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Weihnachtsgeschenkideen für Weltenbummler

Freitag, 16. November 2018 von Malik / National Geographic


Geschenktipps und Empfehlungen von Malik National Geographic

Wir haben die besten Abenteuerbücher und Reiseberichte für Abenteurer, Outdoor-Fans und Reisende, denn diese Bücher wecken Fernsucht und Abenteuerlust.

Geschenkideen für Bergsteiger
Mord am Unmöglichen. Signierte Buchausgabe

Spitzenkletterer aus aller Welt hinterfragen die Grenzen des Möglichen

Ein exklusive Geschenk für Bergsteiger und Kletterer.Reinhold Messner versammelt die besten Kletterstars in einem Band. Sie alle beschäftigen sich mit der Frage, wie sich der traditionelle Alpinismus seit 250 Jahren an der Prämisse »möglich oder unmöglich« entwickelt hat.  1968 veröffentlichte der junge Reinhold Messner mit »Mord am Unmöglichen« einen glühenden Appell zum Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern. 50 Jahre danach nehmen die weltbesten Kletterer dazu Stellung und erzählen die Kunst, schwierigste Felswände zu meistern, fort.
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Mord am Unmöglichen 1968 – 2018

Vor 50 Jahren – im Jahr 1968 – vollzieht sich in den Werten des Felskletterns ein Wandel, eine bemerkenswerte Veränderung: Reinhold Messner gelingt am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten seine schwierigste Erstbegehung, während Royal Robbins im Yosemite Valley das »clean climbing« ausruft.
1958, zehn Jahre zuvor, waren die Direttissima an der Nordwand der Großen Zinne und die Nose am El Capitan als Nonplusultra gefeiert worden und das technische Klettern in Mode gekommen: »Für uns sind Haken ein vollwertiger, hervorragender Ersatz für Griffe und Tritte« (Dietrich Hasse).
Im Jahr der Studentenrevolution lanciert Reinhold Messner mit seinem Aufsatz »Mord am Unmöglichen« einen glühenden Appell zum Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern. Folgen werden ihm wenige – sie sind bereit zum Verzicht –, nicht jedoch diejenigen, die im Klettern einen Sport sehen und gesättigt sind. So entwickelt sich das Freiklettern, das später, nach der Öffnung der bis dahin gültigen Schwierigkeitsskala, eine unaufhaltsame Steigerung erfährt. In diesem Buch nehmen die weltbesten Kletterer Stellung zu Entwicklung und Status quo des traditionellen Kletterns wie des Freikletterns. Sie diskutieren über die Thesen von Royal Robbins und über den Artikel von Messner und fahren somit fort, von der Kunst, die schwierigsten Berge und Felswände zu erklimmen, zu erzählen. So entsteht das Narrativ über die Kletterentwicklung der letzten 50 Jahre.


Vorwort

von Luca Calvi und Sandro Filippini
Die Idee zu diesem Buch kam uns, den Herausgebern, wie es so oft geschieht, fast zufällig: Als wir bei einem Treffen im Zentrum von Mailand besprachen, wie eine zukünftige Zusammenarbeit beim Trento Film Festival aussehen könnte, tauchten Erinnerungen an Ereignisse und persönliche Anekdoten auf, die mit 1968 und der damaligen Protestbewegung der Jugend in Zusammenhang standen. Aufgrund unserer gemeinsamen Leidenschaft für den Alpinismus ergab sich die Verbindung zum 50-jährigen Jubiläum des berühmten Artikels von Reinhold Messner über den »Mord am Unmöglichen« praktisch von selbst. Und in einer Art vergnügtem Pingpongspiel kamen wir von der Idee, dass man während des Festivals einen Abend mit Messner organisieren könnte, bei dem dieser sein ’68 mit dem einer ganzen Generation verbinden würde, zu der Überlegung, dass man doch die besten Kletterer fragen könnte, was ihrer Meinung nach vom »Unmöglichen« übrig geblieben ist. Und schon war ein gemeinsames Projekt von Reinhold Messner und dem Rizzoli Verlag geboren.
Reinhold selbst beschloss dann, höchstpersönlich daran mitzuwirken und daraus eines seiner Bücher zu machen, indem er viel mehr als nur jenen Artikel von vor 50 Jahren, den er hierfür korrigierte und kommentierte, beisteuerte. Denn er überarbeitete auch andere Artikel, mit denen er seinerzeit die Diskussion mit der UIAA (Union Internationale des Associations d’Alpinisme) vorangetrieben hatte, in der er die Öffnung der Schwierigkeitsskala nach oben vertreten hatte – angefangen mit dem Artikel über den siebten Grad, der zur Grundlage seines berühmten, mittlerweile nicht mehr im Handel zu findenden Buches wurde. Daraus hat Messner die Kapitel, die in diesem Band abgedruckt sind, entnommen und umgeschrieben. Anhand dieser Texte kann man erkennen, wie sich seine Denkweise durch sein Handeln als junger Alpinist, der sich in die Welt der Vertikalen verliebt hatte, entwickelte. Es sind Arbeiten, die im Laufe der Zeit aktualisiert worden waren; sogar die Frage, ob Sauerstoff auf Achttausendern eingesetzt werden solle oder nicht – oder besser gesagt, die Frage nach einem Alpinismus, der nicht mit Zahlen gemessen werden kann –, wurde in das weite Feld der ethischen Problematik aufgenommen. Das Problem ist, wie man sehen wird, immer dasselbe: nämlich Klarheit über das eigene Verhalten zu gewinnen und Tricks zu vermeiden. Und Letztere bietet nicht nur die technische Entwicklung. So wird es auch in der Episode am Schluss dieses Bandes über den »Palo della Cuccagna« ironisch suggeriert, den der Student Messner seinerzeit »technisch erklomm« …
Die Begeisterung und die Mitarbeit vieler Top-Bergsteiger und -Kletterer bereicherten dieses Projekt; mit ihren äußerst interessanten Überlegungen – ausgehend von den unterschiedlichsten Ansatzpunkten und Sichtweisen – leisteten sie einen wertvollen Beitrag zu diesem Band. Es sind 42 Beiträge aus allen Gebieten der Welt, wo man sich dem Alpinismus und jeder Form des Kletterns auf höchstem Niveau verschrieben hat, immer auf der Suche nach einem neuen »Unmöglichen«, wodurch die Eroberer des Nutzlosen ihr persönliches Abenteuer finden, ihre persönlichen Grenzen entdecken können, um diese je nach Lust und Laune entweder zu überschreiten oder neu festzulegen.
Der Vollständigkeit halber weisen wir darauf hin, dass sowohl die von Reinhold Messner durchgesehenen und korrigierten Texte als auch die anderen Beiträge aus der jeweiligen Muttersprache der einzelnen Autoren von Luca Calvi ins Italienische übersetzt worden sind, mit Ausnahme der Artikel von Pierre Mazeaud und Boyan Petrov, die Sandro Filippini aus dem Französischen bzw. Bulgarischen ins Italienische übersetzt hat.
Wir möchten zudem erwähnen, dass es außer den 42 hier mit ihren Beiträgen vertretenen auch andere großartige Alpinisten gibt, die jedoch zu viel mit alpinistischen oder schriftstellerischen Aktivitäten bzw. mit ihrer Erwerbsarbeit zu tun hatten, sodass sie uns deshalb nicht ihre persönlichen Überlegungen schicken konnten. Daher übermitteln sie hier ihre Grüße und die besten Wünsche für dieses Projekt: Joe Brown, Catherine Destivelle, Silvo Karo, Woytek Kurtyka, Steve House, Denis Urubko, Alex Txikon, Angela Eiter, Alexey Lončinskij, Colin Haley und Lynn Hill.
Unser besonderer Gruß gilt Boyan Petrov, der nach Abgabe seines Beitrags aufbrach, um seine persönliche Recherche fortzusetzen, und nun mit den ihm teuren ewigen Gletschern und der dünnen Luft am Shishapangma eins geworden ist.
Vor der Drucklegung dieses Werks möchten wir vor allem unserem Freund Reinhold Messner von Herzen danken, dass er an dieses Projekt geglaubt und es mit viel Energie unterstützt hat. Unser Dank gilt ebenso dem Verlag Rizzoli Libri (Verlagsgruppe Mondadori Electa) sowie Loris Lombardini und seinen Mitarbeitern von der Medienagentur Studio Bi Quattro, die das, was vor einem Jahr nur wenig mehr als ein schöner Traum zu sein schien, ermöglicht haben.

Luca Calvi und Sandro Filippini
Mailand, Oktober 2018


Einleitung
Reinhold Messner
Möglich oder unmöglich

Der traditionelle Alpinismus entwickelte sich seit seinen Anfängen – 1786 mit der ersten Besteigung des Mont Blanc – nach der Prämisse »möglich oder unmöglich«. Jede neue Generation versuchte möglich zu machen, was die Gestrigen als unmöglich deklariert hatten. Über ein Jahrhundert lang geschah dies ausschließlich durch immer weiter verbessertes menschliches Können, durch die Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten. Die Sorge, dass das unmöglich Machbare abhandenkommen könnte, existierte daher nicht. Hinzu kamen Mummerys Postulat »by fair means« und der Preuß’sche Grundsatz »Das Können sei des Dürfens Maß«, wobei das natürlich hilfsmittelfrei gedacht war.
Nach seiner ersten Phase, dem Eroberungsalpinismus, hätte sich damit traditionelles Bergsteigen über den Schwierigkeitsalpinismus kontinuierlich zum Verzichtsalpinismus wandeln können. Auch der heroische Alpinismus, der zwischen den beiden großen Kriegen vor allem in Italien und Deutschland seinen Ausdruck fand, war von dem Anspruch getragen, eher menschliche Fähigkeiten zu steigern als den Gebrauch technischer Hilfsmittel. Der Einsatz von Flugzeugen – z. B. durch Paul Bauer am Nanga Parbat 1938 – oder das Einrichten der Kletterwege von oben – wie es Wastl Weiß in der Mauk-Westwand 1941/42 tat – blieben Ausnahmen.
Erst die Fünfziger des vergangenen Jahrhunderts brachten mit ihrem chemischen, technologischen und mechanischen Fortschritt die Option, das »Unmöglich« bergsteigerischer Herausforderungen zu eliminieren. An Felswänden wurden nun Schlagbohrer eingesetzt, wenn man nicht weiterkam; bei der Annapurna-Erstbesteigung 1950 und am Nanga Parbat 1953 wurden Amphetamine eingenommen. Für Mount Everest 1953 und K2 1954 brachte künstlicher Sauerstoff den Erfolg. Am Dhaulagiri scheiterte man trotz Dynamiteinsatz. Die Bohrmaschine, wie sie Cesare Maestri am Cerro Torre 1970 einsetzte, war der nächste und nur konsequente Schritt der Entwicklung einer »Fortschritt dank Technik«-gläubigen Gesellschaft: ein Beweis dafür, dass wir Bergsteiger immer auch Kinder unserer Zeit sind.
1968 war ich ein begeisterter Bergsteiger mit dem Schwerpunkt Felsklettern. Nachdem ich einige der in Mode gekommenen Direttissimas, die damals großteils nur mithilfe von Haken und Bohrhaken eröffnet worden waren, nachgeklettert hatte, verschrieb ich mich ganz dem Freiklettern: Zur Sicherung setzte ich Stand- und Zwischenhaken, auf Bohrhaken aber verzichtete ich ganz. In dieser Zeit entstand mein Aufsatz »Mord am Unmöglichen«, in einem Anflug von Verzweiflung meisterte ich die »Platte« am Mittelpfeiler des Heiligkreuzkofels in den Dolomiten, und es folgte eine ganze Reihe weiterer Erstbegehungen. Ein halbes Dutzend der damals größten Touren in den Dolomiten wagte ich im Alleingang, wobei ich mich an Schlüsselstellen im Seilring selbst sicherte.
Ich war damals weit davon entfernt, den »Mord am Unmöglichen« als Kritik auf die Verwendung von Sauerstoffmasken beim Höhenbergsteigen ausdehnen zu wollen oder sogar Doping in die Diskussion um sauberes Bergsteigen einzuschließen. Doping war 1968 vor allem unter den Hippies im Gebrauch, denen wir jungen Kletterer zwar in unserer Auflehnung gegen das Establishment glichen, nicht aber in ihrer Verweigerungshaltung. Denn wir waren Einsteiger, nicht Aussteiger! In meiner Vorstellung war traditionelles Bergsteigen weniger eine sportliche als eine kulturelle Lebensäußerung.
Die Diskussion über die Achttausender und die Frage »Mit oder ohne Maske?« kamen erst viel später auf, ebenso die Ablehnung aller Drogen am Berg. Mir ging und geht es in dieser Auseinandersetzung zuallererst um die Form der Begegnung zwischen Mensch und Natur, genauer gesagt, um das Spannungsverhältnis Menschennatur versus Bergnatur, und erst in zweiter Linie um den Stil. Meinen bergsteigerischen Herausforderungen wollte ich als Mensch, nicht als Maschinenmensch begegnen und nur so weit gehen, wie es Können, Erfahrung, Leidensfähigkeit und Ausdauer zuließen. Viel später erst formulierte ich mein Postulat, als eine Art ABC des traditionellen Bergsteigens. Und zwar nicht als allgemeingültige Regel, sondern als Anspruch an mich selbst!
No artificial oxygen!
No bolts!
No communications! – sonst geht die Exposition verloren.
No drugs! – das »Natural High« ist stärker als der Drogenrausch, die Bergsucht nur eingebildet.

Meine Art des Verzichts sollte nicht als Verbot an andere gerichtet sein, sondern meinen Respekt vor den Bergen ausdrücken. So wie es auch jenes Sich-Zurücknehmen zeigt, wenn uns das noch Mögliche unserer Selbstäußerung mit fortschreitendem Alter immer weniger Spielraum lässt. Traditioneller Alpinismus ist weder mit Längen- oder Höhenmetern noch in Sekunden, Stunden oder Tagen messbar, er nährt sich aus dem stetigen Verschieben der Grenze zwischen unmöglich und möglich. Nur deshalb darf das Unmögliche nicht ignoriert, ausgetrickst oder durch Verwendung moderner Hilfsmittel banalisiert werden. Das Unmögliche ist wie das Nichts oder die Unendlichkeit, die es erst auszufüllen gilt.

50 Jahre nach Erscheinen meines Artikels »Mord am Unmöglichen« habe ich – nach einer erneuten Durchsicht und Anordnung – beschlossen, auch jene Schriften wieder zu veröffentlichen, mit denen ich damals, fast zur selben Zeit, für die Öffnung der Bewertungsskala nach oben stritt, die beim 6. Grad stehen geblieben war. Es sind Texte, die die Entwicklung meiner Denkweise veranschaulichen, die ich durch meine Aktivität als Felskletterer durchlaufen und in Diskussionen erweitert habe. Indem ich die Routen selbst kennengelernt habe, die als Abenteuer, als extremes Abenteuer, die Entwicklungsgeschichte des Kletterns bestimmt haben, wurde die große Frage – Sport oder Abenteuer – zu einer philosophischen. Zum größten Teil gehörten diese Schriften zum Buch »Der 7. Grad. Extremstes Bergsteigen«, das nicht wieder aufgelegt wurde.
Das Mögliche, das Unmögliche und die Skala der Schwierigkeitsgrade sind hier also das Thema. Der Kern der Frage war und ist, wie man sehen kann, derselbe.
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Erster Teil


Die ideale Linie von Vinatzer

Die Nordwand der Furchetta steht unmittelbar über der Gschmagenhard Alm, wo ich im Sommer meine Kindheit zubrachte. Zusammen mit meinen Brüdern. Ich kannte die Durchsteigungsgeschichte dieser Wand: Dibona hatte es versucht; dann Dülfer mit Trenker. 1925 dann ist es Emil Solleder und Fritz Wiessner gelungen, die 800 Meter hohe Wand zu klettern, rechts von der Gipfelfalllinie über eine Folge von Rissen. Später fand Hias Auckenthaler eine Linie links davon, und 1932 stiegen Giuani Batista Vinatzer und Johann Rifesser in direkter Linie und in reiner Freikletterei durch diese formschöne Wand: der ideale Weg, eine »Direttissima« in Vollendung.
Ich hatte später öfters Gelegenheit, mit Vinatzer – neben Hias Rebitsch aus Nordtirol und Raffaele Carlesso aus den südlichen Dolomiten der beste Felskletterer seiner Zeit – zu sprechen, diskutierte mit ihm über seine Einstellung zum Berg, die Ausrüstung damals, seine Möglichkeiten. So wurde ich einer seiner Bewunderer: wegen seiner Einstellung, seines Könnens, seiner Kunst, die Felsen zu lesen.
Mit großem Respekt ging ich daran, seine Routen zu wiederholen. Die ideale Linie bleibt für mich die »Vinatzer« in der Nordwand der Furchetta. Bis heute.
Leider habe ich seine Antworten seinerzeit nicht aufgeschrieben, glücklicherweise haben es später andere gemacht (das folgende Interview ist von Egon Stuflesser und Adam Holzknecht, 1984).


Interview mit Giuani
Batista Vinatzer de Val
von Egon Stuflesser und Adam Holzknecht

Du hast viele große Touren gemacht, wie kam es dazu?
In den 30er-Jahren kamen Italiener und Österreicher, die in unseren Bergen kletterten, wir wollten einfach mithalten.

Welche ist deine wichtigste Route?
Die Furchetta! Ich habe sie mit Giuani da Stufan – Johann Rifesser – gemacht. Ich war 20, er 21 Jahre alt. Wir hatten von Solleder gehört, der diese Route 1925 versucht hatte. Wir wollten sie klettern, hatten aber kaum Informationen, wussten nicht einmal, dass wir zum Einstieg die Mittag-Scharte hätten nehmen können. Wir haben die Runde über die Porta-Scharte gemacht. Um 3 Uhr morgens sind wir am 8. August 1932 bei Stufan gestartet, kannten die Furchetta von ihrer Nordseite überhaupt nicht. Um 8 Uhr waren wir am Einstieg, sind ohne Seil bis zur Dülferkanzel gestiegen. Dort sahen wir, dass die Felswand sehr brüchig ist. Wir kamen bis zu einem Haken, wo Dülfer 1914 aufgegeben hatte. Ich bin mit dem 40-m-Seil aufgestiegen, und dann hat Giuani eine weitere Seillänge gemacht. Nach fünf Seillängen wurde es leichter. Wir hatten nur einen Hammer, fünf oder sechs Haken und das eine Seil dabei. Aber die Haken hielten so und so schlecht.

Wer hat euch die Haken gegeben?
Wir haben sie gefunden, zum Teil aus den Felsen gehauen. Später erst hat uns der Schmied Dekassian die ersten Haken geschmiedet. Aber er wollte nur selten welche hergeben. Also bin ich mit ihm geklettert, habe einige dafür bekommen.

Was sagten die Eltern?
Mein Vater war im Krieg gestorben, meine Mutter wusste von unseren Touren nichts.

Und was meinten die alten Bergsteiger?
Die sagten, wir seien verrückt und machten alles falsch.

Erzählst du uns von deinen Routen?
Im Jahr 1932 habe ich die Furchetta gemacht, danach die Pieralongia, 1933 den Stevia-Nordriss. 1936 dann die Direttissima an der Marmolada di Rocca, 1945 schließlich Sass dla Luesa, die Rodelheilspitze.

Habt ihr die Routen vorher studiert?
Nein, wir gingen einfach los. Wir schielten nie zu den Frauen, wir schauten die Felsen an. Umso mehr!

Wo habt ihr das Seil gekauft?
Zusammen haben wir – Vinzenz, Giuani da Stufan und ich – das Seil gekauft.

Technik des Seils?
Die Knoten haben wir von den Fuhrmännern gelernt.

Wie hast du Ettore Castiglioni kennengelernt?
Als Vinzenz Peristi mehr schnitzte als kletterte, suchte ich andere Kletterpartner: Rudi de March aus Bozen und Castiglioni.

Ihr seid alles zu Fuß gegangen?
Ja. Um zum Beispiel die Nordwestwand am Sass Pordoi an einem Tag zu klettern, sind wir von St. Ulrich 20 km bis zum Einstieg marschiert und am Abend wieder zurück. Für die Südwand der Marmolada sind wir von Gröden zu Fuß nach Contrin gegangen.

Warst du immer trainiert?
Ja, bei Stufan war eine Turnstange, um Kraft zu trainieren. Außerdem gingen wir sehr viel und sehr schnell, auch Ranggln (eine Art des Ringens im Ostalpenraum) gehörte dazu.

Um die Comici-Route an der Großen Zinne zu machen, bist du auch zu Fuß hinüber?
Nein, in diesem Fall hat mir Carlesso die Fahrt bezahlt.

Seid ihr, du und Rifesser, gut miteinander ausgekommen?
Ja, aber jeder hatte seinen Kopf. Unser Seil hatte einen Durchmesser von 16 mm und war sehr schwer, bald auch teilweise beschädigt. Giuani kommandierte. Ich sollte das Seil tragen. Am Fels angelangt, sagte er, er brauche kein Seil. So ließen wir das Seil am Einstieg und kletterten beide frei.

Gab es damals schon Steige zu den Einstiegen?
Ja, aber Giuani folgte nie den Wegen: »Früher gab es keine Wege, also gehen wir auch nicht auf dem Weg.« Wir gingen 30 Meter oberhalb oder unterhalb des Steigs.

Wie war das Material damals?
So große Haken, dass wir den Fels damit brachen. Wir konnten sie kaum benützen.

Zum Essen?
Schüttelbrot und Speck. In der Früh aß ich immer zwei Eier.

Bist du auch im Winter geklettert?
Ja, immer allein. Ich kletterte viel an den Fermeda-Türmen, immer wieder von einer anderen Seite, nie dieselbe Route. Öfters habe ich allein den Kiene-Riss oder den Schmitt-Kamin an der Fünffingerspitze gemacht.

Hattest du nie Angst?
Nein, Angst nicht, ich hatte den Felsen gern. Man muss den Felsen den Hof machen, sie umwerben – dann lässt dich das Unmögliche vorbei.

Du hast viele brüchige Touren gemacht?
Ja, ich bin gern im schlechten Fels geklettert, man geht da vorsichtiger. Die Stevia-Wand war sehr brüchig. Ich wollte sie einmal allein machen, in der dritten Seillänge aber, wo es eng ist, habe ich es aufgegeben, bin zurückgeklettert.

Messner sagt, dass du die erste Tour im 7. Grad gemacht hast.
Ja, die Stevia ist so ein Weg. Den habe ich mit dem Vinzenz Peristi gemacht. Die schwierigste Passage war sehr delikat.

Triffst du die alten Kletterfreunde noch?
Sie sind alle gestorben: March, Castiglioni, Giuani, Luisl, Vinzenz, Sickele da Feur und Giuani Salman. Vinzenz ist im Krieg gefallen.

Mit wem bist du am liebsten geklettert?
Mit Vinzenz! Ich konnte mit ihm über so vieles reden. Er war intellektuell und ein guter Künstler dazu. Wir sprachen nie über das Klettern.

Seid ihr nie in ein Gewitter gekommen?
Nein, ich hatte viel Glück, war immer zuversichtlich, wusste, dass mir nichts passiert.

Hättest du gern Expeditionen gemacht?
Nein, dazu hatten wir kein Geld, und wir haben doch auch hier so viele und schöne Berge. Messner geht heute viel und gern, wir damals nicht.

Wie kamst du zum Micheluzzi-Pfeiler?
Eine gewisse Tutina aus England wollte ihn mit Ferdinand Glück machen, es gelang ihnen nicht. So bin ich mit ihr gegangen, und sie hat mich als Bergführer dafür bezahlt.

Seid ihr an einem Tag aufgestiegen?
Ja, es war 1932. Vor uns waren Walter Stösser und Fritz Kast, die sich als Erstbegeher eintragen wollten, aber die Fassaner hatten die Wand vorher gemacht. Auch Cucia Tomanus hat die Micheluzzi versucht …

War das damals die größte Tour in den Dolomiten?
Ja, nur Mathias Rebitsch, ein Jahr älter als ich, hat in Tirol ähnliche Touren gemacht.

Welche ist die schönste Tour in den Dolomiten?
Die Schleierkante, weil der Fels so gut ist.

Wie war es mit Nächtigung und Verpflegung?
Wir hatten kein Geld, aber bei der Stufanhütte wurden wir von Josefina immer verwöhnt. Wir hätten uns nur eine Schüssel Milch leisten können, aber sie schenkte uns alles.

Wann hast du angefangen, als Führer zu arbeiten?
Anfang der 30er-Jahre, aber es hat neun Jahre gedauert, bis ich die Trägerprüfung abgenommen bekam.

Wo überall hast du Gäste geführt?
Kiene-Riss, Adam-Kamin, Rosengarten-Ost, Vajolet-Türme, Schleierkante – viel mit Gästen aus der Schweiz.

Ist deine Frau manchmal mitgeklettert?
Selten. Meine Frau hat die Nordwand des Langkofels mit mir gemacht. Hoch oben hat sie geweint, weil March mit uns war und er so unsicher ging. Auch die Burgstall-Kante hat sie mit mir gemacht.

Andere Frauen?
Ja, doch – einige Frauen.

Ist die Marmolada deine größte Leistung?
Zuerst wollte Castiglioni mit Bruno Detassis die Soldà machen. Sie sind bis zur ersten Terrasse gekommen und mussten zurück. Ich habe Francesco de Giulian gefragt, ob Castiglioni meine Hilfe braucht. Danach hat er mich geholt, aber die Südwestwand war schon durchstiegen. Dann wollte ich mit dem Führer einer Studentengruppe die Südwand der Punta Rocca machen, auch wir haben aufgegeben. Inzwischen war Luis da Stufan an der Stevia abgestürzt. Dann erst fragte mich Castiglioni, ob wir beide zusammen nicht die Punta-Rocca-Südwand machen sollten. Es war im Jahre 1936. Ich bin alles vorausgeklettert, einmal haben wir biwakiert.

Wie war das Biwakieren?
Ich hatte nichts, er einen Schlafsack. Castiglioni konnte es sich leisten. Ich hatte auch nichts zu trinken, er hatte eine Zitrone, aber er wollte keine Scheibe abgeben.
Die losen Blätter eines Buches
Auch meine Möglichkeiten damals waren anfangs bescheiden. Mit dem Fahrrad ging es bis ans Talende, später mit dem Motorroller ins benachbarte Grödental oder Gadertal. Dort, wo Wege und Straßen zu Ende waren, begannen unsere Abenteuer: Durch Wälder und Almwiesen, höher oben durch Latschenfelder und Kare stiegen wir zu den Einstiegen. Dann begann die Kletterei, die uns durch senkrechte, oft auch überhängende Dolomiten-Wände führte. Nicht selten mit Biwak in der Wand.
Wir haben zuerst schwierige Routen wiederholt, später eigene Wege gesucht und immer die besten Lösungen aus der Struktur der Felsen gelesen. Die Dolomiten-Wände waren für mich wie die losen Blätter eines geheimnisvollen Buches, in dem alles aufgeschrieben war, was je Menschen dort erlebt hatten. Die Entscheidung, welche Route wir zu klettern beabsichtigen, hing immer auch mit den Erstbegehern zusammen, und deswegen wagten wir 1966 den Versuch einer Wiederholung der Stevia-Wand am Rande der Puez-Hochfläche, die Vinatzer 1933 erstbegangen hatte.


2 Stevia-Nordwandriss

Es war ruhig auf Cisles. Die Seilbahn und der Gondellift standen seit einiger Zeit still. Wir wanderten von St. Christina hinauf zur Regensburger Hütte. Rotgelb standen die Lärchen in den dunklen Zirbenbeständen. Die sonnigen Südwände der Geislerspitzen hoben sich scharf von den braungelben Almmatten ab. Kein Mensch weit und breit. Das war Cisles, die Cisles-Alpe, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte.
Jäh fielen rechts oben die Wände der Stevia ab. »Es soll dort einen Weg von Vinatzer geben, der heute noch ein ›Sechser‹ in seiner ursprünglichen Bedeutung ist«, hatte man uns erzählt. Neugierig suchte ich die Wände nach einem Riss ab, dem »Vinatzer-Riss«. Dort, wo die Wand am meisten überhängt, zieht er durch die weißgelbe Flucht bis unter ein Felsdach. Jetzt verstanden wir, warum dieser Riss als eine der wildesten Dolomiten-Klettereien galt.
In der Hütte trafen wir den Bergführer und Buhl-Partner Kuno Rainer. Seinerzeit wollte er die Stevia-Wand zweitbegehen. Er hatte aber nach zwei oder drei Seillängen darauf verzichtet. Er ermunterte uns zum Versuch, gab uns gute Ratschläge und stieg dann nach St. Christina ab.
Das war schön damals bei uns Bergsteigern, keiner war so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fand, der ihn verstand.
Es war schon hell, als wir anderntags die Hütte verließen. Schwere Wolken am Himmel und am Langkofel ein grauer Hut bis tief unter die Pichl-Warte. Von den Dachtraufen kam das Wasser herunter. Doch wir schlugen uns gut durch und stiegen in einer knappen Stunde zum Fuß des überhängenden Risses hinauf. Schon in den ersten hundert Metern hängt er gut zehn Meter über. Und das sollte alles frei kletterbar sein? Ich spreizte weit draußen hinauf und erreichte so ein tiefes Loch im Riss. Alles war locker. Die Griffe durften nicht belastet, sondern mussten gehalten werden. Die Tritte fielen als Schotter ab, wenn sie entlastet wurden, und Zwischenhaken steckten keine. Ein Dachübergang, darunter zwei Haken zur Sicherung, ganz drinnen, und ein überdimensionaler Stift am Dachrand war noch »krimineller« als der letzte Rissüberhang. Vom Dach ging es dann frei weg. Unter mir sah ich nur die Blöcke im Kar, und die Tiefe war es, die neue Kräfte in mir weckte, weil sie mir die Gefahr vor Augen führte. Es hatte leise geregnet, und die letzte Verschneidung war nass und moosig. Zum Glück war sie nicht mehr so schwer. Unter einem großen Schlussdach querten wir nach rechts und stiegen aus – auf eine Almwiese. Wir legten uns ins Gras und freuten uns still.

Preuß, mein Kompass
Nicht zuletzt verdanke ich es der Kenntnis der italienischen Sprache, dass ich Paul Preuß als einen der philosophischen Väter des Freikletterns kennenlernen konnte. Der jüdische Kletterer aus Wien war 1913 am Mandlkogel abgestürzt und aus der deutschen Alpinliteratur verdrängt worden. In italienischen Fachzeitschriften und Bergbüchern aber nahm er immer noch eine wichtige Rolle ein. So lernte ich jenen Visionär kennen, der früh erkannt hatte, dass nur der Verzicht – der Verzicht als Freiwilligkeit, das Weglassen von künstlichen Steighilfen als Wert – dem Bergsteigen eine Abenteuerdimension über das sportlich Messbare hinaus garantierte. Paul Preuß und seine Ideen wurden mir eine Art Orientierungshilfe in den Bergen. Die Entwicklung des Bergsteigens aber verlief konträr zu der Preuß’schen Vorstellung. Es wurden ja immer mehr technische Hilfsmittel – Bohrhaken, Strickleitern, Sauerstoffgeräte – beim Klettern eingesetzt. Zuletzt begann der technologische Alpinismus die Möglichkeiten des traditionellen Bergsteigens zu verdrängen.


3 Die Regeln des sportlichen Bergsteigens

Sportliches Bergsteigen basiert auf wenigen Grundsätzen, die zwar nirgends geschrieben stehen, aber doch von der Vernunft diktiert sind. Da wir unsere Herausforderungen aus freiem Willen wagen, sollten wir fähig sein, sie durch eigenes Können zu meistern. Dabei kommt es vor allem auf das »Wie« an. Für den modernen Kletterer nun zählt weniger der Gipfel als vielmehr der Weg dorthin, auch der Kletterstil sowie der Verzicht auf Steighilfen sind von Bedeutung. Das sportliche Bergsteigen beginnt dort, wo sich der Kletterer selbst Beschränkungen auferlegt. Bergsteigerische Probleme wollen mit Enthusiasmus, aus eigener Kraft, mit Geschicklichkeit und Können überwunden werden.
Ich halte den freiwilligen Verzicht des Menschen auf viele seiner modernen technischen Errungenschaften dabei für das primäre Ziel im heutigen Alpinismus. Es geht um Reduktion, um weniger Technik am Berg. Unsere wachsende Überlegenheit dabei reduziert ja gleichzeitig das Erfahrungspotenzial.
So gesehen gelten heute dieselben Regeln sportlichen Bergsteigens, die Paul Preuß 1912 – also vor mehr als hundert Jahren – in seinen sechs Grundprinzipien zusammengefasst hat. Auf die heutige Zeit bezogen lauten sie:
1.Zu den höchsten Prinzipien zählt das der Sicherheit. Damit ist jedoch nicht die krampfhafte, durch künstliche Hilfsmittel erreichte Korrektur eigener Unsicherheit gemeint, sondern jene primäre Sicherheit, die bei jedem Kletterer auf der richtigen Einschätzung seines Könnens im Verhältnis zu seinem Wollen beruhen soll.
2.Den Bergtouren und Expeditionen, die man unternehmen möchte, sollte man durch Erfahrungen und Training nicht nur gewachsen, sondern überlegen sein.
3.Ein Bergsteiger darf bei seinen Besteigungen nur so weit gehen, dass sein Können und seine Kondition eine Rückkehr über dieselbe Route bis zum Ausgangspunkt jederzeit und allerorten erlauben.
4.Der Bohr- und Mauerhaken ist nicht die Grundlage für eine Arbeitsmethode, sondern eine Notreserve und ein Mittel zur Sicherung. Ebenfalls ist das Sauerstoffgerät nur als »Medikament« für den Notfall mitzuführen.
5.Seile und andere Steighilfen dürfen erleichternde, niemals aber allein selig machende Mittel sein, die jedem von uns die Besteigung der Berge möglich machen.
6.Unter normalen Bedingungen sollte der Kletterer bemüht sein, gleich viele oder weniger Hilfsmittel einzusetzen als die Erstbegeher. Für Erstbegehungen gilt, dass ihr Wert umso höher einzuschätzen ist, je weniger der Erfolg von Technik, Zeit und Geld abhängig ist.
Natürlich verteidigen alle Kletterer ihre eigene Art des Bergsteigens. Warum aber werden Begehungen mittels Technik erzwungen und so den nächsten Generationen Herausforderungen weggenommen? Im Grunde ist jedes genagelte Wandstück ein Beweis dafür, dass die Erstbegeher ihrer Route nicht gewachsen waren. Es sind fast immer Schwäche und Eitelkeit, die zum Bohrer greifen lassen.
Unmögliche Wände sollen so lange unmöglich bleiben, bis die Seile derart leicht und die Schuhe so gut sind, dass sich die Besten diesen Herausforderungen stellen können. Ich bin immer noch Optimist und erwarte gerade in diesem Punkt eine nie enden wollende Weiterentwicklung der Kletterkunst.

Schülerspiele
Wir waren oft im Klettergarten, früher schon am Nachmittag nach der Schule. In einer Porphyrplatte am Südhang oberhalb von Bozen steckten einige alte, rostige Haken. Es war dort auch im Winter recht warm, wenn die Sonne schien, die Griffe wurden speckig vom Fingerschweiß.
Zwei andere Schüler meines Alters – wir stammten aus verschiedenen Teilen Südtirols – wollten klettern wie ich. Es war kein Training, wir nannten es auch nicht »Bouldern«, es war nur ein Spiel. Immer wenn einer eine neue Passage geschafft hatte, freute er sich, woraufhin die anderen sie nachzuklettern versuchten.
Aus den Autos, die unterhalb dieses Porphyrfelsens vorbeifuhren, schimpften Leute immer wieder – aus Angst, wir würden ihnen auf oder vor das Auto fallen. Wir kletterten trotzdem, und ich war auch während des Unterrichts in Gedanken manchmal bei diesen Felsen. Natürlich gingen meine Träume damals schon weit über dieses Klettergartenklettern hinaus.
Es waren die Jahre vor dem Abitur: Einer von uns sollte Arzt, der andere Ökonom werden. Ich wollte Architektur studieren. Keiner von uns aber wusste, wie das Erwachsenenleben sein würde.
Viel mehr als die Schule interessierte mich damals, welche Dolomitentouren die schwierigsten waren. Ich las alpine Fachblätter und veröffentlichte meine ersten Erlebnisberichte. Im Bergkamerad, Jahrgang 1963, entdeckte ich erstmals etwas über den »siebten Grad«. In einem Aufsatz von Dietrich Hasse wurde »die erste Hälfte der Seillänge unterm großen Band der Delagoturm-Nordwestwand« mit diesem Schwierigkeitsgrad bemessen: nicht »7. Grad« als Idee, VII als Realität. Diese Tour wurde damit zu einem großen Traum für mich. Im Sommer wollte ich sie wagen.


Delagoturm-Nordwestwand

Die Wand über uns war gelb, und niemand hätte Sepp Mayerl und mir unsere Zweifel ausreden können, denn das Klettergelände sah glatt und überhängend aus. Das sollte nun der siebte Schwierigkeitsgrad sein! Für eine VII braucht man mehr als »Moral«, ein Übermaß an mentaler Kraft, dachte ich, dennoch, wir nahmen allen Mut zusammen und kletterten los.
Hakenspuren führten uns zu einem überhängenden Bauch in der Wandmitte, unter dem wir den nächsten Standplatz vermuteten. Auch dieses Wandstück bewältigten wir frei. Die ersten Schritte auf den glatt geschliffenen Platten waren heikel, doch rasch gewöhnten wir uns an den Fels, und es wurde ein angenehm rhythmisches Klettern.
Die am Morgen etwas gedämpfte Stimmung schlug in helle Freude um, als wir die festen Griffe des ersten Steilaufschwungs, der von der ersten zur zweiten Plattenrampe führt, unter den Händen spürten. Rasch kamen wir voran, erreichten bald die gelbe Wandzone. Hier waren die Griffe spärlich: immer wieder musste ein Stift, in eine Ritze oder ein Felsloch getrieben, als Sicherung dienen, uns »moralisch« über Überhänge und glatte Quergänge hinweghelfen. Wider Erwarten aber fanden wir in der überhängenden Wandzone Freikletterei vor. Der Fels wies viele kleine Leisten und Löcher auf, an denen wir gut klettern konnten, fast so leicht wie an einer Leiter.
Es war ein heißer Tag, auch im Gebirge, und kaum Wind zu spüren. Aber die Luft im Schatten der Nordwand war kühl, beinahe kalt, wenn man länger am Standplatz festgebunden war. Über den ersten großen Überhang waren wir hinweg und wurden übermütig, als ich die Gipfelwand erreichte. An den Standplätzen fand ich jetzt Bohrhaken, sicherte uns an diesen, obwohl sie mir nicht unbedingt nötig schienen. Auch steckten zwischen den Ständen ein paar Haken, zu viele für meinen Geschmack.
Die beiden Kletterer rechts von uns hatte ich nicht auftauchen sehen, bemerkte sie erst, als sie schon in der zweiten Seillänge der Delagokante waren. Zuvor hatte ich beobachtet, wie ein Stein, den Sepp – gerade voraussteigend – losgetreten hatte, ins Kar fiel, ohne die Wand dabei ein einziges Mal zu streifen. Als ich wieder aufblickte, waren die beiden anderen wieder da, und ich fühlte, dass ich mir dabei stärker vorkam. Aus einem toten Winkel waren sie aufgetaucht, schon bald wieder oben hinter der Kante verschwunden. Sie waren für uns nur sichtbar, wenn sie um die scharfe Kante zu uns in die Nordwestwand lugten.
Ich weiß nicht, warum ich plötzlich mit ihnen um die Wette stieg: Wollte ich demonstrieren, dass das wahre Klettern nun einmal darin besteht, frei durch vertikale Abgründe zu steigen, im Idealfall ganz ohne künstliche Steighilfen auszukommen?
Damit will (und wollte) ich nicht ausdrücken, dass daneben keine andere Leistung zählt. So einleuchtend und konsequent es auch ist, nur an natürlichen Haltepunkten zu klettern – nur wenige hätten es zugegeben, dass so und nicht anders das ideale Klettern ausschaut. Und wenn doch, wer war bereit, auf die Wiederholung großer, berühmter Touren zu verzichten, nur weil diese für ihn oder sie nicht frei kletterbar waren. Die Delagokante war für alle frei zu klettern, weil relativ leicht, die Nordwestwand am gleichen Turm hingegen schien nicht nur viel schwieriger zu sein, sie galt als nicht frei kletterbar. Oder doch?
Sepp und ich kletterten jetzt, ohne uns an den Haken festzuhalten; die Strickleitern baumelten frei in der Luft. Die Haken nur noch zur Sicherung nutzend, turnten wir in abwechselnder Führung über die letzten Seillängen zum Gipfel. Als wir uns oben hinhockten, um auszuruhen, tauchte aus dem Abgrund gegenüber der Haarschopf des Ersten der beiden Kletterer aus der Delagokante auf.
Das Nonplusultra
Es sollte Jahre dauern, bis ich Klarheit über die Schwierigkeitsbewertung jenseits des sechsten Grades gewann. Damals verstand ich unter dem VI. Grad ein »Nonplusultra«, das gerade noch machbar wäre. Dem VII. Grad würden wir uns vielleicht einmal annähern können, ihn nie wirklich erreichen, dachte ich. Die Delagoturm-Nordwestwand konnte also nicht wirklich VII. Grad sein.


Direttissima in die Sackgasse

Als ich Mitte der Sechzigerjahre mit dem extremen Dolomitenklettern begann, war die Superdirettissima an der Tagesordnung, Bohrhaken schienen selbstverständlich zu sein, und Strickleitern galten als Griff- und Trittersatz.
Seit der »Zinnen-Direttissima« 1958, von der ich in der Tageszeitung gelesen hatte, war auch ich – wie so viele junge Bergsteiger dieser Zeit – fasziniert von Überhängen, von Haken und Meißel. Technisches Klettern wurde Mode.
Auf die Direttissima folgte dann die Superdirettissima! Weil sie von Presse, Funk und Fernsehen gepriesen und bejubelt wurde, löste sie eine unkontrollierbare Nachahmungswelle aus, vor allem bei jüngeren Bergsteigern.
Ideologen des hakentechnischen Kletterns schwärmten von der »Wucht der Szenerie«, vom »Erlebnis, das erst der Bohrhaken erschloss«. Auch ich träumte damals, nach Pelmo-Nordwand und Civetta-Nordwestwand, von überhängenden Wänden, Sitzbrett und Verbindungsschnur zum Boden, obwohl ich nach tausend und mehr Freiklettereien zum Große-Wände-Bergsteiger gereift war.
Bald aber begann ich zu begreifen, dass hakentechnisches Klettern dem Zeitgeist des »Fortschritt dank Technik«-gläubigen Menschen entsprach und die Direttissima-Idee durch ihre Vorbildwirkung eine Weiterentwicklung des Freikletterns gestoppt hatte.
Mit dem Drang nach Neuem wurden alpinistische Ziele zwar immer anspruchsvoller, doch auch der Einsatz von technischen Hilfsmitteln, die zur Bewältigung der aktuellen Probleme eingesetzt wurden, nahm zu, sodass eine Weiterentwicklung der Kletterkunst ausbleiben musste.
Dieser Trend hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen und musste erst bis zur stupiden Nur-Nagelei führen, ehe er allgemein als »Sackgasse« erkannt werden konnte. Noch in den Sechzigerjahren war Dietrich Hasse, der Sprecher der Direttissima-Idee, der Ansicht: »Ob ich felsgewachsene Griffe und Tritte oder Haken zum Steigen benutze, weil die natürlichen Gegebenheiten fehlen, ist doch wohl bestenfalls ein einstellungsbedingter Unterschied. Die physischen Anforderungen sind bei freier wie bei Hakenkletterei im Wesentlichen dieselben.«
Den Trend hatten die Anhänger des Hakenkletterns auf ihrer Seite, nur blieben sie blind für die einzig wahre Weiterentwicklung des Bergsteigens: die Abkehr von Steighilfen. Bei der üblichen Direttissima-Denkweise musste am Ende die »Feuerwehrleiter« durch eine möglichst hohe, glatte und überhängende Wand stehen.
Das ursprüngliche bergsteigerische Ziel, die anzugehende Strecke zuerst aufzuschlüsseln – im Vorausvollzug als geistige Vorleistung – und dann die einzelnen Wegstücke kletterbaren Geländes zu einem Wegganzen zusammenzufügen, war dem Trend gewichen, mit Felshaken Himmelsleitern zu bauen. Unter immer noch extremeren Bedingungen.
Selbst als das »Ideal« der Direttissima ausgeschöpft war, sollte es nochmals ganze zehn Jahre dauern, bis die Freikletterei – seit Paul Preuß mehr und mehr ins Hintertreffen geraten – wieder neue Impulse erhielt. Eine Umwertung der Werte aber blieb ganz aus. Die Idee, den Haken als Steighilfe generell infrage zu stellen, kam dann aus dem Yosemite Valley und aus der Feder eines spätpubertären Dolomitenkletterers, der Paul Preuß und Rudolf Fehrmann gelesen hatte.
Klettern am natürlichen Fels war für mich damals schon mehr kulturelle als sportliche Lebensäußerung, galt es doch, eine machbare – also frei kletterbare – Linie in der angepeilten Felsstruktur zu finden und die Gangbarkeit dieser Linie mit Kopf, Finger- und Zehenspitzen zu erproben, statt eine Art Klettersteig zu bauen. Wer von uns wusste damals überhaupt, was ohne Steighilfe kletterbar ist, was für Emotionen Steigen in Exposition auslöst? Mit dem Bohrhaken als logistische Arbeitsmethode ging das Ausgesetztsein großteils verloren. Die mit Bohrhakengalerien erkauften Triumphe an abstrakten Linien hoben die Ungewissheit durchzukommen auf – und damit zuletzt auch das Unmögliche.
Die Einsicht kam erst spät: »Nur die freie Kletterei fordert maximales Können, nur die freie Kletterei bietet maximalen Erlebnisgehalt. Durch die Glorifizierung hakentechnischer Routen – Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre – fiel die freie Kletterei mehr und mehr in einen Dornröschenschlaf, ihr eigentlicher Wert wurde verkannt« (Pit Schubert).

Durch die Erkenntnis, dass nur im Verzicht auf Steighilfen, also im Freiklettern, eine Steigerung der Kletterkunst möglich ist, und durch die beispielhafte Entwicklung im amerikanischen Bergsteigen formierten sich Ende der Sechzigerjahre weltweit Gruppen von Freikletterern, die der Direttissima-Ideologie endgültig den Rücken kehrten und an die Ideen von Paul Preuß anknüpften. Nicht mehr das »möglich gemachte Unmögliche« war interessant, sondern der 7. Grad, nur die Zahl als Vision, das gerade noch Mögliche jenseits des bis dahin Unmöglichen. Training, Erfahrung und Konzentration sollten Haken sparen helfen. Man peilte jetzt keine starre Linie mehr an, sondern strebte nach gesteigerter und vollendeter Kletterkunst.
Jeden Fortbewegungshaken empfand ich damals als Kompromiss, die völlig frei gekletterte Route wurde mir zum Ideal, der »7. Grad« zur Herausforderung. Was andere als »Ideologie des Wahnsinns« abtaten, war mir Anspruch.

Im Geist der »Achtundsechziger«
Ende der 1960er-Jahre erlebt der Alpinismus eine Zeit des Wandels. Wie die Gesellschaft auch: Studentenunruhen in den USA gegen den Vietnamkrieg; Studentenunruhen in Paris, Berlin, Rom; Ermordung von Martin Luther King und von Robert Kennedy sowie Mordanschlag auf Rudi Dutschke.
Hatte, fragte ich mich, das »technische Klettern« seinen Höhepunkt schon überschritten? In den USA und in den Alpen erkannten bis dahin nur einige wenige die Gefahr, dass das Bergsteigen in eine Sackgasse geraten könnte. Eine Renaissance des Freikletterns kam nur zögerlich.
In dieser Zeit des Umbruchs und im Geist der »Achtundsechziger« schrieb ich den Artikel »Mord am Unmöglichen«. Er erschien zuerst auf der »Bergsteigerseite« der Südtiroler Tageszeitung Dolomiten, dann im Alpinismus, in der Rivista del CAI, später in aller Herren Länder, wo es Bergsteigen gibt.
Ich habe die erste Fassung, die nicht nur durch Übersetzungen immer wieder gelitten hat, mehrmals redigiert, ergänzt, mit Anhängen versehen. Hier nun eine etwas spätere korrigierte Fassung, nachdem Toni Hiebeler als Chefredakteur des Alpinismus die Urfassung aus Platzgründen etwas gekürzt hatte (siehe Faksimile auf Seite 16 ff.).


Mord am Unmöglichen

Was ich persönlich gegen die Direttissima habe? Nichts, ganz im Gegenteil: Die Routen in der Linie des fallenden Tropfens sind logisch, es hat sie immer schon gegeben. Unschön sind sie erst dort, wo sie gegen die Architektur des Berges verstoßen; wenn sie stur und wie mit dem Lineal gezogen durch eine Bergflanke gelegt werden. Oft verlaufen die Risse, Verschneidungen und Platten eben nicht genau in der Gipfelfalllinie, sondern knapp daneben, weiter links oder weiter rechts. Trotzdem erschließen Erstbegeher Direttissimas, ohne auf die von der Natur vorgegebenen Linien zu achten: vom Einstieg in schnurgerader Linie zum Gipfel!
Notgedrungen müssen die Akteure dabei mehr Haken schlagen, auch Bohrhaken, sie müssen das Material von unten heraufziehen, in Hängematten biwakieren. Warum dann auf dieser Linie und mit so vielen Hilfsmitteln?, frage ich. Wir haben die Freiheit, antworten sie, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass sie letztlich Sklaven der Direttissima sind.
Sie fürchten sich vor Abweichungen, denn verschlungene Aufstiegslinien am Berg gehören doch der Vergangenheit an! Keine glatte Platte, kein Dach, kein Überhang kann sie aufhalten. Dank Bohrhaken und Verbindungsschnur zum Einstieg ist alles möglich, und es gilt doch, die Schwierigkeiten zu überwinden und nicht zu umgehen. So meint es auch Paul Claudel. Gleicher Meinung sind die Jünger der Direttissima, die allerdings am Einstieg schon wissen, dass kein Hindernis sie wird aufhalten können. Von vornherein ist ihnen bewusst, dass der Aufstieg harte Arbeit, das Erreichen des Gipfels aber gewährleistet ist. Sie stellen sich also einem Problem, das es im Grunde nicht gibt. Ob denn irgendeine Kletterstelle sie bremsen oder gar aufhalten könnte, habe ich einmal gefragt. Sie lachten nur: »DIESE Zeiten sind längst vorbei!«
Es ist leider wahr: Das Unmögliche kann heute (1968) ausgeschaltet werden. Direktanstiege als solche wären nicht weiter schlimm, wenn sich ihr Geist nicht auf das Bergsteigen im Allgemeinen übertragen hätte. Als Folge davon werden in viele klassische Routen nachträglich Bohrhaken gesetzt, Schlüsselstellen entschärft. Wo habe ich nicht überall schon Bohrhaken vorgefunden? Und hat man sich einmal an dieses Hilfsmittel gewöhnt, führt man es im Rucksack immer mit, auch bei Wiederholungen klassischer Routen. Viele der Direttissima-Kletterer wollen von vornherein die Gewissheit haben, dass sie durchkommen. Wenn sie zufällig einen schlechten Tag haben oder eine schwierige Stelle nicht überwinden können, schlagen sie – oft bedenkenlos – ein Loch in den Fels und in dieses einen Bohrhaken, auch wenn die Passage bis dahin frei geklettert wurde.
Beobachten wir einen dieser Direttissima-Anhänger: Angst kennt er nicht, obwohl sich die Wand gelb und überhängend über ihm aufbaut. Er hockt auf seinem Sitzbrett, das am obersten Haken, den er gesetzt hat, befestigt ist. Er bohrt ein Loch in die glatte Wand, treibt in dieses einen Stift ein, hängt seine Leitern um, steigt in die letzte oder vorletzte Sprosse, hängt sich wieder an und bohrt 80 Zentimeter darüber das nächste Loch. Nach einigen Tagen ist er vielleicht müde, doch gibt er nicht auf. Noch hat er fünf Tage Urlaub und genügend Haken im Depot am Wandfuß. Haken über Haken zwingt er der Wand so seine Route auf, weiter nichts. Wer denkt schon daran, dass Stellen, die jetzt mithilfe von Bohrhaken gangbar gemacht werden, von der nächsten Generation vielleicht frei bewältigt werden könnten?
Der Bohrhaken ist also zu einer ganz normalen Angelegenheit geworden, wenigstens für einen Teil der heutigen Bergsteiger. Man hat ihn immer dabei für den Fall, dass mit herkömmlichen Mitteln kein Fortkommen mehr ist. Was daran falsch sein sollte? Nur wer nicht bereit ist umzukehren, halte ich dagegen, trägt den Mut in Form von Eisen mit sich. Felswände werden mit diesem System nicht erklettert, sondern Seillänge für Seillänge erschlossen. Was heute nicht geht, macht man morgen.

Nur wenn wir die Möglichkeiten, Neutouren zu erschließen, offenhalten, werden sich zukünftige Generationen von Kletterern so lange am Unmöglichen versuchen, bis sie dort durchkommen, wo man heute ohne Bohrhaken zur Umkehr gezwungen wäre.
Um sich ins Recht zu setzen, behaupten meine Kritiker, die stolz sind auf ihre Direttissima-Tourenliste, dass viele Freiklettertouren gefährlich sind, zu gefährlich. Deshalb müssten schon aus reiner Vorsicht Bohrhaken zu den Normalhaken, die in Ritzen oder natürlichen Löchern stecken, gesetzt werden. Nicht Können und Mut seien die bestimmenden Faktoren beim Bergsteigen, sondern Sicherung und die Technik dazu.
Aus diesem Grund dauern Erstbegehungen heute oft viele Tage, und die Haken zählt man inzwischen in Hundertschaften. Umkehren gilt als schimpflich, weil alle wissen, dass mit modernsten Hilfsmitteln alles möglich ist, auch eine durchgehend überhängende Direttissima.
Früher einmal, zur Zeit des traditionellen Freikletterns, schrieben Bergsteiger ihre Begeisterung in die Wände, wenn ich mich symbolisch ausdrücken darf. Heute schreiben sie ihren blinden Ehrgeiz an die Wand mit Haken und Bohrhaken: Also wird die Leistung einer Seilschaft an der Zahl ihrer Biwaks gemessen, ihr Mut an der Menge der geschlagenen Haken. Dagegen werden Können und Eleganz beim Freiklettern als unverantwortlich verurteilt. Absicherung ist so an die Stelle der inneren Sicherheit getreten, die immer nur die Summe aus Erfahrung und Können sein kann.
Ich frage mich, wer die Werte des traditionellen Alpinismus getrübt hat. Denn seit das Unmögliche eliminiert ist, hat der Alpinismus seinen ursprünglichen Inhalt verloren – er ist vielfach zum sportlichen Tun geworden, zur Mittelmäßigkeit verdammt. Vielleicht wollten die Ersten, die sich der Bohrhaken, der Verbindungsschnur zum Einstieg, der Fixseile bedienten, einfach nur näher an die Grenze des gerade noch Machbaren herankommen. Weiter gehen, als bis dahin kletterbar. Heute ist jede Grenze aufgehoben, und nur wer sich eigene Regeln der Selbstbeschränkung auferlegt, kann die ursprünglichen Werte wiederbeleben. Der Verzicht auf Steighilfen wird die Zukunft unseres Tuns bestimmen.
Zehn Jahre reichten aus, um den Begriff »unmöglich« aus dem Bergsteigen zu streichen; wie lange wird es dauern, diesen Begriff wieder mit Inhalt und neuem Leben zu füllen!?

Oberflächlich betrachtet könnte die Aussage »alles Unmögliche ist aufgehoben« als Fortschritt gewertet werden. In Wirklichkeit ist der technologische Alpinismus ein Irrweg. Man nagelt heute viel zu viel und klettert viel zu wenig!
Das Unmögliche, der »Drache«, ist tot – der moderne »Siegfried« damit arbeitslos geworden. Dieses Beispiel aus der deutschen Sagenwelt übernehme ich nicht, weil ich der Meinung wäre, Bergsteiger müssten Helden sein. Nein, aber die Kreativität im Menschen greift instinktiv nach dem jeweils nahezu Unmöglichen. Um daran wachsen zu können! Wenn aber das Unmögliche ausgelöscht ist, gibt es auch das nahezu Unmögliche nicht mehr, womit das extreme Bergsteigen untergehen muss. Nur wer Können und Mut in sich vereint, eine schwierige Wand mit wenigen technischen Hilfsmitteln anzugehen, findet mit der Gabe, das Abenteuer zu wagen, all die Erlebnisse, die den Alpinismus einst wertvoll gemacht haben.
In den Anfängen des Alpinismus zählte nur der Gipfel. Mit Sicherheit hätte man bei der Erstbesteigung des Mont Blanc Hubschrauber eingesetzt, wenn sie damals zur Verfügung gestanden hätten. Heute aber – die allermeisten Gipfel sind »erobert«, das Bergsteigen ist dabei, zum Sport zu werden – sind Hilfsmittel wie Chemiefaserbekleidung, Drogen und andere technische Gerätschaften in solcher Qualität und Menge vorhanden, dass alles machbar wird. Technologisch machbar! In Zukunft wäre also der Verzicht wichtig, nicht die Einhaltung irgendwelcher sportlicher Regeln. Auch weil die Zahl der Bergsteiger wächst und die noch verbliebenen Herausforderungen sich Jahr für Jahr verringern.
Nur wenige haben bisher die Abwegigkeit des Bohrhakeneinsatzes erkannt, noch weniger sich von ihm abgewandt. Andere verloren wegen dieser monotonen Arbeit die Lust am Abenteuer Berg, wieder andere können sich vom System der Hakenleiter nicht mehr trennen. Warum einen Sturz riskieren, wenn man mithilfe von Haken und Bohrhaken mit hundertprozentiger Sicherung vorwärtskommt? Die Propheten der Bohrhaken-Direttissimas holen sich noch dazu eine Erstbegehung nach der anderen, weil sie keine Zeit mehr mit klassischen Touren verlieren.
Die »Generation Direttissima« hat das Unmögliche nicht überwunden, sondern mit unfairen Mitteln ausgetrickst. Ihr System ist verantwortlich für die Sackgasse, in der das extreme Bergsteigen 1968 steckt. Ist es schon zu spät, die Entwicklung anzuhalten, das Unmögliche zurückzuholen? Das Mögliche im Unmöglichen jedenfalls kann nicht so leicht recycelt werden!
Noch ist nicht alles verloren, Ansätze einer Umkehr werden sichtbar. Aber die Direttissima-Anhänger werden wiederkommen, um zu beweisen, dass sie das Unmögliche ausschalten können. Spätestens im nächsten langen Urlaub. Sie werden zurückkehren und »Probleme lösen«, auf der Schutzhütte Wandfotos mit eingezeichneten Punkten hinterlassen, die ihre Biwakplätze markieren, in der Wand Hunderte von Haken. Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen werden von der »Bezwingung des Unmöglichen« berichten, und niemand wird sich Sorgen um den toten Drachen machen.
Die Generation vor uns hat sich durch die überhängendsten Wände genagelt, unsere Aufgabe muss es sein, uns aus dieser Verirrung zu befreien. Man lehrte uns, mit Haken und Strickleiter umzugehen, in der Linie des fallenden Tropfens zu steigen. Unser Auftrag ist es, der nächsten Generation Freikletterwege aufzuzeigen, den Versuch zu wagen, dort frei zu klettern, wo man aus alter Gewohnheit technisch arbeitete.
Wir alle müssen unsere persönliche Grenze erkennen und respektieren. Eine Grenze, der wir uns immer nur annähern können. Falls wir aber mit unserem subjektiven Limit das allgemeine Limit der entsprechenden Zeit erreichen, sollten wir uns hüten, es mit Tricks überschreiten zu wollen.
Im Himalaja, in Alaska, Patagonien, den Anden gibt es für alle Zukunft genug Neuland und große zu lösende Probleme zu finden. Den meisten von uns werden diese Berge und ihre Herausforderungen aber immer nur Wunschtraum bleiben. Nicht zu vergessen: Große Könner finden auch in den Alpen ihre Erfüllung.
Identifikation mit dem Fels
Als Gegenentwurf zu den geschickten Technikern, die mit allen Tricks arbeiteten, stellte ich damit das kompromisslose Freiklettern. Nur Freikletterstellen bieten Künstlern am Fels wirkliche Herausforderungen! Ich gebe zu, in beiden Fällen ist es »ein Spiel in der Senkrechten«. Bewegungsabläufe, Konzentration und die Identifikation mit dem Fels aber unterscheiden sich bei den beiden Disziplinen völlig voneinander. Gleich sind höchstens die Aus- und Tiefblicke von den Standplätzen. Für die einen geht es um Absicherung von Leben und Erfolg, die anderen bauen auf ihre Sicherheit und Kreativität. Bergnatur und Menschennatur begegnen sich nur beim Freiklettern auf radikale Weise.
Im Jahr 1968 gelang mir mit der Erstbegehung des Mittelpfeilers am Heiligkreuzkofel meine allerschwierigste Kletterei. Es reichten vier glatte Wandmeter, mich zuerst zu stoppen und dann an meine Grenze zu treiben.


Der Heiligkreuzkofel-Mittelpfeiler: Meine schwierigste Kletterei

Es war im Frühsommer 1968. Mein Bruder Günther und ich hatten in einer Höhle am großen Band biwakiert und waren dort um 8 Uhr morgens aufgebrochen. Nach drei kurzen Seillängen wurde der Pfeiler gelb und senkrecht. Nur nach rechts blieb uns ein freier Weiterweg offen. Wir querten, so weit es ging, ich schlug einen Ringhaken und seilte mich pendelnd auf eine nach rechts ansteigende Rampe ab. Über sie erreichten wir eine kleine Kanzel an der senkrechten Pfeilerkante. Bis hierher war alles klar gewesen: Die Natur hatte uns den Weg vorgegeben, und wir waren ihm gefolgt – nun aber?
Einige Meter ging es in Freikletterei weiter, äußerst schwierig, aber es ging. Für einen Moment war ich mit meiner Kletterkunst am Ende. Ich fand ein winziges Loch, zwei oder drei Zentimeter tief, und schlug einen Messerhaken ein. Er hielt. Weiter! Noch ein Haken, dann wieder schwierige, feine Freikletterei.
Endlich ein paar Griffe. Der Hammer steckte in der Gesäßtasche. An einer feinen Ritze, im Grunde einer seichten Verschneidung, konnte ich mich in gewagter Freikletterei höherschwindeln, erreichte ein schmales Bändchen – gerade noch rechtzeitig. Es war endgültig aus mit meiner Kletterkunst. Eine glatte Platte, in der sich keine Ritzen und kaum Griffe befanden, versperrte den Weiterweg. Vier, fünf Meter weiter oben ein Riss; unter mir ein fußbreites Band, auf dem ich stand. Darunter viel Luft – ein überhängender Abbruch. Ein Weiterkommen schien unmöglich zu sein. Kein Ausweg!
Ich gab mich nicht gleich geschlagen, versuchte – immer wieder und nochmals – gerade hochzuklettern, kam aber in dreißig Minuten keinen Zentimeter weiter. Zurück ging es auch nicht. Vergebens bemühte ich mich, wieder abzuklettern. Ich schaffte auch das nicht. Und zum Abspringen fehlte mir der Mut. Bohrhaken hatten wir nicht dabei, also war Abseilen unmöglich.
Aufgeben, dachte ich, schade. Aber woran abseilen? Keine Ritze weit und breit. Ich stieg einen halben Zug hoch und zurück – verzweifelte Versuche. Mit dem Vorsatz, doch besser das Abklettern zu wagen, ging ich, kurz bevor ich das Gleichgewicht verlor, zurück in die Ausgangsstellung: immer wieder. Sobald ich wieder am schmalen Band stand, kehrte die Fähigkeit zurück, logisch zu überlegen. Hinunter ging es nicht, auch unmittelbar nach links nicht, und für weitere Umwege war nicht genug Seil da. Wieder trocknete ich die Fingerspitzen an der Hose. Ich musste es nach oben schaffen! Nur diese ersten vier Meter unmittelbar über mir! Wie ein Befehl steckte die Erkenntnis der Ausweglosigkeit in mir. Nur nach oben war Rettung möglich.
Ich werde es wagen! Oben rechts ist ein kleiner Griff. Gerade Platz für die Fingerkuppen. Wenn ich ihn habe, darf ich nicht mehr zurück, darf ich nicht mehr loslassen, muss dann den rechten Fuß quer hochsetzen, aufstehen – ein Balanceakt –, mit der linken Hand die abschüssige Leiste weiter oben greifen, durchziehen!
In meinem Kopf arbeitete nur der eine Gedanke: hinauf! Zum Griff rechts oben! Ich war nur noch Fels, die Fingerkuppen Teil davon.
Heute weiß ich nicht mehr, wie ich hinaufkam. Ich erinnere mich nur, wie ich oben stand, gelöst, voller Freude, und wie alles ganz einfach schien. Am Gipfel sprachen wir nicht mehr von dieser besonderen Stelle, sondern von der Situation vor der Lösung des Problems.
Denke ich heute an den Mittelpfeiler, sehe ich alles vor mir. Wie damals: das fußbreite Band, auf dem ich stehe. Unter mir viel Luft, ein überhängender Abbruch. Eine glatte Platte vor mir, in der keine Ritzen und kaum Griffe sind, ein paar Meter weiter oben ein Riss – der Weiterweg. Nur der Ausweg ist im Rückblick offen. Ein Eindruck, der bleibt.
Im Augenblick des Tuns ahnte ich nicht, dass dies meine schwierigste Erstbegehung bleiben sollte – mehr als zehn Jahre vergingen bis zur ersten Wiederholung. Damals aber wurde mir endgültig klar, dass mein Weg der des Verzichts sein muss: Verzicht auf technische Tricks. Nur so wurde eine Steigerung der Kletterkunst zwingend, Training die Grundvoraussetzung dafür, gelingendes Leben im Hier und Jetzt wieder die tragende Erfahrung meiner Kletterkunst.

Geschenke für Reisende

»König der Hobos« von Fredy Gareis

Eine Empfehlung von Patricia Haas, Marketing

»König der Hobos« von Freddy Gareis ist ein Buch, das mich von Anfang an gepackt hat. Der Autor ist mit den sogenannten „Hobos“ illegal auf Güterzügen durch die USA gereist. Nicht nur ist daraus ein gut geschriebener Reisebericht entstanden. Als Leser*in erhält man auch einen komplett neuen Blick auf unsere Gesellschaft und diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben.

Blick ins Buch
König der HobosKönig der Hobos

Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas

Als blinder Passagier auf Güterzügen durch die USA Sie pfeifen auf den amerikanischen Traum und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft. Getrieben vom Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung fahren die Hobos illegal auf Güterzügen durch das Land. Eine verschworene Subkultur mit eigener Sprache, moralischem Kodex und Liedern, die sich mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn entwickelte und bis heute im Schatten des neon-grellen Amerika weiterlebt.  Dreieinhalb Monate reiste Fredy Gareis mit diesen Überlebenskünstlern, Landstreichern und Vagabunden durch ein Amerika, das die wenigsten kennen, und lernte von einem Hobo-König, wie man sich als blinder Passagier durchschlägt. Er erlebte Zusammenhalt und Großzügigkeit, die Weite aus Licht und Wind, Einsamkeit, Gewalt und Drogen. Geschichten, die tiefe Einblicke in die raue Seele der USA gewähren: über die Kraft des Individuums, über Enttäuschung, Wut und über das Glück, arm, aber frei zu sein.
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1
Es war kurz nach Mitternacht, als die Polizei die Landstraße entlanggerauscht kam. Die beiden Rentner Tuck und Ricardo fluchten leise und schmissen sich in ein Maisfeld. Schwarze Moskitowolken flogen auf. Der Mais stand schulterhoch, die Erde, auf der wir nun lagen, war feucht. Tuck schob ein paar Maisstangen mit den Händen auseinander. Er blickte hindurch und sagte: »Fuck the police.«
Der Streifenwagen fuhr an uns vorbei, verschwand Richtung Waseca, einer kleinen Stadt mit 10 000 Einwohnern im Bundesstaat Minnesota. Die beiden Hobos standen auf und klopften sich schimpfend die Erde von den Hosen. Scheiß auf die Polizei, scheiß auf die Regierung und scheiß auf das System.
Die Landstraße war wieder leer, die Nacht sternenklar. Ruhe. Die Gleise neben der Straße schimmerten silbern im Mondlicht.
Dann zerriss ein dröhnender Pfiff die Stille.
Erst einmal, dann zweimal. Der Güterzug schob sich rumpelnd aus dem Bahngelände in der Stadt. Das Signal strich scharf über das Maisfeld und brach sich erst am Getreidesilo, bevor es von der Lok eingeholt wurde. Vor unseren Füßen vibrierte der Schotter. Die Gleise sangen. Es war ein Lied von Aufbruch und Bewegung, gehört und verstanden von allen Hobos der letzten 150 Jahre. Die Leuchte der Lok schnitt einen runden Tunnel durch die Dunkelheit.
Nichts, aber auch gar nichts, kann dich auf diesen Moment vorbereiten, wenn die lärmende Höllenmaschine auf einmal an dir vorbeidonnert und die Räder Funken auf den Gleisen schlagen. Jetzt herrschte laut der Zug.
Die schulterlangen weißen Haare von Tuck und Ricardo flatterten im Windkanal von 10 000 Tonnen Stahl. Ein Wagen nach dem anderen verschwand in Richtung der 60 Meilen  nordöstlich gelegenen Kreisstadt New Ulm. Die Waggons rasselten wie an einer gigantischen Kette.
Ricardo spuckte auf den Boden. »Gottverdammte Scheiße. Da fährt sie hin.«
Von der Lampe am Getreidesilo beleuchtet, sagte Tuck: »Komm schon, du Hurensohn, nimm uns verdammt noch mal mit.«
Die beiden Hobos standen mitten in der Nacht, angespannt wie zwei Comanche-Indianer, die im Begriff waren, auf wilde Mustangs zu springen.
Schließlich ein rostiges Kreischen. Es wurde lauter und lauter. Und noch lauter. Fast schon widerwillig kam der Zug zum Stehen. »Gott sei Dank«, sagte Ricardo. Kurzer Schlag auf Tucks Schulter und dann sofort zugabwärts, also weg von der Lok. Ein Hobo will immer so weit wie möglich von der Lok entfernt sein.
Ricardo ging über den Schotter voraus. Rechts von uns stand ein Zug nach Osten, links unser Zug nach Westen. Jeder Waggon etwa 20 Meter lang und fünf Meter hoch. Eine Schlucht aus Stahl, und es war finster in ihr. Die groben Steine knirschten unter unseren dicken Sohlen. In der Kuhle zwischen beiden Gleissträngen hatte sich Brackwasser gesammelt. Es stank.
Hinter mir sagte Tuck: »Nichts Fahrbares! Alles Selbstmord. Fucking motherfucker!«
Ricardo war da bereits 100 Meter weiter gelaufen. Zwischen Zug und Highway befand sich noch eine sandige Zufahrtsstraße, die zum Bahngelände führte. Auf ihr näherte sich plötzlich das Licht von Scheinwerfern. »Runter!«, rief Ricardo und duckte sich dicht an die Räder.
Die Scheinwerfer gehörten zum Wagen, der das Personal aus der Lok holte und zurück zum Bahnhofsbüro fuhr. Hoboarithmetik besagte, dass wir nun ein paar Minuten hatten, bevor er wieder zurückkommen würde.
»Fucking motherfucker«, fluchte Tuck erneut.
»Vielleicht auf der anderen Seite, vielleicht haben wir was übersehen«, meinte Ricardo und kletterte die Leiter eines Getreidewaggons hoch. Manchmal fühlten sich seine Füße an, als würden sie gleich abfallen, hatte er mir zuvor gesagt, aber jetzt setzte er sie elegant wie eine Ballerina auf den Steg, der wie eine überdimensionierte Käsereibe aussah, und stieg auf der anderen Seite wieder runter. Ich machte es genauso, griff aber mit meinen Handschuhen jede Leitersprosse und jede Strebe so fest, dass ich sie fast zum Schmelzen brachte. Adrenalin jagte mir die Wirbelsäule rauf und runter. Mein erster Güterzug.
Tuck keuchte. »Mein Rücken bringt mich um.«
Schließlich waren wir alle drei auf der anderen Zugseite. Ricardo tänzelte voran durch die Dunkelheit. Er ging die Waggons ab und suchte nach einem Ridable, etwas Fahrbarem. Die Landstraße war immer noch leer, sonst hätte jeder im Scheinwerferlicht diese merkwürdigen Gestalten am Güterzug gesehen, vielleicht für Terroristen gehalten und die Polizei gerufen.
»Hey!«, rief Tuck. »Wo zum Teufel läufst du denn hin, Ricardo? Hier sind doch zwei, Rücken an Rücken.«
Es waren ebenfalls Getreidewaggons, Hoppers oder Grainers genannt. Diese beiden hatten zwar keine durchgehende Plattform, waren also im Prinzip auch Selbstmord, weil es über dem Mahlwerk der Räder keine kleine »Veranda« aus Stahl gab. Dafür aber hatte jeder Waggon am Ende zwei runde Löcher, in die man klettern konnte. Das Ganze sah entfernt aus wie das Gesicht einer Eule.
Tuck lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum. Legte die Tasche ab, stützte die Hände auf die Knie und spuckte aus. Seine Brust hob und senkte sich wie ein Blasebalg.
Ricardo ließ kurz seine Taschenlampe aufflammen und leuchtete in eines der Löcher. »Da drin liegt benutztes Klopapier.«
»Ist mir scheißegal. Ich geh keinen Schritt weiter. Das ist mein Baby.«
Während Ricardo noch im Graben neben den Gleisen nach einem Stück Pappe suchte, kletterte Tuck die Leiter hoch, schwang sich durch die kreuz und quer laufenden Stahlstreben des Waggons. Mit den Füßen voran schlüpfte er in eines der etwa 50 Zentimeter großen Löcher, wie sich einst ein Marinematrose durch die Schottöffnungen eines U-Boots schwang. Tucks Loch lag Richtung Fahrtwind, die Hobos sagen dazu ole dirty face.
Vom anderen Ende des Zuges auf einmal das grelle Licht von Scheinwerfern. Der Personalwagen, und er kam schnell näher.
»Rein mit dir«, sagte Ricardo.
Mein Herz pumpte heißes Blut durch die Adern. Ich konnte fast nichts sehen und wusste kaum, was ich tat. Was ich wusste, war: Das ist das letzte waschechte amerikanische Abenteuer.
Ricardo schlug mir auf den Rücken. »Jetzt!«

 


2
Anderthalb Wochen zuvor im Mittleren Westen der USA, Bundesstaat Iowa. Kurz nach Sonnenaufgang streckte ich meinen Daumen raus. Links ging es nach Mason City, rechts nach Britt, einem Nest von 2000 Einwohnern. Ich drehte mir gerade die zweite Zigarette, da stieg der Fahrer eines schwarzen Pick-ups in die Bremsen und fuhr nach rechts auf den Standstreifen. Unter den wuchtigen Rädern knirschte es.
Der Fahrer ließ das Fenster runter. Er trug einen breitkrempigen Hut, etwa so groß wie einer seiner Autoreifen. »So früh schon unterwegs?«
Ich nickte.
»Wo soll’s hingehen?«
»Nach Britt, zu den Hobotagen.«
»Zu den Hobotagen?«
»Ja, Sir.«
»Na, jedem, wie’s ihm gefällt. Steig ein.«
Bis nach Britt waren es 30 Meilen, und die Route 18 verläuft durch das spiegelflache Land wie fast alle Straßen in der Kornkammer der USA, gerade wie ein Lineal. Der Fahrer war Farmer und hieß Krieger, hatte deutsche Vorfahren. Stoisch hielt er sich an die vorgegebene Geschwindigkeit von 50 Meilen pro Stunde.
Ich schwieg und schaute aus dem Fenster. Felder um Felder, auf denen Sojabohnen knie- und der Mais schulterhoch wuchsen. Es war Anfang August. Bald würden die gigantischen Farmmaschinen über die Felder dreschen, die Farmer den Mais und die Sojabohnen auf Güterzüge verladen lassen, von denen die Ernte dann in alle Ecken der USA transportiert werden würde. In keinem anderen reichen Land wird so viel Fracht über die Gleise abgewickelt wie hier. Die Schienen sind die Blutbahn der amerikanischen Wirtschaft, und die Güter sind der Sauerstoff, der den Organismus am Leben hält.
Auf der anderen Seite der Landstraße reihten sich Motels an Autohändler an gigantische Supermärkte. Durch die Fensterscheiben der Imbisse sah man bereits die Frühaufsteher ihren Toast buttern. Sie teilten den gebratenen Speck entzwei und wischten sich mit den Servietten die Reste des Spiegeleis aus den Mundwinkeln. Die Bedienung eilte mit einer Kaffeekanne von Tisch zu Tisch – would you like some more, honey? Little bit of cream, sweetheart?
Es ist das Amerika des gut gefüllten Magens, das Amerika der Pick-up-Trucks. Hat man ein Problem mit der Kreditkarte, sagt die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung, dass alles wieder in Ordnung sei und man doch bitte immer weiter lächeln und die Karte weiter glühen lassen solle.
Hat dieses Land, das Land der Freien, sonst nichts mehr zu sagen? Gibt es diese Freiheit nur noch in den großen alten Erzählungen? In den Zeilen von Herman Melville, Mark Twain, Jack London? Zählt nur noch der Konsum, das Geld? Hören wir nur noch von Trump, den Kardashians? Ist ganz Amerika zu einer hysterischen Realityshow verkommen, in der es nur noch um Oberflächlichkeit, das Höher, Schneller, Weiter geht?
Ich wollte ein anderes Amerika sehen.
In ein paar Wochen würde mich niemand honey oder sweetheart nennen, sondern Abschaum oder nutzloses Stück Scheiße. Die Polizei hielte nach mir und meinen neuen Freunden Ausschau. Und dennoch würde ich freier sein, als ich es vielleicht je war, zu einem exklusiven Klub gehören, den es seit der Zeit gibt, als die Eisenbahn dieses Land endgültig erschlossen hat.
Natürlich wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich wusste nur, dass in Britt einmal im Jahr eine Bande von Außenseitern zusammenkommt, um den König und die Königin der Hobos zu krönen, schon seit 116 Jahren.
Ich hatte dieses Thema bereits seit einigen Jahren auf dem Zettel, seit meinem ersten Buch, um genau zu sein. Ich sage das nicht, um mich selbst zu zitieren, sondern weil ich auf jener Reise einen Exilamerikaner in Budapest kennengelernt hatte, der mir eines Abends bei mehreren Bier von den Hobos und dem legendären »Crew Change Guide« erzählte. Justin berichtete von einer Schattenwelt der Obdachlosen, die auf den Gleisen unterwegs sind und auf den amerikanischen Traum pfeifen. Nicht nur das. Sie sind sogar stolz darauf und verkörpern mit ihrer Unabhängigkeit die uramerikanischen Tugenden des Individualismus und der Selbstbestimmung. Sie suchen das Glück nicht auf Kontoauszügen, sondern auf der Straße. Aber nenn sie bloß nicht Penner. Ein Hobo ist ein Amerikaner, wie er in den alten Büchern steht. Frei, wild, ungezähmt.
Obwohl ich amerikanische Geschichte studiert habe, wusste ich so gut wie nichts von diesen modernen Nomaden. Ich kramte in meinem Gedächtnis und fand schnell alles zur amerikanischen Expansion in den Westen des Kontinents, zur sich ständig verschiebenden Besiedlungsgrenze, die Frontier genannt wurde. Ich erinnerte mich an Huckleberry Finn, diese große Figur der US-Literatur, die symbolisch für den Kampf gegen die sich langsam ausbreitende Zivilisation stand, in jener Zeit, als aus Wildnis erst Territorien und dann Bundesstaaten wurden.
Aber warum wusste ich nichts über die Hobos?
Jetzt im August war ein hervorragender Zeitpunkt, das zu ändern. Ich kam gerade aus einem Bürojob, den ich, entgegen meinen Gewohnheiten, für ein halbes Jahr angenommen hatte, weil die brotlose Kunst eben brotlos blieb. Die Bezahlung war nicht gut, sondern großartig, morgens gab es kostenloses Frühstück, mittags kochte man zusammen.
Nach zwei Wochen wollte ich mich aus dem Fenster stürzen. Jeden Tag die gleiche Scheiße, immer unter Aufsicht, und dann auch noch ein Chef, der wie ein Rumpelstilzchen durch die Büroräume tobte. Ich schlug drei Kreuze, als ich wieder gehen konnte. Die ganze Zeit hatte ich dabei an die Hobos gedacht. Ihr unbändiger Wille nach Freiheit schien mir das perfekte Gegenmittel zu sein.

»Da wären wir«, sagte der Farmer.
»Bitte?«
»Bisschen in Gedanken, was? Wir sind da. Das ist Britt. In all seiner Pracht.«
Ich schaute an seinem Doppelkinn vorbei durch das Fenster. Eine Straße, so breit wie die Elbe, führte in den Ort. Ein paar Autos standen an der Tankstelle des Casey’s General Store, dahinter waren ein Bahnübergang und zwei Getreidesilos zu sehen.
»Danke für die Fahrt. Sehen wir uns vielleicht im Ort? Dann gebe ich Ihnen gerne ein Bier aus.«
Der Farmer grunzte. »Da kriegen mich keine zehn Pferde hin. Ständig sind diese Penner besoffen, schlagen sich durch die Bars, terrorisieren die Bevölkerung, stechen sich gegenseitig ab, und dann stinken sie noch bis zum Himmel. Danke, nein.«
Ich schaute noch mal an seinem Doppelkinn vorbei. Messerstechereien? Die Bevölkerung terrorisieren? Das hörte sich vielversprechend an, sollte man gar nicht meinen bei diesem verschlafenen Örtchen.
»Also, eine Metropole ist Britt aber anscheinend auch nicht gerade.«
»Wem sagst du das. Was glaubst du denn, warum dieses Treffen genau hier stattfindet?«
Ich nickte, ohne zu wissen, warum, stieg aus und holte meinen Rucksack von der Ladefläche. Der Farmer tippte an seinen Hut und drehte mit seinen dicken Fingern die Klimaanlage hoch. Dann fuhr er langsam auf die Straße zurück, nicht ohne noch einen verächtlichen Blick auf das fünf Meter hohe Schild zu werfen, das hinter einer Blautanne in die Luft ragte. Es zeigte die Abbildung eines Hobos mit abgerissenen Schuhen und seiner Habe in einem Bündel sowie in großen fetten Lettern die Ankündigung: »BRITT NATIONAL HOBO CONVENTION 11 – 14 August«.
Ich schulterte meinen Rucksack und überquerte die Straße.

Maritime Geschenke
Ungewöhnliche Abenteuer

»Auf Jesu Spuren« von Nils Straatmann

Ein Geschenktipp von Margret Kirsch, Malik Lektorat:
 

»Bei weihnachtlichem Kerzenschein ins Heilige Land: Nils Straatmanns origineller Roadtrip zu unseren religiösen Wurzeln und zu den Menschen im Nahen Osten bietet perfekten Stoff, um sich packen zu lassen, zu schmunzeln, aber auch mal wieder innezuhalten.«

Blick ins Buch
Auf Jesu SpurenAuf Jesu Spuren

Eine Wanderung durch Israel und Palästina

Wandern, wo Jesus von Nazareth wandelte: Nils Straatmann reist mit einem alten Schulfreund den Lebensweg des historischen Jesus nach – vom vermeintlichen Geburtsort Bethlehem, den heute eine riesige Mauer dominiert, durch den Golan bis zum Hermon, auf dem im Winter der Skitourismus boomt. Mit unstillbarer Neugier erkundet der junge Theologe, was von den Ideen des einstigen Erlösers im Heiligen Land geblieben ist. Trifft in einem Beduinen-Camp auf Harry Potter, fährt mit einem der letzten Fischer auf den See Genezareth und wird bei einem palästinensischen Barbier als Spion verdächtigt. Dabei nähert er sich fundiert und ebenso skeptisch wie selbstironisch den drei Weltreligionen an. Räumt mit Vorurteilen und weitverbreitetem Halbwissen auf. Und erfährt bei seinen Begegnungen, dass die Fähigkeit zur Nächstenliebe eine der größten menschlichen Stärken ist.
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Prolog


8. Juli 2016, Zgheib-Militärbasis, Sidon, Libanon
Mehrere Rollen NATO-Draht schirmen die Straße vom restlichen Verkehr ab. Ein Panzer steht in der Einfahrt, das Rohr direkt auf uns gerichtet. Ein Typ in Uniform sitzt am Geschützturm und raucht eine Zigarette. Hinter ihm an einer Schranke stehen weitere Soldaten. Von ihren Schultern hängen Gewehre.
»Was wollt ihr hier?«, fragt einer von ihnen auf Englisch.
»Wir brauchen eine Genehmigung, um in den Süden des Landes zu kommen«, antworte ich so naiv wie möglich. »Uns wurde gesagt, wir sollen uns an euch wenden.«
»Wer hat das gesagt?«
»Freunde. Im Hostel.«
Der Soldat winkt uns zu einem weiß getünchten Empfangshäuschen, wo ein schlecht gelaunter Beamter hinter einem abgewetzten Schreibtisch unsere Pässe kontrolliert.
»Telefone?«, fragt er barsch. »Abgeben!«
Wir ziehen unsere Handys aus der Tasche und händigen ihm damit unsere einzige Sicherheit aus. Sein Blick fällt auf unsere Flipflops.
»Was sind denn das für Schuhe? Das sind keine Schuhe! Habt ihr andere dabei?«
Ich schüttle den Kopf.
»Ich mag eure Schuhe nicht. Die werden Probleme bereiten. Besorgt euch andere Schuhe!«
»Wir haben kei…«
»Dann haut ab!«
Ich blicke zu Sören, er blickt zurück. 12 000 Kilometer, Hamburg–Tel Aviv–Hamburg und dann zurück in den Nahen Osten. Wochen voller Recherchen, je ein zweiter Reisepass, ein kompletter Gepäckwechsel, und das alles, nur um jetzt von einem mies gelaunten Typen mit schlecht gestutztem Schnurrbart wegen unserer Flipflops abgewiesen zu werden. Danke, Jesus! Hätten sich die Torwachen in Jerusalem wegen deiner Sandalen so angestellt, hätte sich deine Botschaft nie verbreiten können.
»Gibt es wirklich keine Möglichkeit, mit diesen Schuhen …«, setze ich an, doch der Beamte grätscht dazwischen: »Hört zu: Entweder ihr steht hier jetzt noch eine Weile rum, und ich lasse euch von den Jungs da draußen abführen oder ihr besorgt euch von irgendwoher vernünftige Schuhe und kommt morgen wieder!«
Wir treten auf der Stelle. Morgen wollen wir uns bereits auf dem Weg in die Berge befinden. Kurz überdenke ich unsere Möglichkeiten. Dann schultere ich meinen Jutebeutel und mache mich schleunigst auf den Rückweg nach Beirut.

Knapp drei Stunden später bin ich wieder da. In der Hand trage ich meine Nikes und Sörens schwere Wanderstiefel, die auf beinahe 400 Kilometern in ehrlichem Männerschweiß durchgewalkt wurden. Sören, der im Schatten einer Pinie gewartet hat, hebt den Blick. Seit das Display seiner Kamera kaputt ist, sieht er beim Sichten der Aufnahmen immer so aus, als würde er sehr konzentriert seine Füße fotografieren.
»Der Geruch Ihrer Schuhe hat Ihr Kommen bereits angekündigt, Sir«, begrüßt er mich. »Shall we?«
Ich nicke.
Diesmal bereitet uns der Beamte keine Probleme. Wir geben unsere Handys und Jutebeutel ab, dann werden wir ins Lager geleitet. Militärfahrzeuge und aufgeschichtete Sandsäcke. Überwachungskameras, derbe Jungs mit Maschinengewehren. Ein hagerer Kerl in Flipflops führt uns hinter das Hauptgebäude zu einem schlecht klimatisierten Container, in dem wir erwartet werden.
Wir sitzen auf einem mit schwarzem Kunstleder überzogenen Drahtgestell. Zwei Schreibtische, Furnierholz, darüber ein sich träge drehender Ventilator, der den Muff von zu oft geatmeter Luft im Raum verteilt. Vor uns ein Mann, dessen aufgesetztes Lächeln nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er in seiner Freizeit wahrscheinlich gerne Menschen frisst.
»Pässe?«, blafft er, während sein Kollege im hoffnungslosen Versuch, eine Fliege zu erschlagen, eine zusammengerollte Zeitschrift durch die Luft schwingt.
»Deutsche, ja?« Er wirft uns einen misstrauischen Blick zu. »Und ihr wollt in den Süden? Was habt ihr da vor?«
Jetzt bloß nichts über Israel sagen, denke ich. So, wie es uns eingebläut wurde: Kein Wort über Israel und Palästina.


Das geheime Gatsby

»Sie müssen doch Gatsby kennen.«
F. Scott Fitzgerald


16. Mai 2016, Ben Gurion Airport, Tel Aviv, Israel
Sören und ich stehen vor einer Scheibe aus Panzerglas, die uns und unsere Pässe voneinander trennt. Geschäftig dreinblickende Reisende schauen auf ihre Uhren, schreiende Kinder und ungeduldige Blicke rempeln uns an. Durch einen Spalt unter der Scheibe sprechen wir mit zwei Grenzbeamten.
»Zum ersten Mal in Israel?«, fragt ein junger Mann in dunkelblauer Uniform durch den Schlitz.
»Ja«, antworte ich.
»Ihr gehört zusammen?«
»Jupp.«
»Wie lang bleibt ihr?«
»Zwei Monate.«
»Was macht ihr?«
»Wir wollen so nah wie möglich an der historischen Route Jesu entlangwandern.«
Er tippt etwas in seinen Computer. »Wandern? Wieso wandern? Es ist heiß!«
»Weil Jesus auch gewandert ist. Kein Auto, kein Führerschein. Die hatten ja nichts …«
Der Beamte lacht nicht. »Und wo wandert ihr lang?«
»Wir beginnen in Bethlehem. Von dort fahren wir nach Nazareth und wandern am See Genezareth entlang bis zum Hermon an die Nordgrenze. Von da aus dann zurück nach Jerusalem.«
Der junge Mann berät sich kurz und mit ernsten Blicken mit seiner Kollegin, dann schaut er wieder zu uns. »Und warum kommt ihr dafür nach Israel? Warum fahrt ihr nicht in ein anderes Land?«
Ich zögere. »Na ja … In England auf den Spuren Jesu zu wandern wäre nicht sehr klug, oder?«
Ein paar ruppig geschriebene Notizen mit dem Kugelschreiber, und abschließend noch genau vier Fragen an meinen Begleiter:
»Du heißt Sören?«
»Ja.«
»Wie heißt dein Vater?«
»Peter.«
»Und dein Großvater?«
»Hans-Joachim.«
»Wieso heißt du dann Sören? Das ist kein deutscher Name!« Der Beamte macht ein Gesicht, als hätte er ihn gerade bei einer Straftat überführt.
Sören schaut verdutzt. Er streicht sich das lange Haar zurück. »Also … wir kommen aus Norddeutschland. Da macht man so was. Wir sind Wikinger da oben, wissen Sie?« Wobei er offenlässt, ob er mit »da oben« den Norden oder seinen Kopf meint.
Fünf Minuten später befinden wir uns auf dem Weg zum Gepäckband. »Nice«, flüstert Sören. »Wikinger ziehen immer.«

Das Sammeltaxi, das uns in die Jerusalemer Altstadt bringen soll, teilen wir uns mit einigen orthodoxen Juden. Schläfenlocken, weiße Hemden, dunkle, breitkrempige Hüte. Ich schäme mich dafür, wie neugierig ich sie anstarre.
Die Ledersitze sind von Brandflecken durchlöchert, durch die Fenster pfeift Wind herein. Dörfer fliegen vorbei, deren Namen auf den Straßenschildern in drei Sprachen ausgewiesen sind. Die arabischen Schriftzeichen erinnern mich immer an einen Schwerttanz. An den Hängen der Hügel wachsen Olivenbäume, grau und knorrig, seit Tausenden von Jahren. Manchmal auch Kakteen. Dann verändert sich die Landschaft, und wir passieren Zäune, NATO-Draht und rauchende Soldaten. Die westlichen Ausläufer Jerusalems.
Unser Fahrer setzt uns am Damaskustor ab. Eine Gruppe Polizisten bewacht den Verkehrskreisel davor, ein Scharfschütze hockt zwischen den Zinnen der Altstadtmauer. Im Licht der untergehenden Sonne sieht es beinahe schön aus.
Die Altstadt ist in vier Bezirke aufgeteilt: das muslimische Viertel, das jüdische Viertel, das armenische Viertel und das christliche Viertel. Wir durchwandern die von Millionen Füßen blank gebohnerten Gassen, riechen Baklava und Falafel, und just als wir unsere Herberge erreichen, knackt irgendwo ein Lautsprecher, und über die geschäftig klingende Geräuschkulisse aus fremden Sprachen, Souvenirgeklimper und Taubengurren erhebt sich das übersteuerte Lied eines Muezzins, das von einem Minarett gegenüber unserer Unterkunft schallt.
Das »Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie« liegt im muslimischen Viertel. Als sichtbare Präsenz der Habsburger wurde es 1856 im Heiligen Land erbaut, diente als Pilger-, dann als Waisenhaus, später als Hospital und schließlich wieder als Pilgerhaus. Kaiser Franz Joseph war zu Besuch, der jordanische König Hussein und nun wir, die wir uns den Reisestaub von den Hosen klopfen und von der Veranda des Hospizes das Treiben der jahrtausendealten Stadt bestaunen.
Anschließend machen wir uns auf schnellstem Weg zurück in die Stadt, denn wir haben noch einen Termin: Chris, der Freund eines Freundes, erwartet uns im »Gatsby«. Eine angesagte Cocktailbar, die versteckt hinter einem anderen Café liege, welches wiederum in einer Parallelstraße der Jaffa Street sei. Zweimal laufen wir an besagtem Café vorbei, bis Chris selbst uns an der Schulter packt und erklärt, dass wir schon beim ersten Mal richtig gewesen seien. Er trägt einen ansehnlichen Fünftagebart und einen Bauch, der nicht groß genug ist, um ihn als dick zu bezeichnen. Er führt uns über die Terrasse des Cafés, an deren Ende wir durch eine schäbig aussehende Tür in einen schwach ausgeleuchteten Raum treten.
Ein junger Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart steht an einem Tresen aus dunklem Tropenholz. An der Decke hängen milchige Pub-Lampen, der Boden ist mit rotem Teppich ausgelegt. Überall Bücherregale. Die gesamte Einrichtung zitiert den dekadenten Wohlstand der Roaring Twenties, und man wartet nur darauf, gleich Leonardo DiCaprio oder Tobey Maguire hereinkommen zu sehen. Das einzige Problem: Es ist keine Bar. Es gibt keinen Zapfhahn, keine Spirituosen, nur den Typen mit dem Schnurrbart, die Bücher an der Wand und eine kleine silberne Tischglocke, die auf dem Tresen steht und darauf wartet, gedrückt zu werden.
»Die Jungs gehören zu mir«, erklärt Chris. Der Rezeptionist betätigt die Klingel, das Bücherregal vor uns schwingt zur Seite, und wir treten ein.
Das »Gatsby« wirkt wie ein geheimer Klub des schönen Stils. Weiße Wände, mit Marmor ausgekleidet, dahinter diffuse Lichtquellen, in deren Schein alles weich und attraktiv aussieht. Die Winkelgasse der Boheme. Die Bar im Jugendstil, an der Rückwand ein großer Spiegel, der von Spirituosen in allen Variationen verdeckt wird. Die männlichen Gäste tragen Hosenträger und Hut, die weiblichen meist Cocktailkleid und Federboa. Die Getränke werden hier designt. Sie haben Namen mit zu vielen Silben und werden in ausgefallenen Gläsern mit dazupassenden Eiswürfeln serviert.
Viele Frauen kommen und umarmen Chris, er unterhält sie charmant und untermalt seine Sätze mit kleinen Gesten der Finger. Wie nebenbei berichtet er uns, dass er vor zwei Tagen einen Anruf vom Militär erhalten habe. Er solle sich als Reservist bereithalten, die dritte Intifada sei in vollem Gange. Gerade heute Morgen sei wieder jemand mit einem Messer vor dem Damaskustor attackiert worden. Daher der Name: Messer-Intifada.
Ich zucke zusammen. Meine Frage, wie beunruhigend die Lage sei, wischt Chris mit einem Wink beiseite. »Wir haben die beste Armee der Welt. Wenn sie uns angreifen, schlagen wir zurück!«
»Aber das schützt doch nicht vor den Angriffen an sich.«
Chris nippt an seinem Cocktail. Gelassen erwidert er: »Angst ist etwas, womit du hier leben musst. Am besten, du ignorierst sie. Dann geht sie irgendwann von allein.« Er schnipst, und die Angst verpufft. Nach kurzem Überlegen fügt er hinzu: »Und Gras. Gras hilft auch. Wir kiffen wie die Idioten.«
Als Sören und ich zu unserem Hospiz in der Altstadt zurückkehren, kann ich den Scharfschützen auf der Mauer nicht mehr sehen. Ein paar Katzen rascheln in verschiedenen Müllhaufen, ansonsten treffen wir keine Seele. An der Rezeption trägt ein trauriger Jesus am Holzkreuz auch heute Abend das Leid der Welt. Ich sage ihm gute Nacht, um ihn aufzuheitern, dann folge ich der Treppe ins Untergeschoss und schlafe zum urigen Sound knarzender Betten ein.

Aber was hat das alles jetzt mit Jesus zu tun?
Ich komme aus einer relativ christlichen Familie. Für norddeutsche Verhältnisse wahrscheinlich sogar sehr christlich. Ich war in einem evangelischen Kindergarten und habe in mehreren Krippenspielen verschiedene Schafe mit Bravour verkörpert. Einmal hatte ich sogar eine Sprechrolle: »Oh, seht, ein Stern! Was hat er wohl zu bedeuten?« Sitzt bis heute. Die Kinderbibel habe ich wie das Sams oder lustige Taschenbücher gelesen. Das Sams hatte Wunschpunkte, Jesus war der Typ, der Wasser zu Kindersekt machen konnte.
Meine Gemeinde war schrecklich. Die Pastorin sah aus wie Dracula und benahm sich ähnlich. Immerhin, mein Kumpel Alex und seine damalige Freundin hatten ihre ersten sexuellen Erfahrungen in der Abstellkammer neben dem Konfirmandensaal. Bremen-Nord, wo wir aufwuchsen, war kein Ort für keusche Lämmchen. Ich hatte zwei Onkel, die Pastoren waren und von denen ich lernte, dass man auch als Pastor ein echter Mensch sein kann. Die Fußball guckten und fluchten, manchmal zu viel Erwachsenensekt tranken und doch mitunter sehr weise waren. Und trotzdem dachte ich zu jedem Weihnachts- und Osterfest, zu jeder Taufe, jeder Konfirmation in meiner Gemeinde: »Ach, Leute! Warum denn so langweilig? Das kann man doch viel spannender, viel wirklichkeitsnäher machen!« Jedes Mal, wenn ich in der Kirche saß, wuchs in mir der Wunsch, Pastor zu werden, um diesem Elend ein Ende zu bereiten.
Nach meinem Abitur schwankte ich zwischen Theologiestudium und Kirchenaustritt. »Entweder«, sagte ich mir, »du versuchst, das ganze Ding zu verstehen und bestenfalls zu verbessern, oder du musst damit nichts zu tun haben.« Ich entschied mich für Ersteres.
Im Studium erlebte ich, wie Kommilitonen manche Professoren als Ketzer beschimpften. Wie bei Fußballspielen die Nächstenliebe so weit ging, dass jedes Tor für beide Mannschaften zählte, damit sich alle gemeinsam freuen konnten. Aber ich traf auch Menschen, denen ihr Glaube die Kraft gab, ihr Leben zu bestreiten. Denen die Kirche Lebensinhalt und vor allem -sinn stiftete. Ich machte ein Praktikum bei einem schwulen Pastor in Lübeck, mit dem ich am Küchentisch saß, wo wir mithilfe seines »Gaydars«, seines »Schwulensensors«, gemeinsam versuchten herauszufinden, wer von den katholischen Kollegen in der vatikanischen Kurie schwul war und wer nicht. Dieser Pastor stand für eine Kirche, von der ich Teil sein wollte. Eine realistische Kirche für alle, in der Lachen nicht verboten war, in der Fehlbarkeit akzeptiert und thematisiert wurde. Kein sakrales Tüdelü.
Mein Theologiestudium hatte ich immer als hervorragenden Plan B beschrieben. Einen Plan A gab es lange nicht. Bis ich merkte, dass ich vom Schreiben und dem dazugehörigen Auftreten leben konnte. So stellte ich mir irgendwann die Frage, wie sich Studium und Arbeit verbinden ließen.
Es war ein Freitagmorgen, als ich in einer Vorlesung zur Kulturgeschichte des Neuen Testaments saß. Ich hörte nicht richtig zu, denn ich war in diesem esoterischen Zustand zwischen noch betrunken und schon verkatert. Der Professor erzählte etwas über die Höhlen am Berg Arbel und die Ausgrabungen in Magdala, und mit einem Mal entwickelte sich in mir die Idee, den Weg Jesu nachzuwandern. Ich kannte so viele Orte, an denen er gewesen sein sollte, und doch hatte ich keinen davon mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte ich das Christentum verstehen, wenn ich seine Wurzeln, die Kultur und Region, denen es entstammt, nicht kannte?
Mich faszinierte vor allem der menschliche Jesus: Wer war der Typ, der die Evangelisten zu ihren Texten inspirierte? Was ließ die Leute an ihn glauben? Was lässt sie heute glauben? Wer war Jesus von Nazareth, und was hat ihn zu dem gemacht, der er war? Was würde heute aus ihm werden? Wo wäre er zu finden?
Diesen Fragen wollte ich nachgehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber vorher brauchte ich eine Aspirin.

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