Weihnachtsbücher
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Weihnachtsbücher als Einstimmung in die Adventszeit

Wenn die Tage kürzer werden, die Temperaturen sinken und das Jahr sich dem Ende zuneigt, beginnt die gemütlichste Zeit des Jahres. In der Adventszeit stehen Besinnlichkeit und Gemütlichkeit hoch im Kurs und in diesen Wochen sorgen Weihnachtsbücher für eine schöne Einstimmung auf die Festtage. Sie erzählen Geschichten voller weihnachtlicher Magie, klären über Traditionen und Bräuche auf oder regen durch Liedtexte, Rezepte und Bastelanleitungen zum Nachmachen an.

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Roman

Ausgerechnet an Weihnachten finden sich die Schwestern Scarlett und Mélanie eingeschneit am Londoner Flughafen wieder. Nachhause in die Bretagne werden sie es wohl nicht mehr schaffen. Doch dann lernen die beiden Willam kennen, einen perfekten englischen Gentleman, der sie in sein Haus in Kensington einlädt. Aber hier steht plötzlich Williams ganze englische Familie vor der Tür – der Auftakt zu einem völlig verrückten Weihnachtsfest, voll von gefühlsmäßigen Verwicklungen und tragikomischen Überraschungen, an dessen Ende sich wundersamerweise zwei Hände unter dem Mistelzweig finden …
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Der Zauber der SchneeflockenDer Zauber der Schneeflocken

Roman

Ein ganz besonderer Adventskalender zaubert weihnachtliche Glücksmomente zum Verlieben. „P.S. Ich liebe dich“ für Weihnachtsfans! Seit Leni an Heiligabend vor zwei Jahren ihren geliebten Ehemann verlor, erinnert sie alles in der Weihnachtszeit an ihren Verlust, und die Trauer hat sie noch immer fest im Griff. Um Leni zurück ins Leben zu führen, haben ihre Zwillingsschwester Marie und ihre beste Freundin Emma deshalb dieses Jahr einen ganz besonderen Adventskalender für sie erstellt: Hinter jedem Türchen verbirgt sich eine Aufgabe, die Leni jene Weihnachtsvorfreude wieder näherbringen soll, die sie früher so begeistert ausgelebt hat. Dabei erhält sie Unterstützung von ihrer Familie und ihren Freunden – und bald auch von ihrem Nachbarn Erik, dem sie mit jedem Türchen langsam ihr Herz ein wenig mehr öffnet … Holly Bakers berührender Roman ist perfekt für kuschelige Lesestunden vor dem Kamin!Holly Baker, die in den bunten 80ern geboren wurde, lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet. Sie ist ein leidenschaftlicher Weihnachtsfan und liebt es, sich Geschichten auszudenken, die ihre Leserinnen zum Träumen bringen, sowie selbst in Romanen, Serien oder Filmen zu schwelgen. Unter ihrem richtigen Namen schreibt die Autorin auch Krimis und Fantasyromane.

Prolog

Ich ignorierte das leise Lachen aus dem Schwesternzimmer und hastete den Flur hinunter zum letzten Zimmer auf der rechten Seite. Ich rannte, denn ich wollte nicht zu spät kommen. Ich durfte nicht zu spät kommen.

Die Klänge von Last Christmas begleiteten mich. Normalerweise zauberte mir dieses Lied ein Lächeln ins Gesicht, war es doch gewissermaßen unser Lied. Aber nicht hier. Nicht jetzt. Stattdessen schnürte es mir die Kehle zu. Eben noch hatte ich mit meiner Familie zusammengesessen und über einen Witz geschmunzelt, den Finn, der Mann meiner Zwillingsschwester, erzählt hatte, und jetzt war ich hier und so weit vom Glücklichsein entfernt, wie es nur ging.

Ich bog um die Ecke und trat durch die offene Tür in sein Zimmer. Überdeutlich mischte sich der Duft von Zimt, Nelken und Orangen aus dem Flur unter den Geruch von Desinfektionsmitteln. Eigentlich liebte ich den Duft der Adventszeit, doch in diesem Augenblick erschien er mir völlig deplatziert.

„Bin ich zu spät?“, fragte ich so leise, dass ich meine Stimme selbst kaum hörte.

Der Pfleger – Erik – sah von der Maschine auf und schüttelte den Kopf. „Hallo, Leni. Nein, du bist rechtzeitig.“

Rechtzeitig. Wofür? Das, was hier gerade geschah, kam alles andere als zur rechten Zeit. Es passierte etwa fünfzig Jahre zu früh. Ich war nicht bereit dafür, würde es niemals sein.

Mein Blick heftete sich auf das Bett, in dem Tom lag. Auf seine Brust, die sich langsam und kaum merklich hob und senkte. Eben hatte ich es noch eilig gehabt, doch als ich nun auf ihn zuging, bremste ich meine Schritte in der Hoffnung, die Zeit würde stehen bleiben.

Erik durchquerte den Raum und strich mir mit einem angedeuteten Lächeln über den Arm, bevor er mich mit Tom allein ließ. Inzwischen kannte ich den Pfleger gut. Besser, als ich ihn jemals hatte kennenlernen wollen, obwohl er sehr nett und hilfsbereit war. In den letzten Wochen hatte ich jedoch zu viele Stunden auf dieser Station verbracht.

Ich nahm Toms Hand in meine und drückte sie, während ich ihm einen Kuss auf die Stirn gab. Tränen rollten mir über die Wangen, tropften hinab auf das weiße Laken und hinterließen einen nassen Fleck.

„Tu mir das nicht an“, flüsterte ich nahe an seinem Gesicht. „Wir haben uns geschworen, dass wir das schaffen. Im Frühling, weißt du noch? Du kannst mich nicht einfach verlassen. Ich liebe dich, ich brauche dich. Bleib bei mir.“

Er gab keine Antwort, ich hörte ihn kaum atmen. Mein Blick glitt automatisch zu dem Monitor, der Toms Blutdruck und Puls anzeigte. Noch war er bei mir, aber wie lange noch? Nicht lange genug, nicht einmal annähernd.

Erik kam zurück in den Raum, beinahe lautlos. Er sah kurz nach Tom, bevor er sich erneut an den lebenserhaltenden Maschinen zu schaffen machte. Ich hielt Toms Hand fest in meiner, streichelte mit dem Daumen über seinen Handrücken, während Tränen meinen Blick verschleierten.

Den ganzen Vormittag und Mittag hatte ich an Toms Bett gesessen, bis meine Mutter vorbeigekommen war, um mich abzuholen. Jetzt wünschte ich, ich wäre hiergeblieben, bei ihm. Niemand hatte damit gerechnet, dass uns nur noch so wenig Zeit bleiben würde.

Die Minuten dehnten sich wie Kaugummi und vergingen doch viel zu schnell. Und dann, einfach so, hörte Tom auf zu atmen und verließ mich. Ich schluchzte auf, seine Hand immer noch fest in meiner. Wie durch einen Schleier bekam ich mit, wie Erik etwas auf einem Zettel notierte und die Maschinen abschaltete.

„Es tut mir so leid, Leni“, sagte er leise, bevor er mich erneut mit Tom allein ließ. Zum letzten Mal.

Ich zitterte, so heftig begann ich zu weinen. Hinter mir betrat jemand den Raum, doch ich drehte mich nicht um. Ich wollte allein sein, brachte allerdings keinen Ton heraus, nur ein Schluchzen. Toms Hand glitt aus meiner. Ich wollte sie festhalten, aber die Kraft wich aus meinen Fingern wie das Leben aus Tom.

»Ist er …?«, hörte ich die Stimme meiner Mutter, die sogleich wieder verstummte.

Ich hatte meine Mutter gebeten, zu Hause zu bleiben und mit der Familie Heiligabend zu feiern, doch jetzt war ich froh, dass sie hier war, als ich jeden Halt verlor.

Kapitel 1

Zwei Jahre später

Der Schnee knirschte unter meinen Schuhen. Es war eisig kalt, und ich wickelte den Schal fester um meinen Hals. Mein Atem zeichnete Wölkchen in die Luft. Schneebedeckt sahen die Gräber auf den ersten Blick alle gleich aus, inzwischen war ich jedoch so oft auf diesem Friedhof gewesen, dass ich das richtige blind hätte finden können. Vor dem herzförmigen Grabmal blieb ich stehen. Ich nahm die erfrorenen roten Rosen aus der Vase, stellte stattdessen den Strauß bunter Dahlien hinein und wischte mit der behandschuhten Hand den Schnee vom Stein.

 

Tom Kaiser

Geliebter Ehemann & Sohn

2. März 1981 – 24. Dezember 2018

Fast zwei Jahre war es mittlerweile her, und dennoch fühlte es sich immer noch so schmerzhaft und unwirklich an wie am ersten Tag. Als hätte Toms Herz erst gestern aufgehört zu schlagen und meines damit in undurchdringlicher Finsternis versenkt. Fast zwei Jahre, in denen nicht ein Tag verging, an dem ich ihn nicht vermisste. Und jetzt stand schon wieder die Adventszeit bevor, die alles nur noch schlimmer machte.

Ich warf einen Blick in den Himmel, an dem sich die Wolken türmten und neuen Schnee ankündigten. Die Sonne hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr blicken lassen. Nicht am Himmel und nicht in meinem Herzen.

Wo bist du, Tom? Warum hast du mich allein zurückgelassen? Du fehlst mir, jeden Tag ein bisschen mehr. Wie soll ich das nur schaffen?

„Guten Tag, Leni.“ Die Stimme von Pfarrer Peters, der mit einem Mal neben mir stand, war leise und tröstlich.

„Hallo, Herr Pfarrer.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln, auch wenn mir nach Weinen zumute war. „Wie geht es Ihnen heute?“

Er lächelte zurück. „Das wollte ich dich gerade fragen. Es ist immer noch schwer, nicht wahr?“

Ich nickte, denn die plötzliche Enge in meinem Hals machte es mir unmöglich, etwas zu sagen. Eine Weile standen der Pfarrer und ich schweigend nebeneinander und betrachteten das Grab, während sich der Friedhof langsam füllte. Es war Totensonntag, und ich war gewiss nicht die Einzige, die einem verstorbenen Familienmitglied die Ehre erweisen wollte, auch wenn ich mich vor allem in letzter Zeit immer öfter alleingelassen fühlte.

Die Kirchenglocken läuteten, gleichzeitig rieselten die ersten Flocken vom Himmel, und die auf dem Friedhof verstreuten Hinterbliebenen zündeten Kerzen auf den Gräbern an. Es war ein wunderschöner Anblick, der mich zugleich tieftraurig stimmte. Ich bückte mich, um die Lichter auf Toms Grab ebenfalls zu entzünden und mir verstohlen eine Träne von der Wange zu wischen.

„Die Arbeit ruft.“ Bevor er ging, drehte sich Pfarrer Peters noch einmal zu mir um. „Möchtest du mich zum Gottesdienst begleiten? Es könnte dir Trost spenden.“

Ich schüttelte den Kopf. »Das ist nett, vielen Dank, aber Sie wissen doch …« Mit Toms Tod habe ich den Glauben verloren. Ich sprach es nicht aus, aber das musste ich auch nicht. Pfarrer Peters war ein Freund der Familie. Seit ich ein kleines Mädchen war, hatten wir uns nahezu jeden Sonntag in der Kirche gesehen, sämtliche Familiengeburtstage zusammen gefeiert und gemeinsam Familienmitglieder betrauert. Mit Toms Tod hatte sich vieles verändert.

Nach dem ersten Schock und der Trauer, die mich bis heute allgegenwärtig umhüllte, war ich so wütend geworden, dass ich es nach der Beerdigung nicht mehr geschafft hatte, einen Fuß in die Kirche zu setzen. Tom war gerade einmal siebenunddreißig gewesen. Wir hatten Pläne gehabt, das ganze Leben noch vor uns, und dann war es uns einfach so genommen worden. Ich erinnerte mich an den Tag, als er vom Arzt gekommen war – eine Routineuntersuchung, die alles veränderte. Blutkrebs im Anfangsstadium. Wir hatten uns geschworen, nicht aufzugeben und zu kämpfen. Allerdings hatte Tom gar nicht erst die Chance dazu bekommen. Bereits die erste Chemo hatte sein Herz dermaßen geschwächt, dass die notwendige Knochenmarktransplantation als Option ausfiel. Man hatte nichts für ihn tun können, und ich hatte dabei zusehen müssen, wie er immer schwächer geworden war. Am Ende hatten die Organe eins nach dem anderen aufgegeben, und er war an Herzversagen gestorben. Ich hatte mich betrogen gefühlt, tat es noch. Man hatte mir die Liebe meines Lebens genommen und erwartete, dass ich einfach so weitermachte. Doch das fiel mir verdammt schwer. Die Zeit heilt alle Wunden. Wie oft hatte ich diesen Spruch schon gehört? Es stimmte nicht. Zwei Jahre reichten nicht annähernd, um eine Wunde dieser Größenordnung zu heilen. Vermutlich reichte nicht einmal ein ganzes Leben dafür aus.

Pfarrer Peters nickte. „Nun denn. Irgendwann wirst du es schaffen, darüber hinwegzukommen, da bin ich sicher, und dann werden wir uns in der Kirche wiedersehen. Wer weiß, vielleicht schon dieses Jahr an Weihnachten.“

Ich sagte nichts dazu, da ich ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte, und er lächelte mir noch einmal zu, bevor er sich Richtung Kirche entfernte. Nach und nach leerte sich der Friedhof, die Kirchenglocken verstummten, und ich blieb allein zurück. Eine Weile beobachtete ich die tanzenden Schneeflocken, die sich auf Toms Grab legten, dann verließ auch ich den Friedhof.

 

Ich war durchgefroren und spürte meine Füße kaum noch, trotzdem konnte ich mich nicht dazu aufraffen, nach Hause zu gehen. Also lief ich immer weiter am Neckar entlang. Es dämmerte, und tatsächlich hatten bereits einige Anwohner Weihnachtsbeleuchtung an den Fenstern oder Bäumen vor den Häusern angebracht und eingeschaltet, sodass mir überall Lichter entgegenleuchteten. Allerdings schlossen sie mich eher aus, als dass sie mich einluden.

Früher hatte ich ebenfalls Lichterketten und anderen Leuchtschmuck herausgekramt und überall verteilt, sobald die Herbstsonne an Kraft verlor, auch wenn man damit eigentlich bis nach dem Totensonntag warten sollte. Ich hatte die Adventszeit so sehr geliebt, dass ich es nie hatte erwarten können, endlich die ganze Wohnung zu dekorieren. Schon als kleines Mädchen hatte mein Zimmer zur Adventszeit stets ausgesehen wie die Zweigstelle des Weihnachtsmanns. Kaum zu glauben, dass Tom und ich uns ausgerechnet auf dem Weihnachtsmarkt kennengelernt hatten.

Ich war mit einer gemeinsamen Freundin unterwegs gewesen, und sie hatte ihn mir vorgestellt, nachdem wir ihm auf dem Marktplatz zufällig über den Weg gelaufen waren. Weniger zufällig hatten Tom und ich uns dann auch an den folgenden Tagen in der Heidelberger Altstadt getroffen. An unserem ersten Jahrestag hatte er mir auf der Eisbahn unterhalb des Schlosses schließlich einen Antrag gemacht. So war die Adventszeit für uns zu etwas ganz Besonderem geworden. Bis sein Herz ausgerechnet an einem Heiligabend aufhörte zu schlagen.

Mit dem Advent stand also Toms und mein Jahrestag vor der Tür, ebenso wie sein zweiter Todestag. Am liebsten hätte ich mich zu Hause eingeigelt und Winterschlaf gehalten, um all den Erinnerungen zu entgehen, doch ich bezweifelte, dass mir das gelingen würde.

Nachdem ich den letzten Heiligabend allein zu Hause im Bett verbracht hatte statt mit meiner Familie unter dem Tannenbaum, hatte meine Mutter angekündigt, meine Abwesenheit dieses Jahr nicht zu akzeptieren. Die Schonfrist war vorbei; alle waren der Meinung, es sei an der Zeit, endlich wieder nach vorn zu sehen.

Alle außer mir.

Mein Handy klingelte – I don’t care von Ed Sheeran und Justin Bieber. Früher hätte ich zu dieser Zeit des Jahres längst Last Christmas als Klingelton ausgewählt, heute ging ich diesem Lied, wann immer ich konnte, aus dem Weg. Was beinahe unmöglich war. Es war mir nie aufgefallen, wie oft es im Radio lief oder irgendjemand es in der Straßenbahn summte. Jetzt hörte ich es spätestens ab Ende November immer und überall.

Ich ignorierte den Anruf, und kurz darauf klingelte es ein zweites Mal. Seufzend holte ich das Smartphone aus meiner Manteltasche und nahm den Anruf entgegen. Es war Emma, meine beste Freundin.

„Was gibt’s?“

„Hi, Leni. Wollen wir uns auf einen Kaffee treffen?“

„Ich hab eigentlich schon was vor.“ Das war gelogen, aber ich hatte keine Lust, mich mit Emma zu treffen, wollte es nur nicht so deutlich sagen. Dabei hätte sie mit Sicherheit kein Problem damit. Emma war ehrlich, nahm für gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. Erst vor einer Weile hatte sie sich beschwert, dass ich kaum noch Zeit für sie hatte – was stimmte. Wie im letzten Jahr hatte ich bereits Halloween angefangen, mich zurückzuziehen, um mich für die bevorstehenden Wochen zu wappnen. Gut gemeinte Ratschläge und mitfühlende Blicke und Gesten ertrug ich dabei nicht und erst recht keine Vorwürfe.

„Was hast du denn vor?“, wollte Emma wissen.

Mist. »Ähm, ich wollte …«

„Erwischt“, sagte Emma nur. „Komm schon, Leni. Wir haben uns bestimmt drei Wochen nicht gesehen, und ich würde dich wirklich gern noch mal treffen und quatschen, bevor du die Innenstadt wieder meidest wie ein Minenfeld. So wie früher, ja?“

Ich seufzte. „Also gut.“ Früher hatten wir uns mindestens einmal pro Woche in unserem Lieblingscafé in einer der schmalen Gassen nahe des Marktplatzes getroffen, stundenlang dort gesessen und geredet. Obwohl unsere Treffen weniger geworden waren, nachdem Emma geheiratet und ich Tom kennengelernt hatte, trafen wir uns trotzdem weiterhin regelmäßig. Sie fehlte mir, und ich beschloss, dass es für mein Herz heute in der Stadt noch relativ ungefährlich war. Die Buden standen zwar bereits über die ganze Innenstadt verteilt, aber der Weihnachtsmarkt eröffnete erst morgen.

„Super. Was hältst du davon, wenn wir ins Café Glück–“

„Vergiss es“, unterbrach ich sie. Ins Café Glücklich würde ich nie wieder einen Fuß setzen, denn es war nicht nur Emmas und mein Lieblingscafé, es war auch Toms und meins gewesen.

„Ach, Leni.“ Nun war es Emma, die seufzte. „Irgendwann musst du über deinen Schatten springen.“

„Warum? In Heidelberg gibt es Cafés wie Sand am Meer. Ich treffe mich gern mit dir, aber nicht im Glücklich.“

„Na schön. Dann am Bismarckplatz?“

„Ich schreib dir, wann die nächste Bahn fährt.“

 

Ich stieg aus der Bahn und überquerte die Straße. Emma war schon da, als ich das Kurpfalz Café durch den schweren roten Vorhang betrat. Sie hatte einen Tisch in der Ecke gewählt und sich so hingesetzt, dass ich dem Trubel im Gastraum den Rücken zuwenden konnte. Ich zögerte kurz, als mir nicht nur der Geruch von frisch gerösteten Kaffeebohnen in die Nase stieg, sondern auch ein Hauch von Zimt und gebrannten Mandeln. Außerdem war das Café über und über mit Mistelzweigen, Lichterketten und LED-Sternen dekoriert. Zum Glück lief wenigstens keine Weihnachtsmusik, sonst wäre ich wahrscheinlich sofort wieder gegangen. So steuerte ich auf Emma zu, die aufstand und mich umarmte, als ich sie erreichte.

„Hallo. Wie schön, dass das geklappt hat. Ich freue mich riesig, dich zu sehen.“

„Ich find’s auch schön“, gab ich zu und setzte mich Emma gegenüber. „Hast du schon bestellt?“

„Noch nicht, aber die Saisonkarte ist klasse. Hier, wirf mal einen Blick hinein.“ Sie schob das laminierte Heftchen über den Tisch zu mir.

Ich sah nur kurz hinein: Latte macchiato mit geröstetem Mandelaroma, Waffeln mit Pflaumen und Zimt, Kuchen mit Kirschen und Marzipan. Alles viel zu weihnachtlich! Auch wenn es zugegebenermaßen lecker klang und ich mich früher wie eine Ausgehungerte auf das Angebot gestürzt hätte. Ich schob die Karte zurück, was Emma netterweise nicht kommentierte.

„Wie geht es dir?“, fragte sie stattdessen.

„Gut“, log ich, doch sie kannte mich besser und griff nach meiner Hand.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Wie denn? Nein, ich muss da allein durch.“

„Du musst da nicht allein durch“, erwiderte sie. „Du hast mich, du hast deine Familie. Wir machen uns Sorgen um dich.“

„Warum? Weil ich immer noch trauere, obwohl es nach zwei Jahren nicht mehr angemessen ist?“

Emma schüttelte den Kopf. „So ein Blödsinn, das hat niemand gesagt.“

„Doch, meine Mutter. Mehr oder weniger zumindest.“

Sie schnaubte. „Ach, deine Mutter. Versteh mich nicht falsch, ich mag sie gern, aber manchmal reagiert sie wenig empathisch.“

„Und das sagst ausgerechnet du. Ich hab dich lieb, Emma, aber hin und wieder benimmst du dich selbst wie die Axt im Wald.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin pragmatisch. Das ist ein Unterschied. Und wir machen uns Sorgen, weil du dich abschottest“, kam sie zum eigentlichen Thema zurück.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist nicht wahr, ich bin doch hier.“

„Du schottest dich ab. Wann hast du zum Beispiel deine Schwester das letzte Mal gesehen?“

Marie. Ich hätte wissen müssen, dass sie dahintersteckte. „Sie hat dich auf mich angesetzt, stimmt’s?“

Emma schnaubte. „Niemand hat mich auf dich angesetzt, aber ich will dich nicht anlügen. Marie und ich waren neulich im Kino und haben auch über dich geredet.“

Zu dumm, dass Emma nicht nur mit mir, sondern auch mit meiner Schwester befreundet war. Wenn Marie und ich uns stritten, was vor allem zu Schulzeiten regelmäßig der Fall gewesen war, versuchte Emma jedes Mal zu vermitteln. Sie war ein Einzelkind und hatte sich immer eine Schwester gewünscht; ich hatte sogar eine Zwillingsschwester. Für Emma war das das pure Glück, und auch ich hatte es immer cool gefunden. Doch im Moment …

Obwohl Marie ebenfalls in Heidelberg lebte, hatte ich sie seit ein paar Wochen nicht gesehen. Sie fehlte mir, allerdings konnte ich ihren Anblick momentan einfach nicht ertragen.

„Wie geht es ihr?“, fragte ich. „Ist alles in Ordnung?“

Emma nickte lächelnd. „Sie sieht mittlerweile aus wie eine Marzipankartoffel, aber es steht ihr, und sie fühlt sich mehr als wohl.“

Ich nickte und spürte ein Brennen im Hals. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie Tom und ich vor drei Jahren an einem Sonntagmorgen kurz vor Halloween im Bett gelegen hatten.

„Was hältst du eigentlich von Babys?“, hatte er mich gefragt.

„Ich liebe Babys, das weißt du doch. Warum? Hat es bei deiner Schwägerin endlich geklappt?“

Tom zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, du kennst doch meinen Bruder. Stefan redet über so etwas nicht mit mir, da musst du dich schon mit Stefanie unterhalten.“

Stefan und Stefanie. Anfangs hatte ich die ähnlichen Namen für ein Klischee gehalten und erwartete irgendein perfektes Traumpaar. Die beiden hatten sich als furchtbar nett herausgestellt – und sie taten mir schrecklich leid. Am letzten Muttertag, den wir zusammen in einem griechischen Restaurant gefeiert hatten, hatte mir Stefanie verraten, dass sie schon länger versuchten, Eltern zu werden.

„Warum fragst du dann?“

Tom grinste. »Na ja, ich dachte, es wäre vielleicht an der Zeit, dass wir selbst probieren, ein Baby zu bekommen. Ich meine, ich bin sechsunddreißig, du bist zweiunddreißig. Wie lange sollen wir noch warten? Wenn wir Pech haben, klappt es auch bei uns nicht auf Anhieb …«

„Warum sollte es nicht klappen?“, erwiderte ich mit klopfendem Herzen. „Du bist ein Glückskind, Tom Kaiser, schon immer gewesen.“

„Heißt das, du möchtest ein Baby?“ Er strahlte mich an.

„Natürlich. Ich will ganz viele Kinder von dir haben, die so aussehen sollen wie du. Du hast völlig recht, du gehst bald auf die vierzig zu, also küss mich endlich.“

Er hatte mich gekitzelt, ich gelacht, und dann hatte er mich endlich geküsst.

Inzwischen war ich fünfunddreißig und weiter davon entfernt, eine Familie zu haben, als jemals zuvor. Das Schicksal schien mich nicht besonders zu mögen.

Auch bei Tom und mir hatte es nicht gleich geklappt, und irgendwann war er heimlich zum Arzt gegangen, um auszuschließen, dass es an ihm lag. Der Arzt hatte, gründlich wie er war, einen kompletten Check-up verordnet und Tom am Ende mitgeteilt, dass es mit seiner Fruchtbarkeit kein Problem gäbe, dafür hätte er bedauerlicherweise etwas anderes gefunden …

„Hallo. Was darf ich Ihnen bringen?“, riss mich der Kellner aus meinen Erinnerungen.

„Hi. Ich hätte gern den Latte mit Mandelaroma und die Waffeln mit Pflaumen und Zimt“, bestellte Emma.

Ich versuchte, die Erinnerung wegzublinzeln, was natürlich nicht funktionierte, daher täuschte ich ein Gähnen vor. „Entschuldigung. Ich nehme bitte einen Cappuccino und ein Stück Nusskuchen, danke.“

„Sehr gern. Möchten Sie vielleicht etwas Zimt in Ihren Cappuccino?“

Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Das ist sehr nett, aber lieber nicht.“

„In Ordnung.“ Der Kellner machte sich eine Notiz und ließ uns wieder allein.

„Der steht auf dich“, meinte Emma, als er außer Hörweite war. Ich zuckte nur mit den Schultern. »Ach, Leni, darf ich jetzt nicht einmal mehr so etwas sagen? Warum …?«

„Lass uns bitte über etwas anderes reden“, unterbrach ich sie.

„Na schön. Wie läuft es mit der Arbeit?“

Ich war freie Journalistin und schrieb für einige Frauenmagazine als feste Freie, was bedeutete, dass ich regelmäßig Aufträge bekam. Zum Glück plante diese Branche Monate im Voraus, sodass die Weihnachtsausgaben längst fertig waren. „Gut. Das Valentinstagsheft ist so gut wie druckreif. Willst du wissen, welche Farben nächstes Frühjahr angesagt sind?“

„Danke, verzichte“, erwiderte Emma kopfschüttelnd. „Ich verstehe nicht, wie du Jahr für Jahr diese inhaltlosen Artikel schreiben kannst. Im Prinzip ist es doch immer das Gleiche, nur, dass jetzt meinetwegen Pastellfarben statt Colour Blocking angesagt sind.“

„Heutzutage kann man so gut wie alles tragen.“

Mir machte die Arbeit Spaß, obwohl ich mich deutlich von den meisten Redakteurinnen in diesem Ressort unterschied. Ich rannte nicht jedem Trend hinterher, und ich ging alles andere als regelmäßig zum Friseur. Meine Haare waren seit jeher blond und halblang. Einmal hatte ich es mit einer Kurzhaarfrisur versucht, sie jedoch gleich wieder aufgegeben, weil es mir nicht stand. Zu lang durften meine Haare allerdings auch nicht sein, weil sie dafür zu fein waren. Mein Kleiderschrank wusste nichts von Gucci oder Prada, und ich hasste es, mir die Nägel zu lackieren, obwohl ich es eigentlich ganz hübsch fand. Aber für gewöhnlich schaffte ich es schon am ersten Tag, dass der Lack wieder abblätterte, sodass es schäbig aussah. Worüber Tom sich jedes Mal köstlich amüsiert hatte.

„Wie läuft es bei dir?“, fragte ich. „Viel zu tun?“ Emma war Scheidungsanwältin.

„Nicht übermäßig. Du weißt doch, um die Weihnachtszeit herum lassen sich weniger Paare scheiden, auch wenn ich das nicht verstehe. Ich meine, Schwiegermütter sind besonders anstrengend, wenn es um die Zubereitung des Festtagsbratens geht. Darüber solltet ihr mal einen Artikel schreiben: Wie bleibe ich ruhig, wenn sich die Schwiegermutter über die Feiertage ankündigt?“

Ich schmunzelte. „Gute Idee. Ich werd’s dem Chefredakteur morgen vorschlagen, damit die Kolleginnen über die Feiertage Stoff für eine Reportage sammeln können. Für dieses Jahr ist es leider schon zu spät. Du weißt, wir bereiten uns schon wieder auf die Bikinifigur vor.“

„Scheiß drauf, ich will mir erst mal ein bisschen Winterspeck anfuttern“, sagte Emma, als der Kellner zu uns an den Tisch kam.

„Na dann viel Erfolg.“

Emma lachte, und ich musste mitlachen. Sie war, seit ich sie kannte – und das waren inzwischen immerhin fünfundzwanzig Jahre –, rank und schlank. Sie konnte essen, was sie wollte, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen, was echt unfair war. Ich war zwar kein Moppelchen und hatte aus Prinzip etwas gegen Diäten und Kalorienzählen, ein wenig aufpassen musste ich allerdings schon. Dass ich Weihnachten und damit auch all den Köstlichkeiten wie Lebkuchenherzen oder Dominosteinen aus dem Weg ging, war in dieser Hinsicht tatsächlich ein Vorteil.

„So, der Latte macchiato und die Waffeln für Sie“, sagte der Kellner und servierte zuerst Emma. „Und einmal der Cappuccino und der Nusskuchen für die hübsche Frau.“

Er zwinkerte mir zu, und zum ersten Mal seit Langem sah ich nicht beschämt weg. Vielleicht wurde ich ein bisschen rot, aber ich hielt seinem Blick stand. Er hatte unglaublich schöne Augen – eine Mischung aus grün und braun – und sah insgesamt ziemlich gut aus, wenn auch ein wenig jung.

„Oh, vielen Dank. Das ist nett.“

„Es entspricht der Wahrheit. Ich bin Lars.“ Er reichte mir die Hand, und ich ergriff sie.

„Leni.“

»Was für ein wunderschöner Name. Sagen Sie …«

In diesem Moment ertönte das weltberühmte Intro von Last Christmas, und jemand schaltete die Anlage lauter. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen, und sprang so abrupt von meinem Stuhl auf, dass er fast umkippte und ich gegen den Tisch stieß, wo der Cappuccino überschwappte. Ohne ein weiteres Wort griff ich nach meinem Mantel und meiner Tasche und flüchtete Richtung Ausgang.

„Hab ich was Falsches gesagt?“, hörte ich Lars erschrocken fragen.

„Scheiße. Könnte ich bitte die Rechnung haben?“ Das war Emma.

Als ich durch den Vorhang an die frische Luft stürzte, schlug mir Kälte entgegen, und es schneite heftiger. Inzwischen war es dunkel, und obwohl der Weihnachtsmarkt noch nicht eröffnet war, leuchtete überall die Weihnachtsbeleuchtung. Wütend wischte ich mir die Tränen aus den Augen.

Wenn ich mal für ein paar Augenblicke tatsächlich nicht an das denken musste, was passiert war, genügte irgendeine Kleinigkeit, die die Erinnerung zurück und mich aus der Fassung brachte: ein Lied, ein Geruch, ein Ort. So ging es jedes Mal, und zur Adventszeit war es besonders schlimm. Genau deshalb ging ich ihr so gut wie eben möglich aus dem Weg.

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Mord im Santa-ExpressMord im Santa-Express

Kriminalroman

Heiligabend im Zug. Und an Bord eine Leiche …Am 24. Dezember sitzt Bruno Häusler im letzten ICE des Tages von Hamburg nach München. Während im Dunkeln die Schneelandschaft an ihm vorbeizieht und Mitpassagiere Glühwein und Plätzchen auspacken, denkt er an die Feiertage mit seiner Ex-Frau und den erwachsenen Kindern. Da betritt eine aufgewühlte Frau den Großraumwagen. Der ältere Mann in ihrem Abteil hat gesundheitliche Probleme. Als sie bei ihm ankommen, ist er bereits tot. Hatte er einen Herzinfarkt? Oder war sein Kaffee vergiftet? Was als beschauliche Bahnfahrt beginnt, wird unerwartet zu einem Weihnachtskrimi, der den Frieden der Weihnacht gefährdet.

HAMBURG HBF

„Last Christmas, I gave you my heart …“

Der alte Wham-Hit drang aus dem Kopfhörer des Mannes, der neben ihm am Bahnsteig stand und wartete. In der riesigen Halle des Hamburger Hauptbahnhofs, wo sie die weit gespannte Decke aus Stahl und Glas vor dem eisigen Regen draußen schützte, glitzerte und leuchtete es aus allen Ecken. Doch weder bunte Girlanden und Lichterketten noch der üppig geschmückte Baum in der Vorhalle konnten Bruno Häusler in weihnachtliche Stimmung versetzen. Ihm war einfach nur kalt, und er konnte es kaum erwarten, sich auf seinen reservierten Platz zu setzen, die Beine auszustrecken und die Augen zu schließen. Vielleicht gelang es ihm sogar, ein Weilchen zu schlafen, während der Zug den Bahnhof verließ.

Müde genug war er, hatte er doch noch bis zum späten Nachmittag in der Praxis gesessen und Abrechnungen bearbeitet. So kurz vor dem Jahresabschluss konnte er den Papierkram ja nicht einfach liegen lassen. Und seit der Trennung von seiner Frau, die ein Händchen für alles Buchhalterische hatte, blieb diese lästige Tätigkeit an ihm, dem Mediziner, hängen.

In den letzten Tagen hatte ihn seine Arbeit so sehr in Beschlag genommen, dass er nicht einmal dazu gekommen war, Geschenke für seine beiden Kinder zu kaufen. Kinder – was für ein unpassendes Wort für zwei fast erwachsene Menschen. Aber egal, in welchem Alter der Nachwuchs auch war, für ihn würden sie immer seine Schützlinge bleiben, deren Lebenswege er mit wohlwollender Kritik begleitete, wenn auch aus großer Distanz. Denn die Scheidung vor zwei Jahren hatte die Familie zerrissen und in entgegensetzte Richtungen getrieben. Er lebte und arbeitete in Hamburg, seine Frau und die Kinder wohnten in München – viel weiter entfernt ging in Deutschland kaum.

Er trat seine Reise also mit leeren Händen an. Was wohl niemanden überraschen würde. Letztes Weihnachten war Bruno Tochter Lisa und Sohn Max ebenfalls ohne Präsent gegenübergetreten, aber er hatte sie stattdessen zu einem gemeinsamen Musicalbesuch eingeladen. Sie fanden es „cool“ und unkonventionell, zumindest hatten sie das ihm gegenüber behauptet. Diesmal würde er es ähnlich handhaben. Ihm blieb im Zug ja ausreichend Zeit, um darüber nachzudenken, über was sie sich freuen könnten.

Eine blecherne Stimme kündigte die Ankunft des ICE 885 „Hans Fallada“ an, wenig später sah Bruno die Frontlichter des schnittigen Zuges am Ende der Halle auftauchen. Überpünktlich, wie Bruno mit einem Blick auf die Uhr feststellte. Also würde der ICE planmäßig um 18:01 Uhr weiterfahren, um schließlich gegen 23:40 Uhr am Münchner Hauptbahnhof einzutreffen. Dies war die letzte durchgehende ICE-Verbindung an Heiligabend.

Der Triebwagen rauschte an ihm vorbei, es folgten Waggons der ersten Klasse, dann der Speisewagen mit dem charakteristischen Buckel auf dem Dach und dahinter die zweite Klasse. Als der Zug zum Stehen kam, brauchte Bruno nur ein paar Schritte zu gehen, um seinen Wagen mit der Nummer 9 zu erreichen. Im getönten Glas der Tür fing er für einen Moment sein Spiegelbild auf und erschrak, wie erschöpft er aussah. Lag das allein am Stress der Vorweihnachtstage, oder setzte ihm die Nervosität vor einem der seltenen Familientreffen zu?

Mit einem leisen Zischen öffnete sich die Tür. Bruno ließ eine ältere Frau aussteigen, dann hob er seinen kleinen Reisekoffer an und nahm die zwei Stufen in den Vorraum des Waggons. Mit ihm stiegen nur wenige andere Reisende ein. Kein Wunder, wer fuhr denn am Abend des 24. Dezember noch mit der Bahn?

Die Glastür vor ihm glitt auf, und Bruno betrat den Großraumwagen der zweiten Klasse. Das Licht war angenehm gedämpft, die Temperatur wohlig warm. Wie er gleich merkte, hätte er sich die Kosten für die Sitzreservierung sparen können, denn außer ihm hielt sich in diesem Waggon kaum jemand auf. Bruno verstaute seinen Koffer im Gepäckfach. Dann wickelte er seinen Schal vom Hals, zog den Mantel aus und legte beides daneben. Er setzte sich und stellte die Sitzposition so ein, dass er sich bequem nach hinten lehnen konnte. Allmählich wurde er ruhiger, und die innere Anspannung ließ nach.

Während er seine Blicke über die Mitreisenden gleiten ließ, dachte er darüber nach, weshalb diese Leute wohl den Spätzug gewählt hatten. Die alte Frau dort zum Beispiel, die so bekümmert wirkte: Hatte sie einfach nur dem Gedränge in den vorweihnachtlichen Zügen entkommen wollen und sich deshalb für den letzten ICE entschieden? Oder war sie verwitwet und wollte der Einsamkeit am Heiligabend entrinnen, indem sie sich durch die winterliche Landschaft fahren ließ? Oder der Fahrgast mit dem Handy am Ohr: Der Kleidung nach könnte es sich um einen Geschäftsmann handeln, der es nicht früher geschafft hatte, zu seinen Lieben nach Hause zu kommen. So emsig, wie er telefonierte und dabei estikulierte, konnte man annehmen, dass er sogar jetzt noch dienstliche Gespräche führte. Ein junges Liebespaar dagegen, das ein paar Plätze weiter saß, schien nichts von der Welt um sich herum zu bemerken. Den Turteltäubchen, beide um die zwanzig, war es sicher gleichgültig, dass andere um diese Zeit unterm Christbaum saßen und Geschenke auspackten.

Ein Anflug von Wehmut erfasste Bruno, während er das Paar beobachtete. Frisch verliebt zu sein war schon etwas Besonderes, und diesen Zustand der Glückseligkeit an einem solchen Abend erleben zu dürfen, wohl kaum zu übertreffen. Wie gern hätte Bruno die Uhr zurückgedreht bis zu der Zeit, als er selbst bis über beide Ohren verliebt gewesen war. So große Gefühle, lang, lang war das her. Und die Liebe von einst längst erkaltet.

Momenten wie diesen versuchte Bruno meist zu entgehen, denn sie taten ihm weh. Lieber stürzte er sich Tag für Tag in seine Arbeit und widmete sich seinen kleinen Patienten. Seine Profession als Kinderarzt half ihm dabei, denn er empfand diesen Beruf als ungemein erfüllend. Zumindest dann, wenn er sich nicht gerade um die Abrechnungen und den oftmals zermürbenden Briefwechsel mit den Kassen kümmern musste …

Mit einer Folge pfeifender Signaltöne schlossen sich die Türen. Gleich darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Bruno schaute aus dem Fenster auf einen fast menschenleeren Bahnsteig. Lediglich ein Speisewagenbelieferer hielt sich noch draußen auf und ein Mann in Jogginghosen und Parka, der Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlte.

Als der Zug die schier endlose Bahnhofshalle verließ, wurden Bruno und seine Mitreisenden von der winterdunklen Nacht umhüllt. Er betrachtete die regennasse Stadt, auf deren Straßen sich die Lichterketten spiegelten.

„Guten Abend, hier spricht Ihr Zugchef.“ Die Durchsage ließ Bruno aufhorchen. Eine freundliche Stimme hieß alle zugestiegenen Fahrgäste willkommen, wies auf das reichhaltige Angebot im Speisewagen hin und kündigte den nächsten Halt in Hannover an. Bruno hörte nur mit halbem Ohr zu und widmete sich wieder dem, was er draußen noch erkennen konnte.

Mit Ausnahme einiger Taxis und Busse waren keine Fahrzeuge mehr unterwegs. Er sah die Fassaden von verwaisten Bürogebäuden und die Schaufenster von Geschäften, die längst geschlossen hatten. In der Ferne blitzten die Lichter der Kräne an den Kaianlagen auf. Das sonore Dröhnen eines Signalhorns drang an sein Ohr und kündigte das Auslaufen eines Schiffs an. Es gab also doch mehr Menschen, die wie er nicht Heiligabend zu Hause unter dem Christbaum feierten.

Ein Lachen ließ ihn aufhorchen. Er wandte sich um. Das Pärchen hatte mit dem Knutschen aufgehört und amüsierte sich über einen weiteren Passagier. Auch Bruno huschte ein Lächeln über die Lippen, handelte es sich bei diesem doch um keinen Geringeren als den Weihnachtsmann höchstpersönlich. Das karminrote Kostüm hatte zwar nicht ganz seine Größe: Der Weihnachtsmann trug Hochwasserhosen. Auch die Zipfelmütze wirkte ein paar Nummern zu klein, dafür saß der weiße Rauschebart perfekt und ließ vom Gesicht nur die Augenpartie erkennen. Der Weihnachtsmann verteilte aus einem grauen Leinensack kleine Schokonikoläuse, über die sich die Verliebten sofort hermachten, indem sie sich gegenseitig damit fütterten.

Bruno hatte Zweifel daran, ob der Weihnachtsmann im offiziellen Auftrag der Deutschen Bahn handelte, dafür sah seine Aufmachung einfach zu laienhaft aus. Trotzdem nahm auch er die geschenkte Schokolade an, als der großzügige Spender gleich darauf an seinem Platz vorbeikam. Eine nette Geste, fand Bruno und wickelte die Folie von der Schokolade. Mit zwei Bissen war der süße Snack verspeist.

Der ICE geriet ins Schaukeln, als er das Gleis wechselte. Bruno, der gerade aufgestanden war, um sich ein Buch aus dem Koffer zu holen, musste sich festhalten. Dann zog er den Roman aus einem Seitenfach des Koffers und setzte sich wieder.

Als Reiselektüre hatte sich Bruno für einen Klassiker entschieden: Agatha Christies Mord im Orientexpress. Während der Zug die Hamburger Außenbezirke passierte, schlug er das Buch auf und vertiefte sich in die Geschichte. Der Schmöker, den er bisher nur in der verfilmten Version von Sidney Lumet kannte, zog ihn schon im ersten Kapitel in seinen Bann. Während der kalte Regen gegen die Scheibe klatschte und schattenhaft Hausfassaden und Brückenelemente an ihm vorbeihuschten, tauchte er tief ein in den Zauber der Fahrt im legendären Orientexpress. Vergeblich versuchte er, sich zu erinnern, wer das spätere Opfer war und aus welchen Motiven der oder die Täter gehandelt hatten.

Doch schon nach wenigen Minuten wurde er unterbrochen. „Ihren Fahrschein bitte“, sagte ein Mann in der dunkelblauen Uniform eines Schaffners. Der Stimme nach zu urteilen handelte es sich allerdings um den Zugchef, der vorhin die Durchsage gemacht hatte. Aufgrund seines grauen Haars und des zerknitterten Gesichts schätzte Bruno ihn auf etwa sechzig, vielleicht sogar älter. Ein Mann kurz vorm Rentenalter. Er hatte freundliche Gesichtszüge und legte eine ruhige, gemütliche Art an den Tag. Bruno entfaltete seine ausgedruckte Fahrkarte, woraufhin der Zugbegleiter den Code einscannte und das Papier anschließend auf altbewährte Art abzwickte.

„Sie reisen bis nach München?“, fragte der Schaffner und reichte Bruno das Ticket zurück. „Dann werden wir uns heute Abend öfter sehen. Ich wünsche eine angenehme Reise im ›Santa-Express‹.“

„Danke“, sagte Bruno. „Ich dachte allerdings, der ICE ist auf ›Hans Fallada‹ getauft.“

„Ja, so lautet die offizielle Bezeichnung. Aber intern nennen wir vom Bordpersonal ihn an diesem Tag im Jahr den ›Santa-Express‹. Passend, finden Sie nicht auch?“ Der Zugchef zwinkerte ihm zu und ging zum nächsten Fahrgast.

Bruno schüttelte leicht verwundert den Kopf. „Santa-Express“ – ausgerechnet einen modernen ICE-Zug mit einem solch nostalgischen Namen zu versehen war schon verwegen. Andererseits passte das zur Stimmung an diesem Abend, denn es handelte sich ja wirklich um eine besondere Fahrt. Und außerdem wurde nun auch die Landschaft um ihn herum zusehends winterlicher …

Schon wollte er sich wieder in den Krimi vertiefen, da erhaschte er einen Blick auf eine Mitreisende, die ihren Platz im Zug wohl noch nicht gefunden hatte: eine hübsche Enddreißigerin, die mit leichtem Gepäck durch den Gang eilte und dabei seltsam gehetzt wirkte. Bruno konnte nicht anders, als ihr nachzusehen und ihre Figur zu bewundern, dann war sie bereits wieder verschwunden.

Das Klappern eines Trolleys störte ihn kurz danach erneut in seiner Konzentration. Bruno sah von seinem Buch auf, weil neben ihm eine rollende Verkaufstheke auftauchte, geschoben von einem Mann im Kellnerdress. Hochgewachsen, dürr und schlaksig war er, die vielen kleinen Narben in seinem Gesicht sprachen für schlecht verheilte Akne, das schwarze Haar hing ihm strähnig in die Stirn.

„Butterbrezeln, Wiener Würstchen, Softdrinks, Bier oder Wein?“, zählte der Verkäufer lustlos auf.

Bruno wollte eigentlich abwinken, dann aber dachte er: Warum eigentlich nicht? Immerhin war Weihnachten, also würde er sich ein Glas Wein gönnen. Zur Feier des Tages. „Was für einen Rotwein führen Sie denn?“, erkundigte er sich.

Daraufhin zog der Verkäufer eine Miniaturflasche aus einer Schublade und hielt sie Bruno hin. „›Merlot‹ steht drauf“, sagte er überflüssigerweise, denn lesen konnte Bruno ja selbst.

Bruno nahm eine Packung gesalzene Erdnüsse dazu und bezahlte den stattlichen Preis, der ihm genannt wurde. Er legte sogar ein Trinkgeld drauf. Als sich der Trolley wieder in Bewegung setzte, klappte Bruno den schmalen Tisch an der Lehne des Vordersitzes aus und stellte seine Einkäufe darauf ab. Er riss die Erdnusstüte auf und öffnete den Schraubverschluss des Fläschchens. Dann hob er sein Plastikglas mit Rotwein und prostete seinem Spiegelbild in der Fensterscheibe zu.

Schon nach dem ersten Schluck merkte er, wie sein stressbedingter Missmut allmählich wich. Als er wieder zu seinem Buch griff, begann er, die Bahnfahrt durch die Heilige Nacht zu genießen.

HAMBURG — HANNOVER

Melanie Weber fühlte sich kopflos. Sich in einem nahezu leeren ICE nicht für einen Sitzplatz entscheiden zu können und stattdessen minutenlang durch die Gänge zu irren passte jedoch zu ihrer momentanen Verfassung. Denn sie hatte diese Fahrt völlig überstürzt angetreten und den Zug buchstäblich in letzter Sekunde erwischt. Entsprechend aufgewühlt war sie noch. Deshalb gelang es ihr auch nicht, zwischen der Anonymität eines Großraumwagens und der Geborgenheit eines Abteils zu wählen.

Die Entscheidung fiel schließlich ganz spontan auf ein Abteil in Wagen 8. Kein leeres, denn sie mochte jetzt nicht allein sein. Die Gesellschaft ihrer Wahl bestand aus zwei älteren Menschen, einer Frau und einem Mann. Die beiden waren noch dabei, sich in der neuen Umgebung einzurichten: Winterjacken aufhängen und Handschuhe verstauen, verschiedene Dinge aus der Reisetasche nehmen und ausprobieren, ob es sich besser mit heruntergeklappter Armlehne sitzen ließ oder ohne.

Da sich die zwei auf verschiedene Ecken des Abteils verteilten – er am Gang auf der einen Seite, sie gegenüber auf einem Fensterplatz –, schloss Melanie, dass es sich bei ihnen nicht um ein Paar handeln konnte. Für Eheleute wirkten die beiden auch zu unterschiedlich, fand sie. Zwar hätte es vom Alter her durchaus gepasst, aber der Mann sah mit der schmal geränderten Brille auf der Nase und einer FAZ in den Händen eher intellektuell aus, während der gleichmütige Gesichtsausdruck der Frau auf ein schlichteres Gemüt schließen ließ. Doch das waren natürlich bloße Vorurteile, wie Melanie wusste.

„Verzeihen Sie bitte“, sagte der ältere Herr, als er beim Aufschlagen der Zeitung gegen Melanies Hüfte stieß.

„Macht nichts“, sagte Melanie und setzte sich auf die Seite der Frau, wobei sie den Platz zwischen ihnen frei ließ. Die alte Dame nahm die Lücke sogleich in Anspruch und belegte den Sitz mit allerlei Handarbeitsmaterial, das sie aus ihrer Tasche kramte. Stricknadeln, ein Wollknäuel in Moosgrün sowie eines in Marineblau. Schließlich zog sie noch einen halb fertigen Schal heraus. Oder sollte es etwas anderes werden?

„Eine Mütze für meinen Neffen“, sagte die Frau, die Melanies fragenden Blick richtig deutete, mit knarziger Stimme. „Der Junge bekommt so schnell kalte Ohren.“

„Da kann er sich ja freuen“, sagte Melanie und wandte sich von der Mitreisenden ab. Sie presste sich in die Lehne, als wollte sie sich in einer Ecke verkriechen, und hielt sich das Smartphone vors Gesicht. Es war ein deutliches Zeichen: Sprecht mich bloß nicht an, ich will meine Ruhe! Eigentlich merkwürdig, wie sie sich selbst eingestehen musste. Denn hätte sie Isolation gewollt, wäre ein abgeschiedener Platz im Großraumwagen doch besser gewesen. Aber gerade darin bestand ja ihr Dilemma: Sie wollte zugleich unter Menschen sein und in Frieden gelassen werden.

Nun saß sie hier und würde sich so schnell nicht vom Fleck bewegen. Unruhe hatte sie ja heute wahrlich genug gehabt, dachte sie, während sie wahllos durch Instagram-Bilder scrollte, ohne sie wirklich wahrzunehmen. In ihrem Inneren liefen gleichzeitig die Ereignisse der vergangenen Stunden vor ihr ab. Und sie fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. Ungeplant und ungewollt war sie in Hamburg aufgebrochen, die Fahrt im ICE war eine Art Flucht. Ein überstürzter Ausbruch aus ihrem bisherigen Leben – und aus der Beziehung mit Stephan.

Stephan. Er war in den letzten dreizehn Jahre ihres Lebens immer an ihrer Seite gewesen. Dreizehn Jahre lang, das musste man sich mal vorstellen! Als sie sich damals kennenlernten, am Rande des Hafengeburtstages 2007, war sie fünfundzwanzig gewesen und hatte gerade im Berufsleben Fuß gefasst. Stephan steckte sogar noch mitten in seinem Ingenieurstudium. Melanies Erwartungen für die Zukunft waren ziemlich bürgerlich gewesen: eine Ehe und Kinder, dazu ein eigenes Haus mit kleinem Garten. Allerdings liefen Stephans Vorstellungen, wie sich nach und nach herausstellte, ihrem Traum diametral entgegen – so hatte er es einmal selbst formuliert. Sein Job als Brückenbauer bei einer international tätigen Firma stand für ihn im Mittelpunkt, und wenn er einmal nicht arbeitete, wollte er seine rare Freizeit genießen, mit Sport, Reisen und Treffen mit seinen Kumpels. Melanie ließ es ihm durchgehen, auch sie fuhr ja gern in den Urlaub und powerte sich mit Stephan auf dem Tennisplatz aus. Und so stellte sie um seinetwillen ihre Zukunftsplanung zurück und ließ Stephan seinen Freiraum. Fünf Jahre lang, zehn Jahre. Inzwischen war sie achtunddreißig, und das Maß war einfach voll. Die Streitereien über ihre unterschiedlichen Lebensvorstellungen häuften sich, eine Auseinandersetzung folgte der nächsten. Stephan warf Melanie Torschlusspanik vor.

Und damit hatte er sogar recht! Sie sah ihre Felle davonschwimmen, ihre Zukunftsträume zerplatzen.

Gerade heute hatten sie sich wieder darüber gestritten. Doch diesmal hatte Melanie nicht klein beigegeben wie sonst. Es kam zum Eklat. Zu der fürchterlichsten Auseinandersetzung, die sie sich jemals geliefert hatten. Deshalb gab es für sie im Moment nur eines: Sie musste weg von Stephan, um mit sich und ihrer Situation ins Reine zu kommen.

Weg von ihm, sehr weit weg.

 

Zwei Cola, ein Wein und eine Tüte Nüsse, mehr hatten sie ihm in Wagen 9 nicht abgenommen. Eine magere Bilanz, zumal es in den anderen Waggons nicht besser ausgesehen hatte. Clemens Schottmeier konnte nur hoffen, dass das Geschäft im Laufe der Fahrt zulegte, denn er war auf diesen Verdienst angewiesen. Auch beim Trinkgeld könnte die Kundschaft gern freigiebiger sein. Hieß es denn nicht, zu Weihnachten seien die Leute besonders spendabel? Bislang hatte er davon nichts gemerkt.

Clemens schob den Verkaufstrolley durch den Gang des nächsten Wagens und leierte seinen Spruch herunter. Dabei ließ er auch die wenigen Passagiere in den spärlich besetzten Abteilen nicht aus, die meist entspannt und gelassen wirkten: Ein Rentnerehepaar, das ihm immerhin zwei Wienerle abkaufte, und einige junge Business-Typen, wahrscheinlich auf dem Weg zu ihren Frauen oder Freundinnen. Bei denen konnte Clemens mit seiner Ware allerdings nicht landen, denn einer hatte seine eigene Thermoskanne dabei, aus der der süßliche Geruch von Glühwein aufstieg, ein anderer vor sich eine Box mit Thai-Food, die er wohl am Bahnhof gekauft hatte. Für Leute wie Clemens war das schlimm, denn je besser die Bahnhöfe mit Imbissen ausgestattet waren, desto schlechtere Karten hatte die Bordgastronomie. Clemens fürchtete, dass der Service, wie er ihn bot, über kurz oder lang ganz abgeschafft werden würde.

Ein Abteil weiter traf er eine komplette Familie an: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Die Kleinen waren wohl noch im Vorschulalter, vermutete Clemens, der selbst keine Kinder hatte. Sie hatten sich im ganzen Abteil ausgebreitet, überall lag etwas herum. Auch hübsch verpackte Geschenke, kleine wie große. Ob sie ernsthaft vorhatten, hier im Zug Bescherung zu feiern? Aus einem tragbaren Lautsprecher plärrten Kinderweihnachtslieder, die schrillen Töne drangen bis in den Gang. Clemens klopfte an die Glastür, um auf sich aufmerksam zu machen, worauf sich fröhliche Kinderaugen auf ihn richteten. Lautstark verlangten die Kleinen nach Süßigkeiten. Obwohl die Mutter energisch den Kopf schüttelte, kramte der Vater bereits sein Portemonnaie hervor und spendierte dem Nachwuchs zwei Schokoriegel. Clemens strich das Geld ein und zog weiter.

Schon verrückt, an einem solchen Abend arbeiten zu müssen, dachte er und fühlte sich wieder einmal wie ein Verlierer. Aber verrückt musste auch der arme Irre sein, der heute im Santa-Kostüm durch die Gänge flitzte, er war ihm seit der Abfahrt schon zweimal begegnet. Und dort kam er schon wieder!

„Lass mich mal durch, Kumpel“, sagte der Typ in Verkleidung und wollte sich an Clemens’ Wagen vorbeizwängen.

Diesmal blieb Clemens stur. „Momentchen“, sagte er und blockierte den Durchgang. „Wir sehen es hier nicht sehr gern, wenn jemand etwas verteilt. Haben Sie dafür überhaupt eine Genehmigung?“

Ein irritiertes Augenpaar richtete sich durch einen Wust weißer Kunsthaare auf Clemens. „Genehmigung für meine Schokolade? Mann, es ist Weihnachten! Gönn den Leuten doch die kleine Freude.“

„Es ist Ihnen schon klar, dass Sie mir das Geschäft vermasseln, oder? Ich könnte Sie dem Zugchef melden.“

Der andere zögerte mit seiner Reaktion, sodass Clemens schon fürchtete, zu weit gegangen zu sein. Dann jedoch legte ihm der falsche Weihnachtsmann die Hand auf den Oberarm und sagte ganz ruhig: „Ich komme dir nicht in die Quere und du mir auch nicht, okay? Merry Christmas.“ Damit zwängte er sich an ihm vorbei.

Clemens schaute ihm nach, bis er am Übergang zum nächsten Waggon verschwand. Ein echt seltsamer Kerl, dieser Fake-Santa, dachte er noch. Dann versetzte er seinem Verkaufswagen einen Tritt. Das tat er in regelmäßigen Abständen immer wieder, als würde das etwas ändern. Tat es natürlich nicht. Der blöde Trolley mochte zwar sein Hassobjekt sein, doch Clemens war sich sehr wohl bewusst, dass er diesen Job dringend brauchte. So sehr sogar, dass er sofort den Finger gehoben hatte, als die Schichten für die Feiertage eingeteilt wurden. Das brachte ihm einen Zuschlag ein, auf den er weder verzichten wollte noch konnte. Und so riss er sich nun am Riemen und nahm sich fest vor, von jetzt ab einfach nur seine Arbeit zu machen, anstatt sich weiter in seinen Ärger und Frust hineinzusteigern. Hauptsache, er hatte am Ende der Schicht ein paar Euro mehr auf dem Konto.

Sein Vorsatz, sich nicht länger mit Zweifeln und Selbstmitleid zu plagen, hielt bis zum nächsten Wagen an. Dort traf er auf einen Fahrgast, der sich die Schuhe ausgezogen und seine Beine auf den freien Sitz neben sich gelegt hatte. Er war etwa in Clemens’ Alter, also Mitte dreißig. Der Mann schnippte mit den Fingern, als er Clemens kommen sah, und orderte ein Bier. Allerdings, ohne Clemens’ Begrüßung auch nur mit einem Wort zu erwidern und ohne dass ihm ein „Bitte“ über die Lippen kam. Auch ein „Danke“ ersparte sich der Fahrgast, nachdem er seine Pilsdose bekommen hatte, ebenso wie das Trinkgeld.

Clemens konnte solche Kunden nicht ausstehen. Sie hielten sich für etwas Besseres und behandelten ihn wie einen Dienstboten. Als ob jegliche Höflichkeit an ihn verschwendet wäre! Auf diese Weise gedemütigt zu werden, das ging Clemens jedes Mal aufs Neue nah. Es führte ihm seine eigene Unzulänglichkeit vor Augen: Die Tatsache, dass er nichts aus seinem Leben gemacht hatte, obwohl er die Realschule abgeschlossen und eine Lehre als Bürokaufmann absolviert hatte. Doch er wusste auch, dass er nie wieder in seinem angestammten Beruf arbeiten konnte. Die Brücken zu seinem alten Leben waren unwiederbringlich abgebrochen, nachdem er einen einzigen Fehler begangen hatte. Einen unverzeihlichen.

Mit hängendem Kopf schob Clemens den Trolley durch die Tür zum Bereich mit den Abteilen. Wie auch in den anderen Waggons waren die meisten nicht belegt, und er drückte aufs Tempo, um den Großraumwagen dahinter zu erreichen, als er im letzten Abteil doch noch potenzielle Kundschaft erspähte: Durch die Scheibe, die die Kabine vom Gang trennte, konnte er drei Fahrgäste sehen, einen älteren Mann und zwei Frauen. Er wollte schon die Hand auf den Griff legen, um die Tür zu öffnen und seine Ware anzubieten, doch mitten in der Bewegung hielt er inne. Ihm war, als würde sein Herzschlag aussetzen.

Wie eingefroren stand er da, den Blick starr auf den Mann gerichtet, der nun seinerseits von seiner Zeitung aufsah. Als er Clemens entdeckte, legte er die Zeitung auf die Knie und hob eine Hand.

„Hallo, Sie!“, hörte Clemens die Stimme des Mannes durch das Glas der geschlossenen Abteiltür. „Ich möchte einen Kaffee, bitte.“

Clemens sah sich außerstande, zu reagieren. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Denn er kannte diesen Mann. Und hatte gehofft, ihm nie mehr im Leben begegnen zu müssen.

„Hören Sie, guter Mann? Einen Kaffee bitte.“

Nun richteten auch die anderen beiden Fahrgäste, eine jüngere Frau und eine Oma mit Strickzeug in den Händen, ihre Aufmerksamkeit auf Clemens. Ihn überkam schiere Panik.

Was sollte er nur tun? Sich taub stellen? Clemens löste die Bremse des Trolleys. Dann schob er so schnell davon, als wäre er gerade dem Teufel persönlich begegnet.

Weihnachtliche Themen in beliebten Weihnachtsbüchern

In vielen Weihnachtsbüchern spielen Liebe, Freundschaft und Familie eine zentrale Rolle. Neben diesen Gefühlen kommt weihnachtliche Romantik auf, um das Herz des Lesers zu berühren. Der erfolgreiche Autor Guillaume Musso hat sich beispielsweise in seinem Buch „Ein Engel im Winter“ dem Thema Weihnachten gewidmet und erzählt eine bewegende Liebesgeschichte.

In Weihnachtsbüchern muss es jedoch nicht immer romantisch zugehen. Auch Krimiautoren haben das Genre für sich entdeckt, wie beispielsweise der Autor Paul Finch, der mit seinem Werk „Das Gespenst von Killingly Hall“ einen spannenden Kriminalfall in vorweihnachtlicher Umgebung zu Papier gebracht hat.

Bestseller-Autorin Jenny Colgan erzählt in ihren Bücher über Liebe, Vorfreude auf Weihnachten und den typischen Turbulenzen der Adventszeit.

Klassiker unter den Weihnachtsbüchern

Sergio Bambaren genießt weltweiten Erfolg mit seinen Büchern, die nicht selten tiefgründige Märchen für Erwachsene sind. Dem Thema Weihnachten widmet er sich in seinem Roman „Stella“, das die ideale Lektüre für die Adventszeit ist.  Ganz klassisch hingegen erzählt Ludwig Thoma in seinem Werk „Heilige Nacht“ die Weihnachtsgeschichte. Die Weihnachtsgeschichte (Original: „A Christmas Carol“) von Charles Dickens gehört ebenfalls zu den bekanntesten Weihnachtsbüchern.

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Christkind oder Weihnachtsmann? Designerkugel oder Strohstern? Gans, Würstchen oder vegan? Constanze Kleis bereist mit uns das Weihnachtswunderland, erzählt die Schöpfungsgeschichte des Festes und seiner wichtigsten Ausstattungsmerkmale. Vom Adventskranz bis zum Weihnachtsmarkt, von der Krippe bis zu „O du Fröhliche!“, vom Dresdner Stollen bis zum Glühwein, vom Frieden auf Erden bis zum Stress unter der Tanne werden alle Facetten dieses grandiosen Festes ausgeleuchtet. Selbstverständlich mit Echtwachskerzen und natürlich auch global. So erfährt man, wo der Weihnachtsmann schon mal auf Radikaldiät gesetzt wurde, wo man zum Fest einen „gebackenen Schweden“ serviert und das „Büro für Weihnachtslieder“ residiert. Wer schon immer mal wissen wollte, warum wir trotz all dem Stress und Kommerz nicht auf Weihnachten verzichten können und sollten, wird hier die besten Antworten finden (und nebenbei etwaige Weihnachtstraumata endgültig auskurieren können).
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Was Sie schon immer über Weihnachten wissen wollten

Die besinnlichste Zeit des Jahres geht einher mit zahlreichen Traditionen rund ums Singen, Basteln, Backen; Essen, Trinken, Schenken und Zeit mit der Familie Verbringen. Constanze Kleis weiß um die besten Zutaten für das großartige Fest, wie der Stollen gelingt, wo sich die schönsten und skurrilsten Weihnachtsmärkte befinden, wie man eine Büroweihnachtsfeier überlebt und weshalb man auf keinen Fall auf Geschenke verzichten sollte.

Bücher für Weihnachten als Geschenkidee

Bücher mit weihnachtlichen Themen sind nicht nur eine gute Möglichkeit, um sich selbst auf diese festliche Jahreszeit einzustimmen. Sie bieten sich ebenfalls als Geschenk für liebe Freunde, Verwandte oder Bekannte an. Wenn Sie ein Stück Weihnachten verschenken möchten, gelingt das besonders gut mit einem klassischen oder modernen Weihnachtsbuch. Einige Weihnachtsbücher sind zudem in 24 Kapitel aufgeteilt und können daher auch als literarischer Adventskalender verschenkt werden.

Stimmen Sie sich auf die Weihnachtszeit ein und tauchen Sie beim Lesen eines Weihnachtsbuchs in die besondere Stimmung dieser Zeit ab!

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