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Nach OnkaloNach Onkalo

Nach Onkalo

Roman

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Nach Onkalo — Inhalt

Matuschek ist vierzig, als seine Mutter stirbt, mit der er das Haus teilte. Ohne ihre Fürsorge weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Eine Frau hat er nicht und von dort, wo er wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschek ist einer, der bleibt, Bewohner des Hinterlands, einer längst von allen aufgegebenen Welt. Zum Glück gibt es Nachbarn. Igor, der Russe, wird zum Freund. Den alten Witt kennt er seit seiner Jugend. Und dann sind da die Tauben, die Matuschek als Junge bekam und seitdem züchtet. Brieftauben haben einen inneren Kompass und kehren stets nach Hause zurück. Das kann schon reichen fürs Leben. Als Matuschek Irina kennenlernt, winkt das Glück. Aber dann geht etwas schief und er beginnt von neuem.

»Nach Onkalo« zeigt eine Welt am Rand, in der sich die großen Fragen nicht weniger deutlich stellen: was einen zusammenhält und wie man glücklich wird. Matuschek stellt sich diese Fragen nicht, er will nur seinen Alltag meistern. Doch vielleicht befähigt ihn genau das zur Erkenntnis »ob das Leben die Mühe lohnt«.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 01.03.2017
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1314-9
€ 17,99 [D], € 17,99 [A]
Erschienen am 01.03.2017
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7934-3

Leseprobe zu »Nach Onkalo«

1

 

Mutter ist weg. Stimmt nicht, sie liegt noch im Bett, aber Matuschek kann nichts anderes mehr denken. Er rennt durch das Haus, als gäbe es kein Morgen, eher ein Tier als ein Mensch so früh um sechs. Eine halbe Stunde zu spät ist er schon, weil sie ihn nicht geweckt hat. Der Tisch ist nicht gedeckt und der Ofen kalt. Matuschek fasst an die Heizung, aber auch die ist aus. Bevor er losfährt, muss er aufs Klo. Eine Dreiviertelstunde dauert es bis zum Flughafen, und wenn dann noch was in ihm steckt, wird es eng. Man hat so seine Zeiten, und bei ihm kommt [...]

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1

 

Mutter ist weg. Stimmt nicht, sie liegt noch im Bett, aber Matuschek kann nichts anderes mehr denken. Er rennt durch das Haus, als gäbe es kein Morgen, eher ein Tier als ein Mensch so früh um sechs. Eine halbe Stunde zu spät ist er schon, weil sie ihn nicht geweckt hat. Der Tisch ist nicht gedeckt und der Ofen kalt. Matuschek fasst an die Heizung, aber auch die ist aus. Bevor er losfährt, muss er aufs Klo. Eine Dreiviertelstunde dauert es bis zum Flughafen, und wenn dann noch was in ihm steckt, wird es eng. Man hat so seine Zeiten, und bei ihm kommt es immer morgens. Essen ist nicht das Problem, dafür hat er Brote und eine Thermoskanne Tee, nur keinen schwarzen, sonst muss er zu oft pinkeln. Hagebutte mit Hibiskus macht sie ihm oft, manchmal auch Pfefferminze. Das hat sich eingespielt, so wohnen sie seit Jahren zusammen, sie unten, er oben. Morgens macht sie ihm Frühstück, und wenn er von der Spätschicht kommt, steht der Teller in der Mikrowelle, da muss er nur den Knopf drücken. Auch seine Wäsche wäscht sie. Du weißt doch gar nicht, wie das geht, schimpft sie dann immer. Wenn du mal keine Frau findest.

Aber das fehlt heute wie überhaupt alles. Matuschek redet vor sich hin. Da ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung und er muss gleich los. Schon fangen seine Hände an zu zittern. Die Stille drückt und lässt ihn schwer atmen. Sonst klopft sie immer mit dem Besenstiel von unten an die Decke. Seine Stimme überschlägt sich. Auch dass er sich atmen hört, ist nicht gut.

Er stellt das Radio an und ist gleich beim Wetter. Eine Luftmassengrenze über dem Norden und Osten trennt sehr warme und labil geschichtete Luft von deutlich kühlerer in den übrigen Landesteilen und bewegt sich kaum von der Stelle. Er will nicht, aber er geht nochmal alles ab, es sind ihre Wege, vom Bad in die Küche ins Wohnzimmer und zurück, und vielleicht lässt sich ja dadurch etwas wiederherstellen von der gewohnten Ordnung. Aber in der Küche ist sie nicht, im Wohnzimmer ist sie nicht, im hinteren Zimmer auch nicht, und die Haustür ist abgeschlossen. Bleibt nur das Schlafzimmer und da liegt sie dann, hat die Augen offen, macht aber immer noch keine Anstalten aufzustehen oder irgendwas zu tun.

Seitdem läuft er durchs Haus und spricht mit ihr. Er muss zur Arbeit und nichts ist gepackt. Scheiße, Mutter, brüllt es auf einmal aus ihm heraus, und er haut mit der Hand gegen die Tür. Aber die gibt nach, und er stolpert und fällt fast hin.

Über sich hört er es scharren, die Tauben, wer soll die füttern, das macht sonst sie, und fliegen müssen die auch. Geht heute nicht, geht alles gar nicht. Matuschek lässt sich auf den Stuhl sinken, der sein Frühstücksplatz ist. Was soll er jetzt machen, was macht man denn überhaupt?

Draußen geht Licht an, das ist vom Russen, ist der schon auf ? Mutter mag ihn nicht, kaum sind wir sie los, kommen die wieder an, hat sie immer geschimpft, seit der Russe mit seiner Frau neben ihnen wohnt. Jetzt aber, denkt Matuschek, wenn man das noch Denken nennen kann, eher ist es ein Impuls, dem er folgt, als er ohne Jacke in die Kälte tritt. Es ist noch dunkel draußen.

Nicht der Russe öffnet, sondern seine Frau. Als sie Matuschek sieht, weicht sie zurück und macht gleich wieder zu. Er hört sie etwas nach hinten rufen und dann steht plötzlich der Russe da. Matuschek bringt bloß ein Wort raus und deutet mit der Hand auf sein Haus.

Was ist mit Mutter, fragt der Russe.

Mutter, sagt Matuschek wieder, entlang seiner Hand.

Also gut, sagt der Russe, ruft was ins Haus, zieht eine Jacke über und geht mit.

Das Schlafzimmer riecht nach ihr und etwas anderem. Matuschek macht erstmal Licht. Mutter liegt da und starrt an die Decke. Der Russe tut erstmal gar nichts, presst bloß die Hände zusammen und murmelt irgendwas. Dann geht er zum Fenster und öffnet es.

Bessere Luft, sagt er, auch für sie.

Er geht zum Bett und fährt ihr mit der Hand über die Augen. Die sind jetzt zu.

Komm, sagt er zu Matuschek, ist nicht mehr unsere Welt.

In der Stube drückt er ihn auf einen Stuhl.

Kaffee ?

Dann holt er sein Handy aus der Hosentasche und ruft den Arzt.

 

Als der Arzt kommt, steht Kaffee auf dem Tisch. Der Russe hat drei Tassen hingestellt und der Arzt nimmt gern eine. Der Arzt ist eine Ärztin und jung obendrein. Dass sie nicht von hier sein kann, merkt man am R, das rollt sie weiter hinten, aber anders als der Russe.

Todeszeitpunkt ist etwa gegen drei. Im eigenen Bett eingeschlafen. Das schaffen nicht mehr viele. Sie sind der Sohn, fragt sie den Russen. Der deutet auf Matuschek.

Sie müssen das hier unterschreiben.

Matuschek nimmt den Stift und setzt seinen Namen ans Ende des Blattes. Seine Unterschrift wird zittrig, es ist auch ihr Name.

 

Als die Ärztin sich verabschiedet, bleibt Matuschek sitzen. Der Russe telefoniert wieder, aber das ist weit weg. Wieder hält oben ein Auto, schwarz diesmal, mit langem Heck. Die zwei Männer, die da aussteigen, tragen Anzüge. Der Russe empfängt sie, spricht mit ihnen und leitet sie ins Schlafzimmer. Mittlerweile ist es nicht mehr dunkel, aber hell wird es auch nicht, geschlossene Wolkendecke heute und eine Temperatur um den Gefrierpunkt. Nicht mal richtig geschneit hat es, liegt nur Griesel auf dem welken Gras. Sie gehen wieder raus, um eine Trage zu holen. Als sie damit zurück zum Auto gehen, liegt Mutter drauf.

Der Russe ist die ganze Zeit geblieben, aber jetzt steht er auf, geht in den Flur und nochmal in ihr Zimmer. Es klickt, dann ist das Licht aus und der Russe zurück.

Komm mit, sagt er, was du jetzt brauchst, ist Schnaps, in deinem Haus ist es zu kalt dafür.

 

Beim Aufwachen sitzt Matuschek ein Wespenschwarm im Schädel, obwohl doch Winter ist. Er steht auf und geht vor die Tür. Draußen ist es glatt, über Nacht muss es gefroren haben, der wenige Schnee ist verharscht. Matuschek stellt sich an die Hecke und will gerade eine Anklage in den Schnee pissen, da kommt der Russe raus.

Das ist gestern alles sehr unglücklich gelaufen, sagt er, wir sind doch Freunde ? Und fängt auf einmal laut an zu lachen, weil Matuschek ihn nur blöd anschaut und lieber schnell die Hose hochzieht. Towarischtsch, du siehst furchtbar aus, komm nachher zum Mittag rüber, es gibt Hecht.

 

Gestern ist Matuschek einfach mitgegangen. Du musst trinken, hat der Russe gesagt, aber nicht allein, nur wer allein trinkt, ist auch Alkoholiker.

Er holt zwei Gläser und eine Flasche Klaren aus der Vitrine und stellt sie auf den Tisch.

Ist guter Wodka aus der Heimat, nicht das Zeug von hier.

Matuschek zögert, es ist früh und er hat noch nichts gegessen, aber an Essen ist gerade nicht zu denken, also nickt er nur, leert sein Glas und stellt es wieder hin, damit der Russe nachschenkt.

Nun mal langsam, brummt der und ruft was in die Küche.

Sie sitzen im Wohnzimmer auf der Couch. Die Couch gefällt ihm. Sie geht über Eck, dass man sich auch gut hinlegen kann, und am liebsten würde er das jetzt tun, doch da sind überall Kissen, also bleibt er sitzen. Er sieht sich um. Der Couchtisch ist aus Glas und hat ein Unterfach für Illustrierte. Obenauf liegt eine übers Angeln, das interessiert Matuschek. Ein Mann mit einem Hecht im Arm hält dessen Maul in Richtung Linse. Auch die Vitrine an der Wand ist aus Glas, auf ihr stehen Fotos in Schwarzweiß, daneben das Bild einer Frau mit Heiligenschein, davor ein paar gelbe, dünne Kerzen.

Was soll das, fragt Matuschek und deutet drauf.

Erinnerungen, sagt der Russe, was man so mitnehmen kann.

Matuschek steht auf und geht nah ran. Auf einem Foto ist der Russe jung und wird von einer Frau im Arm gehalten. Auf einem anderen hat er bereits den Arm um sie gelegt. Das letzte Bild zeigt sie allein, eine krumme Gestalt im Kittel, die Haare streng zum Knoten gesteckt. Irgendwann sehen sie alle gleich aus.

Wo ist sie jetzt, fragt er.

Ist da geblieben.

Ich mein meine.

Towarischtsch, sagt der Russe und sieht ihn bestürzt an, tut mir leid, ich sitz hier rum und schwatz dich voll.

Er schraubt die Flasche auf und gießt noch einmal ein. Dann steht er auf und holt einen Becher mit Würfeln aus der Vitrine.

Handgeschnitzt, sagt er und lässt sie über die Finger rollen. Einen legt er vor Matuschek auf den Tisch. Ich schenk sie dir, aber erstmal würfeln wir.

Warum, fragt Matuschek.

Was du jetzt brauchst, ist Glück.

 

[...]

Kerstin Preiwuß

Über Kerstin Preiwuß

Biografie

Kerstin Preiwuß, geboren 1980 in Lübz (Mecklenburg), lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Leipzig. 2006 debütierte sie mit dem Gedichtband »Nachricht von neuen Sternen«. 2008 erhielt sie das Hermann-Lenz-Stipendium. 2012 erschien ihr zweiter Gedichtband...

Pressestimmen

TITEL Kulturmagazin

»Dass der schräge Sonderling letztendlich doch noch die Kurve kriegt, gehört zu den versöhnlichen Wendungen dieses versteckten Entwicklungsromans, den Kerstin Preiwuß still und ruhig inszeniert, mit dem trügerisch poetischen Unterton einer Lyrikerin.«

NZZ (CH)

»Der größte Reiz dieses Buches aber liegt in seinen vielen versteckten Schichten.«

NZZ (CH)

»Das Buch schiebt sich nicht mit aufdringlichen Diagnosen nach vorne, sondern gewinnt seine Wahrnehmungskraft aus der Dichte seiner Szenen und Sätze. (…). Eine geschickt gesetzte Offenheit bestimmt den Bau des Romans, die in ihrer Schlichtheit manchmal an Kerstin Preiwuß‘ Gedichte erinnert.«

Stuttgarter Zeitung

»Der Reiz dieses Buches liegt in seinen vielen versteckten Schichten.«

Dresdner Neueste Nachrichten

»Es ist eine Emanzipationsgeschichte, die sie so erzählt, dass wir mitfiebern und mitleiden. Fesselnd ist sie geschrieben, in einer äußerst konzentrierten, dichten, genauen Sprache.«

Rhein-Neckar-Zeitung

»›Nach Onkalo‹ von Kerstin Preiwuß hat poetischen und psychologischen Tiefgang.«

Falter (A)

»Kerstin Preiwuß verfügt über die hohe Tugend einer unsentimentalen Menschenfreundlichkeit.«

Freie Presse

»Wer Literatur der etwas schrägen Art liebt, ist mit diesem äußerst eigenwilligen Roman bestens beraten.«

Deutschlandfunk "Kritikergespräch"

»›Nach Onkalo‹ zeigt mit großer Sympathie und Genauigkeit eine Welt am Rand, in der einer nur den Alltag schaffen will. Gerade in der Reduktion stellen sich all die großen Fragen, die das Menschsein ausmachen. Beide Kritiker sind stark beeindruckt von der Dichte der Erzählung.«

Landeszeitung für die Lüneburger Heide

»In Matuscheks Geschichte wird im Kleinen das Große sichtbar. Preiwuß, 1980 in Lübz geboren, beweist sich als genaue und bei aller erzählerischen Distanz als respekt- bis liebevolle Beobachterin eines abgehängten Menschen, der sich in seiner Sprachlosigkeit und Antriebsschwäche eingenistet hat.«

Der Tagesspiegel

»Eine geschickt gesetzte Offenheit bestimmt den Bau des Romans, die in ihrer Schlichtheit manchmal an Kerstin Preiwuß Gedichte erinnert. Der größte Reiz dieses Buches aber liegt in seinen vielen versteckten Schichten.«

fixpoetry.com

»Es gelingt der Autorin, ihren Nicht-Helden Matuschek so unprätentiös und in gewisser Weise hilflos, aber mit vielen sprachlichen Details und Bildern dem Leser näherzubringen. Und es liegt vor allen Dingen daran, dass es ihr im Kontrast zur Dekonstruktion jeglichen Lebenssinns gelingt, Bildebenen aufzubauen, die tragen.«

Ostsee-Zeitung

»Eine Studie angewandter Menschlichkeit.«

rbb Kulturradio

»Kerstin Preiwuß' Roman unterscheidet sich von den zahlreichen anderen Büchern über die ostdeutsche Provinz – durch die Wahl eines besonderen Milieus, durch die Prägnanz ihrer eigenwilligen Charaktere wie auch durch die unerwartete Schluss-Volte.«

MDR Kultur

»Wer Literatur der etwas anderen Art liebt, ist mit diesem eigenwilligen Roman bestens beraten.«

Deutschlandradio Kultur

»Lakonisch und zärtlich erzählt Kerstin Preiwuß vom Überlebenskampf ihres sprachlosen Protagonisten und zeigt uns die Welt der Abgehängten in Nahaufnahme.«

Süddeutsche Zeitung

»In ihrem zweiten Roman ›Nach Onkalo‹ erzählt die in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsene Autorin Kerstin Preiwuss mit sprachlichem Feingefühl von einem einfachen Mann, der sein Glück in der Welt nicht findet.«

Deutschlandradio Kultur

»Matuschek stolpert wie ein moderner Woyzeck durchs Leben.«

Ruhr Nachrichten

»Es geht der Autorin keineswegs darum, sie vorzuführen und mit dem Finger auf sie zu zeigen, um ihre ganze Rückständigkeit und geistige Beschränktheit darzustellen. Im Gegenteil: Ihr Roman handelt auch von Verbundenheit und Freundschaften, die weit weg von jeder Oberflächlichkeit sind.«

Frau und Mutter

»Kerstin Preiwuß erzählt leise, präzise und respektvoll. Und in einer Sprache, die in ihrer Schlichtheit auch Matuscheks Sprache sein könnte.«

Kommentare zum Buch

Matuschek und seine Tauben,,
Angela Busch am 05.09.2017

INHALT: Hans Matuschek, ein vierzigjähriger einfacher , bodenständiger Mann , der noch immer bei seiner Mutter lebt und dort von ihr fürsorglich betreut wird, treffen einige schwere Schicksalsschläge. Seine Mutter stirbt plötzlich und er vermisst sie sehr - zwar nicht in jeder privaten Lebenslage ( beim Telefonsex verwünschte er oft ihre Anwesenheit im Haus, da sie ihn wegen der Kosten gern kontrolliert hat und schweigende Vorwürfe tätigte ) - aber da sind noch seine geliebten Tauben, um die er sich seit Kindertagen verantwortungsvoll und mit Hingabe kümmert und die russischen Nachbarn Galina und sein Angelfreund Igor, der Matuschek oft nachsichtig und belehrend mit dem Kosenamen Towarischtsch anspricht. Auch der alte, eigenbrötlerische Taubenzüchter Witt, ein ehemaliger Mitarbeiter im Kernkraftwerk Lubmin, hat immer ein Auge auf den unpraktischen Junggesellen Matuschek. Hans Matuschek ist zwar ein ungelernter Arbeiter, hat aber einen Job als fleissiger Wetterbeobachter auf einem russischen Flugplatz. Sein kleines, privates Glück findet er in seiner Liebe zu Irina. Doch als sie ihn verlässt (die Nachbarn verlassen ihn auch, Igor stirbt, Galina zieht fort und der windige Internethändler Lewandowski zieht in deren Haus ein) , bricht für ihn die Welt zusammen und er gibt sich verwahrlosend seiner Trauer und Verzweiflung hin. Zu allem Unglück verliert er auch noch seinen Arbeitsplatz, auf den er immer sehr stolz war,,,,   Zitat auf Seite 104 über die Heimkehr von Matuschek's Tauben: Aber darum geht es ihm nicht, sondern da ist dieses Gefühl , das sich stumm in ihm ausweitet und ihn für alles entschädigt, was sonst fehlt. Wenn sie aus dem Himmel stürzen. Wenn sie die Flügel anlegen und zack, einfach da sind. Zu wissen, dass die Tauben kommen, dass sie immer wieder kommen , egal von wo, und sein Haus ist das Zentrum der Welt. Solange er sie fliegen lässt, kommen sie zurück. Das ist es, was er braucht, dafür kriegt er das Flattern, und langsam wird er nervös, weil Witt sich noch nicht gemeldet hat.   MEINE MEINUNG: Die fast lyrisch anmutende, sprachgewaltige Ausdrucksweise von Kerstin Preiwuß hat mich ausserordentlich gepackt und mit einem unwiderstehlichem Sog immer wieder schnell zum Buch greifen lassen. Sie beschreibt ergreifend wie Matuschek unaufhaltsam in eine Depression abgleitet, sich selber nicht mehr wertschätzt , verwahrlost und sich auch noch vom neuen aggressiven Nachbarn Lewandowski manipulierten lässt. Es macht eigentlich keine Freude diesen Absturz zu beobachten und zu lesen, aber das Buch beiseite legen oder gar zu vergessen, funktioniert überhaupt nicht. Kerstin Preiwuß versteht es meisterhaft die Einsamkeit, Hilflosigkeit und den Zweifel an sich selber bei Hans Matuschek zu beschreiben. Das Buch ist ein starkes Psychogram vom Hauptprotagonisten und seiner Mitmenschen , auch von der abgeschiedenen , ländlichen Umwelt an einem See. Die Idylle dieser Landschaft steht in krassem Gegensatz zum Denken und Handeln dieses zurückgelassenen, einsamen Menschen in Ostdeutschland. Ich empfand ihn nicht als sympathischen oder anziehenden Mann, aber seine naive Verzweiflung und Denkweise haben sehr an mein Mitleid appelliert. Er ist EINFACH NUR EIN MENSCH mit allen möglichen und unmöglichen Fehlern und Verhaltensweisen, die man sich nur vorstellen kann. Aber er hat auch Stärken und wie er es schafft, diese wieder zu aktivieren - das ist ein spannendes und am Ende doch wieder ein erschreckendes Erlebniss für den Leser…..   Meine Bewertung : Fünf *****Sterne für ein grossartiges Buch!

Nach Onkalo
miss.mesmerized am 02.09.2017

Sie hat ihn einfach verlassen. Ist morgens nicht mehr aufgewacht, nicht mehr aufgestanden und hat ihm sein Frühstück nicht vorbereitet. Matuschek ist empört über seine Mutter, die ihn, wo er gerade einmal vierzig ist, alleine lässt. Und er ist überfordert, so sehr, dass sein russischer Nachbar Igor sich um die Angelegenheit kümmern muss. Der Alltag ist für Matuschek so allein kaum zu bewältigen, außer seinen Tauben und dem alten Skatfreund Witt hat er niemanden; aber Galina und Igor kennen da jemanden, der vielleicht die Lücke schließen kann. Und tatsächlich findet Matuschek Gefallen an Irina aus dem fernen Sibirien, die immer wieder über das Leben in Deutschland verwundert ist. Langsam nähern sie sich an, doch Matuscheks Neugier zerstört alles und bald schon steht er wieder alleine da. Am Boden zerstört nimmt der Verfall nun unaufhaltsam seinen Lauf.   Onkalo – finnisch für Höhle und Name eines atomaren Endlagers. In so einem Endlager der nicht mehr gebrauchten Menschen scheint sich Matuschek zu befinden. Es hat sich mit seiner Situation vielleicht nicht ganz abgefunden, aber doch wenigsten arrangiert. So ist das Leben eben. Er wohnt in diesem Haus, weil er immer da gewohnt hat. Er hat Kontakt zu den Nachbarn, weil die eben direkt daneben leben. Und die Tauben kommen ja immer wieder zurück, da kann man sich auch um sie kümmern. Eine Frau hätte er ja gerne, aber die muss irgendwie auch automatisch kommen, allzu viel Energie kann er dafür nicht aufbringen, wo man eine finden könnte, scheint ihm auch nicht so ganz klar zu sein. Ein Leben wie in einem 80er Jahre Endzeitdrama – ausharren bis der Tod kommt.   Matuschek ist schon ein sehr spezieller Protagonist. Passiv reagiert er eigentlich nur, aktiv handeln kommt selten vor und wenn – wie im Falle von Irinas Geburtstag – ist er dann doch haarscharf an dem vorbei, was gut und sinnvoll gewesen wäre. Ein Zeichen dafür, nicht in zu viel Aktionismus auszubrechen. Als Igor stirbt, wird der neue Nachbar derjenige, der ihn in die gewünschten Bahnen lenkt, auch wenn Matuschek das offenbar gar nicht möchte, aber in seiner Passivität gefangen, kann er nicht wirklich ausbrechen. Es folgt der völlige Niedergang, die Verwahrlosung schlimmster Vorstellung, die man auch beim Lesen kaum mehr erträgt. Er wäscht sich nicht, er putzt das Haus nicht, die Klamotten stinken und die Tauben verkoten ihren Forst. Der absolute Tiefpunkt kann eigentlich nur noch durch den Tod abgelöst werden.   Auch wenn man Matuschek verabscheut, widerlich findet und eigentlich nichts aus seinem Leben wissen will – genau darin liegt die erzählerische Kunst von Kerstin Preiwuß, die dem Roman eine Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 eingebracht hat. Nach mehreren Gedichtbänden ist dies der zweite Roman der Journalistin, der in die deutsche Provinz abtaucht und einen Typen Menschen skizziert, den es wohl immer geben wird. Nicht die ganz großen weltbewegenden Fragen treiben Matuschek um, sondern der die Alltagssorgen, das unmittelbare Umfeld. So ist auch die Sprache des Romans, nicht verschnörkelt abgehoben, sondern auf den Punkt treffend und die Dinge beim Namen nennend – auch wenn man bisweilen gerne darauf verzichtet hätte. Hieraus entsteht ein in sich stimmiges Bild einer Welt, die da ist, auch wenn man sie nicht sehen will.

Geschichte über Landflucht, Außenseitertum und die ungeschönte Härte des Lebens, hier wird "Dunkeldeutschland" seinem Namen gerecht
Lena am 26.08.2017

Der 40-jährige Hans Matuschek wohnt in einem Ort im Norden Ostddeutschlands, der einen trostlosen, verlassenen Eindruck macht. Seine Mutter, die sich bisher um alles im Haushalt und das Wohlergehen ihres Sohnes gekümmert hat, ist gerade verstorben. Hätte Matuschek nicht seinen hilfsbereiten Nachbarn,m den Russen Igor und den "Alten" Witt, wäre Matuschek hilflos auf sich allein gestellt.   Matuschek züchtet seit seinem 14. Lebensjahr als Geschenk seines Vaters Brieftauben und arbeitet als Wetterbeobachter an einem ehemaligen Militär-Flugplatz der DDR. Mit Igor geht er regelmäßig einen trinken und bekommt von ihm seine Verwandte Irina aus Irkutsk vermittelt, die in Deutschland als Änderungsschneiderin arbeitet. Doch die Affäre mit Irina währt nur kurz, sie lässt den sozial wenig empathischen Matuschek nicht an sich heran. Als Matuschek dann auch noch seine Arbeitsstelle und Igor verliert, geht "alles den Bach runter". Passend zur ohnehin schon gedrückten Stimmung, flüchtet sich Matuschek in den Alkohol, hat keine Kontakte mehr zu anderen Menschen, kümmert sich nicht einmal mehr um seine geliebten Tauben und lässt sich selbst bis zur Verwahrlosung gehen.   Der Titel "Nach Onkalo" bezieht sich auf das Atommüll-Endlager Onkalo in Finnland. Der alte Witt, der unter seinem Haus einen Bunker angelegt hat, um sich vor bürgerkriegsähnlichen Szenarien zu schützen, hat bis zur Stilllegung des Atomkraftwerks Lubmin dort gearbeitet und panische Angst vor einem atomaren Unfall.   "Nach Onkalo" steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017, wodurch ich erst auf die Autorin und ihren Roman aufmerksam geworden bin.   Es ist ein Roman über einen langjährigen, etwas sonderbaren Single in der ostdeutschen Provinz, dem sein Leben nach dem Tod seiner Mutter entgleitet. Der Ort, in dem Matuschek wohnt, ist von der Abwanderung der jungen Menschen, insbesondere der Frauen, in die Städte geprägt. schulen wurden geschlossen, Bahnstrecken stillgelegt und übrig ist nur noch eine Tankstelle und ein Supermarkt. Und auch Matuschek wird hier nicht bleiben, sondern sein Zuhause an Investoren aus Berlin verkaufen.   Matuschek ist wie der Russe Igor und Witt ein Außenseiter, der kaum in der Lage ist, seinen Alltag zu bewältigen. Erst als er ganz am Boden ist und alles verloren erscheint, rafft er sich auf und schafft sich selbst eine neue Perspektive.   Der Roman ist literarisch hochwertig und bildhaft geschrieben. Matuschek ist ein Antiheld, der nüchtern und aus der Distanz betrachtet wird. Auch die Sprache ist passend dazu, die Dialoge bestehen aus knappen Sätzen und können ohne Kennzeichnung als direkte Rede leicht überlesen werden. Die Geschichte über Landflucht, Außenseitertum und das persönliche Scheitern ist nicht ganz eingängig geschrieben und schildert ungeschönt die Härte des Lebens. Auch wenn es für Matuschek nach seinem Absturz wieder aufwärts geht, war mir der Roman mit der Aussparung von etwas Freude und Glück zu brutal realistisch und nicht im eigentlichen Sinne unterhaltsam. "Nach Onkalo" war interessant zu lesen, aber ich war froh, als ich den Roman, in dem irgendwie alles grau war, beendet hatte. 

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