Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch

April (Die April-Trilogie 2)

Angelika Klüssendorf
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman

Taschenbuch (12,00 €)
€ 12,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei

April (Die April-Trilogie 2) — Inhalt

„Lebensprall und traurig, unsentimental und präzise: ein Meisterwerk.“ Jury des Deutschen Buchpreises 2014

Eine junge Frau, die sich April nennt und nur eines will: nach den Schrecken der Kindheit und einer Jugend ohne Jugend endlich ein selbstbestimmtes Leben führen. Am Anfang stehen ein einziger Koffer und ein Zimmer zur Untermiete im Leipzig der späten 70er-Jahre, am Ende ein Kind, die Ausreise nach Westberlin und ein Literaturstipendium. Dazwischen liegen Ausbrüche und Rückschläge, Glücksmomente und ein Selbstmordversuch. Und die Erfahrung, dass es schwer ist, jemanden zu lieben, aber noch schwerer, sich lieben zu lassen.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 28.10.2021
224 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31852-5
Download Cover

Leseprobe zu „April (Die April-Trilogie 2)“

1

Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still. Der Mann neben ihr räuspert sich, auch er drückt den Klingelknopf, ungeduldig und länger anhaltend. Diesmal sind Schritte zu hören, das vergitterte Türfenster wird geöffnet, eine Alte schaut heraus, regungslos, nur ihr eines Lid zittert. Nach einer Weile scheint sie zu begreifen, was ihr der Mann von der Jugendhilfe mitteilt. Die junge Frau und der Mann müssen [...]

weiterlesen

1

Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still. Der Mann neben ihr räuspert sich, auch er drückt den Klingelknopf, ungeduldig und länger anhaltend. Diesmal sind Schritte zu hören, das vergitterte Türfenster wird geöffnet, eine Alte schaut heraus, regungslos, nur ihr eines Lid zittert. Nach einer Weile scheint sie zu begreifen, was ihr der Mann von der Jugendhilfe mitteilt. Die junge Frau und der Mann müssen sich ausweisen, dann dürfen sie eintreten. Sie folgen der Alten durch den Flur in ein schlauchartiges Zimmer. Die junge Frau sieht sich um, ein eisiger Luftzug streift ihr Gesicht, das Fenster muss undicht sein. Hier wird sie die nächsten Monate, vielleicht auch Jahre verbringen. Sie ist gerade achtzehn geworden, das Zimmer hat sie von der Jugendhilfe zugewiesen bekommen, genau wie die Stelle als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau.

Sie gehen mit der Alten in die Küche. Noch nie hat sie eine so finstere Küche gesehen, selbst der Mann schaut erstaunt. Der Fußboden ist pechschwarz gefliest, die Wände sind mit einer dunklen, glänzenden Ölfarbe überzogen, der Küchenschrank und sogar das Waschbecken mit schwarzem Linoleum ausgeschlagen. Ist wegen dem Dest, sagt die Alte mit breiter sächsischer Aussprache. Sie hört das Wort zum ersten Mal und fragt: Was ist Dest? Sie kann den Erklärungen nicht ganz folgen, glaubt aber zu verstehen, dass Dest Dreck bedeutet, und wirklich, die Küche ist von makelloser Sauberkeit, kein Stäubchen weit und breit.

Der Mann verabschiedet sich, wünscht der jungen Frau viel Glück für ihr weiteres Leben, als wäre es ein Würfelspiel.

Fräulein Jungnickel, eine hagere Frau um die sieb- zig, verschwindet in ihrem Zimmer und lässt die Tür einen Spaltbreit offen. Nun kann sie das Gezwitscher deutlich hören, dazu die Stimme der Alten im Zwiegespräch mit dem Vogel.

Nachmittags werden die Möbel geliefert, die sie sich bei einer Haushaltsauflösung aussuchen durfte, ein Sofa, zwei Sessel, eine alte Vitrine, dazu Töpfe, Geschirr, Decken.

Die letzten Jahre hat sie in Heimen verbracht, mit hundert Mark und der Zuweisung für die Wohnung wurde sie ins Erwachsenenleben entlassen. Den Namen April hat sie sich selbst gegeben. April besitzt einen Koffer, in dem sich ihre spärlichen Habseligkeiten befinden, ihn hievt sie auf den Ofen. Sie wird sich Kohlen besorgen müssen, der halbe Winter liegt noch vor ihr. Es ist Samstagmittag, sie geht in die Kaufhalle, kauft Brot und einen großen Vorrat Tütensuppen. Auf dem Rückweg versucht sie sich einzuprägen, vor welchen Häusern die Kohlehaufen auf dem Bürgersteig liegen.

Als sie sich in der Küche eine Tütensuppe kochen will, kommt Fräulein Jungnickel herein und bleibt mit verschränkten Armen vor ihr stehen. Das Fräulein steht wortlos da und beobachtet April. Sobald Wassertropfen auf das schwarze Linoleum treffen, nimmt sie einen gefalteten Lappen und wischt die Tropfen weg, dann stellt sie sich wieder vor ihr auf – so geht das eine ganze Weile: Sie rührt im Topf, ein Krümel, ein Tröpfchen fliegt durch die Luft, die Alte stürzt sich darauf wie ein Habicht auf seine Beute. April weiß, dass sie mit der alten Schachtel auskommen muss, also lächelt sie wie über einen kleinen Scherz.

Sie macht sich ihr Lager auf dem Sofa zurecht, wickelt sich fest in die Decke. Während sie zu lesen versucht, hört sie eine Uhr schlagen. Beim zehnten Gong wird ihre Tür geöffnet, das Fräulein kommt herein und knipst wortlos das Deckenlicht aus. April liegt auf dem Rücken und schaut in die Dunkelheit. Aus dem oberen Stockwerk ist ein lang anhaltendes Klopfen zu hören, das sich hinter ihrer Stirn fortsetzt. Als das Geräusch verstummt, kommt es ihr sehr still vor in dem Zimmer. Am Morgen wird sie früh wach und nimmt zuerst die hässliche Tapete wahr, dann ihre vor Kälte tauben Füße. Sie stopft die Decke vor das undichte Fenster, dreht in der Küche den Gasherd auf und wärmt sich an den Flammen. Als sie den Vogel hört, es klingt wie ein Wehklagen, zieht sie sich an und verlässt die Wohnung. Das harte Morgenlicht fällt auf menschenleere Straßen, verrußte Schneewehen türmen sich auf den Bordsteinen, es riecht nach Abgasen, Kohlenstaub und Schwefel. Ziellos wandert sie umher, ihre Schritte knirschen im Schnee. Die Geschäfte sehen aus wie lange schon verlassen, und in den Schaufenstern liegt der übliche bleierne Kram. April überlegt, was sie sich von ihrem ersten Lohn kaufen wird; ein Plattenspieler müsste auf jeden Fall drin sein: Wie oft hat sie sich das vorgestellt, ein eigenes Zimmer und Musik von Janis Joplin. Sie ist stolz auf diese LP, die sie gegen eine LP von Bier- mann eingetauscht hat, für den Biermann war zuvor der gesamte Shakespeare über den Tisch gegangen, eine prachtvolle Werkausgabe mit grünem Lederrücken.

Sie bekommt das Fräulein den ganzen Tag nicht zu Gesicht, selbst die Tütensuppe kann sie ungestört kochen, doch die Zwiegespräche mit dem Vogel hört sie bis in die Abendstunden. Diesmal knipst April das Licht vor dem zehnten Gong selbst aus, erleichtert, dass der Sonntag zu Ende geht.

Sie wacht auf, bevor der Wecker klingelt, geht leise auf die Toilette, putzt sich die Zähne über dem Waschbecken. Sie will ordentlich aussehen, und das bedeutet, dass sie nicht ihre Lieblingsklamotten tragen kann, eine geflickte Levi’s und ihren Nicki aus dem Westen, mit der USA-Flagge bedruckt.

Es ist noch dunkel, als sie im Stadtzentrum aus der Straßenbahn steigt. Sie mischt sich unter die Menschen, die auf einen großen Flachbau zulaufen, „VEB Kombinat Starkstromanlagenbau Leipzig – alle“ steht in Leuchtschrift über der Eingangstür. Eigentlich sollte es „Halle“ heißen, aber der Buchstabe H ist nicht erleuchtet. Aus irgendeinem Grund freut sie das, genau genommen hat sie wenig Lust auf ihre neue Arbeit. Doch was hätte sie sonst für Möglichkeiten? Außer dem Abschluss der zehnten Klasse und einer abgebrochenen Lehre in der LPG hat sie nichts vorzuweisen.

Der Pförtner bringt sie zu ihrem Arbeitsplatz. In den Gängen hängt der Geruch nach Desinfektionsmittel. Als sie den Raum betritt, blicken alle auf, an der Stirnseite des großen Tisches erhebt sich eine Frau in mittleren Jahren, die sich als ihre Büroleiterin vorstellt. Mit der Geste einer Gastgeberin weist sie ihr den Fensterplatz zu. April zählt sieben weitere Personen, die sie neugierig anstarren. Die Büroleiterin macht sie mit den anderen Kollegen bekannt, doch die Namen dringen kaum in ihr Bewusstsein. Die Frau zu ihrer Linken beginnt sogleich einen Vortrag über ihre Aufgaben: Es geht darum, Kabel an die Betriebe zu verteilen; für jede Zuteilung muss sie einen Vordruck ausfüllen und sich bei der Kabelvergabe an die Bezifferung von eins bis zehn halten, eins bezeichnet Regierungsvorhaben, die vorrangig zu behandeln sind. Die Frau hat eine feuchte Aussprache, April bemüht sich, die Spritzer unauffällig aus ihrem Gesicht zu wischen. Ein Mann mit dünnem, quer über den Schädel gekämmtem Haar zieht seinen Bleistift immer wieder hart am Lineal entlang; er ist der einzige Mann in diesem Raum. Schon nach einer Stunde muss April ihre ganze Willenskraft aufbieten, um nicht am Tisch einzuschlafen. Sie versucht, die Vordrucke mit ihrer besten Schrift auszufüllen. Während der Frühstückspause kauft sie im Kombinatskiosk Kaffee, eine Bockwurst und mehrere Brötchen. Es schüchtert sie ein, dass ihr alle beim Essen zusehen, sie meint, in den Blicken ihrer neuen Kollegen eine gutmütige Überlegenheit wahrzunehmen, und am liebsten möchte sie ihnen sagen: Ich werde hier niemals so alt werden wie ihr.

Von ihrem ersten Lohn, 320 Mark, kauft sie sich einen Plattenspieler und eine alte Ausgabe der Märchen der Gebrüder Grimm mit schönen Illustrationen. Wenn sie „Das kluge Gretel“, ihr Lieblingsmärchen, liest, fühlt sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt, als sie zur Strafe in den Keller gesperrt wurde und sich mit diesem Märchen den Hunger vertrieb. Sie liest die Märchen mit dem Gefühl, davongekommen zu sein, vorerst.

Für den restlichen Monat bleiben ihr schlappe 28 Mark. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten, um über die Runden zu kommen. Sie klaut bei jeder Gelegenheit; schon im Kinderheim war sie die geschickteste Diebin, einmal hat sie sogar vor den Augen der Verkäuferin zehn Schokoladentafeln mitgehen lassen.

Bevor sie frühmorgens zur Arbeit geht, legt sie die Platte auf, setzt immer wieder die Nadel zurück, um den einen Titel zu hören: „Summertime“ von Janis Joplin, ihr Lieblingslied in diesem Winter.

Mit dem Fräulein versucht sie auszukommen, obwohl sie sich längst nicht mehr alles gefallen lässt. Knipst die Alte abends ihr Licht aus, macht April es wieder an, das Gekeife überhört sie, schaltet auf Durchzug, darauf versteht sie sich.

Sie hat sich Kohlen besorgt und versäumt, ihre Miete zu bezahlen. Sie ernährt sich von Tütensuppen und dem Frühstück aus dem Kombinatskiosk. Während der Arbeit versinkt sie in Tagträumen, in denen sie interessante Menschen kennenlernt. Abends in ihrem Zimmer schreibt sie lange Briefe an einen unbekannten Geliebten, dem sie sich in wechselnden Rollen vorstellt, mal als Studentin der Tiermedizin, mal als Schauspielerin oder einfach nur als Abenteuerin.

An einem besonders frostigen Tag legt sie bis in den späten Abend Kohlen nach. Als sie nachts von einem Hustenanfall aufwacht, ist das ganze Zimmer verqualmt. Verschlafen macht sie Licht und entdeckt auf dem Ofen ihren schwelenden Koffer. Noch im Halbschlaf reißt sie das Fenster auf, schleppt den Koffer in den Flur, lässt ihn benommen auf den Dielenbrettern stehen, taumelt ins Bett zurück und schläft sofort wieder ein. Sie wird abermals geweckt, diesmal von einem ohrenbetäubenden Krachen, und als sie die Tür öffnet, kommen ihr aus den Rauchschwaden zwei Feuerwehrmänner entgegen. Fräulein Jungnickel irrt, nur mit einem Nachthemd bekleidet, durch den Flur, einer der Männer versucht sie zu beruhigen, und der Vogel krächzt gotterbärmlich um sein Leben. Die Männer tragen den Koffer raus, spritzen den Boden ab, einer ruft: Wie kann man nur so bescheuert sein.

Mit dem Koffer verliert April alles, was sie an die Vergangenheit bindet: Briefe, Tagebücher, Dinge, die sich im Laufe ihres Lebens angesammelt haben. Als es wieder still ist, kann sie lange nicht einschlafen. Vielleicht war der Brand ein Zeichen, ein Zeichen für einen Neuanfang, doch sie hat keine Ahnung, wie der aussehen soll.

Seit diesem Vorfall lässt Fräulein Jungnickel sie nicht mehr aus den Augen. Die Alte betritt ihr Zimmer, wann es ihr passt, kommentiert in sächsischem Singsang jedes Stäubchen, folgt ihr sogar zur Toilette und wartet vor der Tür. Sie beschwert sich bei ihrem Vogel lautstark über sie, und immer wieder fällt das Wort Dest.

Freunde aus ihrer alten Clique statten April einen Einweihungsbesuch ab. Sie kommen aus den Dörfern, aus der Pampa angereist, zu ihr, die jetzt in der Stadt wohnt. Während ihrer Lehre hat sie die gesamte Freizeit mit ihnen verbracht, ist mit ihnen auf dem Motorradrücksitz durch die Gegend gerast, immer auf der Suche nach neuen Vergnügungen: nach Brünn zum Autorennen, Ziegenkäse essen, Schwarzbier trinken; im März das erste Anbaden in der Ostsee; einmal haben sie sogar in einer Kirche übernachtet.

Schwarze Paul hat zwei Kisten Bier dabei, er ist Schafscherer, mit seinen mächtigen Oberarmen könnte er fünf von ihrer Sorte tragen. Er begrüßt sie, als hätte er sich gestern erst von ihr verabschiedet, na, Rippchen, sagt er, ganz schön kalt in deiner Bude. Er zeigt ihr einen blauen Fleck von einem Schafshuf auf seiner Hand, das Drecksvieh, sagt er, beinahe hätte ich es erwürgt.

Sie mag ihren Spitznamen, Rippchen klingt tröstlich; früher hatten die Jungs noch ganz andere Namen für sie: Gerippe, Speiche, Hungerhaken.

Dann kommt Sputnik, benannt nach einem der zahlreichen sowjetischen Satelliten, nur sie konnte sich in der Schule im Langstreckenlauf mit ihr messen. Sputnik begutachtet skeptisch ihr Zimmer, spießige Tapete, sagt sie, und wer ist die Alte da draußen?

Die Alte war nie jung, sagt April, ist schon alt gebo- ren, und mit ihrem Reinlichkeitsfimmel würde sie mir sogar die Nase putzen, wenn ich nicht aufpasse. Sie erzählt, wie Fräulein Jungnickel sie überwacht – schnell sind sich alle einig: Das alte Fräulein ist verrückt.

Das kannst du dir nicht gefallen lassen, sagt Schwarze Paul, und sein leichter Silberblick verrutscht bedrohlich.

Am späten Nachmittag ist die ganze Bande in ihrem Zimmer versammelt. Sie trinken, rauchen, reden wie Veteranen von alten Zeiten, Mücke parodiert Walter Ulbricht, sie singen Schlager aus den Sechzigern. Mücke ist noch dünner als sie, seine Gesichtszüge sind scharf geschnitten wie die einer Marionette. April hat ihn nie über seine Krankheit sprechen hören, doch laut Sputnik ist er ein Todeskandidat. Abends fahren sie mit dem Bus in die „Riviera“, eine Dorfdisco, und reihen sich geduldig in die Schlange ein. Als der pockennarbige Türsteher sie endlich durchwinkt, sind die besten Plätze am Kachelofen bereits besetzt. Sie wärmen sich mit der Ampel auf, einer Likörmischung aus Pfeffi, Ap- ricot und Kirsch; Mücke schmeißt eine Runde nach der anderen. April bahnt sich einen Weg durch den über-füllten Saal, die Stimmung brodelt, aufgedreht springt sie umher und schafft es, auf die Bühne zu klettern, um sich beim Discjockey „April“ von Deep Purple zu wünschen. Im Morgengrauen hat sie überhaupt keine Lust, nach Hause zu fahren, sie will nicht aufhören zu tanzen, aber noch während „Je t’aime“ läuft, geht die grelle Festbeleuchtung im Saal an. Sie hat mit Frieder getanzt, eng an ihn geschmiegt, und als die Musik ver- stummt, verharrt sie regungslos, wie ein Standbild, sie schließt die Augen und erwidert Frieders Küsse.

Frühmorgens wacht sie als Erste in ihrem Zimmer auf, ihre Freunde liegen in Schlafsäcken auf dem Boden, es riecht nach Alkohol und kaltem Rauch. April ist zittrig und müde. Vor dem Fenster entdeckt sie einen funkelnden Eiszapfen, von dem sich Tropfen lösen, sie glaubt, die Tropfen mit einem Knall platzen zu hören. Frieder liegt neben ihr auf dem Sofa. Sie versucht, sich an die gestrige Nacht zu erinnern, doch ihr fällt nur die Knutscherei ein. April ist verliebt, was nichts bedeutet, sie ist oft verliebt. Sie kann mit einem Fremden einen Blick wechseln und nächtelang von ihm träumen, eine kurze Begegnung reicht aus, um ihr Herz höherschla- gen zu lassen, aber es hält nie lange an. Frieder hat einen schönen Mund, allerdings sind seine Küsse hart und trocken. Er hat sich für drei Jahre bei der Armee verpflichtet, weil er Arzt werden will. Bei den Mädchen steht er nicht nur wegen seines Aussehens hoch im Kurs, er trägt Levi’s und versteht was von Musik. Sie klettert vorsichtig über ihn hinweg, und während sie in der Küche den Wasserkessel aufsetzt, hört sie keinen einzigen Vogeltriller aus dem Zimmer der Jungnickel. Nach und nach werden alle wach, Mücke findet noch eine Flasche Bergmannsschnaps in seinem Rucksack, das Gesöff ist hochprozentig, sie nippt nur daran. Irgendwann kommt Schwarze Paul auf die Idee, der Alten und ihrem Vogel einen Besuch abzustatten. Obwohl April über seinen Vorschlag nicht begeistert ist, stimmt sie zu.

Lass uns eine Münze werfen, sagt Mücke, Kopf oder Zahl, und der Sieger muss vor der Alten nackt ein Lied trällern.

Kopf, sagt Schwarze Paul und gewinnt. Er zieht sich aus, als sei nichts dabei, Sputnik pfeift anerkennend, alles an ihm ist Furcht einflößend groß. Spätestens jetzt möchte April die ganze Sache rückgängig machen, doch da ist Schwarze Paul schon unterwegs.

Sie hören seine Stimme, laut und schmetternd: Ramona, zum Abschied sag ich dir goodbye, dann ein schrilles Kreischen, das sich Oktave um Oktave höher schraubt, dazwischen irres Vogelgezeter, und als Schwarze Paul zurückkommt, sieht er bleich aus. Die hat noch nie ’nen nackten Mann gesehen, sagt er, das ist mal klar.

Nachdem die Freunde sich abends von ihr verab- schiedet haben, traut sich April nicht auf den Flur. Sie hört es draußen rumoren, als würden Möbel verrückt, das dauert bis spät in die Nacht, und sie stellt sich vor, wie das Fräulein sich hinter ihrem Schrank verbarrikadiert hat und an Schwarze Paul denkt.


2

 

An einem der ersten Frühlingstage trägt sie frühmorgens ihre zerschlissene Levi’s und den Nicki mit der amerikanischen Flagge. Das Krakeelen der Vögel hat sie übermütig werden lassen. Die Abteilungsleiterin schickt sie empört nach Hause, sie soll sich umziehen und ihre Arbeitszeit nachholen. Das kann sie aber nicht, es gibt einen Kobold in ihr, der sich solchen Anweisungen zwanghaft widersetzt. Stattdessen geht sie in den Zoo, beobachtet ihren Lieblingsaffen, die restlichen Stunden vertrödelt sie in der Innenstadt. Am liebsten würde sie sich in ein Café setzen, doch sie traut sich nicht. Abends läuft sie unruhig in ihrem Zimmer umher, die Vögel draußen vorm Fenster, es müssen Tau- sende sein, scheinen für ein großes Konzert zu proben. Sie fährt später noch einmal mit der Straßenbahn in die Stadt, nimmt all ihren Mut zusammen und betritt den „Thüringer Hof“. Der Eingang ist mit einem Seil verhängt, und schon während sie sich in die Reihe der Gäste stellt, die hinter der Absperrung auf ihre Platzierung warten, möchte sie sich in Luft auflösen. Als ein mürrischer Kellner ihr einen Platz am Ende des Raumes zuweist, will sie nur noch schnell und unauffällig wieder verschwinden. Aber der Weg zur Tür ist weit, also bleibt sie sitzen, bestellt ein Bier nach dem anderen und verlässt als Letzte die Kneipe.

Am nächsten Morgen kann sie die Augen kaum öff- nen, in ihrem Kopf ein hartes Pochen. Sie trägt wieder ihre zerschlissene Levi’s und den Nicki. In der Straßenbahn verspürt sie den Drang, vor all den Alltagstrottgesichtern auszuspucken, ganz schwindlig ist ihr vor Hochmut.

Im Büro muss sie zum Hauptabteilungsleiter, doch der scheint nur halb bei der Sache, er gibt ihr zu verstehen, dass sie bei der Arbeit besser einen BH tragen sollte. Sie glaubt zuerst, sich verhört zu haben. Die amerikanische Flagge auf ihrem Nicki erwähnt er mit keinem Wort. Macht er sich über sie lustig? Sie kann in seinem Gesicht nichts dergleichen entdecken, nur ein hungriges Leuchten, und als sie begreift, worauf er hinauswill, zeigt sie ihm böse grinsend die Zähne, bedeckt ihn im Stillen mit ihrem Vorrat an Flüchen.

Manchmal, wenn sie früh aufwacht, fühlt sich ihre Zunge dick und pelzig an. Dann weiß sie einen Moment lang nicht, wo sie ist. Die Freunde fehlen ihr, aber sie hat keine Lust, aufs Dorf zu fahren, oder vielleicht ist es sogar Angst. Als gäbe es eine Ansteckungsgefahr, wenn sie an die Orte ihrer Jugend zurückkehrte, und sie müsste dann für immer dableiben. Der Einzige aus der Clique, der sie besucht, ist Frieder. Wenn er Armeeurlaub hat, liegen sie stumm auf dem Sofa, und obwohl er mehr will als nur fummeln, lässt sie ihn nicht ran. So jedenfalls hat sie es einmal Frieder zu Schwarze Paul sagen hören: Rippchen lässt mich nicht ran. Der Satz gibt ihr ein Gefühl von Macht, sie ist also jemand, der gewähren lassen kann oder nicht. Nun, sie will es nicht oder noch nicht. Wartet sie auf den Richtigen? Ihr genügt diese Art von Erregung, dieses folgenlose Gerangel, sie fühlt sich sicher im Bereich der Spiele.

Die Frühlingstage verstärken ihre Unruhe. Wenn vor Einbruch der Dunkelheit die Vögel lärmen, zieht es sie nach draußen. April hat festgestellt, dass spät am Abend im „Thüringer Hof“ nicht mehr platziert wird, sie sucht sich einfach einen freien Tisch und tut so, als würde sie die Blicke der anderen Gäste nicht bemerken. Alkohol schmeckt ihr nicht, sie würde Limo vorziehen, doch ihre Anspannung weicht, sobald sie das erste Bier trinkt.

Einmal setzt sich ein Pärchen zu ihr an den Tisch. Der Mann trägt einen Schlips, obwohl er gar nicht wie ein Schlipsträger aussieht. Eher ähnelt er einem verkleideten Tapir, beim Sprechen zittert seine große Nase. Seine Freundin hingegen könnte auch im Kombinat arbeiten, nur ihr Mund ist eine Spur zu rot und geformt wie ein Herzchen. Der Mann bestellt eine Runde Schnaps, und als der Kellner die Gläser serviert, schiebt der Tapir ein Glas in Aprils Richtung. Dann beugt er sich zu ihr und sagt: Man nennt mich Adam Schlips. Sein Ton ist der eines beschwipsten Angebers. Er weist auf seine Freun- din und sagt, das ist Eva, du weißt schon, die von Adam. Der Mann kommt ihr merkwürdig vor, zumindest so lange, bis sie drei Gläser Schnaps auf ex getrunken hat. Dann findet sie Schlips – er besteht auf dieser Anrede – ganz lustig. Sie hätten für diese Nacht keine Bleibe, sagt Schlips im Laufe des Abends, ob sie bei ihr übernachten könnten?

Spät in der Nacht haben es sich die beiden auf ihrem Sofa bequem gemacht. April liegt in einen alten Wintermantel gehüllt auf dem Boden.

Sie schafft es, am nächsten Morgen aufzustehen, doch im Büro wird sie von der Abteilungsleiterin kopfschüttelnd betrachtet. Sie sehen aus wie eine Leiche, sagt sie, wo haben Sie die Nacht verbracht?

Während sich alle über ihre Augenringe auslassen, muss April an das Pärchen in ihrem Zimmer denken, und sie wünscht sich, dass der Mann und die Frau verschwunden sind, wenn sie nach Hause kommt. In der Frühstückspause versucht sie auf einem Toilettendeckel sitzend zu schlafen, Arme und Kopf auf den Knien. Die restlichen Stunden verbringt sie in einem Dämmerzustand, verliert sich in Träumereien, starrt aus dem Fenster, doch spätestens als die Frau zu ihrer Linken laut und vorwurfsvoll hustet, spürt sie die Blicke ihrer Kollegen. Herr Blümel ruft ihr zu: Verehrtes Fräulein, schlafen Sie nicht ein. Schadenfroh registriert April, dass die Kopfhaut unter seinem dünnen Haar zu zucken beginnt. Das geschieht immer, wenn er sich aufregt.

Als sie abends schlecht gelaunt die Wohnung betritt, hört sie Schlips aus der Küche rufen: Heute gibt es Gulasch.

April möchte allein sein, sie möchte, dass die beiden gehen, doch sie ist zu feige, ihre Wünsche zu äußern. Sie versucht, das Beste daraus zu machen, trinkt ein Bier nach dem anderen und redet sich ein, Gulasch wäre eine willkommene Abwechslung zur Tütensuppe. Stunden später sind die Bierflaschen ausgetrunken. Schlips erzählt Geschichten, verliert den Faden, raucht Kette, keucht und hustet beim Lachen. Schläfrig hört sie, wie er Pläne entwirft, für einen Museumsraub, Banküberfall. Dann spricht er von einem kinderleichten Einbruch bei der bedepperten Alten, und April braucht eine Weile, ehe sie begreift, dass Fräulein Jungnickel gemeint ist.

Dienstags hat die Alte Toilettendienst, da kommt sie später nach Hause, sagt er, und seine große Tapirnase zittert.

So erfährt sie, wie Fräulein Jungnickel sich Geld dazuverdient. Er hat sie in ein Gespräch verwickelt: Die Alte sei zwar verkalkt, doch habe sie bestimmt eine Menge Kohle unter der Matratze versteckt.

Das ist nicht dein Ernst, sagt sie, die Alte bekommt einen Schlaganfall. April versucht, seinen Plan ins Lächerliche zu ziehen, führt eine Slapsticknummer nach der anderen vor, lässt das Fräulein nach ihrem Vogel japsen oder sich die schütteren Haare raufen.

Du bekommst deinen Anteil, sagt Schlips, und seine Freundin tätschelt ihr den Arm.

Am nächsten Tag wird April zu Hause von der Polizei erwartet. Sie streitet ab, von dem Einbruch gewusst zu haben. Fräulein Jungnickel sitzt heulend in der Küche und zeigt anklagend mit dem Finger auf sie. April spürt kein Mitleid, sie ist nur froh, Schlips und seine Freundin los zu sein.

Sie sieht Schlips erst vor Gericht wieder. Der Einbruch scheint eines seiner kleineren Vergehen gewesen zu sein. April ist als Komplizin angeklagt worden. Sie war beim Friseur, trägt einen dunklen Samtrock, den Herr Blümel von seiner ältesten Tochter ausgeliehen hat. Er hat auch die Patenschaft für sie übernommen – das Kollektiv stehe hinter der Angeklagten –, und als er diesen Satz mit leiser Stimme furchtlos ausspricht, zuckt nicht einmal seine Kopfhaut. April bekommt ein halbes Jahr auf Bewährung, sie ist wieder einmal davongekommen.

Ich soll dich von deinem Vater grüßen, sagt Schlips, als sie an ihm vorbeigehen will. April ist seinen Blicken während der Verhandlung ausgewichen, doch die Nachricht von ihrem Vater ändert die Lage. Sie bleibt stehen und sieht ihn an. Wir saßen in der U-Haft zusammen, flüstert Schlips und zwinkert ihr zu, meine Güte, der hat mir Geschichten erzählt. Sie versucht, sein komplizenhaftes Zwinkern zu übersehen, und kann sich die Geschichten nur allzu gut vorstellen: die Jugendstreiche ihres Vaters, abenteuerliche Sauftouren, Frauenepisoden, Splitter einer Künstlerkarriere, Erlebnisse, die er sich wahrscheinlich ausgedacht hat. Immer erzählte er ihr Geschichten, wenn er zwischendurch in ihrem Leben auftauchte.

Der Gruß von Schlips ist ihr unangenehm, so will sie nicht mit ihrem Vater verbunden sein. Wenn er nun stolz ist, weil sein Kind nach ihm geraten ist? Oder wird er sich Vorwürfe machen? Aus irgendeinem Grund wäre ihr das lieber. Sie kann sich nicht entsinnen, wann sie ihren Vater das letzte Mal gesehen hat, es ist etliche Jahre her. Anders als ihre ewig grausame Mutter hatte ihr Vater eine Art Gerechtigkeitssinn; er hat April nur mit der Hand geschlagen, er schlug auch nicht gern, es kam sogar vor, dass er sich danach entschuldigte. Trotz allem wünscht sie sich, dass ihr Vater sie auf seine Weise liebt.

Angelika Klüssendorf

Über Angelika Klüssendorf

Biografie

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Roman-Trilogie „Das Mädchen“,...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)

Angelika Klüssendorf - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Angelika Klüssendorf - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Angelika Klüssendorf nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen