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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Dienstag, 10. März 2020 von Piper Verlag


Buchtipps 2020

Ein außergewöhnliches Debüt

„Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Frau. Eine junge Frau aus guter Familie, mit Temperament und Selbstbewusstsein, eine Frau, die ihre Erfüllung nicht in einer standesgemäßen Ehe sieht, sondern die mitreden möchte und vielleicht studieren. Die unversehens von Vater und Bruder in eine Kutsche verfrachtet und quer durch Paris in das Nervenkrankenhaus La Salpêtrière gebracht wird. Dort wird sie von nun an leben, zusammen mit anderen Frauen, deren Ehemänner, Väter, Brüder es ebenfalls für angezeigt hielten, sie hier einzuliefern – und sie damit als Hysterikerinnen zu brandmarken. Victoria Mas hat mit ihrem mitreißend modernen Debütroman „Die Tanzenden“ in ihrer französischen Heimat für Furore gesorgt..”

Felicitas von Lovenberg

Die TanzendenDie Tanzenden

Roman

Eine Hymne auf die Courage aller FrauenGanz Paris will sie sehen: Im berühmtesten Krankenhaus der Stadt, der Salpêtrière, sollen Louise und Eugénie in dieser Ballnacht glänzen. Ob die Hysterikerinnen nicht gefährlich seien, raunt sich die versammelte Hautevolee zu und bewundert ihre Schönheit gerade dann, wenn sie die Kontrolle verlieren. Für Louise und Eugénie aber steht an diesem Abend alles auf dem Spiel: Sie wollen aus ihrer Rolle ausbrechen, wollen ganz normale Frauen sein, wollen auf dem Boulevard Saint-Germain sitzen und ein Buch lesen dürfen, denken und träumen und lieben dürfen wie die Männer.Mit verblüffender Lebendigkeit erzählt Victoria Mas in „Die Tanzenden“ vom Aufbruch derer, die sich nicht zufriedengeben, von berührender Solidarität und unbeirrbarem Mut.„Ein unentbehrlicher Roman.“ Cosmopolitan Frankreich„Eine der schönsten und augenfälligsten Überraschungen des Jahres!“ Le Parisien»In einer glasklaren Sprache, leicht wie ein Pastell, schreibt diese junge Autorin gegen die männliche Norm an und gibt denen eine Stimme, die man mundtot gemacht und unterdrückt hat.« L’Obs

1

Geneviève

3. März 1885

 

„Louise. Es ist Zeit.“

Mit einer Hand zieht Geneviève die Decke weg, unter der zusammengekauert auf der schmalen Matratze der schlafende Körper der jungen Frau liegt. Ihr dunkles, dichtes Haar bedeckt das Kopfkissen und einen Teil ihres Gesichts. Den Mund halb geöffnet, schnarcht Louise leise. Die anderen Frauen im Schlafsaal, die bereits aufgestanden sind, hört sie nicht. Zwischen den aufgereihten Eisenbetten rekeln sich die weiblichen Gestalten, drehen sich die Haare zu einem Knoten auf, knöpfen ihre tiefschwarzen Kleider über den durchsichtigen Nachthemden zu und trotten unter den wachsamen Blicken der Krankenschwestern Richtung Speisesaal. Durch die beschlagenen Fensterscheiben dringt zaghaft die Sonne.

Louise steht als Letzte auf. Jeden Morgen reißt eine Pflegerin oder eine der anderen Geisteskranken sie aus dem Schlaf. Abends lässt sich die junge Frau erleichtert in eine tiefe, traumlose Nacht sinken. Schlafen heißt, sich nicht mehr mit dem befassen zu müssen, was geschehen ist, sich nicht besorgt zu fragen, was morgen wird. Seit es sie vor drei Jahren hierher verschlagen hat, verschafft ihr nur der Schlaf eine kurze Atempause.

„Hoch mit dir, Louise. Sie warten auf dich.“

Geneviève rüttelt das Mädchen am Arm, bis es schließlich die Augen öffnet. Zuerst ist Louise erstaunt, am Fußende ihres Bettes die Frau zu sehen, die von den Geisteskranken die Altgediente genannt wird, doch dann ruft sie:

„Ich hab doch Vorlesung!“

„Mach dich fertig, du hast genug geschlafen.“

„Ja!“

Die junge Frau springt aus dem Bett und nimmt ihr schwarzes Wollkleid vom Stuhl. Geneviève tritt zur Seite und beobachtet sie. Mit ihrem Blick verfolgt sie die fahrigen Handgriffe, die unsicheren Kopfbewegungen, die schnelle Atmung. Gestern hatte Louise erneut einen Anfall: Das darf sich vor der heutigen Vorlesung auf keinen Fall wiederholen.

Hastig schließt die junge Frau die Knöpfe ihres Kleides und wendet sich der Oberaufseherin zu. Stets aufrecht in ihrem weißen Dienstkleid, die Haare zu einem Dutt gesteckt, hat Geneviève etwas Einschüchterndes an sich. Mit den Jahren musste Louise lernen, mit ihrer strengen Art zurechtzukommen. Nicht dass sie ungerecht oder gar böswillig wäre, sie wirkt nur einfach nicht liebenswert.

„Ist es so recht, Madame Geneviève?“

„Lass deine Haare offen. Das ist dem Doktor lieber.“

Gehorsam löst Louise den flüchtig gedrehten Haarknoten wieder. Sie ist gegen ihren Willen eine junge Frau geworden. Die Begeisterung der Sechzehnjährigen ist dagegen noch ganz und gar kindlich. Der Körper ist zu schnell gewachsen; ihre Brust und die Hüften, die mit zwölf zum Vorschein kamen, haben sie nicht gewarnt vor den Folgen dieser plötzlichen Üppigkeit. Zu einem gewissen Teil ist die Unschuld in ihren Augen verschwunden, aber nicht ganz. Weswegen noch Hoffnung für sie besteht.

„Ich hab Lampenfieber.“

„Überlass dich allem, dann wird das schon.“

„Ja.“

 

Die beiden Frauen gehen einen Korridor des Krankenhauses entlang. Das morgendliche Märzlicht scheint durch die Fenster und wird von den Fliesen am Boden reflektiert – ein sanftes Licht, ein erstes Anzeichen für den Frühling und den Ball an Mittfasten, ein Licht, bei dem jede unwillkürlich lächelt und darauf hofft, sie käme hier bald heraus.

Geneviève spürt Louises Nervosität. Die junge Frau läuft mit gesenktem Kopf neben ihr her, ihre Arme hängen am Körper herab, ihr Atem geht schnell. Die Mädchen auf der Station sind immer angespannt, wenn sie Charcot persönlich treffen – vor allem, wenn er sie auserkoren hat, an einer Vorführung teilzunehmen. Es ist eine Verantwortung, die sie überfordert, eine Aufmerksamkeit, die sie verwirrt, ein Interesse, das so ungewohnt ist für die sonst unbeachtet gebliebenen Frauen, dass es ihnen fast den Boden unter den Füßen wegreißt – wieder einmal.

Nach ein paar weiteren Korridoren und Türen betreten sie den kleinen Raum neben dem Auditorium. Eine Handvoll Ärzte und Medizinstudenten warten bereits. Sie halten Hefte und Schreibfedern parat, tragen Oberlippenbärte, wirken unnachgiebig in ihren dunklen Anzügen und weißen Hemden. Alle wenden sie sich gleichzeitig dem heutigen Studienobjekt zu. Ihr medizinischer Blick unterzieht Louise einer eingehenden Betrachtung: Sie scheinen durch ihr Kleid sehen zu können. Angesichts all dieser sensationslüsternen Augenpaare schlägt das junge Mädchen die Lider nieder.

Nur ein Gesicht ist ihr vertraut: Babinski, der Assistent des Doktors, der jetzt auf Geneviève zukommt.

„Der Saal ist fast voll. In zehn Minuten fangen wir an.“

„Brauchen Sie noch irgendwas Besonderes für Louise?“

Babinski mustert die Geisteskranke von oben bis unten.

„Sie macht die Sache so.“

Geneviève nickt und schickt sich an, den Raum zu verlassen. Ängstlich will Louise ihr nach.

„Sie holen mich danach wieder ab, Madame Geneviève, nicht wahr?“

„Wie immer, Louise.“

Hinter allen anderen stehend, lässt Geneviève den Blick noch einmal durch das Auditorium schweifen. Von den Holzbänken hallen tiefe Stimmen wider und erfüllen den Saal. Der ähnelt eher einem Museum, ja einem Kuriositätenkabinett als dem Raum eines Krankenhauses. An den Wänden und der Decke hängen Gemälde und Kupferstiche, auf denen Zeichnungen anatomischer Details und ganzer Körper zu bewundern sind, Szenen, in denen Unbekannte, nackt oder bekleidet, ängstlich oder in sich versunken, in wildem Durcheinander abgebildet sind. In der Nähe der Bänke wuchtige Schränke, berstend unter dem Gewicht der Zeit, hinter deren Glastüren alles ausgestellt ist, was ein Krankenhaus für die Nachwelt aufbewahren kann: Schädel, Schienbeine, Oberarmknochen, Becken, Dutzende Glasbehälter, Steinbüsten und allerlei Gerätschaften. Allein durch seine Ausstattung verheißt dieser Saal dem Publikum, dass gleich etwas Besonderes geschehen wird.

Geneviève sieht sich die Zuschauer an. Manche von ihnen sind Stammgäste, sie erkennt Mediziner, Schriftsteller, Journalisten, Studenten, Künstler, das eine oder andere Gesicht aus der Politik, jeder neugierig, längst bekehrt oder skeptisch. Sie empfindet Stolz. Stolz darauf, dass ein einzelner Mann in Paris ein derart großes Interesse zu wecken vermag und die Bänke des Auditoriums Woche für Woche füllt.

Da erscheint er auch schon auf der Bühne. Es wird still im Saal. Mühelos setzt Charcot seine beleibte, gravitätische Gestalt vor diesem Meer von faszinierten Blicken in Szene. Sein längliches Profil erinnert an die Eleganz und Würde griechischer Statuen. Er hat den genauen und unbestechlichen Blick eines Arztes, der seit Jahren Frauen erforscht, von ihrer Familie und der Gesellschaft verstoßen und zutiefst wehrlos. Er weiß, welche Hoffnungen er bei den Patientinnen weckt. Weiß, dass sein Name in ganz Paris bekannt ist. Er gilt als Autorität und übt seine Macht in der Überzeugung aus, dass sie ihm aus einem ganz bestimmten Grund verliehen wurde: Mit seiner Begabung wird er die Medizin voranbringen.

„Guten Tag, meine Herren. Danke, dass Sie gekommen sind. In der heutigen Lehrveranstaltung werde ich Ihnen die Hypnose an einer Patientin demonstrieren, die an einer schweren Hysterie leidet. Sie ist sechzehn Jahre alt. Seit sie vor drei Jahren in die Salpêtrière gekommen ist, haben wir mehr als zweihundert hysterische Anfälle bei ihr verzeichnen können. Mittels Hypnose können wir diese Anfälle künstlich erzeugen, um deren Symptome genauer zu untersuchen und so mehr über den physiologischen Ablauf der Hysterie zu erfahren. Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.“

Über Genevièves Gesicht huscht ein Lächeln. Jedes Mal, wenn sie sieht, wie dieser Mann seinem sensationsgierigen Publikum eine Vorführung ankündigt, muss sie daran denken, wie er hier seinen Dienst angetreten hat. Sie war dabei, als er noch studierte, in den Vorlesungen mitschrieb, behandelte und forschte, als er Sachen entdeckte, die vor ihm noch keiner entdeckt hatte, und Sachen dachte, die bislang noch keiner gedacht hatte. Charcot allein verkörpert die Medizin in ihrer ganzen Unbestechlichkeit, ihrer Wahrheit und ihrem Nutzen. Warum Götter verehren, wenn es Männer wie Charcot gibt? Nein, das stimmt nicht ganz: Kein Mann kann es mit Charcot aufnehmen. Sie ist stolz, ja, stolz auf das Vorrecht, seit fast zwanzig Jahren ihren Beitrag zur Arbeit und zu den Fortschritten des berühmtesten Nervenarztes von Paris leisten zu dürfen.

Babinski führt Louise auf die Bühne. Während sie vor zehn Minuten noch umkam vor Lampenfieber, ist die Körperhaltung der jungen Frau jetzt vollkommen verändert: Die Schultern nach hinten gedrückt, die Brust und das Kinn nach vorn gereckt – so geht Louise auf ein Publikum zu, das nur auf sie gewartet hat. Sie hat keine Angst mehr: Das ist ihr Moment des Ruhms und der Anerkennung. Ihr Moment, aber auch der des Meisters.

Die Oberaufseherin kennt jede Stufe des Rituals. Zuerst das Pendel, das sachte vor Louises Gesicht hin- und hergeschwenkt wird, ihre unbeweglichen blauen Augen, die Stimmgabel, die einmal erklingt, und das Mädchen, das nach hinten fällt, sein willenloser Körper, der in letzter Sekunde von zwei Medizinstudenten aufgefangen wird. Mit geschlossenen Augen gehorcht Louise jeder Anweisung, führt anfangs einfache Bewegungen aus, hebt den Arm, dreht sich und winkelt ein Bein an wie ein gehorsamer kleiner Soldat. Dann posiert sie wie gewünscht, legt die Hände zum Gebet zusammen, schaut flehend zum Himmel hinauf und ahmt den Gekreuzigten nach.

Was zu Beginn wie eine simple Hypnosedemonstration daherkam, verwandelt sich nach und nach in eine spektakuläre Vorführung, die „Phase der großen Bewegungen“, wie Charcot verkündet. Jetzt liegt Louise am Boden, und man gibt ihr keine Anweisungen mehr. Ganz von sich aus beginnt sie zu zucken, verrenkt Arme und Beine, wälzt ihren Körper hin und her, windet sich vom Rücken auf den Bauch, die Füße und Hände verkrampfen sich. Plötzlich sinkt sie reglos nieder, das Gesicht vor Freude und Schmerz verzerrt, und stößt heisere Atemzüge aus. Wer zum Aberglauben neigt, könnte meinen, das Mädchen sei von Dämonen besessen, und einige im Publikum bekreuzigen sich tatsächlich verstohlen … Mit einer letzten Zuckung landet das Mädchen wieder auf dem Rücken, dann stemmen sich ihre nackten Füße und der Kopf nach oben, sie bäumt sich auf, bis ihr Körper vom Hals bis zu den Knien einen Kreisbogen bildet. Ihr dunkles Haar wischt durch den Staub auf der Bühne, ihr zu einem umgekehrten U geformter Rücken knackt unter der Anstrengung. Nach diesem künstlich erzeugten Anfall bricht sie unter den verblüfften Blicken schließlich mit einem dumpfen Geräusch zusammen.

Patientinnen wie Louise ist es zu verdanken, dass Medizin und Wissenschaft Fortschritte machen.

 

Außerhalb der Mauern der Salpêtrière, in den Salons und Cafés, ergeht man sich in Vermutungen darüber, wie Charcots Arbeit, die sogenannte „Arbeit mit Hysterikerinnen“, wohl aussehen mag. Man stellt sich nackte Frauen vor, die durch die Korridore rennen, mit dem Kopf gegen die Fliesen schlagen, die Beine für einen imaginären Liebhaber spreizen und sich von morgens bis abends die Seele aus dem Leib schreien. Man erzählt sich von Körpern verrückter Frauen, die unter weißen Laken in Zuckungen geraten, von grimassierenden Mienen unter struppigen Haaren und den Gesichtern alter Frauen, fettleibiger Frauen, hässlicher Frauen, Frauen, die zu Recht weggesperrt sind, auch wenn niemand genau sagen könnte, warum, schließlich haben sie sich weder einer Beleidigung noch eines Verbrechens schuldig gemacht. Für diese Leute, ob Bürgerliche oder Proletarier, die schon die geringste Andersartigkeit verschreckt, hat der Gedanke an die geisteskranken Frauen etwas Erregendes und Beängstigendes zugleich. Die verrückten Frauen faszinieren sie und flößen ihnen Entsetzen ein. Sie wären enttäuscht, kämen sie an diesem späten Vormittag auf der Station vorbei.

In dem weitläufigen Schlafsaal geschehen die täglichen Verrichtungen in vollkommener Ruhe. Frauen wischen zwischen und unter den Metallbetten den Boden, manche waschen sich, über eine Schüssel mit kaltem Wasser gebeugt, notdürftig mit einem Lappen, andere liegen todmüde da und wollen mit niemandem reden. Einige bürsten sich die Haare, sprechen leise mit sich selbst und schauen zu, wie es langsam dunkel wird draußen im Park, wo noch ein paar Schneefetzen liegen. Es sind Frauen jeden Alters, von dreizehn bis fünfundsechzig Jahren, sie sind brünett, blond oder rothaarig, schlank oder dick, frisiert, wie sie es in der Stadt auch wären, und sie bewegen sich voller Anmut. Keine Spur von Zügellosigkeit, die man sich draußen zusammenfantasiert.

Der Schlafsaal gleicht eher einem Sanatorium als einem Trakt für Hysterikerinnen. Erst bei näherer Betrachtung fallen die Störungen auf: Man bemerkt eine seltsam verdrehte Faust, einen verkrampften Arm vor der Brust. Man sieht Lider, die wie Schmetterlingsflügel immerfort auf- und zuklappen. Manche haben nur ein Auge geschlossen, während das andere einen ansieht. Jegliche Töne von Blechinstrumenten oder Stimmgabeln sind verboten, weil einige der Frauen sonst sofort in einen Starrkrampf verfallen könnten. Während eine ständig gähnt, verliert eine andere die Kontrolle über ihre Glieder. Man begegnet niedergeschlagenen, abwesenden oder zutiefst melancholischen Blicken. Und bisweilen wird der Schlafsaal, über dem kurzzeitig eine trügerische Ruhe lag, von einem der berühmten hysterischen Anfälle erschüttert: Der Körper einer Frau, die auf dem Bett oder am Boden liegt, krümmt sich, zuckt, ringt mit einer unsichtbaren Macht, kämpft, windet und verrenkt sich, in dem vergeblichen Versuch, ihrem Schicksal zu entkommen. Dann drängt man sich um sie, ein Medizinstudent drückt zwei Finger auf ihre Eierstöcke, und diese Behandlung lässt die rasende Frau wieder zur Ruhe kommen. In schweren Fällen wird ihr ein mit Äther getränktes Tuch unter die Nase gehalten: Die Lider schließen sich, der Anfall lässt nach.

Keine Spur von Hysterikerinnen, die barfüßig durch die kalten Gänge tanzen. Stattdessen herrscht hier nur ein stiller und alltäglicher Kampf um Normalität.

 

Ein paar Frauen haben sich um eines der Betten versammelt und sehen Thérèse dabei zu, wie sie eine Stola strickt. Eine junge Frau mit geflochtenem Haarkranz nähert sich der, die die Strickende genannt wird.

„Die ist jetzt aber mal für mich, Thérèse, oder?“

„Hab sie schon Camille versprochen.“

„Du schuldest mir schon seit Wochen eine.“

„Ich hab dir vor zwei Wochen ’ne Stola geschenkt, du mochtest sie bloß nicht, Valentine. Jetzt wartest du.“

„Mir langt’s!“

Mit beleidigter Miene geht die junge Frau davon. Sie achtet nicht weiter auf ihre rechte Hand, die sich nervös verrenkt, und auch nicht auf ihr beständig zuckendes Bein.

Unterdessen helfen Geneviève und eine Pflegerin Louise dabei, wieder ins Bett zu kommen. Das erschöpfte Mädchen lächelt mit letzter Kraft.

„War ich gut, Madame Geneviève?“

„So gut wie immer, Louise.“

„Ist Doktor Charcot zufrieden mit mir?“

„Er ist erst zufrieden, wenn du geheilt bist.“

»Ich hab gesehen, wie sie mich alle angeschaut haben … Bald bin ich genauso berühmt wie Augustine. Stimmt’s?«

„Jetzt ruh dich aus.“

»Ich werde die neue Augustine … Ganz Paris wird von mir sprechen …«

Geneviève zieht die Decke über den entkräfteten Körper der jungen Frau, die mit einem Lächeln auf den blassen Lippen einschläft.

 

Es ist dunkel geworden in der Rue Soufflot. Das Pantheon, steinerne Ruhestätte etlicher Berühmtheiten, wacht über den Jardin du Luxembourg, der unten an der Straße schlummert.

Im sechsten Stock eines Wohnhauses ist ein Fenster geöffnet. Geneviève betrachtet die stille Straße, die linker Hand von der majestätischen Silhouette des Kriegerdenkmals begrenzt wird und rechter Hand vom Park mit seinen Statuen, dessen grüne Alleen und blühende Rasenflächen schon morgens von Spaziergängern, Liebespaaren und Kindern in Beschlag genommen werden.

Nachdem sie am frühen Abend von der Arbeit zurückgekehrt ist, hat Geneviève ihr tägliches Ritual vollzogen. Zuerst hat sie ihren weißen Kittel aufgeknöpft und mechanisch nach Flecken abgesucht – meistens ist es Blut –, um ihn anschließend an einen kleinen Schrank zu hängen. Dann hat sie sich draußen auf dem Etagenflur gewaschen, wo sie manchmal die anderen Bewohner ihres Stockwerks trifft: eine Mutter mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter, beide Waschfrauen und allein seit dem Tod des Ehemanns, der in den Tagen der Kommune umgekommen ist. Zurück in ihrem kleinen bescheidenen Zimmer, hat sie sich eine Suppe aufgewärmt und sie im Schein einer Öllampe auf der Bettkante stumm in sich hineingelöffelt. Dann hat sie sich wie jeden Abend für zehn Minuten ans Fenster gesetzt. Regungslos und aufrecht, als trüge sie noch immer ihr enges Dienstkleid, betrachtet sie die Straße, wie ein unerschütterlicher Leuchtturmwärter auf seinem Posten. Nicht dass sie versonnen die Lichter der Straße anblicken oder sich in Träumereien ergehen würde – mit dieser Art von Romantik hat sie nichts im Sinn. Sie nutzt den friedlichen Moment nur, um den Tag zu vergessen, den sie hinter den Mauern der Heilanstalt verbracht hat. Sie öffnet das Fenster und lässt alles vom Wind forttragen, was sie von früh bis spät umgeben hat – die traurigen und spöttischen Gesichter, der Geruch von Äther und Chloroform, die hallenden Schritte auf den Fliesen, das Klagen überall und das Gestöhn, die Betten, die unter den zuckenden Körpern quietschen. Sie geht auf Distanz zu diesem Ort.

An die Geisteskranken denkt sie nicht. Sie interessieren sie nicht. Keines der Schicksale rührt sie an, keine Geschichte geht ihr nah. Seit dem Vorfall zu Beginn ihrer Schwesternzeit hat sie es aufgegeben, die Frauen hinter den Patientinnen sehen zu wollen. Oft überfällt sie die Erinnerung daran. Dann sieht sie wieder vor sich, wie die Geisteskranke, die ihrer Schwester ähnelte, kurz vor einem Anfall steht, sieht ihr entstelltes Gesicht, als sie sie mit beiden Händen am Hals packt und wie besessen zudrückt. Geneviève war jung, sie glaubte, dass sie eine Beziehung zu ihren Patientinnen aufbauen müsse, um ihnen helfen zu können. Zwei Krankenschwestern waren dazwischengegangen und hatten sie befreit aus den Händen der Verrückten, der sie Vertrauen und Zuneigung geschenkt hatte. Der Schock war ihr eine Lehre. Und die folgenden zwanzig Jahre mit den Geisteskranken hatten sie in ihrer Ansicht immer wieder bestätigt. Die Krankheit beraubt jeden seiner Menschlichkeit. Sie macht aus den Frauen Marionetten mit bizarren Symptomen, willenlose Puppen in den Händen von Ärzten, die sie benutzen und bis in den letzten Winkel ihres Körpers untersuchen, kuriose Tiere, die nur noch ein klinisches Interesse hervorrufen. Sie sind keine Ehefrauen, Mütter oder Mädchen mehr, sie sind keine Frauen, die man anschaut oder beachtet, sie werden nie Frauen sein, die man begehrt oder liebt: Sie sind Kranke. Irre. Versagerinnen. Und die Arbeit der Aufseherin besteht im besten Falle darin, zu ihrer Heilung beizutragen, im schlimmsten, sie unter halbwegs akzeptablen Bedingungen wegzusperren.

Geneviève schließt das Fenster, nimmt die Öllampe und setzt sich an ihr Holzpult. Der einzige Luxus in diesem Zimmer, in dem sie seit ihrer Ankunft in Paris lebt, ist ein Ofen, der den Raum angenehm erwärmt. Seit zwanzig Jahren hat sich hier nichts geändert. In den Ecken stehen dasselbe Bett, derselbe Schrank mit zwei Stadtkleidern und einem Hauskleid darin, derselbe Kohleherd und dasselbe Pult mit Stuhl, das ihre kleine Schreibecke bildet. Der einzige Farbtupfer in dem ansonsten dunkel gehaltenen Zimmer ist die rosa Tapete, die von der Zeit leicht vergilbt und durch die Feuchtigkeit stellenweise verquollen ist. Die Decke ist gewölbt, sodass Geneviève an manchen Stellen reflexartig den Kopf einzieht, wenn sie durchs Zimmer geht.

Sie greift nach einem Blatt, taucht ihre Feder ins Tintenfass und beginnt zu schreiben:

 

Paris, 3. März 1885

 

Meine liebe Schwester,

 

nun habe ich schon ein paar Tage nicht geschrieben, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel. Die Geisteskranken waren diese Woche besonders unruhig. Es braucht nur eine von ihnen einen Anfall zu bekommen, und schon folgen die anderen nach. Das Ende des Winters wirkt sich oft in dieser Weise auf sie aus. Monatelang dieser bleierne Himmel, der eiskalte Schlafsaal, der trotz der Öfen nie richtig warm wird – ganz zu schweigen von den für diese Jahreszeit typischen Krankheiten: All das setzt ihnen schwer zu, wie du dir vorstellen kannst. Zum Glück hatten wir heute die ersten Sonnenstrahlen. Und der Ball an Mittfasten, der in zwei Wochen stattfindet – ja, schon –, dürfte ihre Nerven beruhigen. Bald holen
wir die Kostüme vom letzten Jahr heraus. Das wird
ihre Stimmung ein wenig aufhellen, und die des Pflegepersonals auch.

Doktor Charcot hat heute wieder eine öffentliche
Vorführung gegeben. Wieder mal die kleine Louise. Die arme Irre bildet sich ein, sie wäre genauso berühmt wie Augustine. Ich sollte sie daran erinnern, dass diese sich
an ihrem Ruhm so sehr erfreut hat, dass sie schließlich aus dem Krankenhaus geflohen ist – noch dazu in Männerkleidern! Sie war wirklich undankbar. Nach den vielen Anstrengungen, die wir und besonders Doktor Charcot unternommen haben, um sie zu heilen. Wer geisteskrank ist, bleibt es ein Leben lang, das habe ich immer zu dir gesagt.

Aber die Vorführung ist gut verlaufen. Charcot und Babinski konnten einen gehörigen Anfall erzeugen, das Publikum staunte. Das Auditorium war voll, wie jeden Freitag. Doktor Charcot verdient den Erfolg. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er noch alles entdecken wird. Jedes Mal muss ich dann an mich denken – ein kleines Mädchen aus der Auvergne, Tochter eines einfachen Landarztes, die heute dem größten Nervenarzt von Paris zur Hand geht. Im Vertrauen: Dieser Gedanke erfüllt mein Herz mit Stolz und Demut.

Bald hast du Geburtstag. Ich versuche, nicht daran zu denken, der Kummer ist einfach zu groß. Bis zum heutigen Tage, ja. Du hältst mich bestimmt für dumm, doch die Jahre ändern nichts daran. Du wirst mir mein ganzes Leben lang fehlen.

Meine geliebte Blandine. Ich muss jetzt schlafen gehen. Ich nehme dich in meine Arme und küsse dich zärtlich.

 

Deine Schwester,

die an dich denkt, wo immer du bist.

 

 

Geneviève liest den Brief noch einmal durch und faltet ihn dann zusammen. Steckt ihn in einen Umschlag, den sie rechts oben mit dem Datum versieht: 3. März 1885. Sie steht auf und öffnet den Schrank. Unter den aufgehängten Kleidern stapeln sich mehrere Schachteln. Geneviève greift nach der obersten. Darin ungefähr hundert Umschläge, die mit dem Datum versehen sind wie der, den sie in der Hand hält. Mit ihrem Zeigefinger prüft sie das Datum des letzten Umschlags – 20. Februar 1885 – und ordnet den neuen davor ein.

Sie macht die Schachtel wieder zu, stellt sie an ihren Platz zurück und schließt den Schrank.

2

Eugénie

20. Februar 1885

 

Seit drei Tagen schneit es. In der Luft sehen die Flocken wie Perlenvorhänge aus. Auf den Gehwegen und in den Parks liegt eine weiße, knirschende Schicht aus Schnee, der kleben bleibt an den Pelzmänteln und den Stiefeln, die durch ihn hindurchstapfen.

Die Clérys, mit dem Abendessen befasst, achten nicht mehr auf die Flocken, die gemächlich hinter den Fenstertüren fallen und auf dem weißen Teppich des Boulevards Haussmann niedergehen. Auf ihre Teller konzentriert, zerschneiden die fünf Familienmitglieder das rote Fleisch, das der Diener ihnen serviert hat. Die Decke über ihren Köpfen ist mit Stuck verziert. In der Wohnung, die der Pariser Bourgeoisie alle Ehre macht, drängen sich Möbel und Gemälde, Kronleuchter, Kerzenhalter und Gegenstände aus Marmor und Bronze. Es ist ein früher Abend, wie die Clérys ihn oft begehen: Auf den Porzellantellern klappert das Besteck, die Stuhlbeine knarzen unter den Bewegungen der Sitzenden, und im Kamin prasselt das Feuer, das der Diener immer wieder mit dem Haken schürt.

Schließlich ertönt in der Stille die väterliche Stimme.

„Ich hatte heute Besuch von Fochon. Die Erbschaft seiner Mutter hat ihn nicht sonderlich zufriedengestellt. Er hatte gehofft, das Schloss in der Vendée zu bekommen, aber das hat seine Schwester geerbt. Seine Mutter überlässt ihm nur das Appartement in der Rue Rivoli. Was für ein armseliges Trostpflaster!“

Der Vater sieht nicht von seinem Teller auf. Nun, da er gesprochen hat, dürfen auch die anderen das Wort ergreifen. Eugénie schaut kurz zu ihrem Bruder, der ihr mit gesenktem Kopf gegenübersitzt. Sie nutzt die Gelegenheit.

„In der Stadt erzählt man sich, Victor Hugo sei gesundheitlich sehr angegriffen. Weißt du irgendetwas darüber, Théophile?“

Überrascht sieht ihr Bruder auf, während er weiter sein Fleisch kaut.

„Nicht mehr als du.“

Auch der Vater blickt nun seine Tochter an. Er bemerkt ihren vor Ironie sprühenden Blick nicht.

„Wo in Paris hörst du solche Sachen?“

„Bei den Zeitungsverkäufern. In den Cafés.“

„Ich schätze es nicht, dass du dich in Cafés herumtreibst. So etwas schickt sich nicht.“

„Ich gehe nur zum Lesen dorthin.“

„Selbst wenn. Und erwähne gefälligst nicht den Namen dieses Mannes in unserem Haus. Er ist alles andere als ein Republikaner, auch wenn gewisse Leute das behaupten.“

Die Neunzehnjährige verkneift sich ein Lächeln. Würde sie ihren Vater nicht provozieren, ließe sich dieser nicht mal dazu herab, sie anzusehen. Sie weiß, dass ihr Leben den Patriarchen erst interessieren wird, wenn jemand aus ebenso gutem Hause wie ihrem, was heißt aus einer Anwalts- oder Notarsfamilie, um ihre Hand anhält. Das ist der einzige Wert, den sie in den Augen ihres Vaters je haben wird – ein Wert als Ehefrau. Eugénie kann sich schon jetzt seine Wut vorstellen, wenn sie ihm beichten wird, dass sie nicht vorhat zu heiraten. Ihre Entscheidung steht seit Langem fest. Denn nichts liegt ihr ferner, als ein Leben zu führen wie das ihrer Mutter, die zu ihrer Rechten sitzt – ein Leben, das sich auf die Wände eines bürgerlichen Appartements beschränkt, das dem Zeitplan und den Entscheidungen eines Mannes unterworfen ist, ein Leben ohne Ambition oder Leidenschaft, ein Leben, in dem man stets nur das eigene Bild im Spiegel betrachtet – vorausgesetzt, sie erkennt sich dann noch –, ein Leben, dessen einziger Zweck es ist, Kinder zu bekommen, und in dem es höchstens noch darum geht, die Kleidung für den jeweiligen Tag auszuwählen. Das alles will sie auf keinen Fall. Stattdessen will sie alles andere.

Links neben ihrem Bruder sitzt ihre Großmutter väterlicherseits und lächelt ihr zu. Der einzige Mensch in der Familie, der sie so sieht, wie sie wirklich ist: voller Zuversicht und Stolz, blass und dunkelhaarig, mit einer Denkerstirn, wachen Augen und einem dunklen Fleck in der linken Iris, eine stille Beobachterin, die sich alles merkt – und vor allem nicht eingeschränkt werden will, weder in ihrem Wissensdrang noch in ihren Zukunftsabsichten – und die in diesem Punkt derart kompromisslos ist, dass es einem zuweilen ganz bange um sie wird.

Vater Cléry sieht zu Théophile, der noch immer mit großem Appetit isst. Wenn er sich an seinen Ältesten wendet, wird der väterliche Ton milder.

„Théophile, konntest du die neuen Bücher durcharbeiten, die ich dir gegeben habe?“

„Nicht ganz, ich habe noch ein bisschen Lesestoff aufzuholen. Ich fange im März damit an.“

„In drei Monaten beginnt deine Ausbildung in der Kanzlei, ich will, dass du den Stoff bis dahin wiederholt hast.“

„Wird erledigt. Da fällt mir ein, morgen Nachmittag bin ich nicht hier. Ich gehe in einen Debattiersalon. Der junge Fochon wird übrigens auch da sein.“

„Aber gewiss doch, betätige deinen Geist. Frankreich braucht eine Jugend mit Verstand. Erwähne bloß nicht die Erbschaft seines Vaters, das würde ihn nur belasten.“

Eugénie blickt ihren Vater an.

„Wenn Sie von einer Jugend mit Verstand sprechen, meinen Sie Jungen und Mädchen, nicht wahr, Papa?“

„Ich habe dir schon einmal gesagt: Frauen haben in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.“

„Wie traurig wäre ein Paris, das nur aus Männern besteht.“

„Genug, Eugénie.“

„Männer sind immer so ernst, sie wissen nicht, wie man sich amüsiert. Frauen können ernst sein, aber sie können auch lachen.“

„Widersprich mir nicht.“

»Ich widerspreche Ihnen ja gar nicht: Wir diskutieren. Genau das sollen Théophile und seine Freunde Ihrer Meinung nach morgen tun …«

„Es reicht! Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich derlei Unverschämtheiten in meinem Haus nicht dulde. Du darfst den Tisch verlassen.“

Der Vater schlägt sein Besteck klirrend gegen den Teller und blickt Eugénie herausfordernd an. Er ist derart gereizt, dass sich die Haare seines Backenbartes und seines dichten Schnurrbarts aufrichten. Stirn und Schläfen laufen rot an. Immerhin hat es Eugénie heute Abend geschafft, ihm eine Gefühlsregung zu entlocken.

Die junge Frau legt ihr Besteck auf den Teller und die Serviette auf den Tisch. Nicht unzufrieden mit der kleinen Verwirrung, die sie angerichtet hat, steht sie auf, grüßt unter dem bekümmerten Blick der Mutter und dem amüsierten ihrer Großmutter mit einem kurzen Nicken in die Runde und verlässt das Esszimmer.

 

„Du konntest dich vorhin wirklich nicht beherrschen, nicht wahr?“

Es ist Nacht geworden. In einem der fünf Zimmer der Wohnung schüttelt Eugénie das Bettzeug auf. Hinter ihr steht die Großmutter im Nachthemd und wartet darauf, dass sie schlafen gehen kann.

„Ich wollte nur, dass wir uns ein bisschen amüsieren. Dieses Abendessen war so unsäglich trist. Setzt Euch, Großmutter.“

Sie nimmt die runzlige Hand der alten Frau und hilft ihr, sich aufs Bett zu setzen.

„Noch beim Dessert war dein Vater verärgert. Du solltest seine Laune nicht überstrapazieren. Ich sage das dir zuliebe.“

„Macht Euch keine Sorgen, was mich betrifft. Noch tiefer kann ich in Papas Ansehen nicht sinken.“

Eugénie hebt die nackten, dürren Beine ihrer Großmutter an und hilft ihr, unter die Bettdecke zu schlüpfen.

„Ist Euch kalt? Soll ich noch eine Decke holen?“

„Nein, Liebes, alles gut.“

Die junge Frau kauert sich vor das wohlmeinende Gesicht der Alten, die sie jeden Abend zu Bett bringt. Ihr Blick tut ihr gut. Das Lächeln, wenn ihre Runzeln sich heben und ihre blassen Augen schmaler werden, ist das zärtlichste auf der ganzen Welt. Eugénie liebt sie mehr als ihre eigene Mutter, vielleicht zum Teil auch deshalb, weil ihre Großmutter sie mehr liebt als eine eigene Tochter.

„Meine kleine Eugénie. Deine beste Eigenschaft wird auch immer dein größter Makel sein: Du bist frei.“

Ihre Hand kommt unter der Bettdecke hervor, um über das dunkle Haar der Enkelin zu streichen. Doch all das sieht Eugénie längst nicht mehr: Ihre Aufmerksamkeit hat sich etwas anderem zugewandt. Sie starrt in eine Ecke des Zimmers. Nicht zum ersten Mal fixiert sie regungslos einen unsichtbaren Punkt. Diese Momente dauern nie so lange, dass es wirklich beängstigend wäre. Geht ihr ein Gedanke oder eine Erinnerung durch den Kopf, etwas, das sie aufwühlt? Oder ist es wie damals, als Eugénie zwölf war und schwor, sie würde etwas sehen? Die alte Frau wendet den Kopf in die Richtung, in die ihre Enkelin blickt: In der Ecke des Zimmers befinden sich eine Kommode, eine Blumenvase und ein paar Bücher.

„Was ist, Eugénie?“

„Nichts.“

„Siehst du etwas?“

„Nein, nichts.“

Eugénie kommt wieder zu sich und streichelt lächelnd die Hand ihrer Großmutter.

„Ich bin müde, mehr nicht.“

Sie wird ihr nicht erzählen, dass sie tatsächlich etwas sieht – besser gesagt jemanden. Dass sie ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen und dass seine Anwesenheit sie überrascht hat, auch wenn sie sein Kommen spüren konnte. Seit ihrem zwölften Lebensjahr sieht sie ihn. Er war zwei Wochen vor ihrem Geburtstag gestorben. Kaum ein paar Tage später saß die ganze Familie im heimischen Salon beisammen. Und ebenda war er ihr zum ersten Mal erschienen. Überzeugt, dass die anderen ihn ebenfalls sahen, hatte Eugénie gerufen: „Schaut doch, Großvater ist hier, er sitzt im Sessel, schaut!“ – und je mehr man ihr widersprach, desto mehr beharrte sie darauf: „Großvater ist hier, ich schwöre es!“ Bis ihr Vater sie so scharf und heftig zurechtwies, dass sie es später nie mehr wagte, die Anwesenheit des Verstorbenen zu erwähnen. Seine Anwesenheit und die der anderen.

Denn neben ihrem Urahn erschienen ihr auch andere. Als hätte die Tatsache, dass sie ihn einmal gesehen hatte, etwas in ihr aufgebrochen. Eine Art Durchgang, den sie in Höhe des Brustbeins verortet – jedenfalls spürt sie es dort –, ein Durchgang, der bis dahin versperrt und mit einem Mal frei war. Die anderen, die ihr erschienen, kannte sie nicht. Es waren Fremde, Frauen wie Männer jeden Alters. Sie tauchten nicht plötzlich auf – immer merkte Eugénie, wie sie allmählich näher kamen: Ihr wurden die Glieder schwer, sie spürte, wie sie in einen Halbschlaf sank, als wäre sie plötzlich ihrer Kraft beraubt, zugunsten von etwas anderem. Dann wurden sie sichtbar. Sie befanden sich im Salon oder saßen auf einem Bett, standen neben dem Esstisch und schauten ihr beim Essen zu. Als sie noch kleiner war, fürchtete sie sich vor diesen Visionen, die sie zu einer wortlosen Einsamkeit verdammten. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich in die Arme ihres Vaters gestürzt und ihr Gesicht in seiner Jacke vergraben, bis die- oder derjenige sie in Ruhe ließ. So verwirrend das alles war, eines wusste sie genau: Es handelte sich nicht um Halluzinationen. Das Gefühl, das die Erscheinungen in ihr auslösten, ließ keinen Zweifel zu. Diese Leute waren tot, und jetzt besuchten sie sie.

Eines Tages tauchte ihr Großvater erneut auf, und diesmal sprach er mit ihr. Genauer gesagt hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf, denn die Gesichter, die sie sah, waren stets unbeweglich und stumm. Er sagte, sie brauche keine Angst zu haben, sagte, dass sie ihr nichts Böses wollten und dass man sich vor den Lebenden mehr fürchten müsse als vor den Verstorbenen. Er fügte hinzu, dass sie eine Gabe habe und dass sie, die Toten, aus einem bestimmten Grund zu ihr kämen. Eugénie war fünfzehn. Doch das anfängliche Entsetzen blieb. Abgesehen von ihrem Großvater, dessen Besuche sie schließlich akzeptiert hatte, beschwor sie alle zu verschwinden, sobald sie ihr erschienen – und sie gehorchten. Sie hatte sich nicht ausgesucht, dass sie sie sah. Sie hatte sich diese „Gabe“ nicht ausgesucht, die in ihren Augen ohnehin eher eine psychische Störung als eine Gabe war. Zu ihrer Beruhigung sagte sie sich, dass es vorübergehen, dass all dies verschwinden würde, wenn sie das väterliche Heim erst verlassen hätte. Dann würde sie nicht mehr behelligt werden. Sie müsste nur Stillschweigen bewahren, bis es so weit war, selbst ihrer Großmutter gegenüber. Denn sollte sie noch einmal etwas Derartiges erwähnen, würde man sie unverzüglich in die Salpêtrière einliefern.

 

Am Nachmittag darauf gönnen die Schneefälle der Hauptstadt eine Atempause. In den weißen Straßen liefern sich die Kinder zwischen Bänken und Laternen spontane Schlachten mit eisigen Geschossen. Ein fahles, fast blendendes Licht liegt über Paris.

Théophile kommt aus der Toreinfahrt des Hauses und geht zu der Droschke, die am Straßenrand wartet. Seine roten Locken schauen unter dem Zylinder hervor. Er schlägt seinen Mantelkragen hoch, zieht sich eilig die Lederhandschuhe über und öffnet den Kutschenschlag. Mit einer Hand hilft er Eugénie beim Einsteigen. Ein langer schwarzer Mantel mit ausgestellten Ärmeln und Kapuze verhüllt ihre Gestalt. In ihrem Haarknoten stecken zwei Gänsefedern – für die spitzen, blütengeschmückten Hütchen, die derzeit überall in der Hauptstadt zu sehen sind, hat sie nicht viel übrig. Théophile geht zum Kutscher.

»Zum Boulevard Malesherbes Nummer 9. Und bitte, Louis, falls mein Vater Sie fragt: Ich war allein.«

Mit einer stummen Geste macht der Kutscher klar, dass sein Mund versiegelt ist, und Théophile steigt zu seiner Schwester in den Wagen.

„Bist du immer noch verärgert, Brüderchen?“

„Du bist ein Ärgernis, Eugénie.“

Nach dem Mittagessen, einer Mahlzeit, die stets etwas fröhlicher ausfällt, sobald ihr Vater nicht daran teilnimmt, war Théophile wie gewohnt für ein zwanzigminütiges Nickerchen auf sein Zimmer gegangen, bevor er sich zum Ausgehen fertig machte. Er legte gerade seinen Zylinder vor dem Spiegel bereit, als es an seiner Tür klopfte. Vier Mal: seine Schwester.

„Komm rein.“

Eugénie hatte die Tür geöffnet und war hereingekommen – angekleidet und frisiert für die Stadt.

„Willst du etwa wieder ins Café? Das wird Papa gar nicht gefallen.“

„Nein, ich gehe mit dir in den Salon.“

„Auf keinen Fall.“

„Und wieso nicht?“

„Weil du nicht eingeladen bist.“

„Dann lade du mich ein.“

„Und außerdem sind dort nur Männer.“

„Wie öde.“

„Siehst du, du hast keine Lust hinzugehen.“

„Ich würde so gern wissen, wie es dort ist, bloß ein einziges Mal!“

„Wir sitzen in einem Salon, rauchen, trinken Kaffee dabei oder Whisky und tun philosophisch.“

„Wenn es dort wirklich so trist ist, warum gehst du dann hin?“

„Gute Frage. Es gehört sich so, nehme ich an.“

„Lass mich mitgehen.“

„Ich will mir nicht Papas Zorn zuziehen, falls er davon erfährt.“

„Daran hättest du denken sollen, bevor du mit dem Lieschen aus der Rue Joubert angebandelt hast.“

Théophile, wie vom Donner gerührt, hatte seine Schwester einige Sekunden lang angestarrt, die ihn lächelnd wissen ließ:

„Ich warte unten auf dich.“

In der Droschke, die nur mühsam durch die Schneewehen vorankommt, zeigt sich Théophile besorgt.

„Bist du sicher, dass Maman nicht gesehen hat, wie du weggegangen bist?“

„Maman sieht mich nie.“

„Du bist ungerecht. Nicht alle in dieser Familie haben sich gegen dich verschworen, weißt du.“

„Bloß du.“

„Genau. Ich werde mich mit Papa zusammentun und einen künftigen Gemahl für dich finden. Auf diese Weise kommst du in sämtliche Salons deiner Wünsche und fällst mir nicht mehr auf die Nerven.“

Eugénie sieht ihren Bruder an und lächelt. Die Ironie ist der einzige Wesenszug, den sie miteinander teilen. Zwar sind sie einander nicht tief verbunden, aber es entzweit sie auch keine Feindseligkeit. Sie fühlen sich weniger als Bruder und Schwester denn als Bekannte, die ein herzliches Verhältnis pflegen, da sie doch unter einem Dach wohnen. Dabei hätte Eugénie allen Grund, ihren Bruder zu beneiden – der erstgeborene und damit heiß geliebte Sohn, ein Sohn, der zum Studium ermuntert wird, ein Sohn, in dem man den zukünftigen Anwalt sieht, während man in ihr nur die zukünftige Ehefrau vermutet. Irgendwann jedoch hat sie begriffen, dass ihr Bruder seine Situation ebenso erduldete wie sie. Auch Théophile musste den väterlichen Forderungen nachkommen, auch er musste den Erwartungen entsprechen, die ihm aufgezwungen wurden, und auch er musste seine innersten Wünsche für sich behalten. Denn wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Théophile sein Bündel geschnürt und wäre auf Reisen gegangen, egal wohin, nur möglichst weit weg. Dies ist zweifellos die zweite Sache, die sie verbindet: Sie haben sich ihren Platz nicht ausgesucht. Aber genau in diesem Punkt unterscheiden sie sich auch. Théophile hat sich durchgerungen und seine Situation akzeptiert, seine Schwester aber lehnt die ihre ab.

 

Im Salon sieht es genauso aus wie bei ihnen zu Hause. Der Raum wird von einem Kristallkronleuchter beherrscht. Ein Diener geht mit einem Silbertablett zwischen den Gästen umher und bietet Gläser mit Whisky an, ein anderer serviert Kaffee in Porzellantassen.

Junge Männer stehen am Kamin oder sitzen auf Chaiselongues aus dem letzten Jahrhundert, rauchen Zigarren oder Zigaretten und unterhalten sich leise miteinander. Die neue Elite von Paris, angepasste Jasager. An ihren Gesichtern lässt sich erkennen, wie stolz sie sind, der richtigen Familie zu entstammen. Ihre lässigen Gesten verraten, dass sie nie schwere Arbeit leisten mussten. Das Wort „Wert“ ergibt für sie nur Sinn im Hinblick auf die Gemälde an der Wand und den sozialen Status, den sie genießen, ohne dass sie je etwas dafür hätten tun müssen.

Ein junger Mann kommt ironisch lächelnd auf Théophile zu. Eugénie ist im Hintergrund geblieben und beobachtet die mondäne Gesellschaft.

„Cléry, ich wusste nicht, dass du heute in so charmanter Begleitung kommst.“

Théophile wird rot unter seinen roten Locken.

„Darf ich dir meine Schwester vorstellen, Fochon. Eugénie.“

„Deine Schwester? Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich. Angenehm, Eugénie.“

Fochon macht einen Schritt auf sie zu und greift nach ihrer Hand. Sein durchdringender Blick ruft bei der jungen Frau einen leichten Ekel hervor. Er wendet sich Théophile zu.

„Hat dein Vater von Großmutters Erbschaft erzählt?“

„Ich hab’s erfahren, ja.“

„Papa ist äußerst beleidigt. Schließlich hat er ständig von dem Schloss in der Vendée geredet. Dabei müsste ich viel mehr beleidigt sein, die alte Frau hat mir gar nichts hinterlassen. Mir, ihrem einzigen Enkel! Was soll’s. Eugénie, wollen Sie etwas trinken?“

„Einen Kaffee. Ohne Zucker.“

„Die kleinen Federn da auf Ihrem Kopf sind lustig. Damit werden Sie unseren Salon heute aufheitern.“

„Demnach lachen Sie manchmal?“

„Und frech ist sie auch! Hervorragend.“

 

An diesem Ort, an dem alle Geräusche gedämpft sind, verstreicht die Zeit quälend langsam. Die Gespräche der kleinen Gruppen verschmelzen miteinander und sind am Ende nur noch ein Widerhall tiefer, gleichförmiger Stimmen, unterbrochen vom Klirren der Gläser und Tassen. Der Tabakrauch bildet einen samtigen, durchscheinenden Schleier, der über den Köpfen schwebt. Vom Alkohol sind die ohnehin schon schlaffen Körper noch träger geworden. Eugénie, die auf einem weich gepolsterten Samtsessel sitzt, gähnt hinter vorgehaltener Hand. Ihr Bruder hat nicht gelogen: Nur gesellschaftliche Konvention kann das Interesse an diesen Salons erklären. Die Streitgespräche sind keine Gespräche, eher konventionelles Gerede, auswendig gelernte Gedanken, die von diesen vermeintlich belesenen Köpfen brav aufgesagt werden. Selbstverständlich spricht man hier über Politik – über die Kolonisation, Präsident Grévy, die Gesetze von Jules Ferry –, und auch ein bisschen über Theater und Literatur, aber ohne Tiefgang. In den Augen der jungen Männer gehören diese Themen eher in den Bereich der Vergnügungen, als dass sie zur intellektuellen Bereicherung beitragen würden.

Eugénie vernimmt das alles, ohne wirklich zuzuhören. Auch wenn es sie hin und wieder reizt, das Wort zu ergreifen, etwas zu entgegnen oder die Widersprüche innerhalb bestimmter Äußerungen aufzudecken, gerät sie doch nicht in Versuchung, diese kleinkarierte Welt aufzumischen. Sie weiß schon jetzt, worauf es hinauslaufen würde: Die Männer würden sie spöttisch ansehen, weil sie das Wort ergriffen hat, ihre Sätze mit einer abschätzigen Handbewegung übergehen und sie auf ihren Platz zurückverweisen. Die stolzen Köpfe wollen nicht in ihrer Position untergraben werden – schon gar nicht von einer Frau. Diese Männer mögen Frauen nur, wenn ihre Figur ihnen zusagt. Die hingegen, die ihrer Männlichkeit schaden könnten, die verspotten sie, oder – noch besser – sie entledigen sich ihrer. Eugénie erinnert sich an eine Meldung, die vor ungefähr dreißig Jahren in der Zeitung gestanden hatte: Eine gewisse Ernestine wollte sich befreien aus ihrer Rolle als Ehefrau und nahm Kochkurse bei ihrem Cousin, einem Chefkoch, in der Hoffnung, eines Tages selbst am Herd einer Brasserie zu stehen. Ihr Mann, der seine Vormachtstellung bedroht sah, ließ sie daraufhin in die Salpêtrière einweisen.

Seit Beginn des Jahrhunderts hatten sich zahlreiche solcher Geschichten ereignet, sie wurden zum Gesprächsstoff in den Pariser Cafés oder standen als kurze Meldung unter der Rubrik Vermischtes in der Zeitung. Eine Frau, die auf ihren untreuen Mann losgegangen war: eingeliefert, genauso wie eine Bettlerin, die ihr Geschlecht auf der Straße entblößt hatte. Eine Vierzigjährige, die sich mit einem zwanzig Jahre jüngeren Mann in der Öffentlichkeit gezeigt hatte: eingewiesen wegen Unzucht, zusammen mit einer jungen Witwe, die von ihrer Schwiegermutter eingeliefert wurde, weil sie ihr seit dem Tod des Ehemanns zu melancholisch war. Eine Mülldeponie für all jene, die die öffentliche Ordnung gefährdeten. Eine Anstalt für Frauen, deren Empfindungen nicht den Erwartungen entsprachen. Ein Gefängnis für diejenigen, die sich einer eigenen Meinung schuldig gemacht hatten.

Seit Charcots Ankunft vor zwanzig Jahren heißt es, die Salpêtrière habe sich geändert. Jetzt würden nur noch die wirklichen Hysterikerinnen dort eingeliefert. Trotz dieser Behauptung bleiben Zweifel. Zwanzig Jahre sind nichts, um tief verwurzelte Denkweisen in einer von Vätern und Ehemännern dominierten Gesellschaft umzukrempeln. Keine Frau kann je wirklich sicher sein, wegen ihrer Äußerungen, ihrer Eigenart oder ihrer Ideale nicht doch hinter den gefürchteten Mauern im dreizehnten Arrondissement zu landen. Daher sind sie auf der Hut. Selbst Eugénie mit ihrer kühnen Art weiß, dass man nicht alle Linien überschreiten darf – schon gar nicht in einem Salon voller einflussreicher Männer.

 

„… aber der Mann war ein Ketzer. Man sollte seine Bücher verbrennen!“

„Das hieße, ihm viel zu viel Bedeutung beizumessen.“

„Es ist nur eine Mode, bald wird man ihn vergessen haben. Wer kennt denn heute schon noch seinen Namen?“

„Meinen Sie den, der behauptet, es gäbe Gespenster?“

„Geister nennt er sie.“

„Ein Verrückter!“

„Wer sagt, der Geist würde die Materie überleben, widerspricht jeder Logik. Eine solche Behauptung leugnet sämtliche Gesetze der Biologie!“

»Mal abgesehen von diesen Gesetzen – wenn es tatsächlich Geister gibt, warum zeigen sie sich dann nicht viel öfter?«

„Prüfen wir’s nach! Falls hier in diesem Zimmer Geister sind, fordere ich sie auf, ein Buch aus dem Regal fallen zu lassen oder ein Gemälde zu verrücken!“

„Hör auf, Mercier. So albern es ist, ich mag doch keine Scherze darüber.“

Eugénie hat sich in ihrem Sessel aufgerichtet und reckt den Hals zu der Gesellschaft hinüber. Zum ersten Mal, seit sie hier ist, lauscht sie dem Gespräch.

„Es ist nicht nur albern, sondern gefährlich. Haben Sie Das Buch der Geister gelesen?“

„Warum sollten wir unsere Zeit mit solchen Märchen verschwenden?“

„Wer ein guter Kritiker sein will, muss sich informieren. Ich hab’s gelesen, und ich versichere Ihnen, dass ich mich von bestimmten Äußerungen in meinem christlichen Glauben zutiefst verletzt fühle.“

„Was kümmert dich das Geschwätz eines Mannes, der behauptet, er würde mit den Toten reden?“

„Er sagt sogar, es gäbe weder Paradies noch Hölle. Er verharmlost Abtreibungen, weil ein Fötus angeblich noch keine Seele hat!“

„Das ist Gotteslästerung!“

„Solche Gedanken verdienen den Strick!“

„Wie heißt der Mann, um den es hier geht?“

Eugénie ist aufgestanden. Ein Diener tritt hinzu und nimmt ihr die leere Tasse aus der Hand. Überrascht, etwas aus dem Mund des Mädchens zu hören, das bislang stumm und schweigsam dagesessen hat, drehen sich die Männer um und blicken sie an. Théophile wird stocksteif vor Schreck: Seine Schwester ist unberechenbar, und ihre Worte schlagen stets Wellen.

Eine Zigarette in der Hand, steht Fochon hinter einem Sofa und deutet ein Lächeln an.

„Das Mädchen mit den Gänsefedern spricht endlich. Warum fragst du? Du bist doch keine Spiritistin, hoffe ich?“

„Wie heißt er, ich bitte Sie?“

„Allan Kardec. Warum? Interessiert er dich?“

„Sie alle beschreiben ihn so voller Inbrunst. Wenn jemand die Gemüter so aufwühlt, muss er doch irgendwo richtiggelegen haben.“

„Oder aber er hat sich grob getäuscht.“

„Das werde ich selbst herausfinden.“

Théophile drängt sich zwischen den Gästen hindurch zu Eugénie. Er packt sie am Arm und redet leise auf sie ein.

„Du gehst jetzt besser, wenn sie dich nicht auf der Stelle massakrieren sollen.“

Das Gesicht ihres Bruders ist eher sorgenvoll als fordernd. Eugénie spürt die abschätzigen Blicke, die sie von Kopf bis Fuß mustern. Sie nickt ihrem Bruder zu und verlässt den Salon mit einem kurzen Gruß in die Runde. Zum zweiten Mal in zwei Tagen herrscht bei ihrem Abgang drückendes Schweigen.

Ein Buch über das weibliche Begehren in all seinen Facetten

Was dürfen wir von den Menschen, die wir lieben, verlangen? Lina ist seit über zehn Jahren verheiratet – und kann sich nicht daran erinnern, wann ihr Mann sie das letzte Mal geküsst hat. Maggie war als Siebzehnjährige in ihren Lehrer vernarrt und muss als Erwachsene feststellen, dass der ihre Verliebtheit ausgenutzt und sie missbraucht hat. Sloane schläft Nacht für Nacht mit einem anderen, nur weil ihr Mann ihr gern dabei zusieht. Lina, Maggie und Sloane könnten unterschiedlicher kaum sein. Und doch verbindet sie eines: Sie begehren auf. Sie geben sich nicht damit zufrieden, von der Lust eines Mannes abzuhängen. Sie formulieren eigene Bedürfnisse und nehmen sich, was sie wollen.

Vor über acht Jahren machte sich die amerikanische Schriftstellerin und zweifache Pushcart-Prize-Gewinnerin Lisa Taddeo daran, ein Buch über das weibliche Begehren in all seinen Facetten zu schreiben. Sie reiste mehrmals quer durch die USA und traf unzählige Frauen, von denen ihr drei ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind. Denn was Lina, Maggie und Sloane umtreibt, das trägt sich überall und immer wieder zu. Oft geschieht es hinter verschlossenen Türen. Oft verstummen wir aus Scham und Angst, sobald das Gespräch auf das kommt, wonach wir uns sehnen, was uns berührt oder verletzt. Lisa Taddeo nimmt dieses Schweigen nicht hin. Sie verdichtet die Erfahrungen ihrer Protagonistinnen zu einem vielschichtigen, famos erzählten Text und konfrontiert uns mit deren ganzer lebendiger Widersprüchlichkeit. Gerade das macht Three Women – Drei Frauen zu einem durch und durch authentischen, zu einem mutigen und aufrüttelnden Buch.

„Ich weiß nicht, wann mich ein Buch zuletzt so tief berührt hat wie Three Women – Drei Frauen. Lisa Taddeo ist als Reporterin unermüdlich, als Schriftstellerin brillant und als Erzählerin von einem fast übernatürlichen Mitgefühl beseelt.“ So sagt es Elizabeth Gilbert (Eat Pray Love), und auch wir bei Piper spürten sofort: Three Women – Drei Frauen ist das Buch der Stunde. Es sind in den letzten Monaten viele Texte erschienen, die sich mit dem weiblichen Begehren auseinandersetzen. Die Machtverhältnisse ausbuchstabieren, Abhängigkeiten anprangern, Tabus brechen. Lisa Taddeos Three Women – Drei Frauen leistet einen wichtigen Beitrag zu diesem Diskurs – und ist doch mehr als das. Dank seiner literarischen Form hatten wir schon nach wenigen Seiten das Gefühl, einen Text zu lesen, der einzigartig und universell zugleich ist. Und dank Lisa Taddeos glasklarer, bildreicher und drastischer Sprache werden die Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Lina, Maggie und Sloane zu unseren eigenen.

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Three Women – Drei FrauenThree Women – Drei Frauen

Der SPIEGEL-Bestseller #1

Von 0 auf Platz 1 auf den Bestsellerlisten der New York Times und Sunday Times„Dieses Buch ist so wahr und dadurch so hart, dass man nicht aufhören kann, es zu lesen.“ DER SPIEGELAlles, was Lina will, ist, dass sie jemand begehrt. Wie ist sie in diese Ehe geraten, mit zwei Kindern und einem Mann, der sie nicht einmal mehr auf den Mund küsst?Alles, was Maggie will, ist, dass sie jemand versteht. Wie konnte sie sich auf ihren Lehrer einlassen? Und warum scheinen alle nicht ihn, sondern sie dafür zu hassen?Alles, was Sloane will, ist, dass sie jemand bewundert. Wie ist sie zum Objekt der Begierde eines Mannes geworden, ihres Mannes, der nichts lieber tut, als ihr beim Sex mit anderen zuzuschauen?Three Women – Drei Frauen ist das Buch der Stunde über weibliche Sexualität zwischen Lust und Macht, anziehend und verstörend, vielschichtig, gewaltig und schön.„Männer werden dieses Buch lesen und bestürzt den Kopf schütteln, Frauen werden wissend nicken.“ Sophie Passmann„Es gibt keine Frau, die sich nicht mit schmerzendem Magen und wild klopfendem Herz in dem wiederfinden wird, was Maggie, Lina und Sloane durchmachen.“ The Guardian„Three Women – Drei Frauen gleicht einem Schlachtruf. Die literarische Brillanz des Buches haut einen schier um. Für alle, die zu wissen meinen, was Frauen wollen und begehren, wird dieses Buch ein Weckruf sein.“ Time Magazine„Dieses Buch – fordernd und herzzerreißend – wird mich noch lange begleiten. Ein außergewöhnlicher Einblick in die Psychologie der weiblichen Sexualität.“ Jojo Moyes„Ein erstaunlicher Akt imaginierter Empathie und ein Geschenk an alle Frauen dieser Welt, die das Gefühl haben, dass ihr Begehren ignoriert und ihre Stimmen nicht gehört werden. Ein Buch, das einen hinwegfegt, das schimmert und glitzert und ins Herz dessen trifft, was wir sind.“ The Sunday Times„Einfach brillant. In einer Zeit, in der die Sexualität von Frauen zu den am hitzigsten diskutierten Themen gehört, führt kein Weg an diesem Buch vorbei.“ Vogue„Aufwühlend … Die Geschichten von Taddeos Protagonistinnen – Sloane, Lina und Maggie – handeln allesamt vom Verbotenen: Dreiecksbeziehungen, Dominanz und Unterordnung, Sex mit Minderjährigen. Und alle enthalten sie eine ordentliche Portion guter alter Untreue. Der Plan geht auf und lässt keinen kalt.“ New York Times Book Review„Ich weiß nicht, wann mich ein Buch zuletzt so tief berührt hat wie Three Women – Drei Frauen. Lisa Taddeo ist als Reporterin unermüdlich, als Schriftstellerin brillant und als Erzählerin von einem fast übernatürlichen Mitgefühl beseelt. Ich habe mich in allen Frauen dieser Geschichte wiedergefunden.“ Elizabeth Gilbert„Three Women – Drei Frauen zu lesen ist wie das Lesen des Tagebuchs, von dem man nie gehofft hätte, es zu schreiben: Da ist eine sekundengenaue Darstellung Ihrer ekstatischsten Momente und derer voller Elend; Momente, in denen Sie am stärksten waren oder sich ungeheuer schwach fühlten. Dieses Buch pulsiert wie eine Arterie.“ The Observer„Macht süchtig, extrem süchtig. Brillant.“ Dolly Alderton„Eine umwerfende, fesselnde Schilderung des Begehrens und der sexuellen Vorlieben dreier realer Frauen, die auch davon handelt, wie dieses Begehren und diese Vorlieben zu dem wurden, was sie sind, und wie die Gesellschaft über diese Frauen urteilt. … Lisa Taddeo sucht die Sensation nicht, kennt aber auch keine Scham; in ihrer Darstellung knistert es vor erotischen Details, die ans Eingemachte gehen. Was daraus entsteht, fühlt sich wie ein neues Genre an und ist schon jetzt eines der meistbesprochenen Bücher des Jahres.“ The Times„Ich konnte Three Women – Drei Frauen nicht mehr aus der Hand legen. Eine unerbittliche Analyse des weiblichen Begehrens, und doch so poetisch beschrieben … Lisa Taddeo legt ein großartiges, unerschrockenes Debüt vor.“ Gwyneth Paltrow„Anstatt sich mit dem bloßen Kitzeln der Lust zufriedenzugeben, entwirft die Autorin Geschichten, an denen man wirklich Anteil nimmt. … Three Women – Drei Frauen fängt den Schmerz und die Ohnmacht des Begehrens ebenso ein wie seine ungestüme Freude.“ The Economist„Schon jetzt ein Klassiker der feministischen Literatur! Wegweisend und unheimlich packend.“ O, The Oprah Magazine„Eine außergewöhnliche Studie des weiblichen Begehrens. … Taddeos Stil könnte nicht überzeugender – ja sublimer – sein, wenn sie den Schmerz unerfüllten Verlangens beschreibt.“ The Washington Post„Wie eine True-Crime-Story – und das Verbrechen heißt Verlangen.“ Elle„Lisa Taddeos augenöffnendes Werk, eine Meisterklasse in Sachen Empathie, entwickelt sich jetzt schon zu einem die Jahre überdauernden Meilenstein des Feminismus. … Episch und intim zugleich, beleuchtet Three Women – Drei Frauen das weibliche Begehren und seine Konsequenzen in einer patriarchalen Gesellschaft von allen Seiten.“ Harper’s Bazaar„Diese Frauen haben mein Herz gebrochen, ich werde sie nie vergessen.“ Gillian AndersonQuelle New York Times-Bestsellerplatzierung: https://www.instagram.com/p/B0d9l6UFnoS

Prolog

Als meine Mutter jung war, folgte ihr jeden Morgen ein Mann zur Arbeit, der nur wenige Meter hinter ihr masturbierte. Meine Mutter hatte die Schule nur bis zur fünften Klasse besucht, ihre Mitgift bestand aus Leinentüchern mittlerer Qualität, aber sie war schön. Und das ist bis heute das Erste, was mir zu ihr einfällt. Ihre Haare hatten dieselbe Farbe wie Tiroler Alpenschokolade, und ihre Frisur war immer gleich: kleine, hoch aufgesteckte Locken. Ihre Haut war nicht olivfarben wie die vom Rest ihrer Familie, sondern hatte einen ganz eigenen Ton, der eher dem hellen Rosé von unreinem Gold glich. Ihre Augen waren braun, ihre Blicke mokant und kokett.
Sie arbeitete als Hauptkassiererin an einem Obst- und Gemüsestand im Zentrum von Bologna. Das war auf der Via San Felice, einer langen Hauptverkehrsstraße im Modeviertel. Dort gab es viele Schuhgeschäfte, Goldschmiede, Parfümerien, Kioske und Boutiquen für Frauen, die nicht arbeiteten. Meine Mutter kam auf dem Weg zu ihrem Stand an diesen Geschäften vorbei und bestaunte in den Schaufensterauslagen die feinen Lederstiefel und polierten Ketten.
Doch bevor sie das Einkaufsviertel erreichte, ging sie ein stilles Stück des Weges am Schlossschmied und Ziegenmetzger vorbei, durch dreckige Straßen und Gassen und einsame Säulengänge, in denen es streng nach Urin und muffig nach abgestandenem Wasser roch. Und den ganzen Weg über folgte ihr dieser Mann.
Wo hatte er sie das erste Mal gesehen? So wie ich es mir vorstelle, war es am Obststand. Diese schöne Frau inmitten all der herrlichen, frischen Waren – pralle Feigen, Berge von Esskastanien, sonnengereifte Pfirsiche, leuchtend weiße Fenchelknollen, grüne Blumenkohlköpfe, Rispentomaten, an denen noch etwas Erde klebte, Pyramiden dunkelvioletter Auberginen, kleine, aber prächtige Erdbeeren, glänzende Kirschen, Weintrauben und Dattelpflaumen, dazu eine abenteuerliche Auswahl an Getreidesorten und Broten, taralli, friselle, Baguettes, Blockschokolade und ein paar Kupferschüsseln, die ebenfalls zum Verkauf standen.
Er war Mitte sechzig, hatte eine große Nase, fast eine Glatze und an weißen Pfeffer erinnernde Stoppeln auf den eingefallenen Wangen. Er trug eine Ballonmütze wie all die anderen alten Männer, die auf ihrer täglichen camminata mit dem Spazierstock durch die Straßen zogen.
Irgendwann muss er ihr bis nach Hause gefolgt sein, denn an einem wolkenlosen Maimorgen trat meine Mutter durch die schwere Eingangstür ihres Wohnhauses, aus dem Dunkeln ins grelle Sonnenlicht – in Italien sind die Aufgänge der Wohnhäuser fast immer zappenduster, weil das Licht aus Kostengründen gedimmt und nur zu bestimmten Zeiten eingeschaltet wird und die dicken, kalten Steinwände keine Sonnenstrahlen durchlassen –, und da stand dieser alte Mann, den sie noch nie gesehen hatte, und wartete auf sie.
Er lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Dann machte sie sich mit ihrem wadenlangen Rock und einer billigen Handtasche auf den Weg zur Arbeit. Meine Mutter hatte selbst im hohen Alter noch unfassbar feminine Beine. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, dieser Mann zu sein und die Beine meiner Mutter zu sehen und ihnen zu folgen. Denn nach Jahrhunderten unter dem männlichen Blick ist es Teil unseres Erbes, dass heterosexuelle Frauen andere Frauen oft genauso betrachten, wie Männer es tun.
Meine Mutter spürte, wie der Mann mehrere Straßenzüge lang hinter ihr herging, vorbei an dem Olivenverkäufer und dem Händler von Portweinen und Sherrys. Aber er folgte ihr nicht nur. Als sie sich an einer bestimmten Ecke umdrehte, nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Die kopfsteingepflasterten Gassen waren um diese Zeit, in der Morgendämmerung, menschenleer, und sie sah, dass er seinen langen, erigierten Penis aus der Hose geholt hatte und ihn mit schnellen Bewegungen bearbeitete, hoch und runter, den Blick dabei so ruhig auf sie gerichtet, als würde das, was sich unterhalb seines Hosenbunds abspielte, von einem völlig anderen Hirn gesteuert.
Damals fuhr meine Mutter erschrocken zusammen, aber Jahre später hatte sich die Angst dieses ersten Morgens in Belustigung und Spott verwandelt. In den darauffolgenden Monaten tauchte der Mann mehrmals pro Woche vor ihrem Wohnhaus auf und begleitete sie schließlich auch vom Markt zurück nach Hause. Auf dem Höhepunkt ihrer Beziehung kam er zwei Mal am Tag direkt hinter ihr.
Meine Mutter ist inzwischen verstorben, und so kann ich sie nicht mehr fragen, warum sie das zuließ, jeden Tag aufs Neue. Stattdessen habe ich meinen älteren Bruder gefragt, warum sie nichts unternommen und niemandem davon erzählt hat.
Es war Italien, es waren die Sechziger. Die Polizeibeamten hätten wahrscheinlich gesagt: „Ma lascialo perdere, è un povero vecchio. È una meraviglia che ha il cazzo duro alla sua età.“ – „Lassen Sie die Sache auf sich beruhen, er ist ein armer alter Mann. Ist doch ein Wunder, dass er überhaupt noch einen hochkriegt.“
Meine Mutter ließ den Mann mit Blick auf ihren Körper masturbieren. Sie war nicht die Art von Frau, die Gefallen daran gefunden hätte. Aber wirklich wissen kann ich es nicht. Meine Mutter sprach nie über ihre Fantasien. Über das, was sie an- oder abturnte. Manchmal wirkte es so, als hätte sie überhaupt keine eigenen Bedürfnisse. So, als wäre ihre Sexualität nur ein schmaler Pfad im Wald, einer dieser unmarkierten, die dadurch entstehen, dass irgendjemand mit Stiefeln das Gras niedertrampelt. Und dieser Jemand war mein Vater.
Mein Vater liebte die Frauen auf eine Weise, die man früher als charmant bezeichnet hat. Er war Arzt und nannte die Krankenschwestern, die ihm gefielen, „Süße“, und die Krankenschwestern, die ihm nicht gefielen, „Schätzchen“. Aber mehr als alle anderen liebte er meine Mutter. Die Anziehung, die sie auf ihn ausübte, war so offensichtlich, dass es mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht treibt, wenn ich mich daran erinnere.
Während ich nie Anlass hatte, mir Gedanken über das Begehren meines Vaters zu machen, packte mich doch etwas an der Heftigkeit dieses Begehrens, an der Heftigkeit männlichen Begehrens überhaupt. Bei Männern geht es nicht allein ums Wollen. Es geht ums Brauchen. Der Mann, der meiner Mutter jeden Tag auf dem Hin- und Rückweg zu ihrer Arbeit folgte, brauchte das. Präsidenten verwirken ihre Ehre für Blowjobs. Alles, was sich ein Mann im Laufe eines Lebens aufgebaut hat, setzt er vielleicht für einen einzigen Moment aufs Spiel. Ich habe nie die Theorie vertreten, mächtige Männer hätten derart aufgeblasene Egos, dass sie einfach annähmen, ihnen könne nichts passieren; vielmehr glaube ich, dass ihr Begehren in bestimmten Momenten so stark ist, dass alles andere – ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Karriere – dahinter verblasst. Sich in nichts auflöst.
Als ich anfing, an diesem Buch zu arbeiten, einem Buch über das menschliche Begehren, reizten mich zunächst die Geschichten von Männern. Ihre Sehnsüchte. Wie sie für eine vor ihnen kniende junge Frau den Sturz eines ganzen Imperiums in Kauf nehmen. Und so führte ich anfangs Gespräche mit Männern: einem Philosophen aus Los Angeles, einem Lehrer aus New Jersey, einem Politiker aus Washington, D. C. Ihre Geschichten waren auf dieselbe Weise verlockend, wie es verlockend ist, beim Chinesen immer wieder das gleiche Gericht zu bestellen.
Die Geschichte des Philosophen, die anfangs die eines gut aussehenden Mannes war, dessen weniger gut aussehende Frau nicht mit ihm schlafen wollte – einschließlich aller schmerzhaften Begleiterscheinungen, die schwindende Liebe und Leidenschaft mit sich bringen –, wurde zur Geschichte eines Mannes, der mit der rothaarigen Masseurin schlafen wollte, die er wegen seiner Rückenschmerzen aufsuchte. „Sie sagt, sie will mit mir nach Kalifornien durchbrennen, Big Sur und so“, simste er mir an einem sonnigen Morgen. Bei unserem nächsten Treffen saß ich ihm in einem Coffeeshop gegenüber, und er beschrieb mir die Hüften der Masseurin. Seine Leidenschaft schien, obwohl er in seiner Ehe so viel verloren hatte, nicht an Würde gewonnen zu haben, sie war nur oberflächlich geworden.
Die Geschichten dieser Männer verschmolzen mehr und mehr zu einer einzigen Geschichte. In manchen Fällen gab es eine ausgedehnte Werbephase, in anderen war das Werben eher eine Art Manipulation, aber fast jede dieser Geschichten gipfelte im zuckenden Pulsen eines Orgasmus. Und während die Lust der Männer mit dem finalen Schuss erlosch, flackerte die Lust der Frauen an diesem Punkt gerade erst auf. Es lag eine Komplexität, eine Schönheit, ja auch eine gewisse Heftigkeit darin, wie Frauen denselben Vorgang erlebten. Dadurch und durch vieles mehr war es in meinen Augen plötzlich der weibliche Part dieses sexuellen Spiels, der für all das stand, was unser Begehren heute ausmacht.
Natürlich kann die weibliche Lust genauso getrieben sein wie die männliche, aber immer dann, wenn das Begehren zielgerichtet war, auf einen Endpunkt aus, auf den es zuzusteuern galt, schwand mein Interesse. In den Geschichten jedoch, in denen sich das Begehren nicht steuern ließ, in denen das begehrte Objekt das Geschehen beherrschte, fand ich den größten Zauber und den größten Schmerz. Es war ganz so, als würde jemand auf einem Fahrrad rückwärts treten, derselbe aussichtslose Kampf – an dessen Ende sich eine völlig neue Welt offenbart.

Um diese Geschichten aufzuspüren, bin ich sechs Mal durch die USA gefahren. Die einzelnen Stationen plante ich nur vage. Meistens strandete ich irgendwo, zum Beispiel in Medora, North Dakota. Dann bestellte ich einen Toast und einen Kaffee und las die Lokalzeitung. Auf diese Weise fand ich Maggie. Eine junge Frau, die von noch jüngeren Frauen als „Hure“ und „fette Fotze“ beschimpft wurde. Angeblich hatte Maggie eine Affäre mit ihrem verheirateten Highschool-Lehrer gehabt. Das Faszinierende an ihrer Beschreibung der Liebesbeziehung war das völlige Fehlen von Geschlechtsverkehr. Ihren Angaben zufolge hatte ihr Lehrer sie oral befriedigt, aber nicht zugelassen, dass sie ihm die Hose öffnete. Dafür hatte er ihr Lieblingsbuch Twilight mit lauter gelben Klebezetteln versehen. Neben Textpassagen, in denen es um zwei Liebende geht, deren Verbindung unter keinem guten Stern steht, hatte er Anmerkungen an den Rand geschrieben und Parallelen zu ihrer eigenen Beziehung gezogen. Was diese junge Frau umhaute, waren die schiere Anzahl und die Ausführlichkeit dieser Notizen. Sie konnte nicht fassen, dass der von ihr so bewunderte Lehrer das ganze Buch gelesen und sich dann auch noch die Zeit dafür genommen hatte, es derart einfühlsam zu kommentieren. Als hätte er einen Extrakurs über die Liebe zwischen Vampiren vorbereitet. Ihrem Bericht nach hatte er die Seiten außerdem mit seinem Parfüm besprüht, weil er wusste, wie sehr sie seinen Geruch liebte. Botschaften dieser Art zu erhalten, eine Beziehung dieser Art zu erleben und dann mit ihrem plötzlichen Ende konfrontiert zu sein, das musste ein gewaltiges Loch hinterlassen haben.
Als ich auf Maggies Geschichte stieß, spitzte sich die Lage gerade zu. Ich lernte sie als eine Frau kennen, der man ihre Sexualität und ihre sexuellen Erfahrungen auf schreckliche Weise absprach. Ich werde die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen; in der Zwischenzeit ist eine andere Version vor ein Gericht gebracht worden, dessen Geschworene sie mit völlig anderen Augen beurteilt haben. Maggies Fall wirft einmal mehr die Frage auf, wann und warum und von wem die Geschichten von Frauen geglaubt werden – und wann und warum und von wem nicht.

Männer haben die Herzen von Frauen schon immer auf eine ganz bestimmte Weise gebrochen. Sie lieben sie oder lieben sie so halb und fühlen sich irgendwann ausgelaugt und ziehen sich innerlich über Wochen und Monate zurück, verschanzen sich in ihrer Höhle, verdrücken eine letzte Träne und rufen dann nie wieder an. Die Frauen aber warten. Je verliebter sie sind und je weniger andere Optionen sie haben, desto länger warten sie. Sie hoffen, ihr Liebster kommt mit einem malträtierten Handy und einem malträtierten Gesicht zurück und sagt: „Bitte verzeih mir, man hat mich lebendig begraben, ich habe immerzu nur an dich gedacht und war voller Angst, dass du glauben könntest, ich hätte dich sitzen gelassen, obwohl ich in Wahrheit nur deine Nummer nicht mehr hatte, weil sie mir von den Männern, die mich lebendig begraben haben, entrissen wurde und ich drei Jahre lang in allen Telefonbüchern nach ihr suchen musste, um dich jetzt endlich wiederzufinden. Ich war nie weg, meine Gefühle für dich haben nie nachgelassen. Du hattest recht, alles andere wäre grausam, skrupellos und unmöglich. Willst du mich heiraten?“
Maggie zufolge hat das mutmaßliche Verbrechen ihres Lehrers ihr Leben zerstört. Doch sie hat etwas, das nur die wenigsten verlassenen Frauen haben: eine gewisse Macht, begründet durch ihr Alter und den Beruf ihres Exliebhabers. Maggie glaubte, diese Macht stehe ihr durch das geltende Recht zu. Was sich letztlich als falsch herausstellte.
Manch eine Frau wartet, weil sie glaubt, ihr Leben sei zu Ende, wenn sie es nicht tue. Sie glaubt, dass er der einzige Mann ist, den sie je begehren wird. Das Warten kann auch ein Schutzmechanismus sein. Denn es dauert lange, bis eine Revolution an einen Ort vordringt, an dem die Menschen eher Rezepte aus der Country Living als Artikel über das Ende der weiblichen Unterdrückung austauschen.
Lina, eine Hausfrau in Indiana, deren Mann sie seit Jahren nicht geküsst hatte, trennte sich nicht von ihm, weil sie nicht genug Geld gehabt hätte, um auf eigenen Füßen zu stehen. Das in Indiana geltende Unterhaltsgesetz kam in ihrer Lebenswelt überhaupt nicht vor. Also wartete sie, dass ein anderer Mann seine Frau verließ. Und dann wartete sie noch ein bisschen länger.
Die Stimmung in einer Gesellschaft kann manchmal der Auslöser dafür sein, dass wir infrage stellen, wer wir in unserem eigenen Leben eigentlich sind. Die Frauen, die warten, sorgen oft dafür, dass andere Frauen sie in ihrem Warten bestätigen, damit sie sich nicht schlecht fühlen müssen.
Sloane, eine selbstbewusste Restaurantbesitzerin, lässt ihren Mann dabei zusehen, wie sie es mit anderen Männern treibt. Hin und wieder haben sie auch einen Vierer, aber meistens schaut er ihr per Videoübertragung oder live dabei zu, wie sie Sex mit einem anderen Mann hat. Sloane ist eine schöne Frau. Während ihr Mann ihr zusieht, schäumt draußen vorm Schlafzimmerfenster das so heiß geliebte Meer. Nur ein Stück die Straße runter grasen Cotswold-Schafe. Einer meiner Freunde aus Cleveland, der einen Dreier in einer Swinger-Gruppe für armselig und verachtenswert hält, fand Sloanes Geschichte aufschlussreich und unverstellt und zugänglich. Und eben diese Zugänglichkeit ermöglicht es uns, Mitgefühl zu entwickeln.

Ich denke darüber nach, dass ich eine Mutter hatte, die zuließ, dass ein Mann täglich hinter ihr masturbierte, und ich denke an all die Dinge, die ich mir von anderen habe gefallen lassen, vielleicht nicht ganz so entsetzlich, aber letztlich auch nicht so viel anders. Dann denke ich daran, wie viel ich von Männern gewollt habe. Wie viel von diesem Wollen das war, was ich von mir selbst oder auch von anderen Frauen gebraucht hätte; wie viel von dem, was ich glaubte, von einem Liebhaber zu wollen, eigentlich das war, was ich von meiner eigenen Mutter gebraucht hätte. Denn in vielen der Geschichten, die ich gehört habe, haben Frauen einen größeren Einfluss auf andere Frauen als Männer. Wir sind in der Lage, anderen Frauen das Gefühl zu geben, dass sie schäbig, nuttig, schmutzig, ungeliebt und hässlich wären. Letztlich geht es dabei immer um Angst. Mal sind es Männer, die uns Angst machen, mal sind es Frauen, und manchmal machen wir uns so viele Gedanken über alles, was uns Angst macht, dass wir mit unserem Orgasmus warten, bis wir allein sind. Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen.
Vor Männern hatte meine Mutter keine Angst. Vor Armut schon. Sie erzählte mir noch eine andere Geschichte. Und auch wenn ich mich nicht mehr an die genauen Umstände erinnere, weiß ich, dass sie nicht sagte: „Komm, setz dich mal zu mir.“ Sie erzählte mir diese Geschichte nicht bei einem Glas Rosé und ein paar Crackern. Wahrscheinlicher ist, dass es bei ein paar Marlboros am Küchentisch war, bei geschlossenem Fenster, wir den Hund zu unseren Füßen durch den Rauch nur schemenhaft erkannten und meine Mutter nebenbei die Glasplatte polierte.
Die Geschichte handelte von einem grausamen Mann, mit dem sie zusammen gewesen war, bevor sie meinen Vater kennengelernt hatte. Zum Vokabular meiner Mutter gehörten ein paar Wörter, die mich anzogen und mir gleichzeitig Angst einjagten. Grausam war eines von ihnen.
Meine Mutter war in großer Armut aufgewachsen, hatte in Töpfe gepinkelt und sich Urin auf ihre Sommersprossen getupft, weil es angeblich die Pigmente aufhellt. Ihre Eltern, ihre zwei Schwestern und sie mussten sich ein winziges Zimmer teilen. Die Decke war undicht, und wenn sie schlief, tropfte ihr Regenwasser aufs Gesicht. Fast zwei Jahre verbrachte sie wegen Tuberkulose in einem Sanatorium. Sie bekam nie Besuch, weil ihre Familie kein Geld für die Reise hatte. Ihr Vater trank und arbeitete in den Weinbergen. Ein kleiner Bruder starb noch vor seinem ersten Geburtstag.
Sie schaffte es schließlich raus in die Stadt, doch kurz vor ihrer Abreise erkrankte ihre Mutter. An Magenkrebs. Meine Großmutter wurde in das örtliche Krankenhaus eingewiesen, aus dem sie nie zurückgekehrt ist. In einer der Nächte tobte ein Schneesturm, Eisregen ging auf das Kopfsteinpflaster nieder, und meine Mutter war gerade mit diesem grausamen Mann zusammen, als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Mutter im Sterben liege und die Nacht nicht überleben werde. Auf der Fahrt zum Krankenhaus entbrannte ein heftiger Streit. Meine Mutter erzählte mir keine Details, sie sagte nur, dass sie sich am Ende in der einbrechenden Dunkelheit auf dem verschneiten Seitenstreifen wiederfand. Sie schaute den immer schwächer werdenden Rücklichtern hinterher, andere Autos waren auf der vereisten Straße nicht unterwegs. Sie war nicht da, als es mit ihrer Mutter zu Ende ging.
Bis heute weiß ich nicht, was grausam in diesem Zusammenhang bedeutet. Ich weiß nicht, ob dieser Mann meine Mutter geschlagen oder bedrängt hat. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Grausamkeit in ihrer Welt mit irgendeiner Form von sexueller Gewalt einherging. In meinen bizarrsten Fantasien stelle ich mir vor, wie er sie an diesem Abend, als ihre Mutter im Sterben lag, rumkriegen wollte. Ich male mir aus, wie er versucht, sie wie ein Vampir auszusaugen. Aber es war die Angst vor Armut, die meine Mutter ein Leben lang beschäftigt hat, nicht dieser grausame Mann. Dass sie kein Taxi hatte rufen können, um ins Krankenhaus zu kommen. Dass sie sich nicht selbst aus ihrer Lage hatte befreien können. Dass ihr die Mittel dazu fehlten.
Ungefähr ein Jahr nachdem mein Vater gestorben war, als wir die Tage gerade so, ohne zu weinen, überstanden, bat sie mich, ihr zu zeigen, wie das Internet funktioniert. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Computer benutzt und brauchte quälend lange, um auch nur einen Satz zu tippen.
„Sag mir einfach, was du willst.“ Nach einem gemeinsamen Tag vor dem Bildschirm waren wir beide frustriert.
„Das kann ich nicht“, antwortete sie. „Ich muss es allein machen.“
„Ja aber was denn?“, fragte ich. Ich hatte alles von ihr gesehen: sämtliche Rechnungen und Aufzeichnungen, sogar die handgeschriebenen Notizen, die sie mir für den Fall ihres plötzlichen Todes hinterlassen wollte.
„Ich muss etwas über einen bestimmten Mann herausfinden“, sagte sie leise. „Einen Mann, den ich vor deinem Vater kennengelernt habe.“
Ich war bestürzt und sogar gekränkt. Ich wollte, dass meine Mutter für immer und ewig die Frau meines verstorbenen Vaters blieb. Ich wollte, dass das Bild von meinen Eltern intakt blieb, auch über seinen Tod hinaus, auch wenn meine Mutter mit ihrem eigenen Glück dafür bezahlte. Ich wollte nichts vom Begehren meiner Mutter wissen.
Dieser dritte Mann, der Besitzer eines großen Schmuckimperiums, hatte meine Mutter so sehr geliebt, dass er sogar versucht hatte, die Hochzeit meiner Eltern zu verhindern, während die kirchliche Trauung schon in vollem Gange war. Vor langer Zeit hatte sie mir eine Halskette mit Rubinen und Diamanten geschenkt und anscheinend darüber hinwegtäuschen wollen, wie kostbar diese Kette für sie war. Ich sagte ihr, sie solle selbst herausfinden, wie der Computer funktioniere, aber ehe es dazu kam, wurde sie krank.
Ich denke über die Sinnlichkeit meiner Mutter nach und wie sie sie in bestimmten Situationen eingesetzt hat. Kleine Gesten wie ein Lächeln, das sie aufsetzte, wenn sie aus dem Haus ging oder die Tür öffnete. Mir kam es mal wie eine Stärke, mal wie eine Schwäche vor, aber nie wie etwas Echtes. Wie falsch ich doch lag.
Trotzdem frage ich mich noch heute, wie eine Frau es hat zulassen können, dass ein Mann ihr an so vielen Tagen folgte und hinter ihr masturbierte. Ich frage mich, ob sie nachts geweint hat. Vielleicht hat sie sogar um diesen einsamen alten Mann geweint. Es sind die feinen Nuancen unseres Begehrens, die offenbaren, wer wir wirklich sind. Ich bin aufgebrochen, um vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit Männer und andere Frauen erst einmal verstehen können, bevor sie urteilen. Denn gerade die alltäglichen Momente unseres Lebens zeigen uns, wer wir waren, wer unsere Nachbarinnen und unsere Mütter waren, während wir glaubten, kein bisschen wie sie zu sein. Das sind die Geschichten von drei Frauen.


Maggie

An diesem Morgen machst du dich zurecht, als würdest du in den Krieg ziehen. Deine Kriegsbemalung heißt Schminke. Neutrales Make-up, Smokey Eyes. Stark getuschte Wimpern. Dunkelrosa Rouge, ein farbloser Lipgloss. Dein Haar ist leicht gewellt und voll.
Du saßt früher oft vorm Spiegel und brachtest dir selbst bei, wie man sich die Haare macht und sich schminkt. Im Hintergrund liefen Linkin Park und Led Zeppelin. Du bist eins von diesen Mädchen, die einfach ein Händchen dafür haben, die immer die richtigen Accessoires auswählen und die Haarklemmen perfekt platzieren.
Du trägst Keilstiefel, Leggins und eine schlichte Kimono-Bluse. Er soll wissen, dass er kein Kind mehr vor sich hat. Schließlich bist du dreiundzwanzig.
Natürlich willst du auch, dass er dich immer noch will, dass er bereut, was er verloren hat. Du willst, dass er später am Esstisch sitzt und an nichts anderes als deine hervorblitzenden Hüftknochen denken kann.
Vor sechs Jahren warst du schmaler, und er war vernarrt in deine kleinen Finger. Damals schob er seine Finger in dich hinein. Seitdem ist viel passiert. Dein Vater ist tot. Im August hat er sich auf einem nahe gelegenen Friedhof die Pulsadern aufgeschnitten. Früher hast du ihm von deinem Vater erzählt, von den Problemen mit deinen Eltern. Er wusste, wie sie einander aus der Kneipe holten – je nachdem, wer gerade weniger betrunken war. Und du glaubst auch heute noch, er würde verstehen, dass du dir Gedanken darüber machst, wie der Regen auf die Erde über deinem Vater prasselt. Wird er da unten nass und fragt sich, warum du ihn in dieser kalten, pitschnassen Dunkelheit alleingelassen hast? Überflügelt der Tod denn nicht den ganzen Kram, der sich in einem Gerichtssaal abspielt? Überflügelt der Tod denn nicht all den anderen Scheiß, selbst die Bullen und die Anwälte? Seid ihr nicht, irgendwie und irgendwo, immer noch nur zu zweit?
Du fährst mit deinem Bruder David zum Bezirksgericht des Cass County, unterwegs teilt ihr euch ein paar Zigaretten. Du riechst nach einer Mischung aus frisch geduscht und verraucht. Er konnte es nicht leiden, wenn du geraucht hast, darum hast du gelogen. Du hast gesagt, es sei der Rauch deiner Eltern, der sich in deinen Haaren und deinen dunkelblauen Kapuzenpullis festgesetzt hatte. Bei einem Ausflug der katholischen Gemeinde hast du dir geschworen, für ihn aufzuhören. Er hatte alles von dir verdient, auch das, was du ihm nicht geben wolltest.
Du hättest dafür sorgen können, dass er heute nicht dabei ist. Obwohl er, so die Anwälte, ein Recht darauf hat. Ein kleiner Teil von dir wollte ihn sowieso hierhaben. Man könnte sogar sagen, dass du nicht zuletzt deshalb zur Polizei gegangen bist, weil du wolltest, dass er dir wieder gegenübertreten muss. Denn die meisten Menschen würden wohl zustimmen: Wenn ein geliebter Mensch völlig dichtmacht, wenn er sich weigert, einen zu treffen, seine Zahnpasta nicht zurückwill, seine Trailschuhe nicht mehr braucht, keine Mails beantwortet, sich lieber ein neues Paar Trailschuhe kauft, statt sich deinem Schmerz zu stellen, dann fühlt es sich so an, als würde einem jemand die Organe einfrieren. Die Kälte ist so stark, dass man nicht mehr atmen kann.
Sechs Jahre hat er dich gemieden. Aber heute wird er kommen. Er wird auch zu den Verhandlungen kommen, und vielleicht machst du das alles wirklich, weil du ihn dadurch noch weitere sechs Male siehst. Was nur dann komisch wirkt, wenn man nicht weiß, wie sehr ein anderer Mensch einen zerstören kann, indem er einfach verschwindet.
Du hast Angst, dass du ihn willst. Du fragst dich, ob seine Frau sich Sorgen macht. In deiner Vorstellung ist sie zu Hause, hat sich von den Kindern abgeseilt und schaut auf die Uhr.
Du parkst das Auto, steigst aus und ziehst noch ein paarmal an deiner Zigarette, bevor du reingehst. Draußen sind minus sechzehn Grad, aber es tut gut, kurz in der Kälte zu rauchen. Fargo fühlt sich manchmal wie ein Neuanfang an. Die silbernen Trucks brettern den Highway entlang. Trucks haben immer ein festes Ziel, Koordinaten, die eingehalten werden müssen. Nur Züge findest du noch schöner, noch lässiger. Du atmest ein, eiskalte Luft füllt deine Lunge.
Du bist vor ihm im Raum. Zum Glück. Du und David und der Staatsanwalt, Jon, und der zweite Staatsanwalt, Paul. Wenn du an all diese Männer denkst, hast du ihre Vornamen im Kopf, und so sprichst du sie auch an. Sie finden, du wahrst die Grenzen nicht. Genau genommen vertreten sie nicht dich; sie vertreten den Bundesstaat North Dakota – und das ist etwas ganz anderes, als für dich einzutreten.
Ein Gerichtsstenograph kommt in den Raum.
Dann kommt er herein. Mit seinem Anwalt – einem aalglatten Arschgesicht namens Hoy.
Er sitzt dir gegenüber. Er trägt, was er früher in der Schule getragen hat: Slacks und ein Hemd mit Krawatte. Komisches Gefühl. So, als hättest du ihn in einem Anzug erwartet. Schicker und ernsthafter. In diesem Outfit kommt er dir vertraut vor. Du fragst dich, ob du dich in den letzten Jahren getäuscht hast. Du hast sein Schweigen als Gleichgültigkeit interpretiert, aber vielleicht hat er wie du erbärmlich gelitten. Er ist ein drittes Mal Vater geworden, hast du gehört, und plötzlich seine rotbäckige Frau neben einer Gartenschaukel vor dir gesehen, wie sie ein neues Leben in sich trug, während du zitternd im Eisbad deiner Selbstvorwürfe saßt. Du hast zugenommen, und die Make-up-Schicht in deinem Gesicht wird auch immer dicker. Wer weiß, vielleicht ist er die ganze Zeit über innerlich gestorben. Vor Sehnsucht nach dir. Hat sich wie ein unglücklicher Dichter damit abgefunden, für immer ein gebrochener Mann zu sein. Die Gartenschaukel rostet schon. Der Mittelschichtszaun ist seine Gefängnismauer. Und seine Ehefrau die Wärterin. Die Kinder, nun ja. Sie sind der Grund; ihretwegen findet er sich damit ab, unglücklich zu bleiben und ohne dich zu sein.
Einen winzigen Augenblick lang möchtest du dich über den Tisch beugen und deine kleinen Hände nach ihm ausstrecken, in die er so vernarrt war. Ob er es noch immer ist? Was geschieht mit der Vernarrtheit, wenn sie einmal erlischt? Du möchtest sein Gesicht halten und sagen: „Scheiße, es tut mir leid, dass ich dich ausgeliefert habe. Ich war schrecklich verletzt und wütend, du hast mir so viele Jahre meines Lebens geklaut. Was du getan hast, war nicht richtig, und jetzt sieh mich an. Jetzt bin ich hier. Ich habe diese Kriegsbemalung im Gesicht, aber unter all der Schminke bin ich verwundet und ängstlich und geil und erschöpft – und ich liebe dich. Ich habe dreizehn Kilo zugelegt. Ich bin ein paarmal von der Schule geflogen. Mein Vater hat sich gerade umgebracht. Ich nehme all diese Medikamente, schau in meinen Rucksack, da ist der ganze Mist drin. Ich bin ein Mädchen, das Pillen frisst wie eine alte Frau. Ich sollte Jungen treffen, die nach Pot riechen, aber stattdessen trage ich das Opferkostüm wie eine zweite Haut. Ich hänge im Party City auf einem Holzkleiderbügel. Du hast mir nie zurückgeschrieben.“
Fast streckst du die Hand nach ihm aus, fast sagst du ihm, wie leid es dir tut, und flehst ihn an, sich um dich zu kümmern. Keiner ist so für dich da, wie er es gewesen ist. Keiner hört dir zu, wie er es getan hat. All diese Stunden. Wie ein Vater, Ehemann, Lehrer und bester Freund.
Er hebt den Blick vom Tisch und sieht dich an. Seine Augen sind kalt und schwarz und tot. Kleine Achate, matt schimmernd und starr, sie wirken älter, als du sie in Erinnerung hast. Genau genommen kannst du dich an diese Augen überhaupt nicht erinnern. Früher lagen Liebe und Verlangen in seinem Blick. Früher hat er deine Zunge eingesaugt, als wollte er noch eine zweite haben.
Mittlerweile hasst er dich. Das sieht man. Du hast ihn aus seinem gemütlichen Zuhause mit seinen drei Kindern und seiner Ehefrau gezerrt, die ihm bis ins Grab folgen wird. Du hast ihn in diesen verfluchten Januarschneematsch genötigt, rein in diesen düsteren Raum, und ihn dazu gezwungen, sein gesamtes Einkommen und die gesamten Ersparnisse seiner Eltern für diesen aalglatten und freudlosen Anwalt auszugeben, und jetzt willst du sein Leben endgültig ruinieren. Alles, was er sich aufgebaut hat. Jeden Spieltisch von Fisher-Price, den er morgens um sieben im noch stickigen Kinderzimmer angeschaltet hat. Deinetwegen hat er sein Haus verscherbeln und sich ein anderes kaufen müssen.
In North Dakota ist Aaron Knodel gerade Lehrer des Jahres geworden; im ganzen Bundesstaat gilt er als der absolut Beste seines Fachs. Und hier bist du, du herumstreunende Irre, du Missgeburt zweier Alkoholiker, du Kind eines Selbstmörders, du Mädchen, das schon früher was mit älteren Männern hatte und sie in Schwierigkeiten gebracht hat, Soldaten, aufrechte Amerikaner, und hier bist du wieder, du zerstörerisches Flittchen, und willst den Lehrer des Jahres fertigmachen. Sein beißender Atem dringt dir in die Nase, er riecht nach Eiern.
Und noch eine Sache ist absolut klar: Es darf dir nichts mehr bedeuten. Ab sofort. Wenn du das nicht schaffst, kommst du vielleicht nie aus diesem Raum hier raus. Du versuchst, dein Herz zum Schweigen zu bringen, und es gelingt dir. Die Dankbarkeit, die du Gott und dir selbst gegenüber empfindest, ist schwindelerregend. An wie vielen Tagen hattest du das Gefühl, das Richtige zu tun? Heute ist so ein Tag. Vielleicht der einzige.
Du dachtest, du würdest ihn immer noch vögeln wollen. Du hast ihm im Internet nachgestellt. Mittlerweile ist es nicht mal mehr ein Nachstellen. Sobald du deinen Laptop aufklappst, fallen die Geister der Vergangenheit über dich her. Du kannst dich den schmierigen Artikeln in den Lokalzeitungen nicht entziehen. Oder bekommst bei Facebook Werbung für das Geschäft angezeigt, in dem dein Exlover seine Handschuhe gekauft hat. Die neuesten Bilder von ihm haben noch immer ein Kribbeln in dir ausgelöst, und der Gedanke an die längst vergangene Lust hat dir einen Stich versetzt. Aber jetzt, wo du hier sitzt, ist da nichts. Sein Mund ist klein und verkniffen. Seine Haut ist uneben. Seine Lippen sind nicht sinnlich, sie sind trocken und irritieren dich. Er sieht kränklich aus, so, als hätte er zu lange in einem zugigen Hobbykeller gesessen, nichts als Muffins gegessen, AA-Kaffee und Coca-Cola getrunken und die Wände angestarrt.
„Guten Morgen“, sagt sein Anwalt Hoy, der einfach nur gruslig aussieht mit seinem gezwirbelten Hexenmeisteroberlippenbart. Man sieht, welche Haltung hinter diesen Schnurrhaaren steht: Er ist einer von den Typen, die dir das Gefühl geben, dass du ein ungebildetes Stück Scheiße mit einer Schrottkarre bist, die an Wintermorgen wie diesen nicht anspringt.
„Würden Sie für das Protokoll bitte Ihren vollständigen Namen nennen?“
Der Gerichtsstenograph fängt an zu tippen, dein Bruder David atmet mit dir zusammen ein, und du sagst laut deinen Namen. „Maggie May Wilken“, sagst du und fährst dir durch deine langen, aufwendig zurechtgemachten Haare.
Die erste Fragerunde soll dich zum Reden bringen, ohne dass du es groß merkst. Hoy befragt dich zu der Zeit, die du bei deiner Schwester Melia in Washington State verbracht hast, bei Melia und ihrem Ehemann Dane, der in der Armee dient – das sind die Verwandten, die du auch auf Hawaii besucht hast, aber fürs Erste fragt er nach der Zeit, als sie in Washington gewohnt haben. Das war nach Aaron. Weil sich dein Leben in zwei Abschnitte einteilen lässt: in die Zeit vor Aaron und die Zeit nach Aaron. Es lässt sich auch in die Zeit vor dem Selbstmord deines Vaters und in die Zeit danach einteilen, aber wenn du ehrlich bist, hat alles mit Aaron angefangen.
Hoy befragt dich zu der Dating-Website PlentyOfFish. In Washington hast du dich mit ein paar Typen von der Seite verabredet. Und jetzt tut dieser Anwalt so, als hättest du deinen Körper für eine Flasche Coors Light verkauft. Du weißt, dass Männer wie er über die Macht verfügen, die Gesetze zu machen, nach denen du lebst. Männer, die reden, als wäre eine Dating-Website dasselbe wie Sexwerbung auf Backpage. Als wärst du ein Mädchen, das sich mit dem Gesicht zwischen den eigenen Schenkeln fotografiert.
In Wirklichkeit waren die Typen von dieser Seite Loser. Jedes Mal, wenn du dich mit einem von ihnen getroffen hast, war das eine traurige Veranstaltung. Du hast mit überhaupt keinem geschlafen, und es sind noch nicht mal ein paar kostenlose Drinks für dich rausgesprungen. Du fühlst dich bloßgestellt. Das war vor den ganzen Instagram-Fotos, die die Leute posten, um andere neidisch zu machen. Das waren die frühen und langsamen Jahre des neuen Zeitalters.
Hoy befragt dich auch zu einer Website, deren Namen er gar nicht richtig aussprechen kann. Du sagst, „was soll das sein?“, und er sagt, „das weiß ich nicht, aber haben Sie die Website besucht?“, und du sagst, „nein, ich habe keine Ahnung, was das für eine Seite ist“. Und denkst dir, du definitiv auch nicht, du Arsch. Weil er aber so förmlich auftritt, hast du Angst, ihm zu widersprechen. Du bist dir sicher, dass seine Frau und seine Kinder ihn regelmäßig anlügen, um diesem krittelnden Sticheln zu entgehen, das einen völlig fertigmacht.
Er befragt dich zu den Streits mit deinem Vater. Deinem über alles geliebten Vater, der jetzt von Erde und Regen bedeckt wird. Ihr beide habt euch damals oft gestritten, und das gibst du auch zu. „Worüber?“, will Hoy wissen, und du sagst, „über alles“. Du hältst nichts zurück, was auch immer das bedeutet, was auch immer sie dadurch über dich denken.
Er befragt dich zu deinen Geschwistern und will wissen, warum sie alle so früh von zu Hause ausgezogen sind. Damals wusstest du noch nicht, dass eine einmal abgegebene eidesstattliche Erklärung genau dafür da ist: damit sie deine eigenen Worte im Prozess gegen dich einsetzen können. Sie zeigen, wie bedürftig du warst. Was für ein leichtes Mädchen du warst, wahrscheinlich. Auf all diesen Dating-Websites, mit all diesen Geschwistern; deine Eltern waren kopulierende Alkoholiker, die all diese Kinder in die Welt gesetzt haben, die sich dann über das ganze Land verteilt und Probleme gemacht haben, auf denen sie wie auf Wellen in neue Bundesstaaten gesurft sind. Du lebst nicht im schönen Teil von West Fargo, du lebst im hässlichen Teil, im Gegensatz zu Mr. Knodel, North Dakotas Lehrer des Jahres, der in einem netten, unauffällig gestrichenen Haus mit einem ordentlich aufgewickelten Gartenschlauch und einem regelmäßig gesprenkelten Rasen wohnt.
Du siehst ihn die ganze Zeit an. Und du denkst daran, wie es damals war. Was, wenn du die Zeit zurückdrehen oder einfach in ihr zurückreisen könntest? Dahin zurück, als noch nichts beschmutzt war. Als alle noch lebten. Was, wenn deine und seine Hände sich noch immer verstehen würden? Und Hoy sagt: „Sie haben angedeutet, dass Sie schon vor der elften Klasse ein enges Verhältnis zu Mr. Knodel hatten.“
Du sagst: „Das ist richtig.“
„Wie kam es dazu?“, fragt Hoy.
Du denkst angestrengt über die Frage nach. In Gedanken schließt du die Augen. Und da bist du auf einmal. Raus aus dem ewig schwarzen Loch deiner Gegenwart und zurück im weiten Himmel deiner Vergangenheit.

Maggies Schicksal läuft ihr an einem Nachmittag, ganz ohne Vorwarnung, über den Weg. Und wie alles auf der Welt, das die Macht hat, einen Menschen zu zerstören, kommt es auf Samtpfoten daher.
Sie hat bisher nur von ihm gehört. Manche Mädchen haben darüber geredet, wie heiß er aussieht. Glatte dunkle Haare mit einer leichten Welle vorn, als hätte man sie zu einer dauerhaften Grußgeste gegelt. Bestechende dunkle Augen. Einer von diesen Lehrern, die es schaffen, dass man selbst an den eiskalten Morgen in North Dakota gern zur Schule geht. Sein Name wird auf den Gängen nur noch geflüstert, weil so viel Aufregung mit ihm verbunden ist.
Mister Knodel.
Maggie ist keins von den Mädchen, die etwas darauf geben, wen andere heiß finden. Und sie schließt sich auch nicht der allgemeinen Meinung an, nur um dazuzugehören. Ihre Freundinnen sagen, sie habe einen komischen Geschmack. Sie lachen darüber, aber insgeheim sind sie froh, dass Maggie Teil ihrer Clique ist. Sie sagt einem Mann, dass sie nicht mit ihm vor die Tür gehen wird, sodass er sich die Frage, ob sie nicht mal raus an die frische Luft wolle, genauso gut sparen kann.
An diesem einen Tag dann bekommt sie ihn zwischen der zweiten und dritten Stunde zu Gesicht, als er auf dem Gang an ihr vorbeiläuft. Er trägt Khakis, dazu ein Hemd und eine Krawatte. Es ist keiner dieser Momente, in denen der Blitz einschlägt. Oft ist es keine große Sache, wenn du den nächsten VIP deines Lebens zum ersten Mal siehst. Maggie sagt zu ihren Freundinnen: „Na gut, er ist süß, aber so überwältigend ist er nun auch wieder nicht.“
Doch es gibt nicht viele heiße Lehrer an der Schule. Genau genommen überhaupt keine. Da sind nur noch zwei andere junge Lehrer, Mr. Murphy und Mr. Krinke, die zusammen mit Mr. Knodel die drei Amigos genannt werden. Sie verstehen sich nicht nur gut miteinander, sondern sind auch über alle möglichen Kanäle, zum Beispiel SMS, mit ihren Schülern verbunden – besonders mit den Kids, die sie coachen. Mr. Murphy und Mr. Knodel leiten den Student Congress, Mr. Krinke und Mr. Knodel den Debattierclub. Sie hängen nach der Schule zusammen in Restaurants rum, in denen man Bierflüge bestellen kann, im Spitfire Bar & Grill, im Applebee’s oder im TGI Fridays. Sie sehen sich Punktspiele an und trinken dabei ein paar Lager. Sie essen in Mr. Knodels Klassenzimmer, was sie ein „Männer-Mittag“ nennen. Sie reden über Fantasy Football und stopfen sich schamlos ihre Club Sandwiches rein.
Nimmt man die drei Amigos, ist Mr. Knodel der Hauptgewinn. Ein Meter achtzig, fünfundachtzig Kilo. Mit einem Haken: Er ist verheiratet und hat Kinder. Doch von den U-40-Lehrern sieht er definitiv am besten aus. Und wenn man nicht nach Las Vegas fahren kann, begnügt man sich eben mit dem Foxwoods Casino.
Im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse sitzt Maggie in Mr. Knodels Englischkurs. Sie findet den Unterricht spannend. Meistens ist sie pünktlich, sie sitzt gerade, meldet sich und lächelt. Nach dem Unterricht unterhalten sie sich noch. Er sieht ihr dabei in die Augen und hört ihr zu, wie ein guter Lehrer das eben so macht.
Dann führt eins zum anderen. Als West Fargo im Fußballhalbfinale der Mädchen gegen Fargo South spielt, stellt Mr. Knodel Maggie auf, und sie zittert plötzlich wie ein kleiner Vogel. Sie bräuchten ihre Kraft jetzt auf dem Platz, sagt er. Am Ende verlieren sie das Spiel, durch Maggies Einsatz aber immerhin nur knapp. Es ist knackig kalt, die Sonne scheint, und Maggie weiß bis heute, wie sie damals dachte: Ich habe noch mein ganzes Leben, um genau das hier zu machen, und auch sonst alles, was ich will.
An den Wänden ihres Zimmers hängen Poster von Mia Hamm und Abby Wambach. Ihre Mutter hat ihr ein Netz an die Wand gemalt, als Kopfteil für ihr Bett. Maggie ist in David Beckham verknallt. Tief im Verborgenen ist sie zuversichtlich, dass sie ein Vollstipendium fürs College ergattern kann. Sie beamt sich an Jungs und Proms und dem neuesten Klatsch vorbei in eine Zukunft, in der das Publikum allein deshalb in die großen Stadien kommt, um die Mädchen spielen zu sehen. Sie steht an diesem Scheideweg, hat noch immer die Träume eines Kindes, ist aber in der Lage, sie mit der Kraft einer Erwachsenen aus der Tiefe ans Licht zu holen.
Als sie in der zehnten Klasse sind, schmuggeln Maggie und ein paar Freunde am Homecoming-Abend Alkohol mit zum Spiel, in Cola-Flaschen, und ziehen danach weiter zu einem der Kids, dessen Eltern verreist sind, um dort noch ein bisschen mehr zu trinken. Sie bekommen eine dieser typischen Heißhungerattacken und fahren raus nach Moorhead ins Perkins, das aussieht wie eine Suppenküche. Der Laden ist trist, die Gäste haben rote Gesichter und die Kellnerinnen einen Raucherhusten, aber für einen jungen Menschen mit etwas Alkohol im Blut ist er perfekt für einen Mitternachtssnack. Als junger Mensch kann man fast alles machen, ohne dass es trist ist.
In der Ferne rattert ein Zug. Maggie denkt sofort an künftige Zugreisen, immer nur mit einer Hinfahrkarte, Hauptsache, raus aus Fargo und rein in Karrieren und schicke Apartments in Städten aus Glas. Sie sieht ihr ganzes Leben vor sich, und der Weg ist nicht vorgezeichnet. So viele Möglichkeiten stehen ihr offen. Sie könnte Astronautin werden, Rap-Star oder Steuerberaterin. Sie könnte glücklich werden.

Hoy befragt dich zu anderen Schülern aus deinem Englischkurs und anschließend zu deinem festen Freundeskreis. Du nennst Melani und Sammy und Tessa und Liz und Snokla.
„Snokla“, sagt er, als wäre sie ein tiefgekühltes Dessert. „Ist das ein Mädchen?“
„Ja, das ist ein Mädchen“, sagst du.
„Und das ist die, von der Sie glauben, ihr Nachname wäre Solomon?“
Hoy klingt herablassend, als er das sagt. Dann meldet sich Aaron das erste Mal zu Wort. Der Mann, der dich mit Küssen bedeckt und dann irgendwann nicht nur damit aufgehört, sondern so getan hat, als hätte es dich nie gegeben, richtet das erste Mal seit sechs Jahren das Wort an dich.
„Das ist falsch“, sagt er und schüttelt den Kopf. Er meint: Solomon, der Nachname, ist falsch. So wie er es sagt und den Kopf schüttelt, weißt du, dass er recht hat. Es geht um mehr als Intelligenz. Er ist der Typ Mann, der sich nie eine Geschlechtskrankheit einfängt, ganz egal, mit wie vielen versifften Frauen er schläft, der einen Jahrmarkt nie ohne einen Berg billig produzierter Kuscheltiere auf dem Arm verlässt, diesem Zeichen von Erfolg in Pink und Blau.
Hoy fragt: „Und das ist die, von der Sie glauben, ihr Nachname wäre Solomon?“
„Offenbar ja nicht“, antwortest du. Deine Wangen glühen. Er war dein Lehrer, dein Liebhaber, aber eben immer eine Autoritätsperson, und das ist er weiterhin. Einmal sagte er, für dich würde er auch mal Bodygrooming ausprobieren, und du kamst dir so dumm vor, weil du keine Ahnung hattest, was das ist.
„Das verstehe ich nicht“, konstatiert Hoy.
„Ich habe deutlich gesagt, dass ihr Klient sagt, dass sie nicht so heißt, also …“
Wenn du wütend bist und dich in die Ecke gedrängt fühlst, wirst du bissig. Hoy lenkt ein: „Okay, Sie brauchen das jetzt nicht auszudiskutieren. Beantworten Sie einfach meine Fragen.“
Später wirst du dich fragen, warum niemand es seltsam fand, dass Hoy sich nicht wie der Anwalt eines unschuldigen Mannes, sondern vielmehr wie der Freund eines sich streitenden Liebespaars benahm.
Doch nicht Hoy ist hier verrückt, sondern du. Du bist die Verrückte. Du willst Geld, denken die Leute, und diesen Mann für etwas bezahlen lassen, das er nicht getan hat. Du bist verrückt, einfach hinüber, genau wie dein Wagen und deine geistige Gesundheit. Und wie immer gewinnen die Bösen. Aaron ist auch heute noch stärker als du. Aber nicht das löst den Schmerz aus, sondern etwas, das tief in dir wuchert und nach deiner Mutter schreit. Du zuckst mit den Schultern.
„Dann weiß ich es nicht“, sagst du.

Maggie erinnert sich, dass in der Zehnten ein Mädchen namens Tabitha in ihrem Englischkurs saß. Sie erinnert sich deshalb daran, weil Mr. Knodel in einer der Stunden rausrutschte, dass er Hodenkrebs habe. Es ist komisch und nett, aber auch ein bisschen unheimlich, wenn Lehrer etwas aus ihrem Privatleben mit einem teilen. Sie wirken dann weniger lehrerhaft. Man identifiziert sich eher mit ihnen, wenn sie sich als Menschen zeigen, die Erkältungen kriegen und Sachen haben wollen, die sie sich nicht leisten können, oder wenn sie sich auch mal unattraktiv fühlen.
Tabitha fragte daraufhin, ob das heiße, dass er nur noch einen Hoden habe. Nur dass sie nicht ganz so freundlich klang. Sie sagte: „Soll das heißen, Sie haben nur noch ein Ei?“
Mr. Knodel fand das nicht besonders witzig. Er antwortete sehr ernst: „Darüber können wir nach dem Unterricht sprechen.“
Maggie hatte Mitleid mit Mr. Knodel, weil sie verstand, dass Tabitha ihn bloßgestellt hatte. Was für eine schreckliche Frage. Wie konnte man nur so was sagen! Maggie ist frech und laut, aber sie ist nicht gemein oder gedankenlos.
Kurze Zeit später – fast wie ein Streich, um zu zeigen, dass der fehlende Hoden ihn nicht einschränkt – nimmt Mr. Knodel Vaterschaftsurlaub. Seine Frau hat gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht. Mr. Murphy vertritt ihn. Als Mr. Knodel aus dem Vaterschaftsurlaub zurückkommt, wirkt er offener. Er hat aufgetankt und ist zugänglicher als früher – strahlender, onkelhafter.
Maggie erinnert sich nicht mehr genau, wie es anfing, dass sie ihm in diesen Sitzungen nach dem Unterricht aus ihrem Leben erzählte. Mal trödelte sie extra lange nach seinem Kurs, mal fragte er sie irgendwas, wenn sie schon auf dem Weg nach draußen war. „Maggie“, sagte er dann mit unglaublich innigem Blick, und sie blieb doch noch. Nach und nach erzählte sie von sich. Von ihrem Dad, der sich in der Bar so sehr betrank, dass er nicht mehr nach Hause fahren konnte. Von dem Streit am Abend zuvor, als sie nicht auf ihn hören wollte – wie auch, wenn der Vater einen bittet, dass man ihm einen Sechserpack kauft.
Wenn sie Mr. Knodel eine Weile lang nichts mehr erzählt hatte, hakte er manchmal nach. „Hey, ist bei dir zu Hause alles okay?“ Und dann blieb Maggie wieder da und erzählte ihm, was so los gewesen war. Er war ein guter Lehrer, er sorgte sich. Manchmal gibt es nichts Besseres auf der Welt als jemanden, der dir durch eine Frage zeigt, dass er sich für dich interessiert.

Eine Buchempfehlung für mehr Nachhaltigkeit im Alltag

„Umweltschutz ist das Gebot der Stunde. Und es ist nicht nur mit Verzicht verbunden. Lokale Produkte aus dem Bioladen schmecken besser als Fertiggerichte und Plastiktüten sind schon aus ästhetischen Gründen abzulehnen. Andererseits kann der Erlösungsglaube der neuen Ökobewegung auch anstrengend sein. Wer heute noch Auto fährt oder gelegentlich fliegt, will trotzdem nicht schuld sein, wenn demnächst die Welt untergeht. Wie also kann man gut sein und gut leben? Alexander von Schönburg beschreibt in „Der grüne Hedonist“ so spritzig wie selbstironisch seinen ganz persönlichen Versuch, ein ökologisch korrektes Leben zu führen”

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Der grüne HedonistDer grüne Hedonist

Wie man stilvoll den Planeten rettet

Bedeutet ein umweltfreundlicher Lebensstil wirklich vor allem Verzicht und freudlose Anstrengung? Alexander von Schönburg ist überzeugt: Es muss möglich sein, angenehm und doch halbwegs klimaneutral und ressourcenschonend zu leben – wenn wir den inneren Öko-Schweinehund besiegen und uns beim Reisen, Essen und Shoppen auf das Wesentliche beschränken. Wie wir stillosem Konsum bewusstes Genießen entgegensetzen können, zeigt er unterhaltsam und selbstironisch in diesem Buch. 

Vom Glück, smaragdgrün zu sein

 

Nach zwei Versuchen, als ernsthafter Autor wahrgenommen zu werden, ist es nun wieder Zeit, mich auf meine eigentliche Berufung zu besinnen. Und die ist, ob ich es will oder nicht, nun einmal die des arbiter elegantiarum, als Autorität in Fragen des guten Geschmacks. Ich hatte schon einmal eine ähnliche Phase vorübergehender Klarsicht. Sie wurde herbeigeführt durch meinen ehemaligen Chef, Florian Illies, er verantwortete damals die Berliner Seiten der FAZ, ich war sein untergeordneter Redakteur. Eines Tages, ich hatte mir durch mehrere gewichtige Beiträge einen gewissen Respekt im Kollegenkreis erobert, nahm er mich mit der Bitte zur Seite, ich möge ihm kurz Gehör schenken, es gebe da eine Frage, die ihn beschäftige. Mir leuchtete das völlig ein, schließlich hielt ich mich für gelehrt und weise, ich war mir sicher, es könne sich nur um ein philosophisch delikates und zugleich geistig herausforderndes Problem handeln. Florians Frage lautete: „Alexander, kann man eigentlich rote Socken mit einem blauen Anzug tragen?“

Da die Klimakrise für so viel Verunsicherung sorgt, kann ich mir nicht mehr erlauben, auf Gebieten wie Geschichte und Tugendlehre zu dilettieren, sondern muss mich einer dringlichen Stilfrage annehmen, nämlich, wie man auf lebens- und freudebejahende Weise grün sein kann. Ich behaupte sogar, dass sich ökologisch verantwortungsbewusstes Leben überhaupt nur durchsetzen wird, wenn es Steigerung von Lebenslust verheißt und nicht mit Verboten und als Selbstkasteiung daherkommt. Es ist dringend an der Zeit, den Klimaneutralitätsmahnern für ihren Dienst, das allgemeine Aufrütteln, zu danken und ihr endzeitliches Narrativ durch das zu ersetzen, was in fortschrittlichen Kreisen utopischer Pragmatismus und in noch fortschrittlicheren Kreisen „Hedonistic Sustainability“ genannt wird. Es kann Lust und Spaß bedeuten, verantwortungsbewusst mit Natur und Mitgeschöpfen umzugehen und nicht mehr jeden Quatsch der Konsum- und Unterhaltungsgüterindustrie mitzumachen.

Leugner der Umweltkatastrophe, ich glaube, darauf können wir uns einigen, sind Idioten. Wir Menschen betreiben Raubbau an der Natur. Das zu leugnen ist dumm. Übereinkunft besteht auch darüber, dass die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur seit der Industriellen Revolution zugenommen haben. Und dass seit Mitte des 20. Jahrhunderts, ab dem Beginn des Massenkonsum-Zeitalters, die Folgen verheerender wurden – auch weil neue Länder dazukamen, die ihr Stück vom Wohlstandskuchen abhaben wollen. Es lässt sich auch schwerlich leugnen, dass der Kohlendioxidausstoß dadurch dramatisch angestiegen ist – jeder kennt die Grafik, deren Kurve so aussieht wie ein Hockeyschläger. Dass wir der Welt Schaden zufügen, ist völlig offensichtlich. Das mag manchen Menschen egal sein, aber dass es so ist, steht fest. Mir ist es nicht egal. Angeblich gab es in den vergangenen 450 Millionen Jahren nur fünf Perioden mit ähnlich rapidem Artensterben. Das letzte Mal, als so viele Pflanzen und Tiere ausstarben, hatte vorher gerade ein Asteroid eingeschlagen.

Dazu kommt das Bevölkerungswachstum. Beckenbauer hatte ja völlig recht, als er (in einem anderen Zusammenhang) sagte, dass sich der Herrgott über jedes seiner Menschenkinder freut, aber allein in Kaiser Franz’ Lebenszeit hat sich die Zahl der Bewohner auf diesem Planeten verdreifacht. Von allen Menschen auf der Erde leben jetzt schon mehr als die Hälfte in Städten, in ein paar Jahren werden zwei Drittel der Weltbevölkerung Stadtmenschen sein und wie Stadtmenschen konsumieren. Klimatisieren, heizen, Auto fahren, fliegen, shoppen … dass dies auf Dauer ungemütlich werden könnte, liegt auf der Hand.

„Vergiftet die Flüsse! Fackelt den Urwald ab! Zerstört die Atmosphäre! – Niemand, der einigermaßen bei Trost ist, fordert derlei“, las ich neulich in einem Kommentar eines NZZ-Redakteurs mit dem sinnigen Namen Christoph G. Schmutz. „Der Planet“, schreibt Herr Schmutz, „ist der sprichwörtliche Ast, auf dem alle Menschen sitzen. Und jedermann möchte auf einem gesunden, starken, grünen Ast sitzen. Daran zu sägen, ergibt keinen Sinn.“ Die Frage ist nur, wie der Ast grün und stark zu halten ist. Darüber gehen die Meinungen auseinander. „Verzicht!“, rufen die Klimaaktivisten. Aber heißt das dann nicht, dass wir einfach so weitermachen wie bisher, nur alles eben ein bisschen teurer und dafür mit Biosiegel? Wir subventionieren Autos mit Stromantrieb und geben erst Ruhe, wenn jeder Winkel des Landes mit Aufladestationen für E-Autos ausgerüstet ist, ohne uns vorher wirklich Gedanken gemacht zu haben, ob wir nicht eher auf völlig neue Formen der Mobilität setzen müssten und unter welchen Umständen eigentlich die benötigten Rohstoffe zutage gefördert werden sollen (und wie lange sie überhaupt reichen und wo all der Strom für sie herkommen soll). Als effektive Klimaschutzpolitik gilt, höhere Steuern aufs Fliegen zu erheben, aber ja nicht so hoch, dass die Leute sich keine Familienurlaube mehr leisten können. Das Benzin wird teurer, aber bitte nicht so teuer, dass man die Leute ganz vom Fahren abhält. Wir machen eigentlich alles so weiter wie bisher, nur halt einen Hauch grüner, teurer und mit schlechtem Gewissen.

Kann das wirklich schon die Antwort sein?

Ich habe mich für dieses Buch auf die redliche Suche nach Möglichkeiten begeben, wie man ein umweltbewussteres Leben führen kann. Ich glaube nämlich, ein solches Leben kann, im wahrsten Sinne des Wortes, befriedigend sein. Die Verringerung der eigenen zerstörerischen Wirkung auf Umwelt und Klima kann sogar zu einer praktischen, ethischen Übung werden. Für die alten Griechen war Selbstzügelung – Sophrosyne – die wichtigste menschliche Übung überhaupt. Es ist ja im Übrigen so, dass die Gefahren ungleich verteilt sind. Wenn die Warner richtig liegen, stehen wir vor einer großen Gefahr und es besteht dringend Handlungsbedarf. Wenn die Klimakrisen-Skeptiker Recht haben, ist das alles bloß Hysterie. Das Risiko, eher den Warnern Gehör zu schenken, ist verhältnismäßig gering. Schlimmstenfalls sind wir am Ende auf Übertreibungen reingefallen, haben aber unseren sinnlos-übermäßigen Konsum ein wenig in den Griff bekommen, gehen nicht mehr ganz so gedankenlos mit unserer Umwelt und unseren natürlichen Ressourcen um und haben vielleicht sogar bei manchen Zukunftstechnologien die Nase vorn.

Ich bin jedenfalls fest entschlossen, bei der Rettung der Welt mitzumachen. Aber möglichst nicht auf eine Art und Weise, mit der ich meine Zeit und Energie mit gewissensbetäubenden Alibimaßnahmen verschwende, sondern so, dass es tatsächlich einen Unterschied macht. Für die Welt. Und mich selbst. Ich möchte gern grün leben, ökologisch korrekt, klimaneutral, nachhaltig und umweltbewusst.

Ich habe nur bei den ersten Versuchen festgestellt, dass das im Detail manchmal sehr freudlos ist. Die natürliche Pulver-Zahncreme zum Beispiel, die ich mir gestern zusammen mit der Rosshaar-Holzzahnbürste besorgt habe, ist nicht so toll. Sie schäumt nicht, sie schmeckt nach Kalk und hinterlässt kleine Brösel im Mund. Der Laden, in dem ich diese Utensilien erstanden habe, liegt mitten in Kopenhagen, heißt „Pure“ und ist Europas bestsortierte ökologische Parfümerie. Die Gesichts-, Körper- und Haarpflegeprodukte hier sind so pure, dass man sich manches auch gut als erfrischenden Brotaufstrich vorstellen kann.

Ich bin nach Dänemark gepilgert, um mich für dieses Buch inspirieren zu lassen. Kopenhagen ist nämlich ein – im positiven Sinn – eigentümlicher Ort. In der Fernsehserie „Borgen“ kommt der dänische Premierminister morgens mit dem Fahrrad ins Büro, es gibt mehr Fahrradwege als in jeder anderen Hauptstadt Europas, die Ampeln sind so geschaltet, dass man als Radfahrer immer ein paar Sekunden Vorfahrt hat, an jeder Ecke sieht man eine cykel værksted, jedes dritte Gefährt ist eines dieser Cargobikes, mit denen man zwei oder drei Kinder transportieren kann. Kopenhagen vermittelt einen Eindruck davon, wie es in ganz Europa bald aussieht, wenn die grüne Wende wirklich geschafft ist.

Die gute Nachricht ist: So schlecht sieht es gar nicht aus.

Die Jægersborggade im Stadtteil Nørrebro zum Beispiel: Es gibt hier Gründerzeithäuser am Rande eines der schönsten Gärten (und Friedhöfe) Skandinaviens (Kierkegaards Grab ist hier), wo früher Straßenkreuzungen waren, findet man jetzt improvisierte Minigärten, wo früher städtische Grünanlagen waren, befinden sich jetzt Permakulturen. Die Leute bauen in sogenannten Urban-Gardening-Projekten ihr eigenes Gemüse mitten in der Stadt an. Vorbei an solchen halbwilden Stadtgärten biegt man also in die Jægersborggade ein. Sie ist klein, man hat sie in fünf Minuten durchschritten, aber man kann sich auch mühelos Stunden dafür Zeit nehmen. Die ganze Straße riecht nach Mamas Kuchen, jedes der kleinen Geschäfte hat lustige Namen, in einem der Läden steht im Schaufenster „STOP FUCKING BUYING!“, im Spielzeugladen gibt es nur Spielzeug aus zweiter und dritter Hand, vor dem Pop-up-Shop, der Kimonos verkauft, stehen Frauen, denen man ansieht, dass sie Yoga machen, die Männer sehen trotz ihrer uniformen Bärte und ihrer ironischen T-Shirts irgendwie souverän und gelassen aus. Überall hat man freies WLAN, der Eisladen heißt „Banana“, der Claim lautet: „Less worry! More life!“, klingt nach einer super Idee. Im besten Lokal der Straße, dem „Manfreds“, wird nur Gemüse serviert, das am Morgen von der hauseigenen, 50 Kilometer entfernten kleinen Farm geliefert wurde, es gibt auch Fleischgerichte, aber wenn man will, kann man, bevor man ein Tier isst, sich dessen Lebensgeschichte erzählen und den Stammbaum aushändigen lassen. Im Café-Kollektiv, eine Ecke weiter, lockt das köstlichste vegetarische Eggs Benedict der Welt (keine Ahnung, aus was der „Schinken“ gemacht war, er schmeckte besser als Fleisch), für unsere Freunde des Superfoods fand ich dort: frischen Krauskohlsalat mit Kräutern, hausfermentiertem Sauerkraut, aktivierten Mandeln, laktofermentiertem Fenchel, angegrilltem Blumenkohl, Kurkuma, Granatapfel, Goji-Beeren und Koriander.

Der Stadtteil Nørrebro ist so økologisk, dass Freiburg im Breisgau daneben wie Tschernobyl aussieht. Im Hafen von Kopenhagen kann man schwimmen, selbst die autonome Hippiekommune Christiania ist blitzsauber, und die Energie ist es angeblich auch. Ein großer Teil der Bevölkerung hat sich zusammengetan und in erneuerbare, emissionsfreie Energien für den Großraum Kopenhagen investiert. Jeder, der mitgemacht hat, hat inzwischen knapp acht Prozent Rendite gemacht. Bis 2025 wird die Energieversorgung Kopenhagens komplett selbstversorgend sein. Für den Reiseführer „Lonely Planet“ war die dänische Hauptstadt 2019 das Städteziel Nummer eins in Europa, unter anderem wegen Attraktionen wie „Copenhill“, der einzigen Müllverbrennungsanlage weltweit, die so sauber ist, dass sie den Kopenhagenern als Nahausflugsziel dient. Das Dach wurde nämlich so designt, dass es, mit einem Kunstteppich versehen, als Skipiste dient. Die Philosophie des Architekten, Bjarke Ingels, lautet: „Wir können die Welt formen. Mein Kind wird zum Beispiel in einer Welt aufwachsen, in der es völlig normal ist, auf der Spitze eines Müllkraftwerks frische Luft zu atmen und dort Ski zu fahren.“ Er sagt auch Sätze wie: „Wir müssen Energie verbrauchen. Das unterscheidet uns von toter Materie. Energie zu verbrauchen ist also eine gute Sache, jedenfalls wenn man das Leben für eine gute Sache hält. Wir wollen Energie verbrauchen. Wir wollen sie nur nicht verschwenden.“ Im Vorort Ørestad hat Ingels ein ziemlich innovatives, autarkes Wohnobjekt hingestellt, das „8 Haus“, dänisch „8 Tallet“, 62 000 Quadratmeter in der Form einer Acht, 476 Wohnungen, mit begrünten abfallenden und ansteigenden Dächern, immer wieder unterbrochen durch Grünanlagen, so konzipiert, dass man den Gebäudekomplex auch als Jogging-Track nutzen kann, all das energetisch optimiert und so an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen (zwölf Minuten ins Stadtzentrum), dass eigene Autos hier völlig überflüssig sind. Zu den innovativsten Projekten von Bjarke Ingels gehört auch die „Oceanix City“, die 2050 fertig sein soll und klimaneutralen Wohnraum für mehrere Zehntausend Menschen auf dem Wasser schaffen will – falls es tatsächlich so etwas wie überflutete Städte geben sollte, zeigt Ingels mit solchen Ideen dem Klimawandel die lange Nase. „Oceanix City“ ist natürlich als selbstversorgendes Ökosystem ohne Abgase und Abfall konzipiert. Bjarke Ingels ist ein absoluter Superstar in Kopenhagen und einer der begehrtesten Ökoarchitekten weltweit. Kopenhagen ist also geradezu der ideale Ort, um darüber nachzudenken, wie man sein Leben grüner und dabei angenehmer und zeitgemäßer gestalten kann.

Eines möchte ich an dieser Stelle übrigens klarstellen: Ich verstehe von der wissenschaftlichen Seite der Materie so wenig wie Sie. Ich hätte schon Schwierigkeiten, auf Anhieb zu erklären, wie genau der Abfluss bei mir zu Hause funktioniert. Meine Ahnungslosigkeit paart sich übrigens auch mit einer gewissen Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Gewissheiten, die ich für ziemlich gesund halte. Es gehört zum Wesen der Wissenschaft, dass sie immer nur zu vorläufigen Ergebnissen kommt, die später wieder überworfen werden. Auch Rassismus basierte früher einmal auf vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wiederum längst von Wissenschaftlern widerlegt wurden. Als 1962 Der stumme Frühling erschien, worin Rahel Carson auf die Gefahren durch Pestizide und Insektizide hinwies, wurde sie von den namenhaftesten Wissenschaftlern geradezu lächerlich gemacht. Es gibt nämlich auch in der Welt der Wissenschaft so etwas wie Moden und Gruppendruck. Neben sehr viel Einleuchtendem ist so viel wissenschaftlicher Unfug im Umlauf, dass niemand von uns Laien je in der Lage sein wird, alles im Einzelnen nachzuprüfen.

Die einen sagen, die Rolle des CO₂ bei der Erderwärmung werde überschätzt. Andere sagen, dass die Maßnahmen, mit denen wir jetzt versuchen, dem CO₂-Ausstoß Herr zu werden, uns Billiarden kosten, aber nur minimale Effekte zeitigen werden. Wiederum andere sagen, es sei eh alles zu spät. Die Zeit, unsere Art zu wirtschaften grundlegend zu ändern, sei vor 30 Jahren gewesen, inzwischen hätten wir so viel zusätzliches CO₂ in die Atmosphäre gepumpt, dass selbst die drastischsten Gegenmaßnahmen die Folgen allenfalls ein bisschen hinauszögern und abmildern könnten.

Dann gibt es auch glaubhafte Stimmen, die sagen, dass das mit der Reduzierung des CO₂-Ausstoßes sehr wohl sinnvoll ist, dass wir uns dadurch aber zum Teil auch lähmen, weil wir vor lauter Starren auf dieses vermaledeite Kohlendioxid versäumen, uns um Dinge zu kümmern, die mindestens so wichtig sind, den Zugang zu Frischwasser in der Dritten Welt zum Beispiel oder Schutzmaßnahmen (wie Umsiedelung oder der Bau von Staudämmen) in Weltregionen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, um sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wehren.

Und dann gibt es noch die Zukunftsgläubigen, die behaupten, dass drastische Gegenmaßnahmen zur Verringerung des CO₂-Ausstoßes dringend geboten sind, dass wir aber die falschen Maßnahmen ergreifen, weil wir viel zu hektisch in emissionsfreundliche, aber alte Technologien investieren, statt viel mehr Geld in die Erforschung ganz anderer, völlig neuer Technologien zu stecken. Sie beklagen, dass wir vor lauter Untergangsprophezeiungen die gigantischen Chancen für Innovation verpassen, die in der ökologisch-ökonomischen Wende liegen. Die anderen Länder sind dabei, uns davonzueilen, in den Golfstaaten werden Züge geplant, die bis zu 1200 km/h schnell fahren sollen, von den zehn am meisten verkauften Automarken ist nur eine aus Deutschland, Firmen, von denen noch niemand von uns gehört hat, wie BYD aus China, verkaufen sechsmal mehr Elektroautos als VW. Wir könnten, argumentieren Ökooptimisten, mit unserem Know-how Weltmarktführer in alternativen Technologien werden und verlieren uns stattdessen in Visionen von „Degrowth“, Wachstumsrückbau, also Morgenthau-Plan-ähnlichen Deindustrialisierungsfantasien, statt uns für die Zukunft zu rüsten.

Welche der gerade genannten Einwände berechtigt sind und welche nicht, kann ich nicht beurteilen. Was ich beurteilen kann, ist mein eigenes Leben, sind meine eigenen Konsumgewohnheiten. Wenn ich die Welt verändern will, ist es wahrscheinlich eine gute Idee, erst einmal mit meinem Mikrokosmos anzufangen. Ich weiß, dass viele bei Zitaten des umstrittenen kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson genervt reagieren, aber seinem Satz „Wenn du die Welt retten willst, räum erst mal dein Zimmer auf!“ kann man eine gewisse Evidenz nicht absprechen. Außerdem sagt er damit auch nichts anderes als der sehr viel konsensfähigere Dalai Lama, der einmal gesagt haben soll: „Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“ Dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, die Welt ein Stückchen in die richtige oder in die falsche Richtung zu stupsen, ist auch die Kernaussage von Alexander Solschenizyns berühmter Dankesrede nach Entgegennahme des Nobelpreises. Jeder von uns hat Wirkung, zumal auch jeder von uns – für mich nehme ich das wenigstens in Anspruch, und Sie sollten das auch – für irgendjemanden als Vorbild fungiert.

Bevor wir uns nun Fragen der grünen Lebensführung zuwenden, ist es aber notwendig, etwas Grundsätzliches zu klären: Wie sehe ich meine Position als Mensch und die der Menschheit vis-à-vis der Natur? Und überhaupt, was ist das eigentlich, Natur?

Wir Deutschen haben ja ein traditionell inniges Verhältnis zur Natur. Vor allem zu Bäumen. Bevor wir (halbwegs) christianisiert wurden, wurden Baumriesen in unseren Breiten als heilig verehrt. Als Mittelpunkt der Welt galt unseren Vorfahren die Weltesche oder Yggdrasil, auf der ständig ein Eichhörnchen namens Ratatosk rauf- und runterrannte, um Nachrichten zu überbringen. Dann natürlich der Christbaum. Ist es nicht verblüffend, wie wir alle zu Weihnachten andächtig vor einem Baum stehen? Dann all die Märchen und Mythen, in denen der Wald als Ort der Zivilisationsflucht, als Sehnsuchtsort gefeiert wird, aber auch als Ort, an dem das Wilde, das Unzähmbare haust.

Mein Vater war ein Jäger, also ein Waldmensch. Ich habe meine halbe Kindheit im Wald verbracht. Meist schoss mein Vater gar nichts. Ich führe das jetzt nicht ins Feld, um alle Tierliebhaber zu beruhigen. Mein Vater verstand etwas von der Jagd, er sagte immer, dass die Wildbestände künstlich hoch gehalten werden, damit Zahnärzte und Anwälte ihrem Jagdhobby nachgehen können, für echte Jäger ist ein guter Wald nur sehr spärlich mit Wild bevölkert, und da heißt „auf die Jagd gehen“ in Wahrheit stundenlang still sitzen und gucken. Ich saß oft mit ihm endlose Stunden still auf dem Hochstand. Damals nervte mich das. Heute verstehe ich die Faszination Wald. Die Tage mit meinem Vater fingen immer sehr früh an. Im Morgengrauen am Hochstand sitzend einen Wald erwachen zu sehen – und vor allem ihm beim Erwachen zuzuhören – hat, zumindest wenn ich heute daran zurückdenke, tatsächlich etwas. Der Geruch von nassem Holz und frischem Harz, die Musik der Singvögel, das Rascheln und Knistern der Tiere im Unterholz. Dass Pflanzen, einschließlich der Bäume, lebende Organismen sind, war mir von klein auf klar, noch vor der Lektüre von Tolkien und Roald Dahl. Erinnern Sie sich noch an die Geschichte des Mannes, der verrückt wird, weil er eine Maschine erfindet, mit der man das Schreien der Grashalme hörbar machen kann, wenn sie gemäht werden? Und an die Stelle in Herr der Ringe, an der Baumbart seine gefällten Artgenossen beklagt? „Oh! Viele dieser Bäume waren meine Freunde. Geschöpfe, die ich von Nuss und Eichel kannte.“

Natürlich habe auch ich das Buch von Peter Wohlleben verschlungen, weil dort meine tiefe, in meiner Kindheit geprägte Ahnung endlich Bestätigung erfuhr, dass Bäume miteinander reden können. Als Wohlleben, den die Forstwirte in meiner weiteren Familie aus Borniertheit gern als „Ökospinner“ abtun, beschrieb, wie Buchen über ihre Wurzeln Kontakt zu ihren Nachbarn halten und sich nicht nur vor Insektenattacken warnen, sondern sich bei Bedarf gegenseitig sogar Zuckerlösungen zur Erfrischung hin und her reichen, fand ich das völlig einleuchtend.

Erst durch die oben erwähnten bornierten Verwandten habe ich später erfahren, dass der deutsche Wald so wenig mit Natur zu tun hat wie Fünf-Minuten-Terrine mit selbst gekochter Suppe.

Deutschlands Wälder sind zu 80 Prozent Forste, also mehr Plantagen als Wälder. Es gibt in ganz Europa, mit sehr wenigen Ausnahmen in Skandinavien und Polen, gar keine natürlichen Wälder mehr. Wenn unsere Wälder „natürlich“ wären, gäbe es keine Dürreschäden, keine extremen Orkanschäden, und wenn der böse Borkenkäfer käme, wäre auch bald der Specht zur Stelle, zu dessen Leibgerichten er gehört. Diese Wälder wären dann aber sogenannte Mischwälder, bestehend hauptsächlich aus Laubbäumen, die ließen sich allerdings nicht so effizient bewirtschaften. Wald, das bedeutet in Deutschland Forstwirtschaft, Monokultur, „Massenbaumhaltung“, wie Wohlleben es nennt.

Der Wald ist also ein gutes Beispiel dafür, wie wir mit manchen Wörtern romantische Ideen verbinden, aber oft nur verschwommene Vorstellungen von der Realität dahinter haben. Mit dem Begriff „Natur“ ist es ganz ähnlich.

Die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur fängt schon mit der Komplikation an, dass in dem Moment, in dem man von Natur überhaupt spricht, man sich von ihr abseitsstellt und damit implizit anerkennt, dass man nicht Teil von ihr ist. Stellt man die Natur aber auf einen Sockel, entfernt man sich noch weiter von ihr und macht so aus Natur erst recht Kultur. Bestes Beispiel: der Naturschutz. Wenn wir die Natur schützen, sie also abzäunen, stellen wir damit etwas Künstliches her. Wir definieren einen bestimmten Zustand der Natur als ursprünglich und bewahrenswert und bewachen diesen dann. Ein Eingriff, also Kultur. Fast alle Landschaften, bis auf ein paar Ecken in der Wüste Gobi, sind inzwischen streng genommen Kulturlandschaften. Im Grunde sind somit die französischen Parks mit ihren brutal beschnittenen Hecken, ihren kerzengeraden Wegen und geometrischen Formenspielen ehrlichere Gärten als die sogenannten englischen, die Natürlichkeit simulieren, weil Erstere uns klar vor Augen führen, dass der Mensch dazu neigt, sich der Natur zu bemächtigen.

Wir können gar nicht anders. Die Natur ist zunächst einmal ein ziemlich brutaler Ort. Wenn Prinz Charles von „Mutter Natur“ schwärmt und dabei rührselig die Augen rollt, ist das schön, aber auch sentimental. Die Natur ist keine Mutter. Auch Krebs ist Natur. Die giftigsten Stoffe überhaupt sind Naturstoffe. Natur ist, auf sich allein gestellt, ein einziges Töten und Verdrängen, eine moralfreie Zone. Selbst unser Freund, der Wald, ist unerbittlich, dort herrscht ein gnadenloser Kampf um Licht und Lebensraum, sich eng aneinanderschmiegende Bäume sind der Todesstoß für das Unterholz, das kein Licht mehr bekommt. Alles, was klein, schwach und putzig ist, wird von der Natur in der Regel niedergemäht. Wenn junge Rehe in einen Wald kommen, knabbern sie dort zuallererst die saftigen Stücke, also die jungen, nachwachsenden Bäume kurz und klein.

Natur ist hart, und gerade die, von denen wir die träumerische Vorstellung haben, dass sie „im Einklang“ mit der Natur leben, wissen oft am besten um diese Härte. Ihr wollt wissen, wie die Natur ist, fragt einer meiner Lieblingsautoren, der große Joseph de Maistre, dann betrachtet sie, wie sie ist, nicht, wie wir sie gern hätten, und schaut euch den sogenannten natürlichen Menschen an: »Il tue pour se nourrir, il tue pour se vêtir, il tue …«, er tötet, um sich zu ernähren, er tötet, um sich anzuziehen. Aus dem Lamm reißt er den Darm, um so Klänge auf seine Harfe zu zaubern, vom Elefanten nimmt er das Horn, um daraus Spielzeug für seine Kleinen zu machen, sein Esszimmertisch ist übersät mit Leichen.

Die von uns lange gern verklärten Buschmänner der Kalahari gehen, wie man zum Beispiel inzwischen weiß, traditionell sehr robust vor, wenn sie mithilfe von Flächenbränden jagen oder ganze Regionen abbrennen, um Lebensraum für ihre weidenden Herden zu schaffen. Es ist auch eine falsche Vorstellung, dass es erst die Industrielle Revolution war, mit der die Zerstörung von Flora und Fauna anfing. Unsere angeblich so naturverbundenen Vorfahren waren ausgesprochene Umweltfrevler. Wo immer die Urmenschen ihren Fuß hinsetzten, begann sofort ein dramatisches Artensterben. Und auch schon die Sumerer und Babylonier kannten schadhafte Monokulturen.

Es ist schwer, ein Anfangsdatum für das Werk der menschlichen Zerstörungswut zu setzen. Das plausibelste Datum liegt leider relativ weit zurück: rund 12 000 Jahre, der Zeitpunkt, an dem wir beschlossen, unser Jäger-und-Sammler-Dasein hinter uns zu lassen, und sesshaft wurden. Diese sogenannte Landwirtschaftliche Revolution war die eine große, unumkehrbare, in ihren Folgen weitreichendste und unsere Existenz völlig neu definierende Zäsur der Menschheitsgeschichte. Von diesem Moment an lebten die Menschen sozusagen nicht mehr mit der Natur, sondern gegen sie, fingen also an, ihr etwas abzuringen, sie zu zähmen und zu beherrschen.

„Zurück zur Natur“ hört sich gut an, und auch das Shampoo mit „nur natürlichen Zutaten“ klingt gut, aber wollen wir wirklich „zurück zur Natur“? Und selbst wenn: Gibt es überhaupt einen Weg dorthin zurück?

Es gab und gibt Ökologisten, darunter sogar ernsthafte Wissenschaftler wie Eugene Odum, die Deindustrialisierung und „Degrowth“, also den Rückbau der nordischen Weltwirtschaft als die einzige Lösung bezeichneten, und bis heute ist Wachstumskritik ein respektiertes, wenn auch randständiges Thema auf Volkswirtschaftsseminaren, das ändert aber nichts daran, dass es schlicht unrealistisch ist, unsere Art, zu wirtschaften und zu leben, auf ein präindustrielles Niveau zurückzuschrauben. Es soll Kulturen gegeben haben, die den Weg zurückgefunden, die Handbremse gezogen und einen U-Turn hingelegt haben. Aber nur in Legenden, wie in der von der indianischen Hohokam-Kultur, die schon lange vor Kolumbus’ Ankunft systematische Landwirtschaft betrieben und Kanäle gebaut haben soll, bis sie eines Tages einsah, dass sie zum Sklaven ihrer Errungenschaften geworden war und beschloss, alle modernen Hilfsmittel wegzuschmeißen und wieder wie ihre Vorväter zu leben. Eine Legende, wie gesagt. In der Realität gehen solche „Zurück zu den Wurzeln“-Manöver meist unschön aus, wie bei dem Pariser Intellektuellen aus Kambodscha namens Saloth Sar, besser bekannt als Pol Pot oder „Bruder Nummer eins“, der, als er in seinem Land an der Macht war, alle, die in Städten und in Schreibstuben saßen, auf die Felder schickte, um Reis zu ernten, dann alle zu Zwangsarbeit verurteilte und am Ende ein Viertel der Bevölkerung auf den „Killing Fields“ ermordet hatte.

Wenn es kein „Zurück zur Natur“ gibt, dann vielleicht wenigstens so etwas wie Leben im Einklang mit der Natur? Heidegger meinte nein. Er setzte die wirkmächtige These in die Welt, Schuld an der Ausbeutung der Natur sei letztlich das europäische Christentum, das das „Macht euch die Erde untertan“ einfach zu wörtlich genommen habe. Allerdings hatte Heidegger ein verkorkstes Verhältnis zur Kirche (die ihn förderte und der er seine Ausbildung verdankte) und wollte daher nicht einsehen, dass der Auftrag im Buch Genesis auch ganz anders ausgelegt werden kann. Anspruchsvoller, delikater. Geht es in den archetypischen Geschichten von der Bibel bis zu Walt Disney doch eher darum, die Natur zu nutzen, sie aber auch zu hegen (schönes, vergessenes Wort, mein Vater benutzte es oft). Um aus „König der Löwen“ zu zitieren:

 

„Everything you see exists together

in a delicate balance.

As king, you need to understand that balance

and respect all the creatures,

from the crawling ant to the leaping antelope.“

 

Die Ehrfurcht vor allem Lebenden, die hier so poetisch anklingt, ist natürlich nur dem möglich, der das Leben an sich schätzt. Und da tut sich ein großer Teil der modernen Umweltbewegung sehr schwer. In den Augen der „Deep Ecology“-Schule, also der orthodoxen Öko-Fundis, dazu gehören einflussreiche Figuren wie Paul Ehrlich, David Suzuki und auch Rajendra K. Pachauri (ehemaliger Chef des Weltklimarats IPCC) bis hin zu Al Gore, ist der Mensch, wie in dem berühmten Planeten-Witz, ein Störenfried – um nicht zu sagen ein Schädling. Sie kennen den Witz: Treffen sich zwei Planeten. „Du siehst aber gar nicht gut aus. Was hast du?“ – „Menschen.“ – „Keine Sorge, das geht rasch vorbei!“

Alle großen politischen Ideologien sind anthropozentrisch. Das heißt, dass sie das Wohl des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das grüne Denken ist die einzige politische Ideologie, die auf Prämissen beruht, die nicht anthropozentrisch sind. Das hat eine lange Tradition und reicht von Konrad Lorenz (der sagte in einem seiner letzten Interviews: „Gegen die Überbevölkerung hat die Menschheit nichts Vernünftiges unternommen. Man könnte daher eine gewisse Sympathie für Aids bekommen“) über Alexander King, einen der Gründer des Club of Rome, der einmal zum Thema Malariabekämpfung meinte: „Mein Problem ist, dass es die Überbevölkerung verstärkt!“, bis hin zu Englands Prinz Harry, der gelobt hat, aus Klimaschutzgründen maximal zwei Kinder haben zu wollen. Die „Deep Ecology“-Denkschule, auf die der moderne Ökologismus fußt, ist letztlich dem Menschen gegenüber feindselig.

Wer Prinz Harry Applaus spendet, liegt zwar weltanschaulich in der Tradition des „Deep Ecology“-Denkens, muss sich aber auch klar sein, dass ganz ähnlich einer der Amokschützen an der Columbine High School argumentierte, der wahllos Menschen tötete, um den Planeten von vermeintlichem Ungeziefer zu befreien. In seinem Tagebuch notierte einer der beiden Täter: „Die menschliche Rasse ist es nicht wert, dass man sie verteidigt, sie ist nur wert, getötet zu werden. Gebt die Erde den Tieren zurück. Die haben es verdient, wir nicht.“

Ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass das keine sehr kultivierte Weltsicht ist. Es kann nicht sein, dass wir nur die Wahl zwischen schlecht und weniger schlecht haben. Das geht schon aus philosophischen und aus Gründen der Logik nicht. Wenn es das Schlechte gibt, gibt es auch das Gute. Und wenn es das Gute gibt, kann man es auch tun. Menschen sind keine Schädlinge.

„Ich will, dass ihr Angst habt!“, sagt Greta. Ist das wirklich eine gute Idee?

Holt nicht Angst generell das Schlechteste aus den Menschen heraus? Besteht nicht vielleicht sogar ein Zusammenhang zwischen dem Selbsthass der zivilisierten Menschheit, der in Witzen wie dem der Planeten anklingt, und den Angstbotschaften der Generation Klima?

Angst ist schließlich eine typische Reaktion von Beziehungsgeschädigten. Die Moderne hat uns eingebläut, dass wir erst glücklich sind, wenn wir alle frei, unabhängig und autonom sind. Nun ist der moderne Mensch endlich seine Bindungen los, fühlt sich freier, muss das aber mit einem Gefühl der Unsicherheit bezahlen. Dazu kommt die Dekonstruktion, die die Postmoderne bewirkt hat. Alles, was einmal galt, wurde verworfen. Auch das war befreiend und beängstigend zugleich. Das Resultat ist Angst. Und Selbsthass. Deshalb richtet sich der Groll der Klimaschutzaktivisten vor allem auf Europa und Nordamerika.

Angst und Selbsthass sind, behaupte ich, keine guten Ratgeber für ein gelungenes Leben und für die Gestaltung desselben auf diesem Planeten. Dieses Buch basiert jedenfalls auf der Grundbasis von: „Schön, dass Sie da sind!“ Und es geht von der Prämisse aus, dass es möglich ist, sich selbst – und der Welt um sich herum – Gutes zu tun. Man muss ja nicht immer gleich die Welt retten. Für den Anfang genügt es, ein paar Dinge zu korrigieren, die schief sind, und die Welt damit, Stück für Stück, ein bisschen besser zu machen.


* * *

Bei unserer Suche nach einem Leben, das weniger von Verschleuderung und gedankenlosem Konsum geprägt ist, kommt uns ein Umstand zugute: Die Dinge, die mit Prestige behaftet sind, haben sich vom Materiellen gelöst.

Man kann heutzutage niemandem mehr mit seinem dicken Auto imponieren. Als Fahrer eines Porsche Cayenne gilt man heute eher als asozial und therapiebedürftig. Wer dicke Autos fährt, so der Konsens, isst auch mit Blattgold überzogene Steaks, schlägt seine Kinder und trinkt Robbenblut. Wer sich durch umweltbewusstes Verhalten abheben will, tut das vielleicht inzwischen nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil er zu denen „da oben“, die sich dezenter verhalten, die wissen, was sich gehört, dazugehören will.

Man will nicht als der Doofe dastehen, der mit Pestiziden hoch belastete Rucola kaut, Flip-Flops trägt, die in den Mägen von Delfinen landen, und Autos fährt, die mehr Immobilie als Fahrzeug sind.

Als Luxus gilt heute, ein Leben als „Lohas“ zu führen, will heißen, einen „Lifestyle of Health and Sustainability“ zu pflegen. Aus dem gesellschaftspolitisch einst von Randgruppen besetzten Thema Ökologie ist ein Distinktionsmittel der urbanen Eliten geworden. Natürlich hat das einen hedonistischen Beigeschmack, als wäre wieder nur das eigene Wohlergehen, garniert mit gutem Gewissen, entscheidend. Aber: Wahrscheinlich haben die oft beschimpften Edelökos und all die Hollywood-Nervensägen wie Leonardo DiCaprio mit ihren Toyota Prius, ihren Energiesparlampen und Flugkompensationszahlungen mehr zu einem neuen Verständnis für umweltgerechte Verhaltensweisen beigetragen als Jahrzehnte angestrengter Reden von Claudia Roth. Mir ist lieber, uns wird vorgelebt, dass man grün sein und sein Leben dennoch genießen kann, als dass ich mir ständig vorhalten lassen muss, ich solle Angst haben. Einer der wenigen, die das begriffen haben, ist übrigens Elon Musk. Öko-Lifestyle muss attraktiv sein, ein Tesla ist inzwischen schlicht cooler als ein Porsche.

Das bisweilen etwas überdrehte Wiedererwachen des Umweltthemas durch die Klimadebatte könnte sich somit als historische Chance herausstellen. Vielleicht kriegen wir einen Lifestyle hin, der sich tatsächlich vom bewusstlosen Alles-muss-auf-Knopfdruck-da-sein-all-you-can-eat-Konsumwahn abhebt. Vielleicht belassen wir es dann auch nicht bei Maßnahmen, die nur unser Gewissen beruhigen, und ringen uns wirklich zum Umdenken durch.

Ursula März „Tante Martl”

„In ihrem ersten Roman 'Tante Martl' erzählt die Journalistin Ursula März mitfühlend, aber durchaus auch humorvoll, von einem Frauenleben der Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz.

Auf den ersten Blick wirkt Tante Martl unscheinbar. Doch wer genauer hinschaut, erkennt in ihr eine außergewöhnliche Frau. Geboren als dritte Tochter, ist Martl die ungeliebte Jüngste. Der Vater, der eigentlich einen Sohn wollte, ist zeitlebens enttäuscht, dass das dritte Kind kein Junge ist. So steht Martl immer im Schatten ihrer älteren Schwestern und wird nicht selten von der Familie drangsaliert. Während ihre Schwestern schließlich eigene Familien gründen, verbringt Martl ihr ganzes Leben im Elternhaus in der pfälzischen Provinz, pflegt die Eltern, opfert sich auf. Doch sie arbeitet auch als Volksschullehrerin, verreist, kauft sich ein Auto, sorgt für sich selbst. Und bekommt im hohen Alter sogar noch einen Fernsehauftritt.

Ursula März ist eine hervorragende Erzählerin und bringt dem Leser Tante Martl mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten - das ist teils komisch, teils tragisch - so nahe, dass man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.

Ein höchst lesenswerter und unterhaltsamer Roman und ein feinsinniges Porträt einer bemerkenswerten Frau.”

Stefanie Hoever, Pressereferentin 

 

Tante MartlTante MartlTante Martl

Roman

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag.

 

Hatte sie sich über eine schnippische Verkäuferin geärgert, überwog die Sirene. Hatte der Hausarzt ihr geraten, sich für eine Untersuchung ins Krankenhaus einweisen zu lassen, schlug das Jammern durch. Bisweilen vertiefte sich das Stöhnen zu einem rollenden Brummen, als säße am anderen Ende der Leitung ein angriffslustiger Bär. Dann war meine Tante ernsthaft empört. Der Lieferant von Tiefkühlkost, der einmal im Monat mit seinem Kleinlaster vor ihrem Haus hielt, hatte die falsche Ware gebracht, aber unverschämt behauptet, es sei die richtige, und den Umtausch verweigert. In einer Fernsehsendung waren knapp bekleidete Frauen aufgetreten, und zwar nicht am späten Abend, wenn meine Tante längst schlafen gegangen war, sondern im unverdächtigen Nachmittagsprogramm.

 

Ein Daueranlass ihrer Empörung war der Showmaster Thomas Gottschalk. Er wurde von meiner Tante so verachtet, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprach, sondern ihn nur „de dumm Lackaff“ nannte. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass „de dumm Lackaff“ in der Samstagabendshow des ZDF den Platz des von ihr hochgeschätzten Frank Elstner eingenommen hatte, was meine Tante als persönliche Geringschätzung von Menschen wie ihr, Menschen mit Anstand und seriösem Benehmen, interpretierte. Alles an Thomas Gottschalk fand sie vulgär, seine langen blonden Locken, seine Glitzeranzüge, seine Witze. Als sie in einer Fernsehzeitschrift las, wie viel Geld er für seine Shows erhielt, war sie außer sich. „Ursi“, schrie sie ins Telefon, „des sin Millione! Des isch doch net normal!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen. Thomas Gottschalk, sagte ich, sei sicherlich Millionär und habe einigen Reichtum angehäuft. Dass er für einen einzigen Fernsehauftritt gleich ein paar Millionen einstriche, hielte ich jedoch für ausgeschlossen. „Du hascht doch ke Ahnung“, erwiderte sie brüsk, nun über meine Besserwisserei empört. Ich kannte mich in den Finanzverhältnissen von Thomas Gottschalk tatsächlich nicht aus und bog schnell zu einem anderen Thema ab. Wenn am Sonntagmorgen in meiner Wohnung in Berlin das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und dem Empörungsstöhnen lauschte, war mir klar, dass am Abend zuvor »Wetten, dass …?« ausgestrahlt worden war, meine Tante auf dem Bildschirm ihren Intimfeind gesehen und sofort umgeschaltet hatte.

 

Bis sie endlich zu erzählen begann, konnte eine Weile vergehen. Mit einer einzigen Stöhnouvertüre war es oft nicht getan. „Was ist denn passiert?“, fragte ich vorsichtig. „Geht’s dir nicht gut?“ Anstatt zu antworten, stöhnte sie erneut, und ich fuhr wieder mit einer Frage dazwischen. Je älter meine Tante wurde, desto häufiger geschah es, dass sie schon nach dem Ende des Stöhnens meinen Kommentar zu dem Ereignis erwartete, das sie veranlasst hatte, mich anzurufen. So, als hätte sie mir gerade davon erzählt. Es war ein heikler Moment unserer Telefonate. Dauer und Tonlage des Stöhnens verrieten mir die Stimmung, in der sich meine Tante befand. Aber was genau sie in diese Stimmung versetzt hatte, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht hatte sie eine überhöhte Rechnung ihrer Autowerkstatt erhalten, die darauf spekulierte, eine betagte Frau würde den Wucher nicht bemerken. Vielleicht musste sie ihrem Ärger über ein im gegenüberliegenden Haus lebendes Ehepaar Luft machen, das an sieben Tagen die Woche um Punkt 11:30 Uhr in seinen Mercedes stieg, um in ein Restaurant zu fahren. „Die kenne esse, wo se wolle“, sagte meine Tante, „aber jede Tach ins Lokal gehe, des isch doch net normal.“ Sie war fest davon überzeugt, der Grund für die gehäuften Restaurantbesuche der Nachbarn, die schon bei dünnem Nieselregen die Rollläden vor den Fensterscheiben herunterzögen, läge in einem Reinlichkeitswahn, der es ihnen verbiete, ihre Küche durch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zu besudeln.

 

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit vagen Beschwichtigungsfloskeln an das Ereignis heranzutasten, von dem meine Tante glaubte, sie hätte es mir eine Minute zuvor mitgeteilt. Oft bemerkte sie die Taktik und fühlte sich zurückgestoßen, weil es mir ihrer Ansicht nach an echtem Interesse für sie und ihre Nöte fehlte. „Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

 

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch achtunddreißig Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte.

 

In ihrer ersten Lebenswoche, genau von Montag bis Montag, galt meine Tante auf dem Papier als Person, vielmehr als Säugling, männlichen Geschlechts. Sieben Tage lang war ihr Vater nicht bereit, sich mit der Tatsache abzufinden, dass auch dieses Kind ein Mädchen geworden war. Zu seinem Verdruss das dritte. Schon das zweite Mädchen hätte, wären die Dinge seiner Ansicht nach richtig verlaufen, ein Junge sein müssen. Er verschmerzte es einigermaßen. Gegen ein drittes Geschöpf aber, das als Stammhalter ausfiel und ihm womöglich den Ruf eines Erzeugers eintrug, der nur eine Mädchenserie zustande brachte, stellte er sich stur. Bei seinen Enkeln war ihm das Geschlecht egal. Ich erinnere mich an keine Situation, keinen Satz und kein Geschenk, die darauf hingedeutet hätten, er bevorzuge meinen Bruder mir gegenüber. Bei seinen Kindern galten jedoch andere Prinzipien. Sieben Tage lang klammerte er sich an die wahnwitzige Illusion, der Natur durch schieres Beharren doch noch ein Chromosomenwunder abringen zu können. In den Verwaltungsakten des örtlichen Standesamtes gab es den Jungen ja schon, er hieß Martin.

 

Als sich mein Großvater am Montagmorgen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten einfand und dieser ihn nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers fragte, nickte er einfach. Er sprach das Wort „Junge“ nicht aus. Er wartete, bis dem verunsicherten Beamten, der die Spitze des Füllfederhalters bereits aufs Formular gesetzt hatte, nichts anderes übrig blieb, als die Frage zu konkretisieren, „isch e Bub?“, und er nur nicken musste. Im strengen Sinn gelogen, so beteuerte er noch nach Jahrzehnten, hatte er also nicht. Er hatte es lediglich verpasst, einer Variante der Wahrheit zu widersprechen, die ihm amtlicherseits nahegelegt wurde. Und was den falschen Namen anbetraf: Vielleicht hatte er den Vokal am Ende verschluckt, vielleicht hatte der Standesbeamte das „a“ überhört oder einfach den Stift zu früh abgesetzt und deshalb den Namen Martin eingetragen.

 

Ungefähr so lauteten die Ausreden, die er vorbrachte, als seine Frau ihm am Dienstag die Geburtsurkunde abknöpfte und schwarz auf weiß lesen musste, dass ihre neugeborene Tochter durch einen Trick, an dem sie das Herzlose noch mehr bestürzte als das Hirnrissige, vor dem Gesetz als Sohn galt. Zum Krachschlagen war sie zwei Tage nach der Entbindung zu erschöpft. Sie legte die Geburtsurkunde wortlos auf den Küchentisch und schwieg bis zum Einschlafen am Abend. Sie saß im Nachthemd auf ihrer Bettseite, rückte die Wiege nah zu sich heran, beugte sich darüber und prüfte, ob das gehäkelte Wolldeckchen straff genug um den Säugling gewickelt war, nicht nach oben rutschen und sich über sein Gesicht legen konnte. Dann schlüpfte sie unter ihr Federbett, wandte ihrem Mann den Rücken zu, streckte den Arm nach dem Schalthebel der kleinen Bakelitlampe auf dem Nachttisch aus und sagte im Dunklen nur einen einzigen Satz: „Du gescht da morge hin, gleich in der Früh.“

 

Meine Großmutter sparte auch sonst mit Worten. Sie handelte lieber. Wenn ich mir an einer Steinkante im Garten das Knie aufgeschlagen hatte und weinend zu ihr in die Küche humpelte, umflatterte sie mich nicht, wie meine Mutter es getan hätte, mit dramatischen Mitleidsbekundungen. Sie sauste zum Medizinschrank im Badezimmer, holte Verbandspflaster und ein Fläschchen mit stinkendem rostfarbenem Desinfektionsmittel. Nach der Verarztung griff sie in die Tasche ihrer Kittelschürze, zog einen Bonbon heraus und steckte ihn mir in den Mund.

 

Er ging nicht. Weder am Mittwoch noch am Donnerstag und am Freitag bequemte er sich zum Standesamt, um den Fehler zu korrigieren. Dass er nicht darum herumkomme, musste ihm als ordnungsliebenden Staatsbürger eigentlich klar sein, auch wenn er sich einbildete, das Geschlecht des Neugeborenen durch Zeitschinden doch noch in die ersehnte Richtung lenken zu können. Er drückte sich überhaupt gern vor Schwierigkeiten und überließ es seiner Frau, sie zu lösen. Nicht er, sondern sie handelte bei der Sparkasse den Kredit aus, den sie benötigten, um Ende der Zwanzigerjahre das zweistöckige Haus zu kaufen, in dessen oberem Stockwerk sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten. Nicht er, sondern sie sah den Handwerkern auf die Finger, als unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer für die Töchter ausgebaut wurde. Und sie saß abends am Küchentisch und verrechnete das schmale Gehalt, das er als Gefängniswärter nach Hause brachte, mit den monatlichen Ausgaben. Sie war zuständig fürs Pragmatische und somit auch dafür, Wege aus verzwickten Situationen zu finden. Und in einer solchen befanden sie sich. Bereits am Samstagmorgen klingelten die ersten Gratulanten, die das Elternpaar doppelt beglückwünschten, zur Geburt eines gesunden Kindes und zur Geburt eines Söhnchens, mit dem ja auch endlich zu rechnen gewesen war. Martin hieß er, hatte man da richtig gehört? Oder Werner, wie der Vater? Seine Frau wimmelte die Besucher höflich ab und übergab ihnen ein Bündel mit Pflaumenmus gefüllter Krapfen, von denen sie in den Wochen vor der Geburt mehrere Bleche voll gebacken hatte. Das Kind ließ sie nicht sehen. Es sei, sagte sie, gerade eingeschlafen und solle nicht gestört werden.

 

Niemand hätte gewünscht, den Säugling als Nackedei zu besichtigen. Selbst seine Großeltern, die am Sonntagmorgen in ihrem Dorf loswanderten und nach einem zweistündigen Fußmarsch bei der Familie anlangten, wären nicht auf die Idee gekommen, sich mit eigenen Augen vom Geschlecht des neuen Enkelchens überzeugen zu wollen. Und so wenig wie das Gesicht hätte das Greinen des Babys verraten, dass hier nicht ein Martin, sondern eine Martina von Arm zu Arm gereicht wurde. Aber die Mutter rückte ihre Jüngste nicht heraus. Zum einen war es ihr zuwider, bei einer Schmierenkomödie mitzuspielen. Zum anderen betrachtete sie es von Beginn an als ihre Pflicht, dieses Kind, das in den Augen seines Vaters nichts anderes als ein Ärgernis darstellte, besonders zu schützen. Sie meinte es gut. Aber indem sie das Kind abschirmte, wies sie ihm ungewollt auch einen Platz im Hintergrund zu.

 

Den Canossagang zum Standesamt zu übernehmen, war sie nicht bereit. Am Sonntagmorgen drohte sie ihrem Mann: Wenn er nicht hinginge, und zwar sofort nach dem Frühstück am Montagmorgen, verschwände sie mit Sack und Pack und den drei Töchtern aus dem Haus. Es war der böseste Moment ihrer Ehe, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich vom Dienst abzumelden und dem Standesamt einen zweiten Besuch abzustatten. Welche Argumente er sich dort einfallen ließ, um den kuriosen Umstand zu erklären, erst nach einer Woche den falschen Namen und die falsche Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde bemerkt zu haben, darüber gab er niemals Auskunft. Dass es eine Schmach war, die ihm zugefügt wurde, ließ er sich allerdings empfindlich anmerken, als er mit der neuen Geburtsurkunde nach Hause kam, die nun einem Mädchen namens Martina galt. Die eigentliche Schmach erwartete ihn noch. Schneller als die frohe Botschaft von der Geburt eines gesunden Buben verbreitete sich nun, genau eine Woche später, die Komödie vom Bub, der gar keiner war, über die Gerüchtekanäle der Kleinstadt. Und die Stadt lachte. Die Gratulanten ließen sich die Krapfen schmecken und schlossen Wetten über die Anzahl der Mädchengeburten ab, die fürderhin zu absolvieren seien, bis die Eheleute endlich einen Treffer erzielten. Vier, fünf? Bei großem Fleiß womöglich sechs oder sieben? Das sollte doch genügen, um den Klapperstorch zu erweichen. Und wer nicht lachte, äußerte, was meinen Großvater mindestens so verdross, sein Bedauern mit dem armen Mann, der sich so verzweifelt einen Bub wünschte, dass ihm jedes Mittel recht war.

 

Es wurde Spätsommer, bis die Mutter mit allen dreien, die Vierjährige lief schon flott, die Zweijährige tapste an ihrer Hand, die Kleinste lag im Kinderwagen, einen Gang durch die Stadt unternahm, zum Einkaufen beim Bäcker und beim Metzger haltmachte und zuließ, dass sich fremde Köpfe über den Säugling beugten. Man tat ihr zuliebe so, als sei die Albernheit beim Standesamt nie vorgefallen. Aber vergessen wurde sie nicht. Sie war zu unterhaltsam, um dem Fundus an Kleinstadtklatsch verloren zu gehen und nicht durch die Generationen weitergereicht zu werden. Mir wurde erst spät bewusst, dass meine Tante immer damit rechnen musste, als die Frau Lehrerin betuschelt zu werden, die vom Vater zum Bub erzwungen werden sollte; die Unverheiratete mit der falschen Geburtsurkunde.

 

IN DER ERINNERUNG DER FAMILIE mischte sich der Vorfall unter andere Episoden, die wie zum Kannenboden abgesunkene Kaffeekörner im Gedächtnis ruhen und immer mal wieder aufgerührt werden. Aber in Wahrheit war es keine Geschichte wie andere. Nicht so harmlos wie das Missgeschick mit der Kommuniontorte, die der Mutter aus der Hand stürzte und löffelweise vom Küchenboden aufgeschabt wurde. Nicht so überholt wie der Konfessionsstreit, der ausgerechnet am Abend vor der Hochzeit der mittleren Tochter zwischen Katholiken und Protestanten ausbrach und beinahe die ganze Heirat verhindert hätte. Auch wenn sie zum Amüsement aufgetischt wurde, behielt die Geschichte von der falschen Geburtsurkunde einen bitteren Beigeschmack. Er enthielt nicht nur Scham über das Unrecht, das der Jüngsten ja doch zugefügt worden war, sondern auch einen Rest von der Enttäuschung, eine Familie ohne Sohn zu sein. Und hauchfein mischte sich in die Enttäuschung ein Vorwurf, der sich keineswegs gegen den Urheber des Skandals richtete, sondern gegen diejenige, die er für sein skandalöses Verhalten verantwortlich machte.

 

Und sie selbst? Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform? Sie lachte auf eine etwas künstliche, übertrieben grelle Weise mit, wenn ihre „Martinwoche“ zur Sprache kam, und schüttelte den Kopf, „was für e Unfug sich die Leut ausdenke“. Nie ließ sie sich Schmerz oder Zorn anmerken. Erst in ihren zwei letzten Lebensjahren, als sie in einem Altenheim wohnte und die Demenz sich ihres Gehirns bemächtigte, löste sich der Gefühlsriegel. Sie war achtundachtzig Jahre alt und in eine aussichtslose Lage geraten. Zu hinfällig, um ohne Hilfe im Haus zu bleiben, wehrte sie sich dennoch rigoros gegen das Zusammenleben mit einer Pflegerin. Schon die Idee betrachtete sie als Verrat. „Isch war mei ganz Lebe allein“, schrie sie mich am Telefon an, „da bringscht du mir ke fremde Leut ins Haus!“ Um keinen Preis wollte sie, die auf so vieles verzichtet hatte, nun auch noch auf ihren letzten Wunsch verzichten, der in nichts Bescheidenerem bestand als darin, still und unbehelligt in ihrem Haus zu sein und dort zu sterben. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie so geschwächt, dass die Ärzte es ablehnten, die Verantwortung für ihre Rückkehr ins Haus zu übernehmen, sollte sie dort ohne Obhut sein. Selbst jetzt war es ihr lieber, in ein Heim zu gehen. Von zwei Katastrophen erschien ihr dies als die etwas weniger schlimme.

 

Wider Erwarten blühte sie in den ersten Wochen im Heim auf. „Es isch eischentlich wie im Hotel“, berichtete sie befriedigt. Die langen Zimmerflure, die in Gesellschaft einzunehmenden Mahlzeiten und das kleine Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten erinnerten sie an Hotelaufenthalte, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Schon morgens hole sie eine ihrer guten Blusen für die nachmittägliche Kaffeetafel aus dem Schrank, „isch will jo doch bissche fein do sitze.“ Ich bestärkte sie sogar noch in der Hotelillusion und redete ihr zu, die urlaubsähnlichen Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Beim nächsten oder übernächsten Telefonat merkte ich, dass das schmeichelhafte Deckbild von der Realität abgefallen war und meine Tante das Heim nun umso mehr als Verbannungsort empfand. Hotelgäste werden nicht vom Personal ermahnt, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen, nicht morgens um sieben mit ihrem Rollator ins Badezimmer geschoben. „Do sitze erwachsene Leut beim Esse mit e Plastiklatz um de Hals, des isch doch net normal!“, rief sie entrüstet. „Des is wie im Kindergarte! Isch bin doch ke Kind, isch bin e alt Frau!“

 

In den Tunnel ihrer Verzweiflung drang nur noch für kurze Momente ein wenig Helligkeit. Sie litt unter dem Alleinsein in ihrem Zimmer und unter der Anwesenheit von Menschen. Sie litt unter Stille und unter dem kleinsten Geräusch, das aus dem Flur zu ihr drang. Die Verdunkelung ihrer Seele beschleunigte ihre geistige Verwirrung. Sie verwechselte die Pflegerinnen ebenso wie ihre Brillen. Tag für Tag wurde sie von neuem Entsetzen gepackt, wenn sie vom Bett aus mit der Lesebrille zum Fernsehmonitor an der gegenüberliegenden Zimmerwand blinzelte, nur noch verschwommene Bilder sah und sich für urplötzlich erblindet hielt. Sie wollte nichts mehr essen und hatte starkes Untergewicht. Nur mit Mühe konnte ich sie bei meinen Besuchen dazu bewegen, an einem Bahlsenkeks zu knabbern. Sie hatte Bahlsenkekse immer sehr geschätzt. „Isch will ke Firlefanz“, konstatierte sie jedes Mal, wenn sie im Supermarkt eine Packung Bahlsenkekse in den Einkaufswagen legte, „a gut Bahlsekeks is a einfache, ehrlische Sach. Wenn di Mensche genauso wärn, gäbs auf de Welt ke Streit und ke Kriesch.“

 

Je mehr sie verfiel, desto stärker drängte die Martingeschichte aus ihr heraus, die sie selbst ja nur vom Hörensagen kannte. Am Anfang klagte sie nur. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, ob der Arzt, eine Pflegerin, die Putzfrau oder ihre Nichte, begann sie sich, unterbrochen von langem Stöhnen, über die gefälschte Geburtsurkunde zu beschweren. „Des gehört sisch doch net“, lautete eine ihrer wiederkehrenden Redewendungen, mit denen sie die Ungehörigkeit so darstellte, als ginge es um ein fremdes Kind, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Nach ein paar Monaten steigerte sich die Klage zu wildem Zorn. „Was kann denn des Kind dafür, dass es kei Bub isch?“, kreischte sie in den Raum. „Gar nix! Und was mache die Leut? Gehe zum Standesamt und lass e Bub eintrage! Jetzt sag amol: Isch des e Sauerei oder net?“ Und schließlich, wiederum Monate später, zeigte sich der alte Schmerz unverhüllt. Meine Tante saß schluchzend auf dem Bettrand, ruderte mit den Füßen über den Linoleumboden, ziellos nach einem Gegenstand suchend, den ihr Gehirn nicht mehr als Hausschuh abzubilden vermochte. Ich setzte mich neben sie, um sie zu trösten, und sofort umklammerte sie mit einer Hand meinen Unterarm.

 

Wie das Stöhnen zählte diese Gebärde zu den Angewohnheiten, die ihr schon immer zu eigen gewesen waren und sich im Alter verstärkten. Wenn sie nach meinem Arm langte und zudrückte, wusste ich, dass sie zu einer Mitteilung ansetzte, die keinesfalls überhört werden durfte. Der Griff hieß: Aufpassen! Jetzt kommt was Wichtiges! Die Nummer ihres Schließfaches bei der Stadtsparkasse, den Aufbewahrungsort ihrer Lebensversicherung, aber auch das System ihrer Küchenmülltrennung hatte sie mir auf diese Weise eingeschärft. Als hätte ihr Wunsch nach Anteilnahme eines körperlichen Nachdrucks bedurft, streckte sie auch dann die Hand zum Arm ihres Gesprächspartners aus, wenn sie über Themen reden wollte, die sie gerade stark beschäftigten. Eine Diskussion über den, wie meine Tante fand, ziemlich unchristlichen Starkult um den polnischen Papst wurde vom Druck ihrer Hand begleitet, ebenso die Erörterung der Frage, ob es sinnvoll sei, auf einem Kreuzfahrtschiff eine Kabine mit Balkon zu buchen.

 

„Weischt du, was mir passiert ist?“, begann sie, als habe sie noch nie zuvor vom Drama ihrer Geburtsurkunde berichtet und lüfte just in diesem Moment ein ungeheuerliches Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Oberkörper wie unter einer schweren Last nach vorne sinken, und ich musste zusehen, dass sie nicht kopfüber vom Bettrand fiel und mich mitzog. „Die habbe e Bub aus mir gemacht, aber isch war doch gar ke Bub.“ Ihr Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, und meine Tante begann so bitterlich zu weinen, wie ich sie nur ein einziges Mal weinen gesehen hatte, viele Jahre zuvor. „Die ganz Stadt hat über misch gelacht, die ganz Stadt.“ Ihren Vater erwähnte sie merkwürdigerweise nicht. Er kam in ihrer Erzählung gar nicht vor. Er wurde von einer unspezifischen Macht vertreten, die sie als „die Leut“ oder „die Obere“ bezeichnete. Man hätte meinen können, im Sommer 1925 habe ein geheimes Gericht beschlossen, diese Martina für ihre Weigerung, ein Martin zu sein, anzuklagen und ordentlich büßen zu lassen. Denn unermüdlich beteuerte sie, nicht schuld daran zu sein, dass sie als Mädchen geboren worden war.

 

„Sieschte, da habbe wir doch was gemeinsam“, sagte meine Tante oft. Wir hätten eben beide, sollte das heißen, Anlass zur Enttäuschung geboten. „Isch war falsch, und du warscht hässlisch.“ Gern hörte ich das nicht, aber es stimmte wohl. Ich kam mit blau angelaufenem Gesicht auf die Welt, die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Die Wirkung des zombiehaften Anblicks soll durch die Töne, die ich von mir gab, noch gesteigert worden sein. Sie waren, so beteuerte meine Mutter, furchterregend. Nicht das hohe, herzergreifende Neugeborenenkrähen, wie es ringsum im Kreißsaal zu hören war und wie ich es bei der Geburt meiner Tochter selbst hörte, sondern ein tiefes Brummen. Ich hatte immer Zweifel, ob das physiologisch überhaupt möglich, der Kehlkopf eines vier Kilogramm wiegenden Menschleins in der Lage ist, das Gegrunze eines Urmenschen zu erzeugen, der aus seiner Höhle kommt. Ungefähr so soll es sich nämlich angehört haben.

 

Ich widersprach meiner Tante nicht, obwohl ich insgeheim ihren Fall für schwerwiegender hielt als meinen. Aber ich merkte, wie gut es ihr tat, sich mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft zu wähnen. Sie war folglich nicht die Einzige in der Familie, die man sich beim Austritt aus dem Geburtskanal anders gewünscht hätte, eine Gemeinsamkeit, die durch ihre Patenschaft noch besiegelt wurde. Denn Martl war meine Patentante. Sie hielt mich in der Barockkirche der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach, in der ich geboren wurde und aufwuchs, übers Taufbecken. Sie kam zu meiner Einschulung, befüllte meine Schultüte mit Süßigkeiten, die zu kaufen sie Überwindung gekostet hatte. Sie schenkte mir mein erstes Fahrrad, es war rot und hatte eine luxuriöse Dreigangschaltung, und zur Kommunion eine wertvolle Armbanduhr. „Jetzt lass doch das Kind“, sagte sie beschwichtigend, sobald sich meine Mutter wieder einmal über meine Lautstärke beschwerte. Ihrer Meinung nach hatte sich das Säuglingsbrummen nämlich zu einem unvorteilhaften Wesenszug entwickelt, dem Lautsein. Ich redete, lachte, sang zu laut. In den Ohren meiner Mutter lief ich sogar zu laut. Wenn ich Geschirr spülte, wurde ich angefleht, keinen Polterabend zu veranstalten. Wenn ich eine Tür öffnete, fuhr meine Mutter mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zusammen, als hätte ich sie bereits zugeknallt. Sie schätzte leise Menschen. Martl, mein Vater und ich zählten nicht dazu. Wir bildeten in der Familie die Fraktion der Lärmenden, von der sich die Fraktion der Leisen wohltuend abhob. Ihr gehörten meine Mutter, ihre ältere Schwester, deren Mann und mein Bruder an.

Mit Biografien Geschichte erleben

„„Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.“ Diesen Satz, der das Selbstgefühl vieler Zeitgenossen unmittelbar einfangen dürfte, schrieb Simone de Beauvoir vor siebzig Jahren in „Das andere Geschlecht“, ein Werk, das heute als das wichtigste der französischen Philosophin gilt. Dass Simone de Beauvoir immer weiter an Relevanz gewonnen hat, liegt nicht allein an ihren Büchern. Zeitlebens stand sie für eine äußerst moderne Auffassung von weiblicher Selbstbestimmtheit. Umso erstaunlicher, dass es keine aktuelle große Biografie über sie gab – bis jetzt. KATE KIRKPATRICK gelingt es, Leben und Werk Simone de Beauvoirs fesselnd miteinander in Beziehung zu setzen.“

Felicitas von Lovenberg; Verlegerin

 

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Simone de BeauvoirSimone de Beauvoir
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Ein modernes Leben

Simone de Beauvoir war eine der einflussreichsten Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihr Buch „Das andere Geschlecht“ hat die Art und Weise, wie wir über Geschlechtergrenzen denken, für immer verändert. Dennoch wurde ihr Leben weitgehend falsch dargestellt und zutiefst missverstanden. Kate Kirkpatrick greift auf bisher unveröffentlichte Tagebücher und Briefe zurück, und gibt einen spannenden Einblick in Beauvoirs Beziehungen, ihre Philosophie der Freiheit und der Liebe und ihr Ringen darum, sie selbst werden zu dürfen.
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Das neue Buch von Charlotte Roche

„„Paardiologie“ ist einer der meistgehörten Podcasts und wer Charlotte Roche und ihrem Mann Martin Kess-Roche bei ihren immer ehrlichen, immer respekt- und liebevoll geführten Gesprächen zuhört, wünscht sich oft, das Gesagte später vertiefen zu können. Darum kommt jetzt „Paardiologie – Das Beziehungsbuch“, in dem die wichtigen Partnerschaftsthemen des Podcasts dargestellt und von Doktor Amalfi paartherapeutisch eingeordnet werden.“
Felicitas von Lovenberg

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PaardiologiePaardiologie
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Das Beziehungs-Buch

Wie schafft man es, glücklich eine lange Beziehung zu führen? Charlotte Roche und Martin Keß-Roche sagen: Indem man redet. Wie das geht, zeigen sie in ihrem Podcast – und jetzt auch in diesem Buch. Es geht um die zentralen Themen, die jedes Paar umtreiben: Liebe nach der Verliebtheit, Sex, Eifersucht, Geld, Zuhören, Kinderkriegen und -haben, Erziehung, Lust, Fremdgehen. Die unbedingte Ehrlichkeit der Roches führt einen bald zu der entlastenden Erkenntnis: (Fast) alle Paare haben die gleichen Probleme. Und man kann sie lösen. Für ihr Buch haben die beiden die Themen des Podcasts geordnet und neu aufbereitet, die Paartherapeutin „Dr. Amalfi“ gibt weitergehende Informationen.
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Ein Literaturtipp für alle

„Wir alle wissen es: Literatur erreicht Stellen, wo der Fernseher niemals hinkommt. Aber nach wie vor entgeht vielen Menschen diese Erfahrung. Ihnen fällt der Zugang zur Welt der Bücher schwer, weil sie befürchten, es ginge dort kompliziert, verrätselt und elitär zu. Darum hat Hauke Hückstädt das Projekt „Literatur in einfacher Sprache“, kurz „LiES“, ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Autoren wie Arno Geiger, Olga Grjasnowa, Judith Hermann, Kristof Magnusson und Julia Schoch, die dafür Geschichten in einfacher Sprache geschrie - ben haben, hat er bei zahlreichen Veranstaltungen erlebt, wie stark die Texte wirken – und ein neues Publikum fürs Lesen begeistern. Darum gibt es jetzt das Buch zu „Literatur in Einfacher Sprache“, als Einladung an alle, die Geschichten mögen“
Felicitas von Lovenberg

LiES. Das BuchLiES. Das Buch
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Literatur in Einfacher Sprache. Geschichten von Alissa Walser, Anna Kim, Arno Geiger, Henning Ahrens, Jens Mühling, Judith Hermann, Julia Schoch, Kristof Magnusson, Maruan Paschen, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa und Ulrike Almut Sandig

Ein wichtiger Vorstoß: Das erste Buch mit literarischen Geschichten in Einfacher SpracheGar nicht so leicht, es einfach zu machen. Literatur muss nicht kompliziert, verrätselt oder wortgewaltig sein, um ihre Wirkung zu entfalten. Wie man sich in der Wahl der Mittel beschränken und doch überraschend vielseitig, vielschichtig und abwechslungsreich sein kann, zeigen diese fünfzehn Geschichten. Entstanden unter dem Eindruck, dass die zeitgenössische Literatur mittlerweile große Kreise kaum noch erreicht, hat Hauke Hückstädt ausgezeichnete Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, einfach zu schreiben und vorzulesen. Als Summe erfolgreicher Veranstaltungen präsentiert er diese Geschichtensammlung, die sich allen und für alles öffnet. Ein abenteuerliches Leseerlebnis!
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Thriller Lesetipp

„Niklas Natt och Dag schafft es meisterhaft, den Kriminalfall, die Schicksale der Figuren und die Atmosphäre zu einem so packenden Ganzen zu verweben, dass man das Gefühl hat, sich selbst im Jahr 1793 zu befinden. Überall herrschen Armut und Paranoia, Gewalt und Krankheit bestimmen das Leben der einfachen Leute. Fast kann man die schrecklichen Zustände unmittelbar vor sich sehen.

Die atmosphärisch dichten Beschreibungen Stockholms zu dieser Zeit gehen unter die Haut, und die Einzelschicksale erschüttern bis ins Mark. Ja, stellenweise tun die Schilderungen sogar weh. ‚1793‛ greift ein Setting auf, das es auf dem Buchmarkt so noch nicht gibt: Stockholm im 18. Jahrhundert. Wir lernen die Stadt ‚von unten‛ kennen, bekommen beispielsweise Einsicht in das Gefängnisleben, in die Gosse, in Bordelle und Spelunken. Spannungsleser sind immer wieder auf der Suche nach neuen Schauplätzen – und bei diesem Roman kommen sie definitiv auf ihre Kosten.“

Isabell Spanier, Lektorat Unterhaltung

 

Blick ins Buch
179317931793

Roman

„Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ Arne Dahl Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für „besondere Verbrechen“ zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden„Stellen Sie sich ›The Alienist – Die Einkreisung‹ im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. ›1793‹ ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!“ A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von „The Woman in the Window“)

Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.

1.
„Häscher Mickel! Wachen Sie auf!“
Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.
Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter – da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.
„Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!“
Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.
Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.
Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst – und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.
Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.
„Was zur Hölle ist hier los?“
Das Mädchen – das ältere der beiden Kinder – antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.
„Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.“
In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.
„Und was hab ich damit zu tun?“
„Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.“
In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.

Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.
„Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.“
Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind – das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.
„Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!“
„Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!“
Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.
„Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.“
Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.
„Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.“
Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.
Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.
Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.
Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt – drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.
Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.
Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.
Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.
„Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!“
Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.

Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.
Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.
Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren – seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.

Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.
„Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?“
„Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund – Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.“
Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.
„Da.“
Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.
„Pfui Teufel!“
„Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.“
Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.

2.
Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.
Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.
Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.
Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.
Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar – jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.
Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.

Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.
Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.
Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.
„Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.“
Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.
„Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen – und sie Ihnen –, in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.“
Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.
„Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen – kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.“
„Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.“
Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.
„Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten – es ist anders gekommen.“
Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
„Es hätte funktionieren müssen.“
Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.
„Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau – beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.“
Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.
„War sie allein?“
Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.
Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.
Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.
„Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.“
Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.
„Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?“
Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.

Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.
Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt – jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen – einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.

Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius’ Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.
„Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.“
Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.
„Also?“
„Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?“
„Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.“
Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.
„Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.“
„Ach ja?“
Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.
„Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.“
Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.
„Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.“
Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.“
Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.
„Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.“
Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.
„Kauf Brot davon“, ruft Winge ihm nach, „und keinen Branntwein!“
Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: „Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!“
Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.

Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.
„Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.“
Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.
„Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.“
Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.
„Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings … Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.“
„Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.“
Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.
„Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“
Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.
„Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil … aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?“
Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen – vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.
„Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.“

3.
So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.
Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.
„Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.“
„Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.“
Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.
Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.
Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.
„Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.“
Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.
„Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?“
Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.
„Wenn es nur so wäre … Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.“
„Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.“
Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.
„Mein Name ist Cecil Winge.“
Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.
Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen – Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.
Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.
Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.
„Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?“
„Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?“
Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.
„Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm … Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.“
Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.
„Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.“

In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.
„Herr Winge?“
„Ja.“
„Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.“
„Weisen Sie uns den Weg.“
„Einen Augenblick bitte.“
Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.
„Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.“
Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.
Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.
„Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.“
Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.
„Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen … Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre … ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.“
Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.
„Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.“
Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.
„Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?“
Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.
„Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?“
Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.
„Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.“
Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.
„Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?“
Schwalbe runzelt die Stirn.
Winge dreht sich zu Cardell um.
„Wie wäre es mit Karl?“
Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.
„Ja. Karl. Karl Johan.“
Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.
„Hervorragend. Und damit gute Nacht – selbst wider besseres Wissen –, Herr Winge und Herr …?“
„Cardell.“
Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: „Und Herr Karl Johan.“

Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt – oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.
„Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.“
Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.
„Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.
„Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.“
Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.
„Das tut mir leid.“
Cardell schnaubt vernehmlich.
„Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.“
„Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?“ Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: „Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?“
Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.
„Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.“
Winge nickt.
„Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.“
Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.
Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.
Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.
„Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?“
Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.
„Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken – das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus … Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.“
„Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?“
„Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass … Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.“
Winge nickt nachdenklich.
„Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?“
Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.
„Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.“
Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.
„Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?“
„Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.“
„Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade … Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.“
Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.
„Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?“
„Reichen Sie mir das Licht.“
Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.
„Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein … vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.“
„Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne … und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.“
Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf.
Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.
„Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.“
Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.“
Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.
„Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.“
Winge geht auf die Tirade nicht ein.
„Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.“
Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.
„Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen – wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.“
Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.
„Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert – Sie werden allein damit umgehen müssen.“
Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.
Trotzdem hat er sich entschieden.
„Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.“

Jon Krakauer „Classic Krakauer”

Jon Krakauer wurde in den 1990er-Jahren mit „In eisige Höhen” und „In die Wildnis” zum Bestsellerautor. Seine Karriere begann allerdings schon früher – als freiberuflicher Autor für die Zeitschriften OUTSIDE, ROLLING STONE, SMITHSONIAN und eine, wie er es nennt, illustre Mischung weniger bekannter Publikationen.  „Classic Krakauer“ vereint sieben, bis jetzt noch nie auf Deutsch erschienene Reportagen aus den Jahren zwischen „Auf den Gipfeln der Welt“ und „In eisige Höhen” sowie zwei weitere Essays jüngeren Datums.

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Unsere Buchtipps für Sie

Aktuelle und persönliche Buchempfehlungen von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag
 

„Heinrich Steinfests fünfter und letzter Fall seines österreichischen Detektivs mit chinesischen Wurzeln läuft in der Geschwindigkeit von Blockbustern a lá James Bond oder Mission Impossible ab. Von Wien über London nach Edinburgh, nach Frankfurt und tief hinein in die kargen Weiten Islands. Häuser werden in die Luft gesprengt und der die Ermittlungen auslösende Mordfall bleibt nicht das einzige Ereignis, das Tote fordert.

Doch bei all den rauschenden Kulissenwechseln und teils grotesken Wendungen ist es vor allem das sprachliche Raffinement, das diesem Text seinen Zunder verleiht. Scheinbar ganz Belangloses wird mit einer sprachlichen Tiefe aufgeladen, die mühelos den ein oder anderen (augenzwinkernden) Exkurs in sich verstaut. So nimmt der Text sogar sein Medium selbst in Visier, als er ein skurriles Kochbuch über außerirdische Pilzsorten zum Ermittlungserfolge bringenden Beweismittel erhebt.

Vor allem dank dieser wundersamen Übererfüllung des Genreschemas kann ich „Der schlaflose Cheng” frohen Mutes empfehlen. Eine wirklich faszinierende Lektüre.”

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"Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut. Den restlichen Text musste ich in einem Zug lesen. Förmlich inhalieren. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Diese Millimeterentscheidungen, die in unserem Körper andauernd getroffen werden. Die alles wie ein Wunder erscheinen lassen undgleichzeitig so ungerecht sein können. 
Rainer Jund zeigt uns die unendlichen Facetten, die diese ganzen Patientengeschichten, die uns alle, ausmachen. Und die uns am Ende des Tages nicht nur zu Patienten machen, sondern zu Menschen. Letztlich schafft es jeder auf seine Weise und lässt einen entscheidenden Teil bei uns zurück. Die Lektüre von „Tage in Weiß“ hat mich tief bewegt. Es lässt einen nichts vergessen und trotzdem so viel hoffen."

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„Die Geschichte zweier Freundinnen, deren Leben nicht enger verwoben sein könnten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich Strömungen, die sie auseinanderzureißen drohen.“

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Isabell; Lektorat:

Janina Lorenz „Der kleine Ort zum Glücklichsein“

„In den kleinen Ort Herzbach muss man sich einfach verlieben! Ich war sofort begeistert von dem charmanten Dorf und seinen liebenswerten Bewohnern. Wäre es kein fiktiver Ort, würde ich umgehend meine Koffer packen und dorthin fahren!“ 

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Anja, Lektorat Sachbuch:

Philip Norman „Paul McCartney“

 

„Von Liverpool in die Welt - Paul McCartneys beispiellose Karriere umfasst ein halbes Jahrhundert Popgeschichte. Beatles-Experte Philip Norman hat seine Geschichte aufgeschrieben - für alle Fans und solche, die es werden wollen.“

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Buchblog
15. März 2018
Buchtipps Romane
Lesen Sie persönliche Buchtipps zu unseren aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.
News
28. März 2018
Jacqueline Woodson erhält den Astrid Lindgren Memorial Award 2018
Der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotierte Preis (ca. 500.000 Euro) gilt als international wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchblog
21. März 2018
Debütromane entdecken
Thekla Chabbi, Co-Autorin von Martin Walsers „Ein sterbender Mann“ legt mit „Ein Geständnis“ ein beeindruckendes Debüt vor.

Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

 

Sie haben gerade einen tollen Roman ausgelesen und brauchen schnell Nachschub? Oder Sie suchen ein wirklich gutes Buch zum Verschenken? Lassen Sie sich von unseren Buchempfehlungen für jeden Geschmack und jedes Interesse inspirieren.  Unsere „Experten“ sind allesamt Menschen, die ihr Hobby Lesen zum Beruf gemacht haben, eine fundierte Bücherkenntnis besitzen und in jedem Genre zuhause sind.
 

Sie finden hier beispielsweise Rezensionen für

  • Romane,
  • Sachbücher oder auch
  • Thriller 

sowie Buchempfehlungen für 2018.

Freuen Sie sich auf spannende Neu-Entdeckungen und Bestseller, die wir eigens für Sie auswählen. So geht Ihnen der Lesestoff niemals aus! 

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