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Brüderchen

Clara Dupont-Monod
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Roman

„All das beschreibt Clara Dupont-Monod in einer wundervollen Sprache, mit unglaublicher Empathie und auf eine stille und ruhige Art, die direkt ins Herz geht. Es ist fast schon Poesie. Ein berührendes, ein wunderbares kleines Buch.“ - Süddeutsche Zeitung Bayern

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Brüderchen — Inhalt

„Eine wunderbare Ode an das Leben.“ Le Figaro Magazine

Eines Tages kommt in einer Familie ein Kind zur Welt. Seine schwarzen Augen tanzen, verlieren sich im Ungefähren, ein verletzliches Wesen, das nie laufen lernen wird. Alle Liebe, alle Zeit gilt von nun an diesem ewigen Kind. Wie leben die Geschwister in seinem Schatten?

Clara Dupont-Monod erzählt von einer Familie, die selbst im Schmerz noch Zuneigung und Frieden findet, Verbundenheit und Zuversicht. „Brüderchen“ ist ein Roman voll existenzieller Kraft und karger Schönheit, so majestätisch wie die Berge der Cevennen, die diese Familie schützend umgeben.

„Eine zarte, zerbrechliche Familiengeschichte. ... Ohne auch nur ein einziges Mal in kitschige Rührung abzugleiten, fühlt sich die Autorin Clara Dupont-Monod in die Geschichte der Familie ein. Erzählt leise, zurückhaltend, aber ungemein intensiv von Menschen, die nicht am Leid zerbrechen. Ihm standhalten, jeder auf seine Weise.“ Christine Westermann, Stern

„Ein Roman von überbordender Emotionalität und Vitalität.“ Elle

„Feinfühlig und treffend schildert die Autorin, wie der Lebensweg jedes Einzelnen durch die Geburt des Bruders bestimmt wird.“ Le Monde des Livres

„Ein aufwühlendes, intensiv und lebendig geschriebenes Buch.“ Le Parisien Week-end

Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt des Lycéens und Prix Femina 2022

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 30.03.2023
Übersetzt von: Sonja Finck
176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07175-8
Download Cover
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erschienen am 30.03.2023
Übersetzt von: Sonja Finck
176 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60414-7
Download Cover
„Dieser Roman ist ungeheuer traurig und berührend. Man kommt den unterschiedlichen Figuren sehr nah (…) Trotz dieser Traurigkeit strahlt er aber eine Kraft, eine Zuversicht und eine Hingabe an das Leben aus, wie sie wahrscheinlich erst durch sehr intensiven Schmerz überhaupt möglich wird.“
rbb Kultur „Der Morgen“
„Ohne auch nur ein einziges Mal in kitschige Rührung abzugleiten, fühlt sich die Autorin Clara Dupont-Monod in die Geschichte der Familie ein. Erzählt leise, zurückhaltend, aber ungemein intensiv von Menschen, die nicht am Leid zerbrechen. Ihm standhalten, jeder auf seine Weise.“
Stern

Leseprobe zu „Brüderchen“

Der große Bruder

Eines Tages wurde in einer Familie ein unangepasstes Kind geboren. Und obwohl das ein etwas seltsames Wort ist, beschreibt es die Realität eines kraftlosen Körpers und eines beweglichen, leeren Blicks sehr gut. „Unterentwickelt“ wäre fehl am Platz, „beschädigt“ auch, denn das klingt nach einem kaputten Gegenstand, den man nur noch wegwerfen kann. „Unangepasst“ hingegen benennt die Tatsache, dass das Kind nicht nach gängigen Maßstäben funktionierte (eine Hand ist zum Greifen da, Beine zum Laufen), dass es in vielerlei Hinsicht außen vor [...]

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Der große Bruder

Eines Tages wurde in einer Familie ein unangepasstes Kind geboren. Und obwohl das ein etwas seltsames Wort ist, beschreibt es die Realität eines kraftlosen Körpers und eines beweglichen, leeren Blicks sehr gut. „Unterentwickelt“ wäre fehl am Platz, „beschädigt“ auch, denn das klingt nach einem kaputten Gegenstand, den man nur noch wegwerfen kann. „Unangepasst“ hingegen benennt die Tatsache, dass das Kind nicht nach gängigen Maßstäben funktionierte (eine Hand ist zum Greifen da, Beine zum Laufen), dass es in vielerlei Hinsicht außen vor war, aber trotzdem am Leben teilhatte, wie ein Schatten in der Ecke eines Gemäldes, der nicht so ganz dazuzugehören scheint, obwohl der Künstler ihn absichtlich dorthin gemalt hat.

 

Anfangs fiel der Familie nichts Ungewöhnliches auf. Das Baby war sogar bildhübsch. Die Mutter empfing Gäste aus dem Dorf und aus den umliegenden Orten. Autotüren knallten, Körper entfalteten sich, wagten ein paar schwankende Schritte. Das Haus war nur über eine schmale, gewundene Straße erreichbar. Mägen rebellierten. Einige Freunde und Bekannte wohnten in der Nähe, aber in den Bergen ist Nähe relativ. Um von einem Ort zum anderen zu gelangen, musste man hinunter- und wieder hinauffahren. Die Berge machten seekrank. Auf dem Hof fühlte es sich manchmal so an, als wäre man von gigantischen, in der Bewegung erstarrten Wellen umgeben, auf denen grüne Gischt schäumte. Wenn Wind aufkam und an den Bäumen rüttelte, hörte man ein Meeresrauschen. Dann erinnerte der Hof an eine sturmumtoste Insel.

Man betrat ihn durch ein massives, mit schwarzen Nägeln beschlagenes Holztor. Kennern zufolge stammte es aus dem Mittelalter, gezimmert von Vorfahren, die sich vor Jahrhunderten in den Cevennen niedergelassen hatten. Sie hatten die beiden Wohnhäuser erbaut, später dann das Vordach, den Backofen, den Holzschuppen und die Mühle. Wenn die schmale Bergstraße über eine kleine Brücke führte und das erste Haus mit seiner Terrasse am Bach auftauchte, drangen aus den Autos erleichterte Seufzer. Das zweite Haus, in dem das Kind zur Welt gekommen war, stand direkt hinter dem ersten. Dazu gehörte das mittelalterliche Tor, dessen Flügel die Mutter weit geöffnet hatte, um Freunde und Familie zu empfangen. Sie brachte Kastanienwein, den die Gäste verzückt im schattigen Hof tranken. Alle senkten die Stimme, um das Baby, das brav in seiner Wippe lag, nicht zu stören. Der Säugling roch nach Orangenblüten. Er wirkte aufmerksam und ruhig. Hatte runde, blasse Wangen, dunkelbraunes Haar und große schwarze Augen. So sahen in dieser Gegend viele aus, er war eindeutig ein Einheimischer. Die Berge erinnerten an Matronen, die über die Babywippe wachten, die Füße im Wasser, den Leib in Wind gehüllt. Das Kind war wie alle anderen, es gehörte dazu. Hier hatten die Neugeborenen schwarze Augen, und die Alten waren mager und sehnig. Alles war, wie es sein sollte.

 

Nach drei Monaten fiel auf, dass das Kind nicht brabbelte. Es gab keinen Laut von sich, außer wenn es weinte. Manchmal lächelte es, runzelte die Stirn, seufzte leise, wenn das Fläschchen leer war, zuckte zusammen, wenn eine Tür zuschlug. Das war alles. Weinen, Lächeln, Stirnrunzeln, Seufzen, Zusammenzucken. Sonst nichts. Es rührte sich nicht. Es lag völlig still da – leblos, dachten die Eltern, ohne es laut auszusprechen. Das Kind interessierte sich nicht für Gesichter, für Mobiles oder Rasseln. Vor allem aber fixierten seine dunklen Augen nie einen festen Punkt. Sie schwebten ziellos umher, glitten ab und an zur Seite weg. Die Pupillen kreisten, folgten dem Tanz eines unsichtbaren Insekts, starrten dann wieder ins Leere. Das Kind sah nichts, nicht die Brücke, nicht die beiden hohen Häuser, nicht die rötliche Steinmauer zwischen Hof und Straße, die schon seit Urzeiten hier stand, die tausende Male von einem Unwetter oder dem Verkehr zerstört worden war, tausende Male wiederaufgebaut. Es sah nicht die Berge mit ihrer rauen Haut, nicht die Bäume, die auf ihrem Rücken wuchsen, nicht den Bach, der den Hang in zwei Hälften teilte. Die Augen des Jungen strichen über alles hinweg, die Landschaft und die Menschen. Sie verweilten auf nichts und niemandem.

 

Eines Tages kniete sich die Mutter neben die Babywippe. Sie hielt eine Orange in der Hand. Langsam bewegte sie sie vor dem Gesicht des Kindes hin und her. Die großen schwarzen Augen richteten sich nicht auf die Frucht. Sie blickten woandershin. Wohin, konnte niemand sagen. Die Mutter gab nicht auf, versuchte es weiter. In ihrer Hand hielt sie den Beweis, dass das Kind schlecht oder gar nicht sehen konnte.

Man wird nie erfahren, welche Stiche in solch einem Moment in ein Elternherz fahren. Wir, die rötlichen Steine im Hof, die wir diese Geschichte erzählen, stehen auf der Seite der Kinder. Von ihnen möchten wir berichten. Von unserem Platz in der Mauer aus beobachten wir sie, sind seit Jahrtausenden Zeugen ihres Lebens. Kinder werden in einer Geschichte schnell vergessen. Man treibt sie ins Haus wie Lämmer, ignoriert sie, statt sie zu beschützen. Dabei sind die Kinder die Einzigen, die mit uns spielen. Sie geben uns Namen, malen uns bunt an, zeichnen und schreiben auf uns, kleben uns Augen, Mund und Haare aus Gras auf, schichten uns übereinander, um ein Haus zu bauen, lassen uns übers Wasser hüpfen, markieren Tore mit uns oder legen uns zu Eisenbahnschienen aus. Erwachsene benutzen uns, Kinder geben uns ein neues Leben. Darum stehen wir fest an ihrer Seite. Darum sind wir ihnen dankbar. Wir sind es ihnen schuldig, diese Geschichte zu erzählen – und die Erwachsenen sollten nie vergessen, dass sie dem Kind, das sie einst waren, für immer Dank schulden. Darum also richtete sich unser Blick auf die Kinder, als der Vater sie in den Hof rief.

 

Die Plastikstühle scharrten über den Boden. Sie waren zu zweit. Der große Bruder und die kleine Schwester. Mit dunklem Haar und schwarzen Augen, was sonst. Der Große war neun Jahre alt und saß kerzengerade da, mit durchgedrückter Brust. Er hatte knochige, magere Beine, wie so viele Kinder aus der Gegend, übersät von Schrammen und blauen Flecken, Beine, die es gewohnt waren, über Felsen zu klettern und einen Hang hinabzusteigen, Beine, die mit dem dornigen Ginster vertraut waren. Instinktiv legte er seiner Schwester eine Hand auf die Schulter. Er war ein hochmütiger Junge; sein Hochmut hatte jedoch nichts mit Arroganz zu tun, sondern entsprang einem romantischen Ideal von Zähigkeit und Ausdauer. Das unterschied ihn von den Angebern. Streng wachte er über seine kleine Schwester, sorgte dafür, dass Cousins und Cousinen sich an die gerechten Regeln hielten, die er aufstellte, erwartete von seinen Spielkameraden Mut und Loyalität. Wer vor einer Gefahr zurückschreckte oder einen neuen Rekord auf seiner persönlichen Feigheitsskala aufstellte, den strafte er mit Verachtung, und sein Urteil war gnadenlos. Woher er diese Selbstsicherheit nahm, wusste niemand, vielleicht hatten die Berge ihm eine gewisse Härte in die Wiege gelegt. Das beobachten wir immer wieder: Der Geburtsort prägt den Menschen und dient ihm manchmal sogar als Familie.

Als der große Bruder an jenem Abend kerzengerade und mit bebendem Kinn seinem Vater gegenübersaß, besann er sich auf seine ritterlichen Werte. Doch er brauchte die Fäuste nicht zu ballen. Mit ruhiger Stimme erklärte der Vater, dass ihr kleiner Bruder höchstwahrscheinlich blind sei. Man habe Arzttermine vereinbart, in zwei Monaten werde die Familie Gewissheit haben. Die Geschwister sollten die Sache als Chance sehen, denn sie würden in der Schule die Einzigen sein, die wüssten, wie man mit Karten in Brailleschrift spielt.

Im ersten Moment waren die Kinder unsicher, aber bei der Aussicht, es in der Schule zu Berühmtheit zu bringen, löste sich dieses Gefühl in Luft auf. Dann hatte das Ganze also auch sein Gutes. Ihr kleiner Bruder war blind, na und? Sie würden die Könige des Schulhofs sein! Für den großen Bruder war das nur folgerichtig. Schon jetzt war er ein Anführer, war hübsch und stark und geschickt, und sein wortkarges Auftreten verstärkte diesen Ruf noch. Beim Abendessen verhandelte er mit seiner Schwester und bestand darauf, das Braille-Kartenspiel als Erster in seiner Klasse herumzeigen zu dürfen. Der Vater gab den Schiedsrichter. Noch begriff niemand, dass der Boden unter ihren Füßen Risse bekommen hatte. Bald würden die Eltern von den letzten unbeschwerten Tagen sprechen, denn tragischerweise erkennt man Sorglosigkeit immer erst, wenn sie vorbei ist.

 

Nach einigen Monaten bemerkten die Eltern, dass das Kind keine Körperspannung hatte. Es konnte den Kopf nicht selbstständig halten. Wie bei einem Neugeborenen musste man ihn mit einer Hand stützen. Auch hob es weder Arme noch Beine. Wenn man sich mit dem Kind beschäftigte, streckte es einem nicht die Hände entgegen, reagierte nicht, versuchte nicht zu kommunizieren. Ganz gleich, was der Bruder und die Schwester taten, ob sie mit einem Glöckchen bimmelten oder dem Kind ein buntes Spielzeug hinhielten, es griff nicht danach, und sein Blick blieb leer.

„Ein regloser Körper mit offenen Augen“, sagte der Bruder zu seiner Schwester.

„Klingt wie ein Toter“, erwiderte sie, obwohl sie gerade einmal sieben Jahre alt war.

 

Der Kinderarzt fand das alles sehr beunruhigend. Er empfahl eine Computertomografie und überwies das Kind an einen Spezialisten. Sie mussten einen Termin vereinbaren, das Tal verlassen, ins Krankenhaus fahren. Hier verlieren wir ihre Spur, denn in der Stadt gibt es für Steine wie uns keine Verwendung. Aber wir können uns vorstellen, wie die Eltern das Auto parkten, durch die Automatiktüren gingen und sich auf der Fußmatte gründlich die Schuhe abtraten. Im Wartesaal setzten sie sich nicht, sondern blieben schwankend auf dem grauen Linoleum stehen und hielten nach dem Chefarzt Ausschau. Irgendwann wurden sie aufgerufen. Der Chefarzt hielt die Röntgenbilder in der Hand. Er bat sie, sich zu setzen. Seine Stimme war leise, als er das vernichtende Urteil sprach. Ja, ihr Kind werde weiter wachsen. Aber es sei blind, werde weder laufen noch sprechen können und habe keine Kontrolle über seine Gliedmaßen, weil das Gehirn die entsprechenden Signale nicht weiterleite. Es könne Wohlbefinden äußern oder weinen, mehr aber nicht. Es werde immer auf dem Stand eines Neugeborenen bleiben. Wobei das nicht ganz richtig sei. Der Chefarzt erklärte den Eltern mit noch einfühlsamerer Stimme, dass die Lebenserwartung bei einer solchen Diagnose im Durchschnitt drei Jahre betrage.

 

Die Eltern warfen einen letzten Blick auf ihr bisheriges Leben. Alles, was jetzt auf sie zukam, würde wehtun, und alles, was hinter ihnen lag, auch, denn die Sehnsucht nach der früheren Sorglosigkeit kann einen um den Verstand bringen. Sie standen am Abgrund, zwischen einem untergegangenen Gestern und einem beängstigenden Morgen, niedergedrückt von beider Gewicht.

An jenem Tag mussten sie all ihren Mut zusammennehmen, jeder für sich. Etwas erstarb in den Eltern. Irgendwo tief in ihren Erwachsenenherzen erlosch ein Licht. Sie setzten sich auf die Brücke über den Bach, hielten die Hand des anderen, waren zusammen und doch allein. Ihre Füße baumelten im Nichts. Sie hüllten sich in die nächtlichen Geräusche, wie man sich in einen Mantel hüllt, um sich zu wärmen oder zu verstecken. Sie hatten Angst. Sie dachten: Warum wir? Und: Warum er, unser Junge? Und natürlich: Wie sollen wir das schaffen? Die Berge machten sich bemerkbar, mit rauschenden Stromschnellen, wisperndem Wind, Libellenflug. Sie bestanden aus Schiefer, der so brüchig war, dass man ihn nicht bearbeiten konnte. Häufig kam es zu Felsstürzen. Die Einheimischen waren neidisch auf die diamantharte Zuverlässigkeit des Granits und Basalts weiter nördlich, auf den porösen Kalktuff in der Nähe der Loire. Andererseits, welches andere Gestein bot so viele Schattierungen von Grau? Welches sonst sah aus wie Blätterteig? Man kann den Schiefer lieben oder hassen. Wer hier lebte, musste das Chaos akzeptieren. Während die Eltern über dem Bach saßen, ging ihnen auf, dass sie diese Haltung von nun an auf ihr Leben übertragen mussten.

 

Die beiden Geschwister verstanden nicht genau, was vor sich ging, nur so viel: Eine verheerende Kraft, die sie noch nicht „Kummer“ nannten, hatte sie in eine Welt außerhalb der Welt katapultiert. An einen Ort, wo ihre kindliche Sensibilität Schaden nehmen und niemand ihnen zu Hilfe kommen würde. Die Zeit der Unschuld war vorbei. Sie standen allein vor den Überresten ihres zerstörten Nests. Doch damals trugen die Kinder noch jenen Pragmatismus in sich, der Leben rettet. Ob Tragödie oder nicht, es galt herauszufinden, wann es Kuchen gab. Wo man Flusskrebse fangen konnte. Es war Juni, das Kind war sechs Monate alt, aber so rechneten die beiden nicht. Sie hatten nur einen Gedanken: Es ist Juni, bald sind Sommerferien, da kommen die Cousins und Cousinen zu Besuch. Anderswo wurden Kinder geboren, die sehen, eine Hand ausstrecken und den Kopf halten konnten, aber diese Gleichgültigkeit des Schicksals empfanden sie nicht als ungerecht.

So blieb es bis zum Winter. Bruder und Schwester verbrachten einen glücklichen Sommer, auch wenn sie mit ihren Cousins und Cousinen nicht über das Kind redeten und die müden Gesichter der Eltern in eine dunkle Ecke ihres Gedächtnisses verbannten, die behutsamen Bewegungen, mit denen diese das Kind aus der Wippe hoben und aufs Sofa legten, vom Sofa hochnahmen und auf zwei große Kissen im Hof betteten. Nach den Ferien begann die Schule, sie schlossen neue Freundschaften, die Busfahrten gaben ihren Tagen einen Takt, sie lebten ein Parallelleben.

So konnten sie sich ungetrübt auf Weihnachten freuen. Für die Familien in den Bergen war das ein wichtiger Moment. Wieder schlugen Autotüren, das ganze Tal versammelte sich bei ihnen. Die Nachbarn traten mit Lebensmitteln beladen durchs Tor, liefen vorsichtig über die vereisten Schieferplatten. Freudenschreie hinterließen weiße Wölkchen in der Luft. Der Himmel war metallisch schwarz. Die Kinder hatten uns mit bunten Lichterketten behangen, um den Gästen den Weg zu weisen, und Fackeln zu unseren Füßen aufgestellt. Sie mummelten sich dick ein, erklommen mit Taschenlampen den Berg und stellten Teelichter am Hang auf, damit der Weihnachtsmann vom Himmel aus die Landebahn sah.

Im Kamin loderte ein großes Feuer, die Jüngsten konnten sich nicht vorstellen, dass es jemals erlischt. Fünfzehn Menschen drängten sich in der Küche und bereiteten Wildschweingulasch, Pasteten und Zwiebelkuchen zu. Die Großmutter mütterlicherseits, klein und mit einer Satinbluse bekleidet, übernahm das Kommando. Am überladenen Weihnachtsbaum holten Cousins und Cousinen Querflöten und ein Cello hervor. Jemand räusperte sich und gab den Ton vor. Viele der Anwesenden sangen in einem Chor. Kaum einer war mehr fromm, aber alle kannten die evangelischen Weihnachtslieder. Man erklärte den Jüngsten, dass es die Hölle nicht gebe, anders als die Katholiken glaubten („die Papisten“, wie die älteren Onkel noch sagten), dass man keinen Pfarrer brauche, um Zwiesprache mit Gott zu halten, und dass man seinen Glauben stets auf den Prüfstand stellen solle. Ein paar zerfurchte Großtanten warfen ein, ein guter Protestant halte Wort, beiße die Zähne zusammen und vertraue sich niemandem an. „Loyalität, Ausdauer und Verschwiegenheit“, schlossen sie und blickten dabei die Kinder an, die sie ignorierten. Musik und Parfüm stiegen zu den Deckenbalken auf, drangen nach draußen und waberten über den Hof. Kaum etwas unterschied diesen Weihnachtsabend von früheren Zeiten, als die Menschen sich abends vor dem Feuer drängten, man bei großer Kälte die Schafe ins Haus holte und sich die Hände an ihren Bäuchen wärmte.

Das Kind lag unweit des Kamins in seiner Wippe. Ein Ruhepol inmitten des Trubels. Wenn der Geruch des Essens an seine Nase drang, schnupperte es wie ein kleines Tier, ab und zu huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Bei ungewöhnlichen Geräuschen (einem Bogenstrich beim Stimmen des Cellos, einem Klappern des Pastetentellers auf dem Eichentisch, einer dröhnenden Stimme, dem Gebell eines Hundes) zuckten seine Finger leicht. Weil seine Nackenmuskulatur zu schwach war, ruhte eine Wange auf dem Stoff der Wippe. Die Augen unter den langen schwarzen Wimpern irrten langsam durch den Raum. Das Kind wirkte zugleich hoch konzentriert und abwesend. Es war gewachsen und hing immer noch schlaff in seiner Wippe, aber sein Haar wuchs voll und dicht. Auch die Eltern hatten sich verändert.

Dieser Weihnachtsabend brachte unzählige kleine Variationen hervor. Der älteste Sohn wandte sich dem Kind zu. Warum ausgerechnet an jenem Tag, wissen wir nicht. Vielleicht, weil die Behinderung des Kindes jetzt so offensichtlich war, dass er sie nicht länger ignorieren konnte. Vielleicht auch, weil er nun, da er ein bisschen älter war, feststellte, dass die Wirklichkeit nicht an seine Ideale heranreichte, und weil er in dem Kind einen friedlichen, zuverlässigen, sich selbst treuen Gefährten fand, der ihn nie enttäuschen würde. Vielleicht verstand er die Situation erst jetzt, und sein Gerechtigkeitssinn trieb ihn dazu, sich um den Schwächsten der Familie zu kümmern. Wie auch immer, der Große wischte dem Kind das Gesicht ab, rückte es in der Wippe zurecht, strich ihm über den Kopf. Er verscheuchte die Hunde und bat um Ruhe. Spielte nicht wie sonst mit den anderen.

Die Kinder konnten es nicht fassen. Bisher war er ihr Held gewesen, ein reservierter, draufgängerischer Junge, der sie im Bewusstsein seiner Überlegenheit mit leisem Spott behandelt hatte. War er es nicht, der den Spuren der Wildschweine gefolgt war, ihnen Bogenschießen beigebracht und im Nachbargarten Quitten stibitzt hatte? Der furchtlos durch die schlammbraunen Fluten watete, wenn der Bach nach einem Gewitter zu einem reißenden Fluss angeschwollen war? Der der schwarzen Nacht trotzte, der Dunkelheit voller Gefahren und unheimlicher Geräusche? Der mit einem Ruck seine Kapuze aufsetzte, damit die Fledermäuse – vor denen seine Schwester und die anderen eine Heidenangst hatten – sich nicht in seinem Haar verfingen? Der große Bruder. Ein herrischer Einzelgänger, erfüllt von kühler Selbstsicherheit. Mit der Autorität eines geborenen Anführers, dachten sie.

Diesmal jedoch machte er keine Vorschläge. Die anderen Kinder lungerten in seiner Nähe herum, wagten aber nicht, ihn zu stören. Der Älteste war noch wortkarger als sonst. Er blieb beim Kamin und legte regelmäßig ein Holzscheit nach, damit sein Bruder nicht fror. Er schob ihm ein Kissen in den Nacken, um den Kopf zu stützen. Er las ein Buch, und das Kind hielt einen seiner Finger umklammert – seine Hände waren wie bei einem Neugeborenen zu Fäusten geballt. Der Anblick war ungewohnt: Ein kerngesunder Zehnjähriger schmiegte sich an ein knapp einjähriges Kind, dem der Speichel aus dem halb offenen Mund tropfte, das keine Anstalten machte, mit anderen in Kontakt zu treten, das reglos dalag und dessen schwarze Augen ziellos umherirrten – schon jetzt ein besonderes, aber noch kein sonderbares Kind. Die beiden sahen einander auffällig ähnlich, und niemand hätte sagen können, warum diese Ähnlichkeit einem das Herz zerriss. Wenn der Große den Blick von seinem Buch hob und unter seinen langen Wimpern finster vor sich hin starrte, war er das kraftvolle Pendant zu dem Kind an seiner Seite.

 

An jenem Weihnachtsabend setzte sich etwas Unumkehrbares in Gang. In den nächsten Monaten wuchs eine tiefe Verbundenheit zwischen den Brüdern. Vorher hatte es für den Großen ein Leben gegeben, andere Menschen. Jetzt gab es nur noch das Kind. Ihre Zimmer lagen nebeneinander. Jeden Morgen wachte er vor dem Rest der Familie auf, stellte die Füße auf den Boden, schauderte bei der Berührung der Steinfliesen. Er öffnete die Tür zum Nebenzimmer, trat an das weiße Gitterbett mit den schmiedeeisernen Schnörkeln, in dem auch er und seine Schwester geschlafen hatten, bevor sie älter wurden und ein größeres Bett haben wollten. Das Kind würde nie irgendetwas verlangen. Es würde weiter in diesem Bett schlafen.

Der Große öffnete das Fenster und ließ den Morgen herein. Behutsam hob er das Kind aus dem Bett und legte es auf den Wickeltisch. Er wechselte die Windel, zog es an, trug es hinunter in die Küche, wo er ihm den Brei fütterte, den die Mutter am Vorabend zubereitet hatte. Doch bevor er all das tat, beugte er sich über die Matratze. Er legte seine Wange an die wunderbar weiche Wange des Kindes und verharrte eine Weile so. Er liebte die blasse, samtige Haut, die seiner Zärtlichkeit schutzlos ausgeliefert war und sich ihm, dem großen Bruder, hingab. Das Kind atmete gleichmäßig. Der Große wusste, dass sie nicht dasselbe sahen. Er selbst sah das verschnörkelte Gitter des Bettes, das Fenster dahinter, den Bach; das Kind sah ein Nirgendwo, zu dem niemand sonst Zugang hatte. Das war dem Großen nur recht. Er würde die Augen seines Bruders sein. Er würde ihm alles beschreiben, das Bett und das Fenster, den weiß schäumenden Bach, die hinter dem Hof aufragenden Berge, die schwarzblauen Schieferplatten, das Holztor, die trutzige Mauer, uns, die rostroten Steine, die Blumen in den dickbäuchigen Töpfen mit den kleinen Griffen, die wie Ohren aussahen.

Mit einem Mal war seine Geduld grenzenlos. Jahrelang war seine Beherrschtheit ein Bollwerk gegen die innere Unruhe gewesen. Er hatte Ereignisse lieber ausgelöst, statt auf ihr Eintreten zu warten. Die anderen Kinder waren ihm gefolgt, geblendet von seiner forschen Entschlossenheit. In Wahrheit hatte er sich so sehr davor gefürchtet, einer Sache ausgeliefert zu sein, dass er ihr lieber zuvorgekommen war. Statt vor dem Getümmel auf dem Schulhof, der Nacht in den Bergen oder einem Fledermausangriff Angst zu haben, brachte er die Situation unter seine Kontrolle. Er marschierte quer über den Schulhof, schritt beherzt durch die Dunkelheit oder drang in eine Höhle voller Fledermäuse ein, woraufhin diese panisch in alle Richtungen davonflatterten.

Mit dem Kind ging das alles nicht. Das Kind war einfach nur da. Man musste sich nicht vor ihm fürchten, es war weder Bedrohung noch Verheißung. Der große Bruder spürte, wie etwas in ihm kapitulierte. Er musste nicht mehr voranschreiten. Etwas berührte ihn, eine ferne Botschaft, die von der Stille der Berge und der jahrtausendealten Selbstgenügsamkeit eines Steins oder Bachs kündete. In ihm vollzog sich eine Wandlung, er unterwarf sich dem Gesetz der Welt, ihrem Auf und Ab, bereitwillig und ohne Bitterkeit. Das Kind war da, so selbstverständlich wie eine Erdfalte. Ein Heute ist besser als zehn Morgen, dachte er, ein altes Sprichwort aus den Cevennen. Es brachte nichts, sich gegen das Schicksal aufzulehnen.

Am meisten liebte er die stoische Güte, die ursprüngliche Unschuld des Kindes. Es verzieh alles, denn es urteilte nicht. Grausamkeit war seiner Seele fremd. Es zog sein Glück aus den kleinen Dingen: sauber und satt sein, den lila Schlafanzug aus weicher Baumwolle auf der Haut spüren, gestreichelt werden. Der große Bruder begriff, dass er eine reine Seele vor sich hatte. Dieser Gedanke wühlte ihn auf. Wenn er bei dem Kind war, musste er dem Leben nicht mehr hinterherrennen, aus Angst, dass es sich ihm entzog. Das Leben war da, vor ihm, in Reichweite seines Atems, frei von jeder Furcht und jedem Zorn, einfach nur da.

Er lernte, das Weinen des Kindes zu entschlüsseln. Er wusste, wann sein Bruder Bauchschmerzen oder Hunger hatte, wann er unbequem lag. Der Große verfügte über Fertigkeiten, die man eigentlich erst viel später im Leben entwickelt, er konnte Windeln wechseln und Brei füttern. Er schrieb Einkaufslisten, auf denen zum Beispiel ein neuer lila Schlafanzug stand, Muskatnuss zum Würzen des Möhrenbreis und Kochsalzlösung. Er übergab die Liste seiner Mutter, die ihn mit einem dankbaren Blick bedachte und der Aufforderung nachkam. Der Große liebte die Momente, wenn das Kind ruhig war, weil es sauber und dick eingepackt war. Dann gluckste es vergnügt, gab Töne von sich, verzog die Lippen zu einem Lächeln, klimperte mit den Wimpern und stimmte eine Art Lied an, eine uralte Melodie, die nichts anderes bedeutete, als dass seine Bedürfnisse befriedigt waren und es die Zärtlichkeit erwiderte, die man ihm entgegenbrachte.

Der große Bruder sang ihm oft etwas vor. Er hatte schnell begriffen, dass das Gehör ein wunderbares Werkzeug war. Das Kind konnte nicht sehen, nicht greifen, nicht sprechen, aber es konnte hören. Also spielte der Große mit seiner Stimme. Er flüsterte ihm zu, in welchen Grüntönen die Landschaft leuchtete, in einem hellen, saftigen, zarten, kräftigen, satten, gelblichen, matten Grün. Er nahm getrocknetes Eisenkraut und zerrieb es am Ohr des Kindes. Als Kontrapunkt zu diesem trockenen Rascheln rührte er leise plätschernd in einer Wanne mit Wasser. Manchmal zog er einen von uns aus der Mauer im Hof und ließ uns zu Boden fallen, damit das Kind den dumpfen Aufprall hörte.

Er erzählte ihm die Geschichte von den drei Kirschbäumen, die ein Bauer vor langer Zeit auf seinem Rücken aus einem fernen Tal hergebracht hatte. Der Bauer erklomm Berge, bewältigte steile Abstiege und stöhnte unter seiner Last. Eigentlich hätten die Kirschbäume in dieser Erde und diesem Klima nicht überleben dürfen, aber wie durch ein Wunder wuchsen und gediehen sie. Sie waren der Stolz des ganzen Tals. Der alte Bauer verteilte die Ernte unter seinen Nachbarn, und alle aßen feierlich von den Kirschen. Man sagte, die weißen Blüten der Bäume brächten Glück. Im Frühjahr stellte man sie Kranken ans Bett. Die Zeit verging, und eines Tages starb der Bauer. Wenig später verdorrten auch die drei Kirschbäume. Man suchte nicht nach einer Erklärung, denn diese lag auf der Hand, die toten Äste sprachen für sich: Die Bäume waren demjenigen, der sie gepflanzt hatte, ins Jenseits gefolgt. Niemand wagte es, die grauen Stämme, die an Grabsteine erinnerten, anzurühren. Der große Bruder beschrieb sie dem Kind bis in die kleinste Unebenheit der Rinde.

Noch nie hatte er so lange mit einem anderen Menschen gesprochen. Die Welt wurde zu einem Klangraum, einem Universum im Fluss, in dem sich alles durch die Stimme oder ein Geräusch ausdrücken ließ. Jedes Gesicht, jedes Gefühl, jedes Stück Vergangenheit hatte seine klangliche Entsprechung. So erzählte der große Bruder von dieser Gegend, in der Bäume auf Felsen wuchsen, einem von Wildschweinen und Raubvögeln bevölkerten Land, das jedes Mal aufbegehrte, wenn jemand eine Mauer, einen Garten oder ein Terrassenfeld anlegte, das sein Recht einforderte und dem Menschen sein Gefälle, seine Vegetation und seine Tiere entgegensetzte, ein Land, das vor allem Demut einforderte. „Dies ist dein Land“, sagte er zu seinem Bruder, „du musst ihm zuhören.“

Am Weihnachtsmorgen knisterte er mit dem Geschenkpapier und schilderte dem Kind in allen Einzelheiten, welche Form und Farbe die Spielzeuge hatten, mit denen es nie spielen würde. Die Eltern wunderten sich, ließen ihn aber gewähren, viel zu sehr damit beschäftigt, nicht zusammenzubrechen. Aus fatalistischer Solidarität begannen die Cousins und Cousinen, dem Kind ebenfalls die Spielsachen zu beschreiben, und weiteten das Ganze dann auf das Wohnzimmer, das Haus und die Familie aus – bis alle in Gelächter ausbrachen, und der große Bruder lachte mit.

Clara Dupont-Monod

Über Clara Dupont-Monod

Biografie

Clara Dupont-Monod, geboren 1973 in Paris, ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie war u.a. für die Radiosender France Culture und Canal+ tätig, bevor sie 2011 zu France Inter wechselte. Dort hat sie seit vielen Jahren eine eigene Literatursendung. Mit „Brüderchen“ veröffentlichte sie ihren...

INTERVIEW mit Clara Dupont-Monod

Ihr Roman erzählt von der Geburt eines behinderten Kindes, das unter einem seltenen genetischen Defekt leidet. Wie ist dieser Roman entstanden? Und warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt? 

Lassen Sie mich zunächst ergänzen, dass die Geburt dieses behinderten Kindes aus der Perspektive seiner Geschwister behandelt wird. Die Geschichte hat, ich sage es lieber gleich vorweg, einen autobiografischen Hintergrund: Ich hatte selbst einen kleinen Bruder, der mit einer Behinderung zur Welt kam. Und vielleicht merkt man irgendwann, dass die Freude, diesen Bruder gekannt zu haben, die Trauer angesichts seines Verlusts überstrahlt. In genau diesem Moment wird das Schreiben möglich. Solange es nur die Trauer gibt, lässt sich daraus wenig Literarisches ziehen. Die Geschwister waren mir als Figuren sehr wichtig, und zusammen bilden sie fast so etwas wie einen Protagonisten, der sonst in Romanen selten entwickelt wird. Es gibt viel Literatur über die Figur der Mutter, des Vaters, eines Kindes, doch Geschwister als Verbund werden nicht so oft behandelt. 

Lassen Sie uns von diesen Geschwistern sprechen. Da ist zunächst der große Bruder, dann die große Schwester, das Kind natürlich und später noch der Kleinste, der Letzte. Könnten Sie uns diese Geschwister und ihre Reaktionen auf die Geburt des Kindes kurz vorstellen? 

Jede dieser Figuren verkörpert ein Gefühl, das man in einem solchen Fall empfinden kann – ich habe das ganz bewusst aufgeteilt. Der Älteste baut sofort eine Bindung zu dem kleinen Bruder auf, er kümmert sich sehr viel um ihn und steht so für die Amour fou, das Verschmelzen mit dem Kind. Die mittlere Schwester hat etwas Dunkleres, Widerständigeres, ich mag sie wirklich gern. Sie wird von ihrer Wut bestimmt, ist sehr zornig, und das hat es mir ermöglicht, einige Aspekte anzusprechen, die sonst eher tabu sind: den Ekel etwa, den man gegenüber einem behinderten Körper empfinden kann. Die Verletzlichkeit des kleinen Bruders macht ihr Angst. Hinter ihrer Wut steckt der Vorwurf, dass er die Familie aus den Angeln gehoben, das Gleichgewicht zwischen ihnen so grundlegend verändert hat. Durch den Jüngsten wollte ich beleuchten, inwiefern ein Kind Trost und Heilung bringen kann. Zugleich ist er immer wieder mit der schwindelerregenden Frage konfrontiert, ob er überhaupt auf der Welt wäre, wenn die Geschichte seines behinderten Bruders anders verlaufen wäre. 

Diese drei Geschwister um das Kind im Zentrum herum anzuordnen – ich dachte da an den Nachthimmel, an eine Galaxie und wie die Planeten um eine Sonne kreisen, die das behinderte Kind ist. Jede Figur muss lernen, mit ihrer Kraft und ihrer Anpassungsfähigkeit auszukommen angesichts dieser Situation, mit der man leben muss, anstatt gegen sie anzukämpfen. Eine große, schwere Aufgabe. 

Sie haben sich dazu entschieden, Ihren Figuren keine Namen zu geben. 

Das liegt daran, dass ich Märchen liebe. Außerdem wird die Geschichte von den Steinen erzählt: Ich habe die Handlung in den Cevennen im Süden Frankreichs verortet, einer Gegend, der ich tief verbunden bin und die sehr karg, sehr schroff ist. Dort wird die Geschichte von den Steinen im Innenhof des Hauses erzählt, die das Leben der Familie Tag für Tag bezeugen. Sie sind ja schon seit Jahrtausenden da und haben so eine Prüfung, wie sie das behinderte Kind darstellt, unzählige Male miterlebt. Mir gefiel die Idee eines Märchens, in dem das Unbelebte lebendig wird – auch weil eine Mauer ein Symbol für den Verbund der Geschwister sein kann. In den Cevennen errichtet man Mauern oft ohne Mörtel, sodass es ganz auf die Form der Steine, auf ihr Gewicht und ihr Gleichgewicht untereinander ankommt. Da wacht jedes Geschwisterkind über das andere, unterstützt und trägt das andere.  

Bei diesem Thema stellt man sich leicht eine ernste, etwas drückende Atmosphäre vor, ein Buch, das vor allem von Problemen handelt. In Wahrheit aber ist Ihr Roman unheimlich zart, berührend, er strahlt förmlich – Sie sprachen ja gerade von der Sonne. Hat sich das im Laufe des Schreibens so entwickelt? 

Es freut mich, dass Sie das sagen. Ich neige überhaupt nicht dazu, mich mit tragischen Ereignissen zu beschäftigen, die mein Leben in Scherben gelegt haben könnten. Ich schätze, diese Erfahrung hat mich geprägt, so wie alle Prüfungen, die man im Laufe eines Lebens bestehen muss. Ich empfinde eine Art Dankbarkeit. So ist das Leben nun einmal. Eine Prüfung ist keine Krankheit, für die man sich schämen müsste, und alle, die etwas Ähnliches erlebt haben, werden mir da zustimmen. Am Ende sind das die Erfahrungen, die uns zu denen machen, die wir sind. Der Punkt ist doch der: Wenn Sie sich an einen Menschen anpassen müssen, der selbst unangepasst ist – wer ist dann eigentlich der, der weniger gut angepasst ist? Mein Verhältnis zu Normen ist ziemlich offen, und das, was ich in meinem Roman aus tiefster Überzeugung beschreibe, sind die Mühen, die die drei Geschwister auf sich nehmen müssen, um sich an den anzupassen, der immer unangepasst sein wird. Jede Figur wird durch den behinderten Bruder mit ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert, und jede Figur wird diese Ohnmacht überwinden. Oder wie der Kleinste einmal sagt: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Augen zu schließen, um besser zu sehen. 

Clara Dupont-Monod im Gespräch mit Guillaume Chevalier von der Buchhandlung Mot à Mot in Fontenay-sous-Bois. 

 

Medien zu „Brüderchen“
Pressestimmen
rbb Kultur „Der Morgen“

„Dieser Roman ist ungeheuer traurig und berührend. Man kommt den unterschiedlichen Figuren sehr nah (…) Trotz dieser Traurigkeit strahlt er aber eine Kraft, eine Zuversicht und eine Hingabe an das Leben aus, wie sie wahrscheinlich erst durch sehr intensiven Schmerz überhaupt möglich wird.“

Stern

„Ohne auch nur ein einziges Mal in kitschige Rührung abzugleiten, fühlt sich die Autorin Clara Dupont-Monod in die Geschichte der Familie ein. Erzählt leise, zurückhaltend, aber ungemein intensiv von Menschen, die nicht am Leid zerbrechen. Ihm standhalten, jeder auf seine Weise.“

07 Das Stadtmagazin

„So zart- und mitfühlend, so behutsam und poetisch wie hier von der Verletzlichkeit des Lebens und der Kraft der Familie erzählt wird, macht aus ›Brüderchen‹ im Nu einen Roman mit immens großem Nachhall.“

booksartnature

„Ein Buch der Liebe, aber kein Liebesroman“

buchselig

„Sprachlich auf einem so hohen Niveau und dennoch federleicht zu lesen, voller einzigartiger Charaktere - ich hab mein Herz völlig an dieses Buch verloren.“

flow

„Er ist dicht erzählt und steckt voller überraschender, kluger Gedanken.“

WDR 5 „Bücher“

„Ohne auch nur ein einziges Mal in kitschige Rührung abzuleiten, fühlt sich die Autorin Clara Dupont-Monod in die Geschichte der Familie ein. Erzählt leise, zurückhaltend, aber ungemein intensiv von Menschen, die nicht am Leid zerbrechen.“

bjoernandbooks

„Was für eine berührend erzählte, so leise vorangetriebene Geschichte voller Emotionen!“

Stern plus

„Clara Dupont-Monod erzählt leise, zurückhaltend, aber ungemein intensiv von Menschen, die nicht am Leid zerbrechen.“

marie.falou

„Ein aufwühlendes, intensives, emotionales, feinfühliges Buch, das voller Dankbarkeit, Kraft und Stärke steckt.“

marie.falou

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Süddeutsche Zeitung Bayern

„All das beschreibt Clara Dupont-Monod in einer wundervollen Sprache, mit unglaublicher Empathie und auf eine stille und ruhige Art, die direkt ins Herz geht. Es ist fast schon Poesie. Ein berührendes, ein wunderbares kleines Buch.“

Radio Mülheim

„Ein aufwühlender, feinfühliger Roman voller bewegender Empfindungen. Eine Geschichte, die noch lange nachwirkt.“

stadtmagazinkoeln.de

„Ein sehr emotionales und interessantes Buch.“

carpegusta.de

„Feinfühlige Sprache, melangiert mit einer ebenso geistreichen Geschichte, die lange im Gedächtnis bleiben wird.“

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