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Wirtschafts- und Finanzbücher

Es gibt sie, diese Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen müssten, aber wenn es hart auf hart kommt, wissen wir oft doch nicht Bescheid. Dann müssen wir mit den Schultern zucken und zugeben: „Keine Ahnung!“


Jennifer Sieglar, Tim Schreder

Bücher rund um die Themen Wirtschaft und Finanzen

Komplexe Strukturen wie sie uns in der Wirtschaft oder in der Finanzwelt begegnen, sind nicht sofort für alle verständlich und einigen fehlt der Überblick über die teils komplexen Sachverhalte. Wir möchten dem entgegenwirken und haben hier einige Finanz- und Wirtschaftsbücher gesammelt, die einerseits einen ersten Einblick geben und andererseits bereits tiefer in die Materie einsteigen. Damit auch Sie „Nie wieder keine Ahnung“ haben müssen, wie einer dieser helfenden Titel so schön heißt.

Illegale Geldströme bedrohen die Sicherheit und untergraben die Demokratie

Dreckiges GeldDreckiges Geld

Wie Putins Oligarchen, die Mafia und Terroristen die westliche Demokratie angreifen

Prostitution, Raub, Drogen, Terror, Menschenhandel, Umweltverbrechen – nahezu allen kriminellen Taten ist eines gemeinsam: Sie lohnen sich nur, wenn Kriminelle die Herkunft ihrer schmutzigen Erträge verschleiern können – durch Geldwäsche. Geld ist eine Waffe: Kriminelle bestechen Politiker, beeinflussen Parlamentswahlen durch Fake News und destabilisieren mit Cyberattacken die Demokratie. Klar ist: Nimmt man Kriminellen das dreckige Geld, trifft man sie am härtesten. Doch Deutschland tut in dieser Hinsicht praktisch nichts. Dieses Buch zeigt, woran das liegt und was nun zu tun ist.

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Hinter den Kulissen der Chefetagen

Macht & MillionenMacht & Millionen

Die spektakulärsten Verbrechen und Skandale

Nr. 1-Podcast über die spannendsten Wirtschaftskrimis

Verrat und Betrug in der Business Class

Betrug, Korruption, Spionage, Sex – und manchmal auch Gewalt. So spannend wurde Wirtschaft noch nie erzählt: Die Investigativ-Journalisten Solveig Gode und Kayhan Özgenc berichten über die spektakulärsten Verbrechen und Skandale der Wirtschaftswelt, blicken hinter die Kulissen in den Chefetagen.

Exklusive Einblicke in die großen Affären um VW, Aldi & Co.

In jedem Kapitel beleuchten sie einen Fall, den sie anhand von eigenen Recherchen und Original-Dokumenten neu aufrollen. Es geht um große Namen, berühmte Unternehmen und sehr viel Geld. Die beiden Journalisten erzählen von schillernden Millionären und tief gefallenen Managern, von gerissenen Betrügern und gierigen Erben; aber auch von Menschen von nebenan, die zu Tätern und Opfern wurden – wahre Wirtschaftskrimis, die genau so passiert sind. 

Die packendsten Wirtschaftskrimis – erzählt von dem beliebten Moderatoren-Duo des Nr. 1-Podcasts „Macht & Millionen“

Der verschollene Tengelmann-Milliardär – Aldi-Clan: Erbstreit im Discounter-Reich – CumEx-Krimi um Olaf Scholz – Die Wulff-Affäre – VW-Rotlichtaffäre: Sex auf Konzernkosten – Der Siemens-Schmiergeldskandal – Die Schlecker-Pleite – Die Jagd auf Hedgefonds-Manager Florian Homm – Tönnies: Familienstreit ums Fleischimperium – Anna Sorokin, die falsche Millionenerbin – Big Manni, der Milliardenbetrüger – Und ganz neu: Die VW-Abhöraffäre

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Von politischen Grundlagen bis zur komplexen Weltwirtschaft

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Nie wieder keine AhnungNie wieder keine Ahnung

Politik, Wirtschaft und Weltgeschehen verständlich erklärt

Wer kennt das Gefühl nicht: Egal, ob beim Feierabenddrink mit Kolleginnen, beim Klassentreffen oder beim Abendessen mit den Schwiegereltern – während sich das Gespräch in Richtung niedriger Leitzins oder neueste Entwicklungen im Nahostkonflikt entwickelt, merkt man, dass man zu wenig weiß, um mitreden zu können. Wenn es um vermeintliches Allgemeinwissen aus Politik, Wirtschaft und Weltgeschehen geht, sind wir oft überfordert. Die beiden bekannten Fernsehjournalisten Jennifer Sieglar und Tim Schreder sorgen in diesem Buch dafür, dass wir endlich wieder durchblicken. Sie erklären Themen wie den Föderalismus in Deutschland, G7 und G8, die Klimakrise, Verschwörungstheorien oder die EU endlich verständlich und liefern dabei spannende Einblicke hinter die Kulissen der Nachrichtenwelt.

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Marcel Fratzscher

Über Marcel Fratzscher

Biografie

Marcel Fratzscher ist Wissenschaftler, Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) - eines der führenden und unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitute und think tanks in Europa - und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Mitglied des High-level Advisory Board der Vereinten Nationen zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs), Mitglied im Deutsch-Französischen Rat der Wirtschaftsexperten der Regierungen von Deutschland und Frankreich, Mitherausgeber des Journal of International Economics, Mitglied des Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums und Mitglied des Kuratoriums der Hertie School of Governance. Er engagiert sich für Chancengleichheit von benachteiligten Kindern als Mitglied von Gremien der Kreuzberger Kinderstiftung, von Deutschland Rundet Auf und der Welthungerhilfe.

Seine inhaltliche Arbeit fokussiert sich auf Themen der Makroökonomie, Ungleichheit und Integration Europas. Er hat seit 2014 drei Bücher in deutscher und englischer Sprache zu diesen Themen veröffentlicht, hat eine zwei-wöchentliche Kolumne auf Zeit Online zu Verteilungsfragen und veröffentlicht regelmäßig Kommentare in deutsch- und englischsprachigen Medien, wie der Financial Times, Wall Street Journal und Project Syndicate. Er ist einer der am besten publizierten deutschsprachigen Ökonomen und hat Auszeichnungen für seine wissenschaftlichen und publizistische Arbeiten erhalten. Er ist Deutscher und Europäer.

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Frauen investieren besser: Was wir von ihnen lernen können

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Erfolgreich zur ersten Investition

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Easy MoneyEasy Money

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Was du in diesem Buch erfährst:

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Welche Mechanismen verbergen sich hinter digitalen Währungen wie Bitcoin?

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Das neue Geld

Bitcoin, Kryptowährungen und Blockchain verständlich erklärt

Wenn Sie 2011 für einen Dollar einen Bitcoin gekauft hätten, hätten Sie ihn im Dezember 2017 für 19.000 Dollar verkaufen können. Wegen dieses wundersamen Kursanstiegs ist der Bitcoin seit Monaten in aller Munde. Doch handelt es sich dabei um einen überbewerteten Hype, oder um die digitale Revolution unseres Zahlungssystems? Fest steht: Kryptowährungen könnten klassisches Geld weitgehend ersetzen – so wie WhatsApp und Facebook die Kommunikation revolutioniert haben. Doch wie ist der Bitcoin entstanden? Wie wird er geschürft? Und was hat es eigentlich mit der Blockchaintechnologie auf sich? Tim Schreder liefert in diesem Buch Antworten auf die brennendsten Fragen zum Thema digitale Währungen und erklärt die grundlegenden Mechanismen dahinter.

Vorwort
Vor ein paar Wochen fand ich zufällig einen alten Chatverlauf aus dem Jahr 2011 auf meinem Smartphone. Mit zwei guten Freunden schrieb ich über Bitcoins und wie es damit wohl weitergehen könnte. Der Kurs hatte gerade die 1-Dollar-Marke geknackt – Wahnsinn, dachten wir damals! Es war gerade erst ein paar Monate her, da hatte ein Bitcoin nur ein paar Cent gekostet. War das eine Blase, die bald platzen würde – oder erst der Anfang von etwas noch Größerem?
„Vielleicht sollte jeder von uns 200 Bitcoins kaufen. Wer weiß, was die in ein paar Jahren wert sind?“, schrieb ich damals an meine Freunde. Leider haben wir es nicht gemacht, als Berufsanfänger und Studenten konnten wir das Geld einfach viel besser dafür gebrauchen, das Auto endlich mal wieder vollzutanken oder einen IKEA-Tisch für die neue Bude zu kaufen. In so etwas Hochspekulatives wie Bitcoins zu investieren kam uns irgendwie doch ein wenig zu verrückt vor. Schade eigentlich, denn hätten wir damals jeweils 200 Bitcoins gekauft, hätten wir sie im Dezember 2017 für knapp 20 000 Dollar pro Stück verkaufen können – jeder von uns wäre heute vierfacher Millionär. Beim Blick auf den alten IKEA-Tisch im Keller mag das wie ein unglaublich schlechter Tausch erscheinen, aber wer hätte das vor sieben Jahren schon ahnen können?
Der wundersame Kursanstieg des Bitcoins, der viele Menschen, die mutiger waren als wir, im Handumdrehen unglaublich reich gemacht hat, ist wohl der Hauptgrund dafür, dass das Interesse an der „mysteriösen“ Kryptowährung so groß geworden ist. Klar, wer würde nicht gerne durch eine clevere Anlage von heute auf morgen steinreich werden? Falls Sie sich vor allem aus diesem Grund für Kryptowährungen interessieren, muss ich Sie an dieser Stelle aber direkt warnen: Mit Bitcoin-Spekulationsgeschäften kann man nicht nur reich, sondern auch bettelarm werden, und zwar schneller, als einem lieb sein kann. Hätten Sie beispielsweise im Dezember 2017 für 20 000 Dollar einen Bitcoin gekauft, hätten Sie innerhalb von nur wenigen Wochen mehr als 10 000 Dollar verloren. Anders, als es von außen oft scheint, ist es nämlich keineswegs so, dass der Kurs von Kryptowährungen immer nur steigt. Genauso schnell wie hinauf geht es an anderen Tagen auch wieder hinab. Wenn Sie im falschen Moment investieren, kann Ihnen ein plötzlicher Kursrutsch schnell das Genick brechen. Im Jahr 2017 hat der Bitcoin nämlich nicht nur alle Höhenrekorde gebrochen, sondern auch drei Mal innerhalb kürzester Zeit fast die Hälfte seines Werts wieder verloren.

Die gigantischen Spekulationsgewinne, die bei Kryptowährungen möglich sind, mögen zwar verlockend sein, aber das eigentlich Sensationelle an dem Thema ist etwas anderes: Noch viel spannender ist nämlich die Idee, die hinter Kryptowährungen steckt. Bitcoin, Ethereum, Litecoin und Co. wollen mit unserem klassischen Geld das machen, was E-Mails, WhatsApp, Facebook und Co. mit der Post gemacht haben – es weitestgehend ersetzen. Der Boom der Kryptowährungen könnte nicht weniger als der Beginn einer Revolution unseres Geldsystems sein, und die Konsequenzen, die das für uns alle haben könnte, sind kaum abzusehen.
Stellen Sie sich eine Welt ohne von Staaten und Banken kontrollierte Währungen vor! Anonym, selbstbestimmt und nahezu ohne Transaktionskosten könnten Sie innerhalb von Millisekunden digitales Geld an jeden anderen Menschen auf der ganzen Welt schicken. Und das ist noch längst nicht alles. Immer mehr Kryptowährungen sind programmierbar, und bald schon könnten Maschinen, Roboter und künstliche Intelligenzen vollautomatisch untereinander mit Kryptowährungen handeln. Was für uns heute noch ziemlich verrückt klingt, könnte schon in naher Zukunft Wirklichkeit werden. Ja, das Spannendste an Kryptowährungen (beziehungsweise der Technik dahinter) ist, dass sie das Zeug haben, unsere Welt zu verändern. Was in früheren Zeiten der Buchdruck oder die Dampfmaschine war, könnten morgen schon die Kryptowährungen sein: nicht weniger als eine revolutionäre Technologie.
Vieles in diesem Buch wird für Sie vielleicht ein wenig nach Zukunftsspinnerei klingen, aber bitte vergessen Sie nie: Hätte Ihnen vor zehn Jahren jemand erzählt, dass Menschen in naher Zukunft mit einem Gerät so groß wie ein Kartenspiel Fotos von sich selbst mit Hasenohren machen, um sie anschließend durch die ganze Welt zu verschicken, hätten Sie das vermutlich auch nicht geglaubt. Es lohnt also, sich ernsthaft mit dem Thema Kryptowährungen zu beschäftigen – ganz egal, aus welchem Motiv Sie das tun. Selbst die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, hat 2017 bei einer Konferenz der Bank of England in London gesagt, dass virtuelle Währungen in den nächsten 20 Jahren nationale Währungen ablösen könnten.
Wie komme nun aber ausgerechnet ich dazu, Ihnen die Welt des neuen Geldes erklären zu wollen? Weil ich einerseits noch immer meiner entgangenen Chance, durch Nichtstun vierfacher Millionär zu werden, hinterhertrauere und andererseits die Idee hinter Kryptowährungen wahnsinnig spannend finde, habe ich mich in den vergangenen Jahren viel mit diesem Thema beschäftigt. In meinem Freundes-, Kollegen- und Familienkreis bin ich mittlerweile zu einer Art „Krypto-Experten“ aufgestiegen, der regelmäßig befragt wird, wenn nach der tagesaktuellen Berichterstattung zum Thema Bitcoin wieder mal nur Fragezeichen übrig bleiben. Weil das Interesse an verständlichen Erklärungen der Kryptowelt mit der Zeit immer größer wurde, habe ich mich dazu entschieden, dieses Buch zu schreiben. Anders als viele andere Bücher zu dem Thema werde ich Ihnen keine vermeintlich sicheren Investitionsstrategien für Kryptowährungen anbieten – wenn ich die hätte, würde ich sie wohl einfach selbst anwenden. Darum geht es mir nicht. In diesem Buch werde ich Kryptowährungen weder glorifizieren noch dämonisieren. Ich möchte lediglich eines: Ihnen einfach und verständlich auf journalistische Art und Weise erklären, was Kryptowährungen sind, wie sie funktionieren, was sie für unsere Welt bedeuten und wie Sie davon profitieren könnten. Was Sie mit diesem Wissen dann machen, bleibt am Ende einzig und allein Ihre Entscheidung.
Noch etwas ist mir vorab wichtig zu sagen. Ich behaupte, dass die grundlegende Funktionsweise von Kryptowährungen durchaus für jedermann verständlich ist. Wenn Sie sich ein wenig Zeit nehmen, können Sie das Grundprinzip dahinter verstehen – das ist meine feste Überzeugung. Um diese Verständlichkeit zu erreichen, muss ich allerdings an der einen oder anderen Stelle ein wenig vereinfachen und mich einiger Vergleiche bedienen, die der komplexen Technik dahinter nicht ganz gerecht werden. Wenn es nämlich in die Tiefe der Programmierung und der Kryptografie geht, wird es sehr schnell unfassbar kompliziert und unverständlich. Das macht aber nichts! Sie müssen ja auch nicht genau verstehen, wie ein Geldautomat programmiert ist, um zu verstehen, wie er funktioniert. Sie müssen keine komplizierten volkswirtschaftlichen Theorien im Detail verstehen, um zu wissen, wie unser heutiges Geldsystem grundsätzlich aufgebaut ist. Ein ähnliches Verständnislevel möchte ich in diesem Buch für Kryptowährungen erreichen und vermitteln. Wer sich noch mehr Details in Sachen Programmierung wünscht, dem empfehle ich im Anschluss an dieses Buch weiterführende Informationen. Jetzt legen wir aber erst mal mit den Grundlagen los!


Was ist Geld?
Bevor wir aber so richtig loslegen, muss ich noch mal kurz auf die Bremse treten. Ich habe dieses Buch Das neue Geld genannt, und zwar aus gutem Grund: Kryptowährungen wollen das neue Geld werden und unser heutiges Geld ablösen. Ob sie das wirklich schaffen können oder am Ende doch nur für zwielichtige Machenschaften im Internet zu gebrauchen sind, ist noch völlig unklar. Um aber überhaupt zu verstehen, was Kryptowährungen sind, müssen wir uns zunächst einmal mit dem „alten Geld“ beschäftigen. Denn nur wenn wir den Status quo wirklich kennen, können wir verstehen, was am „neuen Geld“ überhaupt so neu und innovativ ist.
Wir starten zunächst mit einer vermeintlich einfachen Frage: Was ist Geld? Je länger Sie darüber nachdenken, desto mehr werden Sie feststellen, dass diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist, wie man vielleicht zunächst denkt. Lösen wir das Rätsel Stück für Stück und beginnen mit dem Offensichtlichen.
Geld ist ein Zahlungsmittel, das in verschiedenen Formen daherkommt, als Papiergeld, als Münzen oder aber auch einfach als Zahlen auf einem Bildschirm. Wenn Sie etwas haben wollen, können Sie es mit Geld kaufen – wollen Sie etwas nicht mehr haben, können Sie es für Geld verkaufen. Kaufen Sie ein Paar Schuhe, werden bei Ihnen 100 Euro abgezogen und beim Schuhverkäufer hinzugefügt. Dafür, dass Sie in Ihrer Mietwohnung leben, müssen Sie Ihrem Vermieter jeden Monat 1000 Euro überweisen. Und wenn Sie Pech haben, ist Ihr Konto gerade ein paar Tausend Euro in den Miesen, was dann wohl bedeutet, dass Sie der Bank Geld schulden. Wenn wir für jemand anderen arbeiten, gibt uns diese Person dafür Geld. Im Grunde genommen ist Geld nichts anderes als eine Art Buchhaltungssystem. Mit Geld können wir eindeutig festlegen, wem was gehört, wer was besitzt und wer wem etwas schuldet. In der wissenschaftlichen Theorie wird Geld gerne auch als Gedächtnis betrachtet. Das Gedächtnis Geld erinnert, wer wie viel besitzt und wer wem etwas schuldet. Geld ist ein allgemein anerkanntes Tauschmittel, mit dem wir alle möglichen Waren und Dienstleistungen untereinander austauschen können. Dabei ist es völlig egal, ob physisch Scheine und Münzen übergeben werden, ob Geld online überwiesen oder ein Guthaben im guten alten Sparbuch notiert wird. Wichtig ist eben nur, dass Geld eindeutig definiert, wer wie viel hat.
Das Verrückte an Geld ist: Es ist ein Tauschmittel ohne inneren Wert – der Fachbegriff dafür ist Fiatgeld. Anders als ein Tauschmittel mit innerem Wert, wie beispielsweise Gold oder Tabak, ist Geld als solches vollkommen wertlos. Probieren Sie doch mal, einen Geldschein oder eine 50-Cent-Münze zu konsumieren, damit zur Arbeit zu fahren oder etwas anderes Sinnvolles damit anzufangen – es wird Ihnen kaum gelingen. Im Grunde genommen ist Geld nichts anderes als ein Stück Papier mit Zahlen drauf beziehungsweise ein paar Ziffern im Computer. Wenn ein Außerirdischer auf die Erde käme, würde er wahrscheinlich annehmen, dass die Verkäuferin oder Ihr Vermieter nicht ganz bei Trost sind, dass sie Ihnen für ein paar bunte Papierscheine oder ein paar Ziffern im Computer neue Schuhe und eine Wohnung, die sehr wohl einen hohen inneren Wert haben, überlassen. Warum also funktioniert dieses System, obwohl die Verkäuferin und Ihr Vermieter keine psychische Beeinträchtigung haben, so verlässlich?
Die verblüffend einfache Antwort lautet: Vertrauen. Geld funktioniert, weil alle daran glauben, Geld wird anerkannt, weil es anerkannt wird. Ein Ladenbesitzer akzeptiert deshalb Ihr Geld im Tausch gegen seine Waren, weil er weiß, dass er dieses Geld seinerseits wieder gegen andere Waren und Dienstleistungen eintauschen kann. Vertrauen ist der entscheidende Baustein, auf dem unser heutiges Geldsystem beruht.
Aber warum vertrauen wir in unser Geld? Kann jeder hingehen und ein paar leere DIN-A4-Blätter mit Ziffern bemalen oder mit Monopoly-Geldscheinen seine Brötchen bezahlen? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht. Damit wir Geld vertrauen, muss es jemanden geben, der sich um das Geld kümmert, das heißt, wir brauchen eine vertrauenswürdige Institution, die wie ein Schiedsrichter darüber wacht und garantiert, dass das Geld echt ist und dass es nicht einfach gefälscht, kopiert oder vernichtet werden kann. Die Institution muss sich außerdem darum kümmern, dass weder zu viel noch zu wenig Geld im Umlauf ist, damit das Geld in einem vernünftigen Verhältnis zu den hergestellten Waren und Dienstleistungen steht.
Diese Funktionen übernehmen in unserer heutigen Welt Banken, Zentralbanken und Staaten – seit Hunderten von Jahren ist das so. Deshalb haben wir heutzutage Währungen, die von Staaten und Zentralbanken ausgegeben und kontrolliert werden. Die großen Server, auf denen gespeichert ist, wer wie viel Geld auf seinem Konto hat, stehen bei den Banken. Die Zentralbanken drucken Scheine und lassen Münzen prägen, während sich die Banken darum kümmern, dass Überweisungen ankommen, Kreditkarten funktionieren und Schecks ausgegeben werden. Völlig gleich, ob Euro, Dollar oder Rubel – das System ist immer das gleiche. In unserer heutigen Welt gewährleisten Zentralbanken und Banken, dass die gesamte Infrastruktur unseres Geldsystems reibungslos funktioniert. Durch diese Arbeit sorgen sie dafür, dass die Menschen dem Geld vertrauen, und sichern dadurch letztlich seine Funktion als Zahlungsmittel.

In unserem heutigen Geldsystem braucht es für den Zahlungsverkehr also drei Parteien: einen Käufer, einen Verkäufer und eine dritte, unabhängige Institution in der Mitte, die sicherstellt, dass die stattfindende Geldtransaktion reibungslos funktioniert. Wir vertrauen den Banken, dass die Scheine, die sie ausgeben, echt sind und dass die Kontostände, die uns online oder in der Filiale angezeigt werden, der Wahrheit entsprechen. Die Banken regeln die gesamte Logistik unseres Zahlungssystems – wenn Sie eine Überweisung anordnen, ganz egal, ob auf Papier bei Ihrer Bankfiliale oder online im Browser, sorgt das Bankennetz dafür, dass das Geld sicher dort ankommt, wo es hingehört, und auch dafür, dass es auf Ihrem Konto abgezogen wird. Wenn wir uns unser Geldsystem als Buch vorstellen, in dem einfach nur geschrieben steht, wer wie viel hat und wer was an wen gezahlt hat – Sie werden später noch merken, warum dieser Buchvergleich so praktisch ist –, dann sorgen die Banken dafür, dass dieses Buch immer korrekt geführt wird. Die Banken sind die Buchhalter unseres Geldsystems, und weil wir den Banken vertrauen, funktioniert unser Geld. Meistens zumindest.
Denn keineswegs funktioniert unser heutiges Geldsystem immer so gut, wie wir im Alltag oft denken. Die Geschichte hat das schon einige Male auf eindrucksvolle Art und Weise bewiesen, zuletzt 2008 bei der weltweiten Bankenkrise. Staatliche Währungen können rasend schnell an Wert verlieren, wenn sich Zentralbanken und Staaten nicht anständig darum kümmern oder wenn die Bevölkerung das Vertrauen verliert. Einen solchen Untergang einer nationalen Fiatwährung konnte man gerade erst in Venezuela sehr gut beobachten, wo der heimische Bolívar aufgrund einer Hyperinflation quasi vollkommen wertlos wurde und ihn wegen des Staatsbankrotts 2017 niemand mehr akzeptieren wollte. (Um die Krise wieder in den Griff zu bekommen, kam Venezuelas Regierung unter anderem auf die Idee, eine eigene Kryptowährung, den Petro, einzuführen. Es ist die erste staatliche Kryptowährung der Welt – über ihre Auswirkungen und ihr Funktionieren lässt sich bei Erscheinen dieses Buches allerdings nur spekulieren, weil erst Ende Februar 2018 die ersten digitalen Münzen verkauft wurden. Der Petro ist an den Preis eines Barrels Öl gebunden, daher auch sein Name in Anlehnung an den Petrodollar.)
Doch nicht nur, dass unser heutiges Geld nicht immer funktioniert, Krypto-Unterstützer haben auch ganz grundsätzlich einiges daran zu kritisieren. Es mag zwar praktisch sein, die Aufgabe des Schiedsrichters einer dritten, unabhängigen Institution anzuvertrauen – ein solch zentralisiertes Geldsystem bringt aber gleich mehrere Probleme mit sich.
Erstes Problem: Die Gefahr des Missbrauchs! Wissen Sie wirklich, was Banken mit Ihrem Geld machen? Können Sie sich wirklich sicher sein, dass immer alle Transaktionen korrekt ausgeführt werden? Wie viel neues Geld drucken die Zentralbanken und warum? Mit welchem Recht haben sie eigentlich das Monopol dazu, und welche Ziele verfolgen sie mit ihrer Geldpolitik? Kritiker meinen, dass Staaten und Zentralbanken das Geldmonopol ausnutzen, um sich Vorteile zu verschaffen beziehungsweise Probleme zu lösen. Gerät ein Staat beispielsweise in eine Finanzkrise, kommt er also in Zahlungsschwierigkeiten, dann lässt er die Zentralbank einfach mehr Geld drucken. Widerspricht der Wechselkurs der eigenen Währung den wirtschaftlichen Interessen des Landes, kann eine Zentralbank versuchen, die Währung auf- oder abzuwerten. Ist die eigene Währung beispielsweise sehr stark, sind die eigenen Produkte im Ausland sehr teuer, was den Export bremst. Um den Export wieder anzukurbeln, können Zentralbanken die Währung abwerten, indem sie die Geldmenge erhöhen. Das mag dann zwar den Interessen des jeweiligen Landes entsprechen, kann weltweit betrachtet allerdings zu Ungleichgewichten führen. Krypto-Unterstützer sind deshalb der Meinung, dass keine Institution derartigen Einfluss auf Währungen haben sollte.
Zweites Problem: Angreifbarkeit! In unserem heutigen Geldsystem stehen, vereinfacht gesagt, große Server bei Banken und Zentralbanken, die digitale Zahlungen abwickeln. Trotz vieler Sicherheitsvorkehrungen ist es theoretisch möglich, dass diese Server gehackt oder zerstört werden. Das könnte zu großen Schäden im Geldsystem führen, weil Funktionen und Daten des Geldsystems dadurch verloren gehen könnten. Auch Geldscheine und Münzen sind trotz größter Sicherheitsvorkehrungen nicht hundertprozentig fälschungssicher. Immer wieder gibt es neue Rekordmeldungen zur Menge des Falschgelds. So sicher, wie wir oft denken, ist unser heutiges Geldsystem also nicht.
Und dann gibt es noch ein drittes Problem: Abhängigkeit! In unserem heutigen Geldsystem sind wir bei Zahlungsvorgängen vollkommen abhängig von Banken. Eine Überweisung oder eine Kreditkartenzahlung können wir nur über eine Bank ausführen. Geld geht also nie direkt von Ihnen zu Ihrem besten Freund oder Ihrer besten Freundin. Der Zahlungsauftrag geht von Ihnen immer über die Bank als Zwischenhändler. Ja, sogar bei einer Bargeldzahlung sind wir letztlich auf Banken angewiesen, weil wir nur dort Bargeld abheben können und nur Scheinen und Münzen vertrauen, die von der Zentralbank ausgegeben wurden. Der besten Freundin oder dem besten Freund Geld schicken, ohne dass in irgendeiner Form eine dritte Institution daran beteiligt ist, geht nicht! Das schafft nicht nur Abhängigkeit, es verhindert gleichzeitig auch Anonymität, bei (digitalen) Überweisungen mehr noch als bei Barzahlungen. Banken und dadurch auch Staaten erhalten viele Informationen über stattfindende Transaktionen. Man kann also sagen, anonyme Zahlungen sind nichts, was in unserem heutigen System als erstrebenswert betrachtet wird.
Zeit für eine kurze Zusammenfassung: Unser heutiges Geldsystem ist ein System mit Geld ohne inneren Wert, das wie eine Art Gedächtnis als allgemeines Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen funktioniert. Das System beruht auf Vertrauen, das durch Staaten, Zentralbanken und Banken als zentrale Institutionen hergestellt beziehungsweise gewährleistet wird. Das hat den Vorteil, dass wir uns stets ziemlich sicher sein können, dass sich jemand anständig und vertrauenswürdig um unser Geld kümmert. Gleichzeitig hat das System den Nachteil, dass Staaten das Geldmonopol für ihre Zwecke missbrauchen könnten und dass wir für alle Zahlungsvorgänge immer auf Banken angewiesen sind. Das ist in einfachen Worten also der Hintergrund, vor dem wir nun endlich zum vermeintlich „neuen Geld“ kommen. Es gibt nämlich viele Menschen, die das bestehende System heftig kritisieren, es für anfällig und überholt halten. Ihre Lösung besteht im Einsatz von Kryptowährungen, mit denen sie das klassische Geldsystem geradezu auf den Kopf stellen wollen!


Was sind Kryptowährungen?
Beginnen wir mit den wichtigsten Begrifflichkeiten. Kryptowährungen sind digitale Währungen. Sie heißen deshalb „Krypto“-Währungen, weil sie auf Prinzipien der Kryptografie, also der Verschlüsselungswissenschaft, beruhen – wie genau, das werde ich später noch beschreiben (insbesondere im nächsten Kapitel). Bitcoin, Ethereum oder auch Litecoin – all das sind unterschiedliche Kryptowährungen, genau wie Euro, Dollar oder Rubel unterschiedliche klassische Währungen sind. Aktuell gibt es mehr als 4000 verschiedene Kryptowährungen auf der Welt. Eine einzelne Einheit einer Kryptowährung bezeichnen wir als Coin (vom englischen Wort für Münze). Bei Bitcoin ist das ein wenig verwirrend, weil sowohl die Währung als Ganzes als auch die einzelne Einheit Bitcoin heißt.
Apropos Einheit, hier können wir schon einen wichtigen Unterschied zu klassischen Währungen feststellen: Kryptowährungen sind nahezu unendlich teilbar. Während beispielsweise beim Euro 0,01 – also ein Cent – die kleinste mögliche Einheit ist, ist beim Bitcoin 0,00000001 Bitcoin die kleinste mögliche Einheit. Diese kleinste Einheit wird übrigens gerne auch Satoshi genannt, mehr dazu im Kapitel „Was ist Bitcoin?“.
Ansonsten haben Kryptowährungen auf den ersten Blick viel mit unserem heutigen Geld gemeinsam. Genau wie klassisches Geld sind Kryptowährungen nichts anderes als eine Art Gedächtnis oder Buchhaltungssystem, in dem festgehalten wird, wem was gehört. Auch Kryptowährungen sind ein Tauschmittel, mit dem völlig unterschiedliche Waren und Dienstleistungen untereinander ausgetauscht werden können. Und genau wie unser heutiges Geld haben auch Kryptowährungen keinen inneren Wert, auch sie sind folglich Fiatgeld. Auch mit Bitcoins und Co. können Sie nicht nach Hause fahren oder ein undichtes Rohr flicken. Was ist nun also so neu am „neuen Geld“?
Der wohl offensichtlichste Unterschied besteht darin, dass Kryptowährungen rein digital sind. Es gibt also keine Münzen oder Scheine, die man in sein Portemonnaie stecken könnte. Allerdings kann man, wie ich später noch erklären werde, Kryptocoins in gewisser Form auf USB-Sticks oder Festplatten speichern und mitnehmen. So kam es übrigens auch zu der skurrilen Geschichte eines jungen Mannes, der eine Festplatte, auf der Hunderte Bitcoins gespeichert waren, aus Versehen auf den Müll geworfen hatte. Um seine Bitcoins wiederzubekommen, wollte er sogar die ansässige Mülldeponie nach der Festplatte durchwühlen – ohne Erfolg. „Bitcoins aus Versehen wegzuwerfen ist definitiv noch ärgerlicher, als 2011 erst gar keine gekauft zu haben!“, tröste ich mich und meine Freunde mit dieser Geschichte immer wieder.
Doch anders, als man jetzt vielleicht denken könnte, ist das Digitale nicht das wirklich Revolutionäre und Neue an Kryptowährungen – schließlich verwandeln Online-Banking und Dienste wie PayPal unser klassisches Geldsystem auch mehr und mehr in digitale Währungen. Der größte Unterschied von Kryptowährungen zu klassischem Geld (ob analog oder digital) ist, dass Kryptowährungen nicht von Staaten, Zentralbanken und Banken kontrolliert werden. Es braucht keine dritte, unabhängige Institution mehr, die sich um das Geld kümmert, stattdessen sind es die Nutzer selbst, die in einer Netzwerkstruktur ihre Kryptowährung managen. Krypto-Unterstützer argumentieren, dass allein schon diese Struktur viele Probleme des klassischen Geldsystems lösen würde. Ihr Argument: Kryptowährungen verwandeln das bisher zentralisierte Geldsystem in ein dezentralisiertes System und entmachten somit Institutionen wie Zentralbanken. Klassisches digitales Geld scheint von seinen Funktionen her zwar ähnlich zu sein wie Kryptowährungen, der entscheidende Unterschied ist aber, dass klassisches digitales Geld weiterhin zentral kontrolliert wird, während Kryptowährungen durch bestimmte kryptografische Verfahren dezentral organisiert sind.
Moment mal, hatte ich am Anfang des Buches nicht Verständlichkeit versprochen? Das klingt jetzt zunächst alles wahrscheinlich sehr abstrakt und technisch. Ich möchte es deshalb ein bisschen praktischer und greifbarer erklären. Wie gerade eben beschrieben, haben im klassischen Geldsystem Banken riesige Server, auf denen gespeichert wird, wer wie viel Geld besitzt. Wie in einer Art Bestandsbuch steht dort geschrieben, welche Person über wie viel Guthaben verfügt. Tätigt man eine Überweisung, geht diese bei der Bank ein und wird von ihr abgearbeitet. Banken halten lückenlos sämtliche Bewegungen des klassischen Geldes fest. Wenn Person A an Person B 100 Euro überweist, geht dieser Auftrag von Person A an die Bank. Auf dem Server der Bank wird nun das Bestandsbuch geändert. Bei Person A werden 100 Euro abgezogen, bei Person B werden 100 Euro hinzugefügt. Anschließend bekommt Person B eine Benachrichtigung. Im klassischen Geldsystem laufen Zahlungen also immer über Banken als zentrale Verwaltungsstelle des Geldes.


Bei Kryptowährungen gibt es keine Banken mehr – wer kümmert sich aber dann um das Bestandsbuch, um festzuhalten, wer über wie viel Guthaben verfügt und wer was an wen überwiesen hat? Die erstaunliche Antwort lautet: die Nutzer selbst!
Jeder, der Teil des Kryptowährungsnetzwerks ist, hilft mit seinem Computer, mit seiner Rechenleistung ganz automatisch dabei, das Bestandsbuch zu aktualisieren. Wenn Person A 100 Bitcoins an Person B überweist, dann geht diese Überweisung nach dem Peer-to-Peer-Prinzip direkt von Person A an Person B. Sie durchläuft dabei einzig und allein das Bitcoin-Netzwerk, das vollautomatisch überprüft, ob diese Transaktion legitim und korrekt ist. Wenn das der Fall ist, wird der überwiesene Betrag, in unserem Beispiel 100 Bitcoins, automatisch bei Person A abgezogen und bei Person B hinzugefügt. Das Netzwerk, also die Nutzer selbst, pflegen bei Kryptowährungen das Bestandsbuch – dezentral über alle beteiligten Rechner! Bei Kryptowährungen gibt es also niemanden mehr, der zentral das Bestandsbuch verwaltet und über den deshalb alle Zahlungen laufen müssen. Stattdessen wird das Bestandsbuch vom Netzwerk aller Nutzer durch einen (zugegebenermaßen ziemlich komplizierten, aber dadurch auch sicheren) Algorithmus vollautomatisch aktualisiert.
Diese Technologie der dezentralen Buchführung, bei der dennoch jederzeit Einigkeit über die Richtigkeit der Buchführung herrscht, nennt man Blockchain-Technologie – sie ist das wirklich Innovative an Kryptowährungen! Es ist eine Technologie, von der viele Experten meinen, dass sie die bedeutendste technische Revolution des Jahrzehnts sein könnte. Bevor jetzt zu viele Fragezeichen über Ihrem Kopf auftauchen: Im nächsten Kapitel werde ich noch genauer erklären, wie die Blockchain funktioniert. An dieser Stelle ist erst einmal nur wichtig zu verstehen, dass bei Kryptowährungen die Aufgabe, das Bestandsbuch zu pflegen, vom Netzwerk der Nutzer dezentral übernommen wird – und eben nicht wie beim klassischen Geldsystem von zentralisierten Institutionen wie Banken.
Ein weiterer Unterschied: Heutzutage gibt es auf der Welt vor allem an Länder gebundene, also nationale Währungen: Dollar in den USA, Rubel in Russland, Renminbi in China und so weiter. Das liegt daran, dass das Geld von Staaten und deren Zentralbanken ausgegeben wird. Dadurch, dass Kryptowährungen nicht von Staaten und Zentralbanken kontrolliert werden, sind die meisten von ihnen über Ländergrenzen hinweg global funktionsfähig. Kryptowährungen sind normalerweise nicht auf bestimmte Länder, Regionen oder Kontinente beschränkt. Es gibt zwar ein paar exotische Kryptocoins, die auf Länder oder sogar Städte begrenzt sind, aber die wollen wir an dieser Stelle einmal ausblenden. Jeder Mensch auf der ganzen Welt, der einen Computer oder ein Smartphone besitzt und Zugang zum Internet hat, kann sich ein Wallet, also ein digitales Portemonnaie, erstellen, mit dem er seine Kryptocoins verwalten und an jeden anderen Menschen mit einem eigenen Wallet schicken kann. (Wie das funktioniert und welche unterschiedlichen Wallets es gibt, sehen wir uns im Kapitel „Wie zahlt man mit Kryptowährungen?“ noch an.)
Dass Kryptowährungen nicht von Staaten ausgegeben werden, führt auch dazu, dass ständig neue Kryptowährungen entstehen. Im Grunde genommen könnte jeder seine eigene programmieren – wenn sie sich verbreitet, weil sie beispielsweise ein neues Feature hat, das anderen Kryptowährungen noch fehlt, hat sie eine Chance, sich durchzusetzen. All die Kryptowährungen, die aktuell existieren, unterscheiden sich in ihren Details und Funktionen. Viele dieser Kryptowährungen sind dem großen Vorbild Bitcoin sehr ähnlich und basieren auf einem weitestgehend identischen Code. Es gibt mittlerweile aber auch immer mehr neue Kryptowährungen, die echte Innovationen zu bieten haben – später in diesem Buch werde ich darüber noch ausführlicher schreiben. Dass es permanent neue und theoretisch unendlich viele verschiedene Kryptowährungen geben kann, führt dazu, dass es anders als bei klassischem Geld eine echte Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Währungen gibt. Die Nutzer können sich die Währung aussuchen, die ihre Bedürfnisse am besten erfüllt, und das kann zur Folge haben, dass weniger beliebte Währungen auch wieder verschwinden. Sie werden mangels Nachfrage quasi aus dem Markt gedrängt. Das geht bei klassischem Geld nicht – oder haben Sie mal probiert, in Deutschland eine andere Währung als den Euro zu benutzen?
Die momentan zweifelsohne berühmteste und verbreitetste Kryptowährung ist Bitcoin. Allerdings holen nach einer langen Zeit der absoluten Dominanz mittlerweile auch andere Kryptowährungen immer weiter auf. Da wären zum Beispiel die bereits erwähnten Ethereum und Litecoin oder auch IOTA, das keine Blockchain, sondern eine andere Technologie verwendet. Was es mit diesen Kryptowährungen auf sich hat und wie sie sich unterscheiden, werde ich im Kapitel „Welche anderen Kryptowährungen gibt es?“ noch genauer zeigen.
Eine dezentral organisierte Währung, um deren Infrastruktur sich die Nutzer selbst kümmern, das klingt beim ersten Hören ziemlich verrückt und wirft ein paar Fragen auf. Zum Beispiel: Wenn die Nutzer bei Kryptowährungen selbst das Bestandsbuch pflegen, bedeutet das, dass jeder Nutzer sehen könnte, wer an welche Person wie viel Geld überwiesen hat und wer wie viel Geld besitzt? Wäre das so, könnten Sie (und jeder andere Nutzer) nachvollziehen, wie viel Geld Ihr Vorgesetzter so auf der hohen Kante liegen hat, und Sie könnten die Gehälter Ihrer Kollegen nachschauen (und die Kollegen dann natürlich auch Ihres). Das würde wohl kaum jemand wirklich wollen. Deshalb stehen im Bestandsbuch der Kryptowährung keine Klarnamen, sondern nur verschlüsselte Buchstaben- und Zahlenkombinationen, die die Adressen der Nutzer sind. Nur wenn Sie aus irgendeinem Grund wissen sollten, zu welcher realen Person eine dieser Adressen gehört, könnten Sie Transaktionen an diese Person zurückverfolgen. Deshalb heißen Kryptowährungen ja auch Kryptowährungen – sie benutzen kryptografische, sprich: Verschlüsselungstechniken, damit zwar theoretisch jeder die Buchführung und sämtliche Transaktionen einsehen kann – praktisch eine Zuordnung zu realen Personen aber nicht so einfach möglich ist. Wichtig ist es allerdings, an dieser Stelle zu betonen, dass sich Kryptowährungen hinsichtlich der Stärke der Verschlüsselung stark unterscheiden! Unterschiedliche Kryptowährungen sind auch unterschiedlich anonym. Während es bei Bitcoin heutzutage nahezu unmöglich ist, als Laie eine wirklich sichere, anonyme Transaktion durchzuführen, wird dieses Feature bei anderen Kryptowährungen wie beispielsweise Monero, die mehr Wert auf Anonymität und Privatsphäre legen, standardmäßig angeboten.
Noch eine Frage drängt sich auf: Wenn es niemanden gibt, der sich zentral um Kryptowährungen kümmert, wer trifft dann Entscheidungen? Wer sorgt für die Weiterentwicklung der Kryptowährung? Die Antwort lautet auch hier wieder: die Nutzer selbst! Die Verantwortung wird bei Kryptowährungen auf die Gemeinschaft übertragen. Das Netzwerk der Nutzer einer Kryptowährung kann Vorschläge zu Weiterentwicklungen machen und darüber abstimmen. Wie genau das funktioniert, ist von Kryptowährung zu Kryptowährung unterschiedlich, generell gibt es aber bei allen Kryptowährungen demokratische Entscheidungsstrukturen.
Dezentralität, Anonymität, Demokratie – das sind wichtige Eigenschaften von Kryptowährungen. Die Idee dahinter ist eine Welt, in der die Menschen jederzeit und überall Coins direkt miteinander austauschen können, ohne dabei auf die Leistungen von Banken zurückgreifen zu müssen, die Transaktionsgebühren verlangen und womöglich das System für ihre Zwecke ausnutzen. Genau wie klassische Währungen beruhen auch Kryptowährungen auf dem Prinzip des Vertrauens. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die Menschen bei Kryptowährungen nicht einer Zentralbank oder einer anderen zentralen Institution vertrauen müssen, sondern der Kryptowährung als solcher, das heißt dem Netzwerk der Nutzer, das dahinter steht. Dezentralität statt Zentralität.
Natürlich gibt es an Kryptowährungen auch viel Kritik. Dadurch, dass es keine zentrale Institution gibt, zweifeln viele an den neuen Systemen. Kann man wirklich einem Netzwerk vertrauen? Braucht es nicht doch jemanden, der für die Funktionalität des Systems verantwortlich ist und im Zweifel auch juristisch belangt werden kann? Denn die Anonymität des neuen Geldes hat auch einen Haken: Kryptowährungen sind ein Paradies für Kriminelle, Steuerhinterzieher und andere Gestalten, die zwielichtige Geschäfte machen wollen, ohne dabei erwischt zu werden. Die wichtigsten Kritikpunkte an Kryptowährungen werden wir im Laufe des Buches Stück für Stück abarbeiten. Als Nächstes wenden wir uns aber der technologischen Seite des Themas zu, und da steht bei vielen Kryptowährungen eines im Mittelpunkt: die Blockchain.

Das Ziel? Gemeinwohl. Der Weg dort hin? Kooperation.

Blick ins Buch
Gemeinwohl-Ökonomie

Solidarität statt Konkurrenzkampf: das Manifest eines neuen Wirtschaftssystems
Wie funktioniert eine Ökonomie, in der Unternehmen und Individuen kooperieren, statt sich zu bekämpfen? Christian Felbers revolutionärer Bestseller findet eine praxistaugliche Antwort. 

Als die Reformbewegung der Gemeinwohl-Ökonomie im Jahr 2010 erstmals für Aufmerksamkeit sorgte, wurden die Megathemen Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratisierte Wirtschaft zwar heiß diskutiert, doch es gab kein Wirtschaftsmodell, das diese Anforderungen praktisch und tragfähig umsetzt. 

Christian Felber sollte dies ändern. Schon mit der ersten Auflage von „Gemeinwohl-Ökonomie“ konnte das Gründungsmitglied von Attac Österreich beweisen, dass eine Wirtschaft besser funktioniert, wenn eigenständige Unternehmen und Initiativen zusammen für ethische Werte eintreten, statt nur auf den eigenen Profit zu schauen. 

Nur wenige Jahre später arbeiten bereits mehr als 2.300 Unternehmen nach den Grundsätzen der Gemeinwohl-Ökonomie. Auch öffentliche Institutionen und Privatpersonen zählen zum wachsenden Netzwerk. 

„Gemeinwohl-Ökonomie ist die Verkörperung dessen, womit wir uns seit Jahren in Sachen Nachhaltigkeit und Transparenz auseinandersetzen.“ – sz.de  

Christian Felbers theoretisches Konzept und Manifest zur Gemeinwohl-Ökonomie ist gleichzeitig Impulsgeber und Aufklärungsbuch, Kompass und Denkanreiz – nicht nur für Unternehmer und Unternehmen, sondern für alle, die Wirtschaft aus einem völlig neuen Blickwinkel verstehen wollen. 

Der SPIEGEL-Bestseller – komplett aktualisiert und überarbeitet 

In der aktualisierten Ausgabe von „Gemeinwohl-Ökonomie“ finden Sie neue Quellen, mehr erklärende Grafiken und Tabellen, neue Fakten und Kapitel sowie aktuelle Anregungen für ein neues Wirtschaftsmodell. 

Vorwort zur Taschenbuchausgabe
Es gibt immer eine Alternative.
There is always an alternative.
Für Margaret Thatcher
und Angela Merkel
Bei der Redaktion dieser Taschenbuchausgabe ist es ziemlich genau
sieben Jahre her, dass die Vorbereitungsgruppe der Gemeinwohl-
Ökonomie erstmals an die Öffentlichkeit ging, um auszuloten,
ob es eine Resonanz auf die junge Idee geben würde. Sie zündete.
Sieben Jahre später sind dreißig Fördervereine von Schweden bis
Chile am Start, mehr als 2300 Unternehmen unterstützen die Bewegung
offiziell, und immer mehr Gemeinden machen sich auf
den Weg zur Umsetzung. Einige Nachrichten dieser Tage: Die Stadt
Stuttgart hat vier Kommunalbetriebe gemeinwohlbilanziert und
sich damit als „deutschlandweite Vorreiterin“ platziert.1 Greenpeace
Deutschland stellte seine erste Gemeinwohl-Bilanz vor, als
ungefähr 500. Organisation weltweit. Im März 2017 erhielt die Gemeinwohl-
Ökonomie den ZEIT-WISSEN-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit
“ in der Kategorie Wissen. Im Juni startete der erste Lehrstuhl
Gemeinwohl-Ökonomie an der Universität Valencia. Zuvor
hatte der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss eine Initiativstellungnahme
zur Gemeinwohl-Ökonomie mit 86 Prozent der
Stimmen angenommen.2 Kein Wunder: 88 Prozent der Deutschen
und neunzig Prozent der ÖsterreicherInnen wünschen sich laut einer
Umfrage der Bertelsmann-Stiftung eine „neue Wirtschaftsordnung
“.3 Neun von zehn Menschen sind reif für den Wandel. Sie erkennen
mehr und mehr, dass die Finanzkrise, die Klimakrise, die
Verteilungskrise, die Sinnkrise, die Demokratiekrise und die Wertekrise
Symptome einer „ganzheitlichen“ Systemkrise sind. Reformen
genügen nun nicht mehr, es braucht eine neue Vision.
Offen ist, wohin die Reise gehen soll: in Richtung Solidarische
Ökonomie mit nur noch Genossenschaften? In Richtung Commons
oder Allmenden, den Gemeinschaftsgütern, die ganz ohne Marktlogik
auskommen? In Richtung Postwachstumsökonomie, die, radikaler
als die ökosoziale Marktwirtschaft, Schrumpfungsziele
vorgibt? Oder in Richtung Wirtschaftsdemokratie, um die Superkonzentration
von Eigentum und Macht, den „Superkapitalismus“
und die „Supergrundrechte“ für juristische Personen – vulgo Großkonzerne
– zu stoppen?
Die Gemeinwohl-Ökonomie sagt: Es braucht von all diesen Ansätzen
mehr als heute: Die Wirtschaft muss menschlicher, sozialer,
verteilungsgerechter, nachhaltiger, demokratischer – rundum ethischer
werden: gemeinwohlorientierter. Einige der Erstreaktionen
waren: „Gemeinwohl-Ökonomie, das ist doch ein Widerspruch in
sich!“ Heute sehen wir das anders. Im Lauf der sieben Jahre sind
viele weitere Quellen aufgetaucht, die das GWÖ-Modell zu einem
kohärenten Mosaik zusammengefügt haben: Die Überzeugung,
dass die Wirtschaft nur ein Mittel ist, das höheren Werten verpflichtet
ist, hat es praktisch immer gegeben, zu allen Zeiten und
in allen Kulturen. Die merkwürdige Tatsache, dass die Wirtschaft
heute ganz anders funktioniert und auch anders gelehrt wird, deutet
auf ein weiteres Kernproblem hin: die akademische Wirtschaftswissenschaft
oder „economics“. Sie hat sich mathematisiert und
verirrt, auf einen trügerischen Fluchtpunkt hin: finanzielle
Kennzahlen
und Geldwerte. Doch Geld ist nur das Mittel, das dem Gemeinwohl
dienen soll, so wie Unternehmen, Investitionen, Kredite
und die ganze Wirtschaft. Die „ökonomische Wissenschaft“ hat
es zuwege gebracht, Ziel und Mittel zu verwechseln. Und sich dabei
in eine nichtökonomische Wissenschaft zu „pervertieren“. Das
sind die Worte von Aristoteles. Er hat messerscharf zwischen zwei
Formen, Wirtschaft zu denken und zu praktizieren, unterschieden:
Während die „oikonomia“ das gute Leben für alle zum Ziel
hat (in einem menschlichen oder volkswirtschaftlichen Haushalt)
und das Geld dabei ausdrücklich nur als Mittel verwendet, bezeichnet
er eine Wirtschaftsform, in der Gelderwerb und Geldvermehrung
zum Selbstzweck werden, als „chrematistike“ und kritisiert
sie als „widernatürlich
“.4 Die Wirtschaftswissenschaft hat sich, in
dem Maße, in dem sie sich für Renditen, Profite und das BIP interFelber
essiert und „Effizienz
“ mit einer effizienteren Kapitalverwertung
oder -vermehrung gleichsetzt, in eine Chrematistik verwandelt –
und ist gar keine Ökonomie mehr. Zumindest nicht im Sinne von
Aristoteles.
„Oikonomia“ könnte trefflich mit Gemeinwohl-Ökonomie übersetzt
werden, das Gemeinwohl ist inhärent im Begriff enthalten; die
vielfältigen Versuche, die Attribute „sozial“, „ökologisch“, „nachhaltig
“, „human“, „fair“, „gerecht“, „demokratisch“ oder „ethisch“
zu ergänzen, sind nur Zeugnis davon, dass es den Chrematisten gelungen
ist, den Begriff „Ökonomie“ seines ursprünglichen Sinns zu
berauben und mit „widernatürlichen“ Inhalten anzufüllen.
Zum Glück sind einigen ÖkonomInnen diese Unterscheidungen
und Pervertierungen bekannt, und sie haben sich starkgemacht
für eine „Gleichgewichtsökonomie“ (Herman Daly), „Ökologische
Ökonomie“ (Joan Martínez-Alier), „Postwachstumsökonomik“
(Niko Paech), „doughnut economics“ (Kate Raworth), Gemeingüter-
Ökonomie (Elinor Ostrom), Geschenk-Ökonomie (Genevieve
Vaughan) oder Care-Ökonomie (Mascha Madörin). Aus studentischen
Kreisen sind zunächst in Frankreich die „postautistische
Ökonomie“ entstanden und später weltweit die Gesellschaft für
plurale Ökonomik. Das sind viele Lichtschimmer am Horizont, doch
der Mainstream ist immer noch fest im Griff der Chrematisten.
Bezeichnend für den Irrweg der Wissenschaft ist der „Wirtschaftsnobelpreis
“ – den es gar nicht gibt. Alfred Nobel hatte den
von ihm gestifteten Preis ausdrücklich für naturwissenschaftliche
Disziplinen ausgelobt – und sich ebenso klar gegen einen Preis für
„economics“, einer Sozialwissenschaft, ausgesprochen. Der Anerkennungspreis
der schwedischen Reichsbank kam erst 1968 hinzu,
gegen den Willen der Erben von Alfred Nobel, es handelt sich um
eine Mischung aus Usurpation und Etikettenschwindel – um einen
doppelten: Neun von zehn ausgezeichneten WissenschaftlerInnen
sind viel eher der Kaste der Chrematisten zuzurechnen
als jener der Ökonomie: weder Nobelpreis noch Ökonomie also.
Hinter diesem „genialen PR-Coup“ (Ulrike Herrmann5) verstecken
sich mächtige Ideologien und ein Ringen um die gesellschaftlichen
Machtverhältnisse.
Die Gemeinwohl-Ökonomie möchte eine neue Wirtschaftstheorie
begründen, sie will die Praxis des Wirtschaftens ändern, und sie
möchte den passenden Rechtsrahmen schaffen, damit ethische und
umfassend verantwortungsvolle Wirtschaftsakteure und -tätigkeiten
nachhaltig reüssieren können.
Als ganzheitliche Alternative ist die GWÖ a) ein konsistenter
Theorieansatz: ein in sich schlüssiges Modell, b) ein breiter Beteiligungsprozess,
der allen kreativen und kooperativen Reformwilligen
offensteht, und c) ein demokratischer Umsetzungsvorschlag.
Dafür hat die GWÖ ein Demokratie-Verständnis entwickelt, das
den Menschen mehr zutraut, als alle vier oder fünf Jahre ein Kreuzlein
für eine Partei abzugeben. Die Idee einer „Souveränen Demokratie
“ ist die Zwillingsschwester der Gemeinwohl-Ökonomie. Sie
könnte zu ihrer entscheidenden Geburtshelferin werden, nachdem
viele tausend Menschen, Unternehmen, Gemeinden und wissenschaftliche
Einrichtungen den Boden aufbereitet haben für einen
tiefreichenden und wertgeleiteten Wandel in Wirtschaft und Politik.
Seit Erscheinen der Erstausgabe im August 2010 ist „Die Gemeinwohl-
Ökonomie“ in insgesamt zwölf Sprachen erschienen, darunter
Französisch, Spanisch, Englisch, Polnisch und Finnisch. Die
Umsetzungsbewegung erstreckt sich von Skandinavien nach Südamerika.
Mehrere tausend Menschen sind weltweit aktiv geworden
– in Regionalgruppen, Arbeitskreisen und Fördervereinen. Und
es scheint erst der Anfang zu sein. Das Modell ist äußerst lebendig,
es wird sowohl in der Praxis weiterentwickelt als auch durch geistige
Befruchtung aus allen Richtungen. Die Bewegung, welche die
Idee „kokreativ“ weiterentwickelt, ist so vielgesichtig und facettenreich,
wie eine soziale Bewegung nur sein kann.
Beim historischen „Zoomen“, ob die Ausbreitung der Gemeinwohl-
Ökonomie mit anderen Ideen oder Initiativen vergleichbar
ist, kam die Erinnerung an die Raiffeisen-Idee. In Zeiten des
Hungers unter den Bauern entstand der erste Brotverein im Westerwald.
Daraus wurde zunächst ein landesweites Netz aus Hilfsvereinen,
dann folgten die Darlehenskassen. Heute gibt es genossenschaftliche
Raiffeisen-Banken in 180 Staaten der Erde.
Die GWÖ entsteht nicht in einer Zeit des Brothungers, aber des
Sinnhungers. Manche sprechen bereits von einer sich auswachsenden
Sinnhungerepidemie. Täglich steigen Erfolgsmenschen aus
Top-Positionen des „alten Systems“ aus, weil sie keinen Sinn und
sich nicht als Menschen erfahren. Die GWÖ bietet Sinn, Menschlichkeit
und echte Nutzwerte an. Wie es in einer richtigen „oikonomia
“ sein soll! Machen auch Sie mit! Werden Sie Teil der Veränderung,
die Sie in der Welt sehen wollen!

 


1. Kurzanalyse


„Zu kooperieren, anderen zu helfen und Gerechtigkeit
walten zu lassen ist eine global anzutreffende,
biologisch verankerte menschliche Grundmotivation.
Dieses Muster zeigt sich über alle Kulturen hinweg.“6
Joachim Bauer
Menschliche Werte – Werte der Wirtschaft
Merkwürdig: Obwohl Werte die Grundorientierung, die „Leitsterne“
unseres Lebens sein sollten, gelten heute in der Wirtschaft ganz andere
Werte als in unseren alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen.
In unseren Freundschafts- und Alltagsbeziehungen
geht es uns gut, wenn wir menschliche Werte leben: Vertrauensbildung,
Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie,
Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen. Die „freie“ Marktwirtschaft
beruht auf den Systemspielregeln Gewinnstreben und Konkurrenz.
Diese Anreizkoordinaten befördern Egoismus, Gier, Geiz,
Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit. Dieser Widerspruch
ist nicht nur ein Schönheitsfehler in einer komplexen
oder multivalenten Welt, sondern ein kultureller Keil; er spaltet uns
im Innersten – sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft.
Werte sind Leitsterne
Der Widerspruch ist deshalb fatal, weil Werte das Fundament des
Zusammenlebens sind. Nach ihnen setzen wir uns Lebensziele, an
ihnen orientieren wir unser Handeln und verleihen diesem Sinn.
Die Werte sind wie ein Leitstern, der unserem Lebensweg eine
Richtung vorgibt. Aber wenn unser Leitstern des Alltags in eine
ethische Richtung weist – Vertrauensbildung, Kooperation, Teilen
– und plötzlich in einem Teilbereich des Lebens, der Marktwirt-
schaft, ein zweiter „Leitstern“ in die exakt entgegengesetzte Richtung
– Egoismus, Konkurrenz, Gier – zeigt, dann bricht in uns ein
heilloser Widerspruch auf: Sollen wir uns solidarisch und kooperativ
verhalten, einander helfen und stets auf das Wohl aller achten?
Oder zuerst den eigenen Vorteil im Auge haben und die anderen als
RivalInnen
und KonkurrentInnen kurzhalten? Das Abgründige des
Zwiespalts ist: Der Gesetzgeber bevorzugt den falschen Leitstern.
Er setzt ihn in Recht – und fördert damit Werte, unter denen wir
alle leiden. Das ist nicht unbedingt sofort ersichtlich, weil in keinem
Gesetz steht: Du sollst egoistisch, gierig, geizig, rücksichts- und
verantwortungslos sein. Aber im Gesetz steht, dass wir in der Wirtschaft
nach Finanzgewinn streben und einander konkurrenzieren
sollen. Das steht in zahlreichen Gesetzen, Regulierungen und Abkommen
der Nationalstaaten, der EU und der Welthandelsorganisation
WTO. Die Folge ist das epidemische Auftreten asozialer Verhaltensweisen
in der Wirtschaft. Nicht weil der Mensch von Natur
aus schlecht ist, sondern weil die Spielregeln unsere Schwächen
fördern anstatt unsere Tugenden.
Aus Egoismen wird Gemeinwohl
Der „Imperativ“, dass wir in der Wirtschaft einander konkurrenzieren
und nach größtmöglichem persönlichen Finanzgewinn streben
(= uns egoistisch verhalten) sollen, rührt aus der – eigentlich zutiefst
paradoxen – Hoffnung, dass sich das Wohl aller aus dem egoistischen
Verhalten der Einzelnen ergäbe. Diese Ideologie wurde vor
250 Jahren in der Bienenfabel von Bernard Mandeville begründet,
die den bezeichnenden Untertitel „Private Laster, öffentliche Vorteile
“ trägt.7 Auch bei Adam Smith, dem ersten großen Nationalökonomen,
finden wir diese Hoffnung: „Nicht vom Wohlwollen des
Metzgers, Bäckers, Brauers erwarten wir unsere tägliche Mahlzeit,
sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“8
Es geht mir nicht um die Anklage von Smith, der auch ein Hohelied
auf das Mitgefühl („sympathy“) gesungen und ein dickes Buch
über „ethische Gefühle“ verfasst hat.9 Zum damaligen Zeitpunkt
ist ein solcher Satz verständlich: Das Verfolgen des Eigeninteresses
der „Individuen“ war neu, die „Unternehmen“ überwiegend winzig
und machtlos, außerdem lokal eingebunden und persönlich verantwortlich:
Unternehmensgründer, Eigentümer, Arbeitgeber und
Arbeitnehmer
bildeten in vielen Fällen noch eine Personalunion.
Es gab keine anonymen, globalen Aktiengesellschaften, keinen
freien Kapitalverkehr und keine milliardenschweren Investmentfonds.
Adam Smith hoffte, dass eine „unsichtbare Hand“ die Egoismen
der Einzelakteure zum größtmöglichen Wohl aller lenken
würde. Aus metaphysischer Sicht – Smith war Moralphilosoph –
mag er die Hand Gottes gemeint haben.10 Oder es war einfach eine
Hoffnung. Nichts gegen die Hoffnung, doch sie ist weder eine wissenschaftliche
Methode geschweige denn eine wirksame Politikmaßnahme.
Dazu bräuchte es eine sichtbare Hand, welche die
Unternehmen dazu anreizt, sich so zu verhalten, wie es die Gesellschaft
wünscht. Manche Ökonomen glauben, dass es sich um die
Konkurrenz handle. Denn welchem Mechanismus, wenn nicht der
Konkurrenz, verdanken wir, dass kein Unternehmen seinen Egoismus
zu sehr auf Kosten anderer steigern kann? Sobald es zu hohe
Preise verlangen oder zu niedrige Qualität bieten würde, würde es
von anderen verdrängt: Wettbewerb. Bis heute bildet die Annahme,
dass die Egoismen der Einzelakteure durch Konkurrenz zum größtmöglichen
Wohl aller gelenkt würden, den Legitimationskern der
kapitalistischen Marktwirtschaft. Aus meiner Sicht ist diese Annahme
jedoch ein Mythos und grundlegend falsch; Konkurrenz
spornt zweifellos auf ihre Weise zu Leistung an (dazu später), aber
sie richtet einen ungemein größeren Schaden an der Gesellschaft
und an den Beziehungen zwischen den Menschen an.11 Wenn Menschen
als oberstes Ziel ihren eigenen Vorteil anstreben und gegeneinander
agieren, lernen sie, andere zu übervorteilen und dies als
richtig und normal zu betrachten. Wenn wir jedoch andere übervorteilen,
dann behandeln wir sie nicht als gleichwertige Menschen:
Wir verletzen ihre Würde.

Würde ist der höchste Wert
Wenn ich die Studierenden in meiner Vorlesung an der Wirtschaftsuniversität
frage, was sie unter „Menschenwürde“ verstehen, ernte
ich regelmäßig geschlossenes und betretenes Schweigen. Sie haben
im bisherigen Verlauf ihres Studiums nichts darüber gehört oder
gelernt. Das ist umso erschreckender, als die Würde der höchste aller
Werte ist: Sie ist der erstgenannte Wert im Grundgesetz und bildet
die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
Würde heißt Wert und meint den gleichen, bedingungslosen, unveräußerlichen
Wert aller Menschen. Würde bedarf keiner „Leistung“
außer der nackten menschlichen Existenz. Aus dem gleichen Wert
aller Menschen erwächst unsere Gleichheit in dem Sinne, dass in
einer Demokratie alle Menschen die gleichen Freiheiten, Rechte
und Chancen genießen sollen. Und nur wenn tatsächlich alle die
gleichen Freiheiten genießen, ist die Bedingung gegeben, dass alle
auch wirklich frei sein können: Menschenwürde ist die Begründung
und Voraussetzung für Freiheit. Immanuel Kant sagte: Die Würde
kann im alltäglichen Umgang zwischen den Menschen nur dann
gewahrt werden, wenn wir uns stets als gleichwertige Personen betrachten
und behandeln: Wir sollen unser menschliches Gegenüber
und seine/ihre Bedürfnisse, Gefühle und Meinungen gleich ernst
nehmen wie die eigenen – als Ausdruck des gleichen Wertes. Wir
dürfen die andere Person nie nur instrumentalisieren und primär
als Mittel für den eigenen Zweck verwenden. Dann wäre es mit der
Würde vorbei.12 Als Nebeneffekt dürfen uns aus der würdevollen
Begegnung sehr wohl Vorteile erwachsen, das passiert nach Kant
und Hausverstand ganz automatisch, wenn alle das Beste füreinander
wollen, eine Vertrauensbasis aufbauen, sich ernst nehmen, einander
zuhören und wertschätzen. Aber Vorteilnahme darf nicht das
Ziel der Begegnung sein.
Auf dem freien Markt ist es hingegen legal und üblich, dass wir
unsere Nächsten instrumentalisieren und dabei ihre Würde verletzen,
weil es nicht unser Ziel ist, diese zu wahren. Die Würde wird
weder gemessen noch bilanziert. Unser Ziel ist das Erringen eines
persönlichen Vorteils, und dieser lässt sich in vielen Fällen leichter
erringen, wenn ich meinen Nächsten übervorteile und dabei seine
Würde verletze. Entscheidend sind meine Einstellung und meine
Priorität: Geht es mir um das größtmögliche Wohl und die Wahrung
der Würde aller, wovon ich selbst automatisch auch betroffen bin
und profitiere, oder geht es mir vorrangig um mein eigenes Wohl
und den eigenen Vorteil, aus dem auch andere Vorteile ziehen können,
aber eben nicht müssen?
Wenn wir unseren eigenen Vorteil als oberstes Ziel verfolgen,
wird es gängige Praxis, dass wir andere als Mittel für unsere Zwecke
benutzen und diese übervorteilen. Deshalb führt die Smith’sche
Verdrehung von Ziel und Nebeneffekt zur weitverbreiteten Verletzung
der Menschenwürde und zur systematischen Einschränkung
der Freiheit vieler Menschen: So wie es das „Wohlwollen“ des Lehrers,
des Arztes und des Kochs braucht, damit es den SchülerInnen,
PatientInnen und Hungrigen gut geht, braucht es genauso das
Wohlwollen des Bäckers, Metzgers, Brauers, damit alle ihr „tägliches
Brot“ erhalten – und nicht nur sie. Adam Fergusson, Landsmann
von Smith, sah das genauso: „Wer um das Wohl der anderen
bemüht ist, bemerkt, dass das Glück der anderen zur reichhaltigsten
Quelle fürs eigene Glück wird.“13

„Freier“ Markt?
Der „freie Markt“ wäre dann ein freier Markt, wenn alle TeilnehmerInnen
dieses Treibens von jedem Tauschgeschäft völlig schadlos
zurücktreten könnten. Doch genau das trifft nur auf einen Teil
der Transaktionen am Markt zu. Bei einem beträchtlichen Teil hat
es eine Partei nicht so leicht, auf das Tauschgeschäft zu verzichten
wie die andere Partei, weil sie in stärkerem Maße davon abhängig
ist.14 Viele Menschen können sich nicht aussuchen, ob sie
heute Nahrungsmittel einkaufen oder nicht; ob sie eine Wohnung
anmieten oder nicht; viele Unternehmen können es sich nicht aussuchen,
ob sie heute einen Kredit aufnehmen oder nicht; tun sie
es nicht, können sie morgen schon insolvent sein; zahllose Bauern
und Bäuerinnen
können nicht frei entscheiden, wem sie zuliefern
wollen; sie haben oft nur einen einzigen oder eine Handvoll Abnehmer
zur „Auswahl“, von denen sie gleich (schlecht) behandelt werden.
Für typische Tauschgeschäfte gilt:
−−Die durchschnittliche ArbeitgeberIn kann leichter vom Arbeitsvertrag
zurücktreten und damit die Bedingungen des Arbeitsvertrages
eher bestimmen als die durchschnittliche ArbeitnehmerIn.
−−Die durchschnittliche KreditgeberIn kann eher vom Kreditvertrag
zurücktreten und damit die Bedingungen des Kreditvertrages
eher bestimmen als die durchschnittliche KreditnehmerIn.
−−Die durchschnittliche Immobilienverwaltung kann eher von
der Unterzeichnung des Mietvertrages Abstand nehmen und
damit die Bedingungen des Mietvertrages eher bestimmen als
die durchschnittliche MieterIn.
−−Der durchschnittliche Weltkonzern kann eher auf einen seiner
tausend Zulieferbetriebe verzichten und damit die Bedingungen
des Liefervertrages eher bestimmen als der durchschnittliche
Zulieferbetrieb.
Ein Machtgefälle in privaten Tauschbeziehungen wäre nicht das
geringste Problem, wenn alle einander mit Achtung und dem Vorsatz
der Wahrung der Würde begegnen würden. Denn dann würde
die mächtigere Person der weniger mächtigen Person auf Augenhöhe
entgegentreten, sie sehen und ihre Bedürfnisse und Gefühle
genauso ernst nehmen wie die eigenen; und erst mit dem Ergebnis
zufrieden sein, wenn beide damit gut leben können. Doch in der
kapitalistischen Marktwirtschaft werden die Mächtigeren geradewegs
dazu ermutigt, ihren Vorsprung, das Machtgefälle, auszunutzen,
denn daraus – aus dem Streben nach dem eigenen Vorteil und
der daraus resultierenden Konkurrenz – ergibt sich erst die ganz
spezielle „Effizienz“ des freien Marktes.
Wenn in einem menschlichen Gemeinwesen die Würde der Einzelnen
nicht systemisch gewahrt wird, wird auch die Freiheit nicht
gewahrt; denn die Wahrung der Würde – das Begegnen der Menschen
als Gleich(wertig)e – ist die Voraussetzung für die Freiheit in
diesem Gemeinwesen. Wenn alle den eigenen Vorteil im Auge haben,
behandeln sie die anderen nicht mehr als Gleiche, sondern als
„Instrumente“ und gefährden dadurch die Freiheit aller. Deshalb
kann eine Marktwirtschaft, die auf Gewinnstreben und Konkurrenz
beruht, nicht als „freie“ Wirtschaft bezeichnet werden: Das wäre
ein Widerspruch in sich. Ehrlicherweise sollte deshalb eine Marktwirtschaft,
die auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, in rücksichtslose,
inhumane und letztlich illiberale, weil die Freiheit zerstörende
Marktwirtschaft umbenannt werden. Und wir sollten uns
auf den Weg machen, eine humane und durch und durch ethische
(Markt-)Wirtschaft zu entwickeln.

Vertrauen wichtiger als Effizienz
Eines noch: Wenn wir auf dem Markt ständig befürchten müssen,
von unseren Nächsten übervorteilt zu werden, sobald sie dazu in
der Lage sind, wird noch etwas ganz Wesentliches systemisch zerstört:
das Vertrauen. Manche Ökonomen schenken dieser Tatsache
wenig Beachtung, denn in der Wirtschaft geht es in ihren Augen vor
allem um Effizienz. Doch das ist eine Perversion (lat. Verkehrung)
der Dinge, denn das Vertrauen ist das höchste soziale und kulturelle
Gut, das wir kennen. Vertrauen ist das, was die Gesellschaft im Innersten
zusammenhält – nicht die Effizienz! Stellen Sie sich eine
Gesellschaft vor, in der Sie jedem Menschen vollkommen vertrauen
können: Wäre das nicht die Gesellschaft mit der höchsten Lebensqualität?
Und umgekehrt: eine Gesellschaft, in der Sie jedem Menschen
misstrauen müssen – wäre das nicht die Gesellschaft mit der
geringsten Lebensqualität?
Die Zwischenbilanz ist eine radikale: Solange Marktwirtschaft
auf Gewinnstreben und Konkurrenz und der sich daraus ergebenden
wechselseitigen Übervorteilung beruht, ist diese weder mit der
Menschenwürde noch mit Freiheit vereinbar. Sie zerstört systematisch
das gesellschaftliche Vertrauen in der Hoffnung, dass dadurch
die Effizienz höher sei als in einer anderen Form des Wirtschaftens.
Auf diese Sachverhalte angesprochen, zeigen MainstreamÖkonomen
häufig drei vertraute Reaktionsmuster:


1.Es gibt keine Alternative zur Marktwirtschaft, das ist bekannt,
und deshalb erübrigt sich die Diskussion.
2.Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, will die Gesellschaft in die
Armut und ins 19. Jahrhundert zurückkatapultieren oder gleich
in den Kommunismus.
3.Die Marktwirtschaft ist die produktivste Wirtschaftsform, die
es gibt, das hat die Geschichte entschieden. Der Wettbewerb
spornt die Menschen zu unvergleichlicher Leistung an, abgesehen
davon, dass er in der Natur des Menschen angelegt und
deshalb unvermeidbar ist.


Diesen letzten Grundmythos der Marktwirtschaft wollen wir
uns noch näher ansehen: „Wettbewerb stellt in den meisten Fällen
die effizienteste Methode dar, die wir kennen“, schreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek.15 Wenn ein
„Nobelpreisträger“ das sagt, dann muss es auch stimmen – auch
wenn es den Wirtschafsnobelpreis gar nicht gibt.16 Ich habe versucht,
die empirische Studie zu finden, durch die Hayek zu dieser
Erkenntnis kam. Doch ich fand sie nicht. Ich suchte auch bei anderen
Ökonomen, denn in der Wissenschaftsgemeinde ist es üblich,
dass KollegInnen einander zitieren. Doch auch dort wurde ich nicht
fündig. Keiner der nobelpreisgekrönten Ökonomen hat jemals mit
einer Studie bewiesen, dass „Wettbewerb die effizienteste Methode
ist, die wir kennen“. Ein ideologischer Fundamentalbaustein der
ökonomischen Wissenschaft ist eine pure Behauptung, die von der
großen Mehrheit der Ökonomen geglaubt wird. Und auf diesem
Glauben beruhen Kapitalismus und Konkurrenz-Marktwirtschaft,
die seit 200 Jahren das weltweit dominante Wirtschaftsmodell sind.
Zur konkreten Fragestellung „Motiviert Wettbewerb stärker als
jede andere Methode?“ gibt es eine Fülle von Studien, in zahlreichen
Disziplinen: Sozialpsychologie, Pädagogik, Spieltheorie, Neurobiologie.
369 davon wurden in einer Metastudie ausgewertet. Und
von denjenigen mit einem klaren Ergebnis kommt eine erstaunliche
Mehrheit von 87 Prozent zu dem Befund, dass Konkurrenz nicht
die effizienteste Methode ist, die wir kennen.17 Sondern: Kooperation.
Der Grund liegt darin, dass die Kooperation anders motiviert
als die Konkurrenz. Dass Konkurrenz motiviert, bestreitet niemand,
das hat die kapitalistische Marktwirtschaft auch bewiesen; nur motiviert
sie schwächer, weil anders: Kooperation motiviert über gelingende
Beziehung, Anerkennung, Wertschätzung, gemeinsame Zielsetzung
und -erreichung. Das ist die Definition von Kooperation.
Die Definition von Konkurrenz hingegen ist „einander ausschließende
Zielerreichung“. Ich kann nur erfolgreich sein, wenn jemand
anderer erfolglos bleibt. Konkurrenz „motiviert“ primär über Angst.
Deshalb ist die Angst auch ein sehr weitverbreitetes Phänomen in
kapitalistischen Marktwirtschaften: weil viele fürchten, den Job zu
verlieren, Einkommen, Status, gesellschaftliche Anerkennung und
Zugehörigkeit. In einem Wettbewerb um knappe Güter gibt es nun
mal viele Verlierer, und die meisten haben Angst, selbst betroffen
zu sein. Es gibt noch eine weitere Motivationskomponente der Konkurrenz.
Während die Angst von hinten schiebt, zieht vorne eine Art Lust. Doch welche Lust? Es handelt sich um Siegeslust: um den Wunsch, besser zu sein als jemand anderer. Und das ist, mit psychologischer Brille betrachtet, ein sehr problematisches Motiv. Denn das Ziel unseres Tuns sollte nicht sein, dass wir besser sind als andere, sondern dass wir unsere Sache gut machen, weil wir sie für sinnvoll halten, gerne machen und gut. Daraus sollten wir unseren Selbstwert beziehen. Wer seinen Selbstwert daraus bezieht, besser
zu sein als andere, ist davon abhängig, dass andere schlechter sind.
Psychologisch gesehen handelt es sich hier um pathologischen
Narzissmus: Sich besser zu fühlen, weil andere schlechter sind, ist
krank. Gesund ist, dass wir unser Selbstwertgefühl aus Tätigkeiten
nähren, die wir gerne machen, weil wir sie aus freien Stücken gewählt
haben und darin Sinn erfahren. Wenn wir uns auf das Wirselbst-
Sein konzentrieren anstatt auf das Bessersein, nimmt niemand
Schaden, und es braucht keine VerliererInnen.
Es geht um die Zielsetzung. Wenn ich als Nebeneffekt in einer
Tätigkeit besser bin als jemand anderer, ohne dass es mein Ziel
war, dann gibt es kein Problem. Ich werde dem Bessersein keine
Beachtung schenken und dieses nicht als „Sieg“ bewerten – und
der anderen Person helfen. Das Problem entsteht, wenn es mein
Ziel ist, besser zu sein als jemand anderer, ich also eine „Win-lose-Situation
“ anstrebe – was die hier verwendete Definition von Wett-
bewerb ist. Wenn es mein Ziel ist, meine Sache gut zu machen, und
mir egal ist, wie andere ihre Sache machen, dann brauche ich den
Wettbewerb gar nicht – genau das ist aber der Kern des Mythos:
Ohne Wettbewerb würden Menschen keinen Leistungsanreiz verspüren,
keine Motivation, ihre Sache gut zu machen. Dabei verhält
es sich psychologischen Erkenntnissen zufolge genau umgekehrt:
Motivation wirkt stärker, wenn sie von innen kommt („intrinsische
Motivation“) als von außen („extrinsische Motivation“) wie zum
Beispiel der Wettbewerb. Die besten Leistungen kommen nicht zustande,
weil es eine KonkurrentIn gibt, sondern weil Menschen von
einer Sache fasziniert, energetisiert und erfüllt sind, sich ihr hingeben
und ganz in ihr aufgehen. Den Wettbewerb braucht es nicht.
Wollten redliche ÖkonomInnen die Marktwirtschaft tatsächlich
auf der effizientesten Methode aufbauen, die wir kennen, dann
müssten sie sie auf struktureller Kooperation und intrinsischer
Motivation aufbauen – zumindest, wenn sie den aktuellen Stand
der wissenschaftlichen Forschung zur Kenntnis nehmen würden.
Der Umstand, dass sie das nicht tun, ist ein Hinweis darauf, dass es
den WettbewerbsapologetInnen gar nicht um Wissenschaft und Erkenntnis
geht, sondern um Anerkennung im ideologischen Mainstream
oder um Absicherung bestehender Herrschaftsstrukturen.
Den Mächtigen dient die Konkurrenz jedenfalls bravourös: Wenn
wir Menschen nicht lernen, zu kooperieren und uns zu solidarisieren,
werden wir die Machtverhältnisse nicht in Frage stellen und
mit vereinter Kraft verändern, sondern lieber versuchen, uns selbst
mit Ellbogentechnik in den Bereich der Macht und in die gesellschaftlichen
Eliten vorzukämpfen. Dabei bleibt allerdings die große
Mehrheit von uns auf der Strecke. Und das gesellschaftliche Klima
wird fortschreitend vergiftet, weil wir in unserem Streben nach
dem eigenen Vorteil einander permanent übervorteilen, ausnutzen
und entwürdigen und dabei das gesellschaftliche Vertrauen und
den Selbstwert der meisten Menschen schwächen oder zerstören.

Woher kommt das Geld und wer gibt ihm seinen Wert?

Wer regiert das Geld?

Banken, Demokratie und Täuschung

Wer das Geld regiert, regiert die Welt

Geld regiert die Welt – aber wer regiert das Geld? Woher kommt es und was gibt ihm seinen Wert? Warum sind Banken so mächtig geworden? Von alters her hat derjenige die Macht im Staate, der das Geld schöpft und in Umlauf bringt. Was früher allein römische Herrscher und Könige durften, findet heute weitgehend unter der Kontrolle privater Großbanken statt. Sie erschaffen das Geld und lenken die Finanzströme nach ihren Bedürfnissen. Doch es geht auch anders. Geld kann von der Gemeinschaft geschöpft werden – für Zwecke, über welche die Mehrheit demokratisch entscheidet. Wie können wir diesen Weg einschlagen?

„Der Journalist hat sich auf die Spur des Geldes gemacht und beschreibt, wie mächtig die moderne Finanzwelt geworden ist.“Handelsblatt

Vorwort
Zunächst eine kurze Anmerkung zum Titel und zum Cover des
Buches. Da ist von „Demokratie und Täuschung“ die Rede sowie
von einer „Reise ins Zentrum der Macht“. Starke Worte. Geht’s
nicht eine Nummer kleiner? So könnte man fragen. Oder handeln
die folgenden Seiten etwa von der berühmten und gern ironisch
zitierten „großen Weltverschwörung“ und „geheimen Weltregierung
“? Sollen hier böse Finsterlinge benannt werden, die uns an
der Nase herumführen und dabei einem geheimen, längst festgelegten
Plan folgen? Die kurze Antwort darauf lautet: ja und nein.
„Ja“, denn einige Namen und Zusammenhänge werden tatsächlich
genannt. Und „nein“, denn die Struktur, von der in diesem
Buch die Rede sein soll, ist sowohl personell als auch historisch
betrachtet viel komplexer, als eine Verschwörung sie je
planen könnte. Die herrschende Geldordnung haben nicht zehn,
zwanzig oder hundert Leute irgendwann einmal heimlich beschlossen.
Gleichwohl sind wesentliche Elemente dieses Systems
tatsächlich das Ergebnis vertraulicher Absprachen und Intrigen –
dass nicht die Völker der Welt in einer offenen Abstimmung über
das aktuelle Geldsystem entschieden haben, dürfte klar sein.
So sicher wie die Tatsache, dass die Regeln für das globale Finanzsystem
nicht wir, die Bürger, gemacht haben, ist auch der
Fakt, dass diese Regeln uns alle direkt betreffen. Unser Leben
dreht sich ums Geld. Essen, Wohnung und Altersvorsorge hängen
daran. So gut wie jede Firma ist angewiesen auf den Zugang zu
Krediten. Die Staaten selbst sind verschuldet. Und viele, wenn
nicht die meisten Menschen gehen mangels Alternative ungeliebten und oft krankmachenden Arbeiten nach, um zumindest die
für den Lebensunterhalt nötigen Mittel zu verdienen. In dem Wort
„verdienen“ schwingt dabei schon eine Moral mit – so wie auch
das Wort „dienen“ darin steckt. Aber wem dienen wir eigentlich
beim Erwerb all der Münzen, Scheine und elektronischen Ziffern
auf dem Konto? Wer erzeugt das, nach dem alle streben? Und wer
hat denjenigen legitimiert, diese Macht auszuüben? Darum, kurz
gesagt, soll es in diesem Buch gehen.
Schon in der Schule wird den Heranwachsenden erklärt, dass
ohne die Aussicht auf einen Brotjob im Grunde alles umsonst ist.
Anpassen, fleißig sein, keinen Ärger machen, sonst wird es
schwierig mit der Arbeit und dem Geld – so lautet die Grundprägung.
Später hat angesichts eigener Erfahrungen kaum noch jemand
Zweifel an dieser Wahrheit. Denn unangenehm wird es
ganz offenkundig für all jene, die, aus welchen Gründen auch immer,
durch das soziale Netz fallen beziehungsweise an seidenen
Hartz-IV-Fäden hängen. Wer den Vorschlägen und Empfehlungen
der zuständigen Arbeitsagentur nicht bereitwillig folgt, den zwingen
finanzielle „Sanktionen“, sprich Kürzungen, rasch wieder zurück
auf den rechten Pfad der Arbeits- und Geldmoral. Banal,
aber wahr: Je weniger man hat, desto mehr wird die Beschaffung
von Geld zum Lebensinhalt.
Doch auch die Wohlhabenderen leben in steter Sorge ums
Geld, denn umgekehrt gilt: Je mehr man hat, desto mehr gibt es
auch zu verlieren. Worin also soll man investieren, um die oft
mühsam zusammengetragenen Besitztümer zu sichern? Unzählige
Ratgeberbücher und Sonderseiten in den Zeitungen präsentieren
Tipps und Strategien rund um Aktien, Fonds, Derivate,
Währungen, Immobilien, Gold und so weiter und empfehlen die
angeblich richtige Aufteilung des Ersparten auf all diese Anlagemöglichkeiten.
Täglich informiert auch das öffentlich-rechtliche
Fernsehen mit einer Börsensendung kurz vor der „Tagesschau“
über die letzten Trends und Kursentwicklungen. All die Experten
sparen dabei nicht mit englischen Fachbegriffen, die in der Regel
ganz ähnlich wirken wie das Medizinerlatein auf den Kranken hauspatienten: Sie rufen ehrfürchtiges Staunen und stilles Unverständnis
hervor.
Merkwürdig aber – in all den TV-Sendungen, Zeitungsartikeln
und Büchern ist das Geld selbst nur selten ein Thema. Es wird
schlicht als gegeben vorausgesetzt, als nicht hinterfragbarer Rohstoff,
der nun einmal da ist. Wagt sich jemand an weitergehende
Überlegungen, beginnen diese oft mit dem Hinweis, die Materie
sei unglaublich kompliziert. Selbst Ökonomen wären unsicher
oder stünden zumindest im Streit untereinander. Keiner wisse Genaues.
Geld sei eben ein großes Mysterium, das man schlecht erklären
könne.
So viel Geheimniskrämerei verwundert in einer aufgeklärten
Gesellschaft. Ist das System der Schöpfung und Steuerung von
Geld wirklich so schwer zu verstehen? Oder wird die Rätselhaftigkeit
nur behauptet? Handelt es sich vielleicht sogar um ein „nützliches
Nichtwissen“, von dem diejenigen profitieren, die weiter
oben in der Nahrungskette stehen? Denen ein breites Publikum,
das die Materie tatsächlich durchblickt, das Geschäft verhageln
könnte?
In diesem Sinne könnte man ein populäres Zitat verstehen, das
dem Großindustriellen Henry Ford (1863 bis 1947) zugeschrieben
wird und das seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 wieder häufiger
in Texten und Vorträgen auftaucht. Es sei gut, so soll Ford
gesagt haben, dass die Menschen das Banken- und Geldsystem
nicht verstünden, „sonst hätten wir eine Revolution noch vor
morgen früh“.
Selbst Bundespräsident Joachim Gauck ließ es sich nicht nehmen,
diesen einprägsamen Satz 2014 in einer Rede zu zitieren,
sinnigerweise vor dem Deutschen Bankenverband, wo die Anwesenden,
unter ihnen der Chef der Deutschen Bank sowie der
Bundesfinanzminister, das Bonmot mit Gelächter quittierten.1
Gauck beeilte sich zwar klarzustellen, das Nichtwissen der Bürger
in dieser Frage sei „ganz und gar nicht gut“, doch fraglich
blieb, ob die versammelten Banker das ebenso sahen. Viele spüren
mittlerweile nur zu deutlich, dass die Demokratie selbst in der Krise steckt und dass einige grundlegende Widersprüche
sich kaum länger kaschieren lassen. Nicht nur in Griechenland
scheint es mittlerweile egal zu sein, welche Regierung ein Volk
sich wählt, wenn doch über Gesetze und staatliche Ausgaben in
letzter Instanz die Gläubiger entscheiden. Da heute mehr oder
weniger alle Staaten bei privaten Geldgebern verschuldet sind,
verheißt diese Entwicklung nichts Gutes für die Zukunft. Doch
wo liegt der Ausweg? Wie kann eine Demokratie ins Leben gerufen
werden, die nicht bloß „marktkonform“ ist – um einen Begriff
der deutschen Bundeskanzlerin zu zitieren2 –, sondern die
zuerst den Bürgern dient? Und wo genau steckt in unserem
Geldsystem der Wurm?
Im Unterschied zum Sozialismus sowjetischen Stils, der mit
dem Fall der Berliner Mauer 1989 für alle sichtbar scheiterte,
hat der seither fast unbegrenzt herrschende Kapitalismus keinen
solchen großen Bruch erlebt – sieht man einmal von der Finanzkrise
seit 2008 ab. Doch selbst dieser Rückschlag änderte
nicht die Grundlagen der Wirtschaft, so wie es 1989 in der Sowjetunion,
der DDR und Osteuropa geschah. Der heutige Kapitalismus
erscheint beständig, flexibel und für jene, die in ihm geboren
wurden und daher nichts anderes kennen, sozusagen
„ewig“.
Hierzulande haben diejenigen Ostdeutschen, die alt genug
sind, um beide Systeme bewusst erlebt zu haben, den Westdeutschen
die Erfahrung eines existenziellen Bruchs voraus. Sie wissen,
dass sich die Perspektive und die grundlegenden Regeln in
einer Gesellschaft komplett verschieben können. Ihnen ist auch
klar, dass der Blick auf die Welt sehr viel damit zu tun hat, unter
wessen Herrschaft man lebt. Und sie haben konkret erfahren, was
ein gesellschaftlicher Umbruch für das eigene Leben bedeutet.
Aufgrund dieser vielfältigen Erfahrungen und Blickwinkel hätte
Deutschland eigentlich gute Chancen, die Debatte um die Zukunft
der globalen Wirtschaftsordnung mit frischen Argumenten
voranzubringen. Wohlgemerkt „hätte“ – denn in der Öffentlichkeit,
in Medien, Politik und Wirtschaft kommen ostdeutsche Stimmen weiterhin nur ganz am Rande vor. In den Chefredaktionen
und unter den Kommentatoren der großen überregionalen Zeitungen
und TV-Sender findet man sie kaum. Laut dem Soziologen
Raj Kollmorgen sind nur zwei von 180 DAX-Vorständen ostdeutscher
Herkunft.3 Die Spitze der deutschen Wirtschaft wird also zu
99 Prozent von Menschen gelenkt, die nie etwas anderes als Kapitalismus
erlebt haben.
Die bleierne Schwere der wahrgenommenen „Alternativlosigkeit
“ hat sicher auch etwas damit zu tun. Zumindest herrscht in
der Öffentlichkeit, was die drängendsten Fragen rund um das
Geld und die Banken angeht, ein großes Abwarten – und ein großes
Schweigen. Reformen werden zwar diskutiert, aber kaum das
große Ganze. Die Ansicht, dass das System, in dem wir leben, aus
sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann, dass
man einige Fragen auch grundlegender stellen kann und manchmal
sogar stellen muss – diese Ansicht hat sich bisher nur wenig
Gehör verschaffen können, trotz der weltweiten Camps der Occupy-
Bewegung. Schon der Eindruck, dass die herrschende Geldordnung
lediglich eine unter mehreren möglichen sein könnte, ist
in den Medien kaum präsent. Das Wirtschaftssystem wird häufig
nicht als eine von Menschen absichtsvoll organisierte Struktur
wahrgenommen, sondern als neutrale Realität, die unbeeinflussbaren
Naturgesetzen folgt und sich eben „so ergeben“ hat. Schon
dem Begriff „System“ begegnet in diesem Zusammenhang mancher
Kommentator mit Misstrauen.4 Gibt es überhaupt ein System?
Oder ist die Wirtschaft, so wie sie nun mal läuft, nicht einfach
nur eine Spiegelung einer gierigen und egoistischen
menschlichen Natur?
Dennoch wird der Begriff „System“ in der Öffentlichkeit verwendet
– nur eben meist für die anderen. Die DDR war demnach
zweifellos ein System. Auch Putin lenkt, wie viele meinen, „sein
System“. In China existiert wohl ebenso ein solches. Bloß wir
haben angeblich keines. Der westliche Kapitalismus ist offenbar
das System, das keines sein möchte. Manchen gilt er gar, einem
in den 1990er Jahren populär gewordenen Begriff folgend, als „Ende der Geschichte“.5 Wie in diesem Buch dargelegt werden
soll, existiert allerdings auch bei uns im Westen eine zielbewusste
ökonomische Struktur, die zwar keinem zentral verfassten
„Masterplan“ folgt, die aber auch alles andere als zufällig
entstanden ist.
Gängige Erzählungen der Finanzkrise beginnen ihre Chronik
meist in den 1970er Jahren. Mancher, der ganz tief nachgeforscht
hat, fängt schon 1945 an. Die Zeit davor aber versinkt in
der Regel in dichtem Nebel, aus dem nur noch einzelne schillernde
Wortfetzen wie „Hitler“, „Reichsbank“ oder „Inflation“
herausragen. Vor 1900 wird es dann oft ganz dunkel. Erklärungen
der internationalen Geldordnung wiederum beginnen zumeist
mit dem Stichwort „Bretton Woods“ (Ort einer Konferenz
im Jahr 1944) oder mit der Gründung der amerikanischen Zentralbank
„Federal Reserve“ im Jahr 1913. Was davor im Hinblick
auf Geld und Banken geschehen ist – kaum jemand scheint es zu
wissen. Dabei haben sich entscheidende Muster und Prägungen,
die noch heute wirken, lange vor dem 20. Jahrhundert herausgebildet.
Aus diesem Grund wird in der zweiten Hälfte dieses Buches ein
größerer geschichtlicher Bogen gespannt. Schwerpunkte sind dabei
die finanzielle Situation in Amerika von 1700, also noch vor
Gründung der USA, bis 1900 (im 9. und 10. Kapitel), sowie die
Entwicklung in Preußen und dem Deutschen Reich von 1800 bis
zum Beginn der Nazizeit 1933 (im 11. und 12. Kapitel). Wie zu
zeigen sein wird, vermischen sich dabei ab den 1920er Jahren die
deutsche und die amerikanische Finanzgeschichte.
Die erste Hälfte des Buches widmet sich aber zunächst der Gegenwart.
In den Kapiteln 2 bis 5 geht es darum, wie Geld, Kredit
und Banken heute überhaupt funktionieren. Im anschließenden
Kapitel wird das Reizwort „Verschwörungstheorie“ unter die
Lupe genommen, das im Zusammenhang mit alternativen Sichtweisen
auf Geld und Macht inzwischen fast reflexhaft in den Medien
auftaucht. Der Kampf um dieses Wort scheint einen tieferliegenden
Streit um den Blick auf unsere Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt zu spiegeln. Haben wir eine Demokratie? Und falls
nicht: Wie lässt sie sich erlangen?
Jede Veränderung beginnt mit Fragen, mit dem Erkennen von
offensichtlichen Widersprüchen. Die Bevölkerung scheint in dieser
Hinsicht inzwischen weiter zu sein als mancher Politiker oder
Leitartikelschreiber. Laut einer 2015 veröffentlichten repräsentativen
Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag der Freien Universität
Berlin halten mehr als 60 Prozent der Deutschen die Demokratie
„nicht für eine echte Demokratie“, da die Wirtschaft und
nicht die Wähler das Sagen hätten. 59 Prozent der Ostdeutschen
und 37 Prozent der Westdeutschen sind zudem der Ansicht, der
Sozialismus sei eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt
worden wäre. Und drei von zehn Deutschen können sich eine
wirkliche Demokratie nur ohne Kapitalismus vorstellen.6 Die Universität
veröffentlichte diese Ergebnisse unter der Überschrift
„Linksextreme Einstellungen sind weit verbreitet“ und sprach
warnend von „demokratiegefährdenden Potenzialen“ – ganz so,
als ginge die Gefahr von denjenigen aus, die sie bloß benennen.
Eine Wertung solcher Kapitalismuskritik als „linksextrem“ wird
sicher in dem Moment absurd, wo sie von einer Mehrheit der Bevölkerung
geteilt wird. Wie wünschenswert kann Demokratie,
also die Herrschaft der Mehrheit, eigentlich noch für jemanden
sein, der die Masse für gefährlich extrem hält?
Die Debatte um den Kapitalismus krankt, wie gesagt, insgesamt
an einem Verständnisproblem. Kaum jemand begreift den
Kern der Wirtschaftsstruktur, also das Geldsystem selbst. Der
Nebel darum bleibt allgegenwärtig. Selbst Wirtschaftskommentatoren,
die sonst recht intelligent erscheinen, verfallen in kindliche
Märchensprache, wenn sie die Chefs der mächtigen Zentralbanken
immer wieder als „Magier der Märkte“ bezeichnen.
Doch Entscheidungen über Zinssätze und Geldmengen werden
nicht von David Copperfield getroffen. Der Vergleich enthält
dennoch einen wahren Kern: Geldpolitik wird, genau wie eine
Zaubershow, auf öffentlicher Bühne inszeniert. Vielleicht sind
die Banker daher am Ende tatsächlich Magier, wenn auch weniger in einem mystischen Sinne, sondern ganz diesseitig und bodenständig:
als Zauberkünstler mit Zeitvertrag, die einem staunenden
Publikum lächelnd das Geld aus der Tasche ziehen und
deren Ehrenkodex vor allem darin besteht, niemals ihre Tricks
zu enthüllen …

Ulrike Herrmann

Über Ulrike Herrmann

Biografie

Ulrike Herrmann, Jahrgang 1964, ist Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung „taz“. Sie ist ausgebildete Bankkauffrau, hat Geschichte und Philosophie studiert und war anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Körber-Stfitung sowie Pressesprecherin der Hamburger Gleichstellungssenatorin Krista Sager. Ulrike Herrmann ist ein typisches Mittelschichtskind. Sie stammt aus einem Vorort von Hamburg, wo alle Bewohner an den gesellschaftlichen Aufstieg glaubten.

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Welche Bedeutung messen wir Geld bei?

Über Geld reden

Prominente im Gespräch

Über Geld spricht man nicht, so heißt es. Frank Bethmann hat das Tabu gebrochen: Der bekannte Fernsehjournalist hat zahlreiche Prominente gefragt, was Geld für sie bedeutet, wie sie damit umgehen und was für sie im Leben wirklich zählt. Und so geben Harald Schmidt und Gunter Gabriel, Sarah Wagenknecht und Jutta Speidel, Birgit Schrowange, Friedrich von Metzler und viele andere in diesem Buch ihre sehr persönlichen Antworten zu einem Thema, das uns alle angeht. Über Geld zu reden heißt über das Leben zu reden: Wir werden Zeugen von traumhaften Gewinnen, aberwitzigen Spekulationen und ruinösen Pleiten – und erfahren so ganz nebenbei, wie Gunter Gabriel seinen Song schrieb: „Hey Boss, ich brauch mehr Geld …“

Vorwort

In Gelddingen verfolge ich eine klare Strategie. Bereits als 18-jähriger Profifußballspieler beim Karlsruher SC fing ich an, mich um meine Geldangelegenheiten selbst zu kümmern. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in jungen Jahren während meiner aktiven Zeit im hinteren Teil des Busses sitzend zahlreiche Managementbücher und -magazine las. Über das Thema Geld und Geldanlage wurde in der Mannschaft immer dann viel gesprochen, wenn die Märkte stark waren. In den Hochzeiten des Neuen Marktes lief schon mal das Laufband mit den Aktienkursen bei n-tv in der Bayern-Kabine. Ich habe damals spaßeshalber begonnen, einen verlässlichen Indikator zu entwickeln – den Mannschaftsindikator. Wenn dir auf einmal jeder in der Mannschaft Aktien empfohlen hat, dann habe ich immer verkauft. Und wenn kein Spieler in der Kabine über Aktien sprechen wollte, dann war das ein untrügliches Kaufsignal. Die tatsächliche Performance des Mannschaftsindikators lässt sich leider rückblickend nicht mehr so genau rekonstruieren … Noch während der Fußballerkarriere begann ich, Betriebswirtschaftslehre zu studieren, und machte – wenn auch erst Jahre später – meinen MBA-Abschluss. Im Umgang mit Geld hat mir dieses Studium nur bedingt einen Einblick in die Funktionsweise der Finanzmärkte unserer Zeit verschafft. Kapitalentscheidungen auf Basis von Wissen und kalkulierbaren Risiken zu treffen erfordert eine Menge an Erfahrung, die einem kein Studium der Welt vermitteln kann. Selbstdisziplin, Vorsicht und Timing lernt man nur im ständigen Umgang mit Geld. In meiner jetzigen Berufung als Unternehmer und Stifter kommen mir die Erfahrungen in Gelddingen natürlich zugute. Heute investiere ich sowohl in konservative Anlagen als auch in meine eigenen Unternehmen. Es ist immer eine Frage von Instinkt und Mut, Geld in die Hand zu nehmen, in eigene Geschäftsmodelle zu investieren, an eine bestimmte Entwicklung zu glauben und bereit zu sein, dafür in ein Risiko zu gehen. Es ist mir aber immer noch allemal lieber, in meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten zu investieren, als meinen gesunden Menschenverstand gegen den Glauben einzutauschen, mit einer Zehnprozentbeteiligung an einem hippen Tech- oder Internetunternehmen ließe sich der große Wurf machen. Wir alle haben bemerkt, dass in einer Zeit des Null-Prozent-Zinses und der Zunahme von Chaos, Volatilität und Krisen die intelligente Diversifizierung des privaten Vermögens eine echte Herausforderung darstellt. Ob im überhitzten Immobilienbereich, an den nervösen Börsen oder im Private-Equity-Sektor, überall ist ein klarer Blick für zukünftige Entwicklungen gefragt, um sich in den unterschiedlichen Assetklassen richtig zu positionieren. Und dort, wo die Risiken hoch sind, fallen wir eben immer mal wieder schmerzhaft auf die Nase. Gerade im professionellen Fußball gab und gibt es immer wieder Schlagzeilen darüber, wie Profis ihre Millionen in den Sand setzen. Viele Profifußballer scharen heute ganze Beraterstäbe um sich und geben elementare Entscheidungen in Gelddingen aus der Hand. Davon halte ich nichts. Natürlich habe ich ein Team um mich herum, dem professionelle Akteure angehören, die mich in vielen Belangen unterstützen. Ich lasse mir aber niemals das Ruder aus der Hand nehmen – das ist ein großer Unterschied! Ich kann nur an die Vereine des professionellen Fußballs appellieren, junge Spieler so früh wie möglich auch über den Umgang mit Geld aufzuklären und sie darin zu schulen. Wenn ich rückblickend meine finanziellen und unternehmerischen Entscheidungen vor meinem inneren Auge ablaufen lasse, ist sicher nicht immer alles rundgelaufen, aber ich bin bis heute bestrebt zu lernen, um meine Entscheidungen weiter zu optimieren. „Weiter – immer weiter“ ist ein Ausspruch von mir, der als Lebensmotto seine Berechtigung für mich hat und der auch in Gelddingen nicht schaden kann. Frank Bethmann beschäftigt sich in sehr offenen Gesprächen mit Menschen, die im Lauf ihres Lebens gute und schlechte Erfahrungen beim Thema Geld gemacht haben. Dabei richtet er nicht über richtig und falsch. Vielmehr verleiht er Einblicke in persönliche Erlebnisse, die Sie als Leser unterhalten und inspirieren sollen – vor allem aber dazu anhalten sollen, sich mit dem Thema Geld aktiv auseinanderzusetzen.  

Ihr Oliver Kahn

 

Warum ich dieses Buch schreibe

Nie hätte ich gedacht, einmal dieses Buch zu schreiben. In der Schule gehörte gerade die Rechtschreibung nicht unbedingt zu meinen Stärken. Und anschließend gab es nur eines: Fußball spielen. Sie stimmen mir sicherlich zu: nicht gerade die typischen Voraussetzungen, um ein Buch über Geld zu schreiben. Aber wie das so ist, die Grammatik wird besser, das Schreiben flüssiger und die Interessen vielschichtiger. Nicht alles auf einmal, aber doch nach und nach. Und das mit dem Geld verhielt sich viele Jahre bei mir genauso wie vermutlich bei Ihnen: Geld war Mittel zum Zweck. Man brauchte es halt. So, wie man trinken muss, um nicht zu verdursten. Wie man Kleidung braucht, um nicht zu frieren. Oder Sprit, um mit dem Auto fahren zu können. Geld ist eine Ware, ein Rohstoff, ein Tauschmittel. Schmutzig zudem. „Wasch dir die Hände, du hast gerade Geld angefasst.“ Wohl keiner würde, wenn man ihn nach Geld fragt, sagen: „Das ist für mich das Allerwichtigste.“ Liebe, Familie, Gesundheit, alles wichtiger und ja, auch alles richtig. Aber wir alle wissen gleichzeitig: Ohne Geld geht es nicht. Es gibt nur wenige Dinge, zu denen wir ein ähnlich ambivalentes, ja teilweise schon gestörtes Verhältnis haben wie zum Geld. Wir streben danach. Wir arbeiten uns den Buckel krumm dafür. Wir streiten darüber. Alles wegen des vermeintlich doch so schnöden Mammons? Eher nicht. Für ein Zweite-Reihe-Thema steckt im Geld viel zu viel Emotionalität. Und das ist uns allen auch bewusst. Umso mehr ist mir im Lauf der Jahre aufgefallen, wie sehr wir das Thema andererseits tabuisieren. Ein Phänomen. Über Geld spricht man nicht. Wie viel ich verdiene, das geht keinen etwas an. Wenn man viel hat, möchte man es anderen nicht auf die Nase binden. Umgekehrt, wenn man wenig hat, spricht man noch viel weniger darüber, weil man sich die Dinge nicht leisten kann, die sich der Nachbar von gegenüber gönnt. Und wenn man gar verschuldet ist, spricht man erst recht nicht über seine finanzielle Lage, weil es einem unangenehm ist. Über Geld zu reden ist unser Ding nicht. Es ist nicht unser Ding zu fragen: „Wie hast du das denn gemacht?“ – „Wie bist du an den Job gekommen?“ – „Wie hast du es geschafft, dass die dir 95 000 Euro im Jahr bezahlen? Respekt!“ Ganz anders läuft es in den USA ab. Vielleicht haben Sie es selbst schon einmal erlebt? Sie sitzen abends an der Hotelbar, und der Mann neben Ihnen lädt Sie zum Bier ein. Es dauert keine zwei Minuten, dann wissen Sie, wie der Mann heißt, wo er wohnt und arbeitet und was er verdient. „Hi, I’m Jeff Miller, I’m from Detroit. I’m an engineer and I earn 120 000 bugs. And what about you?“ So ist es mir passiert. Und dann sitzen Sie da und holen erst einmal tief Luft. Warum will der jetzt wissen, was ich verdiene? Ich habe ihn ja auch nicht danach gefragt. Gut, mittlerweile weiß ich, dass das typisch amerikanisch ist. Sobald Sie auf Herrn Millers oder wessen Fragen auch immer geantwortet haben, hören Sie vermutlich so etwas wie: „Oh, great!“ Und dann geht es weiter im Small Talk: Was treibt dich hierher? Bist du das erste Mal in New York?, usw. Die Amerikaner sind Meister im Small Talk. Über Geld reden Sie gern. Wenn du ihnen sagst: Dein Anzug gefällt mir, kommt in zwei von drei Fällen als Antwort: Habe ich bei Macy’s gekauft. War im Angebot. Hat soundso viel gekostet. Das imaginäre Preisschild hängt praktisch also noch dran. Man mag das mögen oder nicht. Es ist eine andere Kultur. Einen Vorteil hat das aber. Wenn du mehr über Geld redest, erfährst du mehr und kannst besser mitreden. Genau darum geht es mir mit diesem Buch: mitreden können in Gelddingen. Sich künftig nicht mehr ein X für ein U vormachen lassen. Der beste Verbraucherschutz, der beste Schutz vor schwarzen Schafen ist immer noch, sich zu informieren. Bescheid zu wissen. Zumindest erahnen zu können, wann etwas faul ist, und sich nicht mehr so leicht übers Ohr hauen zu lassen. Nicht über Geld zu reden hat nämlich nicht gerade dazu geführt, dass wir ein Volk der Anlageexperten geworden wären. Eher sind wir, lassen Sie es mich so formulieren, auf dem Niveau des Weltspartags stehen geblieben. Der Weltspartag wurde 1925 eingeführt, um den Spargedanken zu fördern, und es gibt wohl nur wenige Kampagnen, die auf Dauer vergleichbar erfolgreich waren. Deutschlands Sparwut ist enorm. Über 1900 Milliarden Euro liegen auf Sparbüchern, Giro- oder Tagesgeldkonten. Damit hat jeder Bundesbürger rein rechnerisch 24 000 Euro auf dem Konto. Und das, obwohl es kaum noch Zinsen auf die Guthaben gibt und wir teilweise bereits dafür bezahlen müssen, dass wir der Bank unser Geld anvertrauen. Noch so ein paradoxes Phänomen. Der Weltspartag hat sich überlebt. Es sei denn, er würde uns bei der Frage helfen, wie ich richtig spare. Uns aufklären darüber, welche Risiken in welcher Geldanlage stecken. Uns aufzeigen, wie der Zinseszins funktioniert. Oder erklären, was ein Effektivzins ist. Während ich dieses Buch schrieb, sprach mir eine Kölner Schülerin aus der Seele. Vielleicht haben Sie auch den Tweet von Naina gelesen. Sie twitterte: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Mit ihrem Tweet erntete sie damals viel Zustimmung, löste in den Medien sogar eine enorme Debatte über unser Schulsystem aus. Nun ist es leider keine ganz neue Erkenntnis, dass die Schule nur bedingt auf den Alltag vorbereitet. Viele Lehrer sehen das nicht als ihre Hauptaufgabe an. Umso mehr freue ich mich über diejenigen, die in ihrem straffen Lehrplan eine kleine Lücke finden und Finanzwissen vermitteln wollen. Ich schreibe das bewusst so, weil ich mich ab und an gern einmal den Fragen von Schülern stelle. Weil es mich interessiert, was Schüler über Geld denken, wie sie damit umgehen und was sie ganz generell dazu wissen wollen. Die Initiative für diese Besuche geht dabei immer, das ist meine Erfahrung, von einzelnen Lehrern aus, die sich engagieren und denen das Thema „Finanzwissen für den Alltagsgebrauch“ ähnlich am Herzen liegt wie mir. Überall lauern Fallen, auch für Erwachsene. Das geht schon beim Handyvertrag los, bei dem sich kaum jemand die Vertragsinhalte, geschweige denn die AGBs durchliest – Was waren gleich noch AGBs? –, und hört beim Mietvertrag noch lange nicht auf. Wenn Sie sich bei Ihrer Bank beraten lassen und Geld anlegen, dann müssen Sie – der Gesetzgeber will das mittlerweile so, zu Ihrem Schutz, wie er sagt – viele Formulare und Papiere unterschreiben, doch haben Sie am Ende mehr verstanden? Fühlen Sie sich deswegen jetzt besser mit den Wertpapieren, die Sie gerade gekauft haben? Vermutlich nicht. Eher raucht einem der Kopf, und man fühlt sich überfordert. Das Schlimme ist, dass die Überforderung auf eine Finanzwelt trifft, die vor allem in den letzten 20 Jahren immer komplizierter geworden ist. Man mag es kaum glauben, aber mittlerweile gibt es über 1,2 Millionen unterschiedliche Finanzprodukte am Markt – über 1,2 Millionen, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Wahnsinn. Den absolut größten Teil davon braucht kein Mensch, aber er trägt dazu bei, dass wir eigentlich immer weniger verstehen und immer weniger Lust haben, uns mit dem Thema Geld zu beschäftigen. Wir schweigen und lassen es im Zweifel „unseren Bankberater machen“. Das ist nicht gut, sage ich. Der Weltspartag könnte als Finanzbildungstag, als der Tag, an dem wir uns mit Geld beschäftigen, eine neue sinnvolle Funktion bekommen. Doch die Frage ist, ob wir darauf warten wollen, dass die Banken und Sparkassen dieses Thema angehen, oder ob wir nicht selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen wollen. Genau dazu möchte ich Sie mit diesem Buch ermuntern. Vielleicht können Sie den einen oder anderen Tipp für sich nutzen. Dieses Buch ist kein Fachbuch, vielmehr ein – hoffentlich lesenswerter – Ratgeber in Sachen Finanzwissen. Sollten Sie zu der Kategorie „Fortgeschrittene“ zählen, fühlen Sie sich beim Lesen vielleicht bestätigt und denken: Alles richtig gemacht. Das würde mich freuen, genauso wenn Sie Spaß beim Lesen hätten und sich über die eine oder andere Anekdote amüsieren würden. Mir jedenfalls hat es großen Spaß gemacht, die Persönlichkeiten zu treffen, mich mit Ihnen über dieses Thema zu unterhalten. Zu erfahren, wie sie über Geld denken. Wie das Geld ihre Karriere geprägt hat. Welche Fehler sie vielleicht auch gemacht haben. Es waren spannende Gespräche. Es waren offene und ehrliche Gespräche, und es waren auch Gespräche, bei denen gelacht wurde. Warum auch nicht? Beim Geld hört der Spaß ja nicht auf, nur weil manche das behaupten. Machen Sie es nach: Lassen Sie uns „über Geld reden“.

 

Harald Schmidt

„Der Dax macht sehr viel Freude derzeit.“  

Zur Person: Am meisten schätzt Harald Schmidt seine finanzielle Unabhängigkeit. „Ein Hotelzimmer und eine Kreditkarte“ sind für den Entertainer und Moderator der Idealzustand. Er ist ein großer Dax-Fan. Die Börse ist für ihn das, was früher das Theater war: der Gamble-Faktor.  

Harald Schmidt und ich lernen uns über eine Zeitung kennen. Das hört sich vielleicht etwas seltsam an, stimmt aber. Schmidt gibt dem Handelsblatt ein Interview, in dem er von seiner Börsenleidenschaft spricht und davon, dass er das gute alte Börsenfernsehen schätzt, fast mehr noch als Börse im Ersten die Börsennachrichten im heute journal. Meint er das wirklich ernst? Zumal er eine Antwort später, typisch Harald Schmidt, schon wieder relativiert: „Es fallen in der Sendung tolle Begriffe. ›Kauflaune steigt‹ finde ich einen super Begriff. Im Klartext heißt das ja, dass es noch mehr Müll gibt, den keiner braucht, sinnlos rangeschafft mit der Hilfe von Krediten. Aber es wird äußerst positiv dargestellt mit einer vollen Einkaufsstraße, Menschen in Anoraks, die sich drängeln, und dazu heißt es dann: ›Die Kauflaune steigt.‹“ Schmidt beobachtet. Schmidt kommentiert. Schmidt lästert. Ich denke mir: Ruf ihn doch mal an. Vielleicht hat er Lust auf ein Gespräch? Wenig später weiß ich, dass ich richtig spekuliert habe. Nach einem angenehmen Telefonat verabreden wir uns in Köln. Das Erste, was mir bei unserer persönlichen Begegnung auffällt: Er wirkt genauso freundlich und entspannt wie am Telefon, und es entwickelt sich ein munterer, offener Plausch. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man über Geld spricht und sein Gegenüber nicht kennt. Für Schmidt aber kein Problem. Gleich zu Beginn lässt er durchblicken, dass er up to date ist. Freut sich über die nächste gewaltige Geldspritze der Europäischen Zentralbank (was gut ist für den Dax, ist auch gut für Dax-Freund Schmidt) und läuft gleich zur Hochform auf, als er Hans-Werner Sinn, einen der bekanntesten deutschen Ökonomen, als „Käpt’n Ahab des deutschen Warnerwesens“ bezeichnet. Sinn – sein markantes Markenzeichen ist ein Bart, wie ihn Gregory Peck als Käpt’n Ahab in dem Film Moby Dick trug – ist von jeher als großer Kritiker der EZB und ihrer laxen Geldpolitik bekannt. Wir lachen. „Käpt’n Ahab des deutschen Warnerwesens“ – „Dirty Harry“ kann es nicht lassen, denke ich. Tatsächlich gehört sein respektloser Humor einfach zu ihm. Für unser Gespräch ist er ein Türöffner. Schnell merke ich, dass der Mann generell gut informiert ist. Surft im Internet, hört Radio, schaut fern, liest Zeitung. Sein ganz großer Favorit, sein „Godfather of Geldanlage“, war viele Jahre „Loomann von der FAZ“, erzählt er mir. Volker Loomann, über 15 Jahre Kolumnist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Immer samstags schrieb er mehr oder minder provokante Artikel rund ums Thema „Geld und Finanzen“, ehe er 2015 zur Bild wechselte. „Der hat ja jedes Wochenende denselben Artikel geschrieben. Habe es sehr bedauert, dass er zur Bild-Zeitung gegangen ist. Damit ist für mich sozusagen das, was ihn ausgemacht hat, weg. Das hat aber gar nichts mit Bild zu tun. Sondern das lebte ja von dem gehobenen Schulaufsatzstil, den er geschrieben hat. Auch leicht in den 50er-Jahren stehen geblieben.“ Was er damit meint? Schmidt pointiert: „Die Frau will auch mal Schmuck!“ Einmal in Fahrt, fällt ihm gleich noch einer ein, den er sehr mochte: „Also den Vorgänger fand ich eigentlich noch besser: Heinz Brestel, der ›Blick aus Zürich‹. Sensationell.“ Von Heinz Brestel, inzwischen verstorben, stammten so legendäre Sätze wie „Es ist oft produktiver, einen Tag über Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für Geld zu arbeiten.“ Schmidt schätzt ihn bis heute, besonders seinen Schreibstil: „Das war wirklich: Weihnachten kommt. Da müssen wir Männer schon mal das Portemonnaie öffnen, wenn …“ – und jetzt ist Schmidt richtig in Erzähllaune – „… die Frau eine Kette will. Und bei Loomann war das ja im Grunde: Er ist Anwalt, 55. Sie ist tot. Die Mutter ist aus dem Haus. Jetzt will er was vom Leben haben. Jeden Samstag. Und jetzt muss er bei Bild auf Schlagzeilen machen. Und die Qualität bei der FAZ war eben, dass er auf Zeilen machen musste. Deswegen musste das so ausgeschmückt werden.“

Wenn Erbschaft das Leben bestimmt

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Wir ErbenWir Erben

Warum Deutschland ungerechter wird

Drei Billionen Euro werden in den nächsten zehn Jahren ihren Besitzer wechseln. Die Nachkriegsgeneration, in der alten Bundesrepublik zu Wohlstand gelangt, wird ihr Vermögen nun weitergeben. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn vor allem der ein sorgenfreies Leben führt, der in die richtige Familie hineingeboren wird, und nicht der, der Engagement und Ideen einsetzt? Und warum gibt es kaum Debatten um diese Ungleichheit? Auf der Suche nach Antworten gelingt Julia Friedrichs ein ebenso lebendiges wie vielschichtiges Porträt der Menschen, die Deutschland künftig prägen werden.

Prolog

Sie wussten, dass sie nicht vom Weg abweichen durften. Wenn das Moor einen verschluckte, verschwand man auf Nimmerwiedersehen, so hatte Mutter es ihnen erklärt. Nimmerwiedersehen. Das Wort jagte Vera einen leichten Schauer über die Unterarme. Nimmerwiedersehen wurde ihr Name für das Moor, ihr eigenes, magisches Reich. Vi hielt sich nicht an Verbote, und Vera ließ sich jedes Mal überreden. Sie drangen nie sehr weit vor und kehrten um, wenn die dunkle Erde sich schmatzend an ihren Turnschuhen festsaugte. Doch es war nicht leicht, denn Nimmerwiedersehen lockte mit seinen bemoosten Baumstämmen, halb versunken in dunklem Wasser, mit seinem leisen Glucksen und Flüstern, mit Büscheln hüfthohen Grases, dessen Halme an den Handflächen kitzelten. Mücken wirbelten um sie herum wie goldener Staub. Vera hatte sie „Monaden“ getauft, auch wenn sie nicht wusste, was das Wort bedeutete. Ihr Vater hatte es in einem Telefongespräch benutzt, dem sie vom Sofa aus im Halbschlaf gelauscht hatte. Monaden mussten eine Art Feen sein, und die winzigen Mücken, die von der Sonne vergoldet wurden, waren vielleicht genau das.

Sie jagten den winzigen braunen Fröschen nach, die man in die hohlen Hände schließen konnte und deren zarte Bewegungen auf der Haut kitzelten. Jetzt im Mai gab es Hunderte von ihnen, und sie sprangen wie Grashüpfer vor Veras und Violas Füßen auf.

Nimmerwiedersehen gehörte ihnen allein, es war ihr Geheimnis, das sie gemeinsam hüteten. Hier konnten sie so tun, als gäbe es nur sie beide auf der Welt, und gleichzeitig wussten sie hinter sich den Weg, der sie innerhalb einer Viertelstunde nach Hause zurückführen würde.

Sie folgten einem kleinen Bachlauf, der zwischen Moospolstern plätscherte und sie immer tiefer ins Moor führte, als sich plötzlich etwas veränderte. Vera blieb stehen. Sie wusste nicht genau, was es war, aber ein Rascheln ging durch die Sträucher, ein Schatten streifte kühl über ihre Arme, und als sie den Kopf wandte, kam es ihr vor, als huschte etwas aus ihrem Blickfeld.

„Vi“, sagte sie, „drehen wir lieber um.“

Vi war ihr mehrere Meter voraus und schien nichts bemerkt zu haben. Ihr blaues T-Shirt leuchtete zwischen den grünen Farnen.

„Vi!“, wiederholte Vera. Sie fröstelte und schlang die Arme um ihren Körper.

„Was ist denn?“ Viola drehte sich um.

„Wir sind schon viel zu weit reingegangen.“

Vi verschränkte die Arme und knickte in der Hüfte ein. Die Kirschen an ihrem Haargummi leuchteten rot. „Hast du etwa Angst?“

Vera ging nicht darauf ein. „Ich hab noch Taschengeld“, sagte sie, „wir können uns in der Waldschänke ein Dolomiti holen.“ Vi liebte Eis.

Aber so einfach wollte Viola nicht nachgeben. Sie kniff die Augen zusammen und überlegte einen Moment. „Das können wir später immer noch. Erst gehen wir auf Forschungsexpedition.“

Vera rührte sich nicht. Warum mussten sie immer alles so machen, wie es ihre Schwester wollte?

„Vi, ich dreh jetzt um!“ Sie spürte, wie ihre Füße allmählich in den von Wasser durchtränkten Boden einsanken.

„Na, dann geh doch“, sagte Vi, die genau wusste, dass Vera sie nicht allein zurücklassen würde. Schon im Bauch ihrer Mutter waren sie zusammen gewesen, und bei der Geburt war Vera ihrer Schwester gefolgt wie seither überallhin. Aber dieses Mal nicht.

„Mache ich auch!“ Als Vera sich umdrehte und begann, am Bachlauf entlang zurückzugehen, stieg ein helles Siegesgefühl in ihr auf. Sie hatte ungefähr zwanzig Schritte gemacht, da hörte sie hinter sich ihre Schwester rufen: „Warte auf mich!“ Vera musste sich zwingen, nicht zurückzublicken.

„Na gut, wenn du unbedingt willst, holen wir uns eben ein Eis.“ Vi konnte Dinge so sagen, als täte sie einem einen Gefallen, auch wenn es gar nicht so war.

Vera ging weiter, aber langsamer, sodass Vi sie einholen konnte. „Du zahlst aber.“ Vi stieß sie mit dem Ellbogen leicht in die Seite.

Sie stiegen die Böschung hinauf, und Vera atmete erleichtert aus, als sie wieder auf dem Weg standen. Nimmerwiedersehen war ihr Reich, aber ob das auch die Wesen wussten, die dort lebten? Jetzt, wieder in Sicherheit, wurde das Schaudern zu einem wohligen Nachklang, während sich schon die Vorfreude auf das Eis in ihr ausbreitete. Bis zur Siedlung, deren Straßen die Namen von Bäumen trugen, war es nicht weit, und auf dem Weg zur Waldschänke am Ende des Fichtenwegs würden sie ihrer Mutter im Garten zuwinken können. Sie mussten nur den Waldweg hinuntergehen, noch einmal abbiegen, und fünf Minuten später wären sie am Haus von Frau Bartels, die in der Waldschänke als Bedienung arbeitete und ihnen manchmal ein Wassereis mit Kirsch- oder Waldmeistergeschmack umsonst gab.

Gedankenverloren trödelten sie vor sich hin, blieben immer wieder am Wegesrand stehen, um Gräser auszureißen oder nach frühen Walderdbeeren zu suchen. Die Zeit rollte sich zusammen, nichts schien sie zu drängen. Vera überließ sich dem köstlichen Gefühl, dass sie heil aus Nimmerwiedersehen zurückgekehrt waren und der Nachmittag erst in einer sehr fernen Zukunft in den Abend übergehen würde.

„Ich nehm ein Supercornetto!“, rief Vi, während sie auf einem Bein neben Vera herhüpfte.

„Ich glaub, bei dir piept’s!“, empörte sich Vera. Supercornetto kostete zwei Mark, Dolomiti nur sechzig Pfennige.

„Du hast gesagt, du bezahlst, jetzt musst du auch!“ Vi hüpfte weiter, jeder Sprung eine kleine Explosion aus Staub und Schotterstückchen. „Ich hab aber nicht gesagt, dass du dir einfach irgendeins aussuchen darfst.“

„Du hast auch nicht gesagt, dass ich’s nicht darf, also darf ich’s!“

Vera befühlte die Münzen in ihren Shorts. Sie wusste, dass es zwei Mark achtzig waren. Wenn Vi das Supercornetto nahm und sie das Dolomiti, blieben nur noch zwanzig Pfennige. Die würden nicht mal mehr für ein Mini Milk reichen, und bis es wieder Taschengeld gab, waren es noch fast zwei Wochen hin. „Du kannst ein Ed von Schleck haben.“

„Nö-hö!“, sagte Vi im Rhythmus ihrer Hüpfer. „Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen! Sonst bist du ein Lügner, und das erzähl ich morgen allen in der Schule.“

Vi konnte die beste Schwester der Welt sein, das war sie sogar meistens. Sie kam zu ihr ins Bett, wenn sie sich vor den Schatten fürchtete, die die Straßenlaterne an die Wand warf, und erzählte ihr die Geschichte von Jonathan und Krümel. Sie ließ Vera, die im Rechnen viel langsamer war, die Hausaufgaben abschreiben, und sie hatte niemandem erzählt, dass Vera in Stefan aus der Sechsten verknallt war. Aber sie musste immer recht haben, immer bestimmen, und wenn Vera nicht mitmachte, konnte sie richtig gemein werden. Egal, was Vera sagte, Vi hörte einfach nicht hin, sondern bestand darauf, dass alles so gemacht wurde, wie sie es wollte.

„Supercornetto Erdbeer“, sang sie jetzt beim Hüpfen und zog dabei das „Erdbeer“ so sehr in die Länge, wie es nur ging. Und das war zu viel. Vera streckte den Arm aus und schubste ihre Schwester, so fest sie konnte. Es sah komisch aus, als Viola fiel, ein Bein seitlich von sich gestreckt, den Mund so weit aufgerissen, dass die breite Zahnlücke sichtbar wurde – das Einzige, worin sie sich unterschieden, denn Vera hatte beide Vorderzähne noch.

Mit einem hässlichen Knirschen schlitterte Vis Fuß durch die kiesdurchsetzte Erde und hinterließ eine helle Schneise, dann krachte sie auf die Seite und blieb liegen. Ihre Jeans war voller Dreck. Vi rührte sich nicht, und Veras Beine wurden ganz steif, als sie Vi so dort liegen sah, die Arme und Beine verrenkt. Doch dann bewegte sie sich, setzte sich auf, die Beine angewinkelt. Vera atmete aus. Sie entdeckte Abschürfungen an Vis Oberarm, wie eine rosa Landkarte, aus der winzige rote Perlen quollen. Vis Mund bebte, weil sie nicht vor ihrer Schwester weinen wollte, aber dann heulte sie doch los. Vera ging in die Hocke und wollte ihr über den Arm streichen, aber Vi schlug nach ihr, und sie kippte um. Spitze Steinchen bohrten sich in ihre Oberschenkel.

„Hau bloß ab!“ Vis Gesicht zog sich hasserfüllt zusammen. „Eine blöde Kuh bist du, richtig oberblöd!“

Vera, die den Schubser schon bereut hatte, war auf einmal so wütend auf Vi, dass sie ihr nicht einmal mehr in die Augen blicken konnte. „Ist doch nicht meine Schuld, wenn du hinfällst, du blöde Kuh!“ Sie stand auf und ging einfach weiter, während Vi hinter ihr herschrie: „Ich will überhaupt kein Eis von dir!“

Das war der letzte Satz, den Vera je von ihrer Schwester hörte.


Kapitel 1

2015

Um fünf nach zwei wurde Vera nervös. Sie trat auf den vorderen Balkon und sah die Straße hinunter. Von Tom und Finn war nichts zu sehen. Sie ging in die Küche zurück und schenkte sich aus der Thermoskanne nach, obwohl sie keine Lust auf Kaffee hatte. Wenigstens lenkte es sie ab. Tom kam häufig zu spät, wenn er Finn zurückbrachte. Vera wusste das, und trotzdem wurde sie jedes Mal fahrig, wenn die beiden nicht zur vereinbarten Uhrzeit auftauchten. Draußen knatterte ein Motor, und Vera zuckte zusammen. Doch Tom konnte es nicht sein, denn seine alte Kawasaki EN 500 wummerte wie eine Heavy-Metal-Band.

Zehn nach zwei, der Kaffeebecher war leer, und sie stellte ihn in die Spüle. In ihrem Kopf spielten sich Szenen ab, die mit quietschenden Reifen, zerbeultem Blech, Blut und zerquetschten Knochen zusammenhingen, und es gelang ihr nicht, sie zu verdrängen. Nichts unternehmen zu können war das Schlimmste. Jede Minute dehnte sich wie ein krümeliges Gummiband, kurz bevor es riss. Sie klappte die Spülmaschine auf, räumte die Tasse hinein und klappte die Spülmaschine wieder zu, den süßsauren Geruch nach Essensresten immer noch in der Nase, als sie sich wieder aufrichtete.

Viertel nach zwei. Unwillkürlich ging sie in die Diele, öffnete die Wohnungstür und trat auf den Treppenabsatz. Sie lauschte kurz. Tom wusste, dass sie sich schnell Sorgen machte, aber er hatte noch nie Rücksicht darauf genommen. Irgendwann hatte Vera begriffen, dass er sich einfach nicht vorstellen konnte, wie es sich anfühlte, ständig mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wenn sie selbst mit Finn einmal zu spät dran war, fiel es ihm meistens gar nicht auf, und falls doch, kam er nicht auf die Idee, besorgt zu sein. Auch als sie noch zusammen gewesen waren, hatte er sich nie Gedanken gemacht, wenn er Vera nicht hatte erreichen können. Vera beneidete ihn um diese Sorglosigkeit, gleichzeitig trieb sie sie in den Wahnsinn.

Vera hängte sich ihre Tasche um, lief – das Telefon in der einen, den Schlüsselbund in der anderen Hand – die drei Stockwerke nach unten und stellte sich auf den Bürgersteig. Weshalb kamen die beiden nicht endlich? Vera presste ihre Daumenkuppe auf die Spitze des Haustürschlüssels. Nebenan trat Christine aus ihrem Laden, einen Stapel bedruckter Ethnoschals im Arm. Sie grüßten sich, Vera machte eine Bemerkung über die leuchtenden Farben der Schals, und Christine erkundigte sich, wie es beim Sender lief. Dann begann sie, die Schals auf dem Auslagentisch aufzufächern, und Vera war wieder sich selbst überlassen. Sie sah auf ihr Telefon: Zweiundzwanzig nach zwei. Sie hätte längst auf dem Weg nach Hakenfelde sein sollen, wo ihre Eltern sicher schon mit dem Kaffee warteten.

Ein dumpfes Grollen wurde hörbar, näherte sich, dann hielt die Kawasaki vor Vera, und Finn glitt von seinem Platz hinter Tom. Seine Augen strahlten unter dem riesigen Jethelm hervor. „Wir sind total schnell gefahren, das war klasse!“

„Toll, mein Äffchen!“, sagte Vera und klopfte leicht mit den Fingerknöcheln gegen Finns Helm, dann wandte sie sich an Tom. Sie schob Ärger und Sorge die Kehle hinunter, so weit sie konnte. „Na, hat’s ein bisschen länger gedauert?“ Tom legte den Kopf schief. „Jetzt mach bitte keinen Stress, weil wir ein paar Minuten zu spät sind.“

„Fast eine halbe Stunde. Aber ist schon okay.“ Am liebsten hätte sie Tom einen Vortrag gehalten, weil er so spät war, und ihm gesagt, dass er endlich einen Integralhelm für Finn kaufen sollte, aber dann würde sie wieder einmal die Spielverderberin sein, und diese Rolle hatte sie gründlich satt. Finn war heil angekommen, das war die Hauptsache.

Tom überging ihren Kommentar. „Na, alles gut bei dir?“

Vera nickte. „Ich hab wahrscheinlich ein neues Projekt. Könntest du Finn demnächst für ein paar Tage nehmen? Kann sein, dass ich für eine Recherche nach Italien muss.“

Tom fuhr sich durchs Haar und grinste ein bisschen schief – in diese Geste hatte sie sich damals verliebt, jetzt fand Vera sie nur noch aufgesetzt. Wahrscheinlich aus Top Gun oder einem anderen bescheuerten Actionfilm geklaut, dachte sie gehässig.

„Klar, ich hab Zeit. Hast du Lust, ein paar Tage mit mir rumzuziehen, Großer?“

Finn strahlte. „Logisch!“

Es war schön, dass er sich so gut mit seinem Vater verstand. Als Vera und Tom noch zusammengelebt hatten, war Tom immer beschäftigt gewesen und hatte Finn eigentlich nur bei den Mahlzeiten gesehen, aber seit der Trennung verbrachten die beiden wesentlich mehr Zeit miteinander. Finn ging gerne zu ihm, weil Tom meistens irgendetwas geplant hatte – Zoobesuche, Motorradausflüge oder anderes. Manchmal kam es Vera vor, als bliebe immer ihr die undankbare Rolle, dafür zu sorgen, dass Finn seine Hausaufgaben machte, sein Zimmer aufräumte und ab und zu mal duschte, während Tom für Spaß und Abenteuer sorgte. Doch wenn Finn Kummer hatte oder krank war, wollte er nur sie um sich haben und sonst niemanden. Manchmal kroch er sogar noch nachts zu ihr unter die Decke, während er sich bei Tom bemühte, möglichst erwachsen zu wirken.

„Ist noch was?“, fragte Tom. „Ich muss los, bin mit Melanie verabredet.“

Vera schüttelte den Kopf. „Ich geb dir Bescheid wegen der Recherche. Wir fahren jetzt zu meinen Eltern.“

„Schöne Grüße. Ich vermisse Carinas Apfelkuchen.“

„Sie kann dir das Rezept ja mailen.“ Vera legte den Arm um Finns Schulter. Er war beinahe schon so groß wie sie. „Gib Papa den Helm.“

„Tschau, Großer! Bis Mittwoch!“ Tom hängte Finns Helm an den Lenker und startete das Motorrad. Das satte Dröhnen vibrierte in Veras Magen und wirbelte Sehnsucht auf, selbst wieder zu fahren. Aber ihre Virago stand seit Finns Geburt mit einer Plane abgedeckt in der Garage in Hakenfelde. Tom hatte versucht, sie von ihrer Entscheidung abzubringen, hatte sie an die vielen gemeinsamen Touren erinnert, aber für Vera war klar gewesen, dass sie nicht mehr fahren würde. „Wenn mir etwas passiert“, hatte sie gesagt, „wer kümmert sich dann um Finn?“ Das Motorradfahren aufzugeben war kein Opfer gewesen, sie hatte es einfach nicht mehr über sich gebracht.

Sie strich Finn über das verwuschelte Haar. „Musst du noch mal rauf, oder können wir gleich los? Opa wartet bestimmt schon auf dich. Er hat irgendwas von einer ferngesteuerten Drohne mit Kamera erzählt.“

„Super!“ Er löste sich von ihr und lief in Richtung Parkplatz voraus. Als sie ihm nachsah, fiel ihr auf, wie erwachsen er aus der Entfernung wirkte. Er bewegte sich nicht mehr wie ein Kind, sondern hatte die schlaksigen Bewegungen eines Jugendlichen.


Als Veras Mutter die Haustür öffnete, quoll ein Schwall Kuchenduft heraus. „Hallo, ihr beiden!“ Sie drückte Finn einen Kuss auf die Wange. „Ja, ja, ich weiß, du bist zu groß dafür“, sagte sie, als er das Gesicht verzog und sich mit der Handfläche übers Gesicht wischte, „aber gönn mir die Freude.“

„Passt schon, Oma, ist nur ’n bisschen eklig.“ Finn grinste und hob beide Hände als Friedenszeichen, worauf seine Großmutter ihn abklatschte.

„Schau mal hinters Haus und pass auf, dass Opa dieses fliegende Monstrum nicht gegen eine Wand steuert. Und weg ist er.“ Ihr Lachen klang, als würde es sich nur kurz aus der Deckung wagen, dann verschluckte sie es und hielt Vera beide Wangen zum Kuss hin. „Ciao, cara, gab es viel Verkehr?“

„Nein, Tom war ein bisschen zu spät dran, aber ich musste sowieso noch ein Interview abtippen. Er lässt dich grüßen und hätte gerne dein Apfelkuchenrezept per Mail.“

„Das überlege ich mir noch. Komm rein, tesoro, der Kaffee ist aufgesetzt, und der Prosecco gekühlt.“

„Du weißt doch, dass ich nichts trinke, wenn ich mit Finn im Auto unterwegs bin.“ An der Garderobe schlüpfte Vera aus den Turnschuhen. Wie immer gab ihr der Anblick der froschgrünen Gummistiefel Größe fünfunddreißig einen Stich. Auf dem Weg ins Wohnzimmer versuchte sie, an der Fotowand vorbeizusehen, doch es gelang ihr nicht ganz. Da waren sie und Vi als Babys im Zwillingskinderwagen, mit identischen Schultüten vor dem Haus, beim Frisbeespielen im Garten, in einem gelben Schlauchboot auf dem Plattensee, in weißen Kleidern bei der Erstkommunion. Und dann nur noch sie, als spindeldürre Zwölfjährige beim Voltigieren (von der Psychiaterin empfohlen), als Gothic-Mädchen mit schwarz umrandeten Augen, in einem schulterfreien Kleid bei der Abiturfeier in der Schulaula.

Vera atmete auf, als sie ins Wohnzimmer kam. Sonnenlicht fiel auf die mit hellem Leinen bezogene Sofalandschaft, und durch die geöffnete Schiebetür sah sie auf dem Rasen ihren Vater und Finn, der eine Fernsteuerung in den Händen hielt. Beide blickten konzentriert in den Himmel. Das Surren der Drohne wurde mal lauter, mal leiser, während Finns Finger sich über den Controller bewegten. Wie intuitiv er mit technischen Geräten umging, brachte Vera immer wieder zum Staunen.

„Bin gleich wieder da“, sagte ihre Mutter und verschwand in der Küche. Vera trat auf die Terrasse und winkte ihrem Vater zu. Er hob die Hand. „Kann gerade nicht!“

„Hauptsache, ihr stürzt nicht ab!“ Vera wurde warm, als sie die beiden so vertraut miteinander sah. Die Drohne wirkte wie ein monströses Insekt, das aus einem Labor entkommen war. Vera stellte sich vor, wie das digitale Auge sie beobachtete. Doch die Leerstelle, die überall im Haus spürbar war, würde es nicht erfassen.

Vera ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und zog die Beine an. Auf dem Couchtisch lag ein alter Koffer von der Größe eines überdimensionalen Schuhkartons. Vera stellte überrascht fest, dass er tatsächlich aus Pappe bestand, in die eine Lederstruktur geprägt war. Die Ecken waren mit echtem Leder verstärkt, und hinter dem Tragegriff befand sich ein kleines Schloss.

Veras Mutter kam aus der Küche und stellte zwei riesige, handgetöpferte Schalen mit Milchkaffee auf den Tisch.

„Scheußlich, nicht?“ Die vielen Armreifen und Ketten klimperten, als sich ihre Mutter auf dem Sofa gegenüber niederließ. „Hab ich auf dem Wohltätigkeitsbasar der Kirchengemeinde gekauft.“

„Den Koffer?“, fragte Vera, die sich nicht ganz sicher war, was ihre Mutter meinte. Lachend erwiderte diese: „Nein, die Tassen. Den Koffer hab ich auf dem Dachboden gefunden. Du wolltest doch für deine Sendung wissen, ob wir noch Sachen von nonna Teresa haben. Ich glaube, der Koffer hat ihr gehört. Allerdings ist er abgeschlossen, und ich konnte den Schlüssel nirgendwo finden.“

Vera konnte sich nur vage an die Mutter ihrer Mutter erinnern. Teresa war an Krebs gestorben, als Vera und Viola fünf gewesen waren. Vielleicht war sie deswegen eine Art mythische Figur für Vera. Sie hatte sich völlig der Wissenschaft verschrieben, und das zu einer Zeit, als eine Frau in der Forschung noch als absolute Ausnahme galt. Vera arbeitete als freie Journalistin für einen Berliner Radiosender. Ein Porträt ihrer Großmutter würde perfekt in die Reihe über ungewöhnliche Frauen passen, die jeden Sonntag ausgestrahlt wurde.

Sie hatte das Bedürfnis, mehr über ihre Großmutter zu erfahren, vor der sie als Kind immer ein bisschen Angst gehabt hatte. Sie erinnerte sich nicht daran, dass Teresa je mit ihr und Vi gespielt hätte, aber sie wusste noch, dass sie manchmal bei ihren Großeltern übernachtet hatten, wenn ihre Eltern ausgegangen waren, und dass sie dann alte Piratenfilme gesehen und Kakao getrunken hatten.

„Hast du schon mit deiner Recherche angefangen?“

„Ich war beim Max-Planck-Institut, aber da konnten sie mir auch nur die Jahre nennen, in denen Oma dort beschäftigt war. Und im Netz gibt es nur einen einzigen Hinweis auf eine Veröffentlichung. Sie muss doch Versuchsreihen gemacht haben, da müsste es Unterlagen geben.“

„Früher war es oft so, dass die männlichen Chefs die Leistungen ihrer weiblichen Mitarbeiter für sich beansprucht haben“, sagte ihre Mutter. „Das habe ich selbst im Medizinstudium noch erlebt. Ich fände es wunderbar, wenn aus der Sendung – wie heißt das noch gleich? Feature? –, also, wenn dein Sender das machen würde.“

„Ich bin nachher mit dem Ressortleiter verabredet, dann kriege ich hoffentlich grünes Licht.“

„Es tut mir wirklich leid, dass ich so wenig beitragen kann. Ich weiß nicht, was Opa mit ihren Unterlagen gemacht hat. Vielleicht sind sie auch alle im Institut geblieben. Briefe hat sie jedenfalls keine hinterlassen. Sie hatte ja gar keine Zeit, welche zu schreiben. Die Fotoalben kennst du ja schon, aber die Fotos stammen alle aus der Zeit, nachdem sie und dein Opa nach Deutschland kamen.“

„Hat sie denn wirklich nie von früher erzählt?“ Vera beugte sich vor.

Ihre Mutter seufzte und lehnte sich in die Sofakissen. „Nein, da hat sie immer abgeblockt. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass sie, Tante Lidia und Alessandro es schwer hatten, weil ihre Eltern kurz vor Kriegsende gestorben sind. Sie waren wohl auch einige Zeit in einem Waisenhaus, das hat Tante Lidia mal erwähnt.“

„Und wie war sie so als Mutter?“ Vera ärgerte sich, dass sie ihr Aufnahmegerät nicht dabeihatte.

„Sie war für mich immer irgendwie verschwommen, nicht so richtig präsent. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als Essen zu kochen oder sich um meine Schulprobleme zu kümmern.“ Veras Mutter strich sich ihr schönes, eisengraues Haar aus dem Gesicht und sah in den Garten hinaus, während sie weitersprach. „Für sie waren ihre Forschungen wichtiger als alles andere. Sie hat oft mit papà beim Abendessen darüber gesprochen. Eigentlich ist die Züchtung künstlicher Haut ein ganz schön ekliges Thema, aber ich verstand sowieso kein Wort davon. Aber ich habe sie immer so gerne angesehen, wenn sie sich in Begeisterung redete. Ihr ganzes Gesicht leuchtete dann geradezu. Sie war wirklich mit Leib und Seele Forscherin.“

„Aber sie muss sich doch ab und zu um dich gekümmert haben“, sagte Vera.

„Natürlich, sie war abends und am Wochenende zu Hause, es sei denn, sie musste irgendwelche Versuchsreihen überwachen. Aber sie hat sich eigentlich nie Zeit genommen, mir mal etwas vorzulesen oder mit mir zu spielen. Um ehrlich zu sein, glaube ich, das hat sie gelangweilt. Als ich größer wurde, wurde das etwas besser, aber meine Erziehung hat sie zum Großteil papà überlassen. Nur bei einer Sache war sie eisern: Ich durfte nie alleine das Haus verlassen. Wenn ich mit einer Freundin spielen wollte, musste papà mich dorthin bringen, und wenn ich auf den Spielplatz wollte, musste er dabeibleiben. Natürlich hatte er nicht immer Zeit. Er war zwar oft zu Hause, aber er musste ja seine Vorlesungen vorbereiten, und so war ich meistens allein in meinem Zimmer. Das war nicht schön, und deshalb wollte ich das bei meinen eigenen Kindern ganz anders machen.“ Sie verstummte und sah auf die Terrasse hinaus. Vera beugte sich über den Tisch und strich ihrer Mutter über die Hand, auf der die ersten Altersflecke sichtbar wurden.

Ihre Mutter drehte den Kopf, sah sie an und lächelte traurig. „Geht schon, mein Schatz. Also, meine Mutter war ein Rätsel für mich und ist es noch. Deshalb fände ich es großartig, wenn du mehr über sie herausfinden könntest.“

„Hast du auch nach ihrem Tod mit Opa nicht über alte Zeiten geredet?“ An ihren Großvater konnte Vera sich gut erinnern, er war ein ruhiger, etwas unbeholfener Mann gewesen, den sie sehr gemocht hatte. Lorenzo hatte bis 1998 gelebt und war mit dreiundsiebzig Jahren friedlich im Schlaf gestorben.

Veras Mutter schüttelte den Kopf, langsam, als wäre es ihr selbst unbegreiflich. „Da war etwas wie eine Grenze, unsichtbar, aber jeder wusste, dass es sie gab. Auch Lidia hat immer das Thema gewechselt, wenn wir darauf zu sprechen kamen. Aber wir hören uns ja höchstens zweimal im Jahr.“

Lidia, die Schwester ihrer Großmutter, musste steinalt sein, aber sie lebte noch. Vera kannte sie nur von einem kurzen Besuch, als sie mit ihren Eltern auf der Durchreise zu einem Urlaubsort an der ligurischen Küste gewesen waren. Damals war sie zwölf oder dreizehn gewesen, und sie konnte sich nur noch daran erinnern, dass es ihr peinlich gewesen war, mit ihrem Großcousin Maurizio Italienisch zu sprechen. Seine dunklen Augen und sein schöner Mund hatten sie so verwirrt, dass ihr eigentlich recht gutes Italienisch sich bis auf ein paar Brocken verflüchtigt hatte. Wenn sie sich richtig erinnerte, war er verheiratet und arbeitete im Café der Familie mit.

Vera trank den Rest ihres Kaffees. Er war kalt geworden und schmeckte bitter. „Dann rufe ich Lidia an, sobald ich das Okay vom Sender habe.“ Sie stellte die Tasse ab. „Wie geht’s dir und Papa? Ist alles in Ordnung?“

„Eigentlich ganz gut. Na ja, dein Vater sollte sich mehr bewegen, aber das weißt du ja. Und ich wurstel so vor mich hin. Die Website hält mich auf Trab und meine Patienten auch. Die kommen wegen jedem Zipperlein in die Praxis. Allerdings öfter, um zu reden, anstatt sich behandeln zu lassen.“

„Wird es dir auch nicht zu viel?“ Veras Mutter war immer eine engagierte Ärztin gewesen, sie wäre auch mitten in der Nacht durch einen Schneesturm gefahren, wenn einem ihrer Patienten der Zeh schmerzte. Fast zu engagiert, fanden Vera und ihr Vater. Erst seit einigen Jahren trat sie etwas kürzer. Doch Carina konnte nicht anders, es war ihre Überlebensstrategie, in der Betreuung anderer aufzugehen, bis sie sich selbst und den eigenen Schmerz nicht mehr spürte.

„Ach, es gibt doch Neuigkeiten! Wir haben für die Website ein neues Age-Progression-Bild machen lassen.“ Ihre Mutter stand auf. „Komm, ich zeig’s dir!“

„Sollen wir nicht erst den Koffer öffnen?“ Vera wollte dieses Bild nicht sehen.

„Der läuft uns nicht weg. Na los, komm!“

Widerstrebend stand sie auf. Bevor sie ihrer Mutter in den Flur folgte, blickte sie noch einmal in den Garten hinaus, doch Finn und ihr Vater waren nicht mehr zu sehen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen betrat Vera hinter ihrer Mutter das kleine Büro, dessen Wände mit Vis Gesicht tapeziert waren, mit all den Suchmeldungen, die ihre Eltern im Lauf der Jahre in Westberlin und Umgebung an jeden Laternenmast geklebt hatten. Dazwischen Zeitungsartikel, die neben Vis Foto meist den Waldweg oder den Teufelsbruch zeigten, weil es sonst einfach nichts zu zeigen gab. Am Anfang hatte es viele Hinweise gegeben, die sich aber alle als nutzlos herausgestellt hatten. Später hatten sich dann angebliche Hellseher oder Privatdetektive gemeldet, die gegen horrende Honorare ihre Dienste anboten.

Ihre Mutter schaltete den Rechner ein, der von Papierstapeln und Aktenordnern umgeben war, und klickte im Stehen auf der Maus herum, bis ein Bild zu sehen war. „Hier, ist doch richtig schön geworden, nicht?“ Sie trat zur Seite, und Vera überwand sich, auf den Monitor zu sehen. Das Bild zeigte eine Frau Anfang oder Mitte dreißig, die Vera entfernt ähnlich sah. Sie hatte das gleiche mittelbraune Haar, die gleichen blaugrauen Augen, doch Vera suchte vergeblich ihre Schwester im Gesicht dieser Frau, die es nicht gab, die nur eine von einem Computer berechnete Näherung war.

Ihre Eltern hatten schon früher solche Bilder anfertigen lassen, obwohl sie sehr teuer waren. Sie zeigten Vi erst mit fünfzehn Jahren, dann im Alter von fünfundzwanzig. So könnte sie aussehen, hatten die Bilderexperten betont. Oder auch ganz anders. Lebensumstände, Ernährung, Kleidungsstil, Frisur – all das ergab unzählige mögliche Vis, und keine von ihnen existierte wirklich. Vi war wie Schrödingers Katze, gebannt in einen Schwebezustand, weder tot noch lebendig, solange keine Verbindung zum Rest der Welt bestand.

„Ich stelle das auf Facebook und alle Seiten über vermisste Kinder. Vielleicht bringt das den Durchbruch.“

Die Überzeugung in der Stimme ihrer Mutter machte Vera hilflos. Die Hoffnung war das Floß, mit dessen Hilfe sich ihre Mutter über Wasser hielt, das ihrem Leben Struktur gab, und nicht zuletzt der Grund, überhaupt weiterzumachen. Sie betrieb die Suche nach Vi wie andere ein leidenschaftliches Hobby.

Und wir?, hätte Vera sie gerne gefragt und fühlte sich schlecht dabei. Finn und ich, sind wir nicht Grund genug? Doch Vi war unverrückbar der unsichtbare Mittelpunkt der Familie, und ihre Abwesenheit nahm so viel Raum ein, dass alles andere an den Rand gedrängt wurde. Da es ihrer Mutter so wichtig zu sein schien, auf diese Art wenigstens irgendetwas tun zu können, wollte Vera es ihr nicht nehmen. Es war schäbig, auf jemanden eifersüchtig zu sein, der seit achtzehn Jahren verschwunden war.

„Ist wirklich gut geworden“, sagte sie und lächelte ihrer Mutter zu. „Im Internet verbreiten sich solche Sachen unheimlich schnell.“ Sie nahm zwei Büroklammern aus dem blauen Plastikschälchen neben dem Bildschirm, schob den Drehstuhl zurück und stand auf. „Wollen wir uns jetzt den Koffer vornehmen?“ Sie war froh, Vis vielfachen Blicken mit den darin liegenden Vorwürfen entrinnen zu können.

Erst im Wohnzimmer konnte Vera wieder frei atmen. Sie setzte sich und nahm den kleinen Koffer auf den Schoß, um sich den Verschluss genauer anzusehen. Es war ein einfacher Klappriegel, der mit einem Schloss gesichert war. Sie bog eine der Büroklammern auf und stocherte damit im Schlüsselloch herum, nahm dann die zweite zu Hilfe. Im Inneren des Mechanismus bewegte sich etwas zur Seite, und als Vera fester drückte, sprang der Riegel auf.

„Großartig!“ Ihre Mutter setzte sich neben sie, Vera klappte den Deckel auf, und sie beugten sich gemeinsam über den Inhalt. Ein staubiger, leicht muffiger Geruch stieg ihnen in die Nase. Der Koffer enthielt mehrere zusammengerollte Bögen aus dickem, handgeschöpftem Papier. Vera nahm einen heraus und rollte ihn auf. Es war die Zeichnung eines Blutkreislaufs mit lateinischen Benennungen in gestochener Schreibschrift, die Blutbahnen waren bis in feinste Verästelungen in blauer und roter Aquarellfarbe ausgeführt. Auch die anderen Bögen enthielten anatomische Zeichnungen: eine Lunge, ein Querschnitt der Hautschichten, eine Hand mit teilweise bloßgelegtem Muskelgewebe. Signiert waren sie mit Teresa Molinari, in derselben musterhaften Schrift wie die der lateinischen Namen.

„Ich wusste gar nicht, dass mamma so zeichnen konnte“, sagte Veras Mutter. „Die lasse ich rahmen und hänge sie in der Praxis auf.“

Vera legte die Papierrollen auf den Couchtisch und sah nach, was sich noch in dem Koffer befand. Ihr war, als hätten sie eine Zeitkapsel geöffnet. In einer marmorierten Bakelitdose lagen Haarbänder aus Samt und zwei Messingringe, die so klein waren, dass sie einem Kind gehört haben mussten. Der eine hatte einen grünen Stein, wahrscheinlich aus Glas, der andere ein vierblättriges Kleeblatt. „Das sind bestimmt Kindheitserinnerungen.“ Vera schloss die Dose wieder und legte sie ebenfalls auf den Tisch.

Die nächsten Fundstücke stellten sie vor ein Rätsel. Es waren drei Spatel, einer schmal und vorne abgerundet, der andere breit und rechteckig, der dritte trapezförmig wie ein Gipsspachtel. Das Holz der Griffe war durch die häufige Benutzung dunkel und glatt geworden.

„Ist das was Medizinisches?“, fragte Vera, aber ihre Mutter schüttelte den Kopf. „So was habe ich noch nie gesehen. Eigenartig.“

Ganz unten im Koffer lagen einige Fotos in unterschiedlichen Formaten, manche auf Papier, dessen Ränder in Wellenform geschnitten waren, andere auf Karton. Veras Mutter setzte ihre Brille auf, die an einer dünnen Goldkette um ihren Hals hing. „Das hier muss Teresa als Kind sein.“ Sie zeigte auf das Porträt eines ungefähr siebenjährigen Mädchens mit geflochtenen Zöpfen, das auf einem Hocker saß und ernst in die Kamera blickte. Im Hintergrund umrahmten üppige Stoffbahnen eine gemalte Landschaft. Ein anderes Bild zeigte eine hohe Glastür, an die sich zu beiden Seiten große Fensterfronten anschlossen. Über der Tür hing ein Schild mit der verschnörkelten Aufschrift Caffè Molinari. Lichter spiegelten sich in den Scheiben und verzerrten die Gestalten im Inneren, die Theke und das dahinterliegende Flaschenregal. „Ach, sieh mal, das Café!“, sagte Veras Mutter. „Was gab es da herrliche Nougatpralinen, weißt du noch?“

„Ja, die waren lecker. Haben deine Mutter und Tante Lidia sich eigentlich gut verstanden?“

Veras Mutter zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Viel Kontakt hatten sie nicht mehr, nachdem meine Mutter nach Deutschland gegangen war, aber es gab auch keinen Streit. Ich nehme an, ihre Leben waren einfach zu unterschiedlich. Lidia hat immer für das Café gelebt, aber das hat Teresa natürlich überhaupt nicht interessiert.“

Vera nickte und sah die restlichen Fotos durch. Eines zeigte ein Baby, das auf dem Schoß einer Frau mit üppigem Busen saß. Beide blickten starr in die Kamera, was wohl der langen Belichtungszeit und dem Versuch, den Säugling lange genug still zu halten, anzulasten war. Veras Mutter lachte leise. „Das ist deine Urgroßmutter, und das Baby muss Alessandro sein.“

„An den kann ich mich überhaupt nicht erinnern.“

„Er ist ein bisschen eigen, ich weiß gar nicht, ob er damals bei unserem Besuch dabei war.“

Es gab ein weiteres Bild, das vor dem gemalten Hintergrund mit den drapierten Stoffen aufgenommen worden war. Es zeigte drei junge Frauen, die die Arme umeinandergelegt hatten und so dicht zusammenstanden, als wären sie miteinander verwachsen. Alle drei trugen das gleiche lange Abendkleid, anscheinend aus Satin, wie die schimmernden Lichtreflexe auf dem Stoff vermuten ließen.

Die junge Frau auf der linken Seite lächelte etwas verhalten in die Kamera, die in der Mitte versuchte, mit ihren streng zurückgenommenen Haaren älter zu wirken, als sie war. Das Mädchen ganz rechts stach die anderen beiden mit ihrer jugendlichen Schönheit aus. Ihr offenes Haar bildete einen dunkel leuchtenden Rahmen um ihr Gesicht, das so zart und schön war, dass Vera das Wort „lieblich“ in den Sinn kam. Sie reckte der Kamera das Gesicht entgegen und lächelte verheißungsvoll.

„Wer ist denn die ganz rechts? Die ist ja so schön, dass man es kaum aushält“, sagte Vera. Ihre Mutter rückte sich die Brille zurecht. „Das in der Mitte ist Lidia und links von ihr mamma, aber die dritte kenne ich nicht. Vielleicht eine Freundin?“

Vera drehte das Bild um. Auf der Rückseite stand in altertümlicher Schrift: 1948, Le sorelle Molinari. Lidia, Teresa, Aurora.

„Die Schwestern Molinari“, sagte Vera langsam und sah von dem Foto zu ihrer Mutter. „Sie waren drei, Mama. Warum hast du mir nie etwas von Aurora erzählt?“

Ihre Mutter sah immer noch das Foto an, und es dauerte einen Moment, bis sie antwortete. „Weil ich noch nie von ihr gehört habe.“


Kapitel 2

2015

Auf dem Rückweg in die Stadt erzählte Finn ohne Pause, welche Manöver er und Opa mit der Drohne vollführt hatten. Doch nach einiger Zeit schweifte Veras Aufmerksamkeit ab. Sie dachte an den Inhalt des Koffers, der neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Damit würde sie Patrick, den Ressortleiter, überzeugen, eine Auslandsrecherche zu finanzieren. Wenn sie bei Großtante Lidia wohnen konnte, würde sie die Hotelkosten sparen.

Das Bild der drei jungen Frauen ging ihr nicht aus dem Kopf. Weshalb hatte ihre Großmutter niemals von der dritten Schwester gesprochen? Und was war mit ihr geschehen? Vera hatte nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken im Internet nach Aurora Molinari gesucht, jedoch nichts gefunden. Möglicherweise war ihre Großtante Aurora noch während des Krieges gestorben, ebenso wie Veras Urgroßeltern. Das Caffè Molinari war kurz vor Kriegsende ausgebrannt, so viel wusste Vera über die Familiengeschichte. Anscheinend hatte ihre Urgroßmutter die Kasse retten wollen und war von den Flammen eingeschlossen worden. War Aurora ebenfalls bei dem Brand umgekommen? Aber weshalb hatten die beiden anderen Schwestern nie über sie gesprochen? Etwas Einschneidendes musste damals passiert sein, und vielleicht war das sogar der Grund, weshalb Teresa ihre Heimat verlassen hatte?

Vera arbeitete lange genug als Journalistin, um eine gute Geschichte zu erkennen, wenn sie auf eine stieß, und eine Geschichte, die so viele Fragen aufwarf, war gut.

„Nächstes Wochenende gehen Opa und ich in den Forst und filmen mit der Drohne im Wald“, sagte Finn gerade, „vielleicht erwischen wir sogar ein Eichhörnchen!“

„Das wird sich bestimmt wundern, wenn es auf einmal eine riesige, brummende Fliege vor sich sieht“, sagte Vera, und Finn lachte sein glucksendes Kinderlachen, für Vera das schönste Geräusch auf der Welt. Sie hatte ihm vor nicht allzu langer Zeit einen Witz nach dem anderen erzählt und währenddessen sein Lachen aufgenommen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis es ihm abhandenkam. Einerseits wollte sie, dass er groß wurde, weil es sie zumindest teilweise aus der Verantwortung für ihn entließ, doch ein anderer Teil von ihr betrauerte, dass das Kind, das er jetzt noch war, für immer verschwinden würde.

Sie parkte vor dem Sendergebäude, und sie stiegen aus. „Dauert das lange?“, wollte Finn wissen.

„Eine halbe Stunde oder so.“

Finn ächzte. „Kann ich hierbleiben und Skateboard fahren?“

Vera sah sich um. In der Nähe waren nicht viele Leute unterwegs, aber im angrenzenden Park sah sie bunte Flecken zwischen den Büschen, Kinderstimmen drangen herüber. Falls etwas passierte, würde Finn Hilfe rufen können. Und er hatte ja auch sein Telefon. Sie wusste, wie neurotisch sie sich verhielt, konnte aber nichts dagegen unternehmen. Dass die Mütter von Finns Klassenkameraden zum Teil noch tiefer über ihren kostbaren Kindern kreisten als sie, war keine Entschuldigung. Sie wusste, dass es anders sein sollte, dass sie Finn zutrauen sollte, eine Zeit lang alleine auf einem Parkplatz Skateboard zu fahren, aber vermutlich würde sie keine ruhige Sekunde haben, solange sie in Patricks Büro saß.

„Du bleibst aber hier auf dem Parkplatz, klar?“, sagte sie, während sie den Kofferraum öffnete, sodass Finn sein Skateboard herausholen konnte.

„Ja, klar“, sagte er nachsichtig, stellte einen Fuß auf das Board und schob mit dem anderen an. Im Davonrollen hob er lässig die Hand, ohne sich umzusehen. Vera holte noch den Koffer aus dem Wagen und ging zum Haupteingang, wo sie sich noch einmal umdrehte. Beruhigt sah sie Finns knallgrünes T-Shirt am anderen Ende des Parkplatzes leuchten.

Im Gebäude war es kühl und wesentlich ruhiger als unter der Woche. Sie stieg die Treppe hinauf bis in den vierten Stock und trat leicht außer Atem in Patricks Büro, dessen Tür wie immer offen stand.

„Ah, die Sonne geht auf!“ Patrick begrüßte so jeden, der in sein Büro kam, egal, ob es die Praktikantin oder der Hausmeister war.

„Allmählich könntest du dir ein paar neue Komplimente zulegen.“ Vera legte den Koffer auf den Schreibtisch und küsste Patrick zur Begrüßung auf die Wange.

„Wenn ich Zeit dazu hätte, würde ich’s tun, aber du siehst ja – sogar am Sonntag prügelt man mich hinter den Schreibtisch.“

„Ich glaube eher, dass man dich prügeln müsste, um dich hier rauszujagen.“ Vera nahm sich eines der Schokoladenbonbons, die auf Patricks Tisch standen und neben dem Kantinenessen mitverantwortlich für seinen Bauchansatz waren.

„Wo soll ich auch hin?“, sagte er mit Leidensmiene. „Keine Frau, keine Kinder, kein trautes Heim …“

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen.“ Patrick lebte mit seinem Freund, einem Banker, in einem Fabrikloft am Hackeschen Markt.

„Lass uns mal über dieses Feature sprechen, das ich dir anbieten will.“

„Das über deine Großmutter, die Wissenschaftlerin?“

„Genau. Meine Mutter hat ein paar Sachen von ihr auf dem Dachboden gefunden, und dabei ist eine ganz eigenartige Sache rausgekommen.“ Sie erzählte Patrick von Aurora und zeigte ihm das Foto der Mädchen.

„Sehr geheimnisvoll.“ Patrick strich sich über seinen Musketierbart. „Und das mit dem Café ist auch gut. Von der Gastronomie zur Wissenschaft, kann ich mir gut vorstellen.“

„Der Haken ist, dass ich für die Recherche nach Turin fahren müsste.“

„Für wie lange?“

„Ein bis zwei Wochen, je nachdem, wie ich vorankomme. Ich wollte meine Verwandten befragen, die Schwester und ein Bruder meiner Großmutter leben noch. Und wegen der geheimnisvollen dritten Schwester werde ich mich vor Ort in Zeitungsarchiven umsehen.“

„Also, eine Tagespauschale kann ich dir leider nicht zahlen“, sagte Patrick. „Und auch kein Hotel. Zwei Tage gingen, aber zwei Wochen …“

„Ich kann sicher bei meiner Großtante wohnen“, sagte Vera schnell. „Im selben Haus ist auch meine Großmutter aufgewachsen.“

„Wunderbar, dann passt das doch. Dann machen wir wie immer Zweitausendachthundert für sechzig Minuten, plus Recherchepauschale von fünfhundert – als Beitrag zu den Reisekosten, Verpflegung undsoweiter. Gut für dich?“

„Perfekt.“ Vera ließ sich nicht anmerken, wie zufrieden sie war. Sie hatte mit einer Länge von höchstens dreißig Minuten gerechnet, und die Recherchepauschale war Musik in ihren Ohren. Zusammen mit Toms Unterhaltszahlungen bedeutete das zwei Monate finanzielle Sicherheit für Finn und sie. „Danke, Patrick.“

Er winkte ab. »Ach, geh! Ist ein super Thema, ich hab zu danken! Kommst du heute Abend mit mir und Frank ins Geist im Glas?

„Geht leider nicht, Mutterpflichten, aber amüsiert euch gut.“ Vera stand auf. „Ich muss los, Finn wartet unten auf mich.“

Patrick schniefte dramatisch und winkte ab. „Genießt nur alle das schöne Wetter!“

Vera lachte. „Der Kapitän bleibt auf der Brücke, so ist das nun mal.“


Als sie aus dem Haupteingang trat, kam ihr das Licht greller vor. Sie beschattete mit einer Hand ihre Augen und hielt Ausschau nach Finns grünem T-Shirt. Es war nirgendwo zu sehen. Vielleicht übte er gerade hinter einem der geparkten Autos. Sie ging über den Parkplatz auf ihren Wagen zu und behielt dabei die Umgebung im Auge. Kein Finn. Er muss hier irgendwo sein. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse und scannte den gesamten Parkplatz, mechanisch, Stück für Stück. Finn war nicht da. Die Angst packte ihre Eingeweide und wrang sie wie einen Putzlappen. Einen Moment lang fühlte sie sich vollkommen hilflos. Sie rief nach Finn, doch es kam keine Antwort. Erst dann fiel ihr das Telefon ein. Sie kramte in ihrer Tasche, fand es endlich, konnte in der Sonne das Display aber nicht erkennen und kauerte sich hinter ihrem Auto in den Schatten. Ihre Finger zitterten, als sie die PIN und dann die Kurzwahl für Finns Nummer eintippte. Sie presste sich das Telefon ans Ohr, verstopfte mit dem Zeigefinger das andere. Es klingelte. Zweimal, dreimal. Nach dem vierten Mal würde die Mailbox rangehen. Ihre Eingeweide zogen sich noch mehr zusammen.

„Hallo?“

Sie war so erleichtert, Finns Stimme zu hören, dass sie erst bewusst einatmen musste, bevor sie sprechen konnte. „Sag mal, wo steckst du denn? Ich bin hier am Auto.“ Locker, damit er die Sorge in ihrer Stimme nicht wahrnahm.

„Ich bin im Park. Auf dem Parkplatz war es langweilig. Hier gibt’s so niedrige Geländer, da kann man super grinden.“

Vera schloss die Augen. „Ich bin fertig mit meinem Termin. Kommst du bitte?“

Keine Minute später rollte Finn auf sie zu, sprang im Fahren vom Board, trat auf das hintere Ende, sodass es in die Luft schnellte, und fing es geschickt auf. „Alles klar?“

„Bei mir schon. Aber bei dir nicht.“ Weshalb äußerte sich Erleichterung so oft als Zorn? „Ich hab dir doch gesagt, du sollst hierbleiben. Wenn du dich nicht an unsere Absprachen hältst, kann ich dich nicht mehr alleine lassen.“ Hör dir selbst zu, zum Kotzen.

„Och Mann, es ist doch gar nichts passiert!“ Finn strich sich den verschwitzten Pony, der ihm bis zur Nasenspitze reichte, aus dem Gesicht.

„Ich muss aber wissen, wo du steckst. Schick wenigstens eine Nachricht, wenn du woanders hingehst als verabredet! Okay, Äffchen?“ Sie strich ihm über den Kopf. Er ließ es sich eine Sekunde lang gefallen, bevor er ihre Hand abschüttelte.

„Ja, okay.“

„Komm, pack dein Board ein.“

Die ganze Rückfahrt lang war ihr übel. Dieses Mal war Finn nichts passiert, aber sie wurde das Gefühl nicht los, das Schicksal herausgefordert zu haben. Sie versuchte, es abzustreifen. Früher hatte sie vor nichts Angst gehabt, im Gegenteil, sie hatte es sogar genossen, möglichst riskante Dinge zu tun, aber seit Finn auf der Welt war, schien ihr gemeinsames Leben nur noch aus Gefahren zu bestehen. Was würde aus Finn, wenn ihr etwas zustieße? Sie flog nicht einmal mehr, wenn es nicht sein musste, so sehr hatte diese abergläubische Furcht sie im Griff. Sie musste wachsam sein, jeden Augenblick, sonst würde etwas Schreckliches passieren.

Kapitel 3

2015

„Carinas Tochter? Wie schön, von dir zu hören, cara cugina.“ Maurizios tiefe Stimme ließ Veras Trommelfell vibrieren.

„Ich weiß, ich hätte mich schon längst einmal melden sollen, aber du weißt ja …“ Er unterbrach sie. „Natürlich, kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich freue mich, dass du dich jetzt meldest. Kaum zu glauben, du warst ein kleines Mädchen, als wir uns zuletzt gesehen haben. Ich wüsste zu gerne, wie du jetzt aussiehst.“

„Das lässt sich machen. Ich rufe an, weil ich in den nächsten Tagen nach Turin komme und mich gerne mit dir und Tante Lidia treffen würde.“ Vera machte eine kleine Pause. „Ich arbeite als Radiojournalistin und mache eine Sendung über Teresas Leben. Meinst du, ich könnte ein Interview mit euch führen?“

„Was mich betrifft, gerne“, schnurrte Maurizio. „Was meine Mutter angeht, muss ich natürlich sie fragen. Warte bitte einen Moment.“

Im Hintergrund hörte Vera Stimmengewirr, Tellergeklapper und das Zischen einer Espressomaschine. Das Molinari schien gut besucht zu sein. Sie hörte Maurizio mit jemandem sprechen, dann war er wieder am Apparat.

„Vera? Tut mir sehr leid, aber sie sagt, sie möchte nicht über die Vergangenheit reden.“

Dass ihre Großtante kein Interesse an dem Feature haben würde, hatte Vera nicht einkalkuliert. Damit wäre das Projekt gestorben.

„Könnte ich kurz selbst mit ihr sprechen?“

„Ich frage sie.“ Es dauerte eine halbe Minute, dann meldete sich eine brüchige Stimme. „Vera? Hier spricht deine Tante Lidia.“

„Wie geht es dir?“

„Hervorragend. Früh aufstehen und harte Arbeit machen ein langes Leben.“

„Das ist schön zu hören. Ich würde dich sehr gerne von meinem Vorhaben überzeugen. Es wäre für eine Sendereihe, in der es um Frauen geht, die etwas Besonderes erreicht haben, die ihren Weg gemacht haben, trotz aller Schwierigkeiten – so wie du und Teresa. Es war sicher nicht leicht, damals nach dem Krieg.“

„Ha, das könnt ihr Jungen euch gar nicht mehr vorstellen! Unser letztes Geld haben wir ins Café gesteckt und gearbeitet bis zum Umfallen.“

Jetzt einhaken! „Und genau das ist so interessant, Tante Lidia. Wie ihr das hinbekommen habt, trotz der miserablen Bedingungen, daran können sich junge Frauen heute ein Beispiel nehmen. Und natürlich wäre es auch Werbung für das Café und eure Pralinen – die Sendung wird bundesweit ausgestrahlt und kann per Internet auf der ganzen Welt gehört werden.“

„Tatsächlich? Du meinst, deine Sendung würde uns bekannter machen?“ Lidia klang auf einmal viel lebhafter.

Jetzt hab ich dich, dachte Vera, während das schlechte Gewissen an ihr zupfte, weil sie ihre Großtante so bedrängte. Aber wenn sie diese Geschichte machen wollte, durfte sie nicht lockerlassen. „Ganz sicher“, sagte sie deshalb, „die Leute werden neugierig, wenn sie hören, dass es im Molinari die besten Giandujapralinen Turins gibt.“

Am anderen Ende der Leitung war für einige Sekunden nur Lidias schwerer Atem zu hören. Vera vergegenwärtigte sich, dass sie weit über achtzig war. Ein Wunder, dass sie noch immer im Café arbeitete, aber wahrscheinlich übernahm Maurizio inzwischen die meisten Aufgaben.

„Nun gut, du gehörst ja zur Familie“, sagte Lidia schließlich mit brüchiger Stimme. „Komm nach Turin, sieh dir das Café an, und ich erzähle dir, wie alles angefangen hat.“

„Das ist ja großartig, Tante Lidia, ich freue mich wirklich sehr!“

Statt Lidia antwortete wieder Maurizios Bassstimme. „Respekt, du hast sie überzeugt. Übrigens kannst du gerne bei uns wohnen, Platz haben wir genug.“

„Das wäre toll. Störe ich auch nicht, wenn ich mich bei euch einniste?“

„Wir werden doch ein Familienmitglied nicht im Hotel schlafen lassen, was denkst du eigentlich? Weißt du schon, wann du kommst?“

„Ich muss noch buchen, aber wahrscheinlich übermorgen.“

„Ich freue mich auf dich, Cousinchen.“

Sie tauschten ihre Handynummern aus, dann legte Vera auf. Geschafft!

Wichtig war, dass Lidia grundsätzlich zu einem Gespräch bereit war.

Sie rief Tom an, um ihm zu sagen, dass Finn für ein paar Tage zu ihm käme, buchte dann den Nachtzug und schickte Maurizio eine Nachricht mit ihrer Ankunftszeit. Dann druckte sie die Fahrkarte aus und steckte sie in ihr Notizbuch. Innerlich wurde sie kribbelig, wie immer, wenn ihr eine Reise bevorstand, eine Mischung aus Vorfreude und Unruhe, ob sie in Turin die Informationen bekommen würde, die sie brauchte.

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