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PrägungPrägung

Prägung

Christian Dittloff
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Nachdenken über Männlichkeit

Hardcover (22,00 €) E-Book (19,99 €)
€ 22,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 23.02.2023 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Prägung — Inhalt

Was macht uns zu den Menschen, die wir sind? Und wie können wir uns verändern? Christian Dittloff verbindet eigene Erfahrungen, Reflexionen über persönliche Vorbilder und Popkultur sowie philosophische Betrachtungen zu einem literarischen Spiel der Selbsterkundung. In einer inneren Archäologie untersucht er seine Kindheit und Jugend auf patriarchale Bruchstücke und versucht, diese aufzulösen. Der Text ist ein innerer Denkmalsturz gewaltvoller Vorbilder – vom Klassenbully über den Rockstar bis zum genialen Künstler – und zugleich ein kraftvolles Manifest, sich ein Leben lang verändern zu wollen.

„Ein erstaunliches Buch, in seiner Transparenz und dem Wagnis, das es eingeht. Christian Dittloff stellt sich einer eigentlich unmöglichen Aufgabe: Mit archäologischem Blick leuchtet er die blinden Flecke heterosexueller Männer aus, die indirekt – und häufig ohne es zu wollen oder auch nur zu merken – von der Gewalt anderer Männer profitieren. Ich werde dafür sorgen, dass alle heterosexuellen Männer, die ich kenne, dieses Buch lesen.“ Daniel Schreiber

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erscheint am 23.02.2023
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1483-2
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€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erscheint am 23.02.2023
240 Seiten, WMePub
EAN 978-3-8270-8068-4
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Leseprobe zu „Prägung“

STEINBRUCH

Das ist doch wie Manspreading, nur als Atemgeräusch, denke ich und balle die Fäuste, während ich versuche zu meditieren.

Nach dem Tod meiner Eltern hatte sich eine mir in ihrer dröhnenden Dauer bisher unbekannte Traurigkeit in mein Wesen eingeschlichen. Sie war wie ein Stein an meinen Alltag gekettet. Alles erschien mir anstrengender als zuvor. Ich geriet schneller außer Atem, aus der Fassung, kam nicht mehr in Form. Und wenn mich Situationen überforderten, spürte ich eine ungeahnte Wut in mir aufsteigen. Mein Magen war flau, meine Gedanken [...]

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STEINBRUCH

Das ist doch wie Manspreading, nur als Atemgeräusch, denke ich und balle die Fäuste, während ich versuche zu meditieren.

Nach dem Tod meiner Eltern hatte sich eine mir in ihrer dröhnenden Dauer bisher unbekannte Traurigkeit in mein Wesen eingeschlichen. Sie war wie ein Stein an meinen Alltag gekettet. Alles erschien mir anstrengender als zuvor. Ich geriet schneller außer Atem, aus der Fassung, kam nicht mehr in Form. Und wenn mich Situationen überforderten, spürte ich eine ungeahnte Wut in mir aufsteigen. Mein Magen war flau, meine Gedanken kreisten, mein Herz flatterte; es war, als würde diese Wut mich verhärten und beschweren, um mir Bodenhaftung zu geben. Ich nahm daraufhin verschiedene Therapieangebote in Anspruch. Darunter auch eine regelmäßige Meditation, gemeinsam mit anderen Patient:innen in Trauer, mit Depressionen und Burn-out-Symptomen. Wir lagen in einem lichtdurchfluteten Seminarraum auf unseren Matten. Die Therapeutin leitete uns mit freundlicher Stimme an, gab die Atmung vor: ein, aus, ganz langsam, ein, aus, es ist alles da. Ich spürte, wie ich allmählich ruhiger wurde, wie mir die empathische Verbindung mit den anderen im Raum guttat und ich mich dem allgemeinen Rhythmus hingeben konnte. Dann forderte die Therapeutin uns auf, kräftiger auszuatmen, um damit die Reste blockierender Gedanken loszuwerden, und was uns auf der Brust lag, mit mehreren Seufzern auszustoßen. Ein gedämpfter Chor erklang. Wir atmeten aus, machten den Mundraum rund und schlossen halb die Lippen, sodass der Klang lauter in uns selbst als in den Ohren der anderen widerhallte. Bis plötzlich ein einzelnes lautes Stöhnen den Gleichklang durchbrach. Ich öffnete die Augen einen Spalt weit und sah einen der wenigen Männer den Mund aufreißen. Beim nächsten Ausatmen wurde das Geräusch noch lauter, und jetzt begannen auch zwei andere Männer, ihre blockierenden Gedanken auf eine Art herauszulassen, die mehr an Tierlaute erinnerte. Während der Meditation, die vorher eine wunderschöne Gedankenreise gewesen war und uns an einen Bergsee geführt hatte, war ich kaum noch zur Konzentration fähig. Ich wurde meine aufsteigende Wut über das Verhalten dieser Kerle nicht mehr los. Ich dachte: Wir teilen alle diesen Raum, und ihr macht euch zu groß. Ihr atmet euch direkt ins Erleben der anderen hinein mit eurer aggressiven Selbstverständlichkeit. Das war meine Deutung, die vielleicht mehr mit mir selbst zu tun hatte, als ich es mir eingestehen wollte. Ich versuchte, weiter zu meditieren, mit geballten Fäusten. Am liebsten wäre ich aufgestanden, um den Typen der Reihe nach in die Fresse zu schlagen. Aber abgesehen davon, dass ich ein eher friedliebender Zeitgenosse bin, kam mir zum Glück schnell ein Gedanke: dass sich in meiner Gewaltfantasie nämlich genau dieselbe aggressive Männlichkeit offenbarte, die mich mit den aufdringlichen Stöhnattacken hier fast zur Weißglut trieb. Und das erledigte meine Meditationsfähigkeit schließlich vollends – zumindest für diesen Tag. Das war der Moment, in dem mir schlagartig klar wurde, dass ich mich näher mit dem Thema Männlichkeiten befassen wollte.

 

Harte, spitze, glatte, bunte und gebrochene Geschichten: In meiner Kindheit habe ich Mineralien gesammelt. Ich besaß mehrere flache Setzkästen mit Smaragden, Bergkristallen, Amethysten und Versteinerungen, den Abdruck eines Flusskrebses, eine versteinerte Schnecke.

Jedes Jahr war ich mit meinem Vater auf der Mineralienmesse in Hamburg und lief staunend durch die Gänge. Welchen Wert so kleine Gegenstände haben konnten. Ihr Preis hing von verschiedenen Faktoren ab: Seltenheit, Härte, Schönheit und – natürlich – dass man sich irgendwann irgendwie auf diesen Wert geeinigt hatte. Mit besonderer Faszination stand ich vor einer Bühne, daneben ein Haufen aus Steinkugeln in der Größe von Männerfäusten. Neben dem Haufen Werkzeuge: Hammer und Meißel unterschiedlicher Formen und Größen, eine Diamantsäge sowie etwas, das ich heute (nach Recherche) als Gusseisenrohrschnappschneider benennen kann – eine Metallkette, die man um einen solchen runden Gegenstand legt, um ihn mit graduell erhöhter Spannkraft möglichst gleichmäßig zu zerteilen. Und auf einem weiteren Tisch lagen solche Steinkugelhälften zur Ansicht, aus deren Mitte es bunt funkelte. Es handelte sich dabei um sogenannte Drusen, rundliche, durch eine steinerne Außenschicht begrenzte und mit Kristallansammlungen gefüllte Hohlkörper (bei vollständiger Füllung nennt man sie Geoden). Die ergiebigsten Fundstätten von Drusen liegen in Steinbrüchen und Höhlen Südamerikas. In die durch vulkanische Prozesse entstandenen Hohlräume im Gestein sickert mineralhaltiges Wasser ein, das im Laufe der Zeit zur Bildung von Kristallen führt, häufig handelt es sich dabei um Amethyste mit einem Quarz in violetter Färbung.

Die Steinkugeln wurden live on stage geknackt. Man konnte sich ein Exemplar vom Haufen nehmen und es dem bärtigen Mineralienhändler übergeben, der einen Tipp abgab, wie viel Kristall wohl darin steckte. Denn das war der Reiz: Einige der Drusen waren mit mehr, andere mit weniger kristallinem Funkeln gefüllt, und man erlebte eine in Aufregung kippende Ungewissheit, wenn man eine solche Steinkugel erwarb. Ich erinnere mich noch genau an diese trippelnde Gefühlsspannung in mir, zwischen ängstlich und hoffnungsvoll. Umso größer die Freude, wenn aus dem aufgebrochenen Stein das lilafarbene Glühen eines Amethysts hervortrat und nicht nur eine blasse andere Quarzbildung. Die meisten Edelsteine und Mineralien habe ich von meinem angesparten Taschengeld gekauft. Doch die Drusen hat mir mein Vater als Höhepunkte unserer jährlichen Messebesuche geschenkt.

Einige dieser Kugelhälften besitze ich noch heute. Die besonders farbintensiven Exemplare zieren mein Bücherregal als Zeugen meiner kindlichen Begeisterung, andere liegen im Keller meiner Berliner Wohnung in einem Umzugskarton. Ihr Wert hat sich ins Ideelle verschoben, denn so eine faustgroße Druse kostet um die zehn Euro und lässt sich heute im Internet als Partyspaß für Kindergeburtstage bestellen. Doch ich kann das faszinierende Gefühl noch gut nachempfinden: nicht zu wissen, was der unscheinbare Stein bereithält.

Seit längerer Zeit schreibe ich Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend auf. Szenen wie diese und ganz andere. Meine Eltern sind vor fünf Jahren gestorben. Erst mein Vater, an einem langen Lungenleiden, und dann – nur vier Monate später – meine Mutter, deren Todesursache schwerer zu greifen ist; sie hat sich aufgelöst, die Kraft, die Knochen, der Lebenswille. Die Zäsur des Elterntods hat mich in einen tiefen Spalt fallen lassen, an dessen Grund ich meine Lebensmitte fand. Die Erkenntnis: Der eigene Tod wird einmal ein reales Ereignis sein. Doch die Trauer ist auch, wie es etwa bei Proust heißt, eine Spitze des Besonderen, von der aus sich das Leben überblicken lässt. Aus dem Tod meiner Eltern erwuchs ein Buch. Durch die Arbeit am Text, das Ordnen von Gefühlen und Gedanken zu erzählbaren Sinneinheiten, arbeitete ich zugleich an einer inneren Erzählung und veränderte den Verlauf meiner Trauer, da ich sie sowohl als Gefühl als auch gedanklich durchlebte. Die Sprache machte die Bedrohung endlich. Es überrascht mich nicht, dass sich meine Aufmerksamkeit nach diesem intensiven Schreibprozess auf einen weiteren Aspekt meiner Vergangenheit gerichtet hat und ich Teile des lieb gewonnenen literarischen Verfahrens beibehalten möchte. Denn im Zutagefördern so mancher Erinnerung an meine Eltern und ihren Tod habe ich auch neue Facetten an mir selbst kennengelernt und mich dabei schreibend verändert. Oder um in der Bildwelt der Drusen zu bleiben: In durch emotionale Prozesse entstandene Hohlräume meines Wesens sickerten Gedankenimpulse, die sich mit der Zeit für mich zu einem inneren Funkeln verdichtet haben.

 

Einige Monate nach dem Meditationsvorfall schrieb ich mich fast um den Verstand. Einer rauschhaften Bewegung folgend, hieb ich Teile der Geschichte meiner Prägung als Mann in die Tasten, schichtete ein Erlebnis auf das nächste, Erinnerungen an erste erotische Faszinationen als Kind und an das Staunen über die mutige Gewandtheit anderer, das neidische Hochschauen, verebbte Gewaltimpulse, die hilflosen Deutungen des Verhaltens der Erwachsenen. Erinnerungen an die Angst vor Peinigern in der Grundschule und die Scham über eigenes diskriminierendes Verhalten während der Zeit auf dem Gymnasium. Dumme Äußerungen von Lehrern, erste Beziehungen, Liebe, sexuelles Begehren, Begeisterung, Lust und all das. Doch als Geschichte mit einem Handlungsbogen schob sich das Geschriebene so ineinander, als erklärte es bloß die Allgegenwärtigkeit sexualisierter Gewalt, als wäre es eine Entschuldigung für die fortwährende Macht des Patriarchats.

In dieser Zeit kam es mir vor, als würde ich in mein Inneres hinabsteigen, um all das Material zu bergen und hinaufzubefördern. Erst bei Tageslicht wirkte es fassbarer, wurden Ecken und Kanten sichtbarer. Ich musste es weiter freilegen, um es mit immer feinerem Pinsel zu entstauben und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Ich bin ein Mann. Das ist richtig, doch wie schwer ist es, allein die Bestandteile dieses Satzes einzeln zu fassen. Das Konzept Identität. Das Konzept Sein. Das Konzept des sozialen Geschlechts Mann.

Wie unfassbar kompliziert das ist!

Und auch meine Agentin hatte Bedenken, als sie meine ersten Erinnerungsminiaturen las. Ganz unverblümt fragte sie mich, warum es gerade diese Stimme eines Mannes brauche? Wem anders diese selbstkritische Betrachtung nütze als mir und der eigenen Reinwaschung?

Doch ganz ehrlich? Ich winde mich jedes Mal bei der Zuschreibung Mann, auch wenn ich mich selbst als Mann sehe. Warum ist das so? Kann ich dem Mannsein und dem entrinnen, was Pierre Bourdieu in Die männliche Herrschaft als vergeschlechtlichten Habitus bezeichnet?

Unverdrossen holte ich dennoch immer mehr als Text getarnte Erinnerungen aus meinem inneren Steinbruch, um diesem Urteil meiner Agentin, das ich theoretisch durchaus teilen konnte, etwas entgegenzusetzen, der Materialberg wuchs weiter an. Aber natürlich war es damit nicht getan. Aus der Fülle an Geschichten hätte ich wahrscheinlich alles bauen, ja, alles beweisen können, denn auch ein halbes Leben ist lang und voller Widersprüche.

 

Als ich einen Entwurf dieses Textes einer geschätzten Kollegin zum Lesen gebe, schreibt sie neben die vorangegangenen Absätze: Warum ist aus dem Bedenken der Agentin im nächsten Absatz schon ein Urteil geworden? Ich spüre Achillesfersen-Vibes: Hier bist du leicht verwundbar, oder? Und damit hat sie völlig recht: Ich bin beim Schreiben dieses Textes durchdrungen vom Zweifeln. Vor allem haben meine Bedenken mit der Position zu tun, aus der heraus ich schreibe, und mit der Intention, die ich habe.

 

Der Topos Steinbruch ist mit einem klischierten Männlichkeitsbild assoziiert: Bergbau, Steinhacke, Muskeln, Schmutz, spröde Härte, Bärte – und wiederum klischierte Ideen bildungsferner Klassenzugehörigkeit. Diese gedanklichen Verbindungen teilen eine große Schnittmenge mit dem Begriffspaar Toxische Männlichkeit, das ein Verhalten von Männern bezeichnet, das schädlich für andere und für sie selbst ist. Natürlich soll es auch hier im Text um diese Form der Männlichkeit gehen – doch nicht in der Hauptsache. Sie interessieren mich in diesem Schreibprozess nur am Rande, die Panzer- und Protestmänner, die Hooligans und Kämpfer. Zum einen, weil sie sich in meinem Milieu eher selten so eindeutig zeigen (warum das so ist, ist ein Thema für sich, und warum ich mir mein geistiges Zuhause in der Literaturszene gesucht habe, ebenfalls), zum anderen, weil viele die offensichtliche toxische Männlichkeit nutzen, um ihren Unterschied dazu zu betonen. Es ist auch leicht, über ihn zu urteilen, sich über ihn zu erhöhen: den gewalttätigen, saufenden, die BILD-Zeitung lesenden, sexistischen Rassisten; er ist ja auch nur ein Klischee.

Mich interessiert vielmehr die sexistische Prägung aller Männer, ich möchte dort hinschauen, wo sie sich weniger eindeutig zeigt als in Muskeln, Waffen und demonstrativer Dominanz, mich interessiert ihre Ambivalenz. Ich glaube nämlich, dass sich auch in einer „unauffälligen“ Kindheit, in der nur latenten Gegenwärtigkeit von Sexismus, bereits das Potenzial zur Gewaltbereitschaft andeutet, und leite daraus die Notwendigkeit dieses Erzählens ab. Die patriarchale Zurichtung versteckt sich vor aller Augen. Während es im Hinblick auf Weiblichkeit oft um die unerwähnten Geschichten geht, die ans Tageslicht müssen, geht es bei Männlichkeit um die Neubewertung des Zuvielerzählten.

Doch was meint „unauffällig“? In Hinblick auf diese Erkundung meint es die normative Gewalt unhinterfragter gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten. Die Norm wird häufig weder als solche erkannt noch benannt. In Deutschland aber ist sie: männlich, weiß, hetero, westdeutsch, obere Mittelschicht. Die anderen sind – die anderen.

(Auch wenn Erzählungen abseits heteronormativer, binärer Geschlechterbeziehungen endlich bekannter werden: Ich schreibe hier von Männern und Frauen und beziehe mich damit auf die prägende binäre Genderlogik der Dominanzgesellschaft, die die vielgeschlechtliche Realität nicht abbildet. Männlichkeit und Weiblichkeit werden hier durch diskursive, kulturelle und soziale Praktiken konstruiert.)

 

Auch in Hinblick auf die Untersuchung der Prägung eines Menschen weckt der Begriff Steinbruch als Metapher bestimmte Assoziationen: Schichten über Schichten über Schichten. In einem Steinbruch zeigen sich die Sedimente, die verschiedenen Zeitalter der Werdung der Welt. Wir legen sie zum Teil mit Sprengstoff frei, versuchen, größere Stücke herauszulösen, aber auch Schotter, Kies und Sand, Bestandteile ganz unterschiedlicher Größe und Gewicht, geborgen mit dem jeweils passenden Werkzeug.

Das Werkzeug, um meine Erinnerungen herauszulösen, ist dieser Text. Das Erzählen, die Reflexion, die Anekdote, das Zitat. Und nicht jede zutage geförderte Erinnerung eignet sich, erzählt zu werden. Denn bei Licht betrachtet, war sie nur einer dahinterliegenden Erinnerung im Weg. In der Archäologie des Erinnerns läuft die Zeit rückwärts. Zuerst denke ich an gestern, dann an letzte Woche, und irgendwann, viel später, komme ich in meiner Kindheit an.

 

Mein Material sprengt längst die Form. Niemals kann das alles veröffentlicht werden. Mir scheint es so, als hätte ich mit den verschriftlichten Erinnerungen auch eine Scham zutage gefördert, von der ich nur schwer erzählen kann. Mein Schreibprogramm macht übrigens aus verschriftlichen automatisch verchristlichen. So viel dazu, ob bestimmte Narrative einem Text immer zugrunde liegen und ihn unterschwellig formen; die Prägung einer Gesellschaft. Culture doesn’t make people. People make culture, schreibt die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie in We should all be feminists und erinnert Leser:innen daran, dass Prägung wechselseitig wirkt.

Der Eindruck wird zum Ausdruck, wird zum Eindruck, das alles ist eine patriarchale Fabrik.

 

Während des Verfassens dieses ersten Kapitels befinde ich mich in einem widersprüchlichen Setting. Ich genieße das Privileg eines Aufenthaltsstipendiums in einer Literatur-Villa, die einen Golfplatz in nächster Nachbarschaft hat, in dessen Löcher ich früher, als randalierender Teenager, gepinkelt habe. Mein bester Freund und ich waren damals in diese Villengegend gefahren, um etwas zu zerstören. Für mich war es gleichermaßen Männlichkeitsvalidierung wie antikapitalistischer Kampf: Mercedes-Sterne abbrechen, Briefkästen in die Luft jagen und Gartendeko stehlen. In einer Spätsommernacht, nach ein paar Bieren im Schlosspark, sind wir über den Zaun des Golfclubs gestiegen, haben mit aufgerissenen Händen ein paar Fahnen umgeknickt und grinsend in die Löcher gepisst. Was mussten wir lachen, als wir da lagen im perfekt gemähten Grün, unsere Kippen auf den Spießerträumen unserer Eltern ausdrückten und in den Sternenhimmel blickten. Unsere Augen tränten schon bei der Vorstellung, dass am nächsten Tag – ja, ausgerechnet einem Sonntag – die reichen Golftypen ihre Bälle aus den Pinkellöchern fingern würden. Und über uns Sternschnuppen. Jetzt, hier und heute bescheinigt mir dieses Künstlerhaus direkt nebenan die erfolgreiche Teilhabe am Literaturbetrieb. Man sieht sich also selbst in diesen Dingen immer zweimal im Leben, mitunter kann das ganz schön peinlich werden.

Ursprünglich hatte ich diese besondere Zeit nutzen wollen, um alte Freundinnen und Freunde zu treffen und weitere Erinnerungen zutage zu fördern. Doch dann streckte mich eine Erkältung nieder. Ich war wie – erleichtert. Denn vielleicht brauchte ich gar nicht noch mehr Erzählungen, in denen sich Nostalgie und gelernte sexistische Narrative vereinen, um zotige Erinnerungen daraus entstehen zu lassen. Ich hatte schon mehr als genug davon. Und es geht mir ja auch nicht um ein exaktes Abbild der Vergangenheit, warum sollte sich jemand auch so detailliert für mein Leben interessieren. Ich will entlarven und nicht bloß reproduzieren. Also: was auswählen, was über diesen Jungen sagen?

 

Um aus dem Material einen greifbaren Text zu bauen, der einen klassischen Erzählbogen umgeht, brauchte es ein Ordnungsprinzip. Eine mehr oder weniger strenge Regel, um die Erinnerungen in eine literarische Form zu bringen. Das Ordnungsprinzip sollte nicht so starr sein wie beispielsweise die I remember-Bücher des US-Lyrikers Joe Brainard, in denen er Hunderte Kindheitserinnerungen in kurzen Sätzen und Absätzen fasst, die jeweils mit der Feststellung I remember beginnen. Ich suchte vielmehr nach einem Verfahren, das mich zum offenen Schreiben inspirierte, indem es assoziative Impulse sendete und doch von vornherein so begrenzt war, dass meine Auswahl nicht willkürlich blieb. Denn das soll dieser Text sein: die exemplarische Betrachtung eines mehr oder weniger durchschnittlichen Mannes in seiner Genese. Nein, das ist es noch nicht. Denn natürlich ist, sich selbst als exemplarisch zu betrachten, auch wieder ein besonderer Male-Move. Immerhin, meine oben erwähnte größte Befürchtung erfülle ich an dieser Stelle nicht: heimlich der Mann zu sein, den ich kritisiere. Doch was kann dann der exemplarische Gehalt dieses Textes sein? Ich schreibe über die strukturelle Gewalt, in der wir alle leben, auch wenn sie uns in unterschiedlichem Maße betrifft und formt. Ich untersuche anhand meiner subjektiven Geschichte als Mann, wie das Aufwachsen unter patriarchaler Prägung mich geformt hat: Wie wurde ich zu dem, der ich bin, wie hat mein Begehren sich geformt; was ist im Steinbruch meines Wesens enthalten?

 

Am Anfang steht das Wort selbst: S t e i n b r u c h. Ich habe ein Faible für Buchstabenspiele, im Jonglieren mit Wortbestandteilen das Bedeutungspotenzial zu ergründen. Deshalb schaue ich mir an, was auf der Ebene der Schriftzeichen im Wort enthalten ist. Es hat zehn Buchstaben, darunter drei Vokale und gebräuchliche Konsonanten. Kein Buchstabe tritt doppelt auf. Wenn ich alle Buchstaben kreuz und quer verwende, um sie nach Belieben (und auch unvollständig) zu arrangieren, lässt sich sehr viel daraus formen. All diese Begriffe stecken darin: Untier, Unrecht, Bursche, Brust und, ja, auch Brecht. Und wenn ich das Ausgangswort durch den Anagramm-Generator im Internet jage, erhalte ich Hunderte Worte, mit denen wiederum alles zu sagen wäre. Ich muss also strenger herangehen.

Die nächste Regelverschärfung führt zum Ziel. Die assoziativen Bezugsworte sind aus den Buchstaben S t e i n b r u c h in der Reihenfolge der Leserichtung zu wählen. Es dürfen beliebige Buchstaben ausgelassen, aber keine hinzugefügt werden. Stein und Bruch sind natürlich dabei. Und bei genauerem Hinsehen gibt es mehr zu entdecken: Teich – Sein – Einbruch – Buch. Diesen Worten strömen meine Erinnerungen sogleich entgegen. Sie lassen sich semantisch ihren Bildwelten zuordnen. Ich verstehe: Dieser Text wird also keine Biografie ergeben, sondern mit der Gegenwart des Schreibens vermischt, werden die Teilstücke losere Ich-Figurationen bleiben, ohne sich auf das standesamtlich bestätigte Individuum zu begrenzen. Wie Kühlschrankmagnetwörter stelle ich Erinnerungsbegriffe zusammen und schaue mir ihre Bedeutung an. Nicht aus der Sicht des Kindes, sondern aus meiner Sicht heute, des erwachsenen Mannes.

Lange wollte ich dieses Kind verdrängen. Diesen Jungen vergessen, der so unsicher, so ängstlich, aber auch so plietsch und gefallsüchtig und später sogar opportunistisch und gemein war. Vergessen auch das Material, das ich während des ersten Jahres der Pandemie und etwa im gleichen Zeitraum wie die Notizen zur Trauer um meine Eltern aufgeschrieben hatte, Material, das das Ich meiner Kindheit so entblößt.

 

Es gebe nur zwei Arten von Literatur, schreibt Annie Ernaux in Erinnerungen eines Mädchens, die nacherzählende und die suchende. Dieser Text sucht.

Für die Suche gebe ich mir selbst ein paar Regeln mit:

Ich vertraue darauf, dass ich durch das Ordnungsprinzip die richtigen Bruchstücke finde, weil in der Zufälligkeit die Allgegenwärtigkeit liegt.

Ich verliere mich nicht in der Recherche.

Ich nutze die Erinnerung nicht als Anlass, um über Ungerechtigkeiten zu referieren und mich über andere zu erhöhen.

Ich versuche, mich nicht über das Urteilen über mich selbst oder andere zu profilieren.

Ich gehe davon aus, dass Männer zum Abbau patriarchaler Männlichkeit beitragen müssen.

Ich akzeptiere, dass ich nicht die dringendste Stimme des Chores bin.

Ich gehe das Risiko des Erinnerns ein, auch wenn ich nicht weiß, was die schriftliche Fixierung der Vergangenheit bewirkt: Stärkt sie die Macht vergangener Prägung über mich, oder befähigt sie mich, mich von ihr zu befreien?

Ich erinnere mich immer wieder daran: Vom Ich ist nie das letzte Wort gesagt, weil ich heute ein von gestern verschiedenes Wissen habe. (Roland Barthes)

Ich fürchte, ich werde zu keinem Ergebnis kommen, ich bleibe auf der Suche

nach der verlorenen Zeit,

der verborgenen Zeit,

der verbogenen Zeit,

der verbotenen Zeit?

 

Die allerschönste der aufgebrochenen Steinkugeln war für mich übrigens gar nicht die mit den meisten Kristallen darin. Es war eine kümmerlich kleine Druse, die ich selbst gefunden hatte. Einmal war mein Vater mit mir nach Idar-Oberstein gefahren – der heimlichen Mineralienhauptstadt Deutschlands. Im Umland begaben wir uns, ausgestattet mit Hammer und Meißel, in einen kleinen Steinbruch. Wir hatten Saftpakete dabei und Honigbrote. Ich kraxelte durchs Geröll und fand nach etwa zwei Stunden tatsächlich eine der ersehnten Steinkugeln. Mein Vater zeigte mir, was zu tun war. Wie man den Meißel ansetzt und vorsichtig einen Ring um die Kugel schlägt, bis man sie schließlich spalten kann. Als die Hälften auseinanderbrachen, war da nicht das intensive Funkeln, das ich von den Mineralienmessen kannte, da waren bloß ein paar blinde Kristalle. Doch es war meine eigene Druse, ich hatte sie entdeckt und selbst geöffnet. Mein Vater legte den Arm um mich, und wir saßen noch lange an diesem steinigen Ort, ohne viele Worte zu verlieren.


STEINBRUCH

In meiner Kindheit gab es drei Teiche. Einer lag nierenförmig in unserem Garten, umgeben von Schilf und der Angst meiner Mutter. Ein anderer war hinter dem Kindergartengebäude, auch gut gesichert durch ein ständiges Verbot. Der dritte befand sich auf dem Grundstück der Oma meines Freundes S.

Ich erinnere mich kaum an den Kindergarten; ein großes blasses Haus mit einem Spielplatz davor. Ich weiß nur noch, wie ich einmal auf eines der Gerüste geklettert bin und nicht mehr runterkam. Ich erinnere mich, wie ich an ein Spielhaus heranschlich, um die Mädchen darin zu belauschen. Ihre Geheimnisse waren etwas Kostbares. (Kostbar – heute begreife ich, dass in dem Wort bereits die Möglichkeit, konsumiert zu werden, anklingt.) Und ich weiß noch, wie ich eine grüne Plastikperle auf dem Fußboden im Aufenthaltsraum mit den vielen Bildern an den Wänden fand, die die gesamte Kindheit über mein wertvollster Besitz blieb. Den wenigen Menschen, denen ich diese Perle zeigte, sagte ich, sie sei ein Smaragd, eben ein leichtes, aber umso wertvolleres Exemplar, und ich glaubte stärker daran, je öfter ich es sagte. Sie befindet sich noch heute in einer kleinen Schatulle mit mich rührenden Andenken: ein goldener Zauberschlüssel aus Plastik mit einem reflektierenden Herz darauf, den mir eine Schulfreundin geschenkt hat, ein Pinguin aus Metall, mit dem meine Mutter – wie zuvor meine Großtante – ihre Zigaretten ausdrückte, sowie ein Mon-Chéri-Papier, das ich nach dem Tod meiner Mutter in ihrer Bademanteltasche fand. (Die Erinnerungen an meinen Vater sind weniger gegenständlich.)

Ich erinnere mich, wie ich eines Tages unfassbare Mengen Grünkohl verschlang, da, im blassen Kindergartenhaus (jetzt – beim Schreiben – glaube ich, dass es gelb war), im Essraum auf den kleinen Holzstühlen, und die Kindergärtnerin, deren Namen ich vergessen, deren fluffige 80er-Jahre-Frisur ich jedoch noch ganz genau vor Augen habe, beugte sich über mich und sagte, es sei genug. Doch da sprang ich bereits vom Stuhl, die Augen weit aufgerissen, und mit einer Hand vor dem Mund rannte ich auf meinen vier Jahre jungen Beinen in den Flur und dann, weil Kinder den Weg zu den Toiletten versperrten, nach draußen, rannte hinter das Haus und kotzte in den Teich. Als die Kindergärtnerin hinzutrat, hatte sich das Erbrochene bereits mit der Entengrütze vermengt. Die aufgeschreckte Frau schüttelte mich und schrie: Du darfst nicht allein zum Teich, das ist gefährlich – wir haben die Aufsichtspflicht.

 

Ich erinnere mich, wie ich an einem anderen Tag ans Pissoir trat und nicht wusste, was zu tun war. Zuerst stand ich vor den Kabinentüren, die aus heutiger Sicht winzig waren und absurd tief hingen. Doch ich konnte nicht eintreten. Denn ein Junge stand an der Pissrinne. Und wenn ich jetzt in die Kabine trat, dann konnte er nur zwei Dinge über mich denken: entweder, dass ich scheißen musste. Und ich wollte auf gar keinen Fall, dass er das dachte. Oder aber, dass ich im Sitzen pinkelte. Was ich tat, zu Hause gab es gar keine andere Möglichkeit für mich, weil die Toilette zu hoch war, außerdem bestand meine Mutter darauf, dass man das unterließ, im Stehen. Ich wollte nicht, dass der Junge von mir dachte, dass ich mich dafür hinsetzte, denn er stand ja auch. Also stellte ich mich neben ihn, es war das erste Mal in meinem Leben. Ich hatte Angst, dass es nicht klappen könnte, doch es lief ganz gut, stolz pinkelte ich kleine Kreise gegen die Keramik. Ich dachte an meinen Vater, wie er mit seinen Freunden auf einer Vatertags-Radtour lachend in den Straßengraben gepinkelt hatte, und blickte zu dem Jungen. Der schaute jetzt zu mir rüber. Reflexartig zog ich die linke Hand abschirmend vor meinen Penis, sodass der Strahl meine Handinnenfläche traf, zurück auf meine hellblaue Hose spritzte und Flecken in meinem Schritt hinterließ.

Am liebsten wäre ich im Boden versunken.

Aus heutiger Sicht klingt diese Szene komisch. Die Angst vor der potenziellen Erniedrigung wie eine Lappalie. Doch in diesem Augenblick war ich verzweifelt. Hätte mir ein höheres Wesen den schnellen, schmerzlosen Tod angeboten – ich hätte eingeschlagen. Ich wusste: Wenn ich jetzt da rausging zu den anderen, dann … Dann würde ich für immer der Junge sein, der in die Hose gemacht hatte. Obwohl bis vor wenigen Monaten wahrscheinlich alle hin und wieder noch in die Hose gemacht hatten. Aber jetzt nicht mehr. Also musste bewiesen werden, dass man das nicht mehr tat, und so was funktionierte natürlich am besten, wenn man mit dem Finger auf jemanden zeigen konnte. Noch waren der Junge und ich allein im Waschraum. Doch ich hörte Schritte vor der Tür, stand also kurz davor, entdeckt zu werden. Der Junge schaute mich an und erkannte meine Panik. Ohne ein Wort zu sagen, öffnete er blitzschnell den Wasserhahn und spritzte mich ein bisschen nass. Ein paar Tropfen auf meinen Pullover und meine Hose, mehr nicht. Und dann leitete er den Strahl des Wasserhahns mit dem Daumen auch auf sich um, machte sich das Gesicht nass, den Pullover, die Hose, sogar im Schritt. Die Tür sprang auf, und drei Kinder sprangen herein. Der Junge rief: Wasserschlacht! Aber nehmt euch vor dem Kleinen in Acht, der ist gefährlich. Das war S. Er hat mich vor dieser Beschämung beschützt, das machte uns zu Freunden.

 

Heute google ich seinen Namen. Finde ihn auf facebook. Er nennt sich Hamburger Jung. Er mag Fußball, den HSV im Besonderen, und postet Fotos von sich mit verschiedenen Autos. Wie er an einem BMW-Cabrio lehnt und lächelt. Wie er einem roten Porsche über die Motorhaube streicht. Ich lehne diese Vorlieben innerlich so vehement ab, dass ich mich fragen muss, welche Bilder da in mir zusammenlaufen. Wir haben keine gemeinsamen Freund:innen. Er wohnt noch immer in derselben Gegend, hat das Territorium unserer Kindheit wahrscheinlich nie länger verlassen. In meiner Vorstellung ist er somit derselbe Mensch geblieben. Ich erkenne ihn, obwohl ich keine klare Erinnerung an sein Gesicht habe. Die Brillenform und etwas, das ich nicht benennen kann, kommen mir vertraut vor, und ich habe plötzlich Sehnsucht nach dem Freund und nach dem Sommer und natürlich vor allem nach meiner eigenen Kindheit. Ich frage mich, ob sein gegenwärtiges Dasein sich aus meinem Gedächtnis ableiten lässt. Passen die Bilder zusammen? Ich überlege, ihn anzuschreiben. Ich würde ihm gern von meinen Erinnerungen an ihn erzählen. Und ich würde ihn fragen, wie er sich an mich erinnert, ob er noch um meine Ängstlichkeit weiß oder noch weiß, was ihn dazu bewogen hat, mich durch die angezettelte Wasserschlacht zu retten. Gerade jetzt ist das Bedürfnis groß, mit meiner Vergangenheit in Kontakt zu sein, da ich hier schreibe – in der Villa am Mühlenteich. In diesen Gefilden meiner Jugend spüre ich es besonders stark: Meine Eltern sind tot. Ihr Grab ist fußläufig zu erreichen, meine Gedanken gehen voraus. Im Herbst fallen die Blätter und geben die Sicht auf das Gewässer frei.

 

Nur ein Gefühl: Ich möchte in der Nähe des Bekannten vor Anker liegen. Dieses Schreibprojekt stößt etwas in mir auf, das ein Meer ist. Ich bin hinausgetrieben und finde das Ufer nicht. Mein Inneres ist wellend in Bewegung und tief. Ich möchte mir die Geschichten, denen ich mich durch das Schreiben nähere, beglaubigen lassen, damit ich nicht die alleinige Verantwortung für sie trage. Aber ist es nicht egal, was S. zu diesen Erinnerungen sagt? Ich suche ja nicht nach seiner, sondern nach meiner eigenen Version. Auch die entfaltet sich im Dialog, mit wem aber will ich sie formen?

Ich schreibe dies schnell und spontan, vertraue darauf, dass sich das Erinnern nach einem tieferen semantischen Prinzip ordnen lässt, sich fügt im Rahmen des Wortfelds, dass die Sprache die Erinnerung umschließt, nach dem Sprung ins kalte Wasser.

 

Die Oma meines Freundes S. holte uns damals bald regelmäßig aus dem Kindergarten ab und nahm uns mit zu sich ins Umland. Damit sie in Ruhe etwas zu essen vorbereiten konnte, schickte sie uns raus. „Geht spielen“, sagte sie, „Jungs müssen draußen sein.“ Anders als die Kindergärtnerin und meine Mutter hatte die Oma keine Angst, dass uns etwas passierte. S. und ich lagen im Gras am Teich ihres großen Gartens und redeten mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Verträumt lagen wir da und blickten aufs Wasser. Wir sammelten Tiere. Ein Spinnenzoo, ein Schneckenzirkus, ein Grashüpfergefängnis. Wir hielten sie gefangen. Töteten einige beiläufig, ließen andere frei. Ich fing eine Maus und warf sie in den Teich. Sie ging unter, und wir sahen die Kreise im Wasser. Ich bekam Angst, sie getötet zu haben. Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Ein Säugetier, mit Fell und lieben Augen. Was, wenn mein Freund dachte, dass ich zu weit gegangen war? Ein Unwohlsein im Bauch, als breiteten sich auch darin die Kreise aus. Doch die Maus tauchte auf, schwamm ans Ufer, und die Schamwellen ebbten ab. Wir streckten die Füße ins Wasser und zogen sie in letzter Sekunde wieder heraus, bevor irgendein Untier aus der Tiefe hochschnellte. Einmal, da waren wir uns sicher, hatten wir ein Krokodil gesehen. Auf dem Bauch liegend schoben wir Seerosenblätter beiseite, um in die Tiefe des dunklen Gewässers zu blicken, doch es spiegelten sich bloß unsere Gesichter auf der Oberfläche. Das waren Traumkindheitstage. Es ist eine grundlegende Sommererinnerung, als müsste jeder Sommertag meiner Kindheit genau so gewesen sein, dabei waren wir nur diesen einen Sommer befreundet, und wahrscheinlich waren wir auch nur drei oder vier Male zusammen dort.

 

Der Teich im Garten meines Elternhauses war erst eine verbotene Zone, dann ein Spielplatz und dann nicht mehr da. Meine Mutter war stets besorgt um mich, im Grunde hatte sie immerzu Angst, mir könnte etwas zustoßen. Um sie vor ihrer Angst zu schützen, lernte ich, auf mich selbst aufzupassen.

Ihre Angst war mein heimlicher Mut.

Dieser Satz klingt zwar gut, aber er trifft es nicht. Denn ich war ja nicht wirklich mutig. Ich versuchte, meiner Mutter die Angst um mich auszutreiben, indem ich versuchte, ihre Sorgen mit zur Schau gestelltem Mut zu schmälern. Wenn ich aber mit den anderen unterwegs war, bestand mein Mut darin, Mutters Angst als meine eigene auszusprechen und ja nicht auf die Brückengeländer und Flöße zu klettern, wie es meine Freunde taten.

Christian Dittloff

Über Christian Dittloff

Biografie

Christian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, studierte Germanistik und Anglistik in Hamburg sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim, arbeitete in einer Psychiatrie, als Kulturjournalist und Experte für Kulturmarketing. 2018 erschienen sein Romandebüt „Das Weiße Schloss“ und 2020 sein...

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