Trost und Mitgefühl sind ein großes Thema in diesem Roman und geben ihm den Titel. Welche Bedeutung hat der Trost in Deinem literarischen Werk und für Dich persönlich?
Für mich war Trost von Anbeginn an immer das Lesen, und IMMER schreibe ich mit Bedacht. Ein Buch ist für mich ein Ort, wo Fremde zu Freunden werden, wo ich ein Zuhause finde. Ich habe über die Jahre viel über den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid nachgedacht. Über Empathie, die nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern auch das Fremde im Blick hat. Jeder Mensch braucht einen Tröster. Für mich ist die Natur eine große Trösterin, und überhaupt, dass ich schreiben darf.
Die Figuren dieses Romans sind sehr plastisch und glaubwürdig dargestellt, dabei aber vom Alter, Geschlecht und der Haltung recht unterschiedlich. Wie gelingt diese Figurendarstellung, die zu Mitgefühl einlädt? Braucht es da reale Vorlagen?
Weil meine Texte sich aus einem unerschöpflichen Speicher von Erinnerungen speisen, gibt es natürlich reale Vorlagen. Doch aus der Figurenentwicklung ergeben sich neue Fragen: Wie denkt ein melancholischer Mensch? Ein fröhlicher Mensch? Was macht ihn aus? Figuren entwickeln sich manchmal in eine Richtung, die ich nicht vorhergesehen habe. Ich habe mich beispielsweise für die Perspektive der beiden siebzehnjährigen Mädchen entschieden, um über den Krieg in der Ukraine schreiben zu können. Es ist etwas anderes, über die Verzweiflung eines jungen Menschen zu schreiben, als über die Verzweiflung der Alten.
In Deinem Roman geht es um Beziehungen: Verwandtschaften, Paarbeziehungen, Freundschaften. Welche davon sind die belastbarsten? Man bekommt den Eindruck, dass es besonders wichtig ist, Freude teilen zu können. Wie kann man Leid teilen?
Ich denke, Freundschaften sind am belastbarsten. Wie die Freundschaft zwischen Lea und Jane. Ob sie von Dauer sein wird? Ich weiß es nicht, aber während ich darüber nachdenke, merke ich, dass meine Figuren für mich über den Roman hinweg existieren. Wie soll man Leid teilen? Mitleid ist für mich ein selbstbezogenes Gefühl, ist Sentimentalität. Eine vollständige Identifikation mit dem Leid des anderen gelingt in der Regel wohl nur zwischen Eltern und Kindern. Dann gibt es noch das Mitgefühl, bei dem man zumindest eine Ahnung davon haben sollte, wer der Andere ist und was er braucht, um sein Leid zu lindern oder zu beenden.
Was ist die beste und was ist die schlechteste Seite am Schriftstellerdasein?
Im Schreiben bin ich in der für mich einzig verlässlichen Welt, es ist tatsächlich meine Art des Überlebens. Wenn ich an einem Text arbeite, habe ich eine Verbindung zur Welt und bin doch ganz bei mir. Und ich mache mir die Menschen, mit denen ich Gesellschaft habe, selbst. Wenn ich nicht schreibe, bin ich ganz gewöhnlich neurotisch und kapituliere vor jeder Steuererklärung.
Tiere kommen in allen Deinen Romanen vor, und zwar sowohl Wildtiere als auch Haustiere. Welche Rolle spielen sie, was bedeutet Dir der Umgang mit Tieren, welches sind Deine Lieblingstiere, und wenn Du es Dir aussuchen könntest, welches Tier wärst Du?
Ein Freund hat einmal die Vögel in meinen Romanen gezählt, es waren Hunderte, und da ist „Trost“ mit dem Vogelliebhaber noch gar nicht dabei. Als Kind habe ich eine alte Frau beobachtet, die jeden Tag auf einer Bank saß und Vögel fütterte. Wahrscheinlich war die Frau gar nicht so alt, doch sie kam mir deshalb alt vor, weil sie Vögel fütterte. Als Kind interessierten mich nur Tiere auf vier Beinen und ein Fell sollten sie auch haben. Inzwischen wohne ich längst auf dem Land, und da sind Tiere tägliche Begleiter; aus dem Kalb mit den schönen langen Wimpern wird ein Nutztier, das irgendwann geschlachtet wird. Ich habe kein Lieblingstier, doch wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich gern eine Eule. Ein Uhu hat kaum Feinde, ein exzellentes Gehör und kann seinen Kopf um 270 Grad drehen.
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