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Mädchen für alles

Mädchen für alles

Roman

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Mädchen für alles — Inhalt

Das neue Buch von Charlotte Roche:

so unverschämt böse wie komisch.

 

Ihre Ehe? Horror.
Ihr Kind? Egal.
Ihre Zukunft? Rosig.

Denn sie hat jetzt ein Mädchen für alles. Und einen ziemlich guten Plan.

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 05.10.2015
240 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-05499-7

Leseprobe zu »Mädchen für alles«

1. Kapitel


Jetzt gehen die wieder an meinen Kühlschrank! Die sind wie eine Meute hungriger Wölfe. Oder sagt man Rudel? Egal. Alle haben sich in unserem Haus verteilt. Manche sitzen sogar auf unserem Bett und quatschen schön ein bisschen. Hoffentlich bleibt’s dabei. Ey, wehe! In der Küche findet so was wie eine Stehparty im Sitzen statt. Auf der Arbeitsfläche. Ein Rock sitzt fast im Käse.
Ich schaue mich um und sehe nur hässliche junge Menschen und die buckelige Verwandtschaft meines Mannes. Ist das schon ein Grund für eine Scheidung? Dass mein Mann [...]

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1. Kapitel


Jetzt gehen die wieder an meinen Kühlschrank! Die sind wie eine Meute hungriger Wölfe. Oder sagt man Rudel? Egal. Alle haben sich in unserem Haus verteilt. Manche sitzen sogar auf unserem Bett und quatschen schön ein bisschen. Hoffentlich bleibt’s dabei. Ey, wehe! In der Küche findet so was wie eine Stehparty im Sitzen statt. Auf der Arbeitsfläche. Ein Rock sitzt fast im Käse.
Ich schaue mich um und sehe nur hässliche junge Menschen und die buckelige Verwandtschaft meines Mannes. Ist das schon ein Grund für eine Scheidung? Dass mein Mann seinem kleinen Bruder erlaubt hat, in unserem Haus seine Hochzeit zu feiern? Sein Bruder ist wirklich viel jünger als er, irgend so eine Art ­Unfall, oder wie nennt man das? Nachzügler? Nesthäkchen? Weil er im Vergleich zu meinem Mann so jung ist, ist es eher keine Bruder­beziehung, sondern eine Vater-Kind-Beziehung. Jörg stimmt oft irgendwelchen absurden Dingen zu, die der kleine Bruder, Arne, anfragt. Diesmal ist es, wie so oft, falsch rum gelaufen. Mein Mann hat mich gefragt, ob sein kleiner Bruder in unserem Haus seine Hochzeit feiern darf, ich habe Nein gesagt, da musste mein Mann mir gestehen, dass er aber leider die Üblichkeiten nicht eingehalten hat, seinem Bruder das schon erlaubt hatte, bevor er mich gefragt hat, und jetzt wegen mir und meiner Absage in der Zwickmühle sitzt.
So wie ich die Situation beurteile, sitzt er nicht in der Zwickmühle wegen meiner Absage, sondern wegen seinem voreiligen Erlauben. Aber egal. Es ist jetzt, wie es ist. Arne feiert seine meiner Meinung nach viel zu frühe Hochzeit jetzt gegen meinen Willen in unserem Haus. Hat das schon mal jemand gehört? Wie wär’s, er arbeitet erst hart, hat dann ein Haus und heiratet dann da drin? Oder wie wär’s mit Hotel oder Kneipe?
Wenn ich jetzt hier rumlaufe und eine Flappe ziehe, wie ich gerne würde, denken alle, ich bin eine frustrierte Hausfrau, also lächel ich, ich versuche, das Lächeln so natürlich wie möglich aussehen zu lassen.
Achtung, gleich kann ich es kontrollieren, an der Treppe im Flur unten hängt ein kleiner Spiegel, mit Möwen dran aus Blech, was auch immer das soll. Als wir das Haus eingerichtet haben, war ich voll mit Hormonen, Nestbautrieb, haben alle zu mir gesagt, ja ja, da war ich wohl etwas kitschig unterwegs, hat schlagartig aufgehört nach der Geburt meiner Tochter, das Kitschigsein.
Ich verlangsame meine Schritte, versuche das natürlichste Lächeln überhaupt, schaue nur den Bruchteil einer Sekunde in den Spiegel und finde das Lächeln gar nicht natürlich. Scheiße, klappt nicht, das Überspielen meiner wahren Gefühle. Mein Gesichtsausdruck sieht eher verzweifelt aus als locker, glücklich, frei.
Ich muss was tun, ich will nicht, dass diese ganzen fremden Arschlöcherfreunde von meinem Pupsischwager meine Gefühle sehen können. Ich gehe in die Küche und hole die Melonen aus dem Kühlschrank. Das war auch die Idee von meinem kleinen schwer verliebten Schwager Arne. Hat er wohl von Jamie Oliver. Den spricht er zu allem Überfluss auch noch immer französisch aus. Er hat schon vor ein paar Tagen mit einer großen Spritze und einer dicken Kanüle von der Apotheke mehrere Melonen mit Wodka präpariert. Man zieht die Spritze mit Wodka auf und spritzt mehrere Ladungen Wodka rein. Man muss sie regelmäßig umdrehen, weil sich sonst der ganze Wodka in die untere Kurve legt, durch die Erdanziehung. Offensichtlich ist in einer Wassermelone noch viel Platz für viel Wodka, weil er da so einiges reingeballert hat, er kam vor seiner Hochzeit die Tage mehrmals ­vorbei und hat immer noch ein Plätzchen darin gefunden. Der hat mit Sicherheit zwanzig, dreißig Shots Wodka reingepackt. Wenn die Gäste diese Melonen essen, geht’s hier ab.
Ich nehme mir ein Wasserglas, zwei Eiswürfel und mache das ganze Wasserglas voll mit purem Wodka. Alle sind in wichtige Gespräche vertieft, ich trinke einen großen Schluck und stelle das Glas oben auf den Küchenschrank.
Ich kann das Zeug kaum runterschlucken, finde, es schmeckt sehr chemisch, pur, aber ich zwinge mich, für die Wirkung. Muss hier körperlich anwesend sein, aber keiner kann mich zwingen, geistig anwesend zu sein. Ha!
Ich nehme mir in meiner eigenen Küche ein großes Hackbrett und unser Fleischhackebeil, hole eine Melone aus meinem Kühlschrank und schlage mit einer gezielten Bewegung und viel Schmackes drauf und treffe leider nicht wie geplant die Mitte der Melone. Bei dem Krach auf dem Hackbrett hören alle auf zu reden und gucken mich an. Ich schneide die schlecht geteilte Melone in Verzehrhappen und frage cool in die Runde: »Wodka-Melone ­gefällig?« Das Wort gefällig sagt man nur, wenn man sich sehr ­unwohl fühlt. Okay, Chrissi, ab geht’s mit der Kellnerinnenperformance.
Ich hole einen schönen großen, mexikanisch aussehenden Teller und stapel mit meinen ungewaschenen Händen die Melonenspalten auf den Teller, ich laufe rum, lächel alle an und biete die Spalten jedem einzelnen Gast an. Ich komme auch an meinem Mann vorbei, er guckt mich etwas ängstlich an. Zu Recht! Nimmt aber auch ein Stück Melone. Den meisten Leuten sage ich: »Vorsicht, da ist viel Wodka drin«, außer bei den beiden Hochschwangeren, die im Türrahmen stehen und alles verstopfen, ich halte es ihnen kommentarlos hin, sie nehmen jede ein Stück, ich lächel sie breit an und gehe mit meinem Tablett auf einer Handfläche balanciert weiter, aber ich lasse meine Ohren da. Sie reden an der Stelle weiter, an der ich sie unterbrochen habe. Und die eine sagt zur anderen: »Wir nehmen dann eine Babysitterin für die Zeit.«
Die nehmen eine Babysitterin. Das ist ja gut! Warum bin ich da noch nicht draufgekommen. Irgendwie denke ich immer, alles Gute ist nicht für mich, Arbeitserleichterung ist nicht für mich. Damit ist jetzt Schluss. Das ist es. Eine Babysitterin. Sehr gut!
Ich hatte mal einen Beruf, um den mich viele beneidet haben, aber ich habe den Druck nicht ausgehalten, und dann habe ich mir ausgedacht, dass es für mich besser sei, ein Kind zu bekommen, dann könnte ich aufhören zu arbeiten. Aber, ganz ehrlich, ein Kind haben ist viel anstrengender und mit viel mehr Druck­ ­verbunden als die Arbeit, die ich vorher hatte. Voll verplant! Das ganze Leben eigentlich.
Okay, sage ich zu mir selber, Chrissi, du bist sauer, dass hier in deinem Haus gegen deinen Willen gefeiert wird von Leuten, die du nicht leiden kannst. Aber du musst auch ehrlich sein, deine ­Periode steht an. Der Bauch ist aufgebläht, du fühlst dich zehn Kilo schwerer, gib’s zu, der Hauptgrund für deine Aggressivität ist nicht Jörgs Bruder, sondern deine Gebärmutter.
Melone ist alle. Für mich ist das eine gute Ablenkung. Ich gehe zum Kühlschrank und hole die nächste raus. Ich schaue mich wieder um, keiner achtet auf mich, ich stell mich auf meine Zehenspitzen und nehme mein Wasserglas vom Küchenschrank runter. Trinke einen großen Schluck und krieg’s wieder kaum runter. Ekelhaft schmeckt das, aber gute Wirkung, also Chrissi, piss dich nicht so an, runter damit!
Die meiste Zeit der Hochzeitsparty verbringe ich damit, den Gästen mit Alkohol vergiftete Melonenspalten zu servieren. Ich muss mich richtig konzentrieren, vernünftig zu sprechen und zu gehen. Das gönn ich hier keinem, zu merken, dass ich einen im Tee habe.
Ich stehe jetzt im Wohnzimmer und beobachte die Braut, die hat nun wirklich sehr danebengegriffen. Satinkorsagenkleid, bisschen wie Goths es machen würden, aber eben ohne ein Goth zu sein. Chucks dazu und Brille. Aber was für eine, die sind, glaube ich, gerade modern, eher klein und rechteckig mit knallkirschrotem Plastikrahmen. Also, schön ist das nicht. Kann die nicht wenigstens zu ihrer Hochzeit für die Fotos Kontaktlinsen anziehen? Ich glaub, das frag ich die gleich mal. Nein, das machst du nicht, Chrissi, du spinnst ja wohl, du weißt genau, ungefragt negative Dinge zum Äußeren zu sagen ist nicht gut, kommt nicht gut an, und wer ist dann die Hysterische? Du! Das ist die Periode in dir, die das machen will. Am Ende musst du dich wieder bei allen entschuldigen, bitte mach das nicht. Tu dir das selber nicht an. Oft genug schon passiert, so was, leider. Ich stehe mir selber viel im Weg rum.
Ich spüre meine Beine Richtung Terrassentür gehen, ich halte der Braut die Melone hin und frage: »Bisschen Melone für die glück­liche kleine Brillenschlange?« Chrissi, du bist so eine Asi­kuh! Sie lächelt mich freundlich an, nimmt die Melone, riecht daran, sie weiß ja von ihrem Mann, dass er was vorhatte mit Melonen. Sie lächelt und beißt genüsslich hinein. Schlimm, diese jungen verliebten glücklichen Menschen, da könnt ich ausflippen! Sie merken nicht mal, wenn sie beleidigt werden. Haltet mich zurück, sonst wird meine Gebärmutter hier noch ausfallend. Ihh, das klingt ekelhaft, sogar im Kopf.
Ich habe auch ganz fatale Gedanken über meinen Mann, ich finde ihn schwach seiner Familie gegenüber. Wenn man eine Frau hat, muss man ihr gegenüber loyal sein und nicht mehr der übergriffigen Familie von früher. Wie heißt die Kackfamilie, aus der man kommt? Kernfamilie? Warum ist das bei uns nicht so wie bei den Tieren? Die meisten gehen doch einfach weg von den Eltern, wenn sie geschlechtsreif sind, also bei uns wäre das so mit vierzehn. Das fänd ich gut. Und dann, wie im Tierreich, sieht man auch seine Eltern nie wieder. Danke fürs Großziehen und tschüss, dann hat man die nicht an der Backe, bis die was?, achtundneunzig werden. Oh Gott. Dann müsste ich jetzt auch nicht klarkommen mit Jörgs Familie. Dann hätten wir nur unsere. Wär das schön, nur die eigene, selbst ausgesuchte!
Diese Hochzeit in unserem Haus gegen meinen Willen ist nur eine von vielen Entscheidungen, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass mein Mann auf meiner Seite steht, er aber Verständnis dafür will, dass er seiner Familie immer alles zusagen muss. »Ach bitte, Schatz«, hat er gesagt, »kooomm, mein kleiner Bruder, was soll ich ihm denn sagen, warum er nicht in unserem Haus feiern kann«, und so weiter, wenn ich mich durchsetze, bin ich sonst wieder der Buhmann.
Nee, nee, das mach ich nicht mit. Ich geh jetzt ins Bett. Merkt doch eh keiner, ist ja nicht meine Hochzeit hier, ich kann machen, was ich will, im Gegensatz zum unter Beobachtung stehenden Brautpaar. Ich gehe ganz langsam und unauffällig unsere gelb-weiße Treppe hoch, halb abgeschliffen damals beim Einzug, niemals richtig fertig gemacht, wie so vieles hier drin. Irgendwann sieht man das nicht mehr, hab ich gedacht, ich seh es aber trotzdem noch. Hmmm.
Wie im Tierreich, damit die anderen Tiere mich nicht so wahrnehmen, schleiche ich mich in meinem eigenen Haus, Blick zum Boden, in mein Schlafzimmer, unser Schlafzimmer. Ich schließe die lichtdichten Rollos direkt am Fenster, darüber, weil die lichtdichten hässlich sind, die schönen Samtvorhänge. Dunkelblau, wie die Nacht. Schön. Dunkel ist fast so entspannend wie tot. Herrlich! Rein für die Optik, bisschen bescheuert, merk ich grad, wenn’s eh dunkel ist, na ja, die Fehler, die man so beim Einrichten macht.
Ich leg mich auf Jörgs Seite des Bettes, mache meinen Rücken ganz gerade und schwer auf dem Laken, wickel die Bettdecke um meine Füße, wickel den oberen Teil um meine Oberarme und stopf sie ein bisschen unter meinen Schulterblättern fest. Der Bezug der Decke und das Laken fühlen sich beim Reinschlüpfen noch kühl und hart an, aber die Körperwärme macht sie gleich weich und fließend. Ich denke so Sachen wie: Ich bin ganz klein, kann eh nichts ändern, loslassen, loslassen, Chrissi, denke an das Universum, wie klein du bist, es war schon immer da, du bist im Vergleich zum Universum bald tot. Das Universum ist ­eigentlich ganz schön gruselig in seiner Riesigkeit und Nichtverstehbarkeit und Unendlichkeit, es hat einfach zu viele -keits, um dahintersteigen zu können. Aber es gibt mir das Gefühl von Kleinheit. Und dann kann ich endlich schlafen. Zack, schon bin ich in diesem Zustand zwischen wach und schlafend. Wenn mich jetzt jemand stören würde, wäre ich wieder hellwach, wenn mich keiner stört, bin ich gleich weg. Keiner stört mich, also bin ich weg, ab ins Schlafland. So schön.
Ich werde von einem Gewackele an meinem Fuß geweckt. Ich bleibe erst mal still liegen, weil ich überhaupt nicht weiß, was los ist. Könnte ja ein Tier sein, eine Schlange, ein Hund, oh Gott, die Vorstellung, die beißen mir in den Fuß! Still bleiben, nicht ­zucken. Dann spricht es plötzlich im Zimmer. Das sind Leute, ich dreh durch, in meinem Schlafzimmer, da fällt mir wieder diese unsägliche Hochzeit meines Schwagers ein. Diese beiden Leute da am Fußende sind schwer verliebt oder auf jeden Fall schwer geile Partygäste. Wahrscheinlich hab ich die ­abgefüllt mit der Melone. Oh nee. Boah, wie lang hab ich ge­schlafen?
Ich bleib einfach ganz still liegen, die haben mich bis jetzt noch nicht bemerkt, vielleicht werde ich ja Zeuge sexueller Handlungen, das wär ja was! Mir kommt die Stimme von dem Mann bekannt vor, der redet ein bisschen Hamburger Slang. Denen hab ich wirklich Wodka-Melone angedreht, also, ganz ehrlich: Bin ich auch alles selber schuld, was hier gleich passiert. Sie scheinen ziemlich stramm zu sein, wälzen sich am Fußende ständig hin und her, sie kichert, er hamburgert was in ihr Ohr, das ich leider nicht verstehen kann. Die merken meine Beine nicht, die merken gar nichts mehr. Ich atme ganz ruhig, vielleicht machen die ja noch mehr.
Scheint eine gute Hochzeit zu sein für meinen kleinen bekloppten Schwager, wenn die Leute sich schon so weggeballert haben, auch wenn ich denen die Melone jetzt angeboten habe. Ich weiß aus Erzählungen, dass es immer gut ist, wenn man nach einer Hochzeit von Entgleisungen der Hochzeitsgäste berichten kann und alle damit zum Lachen bringt. Weil, wer will schon erzählen: Es war eine wunderschöne Hochzeit, das Brautpaar passt gut zusammen, das Essen war toll, und ALLE HABEN SICH GUT BENOMMEN UND GUT VERTRAGEN. Keiner will das erzählen! Jeder will erzählen: Weißt du noch, als Dingsi und Bumsi auf der Gastgeberin hackestramm gebumst haben oder Fredo irgendwo hingekotzt hat und Heinz und Hässlich-wie-die-Nacht sich voll geprügelt haben im Garten? Da freu ich mich doch, dazu beitragen zu dürfen, dass diese Geschichten über die Hochzeit meines Schwagers erzählt werden können.
Wann springe ich auf, damit die beiden einen Herzinfarkt bekommen? Ich warte noch, fühle mich wie Andreas Kieling beim vorsichtigen Filmen irgendwelcher Tierpaarungen.
Ach Mann, Chrissi, flirting with desaster, du könntest die auch jetzt einfach erschrecken und rausschmeißen. Machst du aber nicht. Neeeee. Wenn jemand, wie die beiden Saufis hier, so ins offene Messer rennt, dann muss man auch ein bisschen zustoßen, dass es richtig reingeht. Das habe ich mal gelesen in einem Jack-Reacher-Krimi, wie schwer es eigentlich ist, selbst mit ­einem scharfen Messer richtig reinzukommen in den Rumpf. Sagen wir mal, das Messer ist gekrümmt oder nur an einer Seite scharf, kriegt man es wirklich nur schwer rein, das heißt, wenn man es eilig hat und die Person sich wehren könnte oder weglaufen, muss man direkt beim ersten Mal richtig doll, so feste, wie man kann, zustoßen, vielleicht auch mit beiden Händen zusammen und richtig mit Armkraft.
Ich lege meinen Kopf langsam seitlich, um auf meine Digi­taluhranzeige zu schauen. Es ist 15:51 Uhr. So was liebe ich ja. Oh Mann, da krieg ich direkt bessere Laune, nachdem diese Hooligans mich hier wie ein dreckiges Bettlaken behandeln. Aber meine Chance wird kommen. Ich spüre Haut an meinem Fuß. ­Iiiihhh. Da ist wohl was verrutscht bei den Notgeilen. Ganz vorsichtig bewege ich meinen Fuß in die Richtung, aus der die Haut kam. Ich fühle was Weiches, sehr Schwabbliges, oh Gott, manche Frauen haben aber auch Pech mit ihren Genen, das ist der Arsch oder Oberschenkel von der Frau, da wäre es doch gelacht, wenn ich nicht mit dem Dicken Onkel da irgendwo reinkäme. Die rollen hin und her und hecheln und stöhnen immer wilder, und ich bohre mit meinem dicken Zeh zwischen den Fettröllchen und Stofffalten durch, jetzt stecke ich irgendwo drin, aber ich bin mir nicht sicher, kann alles Mögliche sein. Ich ärgere mich sehr, dass ich meinen dicken Zeh nicht früher mehr auf Feinmotorik trainiert hab. Dann könnte ich jetzt besser fühlen, wo ich bin. Eine Ménage-à-trois, ich kann’s noch nicht mal im Kopf aussprechen, ohne dass die anderen beiden wissen, dass wir drei sind.
Ich gehe über zum ursprünglichen Plan A und erschrecke sie und treibe sie auseinander wie zwei sich paarende läufige Hunde. Das sagt man, glaub ich, nicht, weil läufig ja nur Hündinnen sein können, whatever. Ich gehe mit meinem Oberkörper nach oben, wie ein Vampir, der sich in seinem Sarg aufsetzt, nur ohne das Quietschen. Die beiden erschrecken sich total, sie fällt links fast aus’m Bett, und er springt rechts weg. Beide sind ganz blass, und keiner sagt was. Ganz still und erstarrt alles. Ich versuche, sie ganz neutral anzugucken, schlage die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Und gehe einfach aus dem Zimmer, weil sie es nicht tun. Ich lasse die Tür weit offen stehen und gleite wie ein Gespenst die Treppe runter. Ich höre noch von ihr den leise gesprochenen Satz: »Was sollte das denn jetzt?« Tja. Weiß ich auch nicht genau. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Wer hat sich denn hier auf wen gelegt? Die haben ja wohl angefangen!
Ich gucke mich um, immer noch ist das ganze Haus voll mit fremden Leuten. Ich habe nicht lang genug geschlafen, um den Alkohol im Körper abzubauen.
Ich gehe in die Küche, schaue mich noch einmal um, recke mich zu meinem Wasserglas hoch, alle sind in lustige Gespräche vertieft, ich sehe meinen Mann nicht, die Braut mit Brille stößt grad mit jemandem an, und ich stoße mit mir selber an. Ich führe langsam und genüsslich das Glas an die Lippen, ich nehme einen großen Schluck und direkt noch einen, dabei kommt mir fast die Kotze hoch, aber runter damit. Draußen auf der kleinen Terrasse, die von der Küche abgeht, schreit eine Frau kurz auf. Ich gehe automatisch hin, obwohl ich eigentlich denke, alles Schlechte, das euch passiert, ist gut. Sie hat sich wohl erschreckt über etwas, das von oben kam, jetzt liegt es da auf der Terrasse vor ihr. Es ist der Eichhörnchenkobel von dem Eichhörnchenpärchen, das den auf dem Fensterbrett des Kinderzimmers für seine Jungen gebaut hat. Er sieht einfach aus wie ein fein gebautes Vogelnest, nur dreimal so groß. Keiner fasst ihn an, alle sagen: »Iiihh, bah, was ist das, wo kam das her, aus dem Himmel? Vom Dach?« Ich halt es nicht aus. Ich nehm das kleine Kunstwerk in beide Hände und trage es schnell die Treppe hoch. Oh Mann, jetzt stört der Wodka sehr im Blut. Puh. In der ersten Etage bleibe ich stehen, ich kann in unser Schlafzimmer sehen, die beiden Notgeilen sind weg, gut so, und ich spähe in das dunkle Innere des Kobels. Haben die schon Junge da drin? Ich halte mein Ohr ganz nah an das Loch und warte. Was weiß ich denn, ob die Babys von denen fiepsen. Oder irgendwelche andere Geräusche machen. Da bewegt sich was Kleines an meinem Ohr. Ich gehe ganz langsam in die Knie, damit es nicht tief fällt, wenn es rauskullert. Ganz vorsichtig nehme ich das Gebilde vom Ohr weg und gucke es noch mal an, da hängt so ein kleiner nackter Fredo am Eingang vom Kobel. Halb behaart, halb nackt, die Augen, so weit ich das sehen kann, noch geschlossen und so dick und blau geschwollen, wie man es von ­Vogelbabys kennt. Ganz minikleine Öhrchen, an den Kopf angelegt, und aus den fast menschenähnlichen Händchen wachsen schon ganz ordentliche Krallen raus. Also, eins lebt schon mal. Ich halte den Kobel schräg, sodass das kleine Ding vom Ausgang wegpurzelt. Dann gehe ich noch eine Etage höher zum Zimmer meiner Tochter. Die sitzt in ihrem Bett, hellwach. Ich betrete das Zimmer und sehe meinen Mann, er steht neben DEM GEKIPPTEN FENSTER an der Wickelkommode und bereitet die Wicklung vor. Das Kind guckt mich komisch an, wegen dem Teil, das ich so vorsichtig an ihrem Bettchen vorbeitrage. Mein Mann bemerkt mich: »Hallo? Was hast du denn da?«
»Das ist das Nest von dem Eichhörnchenpaar, das du gerade durchs Kippen des Fensters zwei Stockwerke tief hast fallen lassen mit wer weiß wie vielen Babys drin«, sage ich. Ich lege es auf der Wickelablage ab, mache alles sehr schmutzig, öffne das Fenster, vor dem wir außen eine Sicherheitsstange angebracht haben, damit man nicht ganz so leicht rausfällt. Das hatte sich das Eichhörnchen zunutze gemacht und vor der Stange, also zwischen Stange und Fensterscheibe, sein Häuschen gebaut. Der Kobel sah mir schon die ganze Zeit so eng an die Scheibe gebaut aus, wenn man das Fester aufkippt, löst es sich und kommt ins Rutschen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich mindestens dreimal meinem Mann gesagt habe, dass er das Fenster nicht mehr öffnen darf, wegen den Eichhörnchen. Jetzt hat er’s vergessen und die Eichhörnchenbabys auf dem Gewissen. Ich bin sehr sauer.
Nachdem ich das Teil gut wieder zwischen Stange und Fenster gequetscht habe, verlasse ich das Zimmer. Schweigend. Er guckt mir bestimmt resigniert hinterher. Plötzlich fällt mir was ein, was ich in der Schule gelernt habe, aber ich weiß nicht, ob es auch auf Eichhörnchen zutrifft, auf jeden Fall trifft es auf Rehkitze zu. Dass, wenn der Mensch die anfasst, die nicht mehr ­angenommen werden von der Mutter. Oh nein, ich hätte Handschuhe anhaben sollen, als ich das Teil hochgetragen hab. Wahrscheinlich hat Jörg die eine Hälfte der Babys getötet, und ich hab jetzt durch meinen Körpergeruch dafür gesorgt, dass die andere Hälfte nicht mehr versorgt wird.
Scheiße. Schnell zum Wasserglas zurück.
Im Flur steht auch eine Uhr mit Digitalanzeige. 16:16 Uhr. Ich lächel in mich rein. Wie ich das liebe, dieses universelle Glück, genau dann draufgeguckt zu haben. Ich fühle mich auserwählt. Nur für was? Auf jeden Fall bin ich die Einzige hier, die weiß, wo der Wodka steht, und die Einzige, die einen Wodka-pur-Cocktail auf sich warten hat.
Ich schwebe in die Küche und recke mich wieder und nehme noch einen großen Schluck.
Wie eine Vergewaltigung ist das doch hier. Das eigene Haus ist ja ein bisschen wie der eigene Körper, und ich fühle mich haus­mäßig vergewaltigt! Nicht von den beschissenen Gästen hier, sondern von meinem Mann, der sich nicht gegen seinen bescheuerten Bruder durchsetzen kann und lieber seine Frau vergewaltigt, als dem abzusagen. ACHTUNG. Jörg kommt grad mit Mila die Treppe runter und alle im Flur sagen »oh, wie süß« und alles. Sie meinen wahrscheinlich meine Tochter. Sie sieht sehr süß aus für andere. Da hat sie wohl Glück gehabt. Sie ist ganz schlank, im Gegensatz zu ihrer Mutter, sie hat unglaublich süße engelsgelockte weißblonde Haare und süße kleine, stechend blaue Augen, die hat sie von mir. Alle finden sie so süß, aber ich kenne sie auch anders. Wenn ich sie blond und blauäugig anschaue, sehe ich manchmal Gollum aus ihr rausgucken. Nur ganz kurz, aber es ist da. Sie kneift manchmal die Lippen so missmutig zusammen und reißt ein klein wenig die Augen auf, dann sehe ich es in ihr. Tut mir leid, kleine Mila, dass ich in dir das Gollum sehe. Ihdl.
An der Tür wird sich von einigen jetzt brav verabschiedet. Weil ich mich so freue, dass die Spacken gehen, laufe ich so übersprungshandlungsmäßig in den Flur und bin plötzlich mitten in dieser Verabschiedungsorgie. Alle fallen mir um den Hals, bedanken sich für die Gastfreundlichkeit, nee, ist klar, und gehen endlich durch die Tür nach draußen und bleiben draußen. Jaha, fickt euch, tschüühüüsss.
Ach, ist das schön, meine Laune bessert sich merklich. Schön. Dann setzt so eine Art Dominoeffekt ein, weil ein paar Leute gehen, trauen sich auch andere, diese Feiglinge! Ich sage artig Tschüss, und: schön, dich kennengelernt zu haben, obwohl ich sie gar nicht kennengelernt habe. Ich schwöre, bestimmt die Hälfte der Leute ist schon weg. Yeah. Wie lange es wohl dauert, bis ich mich wieder zu Hause fühle in meinem eigenen Zuhause?
Jörg steht weiter hinten im Flur, kurz vor der Küche, mit Mila auf der Hüfte, ich glaub, ich verschlaf die restlichen Abgänge der Gäste. Ich vertrag halt auch nichts mehr, deswegen bin ich so platt. Ich gehe in meiner Schmittchenschleichermanier die Treppe rauf und höre beim leisen Hochgehen Jörg sagen: »Ja, klar, wir suchen auch grad einen Babysitter, ist doch besser so.« Ach, suchen wir schon? Sehr gut. Na dann. Gute Nacht.

 

Charlotte Roche

Über Charlotte Roche

Biografie

Charlotte Roche, 1978 im englischen High Wycombe geboren, war Moderatorin u.a. für VIVA, 3sat und das ZDF und wurde mit dem Grimme-Preis sowie dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ihr erster Roman »Feuchtgebiete« löste 2008 mit seiner radikalen Offenheit eine gesellschaftliche Debatte aus...

Medien zu »Mädchen für alles«


Pressestimmen

Rhein-Neckar-Zeitung

»Roche trifft das Lebensgefühl einer Generation und Schicht, die alles hat oder bald haben wird (...) und doch immer auf der Suche nach Erlösung ist.«

Hessische Niedersächsische Allgemeine

»viele Leserinnen werden Gefühlslagen in Chrissis Schlingerkurs zwischen Selbstzweifeln und Dominanzwunsch – mal die Gewalt abgezogen – durchaus wiedererkennen. Und die Frage, wie der Dauerkonsum von Gewaltserien unsere Psyche verändert, ist wichtig.«

Aachener Zeitung

»Die Generation der ›Mittelalten‹ ist gefangen zwischen der Sehnsucht nach der ewigen Jugend, den ewigen Möglichkeiten, und dem ›wirklichen‹ Leben. Und so ist Roche kein hoch intellektueller Roman, aber doch ein schönes Porträt unserer Zeit gelungen.«

Hamburger Morgenpost

»›Mädchen für alles‹ ist der schonungslose, aber gewitzt geschriebene Befreiungsschlag einer überforderten Familienmutter. Tatsächlich lesenswert.«

Süddeutsche Zeitung Online

»Lohnt sich die Lektüre? Schon. (…) Der schnelle Ritt durch die Wirrnisse einer halbjungen, sich selbst unterdrückenden Frau, gespickt mit ein paar klugen Beobachtungen des soziopathischen Alltags, ist unterhaltsam und hochnotspaßig.«

Westdeutsche Allgemeine

»Von Partnersuche über Beziehungen bis hin zur Mutterschaft schildert Roche die gesellschaftlichen Erwartungen und ihre Wirkungen. Und verpackt sie in eine Form, die auch in Zeiten der Reizüberflutung garantiert nicht übersehen wird.«

Tiroler Tageszeitung

»Mit dem Roman will sie Mütter animieren, ›die Wahrheit zu sagen‹. Charlotte Roche schreibt bewusst provokant. Mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zum Nachdenken zu provozieren.«

dpa

»›Mädchen für alles‹ ist schockierend düster und brutal geraten, beißend zynisch, schonungslos – und trotzdem, oder gerade deshalb, extrem kurzweilig und unterhaltend.(...) Ihrem Ruf als Provokateurin, vielleicht sogar als ›Skandal-Autorin‹ macht Roche alle Ehre: Sie verarbeitet ein Tabu-Thema, das die israelische Studie ›Regretting Motherhood‹ vor nicht allzu langer Zeit auf die Agenda hob«

Deutschlandradio Kultur

»Erbauungsliteratur für die Generation YouPorn.«

Sonntagsblick Magazin

»Ein Blitzstart ist Roche garantiert.«

Kommentare zum Buch

Großer Fan
Abraham Jatho am 14.12.2016

Ich finde es toll, wie eine Fernsehmoderatorin ein Thema und eine Sprache. Findet und sich in den entspannten Wohlstand schreibt. Und dabei noch die "große Alice Schwarzer" gegen sich aufbringt, generell für Empörung sorgt und dem Feminismus auf die nächste Stufe hilft. Ich war damals schon in Dich verliebt, als wir uns gegenseitig unsere Bäuche zeigten, im Funky Chicken Club und das wird auch so bleiben! Weiter so Charlotte!

Mädchen für alles
schickchriska / LovelyBooks am 23.11.2015

Mal wieder ziemlich verrückt - aber wahnsinnig ehrlich :) Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

super Buch genau wie die vorgänger
Rebecca am 06.10.2015

Meine Rezension findet ihr hier :) : beccysbuchparadies.wordpress.com/2015/10/06/rezension-maedchen-fuer-alles-von-charlotte-roche/;

Mädchen für alles
Bauarbeiterdachs / LoveylBooks am 05.10.2015

Der gewohnte Knall-Effekt der Roche-Bücher zeigt sich auch hier wieder in Bestform! Dieser Leseeindruck ist ursprünglich auf www.lovelybooks.de erschienen.

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