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Das Weiße SchlossDas Weiße Schloss

Das Weiße Schloss Das Weiße Schloss - eBook-Ausgabe

Christian Dittloff
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Roman

„Ein bedrückender Roman in kühlem Ton geschrieben, der viele Fragen zu Gesellschaft, Familie und Elternliebe aufwirft.“ - Westdeutsche Allgemeine

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Das Weiße Schloss — Inhalt

Eltern? Das sind die anderen.

Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter Kinder fremder Eltern austragen und aufziehen, alles sozusagen Bio und Fair Trade. Elternschaft ist hier Beruf, überwacht und gelenkt von einem alles kontrollierenden Apparat. Der Nachwuchs kann jederzeit besucht werden. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf dem Weg zum eigenen Kind, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros „Alles, was wir geben mussten“ stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar? Spielerisch erreicht „Das Weiße Schloss“ eine stilistische Größe sowie eine gedankliche Tiefe voller literarischer Verweise und Fragestellungen und wird so zu einem fulminanten Gewebe von transzendenter Leuchtkraft.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 01.08.2018
304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1385-9
Download Cover
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 01.08.2018
304 Seiten
EAN 978-3-8270-7975-6
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„Ein bedrückender Roman in kühlem Ton geschrieben, der viele Fragen zu Gesellschaft, Familie und Elternliebe aufwirft.“
Westdeutsche Allgemeine
„Ein hochinteressanter – ein reifer erster Roman.“
Hamburger Abendblatt
„Wahnsinnig provokant und das mit Absicht.“
Radio Eins "Schöner Lesen"
„Beachtliches Debüt“
Deutschlandfunk "Büchermarkt"
„Voller Fragen ohne einfache Antworten, beklemmend und faszinierend zugleich.“
NDR Kultur "Neue Bücher"

Leseprobe zu „Das Weiße Schloss“

1.

Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht, dachte Ada und drückte aufs Gas, ich werde keine mehr sein. Vor ihnen lag die schmale Landstraße, die Stadt hatten sie längst hinter sich gelassen, und die Zahl der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm stetig ab. Mit einer Hand steuerte sie das Cabrio, mit der anderen zog sie die Nadel aus ihrem Zopf und legte sie in die kleine Ablage hinter dem Schalthebel, unter das defekte Kassettendeck. Sie genoss es, den Zusammenhang zwischen der Bewegung ihres Fußes und der Geschwindigkeit zu spüren, die [...]

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1.

Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht, dachte Ada und drückte aufs Gas, ich werde keine mehr sein. Vor ihnen lag die schmale Landstraße, die Stadt hatten sie längst hinter sich gelassen, und die Zahl der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm stetig ab. Mit einer Hand steuerte sie das Cabrio, mit der anderen zog sie die Nadel aus ihrem Zopf und legte sie in die kleine Ablage hinter dem Schalthebel, unter das defekte Kassettendeck. Sie genoss es, den Zusammenhang zwischen der Bewegung ihres Fußes und der Geschwindigkeit zu spüren, die sich in der Schärfe des Luftzugs bemerkbar machte und vibrierend in ihre Muskulatur überging. Also variierte sie das Tempo, ließ kurz den Motor aufheulen und den Wagen dann dahinrollen, bis er niedrigtourig fast ins Stocken geriet und sich die Härchen auf ihren Armen wieder legten. Ebenso mochte sie es, wie Yves sie dabei beobachtete, als hätte er Angst, sie könnte ihm entwischen.

„Weißt du, was wir tun könnten?“, fragte er mit Betonung auf dem letzten Wort, und Ada schüttelte lächelnd den Kopf, weil sie wusste, was folgen würde.

Manchmal bedauerte sie es, keinen Penis zu haben. Es wäre so viel leichter: Yves könnte sich rüberbeugen und ihr den Kopf zwischen die Beine schieben. Stattdessen tänzelte seine Hand über ihren rechten Oberschenkel, strich über die Stoffhose, deren obersten Knopf er längst geöffnet hatte, um mit seiner Hand hineinzufahren, bis sie anfing zu schwitzen. Würde er sein Sperma in den nächsten Tagen nicht noch benötigen, sie hätten vielleicht einen Zwischenstopp eingelegt. Ihr gemeinsames Sexleben diente einzig und allein einem persönlichen Vergnügen, befreit von primitiven Instinkten.

Sie erwarteten das Weiße Schloss auf der Anhöhe noch einige Kilometer entfernt. Es war umgeben von dichtem Wald, jahrhundertealt, in dem es viele Tiere gab. Hirsche mit majestätischen Geweihen. Füchse, die erlegte Vögel in ihren Bau trugen, um sie mit ihren Jungen zu teilen, scheue Wolfsrudel, Spechte, die ins Holz ihre Höhlennester pickten, und Biber, die mit ihren Zähnen ganze Bäume fällten und Dämme bauten. Das waren im Ansatz durchaus zivilisatorische Fähigkeiten. Vielleicht regieren irgendwann Tiere die Welt, dachte Ada. Nur dass es eben kein richtiges Regieren wäre, weil man dafür ein Bewusstsein haben muss für Staat, Recht, Abgrenzung und Verdrängung.

 

Man muss sich die beiden als glückliche Menschen vorstellen: im besten Alter, in einem der wirtschaftsstärksten Länder der Erde, mit sicherem, gehobenem Einkommen, zwei durchsetzungsfähige Persönlichkeiten. Adas Eltern waren bereits verstorben, sie hatte sich nicht um sie kümmern müssen. Alles Handeln richtete sich wie eine Kompassnadel nach ihren Ideen.

Ada durchfuhr ein flirrendes Licht, sie legte den Kopf in den Nacken, sah das gleißende Weiß des Himmels selbst durch die dunklen Brillengläser. Sie ließ für einen Moment das Lenkrad los, nur so weit, dass sie es noch spüren konnte, ohne es zu berühren. Yves zog seine linke Hand zurück und faltete sie bequem mit der anderen in seinem Schoß. Links und rechts ihres Wagens standen die Bäume wie weise Entscheidungshelfer und über ihnen im klaren Himmel die Sonne, die alle paar Sekunden durch die Kronen drang, um ihrer Fahrt einen zielgerichteten Lichtrhythmus zu geben. Ada war sicher: Der Termin zur Zeugung ihres gemeinsamen Kindes würde erfolgreich ablaufen.

Sie erreichten die Anhöhe mit dem Weißen Schloss und erklommen die Steigung bei gleichbleibender Geschwindigkeit. Sie fuhren durch die symmetrisch angeordnete Gartenanlage, Ada nahm die Sonnenbrille ab, um alles besser sehen zu können. In der Ferne Gewächshäuser, reiche Baumwiesen. Angenehm kühle Luft strich über ihren linken Arm, der entspannt im Fensterrahmen lag. Ada konnte Pferde sehen, im Galopp auf der Weide, zwei, vier, sechs, sicher ein Dutzend, ohne sichtbaren Zaun. Warum liefen sie nicht davon?

Das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg zum Hauptgebäude kündigte ihre Ankunft an, ein Klang, den sie aus Filmen kannten. Ada und Yves verharrten kurz mit einem Lächeln, legten einander die Hände auf die Wangen, bevor sie seine Schulter küsste und ihn aus dem Auto schob. Erst jetzt bemerkte Yves den Pagen, der ihm die Tür öffnete. Jeder Ort diktiert ein bestimmtes Verhalten, jeder Zeitpunkt ist mit Handlungen verknüpft, einem fertigen Skript folgend, dachte Yves, als er zur Treppe des Schlosses aufblickte und Adas Ungeduld neben sich spürte.


2.

Zusammen mit der Zusendung des Katalogs erreichte sie die Nachricht des Weißen Schlosses. Damals dachte Ada: Wir sind akzeptiert, haben teil an einer besonderen Zukunft. Am späten Vormittag, sie saß gerade auf der Terrasse ihres Bungalowgrundstücks und schaute über ihren Laptopscreen den Vögeln beim Säubern ihres Gefieders am Teichrand zu, ging die E-Mail in ihrem Postfach ein. In der Glastür spiegelten sich die Bäume. Es war Anfang März, doch schon so mild, dass sie, mit einer Decke auf den Knien und mit beiden Händen eine Tasse heißes Wasser haltend, bereits ein, zwei Stunden draußen in der Sonne verbringen konnte. Instinktiv rief sie sofort nach Yves, um ihre Freude zu teilen, der sie allerdings nicht hörte, da die Wände des Ateliers, das sich als Anbau neben dem Haus befand, so dick waren, dass es darin stets angenehm still blieb. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war es ihr ganz recht, so konnte sie sich dem Katalog zuerst allein widmen, um sich eine eigene Meinung über die einzelnen Kandidatinnen zu bilden und gegebenenfalls bereits Argumente zurechtzulegen – und nicht in die Bedrängnis einer spontanen Reaktion zu geraten. Man kann Gesagtes nicht zurücknehmen, hatte ihre Mutter immer gesagt, es ist in der Welt, und man wird daran gemessen.

Den Zugang zum Katalogsystem konnte Ada der E-Mail entnehmen. Sie tippte den ihr zugewiesenen Benutzernamen in das entsprechende Feld, eine Zusammensetzung ihrer Namen, AdaYves, ebenso das Passwort, Kinderwunsch. Sie war nervös, benötigte mehrere Anläufe, das Passwort korrekt einzutragen, vernachlässigte zuerst die Großschreibung, trennte ihre Namen mit einem Leerzeichen und vertauschte die Reihenfolge der Buchstaben.

 

Das Telefon vibrierte auf dem Holztisch, Lea samt Familie lächelte vom Display. Ada nahm es auf, ließ ihren Daumen über den grünen Knopf kreisen und legte es zurück auf die glatte Fläche. Sie hatte keine Lust, mit ihrer Schwester zu sprechen.

Als sie sich erfolgreich angemeldet hatte, erschienen die ihnen zur Verfügung stehenden Frauen, die sie der Reihe nach begutachtete. Zwölf Potenzielle, die gemäß ihren Filterangaben von der Direktorin des Weißen Schlosses zusammengestellt worden waren: heller Typus, zwischen dreiundzwanzig und vierunddreißig Jahre alt. Tendenziell mit künstlerischer Veranlagung. Eine hervorragende körperliche Konstitution und ein gewisses Maß an Intelligenz waren ohnehin grundlegend für die Aufnahme als Potenzielle am Internat.

Einige der Vorschläge erübrigten sich bereits mit dem ersten Blick, ein tieferes Eintauchen in die Details war nicht notwendig, diente bestenfalls als Bestätigung ihres ersten Impulses: dass dieses Gesicht – Physiognomie, Blick oder einfach Aura – nicht zu ihnen passte. Die Gesichter etwa der Hälfte der Potenziellen hatten einen Zug, eine Spur, etwas, das sie nicht benennen konnte, wovon sie aber nicht wünschte, es im Gesicht ihres Kindes wiederzufinden. Die eigene Biografie ist ein komplexes Gewirr aus Wahrnehmen und Wahrgenommenwerden, dachte Ada, und es ist nicht egal, was die anderen sagen. Was die anderen sagen, erschafft dich. Ein Bild lässt sich übermalen. Aber wenn sie daran dachte, was Yves, wenn er die alten Ölschinken überarbeitete, alles unter der sichtbaren obersten Schicht vorfand, wurde ihr unwohl. Schicht um Schicht deckte er oft auf, viele Fehlversuche, die sich niemals ganz tilgen ließen.

Zunächst markierte sie die ausgeschlossenen Kandidatinnen und löschte sie von der Liste. Die verbleibenden sieben inspizierte sie Seite für Seite. Für Ada war diese Durchsicht sehr bewegend, denn sie spielte in der Theorie die Zukunft ihres Kindes durch. In gewisser Weise entwickelte sich währenddessen eine Fiktion des gemeinsamen Nachwuchses, ein gedanklicher Prototyp in ihrem Kopf. Diese Situation erinnerte sie an die eigene berufliche Tätigkeit, bei der sie täglich Anträge auf ihr narratives Entwicklungspotenzial prüfte. Auch wenn sich die Art der Anträge voneinander unterschied, verband sie zumindest eine für die Leben der Bewerberinnen und Bewerber grundlegende Bedeutung.

Die Bilder der Frauen hatten den dringenden Wunsch in Ada geweckt, ihr eigenes Gesicht im Spiegel zu betrachten. Sie schob die Decke vom Schoß, faltete sie zusammen, legte sie an den Rand der Bank, sodass sie in etwa in einer Linie mit dieser abschloss, und ging zurück ins Haus.

Sie hatten den Bungalow am Stadtrand erst vor wenigen Jahren bezogen. Fuhren sie in die eine Richtung, waren sie schnell in der Natur, fanden Ruhe und Weite und sinnliche Körpererfahrung, fuhren sie in die andere, fanden sie ebenso schnell Unterhaltung in den für sie interessanten Stadtbezirken. Manchmal standen Ada und Yves auf der Terrasse und blickten in das beruhigende Grün und dachten an früher, an das schnelle Leben, in dem sich die Verabredungen anfühlten wie kurze Nadelstiche.

Damals hatte Ada eine Zweieinhalbzimmerwohnung in einem boomenden Stadtteil bewohnt, die sie nun zur Zwischenmiete anbot. Es waren vor allem Touristen, die ihre Wohnung mieteten und sich darüber freuten, dass Ada einen Teil ihres Hausstands dort hinterlassen hatte. Wenn sie ehrlich war, zog sie eine gewisse Freude aus den begeisterten Kommentaren, die ehemalige Gäste auf ihrem Profil des Wohnungsportals hinterließen und die sich meist auf den lebendigen und sicheren Kiez und die Gestaltung der Räume bezogen. Im Wohnzimmer stapelten sich einige ihrer Bücher zu kleinen Türmen, waren großformatige Fotos mit Nägeln an den unverputzten Wänden befestigt, darunter auch eines, das Yves von ihr gemacht hatte. Im Schlafzimmer befand sich ein selbst gebautes Bett in der Ecke des Raums – eine feste, große Matratze, die auf Holzpaletten lag, damit die Luft darunter zirkulieren konnte, und die den Charme eines studentischen, unangepassten Lebens versprach. Das gemeinsame Wohnen mit Yves gefiel ihr, auch wenn sie es manchmal bedauerte, nicht vom Geschrei der Feierwütigen oder von den über das Kopfsteinpflaster rasenden Taxen geweckt zu werden, sondern von der von Vogelstimmen begleiteten Sonnenaufgangssimulation ihres Lichtweckers.

Adas Gesicht sah etwas verschoben aus, als hätte jemand einige Pixel ausgetauscht. Die Fläche des Wohnzimmerspiegels war leicht nach vorn gekippt. Also ging sie ins Badezimmer am Ende des Flures, das nah an der Durchgangstür zum Atelier lag. Dort konnte sie sich frontal beleuchtet sehen. Das bin ich, dachte Ada. In ihren Pupillen der Kreis der Lichtröhre, gerahmt von einem dunkelbraunen Bob. Ihre Augen glänzten unter scharfen Brauen, waren in Richtung der von sanftem Flaum bedeckten Schläfen ein wenig hinaufgezogen, wodurch ihr Gesicht eine unnachahmliche Besonderheit erhielt. Die Lippen waren dünn, die Nase breit. Die Stirn freundlich und glatt, weniger herb als Leas. Die Wangenknochen standen streng hervor. Mein Gesicht ist abenteuerlich vielfältig, dachte sie, meine Mutter muss mich Zug um Zug empfangen haben. Doch wie sollte sie all diese Züge in nur einem Gesicht zusammenzwingen?


3.

Er saß auf einem Atelierschemel, als er Ada rufen hörte. Ihre Stimme klang, als hätte sie sich noch dabei umentschieden und gar nicht nach ihm rufen wollen, weil die Intensität im Ton plötzlich abbrach, aber das konnte natürlich auch am Klang seines Namens liegen, der aus nur einer Silbe bestand. Sieben. Acht. Er atmete durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus, so wie die Stimme aus dem Smartphone ihn anleitete. Bevor er sich seiner Arbeit widmete, meditierte Yves seit Kurzem einige Minuten, um sich zu fokussieren. Die App versprach, den Anwender mit wenig Aufwand auf glücklichere mentale Wege zu führen, indem man aufrecht und unverkrampft ein- und ausatmete, ein- und ausatmete und die Züge zählte, spürte, bis an welche Stelle des Körpers der Atem vordrang. Die Lunge war ein Muskel, der in Yves’ Kopf lebendige Gestalt annahm, als wäre sein Atmungsorgan ein Tier, eine große Qualle, die sich durch den Ozean bewegte – durch das nach unten hin dunkler werdende Blau, Wasser einsaugend und ausstoßend, ihre Welt filternd. Dabei sei es ganz normal, die Gedanken nicht allein auf das Atmen richten zu können, erklärte die Stimme, sondern dem Gehirn eine gewisse Betriebsamkeit zuzugestehen. Auch Außengeräusche wie das Zwitschern der Vögel, der Wind, der manchmal gegen das gekippte Atelierfenster drückte, eine Hummel, die von der Innenseite gegen die Scheibe drang, und Adas angedeuteter Ruf nach ihm mussten vom Geist nicht ausgeblendet werden, sondern waren Teil der Welt, in der er meditierte. Yves war erst einige Wochen dabei, hatte aber bereits das Gefühl, dass die Meditation sich tief mit seiner künstlerischen Tätigkeit verwob, sie im Alltag sogar erst ermöglichte. Dennoch war es ihm noch nicht gelungen, den Bewusstseinszustand zu erreichen, nach dem sich der Geist in einem gedankenleeren Raum befinden sollte. Hinter dem Fokus lagen für ihn immer Schichten angehäufter Gedanken, oder – um in der Bildwelt des Meeres zu bleiben – selbst wenn sein Geist untertauchte, sah er unter Wasser in einiger Entfernung noch immer verschwommen das Ufer.

Als die Sitzung beendet war, erhob er sich vom Schemel, ging zum Fenster und schaute hinaus in den Garten. Ada saß auf der Veranda, konzentriert vor ihrem Laptop, und hielt in der linken Hand eine Tasse, die sie ab und an zum Mund führte, darauf bedacht, sich nicht zu verbrennen. Er dachte plötzlich an einen lange zurückliegenden Campingurlaub mit Freunden an der Atlantikküste und wie er eine junge Frau, Marianne?, in der Duschkabine des Campingplatzes berührt hatte und sie zwischendurch immer wieder die Tür hatten öffnen müssen, um Münzen in einen Schlitz zu stecken und weitere Minuten warmes Wasser zu haben. Er erinnerte sich noch genau an die Fliesen und wie ihre Farbe den Schimmel kaschierte. Er dachte an den Bikini von Marianne. Das schwarzweiße Muster und die verstärkten schwarzen Träger, das V-förmige Höschen und wie das Wasser gleichzeitig aus dem Stoff rann, wenn er die Hand auf ihren Po presste, und der Stoff sich erneut vollsog, wenn er sie wieder wegnahm. Sie spuckten sich das Wasser gegenseitig ins Gesicht. Er strich ihre dunklen, nassen Haare nach hinten, saugte das Nass heraus. Ihre Wimpern waren zu Spitzen gebündelt, von denen es heruntertropfte. Später im Zelt legte Yves seinen Kopf auf einen zusammengerollten Pullover und schloss die Augen. Der modrige Geruch im Zelt seiner Mutter war ihm vertraut. Es war der glücklichste Geruch seiner Kindheit. Das Geräusch sich öffnender Reißverschlüsse in unbestimmbarer Entfernung. Das Rascheln der Schlafsäcke der anderen gab ihm das Gefühl, nicht allein zu sein. Nach diesem Sommer würde er nach Paris ziehen, um Kunst zu studieren.

Dann, im ersten Herbst, hatte er fast alle frei zugänglichen Skulpturen der Stadt mit eigenen Händen berührt. Er streifte über die Friedhöfe Père Lachaise, Montmartre und Montparnasse, um den bemoosten Marmor zu befühlen. Er besuchte die Museen der Stadt. Er starrte auf die Nike von Samothrake. Sie stand auf einem riesigen Sockel aus dunkelgrauem Marmor, der wie der Bug eines Schiffes wirkte, das auf die Steintreppe des Museums krachen wollte. Gerade weil ihr Arme und Kopf fehlten, entwickelte ihre Darstellung für Yves eine besondere Macht, deren Ursprung er in ihrem Willen vermutete, dessen Zentrum in ihrer Brust liegen musste. Noch faszinierter war er allerdings von Antonio Canovas Darstellung von Amor und Psyche. Die marmornen Flügel des sich zu Psyche neigenden Gottes leuchteten, sie sahen so transparent aus wie die Flügel eines kleinen Vogels oder eines Insekts oder auch wie die Haut eines Menschenohrs, das rötlich in der Sonne schimmert. Die Flügel sahen aus, als bewegten sie sich gleich aus ihrer Ecke heraus, als würde Amor die Fenster aufstoßen und sein Grab verlassen.

 

Yves ging zurück zu seinem Block und setzte den Meißel an. Er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Ob er etwas Sinnhaftes schlug, das man verstehen konnte, weil es die Dinge und das Wesen der Welt realistisch wiedergab, einen Baum oder Tisch oder – weniger philosophisch – das Gesicht seiner Partnerin Ada. Oder schlug er doch wieder eine Form, schwer, symbolisch und für ihn – leer? Er nahm den Hammer und hob ihn, um ihn wieder zu senken, hob ihn, um ihn wieder zu senken. Einatmen. Ausatmen. Er schlug nicht zu. Er strich über das Material. Er setzte sich wieder. Sein Blick suchte im Atelier nach Ablenkung. Nach etwas, das seinen Fokus annahm und wovon er sich einreden konnte, dass es ihn weiterbrachte. Er betrachtete Werkzeuge, Regale voller Notizen, Entwürfe, Materialien. Gipsplatten, Marmor, Eimer, Lösungen und die großen Schubladen, in denen die Bilder auf ihn warteten, die ihn finanzierten, aber nicht faszinierten. Seitdem er hier war, arbeitete er vor allem als Restaurateur. Ein Beruf, der zwar weniger Ansehen mit sich brachte als der des kreierenden Künstlers, aber für den Moment, der nun schon einige Jahre andauerte, ganz einfach lukrativer und regelmäßiger war. Er wollte sich nicht von Ada aushalten lassen nach allem, was sie für ihn getan hatte.

Auf der alten Werkbank, die er vor zwei Jahren aus dem Keller von Adas Vater gerettet hatte, lagen einige Prospekte in Signalfarben unter einem Schädel aus Glas: Baumärkte, Supermärkte. Yves las die Angebote der aktuellen Woche, er sah daran, dass es bald Sommer werden würde, da ihn Kindergesichter aus Planschbecken anlachten. Zu seiner Freude entdeckte er auch zwei Frauen in Badebekleidung vor einer Strandfototapete, die so glatt aussahen, dass sie wie Fische in seine Gedanken flutschten und er sich für wenige Minuten auf etwas anderes konzentrieren konnte als den Druck, etwas zu erschaffen. Einatmen. Ausatmen. Er ejakulierte in eine leere Kaffeetasse. Die Hummel brummte. Hummeln bauen Staaten und leben nur einen Sommer.


4.

Delft, ein schöner Herbsttag 1677

Antoni van Leeuwenhoek traute seinem Auge nicht. In der Flüssigkeit, die er unter dem Mikroskop begutachtete, schwammen – Gott im Himmel, wimmelten! – unzählige kleine Tierchen umher. Der Forscher ging einige bedächtige Schritte in seiner Kammer und blickte durch das kleine Fenster auf die Straße, wo ein Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster ratterte. Porzellan zersprengte auf dem Boden. Wie sollte er sich so konzentrieren?

Immer wenn er seinen Geist auf etwas richten wollte, setzte er sich auf den dunklen Holzstuhl in der Ecke seines Arbeitszimmers und blickte auf das Bild, das Jan von ihm gemalt hatte. Zwar zeigte es ihn nicht als ihn selbst, er hatte lediglich Modell gestanden, doch seine Profession als Hersteller von Lichtmikroskopen hatte natürlich einen gewissen Bezug zu dem Astronomen auf Vermeers Gemälde. Ein Mann in seinen frühen Dreißigern, mit schulterlangen Haaren und in ein blaues Gewand gehüllt, griff nach dem Himmelsglobus, als gedenke er, ihn zu drehen. Auf seinem Schreibtisch, der vom gelbwarmen Licht des Spätnachmittags beschienen wurde, lag ein aufgeschlagenes Notizbuch, wie er selbst eines besaß. Wieder durchfuhr es ihn. Wie man die Welt ansah, ohne wirklich hinzuschauen! Van Leeuwenhoek verstand erst jetzt die Parallele, die der Maler schon vor fast zehn Jahren zu ahnen schien. Der Astronom vermaß den Himmel, entdeckte Sterne und Galaxien mit seinen Linsen, er selbst wirkte ins Kleinste, die Animalcula!

Bei genauerer Überlegung kam es van Leeuwenhoek vor, als seien die kleinen Tierchen in der Samenflüssigkeit autark gewesen, ein jedes wimmelte in seine eigene Richtung, eine Szene wie der übervolle Delfter Marktplatz aus der Vogelperspektive, wenn die Waren bereits günstiger angeboten wurden.

Er setzte sich wieder ans Mikroskop und spähte durch die Linse, die er selbst erschmolzen hatte. Eine zweihundertsiebzigfache Vergrößerung – mittlerweile waren seine Mikroskope sogar in London bei der Royal Society begehrt. Ohne mit der Wimper zu zucken, überschlug er die Anzahl der winzigen, Kaulquappen ähnlichen Schwanzpunkte auf in die Millionen gehend. Erstaunlich. Er nahm Zettel und Stift zur Hand und präzisierte seine Berechnungen. Sollte er sich nicht verdacht haben, schnellten durch die ausgestoßene Flüssigkeit (es war nicht seine eigene) etwa so viele Tierchen, als es Menschen auf Erden gab. Er kam nicht umhin zu glauben, dass die Anzahl vielleicht sogar exakt dieselbe war. Aber nein, das konnte nicht sein. Oder? War die in den Hoden produzierte Wesenschar vielleicht ein Abbild unserer Welt? Konnte es sein, dass ein jedes ein Leben war? Er jedenfalls war sicher, seine Entdeckung unterstütze auch die Forschungsergebnisse seines Freundes Regine de Graaf, Gott habe ihn selig! Kurz vor dessen frühem Tod, nur einige Jahre zuvor, hatte dieser entdeckt, was van Leeuwenhoek schon immer in sich gespürt hatte: dass die Geschlechtsorgane der Frauen keine invertierten Testikel waren, sondern eigenständig, an Komplexität die männlichen weit übersteigend. Doch was tat das von de Graaf entdeckte Ei, was taten die Tierchen untereinander, und was taten Ei und Samentierchen gemeinsam?

Wieder blickte er seinen Vermeer an, eine von vielen Erinnerungen an den lieben toten Freund. Der Himmel, dachte van Leeuwenhoek, kann mir darauf sicher keine Antwort geben!


5.

Das Werkzeug lag verstreut um den Marmorblock, an dem Yves arbeiten wollte. Bisher waren noch keine Spuren zu sehen, das Material schien unberührt. Yves stand in der Nähe des Fensters zum Garten. Seine Hand ruhte auf dem gläsernen Schädel, einem, auf dem man früher in Hi-Fi-Geschäften besonders hochwertige Kopfhörer ausgestellt hatte. Darin ein schwarzes Objekt, sich bewegend. Ada kam näher und hörte ein Brummen.

Der Glaskopf hatte sie bereits als junges Mädchen fasziniert, und sie hatte oft im Kellerraum ihres Vaters gesessen, dort, wo er seine Schallplatten in einem orangefarbenen Plastikschuber unter der Stereoanlage aufbewahrt hatte. Auf dem rauen Teppich sitzend hatte sie den Schädel angestarrt, auf dem fest der schwarze Kopfhörer klemmte, von dessen Ohrmuscheln das Leder abblätterte. Sie hatte die Anlage eingeschaltet und den Glaskopf Musik hören lassen. Hatte darauf gewartet, die Musik in seinem Inneren sehen zu können oder dass sie dessen innere Windungen sichtbar machen würde wie ein Kontrastmittel. Doch nur eine der Schallplatten hatte den gewünschten Effekt für sie erzielt. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Band, nur wie das Plattencover aussah: Die Grundfarbe war Gelb, darauf eine gemalte springende Figur in roter Hose, abgebildet aus der Froschperspektive. In der Hand hielt die Figur eine leuchtende Gitarre, blau oder grün. In derselben Farbe große, leuchtende Buchstaben, von leuchtenden Sternen flankiert. Eines der Worte: Hits. Die Musik hatte einen zackigen Gitarrenrhythmus, und die Lieder waren kurz und bebend, so sehr, dass sie förmlich sah, wie die Sterne vom Cover den Weg in den Glasschädel fanden und dort herumflogen im Takt. Für Ada blieb der Klang dumpf, weil der Kopfhörer den Glasschädel fest umschloss, aber sie hatte die Stelle trotzdem immer erkannt. Wenn die Sterne besonders schnell gegen die Schädeldecke sprangen, hatte sie sich den Kopfhörer aufgesetzt, um sie auch in sich zu spüren. Ada hatte den Kopf aus dem Keller ihrer Eltern mitgenommen, als sie deren Haus ausgeräumt hatten, kurz nach deren Tod, in den der Vater der Mutter folgte wie von einem unsichtbaren Band gezogen.

Lea und sie hatten sich um nichts streiten müssen, die Schwestern wollten ohnehin nur wenig von dem behalten, was ihre Eltern hinterlassen hatten. Nur in einigen Dingen hatten sich die Erinnerungen stellvertretend eingenistet. Ada hatte sich ein paar Tropfen des Aftershaves von ihrem Vater aufs Handgelenk geträufelt und hin und wieder daran gerochen, hatte unmittelbar Bilder aus der Kindheit vor Augen, ihren Besuch auf der Insel, die gelben Gummistiefel, die große dunkle Couch vor dem Kamin. Zu dieser Zeit war in ihr eine Gefühlsschleuse entstanden. Alle Worte, die an sie gerichtet wurden, befanden sich zunächst in diesem Zwischenraum in Ada und wurden von ihr gründlich beleuchtet, bereinigt und von scharfen Kanten befreit, bevor sie tiefer in sie eindrangen.

Lea und Ada standen im Wohnzimmer des Hauses, als Yves und Leas Mann Jonas durch die Terrassentür hinzukamen. Die Männer hatten im Garten des Einfamilienhauses eine Zigarette geraucht und sich über den Wert der Immobilie ausgetauscht. Die Preise waren in dieser Gegend in den letzten Jahren stark gestiegen, da sich immer mehr wohlhabende Paare mit Kindern in Stadtnähe ansiedelten, um die Vorzüge von Ruhe und gleichzeitiger Nähe zum Wirtschaftszentrum miteinander zu verbinden. Die Männer einigten sich darauf, dass die kleine Stadtvilla über eine Million Euro wert sei, obwohl keiner der beiden eine Ahnung von diesen Dingen hatte, und schnippten ihre Zigaretten in das feuchte Oktobergras.

Die Schwestern hatten das Testament des Vaters wie erwartet in dem Schreibtisch gefunden, an dem auch schon ihr Großvater sein Testament verfasst hatte, bevor er in den Krieg gezogen war. So machen das die alten Männer, dachte Ada, sie glauben, der Schreibtisch sei der Mittelpunkt ihrer Welt. Die oberste Schublade war verschlossen gewesen, doch sie waren längst von ihrem Vater in das Schlüsselversteck eingeweiht worden und auch, dass er den gemeinsamen Letzten Willen dort deponiert hatte. Das Dokument besagte, dass Ada und Lea von einhundert Prozent des Gesamtvermögens eine Hälfte sofort unter sich aufteilen sollten. Die andere Hälfte sei anteilig der Ausbildung der Enkelkinder zugedacht. Sollten die Schwestern weitere Kinder zeugen, als zum Zeitpunkt seines Todes geboren seien, würden sich die Anteile nachträglich verschieben. Auf diese Weise blieben Lea und Ada immer miteinander in Kontakt, und die Ausbildung der Enkelkinder sei abgesichert.

Im Keller wühlten die Schwestern durch die Fotoalben, ihre Männer im Rücken. Jonas sagte: „Das wäre eine fantastische Filmszene – die zweieiigen Zwillingsschwestern zeigen sich die Fotos ihrer Mutter und Großmutter.“ Leas Mann war ein erfolgreicher Spielfilmregisseur, den die Kritik für seine besonders dichten Szenen lobte. Jonas und Lea hatten sich kennengelernt, weil sie sich umfassend mit seinem Werk auseinandergesetzt und nach erfolgreicher Promotion auch ihre Habilitation dazu vorbereitet hatte. Nach einem ersten professionellen Treffen fühlte sich der Regisseur so wertgeschätzt, dass er um ein zweites Treffen bat, das er jedoch Verabredung nannte. Die beiden verbrachten die Nacht miteinander, bekamen neun Monate darauf ihre erste Tochter. So wurde die weitere wissenschaftliche Arbeit zum Frühwerk von Jonas Lehmann nie fertiggestellt. Als er sich im Keller ihrer toten Eltern sie selbst vor die Linse dachte, sagte Lea: „Die Szene wäre sicher in Schwarz-Weiß gedreht. Die Schwestern würden rauchen und ein Loch in den Teppich brennen, um zu zeigen, dass sie das Leben des Patriarchen immer kritisch betrachtet haben. Der Blick der Kamera würde sich darin gefallen, in seinem Untergang das Aufkommen einer Ordnung zu sehen, dabei aber vergessen, dass sie die Schwestern auf eine Art und Weise in ihrer Umarmung, in ihrem Rauchen und Weinen zeigen würde, die doch die Rollenbilder des toten Patriarchen wiederholt.“ Ada und Yves, Lea und Jonas, die vier schauten damals einander an und dachten dasselbe: ob die Rechnung des Vaters zur Aufteilung des Erbes aufgehen würde.

Das Foto in Adas Hand zeigte ihre Großmutter, ihre Mutter und die beiden Schwestern kurz vor dem Abitur. Ihre Großmutter war noch im selben Monat, über fünfzig Jahre nach ihrem Mann, gestorben, ihre Mutter in Pension gegangen und Lea und Ada im Laufe des folgenden Jahres ausgezogen.

Nach dem Krieg war ihre Großmutter Elfi gläubig geworden, weil sie einen Adressaten für ihre Scham brauchte. Sie schämte sich vor Gott für das, was sie getan hatte. Jeden Abend betete sie wie ein Kind an ihrem Bett und ging zu jedem Anlass in die Kirche, weil sie glaubte, so das Paradies denken zu dürfen, während die Gegenwart in Trümmern lag. Als die eine Tochter, Adas Tante, ein Kind gebar, ohne einen Mann dazu zu haben, schwor sie, alles zu tun, damit es nicht zur Familie gehörte. „Der Bastard nimmt mir nicht mein Himmelreich!“, hatte sie gesagt. Adas Mutter wollte niemals in der Armut ihrer eigenen Mutter und außerdem in Frieden leben. Dafür war sie bereit, ein Leben lang hart zu arbeiten in einem Job, der ihr keine Freude bereitete, in einem Büro, dessen Teppich ihr nicht gefiel, mit einer Kollegin, die sie freundlich verachtete. Nach der Pensionierung kam erst der Krebs, dann die Heilung und dann ein kurz aufleuchtendes Glück auf einer Kreuzfahrt, bei der sie und ihr Mann zur Sicherheit an Deck blieben, als das Schiff bei Barbados anlegte. Das Foto, das sie von Bord aus gemacht hatte, zeigte hinter dem weißen Strand die Silhouette der Insel, eine grüne Skyline, unterbrochen von beigefarbenen Hotels, und hing bis zu ihrem Tod im gemeinsamen Schlafzimmer in einem Wechselrahmen. „Diesen Blick auf die Insel haben nur wir“, hatten ihre Eltern lachend gesagt und die Gardine ihrer Außenkabine zugezogen, wenn die Sonne im Fenster gestanden hatte.

Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.

 

Yves’ Hand ruhte also auf dem Glasschädel, darin das Brummen so dumpf wie damals die Musik, ein fliegender schwarzer Fleck, der immer wieder an das Glas stieß. Yves winkte Ada mit einer schnellen Handbewegung näher, und sie sah, dass er stolz war. Und dann sagte er, dass es ihm gelungen sei, die Gedanken eines Menschen sichtbar zu machen, die ihm im Schädel brummten und herauswollten. All die Gedanken, die man nicht sagen könne. Zum Beispiel, weil man in einem Land sei, dessen Sprache man nicht spreche. Dass die Hummel die wirre Richtung der Gedanken aufzeige, die einander überwarfen, miteinander konkurrierten und immer lauter würden, je näher sie der Schädelwand kamen, und manchmal eben wieder verloren gingen und tief in den Schädel zurückfielen, bis in den Hals hinein. Und während er mit den Händen durch die Luft fuhr und bei dem Wort Gedanken in seine Locken griff, trat Ada näher an ihn heran, griff seinen Hosenbund, lüpfte das weiße T-Shirt, um an seine Haut zu gelangen, die warm war, und fragte, ob es legitim sei, die tatsächliche Angst eines Lebewesens als Sinnbild für ein menschliches Problem auszustellen, und näherte sich seinem Hals mit halb geöffneten Lippen. Yves schob Ada zurück, denn er mochte es nicht, wenn sie die körperliche Ebene zwischen ihnen ins Spiel brachte, während er über seine Kunst sprach. Er halte es für ein duldbares Opfer, dem Leiden eines Lebewesens einen Sinn zu geben, der größer sei als das Lebewesen. Die Hummel wäre so zu einem höheren Zweck erhoben, den sie zwar nicht verstehe, aber das sei eben der Unterschied zwischen Insekt und Mensch. Ein Mensch könne keine Metapher sein.

„Weißt du, was wir tun könnten?“, fragte Ada.

„Lass es, Ada. Bitte nicht jetzt“, sagte Yves.

Aber Ada drückte sich an ihn, schob ein Bein zwischen seine Beine. Nahm seine linke Hand, die immer noch auf dem gläsernen Schädel ruhte, und legte sie an ihre Rippen. Mit der Linken fuhr sie seinen Rücken entlang, ihre Rechte lag nun auch auf dem Schädel und spürte das Brummen als Vibration, ein leises Kitzeln, und kurz stellte sie sich vor, wie das Gefühl jeden Teil ihres Körpers berührte, bis in ihr Inneres, ein Verständnis, das auf Klang und Körper beruhte. Als Yves ihren Hals küsste und die andere Hand in ihre Hose schob, stieß sie ihn in Richtung der Werkbank. Die Sonne stand exakt im Fenster, zeigte wie ein Scheinwerfer auf die sich Umschlingenden, als der Schädel zu Boden fiel.

Christian Dittloff

Über Christian Dittloff

Biografie

Christian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, studierte Germanistik und Anglistik in Hamburg sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim, arbeitete in einer Psychiatrie, als Kulturjournalist und Experte für Kulturmarketing. 2018 erschienen sein Romandebüt „Das Weiße Schloss“ und 2020 sein...

Pressestimmen
Westdeutsche Allgemeine

„Ein bedrückender Roman in kühlem Ton geschrieben, der viele Fragen zu Gesellschaft, Familie und Elternliebe aufwirft.“

Hamburger Abendblatt

„Ein hochinteressanter – ein reifer erster Roman.“

Radio Eins "Schöner Lesen"

„Wahnsinnig provokant und das mit Absicht.“

Deutschlandfunk "Büchermarkt"

„Beachtliches Debüt“

NDR Kultur "Neue Bücher"

„Voller Fragen ohne einfache Antworten, beklemmend und faszinierend zugleich.“

booksandnotes.de

„Christian Dittloff ist es einfach gelungen ein großartiges Bild einer zukünftigen Beziehung und heranreifenden Familie in einer fortschreitenden Gesellschaft darzustellen.“

michaelisbund.de

„Ein äußerst interessantes sozialutopisches Gedankenexperiment, für Leser/innen, die sich an den detaillierten Sexszenen nicht stören, zu empfehlen!“

kianu.lichtscheu.org

„Ein packender und sprachlich hervorragender Zukunfts-Roman, der uns alle angeht.“

fraeuleinjulia.de

„›Das Weiße Schloss‹ ist ein radikales wie rätselhaftes und vor allem starkes Debüt, das für mich ohne Frage zu den Highlights des Herbstprogramms gehört!“

renies-lesetagebuch.blogspot.com

„Eine Dystopie, die irgendwie keine ist. Denn dafür sind die Überschneidungen zu unserer Gegenwart zu gravierend. Ein hochinteressantes Thema!“

Kommentare zum Buch
Das weiße Schloss
C.Wegner am 08.08.2018

Ich habe dieses Buch verschlungen. Da Thema ist faszinierend und beängstigend zugleich. Die Recherche ist hervorragend und die Beschreibungen sehr detailliert. Einzig das Ende kam sehr plötzlich und lässt viel Raum für Spekulationen. Das mag man mögen oder nicht. Ich hätte gern noch weiter gelesen.

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