tasche und händigen ihm damit unsere einzige Sicherheit aus. Sein Blick fällt auf unsere Flipflops.
»Was sind denn das für Schuhe? Das sind keine Schuhe! Habt ihr andere dabei?«
Ich schüttle den Kopf.
»Ich mag eure Schuhe nicht. Die werden Probleme bereiten. Besorgt euch andere Schuhe!«
»Wir haben kei…«
»Dann haut ab!«
Ich blicke zu Sören, er blickt zurück. 12 000 Kilometer, Hamburg–Tel Aviv–Hamburg und dann zurück in den Nahen Osten. Wochen voller Recherchen, je ein zweiter Reisepass, ein kompletter Gepäckwechsel, und das alles, nur um jetzt von einem mies gelaunten Typen mit schlecht gestutztem Schnurrbart wegen unserer Flipflops abgewiesen zu werden. Danke, Jesus! Hätten sich die Torwachen in Jerusalem wegen deiner Sandalen so angestellt, hätte sich deine Botschaft nie verbreiten können.
»Gibt es wirklich keine Möglichkeit, mit diesen Schuhen …«, setze ich an, doch der Beamte grätscht dazwischen: »Hört zu: Entweder ihr steht hier jetzt noch eine Weile rum, und ich lasse euch von den Jungs da draußen abführen oder ihr besorgt euch von irgendwoher vernünftige Schuhe und kommt morgen wieder!«
Wir treten auf der Stelle. Morgen wollen wir uns bereits auf dem Weg in die Berge befinden. Kurz überdenke ich unsere Möglichkeiten. Dann schultere ich meinen Jutebeutel und mache mich schleunigst auf den Rückweg nach Beirut.

Knapp drei Stunden später bin ich wieder da. In der Hand trage ich meine Nikes und Sörens schwere Wanderstiefel, die auf beinahe 400 Kilometern in ehrlichem Männerschweiß durchgewalkt wurden. Sören, der im Schatten einer Pinie gewartet hat, hebt den Blick. Seit das Display seiner Kamera kaputt ist, sieht er beim Sichten der Aufnahmen immer so aus, als würde er sehr konzentriert seine Füße fotografieren.
»Der Geruch Ihrer Schuhe hat Ihr Kommen bereits angekündigt, Sir«, begrüßt er mich. »Shall we?«
Ich nicke.
Diesmal bereitet uns der Beamte keine Probleme. Wir geben unsere Handys und Jutebeutel ab, dann werden wir ins Lager geleitet. Militärfahrzeuge und aufgeschichtete Sandsäcke. Überwachungskameras, derbe Jungs mit Maschinengewehren. Ein hagerer Kerl in Flipflops führt uns hinter das Hauptgebäude zu einem schlecht klimatisierten Container, in dem wir erwartet werden.
Wir sitzen auf einem mit schwarzem Kunstleder überzogenen Drahtgestell. Zwei Schreibtische, Furnierholz, darüber ein sich träge drehender Ventilator, der den Muff von zu oft geatmeter Luft im Raum verteilt. Vor uns ein Mann, dessen aufgesetztes Lächeln nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er in seiner Freizeit wahrscheinlich gerne Menschen frisst.
»Pässe?«, blafft er, während sein Kollege im hoffnungslosen Versuch, eine Fliege zu erschlagen, eine zusammengerollte Zeitschrift durch die Luft schwingt.
»Deutsche, ja?« Er wirft uns einen misstrauischen Blick zu. »Und ihr wollt in den Süden? Was habt ihr da vor?«
Jetzt bloß nichts über Israel sagen, denke ich. So, wie es uns eingebläut wurde: Kein Wort über Israel und Palästina.


Das geheime Gatsby

»Sie müssen doch Gatsby kennen.«
F. Scott Fitzgerald


16. Mai 2016, Ben Gurion Airport, Tel Aviv, Israel
Sören und ich stehen vor einer Scheibe aus Panzerglas, die uns und unsere Pässe voneinander trennt. Geschäftig dreinblickende Reisende schauen auf ihre Uhren, schreiende Kinder und ungeduldige Blicke rempeln uns an. Durch einen Spalt unter der Scheibe sprechen wir mit zwei Grenzbeamten.
»Zum ersten Mal in Israel?«, fragt ein junger Mann in dunkelblauer Uniform durch den Schlitz.
»Ja«, antworte ich.
»Ihr gehört zusammen?«
»Jupp.«
»Wie lang bleibt ihr?«
»Zwei Monate.«
»Was macht ihr?«
»Wir wollen so nah wie möglich an der historischen Route Jesu entlangwandern.«
Er tippt etwas in seinen Computer. »Wandern? Wieso wandern? Es ist heiß!«
»Weil Jesus auch gewandert ist. Kein Auto, kein Führerschein. Die hatten ja nichts …«
Der Beamte lacht nicht. »Und wo wandert ihr lang?«
»Wir beginnen in Bethlehem. Von dort fahren wir nach Nazareth und wandern am See Genezareth entlang bis zum Hermon an die Nordgrenze. Von da aus dann zurück nach Jerusalem.«
Der junge Mann berät sich kurz und mit ernsten Blicken mit seiner Kollegin, dann schaut er wieder zu uns. »Und warum kommt ihr dafür nach Israel? Warum fahrt ihr nicht in ein anderes Land?«
Ich zögere. »Na ja … In England auf den Spuren Jesu zu wandern wäre nicht sehr klug, oder?«
Ein paar ruppig geschriebene Notizen mit dem Kugelschreiber, und abschließend noch genau vier Fragen an meinen Begleiter:
»Du heißt Sören?«
»Ja.«
»Wie heißt dein Vater?«
»Peter.«
»Und dein Großvater?«
»Hans-Joachim.«
»Wieso heißt du dann Sören? Das ist kein deutscher Name!« Der Beamte macht ein Gesicht, als hätte er ihn gerade bei einer Straftat überführt.
Sören schaut verdutzt. Er streicht sich das lange Haar zurück. »Also … wir kommen aus Norddeutschland. Da macht man so was. Wir sind Wikinger da oben, wissen Sie?« Wobei er offenlässt, ob er mit »da oben« den Norden oder seinen Kopf meint.
Fünf Minuten später befinden wir uns auf dem Weg zum Gepäckband. »Nice«, flüstert Sören. »Wikinger ziehen immer.«

Das Sammeltaxi, das uns in die Jerusalemer Altstadt bringen soll, teilen wir uns mit einigen orthodoxen Juden. Schläfenlocken, weiße Hemden, dunkle, breitkrempige Hüte. Ich schäme mich dafür, wie neugierig ich sie anstarre.
Die Ledersitze sind von Brandflecken durchlöchert, durch die Fenster pfeift Wind herein. Dörfer fliegen vorbei, deren Namen auf den Straßenschildern in drei Sprachen ausgewiesen sind. Die arabischen Schriftzeichen erinnern mich immer an einen Schwerttanz. An den Hängen der Hügel wachsen Olivenbäume, grau und knorrig, seit Tausenden von Jahren. Manchmal auch Kakteen. Dann verändert sich die Landschaft, und wir passieren Zäune, NATO-Draht und rauchende Soldaten. Die westlichen Ausläufer Jerusalems.
Unser Fahrer setzt uns am Damaskustor ab. Eine Gruppe Polizisten bewacht den Verkehrskreisel davor, ein Scharfschütze hockt zwischen den Zinnen der Altstadtmauer. Im Licht der untergehenden Sonne sieht es beinahe schön aus.
Die Altstadt ist in vier Bezirke aufgeteilt: das muslimische Viertel, das jüdische Viertel, das armenische Viertel und das christliche Viertel. Wir durchwandern die von Millionen Füßen blank gebohnerten Gassen, riechen Baklava und Falafel, und just als wir unsere Herberge erreichen, knackt irgendwo ein Lautsprecher, und über die geschäftig klingende Geräuschkulisse aus fremden Sprachen, Souvenirgeklimper und Taubengurren erhebt sich das übersteuerte Lied eines Muezzins, das von einem Minarett gegenüber unserer Unterkunft schallt.
Das »Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie« liegt im muslimischen Viertel. Als sichtbare Präsenz der Habsburger wurde es 1856 im Heiligen Land erbaut, diente als Pilger-, dann als Waisenhaus, später als Hospital und schließlich wieder als Pilgerhaus. Kaiser Franz Joseph war zu Besuch, der jordanische König Hussein und nun wir, die wir uns den Reisestaub von den Hosen klopfen und von der Veranda des Hospizes das Treiben der jahrtausendealten Stadt bestaunen.
Anschließend machen wir uns auf schnellstem Weg zurück in die Stadt, denn wir haben noch einen Termin: Chris, der Freund eines Freundes, erwartet uns im »Gatsby«. Eine angesagte Cocktailbar, die versteckt hinter einem anderen Café liege, welches wiederum in einer Parallelstraße der Jaffa Street sei. Zweimal laufen wir an besagtem Café vorbei, bis Chris selbst uns an der Schulter packt und erklärt, dass wir schon beim ersten Mal richtig gewesen seien. Er trägt einen ansehnlichen Fünftagebart und einen Bauch, der nicht groß genug ist, um ihn als dick zu bezeichnen. Er führt uns über die Terrasse des Cafés, an deren Ende wir durch eine schäbig aussehende Tür in einen schwach ausgeleuchteten Raum treten.
Ein junger Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart steht an einem Tresen aus dunklem Tropenholz. An der Decke hängen milchige Pub-Lampen, der Boden ist mit rotem Teppich ausgelegt. Überall Bücherregale. Die gesamte Einrichtung zitiert den dekadenten Wohlstand der Roaring Twenties, und man wartet nur darauf, gleich Leonardo DiCaprio oder Tobey Maguire hereinkommen zu sehen. Das einzige Problem: Es ist keine Bar. Es gibt keinen Zapfhahn, keine Spirituosen, nur den Typen mit dem Schnurrbart, die Bücher an der Wand und eine kleine silberne Tischglocke, die auf dem Tresen steht und darauf wartet, gedrückt zu werden.
»Die Jungs gehören zu mir«, erklärt Chris. Der Rezeptionist betätigt die Klingel, das Bücherregal vor uns schwingt zur Seite, und wir treten ein.
Das »Gatsby« wirkt wie ein geheimer Klub des schönen Stils. Weiße Wände, mit Marmor ausgekleidet, dahinter diffuse Lichtquellen, in deren Schein alles weich und attraktiv aussieht. Die Winkelgasse der Boheme. Die Bar im Jugendstil, an der Rückwand ein großer Spiegel, der von Spirituosen in allen Variationen verdeckt wird. Die männlichen Gäste tragen Hosenträger und Hut, die weiblichen meist Cocktailkleid und Federboa. Die Getränke werden hier designt. Sie haben Namen mit zu vielen Silben und werden in ausgefallenen Gläsern mit dazupassenden Eiswürfeln serviert.
Viele Frauen kommen und umarmen Chris, er unterhält sie charmant und untermalt seine Sätze mit kleinen Gesten der Finger. Wie nebenbei berichtet er uns, dass er vor zwei Tagen einen Anruf vom Militär erhalten habe. Er solle sich als Reservist bereithalten, die dritte Intifada sei in vollem Gange. Gerade heute Morgen sei wieder jemand mit einem Messer vor dem Damaskustor attackiert worden. Daher der Name: Messer-Intifada.
Ich zucke zusammen. Meine Frage, wie beunruhigend die Lage sei, wischt Chris mit einem Wink beiseite. »Wir haben die beste Armee der Welt. Wenn sie uns angreifen, schlagen wir zurück!«
»Aber das schützt doch nicht vor den Angriffen an sich.«
Chris nippt an seinem Cocktail. Gelassen erwidert er: »Angst ist etwas, womit du hier leben musst. Am besten, du ignorierst sie. Dann geht sie irgendwann von allein.« Er schnipst, und die Angst verpufft. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: »Und Gras. Gras hilft auch. Wir kiffen wie die Idioten.«
Als Sören und ich zu unserem Hospiz in der Altstadt zurückkehren, kann ich den Scharfschützen auf der Mauer nicht mehr sehen. Ein paar Katzen rascheln in verschiedenen Müllhaufen, ansonsten treffen wir keine Seele. An der Rezeption trägt ein trauriger Jesus am Holzkreuz auch heute Abend das Leid der Welt. Ich sage ihm gute Nacht, um ihn aufzuheitern, dann folge ich der Treppe ins Untergeschoss und schlafe zum urigen Sound knarzender Betten ein.

Aber was hat das alles jetzt mit Jesus zu tun?
Ich komme aus einer relativ christlichen Familie. Für norddeutsche Verhältnisse wahrscheinlich sogar sehr christlich. Ich war in einem evangelischen Kindergarten und habe in mehreren Krippenspielen verschiedene Schafe mit Bravour verkörpert. Einmal hatte ich sogar eine Sprechrolle: »Oh, seht, ein Stern! Was hat er wohl zu bedeuten?« Sitzt bis heute. Die Kinderbibel habe ich wie das Sams oder lustige Taschenbücher gelesen. Das Sams hatte Wunschpunkte, Jesus war der Typ, der Wasser zu Kindersekt machen konnte.
Meine Gemeinde war schrecklich. Die Pastorin sah aus wie Dracula und benahm sich ähnlich. Immerhin, mein Kumpel Alex und seine damalige Freundin hatten ihre ersten sexuellen Erfahrungen in der Abstellkammer neben dem Konfirmandensaal. Bremen-Nord, wo wir aufwuchsen, war kein Ort für keusche Lämmchen. Ich hatte zwei Onkel, die Pastoren waren und von denen ich lernte, dass man auch als Pastor ein echter Mensch sein kann. Die Fußball guckten und fluchten, manchmal zu viel Erwachsenensekt tranken und doch mitunter sehr weise waren. Und trotzdem dachte ich zu jedem Weihnachts- und Osterfest, zu jeder Taufe, jeder Konfirmation in meiner Gemeinde: »Ach, Leute! Warum denn so langweilig? Das kann man doch viel spannender, viel wirklichkeitsnäher machen!« Jedes Mal, wenn ich in der Kirche saß, wuchs in mir der Wunsch, Pastor zu werden, um diesem Elend ein Ende zu bereiten.
Nach meinem Abitur schwankte ich zwischen Theologiestudium und Kirchenaustritt. »Entweder«, sagte ich mir, »du versuchst, das ganze Ding zu verstehen und bestenfalls zu verbessern, oder du musst damit nichts zu tun haben.« Ich entschied mich für Ersteres.
Im Studium erlebte ich, wie Kommilitonen manche Professoren als Ketzer beschimpften. Wie bei Fußballspielen die Nächstenliebe so weit ging, dass jedes Tor für beide Mannschaften zählte, damit sich alle gemeinsam freuen konnten. Aber ich traf auch Menschen, denen ihr Glaube die Kraft gab, ihr Leben zu bestreiten. Denen die Kirche Lebensinhalt und vor allem -sinn stiftete. Ich machte ein Praktikum bei einem schwulen Pastor in Lübeck, mit dem ich am Küchentisch saß, wo wir mithilfe seines »Gaydars«, seines »Schwulensensors«, gemeinsam versuchten herauszufinden, wer von den katholischen Kollegen in der vatikanischen Kurie schwul war und wer nicht. Dieser Pastor stand für eine Kirche, von der ich Teil sein wollte. Eine realistische Kirche für alle, in der Lachen nicht verboten war, in der Fehlbarkeit akzeptiert und thematisiert wurde. Kein sakrales Tüdelü.
Mein Theologiestudium hatte ich immer als hervorragenden Plan B beschrieben. Einen Plan A gab es lange nicht. Bis ich merkte, dass ich vom Schreiben und dem dazugehörigen Auftreten leben konnte. So stellte ich mir irgendwann die Frage, wie sich Studium und Arbeit verbinden ließen.
Es war ein Freitagmorgen, als ich in einer Vorlesung zur Kulturgeschichte des Neuen Testaments saß. Ich hörte nicht richtig zu, denn ich war in diesem esoterischen Zustand zwischen noch betrunken und schon verkatert. Der Professor erzählte etwas über die Höhlen am Berg Arbel und die Ausgrabungen in Magdala, und mit einem Mal entwickelte sich in mir die Idee, den Weg Jesu nachzuwandern. Ich kannte so viele Orte, an denen er gewesen sein sollte, und doch hatte ich keinen davon mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte ich das Christentum verstehen, wenn ich seine Wurzeln, die Kultur und Region, denen es entstammt, nicht kannte?
Mich faszinierte vor allem der menschliche Jesus: Wer war der Typ, der die Evangelisten zu ihren Texten inspirierte? Was ließ die Leute an ihn glauben? Was lässt sie heute glauben? Wer war Jesus von Nazareth, und was hat ihn zu dem gemacht, der er war? Was würde heute aus ihm werden? Wo wäre er zu finden?
Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber vorher brauchte ich eine Aspirin.

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