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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Mittwoch, 04. April 2018 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Frühling

Die Leipziger Buchmesse ist zu Ende gegangen und der Bücherfrühling hat begonnen. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben uns verraten, auf welche Bücher sie sich 2018 besonders freuen:

»Garten ist Krieg« von Christian Feyerabend

»Frühlingszeit ist Gartenzeit. Überall im Land ziehen Gärtnerinnen und Gärtner nach der langen Winterpause mit leuchtenden Augen in ihr kleines Paradies, um es wieder auch Hochglanz zu bringen. 
Doch Garten ist nicht nur Paradies, Garten ist auch Krieg. Christian Feyerabend mit seinem 300-Quadratmeter-Kleingarten, weiß wovon er spricht: Der Salat ist zerfressen, die Bäumchen wollen nicht grünen und der Gärtner wird übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten. In »Garten ist Krieg. Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können« spricht Christian Feyerabend allen Hobbygärtnern aus der Seele und liefert auf charmante und sehr humorvolle Art zahlreiche Tipps und Tricks zur Verteidigung des eignen Idylls.«

Eine Buchtipp von Anja Hänsel, Lektorin

Blick ins Buch
Garten ist KriegGarten ist Krieg

Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können

Unkraut vergeht nicht, sagt der Volksmund. Im Garten von Christian Feyerabend existieren gut 30 Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher, die in seinen Garten kommen, finden ihn »paradiesisch«. Doch das grüne Idyll existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn im Garten wie im Krieg gilt: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen.
»Die bittere Gabe« von Ellen Wiseman

»Nur noch selten kommen mir beim Lesen die Tränen, doch das Schicksal der kleinen Lilly hat mich zutiefst berührt und tagelang nicht mehr losgelassen. Ich habe ihre Einsamkeit gespürt, die sie empfindet, weil sie so einzigartig ist, aber auch ihre Glückseligkeit, wenn sie mit den Elefanten JoJo und Pepper in der Manege tanzt, und ihren Mut, als sie ihr Herz der Liebe öffnet. Und dachte: Wie gern würde ich dieser ungewöhnlichen jungen Frau einmal begegnen«

Eine Buchempfehlung von Kerstin von Dobschütz,  Programmleitung Unterhaltung

Blick ins Buch
Die bittere GabeDie bittere Gabe

Roman

Noch nie im Leben durfte die zehnjährige Lilly ihre Kammer auf Blackwood Manor verlassen. Die Menschen würden bei ihrem Anblick zu Tode erschrecken, so ihre Mutter. Umso erstaunter ist das Mädchen, als sie eines Tages mit in den Zirkus darf. Doch statt eine Vorstellung zu bestaunen, wird Lilly an die Freakshow verkauft und fortan als »Eisprinzessin« ausgestellt. Ihr Schicksal bessert sich erst, als sie entdeckt, wie gut sie mit den Elefanten umgehen kann. Aber erst zwanzig Jahre später wird ihr hartes Los gesühnt ...

 1    Lilly

Juli 1931

Blackwood-Manor-Gestüt

Dobbin’s Corner, New York

 

Der neunjährigen Lilly Blackwood kam es so vor, als würde sie zum hunderttausendsten Mal am Fenster der Dachkammer stehen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sich das Fenster öffnen möge und sie die Luft von draußen riechen könnte. Am folgenden Tag war ihr Geburtstag, und sie hätte sich kein schöneres Geschenk vorstellen können. Gewiss würde Daddy ihr nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania wieder ein neues Kleid sowie ein weiteres Buch schenken. Aber kurz vorher hatte es geregnet, und sie wollte doch so gern wissen, ob sich die Luft draußen anders anfühlte als die Luft drinnen. Lilly fragte sich, ob sich durch die Regentropfen wohl alles weich und kühl anfühlte, wie dann, wenn sie mit einem Schwamm gewaschen wurde. Oder war die Luft draußen so warm und stickig wie in ihrem Zimmer? Sie hatte Momma hundertmal angefleht, das Fenster gegen eines auszutauschen, das sich öffnen ließ, und dann auch das verschnörkelte Metallgitter vor dem Fenster abzunehmen, doch wie immer hatte Momma ihr überhaupt nicht zugehört. Wenn Momma wüsste, dass Daddy sie in einer anderen Kammer auf dem Dachboden spielen ließ, wenn sie in der Kirche war, würde Daddy ordentlich Ärger bekommen. Sogar noch mehr Ärger als dafür, dass er ihr Lesen und Schreiben beigebracht und ihr zum dritten Geburtstag eine Katze geschenkt hatte. Lilly seufzte, nahm das Fernrohr, das auf der Fensterbank lag, und hielt es sich vors Auge. Wenigstens war jetzt Sommer, sodass sie kein Eis von der Scheibe kratzen musste.

Daddy bezeichnete diese Tageszeit immer als Zwielicht, und tatsächlich sah es draußen so aus, als sei alles in nur zwei Farben getaucht – Grün und Blau. Die Kiefernreihe hinter dem Stall, noch hinter den Weiden, auf denen die Pferde grasten, sah wie der Filz aus, den Lilly für ihre Puppendecken benutzte. Über allem lagen Schatten, die von Minute zu Minute wuchsen.

Lillys Blick schweifte über den Waldrand, als sie nach dem Reh suchte, das sie dort gestern gesehen hatte. Dahinten stand der verwachsene Weidenbaum. Und da drüben befand sich der Felsbrocken neben dem Busch, der sich im Winter rot färbte. Dort der eingebrochene Baumstamm neben der Steinmauer. Und da hinten der – sie hielt inne und kehrte mit dem Fernrohr zur Steinmauer zurück. Hinter dem Wald, nahe den Eisenbahnschienen, die mitten über die dahinter liegende Weide führten, sah es irgendwie anders aus. Lilly ließ das Fernrohr sinken, blinzelte, sah noch einmal hindurch und keuchte. Mit einem Pfeifen füllte sich ihre Lunge, wie es immer passierte, wenn sie sich aufregte oder erschrak.

Ketten mit blauen, roten, gelben und grünen Lichtern – wie die, die Daddy an Weihnachten über ihrem Bett anbrachte – hingen über einem gewaltigen Haus, das aussah, als sei es aus einem Material gemacht, das Stoff ähnelte. Weitere Lichter leuchteten rund um andere Häuser herum auf, die wie dicke, kleine Geister wirkten. Zwar konnte Lilly die Aufschrift nicht erkennen, doch es gab auch Schilder, deren Buchstaben von bunten Glühbirnen beleuchtet wurden. An hohen Masten flatterten Fahnen, und eine Kette mit gelben Lichtern schwebte über den Eisenbahnschienen. Es sah aus, als hätte ein Zug angehalten. Ein wirklich sehr langer Zug.

Lilly setzte das Fernrohr ab und wartete darauf, dass ihre Lunge aufhörte zu pfeifen, bevor sie zu ihrem Regal hinüberging, um ihr Lieblingsbilderbuch herauszuziehen. Sie blätterte die Seiten durch, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte – die bunte Zeichnung eines gestreiften Zeltes, das von Wagen, Pferden, Elefanten und Clowns umgeben war. Schnell huschte sie zum Fenster zurück, um die Form des Zeltes in ihrem Buch mit dem leuchtenden Haus auf der anderen Seite der Bäume zu vergleichen.

Sie hatte recht.

Es war ein Zirkus.

Und sie konnte ihn sehen.

Normalerweise sah sie von ihrem Fenster aus nur Pferde und Felder sowie Daddy und seine Helfer, die an den weißen Zäunen oder dem gelben Pferdestall arbeiteten. Manchmal lief auch Momma über die Wiese zum Stall hinüber, wobei das blonde Haar wie ein Schleier hinter ihr herwehte. Gelegentlich bogen auch Lastwagen in die Einfahrt zum Stall ein. Daddys Gehilfen führten dann Pferde in die Anhänger hinein oder aus ihnen heraus oder entluden Säcke und Heuballen. Einmal waren zwei Männer in abgewetzter Kleidung – Daddy nannte sie Herumtreiber – die Einfahrt heraufgekommen, woraufhin Daddys Gehilfen mit Schrotflinten in der Hand aus dem Stall gerannt kamen. Wenn Lilly Glück hatte, zeigten sich Rehe am Waldrand, huschten Waschbären am Zaun entlang zum Schuppen, in dem die Futtermittel gelagert wurden, oder eine Eisenbahn surrte auf den Schienen entlang. Wenn sie dann das Ohr an die Fensterscheibe presste, konnte sie das Tuckern der Lokomotive oder einen grellen Pfiff durch das Glas hindurch hören.

Doch nun befand sich draußen vor ihrem Fenster ein Zirkus. Ein echter Zirkus! Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie etwas, das sich nicht in einem ihrer Bilderbücher befand. Es machte sie glücklich, gleichzeitig war sie jedoch auch ein wenig verärgert über sich selbst. Wenn sie nicht den ganzen Nachmittag lang gelesen hätte, wäre ihr vielleicht nicht entgangen, wie der Zug angehalten hatte und dann entladen worden war. Sie hätte gesehen, wie die Zelte aufgebaut worden waren, und einen Blick auf Elefanten, Zebras und Clowns erhascht. Jetzt war es leider zu dunkel, um noch irgendetwas außer den Lichtern zu erkennen.

Sie legte das Buch beiseite und zählte die Bretter rund um ihr Fenster. Manchmal ging es ihr besser, wenn sie zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Es half jedoch nichts. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, was sie verpasst hatte. Sie presste das Ohr an die Fensterscheibe. Vielleicht konnte sie die Stimme des Anführers oder die Zirkusmusik hören. Doch das Einzige, was sie vernahm, waren die Luft, die in ihrer Brust pfiff, sowie ihr rasender Herzschlag.

Auf der Fensterbank erwachte Abby, ihre Katze, und blinzelte. Lilly schlang einen Arm um die orangefarben getigerte Katze, zog sie an sich und vergrub ihre Nase im weichen Fell des Tieres. Abby war ihre beste Freundin und die klügste, geschickteste Katze der Welt. Sie konnte auf ihren Hinterbeinen stehen, um Küsschen zu geben, und zur Begrüßung das Pfötchen heben. Sie konnte sogar auf Lillys Bett springen und auf Befehl wieder hinunterhüpfen.

»Ich wette, Momma geht in den Zirkus«, flüsterte Lilly. »Sie muss sich keine Gedanken machen, dass die Leute Angst vor ihr haben.«

Die Katze schnurrte.

Wie es wohl wäre, einen echten Elefanten vor sich zu haben?, fragte sich Lilly. Wie würde es sich anfühlen, seine faltige Haut zu berühren und in seine großen, braunen Augen zu schauen? Und wie wäre es, auf einem rosa-weißen Pferdchen in einem Karussell zu reiten? Oder inmitten von anderen Menschen umherzuschlendern und dabei Erdnüsse und Zuckerwatte zu essen? Oder einem echten, lebendigen Löwen bei seinem Auftritt zuzuschauen?

Seit Lilly denken konnte, hatte es immer wieder Zeiten gegeben, wenn das Licht aus war und sie sich in ihr Bett gekuschelt hatte, in denen ihr unaufhörlich die Vorstellung im Kopf herumgegangen war, wie es wohl wäre, ihre Kammer zu verlassen und die Treppe hinabzusteigen. Sie hatte genügend Bücher gelesen, um zu wissen, dass Häuser mehr als ein Stockwerk besaßen, und sie stellte sich vor, wie sie heimlich über den Dachboden schlich, ein Treppenhaus fand und dann die unteren Etagen von Blackwood Manor durchstreifte, um schließlich durch die Haustür hinauszugehen. Sie stellte sich vor, mit den Füßen auf der nackten Erde zu stehen, tief einzuatmen und zum ersten Mal in ihrem Leben etwas außer altem Holz, Spinnweben und warmem Staub zu riechen.

Eines ihrer Lieblingsspiele bei Daddys wöchentlichem Besuch war es, die verschiedenen Gerüche an seiner Kleidung zu erraten. Manchmal roch er nach Pferden und Heu, manchmal auch nach Schuhcreme oder Rauch, frisch gebackenem Brot oder – wie hatte er dieses Zeug genannt, das eine Mischung aus Zitronen und Zedern sein sollte? Kölnischwasser? Was auch immer es war, es roch jedenfalls gut.

Daddy hatte ihr von der Welt da draußen erzählt, außerdem hatte sie in Büchern darüber gelesen, doch sie hatte keine Ahnung, wie sich Gras zwischen den Zehen oder Baumrinde in der Hand anfühlte. Sie wusste, wie Blumen dufteten, da Daddy ihr jeden Frühling ein Blumensträußchen mitbrachte. Doch sie wollte durch eine Wiese voller Löwenzahn und Gänseblümchen laufen, Erde und Tau an ihren bloßen Füßen spüren. Sie wollte Vögel singen hören und das Geräusch des Windes im Ohr haben. Sie wollte einen Lufthauch und die Sonne auf ihrer Haut fühlen. Sie hatte so viel über Pflanzen und Tiere gelesen und könnte sie alle benennen, hätte sie nur die Möglichkeit dazu. Doch außer Abby und den Mäusen, die im Winter an der Sockelleiste entlangliefen, hatte sie noch nie ein Tier aus der Nähe gesehen. Ihr zweites Lieblingsspiel war es, sich Orte in ihrem Weltatlas auszusuchen und dann alles darüber zu lesen, was sie fand, um beim Einschlafen eine Reise dorthin zu planen und zu überlegen, was sie alles tun und sich anschauen würde, wenn sie einmal dorthin käme. Ihr Lieblingsland war Afrika; sie stellte sich vor, dort die Löwen, Elefanten und Giraffen zu beobachten. Und manchmal malte sie sich aus, wie sie das Dachfenster aufbrach, hinauskrabbelte, an der Seite des Hauses hinunterkletterte und dann zum Stall hinüberhuschte, um sich die Pferde anzuschauen. Denn nach allem, was sie in den Büchern über Pferde gelesen hatte, waren das ihre Lieblingstiere. Natürlich von Katzen einmal abgesehen. Pferde waren nicht nur stark und wunderschön, sie zogen auch Wagen, Schlitten und Pflüge. Sie ließen Menschen auf ihrem Rücken reiten und konnten den Weg zurück nach Hause finden, wenn die Menschen sich einmal verlaufen hatten. Daddy behauptete immer, dass die Pferde von Blackwood Manor zu weit vom Dachbodenfenster entfernt seien, als dass sie bestimmen könnte, wie welches Pferd hieß, daher dachte sich Lilly eigene Namen für sie aus – Gypsy, Eagle, Cinnamon, Magic, Chester, Samantha, Molly und Candy. Wie gern hätte sie sich ihnen einmal genähert, ihre Mähnen gestreichelt und wäre auf ihrem Rücken über die Felder geritten! Wenn da nur nicht diese dummen Metallgitterstäbe vor dem Fenster wären, von denen Momma behauptete, sie seien dort nur zu ihrem Besten. Dann erinnerte sie sich an Mommas Warnung, und so schnell, wie die Träume aufgetaucht waren, verwandelten sie sich in Albträume.

»Die Gitterstäbe sind da, um dich zu schützen«, sagte Momma. »Wenn jemand hereinkäme und dich sähe, hätte er nur Angst vor dir und würde versuchen, dir wehzutun.«

Als Lilly fragte, warum irgendjemand Angst vor ihr haben sollte, antwortete Momma, weil sie ein Monster sei, eine Abscheulichkeit. Lilly wusste nicht, was eine Abscheulichkeit war, aber es klang schlimm. Sie ließ die Schultern hängen und seufzte in die Stille des Raums hinein. Für sie würde es keinen Zirkus geben. Weder jetzt noch sonst irgendwann. Auch würde sie niemals den Dachboden verlassen dürfen. Die einzige Chance, die Welt zu sehen, boten ihr die Bücher. Daddy sagte, die Welt da draußen sei nicht so wunderbar, wie sie denken würde, und sie solle froh sein, ein warmes Bett und genug zu essen zu haben. Viele Leute hätten weder ein Dach über dem Kopf noch eine Arbeit und müssten für ein wenig Brot und eine Suppe Schlange stehen. Dann erzählte er ihr eine Geschichte, die von Banken und Geld und irgendeinem Zusammenbruch handelte, doch Lilly verstand nicht, wovon er da redete. Und besser ging es ihr dadurch auch nicht.

Lilly nahm Abby auf den Arm und setzte sich mit ihr auf das Eisenbett, das sich in einem mit Tapete verzierten Alkoven unter einer gerundeten Decke befand. Ihre Nachttischlampe warf lange Schatten auf den Dielenboden, was bedeutete, dass es bald dunkel sein würde und es höchste Zeit wurde, das Licht auszumachen. Sie wollte das nicht wieder vergessen und dann von Momma eine weitere Lektion erteilt bekommen. Momma hatte sie hundertmal davor gewarnt: Wenn jemand das Licht sah und man sie hier oben fand, würde man ihnen Lilly wegnehmen, sodass Lilly Momma, Daddy und Abby niemals wiedersehen würde. Doch in der vergangenen Woche hatte sie eines Abends ein neues Buch angefangen und darüber völlig vergessen, das Licht zu löschen.

Lilly setzte die Katze aufs Bett und betrachtete die Narben auf ihren Fingern. Daddy hatte recht, durch die Tinktur ging es ihr schon besser. Aber oh weh, wie die Flamme von Mommas Laterne sie verbrannt hatte!

»Wer mit der Rute spart, verzieht das Kind«, hatte Momma erklärt.

Lilly hatte eigentlich fragen wollen, ob irgendetwas in der Bibel darüber stand, auf die Lampe zu verzichten, aber sie traute sich nicht. Von ihr wurde erwartet, dass sie wusste, was in der Bibel stand.

»Ich frage mich, was Momma wohl tun würde, wenn sie wüsste, dass ich statt der langweiligen alten Bibel Daddys Bücher lese?«, fragte sie Abby. Die Katze rieb den Kopf an Lillys Arm, rollte sich zusammen und schlief abermals ein.

Schnell nahm Lilly die Bibel vom Nachttisch – sie traute sich nicht, sie irgendwo anders hinzulegen –, schob das Lesezeichen ein paar Seiten weiter und legte die Bibel wieder zurück. Momma würde prüfen, wie viel sie diese Woche gelesen hatte. Und wenn das Lesezeichen dann noch an derselben Stelle wäre, würde sie Ärger bekommen. Denn laut Momma waren die Heilige Schrift und das Kruzifix, das über ihrem Bett an der Wand hing, das Einzige, was Lilly für ein glückliches Leben brauchte.

Alles andere in dieser Kammer stammte von Daddy – so auch der geflochtene Weidentisch, der mit Spitzendeckchen, Silbertablett und Porzellantässchen vollständig für eine Teegesellschaft gedeckt war. Ebenso der dazu passende Schaukelstuhl und der Teddybär, der auf einem blau gepolsterten Stuhl neben ihrem Kleiderschrank saß. Das Puppenhaus mit den Miniaturmöbeln und den Püppchen, die kerzengerade dasaßen. Die kleinen Bauernhoftiere, die auf der Ablage über ihrem Bücherregal aufgereiht waren und alle in die gleiche Richtung schauten, als würden sie gleich ein Lied anstimmen. Drei Porzellanpuppen, von denen eine sogar die Augen öffnen und schließen konnte, mit spitzenbesetzten Kleidchen in einem Korbwagen. Und natürlich das Regal voller Bücher. Eine Weile hatte es so ausgesehen, als würde Daddy ihr alles schenken – bis Lilly das Märchen von Schneewittchen gelesen und ihn um einen Spiegel gebeten hatte.

Manchmal, wenn sie sicher war, dass alle schliefen, und draußen vor dem Fenster nichts als Finsternis herrschte, machte sie mitten in der Nacht das Licht an und versuchte, ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe zu betrachten. Doch es starrte ihr lediglich eine verschwommene, geisterhafte Maske entgegen, während sich die gewundenen Metallstäbe draußen wie Schlangen über Lillys Haut schlängelten. Sie starrte ihr weißes Spiegelbild an, berührte die Stirn, Nase und Wangen und versuchte verzweifelt, eine Geschwulst oder ein fehlendes Körperteil zu finden, doch nichts stand hervor oder war nach innen gedrückt. Wenn sie Daddy fragte, was mit ihr nicht stimmte, erwiderte er nur, in seinen Augen sei sie wunderschön und dies sei alles, was zähle. Doch wenn er das sagte, schaute er sie so komisch an, weshalb Lilly nicht glaubte, dass er ihr die Wahrheit sagte. Er würde mächtig Schwierigkeiten bekommen, wenn Momma das herausfände. Denn laut Momma war Lügen eine Sünde.

Gut, dass Lilly Daddy niemals verraten würde. Schließlich war er derjenige, der ihr Lesen und Schreiben und auch ein wenig Rechnen beigebracht hatte. Er war derjenige, der die Wände ihrer Kammer mit einer Rosentapete verschönert hatte und ihr neue Kleider und Schuhe kaufte, wenn ihr die alten zu klein wurden. Er war derjenige, der ihr Abby mitgebracht hatte und Lilly in andere Bereiche des Dachbodens ließ, damit sie gehen und sich recken konnte. Einmal hatte er sogar einen Plattenspieler zum Ankurbeln mit heraufgebracht und versucht, ihr Charleston und Tango beizubringen, aber es hatte sie zu sehr angestrengt, sodass sie aufhören mussten. Sie liebte jedoch die Musik und flehte ihn an, ihr den Plattenspieler dazulassen. Doch er nahm ihn wieder mit hinunter, da Momma böse geworden wäre, wenn sie es herausgefunden hätte.

Momma brachte Essen und lebensnotwendige Dinge, aber keine Geschenke. Sie kam jeden Morgen in Lillys Kammer – mit Ausnahme der Tage, an denen sie es vergaß – und stellte ein Tablett mit Toast, Milch, Eiern, Sandwiches, Äpfeln und Keksen hin, die Lilly über den Tag hinweg essen sollte. Lilly bekam Seife und saubere Handtücher, und Momma erinnerte sie stets daran, vor jeder Mahlzeit zu beten. Jeden Abend stand sie mit einem Schlüsselring in der Hand in der Tür und wartete darauf, dass Lilly sich vors Bett kniete, Gott um Vergebung all ihrer Sünden bat und ihm dafür dankte, dass er ihr eine Mutter geschenkt hatte, die sich so gut um sie kümmerte. Davon abgesehen kam Momma niemals in ihr Zimmer, um einfach nur zu reden oder ein wenig Spaß zusammen zu haben. Anders als Daddy sagte sie auch nie, dass sie Lilly lieb hatte. Lilly würde niemals ihren siebten Geburtstag vergessen, als sich ihre Eltern draußen vor ihrer Kammertür gestritten hatten.

 

»Du verziehst sie mit all deinen Geschenken«, hatte Momma Daddy vorgeworfen. »Es ist eine Sünde, wie viel du ihr schenkst.«

»Es tut doch niemandem weh«, hatte Daddy entgegnet.

»Dennoch müssen wir aufhören, Geld auszugeben.«

»Bücher sind nicht so teuer.«

»Mag sein, aber was machst du, wenn sie anfängt, Fragen zu stellen? Was, wenn sie nach unten kommen oder nach draußen gehen will? Wirst du dann Nein sagen?«

Zuerst hatte Daddy nichts darauf geantwortet, sodass Lilly schon Hoffnung geschöpft hatte. Vielleicht würde er sie trotz allem einmal mit nach draußen nehmen. Dann jedoch hatte er sich geräuspert. »Was soll sie denn sonst da drinnen machen? Wir könnten wenigstens versuchen, ihr einen normalen Geburtstag zu ermöglichen. Es ist nicht ihr Fehler, dass sie …«

Momma hatte gekeucht. »Es ist nicht ihr Fehler? Wessen denn dann? Etwa meiner?«

»Das habe ich damit nicht gemeint«, hatte Daddy entgegnet. »Niemand ist schuld daran. Manchmal geschehen diese Dinge eben einfach.«

»Nun, wenn du von Anfang an auf mich gehört hättest, hätten wir jetzt nicht …« Sie machte ein komisches Geräusch, als wären ihr die Worte im Hals stecken geblieben.

»Sie ist immer noch unsere Tochter, Cora. Abgesehen von dieser einen Sache ist sie vollkommen normal.«

»An dem, was sich da auf der anderen Seite der Tür befindet, ist ganz und gar nichts normal«, hatte Momma widersprochen, wobei sich ihre Stimme überschlagen hatte.

»Das stimmt nicht«, hatte Daddy protestiert. »Ich habe mit Dr. Hillman gesprochen, und er sagte …«

»Du meine Güte! Bitte sag, dass du das nicht getan hast! Wie konntest du mich so verraten?«, hatte Momma daraufhin geschrien.

»Na, na, Liebes, schon gut. Ich habe niemandem etwas gesagt. Ich habe nur Dr. Hillman gefragt, ob er so etwas schon einmal gesehen hat, ob er schon einmal ein …«

Mommas Schluchzer hatten seine Worte übertönt, und Lilly hatte ihre Schritte gehört, wie sie über den Dachboden davongeeilt war.

»Liebes, warte doch!«, hatte Daddy ihr hinterhergerufen.

Am nächsten Tag hatte Lilly damit aufgehört, vor jedem Essen zu beten; Momma hatte sie davon nichts verraten. Seitdem hatte sie ihre Befehle insgeheim auf jede nur mögliche Art und Weise missachtet. Momma hatte gesagt, es sei böse, sich den eigenen nackten Körper anzusehen, und sie hatte Lilly dazu gezwungen, die Augen zu schließen, wenn sie einmal wöchentlich mit einem Schwamm abgewaschen wurde, bis sie alt genug war, dies selbst zu tun. Nun betrachtete Lilly ihre milchig weißen Arme und Beine, wenn sie sich wusch, und musterte ihren dünnen weißen Leib und die rosafarbenen Brustwarzen. Hinterher schämte sie sich, aber sie war nicht absichtlich böse. Sie wollte einfach nur herausfinden, was sie zum Monster machte. Das Einzige, was sie mit Gewissheit sagen konnte, war, dass ihre Eltern anders aussahen als sie selbst. Momma hatte lockiges blondes Haar und eine rosige Haut; Daddy trug einen schwarzen Schnäuzer, hatte schwarzes Haar und eine sonnengebräunte Haut; Lillys Haut dagegen war weiß wie Mehl, und ihr langes, glattes Haar besaß die Farbe und Beschaffenheit von Spinnweben. Es war, als hätte Gott vergessen, ihr Farbe zu verleihen. War es das, was sie zum Monster machte? Oder etwas anderes?

 

In der Hoffnung, morgen mehr von dem Zirkus zu sehen zu bekommen, zog sie nun ihr Nachthemd an, kletterte ins Bett und löschte das Licht. Erst da wurde ihr bewusst, dass Momma gar nicht heraufgekommen war, um sich zu vergewissern, dass sie ihr Nachtgebet auch wirklich sprach.

Lilly rollte sich neben Abby zusammen und zog sie nah an sich heran. »Wahrscheinlich ist sie im Zirkus«, murmelte sie und schloss die Augen.

 

In der nächsten Nacht, nachdem Lilly den Zirkus zum ersten Mal von ihrem Fenster aus gesehen hatte, riss sie das Klappern eines Schlüssels in der Tür aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf und tastete nach der Nachttischlampe, hielt dann jedoch inne, die Finger auf dem Schalter. Es war mitten in der Nacht, und wenn Momma das Licht sah, würde Lilly richtig Ärger bekommen. Vielleicht hatte Momma irgendwie herausgefunden, dass sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, durch ihr Fernrohr den Zirkus zu beobachten, anstatt ihr Zimmer aufzuräumen und die Bibel zu lesen. Durch das Fernrohr sah der Zirkus winzig klein aus, und sie konnte längst nicht jedes Detail erkennen, doch ganz gleich, wie Momma sie bestrafen würde: Es war die Sache wert gewesen, dabei zuzuschauen, wie die Elefanten und Giraffen unter das große Dach gebracht worden waren. Es war es wert gewesen, die Menschenmenge draußen vor den Zelten und die Parade der Wagen, Clowns und kostümierten Darsteller zu beobachten. Es war der aufregendste Tag in ihrem Leben gewesen, und nichts würde ihr diesen Tag verderben können. Sie zog die Hand von der Lampe zurück und berührte mit dem Daumen die Finger, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei, vier. Die Tür öffnete sich, und Momma schob sich durch den Spalt, eine Öllampe in der Hand. Lilly beobachtete sie, wobei sich ihr Magen vor Angst zusammenzog. Sonst kam Momma nie so spät in ihr Zimmer. Selbst Abby hob ihren Kopf und war anscheinend ebenfalls überrascht, Momma hier zu sehen.

Momma – Daddy sagte, ihr richtiger Name laute Coralline – war eine hochgewachsene, schöne Frau, die ihr langes blondes Haar auf beiden Seiten stets nach hinten gesteckt trug. Der Ehering an der linken Hand war ihr einziger Schmuck, und im Namen der Sittsamkeit und Bescheidenheit sowie zur Ehre Gottes trug sie ausschließlich schlichte Röcke und vernünftige Schuhe. Daddy sagte, Momma ziehe sich die besten Kleider und Pelze an, wenn sie zu wichtigen Abendessen und Gesellschaften gehe, jedoch nur, weil jedermann da draußen dies so erwarte. Lilly verstand nicht, warum Momma ihr Aussehen veränderte, doch Daddy meinte, das sei in Ordnung. Einmal hatte Daddy ihr ein Bild von Momma gezeigt, auf dem sie sich in Schale geworfen hatte, doch Lilly hatte sie darauf gar nicht erkannt.

Daddy erzählte gern die Geschichte, wie er Momma zwischen dem Stall und dem runden Pferch entdeckt hatte. Dort hatte sie auf einem Fass gesessen und den Pferden beim Grasen auf der Weide zugeschaut. Mommas Vater, ein pensionierter Priester der Pfingstgemeinde, der davon träumte, ein Gestüt zu besitzen, war hergekommen, um einen Zuchthengst zu kaufen. Daddy fand, dass Momma das schönste Mädchen war, das er je gesehen hatte. Doch es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis sie mit ihm sprach, und noch ein weiteres halbes Jahr, bevor sie endlich einwilligte, mit ihm zu Abend zu essen. Aus irgendeinem Grund trauten Mommas Eltern Daddy nicht. Doch schließlich spazierten Momma und Daddy Hand in Hand durch die Apfelplantagen, und dann heirateten sie. Wenn Daddy zu diesem Teil der Geschichte gelangte, wurde sein Gesichtsausdruck immer ganz traurig, und er sagte, dass Momma es als Kind und Jugendliche zu Hause nicht leicht gehabt habe.

Nun trat Momma in einem geblümten Kleid und rosafarbenen Schuhen mit hohen Absätzen in Lillys Kammer. Ihre Lippen waren rot geschminkt, dazu trug sie einen gelben Hut. Lilly konnte den Blick nicht von ihr abwenden. So hatte sie Momma noch nie gesehen, jedenfalls nicht persönlich. Mommas Wangen waren gerötet, und sie atmete schwer, als sei sie die Treppe heraufgelaufen.

Lilly drehte sich der Magen um. Daddy sollte erst morgen aus Pennsylvania zurückkommen, und er hatte ihr versprochen, dass sie dann als Allererstes ihre Geburtstagsgeschenke bekommen würde. Schon vor langer Zeit hatte er ihr erklärt, dass sie sich keine Sorgen zu machen bräuchte, wenn er und Momma ausgingen, da seine Gehilfen immer unten seien, falls sich einmal jemand wegen eines Pferdes melden sollte. Wenn Daddy und Momma etwas »zustoßen« würde, würde der Gehilfe einen Brief lesen, der in Daddys Schreibtisch lag. Dann würde er Lilly auf dem Dachboden finden und wissen, was zu tun sei. Lilly wusste zwar nicht so genau, was »zustoßen« bedeutete, doch sie ahnte, dass es nichts Gutes war. Was, wenn Momma nun gekommen war, um ihr zusagen, dass Daddy etwas »zugestoßen« war und er nie mehr zurückkehren würde?

Lilly fuhr mit der Zunge an jedem einzelnen Zahn entlang und zählte, während sie darauf wartete, dass Momma endlich etwas sagte. Eins, zwei, drei, vier …

Dann lächelte Momma.

Momma lächelte nie.

»Ich habe eine Überraschung für dich«, verkündete sie.

Lilly blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Daddy brachte Überraschungen mit, nicht Momma. »Wo ist Daddy?«, brachte sie gerade so eben über die Lippen.

»Zieh dich an«, befahl Momma. »Und beeil dich, wir haben nicht viel Zeit.«

Lilly schob ihre Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. Abby setzte sich auf, streckte die Vorderbeine aus und tapste mit ihren Pfoten auf der Bettdecke herum. »Kommt mich jemand besuchen?«, fragte Lilly.

Außer ihren Eltern hatte noch nie irgendwer diese Kammer betreten. Eines Winters war sie krank geworden, sodass Daddy einen Arzt rufen wollte, doch Momma hatte sich gewehrt, weil der Doktor sie mitnehmen und »wegbringen« würde. Also hatte Daddy drei Tage lang Lillys Stirn abgewischt sowie mit Senfpulver eingerieben und warme Brustwickel gemacht. Niemals würde sie seinen traurigen Gesichtsausdruck vergessen, als sie aufgewacht war und ihn gefragt hatte: »Daddy, wohin würde man mich ›wegbringen‹?«

»In eine Anstalt für kranke Menschen«, hatte Daddy erwidert. »Aber mach dir keine Sorgen, du bleibst hier bei uns.«

Jetzt beobachtete Momma, wie Lilly ihr Kleid von der Rückenlehne des Schaukelstuhls nahm. Lilly bekam weiche Knie. Was, wenn jemand kam, um sie »wegzubringen«?

Momma gluckste. »Nein, Lilly, es kommt dich niemand besuchen.«

Lilly warf Momma einen Blick zu, sie hatte ein flatteriges Gefühl im Magen. Momma lachte nie. Vielleicht hatte sie von dieser seltsamen Flüssigkeit getrunken, die Daddy manchmal in einem silbernen Gefäß mit nach oben in ihre Kammer brachte. Lilly hatte keine Ahnung, welches Getränk es war, doch seine Augen wurden dann immer ganz glasig, und sein Atem roch danach seltsam. Manchmal lachte er dann mehr als sonst. Wie nannte er es? Whisky? Nein, das war unmöglich. Momma würde niemals Whisky trinken. Alkohol zu trinken, war eine Sünde.

»Warum muss ich mich anziehen, Momma?«

»Du hast heute Geburtstag, erinnerst du dich?«

Lilly runzelte die Stirn. Momma waren Geburtstage egal. »Ja«, brachte sie mühsam hervor.

»Und ich bin sicher, dass du draußen den Zirkus gesehen hast.«

Lilly nickte.

»Nun, da gehen wir jetzt hin.«

Lilly starrte Momma mit offenem Mund an. Ihre Beine zitterten auf einmal, ebenso die Arme. »Aber … was … was ist, wenn mich jemand sieht?«

Wieder lächelte Momma. »Keine Sorge, das Zirkusvolk ist es gewohnt, Leute wie dich zu sehen. Niemand außer den Darstellern wird dort sein. Denn gegen meinen Willen hat dein Vater sich durchgesetzt und den Zirkusbesitzer dafür bezahlt, eine besondere Vorstellung für dich zu veranstalten.«

Gänsehaut breitete sich auf Lillys Armen aus. Irgendetwas fühlte sich komisch an, doch sie konnte nicht genau sagen, was. Sie blickte zu Abby hinüber, als wüsste vielleicht die Katze die Antwort. Doch Abby starrte ihr nur mit neugierigem Blick entgegen. »Daddy hat aber gesagt, dass er erst morgen zurückkommt«, entgegnete Lilly.

Momma lächelte, doch der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich. Und die obere Gesichtshälfte sah aus wie in Situationen, wenn Lilly großer Ärger bevorstand. Die untere Hälfte hingegen, als hätte Lilly diesen Menschen noch nie zuvor gesehen. »Er ist früher heimgekommen«, erwiderte Momma.

»Wo ist er denn dann?«, fragte Lilly. »Er kommt doch immer gleich zu mir, wenn er zu Hause ist.«

»Er wartet drüben beim Zirkus auf uns. Und jetzt beeil dich!«

»Warum kommt er dann nicht und holt mich?«

Daraufhin stürmte Momma auf sie zu und hob in einer jähen Bewegung die Hand. Diese traf Lilly quer über die Wange, sodass sie zu Boden fiel. Abby sprang zur Seite und kroch mit angelegten Ohren zur Wand.

»Du undankbare Ausgeburt des Teufels!«, schrie Momma. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht an mir zweifeln sollst?«

»Es tut mir leid, Momma«, rief Lilly weinend.

Momma trat ihr mit dem Fuß in die Seite. »Was habe ich getan, dass ich mit dieser Plage gestraft bin?«, zischte sie. »Jetzt runter auf die Knie und beten!«

»Aber Momma …« Lilly schluchzte so heftig, dass sie nicht aufstehen konnte und kaum Luft bekam. Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, während sie zum Bett kroch und sich daran hochzog. Dabei pfiff und rasselte die Luft in ihrer Brust.

»Senk den Kopf und bitte um Vergebung!«, befahl Momma.

Lilly faltete die Hände unter ihrem Kinn zusammen und zählte dabei die Finger. Eins, zwei, drei, vier. »Lieber Gott«, stieß Lilly zwischen ihrem pfeifenden Atem hervor. Fünf, sechs, sieben, acht. »Bitte vergib mir, dass ich an meiner Momma gezweifelt habe und dass ich ihr auf so viele Arten das Leben schwer mache.« Neun, zehn. »Ich verspreche, mich ab jetzt auf dem rechten Weg zu halten. Amen.«

»Und nun zieh dich an«, trieb Momma sie an. »Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Lilly erhob sich und zog sich mit zitternden Händen die Unterwäsche an, bevor sie sich ihren gewohnten Spielkittel über den Kopf streifte. Die Seite, wo Momma sie getreten hatte, tat ihr weh, und ihr lief die Nase.

»Nicht das«, ordnete Momma an. »Such ein besseres Kleid.«

Lilly zog den Spielkittel wieder aus und humpelte zum Schrank. Sie zog ihr Lieblingskleidungsstück hervor, ein gelbes Satinkleid mit einem Kragen aus Spitze und Rüschenärmeln. »Ist das hier gut?«, fragte sie und hielt das Kleid hoch.

»Das wird reichen. Jetzt such deine besten Schuhe raus. Und kämm dir die Haare.«

Lilly zog das Kleid an und band den Gürtel auf dem Rücken. Dann kämmte sie sich das Haar – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Bürstenstriche – und setzte sich anschließend aufs Bett, um die Lacklederschuhe überzustreifen. Abby sprang zu ihr aufs Bett und rieb sich an Lillys Arm. Lilly streichelte sie kurz, erhob sich und stand dann mit schmerzenden Rippen und klopfendem Herz in der Mitte der Kammer. Momma öffnete die Tür, trat beiseite und wartete darauf, dass Lilly hindurchging.

Auf diesen Moment hatte Lilly ihr ganzes Leben lang gewartet. Doch jetzt wollte sie mehr als alles andere auf dem Dachboden bleiben. Sie wollte nicht nach draußen. Sie wollte nicht in den Zirkus gehen. Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust wurde stärker und stärker.

»Lass uns gehen«, sagte Momma streng. »Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Lilly schlang die Arme um den Oberkörper und ging auf die Tür zu, während sie keuchend große Mengen Luft einatmete. Dann hielt sie inne und blickte zu Abby zurück, die ihr vom Fußende des Bettes zuschaute.

»Die Katze wird hier auf dich warten, bis du zurückkommst«, erklärte Momma. »Und jetzt beweg dich!«

 

 2    Julia

November 1956

Hatfield, Long Island

 

Die achtzehnjährige Julia Blackwood sah sich im Supermarktgang verstohlen nach links und rechts um, ob auch niemand sie beobachtete. Der Laden war klein, vielleicht nur knapp zehn Meter breit und zwölf Meter lang, und sie konnte über die Regale hinweg in jede Ladenecke schauen. Ein pickeliger Teenager saß auf einem Stuhl hinter der Verkaufstheke, kaute Kaugummi und starrte auf einen Schwarz-Weiß-Fernseher, der über der Kasse hing. Ein Radio im Regal hinter ihm spielte Only Fools Fall in Love von Elvis Presley, während eine grauhaarige Dame neben einer geöffneten Kühlschranktür Eier auf ihre Unversehrtheit hin überprüfte.

Julia holte tief Luft, ging in die Hocke und tat so, als müsse sie ihre fleckigen Leinenschuhe binden. Dann blickte sie sich ein letztes Mal verstohlen im Gang um, schnappte sich eine Dose Frühstücksfleisch vom mittleren Regal, ließ sie in ihre Tasche gleiten, richtete sich schnell wieder auf und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Der Junge hinter der Verkaufstheke kratzte gedankenverloren an einem Pickel herum, während sein Blick immer noch gebannt auf den Fernseher gerichtet war. Julia atmete erleichtert auf und ging ohne Eile den nächsten Gang entlang, während sie so tat, als würde sie die Lebensmittel sehr genau begutachten. Schnell nahm sie einen kleinen Apfel von der Auslage, ließ ihn in die Tasche gleiten und lief zur Verkaufstheke.

»Dürfte ich bitte den Schlüssel für die Kundentoilette haben?«, fragte sie den Jungen.

Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, griff der Junge unter die Verkaufstheke und reichte ihr einen Schlüssel, an dessen Bund eine braune Kaninchenpfote als Glücksbringer hing. Dann ließ der Junge eine Kaugummiblase knallen und grinste sie an. »Hab heute Morgen eine neue Seife hingelegt.«

Julias Wangen färbten sich dunkelrot, und sie musste dagegen ankämpfen, auf dem Absatz umzudrehen und fortzulaufen. Der Junge wusste genau, warum sie die Kundentoilette benutzen wollte. Es war bereits das vierte Mal in ebenso vielen Monaten, dass es in ihrem Zimmerchen über dem Schnapsladen kein fließendes Wasser gab – wenngleich dieses Mal durch zugefrorene Rohre und nicht wegen unbezahlter Rechnungen –, und sie hatte sich seit drei Tagen weder die Haare gewaschen noch geduscht. Natürlich würde bei der Arbeit niemand sagen können, ob sie nun gebadet hatte oder nicht, aber wer wollte sich schon gern ein Spiegelei und mit Röstzwiebeln bedeckte Burger von einer Kellnerin mit fettigen Haaren servieren lassen? Der Diner von Big Al war ohnehin schon so ein schmieriger Laden, dass dem nicht noch nachgeholfen werden musste. Sie schluckte ihren Stolz hinunter, nahm den Schlüssel von dem Jungen entgegen und stapfte in den hinteren Teil des Ladens.

In der kalten, grün lackierten Kundentoilette stank es wie im Inneren eines Mülleimers – nach verdorbenem Essen und miefigen Socken. Schmutz färbte die Fugen zwischen den zerbrochenen, zusammengestückelten Bodenfliesen dunkel, und ein gezackter gelber Riss verlief quer über die Toilettenbrille. Julia wusch sich die Hände in dem Waschbecken, das auf silberfarbenen Beinen stand, und trocknete sich mit den braunen Papiertüchern ab; dann aß sie den Apfel, so schnell sie konnte, während sie damit kämpfte, den beißenden Gestank von altem Urin zu ignorieren. Als sie damit fertig war, zog sie sich bis auf die Unterhose und den BH aus, legte die preiselbeerfarbene Kellneruniform gefaltet auf ihren Mantel und packte beides auf den Spülkastendeckel – der einzige Ort, der hier halbwegs sauber aussah. Bibbernd schrubbte sie sich das Gesicht und die Achselhöhlen mit den Papiertüchern und der Kernseife, bevor sie sich das Haar im Becken wusch und dabei versuchte, sich nicht komplett nass zu machen. Das Wasser war eiskalt, und die grobkörnige Seife sorgte dafür, dass sich ihr Haar wie Stroh anfühlte – doch wenigstens war es jetzt sauber. Nachdem die letzte Seife ausgewaschen war, benutzte sie erneut ein paar Papiertücher, um das überschüssige Wasser aus den Haaren zu drücken. Danach zog sie sich wieder an, bürstete sich Knoten aus dem Haar, drehte es zu einem Dutt hoch und betrachtete sich in dem angelaufenen Spiegel.

Das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit, seit sie vor drei Jahren von zu Hause weggelaufen war, ließ sich an den hervorstehenden Wangenknochen und den dunklen Ringen unter den Augen ablesen. Die sonnengebräunte, weiche Haut war blass und fahl geworden durch Schlaf- und Sonnenmangel. Sogar das helle Haar, das einmal weißblond wie Engelsflügel gewesen war, kam ihr nun dunkler und dünner vor. Die Fingernägel waren bis zum Nagelbett abgekaut, und die Schultern ragten spitz unter dem Stoff ihrer Uniform hervor. Julia trat näher an den Spiegel heran, um die gelben Überreste eines Veilchens rund um ihr linkes Auge zu begutachten. Zum Glück war es mittlerweile fast verschwunden. Wie bist du bloß an einem Ort wie diesem gelandet? Wie konnte es passieren, dass du Lebensmittel aus einem Supermarkt stehlen und dir die Haare in einer öffentlichen Toilette waschen musst? Du hättest ein Jahr länger warten und aufs College gehen sollen, weit weg von Blackwood Manor. Mutter hätte für alles bezahlt. Stattdessen hast du das Ausgehverbot nach neun Uhr abends und die Beichte am Sonntag gegen Doppelschichten und einen kontrollsüchtigen Freund eingetauscht, der dich schlägt und das Geld schneller zum Fenster hinauswirft, als du es verdienen kannst. Vielleicht hatte Mutter recht. Du wirst es zu nichts bringen. Welchen Sinn hat es dann, es überhaupt zu versuchen?

Mutter – mit all ihrer Verachtung und ihren knochigen Fäusten – war eine Frau, die Regeln aufstellte und Regeln befolgte. Und erwartete den gleichen Gehorsam von allen Menschen um sie herum. Zu den zahllosen Regeln von Blackwood Manor – wo gewisse Zimmer abgeschlossen blieben und der Zutritt zu ganzen Stockwerken verboten war – hatte Julia dreimal täglich beten, ihr Zimmer makellos rein halten, ihre Aufgaben pflichtbewusst erledigen, beste Schulnoten bekommen und die Richtlinien der Schule genau befolgen müssen. Sie konnte die Pferde ihrer Eltern aus der Ferne sehen, doch es war ihr nicht erlaubt, den Stall zu betreten. Denn schließlich war der Stall ein Betrieb und kein Spielplatz. Make-up, Tellerröcke, Caprihosen und hautenge Pullover waren inakzeptabel; Kleider mussten eine züchtige Länge aufweisen. Am allerwichtigsten jedoch war, dass sie niemals vergessen durfte, dass schlimme Dinge geschehen würden, wenn sie sich nicht an die Regeln hielt.

Nachdem sie sich den Großteil ihres Lebens gefragt hatte, warum ihre Eltern sie überhaupt bekommen hatten, schien ihr die einzige Lösung für alle Probleme zu sein, von zu Hause wegzulaufen. Ja, sie bekam Kleidung, Nahrung und alle materiellen Dinge, die sie brauchte. Doch Mutter war zu beschäftigt mit Beten, Saubermachen, Kochen und dem Aufstellen von Regeln, um ihr eine Orientierungshilfe zu sein oder Zuneigung zu schenken. Ihr Vater, den sie für den warmherzigeren von beiden hielt, nahm sie nur an Weihnachten und zum Geburtstag einmal in den Arm. Die meiste Zeit verbrachte er im Stall bei den Pferden oder trank in seinem Arbeitszimmer hinter verschlossenen Türen, während immer und immer wieder die gleiche verkratzte Schallplatte – Little White Lies – spielte.

Jahrelang hatte sie sich gefragt, was es wohl bedeutete, wenn ihr Vater wegfuhr, um wieder zu genesen oder Hilfe zu bekommen. Es war eine angespannte Zeit, noch mehr als sonst, eine Zeit des Weitermachens und Sich-Verstellens, des »Normal«-Seins und Nicht-Jammerns. Die Blackwoods offenbarten niemals ihr Seelenleben oder schütteten ihr Herz aus. Als Julia zwölf wurde, eröffnete Mutter ihr die Alkoholsucht ihres Ehemannes und erklärte, diese sei Julias Schuld, weil sie ein so schwieriges Kind sei.

Julia dachte an den Tag zurück, an dem ihr Vater gestorben war. Der Himmel war blau und wolkenlos gewesen. Eine sanfte Brise hatte geweht, die nach Kiefern geduftet hatte. Wer hätte schon damit gerechnet, dass er an einem so wunderschönen Tag starb?

Julia hatte den Kirchenbesuch ausfallen lassen, um zum See zu gehen. Es war der letzte Sommerferientag, ein schwüler Tag, genau richtig, um zu schwimmen. Eines der beliebten Mädchen der Schule hatte Julia endlich eingeladen, mit ihm und seinen Freundinnen zur Landbrücke mitzukommen. Als es Zeit geworden war, zur Kirche zu gehen, hatte sich Julia im Badezimmer eingeschlossen und so getan, als sei sie krank. Solange sie es schaffte, vor Mutters Rückkehr wieder hier zu sein, wäre alles gut.

Doch als Julia nach Hause kam, stand ein Polizeiwagen in der Einfahrt; die frühe Nachmittagssonne spiegelte sich in der verchromten Stoßstange und der Windschutzscheibe. Dann erblickte sie Mutter auf der Eingangstreppe, eine Hand am Geländer, woraufhin ihr das Herz in die Hose rutschte. Hatte sich Julia mit der Zeit vertan? Hatte etwa Mutter die Polizei gerufen, weil Julia bei ihrer Rückkehr nicht in ihrem Zimmer gewesen war? So oder so stand ihr eine Menge Ärger bevor. Als Mutter sie die Einfahrt hinauflaufen sah, kam sie die Stufen heruntergestürmt und auf sie zumarschiert. Ihr Gesicht war wutverzerrt, ihr langer Rock hatte sich um ihre Beine gewickelt.

»Wo bist du gewesen?«, schrie Mutter.

»Ich … ich …«, stotterte Julia.

»Raus mit der Sprache!«

»Ich war mit ein paar Freundinnen schwimmen. Heute ist der letzte Tag vor Schulbeginn, und sie haben mich noch nie eingeladen. Ich wusste, dass du mich nicht gehen lassen würdest, deswegen …«

Mutter schlug sie, fest und mitten ins Gesicht. »Ich habe dir doch gesagt, dass etwas Schlimmes passiert, wenn du dich nicht an die Regeln hältst!«

Julia presste eine Hand auf die Wange, ihre Augen brannten. »Was meinst du damit? Was ist passiert?«

Mutter tastete, ohne hinzuschauen, nach dem Geländer der Veranda; ihr Gesicht war plötzlich ganz grau. »Dein Vater …«

Julia fing an zu zittern. So hatte sie Mutter noch nie gesehen. »Was ist mit ihm?«, rief sie. »Bitte sag!«

»Dein Vater hatte einen Autounfall.«

Julia hielt den Atem an. »Geht es ihm gut?«

Mutter starrte sie an und schüttelte den Kopf, als könnte sie ihre eigenen Worte nicht glauben. »Er ist tot.«

Der Boden unter Julias Füßen schwankte mit einem Mal, und fast hätten ihre Knie nachgegeben. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu fallen. Doch dann wurde ihr klar, dass sie es irgendwie geschafft hatte, stehen zu bleiben. »Was ist passiert?«, hörte sie sich wie in Zeitlupe fragen.

»Er hat nach dir gesucht«, erklärte Mutter. Dann verzog sie das Gesicht. Die Trauer in ihren Augen verwandelte sich in Wut und Hass, der Mund verzerrte sich zu einem höhnischen Lachen. Dann hob sie die Arme und schlug mit ihren knochigen Fäusten auf Julias Kopf und Schultern ein. »Das ist deine Schuld!«, kreischte sie. »Das ist allein deine Schuld! Du bist schuld an allem!«

Julia riss die Arme hoch, um sich zu schützen, doch Mutters Schläge prasselten nur so auf ihren Kopf ein, auf die Brust und ins Gesicht, selbst nachdem sie Julia zu Boden geschlagen hatte. Am Ende zerrte die Polizei sie von ihr weg, jedoch erst, als Julias Lippe aufgeplatzt und ihre Wangen und Schultern mit Blutergüssen übersät waren.

In jener Nacht stahl Julia das Geld aus der Blechbüchse im Gewürzregal, ignorierte dabei den Blick von Jesus auf der Schmuckdose, packte ihre Tasche, verließ Blackwood Manor und schwor sich, nie wieder zurückzukehren. Ab jetzt würde es keine Ausgangsverbote mehr geben, keine strengen Regeln mehr, keine Abendgebete und wöchentlichen Beichten, keine abgeschlossenen Zimmer, keine Vorwürfe und Schuldzuweisungen wegen Vaters Trinkerei. Von diesem Tag an würde sie nur noch tun, was sie wollte. Julia würde ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Und sie würde nie mehr zulassen, dass irgendwer ihr für irgendetwas die Schuld gab.

Blieb nur die Tatsache, dass sich nichts wie geplant entwickelt hatte. Natürlich war die neue Freiheit zu Beginn großartig gewesen, als sie den Bus nach Long Island genommen und sich dort an der Strandpromenade mit Leuten angefreundet hatte. Nachdem sie ihren Schmuck versetzt hatte, war sie eine Meile vom Strand entfernt zusammen mit Kelly, einer Kellnerin aus einer Bar, und Tom, einem Veteranen aus dem Koreakrieg, in eine Wohnung gezogen. Die ersten Monate vergingen wie in einem Nebel aus Musik, Partys, Bier und Marihuana. Dann zog Kelly wieder nach Hause zurück, der Winter kam, die Strandpromenade schloss, und Julia ging das Geld aus. Sie konnte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wie es passiert war, doch sie und Tom zogen in ein billiges Zimmer in der Stadt um, und von da an war Schluss mit Spaß und Freude. Tom hatte Schwierigkeiten, über längere Zeit einen Job zu behalten, und er warnte sie immer wieder, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn sie ihren nicht behielt.

Julia verließ die Kundentoilette des Supermarkts, gab den Schlüssel mit der Kaninchenpfote dem pickeligen Jungen zurück und verließ den Laden. Beim Betreten des Supermarkts hatte es noch geschneit, doch inzwischen hatte es aufgehört.

Der Neuschnee ließ die Straßen heller und freundlicher wirken. Das Stadtviertel war immer noch heruntergekommen und schmutzig, überall lag Müll herum, doch insgesamt sah es nicht mehr ganz so schlimm aus wie gestern ohne den Schnee. Big Al’s Diner befand sich in der Nähe der Straßenecke und wurde von einem Schnapsladen mit Gitterstäben vor den Schaufenstern und einem Pfandleihhaus mit einem durchnässten, zerrissenen Teppich vor der Eingangstür flankiert.

Julia knöpfte den Mantel zu, zog den Kopf ein, um sich vor der Kälte zu schützen, und versuchte, den Schneematsch zu ignorieren, der durch ihre Leinenschuhe drang. Kurz berührte sie die Dose Frühstücksfleisch in ihrer Tasche, um sicher zu sein, dass sie immer noch da war, und wünschte sich, sie hätte dazu noch etwas anderes mitgehen lassen. Wenn sie in zehn Stunden von der Arbeit nach Hause ging, würde das Frühstücksfleisch auf einer Scheibe Weißbrot Toms und ihr Abendessen sein, genauso wie an den vier vergangenen Abenden. Heute war Zahltag, doch ihr komplettes Gehalt würde für die Miete draufgehen. Sonst stünden sie Ende der Woche auf der Straße.

Als sie den Diner erreichte, lief sie am Haupteingang vorbei, ging um die Ecke und bog in die dahinter liegende Gasse ein. Big Al hatte die fixe Idee, dass die Mitarbeiter nicht durch den Haupteingang kommen durften, als sei sein Diner ein feines Restaurant und nicht etwa ein billiges Schnellrestaurant. Der Geruch von Speck und Bratkartoffeln wehte durch die kalte Luft der Gasse, und trotz des Apfels, den sie vorher gegessen hatte, knurrte Julias Magen vor lauter Hunger. Ein Junge in einer zerrissenen Jeans und einem weißen T-Shirt wühlte im Müllcontainer neben der Treppe des Hintereingangs zum Diner. Neben dem Jungen schnüffelte ein dünner brauner Hund in der Luft und wartete geduldig darauf, dass sein Besitzer etwas zu essen fand. Als der Hund Julia erblickte, wedelte er mit dem Schwanz und trottete auf sie zu, ein Bündel aus Pfoten, Ohren und Fell. Julia bückte sich, um den Kopf des Hundes zu kraulen.

»Hey, Kumpel!«, begrüßte sie ihn. Dann richtete sie sich auf und wandte sich an den Jungen. »Du weißt ja, was Big Al mit dir macht, wenn er dich hier draußen noch mal erwischt, oder, Danny?«

Mit weit aufgerissenen Augen wirbelte der Junge zu ihr herum. »Ach, du bist das!« Erleichtert atmete er auf.

Er war neun Jahre alt, hatte haselnussbraune Augen und struppiges, kaffeebraunes Haar. Julia hatte ihn im vergangenen Jahr kennengelernt, als er mit seinem Hund vor dem Pfandleiher um Kleingeld gebettelt hatte.

»Wo ist dein Mantel?«, fragte sie ihn.

Danny zuckte mit den Schultern. »Den brauchte mein Bruder.«

»Ist dein Vater wieder arbeitslos?«

Danny nickte. »Und Mom ist krank.«

Julia holte die Dose Frühstücksfleisch aus der Tasche. »Hier, nimm das. Ich versuche, nach meiner Schicht mit mehr vorbeizukommen.«

Danny nahm die Dose, riss sie sofort auf, schüttete das gepresste Fleisch in seine Hand und biss ab. »Danke!« Dann brach er ein großes Stück ab und gab es dem Hund, der es mit einem Happs verschluckte.

»Gern geschehen«, erwiderte Julia. »Und jetzt verschwindest du hier besser.«

Danny grinste und lief die Gasse entlang, der dünne Hund ihm dicht auf den Fersen.

Julia stieg die Hintertreppe des Diners hinauf, klopfte an die Tür und trat einen Schritt zurück, um zu warten. Auf der anderen Seite der Tür ertönten Schritte auf dem gefliesten Boden. Jemand fummelte am Knauf herum, bis die Tür schließlich aufschwang. Vor ihr stand Sheila, eine der anderen Bedienungen.

»Wo warst du nur?«, flüsterte sie. »Deine Schicht hat vor zwei Stunden angefangen. Big Al ist kurz davor, dich rauszuschmeißen.«

Julia runzelte die Stirn. »Was meinst du damit? Mittwochs fange ich erst um zehn an!« Sie betrat den Diner und zog den Mantel aus.

»Heute ist Dienstag«, entgegnete Sheila.

»Mist!«, fluchte Julia. Sie hängte den Mantel an einen Haken, nahm eine Schürze vom Wäschekorb, der vor dem Kühlraum stand, band sie sich um und eilte in die Küche, während sie die Schürzenbänder im Rücken verknotete. Sheila folgte ihr.

Big Al kam durch die Schwingtür zwischen der Küche und dem Essbereich gelaufen. Seine Stirn war von Schweißperlen bedeckt, das grau melierte Haar hing ihm in den Augen. Wie sein Name schon erahnen ließ, war er ein großer Mann, über eins achtzig, mit breiten Schultern und kräftigen Beinen. Doch es war sein enormer Bauch, der ihm den Spitznamen »Big Al« eingebracht hatte. Mit einer speckigen Schürze bedeckt, hing er wie ein Belugawal über seinen Hosenbund.

»Na sieh mal einer an. Hat sich da doch noch jemand entschieden, heute zum Arbeiten aufzutauchen«, knurrte er wütend.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Julia. »Ich dachte, heute wäre Mittwoch.«

»Und ich dachte, es wär mein Geburtstag«, konterte Big Al. »Dass das der Grund ist, warum ich gleichzeitig bedienen und kochen muss.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Julia erneut. »Ich habe einen Fehler gemacht. Wird nicht noch mal vorkommen.«

Big Al grunzte. »Ganz richtig, das wird nicht noch mal vorkommen. Ich halte deinen Gehaltsscheck bis nächste Woche zurück. Vielleicht hast du bis dahin herausgefunden, ob du diesen Job hier willst oder nicht.«

»Aber ich …«, stammelte Julia. »Bitte, Al. Ich brauche das Geld für die Miete.«

»Darüber hättest du dir Gedanken machen sollen, bevor du zu spät zur Arbeit kommst«, erklärte Big Al. »Und jetzt halt die Klappe und beweg deinen Hintern!«

Julia biss die Zähne zusammen und passierte die Schwingtür zum Essbereich. Sowohl die Theke als auch fast jede Tischnische waren besetzt. Sheila kam aus der Küche und balancierte zwei Teller mit Spiegeleiern und einen Teller mit Pancakes in der einen Hand sowie einen Teller mit French Toast in der anderen.

»Kannst du die Theke übernehmen?«, bat sie Julia. »Nur bis der Frühstücksandrang vorbei ist?«

»Klar.« Julia nickte. Sie schnappte sich Block und Stift und schaute, wer an der Theke als Nächstes bedient werden musste. Ein Mann in einem schwarzen Jackett mit einem Filzhut saß am anderen Ende der Theke, die Speisekarte lag geschlossen vor ihm. Julia machte sich auf den Weg zu ihm.

»Könnte ich noch Kaffee nachgeschenkt bekommen?«, rief ein Kunde, als sie an ihm vorbeiging.

»Ja, Sir«, erwiderte sie. Dann ließ sie Stift und Block in ihrer Schürze verschwinden, nahm die Kaffeekanne, füllte den Becher des Mannes auf und ging anschließend zu dem Mann mit Filzhut weiter. Sie stellte einen weißen Becher vor ihn auf die Theke.

»Kaffee?«, fragte sie.

»Ja, bitte.«

Julia schenkte ihm ein, stellte die Kanne auf der Theke ab und holte dann wieder Block und Stift hervor.

»Miss?«, rief jemand vom anderen Ende. »Wo bleiben meine Pancakes?«

Julia zwang sich zu einem Lächeln. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

Genau in diesem Moment ertönte die Klingel über der Tür, und ein Mann in einem Nadelstreifenanzug und mit glänzenden Schuhen betrat den Diner. Er hielt einer Frau und einem kleinen Mädchen, die beide jeweils einen blauen Mantel trugen, die Tür auf. Das kleine Mädchen hielt die Hand der Frau, und beide lächelten, als sie in einer der Sitzgruppen Platz nahmen. Julia starrte sie an, während der Stift über dem Block in der Luft verharrte. Die kalte Luft draußen hatte ihre Nasenspitzen, die genau gleich aussahen, rot gefärbt und für ihre ebenso roten Apfelbäckchen gesorgt. Mutter und Tochter, dachte Julia. Die Mutter streifte ihre Handschuhe ab, lächelte und beugte sich über den Tisch, um dem Mädchen dabei zu helfen, die Fäustlinge auszuziehen. Das Mädchen fing an zu lachen, als die Mutter ihre Hände nahm und diese in ihren Händen rieb, um sie aufzuwärmen. Ob das kleine Mädchen wohl heute Geburtstag hat?, fragte sich Julia. Vielleicht gehen sie auch nur bummeln. Dann küsste die Mutter die Fingerspitzen des kleinen Mädchens, und Julia stiegen Tränen in die Augen. Sie suchte nach dem Mann im Nadelstreifenanzug, da sie annahm, dass er der Vater des kleinen Mädchens war. Doch er war in der Mitte des Diners stehen geblieben und sah sich um, als würde er nach jemandem suchen. Vielleicht hatte er sich verlaufen. Er sah nicht aus, als gehörte er in dieses Viertel.

»Ich hätte gern zwei beidseitig gebratene Spiegeleier«, erklärte der Mann vor ihr an der Theke. »Mit Toast und Butter.«

Julia blinzelte und sah den Gast an, als hätte sie kurzzeitig vergessen, wo sie war. Sie schüttelte den Kopf, um sich von ihren Gedanken loszureißen. »Äh, klar. Tut mir leid. Kommt sofort.«

Sie eilte in die Küche, um die Bestellung aufzugeben, und schalt sich selbst, dass sie sich derartig hatte ablenken lassen. Sie musste mit diesen Tagträumereien aufhören! Wenn Big Al sie dabei ertappte, wie sie Löcher in die Luft starrte, würde sie auf jeden Fall gefeuert, so viel stand fest. Doch manchmal konnte sie nichts dagegen tun. Der Anblick von Menschen, die sich so offensichtlich liebten, zog sie magisch an, insbesondere bei Eltern und ihren Kindern. Sie mochte es, wenn die Gesichter der Leute vor Zuneigung und bedingungsloser Liebe aufleuchteten – und die Tatsache, dass sie wussten, wie wichtig sie füreinander waren, ohne je ein Wort darüber verlieren zu müssen. Julia fragte sich, wie sich das wohl anfühlte.

»Ich habe schon vor zehn Minuten um Ketchup gebeten«, beschwerte sich eine Frau, als Julia an ihr vorbeieilte.

Julia griff nach einer Flasche Ketchup und stellte sie vor die Frau auf die Theke.

»Wo bleibt meine Rechnung?«, rief eine andere Frau.

»Ich schau schnell mal nach«, antwortete Julia. Sie legte die Bestellung auf die Durchreiche, klingelte und erkundigte sich nach den fehlenden Pancakes. Big Al reichte ihr einen Teller durch das Fenster und wischte sich die Stirn mit der Oberseite seines Arms ab, während er sie finster anstarrte. Julia nahm den heißen Teller entgegen und brachte ihn zu dem wartenden Kunden. Als sie zum anderen Ende der Theke zurückkehrte, stand dort der Mann im Nadelstreifenanzug hinter den Hockern. Julia reichte der Frau die Rechnung und wandte sich dann dem Mann zu, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sie sich.

»Ich suche Julia Coralline Blackwood«, erwiderte er.

Mit einem Schlag war Julias Mund wie ausgetrocknet. War er ein Cop? War er gekommen, um sie wegen des Diebstahls im Supermarkt zu verhaften? Mit beklommenem Gefühl lächelte sie. »Sie arbeitet heute nicht. Kann ich ihr etwas ausrichten?«

Der Mann griff in die Brusttasche seines Anzugs, holte ein Foto hervor und drehte es um, damit sie es sehen konnte. Julia spürte, wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht wich. Es handelte sich um ihr Highschool-Foto, aufgenommen in dem Jahr, als sie von zu Hause weggelaufen war. Wie war es in seinen Besitz gekommen? Und was wollte er?

»Ich bin Privatdetektiv, Miss Blackwood«, erklärte der Mann. »Ich bin vom Anwalt Ihrer Eltern angeheuert worden.« Wieder griff er in seine Tasche und zog dieses Mal einen Briefumschlag hervor. »Ich suche seit fast einem Jahr nach Ihnen. Das hier ist für Sie.« Er reichte ihr den Umschlag. »Einen schönen Tag«, sagte er, tippte sich grüßend an den Hut und verließ den Diner.

Julia starrte auf den Umschlag, ihre Hände zitterten. Mutter hatte sie gefunden.

»Der Zorn der Vergessenen« von Zygmunt Miloszewski

»Platz da, Skandinavien! Hier kommen die polnischen Ermittler.« schrieb vor einiger Zeit »The New York Times«. Und gemeint wurde dabei vor allem Zygmunt Miloszewski und der von ihm geschaffene Staatsanwalt Teodor Szacki, der in Warschau, Sandomierz und im Ermland ermittelt.

Über die Szacki-Reihe, von der allein in Polen über 1 Mio. Exemplare verkauft wurde und in 15. Ländern mit großem Erfolg erschienen ist, schrieb Le Monde: »Was für eine großartige Trilogie!« Nun liegt der letzte Band, »Der Zorn der Vergessenen«, endlich auch auf Deutsch vor. Es ist ein genialer Thriller mit gesellschaftspolitischem Hintergrund, der brisant-intelligente Hochspannung bietet: fesselnd, gefühlvoll und vom ersten bis zum letzten Satz überraschend.

Ein Buchtipp von Artur Bogdanowicz, Assistent der Geschäftsführung

Blick ins Buch
Der Zorn der VergessenenDer Zorn der Vergessenen

Teodor Szacki ermittelt

Als im Ermland, im Keller eines alten Bunkers, ein Skelett gefunden wird, glaubt Staatsanwalt Szacki an einen Routinefall. Doch dann stellt der Rechtsmediziner fest, dass es sich bei dem Toten um einen Mann namens Najman handelt, der bei lebendigem Leib in Natronlauge aufgelöst wurde. Und während das Skelett vollkommen unversehrt ist, fehlten Najman zu Lebzeiten zwei Finger. Wenig später überstürzen sich die Ereignisse und machen den Fall zu Szackis bislang persönlichstem: Seine Tochter wird entführt, und der einzige Hinweis auf ihren Verbleib ist ein Foto von dem Ort, an dem Najman ermordet wurde. Von jetzt an zählt jede Sekunde …

JETZT

Stellt euch ein Kind vor, das sich vor jenen verstecken muss, die es liebt. Es tut all das, was andere Kinder auch tun. Baut Türme aus Bauklötzchen, lässt seine Spielzeugautos zusammenkrachen, seine Plüschtiere miteinander reden und malt Häuser unter einer lachenden Sonne. Das Kind ist eben ein Kind. Aber die Angst macht, dass jetzt alles ganz anders aussieht. Die Türme stürzen nicht mehr ein. Die Autocrashs sind nur noch zaghafte Anstupser, keine Kracher mehr. Auch die Plüschtiere flüstern nur noch miteinander. Und das Wasser im Malbecher verwandelt sich rasch in eine Brühe von schmutzigem Grau. Das Kind hat Angst davor, hinauszugehen und das Wasser zu wechseln, und schließlich sind dann alle Farben mit der Brühe aus dem Becher verschmiert. Jedes weitere Häuschen, die lachende Sonne und die Bäumchen, alle tragen sie dasselbe böse Grauschwarz.

Von solcher Farbe ist an diesem Abend die ermländische Landschaft. Das verlöschende Dezemberlicht vermag keine Farben daraus hervorzuholen. Der Himmel, die Wand aus Bäumen, das Haus vor dem Wald und die sumpfige Wiese unterscheiden sich lediglich durch diverse Grautöne. Mit jeder Minute fließen sie immer mehr ineinander, bis sich schließlich die einzelnen Elemente nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Ein monochromes Nocturne aus durchdringender Kälte und Leere.

Schwer zu glauben, dass in dieser toten Landschaft im Inneren des schwarzen Hauses zwei Menschen leben. Der eine kaum noch, dafür der zweite auf ebenso intensive wie ermüdende Weise. Verschwitzt, keuchend, durch das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren halb taub, versucht er, gegen den Schmerz in den Muskeln anzukommen, um die Sache so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Er wird den Gedanken nicht los, dass so was in Filmen immer ganz anders aussieht. Sie sollten nach dem Abspann noch eine Warnung bringen: »Sehr geehrte Damen und Herren, wir weisen darauf hin, dass die Durchführung eines Mordes in Wirklichkeit tierische Kräfte, eine gute Koordination der Bewegungsabläufe und vor allem eine hervorragende Kondition erfordert. Bitte machen Sie das zu Hause nicht nach.«

Allein das Opfer festzuhalten, ist eine Leistung. Der Körper setzt sich auf jede erdenkliche Weise gegen den Tod zur Wehr. Das einen Kampf zu nennen, fällt schwer, es ist eher etwas zwischen Krämpfen und einem epileptischen Anfall, alle Muskeln sind angespannt, und die Behauptung, dass das Opfer mit der Zeit schwächer werde, wie sie in Büchern schreiben, ist völlig falsch. Je näher das Ende rückt, desto stärker und vehementer versuchen die Muskelzellen, das noch verbliebene Restchen Sauerstoff zu nutzen, um den Körper zu befreien.

Was heißt, dass man ihnen diesen Sauerstoff nicht geben darf, weil sonst alles wieder von vorn anfängt. Was heißt, es genügt nicht allein, das Opfer festzuhalten, damit es nicht entkommt, sondern man muss es noch zusätzlich würgen. Und dabei hoffen, dass das nächste Strampeln das letzte sein wird.

Indes scheint das Opfer einen nicht enden wollenden Vorrat an Kraft zu haben. Beim Mörder ist das Gegenteil der Fall. Der heftige Schmerz seiner überlasteten Muskeln in den Schultern wächst, seine Finger werden taub und fangen an, ihm nicht mehr zu gehorchen. Er sieht, wie sie nach und nach, Millimeter für Millimeter von diesem schwitzenden Hals abgleiten.

Er denkt, er schafft es nicht. Und im selben Moment erstarrt der Körper unter seinen Händen. Die Augen des Opfers brechen. Zu oft hat er in seinem Leben schon solche Augen gesehen, als dass er es nicht erkennen würde.

Trotzdem kann er seine Hände nicht fortnehmen, mit aller Kraft würgt er den Leichnam noch eine Zeit lang. Er begreift, dass es seine Hysterie ist, die ihn lenkt, aber dennoch drückt er immer fester zu, ohne auf den Schmerz in seinen Händen und Schultern zu achten. Plötzlich rutscht der Kehlkopf unter seinen Daumen auf unangenehme Weise weg. Erschrocken lockert er den Griff.

Er erhebt sich und betrachtet die Leiche zu seinen Füßen. Sekunden vergehen, Minuten. Je länger er so steht, desto unfähiger wird er, sich zu bewegen. Schließlich zwingt er sich, nach seinem Mantel über der Stuhllehne zu greifen und ihn sich überzustreifen. Er sagt sich immer wieder, wenn er jetzt nicht schnell zu handeln beginnt, gesellt sich sein eigener Leichnam zu dem Opfer am Boden dazu. Er wundert sich, dass das noch nicht geschehen ist.

Andererseits, denkt Staatsanwalt Teodor Szacki, ist es nicht das, was ich mir am meisten wünsche?

 

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ERSTES KAPITEL

Montag, 25. November 2013

Wissenschaftler haben an Mäusen nachgewiesen, dass man das männliche Y-Chromosom völlig eliminieren kann, ohne die Fähigkeit zur Fortpflanzung zu beeinträchtigen. Aus der polnischen Filmkomödie »Sexmission« ist somit eine wissenschaftliche Möglichkeit geworden. Die Welt blickt weiterhin auf die Ukraine, deren Regierung endgültig erklärt hat, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. In Kiew gehen Hunderttausende auf die Straße. Laut Statistik kennen mindestens 60% der Polen eine Familie, in der die Frau ein Opfer häuslicher Gewalt ist, 45% leben oder haben in einer Familie gelebt, in der es zu häuslicher Gewalt gekommen ist, 19% sind der Ansicht, Vergewaltigung in der Ehe gebe es nicht, und 11% meinen, es sei keine häusliche Gewalt, seine Ehefrau oder Lebensgefährtin zu schlagen. In seiner Testphase in Polen bricht der Pendolino einen neuen Geschwindigkeitsrekord: 293 km/h. Krakau, die Stadt mit der drittgrößten Luftverschmutzung in Europa, untersagt das Heizen mit Kohle. Die Einwohner von Olsztyn äußern sich dazu, was ihre Stadt am dringendsten braucht: Radwege, eine Sporthalle und ein wichtiges Festival. Und neue Straßen, um der Pest der Staus Herr zu werden. Eine kaum nennenswerte Unterstützung für den Bau des Straßenbahnnetzes, das Flaggschiff der städtischen Investitionen, lässt einen da schon staunen. Der stellvertretende Bürgermeister erklärt es so: »Mir scheint, viele Leute sind lange nicht mehr mit einer modernen Straßenbahn gefahren.« Der ermländische Herbst dauert an, es ist hässlich und grau, und egal, was das Thermometer anzeigt, alle spüren nur: Es ist verdammt kalt. Nebel hängt in der Luft, und in den Straßen herrscht überfrierende Nässe.

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Staatsanwalt Teodor Szacki vertrat nicht die Ansicht, dass jemand den Tod verdient hätte. Keiner durfte einem anderen das Leben nehmen, ganz unabhängig von den Umständen, egal ob die Tat gegen das Gesetz verstieß oder mit seinen Buchstaben übereinstimmte. Daran glaubte er ganz fest, seit er denken konnte, aber jetzt, als er an der Kreuzung von Żołnierska- und Bahnhofstraße stand, spürte er, wie sein Dogma ins Wanken geriet.

Auf der einen Straßenseite Wohnblöcke, auf der anderen das Krankenhaus, daneben ein paar Pavillons, vor denen eine riesige Reklamefahne einen »Fellmarkt« ankündigte. Szacki überlegte einen Moment, ob das nur ihm in seinem Beamtenkopf zweideutig vorkam. Eine typische Kreuzung in der Metropole der Woiwodschaft, zwei Straßen schneiden sich, weil sie es irgendwo müssen, hier fährt keiner langsamer, um das Stadtbild hinter dem Wagenfenster zu genießen, die Leute fahren einfach weiter und Schluss.

Das heißt, sie fuhren nicht weiter. Sie fuhren bis zur Kreuzung, hielten an und standen da wie die Schafe, während sie auf grünes Licht warteten. In der Zwischenzeit verschmolzen ihre Füße mit dem Pedal, während des Stopps wuchsen ihnen lange Bärte, die sich auf ihren Knien bauschten, und an den Fingerspitzen formten sich die Nägel zu Krallen.

Als er gleich nach seinem Umzug hierher in der Gazeta Olsztyńska gelesen hatte, das Individuum, das den Verkehr in der Stadt verwaltete, glaube nicht an die grüne Welle, weil die Leute sonst zu sehr beschleunigen würden, was wiederum eine Gefahr im Straßenverkehr darstellte, hatte er zunächst gedacht, das sei ein guter Witz. Es war kein Witz. Kurz darauf hatte er erfahren, dass in dieser letzten Endes nicht mal großen Stadt, die man zu Fuß in einer halben Stunde durchmessen konnte und in der sich der Verkehr auf breiten Straßen abspielte, alle pausenlos im Stau standen. Die Leute liefen zwar Gefahr, vor Wut vom Schlag getroffen zu werden, aber – und hier musste man dem Beamten recht geben – wenigstens stellten sie keine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer dar.

Außerdem glaubte man in den Kreisen der Obrigkeit nicht daran, dass die Einwohner von Olsztyn ganz normal links abbiegen konnten, indem sie zuerst die entgegenkommenden Autos vorbeiließen. Deshalb und aus Sorge um ihre Sicherheit war an fast jeder Kreuzung das Linksabbiegen nicht gestattet. Alle Zufahrtsstraßen zur Kreuzung bekamen ihrerseits nacheinander grünes Licht, während der Rest brav dastand und wartete. Sehr lange dastand und wartete.

Deshalb fluchte Szacki laut, als an der Bahnhofstraße zweihundert Meter vor seinem Citroën die Ampel auf Gelb umsprang. Keine Chance, es zu schaffen. Er stoppte, nahm den Gang raus und seufzte tief auf.

Vom Himmel herunter kam so ein ermländischer Scheiß, kein Regen, kein Schnee, keine Graupeln. Dieses Etwas gefror, sobald es die Frontscheibe berührte, und selbst auf höchster Stufe wurden die Scheibenwischer mit dieser geheimnisvollen Substanz nicht fertig. Die Flüssigkeit aus der Scheibenwischanlage verschmierte sie nur. Szacki konnte einfach nicht glauben, dass er an einem Ort lebte, wo derartige atmosphärische Erscheinungen möglich waren.

Er bedauerte, dass Polen keine überseeischen Kolonien hatte, sonst wäre er Staatsanwalt auf einer paradiesischen Insel geworden und hätte betagte Rentnerinnen dafür verfolgt, dass sie Kellner und Rumbalehrer zu sexuellen Handlungen nötigten. Obwohl – bei dem Glück, das er hatte, würde sich die einzige polnische Überseekolonie bestimmt auf einer Insel in der Barentssee befinden, wo es keine Rentner gab, weil keiner auch nur die vierzig erreichte und die Kellner den Wodka im Kühlschrank lagerten, damit er nicht gefror.

Zum Zeitvertreib begann er sich vorzustellen, was er mit dem Straßenverkehrsbeamten von Olsztyn alles anstellen würde. Auf welch vielfältige Weise er ihn bestrafen und welchen Schmerz er ihm zufügen könnte. Ebenda geriet sein Dogma von der Nichttötung ins Wanken – je raffiniertere Torturen Szacki sich ausdachte, desto größere Freude und Genugtuung empfand er.

Es reizte ihn schon lange, einmal bei Rot über die Kreuzung zu fahren, wäre da nicht die Tatsache, dass er als Staatsanwalt seinen Strafzettel nicht einfach so bekommen, bezahlen und vergessen konnte. Wenn ihn die Verkehrspolizei erwischte, musste er wohl oder übel seinen Beruf angeben, und die Polizei musste ihrerseits seinem Vorgesetzten eine Information über den Zwischenfall zukommen lassen mit der Bitte, diesen Rowdy in Robe zu bestrafen. Für gewöhnlich endete das mit einer Abmahnung, aber es blieb in den Akten, würde seinen dienstlichen Werdegang besudeln und könnte sich, abhängig von der Bosheit seines Vorgesetzten, auf seine künftige Pension auswirken. Da Szacki den Eindruck hatte, dass sie ihn an seiner neuen Dienststelle ohnehin nicht mochten, wollte er sich auch nicht mit ihnen anlegen.

Als die Ampel endlich umsprang, fuhr er los, am Krankenhaus vorbei, ließ das Bordell und den alten Wasserturm hinter sich und bog in sanftem Bogen – nachdem er an einer weiteren Ampel noch einmal ausgiebig gewartet hatte – in die Kościuszko-Straße. Hier lohnte es sich, sein Auge schweifen zu lassen, vor allem zu dem Respekt heischenden, riesigen Verwaltungsgericht, das seinerzeit als Amtssitz für den Regierungsbezirk Allenstein in Ostpreußen erbaut worden war. Das Bauwerk war prächtig, majestätisch und erhaben. Wenn es nach Szacki gegangen wäre, hätte er in diesem Gebäude alle drei Büros der Staatsanwaltschaft von Olsztyn untergebracht. Er war der Ansicht, es sei nicht ohne Bedeutung, ob Zeugen über die breiten Stufen in solch ein Haus geführt wurden oder in einen Plattenbau aus den Siebzigern, wie der, in dem sein Anwaltsbezirk untergebracht war. Die Klienten sollten wissen, dass Staat Erhabenheit und Kraft auf steinernem Fundament bedeutete und nicht Einsparungen, Mängel, Provisorien, Linoleum und Ölfarben bis zur Höhe der Wandtäfelung.

Die Preußen hatten gewusst, was sie taten. Er war in Warschau geboren, und anfangs hatte ihn der Respekt der Bürger von Olsztyn vor den Erbauern ihrer kleinen Heimat gestört. Ihm hatten die Deutschen keine Bauten hingestellt. Sie hatten die Hauptstadt in einen Haufen Schutt verwandelt, deswegen war aus seiner Stadt nur die traurige Karikatur einer Metropole geworden. Er hatte die Preußen nie geliebt, aber man musste Gerechtigkeit walten lassen: Alles, was an Olsztyn schön war, was dieser Stadt Charakter verlieh, was bewirkte, dass sie interessant war wie die nicht alltägliche Attraktivität einer harten, spröden Frau aus dem Norden – all das hatten die Deutschen erbaut. Der ganze Rest war im besten Falle gleichgültig, meist aber hässlich. Und in seltenen Fällen wegen der architektonischen Scheußlichkeiten, mit denen man sie in übertriebenem Eifer zu verschönen gedachte, derart entstellt, dass Ermlands Hauptstadt wiederholt zum Gespött von ganz Polen geworden war.

Ihm ging das für gewöhnlich am Arsch vorbei, aber wäre er ein alter Deutscher gewesen, der eine sentimentale Reise in das Land seiner Kindheit unternahm, er wäre wohl in Tränen ausgebrochen.

Er fuhr die Kościuszko-Straße entlang, überquerte die Piłsudski-Straße, bog in die Mickiewicz-Straße ein, fuhr an der Kopernikus-Straße vorbei und fand an der Dąbrowszczaków-Straße einen Parkplatz. Beim Aussteigen dachte er nicht ohne Häme daran, dass man in jedem Ort in Polens wiedergewonnener Heimat den Straßen stark national gefärbte Namen verpasst hatte, hier eine Kreuzung einer simplen Schustergasse und einer Kesselschmied-Straße zu finden, war einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Lyzeum, zu dem er unterwegs war, trug, wie konnte es anders sein, den Namen Adam Mickiewicz’. Aber die Schüler der ersten Jahrgänge hier hatten nichts über den polnischen Nationaldichter gelernt, sondern über Goethe und Schiller. Wieder dachte er, dass ein Ort seine eigene Bedeutung hat, während er den düsteren Kasten aus rotem Backstein aus dem 19. Jahrhundert betrachtete. Eine ganz gewöhnliche, große Schule aus deutschem Nachlass, wären da nicht die neugotischen Verzierungen gewesen, spitze Giebel, Oculi und riesige Fenster im zentralen Teil des Gebäudes. Sie verliehen dem Bau einen strengen, kirchlichen Charakter, die Vorstellungskraft schob einem ein Horrorszenario von didaktischen Experimenten unter, in dem nichts so ablief, wie es sein sollte: Klosterschwestern mit verkniffenen Lippen und stumme Kinder in identischen Schuluniformen, die alle so tun, als hörten sie die tierischen Schreie ihres Mitschülers nicht, der zum dritten Mal unvorbereitet zum Unterricht erschienen ist. Man schlägt ihn nicht, nein. Er muss ganz einfach eine Unterrichtsstunde allein in dem kleinen Zimmer auf dem Dachboden verbringen. Nie ist jemandem dort auch nur ein Haar gekrümmt worden. Aber niemand ist je von dort als derselbe zurückgekommen. Die Schwestern nennen es »Nachhilfestunden«.

»Staatsanwalt Szacki?«

Für einen Moment betrachtete er abwesend die Frau, die an der Eingangstür vor ihm stand.

Schließlich nickte er und schüttelte die ihm dargebotene Hand.

Die Lehrerin führte ihn durch die Schulkorridore. Im Inneren gab es nichts Auffallendes, nur dass ihn einige Elemente – die sanften Bögen über den Türen, die dicken Mauern und die charakteristische Untergliederung der Holztüren in Quadrate und Rechtecke – an die Ferien mit seinen Eltern in einem Bauernhaus aus deutschem Nachlass in der Nähe von Koszalin erinnerten. Bestimmt könnte man hier noch denselben Geruch der alten Backsteinmauern wahrnehmen, wäre da nicht diese Mischung aus Teenagerhormonen, Deosprays und Bohnerwachs, die einem in der Nase kitzelte.

Ihm blieb keine Zeit zu überlegen, ob er sich nach seinen Lyzeumsjahren zurücksehnte und ob er noch einmal die Hölle der Jugend durchlaufen wollte. Sie waren bereits bei der Aula angekommen, wo die versammelten Schüler drei Frauen unterschiedlichen Alters, die soeben ihre Podiumsdiskussion beendet hatten und nun lächelnd dastanden, mit Beifall bedachten.

»Haben Sie eine kurze Ansprache vorbereitet?«, fragte ihn die Lehrerin flüsternd. »Die jungen Leute hoffen sehr darauf.«

Er nickte bestätigend, wobei er dachte, dass sogar das Strafgesetzbuch es einem erlaubte, in eigener Sache zu lügen.

»Ein anderes Brooklyn« von Jacqueline Woodson

»Was passiert mit einem jungen Mädchen, das von seiner Mutter verlassen wurde und mit Vater und Bruder vom grünen Tennessee in das raue Brooklyn der 70er Jahre ziehen muss? Sie wird konfrontiert mit einer Nachbarschaft von Gewalt und Rassismus und träumt von einem anderen Ort. Einem anderen Brooklyn. Aber dank ihrer Freundinnen gibt es sie doch, die unbeschwerten Momente. Gemeinsam tanzen sie im Wasser sprudelnder Hydranten gegen die Verzweiflung und ziehen durch die Straßen Brooklyns als würden sie ihnen gehören. Ihre Freundschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen sie unantastbar gegen lüsternen Blicke und Kriminellen der Stadt. 
Vieles bleibt unausgesprochen in diesem schmalen Buch. Aber Jacqueline Woodson kontrastiert diese bedrückenden Erfahrungen mit poetischen kurzen Absätzen, die so stark in ihrer Wortwahl sind, dass dennoch alles gesagt ist.«

Eine Buchempfehlung von Sophie Liebau, Art Direction

Blick ins Buch
Ein anderes BrooklynEin anderes Brooklyn

Roman

Zur Beerdigung ihres Vaters kehrt die junge Anthropologin August zurück nach New York, Stadt ihrer Kindheit. Hier, auf den Straßen Brooklyns, ist sie aufgewachsen. Hier hat sie Angela, Gigi und Sylvia getroffen, ihre drei Freundinnen, mit denen sie unzertrennlich über das glühende Pflaster Brooklyns der 70er-Jahre zog. Weiße verließen das Viertel, Drogendealer und traumatisierte Vietnamveteranen waren ihre Nachbarn, doch mit ihren Freundinnen fühlte sich August unverwundbar. Nichts schien unmöglich, wenn sie nur zusammenhielten. Doch haben sie dieser Welt etwas entgegenzusetzen? – »Ein anderes Brooklyn«, Finalist für den National Book Award, stand auf der New-York-Times-Bestsellerliste und wurde hymnisch besprochen. Eindringlich und poetisch erzählt es von Freundschaft, Erinnerung und Aufwachsen in einem Brooklyn, das es so nicht mehr gibt.

1

Meine Mutter war lange nicht tot. Aber meine Geschichte hätte tragischer sein können. Mein Vater hätte dem Alkohol oder den Drogen oder einer Frau verfallen und meinen Bruder und mich uns selbst überlassen können – oder gar der Obhut des New Yorker Jugendamtes, was, wie er sagte, nur selten gut ausging. Doch so kam es nicht. Heute weiß ich, dass nicht der Augenblick tragisch ist. Es ist die Erinnerung.

***

Wenn wir Jazz gehabt hätten, wäre unser Leben dann anders verlaufen? Wenn wir gewusst hätten, dass unsere Geschichte ein Blues mit einem Refrain ist, der immer wiederkehrt, hätten wir dann aufgehorcht und gesagt: Das ist Erinnerung, immer wieder, bis das Leben einen Sinn ergab? Wo wären wir heute, wenn wir gewusst hätten, dass unser Wirren einer Melodie folgte? Denn obwohl Sylvia, Angela, Gigi und ich wie eine Jazzimpro zusammenkamen – halbe Noten, die sich zögernd aufeinander zubewegten, bis die Band ihren Sound fand und die Musik klang, als wäre sie schon immer da gewesen –, hatten wir keinen Jazz, der uns zeigte, wer wir waren. Wir hatten die Hits der 1970er, die unsere Geschichte erzählen wollten. Aber sie schafften es nie so ganz.

***

Im Sommer, als ich fünfzehn wurde, schickte mein Vater mich zu einer Frau, die er durch seine Brüder in der Nation of Islam gefunden hatte. Eine gebildete Schwester, sagte er, mit der ich reden könne. Damals sprach ich kaum noch. Während früher die Worte aus mir hervorgesprudelt waren, herrschte plötzlich nur noch Schweigen, und mein Atem glich einer stummen Melancholie, die meine Familie nicht verstand.

Schwester Sonja war dünn, ihr braunes kantiges Gesicht umrahmte ein schwarzer Hidschab. So sah ich meine Therapeutin – die Frau mit dem Hidschab, den langen knochigen Fingern und den dunklen fragenden Augen. Damals war es vielleicht schon zu spät.

Erleben wir nicht alle immer wieder kleine Tragödien?, fragte mich Schwester Sonja oft, als müsste ich nur das Ausmaß menschlichen Leids begreifen, um mich aus meinem eigenen zu retten.

***

Mein Bruder und ich wuchsen zwar ohne Mutter, aber dennoch wohlbehütet auf. Mein Bruder hatte den Glauben, an den mein Vater ihn herangeführt hatte, und ich hatte lange Zeit Sylvia, Angela und Gigi, mit denen gemeinsam ich das Aufwachsen als Mädchen in Brooklyn schulterte wie einen Sack voller Steine, den wir uns weiterreichten: Da. Hilf mir mal tragen.

***

Zwanzig Jahre sind seit meiner Kindheit vergangen. Heute Morgen haben wir meinen Vater beerdigt. Mein Bruder und ich standen auf dem verschneiten Friedhof nebeneinander am Grab, unter kahlen Weiden, die trauernd ihre Zweige hängen ließen. Bei uns waren die Brüder und Schwestern aus der Moschee. Im silbrigen Morgenlicht griff mein Bruder nach meiner beschuhten Hand und hielt sie fest.

Hinterher, in einem Diner in Linden, New Jersey, zog mein Bruder seinen schwarzen Mantel aus. Darunter trug er einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Wollhosen. Der schwarze Kufi, den seine Frau ihm gestrickt hatte, reichte ihm knapp in die Stirn.

Im Diner roch es nach Kaffee und Brot und Bleiche. Auf einem Neonschild flackerte in knalligem Grün EAT HERE NOW, darunter hing staubiges Silberlametta. Den ersten Weihnachtsfeiertag hatte ich bei meinem Vater im Krankenhaus verbracht. Stöhnend hatte er um Schmerzmittel gebeten, das die Schwestern ihm nur zögernd verabreichten.

Eine Bedienung brachte meinem Bruder noch mehr heißes Wasser für seinen Pfefferminztee. Ich stocherte in meinen Eiern und lauwarmen Bratkartoffeln herum, den Speck hatte ich langsam aufgegessen, um meinen Bruder zu ärgern.

Alles okay, große Schwester?, fragte er, und seine tiefe Stimme klang leicht brüchig. 

Ich komm zurecht.

Immer noch unberührt? 

Immer noch unberührt.

Wie ich sehe, isst du immer noch Schwein und das ganze Teufelszeug.

 Alles bis auf das Grunzen.

Wir lachten über den alten Witz, der aus der Zeit stammte, als ich mich nachmittags mit den Mädchen davongestohlen hatte, um in der Bodega um die Ecke das zu essen, was zu Hause verboten war, und über die Speckstücke, die noch auf meinem Teller lagen.

Du kannst auch bei mir und Alafia wohnen. Bettruhe ist nicht ansteckend. 

Ich bin gern in der Wohnung, sagte ich. Es gibt so viel zu erledigen. Seine Sachen müssen alle durchgesehen werden … Geht es Alafia gut? 

Sie hält sich tapfer. Die Ärzte reden, als könnte das Baby jeden Moment aus ihr herausflutschen, wenn sie aufsteht. Alles ist gut. Dem Baby fehlt nichts. 

Mein Weg ins Leben begann am 29. Juli, aber ich kam erst im August. Als meine Mutter, halb wahnsinnig von den Wehen, nach dem Datum fragte, sagte mein Vater: Es ist August. Inzwischen ist es August. Scht, Honey Baby, flüsterte er. August ist da.

Hast du Angst?, fragte ich meinen Bruder und griff über den Tisch nach seiner Hand, weil ich plötzlich an ein Foto dachte, das früher in SweetGrove hing. Es zeigte ihn als Neugeborenen auf meinem Schoß und mich als kleines Mädchen, das stolz in die Kamera lächelte.

Ein bisschen. Aber ich weiß, bei Allah ist alles möglich.

***

Wir schwiegen. Um uns herum saßen alte weiße Paare, die Kaffee tranken und ins Leere starrten. Irgendwo im Hintergrund hörte ich Spanisch sprechende Männer und Gelächter.

Ich bin zu jung, um Tante zu sein.

Wenn du dich nicht ranhältst, bist du bald zu alt, um Mama zu sein. Mein Bruder grinste. Kein Vorwurf.

Von wegen kein Vorwurf.

Ich mein ja nur, du solltest langsam aufhören, die Toten zu studieren, und dir einen lebendigen Bruder suchen. Ich kenn da jemanden.

Untersteh dich.

Ich wollte nicht daran denken, wie ich allein in die Wohnung meines Vaters zurückkehrte, an die tiefe Erleichterung und Angst, die mit dem Tod einhergingen. Kleidung musste gespendet, alte Lebensmittel weggeworfen, Bilder verstaut werden. Wozu? Für wen?

In Indien verbrennen die Hindu ihre Toten und streuen die Asche in den Ganges. Die philippinischen Caviteños bestatten ihre Toten in Baumstümpfen. Unser Vater hatte sich eine Beerdigung gewünscht. Neben seinem abgesenkten Sarg lag ein Hügel aus dunkel- und hellbrauner Erde. Wir waren nicht geblieben, um zuzusehen, wie sie auf ihn geschaufelt wurde. Mir drängte sich unwillkürlich die Vorstellung auf, wie er plötzlich aufwachte in dem weichen, unsichtbaren Satin, ähnlich den vielen anderen Menschen, die im tiefen Koma beerdigt wurden und dann entsetzt unter der Erde erwachten.

***

Wie lange bleibst du in den Staaten?

Nicht lange, sagte ich. Aber zur Geburt komme ich wieder. Du weißt, die will ich nicht verpassen.

Als Kind kannte ich das Wort Anthropologie nicht und auch keine Eliteuniversitäten. Ich wusste nicht, dass man seine Tage in Flugzeugen verbringen, durch die Welt reisen und den Tod studieren konnte, mein ganzes früheres Leben vor dem jetzigen eine offene Frage … endlich beantwortet. Ich hatte Todesrituale in Indonesien und Korea gesehen. In Mauretanien und in der Mongolei. Ich hatte beobachtet, wie Menschen in Madagaskar die in Musselin gehüllten Knochen ihrer Vorfahren ausgruben, sie mit Parfüm beträufelten und die bereits Verschiedenen um ihre Geschichten, ihre Gebete und ihren Segen baten. Ich war einen Monat zu Hause gewesen, um meinen Vater beim Sterben zu begleiten. Der Tod machte mir keine Angst. Nicht jetzt. Nicht mehr. Aber Brooklyn lag mir wie ein Stein im Bauch.

Komm doch mal zu uns zum Essen nach Astoria, einem reinen Essen. Alafia kann am Tisch sitzen, sie darf nur nicht am Herd stehen und kochen. Ich kümmere mich um alles. Wir würden uns freuen.

Eine Minute verstrich. Er fehlt mir, sagte er. Du fehlst mir.

In den langen, bitteren letzten Tagen, als mein Vater an Leberkrebs litt, hatten wir uns an seinem Bett abgewechselt. Mein Bruder kam ins Krankenhaus und löste mich ab, und ich weckte ihn, damit er zu einer kurzen Dusche und einem Gebet vor der Arbeit nach Hause gehen konnte.

Mein Bruder sah jetzt aus, als wäre er wieder sieben und nicht einunddreißig, mit seiner breiten tiefen Stirn und der für einen Mann zu reinen und glatten Haut.

Ich wollte ihn trösten. Es ist gut, dass er … aber ich brachte es nicht über die Lippen.

Allah ist gut, sagte mein Bruder. Allah sei gepriesen, dass er ihn heimgeholt hat.

Allah sei gepriesen, sagte ich.

***

Mein Bruder fuhr mich zur U-Bahn, küsste mich auf die Stirn und umarmte mich fest. Wann war er ein Mann geworden? So lange war er mein kleiner Bruder gewesen, lieb und ernst, die großen Augen offen für die Welt. Jetzt, hinter seiner kleinen Nickelbrille, erinnerte er an eine Persönlichkeit aus der Geschichte. Malcolm vielleicht. Oder Stokely.

Übermorgen komm ich vorbei und helfe dir, okay?

Ist nicht nötig!

Was denn – ist da etwa ein Mann, den ich nicht treffen soll?

Ich lachte.

Schläfst du immer noch mit dem Teufel?

Ich schlug ihn scherzhaft und stieg aus dem Auto. Hab dich lieb.

Ich dich auch, August.

***

Auf der Rückfahrt in der U-Bahn zur alten Wohnung blickte ich auf und sah erschrocken Sylvia, die auf der anderen Gangseite die New York Times las. Sie war schön gealtert in den zwanzig Jahren, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ihr rotbraunes lockiges Haar war jetzt kurz geschnitten und von Grau durchsetzt. Ihre Haut, noch immer ein unheimliches Bronze im Kontrast zu den hellen Augen, war jetzt von feinen Fältchen durchzogen. Vielleicht spürte sie meinen Blick, denn plötzlich schaute sie hoch, erkannte mich und lächelte. Für ein paar langsame Sekunden verflüchtigten sich die Jahre, und sie war wieder Sylvia, noch nicht ganz fünfzehn, in ihrer Schuluniform der St. Thomas Aquinas – grün-blau karierter Rock, weiße Bluse und karierte Fliege, ihr Bauch wurde langsam rund. Plötzlich befiel mich wieder das alte Schweigen, und ich musste an Schwester Sonja denken, wie sie den Kopf mit dem Hidschab über das Notizbuch neigte und ihre Hand erstarrte, als ich das erste Mal in ihrem Büro weinte.

Sylvia.

Meine Güte! August!, sagte sie. Seit wann bist du wieder in Brooklyn?

Ihre Tochter war inzwischen vermutlich eine junge Frau. Ich erinnerte mich, gehört zu haben, sie habe rötliches Haar wie Sylvia und dass ihre Augen nach der Geburt grau waren.

Ich wusste, dass der Zug in die Atlantic Avenue einfuhr. Doch der Bahnhof und alles um mich herum war weit entfernt. Irgendwie erhob ich mich von meinem Platz. Die Stimme wieder weg. Der Körper wurde Asche.

Vielleicht dachte Sylvia, ich würde zu ihr gehen, sie über die Jahre hinweg umarmen und alles vergessen. Vielleicht hatte sie schon alles vergessen, wie es uns die Zeit erlaubt.

Du siehst gut aus, Mädchen, sagte sie.

Die Zugtüren öffneten sich. Es war noch nicht meine Station.

Aber ich stieg trotzdem aus.

***

Die Jahre löschen uns aus. Sylvia sank wieder in den Staub der Zeit zurück, bevor ich sie kannte, ihr Baby verschwand, dann ihr Bauch, dann Brüste, und schließlich war da nur noch die große Lücke in meinem Leben, die sie früher gefüllt hatte.

Angela verblasste als Nächste im Lauf der Jahre, wurde eine schwache Stimme auf dem Anrufbeantworter, wenn ich in den Collegeferien zu Hause war. Das mit Gigi hab ich erst jetzt erfahren. Wie schrecklich. Warst du da? Versprechen, wieder Kontakt aufzunehmen, wenn wir beide das nächste Mal in New York wären. Versprechen, sie würde sich wieder bei mir melden. Die Entfernung erlaubte es uns, so viel heiße Luft zu erzählen, während sie wieder in die Welt verschwand, zu der sie mittlerweile gehörte, eine Welt von Tänzern und Schauspielern – aufgenommen in einen edlen Kreis, ohne eine Vergangenheit.

Gigi.

Schwester Sonja sagte jede Woche: Fang von vorne an. Ihre dunklen Finger hielten ein kleines schwarzes Notizbuch, den Stift zum Schreiben bereit. Es dauerte eine Weile, bis ich den Mund aufmachte und etwas sagte. Jede Woche fing ich mit denselben Worten an: Ich habe auf meine Mutter gewartet …

Das Büro war klein, auf einem Fensterbrett stand ein einsamer Blumentopf, aus dem Efeuranken herabfielen. Vielleicht lag es am Efeu, dass ich immer wieder zurückkehrte. Jede Woche wanderten meine Augen vierzig Minuten lang vom Efeu zu Schwester Sonjas Hidschab und ihren Fingern, die das Notizbuch und den Stift umklammerten. Vielleicht redete ich nur, weil ich jede Woche das braune, kantige Gesicht einer Frau sehen und wieder glauben durfte, dass meine Mutter bald zurückkam.

 I know when I get there, sangen mein Bruder und ich früher oft. The first thing I’ll see is the sun shining golden. Shining right down on me …

 Wie war es so weit gekommen, dass man mich bitten musste, die Geschichte von Anfang an zu erzählen? Wer war ich geworden?

 Sie kommt bestimmt, sagte ich. Morgen und morgen und morgen.

 Was ist mit deinen Freundinnen?, fragte Schwester Sonja. Wo sind sie jetzt?

 Wir warten auf Gigi, sagte ich. Alle warten auf Gigi.

 Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.

 Das ist Erinnerung.

***

In Ostindonesien bewahren Familien ihre Toten in besonderen Räumen in ihren Häusern auf. Ihre Toten sind erst wirklich tot, wenn genug Geld für die Bestattung vorhanden ist. Bis dahin bleiben die Toten bei der Familie, werden jeden Morgen angezogen und versorgt, auf Ausflüge mitgenommen, täglich umarmt, tief geliebt.

»Der Kaktus« von Sarah Haywood

»Weil die Heldin Susan Green trotz ihrer harten Schale eine so liebenswerte Figur ist. Weil dieser Roman die wundervolle Geschichte erzählt, wie Susan alle ihre ›Stacheln‹ abwirft und zu ihrer eigenen Überraschung lernt, dass sie liebenswert ist. Weil Susans Schicksal uns zu Tränen rührt und gleichzeitig zum Lachen bringt. Und vor allem, weil uns dieser Roman daran erinnert, tolerant mit uns selbst und unseren Mitmenschen zu sein – denn: Sind wir nicht alle manchmal ein Kaktus?«

Eine Empfehlung von Nora Haller, Lektorin 

Blick ins Buch
Der KaktusDer Kaktus

Wie Miss Green zu küssen lernte

Susan Green mag keine Überraschungen. Oder Emotionen. Oder Menschen. Was Susan Green hingegen mag, ist ihr Job als Versicherungsmathematikerin. Ihre Kakteensammlung. Und, die Kontrolle über ihr Leben zu haben. Susan Green kommt wunderbar alleine klar. Doch als gleich mehrere Schicksalsschläge Susans Routine durcheinanderwirbeln, muss sie mit Mitte vierzig lernen, dass nichts im Leben planbar ist. Und dass es nie zu spät ist, sein Herz zu öffnen. »Originell, bezaubernd und absolut glaubwürdig« Graeme Simsion

August

1

Ich gehöre nicht zu den Frauen, die lange Groll hegen, sich über Meinungsverschiedenheiten groß den Kopf zermartern oder ständig die Motive anderer Leute hinterfragen. Genauso wenig, wie ich die Neigung habe, einen Streit um jeden Preis gewinnen zu müssen.

Selbstverständlich gibt es auch bei dieser Regel eine Ausnahme: Ich stehe nicht tatenlos daneben, wenn ein Mensch von einem anderen ausgenutzt wird, und das gilt eben auch, wenn ich diejenige bin, die ausgenutzt wird. Dann tue ich alles, was in meiner Macht steht, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. So ist es wenig überraschend, dass die Ereignisse dieses Monats mir keine andere Wahl gelassen haben, als unverzüglich und energisch zur Tat zu schreiten.

Mein Bruder Edward hatte mir die Nachricht vom Tod unserer Mutter übermittelt. Obwohl es halb sechs war, war ich schon wach. Ich hing gerade unschlüssig über der Kloschüssel und überlegte, ob ich mir den Finger in den Hals stecken oder die Übelkeit weiter aushalten sollte. Erbrechen verschafft einem ja ein paar Minuten der Erleichterung, aber dann fängt es doch wenig später wieder an. Also beschloss ich nach einer Kosten-Nutzen-Analyse, dass Aushalten die beste Option war. Als ich gerade mein gallegelbes Spiegelbild musterte, klingelte das Telefon in der Küche. Auf dem Festnetz rufen mich so wenige Leute an, dass mir sofort klar war, es musste sich um einen Notfall handeln, der mit meiner Mutter zu tun hatte. Auch wenn es, wie sich herausstellte, kein Notfall mehr war. Jedenfalls gab es keinen Grund, warum mein Bruder so früh hätte anrufen sollen, außer um mich unvorbereitet zu überraschen.

»Suze, ich bin’s, Ed. Es gibt Neuigkeiten – und leider keine guten. Vielleicht setzt du dich lieber hin.«

»Was ist passiert?«

»Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, Suze. Ich befürchte …«

»Edward, reiß dich zusammen. Ist sie im Krankenhaus?«

»Suze, sie ist gegangen. Sie ist letzte Nacht verstorben. Ich bin erst um zwei nach Hause gekommen, ich war bei einem Freund ein paar Bierchen trinken. Ich hab gleich gesehen, was los war, weil sie so komisch zusammengesackt war. Unsere Hausärztin war schon hier, massiver Schlaganfall, hat sie gesagt. Ich kann es nicht glauben.«

Ich schluckte das Würgen, das in meiner Kehle aufstieg, herunter und setzte mich an den Küchentisch. Einen Augenblick war ich ganz damit beschäftigt, mit der Handkante ein paar verirrte Toastkrümel zu einem Häufchen zusammenzuschieben.

»Suze … Suze?«

»Sie war achtundsiebzig«, sagte ich schließlich, »und sie hatte schon zwei Schlaganfälle. Das kommt jetzt nicht völlig aus heiterem Himmel.« Ich zögerte. Mir war klar, dass ich etwas Mitfühlendes sagen musste, aber das fiel mir nicht leicht, wenn ich mit meinem Bruder redete. »Aber ich kann mir vorstellen, dass es ganz schön unangenehm war, sie so zu finden«, fügte ich hinzu. »Du, es tut mir leid, ich hab keine Zeit mehr zu reden, ich muss mich jetzt für die Arbeit fertig machen. Ich ruf dich später an. Und … Edward?«

»Ja, Suze?«

»Bitte nenn mich nicht Suze.«

 

Ich hatte nicht damit gerechnet, mit fünfundvierzig zur Waise zu werden, in einem Alter, in dem die meisten Leute noch beide Elternteile haben. Doch meine Mutter und mein Vater waren schon Mitte dreißig, als ich auf die Welt kam, und mein Vater hatte eine gewisse Charakterschwäche, die sein Leben wesentlich verkürzte. Ich habe meine Mutter in ihren letzten Jahren nicht so oft gesehen, wie ich es hätte tun sollen. Ich bin im öffentlichen Dienst in der Projektabwicklung tätig (ich analysiere komplexe Daten und erstelle ausführliche Controlling-Berichte), und ich merke, wenn ich nicht stundenlang mit großen Zahlen und kleinen Buchstaben ringe, hab ich das Gefühl, überhaupt nichts zustande zu bringen.

Ein anderer Grund für die Seltenheit meiner Besuche war der, dass Edward wieder bei meiner Mutter wohnte, und er und ich betrachten das Leben auf sehr unterschiedliche Art – um es mal vorsichtig zu formulieren. Um ehrlich zu sein, wir tun alles, um uns aus dem Weg zu gehen. Mein Bruder ist nur zwei Jahre jünger als ich, aber was seine emotionale und psychologische Entwicklung angeht, sind es mindestens dreißig, was in seinem Fall bedeutet, dass er im Teenageralter stehen geblieben ist. Ich sollte hinzufügen, dass er keine diagnostizierbare geistige Störung hat, sondern einfach nur einen schwachen Willen und sich selbst alles erlaubt. Während ich hart gearbeitet habe, um mir eine sichere Karriere und einen stabilen Lebensstil zu erkämpfen, ist Edward von einem Scheißjob zur nächsten sinnlosen Beziehung in die nächste grindige Wohnung gezogen. Wenig überraschend, dass er am Ende zu meiner Mutter zurückgekrochen kam, als er die vierzig überschritten hatte.

 

Es ist ein Schock, wenn einem der Tod eines nahen Verwandten mitgeteilt wird, auch wenn derjenige alt und krank war. Ich merkte, dass ich ein paar Minuten ganz ruhig sitzen bleiben und meine Gedanken sammeln musste. Doch da ich in London war und meine tote Mutter in Birmingham, gab es wenig Praktisches für mich zu tun. Deswegen beschloss ich, in die Arbeit zu gehen und weiterzumachen, als wäre alles normal, oder zumindest so normal, wie ich es mit dieser ständigen Übelkeit vorspielen konnte. Ich würde niemandem im Büro vom Tod meiner Mutter erzählen. Ich konnte mir nur zu lebhaft vorstellen, was für eine Orgie des Jammerns und Seufzens ich damit ausgelöst hätte, feuchte Umarmungen und Beileidsbekundungen für den Verlust eines Menschen, den sie nie kennengelernt und von dessen Existenz sie nicht mal gewusst hatten. So was mag ich nicht so gern.

Als ich in der Nähe meines Bürogebäudes aus der U-Bahn stieg, traf mich die Hitze wie ein Keulenschlag. Sie hatte bereits einen Level erreicht, der ausreichte, um den frischen Asphalt vor dem Ausgang weich zu machen.

Der Lärm und die Abgase des schleichenden Verkehrs schienen um ein Vielfaches verstärkt, und die bohrende Intensität des Sonnenlichts stach mir auf der Netzhaut. Sobald ich die relative Geschütztheit meines Schreibtischs erreicht hatte – er steht in der ruhigsten Ecke eines Großraumbüros –, schaltete ich den Ventilator ein und richtete ihn auf mein Gesicht. Nachdem ich meine Lebensgeister wieder ein bisschen zurückgewonnen hatte, widmete ich wie jeden Morgen ein paar Minuten den Kakteen, die ich auf meinem Schreibtisch in einer Reihe aufgestellt habe. Ich überprüfte, ob irgendwo Fäule zu sehen war oder irgendwelche verwelkten oder trockenen Teile, ich wischte den Staub mit einem weichen Pinsel ab und vergewisserte mich, dass der Feuchtigkeitsgehalt in der Blumenerde korrekt war, und dann drehte ich sie so hin, dass sie gleichmäßig dem Tageslicht ausgesetzt waren. Nachdem das erledigt war, schlug ich eine Akte auf. Ich hoffte, dass die Arbeit an dem besonders kniffligen Bericht, den ich meinem Abteilungsleiter am Ende der nächsten Woche geben musste, mir helfen würde, die Geschehnisse des frühen Morgens in den Hintergrund zu drängen.

Für jemanden, der Jura studiert hat, ist mein Job vielleicht nicht der aufregendste, aber mir gefällt er. Die meisten Kommilitonen strebten eine Laufbahn als Staatsanwälte oder Strafverteidiger an, aber ich fühlte mich mehr zu der Sicherheit einer Beamtenkarriere hingezogen: das zwar nicht sonderlich großzügige, aber zuverlässige Gehalt, die annehmbare Rentenversorgung und der Umstand, dass ich nicht den Launen von Seniorpartnern oder Vorsitzenden irgendwelcher Anwaltskammern ausgesetzt war. Obwohl ich bei meiner Arbeit meinen Abschluss nicht nutzen kann und obwohl ich nicht die Erfahrung habe, die ich haben würde, wenn ich eine Berufsausbildung gemacht hätte, kommen mir meine breiten Kenntnisse der Gesetze und behördlichen Vorgänge sehr entgegen, wenn ich eine Beschwerde einreichen muss.

Wenn ich nicht Kollegen hätte, wäre das Büroleben direkt erträglich. An diesem Tag musste ich mich jedoch mit einer überdurchschnittlich langen Reihe von Ärgernissen auseinandersetzen. So war es zum Beispiel gerade mal halb elf, als der Geruch von den Resten eines chinesischen Take-away-Essens bis zu meinem Tisch herüberwaberte. Einer meiner untersetzteren Kollegen macht sich das gerne in der Mikrowelle unserer winzigen Kaffeeküche heiß und verzehrt es mitten am Vormittag. Mir stieg die Galle in die Kehle, und ich brauchte einen großen, kühlen Schluck zu trinken, wenn ich nicht ganz plötzlich auf die Toilette rennen wollte. Ich schaffte es zum Wasserspender, wo ich wenig erfreut war, Tom zu begegnen, dem energiegeladenen Verwaltungsassistenten, der erst kürzlich bei uns angefangen hatte. Er hatte immer noch die Reste seines Frühstücksbaguettes im Bart und schickte sich an, die nächste Quelle des Ärgernisses zu werden.

»Hey hey, Susan, du kommst gerade richtig. Du, ich wollte dir nur sagen, ich hab eine Facebook-Gruppe für unser Büro eingerichtet, auf der wir Stammtische organisieren und posten können, was sonst noch so los ist. Schick mir doch schnell eine Freundschaftsanfrage, dann nehm ich dich in die Gruppe auf.«

»Du bist noch nicht lange hier, stimmt’s?«, brachte ich heraus, während das Wasser gluckernd in mein Glas lief. »Jeder hier weiß, dass ich nicht auf Facebook bin.«

»Wow, echt? Wie kommst du denn dann mit den Leuten in Kontakt? Bist du auf Instagram oder WhatsApp? Da kann ich dich gerne auch in Gruppen reinbringen.«

»Ich bin auf überhaupt nichts. Ich finde, dass der Griff zum Telefonhörer oder eine kurze SMS normalerweise völlig ausreicht.«

»Na ja, das funktioniert vielleicht für, ich weiß nicht, für deine Mutter oder so, aber wie hältst du denn den Kontakt mit deinen alten Klassenkameraden oder Kommilitonen? Wie organisierst du dein Sozialleben?«

Für so was war ich jetzt nicht in der Stimmung. Aus irgendeinem Grund brannten meine Augen – vielleicht war es das grelle Deckenlicht. Ich erklärte ihm kurz angebunden, dass ich keinerlei Neigung hatte, den Kontakt zu Menschen aufrechtzuerhalten, mit denen ich vor Jahren mal flüchtig bekannt gewesen war, und dass ich mein Leben im Allgemeinen eher schlicht hielt. Wenn er den Drang verspüre, mich über Kollegenstammtische zu informieren oder wichtige Mitteilungen zur Lage im Büro zu machen, solle er mir einfach mailen. Ich hätte ihm auch vorschlagen können, dass er einfach die fünfzehn Schritte von seinem zu meinem Schreibtisch ging, aber solchen Aktionen muss ich nun auch nicht Tür und Tor öffnen.

Kurz nach ein Uhr, als ich das Weißbrot mit Butter in den Abfalleimer warf, von dem ich eigentlich gehofft hatte, ich würde es irgendwie herunterbringen, und mir Mühe gab, meine Gedanken zu bändigen, stellte ich mit einiger Gereiztheit fest, dass Lydia – eine Kollegin über dreißig, die seit Kurzem wieder Single war – um mein Büro herumstrich. Alle paar Minuten warf sie einen Blick auf ihr Armband. Ich wollte eigentlich gerade mit der Analyse einer Tabelle beginnen, die ich vor meiner kurzen Pause ausgedruckt hatte, aber es war mir unmöglich, solange meine Kollegin hier herumscharwenzelte.

»Lydia, willst du mir eigentlich absichtlich auf die Nerven gehen?«, schnauzte ich sie an, als sie zum vierten Mal an meinem Schreibtisch vorbeiparadierte.

Sie erklärte, sie habe einen Activity Tracker zum Geburtstag bekommen und absolviere jetzt ihre zehntausend Schritte am Tag. Sie müsse in Form kommen, jetzt, wo sie wieder »auf dem Markt« sei – nicht unbedingt die Worte, die ich wählen würde, um unseren gemeinsamen Status als Singlefrauen zu beschreiben. Als sie das fünfte Mal zu mir kam, fragte ich sie, warum sie nicht draußen spazieren gehen könne wie jeder andere normale Mensch. Anscheinend war das nicht möglich, denn sie hatte ein Blind Date an diesem Abend, und da wollte sie nicht verschwitzt und staubig auftauchen, nur weil sie die ganze Zeit auf der Straße rumgerannt war. Als sie das sechste Mal vorbeikam, meinte sie, ich interessierte mich ja offenbar so sehr für das, was sie da tue, dass ich vielleicht mitmachen wolle? Ich lehnte ab. Bei Runde Nummer sieben hatte ich schon gute Lust, die Frau zu erwürgen. Ich brauchte ganz dringend meine Ruhe, damit ich mich konzentrieren und durch diesen grässlichen Tag lavieren konnte. Ich schlug vor, sie solle doch einfach die Treppen rauf- und runterlaufen – auf die Art könnte ihr Hinterteil die überflüssigen Pfunde doppelt so schnell verlieren.

»Hab schon verstanden, Susan«, schnaubte sie, änderte ihren Kurs und lief durch die Schwingtür hinaus. Ich war ganz bestimmt nicht die Einzige, die in dem Moment erleichtert aufatmete.

 

Es war mitten am Nachmittag, und Tom – der mit Lydia um den Titel des ärgerlichsten Kollegen des Tages konkurrierte – tauchte wieder an meinem Tisch auf. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber er schien entschlossen, dort stehen zu bleiben und zu warten, bis ich seine Gegenwart zur Kenntnis nahm.

»Ich mach nächsten Monat eine Fundraising-Kneipentour zu einem wohltätigen Zweck und hab mir gedacht, vielleicht willst du mich sponsern?«, sagte er. »Ich kann dir den Fundraising-Link direkt mailen … da du ja vorläufig nicht vorhast, dich dem 21. Jahrhundert anzuschließen.«

»Was für ein wohltätiger Zweck ist es denn?«, fragte ich und warf meinen Stift auf den Tisch.

»Hab ich noch nicht entschieden. Ich weiß nur, dass ich mit meinem Leben irgendwas Sinnvolles anfangen will. Vielleicht mach ich es für Pandas – ich liebe Pandas – oder gegen die globale Erwärmung, denn das liegt mir im Moment echt am Herzen. Aber es gibt ja so viele gute Zwecke. Wo soll ein Mensch da anfangen?« Er machte ein überzogen trauriges Gesicht.

»Ich hab gehört, dass die Gesellschaft für Schlaganfallpatienten sehr gute Arbeit leistet«, sagte ich. Ich weiß auch nicht, warum, aber meine Augen fingen wieder an zu brennen.

»Vielleicht. Aber besonders sexy ist das jetzt nicht. Überhaupt glaube ich, dass sich mein Kumpel letztes Jahr seinen Bart für Schlaganfallopfer abrasiert hat, deswegen möchte ich was anderes machen.«

»Na, dann komm doch einfach wieder, wenn du dich entschieden hast«, sagte ich und drehte mich auf meinem Bürostuhl von ihm weg.

Derzeit sammelt bei uns im Büro jeder Geld für einen guten Zweck. Früher war es ein- oder zweimal im Jahr, aber jetzt ist es ein konstanter Strom von Wohltätigkeitsverein hier, Sponsoren dort: Gehen, Laufen, Fahrradfahren, Schwimmen, Klettern, Bergsteigen, Trekking, Schlammwaten. Ich will mich gar nicht darüber beklagen, das möchte ich klarstellen. Ich finde es aufrichtig gut, wenn Menschen ihre Energien für das Wohl anderer einsetzen statt für sich selbst – wobei sie ja durchaus gesundheitlich davon profitieren und sich sehr tugendhaft fühlen dürfen. Aber abgesehen davon, scheinen sich die persönlichen Interaktionen, die zu solchen Veranstaltungen einfach dazugehören, auf die Produktivität im Büro auszuwirken. Ich beschloss, mit meiner Vorgesetzten Trudy ein paar Takte darüber zu reden, obwohl ich nicht wirklich Lust dazu hatte. Ich wünschte, ich hätte mir die Mühe gespart, denn wie sich herausstellte, war sie der Anlass für erneuten Frust.

Trudy hatte am gleichen Tag und auf dem gleichen Level in der Abteilung angefangen wie ich, vor so vielen Jahren, dass ich sie am liebsten gar nicht zählen mag. Zuerst nervte sie mich, ich solle mit ihr in der Mittagspause Kaffee trinken oder mich nach der Arbeit auf ein Glas mit ihr treffen, aber dann merkte sie bald, dass sie ihre Zeit verschwendete. Seitdem hat Trudy sich ihren Weg in die schwindelnden Höhen des Teammanagements gebahnt, mit vier Unterbrechungen durch Mutterschaftsurlaub. Fotos von den Endprodukten dieser Unterbrechungen waren unübersehbar auf ihrem Schreibtisch ausgestellt, in ihrer ganzen hasenzahnigen, sommersprossigen Glorie.

Während sie sich zurücklehnte und nachsichtig lächelte, erläuterte ich, wie sinnvoll es für die Effizienz am Arbeitsplatz wäre, eine bestimmte Zeit im Monat festzulegen, zu der die Kollegen ihre Wohltätigkeitsunternehmung vorstellen, Sponsoren werben und echtes Geld einsammeln könnten. Trudy, die wahrscheinlich witzig sein wollte, meinte, es wäre sinnvoller, wenn man eine bestimmte Zeit im Monat festlegen würde, zu der ich meine produktivitätssteigernden Vorschläge vorbringen könnte. Sie kicherte, ich nicht. Vielleicht spürte sie meinen Unmut ob ihrer Reaktion, denn ihre Miene wechselte von Heiterkeit zu Besorgnis. Sie fragte, ob es mir gut gehe oder ob mich möglicherweise die Sommergrippe erwischt habe, die gerade rumging. Als sie mir Taschentücher anbot, entschuldigte ich mich und verließ ihr Zimmer.

 

Halb sieben. Das einzige Geräusch war das entfernte Brummen eines Staubsaugers, das lauter wurde, als es sich dem jetzt leeren Büro näherte. Übermächtige Gedanken drängten sich wieder in meinen Kopf. Ich schaltete meinen Computer aus und schob das Telefon in die Tasche, als unsere rumänische Putzfrau, Constanta, die Tür aufstieß und hereingeschnauft kam. Ich machte mich auf unseren üblichen Wortwechsel gefasst.

»’n Abend, Susan. Wie geht’s dir heute?«

»Super«, log ich. »Dir?«

»Gut, gut, mir immer gut. Du Letzte im Büro?«

»Wie immer.«

»Aah, du harte Arbeiterin, Susan, wie ich. Nicht wie andere faule Pelze.«

Sie kam an meinen Tisch und beugte sich herab, um mir mit heißem Atem verschwörerisch ins Ohr zu flüstern: »Der da drüben. Der wirft schmutzige Taschentücher auf Boden. Taschentücher voll Rotz und Popel. Igitt. Und die da drüben. Lässt viele Tassen auf ihren Tisch stehen mit dicke, fettige Lippenstift drauf. Warum sie nicht in die Küche zurück? Sie hat halbe Schrank voll. Früher hab ich ihre Schreibtisch für sie aufgeräumt, jetzt mir egal. Bin nicht ihre Mama. Große Babys.« Sie richtete sich wieder auf. »Und, Susan, du immer noch keine Mann?«

Wenn es jemand anders gewesen wäre, hätte ich der Person gesagt, sie solle sich um ihren eigenen Kram kümmern, aber sie und ich führen jeden Tag dasselbe Gespräch, und ich kenne meinen Text.

Ich erwiderte also, sie mache ja wohl Witze.

»Sehr vernünftige Dame. Männer! Wir wie Sklaven und verdienen Geld, dann nach Hause kommen und da weiter Sklavenarbeit. Und was machen sie, wenn ihr Arbeit aus? Füße hochlegen und denken, wir sind ihre Bedienungen. Oder sie verschwinden Gott weiß wohin mit ihre Lohn und kommen zurück mit leere Tasche. Meine eigene Mann, Gheorghe, er verschwunden, wie Rauch – puff. Hat mich mit vier Töchter sitzen lassen. Sie alle verheiratet jetzt, und ihre Mann auch alle Platzverschwendung. Ich hab drei Putzstellen, dass ich ihnen schicke Geld. Ich sage ihnen, versteck das unter dem Boden.«

»Sie können von Glück sagen, dass sie eine Mutter wie dich haben.« Ich schaltete meinen Ventilator aus und wollte hinaustraben, doch noch während ich mich vergewisserte, dass ich meine Oyster-Card in der Tasche hatte, blieb ich stehen; die Worte fühlten sich heute anders an.

Constanta strahlte. »Wir die Gleiche, du und ich. Wir wissen, was wir von Leben wollen, und wir wissen, wie wir kriegen. Und ist egal, was die Leute denken. Du bist gute Mensch, Susan.«

Sie machte Anstalten, mich in die Wange zu kneifen, aber dann fiel ihr ein, dass ich solchen körperlichen Kontakten grundsätzlich ausweiche, und so ging sie zur Steckdose, um ihren Staubsauger einzustecken.

Als ich das Bürogebäude verließ und mir einmal mehr die Hitze von den Pflastersteinen entgegenschlug, war ich zufrieden, heute so gut die Fassade gewahrt zu haben, obwohl mir meine Kollegen konstant zugesetzt hatten. Niemand hätte jemals erraten, was an diesem Morgen passiert war. Andererseits fällt es mir nie schwer, meine Gefühle vor anderen zu verbergen. Sie werden es noch sehen: Dafür habe ich wirklich ein Talent.

 

Als ich zu Hause war, rief ich Edward an. Es war seltsam, zweimal an einem Tag mit ihm zu sprechen, und dann auch noch so höflich. Die Umstände verlangten, dass wir unsere beträchtlichen Differenzen beiseiteließen und zusammenarbeiteten, zumindest bis das Begräbnis gewesen und der Nachlass geklärt war. Er berichtete, die Bestatter seien bei ihm gewesen und er habe die Beerdigung vorerst für nächste Woche Freitag angesetzt. Eine Kremierung, sagte er. Ich hatte keine Einwände. Es ist mir unerklärlich, warum sich jemand wünschen sollte, dass der Körper eines Familienmitglieds in der schlammigen Erde verrottet, oder warum sie einen Schrein zum Besuchen haben wollen, als würde die Seele des Verstorbenen auf dem Grabstein hocken und drauf warten, dass jemand zum Plaudern vorbeikommt. Gut, da waren wir uns also schon mal einig.

»Ich gehe stark davon aus, dass sie kein Testament hinterlassen hat«, fuhr ich fort. »Sie hat nie irgendwas erwähnt. Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass das Haus verkauft wird und ihre Ersparnisse zwischen uns aufgeteilt werden. Ich werd mich drum kümmern.«

Es entstand eine kurze Pause. »Tatsächlich hat sie ein Testament verfasst, Suze. Vor ein paar Wochen. Sie hat in einer Radiosendung gehört, wie wichtig es ist, dass jeder eines gemacht haben sollte. Ich hab ihr gesagt, dass sie meiner Meinung nach keines braucht, aber du weißt ja, wie sie war.« Ich erinnere mich noch, dass seine Stimme an dieser Stelle einen defensiven Unterton bekam, aber vielleicht bilde ich mir das rückblickend auch nur ein.

»Wirklich? Mir gegenüber hat sie so etwas nie erwähnt.«

Er hatte bereits Kontakt mit den Anwälten aufgenommen, um sie vom Tod unserer Mutter in Kenntnis zu setzen, was meines Erachtens von erstaunlicher praktischer Handlungsfähigkeit zeugte – und das bei meinem Bruder, dessen Handlungsfähigkeit sich ansonsten darin erschöpfte, eine Sammelwette zu platzieren oder eine Pizza zu bestellen.

»Die haben gemeint, sie werden das Testament raussuchen und sich bei uns melden. Ich überlass das alles denen, ich kenn mich mit solchen Sachen nicht aus.«

Ich hatte in dieser Woche enorm viel Arbeit, deswegen musste ich mich auf Edward verlassen, obwohl ich insgeheim wusste, dass das keine schlaue Entscheidung war. Ich gab ihm minutiöse Anweisungen, wie er den Todesfall melden musste, diktierte ihm eine Liste mit passenden Veranstaltungsorten für die Gedenkfeier und beschrieb ihm, wo er das Adressbuch unserer Mutter finden würde, damit er ihre Freunde benachrichtigen konnte. Er schnaubte, als ich ihn fragte, ob er sich zu alldem in der Lage fühle.

 

Es war neun Uhr, als ich das Gespräch mit Edward beendete. Ich hatte den ganzen Tag über nichts gegessen, abgesehen von zwei Keksen zum Frühstück, und mir war schon etwas schwindlig. Ich machte mir eine kleine Portion Reis ohne alles und setzte mich an den Küchentisch, um die aufsteigende Übelkeit in den Griff zu bekommen. Die Flügeltüren zu meinem kleinen Garten im Erdgeschoss waren halb offen, und von draußen drang das Schreien des Neugeborenen aus dem oberen Stockwerk und der Geruch vom Mülleimer meiner Nachbarn herein. Ich muss das kurz erläutern: Ich lebe in einer Wohnung – im Erdgeschoss eines umgebauten viktorianischen Reihenhauses – in Südlondon. Nachdem ich zehn Jahre lang zur Miete darin gewohnt hatte, fiel dem Eigentümer ein, sie verkaufen zu wollen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich genug von meinem mageren Gehalt gespart, um eine Anzahlung leisten zu können. Jetzt bin ich also Besitzerin einer Wohnung oder, andersherum betrachtet, Besitzerin eines gigantischen Kredits.

Ich musste alle Willenskraft aufbieten, um die Gabel zum Mund heben zu können. Dabei beobachtete ich die Katze meines Nachbarn, Winston, einen gedrungenen roten Kater, der auf den Terrakottafliesen meiner Terrasse saß und sich übergründlich putzte. Normalerweise mag ich keine Katzen, es nervt mich, wie sie unter geparkte Autos huschen oder sich durch Geländer zwängen, wenn man sie freundlich anlocken will. Winston ist jedoch eine Ausnahme. Wenn man sich ihm nähert, bleibt er genau dort sitzen, wo er ist, und er lässt sich streicheln und kraulen, bis er genug hat. Dann gähnt er, streckt sich und trottet davon, wie es ihm gerade passt. Er lässt sich von niemandem einschüchtern und hat nicht das Bedürfnis, sich irgendwo einzuschmeicheln. Er erinnert an Kiplings Die Katze, die allein herumspazierte, eine meiner Lieblingsgeschichten aus Kindertagen. Ich weiß noch, wie mein Vater mich in einem seiner lichteren Momente auf den Schoß nahm und mir die Erzählung aus einer abgegriffenen Ausgabe der Genau-so Geschichten vorlas. Während ich Winston beobachtete, überlegte ich, wo das Buch jetzt wohl war. Wahrscheinlich in einer vergessenen Kiste in einer Ecke unseres Elternhauses, was mich wieder daran erinnerte, was für eine Riesenarbeit das sein würde, wenn wir es für den Verkauf ausräumen mussten. In meinem momentanen Gemütszustand zwang mich dieser Gedanke förmlich in die Knie.

 

Als ich Edward ein paar Tage später anrief, um nachzufragen, wie er mit meiner Liste vorangekommen war, ließ ich es außergewöhnlich lange klingeln. Ich wollte schon fast aufgeben, als sich plötzlich eine Stimme meldete, die nicht Edward gehörte: »H’loo?« Ich zögerte, entschuldigte mich, ich hätte mich verwählt, und legte auf, bevor mir wieder einfiel, dass ich die Nummer meiner Mutter ja per Kurzwahltaste gewählt hatte. Also rief ich sofort noch einmal an. Wieder meldete sich dieselbe flapsige Stimme.

»Ich hab eben schon angerufen – bin ich da bei Green? Patricia Green – letzte Woche verstorben – und ihrem Sohn Edward?«

»Ja, genau.«

»Hier spricht Edwards Schwester, Susan. Ich würde gerne mit ihm sprechen.«

»Oh, Susan. Ja, stimmt, genau. Ich schau mal kurz, ob er in der Nähe ist.«

Ich hörte Gemurmel, dann ein unnatürlich fröhliches: »Hallo, Suze, wie geht’s, wie steht’s?«.

»Edward, was war das für ein Mann, und warum geht er an das Telefon unserer Mutter?«

»Ach, das ist bloß Rob. Ich hab ihm gesagt, er kann ein paar Wochen hier pennen, während er sich hier in England wieder einlebt. Er ist gerade von einer langen Reise zurückgekommen. Ein total toller Typ.«

»Es ist mir egal, wie toll er ist. Ich will nicht, dass Fremde im Haus unserer Mutter wohnen. Sag ihm, dass er gehen soll. Sie ist noch keine fünf Minuten tot, und das Haus ist voller Wertsachen.«

»Hör zu, Suze …«

»Susan.«

»Hör zu, ich kenn Rob seit dem College. Du hast ihn selbst mal kennengelernt vor ein paar Jahren. Er braucht im Moment ein bisschen Unterstützung. Er war für mich da, als es mir schlecht ging, und jetzt bin ich für ihn da. Ich werd ihn nicht rausschmeißen – er hat keinen Ort, an den er gehen könnte.«

Die Loyalität meines Bruders zu seinen Saufkumpanen ist wirklich rührend.

Ich beschloss, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen, wenn ich nach Birmingham fuhr. Es würde nicht lange dauern, bis ich diesen Rob auf die Straße gesetzt hatte. Ich brachte das Gespräch also auf die vorläufig dringlichere Frage der Beerdigungsorganisation. Edward erklärte, es werde mich sicher freuen, zu hören, dass die Gedenkfeier organisiert sei. Er hatte das Nebenzimmer in einem Pub namens »The Bull’s Head« gemietet.

»Wir dürfen unser eigenes Essen mitbringen, wenn wir wollen, und am Ausschank können wir einfach alles anschreiben lassen und am Ende zahlen«, erzählte er stolz.

Ich setzte ihm auseinander, dass das völlig unangemessen sei und er die Reservierung sofort stornieren müsse. »Mum war abstinent. Sie wäre entsetzt gewesen bei dem Gedanken, dass ihre Totenfeier in einem Pub stattfinden soll.«

»Blödsinn, die war nicht abstinent. Die mochte schon ab und zu mal ihr Gläschen Sherry oder ein Radler. Und sie würde wollen, dass die Leute sich amüsieren, und das werden sie im Bull’s Head. Porzellantassen und höfliche Konversation hätte sie nicht gewollt.«

»Das ist genau das, was sie gewollt hätte. Genau diese Art Mensch war sie. Sie war ganz sicher nicht die Frau, die gerne mal zwanglos einen bechern ging.«

»Tja, so wird es jetzt aber laufen, Suze, und alle werden sich amüsieren und sich lustige Geschichten von ihr erzählen und sich einen antrinken, wenn sie Lust haben. Und wenn dir das nicht passt, dann kannst du dich von mir aus verpissen.«

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