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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Mittwoch, 04. April 2018 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Herbst

»Freuen Sie sich mit uns auf großartige Entdeckungen in unserem neuen Programm für den Herbst 2018.« Felicitas von Lovenberg 

Ayobami Adebayo »Bleib bei mir«

»Was tut eine Frau, für deren Mann ihre Kinderlosigkeit das Aus ihrer Ehe bedeutet? In Nigeria muss sie aushalten, dass ihre Schwiegermutter ihrem Mann eine zweite Frau aufdrängt. Dabei wollten Yejide und Akin eine bedingungslose Ehe zu zweit. Nun aber muss die junge Frau entscheiden, welches Opfer sie für ihre Familie zu bringen bereit ist. Margaret Atwood ist beeindruckt von Ayobami Adebayos Roman, und wir sind es ebenfalls.« Felicitas von Lovenberg 

Blick ins Buch
Bleib bei mirBleib bei mir

Roman

Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete – vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann. Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden – aber um welchen Preis? Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen?
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1

Jos, Dezember 2008

Heute muss ich weg aus dieser Stadt und zu dir kommen. Meine Taschen sind gepackt, und die leeren Zimmer hinter mir erinnern daran, dass ich schon vor einer Woche hätte abreisen sollen. Mein Fahrer Musa hat seit letztem Freitag jede Nacht draußen beim Wachmann geschlafen und gewartet, dass ich ihn in den frühen Morgenstunden wecke, damit wir aufbrechen wie geplant. Aber meine Taschen stehen noch immer im Wohnzimmer und stauben ein.

Die meisten der hier angeschafften Sachen – Möbel, Elektrogeräte und auch Armaturen – habe ich dem Mädchen geschenkt, das bei mir im Friseursalon gearbeitet hat. Seit einer Woche habe ich mich jetzt also jede Nacht schlaflos im Bett gewälzt, ohne dass ich mir mit Fernsehen die Zeit hätte vertreiben können.

In Ife erwartet mich ein Haus gleich gegenüber der Universität, da, wo du und ich uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich sehe es vor mir, das Haus, diesem hier gar nicht unähnlich, die vielen Zimmer für eine große Familie: Mann und Frau und viele Kinder. Eigentlich hatte ich an dem Tag, nachdem die Haartrockner abgenommen worden waren, abreisen wollen. Ich hatte vor, mir eine Woche Zeit zu nehmen, um den neuen Salon und das Haus einzurichten. Ich wollte mein neues Leben an seinem Platz wissen, bevor ich dich wiedersehen würde.

Es ist nicht so, dass ich diesem Ort sehr verbunden wäre. Sie werden mir nicht fehlen, die wenigen Freundinnen, die ich hier gefunden habe; die Leute, die die Frau, die ich damals war, nicht kennen; die Männer, die im Laufe der Jahre geglaubt haben, in mich verliebt zu sein. Wahrscheinlich werde ich mich schon bald nicht einmal mehr an den Namen des einen erinnern, der mich gefragt hat, ob ich seine Frau werden will. Keiner hier weiß, dass ich noch immer mit dir verheiratet bin. Ich habe ihnen nur einen Teil der Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.

Ich wollte weg, seit man die drei Teilnehmer des National Youth Service Programme umgebracht hat. Meine Entscheidung, den Salon und das Schmuckgeschäft zu schließen, stand fest, bevor ich überhaupt wusste, was ich als nächstes tun würde, und bevor die Einladung zur Beerdigung deines Vaters kam und mir die Richtung wies. Ich habe mir die Namen der drei jungen Männer gemerkt, und ich weiß, was jeder von ihnen studiert hat. Meine Olamide wäre jetzt ungefähr in ihrem Alter; auch sie hätte ungefähr jetzt ihren Universitätsabschluss gemacht. Wenn ich etwas über die drei lese, denke ich an sie.

Ich frage mich oft, ob auch du an sie denkst, Akin.

Auch wenn der Schlaf mich nicht holt, schließe ich jede Nacht die Augen, und Bruchstücke des Lebens, das ich hinter mir gelassen habe, kehren zu mir zurück. Dann sehe ich die gebatikten Kissenbezüge in unserem Schlafzimmer, sehe unsere Nachbarn und deine Familie, die ich eine Zeit lang auch für meine Familie gehalten habe. Sehe dich. Heute Abend sehe ich die Nachttischlampe vor mir, die du mir wenige Wochen nach unserer Hochzeit geschenkt hast. Ich konnte nicht schlafen im Dunkeln, und wenn wir das große Licht anließen, bekamst du Albträume. Für dich war die Lampe die Lösung. Du hast sie gekauft, ohne mir zu sagen, dass du einen Kompromiss gefunden hattest, ohne mich zu fragen, ob ich eine Lampe wollte. Und als ich über den bronzenen Lampenfuß strich und das bunte Glas bestaunte, das das Licht dämpfte, wolltest du wissen, was ich bei einem Brand aus der Wohnung retten würde. Ich dachte nicht lange nach, bevor ich unser Baby sagte, obwohl wir noch keine Kinder hatten. Was, sagtest du, nicht wen. Aber du schienst ein bisschen gekränkt, dass ich bei wen nicht überlegt hatte, dich zu retten.

Ich quäle mich aus dem Bett, lege das Nachthemd ab und ziehe mich an. Ich werde keine Zeit mehr verschwenden. Die Fragen, die du beantworten musst, die Fragen, an denen ich schon seit über einem Jahrzehnt zu ersticken drohe, treiben mich an, als ich mir die Handtasche schnappe und ins Wohnzimmer gehe.

Siebzehn Taschen stehen da, bereit, in den Wagen geladen zu werden. Ich starre auf die Taschen, weiß, was jede enthält. Wenn dieses Haus brennen würde, was würde ich mitnehmen? Ich muss überlegen, denn zuerst denke ich nichts. Ich entscheide mich für die kleine Reisetasche, die ich für die Beerdigung gepackt habe, und für das Ledersäckchen mit dem Goldschmuck. Die anderen Taschen kann Musa mir später nachbringen.

Das war’s dann also – fünfzehn Jahre, und obwohl mein Haus nicht brennt, nehme ich nur ein Säckchen Gold und wenige Wechselsachen mit. Alles, was zählt, trage ich bei mir, eingeschlossen in meine Brust wie in ein Grab, aufbewahrt in einer Schatztruhe.

Ich trete nach draußen. Die Luft ist eiskalt, und die untergehende Sonne färbt den schwarzen Himmel lila am Horizont. Musa lehnt am Wagen und reinigt sich mit einem Stöckchen die Zähne. Als ich näher komme, spuckt er in einen Becher und steckt sich das Kauholz in die Brusttasche. Er öffnet die Wagentür, wir begrüßen uns, und ich klettere auf die Rückbank.

Musa schaltet das Radio ein und sucht nach einem Sender. Die Wahl fällt auf einen, der den Tag mit der Nationalhymne beginnt. Der Pförtner winkt, als wir vom Gelände fahren. Vor uns liegt die Straße, eingehüllt in ein Dunkel, das in Dämmerlicht übergeht auf meinem Weg zu dir.

 

2

Ilesa, ab 1985

Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren. Ich konnte sie durch das Türglas sehen. Konnte sie hören. Sie schienen nicht zu merken, dass ich mich seit über einer Minute auf der anderen Seite der Tür befand. Ich hätte sie gern draußen stehen lassen, um wieder nach oben zu gehen und weiterzuschlafen. Vielleicht würden sie zu braunen Pfützen zerschmelzen, wenn sie nur lange genug in der Sonne standen. Iya Marthas Hintern war so riesig, dass er die kleine Treppe, die zu unserer Haustür führt, in geschmolzenem Zustand unter sich begraben hätte.

Iya Martha war eine meiner vier Mütter; sie war die älteste Frau meines Vaters gewesen. Der Mann bei ihr war Baba Lola, ein Onkel von Akin. Beide stemmten sich gekrümmt gegen die Sonne, kniffen entschlossen die Augen zusammen und sahen finster drein. Als ich aber die Tür öffnete, verstummte ihr Gespräch und sie lächelten mich an. Ich ahnte schon, welche Wörter den Frauen als Erste über die Lippen kommen würden. Ich wusste, dass sie voller Überschwang eine Nähe demonstrieren würden, die nie zwischen uns bestanden hatte.

»Yejide, geliebte Tochter!« Iya Martha grinste mich an, als sie mein Gesicht zwischen die feuchten, fleischigen Hände nahm.

Ich grinste zurück und kniete mich hin, um sie zu begrüßen. »Willkommen, willkommen. Gott muss heute beim Aufwachen wohl an mich gedacht haben-o. Darum seid ihr alle da«, sagte ich und ging noch einmal leicht in die Knie, nachdem sie das Wohnzimmer betreten und Platz genommen hatten.

Sie lachten.

»Wo ist dein Mann? Ist er da?«, fragte Baba Lola und schaute sich im Zimmer um, als hielte ich Akin unter einem Stuhl versteckt.

»Ja, Sir, er ist oben. Ich gehe und hole ihn, sobald ich Ihnen etwas zu trinken gebracht habe. Was darf ich Ihnen zu essen machen? Frisch gestampften Yam?«

Der Mann sah meine Stiefmutter an, als hätte er diesen Teil des Drehbuchs für das Stück, das sie gleich aufführen würden, während der Proben nicht gelesen.

Iya Martha schüttelte den Kopf. »Wir können nichts essen. Hol deinen Mann. Wir haben Wichtiges mit euch zu besprechen.«

Ich lächelte, verließ das Wohnzimmer und ging zur Treppe. Ich glaubte zu wissen, was das »Wichtige« war, das sie mit uns besprechen wollten. In letzter Zeit hatte eine ganze Reihe angeheirateter Verwandter unser Haus betreten, um das immer gleiche Thema mit uns zu besprechen. Diese Gespräche sahen so aus, dass sie redeten, während ich vor ihnen kniete und zuhörte. Akin tat jedes Mal, als würde er ihnen zuhören und sich Notizen machen, während er in Wahrheit seine To-do-Liste für den nächsten Tag schrieb. Keiner dieser Abgesandten konnte lesen oder schreiben, und sie bewunderten jeden, der es konnte. Es beeindruckte sie, dass Akin notierte, was sie sagten. Und manchmal, wenn er die Mitschrift unterbrach, beschwerte sich die Person, die gerade redete, dass Akin sich ihm oder ihr gegenüber respektlos verhielt, so gar nichts aufzuschreiben. Mein Mann plante während dieser Besuche oft die gesamte Woche, ich aber bekam schreckliche Krämpfe in den Beinen.

Die Besuche ärgerten Akin, und er hätte seinen Verwandten gern gesagt, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, was ich aber nicht zuließ. Die endlosen Gespräche bescherten mir zwar Krämpfe in den Beinen, gaben mir aber immerhin das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Bis zu diesem Nachmittag war seit meiner Hochzeit noch keiner aus meiner Familie zu so einem Besuch vorbeigekommen.

Als ich die Treppen nach oben stieg, wusste ich, dass Iya Marthas Anwesenheit bedeutete, dass eine neue Stufe erreicht war. Ich brauchte ihren Rat nicht. Es ging uns gut ohne die Dinge, die sie uns zu sagen hatten. Ich wollte Baba Lolas brüchige und zwischen heftigen Hustenanfällen hervorgepresste Stimme nicht hören und auch keinen weiteren Blick auf Iya Marthas Zähne werfen müssen.

Ich glaubte, dass ich das alles ohnehin schon gehört hatte, und war mir sicher, mein Mann würde es genauso sehen. Es überraschte mich, Akin wach anzutreffen. Er arbeitete an sechs Tagen der Woche und verschlief die Sonntage meist. Als ich aber hereinkam, ging er im Zimmer auf und ab.

»Wusstest du, dass sie heute kommen würden?« Ich suchte nach der vertrauten Mischung aus Abscheu und Wut, die sonst immer auf seinem Gesicht lag, wenn uns einer dieser Sondertrupps besuchte.

»Sind sie da?« Er blieb stehen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Keine Abscheu, keine Wut. Mit einem Mal wurde es stickig im Zimmer.

»Du wusstest, dass sie kommen würden? Und hast mir nichts gesagt?«

»Lass uns einfach nach unten gehen«, sagte er und verließ den Raum.

»Akin, was passiert hier? Was geht hier vor sich?«, rief ich ihm nach.

Ich setzte mich aufs Bett, stützte den Kopf in die Hände und versuchte zu atmen. So saß ich da, bis Akin nach mir rief. Da ging ich nach unten zu ihm ins Wohnzimmer. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen, kein großes, bei dem man die Zähne sah, sondern ein kleines, bei dem es die Mundwinkel leicht nach oben zog. Ein Lächeln, das sagte: Auch wenn ihr alten Leute nichts, aber auch gar nichts über meine Ehe wisst, bin ich bereit, wenn auch nicht begeistert, mir anzuhören, was ihr mir Wichtiges zu sagen habt. Ich bin schließlich eine gute Ehefrau.

Ich bemerkte sie nicht gleich, obwohl sie auf der Kante von Iya Marthas Sessel saß. Sie war schön, hellgelb wie das Innere einer noch unreifen Mango. Sie hatte sich die schmalen Lippen blutrot geschminkt.

Ich drückte mich an meinen Mann. Sein Körper war steif, und er nahm mich weder in den Arm, noch zog er mich an sich. Ich versuchte herauszufinden, wo die gelbe Frau plötzlich hergekommen war, und fragte mich kurz völlig wirr, ob Iya Martha sie beim Eintreten unter ihrem Wrapper versteckt gehalten hatte.

»Frau, unser Volk sagt, wenn ein Mann etwas besitzt und daraus zwei werden, wird er nicht wütend, richtig?«, sagte Baba Lola.

Ich nickte und lächelte.

»Nun, Frau, das ist die neue Ehefrau. Ein Kind ruft das andere in die Welt. Wer weiß, vielleicht hilft dir diese Frau, dass Gott deine Gebete erhört. Wenn sie erst einmal schwanger ist und ein Kind bekommt, wirst auch du eins bekommen, da sind wir sicher«, sagte Baba Lola.

Iya Martha nickte. »Yejide, mein Kind, wir haben lange nachgedacht und viele Nächte darüber geschlafen, die Familie deines Mannes und ich. Und auch deine anderen Mütter.«

Ich schloss die Augen. Gleich würde ich aus diesem Albtraum erwachen. Als ich die Augen öffnete, war die mangogelbe Frau noch immer da, verschwommen zwar, aber da. Ich war wie betäubt.

Ich hatte erwartet, dass sie über meine Kinderlosigkeit sprechen würden. Hatte mich mit millionenfachem Lächeln gewappnet: dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert. Ich hatte jedes Lächeln parat und war bereit, mir anzuhören, dass ich etwas tun müsse. Ich erwartete, dass man mir von einem weiteren Pfarrer erzählen würde, den ich um Rat fragen solle; von einem weiteren Berg oder einer weiteren Stadt, die ich aufsuchen könne. Ich war gewappnet mit Mund, Augen und Nase: mit jedem dieser Lächeln, dem Tränenschleier und dem Schniefen. Ich war darauf vorbereitet, meinen Salon in der kommenden Woche zu schließen und mich mit meiner Schwiegermutter im Schlepptau auf die Suche nach einem Wunder zu machen. Was ich nicht erwartet hatte, war eine andere Frau, die lächelnd vor mir saß, eine gelbe Frau mit blutroten Lippen, die grinste wie eine frischgebackene Braut.

Wäre doch meine Schwiegermutter da. Sie war die einzige Frau, die ich je Moomi genannt hatte. Ich besuchte sie häufiger als ihr eigener Sohn. Sie hatte zugesehen, wie meine frisch gelegte Dauerwelle in der Strömung eines Flusses von einem Priester ruiniert wurde, der davon überzeugt war, dass mich meine Mutter verflucht haben musste, bevor sie kurz nach meiner Geburt starb. Moomi war bei mir, als ich drei Tage lang auf einer Gebetsmatte saß und, ohne ein Wort zu verstehen, den immer selben Spruch aufsagte, bis ich am dritten Tag umkippte und abbrach, was als siebentägiges Wachfasten angedacht war.

Während ich mich in einem Krankensaal des Wesley Guild Hospital erholte, hielt sie meine Hand und sagte, ich solle für Kraft beten. Das Leben einer guten Mutter sei hart; eine Frau könne eine schlechte Ehefrau sein, nicht aber eine schlechte Mutter. Moomi sagte, ehe ich Gott um ein Kind bitten könne, müsse ich ihn erst bitten, dass er mir die Fähigkeit schenkt, Leid zu ertragen. Sie sagte, ich sei noch nicht bereit, Mutter zu werden, wenn ich nach einem dreitägigen Fasten in Ohnmacht fiele.

Mir wurde klar, dass sie am dritten Tag wahrscheinlich nicht in Ohnmacht gefallen war, weil sie diese Art des Fastens schon oft auf sich genommen hatte, um Gott im Namen ihrer Kinder zu besänftigen. Die Furchen um Moomis Augen und Mund bekamen plötzlich etwas Unheimliches und schienen auf mehr hinzuweisen als bloß ihr hohes Alter. Ich war zerrissen. Ich wollte sein, was ich nie gehabt hatte. Ich wollte Mutter sein und wollte, dass meine Augen vor kleinen Freuden und Weisheit leuchteten wie Moomis. Doch ihr vieles Gerede über Leid machte mir Angst.

»Sie ist nicht annähernd dein Alter«, sagte Iya Martha und beugte sich vor. »Denn sie schätzen dich, Yejide, die Familie deines Mannes weiß um deinen Wert. Sie erkennen an, dass du deinem Mann eine gute Ehefrau bist.«

Baba Lola räusperte sich. »Yejide, ich möchte dich preisen. Ich möchte dir danken, dass du all diese Mühen auf dich nimmst, damit unser Sohn ein Kind hinterlässt, wenn er stirbt. Darum wissen wir auch, dass du seine neue Frau nicht als Rivalin betrachten wirst. Sie heißt Funmilayo, und wir wissen und vertrauen darauf, dass du sie annimmst wie eine jüngere Schwester.«

»Eine Freundin«, sagte Iya Martha.

»Eine Tochter«, sagte Baba Lola.

Iya Martha stieß Funmi in die Seite. »Oya, los, begrüße deine iyale.«

Ich zuckte zusammen, als Iya Martha mich als iyale bezeichnete. Das Wort dröhnte in meinem Ohr: iyale – erste Frau. Es war ein Urteilsspruch, der besagte, dass ich nicht Frau genug war für meinen Mann.

Funmi setzte sich neben mich aufs Sofa.

Baba Lola schüttelte den Kopf. »Funmi, knie dich hin. Der Zug, der sich vor zwanzig Jahren in Gang gesetzt hat, wird das Land immer vor dir erreichen. Yejide ist dir in diesem Haus in allem voraus.«

Funmi kniete sich hin, legte mir die Hände auf die Knie und lächelte. Es juckte mich in den Fingern, ihr das Lächeln aus dem Gesicht zu schlagen.

Ich schaute zu Akin und hoffte irgendwie, dass er nicht Teil dieses Hinterhalts war. Still flehend hielt er meinen Blick. Mein ohnehin gequältes Lächeln erstarb. Zorn legte sich mit siedend heißen Händen um mein Herz. Es pochte in meinem Kopf, direkt zwischen den Augen.

»Du wusstest davon, Akin?« Ich sprach Englisch und schloss die beiden Ältesten aus, die nur Yoruba sprachen.

Akin sagte nichts; er kratzte sich mit dem Zeigefinger am Nasenrücken.

Ich suchte den Raum nach etwas ab, das ich fixieren konnte. Die weißen Tüllgardinen mit der blauen Borte, das graue Sofa, den dazu passenden Teppich mit dem Kaffeefleck, den ich seit über einem Jahr herauszukriegen versuchte. Der Fleck war nicht in der Mitte, darum konnte man ihn nicht mit dem Tisch verdecken, und er war nicht am Rand, darum konnte man ihn nicht unter den Sesseln verbergen. Funmi trug ein beiges Kleid, ganz die Farbe des Kaffeeflecks, ganz der Ton meiner Bluse. Sie umfasste meine nackten Beine direkt unterhalb der Knie. Ich schaffte es nicht, den Blick über ihre Hände und die langen wogenden Ärmel ihres Kleides hinwegzuheben. Ich konnte ihr nicht ins Gesicht sehen.

»Yejide, zieh sie an dich.«

Ich war nicht sicher, von wem das kam. Mein Kopf fühlte sich heiß an, heizte sich auf, war kurz vor dem Siedepunkt. Jeder hätte diese Worte gesagt haben können – Iya Martha, Baba Lola, Gott. Es war mir egal.

Ich wandte mich wieder an meinen Mann. »Akin, hast du davon gewusst? Hast du davon gewusst und mir nichts gesagt? Ob du es gewusst hast, will ich wissen. Du verdammter Dreckskerl. Nach allem, was war. Du elender Mistkerl!«

Akin packte meine Hand, bevor ich ihn treffen konnte.

Es war nicht die Empörung in Iya Marthas Aufschrei, die mich zum Schweigen brachte. Es war die Zärtlichkeit, mit der Akin mir über die Handfläche strich.

Ich schaute weg.

»Was sagt sie?«, wollte Baba Lola von der neuen Frau übersetzt haben.

»Yejide, bitte.« Akin drückte fest meine Hand.

»Sie sagt, er ist ein Dreckskerl«, antwortete Funmi leise, als wäre dieses Wort zu heiß und schwer für ihren Mund.

Iya Martha schrie und schlug sich die Hände vors Gesicht. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Ich wusste, dass sie innerlich triumphierte. Sie würde den anderen Frauen meines Vaters noch wochenlang erzählen, was sie gesehen hatte.

»Du darfst deinen Mann nicht beleidigen, mein Kind. Ganz gleich, wie die Dinge liegen, er ist immer noch dein Mann. Was soll er denn noch für dich tun? Hat er nicht deinetwegen eine Wohnung für Funmi gemietet, obwohl er hier eine große Doppelhaushälfte hat?« Iya Martha machte eine ausladende Geste und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, um ihre Anspielung auf das Haus, für das ich jeden Monat die Hälfte der Miete zahlte, zu unterstreichen. »Yejide! Du musst deinem Mann dankbar sein.«

Iya Martha hatte aufgehört zu reden, aber ihr Mund stand noch immer offen. Wenn man zu dicht an sie herankam, schlug einem der unerträgliche Geruch nach altem Urin entgegen. Baba Lola hatte sich in sichere Entfernung zu ihr gesetzt.

Ich wusste, man erwartete jetzt von mir, dass ich niederkniete, den Kopf senkte wie ein kleines Schulmädchen und sagte, dass es mir leidtäte, meinen Mann und damit auch seine Mutter beleidigt zu haben. Sie hätten meine Entschuldigung akzeptiert – ich hätte sagen können, dass der Teufel schuld sei oder das Wetter oder dass meine neuen Braids zu fest seien und mir Kopfschmerzen bescherten, dass mich nur das dazu getrieben hätte, meinen Mann in ihrem Beisein respektlos zu behandeln. Mein Körper war so verkrampft wie eine Arthrosehand, und ich brachte ihn einfach nicht dazu, bestimmte Formen anzunehmen, die er nicht annehmen wollte. Zum ersten Mal überging ich den Unmut eines angeheirateten Familienmitglieds und erhob mich, obwohl man erwartete, dass ich mich hinkniete. Ich fühlte mich sicherer, als ich mich zu voller Größe aufrichtete.

»Ich kümmere mich jetzt um das Essen«, sagte ich und weigerte mich, sie erneut zu fragen, was sie zu essen wünschten. Jetzt, da sie Funmi vorgestellt hatten, war es für Baba Lola und Iya Martha vertretbar, etwas zu essen. Ich war nicht in der Lage, jedem von ihnen ein anderes Gericht zu kochen, also setzte ich ihnen vor, was ich wollte. Sie bekamen Bohneneintopf. Ich mischte die drei Tage alten Bohnen, die ich hatte wegschmeißen wollen, in die frisch gekochte Suppe. Obwohl ich mir sicher war, dass sie die säuerliche Note bemerken würden, vertraute ich darauf, dass Baba Lolas Schuldgefühl, das er mit der Wut über mein unsägliches Verhalten zu überspielen suchte, und Iya Marthas Schadenfreude, die sie hinter der vorgetäuschten Betroffenheit versteckte, ihnen das Essen hineinzwingen würde. Damit das Essen auch wirklich ihren Rachen hinunterfand, ging ich entschuldigend vor beiden in die Knie. Iya Martha lächelte und sagte, sie hätte sich geweigert, etwas zu essen, wenn ich mich noch länger wie ein Straßenkind aufgeführt hätte. Ich entschuldigte mich gleich noch einmal und umarmte sicherheitshalber auch die gelbe Frau; sie roch nach Kokosnussöl und Vanille. Ich nippte an einer Flasche Malt, während ich ihnen beim Essen zusah, und war enttäuscht, dass Akin das Essen verweigerte.

Als sie sich beklagten, dass ihnen frisch gestampfter Yam mit Gemüseeintopf und getrocknetem Fisch lieber gewesen wäre, ignorierte ich Akins Blick. An jedem anderen Tag wäre ich zurück in die Küche gegangen und hätte Yam gestampft, aber an diesem Nachmittag hätte ich am liebsten gesagt, stampft euch euren Yam doch selber, wenn ihr unbedingt welchen wollt. Ich schluckte sie hinunter, die Worte, die mir den Hals verbrannten, und sagte, ich könne keinen Yam stampfen, weil ich mir am Tag zuvor die Hand verstaucht hätte.

»Aber davon hast du vorhin gar nichts gesagt«, warf Iya Martha ein und kratzte sich am Kinn. »Du hast selbst angeboten, uns frischen Yam zu machen.«

»Sie muss die Stauchung vergessen haben. Gestern hatte sie wirklich starke Schmerzen. Ich habe sogar überlegt, sie ins Krankenhaus zu fahren«, sagte Akin und stärkte mir bei dieser ausgemachten Lüge den Rücken.

Sie schaufelten sich die Bohnen in den Mund wie hungrige Kinder und rieten mir, die Hand im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Nur Funmi verzog nach dem ersten Löffel den Mund und schaute misstrauisch zu mir rüber. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte breit und rot.

Nachdem ich die leeren Teller abgeräumt hatte, erklärte Baba Lola, dass er nicht sicher gewesen sei, wie lange der Besuch dauern würde, weshalb er den Taxifahrer nicht gebeten habe, sie wieder abzuholen. Er ging wie die meisten Verwandten davon aus, dass Akin sich schon darum kümmern würde, dass sie zurückkamen.

Bald war es Zeit, dass Akin alle nach Hause brachte. Als ich sie zu seinem Wagen begleitete, spielte er mit dem Schlüssel in der Hosentasche und fragte, ob alle mit der von ihm geplanten Route einverstanden seien. Als Erstes würde er Baba Lola auf der Ilaje Street absetzen und dann Iya Martha bis nach Ife fahren. Wo Funmi wohnte, erwähnte er nicht. Nachdem Iya Martha sagte, dass die von meinem Mann gewählte Route die beste Lösung sei, schloss Akin die Wagentüren auf und setzte sich hinters Steuer.

Ich unterdrückte den Impuls, Funmi ihre jheri-Locken rauszuziehen, als sie sich neben meinem Mann auf den Beifahrersitz gleiten ließ und mein kleines Kissen, das dort immer lag, auf den Boden schob. Ich ballte die Faust, als Akin davonfuhr und mich allein in der von ihm aufgewirbelten Staubwolke zurückließ.

*

»Was zum Teufel hast du ihnen da vorgesetzt?«, schrie Akin.

»Willkommen zurück, lieber Bräutigam.« Ich hatte gerade mein Abendessen beendet, nahm die Teller und ging in die Küche.

»Ist dir klar, dass sie jetzt alle Durchfall haben? Ich musste neben einem Busch halten, um sie scheißen zu lassen. Einem Busch!«, sagte er und folgte mir in die Küche.

»Ja, und? Haben deine Verwandten zu Hause etwa Toiletten? Scheißen sie nicht auch sonst in Büsche und auf Misthaufen?«, schrie ich und knallte die Teller ins Spülbecken. Auf das Geräusch von splitterndem Porzellan folgte Stille. Einer der Teller war in der Mitte zerbrochen. Ich fuhr mit dem Finger über die Bruchstelle. Spürte, wie es mir die Haut aufschnitt. Blut tropfte auf den Riss zwischen den Hälften.

»Yejide, versteh doch. Du weißt, ich will dir nicht wehtun«, sagte er.

»Welche Sprache soll das sein? Hausa oder Chinesisch? Ich kann dich nicht verstehen. Sprich endlich eine Sprache, die ich verstehe, Mr Bräutigam.«

»Nenn mich nicht so.«

»Ich nenne dich, wie ich will. Immerhin bist du noch mein Mann. Ach, aber vielleicht bist du ja nicht mehr lange mein Mann. Habe ich die Neuigkeit auch verpasst? Sollte ich das Radio einschalten, oder bringen sie es im Fernsehen? Steht es in der Zeitung?« Ich schmiss den zerbrochenen Teller in den Mülleimer neben der Spüle. Dann drehte ich mich wieder zu ihm um.

Seine Stirn glänzte, Schweißperlen liefen ihm die Wangen hinab bis zum Kinn. Er trommelte mit dem Fuß zu einem wütenden Beat in seinem Kopf. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich in demselben Rhythmus, als er die Kiefer fest aufeinanderpresste und wieder lockerte. »Du hast mich vor meinem Onkel einen Dreckskerl genannt. Du hast mich gedemütigt.«

Die Wut in seiner Stimme erschütterte mich, brachte mich auf. Ich hatte geglaubt, das Beben seines Körpers würde heißen, er sei nervös – so wie sonst immer. Ich hatte gehofft, es würde bedeuten, dass es ihm leidtue und er Schuldgefühle habe. »Du bringst mir eine neue Ehefrau ins Haus und bist dann wütend? Wann hast du sie geheiratet? Letztes Jahr? Letzten Monat? Wann wolltest du mir davon erzählen? Hm? Du elender –«

»Kein Wort, Frau, kein Wort. Was du brauchst, ist ein Schloss vor dem Mund.«

»Tja, da ich das nicht habe, sage ich es, du elender –«

Er hielt mir den Mund zu. »Okay, es tut mir leid. Ich war in einer schwierigen Situation. Du weißt, ich betrüge dich nicht, Yejide. Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich kann es nicht. Das verspreche ich dir.« Er lachte. Es klang gebrochen und kläglich.

Ich schob seine Hand weg. Er hielt meine Hand fest und presste dann beide aufeinander. Ich hätte am liebsten geweint.

»Du hast eine andere Frau, du hast einen Brautpreis für sie bezahlt und bist vor ihrer Familie auf die Knie gefallen. Du betrügst mich längst.«

Er legte meine Hand auf sein Herz; es klopfte schnell. »Das hier betrügt dich nicht; ich habe keine neue Frau. Vertrau mir, es ist nur zu unserem Besten. Meine Mutter wird aufhören, dich wegen eines Kindes unter Druck zu setzen«, sagte er leise.

»Ich glaube dir kein Wort.« Ich riss mich los und ging aus der Küche.

»Falls du dich dadurch besser fühlst, Funmi hat es nicht schnell genug in die Büsche geschafft. Sie hat sich aufs Kleid gemacht.«

Ich fühlte mich nicht besser. Würde mich noch sehr lange nicht besser fühlen. Schon jetzt fing ich an, mir zu entgleiten, so wie einem ein in Eile umgebundenes Tuch zu Boden gleitet, ohne dass man es merkt.

 

3

Yejide wurde an einem Samstag erschaffen, als Gott genug Zeit hatte, ihren Körper in der Farbe von Ebenholz zu malen. Kein Zweifel. Das vollendete Werk ist der lebende Beweis.

Als ich sie das erste Mal sah, wollte ich die Hand auf ihr jeansumspanntes Knie legen und sagen: »Ich bin Akin Ajayi, und ich werde dich heiraten.«

Sie war elegant, ohne dass sie sich dafür hätte anstrengen müssen. Das einzige Mädchen in der ganzen Reihe, das nicht wie ein Schluck Wasser in ihrem Sitz hing. Sie hatte das Kinn leicht gehoben, lümmelte nicht seitlich abgeknickt auf einer der orangefarbenen Armlehnen. Sie saß aufrecht, hatte die Schultern gestrafft und hielt die Hände verschränkt vor dem nackten Bauch. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir nicht schon in der Schlange vor der Kasse aufgefallen war.

Ein paar Minuten bevor das Licht ausging, schaute sie nach links; unsere Blicke trafen sich. Anders als erwartet, sah sie nicht weg, und ich richtete mich auf unter ihrem Blick. Sie taxierte mich, musterte mich von Kopf bis Fuß. Es reichte mir nicht, dass sie mich anlächelte, bevor sie sich der Leinwand zudrehte. Ich wollte mehr.

Sie schien sich ihrer Wirkung nicht bewusst zu sein. Schien gar nicht zu merken, dass ich sie völlig verzaubert anstarrte und überlegte, wie ich sie dazu bringen könnte, mit mir auszugehen.

Leider gelang es mir nicht sofort, sie anzusprechen. Als ich endlich die richtigen Worte gefunden hatte, ging das Licht aus. Und zwischen Yejide und mir saß das Mädchen, mit dem ich damals zusammen war.

Ich machte noch am selben Abend mit ihr Schluss, gleich nach dem Film. Ich sagte es ihr noch im Foyer der Oduduwa Hall in Ife, während sich die Leute, die schon ihre Plätze einnehmen wollten, an uns vorbeidrängten.

»Bitte geh zurück ins Wohnheim. Wir sehen uns morgen«, sagte ich und verschränkte die Hände zu einer entschuldigenden Geste, obwohl es mir nicht leidtat, mir nie leidtun würde, und ließ sie mit leicht offenem Mund da stehen.

Dann kämpfte ich mich durch die Menge, suchte nach der schönen Frau mit den Bluejeans, den Plateausandalen und dem bauchfreien weißen T-Shirt, und fand sie. Yejide und ich heirateten noch vor Jahresende.

Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.

Von Liebe wollte nach vier Jahren keiner mehr etwas hören. Meine Mutter jedenfalls nicht. Sie sprach von meiner Verantwortung als erstgeborenem Sohn. Erinnerte mich an die neun Monate, in denen ich nur die Welt in ihrem Leib gekannt hatte. Sie betonte, wie schwer besonders die letzten drei Monate für sie gewesen waren. Wie unmöglich es gewesen sei, im Bett noch eine bequeme Position zu finden, und wie sie die Nächte deshalb in einem Polstersessel verbracht hatte.

Moomi kam schon bald auf meinen Halbbruder Juwon zu sprechen, den Erstgeborenen der zweiten Frau meines Vaters. Moomi hatte ihn seit Jahren nicht mehr als Beispiel angeführt. Als ich jünger war, hatte sie ständig von ihm geredet. Juwon kommt nie mit schmutziger Uniform nach Hause; warum ist dein Hemd schmutzig? Juwon hat noch nie seine Schulsandalen verloren; das ist das dritte Paar, das du in diesem Halbjahr verloren hast. Juwon ist immer um drei zu Hause; wo treibst du dich nach der Schule herum? Warum bringt Juwon lauter Preise nach Hause, und du nicht? Du bist der erste Sohn in dieser Familie, weißt du, was das heißt? Weißt du eigentlich, was das heißt? Willst du, dass er deinen Platz einnimmt?

Sie hörte auf, von Juwon zu reden, als er sich nach der Sekundarstufe für einen Handwerksberuf entschied, weil seine Mutter sich die Studiengebühren nicht leisten konnte. Wahrscheinlich hatte Moomi das Gefühl, dass sich ein Junge, der eine Ausbildung zum Zimmermann machte, nie im Leben mit ihren studierten Kindern würde messen können. Sie hatte jahrelang nicht über Juwon gesprochen und schien das Interesse an seinem Leben verloren zu haben, bis sie von mir verlangte, eine andere Frau zu heiraten. Da erzählte sie mir – als hätte ich das nicht längst gewusst –, Juwon habe schon vier Kinder, und zwar lauter Jungen. Diesmal beließ sie es nicht bei Juwon, sondern erinnerte mich daran, dass alle meine Halbbrüder inzwischen Kinder hatten.

Als Yejide und ich im zweiten Jahr unserer Ehe waren, fing meine Mutter an, jeden ersten Montag im Monat zu mir ins Büro zu kommen. Sie kam nicht allein. Jedes Mal brachte sie eine neue Frau mit, eine potenzielle Ehefrau. Sie ließ nie einen Montag aus. Nicht einmal, wenn sie krank war. Wir hatten eine Vereinbarung: Solange ich zuließ, dass sie mit diesen Frauen in mein Büro kam, würde sie Yejide nie in Verlegenheit bringen, indem sie mit einer ihrer Kandidatinnen bei uns zu Hause auftauchte; sie würde Yejide gegenüber nie ein Wort sagen.

Als meine Mutter drohte, von nun an jede Woche mit einer neuen Frau bei Yejide aufzukreuzen, wenn ich nicht innerhalb eines Monats eine auswählte, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich wusste, meine Mutter war nicht der Typ für leere Drohungen und Yejide war dieser Art von Druck nicht gewachsen. Sie wäre daran zerbrochen. Von all den Mädchen, die meine Mutter mir in meinem Büro vorführte, war Funmi die Einzige, die nicht darauf bestand, bei Yejide und mir einzuziehen. Funmi war die naheliegende Wahl, weil sie nicht viel von mir verlangte. Jedenfalls nicht am Anfang.

Sie war ein leichter Kompromiss. Sie akzeptierte eine Wohnung kilometerweit von Yejide und mir entfernt. Bat mich nur um ein gemeinsames Wochenende pro Monat und um eine angemessene Unterstützung. Sie war damit einverstanden, dass sie mich nie zu Partys oder öffentlichen Anlässen begleiten würde.

Nachdem ich eingewilligt hatte, Funmi zu heiraten, sah ich sie monatelang kein einziges Mal. Ich sagte ihr, dass ich beruflich viel zu tun hätte und sie eine Weile nicht besuchen könne. Jemand musste ihr den »Eine geduldige Ehefrau erobert am Ende das Herz ihres Ehemanns«-Spruch ans Herz gelegt haben. Sie diskutierte nicht mit mir; sie wartete einfach, bis ich mich damit abgefunden hätte, dass sie jetzt ein Teil meines Lebens war.

Mit Yejide war es viel schneller gegangen. Nachdem ich sie kennengelernt hatte, verbrachte ich einen Monat lang jeden Tag zwei Stunden im Auto, um bei ihr zu sein. Ich verließ das Büro um fünf und fuhr die halbe Stunde bis Ife. Es dauerte weitere fünfzehn Minuten, um durch die Stadt bis zum Universitätstor zu gelangen. Meistens betrat ich das Zimmer F101 im Wohnheim Moremi Hall ungefähr eine Stunde nach meiner Abfahrt in Ilesa.

Das machte ich jeden Tag, bis Yejide irgendwann raus auf den Gang kam und die Tür hinter sich schloss, anstatt mich hereinzulassen. Sie sagte, ich solle nie wieder kommen. Sie sagte, sie wolle mich nie wieder sehen. Aber ich gab nicht auf. Elf Tage lang stand ich jeden Tag vor Zimmer F101, lächelte ihre Mitbewohnerinnen an und versuchte sie zu überreden, mich hereinzulassen.

Am zwölften Tag öffnete sie selbst die Tür. Sie kam raus auf den Gang. Wir standen nebeneinander, als ich sie anflehte, mir zu sagen, was ich falsch gemacht hatte. Ein Gemisch verschiedener Gerüche aus der Teeküche und den Toiletten drang zu uns nach draußen.

Es stellte sich heraus, dass das Mädchen, mit dem ich vor Yejide zusammen gewesen war, sie in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, um sie zu bedrohen. Das Mädchen hatte behauptet, wir hätten traditionell geheiratet.

»Ich will keine Polygamie«, sagte Yejide an dem Abend, an dem ich endlich erfuhr, was los war.

Jedes andere Mädchen hätte versucht, mir irgendwie durch die Blume zu sagen, dass sie die einzige Ehefrau sein wolle. Nicht aber Yejide. Sie war direkt. Geradeheraus.

»Ich auch nicht«, sagte ich.

»Hör zu, Akin. Vergessen wir es einfach. Die ganze Sache – uns. Das hier.«

»Sieh mich an. Ich bin nicht verheiratet. Bitte – sieh mich an. Wenn du willst, gehen wir jetzt sofort zu diesem Mädchen und stellen es zur Rede. Dann soll sie uns die Hochzeitsfotos zeigen.«

»Sie heißt Bisade.«

»Ist mir egal.«

Yejide sagte eine Weile kein Wort. Sie lehnte an der Tür und sah zu, wie Leute den Gang entlangkamen und wieder verschwanden.

Ich berührte sie an der Schulter; sie ließ es zu.

»Dann war ich wohl dumm«, sagte sie.

»Eine Entschuldigung wäre schon angebracht«, sagte ich. Ich meinte es nicht so. Unsere Beziehung war noch in einem Stadium, in dem es nicht wichtig war, wer recht hatte und wer nicht. Wir waren noch nicht an dem Punkt, wo die Diskussion darum, wer sich zu entschuldigen hatte, gleich den nächsten Streit auslöste.

»Entschuldige, aber weißt du, die Leute haben alle möglichen … Entschuldige.« Sie lehnte sich an mich.

»Entschuldigung angenommen.« Ich grinste, als sie mir unsichtbare Kreise auf den Arm malte.

»Tja, Akin. Jetzt kannst du mir alle deine Geheimnisse verraten, die schmutzigen und die weniger schmutzigen. Vielleicht von einer Frau, die irgendwo deine Kinder …«

Ich hätte ihr manches erzählen können. Ihr sagen sollen. Ich lächelte. »Ich habe ein paar schmutzige Socken und Unterhosen. Und du? Irgendwelche schmutzigen Höschen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Endlich sprach ich aus, was mir vom ersten Augenblick an prickelnd auf der Zunge gelegen hatte – oder eine Version davon. Ich sagte: »Yejide Makinde

 

Alexander von Schönburg »Die Kunst des lässigen Anstands«

»Kennen Sie das? Jemand lässt einem die Tür vor der Nase zufallen, ein anderer drängelt sich vor auf den letzten freien Sitzplatz, ein Autofahrer nimmt einem Radler die Vorfahrt und dieser haut ihm wütend aufs Autodach. Frei nach dem Motto: "Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht", ist unsere Gegenwart auf Egozentrik und Selbstoptimierung getrimmt. Das Zusammenleben im Kleinen wie im Großen macht das weder leichter noch freudvoller. Alexander von Schönburg setzt der "Me first"-Mentalität mit seinem Buch ein so erhellendes wie mitreißendes Plädoyer zur ethisch-moralischen Selbstertüchtigung entgegen.

Indem er 27 Tugenden wie Freundlichkeit, Höflichkeit, Demut, Maß und Dankbarkeit neu beleuchtet, zeigt er, dass jeder von uns mithilfe solcher nur vermeintlich altmodischer Werte nobel und lässig durchs Leben gehen kann.« Felicitas von Lovenberg

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Die Kunst des lässigen AnstandsDie Kunst des lässigen Anstands

27 altmodische Tugenden für heute

 Wir leben in einem Zeitalter der Beliebigkeit und Selbstsucht. Überall gilt »ich zuerst«, alles ist erlaubt, jeder will sich selbst optimieren, so wird übertrumpft, gedrängelt, auf Facebook gepöbelt. Doch auf diese Weise wird unser Zusammenleben höchst unangenehm, und wir steuern geradewegs in den Untergang.  Alexander von Schönburg plädiert für mehr Anstand, für Werte und Tugenden, die lange altmodisch erschienen und heute wieder aktuell sind. Dem »anything goes« der hedonistischen Gesellschaft stellt er die neue Ritterlichkeit gegenüber. Denn nobles Verhalten macht das Leben erst schön. 
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Volker Kutscher »Marlow«

»"Marlow", der siebte Band der gefeierten Romanserie von Volker Kutscher, versetzt uns ins Berlin des Jahres 1935, und der Oberkommissar, zu dem Gereon Rath mittlerweile befördert worden ist, gerät an einen Fall, der ihn mitten in die schmutzigen Geschäfte von Hermann Göring führt. Vor allem aber stößt er erneut auf jenen Unterweltkönig, den er nie wiederzusehen hoffte: Johann Marlow. Wir sind sehr glücklich, dass Volker Kutscher nun bei Piper ist. Freuen Sie sich mit uns auf den neuen Rath-Roman!« Felicitas von Lovenberg

MarlowMarlow

Der siebte Rath-Roman

Berlin, Spätsommer 1935. In der Familie Rath geht jeder seiner Wege. Pflegesohn Fritz marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag, Charly schlägt sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durch, während sich Gereon Rath, mittlerweile zum Oberkommissar befördert, mit den Todesfällen befassen muss, die sonst niemand haben will.  Ein tödlicher Verkehrsunfall weckt seinen Jagdinstinkt, obwohl seine Vorgesetzten ihm den Fall entziehen und ihn in eine andere Abteilung versetzen.Es geht um Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Und um Charlys Lebenstrauma, den Tod ihres Vaters. Und um den Mann, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte: den Unterweltkönig Johann Marlow.
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Edoardo Albinati »Die katholische Schule«

»Wer sind wir,  wer werden wir,  woran können wir glauben, wie begehren wir, und was sagt das über uns aus? Edoardo Albinati stellt in "Die katholische Schule" große Fragen – und wagt Antworten. In Italien gefeiert, mit dem Premio Strega ausgezeichnet und ein Bestseller, ist dieser Roman, der um ein wahres Verbrechen kreist und dabei ein Panorama der Gesellschaft zeichnet, ein Buch, wie man es nur ganz selten zu lesen bekommt. Wenn die letzten Romane von Donna Tartt, David Foster Wallace oder Mathias Énard Sie begeistert haben, dann wird "Die katholische Schule" Sie nicht mehr loslassen. Und Sie werden die Welt danach mit anderen Augen sehen.« Felicitas von Lovenberg

Die katholische SchuleDie katholische Schule

Roman

Eine Selbstbefragung à la Knausgård, ein Gedankenroman wie David Foster Wallaces Unendlicher Spaß– dieser Roman ist so komplex wie klug, so polemisch wie politisch, so bewegend wie bedeutend.Rom in den Siebzigerjahren, im gutbürgerlichen Quartiere Trieste ... Ein paar Ehemalige der Privatschule San Leone Magno begehen eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Edoardo Albinati ist damals auch auf diese Priesterschule gegangen. Vierzig Jahre lang hat er das Geheimnis seiner „schlechten Erziehung“ gehütet. Nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins. "Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichte, Gespenster, mein Schreiben ..." Edoardo Albinati
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Thomas Klupp »Wie ich fälschte, log und Gutes tat

»Es gibt Bücher, auf die wartet man Jahre, manchmal sogar viele Jahre lang. Ein solches Werk ist der neue Roman von Thomas Klupp. Seit seinem Debüt "Paradiso"  vor neun Jahren ist sein Name in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur fest verankert. Jetzt erscheint mit "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" endlich sein neuer Roman – und wir sind sicher, dass Sie uns nach der Lektüre zustimmen werden: Das Warten hat sich gelohnt.

Thomas Klupp erzählt in diesem rasanten, weisen und witzigen Coming-of-Age-Roman von der Doppelbödigkeit unserer Existenz, von kleinen und großen Lügen, vom Jungsein und Älterwerden. Und die deutsche Literatur hat einen neuen Helden: Benedikt Jäger« Felicitas von Lovenberg

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Wie ich fälschte, log und Gutes tatWie ich fälschte, log und Gutes tat

Roman

Weiden ist eine Vorzeigekleinstadt: Die Wirtschaft brummt, von den Lady-Lions gibt es Charity-Barbecues für Flüchtlinge, die Oberschule ruft eine Leistungsinitiative in den MINT-Fächern aus, die Tennisjugend gewinnt das Landesfinale, und mit dem neuen Schuljahr prangt von jeder Wand ein Antidrogenplakat der Champions mit dem Slogan: »Geh ans Limit! Ohne Speed!«. Benedikt Jäger und seine Kumpels Vince und Prechtl sind nicht nur mittendrauf zu sehen, sie stecken auch mittendrin in dieser schönen Welt, die alle Abgründe vertuscht: Die Nächte feiern sie exzessiv im »Butterhof«, wie sie ihre Schulleistungen am neuen Evaluierungssystem vorbei vor den erfolgsgierigen Eltern verbergen, steht in den Sternen. Und dass die Lady-Lions ausgerechnet Crystal-Mäx, den Unterweltkönig und berüchtigten »Butterhof«-Betreiber, mit einer Finanzspritze beim Bau von Flüchtlingswohnungen unterstützen, macht die Lage noch unübersichtlicher ... Anarchisch und pointensatt im Hochgeschwindigkeitsrausch erzählt, getragen von bitterbösem Humor – ganz großes Tennis!   »PARADISO war für mich einer der besten deutschen Romane der letzten zehn Jahre. In neun davon habe ich auf ein neues Buch von Thomas Klupp gehofft, und das Warten hat sich mehr als gelohnt. WIE ICH FÄLSCHTE, LOG UND GUTES TAT ist pointiert, witzig, manchmal böse, funkelnd. Diese Geschichte ist nicht weniger als die in Worte gegossene Jugend; man liest sie und ist wieder sechzehn, mit dem angenehmen Wissen, nicht mehr sechzehn sein zu müssen. Ein herrliches Buch.« Benedict Wells   »Endlich wieder Arztsohnprosa!« Florian Kessler
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Roland Schulz »So sterben wir«

»Im Leben ist nur eines sicher: der Tod. Doch was passiert eigentlich in Körper und Geist, wenn ein Mensch stirbt? Wer diese Frage stellt, nähert sich einem Tabu – aber auch einer Wissenslücke. Als Roland Schulz darüber vor zwei Jahren eine Reportage im Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb, fand sein Text immense Beachtung. In "So sterben wir" geht er dem Tod nun abermals nach, detailliert, furchtlos und anschaulich. Und man begreift: In der Kenntnis der universellen Abläufe, die zum Tod gehören, liegt ein großer Trost. Noch nie hat es ein solches Buch über das Sterben gegeben.« Felicitas von Lovenberg

So sterben wir

Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du – Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens.  »Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.« Mit diesen Worten nimmt Roland Schulz den Leser mit auf die letzte Reise. Eindringlich beschreibt er, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben: Wie trauern wir – und wie können wir weiterleben Ein aufwendig recherchiertes Buch, kraftvoll und voller Menschlichkeit.
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Isabell Werth »Vier Beine tragen meine Seele«

»Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Wer sie je zu Pferde gesehen hat, weiß, warum die Dressur als die Hohe Schule der Reitkunst gilt. Die formvollendete Verschmelzung von Ross und Reiter basiert auf beidseitigem Einvernehmen. In ihrem zusammen mit der vielfach ausgezeichneten FAZ-Journalistin Evi Simeoni geschriebenen Buch "Vier Beine tragen´meine Seele" erzählt Isabell Werth davon, was ihre Pferde ihr beigebracht haben – und umgekehrt sie ihnen. So erfährt man nicht nur etwas über ihren außergewöhnlichen Werdegang als Reiterin, sondern ebenso viel über das Miteinander von Mensch und Pferd.« Felicitas von Lovenberg

Vier Beine tragen meine Seele

Meine Pferde und ich

Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne ihren einzigartigen Zugang zu Pferden. Gemeinsam mit der renommierten Sportjournalistin Evi Simeoni, die Isabell Werths Werdegang von Anfang an miterlebt und beschrieben hat, zeichnet sie ihr Leben nach und erzählt damit auch die Geschichte ihrer wichtigsten Pferde. Schon in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof am Niederrhein zeigte sich ihre besondere Fähigkeit, sich in ein Pferd einzufühlen und vorauszusehen, wie es wenig später reagieren wird. So erfährt man nicht nur etwas über Isabell Werths Ausnahmekarriere, sondern auch viel über unterschiedliche Pferdecharaktere und den Umgang mit diesen sensiblen und talentierten Tieren. 
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Gerlad Durrell »Meine Familie und andere Tiere«

»„Meine Familie und andere Tiere“ von Gerald Durrell ist einer der beliebtesten Klassiker der englischen Literatur – und eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Mit Zärtlichkeit und Witz schildert Durrell die Eigenheiten von Menschen und Tieren und die kleinen und größeren Herausforderungen ihres Zusammenlebens. Andree Hesse hat den Roman, der seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum nicht mehr lieferbar war, schwungvoll neu übersetzt, und so darf ich ihn Ihnen nun ans Herz legen: tun Sie sich etwas Gutes und lesen Sie dieses hinreißende Buch.« Felicitas von Lovenberg

 

Meine Familie und andere TiereMeine Familie und andere Tiere

Roman

»Auf Korfu zu leben, war ein bisschen so, als wäre man in eine dieser opulenten, komischen Opern geraten.« Man schreibt das Jahr 1935. Die Durrells sind das britische Klima leid. Was also läge näher, als auszuwandern? So kehrt der zehnjährige Gerry gemeinsam mit seinen drei Geschwistern und seiner Mutter Louisa England den Rücken – und betritt eine zauberhafte Welt, die für die ganze Familie prägend sein wird: die griechische Insel Korfu. In seinen literarischen Erinnerungen erzählt Gerald Durrell, wie sich sein Blick für die Natur öffnete. Und macht dabei so geistreiche wie witzige Beobachtungen über Mensch und Tier. Über die eigensinnigen Einheimischen, die herrlichen Marotten seiner Familie und die tierischen Gäste in ihrem Haus.
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Christian Schnalke »Römisches Fieber«

»Christian Schnalke, wie Volker Kutscher ein Kölner mit beeindruckender historischer Tiefenschärfe, ist als Drehbuchautor so erfahren wie erfolgreich. Nun hat er mit „Römisches Fieber“ seinen ersten Roman geschrieben. Es geht um die Italiensehnsucht der deutschen Romantiker, um einen Blick hinter die Kulissen der römischen Künstlerkolonie des 19. Jahrhunderts, um die schreibende und malerische Neuerfindung des Selbst. Ein ebenso kluges wie unterhaltsames Buch über ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geistesgeschichte.« Felicitas von Lovenberg

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Römisches FieberRömisches Fieber

Roman

1818. Franz Wercker, dessen Traum es immer war, Schriftsteller zu sein, flieht vor einer unseligen Familiengeschichte. Als ihn am Gardasee die Kräfte verlassen, will er seinem Leben ein Ende setzen. Die zufällige Begegnung mit dem jungen Dichter Cornelius Lohwaldt, der mit einem Stipendium des bayerischen Königs auf dem Weg nach Rom ist, ändert alles: Franz nimmt seine Identität an. In Rom taucht er ein in die Gemeinschaft deutscher Künstler - junger, begeisterter Enthusiasten, die fern der Heimat hart arbeiten und glücklich leben. Franz findet Freunde, erlebt amouröse Abenteuer - und verliebt sich in eine junge Malerin. Doch als sich Lohwaldts Schwester Isolde auf den Weg nach Rom macht, um ihren Bruder zu suchen, droht das mühsam errichtete Lügenkonstrukt einzustürzen. Als ein Mord geschieht, zieht sich die Schlinge um Franz zusammen ...
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I

Franz Wercker schleppte sich die letzten Schritte bis zum Ufer. Seine Beine zitterten, sein Magen verkrampfte sich, Hände und Knie waren aufgerissen vom Rennen, vom Stürzen, vom Klettern, vom Kriechen. Die Streifen seines schwarzen Mantels, die er nach und nach abgerissen hatte, um damit die Fetzen seiner zerlumpten Schuhe zusammenzuknoten, ringelten sich um seine schmerzenden Füße, als ob sich das Schlangengezücht seiner Vergangenheit in seine Fersen verbissen hätte. Vor ihm glitzerte im Licht des spitzen und scharfkantigen Mondes der fantastische See, zu beiden Seiten eng eingefasst von schwarzen, unwegsam aufragenden Bergmassen. Nach vorne zu, in Richtung seines Blicks, legte sich die endlose Wasserfläche schwer um die Biegung der Erdkugel und verschwand im Unbekannten.

Wochenlang hatte Franz sich bis hierher gekämpft. Hatte zu Fuß die Pässe der Alpen überquert, war durch eisige Bäche gewatet, steile Hänge emporgeklettert, Geröllhalden hinabgerutscht, hatte Grenzposten, Zollstationen und bewachte Brücken gemieden und war stundenlang mit fühllosen Zehen durch Schneefelder gestapft. Noch vor dem Brennerpass hatte er die letzten armseligen Münzen weggegeben, er hatte in einem Gasthof die wohl letzte Mahlzeit seines Lebens bezahlt und die vergangenen vier Tage nahezu nichts gegessen, außer ein wenig Schüttelbrot und Käse, die ein schweigsamer Geselle aus Tirol mit ihm geteilt hatte. In Trient schließlich war er trotz aller Vorsicht österreichischen Gendarmen über den Weg gelaufen, denen er aufgrund seiner abgerissenen Kleidung, des struppigen Bartwuchses und der vor Erschöpfung unbeherrschten Angst in seinen Augen verdächtig vorgekommen war und die ihn umgehend festgenommen hatten. Da Franz nichts Besseres eingefallen war, als den Namen Filippo Miller anzugeben, den Namen, unter dem einst Goethe gereist war, und sich ansonsten in Widersprüche verstrickt und durch verstocktes Schweigen verdächtig gemacht hatte, hielt man ihn gefangen. Essen und Trinken verweigerte man ihm, um ihn zu einer ehrlichen Aussage zu zwingen. Doch in der zweiten Nacht, als man einen unbeherrscht brüllenden Betrunkenen in seine Zelle zerrte, nutzte er die Verwirrung aus, als der Säufer einen der beiden Gendarmen ins Gesicht schlug und von dem anderen mit dem Säbelknauf niedergeprügelt wurde, sprang auf und rannte aus der Zelle. Die Gendarmen ließen den blutenden Alten liegen und verfolgten ihn mit blanken Säbeln und lautem Geschrei durch die nächtlichen Gassen des Städtchens, doch er rannte ums Leben, ließ sich nicht aufhalten, auch nicht, als ihm die Seite stach wie von Messern durchbohrt, als seine Lunge unter Krämpfen nach Luft rang und die Brust ihm zu zerreißen drohte. Er rannte aus der Stadt, stolperte über Felder und Wiesen, watete durch einen eiskalten Bach und stürzte erst im Schutz eines Waldes zu Boden. Mehr tot als lebend, aber frei. Von seinen Verfolgern war nichts zu sehen und zu hören, Franz hatte keine Ahnung, wann er sie abgehängt hatte, und dann schwanden ihm die Sinne.

Von da an hatte er die Straßen gemieden, war nur auf Waldwegen und Jägersteigen gegangen, bis an diesem Nachmittag das Land vor ihm jäh abbrach und er zwischen Olivenbäumen hindurch, die sich knorrig und zäh in den felsigen Boden krallten, die riesige blaue Fläche des Sees unter sich liegen sah. Die wuchtigen bewaldeten Hänge zur Linken strahlten in der letzten Abendsonne, die zerklüfteten Berge zur Rechten warfen ihre düsteren Schatten übers Wasser. Unten, auf dem grünen Landstreifen vor dem See, lag das Dörfchen Turbel am Gartsee. Oder, wie es ein verwitterter Wegweiser auch in italienischer Sprache anzeigte: Torbole sul Lago di Garda. Franz versteckte sich in einer Burgruine abseits der steil abfallenden Straße, um die Dunkelheit abzuwarten.

Durch eine Fensteröffnung des zerfallenen Gemäuers spähte er immer wieder über den See. Sein Blick wurde wie magisch angezogen von dem schmalen, überirdisch leuchtenden Streifen, wo sich Wasser und Himmel im Dunst zu einem unwirklichen Strahlen vereinten. Dort irgendwo, in entmutigender Ferne, lag sie, im Licht der verschwindenden Sonne, und streckte sich für eine weitere Nacht an den Ufern des Tiber aus, um ihren wohlverdienten Schlaf zu finden: die Königin am Tiberstrande. Rom, die Stadt seiner Träume. Seit er denken konnte, das Ziel seiner Wünsche und Sehnsüchte.

Doch nun, die Wange an den rauen und warmen Stein der Burgruine gepresst, war er am Ende seiner Kräfte. Die Reise, von der er seit jeher geträumt hatte, war keine Reise geworden, sondern eine Flucht. Er hatte sich aus zwei Gefängnissen davongestohlen, von Zuchthaus und Hinrichtung bedroht, hatte nichts mitnehmen, nichts vorbereiten können. Ein Zuhause gab es für ihn nicht mehr, Freunde hatte er keine, nirgendwo auch nur einen, der an ihn glaubte oder seinem unwürdigen Leben den geringsten Wert zumaß.

Jahrelang hatte Franz davon geträumt, aufzusteigen vom Sohn eines Tagelöhners zu einem respektierten, vielleicht sogar angesehenen Dichter, doch seine geduldigen heimlichen Studien, all die durchlesenen und durchschriebenen Nächte, in denen er mit fiebernden Augen und glühendem Herzen in die Welt der Dichtung versunken war, hatten ihm nichts eingebracht als Verachtung und Prügel des Vaters. Seine Liebe und seine Mühen hatten ihn nicht das kleinste bisschen emporgetragen in der menschlichen Gesellschaft, sondern ihn im Gegenteil auf die unterste Stufe stürzen lassen, wo nur menschlicher Abschaum sich wand.

Der stolze Gardasee, über den er in seinen Träumen immer, am Bug eines soliden Fährboots stehend, dem lockenden Rom entgegengefahren war, lag nun vor ihm als unüberwindliches Bollwerk. Niemals würde er ihn überqueren. Das Wasser, das vor seinen Blicken dort unten in der Tiefe immer schattenreicher, immer düsterer und bedrohlicher wurde, war das Ende. In diesen Fluten würde in der kommenden Nacht nicht nur seine Flucht, sondern sein ganzes missratenes Leben einen Abschluss finden.

Wie gerne hätte er den Ort seiner Sehnsucht wenigstens einmal gesehen, bevor er seinem schuldbeladenen Leben ein Ende setzte. Die Träume von Rom hatten ihm Mut gemacht in der Kerkerhaft. Aber vor allem hatten sie ihn am Leben erhalten, als er begraben war. Als er unter der Erde lag und das panische Entsetzen in grausamen Wellen über ihn hinwegrollte. Er hatte das nur ertragen können, indem er sich alles vor Augen führte, was er in Büchern gelesen und auf Stichen gesehen hatte: das Pantheon, das Forum, die Caracalla-Thermen, den Titusbogen, die Säule des Trajan und allem voran das Kolosseum. Franz konnte es sich nicht erklären, aber dort im Waldboden erinnerte er sich plötzlich an jedes Wort, das er über Rom gelesen hatte. Irgendwann hatte er das Grauen unter sich gelassen und wurde in einen unbegreiflichen Zustand der Klarheit gehoben – eines inneren Leuchtens – und hatte alles in strahlenden Farben vor sich gesehen: Goethes Streifzüge durch Rom, in die Sixtinische Kapelle, auf die Via Appia, nach Frascati, schreibend an der Iphigenie, aquarellierend im Kreise der Künstlerfreunde, beim Begutachten der täglichen Zeichnungen – Franz hätte nicht sagen können, welches Bild davon Erinnerung war und welches Erfindung. Er wusste nur, dass sie ihm das Leben gerettet hatten – oder zum Mindesten seinen Verstand. Deshalb hatte er sich so sehr danach gesehnt, die Ewige Stadt wenigstens einmal mit eigenen Augen zu sehen. Doch dazu fand er nicht mehr die Kraft. Er konnte nicht weiter. Und wozu sich länger quälen? War es nicht ohnehin nur der Wahn eines Verzweifelten gewesen? Lieber gleich ein Ende finden. Gleich heute Nacht. Gleich dort unten im See.

Cornelius Lohwaldt, der aufstrebende junge Dichter aus Nürnberg, in den man seit der Veröffentlichung seiner Ode an die erwachende Germania so viel Hoffnung setzte, dass der König ihm in einer überraschenden Geste eine Leibrente ausgesetzt hatte, mit der es ihm ermöglicht werden sollte, ein Jahr lang in den römischen Bibliotheken und Galerien seine klassischen Studien zu vervollkommnen, war in aller Bequemlichkeit mit der Kutsche über die Berge gerollt. Im Tal der Etsch hatte er den mutwilligen Wunsch geäußert, einen Umweg über Turbel zu unternehmen, wie es Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit getan hatte. Er wollte genau wie der große Dichter, anstatt bequem auf dem üblichen Weg weiter durchs Tal zu rollen, das Erlebnis genießen, über das Wasser des Sees aus den Alpen heraus in die fruchtbare Ebene des Po zu gelangen. Er gefiel sich in der Vorstellung, den gleichen Blick zu genießen, mit dem auch der große Dichter zum ersten Mal die Provinz Venetien gesehen hatte. Die Pension zu finden, in der Goethe gewohnt und an seiner Iphigenie gearbeitet hatte, um dort ebenfalls, am Fenster den See vor Augen, vielleicht tatsächlich etwas zu schreiben.

Lohwaldt musste sich erst noch daran gewöhnen, dass er nun Dichter war. Von höchster Stelle durch Maximilians Stipendium als solcher ausgewiesen. Er hatte sich sogar einen künstlerisch anmutenden Bart wachsen lassen, der sich allerdings noch ungewohnt und fremd anfühlte. Zufrieden mit sich und der Welt stieg er nach der steilen Abfahrt am Seeufer aus der Kutsche. Auf Deutsch erkundigte er sich bei einem schmutzigen Jungen, welches das Haus sei, in dem einst der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe Quartier bezogen habe.

»Ah, Geethe!«, rief der Junge, der offenbar Bescheid wusste. »Lì! Dort!« Er wies auf ein Haus mit einem bogenförmigen Durchgang, durch den man von der Seepromenade auf einen engen Platz gelangte. Der mit Kopfsteinpflaster belegte Hof ruhte im Schatten, umringt von schmalen und hohen Häusern, deren Fensterläden halb oder ganz geschlossen waren. Durchgänge und Treppen öffneten den Blick auf weitere Häuser, die den Berghang hinauf eng verschachtelt standen, wie es die Felsen gerade erlaubten. Während Lohwaldt noch den Blick schweifen ließ und zum ersten Mal das Gefühl hatte, auf südlichem Boden zu stehen, trat ein kleiner, krumm gewachsener Mann auf ihn zu, der ihm gleich zuwider war.

»Signore suchen ein Zimmer?«

»Jawohl. Ich möchte das Zimmer, in dem einst der große Dichter Johann Wolfgang von Goethe genächtigt hat.«

»Geethe! Selbstverständlich, der Herr. Es ist unser bestes! Kein anderes hätte ich dem feinen Herrn angeboten. Es hat einen Ausblick auf unseren herrlichen See.«

Nachdem das Gepäck durch den schmutzigen Jungen hinaufgeschafft war und der krumme Wirt ihm eine Karaffe Wein gebracht hatte, wobei er umständlich erklärte, dass es zum Abendessen Fisch aus dem See geben werde, der am selben Tage gefangen worden sei, kleidete Lohwaldt sich um und wusch sich. Nachdem er sich erfrischt hatte, rückte er den wackligen Tisch ans Fenster, holte Papier, Feder und Tinte aus der Reisetasche, setzte sich und gedachte des großen Dichters und seiner Iphigenie, in der irgendwo die Worte steckten, die Goethe genau hier, an diesem Tisch, geschrieben hatte. Lohwaldt entkorkte das Tintenfass, nahm die Feder, tunkte sie hinein und überlegte. Der Wein hatte sein Blut angenehm belebt und seinen Gedanken einen freieren und lebhafteren Gang verschafft. Doch recht eigentlich war der Tag viel zu schön, um mit Denken in der Stube verbracht zu werden. War er nicht zum ersten Mal im Süden? War es nicht Sünde, die kostbare Stunde verstreichen zu lassen, ohne sie zu würdigen? Also korkte er die Tinte wieder zu und reinigte die Feder im gebrauchten Waschwasser. Doch die Reise des Tages hatte ihn ermüdet, und so beschloss Cornelius, sich angekleidet auf seinem Bett auszustrecken und für einen Moment die Augen zu schließen.

Als er wieder erwachte, war die Sonne hinter den Bergen gegenüber verschwunden, und die Dämmerung ließ kaum noch Licht in das kleine Zimmer. Lohwaldt blickte hinunter zum See und sah einen Mann am Ufer stehen. Der Fremde erweckte seine Neugier, denn es war nicht zu erkennen, was er dort zu schaffen hatte. Er war kein Fischer, der sein Boot ans Ufer gezogen hatte, denn warum sollte er dort stehen bleiben und aufs Wasser hinausstarren, wenn er von seinem Tagewerk hungrig und müde war? Der Mann führte nichts mit sich, was zum Waschen oder Angeln oder Wasserschöpfen dienen könnte. Und darüber hinaus stand er in seiner Reglosigkeit in einer merkwürdig gebeugten – und dies war der Ausdruck, der Lohwaldt in den Sinn kam: geknickten Haltung. Nachdem Lohwaldt seine Weste zugeknöpft, den schwarzen Rock übergezogen und die Schuhe gebunden hatte, stand der eigentümliche Mann immer noch dort.

Lohwaldt bereute bereits, den unnötigen Umweg über den See genommen zu haben, anstatt direkt in der Kutsche nach Süden weitergefahren zu sein. Der zwischen Bergen und See eingezwängte Ort hatte eine bedrückende Wirkung auf ihn. Die wenigen Menschen, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte, schienen ihm von harter Arbeit und einseitiger Ernährung verwachsen und niedergebeugt, mit einer Farbe der Haut, die mehr an Oliven erinnerte denn an Lebewesen aus Fleisch und Blut. Als er die krumme Treppe herabkam, fand er den Wirt äußerst aufgeregt, weil er so spät zum Essen erschien, und der Umstand, dass er der einzige Gast war und allein in dem fensterlosen Speiseraum seine Mahlzeit einnehmen musste, hellte seine Stimmung keineswegs auf. Nichts langweilte ihn mehr, als alleine zu speisen. Und an diesem Ort, der weder Norden noch Süden zu sein schien, sondern eine kränkelnde Zwittergeburt zwischen beidem, in dem die Menschen ihre Oliven dem kargen Boden abrangen und niemand ein Wort zu viel sprach oder einen Gedanken zu viel dachte, war die Hoffnung auf eine anregende Unterhaltung und eine fröhliche Gesellschaft aussichtslos.

»Ich werde gleich morgen früh weiterreisen. Beschafft mir ein Boot, das mich über den See bringt«, wies er den Wirt an.

»Morgen früh? Das ist nicht möglich.«

Die bockige Antwort war nicht das, was Lohwaldt erwartet hatte. »Da ich die Fahrt bezahle, wird es wohl möglich sein.«

»Dann müsst Ihr auch den Wind bezahlen«, erwiderte der Wirt, dem seinerseits die Überheblichkeit des deutschen Gastes missfiel.

»Ich denke nicht, dass Eure Frechheit angemessen ist.«

»Nicht ich bin frech.« Der krumme Wirt richtete sich so gerade auf, wie er nur konnte. »Ihr wäret mir etwas schuldig, würde ich nicht Eure Jugend und Eure Ahnungslosigkeit als Entschuldigung gelten lassen. Ihr wisst nicht, dass unser schöner See von zwei widerstreitenden Winden beherrscht wird. Ebenso unnachgiebige wie verlässliche Herrscher, denen wir uns umso lieber unterwerfen, als sie uns das ganze Jahr über …«

Hier fiel ihm Lohwaldt ins Wort. »Verschont mich mit Eurem Geschwätz! Was habe ich mit Euren Winden zu schaffen?«

»Nicht mehr als dies: Wer von hier aus den See überqueren will, muss um Mitternacht das Boot besteigen.«

»Ihr glaubt doch nicht, dass ich morgen den ganzen Tag hier verbringen werde!«

Der Wirt zuckte nur mit den Schultern.

»Nein. Dann fahre ich diese Nacht noch. Beschafft mir ein Boot, lasst mein Gepäck an Bord bringen, und jetzt will ich Wein.«

Nachdem der missmutige Wirt ihm seinen Platz zugewiesen und eine Karaffe Wein gebracht hatte, verschwand er mit verkniffenen Lippen, um das Essen zu bereiten. Während Lohwaldt schnell hintereinander mehrere Gläser Wein austrank, kehrten seine Gedanken zurück zu dem Geknickten draußen am Ufer. Und um nicht alleine in dem nur von einer einzigen knauserigen Lampe erhellten Raum auf das Essen warten zu müssen, beschloss er, für einen Moment hinauszugehen und zu sehen, ob er immer noch dort stand.

 

Franz Wercker bemerkte den Mann erst, als er neben ihm stehen blieb. Er schaute auf und sah, dass der andere jung war, wohlfrisierte blonde Haare hatte, die den Glanz des Mondlichts angenehm widerspiegelten, und dass er genau wie er selbst zu seinen knöchellangen Hosen den schwarzen, eng geschnittenen Altdeutschen Rock mit den mittelalterlich anmutenden Ärmeln trug, dessen Schöße bis fast zu den Knien reichten. Letzteres war an sich schon bemerkenswert, galt das Kleidungsstück doch als Ausdruck des freien Geistes und des deutschen Freiheitsdrangs und war in Bayern und einigen anderen Ländern verboten, doch hier in der Fremde war es doppelt ungewöhnlich. Nur war sogar in der Dunkelheit offenbar, dass der Rock des anderen über den glänzenden Schuhen neu und wohlgeschnitten war, während er den seinen lächerlich gekürzt hatte, indem er mit den abgerissenen Streifen des staubigen Stoffs die klaffenden Sohlen seiner Schuhe festgeknotet hatte.

Der Fremde sprach ihn an mit den Worten: »Ich sehe, er trägt denselben Rock wie ich!«

Franz, der seit Tagen mit niemandem gesprochen hatte – wenn man die Haft in Bayern hinzurechnete, die er nach den anfänglichen Verhören alleine in seiner Zelle verbracht hatte, sogar seit Wochen –, kam keine Antwort in den Sinn.

»Er ist doch Deutscher und versteht, was ich sage?«

Er nickte.

»Nun, wenn ihm nicht der Sinn nach Unterhaltung steht …« Der junge Mann schien ungehalten über seine Einsilbigkeit. Franz roch den Wein in seinem Atem und rechnete die Ungeduld des anderen dem Alkohol zu. Das kannte er von klein auf: Wenn der Vater nach Wein oder sogar Branntwein roch, dann schien er in einem Moment freundlich und dem Sohn zugetan, nur um im nächsten aus dem nichtigsten Anlass heraus in Wut zu geraten und zu schlagen. Und wie auch immer er auf den ersten Schlag reagierte – ob er weinte, ob er aufschrie, ob er die Erniedrigung trotzig herunterschluckte oder verschlossen und in sich gekehrt alles Weitere abwartete –, es brachte den Alten noch mehr in Rage und den Alkohol in seinem Blut zum Kochen. Und so folgten auf den ersten unbeherrschten Schlag immer Prügel, die erst endeten, wenn Franz zu Boden gegangen und unter den Fußtritten des Vaters aus dem Zimmer gekrochen war. Deshalb reagierte seine Nase äußerst feinfühlig auf bedrohliche Ausdünstungen im Atem, und er musste den darauffolgenden Drang zur Flucht willentlich unterdrücken.

»Nur scheint Ihr Euren Rock«, antwortete Franz endlich, »unter glücklicheren Umständen zu tragen.« Der Fremde betrachtete seine abgerissenen Rockschöße und die damit umwickelten Schuhe.

»Ich will nicht leugnen, dass meine Umstände die glücklichsten sind. Was führt ihn hierher an dieses trostlose Ufer?«

»Trostlos …« Dies Ufer ist nicht trostloser als der lange Weg, der ihn hierhergeführt hatte, dachte Franz, doch er sprach es natürlich nicht aus. Stattdessen fragte er zurück: »Wohin führt Euch Euer Weg?«

»Rom.«

Das Wort traf Franz in die Brust wie ein Pistolenschuss.

»Rom … Dann verstehe ich Euer Glück.«

»Er kennt die Stadt? Ist er etwa schon dort gewesen?«

»Nein. Aber einst wollte ich auch hin … Ich habe alles gelesen, was es darüber zu lesen gibt. Seid Ihr etwa Maler?«

»Nein. Ich bin Dichter.« Unwillkürlich nahm der blonde Mann eine Haltung ein, die er dem Poeten angemessen fand, wobei er allerdings schwankte.

»Dichter!«

»Jawohl. Mit einem Stipendium des bayerischen Königs ausgestattet, werde ich ein Jahr lang die Spuren der Klassiker studieren.«

Franz sah ihm seinen Stolz an. Er hatte nichts gegen eine gesunde Selbstachtung einzuwenden, doch diese hier paarte sich mit Überheblichkeit und war ihm zuwider. »Wenn der König Euch eine Rente gewährt, müsst Ihr ein berühmter Mann sein.«

»Nun, mein Ruhm gründet sich noch auf eine einzige Dichtung. Aber sie hat den König so sehr bewegt, dass er mir seine Gunst geschenkt hat.«

»Vielleicht kenne ich Euer Werk?«

»Kaum«, entfuhr es Lohwaldt mit einem abfälligen Blick auf Franz’ Erscheinung. »Es ist die Ode an die erwachende Germania.«

»Ihr seid Cornelius Lohwaldt!« Selbstverständlich kannte er die Ode, die der unbekannte junge Dichter das Selbstbewusstsein besessen hatte, Maximilian von Bayern persönlich zu widmen. Franz hatte sich gewundert, dass Maximilian sich für die Germania erwärmte. War er doch wie die meisten anderen Landesherren froh, sein junges Königreich über die Napoleonischen Kriege und den Wiener Kongress gerettet zu haben. Alles mit dem Geruch des Deutschnationalen war dem Monarchen naturgemäß zuwider – weswegen er ja auch den Altdeutschen Rock als Symbol der Freiheit und Selbstbestimmung und des Widerstands gegen die Monarchien verboten hatte.

Die Germania war zunächst im Morgenblatt für gebildete Stände erschienen, der führenden literarischen Zeitung deutscher Sprache, hatte Wohlwollen hervorgerufen und war in den verschiedensten Kreisen sogar mit Begeisterung aufgenommen worden. Andere wiederum empörten sich über sie, was ihre Bekanntheit mehrte, worauf einige Zeitschriften sie nachgedruckt hatten. So war Cornelius Lohwaldt in nur einer Saison in aller Munde gelangt.

Dass Franz die Germania kannte, schien ihn in der Achtung des anderen wachsen zu lassen. Er sah, dass der gerühmte Jungdichter ihn prüfend musterte. Vielleicht überlegte er, ob er ihn zum Abendessen einladen sollte, doch dann schien er sich dagegen zu entscheiden. Franz konnte es ihm nicht verdenken: Sein Äußeres war nicht gesellschaftsfähig. Und doch versetzte es ihm innerlich einen Stich, denn er fühlte nur zu gut – er hatte die Lektion gründlich gelernt –, dass nicht nur sein Äußeres, sondern er selber nicht gesellschaftsfähig war.

Sein Vater hatte sich nach seinen Wanderjahren als Zimmermann in Grunenfurth, einem Ort in der Gegend von Memmingen, niedergelassen. Die Walz hatte ihn weit nach Ungarn hinein gebracht, und auch von der Goldenen Stadt Prag hatte er unglaubliche Geschichten erzählen können. Dies war vielleicht auch der Grund gewesen, dass er eine sehr schöne, aber leider engherzige junge Frau für sich gewann. Aufgrund ihrer Schönheit sah er über ihr zänkisches Wesen hinweg, denn er war gewiss, dass sie weicher werden würde, wenn sie erst für eine Schar Kinder sorgte. Tatsächlich schien sich nach Franz’ Geburt eine zufriedene Zeit anzubahnen. Doch zeigte sich bald, dass der Charakter des Vaters von zweifelhafter Natur war. Er verspielte viele Sympathien, als man ihn beim Diebstahl eines Säckchens mit Jesusnägeln erwischte, und als der Geldbeutel des Meisters verschwand, den nur er gestohlen haben konnte, was er allerdings vehement leugnete. Mehrfach übervorteilte er Kameraden bei kleinen Tauschgeschäften, sodass man begann, ihm zurückhaltend und misstrauisch zu begegnen, und bei der Arbeit oft andere Zimmerleute bevorzugte. Auch über die Ehe legte sich ein dunkler Schatten, als zwei Säuglinge nach nur wenigen Lebenstagen starben. Seine Frau verwand diese Unglücke nur schwer, und sie gab ihrem Mann und den ärmlichen Verhältnissen, unter denen sie die Kinder hatte gebären müssen, die Schuld an ihrem Tode. Im selben Maße, wie sie ihr zänkisches Wesen gegen ihn kehrte, zog er sich von ihr zurück. Und eines Tages – sie war zum vierten Mal schwanger – fand sie heraus, dass er sie mit der Tochter eines Nagelschmiedes betrog, der er von dem wenigen, das er verdiente, kleine Geschenke machte. Franz erinnerte sich an Geschrei und auch an Schläge, und als der Vater daraufhin betrunken zur Arbeit ging, erlitt er beim Errichten eines Dachstuhls einen Unfall: Ein herabstürzender Balken, die große Firstpfette, zerquetschte ihm das Bein, das ihm ein kunstfertiger Arzt, als er am Wundfieber zu sterben drohte, amputierte. Zwar rettete ihm der Arzt damit das Leben, aber es war nicht mehr das Leben, das es vorher gewesen war. Als Zimmermann konnte er nicht mehr arbeiten. Er nahm Aushilfsarbeiten an, und während die alten Kameraden das Fachwerk hinauf nach oben in die Dachstühle stiegen, humpelte er am Boden einher, sägte Balken zu, hobelte, bohrte und trank. Natürlich verdiente er noch weniger als vorher, weswegen sowohl die Mutter als auch später der Sohn dazuverdienen mussten, wo es eben ging. Die Familie gehörte zu den ärmsten im Ort, und es schien, als hätte der kunstfertige Arzt dem Vater nicht nur das Bein, sondern auch den Stolz amputiert. Sein Neid und seine Wut auf Menschen mit zwei Beinen, und später auf alle Menschen mit Hoffnungen, brachen immer gröber aus ihm heraus, und das umso mehr, je betrunkener er war. Wo er anfangs noch aus Mitleid und aufgrund seines Fleißes beschäftigt wurde, war man bald von seinem feindseligen und fordernden Wesen abgestoßen und mied seine Nähe. Er verfiel der Trunksucht und konnte schließlich überhaupt nicht mehr arbeiten.

Als Franz sechs Jahre alt war, hatte die Mutter in die schlimmste Krise des amputierten Vaters hinein ein Mädchen geboren. Inmitten all der Widerwärtigkeiten klammerte sie sich mit ganzer Seele an dieses Kind. Sie sah in der Kleinen irgendetwas, das sie in Franz nicht gesehen hatte, und liebte sie abgöttisch. Eifersüchtig hielt sie jedermann von dem Mädchen ab. Nicht einmal Franz durfte sein Schwesterchen halten. Aber auch er liebte die kleine Schwester, und deshalb nahm er sie manches Mal heimlich, um ihre warme Nähe zu spüren. Als die Mutter ihn einmal mit dem Kind auf dem Arm erwischte, verbot sie ihm tagelang, das Haus zu betreten. Er musste im Holzschuppen schlafen. Doch nach zwei Jahren starb auch dieses Kind an einem Fieber. Dem Vater schien das Ereignis gleichgültig, doch die Mutter erstarrte. Sie wurde hart wie Salz, und als Franz einmal ihre Nähe suchte, stieß sie ihn von sich und zischte ihn an, ihre Tochter könnte noch leben, wenn er sie nicht mit seinem Schmutz befleckt hätte.

Dies waren die letzten Worte, die sie für lange Zeit zu irgendjemandem sprach, und von nun an herrschte bitterste Not. Weder die erstarrte Mutter noch der saufende Vater schienen unter dem ewigen Hunger zu leiden, oftmals überlebte Franz nur durch Diebstähle und indem er unreife Kartoffeln ausgrub und im Wald versteckte.

Am Jahrestag des Todes der kleinen Schwester entschied die Mutter, nicht länger zu trauern, ging zum Schloss Grunenfurth, dem Landgut des Freiherrn Georg von Unold, das nur mit einigem guten Willen als Schloss bezeichnet werden konnte, und forderte eine Stelle als Näherin, die man ihr gnädig gab. Von da an war sie kaum noch zu Hause. Auch wenn ihre Finger vom stundenlangen Gebrauch der Nadeln schmerzten, fühlte sie sich – im abgeschirmten Kreis des Schlossparks und über die schönen alten Stoffe gebeugt – der gehobenen Welt des Adelslebens auf so selige Weise zugehörig, dass sie alles umso mehr verachtete, das sie in die widerwärtige Wirklichkeit zurückzog. Und das waren vor allem ihr prügelnder Mann und ihr geprügelter Sohn.

Dies also war das Elternhaus, in dem Franz aufwuchs. Auch er fand schon früh Arbeiten in Schloss Grunenfurth – bei der Ernte, als Stallbursche, als Hirte. Franz war fleißig und willig, und er glich dem Vater in dessen jungen Jahren, als er voller Hoffnung auf die Walz gegangen und vom zufriedenen Gefühl durchdrungen war, wenn er nur ordentlich zupackte, gehörten ihm der Himmel und die Erde – oder jedenfalls der Flecken Erdboden, auf dem er abends die müden Beine ausstreckte. Franz besaß die Zuversicht seines jungen Vaters, nachdem er von seiner Wanderschaft heimgekehrt war. Vielleicht war dies der Grund, dass die Mutter ihm schon als Kind misstraute und, anstatt dem Jungen seinen aufrechten Geist zu gönnen, voller Neid und Missgunst gegen ihn war. Die Mutter war so verbittert über den Verlauf ihrer Ehe, dass sie wohl am liebsten gesehen hätte, wie der Junge recht bald gemeinsam mit seinem verkrüppelten Vater unterging.

Doch war es genau sein offenes Wesen, das ihm, als er eines Tages Ziegen hütete, die Aufmerksamkeit von Jacob, dem jungen Freiherren, einbrachte, der im Grünen saß und sich davor drückte, seine Lektionen auswendig zu lernen. Franz ließ sich die Bücher zeigen, die achtlos im Gras lagen. Der gelangweilte junge Herr, zwei Jahre älter als er, hatte gleich die Idee, dass er den neugierigen Jungen ärgern konnte, indem er ihm seine Unwissenheit unter die Nase rieb. Doch gelang ihm das nicht: Franz, dem seine Unwissenheit trotz des kindlichen Alters sehr wohl bewusst war, litt keineswegs darunter, sondern sog im Gegenteil alles Wissen, das er dem jungen Herrn abschauen konnte, auf wie ein frisch gepflügtes Feld den Regen. Es dauerte nicht lange, und der Spieß war völlig herumgedreht: Statt dass Jacob von Unold den Kleineren entmutigte und mit der Schwierigkeit seiner ihm selbst so verhassten Bücher niederdrückte, steckte Franz ihn mit seiner Neugier und seiner Begeisterung an, und bald empfand der junge Freiherr Freude dabei, Franz das Lesen beizubringen und ihm später Bücher zu leihen. Die beiden trafen sich oft heimlich, um zu lesen und das Gelesene weiterzuspielen: Sie wurden zu Achill und Hektor, zu Cäsar und Brutus, zu Siegfried und Hagen und irrten als Odysseus und Eurylochos durch Wälder, Schafställe und Schweinekoben. So ging das über mehrere Sommer, bis Jacob zwecks militärischer Erziehung nach München geschickt wurde.

Franz, der kaum jemals die Schule besucht hatte, begann eine Lehre als Zimmermann. Er fand einen Meister, der ihm trotz seines Vaters vertraute, und tatsächlich arbeitete Franz geschickt und fleißig. Immer wieder allerdings lachten die anderen Lehrlinge und Gesellen über ihn, weil er oft abwesend und in eigenen Gedanken war. Er hatte gemeinsam mit Jakob Grunenfurth in aller Heimlichkeit die Dichtkunst nicht nur kennen sondern auch lieben gelernt. Es war dem Jungen, als ob sich ihm die Welt geöffnet hätte, die seine eigentliche Heimat war. Dass er nur versehentlich ins trübe und bedrückende Haus seines Vaters geraten war, während er doch stattdessen, umgeben von Büchern, durch einen französischen Erzieher hätte unterrichtet werden sollen, der alle Segnungen der Klassik, der Aufklärung, der Empfindsamkeit und natürlich das Ungebändigte der Jungen vor ihm ausbreitete. Nur, wo sollte Franz Bücher herbekommen? Nachdem er einen Sommer lang buchlos gelitten hatte, fand er Möglichkeiten: Er bestach einen Diener, der ihm kleinere Bände aus der Bibliothek des Landschlosses stahl. Bis sein Vater die Bücher fand und ihn halb totprügelte. Dann stahl er aus dem Schulhaus eine Übersetzung von Homer, einige Dramen und eine Fibel, die er später zurückbrachte und gegen neue tauschte. Doch trotz aller Vorsicht wurden auch diese Bücher gefunden – diesmal von der Mutter. Der Vater prügelte ihn und verbrannte die Bücher, worauf er natürlich keine neuen bekam. Schließlich behielt er von dem wenigen, das er verdiente, heimlich kleine Beträge zurück und wanderte bis nach Memmingen, wo er bei einem Buchhändler regelmäßig billige Bücher und Schriften kaufte, darunter in großer Zahl auch Mordgeschichten, Geheimbundromane, Schauererzählungen und Liebesromanzen. Es waren zerrissene, schimmelige, von Mäusen angefressene Exemplare, aus denen der Buchhändler noch ein paar Münzen schlug. Franz kaufte auch Bücher, deren Bindung sich gelöst hatte, und deren Anfang oder Ende verloren gegangen war. Diese bereiteten dem Jungen sogar ein besonderes Vergnügen, weil er halbe Nächte lang oder während der eintönigen Arbeit an den unfertigen Holzbalken ein eigenes Ende für die Geschichten ersann. Oftmals sogar mehrere unterschiedliche, die sich zu ganzen Geschichten fortspannen. Das ging mehrere Jahre lang gut, zumal er seine Schätze in einer Kiste im Wald vergrub und nur jeweils einen einzigen mit nach Hause nahm, um ihn im Schein einer Kerze nächtens zu lesen. Franz schloss seine Lehre ab und wollte ebenfalls auf die Walz gehen. Tagtäglich fieberte er dem Tag seiner Abreise entgegen. Sobald die Bürde des Vaters von seinen Schultern wäre, würde er lesen können, wann immer er Zeit fand. Doch der Vater verweigerte ihm die Erlaubnis. Er forderte von Franz, seine Sohnespflicht dem verkrüppelten Vater gegenüber zu erfüllen. Also blieb Franz zu Hause und lieferte seinen Verdienst ab, den der Vater umgehend versoff. So war es zu seiner Wanderschaft nie gekommen. Stattdessen hatte Franz das niederste aller Verbrechen begangen.

»Nun«, sagte Cornelius Lohwaldt, um mit diesem vielseitigen kleinen Wort, diesem Luder unter den Worten, einen Riegel vor ihre Unterhaltung zu schieben. »Er scheint mir recht im Unglück zu stecken. Vielleicht möchte er etwas von mir annehmen, damit er sich ein Abendessen und ein Zimmer für die Nacht leisten kann?«

»Nein danke«, erwiderte Franz. »Wie so oft trügt der Schein. Ich bin nicht so bedürftig, wie ich aussehe. Aber man scheint nach Euch zu suchen.«

Er wies auf die Pension, wo unter dem Durchgang der Wirt erregt hin und her lief und in der Dunkelheit nach seinem Gast spähte. Die beiden jungen Männer wünschten sich Glück, und Franz sah dem Dichter nach, der über den knirschenden Uferkies unsicheren Schrittes und mit missmutig eingezogenen Schultern seiner bedeutenden Zukunft entgegenstolperte.

Er blieb alleine am Strand zurück. Vor ihm plätscherten die Wellen ans Ufer, sonst war nichts mehr zu hören. Eben noch war er sicher gewesen, dass die Sonne seinen Körper nie wieder bescheinen würde, weil er tief unten am dunklen Grund des Sees sein Grab finden würde. Sein zweites und diesmal endgültiges. Doch die Begegnung mit Cornelius Lohwaldt hatte ihn verwirrt.

Alle Gewissheiten waren plötzlich durcheinandergeworfen wie Spielzeug von der Hand eines mutwilligen Kindes. Warum hatte dieser unwirsche Mensch all das Glück, das er sich immer schon erträumte? Warum ging dieser Jüngling auf die Reise, ohne Neugier, ohne Wissensdurst, ohne Neigung – im Erwarten, dass ihm die großen Schätze der Kultur geboten würden, doch ohne den geringsten Willen, sich nach den Kleinoden zu seinen Füßen zu bücken!

Franz sah sich um, wo er ein wenig Schutz finden könnte. Einen Moment lang bereute er, dass er das Almosen Lohwaldts ausgeschlagen hatte, doch im Grunde war er froh darum. Von diesem wollte er nichts annehmen. Sein Blick fiel auf ein Boot, das umgedreht auf dem Strand lag. Darunter, meinte er, ließe sich ordentlich übernachten. Er hatte in seinem Leben unbequemere und auch feuchtere Nächte verbracht als in dem hölzernen Hohlraum, in dem es gewiss ganz gemütlich werden könnte. Er hob das Boot auf einen der Findlinge, die halb im Strand steckten, sodass sich ein Spalt ergab, durch den er bequem in seine Behausung kriechen konnte. Unter dem Boot fand er einen Haufen zusammengelegter Fischernetze, die er ausbreitete, um sich eine warme Unterlage zu schaffen. Und so war es dann tatsächlich recht behaglich. Er dachte, wenn er ein Licht hätte und etwas zu lesen, dann ließe sich die Nacht hervorragend an. Doch er hatte weder das eine noch das andere, und so lag er im Dunkeln und dachte darüber nach, wie es kommen konnte, dass er eben noch den entschlossenen Schritt ins Wasser vor Augen gehabt hatte und nun, ungeachtet dessen, welche Entbehrungen auf ihn zukamen, im Innern seiner bescheidenen Hütte zufrieden und lauschig den Schlaf erwartete. Vielleicht, dachte er, liegt alle Kunst darin, nicht an morgen zu denken. Denn sobald er das tat, wurde ihm übel. Doch seine Erschöpfung war so durchdringend, dass er nicht lange wach blieb, sondern in einen unruhigen Schlummer fiel.

Als Franz von Schritten erwachte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte, doch er hatte das Gefühl, noch nicht in die tiefen Träume gesunken zu sein. Jemand näherte sich deutlich hörbar über den Uferkies. Die Schritte knirschten, von der kleinen Ortschaft kommend, bis nah ans Boot heran. Franz fürchtete, man habe ihn beobachtet und wolle ihn aus seinem Heim vertreiben. Er hielt den Atem an und glaubte, zu hören, dass die Schritte unregelmäßig waren, wie von jemandem, der es nicht gewohnt ist, auf solch nachgiebigem Grunde im Dunkeln zu gehen, und deswegen immer wieder um sein Gleichgewicht ringt. Außerdem hörte er das leise Summen eines Lieds. Als er eben glaubte, jetzt werde man gegen das Boot pochen und rufen, entfernten die Schritte sich und stapften weiter. Franz kroch vorsichtig zum Spalt und spähte hinaus. Er sah einen Mann am Ufer entlanggehen. Dem Körperbau nach schien es der Nürnberger Dichter zu sein. Er trug denselben Rock, mit dem er zuvor an ihn herangetreten war, und torkelte wie ein Betrunkener. Ein Stückchen weiter ragte ein roh gezimmerter Bootssteg ins Wasser. Lohwaldt blieb vor dem Steg stehen, schaute sich nach beiden Seiten um und betrat das hölzerne Gestell. Unsicheren Schrittes balancierte er bis ans Ende und dann – knöpfte er sich die Hose auf. Franz hörte, wie sein Strahl ins Seewasser plätscherte. Er zog sich zurück, um nicht doch noch entdeckt zu werden, als er plötzlich durch ein Platschen aufgeschreckt wurde. Lohwaldt war verschwunden! Nach einem Moment des Erstaunens wurde dem schlaftrunkenen Franz klar, dass der junge Günstling des bayerischen Königs in den See gefallen sein musste. Und tatsächlich sah er im Mondlicht hell glitzernde spritzende Bewegungen im Wasser. Eilig kroch er unter seinem Boot hervor und rannte zum Steg. Er tastete sich mit den Füßen über das schwankende Holz zum vorderen Ende. Die Oberfläche lag jetzt ganz still. Nur kleine Wellen deuteten an, dass eben noch etwas das Wasser aufgewühlt hatte. Wo war Lohwaldt? Konnte er etwa gar nicht schwimmen? Und würde ein Mensch überhaupt so schnell untergehen? Er zögerte nicht, sondern sprang. Eiskalt schlug das Wasser über ihm zusammen und drang überraschend eisig in seine Kleider ein. Für einen Moment schien der Schlag seines Herzens auszusetzen, um dann umso wilder wieder Fahrt aufzunehmen. Mit wenigen geübten Bewegungen drückte er sich nach oben und durchbrach die Oberfläche. Noch während er tief einatmete, sah er sich um. Die Wasserfläche kräuselte sich in gegeneinanderlaufenden kleinen Wellen. Noch einmal holte Franz tief Luft und tauchte unter. Er musste Lohwaldt schnell finden! Unter Wasser wühlte er mit Armen und Beinen, bis er tatsächlich mit der Hand gegen etwas stieß. Da war er! Noch ein kräftiger Schwimmstoß, dann fühlte er den Stoff eines Rocks, griff zu und zog. Er wollte hinauf zur Oberfläche, doch plötzlich waren da Finger, die sich an ihn krallten und ihn in wilder Panik nach unten zerrten. Eine Hand umklammerte seinen Arm, sodass er damit nicht rudern konnte, eine andere schlug und kratzte in sein Gesicht. Plötzlich stießen die Finger mit Urgewalt in seinen Mund und packten eisern zu. Die Hand hielt seinen Unterkiefer umklammert, riss daran herum und drohte ihn vom übrigen Kopf abzureißen, als ob ein Wassergeist ihm das warme Blut aus dem Körper schütteln wollte. Der Schmerz war übermächtig, Luft schoss aus seinem Mund. In Todesangst schlug er mit dem freien Arm um sich, traf irgendetwas, irgendwo, und als sich der Griff immer noch nicht lockerte, stieß er mit dem Fuß zu. Zugleich – um den Mann, den er ja retten wollte, nicht zu verlieren – packte er einen Zipfel, den er zufällig erwischte, und hielt daran fest. Doch schon fühlte er das Ende kommen. Wasser strömte in seinen Hals, die Luftnot war kaum noch zu ertragen, Schläge, Tritte, Stöße – plötzlich spürte er sich befreit, ruderte mit den erlösten Armen – und dann Ruhe.

Stille, Frieden.

Franz lag im nassen Kies, als er wieder zur Besinnung kam. Er hustete und spuckte das Seewasser aus sich heraus, erbrach sich in die plätschernden Uferwellen und kroch höher auf festen Boden. Im den ersten Momenten wusste er nicht, wo er war. Doch dann kehrte die Erinnerung schlagartig zurück.

Lohwaldt!

Er stemmte sich auf die Arme und schaute sich um.

Der Holzsteg ragte in den stillen See hinaus, drüben die Häuser, zur anderen Seite das bewachsene Ufer, das sich bald den Blicken entzog und wo – wie Franz tagsüber von der Festungsruine aus gesehen hatte – ein kleiner Fluss in den See strömte. Die Wasserfläche lag unter den feinen, regelmäßigen Wellen ruhig und still. Ihm wurde bewusst, dass seine rechte Hand sich in etwas Nasses verkrallte, und als er es hochhob, erkannte er Lohwaldts Rock. Wie war das geschehen? Wieso hielt er diesen Rock in der Hand? Hatte er daran gezogen, und der Dichter war unter Wasser aus den Ärmeln herausgeglitten? Voller Entsetzen starrte er auf die leere Hülle, in der eben noch ein lebendiger Mensch gesteckt hatte, der nun tot im eisigen Wasser trieb. Denn es konnte nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass Lohwaldt tot war. Franz lief am Ufer auf und ab. Doch Cornelius Lohwaldt blieb in den Tiefen des Sees verschwunden.

Er ließ sich in den Kies sinken und saß lange da, starrte vor sich hin und versuchte, zu begreifen, was geschehen war. Nicht er hatte sein Grab im See gefunden, sondern der junge Dichter, der behaglich und selbstzufrieden, mit seinem Stipendium ausgestattet, auf dem Weg nach Rom gewesen war. Vielleicht wäre dort, angesichts der Wunder der Ewigen Stadt, aus dem hochnäsigen Jüngling sogar ein anständiger und großherziger Mensch geworden.

Franz hörte aus der Ferne ein Rufen: »Signor Lohwaldt!«, erklang es. Jemand stand am Dorfrand und winkte mit einem Hut. »Das Boot ist bereit!«

Ihm wurde schlagartig bewusst, in welcher Gefahr er schwebte: Lohwaldt war verschwunden, und natürlich würde man ihn, den zerlumpten Dahergelaufenen, verdächtigen, etwas damit zu tun zu haben. Umso mehr, als man schnell wissen würde, dass er in Trient aus dem Gefängnis geflohen war, nachdem er einen falschen Namen angegeben hatte. Man würde ihn festsetzen und gründlich prüfen, woher er stammte. Bis man schließlich erfuhr, dass er schon in Bayern dem Kerker entflohen war. Jedermann war dann klar, dass er, vielleicht um ein paar Münzen willen, vielleicht um eine goldene Uhr, Cornelius Lohwaldt ebenfalls getötet hätte. Und immer noch hielt er den Rock Lohwaldts in Händen! Gott im Himmel! Sie mussten ihn für einen Mörder halten! Und – war er nicht vielleicht wirklich einer? Was war dort im Wasser geschehen? Franz erinnerte sich nur in zerrissenen Fetzen. Er erinnerte sich an Schläge. An Tritte. Warum hatte er den Rock Lohwaldts aus dem Wasser geborgen, Lohwaldt selber aber nicht? Hatte er Lohwaldt umgebracht? Vielleicht, um –

»Es ist Zeit! Kommen Sie!«

Franz starrte auf die winkende Gestalt. Man meinte ihn! Der Mann hielt ihn für Lohwaldt! Natürlich, er saß ja dort, wohin man den Gast vor einer Weile hatte spazieren sehen. Offenbar hatte man das Boot aufgetakelt, um den See zu überqueren, und Lohwaldts Gepäck verladen. Nun rief man den Dichter, um abzulegen.

Und ihn hielt man in der Dunkelheit für den Reisenden. Was geschah denn jetzt schon wieder? Spielte diese Nacht ihm etwa noch einen Streich?

»Kommen Sie! Avanti! Wir müssen den Wind ausnutzen.«

Und dann hörte Franz aus seinem eigenen Munde: »Ich komme!«

Hatte er das wirklich gerufen?

Ich komme!

Ich, Cornelius Lohwaldt.

»Ich komme!«

Natürlich! Nicht der junge Dichter aus Nürnberg war im See ertrunken, sondern der entflohene Häftling aus Memmingen. Er käme doch noch nach Rom. Und – in seinen kühnsten Träumen hätte er nicht daran gedacht – versehen mit einem Stipendium des königlich bayerischen Hofes! Von heute an könnte er als Cornelius Lohwaldt leben. In Rom wäre es möglich, wo den jungen Dichter aus der Provinz noch niemand kannte. Sicher würden einige seine Ode kennen, seinen Namen. Aber ebenso sicher war niemand dort, der Lohwaldt je gegenübergestanden hatte. Er könnte ein Jahr lang als Cornelius Lohwaldt in Rom leben, und dann –

Und dann?

Nicht daran denken. Niemals an morgen denken. Einer wie er durfte das nicht tun. Als Franz Wercker ebensowenig wie als Cornelius Lohwaldt.

Aber Lohwaldts Leichnam! Würde er nicht ans Ufer treiben? Würde man ihn nicht finden und erkennen? Und dann wäre gleich alles aus. Nein, überlegte er. Einen Steinwurf weiter schob der kleine Fluss sein kaltes Bergwasser in den See. Mit etwas Glück trieb der leblose Körper weit hinaus und wurde von den Umwälzungen in die tiefsten Tiefen gedrückt. Mit etwas Glück …

Und so stand Franz auf, zog den eigenen, zerrissenen Rock aus und streifte den neuen Mantel über. Es war schwierig, in die tropfnassen Ärmel zu gelangen, aber als er sich endlich hineingezwängt hatte, engte ihn der Rock nur um ein weniges ein. In den Schultern spannte der Stoff, weil Franz durch die Arbeit mit dem Holz kräftiger war als Lohwaldt, aber beinahe hätte der Rock sein eigener sein können.

Während er zur Ortschaft hinüberging, fühlte er in den Taschen, ob etwas darin war, doch er fand nichts. Wenn Lohwaldt etwas bei sich getragen hatte, eine Uhr oder vielleicht Geld oder seinen Pass, dann steckte es in seiner Weste und war mit ihm untergegangen. Die Uhr überließ er dem Verstorbenen gerne, doch ohne den Pass würde er Schwierigkeiten bekommen. Bis nach Rom hatte er noch mehrere Grenzen zu überschreiten, überall herrschte Misstrauen: Die Österreicher waren wieder die Herren in Lombardo-Venetien, doch Parma, Modena und Toskana trotzten nervös um ihre Unabhängigkeit, und der Kirchenstaat mühte sich, die Demütigung der Papstentführung durch Napoleon zu vergessen.

Als Franz vom Kies des Strands auf die Uferstraße trat, war kein Mensch zu sehen. Der Ort schlief. Auch das Zollhaus auf der Mole mit dem Wappen der österreichischen Monarchie war um diese Zeit unbesetzt. Tür und Fenster waren verschlossen. Nur an dem Segelboot, das zur Abfahrt bereitlag, waren drei Gestalten beschäftigt. Einer stand an Bord und begann, das Segel zu setzen, ein Junge hielt auf der Mole das Tau, um es zu lösen, sobald der Fahrgast das Boot bestiegen hätte, und ein verwachsener Mann mit Hut kam ihm mit einer Laterne entgegen. Zum Glück war es eine recht armselige Funzel, die noch nicht einmal sein eigenes Gesicht erhellte. »Es ist höchste Zeit, junger Herr! Ich habe persönlich dafür gesorgt, dass von Eurem Gepäck nichts verloren geht.« Das musste der Wirt sein, der sich noch ein Trinkgeld versprach. Franz hoffte, dass Lohwaldt die Zeche für Essen und Zimmer bereits gezahlt hatte, denn er hätte nicht gewusst, wo er in Lohwaldts Taschen und Koffern in der Eile hätte Geld finden sollen. Um nicht angeleuchtet zu werden, wandte er den Kopf ab.

»Schön, ich danke Euch«, murmelte er. »Das Boot sieht gut aus.«

»Natürlich sieht es gut aus. Glaubt Ihr, die Männer überqueren in einem schlechten Boot bei Nacht den See?«

»Also, lebt wohl.« Er wollte gerade ins Boot steigen, als der Wirt sagte: »Aber Ihr seid ja vollkommen durchnässt!«

Er erstarrte. Auf diese Frage hätte er vorbereitet sein müssen. Doch wie hätte er dafür eine vernünftige Erklärung abgeben sollen? Und – einerlei, was für eine Geschichte er erzählt hätte – der Wirt hätte ihn währenddessen in aller Ruhe betrachten können. Also antwortete er nur: »Ja, das bin ich«, und stieg ins Boot, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Der Bootsjunge mit der Leine sprang hinterher, das Segel ruckte hoch, flatterte und knatterte, bis es sich brav mit Wind füllte und das Boot vom Ufer wegzog. Erst als sie mehrere Bootslängen hinaus auf dem See waren, wagte es Franz, sich umzuschauen. Aber da sah er den Wirt schon mit seiner Laterne zum Haus zurückeilen. Offenbar froh, den ungeliebten und unverstandenen Gast aus dem Norden so schnell wieder loszuwerden.

Franz kauerte erschöpft auf der hölzernen Bank, während das Boot mit gutem Wind südwärts segelte. Malcesine, das kleine Städtchen mit der malerisch auf dem Felsen thronenden Festungsruine, in der Goethe einst festgenommen werden sollte, als er das verfallene Gemäuer zeichnete und für einen österreichischen Spion gehalten wurde, ließen sie noch in der Dunkelheit hinter sich. Als es dämmerte, rief ihm der Bootsführer zu, sie seien jetzt aus dem Bereich heraus, in dem der Wind ihre Fahrt behindern könnte. Doch Franz begriff kaum, was er ihm sagte, denn er starrte auf das Gepäck Cornelius Lohwaldts, das jetzt seines sein sollte. Indem er die Arme frierend um seine feuchten Kleider schlang, war sein Blick wie gefangen von den Gepäckstücken – zwei kleinere Taschen und zwei große Koffer. Er wagte nicht, auch nur eine der Taschen anzurühren. Er wäre sich vorgekommen wie ein Leichenfledderer.

Doch was er dringend brauchte, war ein Paar Schuhe. Und so legte er den ersten Koffer um – der Bootsjunge half ihm dabei – und öffnete ihn. Unter Kleidern und Büchern fand er ein Paar halbhohe Schnürstiefel und ein Paar glänzende Schuhe für die Abendgarderobe. Er zog sich die alten Fetzen von den Füßen und streifte Lohwaldts Stiefel über seine seit Stunden feuchten, aufgedunsenen und eiskalten Füße. Die Stiefel waren zu klein. Lohwaldt war schmaler und feingliedriger gewesen, doch mit Gewalt quetschte Franz seine Füße hinein. Er hoffte, in den nächsten Tagen nicht allzu viel laufen zu müssen, und beschloss, bei nächster Gelegenheit eigene Stiefel schustern zu lassen.

Im Licht der Morgensonne, die sich über die flacher werdenden Berge erhob, betrachtete Franz ein letztes Mal die alten Stiefel und dankte ihnen, dass sie ihn so weit getragen hatten. Nun hatten sie ihre Pflicht erfüllt, und er ließ sie über Bord fallen. Während das Boot in zügiger Fahrt über das Wasser glitt, beobachtete er, wie sie zurückblieben und unter der spiegelnden Oberfläche versanken.

 

II

Isolde hasste das scheinheilige Gebaren ihrer Mutter, sie verachtete die biedere Würde ihres Vaters, sie erstickte im Haus ihrer Eltern, und auch den Park, in dem alles gepflegt, geordnet, sauber und gerade beschnitten war, ertrug sie nicht. Deshalb freute sie sich nicht wirklich, als Professor von Schabeisen – dessen joviale Hilfsbereitschaft sie nicht ausstehen konnte – am Morgen feierlich verkündet hatte, sie dürfe zum ersten Mal wieder hinaus in den Garten. Nachdem sie drei Wochen ausschließlich im Bett verbracht hatte, schien dem Professor ihre Verfassung gekräftigt genug, um der frischen Luft standzuhalten. Wenn sie hustete, fanden sich in ihren Taschentüchern keine Blutstropfen mehr, doch ihre Haut war immer noch durchschimmernd wie Pergament. Die zum Zerreißen gespannte Hülle ihres schmalen Körpers war so überempfindlich und reizbar, dass ihr jede Berührung unangenehm war und nahezu schmerzte. Sie hatte festgestellt, dass enge Ärmel ihr wohler waren als weite, weil sie weniger über die Haut strichen. Ihre knochigen Schultern und den schwungvoll aufragenden Hals hielt sie unbedeckt, und das seidene Tuch, das die Mutter ihr aufgedrängt hatte, im Glauben, zumindest die teuerste Seide sei ihrer Tochter weich genug, hatte sie ins Gras fallen lassen.

Als Frau Kommerzienrat Agnes Lohwaldt sich dem Korbsessel näherte, den man für Isolde im Schatten einer Linde aufgestellt hatte, fuhr ihr der Anblick tief ins Mark: Sie konnte durch ihre Tochter hindurchsehen wie durch einen der Geister aus den Geschichten von E. T. A. Hoffmann, die sie heimlich las, obwohl ihr Ehemann ein entschiedener Feind dieser gottlosen Machwerke war. Doch dann erkannte sie, dass es lediglich die bewegten Schatten der Blätter waren, die auf Isolde denselben Eindruck wie auf dem Hintergrund hervorriefen, denn der sonnenbeschienene Rasen verlieh ihrer fahlen Haut eine grünliche Färbung. Schlimm genug, dass Isoldes Haut keinen eigenen Ton hatte, sondern die Farbe ihrer jeweiligen Umgebung annahm – das Weiß der Bettlaken, das Rot des Wageninneren, die Glut des Kaminfeuers –, war sie doch zum Mindesten noch kein Geist. Wenn auch an den sorgenvollsten Tagen und in den schlimmsten Nächten nicht viel gefehlt hatte, dass sie von diesem Leben in ein anderes hinübergeglitten wäre.

Agnes Lohwaldt hob das Tuch vom Rasen auf. »Isolde, mein Kind, du darfst dein Tuch nicht ablegen. Professor von Schabeisen hat strikte Anweisungen gegeben.«

Langsam hob Isolde den Blick von dem Büchlein, das sie auf dem Schoß hielt, und wandte ihrer Mutter den Kopf zu, der auf ihrem hohen Halse ein Eigenleben zu führen schien. Das Schwarz ihrer Augen traf die Mutter mit einer Wucht, die der gutmütigen Dame immer wieder aufs Neue den Atem nahm. Auch wenn an ihrer Tochter alles blass und farblos war, kränklich, schwach und hilfebedürftig, Isoldes Augen zu sehen bedeutete einen Schock. Sie kauerten schwarz glänzend in dunklen Höhlen wie zwei starrsinnige Tiere, von denen man niemals wusste, ob sie sich argwöhnisch vor der Welt versteckten oder ob sie verschlagen und bösartig auf eine Gelegenheit lauerten, hervorzuspringen und zu beißen. Die Mutter schämte sich ihrer Gedanken, die sie in ihrem Herzen verschloss, aber gegen die sie sich nicht wehren konnte.

»Heute wieder kein Brief von deinem Bruder«, sagte Agnes Lohwaldt mit einem Seufzen. Ihr fiel auf, dass man keinen zweiten Sessel herausgestellt hatte, in den sie sich setzen konnte, und so blieb sie vor ihrer Tochter stehen, als ob es sich um eine Audienz handelte. Isolde antwortete nichts. Die zwei schwarzen Tiere lauerten in ihren Höhlen.

»Ihm wird doch nichts zugestoßen sein …«

»Mutter. Ihm ist nichts zugestoßen. Er hat Besseres zu tun, als an zu Hause zu denken.«

»Ein paar beruhigende Worte an die Familie wird er doch schreiben können, abends nach dem Essen. Oder am Morgen, zwischen Frühstück und Abfahrt der Kutsche.«

»Er wird schreiben, sobald er in Rom angekommen ist.«

Es waren nicht nur Isoldes Augen. Es war ihr gesamtes Wesen: Agnes Lohwaldt wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Tochter sie verachtete. Wenn Isolde zu ihr sprach, schwang in ihrer Stimme ein Unterton mit, der nicht mit Worten zu benennen und der ihr doch unerträglich war. »Jedenfalls freue ich mich«, sagte sie also, »dass es dir besser geht.«

»Mutter, ich möchte lesen.«

Im selben Moment fühlte sich die Kommerzienrätin unwohl. Ihr Nacken verkrampfte sich, als ob jeden Moment ein Raubvogel seine Krallen hineinschlagen würde. Unwillkürlich blickte sie hinauf zum Himmel, aber da war nur strahlendes Blau. Doch dann erkannte sie, woher ihr Unwohlsein kam: Am Rande des Rasens, am seitlichen Zugang zum Haus, stand Theresa. Sie stand gerade wie ein Stock in ihrem taubengrauen Kleid, das sie immer zu tragen schien, in der Hand hielt sie den Beutel mit Pulvern, Tropfen und Tüchern für Isolde. Und sie blickte sie aus ihren kalten und mitleidlosen Augen an, vor denen sie sich noch mehr fürchtete als vor den Augen ihrer Tochter. Theresa war Isoldes Gesellschaftsdame – wenn auch das Wort Gesellschaft für ihre Anwesenheit abwegig war – und vor allem Isoldes Krankenpflegerin. Sie hatte Isolde schon mehrfach gebeten, Theresa zu entlassen, weil sie der Überzeugung war, dass sie ein böses Wesen sei, aber Isolde bestand darauf, Theresa zu behalten. Sie war der einzige Mensch, den sie Tag und Nacht neben sich duldete. Sie begriff nicht, warum. Denn sie war sicher: Genau so, wie Theresa jetzt dastand und ihren bösen Blick auf ihr ruhen ließ, würde sie eines Tages dastehen, wenn das Haus lichterloh in Flammen stünde und alle darin verbrannten.

»Natürlich … Natürlich, du willst lesen, Kind, entschuldige.« Die Kommerzienrätin wandte sich von ihrer Tochter ab und ging zurück zum Haus.

Isolde sah ihr nach. Sie wollte nicht lesen, das Buch langweilte sie, doch sie ertrug die Nähe der Mutter nicht, an der alles weich war: ihr Äußeres, ihre Stimme, ihr Wesen, ihre Prinzipien, ihre Standpunkte.

Isolde wusste natürlich, warum Cornelius nicht schrieb. Er war heilfroh, endlich von zu Hause wegzukommen, endlich dem Genörgel des Vaters und der lächerlichen Umsorgung der alten Glucke zu entfliehen. Warum sollten seine Gedanken dem verlassenen Zuhause gelten? Warum sollte er sich darum scheren, ob sich die Mutter sorgte oder nicht? Hatten sie nicht beide längst gelernt, ihrer Bemutterung gleichgültig gegenüberzustehen, um nicht von ihr erdrückt zu werden? Cornelius hatte Isolde hier zurückgelassen, obwohl sie es einander anders versprochen hatten. Denn natürlich war nicht er es, der den Absprung geschafft hatte. Sie hatte ihm ermöglicht, nach Rom zu reisen. Sie hatte ihn auf die Idee gebracht, und ihr hatte er das Stipendium zu verdanken. Ohne sie würde er sein Leben lang den leichten Weg gehen, den Weg der täglichen Ausflüchte und Heimlichkeiten, um Mutter und Vater auszuweichen. Alleine wäre er niemals imstande, einen großen Schritt zu tun.

Isolde war fest entschlossen, ihrem Bruder nachzureisen. Professor von Schabeisen hatte ihr eine Kur im Süden in Aussicht gestellt, doch dafür musste sich ihre Krankheit erst einmal glücklich entwickeln. Und das würde sie. Sie würde ihre gesamte Willenskraft auf dieses Ziel ausrichten. Sie vor allem wollte ja weg von der Mutter, weg vom Vater, weg von der Engstirnigkeit der Kleinstadt. Der übliche Weg einer jungen Frau, das zu erreichen, war eine geschickte Heirat. Doch wenn es eines gab, das sie ganz sicher niemals tun würde, dann dies! Die Vorstellung, sich einem Mann zu unterwerfen, war ihr derart zuwider, dass ihr alleine beim Gedanken daran übel wurde. Dieser Mann würde sie berühren! Sie würde schwanger werden! Sie würde gebären! Sie würde Kinder um sich haben! – Niemals! Sie wird zu ihrem Bruder nach Rom fahren, sie wird ihn zwingen dortzubleiben, und unter dem Deckmantel des brüderlichen Schutzes wird sie dort ein Leben führen, wie sie es will.

Isolde wandte sich wieder ihrem Buch zu und las ein paar Zeilen, ohne im Geringsten zu merken, was sie las. Und als sie tief durchatmete, um die schwarzen Gedanken, die in ihr wühlten, aus sich herauszubringen wie ein alter Bergmann den zersetzenden Kohlestaub, überfiel sie ein erneuter Hustenanfall. Während sich ihre schmale Brust unter den scheußlichen Krämpfen wand, einer Ringelnatter gleich, die man in der Mitte durchgeschnitten hat, flogen rote Blutspritzer auf das Buch. Es fiel von ihrem Schoß ins Gras, und sie presste eilig ihr Taschentuch vor den Mund. Im selben Augenblick schon stand Theresa bei ihr, reichte ihr ein frisches Tuch und Wasser und umfasste mit eisernem Griff Isoldes Schultern, um ihr die Krämpfe zu erleichtern.

An die Schmerzen beim Husten hatte Isolde sich längst gewöhnt. Doch was sie maßlos wütend machte, war das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Machtlosigkeit, wenn die Krankheit sie in Form des zähen Hustens packte und erst wieder losließ, wann es ihr gefiel. Und die keineswegs so gnädig war, sich zurückzuziehen, wie alle in den letzten Tagen gehofft hatten, sondern in tiefroter Schrift auf ihrem Buch das geschwächte Menschenkind als ihren alleinigen Besitz bezeichnete. Und so war es ihr kranker Körper, den Isolde am allermeisten hasste.

*

Als Franz in Sirmione von Bord ging, staunte er, wie sich alles von selbst fügte. Das Gepäck wurde ans Ufer gestellt, man verbeugte sich vor ihm, hielt die Hand um ein Trinkgeld auf und verbeugte sich – nachdem er ein paar Münzen gegeben hatte – noch einmal.

Noch auf dem Boot hatte Franz in einer der beiden kleineren Taschen, die der Reisende selber trug und keinem Träger anvertrauen musste, einen Beutel mit bayerischen Gulden und einigen vom Kirchenstaat geprägten Scudi gefunden und eine lederne Börse, zusammengefaltet und mit einem schmalen Band aus demselben Leder zugebunden. Darin, mit dem Siegel des bayerischen Königs versehen, einen Pass. Ausgestellt auf den Namen Cornelius Lohwaldt und mit dem Reiseziel Rom, über Innsbruck, Bozen, Mantua, Modena, Bologna und Florenz. Dazu einige Empfehlungsschreiben, die Franz sich später in Ruhe anschauen wollte.

Er konnte also den Bootsmann bezahlen und einem Beamten in österreichischer Uniform, der auf ihn zutrat, um seinen Pass zu kontrollieren, das Dokument überreichen. Der Mann warf kaum einen Blick darauf, die Kontrolle schien ihm nur eine lästige Formalität, da der fremde Besucher ohnehin nur vom österreichischen Tirol ins ebenso österreichische Lombardo-Venetien wechselte.

Als Franz sich nach der Kutsche in Richtung Mantua erkundigte, wurden die Koffer im Nu auf einen Wagen gewuchtet, der auf dem sonnigen Platz neben einem steinernen Brunnen bereitstand. Franz staunte, wie leicht es sich als wohlhabender Mann lebte! Da bis zur Abfahrt noch Zeit für eine Mahlzeit blieb, führte ihn der Bootsjunge zu einem Gasthof, wo man Franz einen guten Tisch im Schatten wies. Als er den Wunsch äußerte sich umzukleiden, wurden ohne weitere Umstände seine Koffer wieder von der Kutsche heruntergehoben und in ein Fremdenzimmer gebracht.

Franz zwängte sich in einen sauberen Anzug und einen schwarzen Rock Lohwaldts und legte den Altdeutschen Rock, der zwar in der Sonne schnell getrocknet war, aber vom Wasser arg zerbeult aussah, in den Koffer. Seine eigenen Hosen gab er einer Dienstmagd, um Putzlumpen daraus zu machen. Dann ließ er einen Barbier rufen, der ihn rasierte.

Als Franz zu seinem Tisch zurückkam, wartete bereits ein üppiges Essen auf ihn. Brotfladen, Oliven, Eierkuchen, eine Gardaseeforelle, röhrenförmige Nudeln mit Tomaten und geriebenem Käse darüber, verschiedene Käsestücke, die einen intensiven Geruch verströmten, ein geräucherter Schinken und ein Schälchen mit einem körnigen Brei, den der Wirt als risotto bezeichnete.

Von der Stunde in Sirmione war ihm aufgrund seiner Erschöpfung und inneren Aufgewühltheit später nichts mehr erinnerlich als dieses erste Essen seit vielen Tagen und zugleich das erste in seinem neuen Leben. Obwohl er schon oft Hunger gelitten hatte, erinnerte er sich nicht daran, das Glück einer Mahlzeit jemals so tief empfunden zu haben. Als er von dem Fladenbrot ein Stück in den Mund steckte, als seine Zähne die knusprige Kruste zerbrachen, als er den aromatischen, leicht salzigen Geschmack auf der Zunge spürte, begann er haltlos zu weinen.

 

Später dann bestieg Franz zum ersten Mal in seinem Leben eine Kutsche. Nie zuvor war er ein Kutschenmensch gewesen. Immer nur ein Zufußgeher. Und zwar lange Jahre nur ein barfüßiger. Mit ihm in der Kutsche saßen drei Männer, die Sohn, Vater und Großvater zu sein schienen und sich ruhig auf Italienisch unterhielten. Sie trugen alle drei den gleichen Backenbart – der junge noch als durchscheinenden Flaum, der mittlere tiefschwarz und struppig, der älteste schlohweiß. Über sie wusste Franz später nichts weiter zu sagen. Er mied ihre Blicke, weil er sich in seiner neuen Rolle noch allzu unsicher fühlte. Sobald die Fahrt losging, sah Franz aus dem Fenster, um alles aufzunehmen, was sich seinem Blick bot. Wie wundersam die Reise sich seit der Überquerung des Sees gewandelt hatte! Die Landschaft war nicht mehr dieselbe: Die Berge und Täler waren in eine Ebene übergegangen, die einen weiten Blick über Felder und Gärten bot. Doch Franz war zu müde nach allem, was er erlebt hatte. Schon nach wenigen Minuten musste er die brennenden Augen schließen. Einen kurzen Moment nur, um nichts zu versäumen … Und als jemand an seinem Knie rüttelte, um ihn zu wecken, stand die Kutsche wieder still. »Mantova, Signore!« Es war der Kutscher, der ihn weckte. Verwirrt fragte Franz ihn, wann es weitergehe nach Modena, Bologna, Rom. Er hob bedauernd die Schultern. »Domani.« Und fügte stolz auf Deutsch hinzu: »Morgen frie!«

Während sich draußen die Dunkelheit über die Stadt senkte, saß Franz barfuß, ohne die drückenden Schuhe, auf dem verschlissenen Teppich eines Hotelzimmers vor den geöffneten Koffern und machte sich vertraut mit Cornelius Lohwaldts Besitz. Er las die Empfehlungsschreiben, versuchte, sich darüber klar zu werden, von wem sie stammten und an wen sie gerichtet waren, was ihm kaum gelang, und so prägte er sich die Namen ein, so gut es ging: Häffelin, Bartholdy, Niebuhr, Bunsen, Schultheiß …

Er zählte das Geld. Er musste sparsam damit umgehen. Ob er es überhaupt wagen konnte, das Geld des königlichen Stipendiums beim bayerischen Gesandten am Heiligen Stuhl abzuholen? Die Gefahr, entdeckt zu werden, war dort sicherlich am größten. Wer weiß, ob nicht einer der Beamten – vielleicht der Gesandte persönlich – zwischen München und Rom hin- und herreiste und Lohwaldt sich ihm schon in der Heimat vorgestellt hatte. Und für den Fall, dass sein Betrug aufgedeckt würde, müsste er vielleicht von einem Moment auf den anderen fliehen, und dann wäre er dankbar für jeden Kreuzer und jeden Scudo, der ihm weiterhalf. Wohin auch immer.

Franz fand einige Bücher, die er teilweise schon früher gelesen hatte, aber erfreulicherweise noch nicht alle kannte. Schiller, Hegel, einige Klassiker – und natürlich Goethes Italienische Reise, die der Dichter vor nunmehr zweiunddreißig Jahren unternommen hatte, deren Beschreibung er aber erst vor Kurzem – den ersten Teil vor anderthalb Jahren, den zweiten erst im letzten Herbst – veröffentlicht hatte.

Die Anzüge und die Wäsche des ertrunkenen Dichters nahm er aus dem Koffer und faltete sie auseinander. Er hielt sie sich vor den Körper und probierte diese Jacke oder jenes Hamd an, um sich daran zu gewöhnen, dass sie nun ihm gehören sollten, doch er hatte das Gefühl, dass sie sich noch widerborstig gegen die fremde Berührung sträubten. Als Franz sie auf das Bett, auf den Tisch und auf die beiden Stühle seines Zimmers breitete, begannen ihn die verwaisten Anzüge sogar anzuklagen: Wo ist unser Herr?, flüsterten sie. Was hast du ihm angetan?

Franz wich erschrocken zurück. »Ich habe versucht, ihn zu retten!«, rief er ihnen zu. Aber hatte er das wirklich? Hatte er nicht instinktiv die Chance gefühlt, die sich ihm bot? Ein Leben gegen ein anderes? Hatte er ihn aus einem verborgenen Drang heraus zu Tode gebracht? Wenn er sich doch nur an die Einzelheiten des Ringens im dunklen Wasser erinnerte! Doch so sehr er sich auch plagte: Er fühlte nur in Bruchstücken, was unter der Oberfläche des Sees geschehen war. Die Kälte, die Atemnot, die Todesangst – und alles war so schnell gegangen! »Ich bin kein Mörder!«, rief er aus.

Franz mühte sich, die erschreckenden Gedanken zu verdrängen, denn es war doch offenbar, dass der andere zu viel Wein getrunken hatte und ohne fremdes Zutun vom Steg ins Wasser gestürzt war. Aber hätte er nicht von alleine zur Oberfläche zurückgefunden? War es nicht der unselige Kampf unter Wasser gewesen, der seinen Untergang besiegelt hatte?

So drehten sich Franz’ Gedanken immer wieder im Kreis. Er fragte sich, ob es ihm je gelingen würde, sein Leben als Cornelius Lohwaldt in Rom zu genießen.

Nicht an morgen denken, redete er sich schließlich ein.

Doch! An morgen denken! An Rom!

 

Franz versuchte sich abzulenken, indem er in der Italienischen Reise blätterte. Doch er fand keinen Trost darin: Wie sehr unterschied sich seine zerrissene Gemütsverfassung von der in sich ruhenden und zugleich aufgeschlossenen des alten Dichters. Genauso hatte er sich in seinen jugendlichen Träumen die eigene Romreise vorgestellt. Und nun hockte er über fremden Koffern und durchstöberte Kleidung und Papiere, die ihm nicht gehörten.

Er stellte sich ans offene Fenster, um sich in der lauen Nachtluft zu beruhigen, doch der Blick auf die dunkle Stadt brachte seinem Gemüt auch keinen Frieden: War es nicht geradezu ein böses Vorzeichen, dass er die erste Nacht auf italienischem Boden in Mantua verbrachte? Die Stadt, über die er nichts weiter wusste, als dass Shakespeares Romeo hier die zerschmetternde Nachricht von Julias Tod erhalten hatte und dass hier vor wenigen Jahren erst der Tiroler Andreas Hofer, als in der Stadt noch Napoleons Adoptivsohn regierte, von den Franzosen auf grausige Weise exekutiert worden war?

Schließlich gelang es der verheißungsvoll duftenden Nachtluft, seine düsteren Gedanken fortzuwehen, und Franz dachte an all das, was dort draußen auf ihn wartete. Alles, was er noch nicht kannte in diesen seltsamen Ländern im Süden. Guten Mutes ging er schließlich hinüber zu den Anzügen, reichte ihnen die Hand und schüttelte die Ärmel. »Wir werden uns gut vertragen«, sagte er zu ihnen. »Mein Name ist Franz. Aber das darf außer euch niemand wissen. Das bleibt unser Geheimnis.«

Solcherart von überreizten Gedanken getrieben, fand er in der Nacht kaum Schlaf. Und auch nachdem er Lohwaldts Anzüge längst wieder im Koffer eingeschlossen hatte, geisterten sie, mal freundlich, mal anklagend, um ihn herum.

 

Am folgenden Tag in der Kutsche versuchten die italienischen Mitreisenden, ein paar Worte aus ihm herauszubringen, was sie allerdings bald aufgaben. Nur einer ließ sich von Franz’ innerer Abwesenheit nicht entmutigen. Der einzige deutsche Mitreisende, ein beleibter Herr mit sächsischem Akzent, war fest entschlossen, Konversation zu betreiben, notfalls auch alleine. »Darf ich mich vorstellen? Köhler mein Name. Wohin reisen Sie, junger Mann?«

»Nach Rom …«, erwiderte Franz, ohne das Gespräch durch eine Gegenfrage fortzuführen.

»Rom!«, rief der Sachse. »Die Ewige Stadt! – Künstler?«

»Dichter …«

»So, also! Ein Diener der Muse Kalliope! He! Meine Kunst ist der Handel. Ich diene der Muse Pecunia. He, he! Zum ersten Mal im Süden?« Er fragte, aber er wartete nicht auf Antwort. »Glauben Sie bloß nicht, dass die Zustände im Kirchenstaat besser werden, seit die Franzosen den Papst zurückgeben mussten. In Wien haben sie ja alles getan, um das Durcheinander zu normalisieren. Aber was heißt hier schon normal? Dies ist ein Scherbenhaufen! Republik Venedig, Herzogtum Parma, Herzogtum Modena, Mantua, Milano, Genua, Großherzogtum Toskana – im einen Moment sind sie noch da, dann von der Landkarte radiert! Napoleon …«

Köhler aus Sachsen, weil Franz so gar nicht auf das Gespräch einging, wandte sich einem anderen Mireisenden zu, einem älteren Lombarden, der zwar kein Deutsch verstand, aber dafür beständig freundlich nickte.

»Plötzlich liest man von der Cisalpinischen Republik, der Cispadanischen Republik … Ein obskures Königreich Etrurien taucht auf, dessen Thron Napoleon mit seinen Spielfiguren aus dem Haus Bourbon-Parma besetzt …« Er wandte sich wieder Franz zu. »Nur um sie kurz darauf ins Herzogtum Lucca zu schieben, weil der Kaiser das Königreich Etrurien wieder ins Großherzogtum Toskana verwandelt und seiner Schwester Elisa zum Geschenk macht, die es dann wieder an den Habsburger Ferdinand III. zurückgeben muss … Napoleon vertreibt die Fürsten, die Österreicher vertreiben Napoleon und nachdem der Kirchenstaat fast verschwunden war, taucht er wie von Zauberhand wieder auf. Man sagt, ohne Humboldts zähes Verhandeln in Wien würde es ihn gar nicht mehr geben …«

So rollte Köhlers Erzählung gleichsam wie ein weiteres Wagenrad durch die endlose Ebene. Er hörte nur auf zu reden, während sie mit einer Fähre den Po überquerten, einen gewaltigen Fluss mit weiten Sandbänken. Doch sobald die Fahrt weiterging, rollte auch wieder sein Wagenrad: »Ja, ja, die Deutschen und Rom … He! Gar nicht zu reden vom Mittelalter, als hier fast alles deutsch war. He! Kartenmaler müsste man sein! Man könnte reich werden, wenn man nicht den Verstand verliert! Und wer hat etwas davon? Auf jeden Fall nicht das Volk! Werden von einem zum anderen geschubst, und dabei zieht man ihnen das letzte Hemd aus. Aber am schlimmsten treiben es die Päpste. Sie werden es ja zu spüren kriegen, junger Mann, wenn Sie im Kirchenstaat sind. Schon im Gesäß. He! Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand! Ich steige zum Glück in Modena aus. Nicht so fortschrittlich wie die Toskana, aber immerhin österreichische Verhältnisse. Gut fürs Geschäft. Man weiß, die Geschäftspartner vom letzten Jahr sind noch nicht im Kerker verrottet. He!«

Irgendwann schlief Köhler dann ein, Franz hatte den Eindruck, mitten in einem seiner Sätze. Je länger sie die Weite der Ebene durchquerten, umso mehr begann Franz, Hoffnung zu schöpfen. Immer noch wurde er innerlich hin- und hergerissen. Niedergeschlagenheit und Hoffnung, Verzweiflung und Euphorie, Reue und Vorfreude auf ein unverhofft geschenktes Leben stürmten durch sein Gemüt wie die Felder und Haine und Wassergräben, die vor dem Fenster vorbeizogen.

In seiner Haltlosigkeit versuchte er, aus allem Möglichen Zeichen zu deuten:

Das Verschwinden der Berge, die hinter ihm immer dunstiger und kleiner wurden, nahm er als gutes Omen, weil mit ihnen sein altes Leben verschwand.

Auf einer Weide standen sieben Rinder, und die Zahl Sieben bringt bekanntlich Glück.

Dann wieder sah er am Straßenrand eine Stute mit zwei Fohlen, einem weißen und einem schwarzen. Als die Kutsche vorbeirasselte, scheute das weiße, vertrat sich in dem schmalen Wassergraben und stürzte. Das schwarze aber hob wiehernd den Kopf, als ob es lachte. Das konnte natürlich nichts anderes als ein übles Vorzeichen sein!

Einmal begegneten ihm die Blicke dreier junger Frauen mit bunten Röcken und weißen, über der Brust geknoteten Tüchern, die Krüge auf dem Kopf trugen und neugierig zu der vorbeifahrenden Kutsche herübersahen. Franz winkte ihnen zu und dachte im selben Moment, dass die drei Parzen erschienen waren, um ihm sein Schicksal zu verkünden. Erst glaubte er, sie würden seinen Gruß ignorieren, doch dann hoben sie alle drei die Hand und winkten lachend zurück. Wenn das kein gutes Vorzeichen ist, dachte Franz. Die Schicksalsgöttinnen lachen mir zu! Franz schienen die guten Vorzeichen zu überwiegen, und er begann, besseren Mut zu fassen.

Auch die nächste Passkontrolle, als er vom österreichischen Lombardo-Venetien ins Herzogtum Modena wechselte, wo Franz IV., Erzherzog von Österreich, regierte, ermutigte Franz, denn auch sie spielte sich als eine gelangweilte Formalität ab. In Modena verabschiedete sich Köhler aus Sachsen. »Viel Glück, junger Freund. Grüßen Sie Kalliope! Und nehmen Sie sich in Acht vor den sbirri.«

»Was sind die sbirri?«, fragte Franz.

Und Köhler flüsterte verschwörerisch: »Geheimpolizei. Üble Burschen! Solange Sie nichts anstellen, brauchen Sie nicht mehr zu wissen. He!«

In der folgenden Nacht ließ Franz die anklagenden Anzüge im Koffer und schlief tief und traumlos. Am Morgen fand er sich aus irgendeinem Grunde allein in der Kutsche nach Bologna. Alle anderen Plätze waren frei. Das Gesicht des Kutschers hatte Franz beim Einsteigen nicht gesehen, weil der Mann sich ein schwarzes Tuch um Mund und Nase gewunden hatte, das im Schatten seines breitkrempigen Huts nur die Augen frei ließ.

Ein dünner Nebel hing über dem Land. Ein fahler Dunst wie Asche und Schwefel, durch den eine trübe Sonne schimmerte, die so kraftlos war, dass Franz direkt hineinschauen konnte. Um sie herum stand ein unheilverkündender Ring in der Luft.

Franz sah keine Vögel fliegen, und er hörte auch nicht ihre Stimmen. Bedrückend still lag das Land, und nicht einmal von dem Kutscher war ein Laut zu hören. Er sprach nicht mit seinen Pferden, er rief ihnen nichts zu, und er schrie sie nicht an, wie es die meisten Kutscher taten. Schweigend ließ er sie laufen, still und ohne zu schnauben, zogen sie den Wagen.

Als nach der unheimlichen Fahrt ein seltsames Gebilde im Nebel auftauchte, glaubte Franz zu träumen: Dutzende von unwirklich dürren Türmen schwebten in der Luft. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass die riesenhaften Pfähle, die sich da vor ihm verdichteten, tatsächlich Bauwerke waren. Niemals hatte er so hohe und so schmale Gebäude gesehen. Das musste Bologna sein. Franz hatte von Köhler gelernt, dass Bologna die erste Stadt seiner Reise war, die zum Kirchenstaat gehörte, und so hing von den Formalitäten dort vieles ab.

Auch in den Straßen der Stadt hing der Nebel. Gespenstisch hallten die Räder der Kutsche von den hohen Türmen wider, die sich weit oben im Nichts verloren. Ein dickbäuchiger Uniformierter mit einer Doppelreihe goldener Knöpfe, einem Zweispitz und einem roten Streifen an der Hose öffnete den Wagenschlag und herrschte Franz an, er möge sich in eine Amtsstube begeben, wo sein Pass geprüft werde.

Als Franz ausstieg, hatte er unsichere Knie vor Angst. Das Licht war trübe und glänzend zugleich, und der Stadtpalast, auf den er zuging, warf einen diffusen Schatten. Auch die Schatten der bizarren Vielzahl dicht gedrängter Türme standen geisterhaft in der trüben Luft. Unter den düsteren Arkaden des Palasts zog er fröstelnd die Schultern zusammen.

Der Beamte, der den Pass entgegennahm, wirkte kränkelnd und übellaunig. Seine Augen fielen an den Seiten stark ab, was ihm einen armselig arroganten Ausdruck verlieh. Er knurrte Franz mit Fragen an, die er nicht verstand, lediglich immer wieder austriaco und bavarese, wedelte mit dem Dokument und schlug mit dem Handrücken darauf. Offenbar vermisste er einige Stempel und Unterschriften von unterwegs. Franz versagte der Atem. Er stotterte Antworten, die nichts bedeuteten und den Beamten noch mehr in Rage brachten. Schließlich steckte der den Pass in eine große lederne Mappe und wies ihm die Tür. Franz bat um seinen Pass, doch der Mann würdigte ihn keines weiteren Wortes. Es war zum Entsetzen! Sollte seine Reise jetzt schon zu Ende sein? Und nur, weil irgendein gleichgültiger Beamter unterwegs Lohwaldts Pass nicht ordnungsgemäß unterzeichnet hatte? Man wies ihn in der Eingangshalle in einen Bereich, der durch einen Zaun abgegrenzt war und in dem drei Bankreihen hintereinanderstanden. Es sah aus wie ein Ziegengatter. Franz war der Einzige, der darin saß. Menschen kamen und gingen, und niemand beachtete ihn. Dafür lugte er mit umso größerer Sorge immer wieder zu den Uniformierten hinüber, die an verschiedenen Stellen des Raums postiert waren. Franz wusste nicht, wie lange er dort saß. Jedenfalls so lange, dass die Kutsche wohl längst ohne ihn weitergefahren war. Was war mit seinem Gepäck? Stand es ohne Aufsicht draußen auf den glänzenden Steinplatten der piazza? Hatte man ihn vergessen? Oder würde es eine genauere Prüfung geben, deren Ausgang für ihn höchst ungewiss war?

Wenn es ein böses und ungutes Vorzeichen für seine Reise nach Rom gab, dann das peinliche Festsitzen in dem erniedrigenden Gatter. Und je länger er dort saß, desto irrsinniger schien ihm die Hoffnung, mit seiner Lüge durchzukommen. Wie hatte er nur glauben können, mit einem gestohlenen Pass über all diese Grenzen zu gelangen? Natürlich musste sein Betrug auffallen! Seine einzige Chance bestand darin, jetzt sofort aufzustehen und zu fliehen.

Doch das wollte Franz nicht hinnehmen. Er dachte daran, wie er zum ersten Mal den Pass vorgezeigt hatte, in Sirmione am Seeufer. An das selbstverständliche Bezahlen des Boots, an die großzügigen Trinkgelder. Er hatte gedacht, wie leicht es sich als wohlhabender Mann lebte. Zum ersten Mal war das Gefühl in ihm aufgeflackert, ein anderer zu sein. Jetzt galt es: Er war nicht mehr Franz Wercker, er war Cornelius Lohwaldt. Würde Lohwaldt sich das bieten lassen? Hier zu sitzen und seine Reise durch die Eigenmächtigkeit eines selbstherrlichen Staatsdieners, der nur dazu geschaffen worden war, Menschen das Leben schwer zu machen, verhindern zu lassen?

Nein.

Franz begriff, dass ihm sein neues Leben am See schicksalhaft zugefallen war, aber dass er es sich auch verdienen musste. Dies war die erste Prüfung, die er bestehen musste, aber gewiss nicht die letzte. Wollte er jetzt schon aufgeben?

Schluss musste sein mit dem Lauern auf Vorzeichen. Wie lange wollte er das treiben? Nicht Zeichen deuten, sondern Zeichen setzen! Er würde sich sein Glück nicht durch so einen Provinzbeamten zerstören lassen! Wenn er in Rom scheiterte – dann war das sein Schicksal. Aber nicht hier, in diesem Nest, das im Mittelalter vielleicht einmal eine bedeutende Stadt gewesen, aber jetzt nur noch eine Ansammlung von baufälligen Türmen war. Franz fasste den Entschluss, sich diese Ironie nicht bieten zu lassen. Er stand auf, ging zu der Amtsstube, in der man seinen Pass zurückhielt – jawohl, seinen! –, und trat ein.

Der übellaunige Beamte mit den abfallenden Augenlidern blickte ihn an. Die Arroganz seines Blicks wich Überraschung, als er Franz erkannte. Mit festem Schritt trat Franz an seinen Tisch heran und sagte ebenso freundlich wie bestimmt: »Ich wünsche meine Reise jetzt fortzusetzen.«

Der Beamte blickte ihn ausdruckslos an. Er schien noch nicht entschieden zu haben, wie er auf das eigenmächtige Auftauchen des Fremden reagieren sollte.

»Meinen Pass, bitte«, setzte Franz nach.

Der Mann verstand ihn nicht, begriff aber sehr wohl den Sinn seiner Worte. Er griff nach der ledernen Mappe und klappte sie auf. Darin lag der Pass. Längst gestempelt und unterschrieben.

Offenbar hatte der kleine Übellaunige ihn nur zurückgehalten, um zu demonstrieren, wer der Herr im Lande war. Er stellte eine Frage, die Franz seinerseits nicht verstand. Einen Moment lang war er versucht, etwas zu stammeln, das seine Verständnislosigkeit ausdrücken sollte, aber er besann sich.

Er sagte einfach nur: »Vielen Dank.« Er nahm in aller Ruhe das Dokument, sah dem Beamten in die hängenden Augen und verbeugte sich höflich. Dann wandte er sich um und ging zur Tür. Er erwartete, aufgehalten zu werden, doch nichts geschah. Natürlich, sagte er sich, als er auf die piazza hinaustrat, die inzwischen in strahlendem Sonnenschein lag. Er war kein Niemand mehr, mit dem man umsprang, er war jetzt jemand! Und solange er selber daran glaubte, glaubten es die anderen auch.

Dort, wo die Kutsche gehalten hatte, wartete eine andere, doch Franz’ Koffer lagen obenauf, als wäre nichts geschehen. Auch Mitreisende gab es jetzt wieder. Der Kutscher war eine hagere Gestalt mit langen Knochen, dessen Mantel lose um ihn herum hing, als ob er echsengleich dabei wäre, sich zu häuten. Er begrüßte Franz überfreundlich und wies in die Kutsche. Franz fand sich darin mit einem nervösen älteren Herrn, der beständig etwas in seinen Taschen suchte, und zwei Damen, einer jüngeren und einer älteren. Die Jüngere sah bisweilen verstohlen zu ihm hinüber, worauf sie von der Älteren geknufft wurde. Dann warf ihm die Ältere böse Blicke zu, bis die Jüngere irgendwann wieder von ihrem Buch aufsah und das Spiel von vorne begann. Das Irritierende war, dass die beiden Damen genau die gleichen herabhängenden Augenwinkel hatten wie der Beamte, der ihn mit dem Pass geärgert hatte. Die Alte warf Franz bittere Blicke zu, wann immer sie glaubte, er beobachte das junge Mädchen. Also schaute er aus dem Fenster, sobald die Pferde anzogen. Und es war ihm gerade recht, denn was gab es alles zu sehen!

Gleich nach Bologna ging es in die Berge, die Täler wurden schmal und steil, der Weg folgte einem rauschenden Bach, der noch das graue Schmelzwasser der Höhen führte. Im selben Grau auch die Bergdörfer hoch auf den Felsen, aus denen sie seit Urzeiten zu wachsen schienen – und zu denen viele von ihnen wieder zerfielen. An den Hängen saftige Wiesen mit Kräutern in allen Farben, auf der Sonnenseite weiß und rosa blühende Obstbäume, gegenüber schattige Wälder. Als sich das Tal wieder öffnete, strahlte in den Ebenen das Rot der Mohnblumen, halbe Häuser waren in violette Fliederwolken gehüllt, gelbe Akazien prangten in voller Blüte. Ganze Wiesen legten sich strahlend gelb in sanften Wellen übers Land. Junger Weizen wogte im Wind, die Olivenbäume schwebten silbern über ihren dunklen Schatten, und lange Reihen violetter Blumen verströmten einen unbeschreiblichen Duft.

Wieder Grenzkontrollen, als sie das Gebiet des Großherzogtums Toskana durchfuhren, aufgrund seines Stempels aus Bologna nur mürrische Formalitäten. Das viel gerühmte Florenz war ihm faszinierend und fremd. Franz wusste nicht, warum, aber er fühlte sich verloren, es war nicht das, was er suchte. Er zögerte, ob er zwei oder drei Tage bleiben müsste, um die berühmten Sammlungen anzuschauen, aber es waren nicht die Gemäldesammlungen, die ihn trieben, es waren nicht die Paläste der Renaissance. Er wollte so schnell wie möglich nach Rom. Weiter also!

So vieles Kleines, das Franz unterwegs beobachtete: dass sie den Pferden hier nicht Hafer gaben, sondern Bohnen. Er sah zwei schmutzige Kinder, die sich eine Zitrone teilten und dabei die komischsten Grimassen schnitten. Eine Greisin wurde von zwei jungen Mädchen in einem Handkarren gezogen. Weiße Laken auf einer Leine winkten ihm zu. Über fernen Bergen regnete ein Gewitter in feinen Schleiern ab. Die Wege über die Hügel wurden gesäumt von schlanken, spitzen Bäumen. Die Dörfer lagen oben auf den Höhen anstatt unten im Tal, wie er es von zu Hause kannte, und man sah sie lange, während man unten vorbeifuhr.

Arezzo, Perugia, Terni – die Welt flog an Franz vorbei wie ein Traum. Wenn man ihn bat, in die Kutsche zu steigen, dann stieg er ein, wenn man ihn zur Rast herauswinkte oder ihm ein Bett für die Nacht zuwies, dann ging er schlafen. Unzählige namenlose Dörfer zogen an ihm vorbei – Franz wusste später nicht mehr zu sagen, wo er gegessen, wo er geschlafen hatte und wo die Kutsche zwischen alten Häusern hindurchgeklirrt war.

Irgendwann drangen Aufregung und Poltern und Schreien in seine Ohren. Franz musste eingeschlafen sein, er bemerkte, dass die Kutsche stillstand, der Wagenschlag offen und alle anderen ausgestiegen waren. Auch Franz kletterte aus dem Wagen. Neben der schlammigen Straße hinderte ein kräftiger Holzzaun daran, in ein schmales Tal zu stürzen, durch das sich die Gebäude eines Klosters zogen. Der Weg war überschattet von einer ausladenden Eiche. Runzelig und ehrwürdig klammerte sie sich auf einen Felsen, der die Straße auf eine schmale Spur verengte. Dort waren Wagenrillen in den aufgeweichten Grund eingepflügt. Der langknochige Kutscher trieb die Reisenden laut schreiend an, zu Fuß die kritische Stelle zu überqueren, damit der Wagen leichter sei und sich nicht allzu tief eingrabe.

Felsen und Zaun lagen im dunkelblauen Schatten der Eiche, doch weit dahinter, wie eine Erscheinung im schimmernden gelben Dunst, in einer unnennbaren Entfernung, schwebte auf dem Licht eine weiße strahlende Kuppel. Franz war erschüttert über ihre Schönheit. Und noch während die ältere Dame sich empört weigerte, einen Fuß in den Schmutz zu setzen, und der ältere Herr nervös seine Rocktaschen durchsuchte, ging Franz als Erster der Kuppel entgegen. In einer endlosen flachen Landschaft, einer grünen Ebene, durch die sich in weitem Bogen das Band eines erstaunlich gut erhaltenen Aquädukts zog, erhob sich die unglaubliche Stadt in ihren alten Mauern.

Franz stand und staunte.

Bis er eine tiefe, freundliche Stimme hörte: »Wer auch immer du bist – willkommen in Rom!«

Er wandte sich um und sah einen Mann im Schatten sitzen. Er hielt ein großes Brett auf den Knien, worauf ein Zeichenpapier gespannt war. Ein blonder Bart fiel über das reine weiße Hemd, die Hände und die lange Hose dagegen waren vom Schwarz und Rötel der Kreiden mächtig beschmiert. Der Fremde nickte Franz zu. »Du scheinst die gleiche Reise hinter dir zu haben wie ich selber. Maler?«

»Bitte?«

»Ob du Maler bist, Kamerad!«

»Nein …«

»Also Dichter.«

»Ja, ich …«

»Viele Worte scheinst du jedenfalls nicht zu machen.«

»Verzeiht, ich bin nur gerade …« Franz wies mit einer vagen Handbewegung auf die Stadt.

»Sprachlos. Bitte, lass dich nicht stören.« Er zeichnete weiter. Doch dann unterbrach er seine Arbeit erneut und beobachtete Franz, der den Anblick einsog. Franz sah, dass die Kuppel von St. Peter nicht schwebte, sondern auf einem mächtigen weißen Sockel stand. Er sah das Kolosseum, die drei halb nur verbliebenen Kuppeln der Konstantinsbasilika, er sah die Engelsburg und mitten im Gewimmel der Dächer das Rund des Pantheons. Und er sah, ewig in seinem umständlichen Lauf festgelegt, das gelbe Band des Tiber.

Doch schon wurde er aus seinem Staunen gerissen. Der Wagen hatte die lästige Stelle passiert, die Fahrgäste kletterten wieder hinein, und man winkte nach ihm. Als er einstieg, rief der Fremde ihm zu: »Woher stammst du?«

Und noch ehe Franz sich besinnen konnte, antwortete er dem Zeichner durchs Fenster: »Memmingen!« – Siedend heiß durchfuhr es ihn. Er hatte die eigene Herkunft genannt, nicht die von Cornelius Lohwaldt! Noch nicht einmal angekommen, und er verriet sein Geheimnis! Doch schon zogen die Pferde an, Franz drückte sich in seinen Sitz und mied den Blick des winkenden Mannes.

*

Während sie in die weite Ebene hinunterrollten, bot sich Franz ein ungewöhnlicher Anblick: Nicht wie andere Städte, die sich beim Näherkommen immer lebhafter aus Höfen und Vororten, aus Handwerksbetrieben oder Manufakturen verdichteten, lag Rom mitten in einer grasbewachsenen Landschaft. Nur über die Stadtmauern ragten bebaute Hügel, Türme und Kuppel hinaus. Wundersam lag die schlafende Königin am Tiberstrande über den dunstigen Schleiern der weiten und ruhigen campagna. Franz reckte den Kopf aus dem Fenster der Kutsche und war seit dem ersten Blick im Bann der Königin.

Sie hielten an einem Stadttor mit wuchtigen Verteidigungstürmen und wurden noch einmal kontrolliert. Ein junger Uniformierter der carabinieri mit einem roten Streifen an der Hose nahm ihre Pässe, las die Namen laut vor, und ein anderer notierte sie in ein großes Buch. Franz beobachtete, wie er neben den Namen Datum und Uhrzeit schrieb:

Cornelius Lohwaldt, 2 aprile 1818, alle 11.

Als er die Pässe zurückgab, lächelte der junge carabiniere Franz treuherzig an. Für einen Moment glaubte Franz, er wolle ihn rechts und links küssen, doch das schnurrbärtige Gesicht näherte sich ihm nur deshalb, weil er unwillkürlich Schwung nahm, um von den Stufen der Kutsche zu springen.

Der Kutscher zügelte die Pferde mit irrsinnigem Geschrei auf einem weiten Platz, aus dessen Mitte ein Obelisk in den Himmel ragte und an dessen stadtseitigem Ende zwischen den beiden Zwillingskirchen des Marienwunders und der Heiligen Maria in Montesanto eine schnurgerade Straße endlos in die Stadt schnitt.

Franz stand zum ersten Mal auf römischem Boden. Das Pflaster des weiten Platzes schien entweder nicht fertiggestellt worden zu sein, sodass sich im Laufe der Zeiten Staub und Dreck in den ungepflasterten Bereichen festgetreten hatten, oder allerlei Volk hatte sich bei den vielen, verführerisch herumliegenden Pflastersteinen bedient, um sie einem privaten Zweck zuzuführen. Das Gepäck wurde abgeladen, die ältere Dame und das junge Mädchen wurden von einem einachsigen Wagen mitgenommen, dessen Fahrer die gleichen hängenden Augen aufwies. Der nervöse Herr durchsuchte seine Rocktaschen, bis er von einem jüngeren abgeholt wurde, und sie entfernten sich zu Fuß. Schließlich stand Franz alleine neben seinen zwei Koffern und zwei Taschen. Aus dem Schatten des Obelisken löste sich ein rußiger Mann mit bemerkenswert großen Händen und fragte etwas in einem rauen Italienisch, wobei er auf das Gepäck wies. Obwohl Franz nichts antwortete, pfiff er durch die Zähne, und ein gebrechlicher Eselskarren wackelte herbei. Ein zerlumpter Junge sprang herab und wuchtete Franz’ Gepäck umständlich, ohne die Hilfe des groben Mannes, auf den Karren.

»Dove?«, fragte der Mann. Und das Einzige, was Franz einfiel, war der Name des Palasts, von dem er gelesen hatte, dass der bayerische Kronprinz dort bevorzugt Quartier nahm, wenn er Rom besuchte. Also entgegnete er: »Villa Malta.«

Der Mann schüttelte seine haarigen Hände und widersprach wortreich. Offenbar war er der Überzeugung, jemand wie Franz habe in der prächtigen Villa nichts zu schaffen. Franz wiederholte so selbstbewusst wie möglich: »Villa Malta!«

Also warf der Mann die großen Hände in die Luft, rief dem dürren Jungen etwas zu, und während Franz noch auf das wackelige Gefährt kletterte, zerrte der Junge schon am Halfter des abwehrenden Tiers. Mit einem heftigen Ruck ging es los, und dann holperten sie durch die engen Straßen.

Franz überlegte, wohin der Junge und der Esel ihn wohl fuhren. Ob sie lange Umwege fahren würden, um für den weiten Weg mehr Lohn verlangen zu können? Doch selbst wenn es so sein sollte: Es war ihm nur gerade recht. In Rom zu sein und doch noch nicht angekommen. Rom zu sehen, aber noch nicht um irgendetwas sich kümmern zu müssen. Die Fahrt hätte von ihm aus ewig dauern können.

Vom ersten Moment an fesselte ihn die Stadt und erschien ihm auf eine seltsame Art nah und vertraut. Sie hielt ihm gleichsam die Hand entgegen und lächelte ihn verhalten an. Die engen, staubigen Gassen, die fleckigen, verwaschenen Häuser, die Franz an eine Schauspielerin denken ließen, deren Schminke verlaufen ist, weil sie geweint hat. Die Schlagläden der meisten Fenster waren geschlossen oder standen wie antike römische Kriegsschilde gegen die Sonne, um nur Luft und Schattenlicht einzulassen. Doch hier und da konnte Franz einen Blick in eines der offenen Fenster werfen, und er ahnte eine Pracht, die in überraschendem Kontrast zum heruntergekommenen Äußeren der Häuser stand. Er sah Deckengemälde, er sah Kronleuchter, er sah zwischen den schweren Eichenbalken, auf denen das nächste Stockwerk ruhte, den Glanz goldener Verzierungen. Das alles lag verborgen und im Schutz des krustigen Äußeren wie eine Perle in einer Muschelschale. Sichtbar waren der Schmutz und der Unrat in den Winkeln, Bettler und Sieche. Das Rad des Wagens verfehlte knapp das Bein eines Mannes, der auf der Straße schlief – oder gestorben war. Was Franz zu seiner Enttäuschung in diesem Teil der Stadt nicht sah, das waren die Ruinen des Altertums. Kein weißer Marmor, keine Säulen, keine Statuen.

Bald ging es einen Hügel hinauf, eine lange, gerade Straße, deren drei- und vierstöckige Häuser sich von beiden Seiten gegeneinander zu beugen schienen, um die Sonne abzuhalten. Noch einmal abgebogen, und schon zerrte der Junge an dem Esel, schrie ihn an, und der Wagen blieb mit einem Ruck stehen. Der Junge wandte sich zu Franz um und wies mit der großen Geste eines Theatermagiers auf eine verwitterte Mauer, als hätte er sie herbeigezaubert. Franz sprang vom Wagen und ging zu einem schmiedeeisernen Tor, durch das er, umstanden von Palmen und spitzen Agaven, einen verwinkelten palazzo sehen konnte, der aus Würfeln und Klötzen aufgetürmt schien und von einem rechteckigen Turm mit einem flachen Ziegeldach überragt wurde. Der Junge sagte etwas, das Franz nicht verstand, und hielt schließlich einfach die Hand auf. Franz kramte einige Münzen aus der Tasche und legte eine davon in die schmutzige Hand. Der Junge strahlte von Herzen und verbeugte sich wieder und wieder. Offenbar hatte Franz ihm viel zu viel gegeben. Dafür ließ der Junge nicht zu, dass Franz beim Abladen des Gepäcks Hand anlegte, und knallte die großen Koffer tapfer aufs Pflaster. Im nächsten Moment stand Franz in der Gasse alleine. Er schaute sich um, doch niemand war zu sehen. Wohin sollte er sich wenden? Wen sollte er ansprechen? Was hatte er erwartet? Hätte er sich lieber zur bayerischen Gesandtschaft fahren lassen sollen, falls man schon eine Wohnung für Cornelius Lohwaldt hergerichtet hatte? Doch das hatte Franz nicht gewagt. Noch fühlte er sich kein bisschen wie Cornelius und überhaupt nicht vorbereitet, auf Fragen oder Bemerkungen angemessen zu reagieren. Weil ihm also nichts anderes einfiel, setzte er sich erst einmal auf den großen Koffer und wartete ab. Die römischen Frauen, die gelegentlich mit einem Korb oder einem gebundenen Tuch die Gasse entlangkamen, mieden seinen Blick und eilten im Schatten der Hauswand vorbei. Langsam verschwand seine Anspannung, die Ruhe der Gasse begann, in ihn einzuströmen, er hörte die Vögel, das Plätschern eines Brunnens, die Geräusche der Stadt, und irgendwo in einem der Häuser sang eine Frau ein Lied. Er sah Wolken gelassen über den Himmel ziehen, er sah das Glitzern der Blätter einer hohen Akazie über sich, er sah das warme Leuchten der Sonne auf einer der Hauswände und bemerkte zum ersten Mal, dass die krustigen Mauern im Sonnenlicht ihren ganz eigenen Reiz entfalteten.

Nachdem schon eine Weile lang niemand an ihm vorbeigekommen war, hörte er Schritte die Gasse heraufhallen, die sich langsam näherten. Er wandte sich um und sah eine junge Frau. Sie trug ein lichtblaues Kleid und einen Strohhut mit breiter Krempe, den sie mit Kornblumen bekränzt hatte. In der einen Hand hielt sie einen flachen, großformatigen Koffer, in der anderen einen zusammengeklappten weißen Schirm, und über ihre Schultern ragte das schmale Gestell einer Staffelei, die sie auf den Rücken geschnallt hatte. Sie warf Franz neugierige Blicke zu und blieb vor ihm stehen. Sie nahm ihren Sonnenhut ab, wobei sie geflochtenes blondes Haar und ein von der Sonne gebräuntes Gesicht zeigte, und musterte ihn aus freundlichen Augen.

»Guten Tag«, sagte sie auf Deutsch.

»Guten Tag«, antwortete Franz.

»Maler?«, fragte sie.

»Dichter«, antwortete er.

»Und wie es aussieht, ohne Wohnung.«

Franz nickte. »Ich bin gerade erst angekommen.«

»Ist es nicht herrlich?« Ihre Augen blitzten vor Freude. »Als ich angekommen bin, war das der schönste Tag meines Lebens. Dachte ich jedenfalls …«

»War er das nicht?«

»Nein. Es wird jeden Tag schöner. – Nun, fast jeden Tag.« Sie lachte. Plötzlich fiel Franz auf, wie unhöflich er war zu sitzen, während sie vor ihm stehen musste, und erhob sich schnell von seinem Koffer. »Seit wann sind Sie in Rom?«

»Seit eineinhalb Jahren. Eigentlich wollte ich nur eines bleiben, aber …« Sie holte tief Luft, als könnte die Luft am besten erklären, warum sie länger geblieben war. »Aber was machen wir jetzt mit Ihnen?«

»Vielleicht haben Sie eine Idee für mich? Vielleicht wissen Sie ein Zimmer für die ersten Tage …«

»Ich hätte schon eine Idee. In meinem Haus steht ein Zimmer leer. Aber …« Sie warf einen Blick auf Franz’ große und herrschaftliche Koffer. »Ich glaube, das ist nichts für Sie.«

»Oh, die Koffer! Nein, nein, das ist nicht so, wie es aussieht. Ich bin mit dem einfachsten Zimmer zufrieden!«

»Sie wissen nicht, wie einfach die Zimmer hier sein können.«

»Glauben Sie mir, ich weiß, wie einfach ein Zimmer sein kann.«

»Ich heiße Clara.« Die junge Frau hielt Franz ihre Hand hin, die gebräunt war wie die einer Bäuerin und zugleich schmal wie die einer Dame. »Wir Künstler nennen uns hier in Rom beim Vornamen. Gewöhn dich lieber gleich daran.«

Sie gaben sich die Hand. »Ich heiße Cornelius«, sagte Franz und hoffte, dass der ungewohnte Name ihm bald geläufig sein würde.

Clara verschwand in einem der Häuser und erschien nach einigen Minuten mit einem halben Dutzend Jungen, die sich gegenseitig um die schwersten Koffer zankten, bis sich die größten durchsetzten. Clara lachte freundlich über den Eifer, mit dem die Jungen sie zu beeindrucken suchten. Und so zogen sie schließlich die Gasse hinauf: Vorneweg Clara in ihrem hellblauen Kleid und mit ihren Malutensilien, neben ihr Franz in seinem schwarzen Rock, dahinter die beiden großen Koffer und zuletzt die beiden Reisetaschen – auf einem Dutzend schmutziger, nackter Jungenbeine von groß bis klein. Den kleinsten Jungen aber, der kein Gepäckstück hatte ergattern können, hatte Franz unter die Arme gefasst und auf seine Schultern gesetzt.

»Woher stammst du, Cornelius?«

Diesmal besann er sich besser: »Aus Nürnberg.«

»Und du bist Dichter?«

»Ja …«

»Um ehrlich zu sein, als ich dich dort habe sitzen sehen, auf deinen schönen Koffern, dachte ich, du bist ein Adelssohn auf Kavaliersreise. Aber du sahst gar nicht aus wie ein feiner Herr.«

»Nein?«

»Nein. Aber auch nicht wie ein Diener, der das Gepäck des Herrn bewacht.«

»Wie sehe ich denn aus?«

»Nun, wie ein – wie ein Dichter mit großen Koffern. Was dichtest du? Kenne ich deinen Namen? Habe ich schon etwas von dir gelesen?«

»Nein, ich … Das glaube ich nicht. Ich habe eine Ode geschrieben. Es scheint so, der König mochte sie …«

»König Maximilian von Bayern? Das ist ja fantastisch!«

»Ja, er hat mir ein Stipendium erteilt. Auf ein Jahr.«

»Stell dir vor, ich habe auch ein Stipendium. Aber von Carl August.« Sie lachte. »Ich habe nur einen Großherzog.«

Plötzlich erscholl hinter ihnen eine tiefe, laute Stimme: »Sieh an, der Memminger!«

Franz fuhr herum: Aus einer Nebengasse kam ein kräftiger Mann in weißem Hemd mit einem zerbeulten Strohhut auf dem Kopf. Der Maler, dem Franz vor der Stadt begegnet war!

»Memminger?«, fragte Clara. »Unser Neuer stammt aus Nürnberg.«

»Es tut mir leid, Fräulein Seidler, aber da irren Sie. Zufällig weiß ich aus erster Hand, dass der junge Dichter aus Memmingen stammt.«

»Ich denke, es gibt nur einen, der hier Klärung bringen kann«, erwiderte Clara.

Die beiden schauten Franz neugierig und offen an. Franz verfluchte sich innerlich, dass er sich noch keine Geschichte zurechtgelegt hatte. Jetzt fiel ihm nichts ein. »Nun«, sagte er. »Die Sache ist ganz einfach …«

»Ja?«, fragte Clara.

»Ja … Beides ist richtig.«

»Beides ist richtig!«, rief der Maler mit dem blonden Bart. »Unser neuer Freund ist gleich zwei Persönlichkeiten. Bei Mondlicht gehen sie getrennte Wege, bei Sonnenschein sind sie in einem Körper vereint!«

»Nein, keine Sorge. Ich bin bei Mondlicht wie bei Sonnenschein derselbe. Ich komme natürlich aus Nürnberg, aber …«

»Aber?«

»Aber … geboren bin ich in Memmingen! Nur geboren! Ganz einfach.«

»Ganz einfach.« Der Maler zuckte mit den Achseln. »Und ich hatte gehofft, endlich kommt jemand, über den es sich lohnt, zu klatschen und zu tratschen. Denn das tun wir hier am liebsten.«

»Das tun wir nicht!«, widersprach Clara.

»Du vielleicht nicht, aber wir Weiber schon!« Der Maler hielt Franz seine Hand hin. »Du nimmst mir wohl nicht übel, dass ich dir die Mondlichtgestalt angedichtet habe? Mein Name ist Georg. Georg Reichhard aus Dresden.«

Franz schlug ein. »Cornelius Lohwaldt. Aus Nürnberg.«

Also bekam ihr kleiner Zug mit den auf kleinen Beinen laufenden Koffern noch Zuwachs. Clara stimmte ein italienisches Lied an, das die Jungen lauthals mitsangen, und so erreichten sie bald Claras Haus in Sichtweite eines anderen römischen Stadttors, der Porta Pinciana mit ihren vielfachen gemauerten Rundbögen und dem einen einzigen Bogen, der noch sein klassisches weißes Marmorkleid trug. Clara sagte, sie wolle den Hausherrn fragen, ob Cornelius das Zimmer bekommen könne, und verschwand im Haus.

Buchempfehlungen Frühjahr 2018

Unsere Kolleginnen und Kollegen haben uns verraten, auf welche Bücher sie sich besonders freuen:

»Frühlingszeit ist Gartenzeit. Überall im Land ziehen Gärtnerinnen und Gärtner nach der langen Winterpause mit leuchtenden Augen in ihr kleines Paradies, um es wieder auch Hochglanz zu bringen. 
Doch Garten ist nicht nur Paradies, Garten ist auch Krieg. Christian Feyerabend mit seinem 300-Quadratmeter-Kleingarten, weiß wovon er spricht: Der Salat ist zerfressen, die Bäumchen wollen nicht grünen und der Gärtner wird übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten. In »Garten ist Krieg. Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können« spricht Christian Feyerabend allen Hobbygärtnern aus der Seele und liefert auf charmante und sehr humorvolle Art zahlreiche Tipps und Tricks zur Verteidigung des eignen Idylls.«

Eine Buchtipp von Anja Hänsel, Lektorin

Blick ins Buch
Garten ist KriegGarten ist Krieg

Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können

Unkraut vergeht nicht, sagt der Volksmund. Im Garten von Christian Feyerabend existieren gut 30 Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher, die in seinen Garten kommen, finden ihn »paradiesisch«. Doch das grüne Idyll existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn im Garten wie im Krieg gilt: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen.

Artur, Assistenz Geschäftsführung

Zygmunt Miloszewski »Der Zorn der Vergessenen«

»Platz da, Skandinavien! Hier kommen die polnischen Ermittler.« schrieb vor einiger Zeit »The New York Times«. Und gemeint wurde dabei vor allem Zygmunt Miloszewski und der von ihm geschaffene Staatsanwalt Teodor Szacki, der in Warschau, Sandomierz und im Ermland ermittelt.

Über die Szacki-Reihe, von der allein in Polen über 1 Mio. Exemplare verkauft wurde und in 15. Ländern mit großem Erfolg erschienen ist, schrieb Le Monde: »Was für eine großartige Trilogie!« Nun liegt der letzte Band, »Der Zorn der Vergessenen«, endlich auch auf Deutsch vor. Es ist ein genialer Thriller mit gesellschaftspolitischem Hintergrund, der brisant-intelligente Hochspannung bietet: fesselnd, gefühlvoll und vom ersten bis zum letzten Satz überraschend.

 

Kerstin, Lektorat Unterhaltung

Ellen Marie Wiseman »Eine bittere Gabe«

»Nur noch selten kommen mir beim Lesen die Tränen, doch das Schicksal der kleinen Lilly hat mich zutiefst berührt und tagelang nicht mehr losgelassen. Ich habe ihre Einsamkeit gespürt, die sie empfindet, weil sie so einzigartig ist, aber auch ihre Glückseligkeit, wenn sie mit den Elefanten JoJo und Pepper in der Manege tanzt, und ihren Mut, als sie ihr Herz der Liebe öffnet. Und dachte: Wie gern würde ich dieser ungewöhnlichen jungen Frau einmal begegnen«

 

»Weil die Heldin Susan Green trotz ihrer harten Schale eine so liebenswerte Figur ist. Weil dieser Roman die wundervolle Geschichte erzählt, wie Susan alle ihre ›Stacheln‹ abwirft und zu ihrer eigenen Überraschung lernt, dass sie liebenswert ist. Weil Susans Schicksal uns zu Tränen rührt und gleichzeitig zum Lachen bringt. Und vor allem, weil uns dieser Roman daran erinnert, tolerant mit uns selbst und unseren Mitmenschen zu sein – denn: Sind wir nicht alle manchmal ein Kaktus?«

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»Was passiert mit einem jungen Mädchen, das von seiner Mutter verlassen wurde und mit Vater und Bruder vom grünen Tennessee in das raue Brooklyn der 70er Jahre ziehen muss? Sie wird konfrontiert mit einer Nachbarschaft von Gewalt und Rassismus und träumt von einem anderen Ort. Einem anderen Brooklyn. Aber dank ihrer Freundinnen gibt es sie doch, die unbeschwerten Momente. Gemeinsam tanzen sie im Wasser sprudelnder Hydranten gegen die Verzweiflung und ziehen durch die Straßen Brooklyns als würden sie ihnen gehören. Ihre Freundschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen sie unantastbar gegen lüsternen Blicke und Kriminellen der Stadt. 
Vieles bleibt unausgesprochen in diesem schmalen Buch. Aber Jacqueline Woodson kontrastiert diese bedrückenden Erfahrungen mit poetischen kurzen Absätzen, die so stark in ihrer Wortwahl sind, dass dennoch alles gesagt ist.«

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Unsere Buchtipps für Sie

Aktuelle und persönliche Buchempfehlungen von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag
 

»Die Geschichte zweier Freundinnen, deren Leben nicht enger verwoben sein könnten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich Strömungen, die sie auseinanderzureißen drohen.«

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Christiane, Digitale Medien:

Edith Wharton »Winter«

»Kalt wie der Winter in Neuengland ist diese Geschichte, die von einer Liebe erzählt, die nicht sein darf - ein Klassiker der amerikanischen Literatur.«

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Anja, Lektorat Sachbuch:

Philip Norman »Paul McCartney«

 

»Von Liverpool in die Welt - Paul McCartneys beispiellose Karriere umfasst ein halbes Jahrhundert Popgeschichte. Beatles-Experte Philip Norman hat seine Geschichte aufgeschrieben - für alle Fans und solche, die es werden wollen.«

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Sophie, Art Direktion:

Kevin Kuhn »Liv«

 

»Ein virtuoses Buch für alle, die sich mal dem Analogen widmen wollen, aber die Sucht nach dem Digitalen doch nicht ganz aufgeben können.«

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Kerstin von Dobschütz, Programmleiterin Lektorat Unterhaltung:

Lydia Conradi »Das Haus der Granatäpfel«

 

»Für alle Leserinnen, die  in die Welt des Orients entfliehen und sich von einer tragischen Liebesgeschichte mitreißen lassen wollen - sinnlich, prall und exotisch - das perfekte Geschenk für die beste Freundin!«

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Lisa, Lektorat Fantasy:

F. I. Thomas »Glühender Zorn«

 

»Sechs Magier, sechs Novizen - und ein intrigenreicher Kampf um die Vorherrschaft nimmt seinen Lauf! Ein hochspannender High-Fantasy-Roman, der mit packenden Kämpfen, knisternder Magie und Drachenfeuer alles andere vergessen lässt!«

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Susanne, Lektorat Literatur:

Gerry Hadden »Alles wird unsichtbar«

 

»Bronx in den 70er Jahren: Die bewegende Geschichte eines weißen Jungen, der von Afrocubanern adoptiert wurde und am Tiefpunkt seines Lebens eine zweite Chance erhält: Packend, authentisch und voller Musik!«

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Bettina Feldweg, Programmleiterin Lektorat Malik:

Markus Steiner »Weltherz«

 

»Markus Steiners poetischer Reisebericht erzählt davon, wie weit die Sehnsucht nach Veränderung tragen kann - nach Israel und Indien, bis in den Himalaja und durch ganz Australien.«

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Margret, Lektorat Malik:

Nils Straatmann »Auf Jesu Spuren«

 

»Nils Straatmanns origineller Roadtrip zu unseren religiösen Wurzeln und zu den Menschen im Nahen Osten bietet perfekten Stoff, um sich packen zu lassen, zu schmunzeln, aber auch mal wieder innezuhalten.«

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»Eine ehrliche und berührende Geschichte über das Anderssein und zwei ungleiche Brüder, die dennoch ein starkes Team sind – authentisch und mitreißend heiter!«

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Elisabeth, Lizenzen:

Susan Kreller »Pirasol«

 

»Ein berührendes Familiendrama über eine stille Frau, die erst im hohen Alter ihre eigene Stimme findet - ein Buch, das wegen seiner besonderen Sprache und bewegenden Bilder lange im Gedächtnis bleibt.«

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Isabel, Lektorat Unterhaltung:

Hillary Jordan »Mudbound«

 

»Ein Buch, das bewegt und auch nach der letzten Seite noch lange nachhallt: Hillary Jordan zeichnet ein Porträt zweier Familien, die in den Südstaaten der 1940er Jahre trotz aller Widerstände nach Freiheit und Liebe streben.«

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»Margaret Atwoods großartiger Roman in einer wunderschönen Geschenkausgabe. Die ist für jedes Bücherregal unverzichtbar!«

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»Ein rotes Kleid, das für eine junge Marrokanerin so viel mehr ist als nur ein Kleidungsstück. Es wird für sie zum Symbol von Sehnsucht, Weiblichkeit, Mut und Freiheit. Wird sie wagen, es zu tragen?«

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Anna, Volontärin Lektorat Literatur:

Elena Stancanelli »Die nackte Frau«

 

»Davide schlief also mehr oder weniger mit allen Frauen, die er kannte, und hatte sich obendrein in eine von ihnen verliebt, aber das hinderte ihn keineswegs daran, weiter mit mir zusammen zu sein.‹ – Das mitreißende Psychogramm einer Frau, die durchdreht: eindringlich, offen, irrwitzig!«

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Karin, Lektorat Fantasy:

S. Jae-Jones »Wintersong«

 

»Ein magisches, düsteres und romantisches Buch – perfekt für die kalte Jahreszeit!«

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Buchblog
15. März 2018
Buchtipps Romane
Lesen Sie persönliche Buchtipps zu unseren aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.
News
28. März 2018
Jacqueline Woodson erhält den Astrid Lindgren Memorial Award 2018
Der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotierte Preis (ca. 500.000 Euro) gilt als international wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchblog
21. März 2018
Debütromane entdecken
Thekla Chabbi, Co-Autorin von Martin Walsers »Ein sterbender Mann« legt mit »Ein Geständnis« ein beeindruckendes Debüt vor.
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Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

 

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