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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Dienstag, 29. September 2020 von Piper Verlag


Buchtipps 2020

Ein außergewöhnliches Debüt

„Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau. Eine junge Frau aus guter Familie, mit Temperament und Selbstbewusstsein, eine Frau, die ihre Erfüllung nicht in einer standesgemäßen Ehe sieht, sondern die mitreden möchte und vielleicht studieren. Die unversehens von Vater und Bruder in eine Kutsche verfrachtet und quer durch Paris in das Nervenkrankenhaus La Salpêtrière gebracht wird. Dort wird sie von nun an leben, zusammen mit anderen Frauen, deren Ehemänner, Väter, Brüder es ebenfalls für angezeigt hielten, sie hier einzuliefern – und sie damit als Hysterikerinnen zu brandmarken. Victoria Mas hat mit ihrem mitreißend modernen Debütroman „Die Tanzenden“ in ihrer französischen Heimat für Furore gesorgt..”

Felicitas von Lovenberg

Die TanzendenDie Tanzenden

Roman

Eine Hymne auf die Courage aller FrauenGanz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer.Mit verblüffender Lebendigkeit erzählt Victoria Mas in „Die Tanzenden“ vom Aufbruch derer, die sich nicht zufriedengeben, von berührender Solidarität und unbeirrbarem Mut.„Ein unentbehrlicher Roman.“ Cosmopolitan Frankreich„Eine der schönsten und augenfälligsten Überraschungen des Jahres!“ Le Parisien»In einer glasklaren Sprache, leicht wie ein Pastell, schreibt diese junge Autorin gegen die männliche Norm an und gibt denen eine Stimme, die man mundtot gemacht und unterdrückt hat.« L’Obs

1

Geneviève

3. März 1885

 

„Louise. Es ist Zeit.“

Mit einer Hand zieht Geneviève die Decke weg, unter der zusammengekauert auf der schmalen Matratze der schlafende Körper der jungen Frau liegt. Ihr dunkles, dichtes Haar bedeckt das Kopfkissen und einen Teil ihres Gesichts. Den Mund halb geöffnet, schnarcht Louise leise. Die anderen Frauen im Schlafsaal, die bereits aufgestanden sind, hört sie nicht. Zwischen den aufgereihten Eisenbetten rekeln sich die weiblichen Gestalten, drehen sich die Haare zu einem Knoten auf, knöpfen ihre tiefschwarzen Kleider über den durchsichtigen Nachthemden zu und trotten unter den wachsamen Blicken der Krankenschwestern Richtung Speisesaal. Durch die beschlagenen Fensterscheiben dringt zaghaft die Sonne.

Louise steht als Letzte auf. Jeden Morgen reißt eine Pflegerin oder eine der anderen Geisteskranken sie aus dem Schlaf. Abends lässt sich die junge Frau erleichtert in eine tiefe, traumlose Nacht sinken. Schlafen heißt, sich nicht mehr mit dem befassen zu müssen, was geschehen ist, sich nicht besorgt zu fragen, was morgen wird. Seit es sie vor drei Jahren hierher verschlagen hat, verschafft ihr nur der Schlaf eine kurze Atempause.

„Hoch mit dir, Louise. Sie warten auf dich.“

Geneviève rüttelt das Mädchen am Arm, bis es schließlich die Augen öffnet. Zuerst ist Louise erstaunt, am Fußende ihres Bettes die Frau zu sehen, die von den Geisteskranken die Altgediente genannt wird, doch dann ruft sie:

„Ich hab doch Vorlesung!“

„Mach dich fertig, du hast genug geschlafen.“

„Ja!“

Die junge Frau springt aus dem Bett und nimmt ihr schwarzes Wollkleid vom Stuhl. Geneviève tritt zur Seite und beobachtet sie. Mit ihrem Blick verfolgt sie die fahrigen Handgriffe, die unsicheren Kopfbewegungen, die schnelle Atmung. Gestern hatte Louise erneut einen Anfall: Das darf sich vor der heutigen Vorlesung auf keinen Fall wiederholen.

Hastig schließt die junge Frau die Knöpfe ihres Kleides und wendet sich der Oberaufseherin zu. Stets aufrecht in ihrem weißen Dienstkleid, die Haare zu einem Dutt gesteckt, hat Geneviève etwas Einschüchterndes an sich. Mit den Jahren musste Louise lernen, mit ihrer strengen Art zurechtzukommen. Nicht dass sie ungerecht oder gar böswillig wäre, sie wirkt nur einfach nicht liebenswert.

„Ist es so recht, Madame Geneviève?“

„Lass deine Haare offen. Das ist dem Doktor lieber.“

Gehorsam löst Louise den flüchtig gedrehten Haarknoten wieder. Sie ist gegen ihren Willen eine junge Frau geworden. Die Begeisterung der Sechzehnjährigen ist dagegen noch ganz und gar kindlich. Der Körper ist zu schnell gewachsen; ihre Brust und die Hüften, die mit zwölf zum Vorschein kamen, haben sie nicht gewarnt vor den Folgen dieser plötzlichen Üppigkeit. Zu einem gewissen Teil ist die Unschuld in ihren Augen verschwunden, aber nicht ganz. Weswegen noch Hoffnung für sie besteht.

„Ich hab Lampenfieber.“

„Überlass dich allem, dann wird das schon.“

„Ja.“

 

Die beiden Frauen gehen einen Korridor des Krankenhauses entlang. Das morgendliche Märzlicht scheint durch die Fenster und wird von den Fliesen am Boden reflektiert – ein sanftes Licht, ein erstes Anzeichen für den Frühling und den Ball an Mittfasten, ein Licht, bei dem jede unwillkürlich lächelt und darauf hofft, sie käme hier bald heraus.

Geneviève spürt Louises Nervosität. Die junge Frau läuft mit gesenktem Kopf neben ihr her, ihre Arme hängen am Körper herab, ihr Atem geht schnell. Die Mädchen auf der Station sind immer angespannt, wenn sie Charcot persönlich treffen – vor allem, wenn er sie auserkoren hat, an einer Vorführung teilzunehmen. Es ist eine Verantwortung, die sie überfordert, eine Aufmerksamkeit, die sie verwirrt, ein Interesse, das so ungewohnt ist für die sonst unbeachtet gebliebenen Frauen, dass es ihnen fast den Boden unter den Füßen wegreißt – wieder einmal.

Nach ein paar weiteren Korridoren und Türen betreten sie den kleinen Raum neben dem Auditorium. Eine Handvoll Ärzte und Medizinstudenten warten bereits. Sie halten Hefte und Schreibfedern parat, tragen Oberlippenbärte, wirken unnachgiebig in ihren dunklen Anzügen und weißen Hemden. Alle wenden sie sich gleichzeitig dem heutigen Studienobjekt zu. Ihr medizinischer Blick unterzieht Louise einer eingehenden Betrachtung: Sie scheinen durch ihr Kleid sehen zu können. Angesichts all dieser sensationslüsternen Augenpaare schlägt das junge Mädchen die Lider nieder.

Nur ein Gesicht ist ihr vertraut: Babinski, der Assistent des Doktors, der jetzt auf Geneviève zukommt.

„Der Saal ist fast voll. In zehn Minuten fangen wir an.“

„Brauchen Sie noch irgendwas Besonderes für Louise?“

Babinski mustert die Geisteskranke von oben bis unten.

„Sie macht die Sache so.“

Geneviève nickt und schickt sich an, den Raum zu verlassen. Ängstlich will Louise ihr nach.

„Sie holen mich danach wieder ab, Madame Geneviève, nicht wahr?“

„Wie immer, Louise.“

Hinter allen anderen stehend, lässt Geneviève den Blick noch einmal durch das Auditorium schweifen. Von den Holzbänken hallen tiefe Stimmen wider und erfüllen den Saal. Der ähnelt eher einem Museum, ja einem Kuriositätenkabinett als dem Raum eines Krankenhauses. An den Wänden und der Decke hängen Gemälde und Kupferstiche, auf denen Zeichnungen anatomischer Details und ganzer Körper zu bewundern sind, Szenen, in denen Unbekannte, nackt oder bekleidet, ängstlich oder in sich versunken, in wildem Durcheinander abgebildet sind. In der Nähe der Bänke wuchtige Schränke, berstend unter dem Gewicht der Zeit, hinter deren Glastüren alles ausgestellt ist, was ein Krankenhaus für die Nachwelt aufbewahren kann: Schädel, Schienbeine, Oberarmknochen, Becken, Dutzende Glasbehälter, Steinbüsten und allerlei Gerätschaften. Allein durch seine Ausstattung verheißt dieser Saal dem Publikum, dass gleich etwas Besonderes geschehen wird.

Geneviève sieht sich die Zuschauer an. Manche von ihnen sind Stammgäste, sie erkennt Mediziner, Schriftsteller, Journalisten, Studenten, Künstler, das eine oder andere Gesicht aus der Politik, jeder neugierig, längst bekehrt oder skeptisch. Sie empfindet Stolz. Stolz darauf, dass ein einzelner Mann in Paris ein derart großes Interesse zu wecken vermag und die Bänke des Auditoriums Woche für Woche füllt.

Da erscheint er auch schon auf der Bühne. Es wird still im Saal. Mühelos setzt Charcot seine beleibte, gravitätische Gestalt vor diesem Meer von faszinierten Blicken in Szene. Sein längliches Profil erinnert an die Eleganz und Würde griechischer Statuen. Er hat den genauen und unbestechlichen Blick eines Arztes, der seit Jahren Frauen erforscht, von ihrer Familie und der Gesellschaft verstoßen und zutiefst wehrlos. Er weiß, welche Hoffnungen er bei den Patientinnen weckt. Weiß, dass sein Name in ganz Paris bekannt ist. Er gilt als Autorität und übt seine Macht in der Überzeugung aus, dass sie ihm aus einem ganz bestimmten Grund verliehen wurde: Mit seiner Begabung wird er die Medizin voranbringen.

„Guten Tag, meine Herren. Danke, dass Sie gekommen sind. In der heutigen Lehrveranstaltung werde ich Ihnen die Hypnose an einer Patientin demonstrieren, die an einer schweren Hysterie leidet. Sie ist sechzehn Jahre alt. Seit sie vor drei Jahren in die Salpêtrière gekommen ist, haben wir mehr als zweihundert hysterische Anfälle bei ihr verzeichnen können. Mittels Hypnose können wir diese Anfälle künstlich erzeugen, um deren Symptome genauer zu untersuchen und so mehr über den physiologischen Ablauf der Hysterie zu erfahren. Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.“

Über Genevièves Gesicht huscht ein Lächeln. Jedes Mal, wenn sie sieht, wie dieser Mann seinem sensationsgierigen Publikum eine Vorführung ankündigt, muss sie daran denken, wie er hier seinen Dienst angetreten hat. Sie war dabei, als er noch studierte, in den Vorlesungen mitschrieb, behandelte und forschte, als er Sachen entdeckte, die vor ihm noch keiner entdeckt hatte, und Sachen dachte, die bislang noch keiner gedacht hatte. Charcot allein verkörpert die Medizin in ihrer ganzen Unbestechlichkeit, ihrer Wahrheit und ihrem Nutzen. Warum Götter verehren, wenn es Männer wie Charcot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Charcot aufnehmen. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vorrecht, seit fast zwanzig Jahren ihren Beitrag zur Arbeit und zu den Fortschritten des berühmtesten Nervenarztes von Paris leisten zu dürfen.

Babinski führt Louise auf die Bühne. Während sie vor zehn Minuten noch umkam vor Lampenfieber, ist die Körperhaltung der jungen Frau jetzt vollkommen verändert: Die Schultern nach hinten gedrückt, die Brust und das Kinn nach vorn gereckt – so geht Louise auf ein Publikum zu, das nur auf sie gewartet hat. Sie hat keine Angst mehr: Das ist ihr Moment des Ruhms und der Anerkennung. Ihr Moment, aber auch der des Meisters.

Die Oberaufseherin kennt jede Stufe des Rituals. Zuerst das Pendel, das sachte vor Louises Gesicht hin- und hergeschwenkt wird, ihre unbeweglichen blauen Augen, die Stimmgabel, die einmal erklingt, und das Mädchen, das nach hinten fällt, sein willenloser Körper, der in letzter Sekunde von zwei Medizinstudenten aufgefangen wird. Mit geschlossenen Augen gehorcht Louise jeder Anweisung, führt anfangs einfache Bewegungen aus, hebt den Arm, dreht sich und winkelt ein Bein an wie ein gehorsamer kleiner Soldat. Dann posiert sie wie gewünscht, legt die Hände zum Gebet zusammen, schaut flehend zum Himmel hinauf und ahmt den Gekreuzigten nach.

Was zu Beginn wie eine simple Hypnosedemonstration daherkam, verwandelt sich nach und nach in eine spektakuläre Vorführung, die „Phase der großen Bewegungen“, wie Charcot verkündet. Jetzt liegt Louise am Boden, und man gibt ihr keine Anweisungen mehr. Ganz von sich aus beginnt sie zu zucken, verrenkt Arme und Beine, wälzt ihren Körper hin und her, windet sich vom Rücken auf den Bauch, die Füße und Hände verkrampfen sich. Plötzlich sinkt sie reglos nieder, das Gesicht vor Freude und Schmerz verzerrt, und stößt heisere Atemzüge aus. Wer zum Aberglauben neigt, könnte meinen, das Mädchen sei von Dämonen besessen, und einige im Publikum bekreuzigen sich tatsächlich verstohlen … Mit einer letzten Zuckung landet das Mädchen wieder auf dem Rücken, dann stemmen sich ihre nackten Füße und der Kopf nach oben, sie bäumt sich auf, bis ihr Körper vom Hals bis zu den Knien einen Kreisbogen bildet. Ihr dunkles Haar wischt durch den Staub auf der Bühne, ihr zu einem umgekehrten U geformter Rücken knackt unter der Anstrengung. Nach diesem künstlich erzeugten Anfall bricht sie unter den verblüfften Blicken schließlich mit einem dumpfen Geräusch zusammen.

Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.

 

Außerhalb der Mauern der Salpêtrière, in den Salons und Cafés, ergeht man sich in Vermutungen darüber, wie Charcots Arbeit, die sogenannte „Arbeit mit Hysterikerinnen“, wohl aussehen mag. Man stellt sich nackte Frauen vor, die durch die Korridore rennen, mit dem Kopf gegen die Fliesen schlagen, die Beine für einen imaginären Liebhaber spreizen und sich von morgens bis abends die Seele aus dem Leib schreien. Man erzählt sich von Körpern verrückter Frauen, die unter weißen Laken in Zuckungen geraten, von grimassierenden Mienen unter struppigen Haaren und den Gesichtern alter Frauen, fettleibiger Frauen, hässlicher Frauen, Frauen, die zu Recht weggesperrt sind, auch wenn niemand genau sagen könnte, warum, schließlich haben sie sich weder einer Beleidigung noch eines Verbrechens schuldig gemacht. Für diese Leute, ob Bürgerliche oder Proletarier, die schon die geringste Andersartigkeit verschreckt, hat der Gedanke an die geisteskranken Frauen etwas Erregendes und Beängstigendes zugleich. Die verrückten Frauen faszinieren sie und flößen ihnen Entsetzen ein. Sie wären enttäuscht, kämen sie an diesem späten Vormittag auf der Station vorbei.

In dem weitläufigen Schlafsaal geschehen die täglichen Verrichtungen in vollkommener Ruhe. Frauen wischen zwischen und unter den Metallbetten den Boden, manche waschen sich, über eine Schüssel mit kaltem Wasser gebeugt, notdürftig mit einem Lappen, andere liegen todmüde da und wollen mit niemandem reden. Einige bürsten sich die Haare, sprechen leise mit sich selbst und schauen zu, wie es langsam dunkel wird draußen im Park, wo noch ein paar Schneefetzen liegen. Es sind Frauen jeden Alters, von dreizehn bis fünfundsechzig Jahren, sie sind brünett, blond oder rothaarig, schlank oder dick, frisiert, wie sie es in der Stadt auch wären, und sie bewegen sich voller Anmut. Keine Spur von Zügellosigkeit, die man sich draußen zusammenfantasiert.

Der Schlafsaal gleicht eher einem Sanatorium als einem Trakt für Hysterikerinnen. Erst bei näherer Betrachtung fallen die Störungen auf: Man bemerkt eine seltsam verdrehte Faust, einen verkrampften Arm vor der Brust. Man sieht Lider, die wie Schmetterlingsflügel immerfort auf- und zuklappen. Manche haben nur ein Auge geschlossen, während das andere einen ansieht. Jegliche Töne von Blechinstrumenten oder Stimmgabeln sind verboten, weil einige der Frauen sonst sofort in einen Starrkrampf verfallen könnten. Während eine ständig gähnt, verliert eine andere die Kontrolle über ihre Glieder. Man begegnet niedergeschlagenen, abwesenden oder zutiefst melancholischen Blicken. Und bisweilen wird der Schlafsaal, über dem kurzzeitig eine trügerische Ruhe lag, von einem der berühmten hysterischen Anfälle erschüttert: Der Körper einer Frau, die auf dem Bett oder am Boden liegt, krümmt sich, zuckt, ringt mit einer unsichtbaren Macht, kämpft, windet und verrenkt sich, in dem vergeblichen Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen. Dann drängt man sich um sie, ein Medizinstudent drückt zwei Finger auf ihre Eierstöcke, und diese Behandlung lässt die rasende Frau wieder zur Ruhe kommen. In schweren Fällen wird ihr ein mit Äther getränktes Tuch unter die Nase gehalten: Die Lider schließen sich, der Anfall lässt nach.

Keine Spur von Hysterikerinnen, die barfüßig durch die kalten Gänge tanzen. Stattdessen herrscht hier nur ein stiller und alltäglicher Kampf um Normalität.

 

Ein paar Frauen haben sich um eines der Betten versammelt und sehen Thérèse dabei zu, wie sie eine Stola strickt. Eine junge Frau mit geflochtenem Haarkranz nähert sich der, die die Strickende genannt wird.

„Die ist jetzt aber mal für mich, Thérèse, oder?“

„Hab sie schon Camille versprochen.“

„Du schuldest mir schon seit Wochen eine.“

„Ich hab dir vor zwei Wochen ’ne Stola geschenkt, du mochtest sie bloß nicht, Valentine. Jetzt wartest du.“

„Mir langt’s!“

Mit beleidigter Miene geht die junge Frau davon. Sie achtet nicht weiter auf ihre rechte Hand, die sich nervös verrenkt, und auch nicht auf ihr beständig zuckendes Bein.

Unterdessen helfen Geneviève und eine Pflegerin Louise dabei, wieder ins Bett zu kommen. Das erschöpfte Mädchen lächelt mit letzter Kraft.

„War ich gut, Madame Geneviève?“

„So gut wie immer, Louise.“

„Ist Doktor Charcot zufrieden mit mir?“

„Er ist erst zufrieden, wenn du geheilt bist.“

»Ich hab gesehen, wie sie mich alle angeschaut haben … Bald bin ich genauso berühmt wie Augustine. Stimmt’s?«

„Jetzt ruh dich aus.“

»Ich werde die neue Augustine … Ganz Paris wird von mir sprechen …«

Geneviève zieht die Decke über den entkräfteten Körper der jungen Frau, die mit einem Lächeln auf den blassen Lippen einschläft.

 

Es ist dunkel geworden in der Rue Soufflot. Das Pantheon, steinerne Ruhestätte etlicher Berühmtheiten, wacht über den Jardin du Luxembourg, der unten an der Straße schlummert.

Im sechsten Stock eines Wohnhauses ist ein Fenster geöffnet. Geneviève betrachtet die stille Straße, die linker Hand von der majestätischen Silhouette des Kriegerdenkmals begrenzt wird und rechter Hand vom Park mit seinen Statuen, dessen grüne Alleen und blühende Rasenflächen schon morgens von Spaziergängern, Liebespaaren und Kindern in Beschlag genommen werden.

Nachdem sie am frühen Abend von der Arbeit zurückgekehrt ist, hat Geneviève ihr tägliches Ritual vollzogen. Zuerst hat sie ihren weißen Kittel aufgeknöpft und mechanisch nach Flecken abgesucht – meistens ist es Blut –, um ihn anschließend an einen kleinen Schrank zu hängen. Dann hat sie sich draußen auf dem Etagenflur gewaschen, wo sie manchmal die anderen Bewohner ihres Stockwerks trifft: eine Mutter mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter, beide Waschfrauen und allein seit dem Tod des Ehemanns, der in den Tagen der Kommune umgekommen ist. Zurück in ihrem kleinen bescheidenen Zimmer, hat sie sich eine Suppe aufgewärmt und sie im Schein einer Öllampe auf der Bettkante stumm in sich hineingelöffelt. Dann hat sie sich wie jeden Abend für zehn Minuten ans Fenster gesetzt. Regungslos und aufrecht, als trüge sie noch immer ihr enges Dienstkleid, betrachtet sie die Straße, wie ein unerschütterlicher Leuchtturmwärter auf seinem Posten. Nicht dass sie versonnen die Lichter der Straße anblicken oder sich in Träumereien ergehen würde – mit dieser Art von Romantik hat sie nichts im Sinn. Sie nutzt den friedlichen Moment nur, um den Tag zu vergessen, den sie hinter den Mauern der Heilanstalt verbracht hat. Sie öffnet das Fenster und lässt alles vom Wind forttragen, was sie von früh bis spät umgeben hat – die traurigen und spöttischen Gesichter, der Geruch von Äther und Chloroform, die hallenden Schritte auf den Fliesen, das Klagen überall und das Gestöhn, die Betten, die unter den zuckenden Körpern quietschen. Sie geht auf Distanz zu diesem Ort.

An die Geisteskranken denkt sie nicht. Sie interessieren sie nicht. Keines der Schicksale rührt sie an, keine Geschichte geht ihr nah. Seit dem Vorfall zu Beginn ihrer Schwesternzeit hat sie es aufgegeben, die Frauen hinter den Patientinnen sehen zu wollen. Oft überfällt sie die Erinnerung daran. Dann sieht sie wieder vor sich, wie die Geisteskranke, die ihrer Schwester ähnelte, kurz vor einem Anfall steht, sieht ihr entstelltes Gesicht, als sie sie mit beiden Händen am Hals packt und wie besessen zudrückt. Geneviève war jung, sie glaubte, dass sie eine Beziehung zu ihren Patientinnen aufbauen müsse, um ihnen helfen zu können. Zwei Krankenschwestern waren dazwischengegangen und hatten sie befreit aus den Händen der Verrückten, der sie Vertrauen und Zuneigung geschenkt hatte. Der Schock war ihr eine Lehre. Und die folgenden zwanzig Jahre mit den Geisteskranken hatten sie in ihrer Ansicht immer wieder bestätigt. Die Krankheit beraubt jeden seiner Menschlichkeit. Sie macht aus den Frauen Marionetten mit bizarren Symptomen, willenlose Puppen in den Händen von Ärzten, die sie benutzen und bis in den letzten Winkel ihres Körpers untersuchen, kuriose Tiere, die nur noch ein klinisches Interesse hervorrufen. Sie sind keine Ehefrauen, Mütter oder Mädchen mehr, sie sind keine Frauen, die man anschaut oder beachtet, sie werden nie Frauen sein, die man begehrt oder liebt: Sie sind Kranke. Irre. Versagerinnen. Und die Arbeit der Aufseherin besteht im besten Falle darin, zu ihrer Heilung beizutragen, im schlimmsten, sie unter halbwegs akzeptablen Bedingungen wegzusperren.

Geneviève schließt das Fenster, nimmt die Öllampe und setzt sich an ihr Holzpult. Der einzige Luxus in diesem Zimmer, in dem sie seit ihrer Ankunft in Paris lebt, ist ein Ofen, der den Raum angenehm erwärmt. Seit zwanzig Jahren hat sich hier nichts geändert. In den Ecken stehen dasselbe Bett, derselbe Schrank mit zwei Stadtkleidern und einem Hauskleid darin, derselbe Kohleherd und dasselbe Pult mit Stuhl, das ihre kleine Schreibecke bildet. Der einzige Farbtupfer in dem ansonsten dunkel gehaltenen Zimmer ist die rosa Tapete, die von der Zeit leicht vergilbt und durch die Feuchtigkeit stellenweise verquollen ist. Die Decke ist gewölbt, sodass Geneviève an manchen Stellen reflexartig den Kopf einzieht, wenn sie durchs Zimmer geht.

Sie greift nach einem Blatt, taucht ihre Feder ins Tintenfass und beginnt zu schreiben:

 

Paris, 3. März 1885

 

Meine liebe Schwester,

 

nun habe ich schon ein paar Tage nicht geschrieben, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel. Die Geisteskranken waren diese Woche besonders unruhig. Es braucht nur eine von ihnen einen Anfall zu bekommen, und schon folgen die anderen nach. Das Ende des Winters wirkt sich oft in dieser Weise auf sie aus. Monatelang dieser bleierne Himmel, der eiskalte Schlafsaal, der trotz der Öfen nie richtig warm wird – ganz zu schweigen von den für diese Jahreszeit typischen Krankheiten: All das setzt ihnen schwer zu, wie du dir vorstellen kannst. Zum Glück hatten wir heute die ersten Sonnenstrahlen. Und der Ball an Mittfasten, der in zwei Wochen stattfindet – ja, schon –, dürfte ihre Nerven beruhigen. Bald holen
wir die Kostüme vom letzten Jahr heraus. Das wird
ihre Stimmung ein wenig aufhellen, und die des Pflegepersonals auch.

Doktor Charcot hat heute wieder eine öffentliche
Vorführung gegeben. Wieder mal die kleine Louise. Die arme Irre bildet sich ein, sie wäre genauso berühmt wie Augustine. Ich sollte sie daran erinnern, dass diese sich
an ihrem Ruhm so sehr erfreut hat, dass sie schließlich aus dem Krankenhaus geflohen ist – noch dazu in Männerkleidern! Sie war wirklich undankbar. Nach den vielen Anstrengungen, die wir und besonders Doktor Charcot unternommen haben, um sie zu heilen. Wer geisteskrank ist, bleibt es ein Leben lang, das habe ich immer zu dir gesagt.

Aber die Vorführung ist gut verlaufen. Charcot und Babinski konnten einen gehörigen Anfall erzeugen, das Publikum staunte. Das Auditorium war voll, wie jeden Freitag. Doktor Charcot verdient den Erfolg. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er noch alles entdecken wird. Jedes Mal muss ich dann an mich denken – ein kleines Mädchen aus der Auvergne, Tochter eines einfachen Landarztes, die heute dem größten Nervenarzt von Paris zur Hand geht. Im Vertrauen: Dieser Gedanke erfüllt mein Herz mit Stolz und Demut.

Bald hast du Geburtstag. Ich versuche, nicht daran zu denken, der Kummer ist einfach zu groß. Bis zum heutigen Tage, ja. Du hältst mich bestimmt für dumm, doch die Jahre ändern nichts daran. Du wirst mir mein ganzes Leben lang fehlen.

Meine geliebte Blandine. Ich muss jetzt schlafen gehen. Ich nehme dich in meine Arme und küsse dich zärtlich.

 

Deine Schwester,

die an dich denkt, wo immer du bist.

 

 

Geneviève liest den Brief noch einmal durch und faltet ihn dann zusammen. Steckt ihn in einen Umschlag, den sie rechts oben mit dem Datum versieht: 3. März 1885. Sie steht auf und öffnet den Schrank. Unter den aufgehängten Kleidern stapeln sich mehrere Schachteln. Geneviève greift nach der obersten. Darin ungefähr hundert Umschläge, die mit dem Datum versehen sind wie der, den sie in der Hand hält. Mit ihrem Zeigefinger prüft sie das Datum des letzten Umschlags – 20. Februar 1885 – und ordnet den neuen davor ein.

Sie macht die Schachtel wieder zu, stellt sie an ihren Platz zurück und schließt den Schrank.

2

Eugénie

20. Februar 1885

 

Seit drei Tagen schneit es. In der Luft sehen die Flocken wie Perlenvorhänge aus. Auf den Gehwegen und in den Parks liegt eine weiße, knirschende Schicht aus Schnee, der kleben bleibt an den Pelzmänteln und den Stiefeln, die durch ihn hindurchstapfen.

Die Clérys, mit dem Abendessen befasst, achten nicht mehr auf die Flocken, die gemächlich hinter den Fenstertüren fallen und auf dem weißen Teppich des Boulevards Haussmann niedergehen. Auf ihre Teller konzentriert, zerschneiden die fünf Familienmitglieder das rote Fleisch, das der Diener ihnen serviert hat. Die Decke über ihren Köpfen ist mit Stuck verziert. In der Wohnung, die der Pariser Bourgeoisie alle Ehre macht, drängen sich Möbel und Gemälde, Kronleuchter, Kerzenhalter und Gegenstände aus Marmor und Bronze. Es ist ein früher Abend, wie die Clérys ihn oft begehen: Auf den Porzellantellern klappert das Besteck, die Stuhlbeine knarzen unter den Bewegungen der Sitzenden, und im Kamin prasselt das Feuer, das der Diener immer wieder mit dem Haken schürt.

Schließlich ertönt in der Stille die väterliche Stimme.

„Ich hatte heute Besuch von Fochon. Die Erbschaft seiner Mutter hat ihn nicht sonderlich zufriedengestellt. Er hatte gehofft, das Schloss in der Vendée zu bekommen, aber das hat seine Schwester geerbt. Seine Mutter überlässt ihm nur das Appartement in der Rue Rivoli. Was für ein armseliges Trostpflaster!“

Der Vater sieht nicht von seinem Teller auf. Nun, da er gesprochen hat, dürfen auch die anderen das Wort ergreifen. Eugénie schaut kurz zu ihrem Bruder, der ihr mit gesenktem Kopf gegenübersitzt. Sie nutzt die Gelegenheit.

„In der Stadt erzählt man sich, Victor Hugo sei gesundheitlich sehr angegriffen. Weißt du irgendetwas darüber, Théophile?“

Überrascht sieht ihr Bruder auf, während er weiter sein Fleisch kaut.

„Nicht mehr als du.“

Auch der Vater blickt nun seine Tochter an. Er bemerkt ihren vor Ironie sprühenden Blick nicht.

„Wo in Paris hörst du solche Sachen?“

„Bei den Zeitungsverkäufern. In den Cafés.“

„Ich schätze es nicht, dass du dich in Cafés herumtreibst. So etwas schickt sich nicht.“

„Ich gehe nur zum Lesen dorthin.“

„Selbst wenn. Und erwähne gefälligst nicht den Namen dieses Mannes in unserem Haus. Er ist alles andere als ein Republikaner, auch wenn gewisse Leute das behaupten.“

Die Neunzehnjährige verkneift sich ein Lächeln. Würde sie ihren Vater nicht provozieren, ließe sich dieser nicht mal dazu herab, sie anzusehen. Sie weiß, dass ihr Leben den Patriarchen erst interessieren wird, wenn jemand aus ebenso gutem Hause wie ihrem, was heißt aus einer Anwalts- oder Notarsfamilie, um ihre Hand anhält. Das ist der einzige Wert, den sie in den Augen ihres Vaters je haben wird – ein Wert als Ehefrau. Eugénie kann sich schon jetzt seine Wut vorstellen, wenn sie ihm beichten wird, dass sie nicht vorhat zu heiraten. Ihre Entscheidung steht seit Langem fest. Denn nichts liegt ihr ferner, als ein Leben zu führen wie das ihrer Mutter, die zu ihrer Rechten sitzt – ein Leben, das sich auf die Wände eines bürgerlichen Appartements beschränkt, das dem Zeitplan und den Entscheidungen eines Mannes unterworfen ist, ein Leben ohne Ambition oder Leidenschaft, ein Leben, in dem man stets nur das eigene Bild im Spiegel betrachtet – vorausgesetzt, sie erkennt sich dann noch –, ein Leben, dessen einziger Zweck es ist, Kinder zu bekommen, und in dem es höchstens noch darum geht, die Kleidung für den jeweiligen Tag auszuwählen. Das alles will sie auf keinen Fall. Stattdessen will sie alles andere.

Links neben ihrem Bruder sitzt ihre Großmutter väterlicherseits und lächelt ihr zu. Der einzige Mensch in der Familie, der sie so sieht, wie sie wirklich ist: voller Zuversicht und Stolz, blass und dunkelhaarig, mit einer Denkerstirn, wachen Augen und einem dunklen Fleck in der linken Iris, eine stille Beobachterin, die sich alles merkt – und vor allem nicht eingeschränkt werden will, weder in ihrem Wissensdrang noch in ihren Zukunftsabsichten – und die in diesem Punkt derart kompromisslos ist, dass es einem zuweilen ganz bange um sie wird.

Vater Cléry sieht zu Théophile, der noch immer mit großem Appetit isst. Wenn er sich an seinen Ältesten wendet, wird der väterliche Ton milder.

„Théophile, konntest du die neuen Bücher durcharbeiten, die ich dir gegeben habe?“

„Nicht ganz, ich habe noch ein bisschen Lesestoff aufzuholen. Ich fange im März damit an.“

„In drei Monaten beginnt deine Ausbildung in der Kanzlei, ich will, dass du den Stoff bis dahin wiederholt hast.“

„Wird erledigt. Da fällt mir ein, morgen Nachmittag bin ich nicht hier. Ich gehe in einen Debattiersalon. Der junge Fochon wird übrigens auch da sein.“

„Aber gewiss doch, betätige deinen Geist. Frankreich braucht eine Jugend mit Verstand. Erwähne bloß nicht die Erbschaft seines Vaters, das würde ihn nur belasten.“

Eugénie blickt ihren Vater an.

„Wenn Sie von einer Jugend mit Verstand sprechen, meinen Sie Jungen und Mädchen, nicht wahr, Papa?“

„Ich habe dir schon einmal gesagt: Frauen haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.“

„Wie traurig wäre ein Paris, das nur aus Männern besteht.“

„Genug, Eugénie.“

„Männer sind immer so ernst, sie wissen nicht, wie man sich amüsiert. Frauen können ernst sein, aber sie können auch lachen.“

„Widersprich mir nicht.“

»Ich widerspreche Ihnen ja gar nicht: Wir diskutieren. Genau das sollen Théophile und seine Freunde Ihrer Meinung nach morgen tun …«

„Es reicht! Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich derlei Unverschämtheiten in meinem Haus nicht dulde. Du darfst den Tisch verlassen.“

Der Vater schlägt sein Besteck klirrend gegen den Teller und blickt Eugénie herausfordernd an. Er ist derart gereizt, dass sich die Haare seines Backenbartes und seines dichten Schnurrbarts aufrichten. Stirn und Schläfen laufen rot an. Immerhin hat es Eugénie heute Abend geschafft, ihm eine Gefühlsregung zu entlocken.

Die junge Frau legt ihr Besteck auf den Teller und die Serviette auf den Tisch. Nicht unzufrieden mit der kleinen Verwirrung, die sie angerichtet hat, steht sie auf, grüßt unter dem bekümmerten Blick der Mutter und dem amüsierten ihrer Großmutter mit einem kurzen Nicken in die Runde und verlässt das Esszimmer.

 

„Du konntest dich vorhin wirklich nicht beherrschen, nicht wahr?“

Es ist Nacht geworden. In einem der fünf Zimmer der Wohnung schüttelt Eugénie das Bettzeug auf. Hinter ihr steht die Großmutter im Nachthemd und wartet darauf, dass sie schlafen gehen kann.

„Ich wollte nur, dass wir uns ein bisschen amüsieren. Dieses Abendessen war so unsäglich trist. Setzt Euch, Großmutter.“

Sie nimmt die runzlige Hand der alten Frau und hilft ihr, sich aufs Bett zu setzen.

„Noch beim Dessert war dein Vater verärgert. Du solltest seine Laune nicht überstrapazieren. Ich sage das dir zuliebe.“

„Macht Euch keine Sorgen, was mich betrifft. Noch tiefer kann ich in Papas Ansehen nicht sinken.“

Eugénie hebt die nackten, dürren Beine ihrer Großmutter an und hilft ihr, unter die Bettdecke zu schlüpfen.

„Ist Euch kalt? Soll ich noch eine Decke holen?“

„Nein, Liebes, alles gut.“

Die junge Frau kauert sich vor das wohlmeinende Gesicht der Alten, die sie jeden Abend zu Bett bringt. Ihr Blick tut ihr gut. Das Lächeln, wenn ihre Runzeln sich heben und ihre blassen Augen schmaler werden, ist das zärtlichste auf der ganzen Welt. Eugénie liebt sie mehr als ihre eigene Mutter, vielleicht zum Teil auch deshalb, weil ihre Großmutter sie mehr liebt als eine eigene Tochter.

„Meine kleine Eugénie. Deine beste Eigenschaft wird auch immer dein größter Makel sein: Du bist frei.“

Ihre Hand kommt unter der Bettdecke hervor, um über das dunkle Haar der Enkelin zu streichen. Doch all das sieht Eugénie längst nicht mehr: Ihre Aufmerksamkeit hat sich etwas anderem zugewandt. Sie starrt in eine Ecke des Zimmers. Nicht zum ersten Mal fixiert sie regungslos einen unsichtbaren Punkt. Diese Momente dauern nie so lange, dass es wirklich beängstigend wäre. Geht ihr ein Gedanke oder eine Erinnerung durch den Kopf, etwas, das sie aufwühlt? Oder ist es wie damals, als Eugénie zwölf war und schwor, sie würde etwas sehen? Die alte Frau wendet den Kopf in die Richtung, in die ihre Enkelin blickt: In der Ecke des Zimmers befinden sich eine Kommode, eine Blumenvase und ein paar Bücher.

„Was ist, Eugénie?“

„Nichts.“

„Siehst du etwas?“

„Nein, nichts.“

Eugénie kommt wieder zu sich und streichelt lächelnd die Hand ihrer Großmutter.

„Ich bin müde, mehr nicht.“

Sie wird ihr nicht erzählen, dass sie tatsächlich etwas sieht – besser gesagt jemanden. Dass sie ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen und dass seine Anwesenheit sie überrascht hat, auch wenn sie sein Kommen spüren konnte. Seit ihrem zwölften Lebensjahr sieht sie ihn. Er war zwei Wochen vor ihrem Geburtstag gestorben. Kaum ein paar Tage später saß die ganze Familie im heimischen Salon beisammen. Und ebenda war er ihr zum ersten Mal erschienen. Überzeugt, dass die anderen ihn ebenfalls sahen, hatte Eugénie gerufen: „Schaut doch, Großvater ist hier, er sitzt im Sessel, schaut!“ – und je mehr man ihr widersprach, desto mehr beharrte sie darauf: „Großvater ist hier, ich schwöre es!“ Bis ihr Vater sie so scharf und heftig zurechtwies, dass sie es später nie mehr wagte, die Anwesenheit des Verstorbenen zu erwähnen. Seine Anwesenheit und die der anderen.

Denn neben ihrem Urahn erschienen ihr auch andere. Als hätte die Tatsache, dass sie ihn einmal gesehen hatte, etwas in ihr aufgebrochen. Eine Art Durchgang, den sie in Höhe des Brustbeins verortet – jedenfalls spürt sie es dort –, ein Durchgang, der bis dahin versperrt und mit einem Mal frei war. Die anderen, die ihr erschienen, kannte sie nicht. Es waren Fremde, Frauen wie Männer jeden Alters. Sie tauchten nicht plötzlich auf – immer merkte Eugénie, wie sie allmählich näher kamen: Ihr wurden die Glieder schwer, sie spürte, wie sie in einen Halbschlaf sank, als wäre sie plötzlich ihrer Kraft beraubt, zugunsten von etwas anderem. Dann wurden sie sichtbar. Sie befanden sich im Salon oder saßen auf einem Bett, standen neben dem Esstisch und schauten ihr beim Essen zu. Als sie noch kleiner war, fürchtete sie sich vor diesen Visionen, die sie zu einer wortlosen Einsamkeit verdammten. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich in die Arme ihres Vaters gestürzt und ihr Gesicht in seiner Jacke vergraben, bis die- oder derjenige sie in Ruhe ließ. So verwirrend das alles war, eines wusste sie genau: Es handelte sich nicht um Halluzinationen. Das Gefühl, das die Erscheinungen in ihr auslösten, ließ keinen Zweifel zu. Diese Leute waren tot, und jetzt besuchten sie sie.

Eines Tages tauchte ihr Großvater erneut auf, und diesmal sprach er mit ihr. Genauer gesagt hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, denn die Gesichter, die sie sah, waren stets unbeweglich und stumm. Er sagte, sie brauche keine Angst zu haben, sagte, dass sie ihr nichts Böses wollten und dass man sich vor den Lebenden mehr fürchten müsse als vor den Verstorbenen. Er fügte hinzu, dass sie eine Gabe habe und dass sie, die Toten, aus einem bestimmten Grund zu ihr kämen. Eugénie war fünfzehn. Doch das anfängliche Entsetzen blieb. Abgesehen von ihrem Großvater, dessen Besuche sie schließlich akzeptiert hatte, beschwor sie alle zu verschwinden, sobald sie ihr erschienen – und sie gehorchten. Sie hatte sich nicht ausgesucht, dass sie sie sah. Sie hatte sich diese „Gabe“ nicht ausgesucht, die in ihren Augen ohnehin eher eine psychische Störung als eine Gabe war. Zu ihrer Beruhigung sagte sie sich, dass es vorübergehen, dass all dies verschwinden würde, wenn sie das väterliche Heim erst verlassen hätte. Dann würde sie nicht mehr behelligt werden. Sie müsste nur Stillschweigen bewahren, bis es so weit war, selbst ihrer Großmutter gegenüber. Denn sollte sie noch einmal etwas Derartiges erwähnen, würde man sie unverzüglich in die Salpêtrière einliefern.

 

Am Nachmittag darauf gönnen die Schneefälle der Hauptstadt eine Atempause. In den weißen Straßen liefern sich die Kinder zwischen Bänken und Laternen spontane Schlachten mit eisigen Geschossen. Ein fahles, fast blendendes Licht liegt über Paris.

Théophile kommt aus der Toreinfahrt des Hauses und geht zu der Droschke, die am Straßenrand wartet. Seine roten Locken schauen unter dem Zylinder hervor. Er schlägt seinen Mantelkragen hoch, zieht sich eilig die Lederhandschuhe über und öffnet den Kutschenschlag. Mit einer Hand hilft er Eugénie beim Einsteigen. Ein langer schwarzer Mantel mit ausgestellten Ärmeln und Kapuze verhüllt ihre Gestalt. In ihrem Haarknoten stecken zwei Gänsefedern – für die spitzen, blütengeschmückten Hütchen, die derzeit überall in der Hauptstadt zu sehen sind, hat sie nicht viel übrig. Théophile geht zum Kutscher.

»Zum Boulevard Malesherbes Nummer 9. Und bitte, Louis, falls mein Vater Sie fragt: Ich war allein.«

Mit einer stummen Geste macht der Kutscher klar, dass sein Mund versiegelt ist, und Théophile steigt zu seiner Schwester in den Wagen.

„Bist du immer noch verärgert, Brüderchen?“

„Du bist ein Ärgernis, Eugénie.“

Nach dem Mittagessen, einer Mahlzeit, die stets etwas fröhlicher ausfällt, sobald ihr Vater nicht daran teilnimmt, war Théophile wie gewohnt für ein zwanzigminütiges Nickerchen auf sein Zimmer gegangen, bevor er sich zum Ausgehen fertig machte. Er legte gerade seinen Zylinder vor dem Spiegel bereit, als es an seiner Tür klopfte. Vier Mal: seine Schwester.

„Komm rein.“

Eugénie hatte die Tür geöffnet und war hereingekommen – angekleidet und frisiert für die Stadt.

„Willst du etwa wieder ins Café? Das wird Papa gar nicht gefallen.“

„Nein, ich gehe mit dir in den Salon.“

„Auf keinen Fall.“

„Und wieso nicht?“

„Weil du nicht eingeladen bist.“

„Dann lade du mich ein.“

„Und außerdem sind dort nur Männer.“

„Wie öde.“

„Siehst du, du hast keine Lust hinzugehen.“

„Ich würde so gern wissen, wie es dort ist, bloß ein einziges Mal!“

„Wir sitzen in einem Salon, rauchen, trinken Kaffee dabei oder Whisky und tun philosophisch.“

„Wenn es dort wirklich so trist ist, warum gehst du dann hin?“

„Gute Frage. Es gehört sich so, nehme ich an.“

„Lass mich mitgehen.“

„Ich will mir nicht Papas Zorn zuziehen, falls er davon erfährt.“

„Daran hättest du denken sollen, bevor du mit dem Lieschen aus der Rue Joubert angebandelt hast.“

Théophile, wie vom Donner gerührt, hatte seine Schwester einige Sekunden lang angestarrt, die ihn lächelnd wissen ließ:

„Ich warte unten auf dich.“

In der Droschke, die nur mühsam durch die Schneewehen vorankommt, zeigt sich Théophile besorgt.

„Bist du sicher, dass Maman nicht gesehen hat, wie du weggegangen bist?“

„Maman sieht mich nie.“

„Du bist ungerecht. Nicht alle in dieser Familie haben sich gegen dich verschworen, weißt du.“

„Bloß du.“

„Genau. Ich werde mich mit Papa zusammentun und einen künftigen Gemahl für dich finden. Auf diese Weise kommst du in sämtliche Salons deiner Wünsche und fällst mir nicht mehr auf die Nerven.“

Eugénie sieht ihren Bruder an und lächelt. Die Ironie ist der einzige Wesenszug, den sie miteinander teilen. Zwar sind sie einander nicht tief verbunden, aber es entzweit sie auch keine Feindseligkeit. Sie fühlen sich weniger als Bruder und Schwester denn als Bekannte, die ein herzliches Verhältnis pflegen, da sie doch unter einem Dach wohnen. Dabei hätte Eugénie allen Grund, ihren Bruder zu beneiden – der erstgeborene und damit heiß geliebte Sohn, ein Sohn, der zum Studium ermuntert wird, ein Sohn, in dem man den zukünftigen Anwalt sieht, während man in ihr nur die zukünftige Ehefrau vermutet. Irgendwann jedoch hat sie begriffen, dass ihr Bruder seine Situation ebenso erduldete wie sie. Auch Théophile musste den väterlichen Forderungen nachkommen, auch er musste den Erwartungen entsprechen, die ihm aufgezwungen wurden, und auch er musste seine innersten Wünsche für sich behalten. Denn wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Théophile sein Bündel geschnürt und wäre auf Reisen gegangen, egal wohin, nur möglichst weit weg. Dies ist zweifellos die zweite Sache, die sie verbindet: Sie haben sich ihren Platz nicht ausgesucht. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sie sich auch. Théophile hat sich durchgerungen und seine Situation akzeptiert, seine Schwester aber lehnt die ihre ab.

 

Im Salon sieht es genauso aus wie bei ihnen zu Hause. Der Raum wird von einem Kristallkronleuchter beherrscht. Ein Diener geht mit einem Silbertablett zwischen den Gästen umher und bietet Gläser mit Whisky an, ein anderer serviert Kaffee in Porzellantassen.

Junge Männer stehen am Kamin oder sitzen auf Chaiselongues aus dem letzten Jahrhundert, rauchen Zigarren oder Zigaretten und unterhalten sich leise miteinander. Die neue Elite von Paris, angepasste Jasager. An ihren Gesichtern lässt sich erkennen, wie stolz sie sind, der richtigen Familie zu entstammen. Ihre lässigen Gesten verraten, dass sie nie schwere Arbeit leisten mussten. Das Wort „Wert“ ergibt für sie nur Sinn im Hinblick auf die Gemälde an der Wand und den sozialen Status, den sie genießen, ohne dass sie je etwas dafür hätten tun müssen.

Ein junger Mann kommt ironisch lächelnd auf Théophile zu. Eugénie ist im Hintergrund geblieben und beobachtet die mondäne Gesellschaft.

„Cléry, ich wusste nicht, dass du heute in so charmanter Begleitung kommst.“

Théophile wird rot unter seinen roten Locken.

„Darf ich dir meine Schwester vorstellen, Fochon. Eugénie.“

„Deine Schwester? Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich. Angenehm, Eugénie.“

Fochon macht einen Schritt auf sie zu und greift nach ihrer Hand. Sein durchdringender Blick ruft bei der jungen Frau einen leichten Ekel hervor. Er wendet sich Théophile zu.

„Hat dein Vater von Großmutters Erbschaft erzählt?“

„Ich hab’s erfahren, ja.“

„Papa ist äußerst beleidigt. Schließlich hat er ständig von dem Schloss in der Vendée geredet. Dabei müsste ich viel mehr beleidigt sein, die alte Frau hat mir gar nichts hinterlassen. Mir, ihrem einzigen Enkel! Was soll’s. Eugénie, wollen Sie etwas trinken?“

„Einen Kaffee. Ohne Zucker.“

„Die kleinen Federn da auf Ihrem Kopf sind lustig. Damit werden Sie unseren Salon heute aufheitern.“

„Demnach lachen Sie manchmal?“

„Und frech ist sie auch! Hervorragend.“

 

An diesem Ort, an dem alle Geräusche gedämpft sind, verstreicht die Zeit quälend langsam. Die Gespräche der kleinen Gruppen verschmelzen miteinander und sind am Ende nur noch ein Widerhall tiefer, gleichförmiger Stimmen, unterbrochen vom Klirren der Gläser und Tassen. Der Tabakrauch bildet einen samtigen, durchscheinenden Schleier, der über den Köpfen schwebt. Vom Alkohol sind die ohnehin schon schlaffen Körper noch träger geworden. Eugénie, die auf einem weich gepolsterten Samtsessel sitzt, gähnt hinter vorgehaltener Hand. Ihr Bruder hat nicht gelogen: Nur gesellschaftliche Konvention kann das Interesse an diesen Salons erklären. Die Streitgespräche sind keine Gespräche, eher konventionelles Gerede, auswendig gelernte Gedanken, die von diesen vermeintlich belesenen Köpfen brav aufgesagt werden. Selbstverständlich spricht man hier über Politik – über die Kolonisation, Präsident Grévy, die Gesetze von Jules Ferry –, und auch ein bisschen über Theater und Literatur, aber ohne Tiefgang. In den Augen der jungen Männer gehören diese Themen eher in den Bereich der Vergnügungen, als dass sie zur intellektuellen Bereicherung beitragen würden.

Eugénie vernimmt das alles, ohne wirklich zuzuhören. Auch wenn es sie hin und wieder reizt, das Wort zu ergreifen, etwas zu entgegnen oder die Widersprüche innerhalb bestimmter Äußerungen aufzudecken, gerät sie doch nicht in Versuchung, diese kleinkarierte Welt aufzumischen. Sie weiß schon jetzt, worauf es hinauslaufen würde: Die Männer würden sie spöttisch ansehen, weil sie das Wort ergriffen hat, ihre Sätze mit einer abschätzigen Handbewegung übergehen und sie auf ihren Platz zurückverweisen. Die stolzen Köpfe wollen nicht in ihrer Position untergraben werden – schon gar nicht von einer Frau. Diese Männer mögen Frauen nur, wenn ihre Figur ihnen zusagt. Die hingegen, die ihrer Männlichkeit schaden könnten, die verspotten sie, oder – noch besser – sie entledigen sich ihrer. Eugénie erinnert sich an eine Meldung, die vor ungefähr dreißig Jahren in der Zeitung gestanden hatte: Eine gewisse Ernestine wollte sich befreien aus ihrer Rolle als Ehefrau und nahm Kochkurse bei ihrem Cousin, einem Chefkoch, in der Hoffnung, eines Tages selbst am Herd einer Brasserie zu stehen. Ihr Mann, der seine Vormachtstellung bedroht sah, ließ sie daraufhin in die Salpêtrière einweisen.

Seit Beginn des Jahrhunderts hatten sich zahlreiche solcher Geschichten ereignet, sie wurden zum Gesprächsstoff in den Pariser Cafés oder standen als kurze Meldung unter der Rubrik Vermischtes in der Zeitung. Eine Frau, die auf ihren untreuen Mann losgegangen war: eingeliefert, genauso wie eine Bettlerin, die ihr Geschlecht auf der Straße entblößt hatte. Eine Vierzigjährige, die sich mit einem zwanzig Jahre jüngeren Mann in der Öffentlichkeit gezeigt hatte: eingewiesen wegen Unzucht, zusammen mit einer jungen Witwe, die von ihrer Schwiegermutter eingeliefert wurde, weil sie ihr seit dem Tod des Ehemanns zu melancholisch war. Eine Mülldeponie für all jene, die die öffentliche Ordnung gefährdeten. Eine Anstalt für Frauen, deren Empfindungen nicht den Erwartungen entsprachen. Ein Gefängnis für diejenigen, die sich einer eigenen Meinung schuldig gemacht hatten.

Seit Charcots Ankunft vor zwanzig Jahren heißt es, die Salpêtrière habe sich geändert. Jetzt würden nur noch die wirklichen Hysterikerinnen dort eingeliefert. Trotz dieser Behauptung bleiben Zweifel. Zwanzig Jahre sind nichts, um tief verwurzelte Denkweisen in einer von Vätern und Ehemännern dominierten Gesellschaft umzukrempeln. Keine Frau kann je wirklich sicher sein, wegen ihrer Äußerungen, ihrer Eigenart oder ihrer Ideale nicht doch hinter den gefürchteten Mauern im dreizehnten Arrondissement zu landen. Daher sind sie auf der Hut. Selbst Eugénie mit ihrer kühnen Art weiß, dass man nicht alle Linien überschreiten darf – schon gar nicht in einem Salon voller einflussreicher Männer.

 

„… aber der Mann war ein Ketzer. Man sollte seine Bücher verbrennen!“

„Das hieße, ihm viel zu viel Bedeutung beizumessen.“

„Es ist nur eine Mode, bald wird man ihn vergessen haben. Wer kennt denn heute schon noch seinen Namen?“

„Meinen Sie den, der behauptet, es gäbe Gespenster?“

„Geister nennt er sie.“

„Ein Verrückter!“

„Wer sagt, der Geist würde die Materie überleben, widerspricht jeder Logik. Eine solche Behauptung leugnet sämtliche Gesetze der Biologie!“

»Mal abgesehen von diesen Gesetzen – wenn es tatsächlich Geister gibt, warum zeigen sie sich dann nicht viel öfter?«

„Prüfen wir’s nach! Falls hier in diesem Zimmer Geister sind, fordere ich sie auf, ein Buch aus dem Regal fallen zu lassen oder ein Gemälde zu verrücken!“

„Hör auf, Mercier. So albern es ist, ich mag doch keine Scherze darüber.“

Eugénie hat sich in ihrem Sessel aufgerichtet und reckt den Hals zu der Gesellschaft hinüber. Zum ersten Mal, seit sie hier ist, lauscht sie dem Gespräch.

„Es ist nicht nur albern, sondern gefährlich. Haben Sie Das Buch der Geister gelesen?“

„Warum sollten wir unsere Zeit mit solchen Märchen verschwenden?“

„Wer ein guter Kritiker sein will, muss sich informieren. Ich hab’s gelesen, und ich versichere Ihnen, dass ich mich von bestimmten Äußerungen in meinem christlichen Glauben zutiefst verletzt fühle.“

„Was kümmert dich das Geschwätz eines Mannes, der behauptet, er würde mit den Toten reden?“

„Er sagt sogar, es gäbe weder Paradies noch Hölle. Er verharmlost Abtreibungen, weil ein Fötus angeblich noch keine Seele hat!“

„Das ist Gotteslästerung!“

„Solche Gedanken verdienen den Strick!“

„Wie heißt der Mann, um den es hier geht?“

Eugénie ist aufgestanden. Ein Diener tritt hinzu und nimmt ihr die leere Tasse aus der Hand. Überrascht, etwas aus dem Mund des Mädchens zu hören, das bislang stumm und schweigsam dagesessen hat, drehen sich die Männer um und blicken sie an. Théophile wird stocksteif vor Schreck: Seine Schwester ist unberechenbar, und ihre Worte schlagen stets Wellen.

Eine Zigarette in der Hand, steht Fochon hinter einem Sofa und deutet ein Lächeln an.

„Das Mädchen mit den Gänsefedern spricht endlich. Warum fragst du? Du bist doch keine Spiritistin, hoffe ich?“

„Wie heißt er, ich bitte Sie?“

„Allan Kardec. Warum? Interessiert er dich?“

„Sie alle beschreiben ihn so voller Inbrunst. Wenn jemand die Gemüter so aufwühlt, muss er doch irgendwo richtiggelegen haben.“

„Oder aber er hat sich grob getäuscht.“

„Das werde ich selbst herausfinden.“

Théophile drängt sich zwischen den Gästen hindurch zu Eugénie. Er packt sie am Arm und redet leise auf sie ein.

„Du gehst jetzt besser, wenn sie dich nicht auf der Stelle massakrieren sollen.“

Das Gesicht ihres Bruders ist eher sorgenvoll als fordernd. Eugénie spürt die abschätzigen Blicke, die sie von Kopf bis Fuß mustern. Sie nickt ihrem Bruder zu und verlässt den Salon mit einem kurzen Gruß in die Runde. Zum zweiten Mal in zwei Tagen herrscht bei ihrem Abgang drückendes Schweigen.

Die Republik sieht alles

Ich komme in den Genuss, viele tolle Bücher zu lesen – sehr viele. Und es kommt nicht oft vor, dass mich ein Roman so packt: Maxim Volands „Die Republik“ hat mich aus dem Stand gebannt. Das hier entwickelte Szenario könnte spannender nicht sein – was wäre, wenn die deutsche Geschichte anders verlaufen wäre?"

Tim Müller, Stellvertretender Programmleiter Unterhaltung

Blick ins Buch
Die RepublikDie Republik

Roman

Was wäre, wenn …Maxim Voland schreibt die deutsche Nachkriegsgeschichte neu!Europa, 1949: Die neu gegründete DDR umfasst nach einem unglaublichen Coup das gesamte deutsche Staatsgebiet, mit  Ausnahme des westlichen Teils von Berlin. Gegenwart: Die DDR ist führende europäische Macht – ein hochmoderner Überwachungsstaat mit einem glücklichen Volk. So scheint es. Während internationale Agentenorganisationen im autonomen West-Berlin ihre Pläne schmieden, wird die DDR von einem furchtbaren Vorfall erschüttert: Über den Platz der Akademie zieht eine Giftgaswolke und fordert zahlreiche Tote. Ein Unfall? Ein Anschlag? Welche Macht steckt dahinter? Ein desillusionierter Stasi-Oberst, der französische Dolmetscher Christopher und die junge DDR-Bürgerin Alicia geraten in eine Verschwörung gigantischen Ausmaßes, die das Ende Europas bedeuten könnte ... 

VORWORT

Während ich die Berichte über den Mauerfall in den Medien sowie die vielen Rückblicke und Analysen zum Ende der DDR sah, fiel mein Blick zufällig auf eine alte Karte des geteilten Deutschlands. Mit dem widerständigen Inselrest West-Berlin inmitten der Deutschen Demokratischen Republik.


Die Idee zum Roman entstand in der nächsten Sekunde wie von selbst:

Und wenn es umgekehrt gelaufen wäre?

 

So entspann sich nach und nach das einzigartige Thriller-Szenario in einer fiktiven, modernen, gesamtdeutschen DDR – unter Beibehaltung von West-Berlin.

Wäre diese Stadt nicht der perfekte Tummelplatz und das Drehkreuz für Agentenorganisationen aus der ganzen Welt, um DDR-Spionage zu betreiben?

Dabei soll es keineswegs um die berüchtigte Ostalgie oder das beliebte Ost-Bashing gehen – oder eine Verklärung der „guten alten Zeiten“. Mehr dazu im Nachwort.

Ich wollte eine möglichst reale DDR des 21. Jahrhunderts als meine Bühne entwerfen, mit allen Vorteilen und Nachteilen des Systems, mit bekannten und neuen Produkten, ohne Mangelverwaltung und mit geballter Wirtschaftskraft sowie führender Hochtechnologie und Gebäuden, Betrieben, Strukturen, die in unserer Welt heute gar nicht mehr existieren.

Wer jetzt stutzt und zu einem Lachen ansetzen möchte, der denke an dieser Stelle kurz an die Volksrepublik China – mit der sich meine DDR übrigens sehr gut versteht …

 

Ich wünsche aufregende Stunden in dieser DDR und in West-Berlin als Berlin-Deutschland. Beide hat es so nie gegeben – aber vielleicht hätte es sie geben können.

 

Maxim Voland

im Frühling 2020


DAS SZENARIO

Vergangenheit
1949:

Das Jahr der gravierenden Entscheidungen.

Die Bundesrepublik Deutschland wird am 23. Mai gegründet, doch es gibt schon wenige Wochen danach alarmierende Zeichen, dass sie nicht lange existieren wird.

Am 7. Oktober verkündet die Deutsche Demokratische Republik ihre offizielle Entstehung – und zwar inklusive der Staatsfläche der blutjungen Bundesrepublik.

Die restliche Welt hält es zunächst für einen theoretischen Machtanspruch – bis die einstigen Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien und USA ihre stationierten Truppen mit dem 7. Oktober aus der Bundesrepublik abziehen. Die Grenzen nach Westen werden sogar von den Schutzmächten gegen eine Flucht der Deutschen gesichert, während sowjetische Einheiten die verlassenen Kasernen übernehmen. Und bleiben.

Damit sind Fakten geschaffen: Die DDR erhält das Gebiet der Bundesrepublik mit dem Beistand der Sowjets. Ohne einen Schuss und ganz offiziell. Deutschland, einig Vaterland.

Die einzige vage Erklärung der Westalliierten zu dieser Ungeheuerlichkeit: Man habe derart handeln müssen und bitte um Verzeihung. Ansonsten herrscht wütendes Schweigen, was Spekulationen freien Raum lässt.

Aber: West-Berlin bildet die einzige Ausnahme. Es wird von Frankreich, den USA und Großbritannien sogleich als fortbestehender Rest der Bundesrepublik angesehen und entsprechend behandelt. Die übrige Welt folgt ihrem Beispiel.

Dagegen wiederum regt sich zwar der formale Protest seitens der DDR, sie belässt es zur Erleichterung vieler Staaten jedoch bei Worten.

Niemand weiß, warum die Bundesrepublikländer 1949 aufgegeben wurden – oder warum West-Berlin nicht einfach von den Sowjets eingenommen wurde. Die Hoffnung auf ein „freies Deutschland“ nach einem möglichen Ende der DDR bleibt damit bestehen.

Aber wann? Und will das international überhaupt jemand?


GEGENWART
Die DDR

hat sich als realsozialistischer Staat mehr als gut gehalten, von Mangelwirtschaft keine Spur.

Aus ihr wurde dank ausgeklügelter Planwirtschaft ein erfolgreicher Global Player, der an das heutige China erinnert, während die UdSSR zerfallen ist – genau wie in unserer Realität. Unser realer Hintergrund gilt auch für den Rest der Welt, mit der EU (ohne Schweiz und DDR) und allen anderen Konstellationen.

Die hochmoderne DDR hat gezeigt, dass Sozialismus im perfekten Überwachungsstaat mit SED, Stasi & Co. funktionieren kann. Sie ist der glänzende Beweis, dass es eine Alternative zum Kapitalismus gibt, sofern man den Preis dafür zahlen will.

Zumindest scheint es so.


Berlin-Deutschland (manchmal auch kurz „West-Berlin“)

hingegen ist als Kleinstaat in der Sprache etlicher Länder die „Keimzelle eines freien Deutschlands“ mit eigener bundesrepublikanischer Regierung, wie oft von den einstigen Schutzmächten Frankreich, England und Amerika betont wird.

Mehr jedoch nicht.

Die Stadt mutiert zum Tummelplatz ausländischer Agenten und zum Steuer- und Glücksspielparadies für Risikobereite, ein Billiglohnland. Ein in vielen Belangen von anderen abhängiger Stadtstaat im Schatten der allgegenwärtigen Mauer.



„Wie sagte Genosse Walter Ulbricht noch vor Staatsgründung im Jahr 1949, und ich zitiere:

›Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.‹

Daran hat sich nichts geändert, liebe Genossinnen und Genossen!

Dies ist und bleibt der Garant für das dauerhafte Erblühen unserer Deutschen Demokratischen Republik.“

Alexander Wilhelm Naumann,SED-Generalsekretär bei einer Rede vor dem Zentralkomitee der SED, 3. Juli 2020


1
Berlin, Hauptstadt der DDR

„Einmal der halbe Goldbroiler mit Bratkartoffeln für Sie, Herr Oberst.“ Schwungvoll setzte die junge Kellnerin im schwarzen Kleid mit weißer Schürze den Teller ab, der appetitliche Duft breitete sich sofort am Tisch aus. „Und einmal Kesselgulasch mit Thüringer, Herr Kandwitz.“ Nicht ein Spritzer der schweren dunkelbraunen Soße ging bei der Landung des Tellers auf dem weißen Leinentuch daneben. „Rotkohl bring ick gleich nach, wa? Lassen Se sich’s schmecken.“ So schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Rothaarige wieder.

Roland Kandwitz, ein Mittdreißiger im neusten hellblauen Designeranzug der Nobelmarke Exquisit, nahm das Besteck und sah dabei zu seinem Patenonkel. „Haste gehört?“ Er grinste. „Sie hat mich erkannt.“

„Nadja? Liest bestimmt deine Spaßkolumne ›Mit sozialistischem Gruß‹.“ Gustav freute sich auf den Broiler. Nirgends war die Haut knuspriger als im Telecafé. Dank seiner Touren von Interhotel zu Interhotel hatte er in den letzten Jahren sämtliche Broilerstuben der Stadt sowie der halben Republik testen können.

„Aber wieso kennt sie deinen Rang?“ Roland deutete mit der Gabel andeutungsweise zum Restaurantleiter, der wachend am Eingang stand; man munkelte, dass er für das Ministerium für Staatssicherheit arbeitete. „Wegen der Firma Memfis?“

„Nein. Ich bin öfter hier.“ Auf Gustavs Glatze saß ein schmaler Trilby-Hut, der die von Natur aus leicht gebräunte Haut schützte. Sein schlichter schokoladenfarbener Anzug zu weißem Hemd und Schlips saß ein wenig eng. Zu viele Goldbroiler. „Und wir kamen mal ins Gespräch. Sie ist eigentlich zu schlau für so einen Job. Die will mehr. Zum Theater.“

Behutsam schob sich der frisch sanierte Palast der Republik am Marx-Engels-Platz in Gustavs Sichtfeld. Das drehbare Restaurant des Fernsehturms kreiste in ewiger Rotation in etwas mehr als zweihundert Meter Höhe und gewährte einen Ausblick auf die verschiedenen Stadtteile Berlins mit ihren jeweils charakteristischen Bauten.

„Ins Gespräch. Mit Nadja. Soso, Genosse Oberst“, merkte Roland an und blies eine hellbraune Strähne aus seinem stoppeligen Gesicht.

„Nix soso. Viel zu jung. Sie könnte meine Tochter sein.“ Gustav mochte den Ausblick von Sankt Walter, wie der Turm wegen des kreuzförmigen Schattenwurfs an seiner Oberfläche genannt wurde. Die Architekten hatten bei der Auswahl und Form der blechernen Außenverkleidung damals nicht bedacht, welchen Streich ihnen die Sonne spielen konnte. Bei direkter Beleuchtung entstand ein großes, weithin sichtbares Kreuz an der Fassade. „Die Rache des Papstes“, nannte es der Volksmund.

Die Sanierungsbrigaden hatten den Dreck von allen berühmten Gebäuden geschrubbt, sie renoviert und ihnen neuen Glanz verliehen. Ob Erichs Lampenladen, Palasthotel, das Stadion der Weltjugend, das Lindencorso an der Friedrichstraße mit seinem bekannten Café Espresso oder das wunderschöne Ahornblatt nahe der Fischerinsel.

„Ich habe mich gefragt, warum ein Memfis-Oberst sich mit einem Journalisten von Neues Deutschland trifft. So was wie eine konspirative Zusammenkunft der stärksten meinungsbeeinflussenden Staatsorgane?“ Rolands Lächeln verblasste, als eine heitere Reaktion ausblieb. „Scheiße! Ist es was Ernstes?“

„Könnte sein.“

„Krebs?“

Gustav lächelte schwach. „Nein. Danke, dass du dich sorgst.“

„Na ja. Bei dem ganzen Strahlenkram, den die Stasi früher einsetzte“, murmelte Roland und aß erleichtert weiter. „Wo drückt denn der Schuh? Auch wenn ich mich wundere.“

„Worüber?“

»Also, du bist bei der Stasi. Ließe sich das nicht … intern regeln?«

Gustav wollte die Bombe noch nicht zünden. „Fangen wir doch mit was Schönerem an: Was gibt’s Neues in den Redaktionen?“

„Fragst du mich in deiner Funktion als Stasi-Oberst?“ Roland blinzelte überzogen. Natürlich wusste der Journalist, dass ihm von seinem Patenonkel keine Gefahr drohte und er offen sprechen konnte. Nur nicht zu laut. Das MfS hatte seine menschlichen sowie elektronischen Augen und Ohren überall.

„Nein. Aus Neugier.“ Gustav machte ein aufforderndes Gesicht. „Was gibt es morgen Erfreuliches zu lesen?“

„Mmh. Das Wichtigste, zumindest in meinen Augen: Die Gesundheitsversorgung wird vom nächsten Jahr an komplett kostenlos. Und die Studierendenquote in den Ingenieursbereichen wird erhöht, die Hochtechnologiekombinate brauchen in absehbarer Zeit neue Leute. Die Forschung wird’s freuen.“

„Das bedeutet auch die Erlaubnis für mehr Abiturientinnen und Abiturienten“, ergänzte Gustav. Ein reiner Arbeiter-und-Bauern-Staat war die DDR schon lange nicht mehr, der Zirkel im Wappen hatte mittlerweile an Bedeutung gewonnen, und der Ährenkranz bestand nicht umsonst aus winzigen binären Einsen und Nullen. Die Maschine lief reibungslos, die verschiedenen Segmente des Bildungssystems griffen perfekt ineinander. Fachkräftemangel gab es dank Planung und Weitsicht nicht. „Das wird die Schlauen unter den jungen Leuten freuen.“

„Zum Wohle des Staates und zum Wohle aller.“ Roland überlegte. „Ansonsten liegen wir überall im grünen Bereich. Einmal mehr. Ach ja, wie es aussieht, wird das Kombinat Robotron bei der nächsten Weltausstellung eine revolutionäre KI präsentieren.“

Gustav grinste wissend. „Propaganda, um Silicon Valley zu ärgern und es in Panik zu versetzen?“

Roland schüttelte den Kopf. „Nein, da ist nichts übertrieben. Aber Details kennt nur das Politbüro.“

„Na dann.“ Er blickte über die unterschiedlich gestalteten Bereiche Ost-Berlins, erkannte die Fortschritte und die Veränderungen, die ununterbrochen stattfanden. Modernisierte Sowjetfassaden und begrünte Alleen waren Indikatoren für die Prosperität des Landes, dessen Architektur den Spagat zwischen altstalinistischem Baustil und frischer Optik sehr gut hinbekam. Dazu gesellte sich das Neue Bauhaus als eigene Architekturrichtung der DDR nach dem Ende der sozialistischen Moderne. Funktional, schlicht und ewig angesagt.

„Ich sag’s ja immer: Aus den kurzen Unruhen 1989 erwuchs Gutes. Alles läuft besser als jemals zuvor.“ Roland sah zum Eingang, wo Gäste darauf warteten, an einem der zweihundert Tische platziert zu werden. Noch waren sämtliche Plätze belegt, an denen überwiegend Currywurst verspeist wurde. „Es geht nichts über die Tradition der Verknappung“, merkte er an und machte sich weiter über sein Gulasch her. „Auch wenn die Lage noch so gut ist.“

„Ich bin sicher, die Kellner werden so ausgebildet, dass ein kühler Ton einfach schick bleibt.“

Roland zwinkerte und nahm den Bino-Spender, um nachzuwürzen. „Als wüsste ich, was Anstehen ist.“

„Ich schon.“ Mit seinen einundsechzig Jahren hatte Gustav mehr von den schweren Anfängen des Landes mitbekommen als der fünfundzwanzig Jahre jüngere Roland. Mit dessen Eltern verband ihn eine lange Freundschaft, was ihm die Patenschaft bei der Namensweihe im kleinen Kreis eingebracht hatte. »Und das war nicht witzig. Meine Großeltern hatten immer einen Einkaufsbeutel dabei, damit sie sich anstellen konnten, sobald es irgendwo was …«

Nadja stellte im Vorbeigehen den Rotkohl neben Roland ab und hastete zum Eingang, um sich den Wartenden zuzuwenden. Nicht etwa, um die Gäste zu beruhigen, sondern um sie mit einem deutlichen „Hätten Se früher reserviert, müssten Se nich’ warten“ daran zu erinnern, wer das Sagen im TC hatte, wie das Telecafé auch genannt wurde.

„Neulich war ich im Café Espresso, und da waren sie aus Versehen freundlich. Zack, alle Gäste irritiert“, kommentierte Roland ironisch. „Die Tradition der Service-Herrschaft. Die heimlichen Könige des Sozialismus. Das wird ewig so sein.“ Er kostete von dem Gemüse. „Aber lecker ist es.“

„Deswegen sind wir hier.“ Gustav schnitt ein Stück von der knusprigen goldbraunen Haut ab und genoss den Geschmack, der sich beim ersten Bissen im Mund verteilte; dabei sah er nachdenklich aus dem Fenster, vor dem sich die Welt drehte.

West-Berlin. Berlin-Deutschland. Aus grauen Ruinen zur Betonwüste verkommen. Dort hatten die Verantwortlichen jeden Millimeter Land genutzt, um Millionen von Menschen unterzubringen. Auferstanden war nur die DDR, während man sich drüben über die einst verspotteten „Arbeiterschließfächer“ aus den ersten Stunden der Staatsgründung gefreut hätte.

Eine gute Arbeitsstelle hatten jenseits der Mauer die wenigsten. Die meisten wurstelten sich in den Casinos oder der Tourismusbranche irgendwie durch. Manche landeten in den hastig hochgezogenen Fabriken, in denen verschiedene Massenwaren hergestellt wurden.

Die tristen kilometerlangen Hochhausfronten in der Ferne erinnerten an Prora vor der Sanierung oder die ganz alten Plattenbauten. Silos für die Verlierer des Kapitalismus, für die Ausgebeuteten am Rand der Sonderzone, während im Zentrum die Gewinner residierten. Die Keimzelle des sogenannten „freien Deutschlands“ stagnierte in ihrem Dasein als Glücksspiel- und Finanzstandort. Eine verkeimte Zelle.

Mittendrin ragten wie zum Hohn und gleichermaßen als Verlockung Protzbauten auf. Geldtempel, um den Menschen das Hirn mit Kaufanreizen zu fluten, das eigene Denken zu vernebeln. Mehr, immer mehr von allem, teurer und immer teurer, so lautete die Maxime.

Gustav hieß seit geraumer Zeit nicht mehr alles gut, was in seiner Heimat geschah, doch diese ewige Konsumspirale hatte die DDR längst durchbrochen.

Mit Erfolg.

Wer unbedingt sinnlosen Kram haben wollte, konnte jederzeit beispielsweise im Intershop an der Friedrichstraße neben dem Hotel Metropol einkaufen. Allerdings tummelten sich dort überwiegend Touristen aus dem Ausland, um die beliebten DDR-Preisaufkleber auf bekannten kapitalistischen Marken als Sammlerobjekte zu erhalten. Statussymbole für DDR-Bürger sahen längst anders aus. Mit Recht war man stolz auf das Gütesiegel „Made in GDR“.

Auf manches wiederum war Gustav nicht stolz. Und diese Tatsache hatte den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben, die für Unverständnis und Aufruhr sorgen würde. Außer einer Person konnte ihn niemand verstehen.

„Gustav?“

Er wandte sich wieder dem jüngeren Mann zu. „Entschuldige! Was hast du gesagt?“

Roland hielt in seiner rechten Hand ein brandneues Zeiro Galaxie Elf und prüfte den Nachrichteneingang. Robotron und Zeiss hatten mit ihrem neusten Mobiltelefon die Konkurrenz aus Fernost und dem Westen technisch komplett abgehängt. »Ich fragte, was du Dringendes mit mir besprechen wolltest. Das habe ich nicht vergessen. Aber …« Roland blickte sich im Restaurant um und sah hinauf zu den diskret angebrachten Kameras an der Decke. „Jetzt ohne Scheiß: Vielleicht sollten wir bei einem Bier in deiner Datsche reden. Ohne Mobiltelefone. Und ohne Stasi.“

Gustav musste sich zusammenreißen, damit sein Gesicht keinen verächtlichen Ausdruck annahm. „Die Stasi kann mich mal.“

Er sprach eine Spur zu laut. Für eine halbe Sekunde erstarrte alles und jeder im Restaurant, bevor weitergegessen und sich unterhalten wurde, als wäre nichts geschehen. Niemand drehte sich um, Unauffälligkeit hatte Vorrang.

Roland seufzte. Er legte das Besteck an den Tellerrand und wischte einen Knödelkrümel von der blauen Stoffhose. »Das ist der Grund, warum du Oberst geblieben bist, du Held der DDR. Du weißt, dass du bis in die Generalität hättest kommen …«

„Das sind längst vergangene Zeiten. Damit habe ich nichts mehr zu tun.“

„Papa bekommt immer noch einen Ehrfurchtsanfall, wenn du dich bei ihm meldest.“

„Bei manchen Leuten löse ich Anfälle anderer Art aus.“ Gustav blieb sein bitterer Humor. Im Vorbeigehen stellte Nadja zwei kleine Radeberger ab, ohne ihre Geschwindigkeit zu verringern. Nichts schwappte über. „Und das will ich ändern.“

„Indem du wieder ein guter Genosse wirst?“, stichelte Roland bei gleichzeitiger Erleichterung.

„Es ist mehr ein Gefallen für die DDR.“ Gustav griff in die Innentasche seines Sakkos und zog ein gefaltetes Formular heraus, das er seinem Patenkind hinschob und mit zwei Fingern andeutungsweise aufklappte. Die Bombe war gezündet. „Damit.“

Sekundenlang starrte Roland auf das Dokument. „Du verarschst mich.“

„Nein.“

„Ist das jetzt so ein Stasi-Gesinnungstest?“

Er schüttelte den Kopf und korrigierte den Sitz seines Hutes.

„Gustav.“ Roland lehnte sich sichtlich blasser nach vorne, wobei er darauf achtete, dass die Krawatte nicht mit dem Teller in Berührung kam, und senkte die Stimme. „Ein Antrag auf ständige Ausreise?“

„Genau. Ein RWE. Rechtswidriges Ersuchen. Ich kenne mich damit aus.“ Wieder der grimmige Humor. „Ich möchte eine offizielle Entlassung aus der Staatsbürgerschaft erwirken.“

„Scheiße!“ Roland griff nach seinem Bier und nahm zwei lange Züge. „Hast du den Verstand verloren? Du bist ein Stasi-Oberst und seit mehr als vierzig Jahren bei der Firma.“

„Ja und?“ Gustav nahm sein Glas und stieß einseitig mit dem perplexen Journalisten an. „Ich habe mir das genau überlegt.“

„Offenbar nicht“, schnaubte Roland.

„Ich bin geschieden, habe keine Kinder und keine Verwandten mehr, denen die Firma das Leben zur Hölle machen kann. Es gibt keinen, um den ich mir Sorgen wegen der Zersetzungsmaßnahmen machen muss.“ Das stimmte nur zum Teil, doch das wusste niemand außer ihm. Dafür sorgte Gustav perfekt.

„Die stecken dich in den Bau! Dahin lassen die dich ausreisen. Sonst nirgendwohin. Oder gleich unter die Fallschwertmaschine. Oder sie erschießen dich. Alle werden so tun, als hätte es dich nie gegeben.“

„Genau da kommst du ins Spiel.“ Gustav zog das Dokument in aller Ruhe zu sich und steckte es wieder ein. „Du arbeitest doch für Neues Deutschland, die BZ am Abend und die Berliner Zeitung. Richtig?“

Roland ließ den Gerstensaft im Glas kreisen. „Schon.“

»Wie wäre es mit einem heiteren kleinen Scherztext, in dem ein legendärer Stasi-Offizier aus seinem Amt …«

„Nein“, kam es unverzüglich aus dem Mund, in den gleich darauf das restliche Bier gekippt wurde. »Bist du irre? Lass mich …«

Nadja tauschte im Vorbeilaufen die leeren gegen volle Gläser aus und schob nach dem Winken des Restaurantleiters ein wartendes Paar mit ausladenden Bewegungen vom Eingang an einen frei werdenden Tisch. Die Tradition der Service-Herrschaft.

„Lass mich da raus. Die feuern mich sonst.“ Roland stieß die Luft aus. „Tut mir leid. Im verranzten Büro einer dämlichen Astronomie-Zeitschrift sehe ich mich nicht. Beate und ich müssen eine Familie ernähren.“ Er ließ sich mit dem Rücken gegen die Lehne fallen. „Scheiße! Wieso? Du bist bei vielen Leuten so was wie das ›Unsichtbare Visier‹. Der beste Agent.“

„Ich sehe nicht mal im Ansatz aus wie Armin Mueller-Stahl.“ Er dachte an seinen braunen Teint. Und auch nicht wie der Bredebusch in der Neuauflage vom letzten Jahr.

Roland schüttelte den Kopf. Er konnte nicht fassen, über was sie redeten. „Was willst du damit erreichen?“ Seine Stimme hatte sich zu einem Flüstern gesenkt, die tupfende Hand mit der Serviette schwebte unauffällig halb vor dem Mund, damit die Kameras seine Lippenbewegungen nicht erfassten. „Wieso flüchtest du nicht einfach, ohne ein Fass in der Öffentlichkeit aufzumachen?“

„Ich will ein Zeichen setzen.“

„Das Zeichen kannst du von dort setzen.“ Roland deutete mit dem Stoffzipfel auf die Hochhäuser Berlin-Deutschlands. „Die Amis werden dir so viel Zeit vor der Kamera geben, wie du haben willst. RIAS Berlin macht eine Sondersendung für dich.“

„Dann wird das Politbüro sagen, dass man mich dazu gezwungen hat. Die Propagandamaschinerie kann sehr gut umdeuten. Das wissen wir beide.“ Gustav pochte einmal auf den Tisch. „Nur hier ergibt das Zeichen einen Sinn. Vor meinem Antrag. Oder flankierend.“

Roland streifte eine Haarsträhne nach hinten und rieb sich über die Bartstoppeln. „Es ist dir verdammt ernst.“ Seine Verwunderung schlug in Wut und Empörung um. „Dass du mich überhaupt fragst! Ich habe eine Frau und Kinder. Das ist unverantwortlich. Ich müsste das sofort melden. Ist dir das klar?“

Gustav musterte ihn langsam, der Blick aus den braunen Augen wanderte auf und ab. „Ich verstehe dich. Du lebst gut. Der perfekte Staatsbürger.“

„Das bin ich tatsächlich. Und das warst du auch, mit deinen Ergreifungen und was weiß ich, was du noch alles gemacht hast. Die Orden gab es zumindest nicht fürs Rumsitzen. Wie viele hast du auf dem Gewissen und in den Bau oder nach Schwedt gebracht? Der beste Mann in vielen Abteilungen von Horch und Greif“, gab Roland beherrscht zurück. Die Wut hatte sich aber längst noch nicht gelegt.

Gustav spürte, dass Rolands Furcht um seine Familie der eigentliche Grund für seinen Ärger war – und bekam ein schlechtes Gewissen. »Gut. Lassen wir dich raus. Mein Wissen ist mein Problem, nicht deins. Kannst du mir vielleicht jemand anders nennen, der in der Lage ist, vorab …«

„Nein. Ich kann dir den Gefallen nicht tun. Keinen dieser Art. Außerdem will ich nichts mehr davon hören.“ Roland machte eine abwehrende Handbewegung. „Und ich werde leugnen, etwas von deinem Plan gewusst zu haben.“

Gerade setzte Gustav zu einem weiteren Satz an, als Nadja erneut auftauchte, die Jacke bereits über ihre schwarz-weiße Kellnerinnenkleidung gestreift. „Ick hab früher Feierabend und wollt’ aber rasch noch abkassieren bei die Herrschaften.“ Sie legte die Rechnung auf den Tisch. „Macht zusammen zehn Mark und zehn Pfennige.“

Gustav zückte seinen Geldbeutel und holte einen Zehner in Rot mit Honecker-Konterfei auf dem modernen Polymermaterial heraus. Dann fügte er noch zwei Mark als Trinkgeld hinzu. Die Münze klackte massiv, die Zeiten von geprägtem Alu waren längst vorbei. „Vorsingen?“, riet er den Grund für das überpünktliche Verschwinden der jungen Frau.

Nadja strahlte ihn glücklich an. „Jenau. Is’ endlich ’ne Stelle frei jeworden. Im Schauspielhaus am Akademieplatz. Und es gibt noch eene andere, die darf. In der Theorie, sach ick mal. Aber die sing ick in der Praxis in den Bühnenboden.“

„Dann mal schönen Feierabend.“ Gustav lächelte sie an. „Toi, toi, toi, Nadja.“

„Danke, Herr Oberst!“ Sie reichte ihm ihre weiche, gepflegte Hand. „Bis zum nächsten Mal! Immer schön, Sie zu sehen.“ Nadja nickte Roland zu. „Herr Kandwitz, es war mir ’ne Ehre, wa?“

Gezwungen lächelte er zurück und suchte nach einer Autogrammkarte in seiner Sakkoinnentasche, doch die rothaarige Kellnerin war schon gegangen. Peinlich berührt steckte er die Karte wieder ein und strich erneut das Haar zurück.

Nach zwei Bissen Fleisch seufzte Roland und legte das Besteck auf den Teller. „Mir ist der Appetit vergangen.“

Gustav hatte seinen halben Goldbroiler bis auf die Knochen geplündert und stocherte in den Bratkartoffeln herum, den Hut in den Nacken geschoben. „Schade! Das Essen ist es wert, auch ohne Hunger zu futtern.“

Unangenehmes Schweigen senkte sich für eine Weile auf den Tisch herab.

Das lief schlecht. Gustav blickte aus dem Fenster des rotierenden Restaurants. Etwas zu seiner Linken erregte seine Aufmerksamkeit: Am Platz der Akademie war eine dicke, gräulich-weiße Wolke zu erkennen, die vom Wind bewegt und langsam verteilt wurde.

»Was ist denn …?«, murmelte er verwundert. In seinem Bauch kribbelte es, was nie ein gutes Zeichen war.

Der Ausgangspunkt der Wolke ließ sich nicht ausmachen. Die fetten öligen Schlieren wälzten und schlängelten sich über den Sperrstreifen zum Brandenburger Tor in den Westen – oder kamen sie von dort?

Auch wenn es fast zwei Kilometer bis zum Platz der Akademie und den umliegenden Straßen waren, die vom Dunst eingehüllt wurden, konnte Gustav von oben mit bloßen Augen gut erkennen, was sich tat. Sein Unwohlsein steigerte sich zu blankem Grauen. Dank seiner Ausbildung erkannte er schnell, was da draußen vor sich ging.

Fahrzeuge vollführten in dem Nebel unerklärliche Manöver, krachten ineinander oder gegen eine Wand. Dahinschnurrende Lastwagen pflügten im Zickzack durch das Chaos und verschlimmerten das Durcheinander, indem sie quer zum Stehen kamen und die Blockade vergrößerten.

„Scheiße!“ Aufgeregt nestelte Gustav sein Mobiltelefon heraus und aktivierte die Zoomfunktion der Fünffachlinse. Das MfS spendierte seinen Mitarbeitern besonders gute Geräte.

Der Schrecken wurde gestochen scharf auf dem Display sichtbar: Passanten brachen mit verzerrten Gesichtern zusammen und hielten sich die Brust oder den Hals, Dutzende Menschen und auch einige Hunde lagen bereits auf den Zebrastreifen und Gehwegen. Regungslos. Blut lief aus den Augen und den weit aufgerissenen Mündern, andere krampften und zuckten, rötlicher Speichel floss über die sich schnell verfärbenden Lippen.

Gustav schwenkte und zoomte, das Zittern seiner Hand wurde vom Bildstabilisator kompensiert.

Leute rannten am Rande der Nebelerscheinung davon, um nicht mit dem tödlichen Brodem in Berührung zu kommen.

Das Merkwürdige daran war, dass es lautlos geschah. Wie ein Stummfilm in Farbe ereignete sich Leid, eskalierten Unfälle und auflodernde Feuer, Verderben und anhaltendes Sterben auf dem kristallklaren Display. Die Vorgänge wirkten grotesk, surreal, als wären sie Teil einer Darbietung.

In diesem Moment gaben Gustavs privates Mobiltelefon sowie das dienstliche Gerät einen Warnton von sich. Rolands Bildschirm flammte ebenfalls auf:


+++ G I F T G A S A L A R M +++

 

Das Wort prangte unübersehbar in der Mitte, gepaart mit dem Symbol für chemisch-biologische Kampfstoffe.

„Was zum Teufel geht da vor?“ Die laufende Aufnahme auf Gustavs Handy wurde dick und fett von der Meldung des staatlich vorgeschriebenen Katastrophenwarnprogramms überlagert, das auf jedem Gerät installiert sein musste. Zum ersten Mal, seit er ein Mobiltelefon nutzte.

Fassungslos erhob er sich vom Stuhl und starrte ungläubig über das Display hinunter auf die Straßen, in denen der Tod wolkenhaft übermächtig dahintrieb, die Häuser und Fahrzeuge umschmeichelte, als wäre er harmlos wie gewöhnlicher Winternebel.

Nur Sekunden später aktivierten sich die Telefone im gesamten Restaurant. Es fiepte, bimmelte und piepste kakofonisch, entsetzte Rufe und ängstliche Laute mischten sich darunter.

„Ach du Scheiße“, war alles, was Roland heiser von sich gab.

Die Verunsicherung der Gäste drohte in Panik umzuschlagen. Die ersten standen auf und gingen rasch in Richtung Ausgang, andere versuchten zu telefonieren.

„Halt! Staatssicherheitsdienst!“, rief Gustav laut und zückte seinen Dienstausweis, hielt ihn in die Höhe. Er musste verhindern, dass es noch mehr Tote und Verletzte gab. „Keiner verlässt den Fernsehturm! Es ist zu Ihrem eigenen Schutz.“

Mitten in das laute Reden und Rufen der Leute im Restaurant heulten die Sirenen von den Dächern Berlins. In Ost und West.

Dann fiel Gustav ein, dass Nadja, seine süße Nadja, sein schönstes und bestgehütetes Geheimnis, das sichere Gebäude längst verlassen hatte.

In Richtung der Wolke.

Wer sind wir, wenn wir keine Europäer mehr sind?

„Man sollte die Geschichte Europas neu schreiben“, bemerkt der Erzähler in Ilja Leonard Pfeijffers Grand Hotel Europa, und zwar als Geschichte der Sehnsucht nach Geschichte. Abdul hingegen, der als Piccolo in eben jenem geschichtsversessenen Grandhotel arbeitet, findet die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit, weil die sich erst einstellen müsse und dadurch noch beeinflussbar sei.

Das Europa, dem Ilja Leonard Pfeijffer in seinem Roman den Spiegel vorhält, ist so voll von Geschichte, dass es darin mitunter wenig Platz für die Zukunft zu geben scheint. Genau daran könnte die Gegenwart gerade etwas ändern. Denn Zeit, so räsonniert Pfeijffers Ich-Erzähler, „existiert nur aufgrund von Entscheidungsmöglichkeiten. Entscheidungsmöglichkeiten gibt es nur, wenn es Alternativen gibt, und Alternativen nur, weil wir eine Zukunft kennen. Die Zukunft aber gibt es nur, weil eine Vergangenheit existiert, die vergessen werden muss. Wenn die Erinnerung an die Vergangenheit zum Traum der Gegenwart wird, dann ist Zukunft überflüssig und ein Anhängsel dessen, was einmal war. Die Zeit verwässert und verdünnt sich, bis sie unbrauchbar wird.“

Felicitas von Lovenberg

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Grand Hotel EuropaGrand Hotel Europa

Roman

Wer sind wir, wenn wir keine Europäer mehr sind? - Der grandiose europäische GesellschaftsromanEin junger Page, Abdul, empfängt den Schriftsteller auf den Marmorstufen des Eingangsportals, über dem in goldenen Lettern der Name "Grand Hotel Europa" zu lesen ist. Sie rauchen eine erste Zigarette und kommen miteinander ins Gespräch. Der Schriftsteller spricht von Venedig und von Clio, seiner großen Liebe, die ihn verlassen hat. Nun ist er hier, bezieht sein Zimmer in diesem geheimnisvollen Hotel, und während er die eleganten Gäste kennenlernt, fragt er sich, wie er Clio zurückgewinnen kann. - "Grand Hotel Europa" erzählt von einem alten Kontinent, auf dem vor lauter Geschichte kein Raum für die Zukunft ist und die einzige Perspektive der Tourismus. Es ist ein Roman über unsere europäische Identität und die Nostalgie am Ende einer Ära.„Grand Hotel Europa ist eine Liebeserklärung an den alten, heißgeliebten, todmüden und doch atemberaubenden Kontinent.“ De Limburger„Grand Hotel Europa schreckt vor nichts zurück. Der Roman will beeindrucken - und es gelingt ihm auch! Es ist dieser groß-größer-am-größten Zugriff, der den Roman in ein Meisterwerk verwandelt. Grand Hotel Europa ist ein wunderbares Buch, das sie mit zunehmend fieberhafter Ungeduld lesen werden. Pfeijffer hat den Roman des Jahres geschrieben.“ NRC Handelsblad„Grand Hotel Europa ist ein Meisterwerk, brillant und prächtig. Nicht nur ein Roman der Gegenwart, sondern einer, der die Zeiten überdauern wird.“ TrouwMonatelang an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste
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Artenschutz aus Leidenschaft

„Die Tierärztin Hanah Emde setzt sich seit dem Abitur für Artenvielfalt einsetzt. Ob auf Madagaskar, auf Borneo, in Costa Rica oder Guatemala: Sie engagiert sich für Lemuren, Riesenpapageien, Jaguare, Schildkröten oder Bullenhaie, für Aras und die seltensten Raubkatzen der Welt. Von ihren Erfahrungen berichtet Hannah Emde in „Abenteuer Artenschutz“ auf ebenso mitreißende wie augenöffnende Weise.."  Felicitas von Lovenberg

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Abenteuer ArtenschutzAbenteuer Artenschutz

Als Tierärztin im Dschungel

Sie ist in den Dschungeln der Welt zu Hause: Hannah Emde, 28, setzt sich als Tierärztin für den Erhalt der Arten ein. Sie arbeitet mit dem extrem seltenen Nebelparder auf Borneo, mit bunten Riesenpapageien in Guatemala, mit Orang-Utans oder mit einer vier Meter langen Würgeschlange. Überall auf der Welt engagiert sie sich, um Tiere vor dem Aussterben zu schützen, dabei haben es ihr die Regenwälder besonders angetan. Sie berichtet mitreißend von der Schönheit des Dschungels und vermittelt eindringlich, warum Exoten wie der Lemur auf Madagaskar und der Bullenhai in Costa Rica gefährdet sind. Und was jeder Einzelne von uns hier und jetzt dafür tun kann, um ihren Lebensraum zu bewahren.Mit Tipps, was jeder von uns hier und jetzt für den Artenschutz tun kann

Prolog
Schwül-feuchte Luft strömt mir entgegen, als ich die Autotür öffne. Meine Kleidung klebt an der Haut, es herrschen über 30 Grad. Neugierig blicke ich mich um. Das Auto parkt unter einer großen Brücke. Um mich herum stehen weitere Pick-ups, ich erkenne vereinzelte Häuser, und zweihundert Meter entfernt befindet sich ein menschenleeres Restaurant. Ich schnappe mir meinen Rucksack und folge einem schmalen Trampelpfad in Richtung Bootssteg. Hier startet die letzte Etappe der Reise, mein Ziel: eine kleine Forschungsstation mitten im Regenwald der Insel Borneo – weit weg von der Zivilisation. Begleitet werde ich von Peter; der Malaysier ist Manager der Forschungsstation.
Ich hebe den Blick, und zum ersten Mal taucht er vor mir auf: der Kinabatangan River. Ein mächtiger, schlammbrauner Fluss, der sich durch Urwälder und Schwemmebenen bis in die Sulusee windet. Er entspringt im Herzen der nebelverhangenen Regenwälder im Hochland und ist Lebensader der Provinz Sabah. Die Einheimischen nennen ihn „Sabahs Geschenk an die Erde“. Die atemberaubende Vielfalt der Tierwelt entlang dieses Gewässers ist etwas ganz Besonderes. Lediglich das gewaltige Flusssystem des Amazonas hat einen vergleichbaren Artenreichtum zu bieten.
Umrahmt von gigantischen Bäumen und sattem Grün, liegt der breite, reißende Fluss vor mir. Mein Herz schlägt schneller. Für uns Forschende ist der Kinabatangan der einzige Weg, auf dem wir in die Tiefen des Dschungels gelangen. In den Naturdokus, die ich vor meiner Abreise geschaut habe, wird das Wasser charmant als „kaffee-“ oder „bernsteinfarben“ beschrieben, und es heißt, an seinen Ufern würde das Überraschende alltäglich. Zwar ist das Wasser meiner Meinung nach schlicht schlammbraun, doch vor allem bin ich enorm gespannt auf die nächsten drei Monate im Dschungel.
Ich kann es kaum erwarten, endlich auf das Wasser zu kommen. Mit Schwimmweste um die Schultern und Rucksack auf dem Schoß sitze ich aufmerksam auf der Vorderbank des kleinen Motorboots, das Peter hinter mir steuert. Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, und Urwaldbäume in allen Größen und Formen rauschen an mir vorbei. Ein herrlich frischer Duft aus Wald und Unbekanntem liegt in der Luft. Das dunkle Wasser spritzt vom Boot ab, und am Horizont türmen sich Wolkenberge auf. Wir rasen von einer Flussschlinge in die nächste.
Aufgeregt versuche ich, überall gleichzeitig hinzugucken. Über meinen Kopf fliegt ein Nashornvogel-Pärchen hinweg: große schwarze Vögel, mit weißer Brust und einem mächtigen, gebogenen Schnabel, auf dem ein fast ebenso großes Horn sitzt. Durch ihren hektischen Flügelschlag, der mich ein bisschen an flatternde Hühner erinnert, kann ich sie am Himmel gut identifizieren.
Eine weitere Bewegung fällt mir ins Auge: eine Gruppe Affen erkundet das Ufer. Bestimmt fünfzehn Langschwanz-Makaken laufen leichtfüßig am Wasser entlang und suchen nach Futter. Ein Baby klammert sich am Rücken seiner Mutter fest, zwei Junge tollen über den Boden. Als sich das Motorboot nähert, schauen sie kurz auf, mustern uns kritisch und sprinten geschickt den nächsten Baumstamm hinauf. Die auslaufenden Äste des großen Baumes wippen verräterisch. Hinter jeder Flussbiegung wartet eine neue Überraschung auf mich.
Plötzlich zeigt Peter auf das Ufer rechts von uns und bremst das Boot ab: Langsam schiebt sich ein großer, schuppiger Rücken aus dem trüben Wasser. Erschrocken erkenne ich ein monströses, spitz zulaufendes Maul mit gewaltigen Zahnreihen und zwei gelbe, eng beieinanderstehende Augen. Der braun-schwarze Panzer hebt sich kaum vom Ufer ab.
Mittlerweile ist das riesige Reptil ganz aus dem Wasser gekommen und schleicht bedrohlich über den schlammigen Boden, ehe es sich niederlässt. Ein Leistenkrokodil, das größte Krokodil der Welt. Begeistert präge ich mir alles genau ein.
„Leistenkrokodile können über sieben Meter lang werden mit bis zu einer Tonne Gewicht. Und sie sind zahlreich im Kinabatangan vertreten. Sehr zahlreich. Es ist das größte aller heute lebenden Reptilien“, erklärt mir der Malaysier stolz.
Andächtig mustere ich das prähistorische Raubtier. Ruhig liegt es in der Sonne und nimmt keinerlei Notiz von unserem Boot.
„Wichtigste Regel für dich: niemals im Kinabatangan schwimmen! In den angrenzenden Dörfern sind schon Menschen von Krokodilen schwer verletzt worden. Meist waren es Kinder, die am Wasser spielten“, fährt Peter fort.
Ich muss schlucken. Während der Weiterfahrt entdecke ich noch mindestens sechs weitere Krokodile am Flussufer, die meisten liegen bewegungslos in der Sonne. Manche haben ihr Maul weit geöffnet und präsentieren ihre gewaltigen Zähne.
„Wir befinden uns hier in den Tieflandschwemmebenen des Kinabatangan-Flusses!“, ruft mir Peter über das Motorengeräusch zu. „Sie gehören zu den wenigen Regionen der Erde, in denen zehn unterschiedliche Primatenarten heimisch sind. Neben den bekannten Orang-Utans, Gibbons, Makaken und Languren lebt hier einer der seltensten und einzigartigsten Affen der Welt. Gleich müssten wir an einer Gruppe vorbeikommen.“
Staunend suche ich die vorüberrauschenden Bäume ab, und dann sehe ich sie: orangefarbene Flecken mit großer, birnenförmiger Nase und dickem Kugelbauch – die Nasenaffen. Mit beeindruckenden Sprüngen bewegen sie sich in den üppigen Bäumen fort. Ein großer Affe fühlt sich von dem näher kommenden Boot gestört, streckt seinen Oberkörper nach vorne, zeigt seine Zähne und beginnt laut zu rufen. Mich erinnert das Gebrüll allerdings eher an ein bedrohliches Schnarchen.
„Nasenaffen zählen zu den seltensten Affen der Welt, nur etwa siebentausend Tiere leben in freier Wildbahn. Ihr Lebensraum schrumpft stetig“, erklärt mir der Manager.
Es ist eine große Freude, der Affengruppe beim Fressen und Toben zuzuschauen.
Die Naturdokumentationen haben nicht übertrieben: Der Kinabatangan sprüht nur so vor Leben. Ein herausragendes Beispiel dieses Artenreichtums ist der Sunda-Nebelparder. Eine sehr scheue und durch ihre ungewöhnliche Fellzeichnung exzellent getarnte Raubkatze, die nur auf Borneo vorkommt. Mein Traum ist es, diese besondere Katze während meines Forschungsaufenthaltes zu Gesicht zu bekommen.
Ein besonders liebenswertes Tier, das mir in freier Wildbahn allerdings nicht mehr begegnen wird, ist das Sumatra-Nashorn. Das kleine, vollkommen behaarte Nashorn, das hier über fünfunddreißig Millionen Jahre gelebt hat, ist nämlich seit 2015 in Sabah ausgestorben. Eine tragische Entwicklung, die mir die Fragilität dieses Ökosystems schmerzlich vor Augen führt.
Während der rasanten Flussfahrt über den Kinabatangan spüre ich ein Kribbeln in mir aufsteigen: ein aufgeregtes Glücksgefühl – auf ins Unbekannte!


TEIL I
FASZINATION WILDNIS

1. Mein Naturkundemuseum in der Schublade
Goldenes Licht flutet den Raum, die Vögel zwitschern fröhlich vor sich hin, und der Wind rauscht durch das Blätterdach. Widerwillig erwache ich aus meinem Tiefschlaf und öffne vorsichtig die Augen. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass ich mich gar nicht im Dschungel befinde. Das Bett ist zu weich, die Luft zu trocken und das Zwitschern zu eintönig. Da kommt der neumodische Tageslichtwecker mit Vogelfunktion an seine Grenzen. Ernüchtert blicke ich aus dem Fenster. Weder Affen noch Nashornvögel in den Bäumen, stattdessen grauer Himmel, Nieselregen und ein Linienbus, der sich durch die Straßen kämpft. Wenigstens die Kohlmeisen im Baum gegenüber lassen mich nicht im Stich. Mein Leben lang habe ich in Städten gewohnt, und trotzdem werden mir all der Beton, der laute Verkehr, die Hektik und der getaktete Lebensstil manchmal zu viel. Dann zieht es mich in die Ferne, in ein einfaches Leben aus dem Rucksack mit vier T-Shirts, Gummistiefeln, fremden Sprachen, hohen Bäumen und wilden Tieren.
Ich heiße Hannah, bin 26 Jahre alt und wohne in Hamburg, wenn ich nicht gerade in den Dschungeln unserer Erde arbeiten darf. Ich esse gerne Reis, mag keine Spinnen und freue mich über jede warme Dusche. Warum das so ist – und warum ich nicht eine klassische Tierärztin in der Kleintierpraxis geworden bin, sondern lieber einer vom Aussterben bedrohten Raubkatze durch den Regenwald folge –, erzähle ich in diesem Buch. Ich möchte meine Leserinnen und Leser mitnehmen auf eine Reise. Eine Reise durch fremde Länder und dichte Wälder mit wilden Tieren und interessanten Begegnungen. Und vor allem möchte ich herausfinden, warum der Orang-Utan auf Borneo, der Lemur auf Madagaskar oder der Hellrote Ara in Guatemala vom Aussterben bedroht sind und was wir alle dagegen tun können.

Mit meiner Kaffeetasse in der Hand setze ich mich an den Laptop und gehe die Newsletter in meinem Posteingang durch. Schlagzeilen fluten die Kanäle:
„Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht“.
„Ein Massensterben wie bei den Dinosauriern – nur menschengemacht“.
„Artensterben so gefährlich wie der Klimawandel“.
Bestürzt lese ich mich durch die Nachrichten. Gerade veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) der Vereinten Nationen einen wichtigen Bericht. Hundertfünfzig Fachleute aus fünfzig Ländern analysierten dafür Tausende Studien zum Thema Artenvielfalt. Erstmals bezogen sie darüber hinaus auch das Wissen indigener Völker und regionaler Gemeinden mit ein.
Was bedeutet Biodiversität überhaupt? Dieser Begriff beinhaltet alles, was zur Vielfalt der belebten Natur beiträgt: Arten von Tieren und Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen sowie die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Lebensräume.
Biodiversitätsschutz bedeutet also nicht nur, die Schönheit der Natur zu bewahren, sondern auch die Grundlage des Überlebens auf unserem Planeten zu sichern.
Die Ergebnisse des Artenschutzberichtes sind erschreckend: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Gründe dafür sind die intensive Nutzung der Landflächen und Meere, der Klimawandel und die Verschmutzung der Umwelt. Auch invasive Arten, die heimische Tiere und Pflanzen verdrängen, spielen eine Rolle. Sogar bei unseren Nutztieren schwindet die Vielfalt. Dabei sollten laut Biodiversitätskonvention bereits bis 2020 der Verlust der Lebensräume um die Hälfte reduziert, die Überfischung gestoppt und Schutzgebiete erweitert werden. Keines dieser Ziele wurde erreicht.
Ich bin schockiert, mit einer derart schlechten Bilanz habe ich nicht gerechnet. Eine Million Arten vom Aussterben bedroht – es tut weh, so etwas zu lesen. Schließlich sind darunter auch Arten, die wir bisher nicht mal kennen. Beispielsweise der Tapanuli-Orang-Utan, der erst vor zwei Jahren auf Sumatra entdeckt wurde und mit nur achthundert Individuen schon jetzt als die seltenste Menschenaffen-Art der Welt gilt. Häufig sind es sogar Arten, von denen wir noch gar nicht wissen, welche Rolle sie im Ökosystem spielen. Jeden Tag gehen dabei Informationen verloren, die für uns Menschen von großer Bedeutung sein können, zum Beispiel für die Grundlagenforschung oder die Gewinnung von Medikamenten. Gleichzeitig verspüre ich einen starken Drang, etwas gegen das fortschreitende Artensterben zu tun.
Bedrückt verfasse ich einen Post zu dem Thema für Facebook, viele Likes wird er wohl nicht bekommen. Mein Kaffee ist mittlerweile kalt. Beim Kaffeekauf achte ich besonders auf Bioanbau und fairen Handel, um die Kleinbauern in den Anbauregionen zu unterstützen und dem Ökosystem nicht zu schaden. Zahlreiche alltägliche Kaufentscheidungen wie diese können einen Unterschied machen. Ich hatte noch nie einen besonderen Hang zur Schwarzmalerei und bin froh, als ich in dem Bericht doch noch einen Hoffnungsschimmer entdecke. Auf die Frage, ob sich der Rückgang der Artenvielfalt überhaupt noch aufhalten lasse, antworten die Publizierenden mit einem klaren Ja. Aber nur, wenn auf allen Ebenen unverzüglich und konsequent gegengesteuert wird.

Ich liebe Tiere. Ob groß, klein, schuppig, süß oder gefährlich – nichts fasziniert mich so sehr wie die Tierwelt. Deswegen bin ich auch Tierärztin geworden. Das wollte ich schon als kleines Mädchen: „Tiereztin“ steht in krakeliger Schrift in meinem „Wilde Hühner“-Freundebuch. Was ich damals mit sieben Jahren gar nicht mochte, sind „Tierkweler“. Auch das hat sich bis heute nicht geändert.
„Du hattest schon immer diesen besonderen Draht zu Tieren“, erzählt mir meine Mutter, als ich sie nach den Anfängen meiner Tierliebe befrage. „Schon im Kindergarten, da warst du gerade mal fünf, bist du mit den Vorschulkindern jeden Freitag zur Jugendfarm gefahren, um Ställe auszumisten und Tiere zu füttern. Die anderen Kinder hatten Angst, den Stall des Ziegenbocks sauber zu machen, weil der so stur war. Aber Klein-Hannah ließ sich davon nicht beeindrucken, stapfte schnurstracks in den Stall und stemmte sich gegen den Bock, wenn er sie beiseitedrängen wollte. Berührungsängste Tieren gegenüber waren dir völlig fremd.“
Ich bin im Rheinland aufgewachsen, in einem Haus am Stadtrand mit kleinem Garten und viel Grün drum herum. Meine Kindheit spielte sich weitgehend draußen ab, und ich hatte nie Hemmungen, mich dreckig zu machen. Als Tochter einer Biologin und eines Forstwissenschaftlers wurde ich in einem naturverbundenen Haushalt groß und kam schon früh mit einem umweltbewussten Lebensstil in Berührung. Das erste gemeinsame Projekt mit meiner Mutter, an das ich mich erinnere, war das Züchten von Salzkrebsen. Wir starteten öfter solche Experimente: Insektenhotels bauen, Zwiebelschalen mikroskopieren oder Spinnen aufziehen, um die Abneigung ihnen gegenüber zu verlieren. Gut, Letzteres hat bei keinem von uns so richtig geklappt. Ein Dackel gehörte ebenfalls zur Familie Emde. So lernten meine Schwester und ich schon früh, Verantwortung für ein Tier zu übernehmen.
Mein Vater erzählte damals gern, dass er bei „Wetten, dass ..?“ die Wette abschließen wolle, zwölf verschiedene Baumarten an ihrem Geschmack zu erkennen. Daraufhin verbrachte ich einige Tage damit, Bäume anzulecken, weil ich das auch können wollte. Außerdem hatte ich eine Vorliebe für Naturschätze. Schon in der Grundschule begann ich damit, jeden schönen Stein, jede Feder und auch jeden Knochen einzusammeln, den ich im Wald fand. Meine große Schwester pflegte eine hübsche Ausstellung von Edelsteinen und Sammelfiguren in ihrer Glasvitrine. So etwas wollte ich auch haben, allerdings war mir all die Ordnung zu viel Aufwand, sodass mein „Naturkundemuseum in der Schublade“ etwas rustikaler ausfiel. Als mein großer Stolz musste es von jedem Gast des Hauses bewundert werden.
Mit der Zeit häuften sich immer mehr „Materialien“ an, die ich vorsichtig mit dem Lupenglas inspizierte und dann in der Schublade verschwinden ließ. Eines Tages begrüßten mich viele kleine Mitbewohnerinnen in meinem Kinderzimmer. Zu meiner großen Freude und dem Entsetzen meiner Eltern hatten sich Hunderte weiße Larven in dem Rehschädel in meiner Schublade eingenistet. Daraufhin bestanden die Erwachsenen darauf, dass ich ihnen jeden neuen Fund erst zeigte, bevor er dort seinen ehrenvollen Platz bekam.
Auch meine Grundschullehrerin trug zu meinem frühen Forscherdrang bei. Frau Vogel schickte uns, wann immer es möglich war, hinaus in die Natur. Sie weckte durch ihren anschaulichen und spannenden Unterricht einen Wissensdurst in mir, für den ich ihr bis heute dankbar bin. Frau Vogel wurde ein Local Hero für mich, eine Person, die mich nachhaltig prägte und inspirierte. Meine Local Heroes begegnen mir überall auf der Welt und begleiten mich mein Leben lang.
Frau Vogel führte von Anfang an zahlreiche Projekte mit unserer Klasse durch, die nicht im Lehrplan standen, entdeckte meine Stärken und förderte mich, wo immer es ging. Dabei blieb mir am meisten unser Schneckenprojekt im Gedächtnis: Jeder Gruppentisch bekam ein Terrarium mit Weichtieren. Wir richteten ihnen das Zuhause naturnah ein, teilten uns die Fütterungszeiten ordentlich auf, gaben unseren Schnecken Namen, erforschten und studierten sie. Das hatte zur Folge, dass ich ein großer Schneckenfan wurde. Stundenlang konnte ich hinter unserem Haus neben den Büschen hocken und Schnecken beobachten. Andere spielten mit Barbies oder Gameboys, ich veranstaltete Schneckenrennen, sammelte Futter und pflegte die schleimigen Tierchen. Einmal nahm ich eine Schnecke mit in mein Kinderzimmer, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich muss ungefähr sieben Jahre alt gewesen sein. Als ich mich nach dem Abendessen wieder zu ihr gesellen wollte, war sie nicht mehr aufzufinden. Erst erzählte ich niemandem von meinem schmerzlichen Verlust, bis meine Eltern einige Wochen später fast verzweifelten. Es stank ziemlich übel in meinem Zimmer, doch keiner konnte sich die Ursache erklären. Mein Vater montierte die halbe Holzvertäfelung ab, da er dahinter eine tote Maus vermutete, doch der penetrante Verwesungsgeruch blieb unaufgeklärt. Sogar Dackel Lotta kam als Spürhund zum Einsatz. Da nahm mich meine Mutter zur Seite: „Hannah, war hier irgendein Tier in deinem Zimmer? Sei ehrlich, ich schimpfe auch nicht.“
Betreten gab ich zu: „Mhhm … na ja … ich hatte eine Schnecke in der Hosentasche. Dann gab es Abendbrot, und ich habe sie hier so lange auf den Tisch gelegt. Und als ich wiederkam, war sie nicht mehr da.“
Jetzt wussten sie zumindest, wonach sie suchten, aber es dauerte trotzdem noch einige Tage, bis sie einen dunklen, streng riechenden, festgetretenen Fleck im Teppich fanden. Danach durfte ich keine lebendigen Tiere mehr mit in mein Zimmer nehmen. Und hatte auch nie wieder einen Teppich.
Meine Mutter erzählt heute noch lachend: „Mir war klar, dass das bei dir nie die ›Pferdenummer‹ werden würde. Du hast auf dem Reiterhof schon immer lieber mit den Tieren gearbeitet, als sie zu striegeln oder ihnen Flechtfrisuren zu zaubern. Du wolltest nicht Tierärztin werden, weil du so gerne Tiere streichelst, sondern weil du sie erforschen wolltest.“

Meine ersten wichtigen Naturmomente erlebte ich in Schweden. Seit ich klein bin, fahre ich dorthin, damals häufig mit Familie und VW-Bus in den Sommerferien, später dann mit den Pfadfindern oder Freundinnen. Wildes Zelten, Blaubeeren pflücken, Pfannkuchen über dem Feuer. In klaren, kalten Seen schwimmen und mich anschließend auf den warmen Felsen wieder aufwärmen. Klar kenne ich die Geschichten von Astrid Lindgren, und Ronja Räubertochter bleibt eine große Heldin.
Ich schwärme für warme Zimtschnecken und rostrote Schwedenhäuschen, aber vor allem liebe ich diese raue skandinavische Natur: Nadelwälder, so weit das Auge reicht, moosbewachsene Felsen, einsame Inseln und die kurzen Sommer. Besonders eindrücklich blieben mir die langen Kanutouren. Im Nachhinein bewundere ich den Mut meiner Eltern. Für zehn Tage mit zwei Kanus, zwei Kindern, zwei Zelten und einem Dackel auf dem Wasser unterwegs zu sein ist wahrlich eine Herausforderung.
Das Gefühl, über einen seelenruhigen See zu paddeln, ist ganz tief in meinem Herzen verankert. Wenn ich so lautlos durch die Natur gleite, nehme ich die Landschaft und die Tiere intensiv wahr. Ich lasse die Seele baumeln und spüre eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Hier nehme ich Zeit ganz anders wahr. Ich richte mich nach Wind, Wetter und den eigenen Kräften. Ich lerne, mich anhand einer Karte zu orientieren und das Kanu durch Stromschnellen zu navigieren.
Gegen Nachmittag wird auf Kanutour nach der schönsten Insel oder dem prächtigsten Ausblick Ausschau gehalten. Routiniert werden die Boote ausgeladen, Zelte aufgebaut und Feuer gemacht. Ist jemand beim Angeln erfolgreich, gibt es zu Tütensuppen und Reis sogar mal gegrillten Fisch.
Kurz bevor es dunkel wird, in der blauen Stunde, verstummt für einen Augenblick die Natur, und der See ist spiegelglatt. Ein magischer Moment. Auch der Morgen hat seinen eigenen Zauber, wenn die Nebelschwaden auf dem Wasser tanzen. Die kurze Erfrischung im eiskalten See macht mich blitzschnell wach. Mit biologisch abbaubarer Seife waschen und dann mit Klappspaten ein stilles Örtchen mit Ausblick suchen: alles Rituale, die mir damals so selbstverständlich und natürlich schienen.
Einzig die langen Regentage blieben eine Herausforderung. Anfangs sind die prasselnden Tropfen auf dem Zeltdach noch gemütlich, aber nach einigen Stunden halte ich es in dem kleinen Zelt kaum mehr aus. Alles ist nass, mindestens feucht und kalt. Ich sehne mich nach einem trockenen Handtuch oder einem festen Dach über dem Kopf. Nach solchen Tagen ist der erste Sonnenstrahl, der wieder durch die Wolkendecke dringt, ein großes Geschenk.
Diese Urlaube in Schweden haben mich nachhaltig geprägt. So lernte ich schon als Kind, meine Sinne zu schärfen und sorgsam mit meiner Umwelt umzugehen. Ein Leben im Einklang mit der Natur. Das lernte ich auch von klein auf bei den Pfadfindern kennen: „Versucht, diese Welt ein wenig besser zu verlassen, als ihr sie vorgefunden habt“, schrieb der Gründer der Pfadfinderbewegung schon 1941. Diese Worte begleiten mich bis heute.

Meine erste lange Station im Ausland war ein Jahr in den USA. Zwei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag flog ich nach Pennsylvania. Ich lebte bei einer Gastfamilie in einer Kleinstadt, besuchte die Highschool und spielte in der Drumline (Schlagzeuggruppe) einer Marching Band. Schnell erfuhr ich kulturelle Unterschiede. Auch herrschte eine andere Oberflächlichkeit. Mit meiner Mülltrennung und dem Stromsparen wurde ich zur Exotin. Zu dem Fast Food-Restaurant auf der anderen Straßenseite fuhr die Familie mit dem Auto. Und für den Black Friday standen wir schon um fünf Uhr morgens in der Warteschlange der Shopping Mall.
Ich erlebte die Konfrontation mit dem amerikanischen Lebensstil als eine große Herausforderung. Losgelöst aus meinem bisherigen Wertesystem lernte ich, die Dinge infrage zu stellen, bewusster durch die Welt zu gehen und meinen eigenen Standpunkt zu finden. Sogar unsere Politik und unser Gesundheitssystem wusste ich plötzlich ganz anders zu schätzen. Und vor allem lernte ich dort Folgendes: Kommunikation, Kontakte nach Hause pflegen, Heimweh überwinden, neue Freunde finden und Englisch.
Zurück in Deutschland plante ich mit meiner Pfadfindergruppe ein Projekt für ein Waisenhaus in Südafrika. Für die Finanzierung sammelten wir ein Jahr lang Spenden, verkauften selbst gebackene Plätzchen, putzten Fenster, arbeiteten als Kinderbetreuer und veranstalteten Flohmärkte: zehn Jugendliche und zwei Gruppenleiter aus unterschiedlichen Lebenssituationen (Schule, Zivildienst, Ausbildung, Studium, Arbeit, frischgebackener Vater) mit einem gemeinsamen Ziel.

Unsere Reise beginnt in der Hauptstadt Johannesburg. Ich bin mittlerweile fast achtzehn, die Jüngste der Gruppe, und freue mich, dieses fremde Land besser kennenzulernen. Wenige Wochen zuvor fand die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt, und Shakiras Worte „Waka waka … ’cause this is Africa!“ begleiten uns die gesamte Reise. Für die ersten Tage in Johannesburg kommen wir in den Gastfamilien südafrikanischer Scouts unter. Anfangs wirken die riesigen Mauern mit Stacheldraht und Elektrozaun noch etwas einschüchternd, aber unsere südafrikanischen Freunde machen uns das Wohlfühlen leicht. Schnell wird mir deutlich, dass wir uns in den reicheren Teilen der Stadt aufhalten.
Wir besuchen das Apartheid-Museum, steigen in eine Goldmine und lernen viel über die Geschichte des Landes. Anschließend geht es für unsere Gruppe mit zwei Kleinbussen Richtung Süden. Die Landschaft wird immer grüner, die Straßen werden immer wilder, und wir lernen auch die weniger schöne Seite des Landes kennen: In einem Lager aus Wellblechhütten leben illegale Einwanderer dicht beieinander. Sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser gibt es nicht.
In der Nähe von Mbombela beginnen wir mit unserem Projekt im AIDS-Waisenhaus Siyakhula. Als wir über die staubigen Straßen der Township fahren, ist uns noch etwas mulmig zumute, denn wir wissen nicht, was uns erwarten wird. Doch sobald wir im Waisenhaus ankommen, werden wir von so vielen aufgeregten Kindern empfangen, dass es einfach nur schön ist. Wie froh die Kinder sind, so viel Aufmerksamkeit von uns zu bekommen. Wir erfahren Dankbarkeit und pure Lebensfreude. Gerade bei dem Fußballspiel „Deutschland gegen Südafrika“ mit dem zerfledderten Ball auf staubigem Boden blühen die Kinder auf.
Unsere Unsicherheit weicht fünf sehr bewegenden und anstrengenden Tagen. Wir streichen ein Haus, erneuern Fußböden, bauen einen Gartenzaun und einen Kompostkasten. Außerdem kaufen wir von dem Geld, das wir in Deutschland verdient haben, einige Utensilien für das Waisenhaus ein. Am letzten Tag des Siyakhula-Projektes treffen wir abends auf die südafrikanischen Scouts, bei denen wir für die nächsten Nächte unterkommen sollen. Gastfamilien. Township. Wieder ein mulmiges Gefühl im Bauch. Doch wir werden euphorisch mit Gesang, Tanz, Lagerfeuer und Gebäck von den Jugendlichen begrüßt. Diese Erfahrung ist das krasse Gegenstück zu dem Leben der reichen weißen Gastfamilien, bei denen wir in Johannesburg wohnten: Fließendes Wasser für ein paar Stunden und ein eigenes Zimmer hat hier kaum einer. Aber das ist überhaupt nicht mehr wichtig, denn die Gastfreundschaft ist überwältigend.
Als Nächstes steht ein Zeltlager mit zweihundert afrikanischen Scouts auf unserem Programm. Wir hatten dieses Camp schon in den Gruppenstunden in Deutschland vorbereitet und uns ein passendes Programm für die Sieben- bis Zehnjährigen überlegt. Zum Glück kommen unsere Spiele, Stationen und Morgenrunden gut an, und wir genießen die Tage mit den Kindern.
Mein abschließendes Highlight dieser Reise ist der Kruger Nationalpark. Wir zelten mit Affen und bunten Vögeln und werden nachts von Löwengebrüll geweckt. Ein Traum geht für mich in Erfüllung, als wir in einem Safaribus sitzen und nach wilden Tieren Ausschau halten: Ein riesiger Elefant überquert vor uns die Schotterpiste, Zebras stehen zwischen den Bäumen, und Schwarzfersenantilopen springen durch die Savanne. Durch mein Fernglas entdecke ich eine Gruppe Löwen, die im Schatten eines Baumes dösen. Der Kopf einer Giraffe taucht plötzlich zwischen den Baumkronen am Straßenrand auf. Wie in Zeitlupe rennt sie über das goldgelbe Gras. Am Flussufer tummeln sich die Nilpferde.
Augenblicke, die ich tief in mein Herz geschlossen habe. Und die ich auch heute noch abrufen kann, als Beginn meiner Liebe für das wilde Leben auf unserem Planeten.


2. Über Grenzen gehen – auf die Philippinen
Bonn. Ich habe gerade mein Abitur abgeschlossen, da stecke ich schon in den Vorbereitungen für mein erstes eigenes internationales Abenteuer: zwölf Monate Freiwilligendienst auf den Philippinen. Nach der Schule erst einmal eine Auszeit nehmen, bevor es mit dem Studium weitergeht – das schwebte mir schon lange vor. Ich recherchiere stundenlang nach Organisationen und Projekten im In- und Ausland, die etwas mit meinen Interessen zu tun haben: eine Seehundschutzstation an der Nordsee, oder ab zur Schutzstation Wattenmeer?
Letztendlich stoße ich auf einer Berufsmesse in Köln zufällig auf den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums, weltwärts. Da ich für ein Auslandsjahr auf finanzielle Unterstützung angewiesen bin, bewerbe ich mich bei den zuständigen Organisationen, durchlaufe Bewerbungsrunden und bekomme tatsächlich einen Platz bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – für mich geht ein großer Traum in Erfüllung.
Die Einrichtung für Entwicklungszusammenarbeit ist eine große, erfahrene Organisation, die überall auf der Welt tätig ist und bei der ich sehr viel lernen kann. Ich bin froh, dass die GIZ mich mit meinen achtzehn Jahren so gut auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitet: Es gibt Medical Check-ups und Informationsveranstaltungen, Visa und Flüge werden für mich gebucht, und ich nehme an einem fünftägigen Vorbereitungsseminar teil, das mich für die Arbeit im Ausland sensibilisiert und nachhaltig prägt.
Sätze wie „It’s not right, it’s not wrong, it’s just different!“ klingen mir heute noch bei Auslandsaufenthalten im Ohr, und ich versuche, Probleme ohne meine „kulturelle Brille“ zu beurteilen. Als ich damals mit den anderen Freiwilligen in den Flieger Richtung Südostasien stieg, hätte ich nie gedacht, dass mich diese zwölf Monate so anhaltend verändern würden. Neben tropischem Klima, fremden Lebensmitteln, Ilonggo (der Ortssprache) und Selbstständigkeit lernte ich vor allem eins kennen: ein Zuhausegefühl am anderen Ende der Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Insel Negros. Die Philippinen sind ein schönes und vielfältiges Land. Nicht ohne Grund zählen ihre siebentausend Inseln zu den fünfunddreißig Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Es existiert dort eine sehr hohe Anzahl einheimischer Arten. Gleichzeitig ist ihr Lebensraum aber einer starken Gefährdung ausgesetzt. Für mich ist es das erste Mal in den Tropen, und ich genieße es, in das Leben auf den Visayas einzutauchen. Diese Inselgruppe liegt im Zentrum der Philippinen und überrascht mich mit ihren traumhaften Sandstränden, dem Regenwald, den Wasserfällen und Vulkanen.
Für mein Freiwilligenjahr wohne und arbeite ich auf der Insel Negros in Bacolod City, von der die friedliche Natur nur eine kurze Fahrt mit dem Tricycle entfernt ist. Die alten Motordreiräder sind das Hauptverkehrsmittel auf den Philippinen. Sie bestehen aus einem Motorrad mit Beiwagen, auf dem sechs Leute plus Fahrer Platz haben. So dachte ich zumindest am Anfang, denn letztendlich sind wir meistens zu elft auf dem klapprigen Gefährt unterwegs. Das Leben findet auf den Straßen statt. So kennt man es aus vielen südlichen Ländern, aber auf den Inseln scheint diese Lebensweise besonders ausgeprägt. Die Wohnungen sind quasi zur Straße hin offen. Die Sari-Sari-Stores, kleine Lädchen am Straßenrand, in denen alles von Chips über Eier bis hin zur einzelnen Zigarette verkauft wird, sind halb Wohnzimmer, halb Kiosk. Die Kinder spielen auf der Straße – mit Reifen, Münzen, Teddybären oder was sie sonst in die Finger bekommen. Eine achtköpfige Familie sitzt selten in ihrem Haus (ein Raum ist meist Schlaf-, Wohn- und Esszimmer zugleich), sondern unterhält sich angeregt mit ihren Nachbarn auf der Straße. Fußnägel werden lackiert, oder es wird mit den Bekannten von gegenüber über das nicht anspringende Motorrad gefachsimpelt.
In genau solch einer Nachbarschaft wohne ich zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen aus Deutschland. Wir wurden von den Filipinos herzlich empfangen und rasch gut integriert. Teilweise etwas zu gut: Erst nachdem ich mich einige Monate über die extrem hohen Stromrechnungen wundere, komme ich mit meinen Mitbewohnern auf die Idee, unseren Stromkasten zu inspizieren. Mit der Zeit haben sich immer mehr Nachbarn unseren Strom abgeklemmt – reicht wohl, wenn einer zahlt? An den Kabelsalat entlang der Straßen hat sich eh jeder gewöhnt, der gehört zum Stadtbild. Und als mir zum dritten Mal die Schuhe von der Veranda geklaut werden, beschließe ich eben, sie nur noch im Haus zu lagern. Alles letztlich nur Kleinigkeiten.
Ein Stück die Straße hoch befindet sich eine winzige Eatery mit Plastikstühlen, eine Art Imbiss, in dem sich die Berufstätigen zur Mittagszeit angeregt unterhalten. In einer Glasvitrine stehen fünf Gerichte, die von den Frauen am Morgen gekocht wurden. Jeder bedient sich selbst aus den dampfenden Töpfen: etwas Gemüse, Hühnchen, dazu natürlich Reis.
Wenn ich aus dem Haus gehe, werde ich von den Filipinos mit einladendem Lachen und einem begeisterten „Good Morning, Mam! How are you, Mam?“ begrüßt. Jeden Morgen nehme ich den Jeepney zur Arbeit, ein altes, klappriges, bunt geschmücktes Militärfahrzeug ohne Fensterscheiben, umfunktioniert zum Linienbus. Das Ticketgeld, sieben Philippinische Peso, gebe ich einfach nach vorne zum Fahrer weiter und rufe gedehnt „Bayaaad!“, um kundzutun, dass ich zahlen möchte. Und wenn ich aussteigen will, klopfe ich gegen das Blechdach und rufe „Lugar lang! Anhalten!“. Bushaltestellen gibt es nämlich nicht. Auf den Straßen herrscht reges Treiben. Verkehrsregeln werden nur äußerst ungern befolgt. Wer laut genug hupt, gewinnt, und wer die nächste Lücke findet, darf fahren. Es ist ein Chaos, doch ein gewisser Verkehrsfluss herrscht trotzdem. Das Beeindruckende dabei: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirken tatsächlich sehr entspannt.
Ich bin gerade neunzehn geworden und arbeite für meinen Freiwilligendienst an der West Negros University in Bacolod City an einem Umweltbildungsprojekt. Dort unterstütze ich eine Stiftung, die sich zum Ziel setzt, endemische Arten, also Tiere, die nur auf den Philippinen vorkommen, zu erhalten und die Wälder vor Ort zu schützen – die Negros Forests and Ecological Foundation. Denn auf den Philippinen stellen der Raubbau an Ressourcen durch zum Beispiel Dynamitfischerei und Bergbau sowie die Abholzung der Wälder aufgrund von Palmöl- und Zuckerrohrplantagen große Probleme dar. Die Monokulturen verdrängen die Diversität der Regenwälder, und den Tieren wird der Lebensraum genommen. Außerdem ist und bleibt Korruption weitverbreitet. Die Oberschicht besteht aus einigen reichen und alteingesessenen Familien, die viel Macht ausüben. In den Firmen der fünfzehn reichsten Familien des Landes wird über die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch politische Positionen werden von Generation zu Generation weitergereicht.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf den Inseln ist die Umweltbildung: Welche Tier- und Pflanzenarten leben im eigenen Land, und warum ist es so wichtig, sie zu schützen? Der kleine Zoo der Foundation kann dazu beitragen, indem er über den Reichtum des eigenen Landes an Natur und endemischer Artenvielfalt aufklärt und für einen umweltbewussten Lebensstandard sensibilisiert. Trotzdem wird mir in diesem Jahr deutlich, wie schwer es ist, in einem Land für den Umweltschutz zu arbeiten, in dem die Menschen in vielen Regionen selbst noch um das Überleben kämpfen und auf Jobs auf den Plantagen angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren.
Es herrscht große Armut auf den Philippinen, die in meinem Leben dort jeden Tag präsent ist. Trotzdem habe ich selten so ein herzliches, freundliches und gut gelauntes Volk wie die Filipinos kennengelernt. Es ist beeindruckend, woher die Menschen ihre Lebensfreude und Kraft schöpfen. Hier zählen andere Werte zum persönlichen Glück als in Europa: Familie und Zusammenhalt stehen an oberster Stelle, und auch der Glaube ist den Filipinos sehr wichtig.
Was ich in diesem Jahr besonders lieben lerne, ist die Entdeckung der Langsamkeit. Hier existiert ein anderes Tempo: Das beginnt im Straßenverkehr, in dem man nie schneller als 30 Stundenkilometer fahren kann. Oder die fast schon heiligen Mittags- und Kaffeepausen. Als Deutsche fällt es mir anfangs schwer, mich alldem anzupassen, aber nach einiger Zeit kann auch ich mich dieser Entschleunigung hingeben.

Tan-Awan. Neben den Umweltprojekten führe ich an der West Negros University im Rahmen meines Freiwilligendienstes auch ein Forschungsprojekt mit einem mehrköpfigen Team aus Professoren und Studierenden durch. Dafür untersuchen und dokumentieren wir die Kultur und Traditionen eines indigenen Stammes. Das Dorf Tan-Awan liegt verborgen in den Bergen am Ilog-Hilabangan, dem längsten Fluss der Insel Negros, und ist etwa acht Stunden von Bacolod City entfernt. Die siebentausenddreihundert Einheimischen in Tan-Awan leben noch relativ abgeschottet vom modernen westlichen Einfluss. Obwohl die Eingeborenen zum größeren Stamm der Bukidnon gehören, sind einige ihrer kulturellen Bräuche einzigartig. Viele Stammesmitglieder leben noch heute weit entfernt im Hinterland und betreiben dort Ackerbau. Das durchschnittliche Familieneinkommen in der Region liegt bei zweitausend Philippinischen Peso pro Monat, das sind circa 37,50 Euro. Ziel unserer Forschung ist es, kulturelle Praktiken wie Sprache, Kunst, Medizin und Essenszubereitung des Dorfes Tan-Awan kennenzulernen. Denn auch in diesen ländlichen Gebieten werden westliche Werbung, moderne Kommunikation und Technologie immer präsenter, und das Bewusstsein der Bevölkerung über ihre eigene Kultur nimmt ab. Es ziehen jedes Jahr mehr Bewohner in die umliegenden Städte und lassen ihre Heimat mitsamt den Traditionen und dem Wissen zurück.
Im Rahmen des Projektes lebe ich mit dem Forschungsteam für mehrere Wochen mit dem indigenen Stamm zusammen. Wir nehmen Anteil an den täglichen Routinen der Dorfbewohner, führen mithilfe von Übersetzern Interviews mit den Stammesältesten und Medizinmännern und verfolgen den wöchentlichen Tauschhandel am Fluss, den sogenannten „Barter Trade“. Dieser Handel findet in Tan-Awan traditionell jeden Freitag an den Ufern des Ilog-Hilabangan statt. Er ist die Wasserquelle für viele Tausend Menschen in der Provinz und ein wichtiger Transportweg. Das Flussufer wird zum Ort des Handels von landwirtschaftlichen Produkten und ist für viele der einzige Weg, an Lebensmittel und Güter zu kommen.

Eines frühen Morgens im Dorf lehne ich über einer kleinen Wanne und wasche mich. Nachdem ich mir das eiskalte Wasser mit einer Schöpfkelle über den Kopf geschüttet habe, bin ich hellwach. Gleich brechen wir zum Flussufer auf. Es ist erst kurz nach vier, und ich habe auf dem harten Steinboden nicht besonders viel schlafen können – an das rustikale Leben muss ich mich noch gewöhnen. Ich teile mir das kleine Zimmer mit Lilibeth, einer philippinischen Professorin. Im Gegensatz zu mir scheint sie, ihrem Schnarchen nach zu urteilen, sehr gut genächtigt zu haben.
Nach einem fünfzehnminütigen Fußmarsch erreichen Lilibeth und ich das Flussufer. In völliger Dunkelheit werden schon die ersten Stände aufgebaut. Schweigend stehe ich am Rand und folge dem Geschehen. Langsam fällt Sonnenlicht auf die Bergspitzen, und die ersten Frauen, Männer und Kinder überqueren den Fluss. Manche kommen zu Fuß, ihre Ware auf dem Kopf balancierend, manche reiten auf Ponys, vollbepackt mit Säcken und Körben, andere doch tatsächlich auf ihrem Carabao (Wasserbüffel). Sie alle haben einen langen Weg aus den Bergen hinter sich. Sogar viele Kinder bringen auf ihrem Weg zur Schule Waren am Ufer vorbei. Staunend beobachte ich das mir so fremde Bild. Ich schieße Fotos und lausche den Fragen, die Lilibeth den Händlern stellt.
„Die meisten Kinder fangen im Alter von zehn Jahren an zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen“, erklärt ein junger Mann mit Kappe und rotem Shirt, der gerade Reissäcke von seinem Tricycle lädt. „Während der Aussaat und Erntesaison bekommen die Kinder regelmäßig Schwierigkeiten mit der Schule im Dorf. Die Arbeit auf den Feldern ist intensiv und zeitaufwendig, daher ist es für sie eine Herausforderung, sich auf schulische Aktivitäten zu konzentrieren.“ Er tätschelt seiner kleinen Tochter liebevoll den Kopf.
Ich entdecke zwei junge Mädchen, die Arm in Arm das Ufer entlanglaufen. Vielleicht sind es Schwestern, denke ich mir, in ihren weißen und rosa Kleidern sehen sie hübsch zurechtgemacht aus. Im Kontrast dazu laufen sie in Flip-Flops über das schlammige Ufer. Was mir nie wieder aus dem Kopf geht, ist ihr eindringlicher Blick. Ich habe das Gefühl, nicht in Kindergesichter zu schauen, sondern in Gesichter, die schon sehr viel erlebt und gesehen haben. Vielleicht zu viel für ihr Alter: in Gesichter, die schon früh erwachsen werden, Verantwortung für ihre Familie mitübernehmen und harte körperliche Arbeit leisten mussten. An diesem Morgen wird mir wieder bewusst, wie privilegiert und behütet ich doch aufgewachsen bin.
Lilibeth und ich sprechen mit einem Mann, der auf seinem Wasserbüffel über den Fluss geritten kommt. Der muskulöse Büffel mit seinen gewaltigen Hörnern zieht einen selbst gebauten Karren aus einfachen Holzstämmen hinter sich her. Der junge Mann hat sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, auf seiner linken Schulter prangt ein blasses Tattoo, und um seine Hüfte trägt er ein dünnes Seil, an dem seine Machete befestigt ist. Er erklärt uns: „Da das Vieh einen wesentlichen Teil des täglichen Überlebens unserer Familien ausmacht, kümmern wir Landwirte uns intensiv um unsere Tiere. Mein Wasserbüffel ist mein wertvollster Besitz. Er bekommt mehr zu essen als ich, und wenn es ihm nicht gut geht, behandele ich ihn mit Medikamenten und Vitaminen.“
Bald erscheint das erste Balsa hinter der Flussbiegung. Es handelt sich um ein selbst gebautes Bambusfloß, das mit natürlichen Materialien zusammengehalten wird. Diese traditionelle Art des Warentransports gilt als wichtiger kultureller Teil der Identität von Tan-Awan. Es ist kaum zu glauben, dass die Menschen jeden Freitag auf den wackeligen Flößen die gefährlichen Stromschnellen des Flusses aus den Bergen hinunter bis zum Dorf Tan-Awan kommen, um dort ihre Produkte mit den Käufern aus der Umgebung zu tauschen. Immer mehr Balsas legen am Flussufer an. Neben den hiesigen Nutzpflanzen wie Süßkartoffeln, Reis, Obst und Gemüse erkenne ich auch vereinzelt Hühner, Schweine und Ziegen auf den schwankenden Gefährten.
Die Sonne ist mittlerweile ganz aufgegangen und taucht das Geschehen in goldenes Licht. Die Pferde mit den Holzsatteln grasen am Flussufer, ein Hahn plustert sich zwischen den Bananenstauden auf, und Kinder flitzen zwischen den Karren umher.
Ein Feld etwas abseits des Ufers wurde zum Marktplatz umfunktioniert, und es herrscht bereits reges Treiben, als wir ihn betreten. An einzelnen Ständen wird Native Coffee angeboten – und Sticky Rice, ein köstlich-klebriger, mit Zuckerrohr gesüßter Reis, der in Bananenblättern verpackt ist. Ein sehr alter Mann, anscheinend der Medizinmann des Dorfes, wird von Lilibeth zum Barter Trading befragt.
„Seit ich alt genug war, um die Dinge zu verstehen, war der Tauschhandel in Tan-Awan bereits eine Tradition, die zu einem wichtigen Bestandteil unseres Lebens geworden ist. Es treffen sich Markthändler, Käufer und Bauern, um Produkte zu tauschen. Dazu gesellen sich Händler aus dem Tiefland mit ihren urbanen Gütern. Diese wirtschaftliche Aktivität macht den Markttag lebendig und spannend. Und: Die Kakofonie des Feilschens begeistert die Bewohner auch heute noch.“
Er hat recht. Ich tauche in einen lauten Wirrwarr aus Stimmen und Marktgeschrei ein. Die Händler überbieten sich gegenseitig, und das Angebot ist riesig: Neben dem lokalen Obst und Gemüse entdecke ich getrockneten Fisch, Kleidung, Schrauben, Seife, selbst geschnitzte Holzinstrumente und Medikamente. Früher wurden die Güter nur getauscht, doch heute ist der Einsatz von Geld auch hier üblicher.
Ein fröhlicher Mann mit blau-weiß karierter Baseballcap hält mir begeistert seinen Einkauf vor die Kamera und erzählt: „Unsere Vorfahren übten den Barter Trade aus und tauschten Ware gegen Ware. Doch aufgrund der zunehmenden Alphabetisierung und Bildung unserer Stammesmitglieder und des zunehmenden Einflusses der nahe gelegenen Städte ist Geld mittlerweile das wichtigste Tauschmittel geworden. In der Vergangenheit wurden die Waren nicht nach ihrem Preis verkauft, sondern jeder tauschte lediglich gegen eben die Waren, die er gerade benötigte.“
Am Rande des Marktes sind kleine Eaterys aufgebaut, an denen die Dorfbewohnerinnen Essen anbieten: Reis, Chicken Adobo (ein traditioneller Hühnereintopf), scharfes Gemüse und Kokoswein. Dazu wird lauthals Karaoke gesungen, was bis zum Fluss hinunterschallt. Vor Mittag kehren die Balsa-Händler zu Fuß oder auf ihren Lastzügen in die Berge zurück, beladen mit den Produkten, die sie gekauft oder eingetauscht haben. Die Balsa-Aktivitäten bestehen seit Jahrhunderten, und die Menschen aus den Bergen brachten nicht nur ihre Waren, sondern auch ihre Kultur und Traditionen mit. Umgekehrt trugen sie bei ihrer Rückkehr auch die Kultur des Tieflandes mit sich in ihre Heimatdörfer. Dieser dynamische Kulturzyklus dauert bis heute an.
Zur Feier des Barter Trade findet einmal im Jahr das Balsahanay Festival statt. Zu diesem Anlass kommen alle Bewohner der umliegenden Dörfer und aus den Bergen nach Tan-Awan. Die Festlichkeiten gehen über drei Tage. Es beginnt freitags mit dem wöchentlichen Markt, viele Reden werden gehalten, und abends gibt es einen Schönheitswettbewerb für die jungen Mädchen, bei dem die „Miss Tan-Awan“ gewählt wird. Am Samstag finden viele Spiele und Wettkämpfe für alle Altersklassen statt. Ich nehme zum Beispiel an einem Kochwettbewerb mit den Frauen des Dorfes teil. Dafür sollen lokale Gerichte gekocht und in Szene gesetzt werden, die von einer Jury, den Professoren der Uni, bewertet werden. Es macht großen Spaß, zusammen mit den Frauen über dem Feuer zu kochen, Besol (Jamswurzel) auszuhöhlen oder die Cassava (Maniok) zu raspeln. Die Frauen geben sich viel Mühe und zaubern sagenhafte Kuchen, Reisgerichte, Suppen und Salate, die sie der Jury in Bananenblättern, Kokosnüssen und selbst gefertigten Behältern vorsetzen. Ich darf die Rezepte dokumentieren und werde in sämtliche Zutaten und Gerichte eingeweiht.
Am Sonntag gibt es zum krönenden Abschluss eine feierliche Zeremonie am Flussufer mit Musik und Tänzen. Viele Familien kommen auf ihren festlich geschmückten Balsas den Fluss entlang. Anschließend zieht eine Prozession zu der Kirche des Dorfes, und es wird gemeinsam ein Gottesdienst gefeiert. Am Nachmittag findet eine Parade durch die Straßen statt, die bis auf den großen öffentlichen Platz führt. Dort ist eine Musikanlage aufgebaut, zu deren Klängen die Schulkinder von Tan-Awan ihre Tänze präsentieren. Mit farbenprächtigen, selbst gestalteten, traditionellen Kostümen stellen die Kinder den Tauschhandel am Flussufer dar. Im Tanz säen sie, ernten, beladen ihre Flöße und tauschen mit Händlern. Am Abend werden „Prince and Princess of Balsahanay Festival“ gekrönt – ein spektakuläres Fest und einmaliges Erlebnis.

Banaue. Mein treuster Begleiter in diesem Auslandsjahr ist der Reis (Oryza sativa Linnaeus). Die Reispflanze ist das wichtigste Getreide und Lebensmittel Asiens, sie sättigt, ist ertragreich und gut an die klimatischen Bedingungen angepasst. Ich esse hier dreimal täglich Reis, was mir erstaunlicherweise überhaupt nichts ausmacht. Ich werde nie vergessen, wie meine philippinische Freundin Ritzy bei einem Abendbrot in Deutschland ungläubig den Tisch beäugte und mich verwundert fragte: „Und wo ist der Reis?“
Sogar zu Spaghetti oder Kartoffeln wird hier selbstverständlich Reis serviert. Der philippinische Ausdruck für „Essen“ ist gleichzeitig Synonym für „Reis essen“ (Kanin). Das führt auch dazu, dass ausschließlich mit Löffel und Gabel gegessen wird. Oder auch gern einfach mit den Händen. Ein Messer gehört zu den Utensilien, die kaum jemand braucht und die in diesem südostasiatischen Land auch schwer zu kriegen sind.
Im Norden der Philippinen besuche ich die Hochebenen von Luzon mit ihren immens großen und beeindruckenden Reisterrassen. Von den Stämmen der Ifugao, den Ureinwohnern dieser Bergregionen, jahrhundertelang in Handarbeit erbaut und mit eigenem Bewässerungssystem ausgestattet, erstrecken sich die Felder über Täler und Berge. Stolz nennen die Einheimischen sie die „Stufen zum Himmel“.
Die Reisproduktion ist ein aufwendiger Prozess, der mehrere Monate präziser, sorgfältiger Arbeit erfordert. Als ich die Einheimischen beeindruckt frage, ob die Reisbauern hier an ihren Feldern gut verdienen, schütteln sie energisch die Köpfe. Es könne nur zweimal im Jahr gesät werden. Und die Ernte reiche kaum für den Eigenbedarf aus. Auf die Frage, ob ich denn hier im Dorf den heimischen Reis essen könne, folgt ein erneutes Kopfschütteln: „In unseren Restaurants oder auf den Märkten gibt es nur noch den kommerziellen Reis zu kaufen. Alles andere wäre viel zu teuer.“
Schon komisch, da bin ich umgeben von Reisfeldern, ernähre mich fast ausschließlich von dem Getreide und komme trotzdem nicht in den Genuss, den regionalen Reis zu probieren. Das extreme Wachstum der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert führte auch auf den Philippinen zu einer nahezu ausschließlich kommerziellen Reisproduktion mithilfe von moderner Wissenschaft und Technik. Konsequenzen sind die sinkende Bedeutung kultureller Werte sowie ein sinkender Glaube an Reis, Ackerbau und Landwirtschaft. Ein Phänomen, das sich bis in diese abgeschiedenen ländlichen Bergregionen auswirkt.
Ich finde es interessant, Reis und die Reis-Landwirtschaft in Kontext mit Biodiversität und dem Klimawandel zu setzen: Nur noch zwei von ursprünglich über zwanzig verschiedenen Oryza-Arten werden heute kommerziell angebaut. Der Verlust der genetischen Vielfalt innerhalb der Reissorten ist ein großes Problem. Diese Vielfalt könnte nämlich zu einer Anpassung an die sich doch extrem verändernde Umwelt beitragen. Ohne diese Vielfalt führen plötzliche Wechsel von Trocken- und Regenzeit, extreme Wetterbedingungen sowie Pflanzenschädlinge oder Pilze zu verringerten Erträgen. Dieses Phänomen findet leider weltweit statt: Seit Beginn der Landwirtschaft wurden circa 7000 Pflanzenarten von Menschen angebaut. Heute nutzen wir gerade einmal 30 dieser Arten, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Knapp 60 Prozent der Energie, die wir aufnehmen, stammen sogar von nur drei unterschiedlichen Pflanzenarten – Reis, Weizen und Mais.
Im Ökolandbau wird darauf geachtet, landwirtschaftlich nutzbare, aber bedrohte Sorten und Rassen zu erhalten und gefährdete Pflanzenarten wieder anzubauen. Durch den Kauf und die Verarbeitung von ökologischen und regionalen Nahrungsmitteln lässt sich also auch gegen den Verlust der genetischen Vielfalt handeln. Darauf möchte ich in Zukunft beim Einkaufen von Brot-, Getreide- oder auch Apfelsorten achten.

Während meiner zwölf Monate auf den Philippinen komme ich häufig an meine Grenzen: Sei es, dass ich ausgeraubt werde, weil meine Hautfarbe Reichtum suggeriert. Dass ich wegen einer Motorpanne stundenlang auf einsamen Straßen auf den Ersatzbus warten muss. Sei es ein frustrierendes Arbeitsprojekt, bei dem es aufgrund fehlender Materialien oder Motivation wieder nicht weitergeht. Oder dass ich in Tan-Awan mit einer Magenverstimmung und ohne Badezimmer viele Tage lang krank auf dem Boden liege, nachdem ich von einer Blutsuppe kostete, die extra für uns zubereitet wurde. Letztendlich heilt mich der Medizinmann des Dorfes. All diese Erfahrungen, gepaart mit einer Sehnsucht nach Heimat und Gewohnheit, machen mir das Leben in der Fremde auch manchmal furchtbar schwer. Umso wichtiger ist es, mir Auszeiten für Urlaub und Erholung zu nehmen, das merke ich zum ersten Mal auf der Insel Palawan. Wie die Natur dort mich immer wieder durchatmen und Kraft schöpfen lässt: Sie wird mein Lieblingsort auf den Philippinen.

Insel Palawan. Das türkise, glasklare Wasser. Die zahlreichen kleinen, einsamen und naturbelassenen Buchten. Traumhafte weiße Sandstrände mit Kokosnusspalmen. Mangrovenwälder. Farbenprächtige Korallenriffe. Und Kalksteinklippen, die aus dem Meer herausragen. Während ich im Jeepney über die Insel Richtung Norden fahre, gleiten die verschiedensten Landschaften an mir vorbei: Ein kleines ländliches Dorf mit Häusern, die aus Nipapalmblättern gebaut sind, die Hühner scharren im sandigen Boden, eine große Sau suhlt sich im Schlamm, und mit einem Wasserbüffel wird das Feld hinter dem Haus gepflügt. Dann tiefgrüner Dschungel, aus dem eine beeindruckende Geräuschkulisse tönt. Die Bäume ragen hoch in den Himmel, und ich erkenne Vögel, die zwischen den Ästen sitzen. Angrenzend vereinzelt Zuckerrohrplantagen. Kokosnüsse, Bananen, Ananas, Papayas, Mangos – alles scheint hier in Fülle zu wachsen. In der Ferne ist ein großer Vulkan erkennbar, die Spitze verschwindet in dunstigen Wolken. Und das türkise Meer, das von überall auf der schmalen Insel schnell erreichbar ist. Obwohl „schnell“ relativ ist – bei den schlecht ausgebauten, holprigen, häufig einspurigen Straßen mit unzähligen Schlaglöchern ist das Fahren nicht mit dem Zurücklegen einer Strecke in Europa zu vergleichen.
Meinen größten Wildlife-Moment erlebe ich unter Wasser: Das Schnorcheln fühlt sich ein wenig so an, als wäre ich im Wartezimmer meines Zahnarztes und würde meinen Kopf in das bunt schillernde Aquarium stecken. Nur eben viel größer und aufregender. Ich entdecke große bunte Fische, knallblaue Seesterne und schillernde Korallenriffe. Alles ist in Bewegung. Interessante zigarrenförmige Fische verschwinden schnell in den Löchern und Fugen der Felsen, sobald ich mich nähere. Die großen Fische fressen seelenruhig weiter am Riff, ihre Gesichtszeichnung erinnert mich an die eines Pandas. Plötzlich finde ich mich inmitten eines großen Schwarms aus winzig kleinen Fischen wieder. Seegras und Algen schwingen im Einklang. Manchmal wird das Meer so flach, dass ich Sorge habe, die Pflanzen und Korallen zu berühren. Dann bleibe ich ganz still, lasse mich von der Wasseroberfläche tragen und beobachte das bunte Getümmel unter mir.
Nach stundenlangem Schnorcheln – die Taucherbrille drückt, und der Salzgeschmack wird immer penetranter – taucht plötzlich eine über einen Meter große Schildkröte neben mir auf. Seelenruhig schwimmt sie unter mir durch, bewegt sich gelassen, gleichmäßig und langsam fort. Ich bin völlig aus dem Häuschen und folge dem schillernden Riesen durch die Fluten. Es handelt sich um eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), die weltweit unter Schutz steht. Sie scheint sich überhaupt nicht an mir zu stören und beginnt in aller Ruhe, auf dem flachen Grund zu grasen. So erinnert mich die schöne Schildkröte ein wenig an eine grasende Kuh im Sauerland, bemerke ich grinsend. Zwei große Putzerfische saugen unablässig an ihrem Panzer und säubern ihn von überschüssigen Hautschuppen, Pilzen und Parasiten. Auf diese Weise verschaffen sie sich gleichzeitig Nahrung – ein perfektes Zusammenspiel. Zwischendurch taucht die Meeresschildkröte wieder neben mir auf, streckt den Kopf aus dem Wasser und holt tief Luft. Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.
Genau solche Momente haben mein Auslandsjahr mit weltwärts auf den Philippinen so einzigartig gemacht. Es war nicht immer leicht, noch so jung und für so lange Zeit in einer völlig fremden Welt zu leben. Doch auch die schwierigen Zeiten haben mich im Nachhinein nur stärker gemacht und auf das vorbereitet, was mein Leben noch mit sich bringen würde.

Ursula März „Tante Martl”

„In ihrem ersten Roman 'Tante Martl' erzählt die Journalistin Ursula März mitfühlend, aber durchaus auch humorvoll, von einem Frauenleben der Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz.

Auf den ersten Blick wirkt Tante Martl unscheinbar. Doch wer genauer hinschaut, erkennt in ihr eine außergewöhnliche Frau. Geboren als dritte Tochter, ist Martl die ungeliebte Jüngste. Der Vater, der eigentlich einen Sohn wollte, ist zeitlebens enttäuscht, dass das dritte Kind kein Junge ist. So steht Martl immer im Schatten ihrer älteren Schwestern und wird nicht selten von der Familie drangsaliert. Während ihre Schwestern schließlich eigene Familien gründen, verbringt Martl ihr ganzes Leben im Elternhaus in der pfälzischen Provinz, pflegt die Eltern, opfert sich auf. Doch sie arbeitet auch als Volksschullehrerin, verreist, kauft sich ein Auto, sorgt für sich selbst. Und bekommt im hohen Alter sogar noch einen Fernsehauftritt.

Ursula März ist eine hervorragende Erzählerin und bringt dem Leser Tante Martl mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten - das ist teils komisch, teils tragisch - so nahe, dass man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.

Ein höchst lesenswerter und unterhaltsamer Roman und ein feinsinniges Porträt einer bemerkenswerten Frau.”

Stefanie Hoever, Pressereferentin 

 

Blick ins Buch
Tante MartlTante MartlTante Martl

Roman

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag.

 

Hatte sie sich über eine schnippische Verkäuferin geärgert, überwog die Sirene. Hatte der Hausarzt ihr geraten, sich für eine Untersuchung ins Krankenhaus einweisen zu lassen, schlug das Jammern durch. Bisweilen vertiefte sich das Stöhnen zu einem rollenden Brummen, als säße am anderen Ende der Leitung ein angriffslustiger Bär. Dann war meine Tante ernsthaft empört. Der Lieferant von Tiefkühlkost, der einmal im Monat mit seinem Kleinlaster vor ihrem Haus hielt, hatte die falsche Ware gebracht, aber unverschämt behauptet, es sei die richtige, und den Umtausch verweigert. In einer Fernsehsendung waren knapp bekleidete Frauen aufgetreten, und zwar nicht am späten Abend, wenn meine Tante längst schlafen gegangen war, sondern im unverdächtigen Nachmittagsprogramm.

 

Ein Daueranlass ihrer Empörung war der Showmaster Thomas Gottschalk. Er wurde von meiner Tante so verachtet, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprach, sondern ihn nur „de dumm Lackaff“ nannte. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass „de dumm Lackaff“ in der Samstagabendshow des ZDF den Platz des von ihr hochgeschätzten Frank Elstner eingenommen hatte, was meine Tante als persönliche Geringschätzung von Menschen wie ihr, Menschen mit Anstand und seriösem Benehmen, interpretierte. Alles an Thomas Gottschalk fand sie vulgär, seine langen blonden Locken, seine Glitzeranzüge, seine Witze. Als sie in einer Fernsehzeitschrift las, wie viel Geld er für seine Shows erhielt, war sie außer sich. „Ursi“, schrie sie ins Telefon, „des sin Millione! Des isch doch net normal!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen. Thomas Gottschalk, sagte ich, sei sicherlich Millionär und habe einigen Reichtum angehäuft. Dass er für einen einzigen Fernsehauftritt gleich ein paar Millionen einstriche, hielte ich jedoch für ausgeschlossen. „Du hascht doch ke Ahnung“, erwiderte sie brüsk, nun über meine Besserwisserei empört. Ich kannte mich in den Finanzverhältnissen von Thomas Gottschalk tatsächlich nicht aus und bog schnell zu einem anderen Thema ab. Wenn am Sonntagmorgen in meiner Wohnung in Berlin das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und dem Empörungsstöhnen lauschte, war mir klar, dass am Abend zuvor »Wetten, dass …?« ausgestrahlt worden war, meine Tante auf dem Bildschirm ihren Intimfeind gesehen und sofort umgeschaltet hatte.

 

Bis sie endlich zu erzählen begann, konnte eine Weile vergehen. Mit einer einzigen Stöhnouvertüre war es oft nicht getan. „Was ist denn passiert?“, fragte ich vorsichtig. „Geht’s dir nicht gut?“ Anstatt zu antworten, stöhnte sie erneut, und ich fuhr wieder mit einer Frage dazwischen. Je älter meine Tante wurde, desto häufiger geschah es, dass sie schon nach dem Ende des Stöhnens meinen Kommentar zu dem Ereignis erwartete, das sie veranlasst hatte, mich anzurufen. So, als hätte sie mir gerade davon erzählt. Es war ein heikler Moment unserer Telefonate. Dauer und Tonlage des Stöhnens verrieten mir die Stimmung, in der sich meine Tante befand. Aber was genau sie in diese Stimmung versetzt hatte, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht hatte sie eine überhöhte Rechnung ihrer Autowerkstatt erhalten, die darauf spekulierte, eine betagte Frau würde den Wucher nicht bemerken. Vielleicht musste sie ihrem Ärger über ein im gegenüberliegenden Haus lebendes Ehepaar Luft machen, das an sieben Tagen die Woche um Punkt 11:30 Uhr in seinen Mercedes stieg, um in ein Restaurant zu fahren. „Die kenne esse, wo se wolle“, sagte meine Tante, „aber jede Tach ins Lokal gehe, des isch doch net normal.“ Sie war fest davon überzeugt, der Grund für die gehäuften Restaurantbesuche der Nachbarn, die schon bei dünnem Nieselregen die Rollläden vor den Fensterscheiben herunterzögen, läge in einem Reinlichkeitswahn, der es ihnen verbiete, ihre Küche durch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zu besudeln.

 

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit vagen Beschwichtigungsfloskeln an das Ereignis heranzutasten, von dem meine Tante glaubte, sie hätte es mir eine Minute zuvor mitgeteilt. Oft bemerkte sie die Taktik und fühlte sich zurückgestoßen, weil es mir ihrer Ansicht nach an echtem Interesse für sie und ihre Nöte fehlte. „Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

 

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch achtunddreißig Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte.

 

In ihrer ersten Lebenswoche, genau von Montag bis Montag, galt meine Tante auf dem Papier als Person, vielmehr als Säugling, männlichen Geschlechts. Sieben Tage lang war ihr Vater nicht bereit, sich mit der Tatsache abzufinden, dass auch dieses Kind ein Mädchen geworden war. Zu seinem Verdruss das dritte. Schon das zweite Mädchen hätte, wären die Dinge seiner Ansicht nach richtig verlaufen, ein Junge sein müssen. Er verschmerzte es einigermaßen. Gegen ein drittes Geschöpf aber, das als Stammhalter ausfiel und ihm womöglich den Ruf eines Erzeugers eintrug, der nur eine Mädchenserie zustande brachte, stellte er sich stur. Bei seinen Enkeln war ihm das Geschlecht egal. Ich erinnere mich an keine Situation, keinen Satz und kein Geschenk, die darauf hingedeutet hätten, er bevorzuge meinen Bruder mir gegenüber. Bei seinen Kindern galten jedoch andere Prinzipien. Sieben Tage lang klammerte er sich an die wahnwitzige Illusion, der Natur durch schieres Beharren doch noch ein Chromosomenwunder abringen zu können. In den Verwaltungsakten des örtlichen Standesamtes gab es den Jungen ja schon, er hieß Martin.

 

Als sich mein Großvater am Montagmorgen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten einfand und dieser ihn nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers fragte, nickte er einfach. Er sprach das Wort „Junge“ nicht aus. Er wartete, bis dem verunsicherten Beamten, der die Spitze des Füllfederhalters bereits aufs Formular gesetzt hatte, nichts anderes übrig blieb, als die Frage zu konkretisieren, „isch e Bub?“, und er nur nicken musste. Im strengen Sinn gelogen, so beteuerte er noch nach Jahrzehnten, hatte er also nicht. Er hatte es lediglich verpasst, einer Variante der Wahrheit zu widersprechen, die ihm amtlicherseits nahegelegt wurde. Und was den falschen Namen anbetraf: Vielleicht hatte er den Vokal am Ende verschluckt, vielleicht hatte der Standesbeamte das „a“ überhört oder einfach den Stift zu früh abgesetzt und deshalb den Namen Martin eingetragen.

 

Ungefähr so lauteten die Ausreden, die er vorbrachte, als seine Frau ihm am Dienstag die Geburtsurkunde abknöpfte und schwarz auf weiß lesen musste, dass ihre neugeborene Tochter durch einen Trick, an dem sie das Herzlose noch mehr bestürzte als das Hirnrissige, vor dem Gesetz als Sohn galt. Zum Krachschlagen war sie zwei Tage nach der Entbindung zu erschöpft. Sie legte die Geburtsurkunde wortlos auf den Küchentisch und schwieg bis zum Einschlafen am Abend. Sie saß im Nachthemd auf ihrer Bettseite, rückte die Wiege nah zu sich heran, beugte sich darüber und prüfte, ob das gehäkelte Wolldeckchen straff genug um den Säugling gewickelt war, nicht nach oben rutschen und sich über sein Gesicht legen konnte. Dann schlüpfte sie unter ihr Federbett, wandte ihrem Mann den Rücken zu, streckte den Arm nach dem Schalthebel der kleinen Bakelitlampe auf dem Nachttisch aus und sagte im Dunklen nur einen einzigen Satz: „Du gescht da morge hin, gleich in der Früh.“

 

Meine Großmutter sparte auch sonst mit Worten. Sie handelte lieber. Wenn ich mir an einer Steinkante im Garten das Knie aufgeschlagen hatte und weinend zu ihr in die Küche humpelte, umflatterte sie mich nicht, wie meine Mutter es getan hätte, mit dramatischen Mitleidsbekundungen. Sie sauste zum Medizinschrank im Badezimmer, holte Verbandspflaster und ein Fläschchen mit stinkendem rostfarbenem Desinfektionsmittel. Nach der Verarztung griff sie in die Tasche ihrer Kittelschürze, zog einen Bonbon heraus und steckte ihn mir in den Mund.

 

Er ging nicht. Weder am Mittwoch noch am Donnerstag und am Freitag bequemte er sich zum Standesamt, um den Fehler zu korrigieren. Dass er nicht darum herumkomme, musste ihm als ordnungsliebenden Staatsbürger eigentlich klar sein, auch wenn er sich einbildete, das Geschlecht des Neugeborenen durch Zeitschinden doch noch in die ersehnte Richtung lenken zu können. Er drückte sich überhaupt gern vor Schwierigkeiten und überließ es seiner Frau, sie zu lösen. Nicht er, sondern sie handelte bei der Sparkasse den Kredit aus, den sie benötigten, um Ende der Zwanzigerjahre das zweistöckige Haus zu kaufen, in dessen oberem Stockwerk sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten. Nicht er, sondern sie sah den Handwerkern auf die Finger, als unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer für die Töchter ausgebaut wurde. Und sie saß abends am Küchentisch und verrechnete das schmale Gehalt, das er als Gefängniswärter nach Hause brachte, mit den monatlichen Ausgaben. Sie war zuständig fürs Pragmatische und somit auch dafür, Wege aus verzwickten Situationen zu finden. Und in einer solchen befanden sie sich. Bereits am Samstagmorgen klingelten die ersten Gratulanten, die das Elternpaar doppelt beglückwünschten, zur Geburt eines gesunden Kindes und zur Geburt eines Söhnchens, mit dem ja auch endlich zu rechnen gewesen war. Martin hieß er, hatte man da richtig gehört? Oder Werner, wie der Vater? Seine Frau wimmelte die Besucher höflich ab und übergab ihnen ein Bündel mit Pflaumenmus gefüllter Krapfen, von denen sie in den Wochen vor der Geburt mehrere Bleche voll gebacken hatte. Das Kind ließ sie nicht sehen. Es sei, sagte sie, gerade eingeschlafen und solle nicht gestört werden.

 

Niemand hätte gewünscht, den Säugling als Nackedei zu besichtigen. Selbst seine Großeltern, die am Sonntagmorgen in ihrem Dorf loswanderten und nach einem zweistündigen Fußmarsch bei der Familie anlangten, wären nicht auf die Idee gekommen, sich mit eigenen Augen vom Geschlecht des neuen Enkelchens überzeugen zu wollen. Und so wenig wie das Gesicht hätte das Greinen des Babys verraten, dass hier nicht ein Martin, sondern eine Martina von Arm zu Arm gereicht wurde. Aber die Mutter rückte ihre Jüngste nicht heraus. Zum einen war es ihr zuwider, bei einer Schmierenkomödie mitzuspielen. Zum anderen betrachtete sie es von Beginn an als ihre Pflicht, dieses Kind, das in den Augen seines Vaters nichts anderes als ein Ärgernis darstellte, besonders zu schützen. Sie meinte es gut. Aber indem sie das Kind abschirmte, wies sie ihm ungewollt auch einen Platz im Hintergrund zu.

 

Den Canossagang zum Standesamt zu übernehmen, war sie nicht bereit. Am Sonntagmorgen drohte sie ihrem Mann: Wenn er nicht hinginge, und zwar sofort nach dem Frühstück am Montagmorgen, verschwände sie mit Sack und Pack und den drei Töchtern aus dem Haus. Es war der böseste Moment ihrer Ehe, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich vom Dienst abzumelden und dem Standesamt einen zweiten Besuch abzustatten. Welche Argumente er sich dort einfallen ließ, um den kuriosen Umstand zu erklären, erst nach einer Woche den falschen Namen und die falsche Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde bemerkt zu haben, darüber gab er niemals Auskunft. Dass es eine Schmach war, die ihm zugefügt wurde, ließ er sich allerdings empfindlich anmerken, als er mit der neuen Geburtsurkunde nach Hause kam, die nun einem Mädchen namens Martina galt. Die eigentliche Schmach erwartete ihn noch. Schneller als die frohe Botschaft von der Geburt eines gesunden Buben verbreitete sich nun, genau eine Woche später, die Komödie vom Bub, der gar keiner war, über die Gerüchtekanäle der Kleinstadt. Und die Stadt lachte. Die Gratulanten ließen sich die Krapfen schmecken und schlossen Wetten über die Anzahl der Mädchengeburten ab, die fürderhin zu absolvieren seien, bis die Eheleute endlich einen Treffer erzielten. Vier, fünf? Bei großem Fleiß womöglich sechs oder sieben? Das sollte doch genügen, um den Klapperstorch zu erweichen. Und wer nicht lachte, äußerte, was meinen Großvater mindestens so verdross, sein Bedauern mit dem armen Mann, der sich so verzweifelt einen Bub wünschte, dass ihm jedes Mittel recht war.

 

Es wurde Spätsommer, bis die Mutter mit allen dreien, die Vierjährige lief schon flott, die Zweijährige tapste an ihrer Hand, die Kleinste lag im Kinderwagen, einen Gang durch die Stadt unternahm, zum Einkaufen beim Bäcker und beim Metzger haltmachte und zuließ, dass sich fremde Köpfe über den Säugling beugten. Man tat ihr zuliebe so, als sei die Albernheit beim Standesamt nie vorgefallen. Aber vergessen wurde sie nicht. Sie war zu unterhaltsam, um dem Fundus an Kleinstadtklatsch verloren zu gehen und nicht durch die Generationen weitergereicht zu werden. Mir wurde erst spät bewusst, dass meine Tante immer damit rechnen musste, als die Frau Lehrerin betuschelt zu werden, die vom Vater zum Bub erzwungen werden sollte; die Unverheiratete mit der falschen Geburtsurkunde.

 

IN DER ERINNERUNG DER FAMILIE mischte sich der Vorfall unter andere Episoden, die wie zum Kannenboden abgesunkene Kaffeekörner im Gedächtnis ruhen und immer mal wieder aufgerührt werden. Aber in Wahrheit war es keine Geschichte wie andere. Nicht so harmlos wie das Missgeschick mit der Kommuniontorte, die der Mutter aus der Hand stürzte und löffelweise vom Küchenboden aufgeschabt wurde. Nicht so überholt wie der Konfessionsstreit, der ausgerechnet am Abend vor der Hochzeit der mittleren Tochter zwischen Katholiken und Protestanten ausbrach und beinahe die ganze Heirat verhindert hätte. Auch wenn sie zum Amüsement aufgetischt wurde, behielt die Geschichte von der falschen Geburtsurkunde einen bitteren Beigeschmack. Er enthielt nicht nur Scham über das Unrecht, das der Jüngsten ja doch zugefügt worden war, sondern auch einen Rest von der Enttäuschung, eine Familie ohne Sohn zu sein. Und hauchfein mischte sich in die Enttäuschung ein Vorwurf, der sich keineswegs gegen den Urheber des Skandals richtete, sondern gegen diejenige, die er für sein skandalöses Verhalten verantwortlich machte.

 

Und sie selbst? Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform? Sie lachte auf eine etwas künstliche, übertrieben grelle Weise mit, wenn ihre „Martinwoche“ zur Sprache kam, und schüttelte den Kopf, „was für e Unfug sich die Leut ausdenke“. Nie ließ sie sich Schmerz oder Zorn anmerken. Erst in ihren zwei letzten Lebensjahren, als sie in einem Altenheim wohnte und die Demenz sich ihres Gehirns bemächtigte, löste sich der Gefühlsriegel. Sie war achtundachtzig Jahre alt und in eine aussichtslose Lage geraten. Zu hinfällig, um ohne Hilfe im Haus zu bleiben, wehrte sie sich dennoch rigoros gegen das Zusammenleben mit einer Pflegerin. Schon die Idee betrachtete sie als Verrat. „Isch war mei ganz Lebe allein“, schrie sie mich am Telefon an, „da bringscht du mir ke fremde Leut ins Haus!“ Um keinen Preis wollte sie, die auf so vieles verzichtet hatte, nun auch noch auf ihren letzten Wunsch verzichten, der in nichts Bescheidenerem bestand als darin, still und unbehelligt in ihrem Haus zu sein und dort zu sterben. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie so geschwächt, dass die Ärzte es ablehnten, die Verantwortung für ihre Rückkehr ins Haus zu übernehmen, sollte sie dort ohne Obhut sein. Selbst jetzt war es ihr lieber, in ein Heim zu gehen. Von zwei Katastrophen erschien ihr dies als die etwas weniger schlimme.

 

Wider Erwarten blühte sie in den ersten Wochen im Heim auf. „Es isch eischentlich wie im Hotel“, berichtete sie befriedigt. Die langen Zimmerflure, die in Gesellschaft einzunehmenden Mahlzeiten und das kleine Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten erinnerten sie an Hotelaufenthalte, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Schon morgens hole sie eine ihrer guten Blusen für die nachmittägliche Kaffeetafel aus dem Schrank, „isch will jo doch bissche fein do sitze.“ Ich bestärkte sie sogar noch in der Hotelillusion und redete ihr zu, die urlaubsähnlichen Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Beim nächsten oder übernächsten Telefonat merkte ich, dass das schmeichelhafte Deckbild von der Realität abgefallen war und meine Tante das Heim nun umso mehr als Verbannungsort empfand. Hotelgäste werden nicht vom Personal ermahnt, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen, nicht morgens um sieben mit ihrem Rollator ins Badezimmer geschoben. „Do sitze erwachsene Leut beim Esse mit e Plastiklatz um de Hals, des isch doch net normal!“, rief sie entrüstet. „Des is wie im Kindergarte! Isch bin doch ke Kind, isch bin e alt Frau!“

 

In den Tunnel ihrer Verzweiflung drang nur noch für kurze Momente ein wenig Helligkeit. Sie litt unter dem Alleinsein in ihrem Zimmer und unter der Anwesenheit von Menschen. Sie litt unter Stille und unter dem kleinsten Geräusch, das aus dem Flur zu ihr drang. Die Verdunkelung ihrer Seele beschleunigte ihre geistige Verwirrung. Sie verwechselte die Pflegerinnen ebenso wie ihre Brillen. Tag für Tag wurde sie von neuem Entsetzen gepackt, wenn sie vom Bett aus mit der Lesebrille zum Fernsehmonitor an der gegenüberliegenden Zimmerwand blinzelte, nur noch verschwommene Bilder sah und sich für urplötzlich erblindet hielt. Sie wollte nichts mehr essen und hatte starkes Untergewicht. Nur mit Mühe konnte ich sie bei meinen Besuchen dazu bewegen, an einem Bahlsenkeks zu knabbern. Sie hatte Bahlsenkekse immer sehr geschätzt. „Isch will ke Firlefanz“, konstatierte sie jedes Mal, wenn sie im Supermarkt eine Packung Bahlsenkekse in den Einkaufswagen legte, „a gut Bahlsekeks is a einfache, ehrlische Sach. Wenn di Mensche genauso wärn, gäbs auf de Welt ke Streit und ke Kriesch.“

 

Je mehr sie verfiel, desto stärker drängte die Martingeschichte aus ihr heraus, die sie selbst ja nur vom Hörensagen kannte. Am Anfang klagte sie nur. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, ob der Arzt, eine Pflegerin, die Putzfrau oder ihre Nichte, begann sie sich, unterbrochen von langem Stöhnen, über die gefälschte Geburtsurkunde zu beschweren. „Des gehört sisch doch net“, lautete eine ihrer wiederkehrenden Redewendungen, mit denen sie die Ungehörigkeit so darstellte, als ginge es um ein fremdes Kind, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Nach ein paar Monaten steigerte sich die Klage zu wildem Zorn. „Was kann denn des Kind dafür, dass es kei Bub isch?“, kreischte sie in den Raum. „Gar nix! Und was mache die Leut? Gehe zum Standesamt und lass e Bub eintrage! Jetzt sag amol: Isch des e Sauerei oder net?“ Und schließlich, wiederum Monate später, zeigte sich der alte Schmerz unverhüllt. Meine Tante saß schluchzend auf dem Bettrand, ruderte mit den Füßen über den Linoleumboden, ziellos nach einem Gegenstand suchend, den ihr Gehirn nicht mehr als Hausschuh abzubilden vermochte. Ich setzte mich neben sie, um sie zu trösten, und sofort umklammerte sie mit einer Hand meinen Unterarm.

 

Wie das Stöhnen zählte diese Gebärde zu den Angewohnheiten, die ihr schon immer zu eigen gewesen waren und sich im Alter verstärkten. Wenn sie nach meinem Arm langte und zudrückte, wusste ich, dass sie zu einer Mitteilung ansetzte, die keinesfalls überhört werden durfte. Der Griff hieß: Aufpassen! Jetzt kommt was Wichtiges! Die Nummer ihres Schließfaches bei der Stadtsparkasse, den Aufbewahrungsort ihrer Lebensversicherung, aber auch das System ihrer Küchenmülltrennung hatte sie mir auf diese Weise eingeschärft. Als hätte ihr Wunsch nach Anteilnahme eines körperlichen Nachdrucks bedurft, streckte sie auch dann die Hand zum Arm ihres Gesprächspartners aus, wenn sie über Themen reden wollte, die sie gerade stark beschäftigten. Eine Diskussion über den, wie meine Tante fand, ziemlich unchristlichen Starkult um den polnischen Papst wurde vom Druck ihrer Hand begleitet, ebenso die Erörterung der Frage, ob es sinnvoll sei, auf einem Kreuzfahrtschiff eine Kabine mit Balkon zu buchen.

 

„Weischt du, was mir passiert ist?“, begann sie, als habe sie noch nie zuvor vom Drama ihrer Geburtsurkunde berichtet und lüfte just in diesem Moment ein ungeheuerliches Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Oberkörper wie unter einer schweren Last nach vorne sinken, und ich musste zusehen, dass sie nicht kopfüber vom Bettrand fiel und mich mitzog. „Die habbe e Bub aus mir gemacht, aber isch war doch gar ke Bub.“ Ihr Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, und meine Tante begann so bitterlich zu weinen, wie ich sie nur ein einziges Mal weinen gesehen hatte, viele Jahre zuvor. „Die ganz Stadt hat über misch gelacht, die ganz Stadt.“ Ihren Vater erwähnte sie merkwürdigerweise nicht. Er kam in ihrer Erzählung gar nicht vor. Er wurde von einer unspezifischen Macht vertreten, die sie als „die Leut“ oder „die Obere“ bezeichnete. Man hätte meinen können, im Sommer 1925 habe ein geheimes Gericht beschlossen, diese Martina für ihre Weigerung, ein Martin zu sein, anzuklagen und ordentlich büßen zu lassen. Denn unermüdlich beteuerte sie, nicht schuld daran zu sein, dass sie als Mädchen geboren worden war.

 

„Sieschte, da habbe wir doch was gemeinsam“, sagte meine Tante oft. Wir hätten eben beide, sollte das heißen, Anlass zur Enttäuschung geboten. „Isch war falsch, und du warscht hässlisch.“ Gern hörte ich das nicht, aber es stimmte wohl. Ich kam mit blau angelaufenem Gesicht auf die Welt, die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Die Wirkung des zombiehaften Anblicks soll durch die Töne, die ich von mir gab, noch gesteigert worden sein. Sie waren, so beteuerte meine Mutter, furchterregend. Nicht das hohe, herzergreifende Neugeborenenkrähen, wie es ringsum im Kreißsaal zu hören war und wie ich es bei der Geburt meiner Tochter selbst hörte, sondern ein tiefes Brummen. Ich hatte immer Zweifel, ob das physiologisch überhaupt möglich, der Kehlkopf eines vier Kilogramm wiegenden Menschleins in der Lage ist, das Gegrunze eines Urmenschen zu erzeugen, der aus seiner Höhle kommt. Ungefähr so soll es sich nämlich angehört haben.

 

Ich widersprach meiner Tante nicht, obwohl ich insgeheim ihren Fall für schwerwiegender hielt als meinen. Aber ich merkte, wie gut es ihr tat, sich mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft zu wähnen. Sie war folglich nicht die Einzige in der Familie, die man sich beim Austritt aus dem Geburtskanal anders gewünscht hätte, eine Gemeinsamkeit, die durch ihre Patenschaft noch besiegelt wurde. Denn Martl war meine Patentante. Sie hielt mich in der Barockkirche der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach, in der ich geboren wurde und aufwuchs, übers Taufbecken. Sie kam zu meiner Einschulung, befüllte meine Schultüte mit Süßigkeiten, die zu kaufen sie Überwindung gekostet hatte. Sie schenkte mir mein erstes Fahrrad, es war rot und hatte eine luxuriöse Dreigangschaltung, und zur Kommunion eine wertvolle Armbanduhr. „Jetzt lass doch das Kind“, sagte sie beschwichtigend, sobald sich meine Mutter wieder einmal über meine Lautstärke beschwerte. Ihrer Meinung nach hatte sich das Säuglingsbrummen nämlich zu einem unvorteilhaften Wesenszug entwickelt, dem Lautsein. Ich redete, lachte, sang zu laut. In den Ohren meiner Mutter lief ich sogar zu laut. Wenn ich Geschirr spülte, wurde ich angefleht, keinen Polterabend zu veranstalten. Wenn ich eine Tür öffnete, fuhr meine Mutter mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zusammen, als hätte ich sie bereits zugeknallt. Sie schätzte leise Menschen. Martl, mein Vater und ich zählten nicht dazu. Wir bildeten in der Familie die Fraktion der Lärmenden, von der sich die Fraktion der Leisen wohltuend abhob. Ihr gehörten meine Mutter, ihre ältere Schwester, deren Mann und mein Bruder an.

Mit Biografien Geschichte erleben

„„Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.“ Diesen Satz, der das Selbstgefühl vieler Zeitgenossen unmittelbar einfangen dürfte, schrieb Simone de Beauvoir vor siebzig Jahren in „Das andere Geschlecht“, ein Werk, das heute als das wichtigste der französischen Philosophin gilt. Dass Simone de Beauvoir immer weiter an Relevanz gewonnen hat, liegt nicht allein an ihren Büchern. Zeitlebens stand sie für eine äußerst moderne Auffassung von weiblicher Selbstbestimmtheit. Umso erstaunlicher, dass es keine aktuelle große Biografie über sie gab – bis jetzt. KATE KIRKPATRICK gelingt es, Leben und Werk Simone de Beauvoirs fesselnd miteinander in Beziehung zu setzen.“

Felicitas von Lovenberg; Verlegerin

 

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Ein modernes Leben

Simone de Beauvoir war eine der einflussreichsten Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihr Buch „Das andere Geschlecht“ hat die Art und Weise, wie wir über Geschlechtergrenzen denken, für immer verändert. Dennoch wurde ihr Leben weitgehend falsch dargestellt und zutiefst missverstanden. Kate Kirkpatrick greift auf bisher unveröffentlichte Tagebücher und Briefe zurück, und gibt einen spannenden Einblick in Beauvoirs Beziehungen, ihre Philosophie der Freiheit und der Liebe und ihr Ringen darum, sie selbst werden zu dürfen.
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Der Bestseller aus Großbritannien

„Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen. Es herrscht Stillstand. Die eine Hälfte ist endlose eisige Nacht, die andere sengende Hitze. Nur in einem kleinen Bereich zwischen ihnen ist Überleben möglich. In einem von der Außenwelt abgeschotteten Großbritannien erhält eine Wissenschaftlerin Post von einem sterbenden Mann. Der Brief offenbart ein Geheimnis. Um es zu bewahren, sind einige bereit, zum Äußersten zu gehen... In Andrew Hunter Murrays Zukunftsthriller „The Last Day“ schreiben wir das Jahr 2059, aber er liest sich wie eine rasante Refl ektion der Gegenwart. Kaum erschienen, eroberte er in diesem Frühjahr in Großbritannien die Bestsellerlisten.“
Felicitas von Lovenberg

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Roman

Der Sunday Times Bestseller in edler Ausstattung mit einmaligem Farbschnitt! 2059: Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen.Die eine Hälfte ist eisige Nacht, die andere sengende Hitze.Nur in den Territorien dazwischen ist Überleben möglich.Im isolierten Großbritannien erhält die Wissenschaftlerin Ellen Hopper den Brief eines sterbenden Mannes und erfährt dessen verhängnis­volles Geheimnis. Eins, für das die Regierung töten wird, um es zu wahren.Der Kampf um die Zukunft der Erde beginnt!Der packende Klima-Thriller aus Großbritannien: Kann Ellen die Intrigen des unmenschlichen Regimes in London aufhalten? „Ein sensationeller Thriller über die Welt von Morgen, der einen dazu bringt, darüber nachzudenken, was in unserer Zeit passiert.“ Harlan Coben
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Das Buch hat das Potenzial viele, viele Leserinnen glücklich zu machen

„Ich muss schon zugeben: Allzu häufig kommt es nicht vor, dass ich mich darüber freue, meinen 40. Geburtstag schon ein Weilchen hinter mir zu haben. Die Tatsache, dass ich Alexandra Potters wunderbar witzigen, charmanten und warmherzigen Roman „Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht“ betreuen durfte – als Altersgenossin der über vierzigjährigen Protagonistin Nell - hat mich dann doch mit vielem versöhnt. Alexandra Potter hat ein so herrlich erfrischendes Buch geschrieben, wie ich es lange nicht gelesen habe. Keine Seite, auf der ich mich nicht wiederfinden konnte. So viele absurde Situationen, über die ich lauthals lachen musste. So viele scharfsinnige und kluge Beobachtungen, über die ich nachdenken konnte. Vor allem aber Figuren, die mir während des Lesens so sehr ans Herz gewachsen sind, dass es mir mitunter vorkommt, als gehörten sie jetzt zu meinem Leben.“
Anne Scharf (Lektorin Unterhaltung)

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Je größer der Dachschaden, desto besser die AussichtJe größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht
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Roman

Das Leben läuft, wohin es willIrgendwie hatte Nell sich das anders vorgestellt mit dem Leben. Anfang 40 klang nach liebevollem Ehemann, wunderbaren Kindern und einem fantastischen Zuhause. Stattdessen ist der Verlobte weg, das Geschäft ist pleite und die Ersparnisse sind dahin, während all ihre Freunde die perfekte Hochglanzexistenz führen. Als ein alter Arbeitskollege ihr einen Job als Nachrufschreiberin verschafft, lernt sie die unkonventionelle und lebenslustige Witwe Cricket kennen. Die ungleichen Freundinnen helfen sich gegenseitig, mit dem Abschied von ihrem alten Leben fertig zu werden. Begleitet von Artus, einem riesigen Fellknäuel von Hund, geht Nell endlich ganz eigene Wege. Und trifft unterwegs einen Mann zum Verlieben, wo sie ihn nie vermutet hätte …
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Thriller Lesetipp

„Niklas Natt och Dag schafft es meisterhaft, den Kriminalfall, die Schicksale der Figuren und die Atmosphäre zu einem so packenden Ganzen zu verweben, dass man das Gefühl hat, sich selbst im Jahr 1793 zu befinden. Überall herrschen Armut und Paranoia, Gewalt und Krankheit bestimmen das Leben der einfachen Leute. Fast kann man die schrecklichen Zustände unmittelbar vor sich sehen.

Die atmosphärisch dichten Beschreibungen Stockholms zu dieser Zeit gehen unter die Haut, und die Einzelschicksale erschüttern bis ins Mark. Ja, stellenweise tun die Schilderungen sogar weh. ‚1793‛ greift ein Setting auf, das es auf dem Buchmarkt so noch nicht gibt: Stockholm im 18. Jahrhundert. Wir lernen die Stadt ‚von unten‛ kennen, bekommen beispielsweise Einsicht in das Gefängnisleben, in die Gosse, in Bordelle und Spelunken. Spannungsleser sind immer wieder auf der Suche nach neuen Schauplätzen – und bei diesem Roman kommen sie definitiv auf ihre Kosten.“

Isabell Spanier, Lektorat Unterhaltung

 

Blick ins Buch
179317931793

Roman

„Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ Arne Dahl Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für „besondere Verbrechen“ zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden„Stellen Sie sich ›The Alienist – Die Einkreisung‹ im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. ›1793‹ ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!“ A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von „The Woman in the Window“)

Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.

1.
„Häscher Mickel! Wachen Sie auf!“
Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.
Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter – da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.
„Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!“
Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.
Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.
Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst – und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.
Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.
„Was zur Hölle ist hier los?“
Das Mädchen – das ältere der beiden Kinder – antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.
„Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.“
In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.
„Und was hab ich damit zu tun?“
„Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.“
In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.

Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.
„Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.“
Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind – das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.
„Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!“
„Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!“
Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.
„Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.“
Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.
„Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.“
Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.
Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.
Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.
Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt – drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.
Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.
Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.
Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.
„Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!“
Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.

Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.
Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.
Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren – seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.

Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.
„Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?“
„Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund – Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.“
Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.
„Da.“
Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.
„Pfui Teufel!“
„Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.“
Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.

2.
Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.
Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.
Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.
Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.
Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar – jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.
Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.

Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.
Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.
Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.
„Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.“
Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.
„Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen – und sie Ihnen –, in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.“
Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.
„Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen – kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.“
„Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.“
Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.
„Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten – es ist anders gekommen.“
Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
„Es hätte funktionieren müssen.“
Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.
„Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau – beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.“
Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.
„War sie allein?“
Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.
Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.
Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.
„Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.“
Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.
„Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?“
Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.

Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.
Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt – jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen – einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.

Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius’ Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.
„Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.“
Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.
„Also?“
„Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?“
„Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.“
Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.
„Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.“
„Ach ja?“
Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.
„Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.“
Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.
„Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.“
Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.“
Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.
„Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.“
Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.
„Kauf Brot davon“, ruft Winge ihm nach, „und keinen Branntwein!“
Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: „Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!“
Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.

Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.
„Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.“
Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.
„Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.“
Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.
„Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings … Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.“
„Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.“
Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.
„Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“
Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.
„Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil … aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?“
Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen – vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.
„Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.“

3.
So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.
Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.
„Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.“
„Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.“
Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.
Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.
Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.
„Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.“
Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.
„Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?“
Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.
„Wenn es nur so wäre … Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.“
„Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.“
Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.
„Mein Name ist Cecil Winge.“
Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.
Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen – Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.
Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.
Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.
„Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?“
„Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?“
Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.
„Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm … Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.“
Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.
„Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.“

In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.
„Herr Winge?“
„Ja.“
„Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.“
„Weisen Sie uns den Weg.“
„Einen Augenblick bitte.“
Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.
„Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.“
Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.
Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.
„Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.“
Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.
„Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen … Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre … ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.“
Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.
„Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.“
Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.
„Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?“
Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.
„Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?“
Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.
„Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.“
Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.
„Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?“
Schwalbe runzelt die Stirn.
Winge dreht sich zu Cardell um.
„Wie wäre es mit Karl?“
Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.
„Ja. Karl. Karl Johan.“
Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.
„Hervorragend. Und damit gute Nacht – selbst wider besseres Wissen –, Herr Winge und Herr …?“
„Cardell.“
Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: „Und Herr Karl Johan.“

Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt – oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.
„Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.“
Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.
„Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.
„Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.“
Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.
„Das tut mir leid.“
Cardell schnaubt vernehmlich.
„Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.“
„Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?“ Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: „Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?“
Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.
„Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.“
Winge nickt.
„Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.“
Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.
Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.
Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.
„Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?“
Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.
„Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken – das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus … Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.“
„Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?“
„Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass … Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.“
Winge nickt nachdenklich.
„Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?“
Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.
„Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.“
Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.
„Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?“
„Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.“
„Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade … Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.“
Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.
„Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?“
„Reichen Sie mir das Licht.“
Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.
„Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein … vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.“
„Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne … und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.“
Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf.
Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.
„Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.“
Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.“
Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.
„Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.“
Winge geht auf die Tirade nicht ein.
„Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.“
Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.
„Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen – wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.“
Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.
„Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert – Sie werden allein damit umgehen müssen.“
Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.
Trotzdem hat er sich entschieden.
„Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.“

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„Heinrich Steinfests fünfter und letzter Fall seines österreichischen Detektivs mit chinesischen Wurzeln läuft in der Geschwindigkeit von Blockbustern a lá James Bond oder Mission Impossible ab. Von Wien über London nach Edinburgh, nach Frankfurt und tief hinein in die kargen Weiten Islands. Häuser werden in die Luft gesprengt und der die Ermittlungen auslösende Mordfall bleibt nicht das einzige Ereignis, das Tote fordert.

Doch bei all den rauschenden Kulissenwechseln und teils grotesken Wendungen ist es vor allem das sprachliche Raffinement, das diesem Text seinen Zunder verleiht. Scheinbar ganz Belangloses wird mit einer sprachlichen Tiefe aufgeladen, die mühelos den ein oder anderen (augenzwinkernden) Exkurs in sich verstaut. So nimmt der Text sogar sein Medium selbst in Visier, als er ein skurriles Kochbuch über außerirdische Pilzsorten zum Ermittlungserfolge bringenden Beweismittel erhebt.

Vor allem dank dieser wundersamen Übererfüllung des Genreschemas kann ich „Der schlaflose Cheng” frohen Mutes empfehlen. Eine wirklich faszinierende Lektüre.”

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"Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut. Den restlichen Text musste ich in einem Zug lesen. Förmlich inhalieren. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Diese Millimeterentscheidungen, die in unserem Körper andauernd getroffen werden. Die alles wie ein Wunder erscheinen lassen undgleichzeitig so ungerecht sein können. 
Rainer Jund zeigt uns die unendlichen Facetten, die diese ganzen Patientengeschichten, die uns alle, ausmachen. Und die uns am Ende des Tages nicht nur zu Patienten machen, sondern zu Menschen. Letztlich schafft es jeder auf seine Weise und lässt einen entscheidenden Teil bei uns zurück. Die Lektüre von „Tage in Weiß“ hat mich tief bewegt. Es lässt einen nichts vergessen und trotzdem so viel hoffen."

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„Die Geschichte zweier Freundinnen, deren Leben nicht enger verwoben sein könnten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich Strömungen, die sie auseinanderzureißen drohen.“

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Isabell; Lektorat:

Janina Lorenz „Der kleine Ort zum Glücklichsein“

„In den kleinen Ort Herzbach muss man sich einfach verlieben! Ich war sofort begeistert von dem charmanten Dorf und seinen liebenswerten Bewohnern. Wäre es kein fiktiver Ort, würde ich umgehend meine Koffer packen und dorthin fahren!“ 

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Anja, Lektorat Sachbuch:

Philip Norman „Paul McCartney“

 

„Von Liverpool in die Welt - Paul McCartneys beispiellose Karriere umfasst ein halbes Jahrhundert Popgeschichte. Beatles-Experte Philip Norman hat seine Geschichte aufgeschrieben - für alle Fans und solche, die es werden wollen.“

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Buchblog
15. März 2018
Buchtipps Romane
Lesen Sie persönliche Buchtipps zu unseren aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.
News
28. März 2018
Jacqueline Woodson erhält den Astrid Lindgren Memorial Award 2018
Der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotierte Preis (ca. 500.000 Euro) gilt als international wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchblog
21. März 2018
Debütromane entdecken
Thekla Chabbi, Co-Autorin von Martin Walsers „Ein sterbender Mann“ legt mit „Ein Geständnis“ ein beeindruckendes Debüt vor.

Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

 

Sie haben gerade einen tollen Roman ausgelesen und brauchen schnell Nachschub? Oder Sie suchen ein wirklich gutes Buch zum Verschenken? Lassen Sie sich von unseren Buchempfehlungen für jeden Geschmack und jedes Interesse inspirieren.  Unsere „Experten“ sind allesamt Menschen, die ihr Hobby Lesen zum Beruf gemacht haben, eine fundierte Bücherkenntnis besitzen und in jedem Genre zuhause sind.
 

Sie finden hier beispielsweise Rezensionen für

  • Romane,
  • Sachbücher oder auch
  • Thriller 

sowie Buchempfehlungen für 2018.

Freuen Sie sich auf spannende Neu-Entdeckungen und Bestseller, die wir eigens für Sie auswählen. So geht Ihnen der Lesestoff niemals aus! 

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