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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Mittwoch, 04. April 2018 von Piper Verlag


Buchempfehlungen für den Herbst

»Freuen Sie sich mit uns auf großartige Entdeckungen in unserem neuen Programm für den Herbst 2018.« Felicitas von Lovenberg 

Ayobami Adebayo »Bleib bei mir«

»Was tut eine Frau, für deren Mann ihre Kinderlosigkeit das Aus ihrer Ehe bedeutet? In Nigeria muss sie aushalten, dass ihre Schwiegermutter ihrem Mann eine zweite Frau aufdrängt. Dabei wollten Yejide und Akin eine bedingungslose Ehe zu zweit. Nun aber muss die junge Frau entscheiden, welches Opfer sie für ihre Familie zu bringen bereit ist. Margaret Atwood ist beeindruckt von Ayobami Adebayos Roman, und wir sind es ebenfalls.« Felicitas von Lovenberg 

Blick ins Buch
Bleib bei mirBleib bei mir

Roman

Yejide hofft auf ein Wunder. Sie will ein Kind. Ihr geliebter Mann Akin wünscht es sich, ihre Schwiegermutter erwartet es. Sie hat alles versucht: Untersuchungen, Pilgerreisen und Stoßgebete – vergeblich. Dann nimmt ihre Schwiegermutter das Heft in die Hand und stellt Akin eine zweite Frau zur Seite. Eine, die ihm ein Kind schenken kann. Dabei haben sich Akin und Yejide entgegen der nigerianischen Sitten entschieden, keine zweite Frau in die Ehe zu holen. Doch jetzt ist sie da, und Yejide voller Wut und Trauer. Um ihre Ehe zu retten, muss sie schwanger werden – aber um welchen Preis? Ayọ̀bámi Adébáyọ̀s Debütroman erzählt mit emotionaler Kraft eine universelle Geschichte. Wie viel sind wir bereit zu opfern, um eine Familie zu bekommen?
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1

Jos, Dezember 2008

Heute muss ich weg aus dieser Stadt und zu dir kommen. Meine Taschen sind gepackt, und die leeren Zimmer hinter mir erinnern daran, dass ich schon vor einer Woche hätte abreisen sollen. Mein Fahrer Musa hat seit letztem Freitag jede Nacht draußen beim Wachmann geschlafen und gewartet, dass ich ihn in den frühen Morgenstunden wecke, damit wir aufbrechen wie geplant. Aber meine Taschen stehen noch immer im Wohnzimmer und stauben ein.

Die meisten der hier angeschafften Sachen – Möbel, Elektrogeräte und auch Armaturen – habe ich dem Mädchen geschenkt, das bei mir im Friseursalon gearbeitet hat. Seit einer Woche habe ich mich jetzt also jede Nacht schlaflos im Bett gewälzt, ohne dass ich mir mit Fernsehen die Zeit hätte vertreiben können.

In Ife erwartet mich ein Haus gleich gegenüber der Universität, da, wo du und ich uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich sehe es vor mir, das Haus, diesem hier gar nicht unähnlich, die vielen Zimmer für eine große Familie: Mann und Frau und viele Kinder. Eigentlich hatte ich an dem Tag, nachdem die Haartrockner abgenommen worden waren, abreisen wollen. Ich hatte vor, mir eine Woche Zeit zu nehmen, um den neuen Salon und das Haus einzurichten. Ich wollte mein neues Leben an seinem Platz wissen, bevor ich dich wiedersehen würde.

Es ist nicht so, dass ich diesem Ort sehr verbunden wäre. Sie werden mir nicht fehlen, die wenigen Freundinnen, die ich hier gefunden habe; die Leute, die die Frau, die ich damals war, nicht kennen; die Männer, die im Laufe der Jahre geglaubt haben, in mich verliebt zu sein. Wahrscheinlich werde ich mich schon bald nicht einmal mehr an den Namen des einen erinnern, der mich gefragt hat, ob ich seine Frau werden will. Keiner hier weiß, dass ich noch immer mit dir verheiratet bin. Ich habe ihnen nur einen Teil der Geschichte erzählt: dass ich unfruchtbar war und mein Mann sich eine andere Frau gesucht hat. Keiner hat je weiter nachgefragt, also habe ich ihnen nie von meinen Kindern erzählt.

Ich wollte weg, seit man die drei Teilnehmer des National Youth Service Programme umgebracht hat. Meine Entscheidung, den Salon und das Schmuckgeschäft zu schließen, stand fest, bevor ich überhaupt wusste, was ich als nächstes tun würde, und bevor die Einladung zur Beerdigung deines Vaters kam und mir die Richtung wies. Ich habe mir die Namen der drei jungen Männer gemerkt, und ich weiß, was jeder von ihnen studiert hat. Meine Olamide wäre jetzt ungefähr in ihrem Alter; auch sie hätte ungefähr jetzt ihren Universitätsabschluss gemacht. Wenn ich etwas über die drei lese, denke ich an sie.

Ich frage mich oft, ob auch du an sie denkst, Akin.

Auch wenn der Schlaf mich nicht holt, schließe ich jede Nacht die Augen, und Bruchstücke des Lebens, das ich hinter mir gelassen habe, kehren zu mir zurück. Dann sehe ich die gebatikten Kissenbezüge in unserem Schlafzimmer, sehe unsere Nachbarn und deine Familie, die ich eine Zeit lang auch für meine Familie gehalten habe. Sehe dich. Heute Abend sehe ich die Nachttischlampe vor mir, die du mir wenige Wochen nach unserer Hochzeit geschenkt hast. Ich konnte nicht schlafen im Dunkeln, und wenn wir das große Licht anließen, bekamst du Albträume. Für dich war die Lampe die Lösung. Du hast sie gekauft, ohne mir zu sagen, dass du einen Kompromiss gefunden hattest, ohne mich zu fragen, ob ich eine Lampe wollte. Und als ich über den bronzenen Lampenfuß strich und das bunte Glas bestaunte, das das Licht dämpfte, wolltest du wissen, was ich bei einem Brand aus der Wohnung retten würde. Ich dachte nicht lange nach, bevor ich unser Baby sagte, obwohl wir noch keine Kinder hatten. Was, sagtest du, nicht wen. Aber du schienst ein bisschen gekränkt, dass ich bei wen nicht überlegt hatte, dich zu retten.

Ich quäle mich aus dem Bett, lege das Nachthemd ab und ziehe mich an. Ich werde keine Zeit mehr verschwenden. Die Fragen, die du beantworten musst, die Fragen, an denen ich schon seit über einem Jahrzehnt zu ersticken drohe, treiben mich an, als ich mir die Handtasche schnappe und ins Wohnzimmer gehe.

Siebzehn Taschen stehen da, bereit, in den Wagen geladen zu werden. Ich starre auf die Taschen, weiß, was jede enthält. Wenn dieses Haus brennen würde, was würde ich mitnehmen? Ich muss überlegen, denn zuerst denke ich nichts. Ich entscheide mich für die kleine Reisetasche, die ich für die Beerdigung gepackt habe, und für das Ledersäckchen mit dem Goldschmuck. Die anderen Taschen kann Musa mir später nachbringen.

Das war’s dann also – fünfzehn Jahre, und obwohl mein Haus nicht brennt, nehme ich nur ein Säckchen Gold und wenige Wechselsachen mit. Alles, was zählt, trage ich bei mir, eingeschlossen in meine Brust wie in ein Grab, aufbewahrt in einer Schatztruhe.

Ich trete nach draußen. Die Luft ist eiskalt, und die untergehende Sonne färbt den schwarzen Himmel lila am Horizont. Musa lehnt am Wagen und reinigt sich mit einem Stöckchen die Zähne. Als ich näher komme, spuckt er in einen Becher und steckt sich das Kauholz in die Brusttasche. Er öffnet die Wagentür, wir begrüßen uns, und ich klettere auf die Rückbank.

Musa schaltet das Radio ein und sucht nach einem Sender. Die Wahl fällt auf einen, der den Tag mit der Nationalhymne beginnt. Der Pförtner winkt, als wir vom Gelände fahren. Vor uns liegt die Straße, eingehüllt in ein Dunkel, das in Dämmerlicht übergeht auf meinem Weg zu dir.

 

2

Ilesa, ab 1985

Schon damals spürte ich, dass sie auf Krieg aus waren. Ich konnte sie durch das Türglas sehen. Konnte sie hören. Sie schienen nicht zu merken, dass ich mich seit über einer Minute auf der anderen Seite der Tür befand. Ich hätte sie gern draußen stehen lassen, um wieder nach oben zu gehen und weiterzuschlafen. Vielleicht würden sie zu braunen Pfützen zerschmelzen, wenn sie nur lange genug in der Sonne standen. Iya Marthas Hintern war so riesig, dass er die kleine Treppe, die zu unserer Haustür führt, in geschmolzenem Zustand unter sich begraben hätte.

Iya Martha war eine meiner vier Mütter; sie war die älteste Frau meines Vaters gewesen. Der Mann bei ihr war Baba Lola, ein Onkel von Akin. Beide stemmten sich gekrümmt gegen die Sonne, kniffen entschlossen die Augen zusammen und sahen finster drein. Als ich aber die Tür öffnete, verstummte ihr Gespräch und sie lächelten mich an. Ich ahnte schon, welche Wörter den Frauen als Erste über die Lippen kommen würden. Ich wusste, dass sie voller Überschwang eine Nähe demonstrieren würden, die nie zwischen uns bestanden hatte.

»Yejide, geliebte Tochter!« Iya Martha grinste mich an, als sie mein Gesicht zwischen die feuchten, fleischigen Hände nahm.

Ich grinste zurück und kniete mich hin, um sie zu begrüßen. »Willkommen, willkommen. Gott muss heute beim Aufwachen wohl an mich gedacht haben-o. Darum seid ihr alle da«, sagte ich und ging noch einmal leicht in die Knie, nachdem sie das Wohnzimmer betreten und Platz genommen hatten.

Sie lachten.

»Wo ist dein Mann? Ist er da?«, fragte Baba Lola und schaute sich im Zimmer um, als hielte ich Akin unter einem Stuhl versteckt.

»Ja, Sir, er ist oben. Ich gehe und hole ihn, sobald ich Ihnen etwas zu trinken gebracht habe. Was darf ich Ihnen zu essen machen? Frisch gestampften Yam?«

Der Mann sah meine Stiefmutter an, als hätte er diesen Teil des Drehbuchs für das Stück, das sie gleich aufführen würden, während der Proben nicht gelesen.

Iya Martha schüttelte den Kopf. »Wir können nichts essen. Hol deinen Mann. Wir haben Wichtiges mit euch zu besprechen.«

Ich lächelte, verließ das Wohnzimmer und ging zur Treppe. Ich glaubte zu wissen, was das »Wichtige« war, das sie mit uns besprechen wollten. In letzter Zeit hatte eine ganze Reihe angeheirateter Verwandter unser Haus betreten, um das immer gleiche Thema mit uns zu besprechen. Diese Gespräche sahen so aus, dass sie redeten, während ich vor ihnen kniete und zuhörte. Akin tat jedes Mal, als würde er ihnen zuhören und sich Notizen machen, während er in Wahrheit seine To-do-Liste für den nächsten Tag schrieb. Keiner dieser Abgesandten konnte lesen oder schreiben, und sie bewunderten jeden, der es konnte. Es beeindruckte sie, dass Akin notierte, was sie sagten. Und manchmal, wenn er die Mitschrift unterbrach, beschwerte sich die Person, die gerade redete, dass Akin sich ihm oder ihr gegenüber respektlos verhielt, so gar nichts aufzuschreiben. Mein Mann plante während dieser Besuche oft die gesamte Woche, ich aber bekam schreckliche Krämpfe in den Beinen.

Die Besuche ärgerten Akin, und er hätte seinen Verwandten gern gesagt, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, was ich aber nicht zuließ. Die endlosen Gespräche bescherten mir zwar Krämpfe in den Beinen, gaben mir aber immerhin das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Bis zu diesem Nachmittag war seit meiner Hochzeit noch keiner aus meiner Familie zu so einem Besuch vorbeigekommen.

Als ich die Treppen nach oben stieg, wusste ich, dass Iya Marthas Anwesenheit bedeutete, dass eine neue Stufe erreicht war. Ich brauchte ihren Rat nicht. Es ging uns gut ohne die Dinge, die sie uns zu sagen hatten. Ich wollte Baba Lolas brüchige und zwischen heftigen Hustenanfällen hervorgepresste Stimme nicht hören und auch keinen weiteren Blick auf Iya Marthas Zähne werfen müssen.

Ich glaubte, dass ich das alles ohnehin schon gehört hatte, und war mir sicher, mein Mann würde es genauso sehen. Es überraschte mich, Akin wach anzutreffen. Er arbeitete an sechs Tagen der Woche und verschlief die Sonntage meist. Als ich aber hereinkam, ging er im Zimmer auf und ab.

»Wusstest du, dass sie heute kommen würden?« Ich suchte nach der vertrauten Mischung aus Abscheu und Wut, die sonst immer auf seinem Gesicht lag, wenn uns einer dieser Sondertrupps besuchte.

»Sind sie da?« Er blieb stehen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Keine Abscheu, keine Wut. Mit einem Mal wurde es stickig im Zimmer.

»Du wusstest, dass sie kommen würden? Und hast mir nichts gesagt?«

»Lass uns einfach nach unten gehen«, sagte er und verließ den Raum.

»Akin, was passiert hier? Was geht hier vor sich?«, rief ich ihm nach.

Ich setzte mich aufs Bett, stützte den Kopf in die Hände und versuchte zu atmen. So saß ich da, bis Akin nach mir rief. Da ging ich nach unten zu ihm ins Wohnzimmer. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen, kein großes, bei dem man die Zähne sah, sondern ein kleines, bei dem es die Mundwinkel leicht nach oben zog. Ein Lächeln, das sagte: Auch wenn ihr alten Leute nichts, aber auch gar nichts über meine Ehe wisst, bin ich bereit, wenn auch nicht begeistert, mir anzuhören, was ihr mir Wichtiges zu sagen habt. Ich bin schließlich eine gute Ehefrau.

Ich bemerkte sie nicht gleich, obwohl sie auf der Kante von Iya Marthas Sessel saß. Sie war schön, hellgelb wie das Innere einer noch unreifen Mango. Sie hatte sich die schmalen Lippen blutrot geschminkt.

Ich drückte mich an meinen Mann. Sein Körper war steif, und er nahm mich weder in den Arm, noch zog er mich an sich. Ich versuchte herauszufinden, wo die gelbe Frau plötzlich hergekommen war, und fragte mich kurz völlig wirr, ob Iya Martha sie beim Eintreten unter ihrem Wrapper versteckt gehalten hatte.

»Frau, unser Volk sagt, wenn ein Mann etwas besitzt und daraus zwei werden, wird er nicht wütend, richtig?«, sagte Baba Lola.

Ich nickte und lächelte.

»Nun, Frau, das ist die neue Ehefrau. Ein Kind ruft das andere in die Welt. Wer weiß, vielleicht hilft dir diese Frau, dass Gott deine Gebete erhört. Wenn sie erst einmal schwanger ist und ein Kind bekommt, wirst auch du eins bekommen, da sind wir sicher«, sagte Baba Lola.

Iya Martha nickte. »Yejide, mein Kind, wir haben lange nachgedacht und viele Nächte darüber geschlafen, die Familie deines Mannes und ich. Und auch deine anderen Mütter.«

Ich schloss die Augen. Gleich würde ich aus diesem Albtraum erwachen. Als ich die Augen öffnete, war die mangogelbe Frau noch immer da, verschwommen zwar, aber da. Ich war wie betäubt.

Ich hatte erwartet, dass sie über meine Kinderlosigkeit sprechen würden. Hatte mich mit millionenfachem Lächeln gewappnet: dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert. Ich hatte jedes Lächeln parat und war bereit, mir anzuhören, dass ich etwas tun müsse. Ich erwartete, dass man mir von einem weiteren Pfarrer erzählen würde, den ich um Rat fragen solle; von einem weiteren Berg oder einer weiteren Stadt, die ich aufsuchen könne. Ich war gewappnet mit Mund, Augen und Nase: mit jedem dieser Lächeln, dem Tränenschleier und dem Schniefen. Ich war darauf vorbereitet, meinen Salon in der kommenden Woche zu schließen und mich mit meiner Schwiegermutter im Schlepptau auf die Suche nach einem Wunder zu machen. Was ich nicht erwartet hatte, war eine andere Frau, die lächelnd vor mir saß, eine gelbe Frau mit blutroten Lippen, die grinste wie eine frischgebackene Braut.

Wäre doch meine Schwiegermutter da. Sie war die einzige Frau, die ich je Moomi genannt hatte. Ich besuchte sie häufiger als ihr eigener Sohn. Sie hatte zugesehen, wie meine frisch gelegte Dauerwelle in der Strömung eines Flusses von einem Priester ruiniert wurde, der davon überzeugt war, dass mich meine Mutter verflucht haben musste, bevor sie kurz nach meiner Geburt starb. Moomi war bei mir, als ich drei Tage lang auf einer Gebetsmatte saß und, ohne ein Wort zu verstehen, den immer selben Spruch aufsagte, bis ich am dritten Tag umkippte und abbrach, was als siebentägiges Wachfasten angedacht war.

Während ich mich in einem Krankensaal des Wesley Guild Hospital erholte, hielt sie meine Hand und sagte, ich solle für Kraft beten. Das Leben einer guten Mutter sei hart; eine Frau könne eine schlechte Ehefrau sein, nicht aber eine schlechte Mutter. Moomi sagte, ehe ich Gott um ein Kind bitten könne, müsse ich ihn erst bitten, dass er mir die Fähigkeit schenkt, Leid zu ertragen. Sie sagte, ich sei noch nicht bereit, Mutter zu werden, wenn ich nach einem dreitägigen Fasten in Ohnmacht fiele.

Mir wurde klar, dass sie am dritten Tag wahrscheinlich nicht in Ohnmacht gefallen war, weil sie diese Art des Fastens schon oft auf sich genommen hatte, um Gott im Namen ihrer Kinder zu besänftigen. Die Furchen um Moomis Augen und Mund bekamen plötzlich etwas Unheimliches und schienen auf mehr hinzuweisen als bloß ihr hohes Alter. Ich war zerrissen. Ich wollte sein, was ich nie gehabt hatte. Ich wollte Mutter sein und wollte, dass meine Augen vor kleinen Freuden und Weisheit leuchteten wie Moomis. Doch ihr vieles Gerede über Leid machte mir Angst.

»Sie ist nicht annähernd dein Alter«, sagte Iya Martha und beugte sich vor. »Denn sie schätzen dich, Yejide, die Familie deines Mannes weiß um deinen Wert. Sie erkennen an, dass du deinem Mann eine gute Ehefrau bist.«

Baba Lola räusperte sich. »Yejide, ich möchte dich preisen. Ich möchte dir danken, dass du all diese Mühen auf dich nimmst, damit unser Sohn ein Kind hinterlässt, wenn er stirbt. Darum wissen wir auch, dass du seine neue Frau nicht als Rivalin betrachten wirst. Sie heißt Funmilayo, und wir wissen und vertrauen darauf, dass du sie annimmst wie eine jüngere Schwester.«

»Eine Freundin«, sagte Iya Martha.

»Eine Tochter«, sagte Baba Lola.

Iya Martha stieß Funmi in die Seite. »Oya, los, begrüße deine iyale.«

Ich zuckte zusammen, als Iya Martha mich als iyale bezeichnete. Das Wort dröhnte in meinem Ohr: iyale – erste Frau. Es war ein Urteilsspruch, der besagte, dass ich nicht Frau genug war für meinen Mann.

Funmi setzte sich neben mich aufs Sofa.

Baba Lola schüttelte den Kopf. »Funmi, knie dich hin. Der Zug, der sich vor zwanzig Jahren in Gang gesetzt hat, wird das Land immer vor dir erreichen. Yejide ist dir in diesem Haus in allem voraus.«

Funmi kniete sich hin, legte mir die Hände auf die Knie und lächelte. Es juckte mich in den Fingern, ihr das Lächeln aus dem Gesicht zu schlagen.

Ich schaute zu Akin und hoffte irgendwie, dass er nicht Teil dieses Hinterhalts war. Still flehend hielt er meinen Blick. Mein ohnehin gequältes Lächeln erstarb. Zorn legte sich mit siedend heißen Händen um mein Herz. Es pochte in meinem Kopf, direkt zwischen den Augen.

»Du wusstest davon, Akin?« Ich sprach Englisch und schloss die beiden Ältesten aus, die nur Yoruba sprachen.

Akin sagte nichts; er kratzte sich mit dem Zeigefinger am Nasenrücken.

Ich suchte den Raum nach etwas ab, das ich fixieren konnte. Die weißen Tüllgardinen mit der blauen Borte, das graue Sofa, den dazu passenden Teppich mit dem Kaffeefleck, den ich seit über einem Jahr herauszukriegen versuchte. Der Fleck war nicht in der Mitte, darum konnte man ihn nicht mit dem Tisch verdecken, und er war nicht am Rand, darum konnte man ihn nicht unter den Sesseln verbergen. Funmi trug ein beiges Kleid, ganz die Farbe des Kaffeeflecks, ganz der Ton meiner Bluse. Sie umfasste meine nackten Beine direkt unterhalb der Knie. Ich schaffte es nicht, den Blick über ihre Hände und die langen wogenden Ärmel ihres Kleides hinwegzuheben. Ich konnte ihr nicht ins Gesicht sehen.

»Yejide, zieh sie an dich.«

Ich war nicht sicher, von wem das kam. Mein Kopf fühlte sich heiß an, heizte sich auf, war kurz vor dem Siedepunkt. Jeder hätte diese Worte gesagt haben können – Iya Martha, Baba Lola, Gott. Es war mir egal.

Ich wandte mich wieder an meinen Mann. »Akin, hast du davon gewusst? Hast du davon gewusst und mir nichts gesagt? Ob du es gewusst hast, will ich wissen. Du verdammter Dreckskerl. Nach allem, was war. Du elender Mistkerl!«

Akin packte meine Hand, bevor ich ihn treffen konnte.

Es war nicht die Empörung in Iya Marthas Aufschrei, die mich zum Schweigen brachte. Es war die Zärtlichkeit, mit der Akin mir über die Handfläche strich.

Ich schaute weg.

»Was sagt sie?«, wollte Baba Lola von der neuen Frau übersetzt haben.

»Yejide, bitte.« Akin drückte fest meine Hand.

»Sie sagt, er ist ein Dreckskerl«, antwortete Funmi leise, als wäre dieses Wort zu heiß und schwer für ihren Mund.

Iya Martha schrie und schlug sich die Hände vors Gesicht. Aber ich ließ mich nicht täuschen. Ich wusste, dass sie innerlich triumphierte. Sie würde den anderen Frauen meines Vaters noch wochenlang erzählen, was sie gesehen hatte.

»Du darfst deinen Mann nicht beleidigen, mein Kind. Ganz gleich, wie die Dinge liegen, er ist immer noch dein Mann. Was soll er denn noch für dich tun? Hat er nicht deinetwegen eine Wohnung für Funmi gemietet, obwohl er hier eine große Doppelhaushälfte hat?« Iya Martha machte eine ausladende Geste und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, um ihre Anspielung auf das Haus, für das ich jeden Monat die Hälfte der Miete zahlte, zu unterstreichen. »Yejide! Du musst deinem Mann dankbar sein.«

Iya Martha hatte aufgehört zu reden, aber ihr Mund stand noch immer offen. Wenn man zu dicht an sie herankam, schlug einem der unerträgliche Geruch nach altem Urin entgegen. Baba Lola hatte sich in sichere Entfernung zu ihr gesetzt.

Ich wusste, man erwartete jetzt von mir, dass ich niederkniete, den Kopf senkte wie ein kleines Schulmädchen und sagte, dass es mir leidtäte, meinen Mann und damit auch seine Mutter beleidigt zu haben. Sie hätten meine Entschuldigung akzeptiert – ich hätte sagen können, dass der Teufel schuld sei oder das Wetter oder dass meine neuen Braids zu fest seien und mir Kopfschmerzen bescherten, dass mich nur das dazu getrieben hätte, meinen Mann in ihrem Beisein respektlos zu behandeln. Mein Körper war so verkrampft wie eine Arthrosehand, und ich brachte ihn einfach nicht dazu, bestimmte Formen anzunehmen, die er nicht annehmen wollte. Zum ersten Mal überging ich den Unmut eines angeheirateten Familienmitglieds und erhob mich, obwohl man erwartete, dass ich mich hinkniete. Ich fühlte mich sicherer, als ich mich zu voller Größe aufrichtete.

»Ich kümmere mich jetzt um das Essen«, sagte ich und weigerte mich, sie erneut zu fragen, was sie zu essen wünschten. Jetzt, da sie Funmi vorgestellt hatten, war es für Baba Lola und Iya Martha vertretbar, etwas zu essen. Ich war nicht in der Lage, jedem von ihnen ein anderes Gericht zu kochen, also setzte ich ihnen vor, was ich wollte. Sie bekamen Bohneneintopf. Ich mischte die drei Tage alten Bohnen, die ich hatte wegschmeißen wollen, in die frisch gekochte Suppe. Obwohl ich mir sicher war, dass sie die säuerliche Note bemerken würden, vertraute ich darauf, dass Baba Lolas Schuldgefühl, das er mit der Wut über mein unsägliches Verhalten zu überspielen suchte, und Iya Marthas Schadenfreude, die sie hinter der vorgetäuschten Betroffenheit versteckte, ihnen das Essen hineinzwingen würde. Damit das Essen auch wirklich ihren Rachen hinunterfand, ging ich entschuldigend vor beiden in die Knie. Iya Martha lächelte und sagte, sie hätte sich geweigert, etwas zu essen, wenn ich mich noch länger wie ein Straßenkind aufgeführt hätte. Ich entschuldigte mich gleich noch einmal und umarmte sicherheitshalber auch die gelbe Frau; sie roch nach Kokosnussöl und Vanille. Ich nippte an einer Flasche Malt, während ich ihnen beim Essen zusah, und war enttäuscht, dass Akin das Essen verweigerte.

Als sie sich beklagten, dass ihnen frisch gestampfter Yam mit Gemüseeintopf und getrocknetem Fisch lieber gewesen wäre, ignorierte ich Akins Blick. An jedem anderen Tag wäre ich zurück in die Küche gegangen und hätte Yam gestampft, aber an diesem Nachmittag hätte ich am liebsten gesagt, stampft euch euren Yam doch selber, wenn ihr unbedingt welchen wollt. Ich schluckte sie hinunter, die Worte, die mir den Hals verbrannten, und sagte, ich könne keinen Yam stampfen, weil ich mir am Tag zuvor die Hand verstaucht hätte.

»Aber davon hast du vorhin gar nichts gesagt«, warf Iya Martha ein und kratzte sich am Kinn. »Du hast selbst angeboten, uns frischen Yam zu machen.«

»Sie muss die Stauchung vergessen haben. Gestern hatte sie wirklich starke Schmerzen. Ich habe sogar überlegt, sie ins Krankenhaus zu fahren«, sagte Akin und stärkte mir bei dieser ausgemachten Lüge den Rücken.

Sie schaufelten sich die Bohnen in den Mund wie hungrige Kinder und rieten mir, die Hand im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Nur Funmi verzog nach dem ersten Löffel den Mund und schaute misstrauisch zu mir rüber. Unsere Blicke trafen sich, und sie lächelte breit und rot.

Nachdem ich die leeren Teller abgeräumt hatte, erklärte Baba Lola, dass er nicht sicher gewesen sei, wie lange der Besuch dauern würde, weshalb er den Taxifahrer nicht gebeten habe, sie wieder abzuholen. Er ging wie die meisten Verwandten davon aus, dass Akin sich schon darum kümmern würde, dass sie zurückkamen.

Bald war es Zeit, dass Akin alle nach Hause brachte. Als ich sie zu seinem Wagen begleitete, spielte er mit dem Schlüssel in der Hosentasche und fragte, ob alle mit der von ihm geplanten Route einverstanden seien. Als Erstes würde er Baba Lola auf der Ilaje Street absetzen und dann Iya Martha bis nach Ife fahren. Wo Funmi wohnte, erwähnte er nicht. Nachdem Iya Martha sagte, dass die von meinem Mann gewählte Route die beste Lösung sei, schloss Akin die Wagentüren auf und setzte sich hinters Steuer.

Ich unterdrückte den Impuls, Funmi ihre jheri-Locken rauszuziehen, als sie sich neben meinem Mann auf den Beifahrersitz gleiten ließ und mein kleines Kissen, das dort immer lag, auf den Boden schob. Ich ballte die Faust, als Akin davonfuhr und mich allein in der von ihm aufgewirbelten Staubwolke zurückließ.

*

»Was zum Teufel hast du ihnen da vorgesetzt?«, schrie Akin.

»Willkommen zurück, lieber Bräutigam.« Ich hatte gerade mein Abendessen beendet, nahm die Teller und ging in die Küche.

»Ist dir klar, dass sie jetzt alle Durchfall haben? Ich musste neben einem Busch halten, um sie scheißen zu lassen. Einem Busch!«, sagte er und folgte mir in die Küche.

»Ja, und? Haben deine Verwandten zu Hause etwa Toiletten? Scheißen sie nicht auch sonst in Büsche und auf Misthaufen?«, schrie ich und knallte die Teller ins Spülbecken. Auf das Geräusch von splitterndem Porzellan folgte Stille. Einer der Teller war in der Mitte zerbrochen. Ich fuhr mit dem Finger über die Bruchstelle. Spürte, wie es mir die Haut aufschnitt. Blut tropfte auf den Riss zwischen den Hälften.

»Yejide, versteh doch. Du weißt, ich will dir nicht wehtun«, sagte er.

»Welche Sprache soll das sein? Hausa oder Chinesisch? Ich kann dich nicht verstehen. Sprich endlich eine Sprache, die ich verstehe, Mr Bräutigam.«

»Nenn mich nicht so.«

»Ich nenne dich, wie ich will. Immerhin bist du noch mein Mann. Ach, aber vielleicht bist du ja nicht mehr lange mein Mann. Habe ich die Neuigkeit auch verpasst? Sollte ich das Radio einschalten, oder bringen sie es im Fernsehen? Steht es in der Zeitung?« Ich schmiss den zerbrochenen Teller in den Mülleimer neben der Spüle. Dann drehte ich mich wieder zu ihm um.

Seine Stirn glänzte, Schweißperlen liefen ihm die Wangen hinab bis zum Kinn. Er trommelte mit dem Fuß zu einem wütenden Beat in seinem Kopf. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich in demselben Rhythmus, als er die Kiefer fest aufeinanderpresste und wieder lockerte. »Du hast mich vor meinem Onkel einen Dreckskerl genannt. Du hast mich gedemütigt.«

Die Wut in seiner Stimme erschütterte mich, brachte mich auf. Ich hatte geglaubt, das Beben seines Körpers würde heißen, er sei nervös – so wie sonst immer. Ich hatte gehofft, es würde bedeuten, dass es ihm leidtue und er Schuldgefühle habe. »Du bringst mir eine neue Ehefrau ins Haus und bist dann wütend? Wann hast du sie geheiratet? Letztes Jahr? Letzten Monat? Wann wolltest du mir davon erzählen? Hm? Du elender –«

»Kein Wort, Frau, kein Wort. Was du brauchst, ist ein Schloss vor dem Mund.«

»Tja, da ich das nicht habe, sage ich es, du elender –«

Er hielt mir den Mund zu. »Okay, es tut mir leid. Ich war in einer schwierigen Situation. Du weißt, ich betrüge dich nicht, Yejide. Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich kann es nicht. Das verspreche ich dir.« Er lachte. Es klang gebrochen und kläglich.

Ich schob seine Hand weg. Er hielt meine Hand fest und presste dann beide aufeinander. Ich hätte am liebsten geweint.

»Du hast eine andere Frau, du hast einen Brautpreis für sie bezahlt und bist vor ihrer Familie auf die Knie gefallen. Du betrügst mich längst.«

Er legte meine Hand auf sein Herz; es klopfte schnell. »Das hier betrügt dich nicht; ich habe keine neue Frau. Vertrau mir, es ist nur zu unserem Besten. Meine Mutter wird aufhören, dich wegen eines Kindes unter Druck zu setzen«, sagte er leise.

»Ich glaube dir kein Wort.« Ich riss mich los und ging aus der Küche.

»Falls du dich dadurch besser fühlst, Funmi hat es nicht schnell genug in die Büsche geschafft. Sie hat sich aufs Kleid gemacht.«

Ich fühlte mich nicht besser. Würde mich noch sehr lange nicht besser fühlen. Schon jetzt fing ich an, mir zu entgleiten, so wie einem ein in Eile umgebundenes Tuch zu Boden gleitet, ohne dass man es merkt.

 

3

Yejide wurde an einem Samstag erschaffen, als Gott genug Zeit hatte, ihren Körper in der Farbe von Ebenholz zu malen. Kein Zweifel. Das vollendete Werk ist der lebende Beweis.

Als ich sie das erste Mal sah, wollte ich die Hand auf ihr jeansumspanntes Knie legen und sagen: »Ich bin Akin Ajayi, und ich werde dich heiraten.«

Sie war elegant, ohne dass sie sich dafür hätte anstrengen müssen. Das einzige Mädchen in der ganzen Reihe, das nicht wie ein Schluck Wasser in ihrem Sitz hing. Sie hatte das Kinn leicht gehoben, lümmelte nicht seitlich abgeknickt auf einer der orangefarbenen Armlehnen. Sie saß aufrecht, hatte die Schultern gestrafft und hielt die Hände verschränkt vor dem nackten Bauch. Ich konnte nicht fassen, dass sie mir nicht schon in der Schlange vor der Kasse aufgefallen war.

Ein paar Minuten bevor das Licht ausging, schaute sie nach links; unsere Blicke trafen sich. Anders als erwartet, sah sie nicht weg, und ich richtete mich auf unter ihrem Blick. Sie taxierte mich, musterte mich von Kopf bis Fuß. Es reichte mir nicht, dass sie mich anlächelte, bevor sie sich der Leinwand zudrehte. Ich wollte mehr.

Sie schien sich ihrer Wirkung nicht bewusst zu sein. Schien gar nicht zu merken, dass ich sie völlig verzaubert anstarrte und überlegte, wie ich sie dazu bringen könnte, mit mir auszugehen.

Leider gelang es mir nicht sofort, sie anzusprechen. Als ich endlich die richtigen Worte gefunden hatte, ging das Licht aus. Und zwischen Yejide und mir saß das Mädchen, mit dem ich damals zusammen war.

Ich machte noch am selben Abend mit ihr Schluss, gleich nach dem Film. Ich sagte es ihr noch im Foyer der Oduduwa Hall in Ife, während sich die Leute, die schon ihre Plätze einnehmen wollten, an uns vorbeidrängten.

»Bitte geh zurück ins Wohnheim. Wir sehen uns morgen«, sagte ich und verschränkte die Hände zu einer entschuldigenden Geste, obwohl es mir nicht leidtat, mir nie leidtun würde, und ließ sie mit leicht offenem Mund da stehen.

Dann kämpfte ich mich durch die Menge, suchte nach der schönen Frau mit den Bluejeans, den Plateausandalen und dem bauchfreien weißen T-Shirt, und fand sie. Yejide und ich heirateten noch vor Jahresende.

Ich war vom ersten Augenblick an in Yejide verliebt. Kein Zweifel. Aber es gibt Dinge, die auch die Liebe nicht vermag. Bevor ich heiratete, glaubte ich, die Liebe allein könne alles schaffen. Ich lernte bald, dass ich der Belastung der vier Jahre ohne Kinder nicht gewachsen war. Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.

Von Liebe wollte nach vier Jahren keiner mehr etwas hören. Meine Mutter jedenfalls nicht. Sie sprach von meiner Verantwortung als erstgeborenem Sohn. Erinnerte mich an die neun Monate, in denen ich nur die Welt in ihrem Leib gekannt hatte. Sie betonte, wie schwer besonders die letzten drei Monate für sie gewesen waren. Wie unmöglich es gewesen sei, im Bett noch eine bequeme Position zu finden, und wie sie die Nächte deshalb in einem Polstersessel verbracht hatte.

Moomi kam schon bald auf meinen Halbbruder Juwon zu sprechen, den Erstgeborenen der zweiten Frau meines Vaters. Moomi hatte ihn seit Jahren nicht mehr als Beispiel angeführt. Als ich jünger war, hatte sie ständig von ihm geredet. Juwon kommt nie mit schmutziger Uniform nach Hause; warum ist dein Hemd schmutzig? Juwon hat noch nie seine Schulsandalen verloren; das ist das dritte Paar, das du in diesem Halbjahr verloren hast. Juwon ist immer um drei zu Hause; wo treibst du dich nach der Schule herum? Warum bringt Juwon lauter Preise nach Hause, und du nicht? Du bist der erste Sohn in dieser Familie, weißt du, was das heißt? Weißt du eigentlich, was das heißt? Willst du, dass er deinen Platz einnimmt?

Sie hörte auf, von Juwon zu reden, als er sich nach der Sekundarstufe für einen Handwerksberuf entschied, weil seine Mutter sich die Studiengebühren nicht leisten konnte. Wahrscheinlich hatte Moomi das Gefühl, dass sich ein Junge, der eine Ausbildung zum Zimmermann machte, nie im Leben mit ihren studierten Kindern würde messen können. Sie hatte jahrelang nicht über Juwon gesprochen und schien das Interesse an seinem Leben verloren zu haben, bis sie von mir verlangte, eine andere Frau zu heiraten. Da erzählte sie mir – als hätte ich das nicht längst gewusst –, Juwon habe schon vier Kinder, und zwar lauter Jungen. Diesmal beließ sie es nicht bei Juwon, sondern erinnerte mich daran, dass alle meine Halbbrüder inzwischen Kinder hatten.

Als Yejide und ich im zweiten Jahr unserer Ehe waren, fing meine Mutter an, jeden ersten Montag im Monat zu mir ins Büro zu kommen. Sie kam nicht allein. Jedes Mal brachte sie eine neue Frau mit, eine potenzielle Ehefrau. Sie ließ nie einen Montag aus. Nicht einmal, wenn sie krank war. Wir hatten eine Vereinbarung: Solange ich zuließ, dass sie mit diesen Frauen in mein Büro kam, würde sie Yejide nie in Verlegenheit bringen, indem sie mit einer ihrer Kandidatinnen bei uns zu Hause auftauchte; sie würde Yejide gegenüber nie ein Wort sagen.

Als meine Mutter drohte, von nun an jede Woche mit einer neuen Frau bei Yejide aufzukreuzen, wenn ich nicht innerhalb eines Monats eine auswählte, musste ich eine Entscheidung treffen. Ich wusste, meine Mutter war nicht der Typ für leere Drohungen und Yejide war dieser Art von Druck nicht gewachsen. Sie wäre daran zerbrochen. Von all den Mädchen, die meine Mutter mir in meinem Büro vorführte, war Funmi die Einzige, die nicht darauf bestand, bei Yejide und mir einzuziehen. Funmi war die naheliegende Wahl, weil sie nicht viel von mir verlangte. Jedenfalls nicht am Anfang.

Sie war ein leichter Kompromiss. Sie akzeptierte eine Wohnung kilometerweit von Yejide und mir entfernt. Bat mich nur um ein gemeinsames Wochenende pro Monat und um eine angemessene Unterstützung. Sie war damit einverstanden, dass sie mich nie zu Partys oder öffentlichen Anlässen begleiten würde.

Nachdem ich eingewilligt hatte, Funmi zu heiraten, sah ich sie monatelang kein einziges Mal. Ich sagte ihr, dass ich beruflich viel zu tun hätte und sie eine Weile nicht besuchen könne. Jemand musste ihr den »Eine geduldige Ehefrau erobert am Ende das Herz ihres Ehemanns«-Spruch ans Herz gelegt haben. Sie diskutierte nicht mit mir; sie wartete einfach, bis ich mich damit abgefunden hätte, dass sie jetzt ein Teil meines Lebens war.

Mit Yejide war es viel schneller gegangen. Nachdem ich sie kennengelernt hatte, verbrachte ich einen Monat lang jeden Tag zwei Stunden im Auto, um bei ihr zu sein. Ich verließ das Büro um fünf und fuhr die halbe Stunde bis Ife. Es dauerte weitere fünfzehn Minuten, um durch die Stadt bis zum Universitätstor zu gelangen. Meistens betrat ich das Zimmer F101 im Wohnheim Moremi Hall ungefähr eine Stunde nach meiner Abfahrt in Ilesa.

Das machte ich jeden Tag, bis Yejide irgendwann raus auf den Gang kam und die Tür hinter sich schloss, anstatt mich hereinzulassen. Sie sagte, ich solle nie wieder kommen. Sie sagte, sie wolle mich nie wieder sehen. Aber ich gab nicht auf. Elf Tage lang stand ich jeden Tag vor Zimmer F101, lächelte ihre Mitbewohnerinnen an und versuchte sie zu überreden, mich hereinzulassen.

Am zwölften Tag öffnete sie selbst die Tür. Sie kam raus auf den Gang. Wir standen nebeneinander, als ich sie anflehte, mir zu sagen, was ich falsch gemacht hatte. Ein Gemisch verschiedener Gerüche aus der Teeküche und den Toiletten drang zu uns nach draußen.

Es stellte sich heraus, dass das Mädchen, mit dem ich vor Yejide zusammen gewesen war, sie in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, um sie zu bedrohen. Das Mädchen hatte behauptet, wir hätten traditionell geheiratet.

»Ich will keine Polygamie«, sagte Yejide an dem Abend, an dem ich endlich erfuhr, was los war.

Jedes andere Mädchen hätte versucht, mir irgendwie durch die Blume zu sagen, dass sie die einzige Ehefrau sein wolle. Nicht aber Yejide. Sie war direkt. Geradeheraus.

»Ich auch nicht«, sagte ich.

»Hör zu, Akin. Vergessen wir es einfach. Die ganze Sache – uns. Das hier.«

»Sieh mich an. Ich bin nicht verheiratet. Bitte – sieh mich an. Wenn du willst, gehen wir jetzt sofort zu diesem Mädchen und stellen es zur Rede. Dann soll sie uns die Hochzeitsfotos zeigen.«

»Sie heißt Bisade.«

»Ist mir egal.«

Yejide sagte eine Weile kein Wort. Sie lehnte an der Tür und sah zu, wie Leute den Gang entlangkamen und wieder verschwanden.

Ich berührte sie an der Schulter; sie ließ es zu.

»Dann war ich wohl dumm«, sagte sie.

»Eine Entschuldigung wäre schon angebracht«, sagte ich. Ich meinte es nicht so. Unsere Beziehung war noch in einem Stadium, in dem es nicht wichtig war, wer recht hatte und wer nicht. Wir waren noch nicht an dem Punkt, wo die Diskussion darum, wer sich zu entschuldigen hatte, gleich den nächsten Streit auslöste.

»Entschuldige, aber weißt du, die Leute haben alle möglichen … Entschuldige.« Sie lehnte sich an mich.

»Entschuldigung angenommen.« Ich grinste, als sie mir unsichtbare Kreise auf den Arm malte.

»Tja, Akin. Jetzt kannst du mir alle deine Geheimnisse verraten, die schmutzigen und die weniger schmutzigen. Vielleicht von einer Frau, die irgendwo deine Kinder …«

Ich hätte ihr manches erzählen können. Ihr sagen sollen. Ich lächelte. »Ich habe ein paar schmutzige Socken und Unterhosen. Und du? Irgendwelche schmutzigen Höschen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Endlich sprach ich aus, was mir vom ersten Augenblick an prickelnd auf der Zunge gelegen hatte – oder eine Version davon. Ich sagte: »Yejide Makinde

 

Alexander von Schönburg »Die Kunst des lässigen Anstands«

»Kennen Sie das? Jemand lässt einem die Tür vor der Nase zufallen, ein anderer drängelt sich vor auf den letzten freien Sitzplatz, ein Autofahrer nimmt einem Radler die Vorfahrt und dieser haut ihm wütend aufs Autodach. Frei nach dem Motto: "Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht", ist unsere Gegenwart auf Egozentrik und Selbstoptimierung getrimmt. Das Zusammenleben im Kleinen wie im Großen macht das weder leichter noch freudvoller. Alexander von Schönburg setzt der "Me first"-Mentalität mit seinem Buch ein so erhellendes wie mitreißendes Plädoyer zur ethisch-moralischen Selbstertüchtigung entgegen.

Indem er 27 Tugenden wie Freundlichkeit, Höflichkeit, Demut, Maß und Dankbarkeit neu beleuchtet, zeigt er, dass jeder von uns mithilfe solcher nur vermeintlich altmodischer Werte nobel und lässig durchs Leben gehen kann.« Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Die Kunst des lässigen AnstandsDie Kunst des lässigen Anstands

27 altmodische Tugenden für heute

 Wir leben in einem Zeitalter der Beliebigkeit und Selbstsucht. Überall gilt »ich zuerst«, alles ist erlaubt, jeder will sich selbst optimieren, so wird übertrumpft, gedrängelt, auf Facebook gepöbelt. Doch auf diese Weise wird unser Zusammenleben höchst unangenehm, und wir steuern geradewegs in den Untergang.  Alexander von Schönburg plädiert für mehr Anstand, für Werte und Tugenden, die lange altmodisch erschienen und heute wieder aktuell sind. Dem »anything goes« der auf Selbsterfüllung, Vergnügen und Konsum getrimmten Gesellschaft stellt er die neue Ritterlichkeit gegenüber. Denn nobles Verhalten macht das Leben erst schön. 
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Volker Kutscher »Marlow«

»"Marlow", der siebte Band der gefeierten Romanserie von Volker Kutscher, versetzt uns ins Berlin des Jahres 1935, und der Oberkommissar, zu dem Gereon Rath mittlerweile befördert worden ist, gerät an einen Fall, der ihn mitten in die schmutzigen Geschäfte von Hermann Göring führt. Vor allem aber stößt er erneut auf jenen Unterweltkönig, den er nie wiederzusehen hoffte: Johann Marlow. Wir sind sehr glücklich, dass Volker Kutscher nun bei Piper ist. Freuen Sie sich mit uns auf den neuen Rath-Roman!« Felicitas von Lovenberg

MarlowMarlow

Der siebte Rath-Roman

Berlin, Spätsommer 1935. In der Familie Rath geht jeder seiner Wege. Pflegesohn Fritz marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag, Charly schlägt sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durch, während sich Gereon Rath, mittlerweile zum Oberkommissar befördert, mit den Todesfällen befassen muss, die sonst niemand haben will.  Ein tödlicher Verkehrsunfall weckt seinen Jagdinstinkt, obwohl seine Vorgesetzten ihm den Fall entziehen und ihn in eine andere Abteilung versetzen. Es geht um Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Und um Charlys Lebenstrauma, den Tod ihres Vaters. Und um den Mann, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte: den Unterweltkönig Johann Marlow.
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Edoardo Albinati »Die katholische Schule«

»Wer sind wir,  wer werden wir,  woran können wir glauben, wie begehren wir, und was sagt das über uns aus? Edoardo Albinati stellt in "Die katholische Schule" große Fragen – und wagt Antworten. In Italien gefeiert, mit dem Premio Strega ausgezeichnet und ein Bestseller, ist dieser Roman, der um ein wahres Verbrechen kreist und dabei ein Panorama der Gesellschaft zeichnet, ein Buch, wie man es nur ganz selten zu lesen bekommt. Wenn die letzten Romane von Donna Tartt, David Foster Wallace oder Mathias Énard Sie begeistert haben, dann wird "Die katholische Schule" Sie nicht mehr loslassen. Und Sie werden die Welt danach mit anderen Augen sehen.« Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Die katholische SchuleDie katholische Schule

Roman

Eine Selbstbefragung à la Knausgård, ein Gedankenroman wie David Foster Wallaces Unendlicher Spaß– dieser Roman ist so komplex wie klug, so polemisch wie politisch, so bewegend wie bedeutend.Rom in den Siebzigerjahren, im gutbürgerlichen Quartiere Trieste ... Ein paar Ehemalige der Privatschule San Leone Magno begehen eines der brutalsten Verbrechen der Zeit. Edoardo Albinati ist damals auch auf diese Priesterschule gegangen. Vierzig Jahre lang hat er das Geheimnis seiner „schlechten Erziehung“ gehütet. Nun erzählt er es, und zwar so, als würde ihm vom Grund eines tiefen Brunnens sein Spiegelbild entgegenblinzeln. Entstanden ist ein Roman von verblüffender Vielfalt. Es geht um die Teenagerzeit, um Sex, Religion und Gewalt; um Geld, Freundschaft, und Rache, um legendäre Lehrer und Priester, Krawallmacher, kleine Genies und Psychopathen, um rätselhafte Mädchen und Terroristen. Aus diesem Gemisch lässt Albinati eine versunkene Epoche unverklärt wieder aufleben. Doch er lässt es nicht bei der Erinnerung bewenden, sondern stellt sich den großen Fragen unserer Tage, analysiert Alltagsphänomene, leitet Entwicklungen her, liefert Prognosen – scharfsinnig, manchmal zornig und immer mit besonderem Augenmerk auf die Dinge jenseits des Scheins. "Ich habe alles gegeben, was ich hatte und nicht hatte, Geschichte, Gespenster, mein Schreiben ..." Edoardo Albinati
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ERSTER TEIL
CHRISTEN UND LÖWEN


KAPITEL I
Es war Arbus, der mir die Augen öffnete. Nicht, dass ich vorher nicht hingesehen hätte, doch konnte ich mir dessen, was ich sah, alles andere als sicher sein, vielleicht waren es Projektionen, um mir etwas vorzumachen oder mich zu beschwichtigen, und ich war unfähig, das, was sich mir tagtäglich bot und was man Leben nennt, in Zweifel zu ziehen. Einerseits nahm ich fraglos alles hin, was einem Jungen mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn und in den darauffolgenden Jahren widerfährt, die zum Abschluss jener »Phase« führen (es wird immer von einer »Phase« geredet, von einem »Moment«, egal, wie lange er anhält, von einem »heiklen Moment« oder gar von einer »Krise«, der jedoch weitere und nicht minder heikle Momente oder kritische Phasen folgen, immerfort und ohne Pause, bis man groß, erwachsen, alt und schließlich tot ist); brav ernährte ich mich von dem, was der Alltag mir wie jedem Heranwachsenden auf den Teller lud, von den Dingen, die einen beschäftigen, während man größer wird und sich entwickelt (»Entwicklung«, ein weiterer Schlüsselbegriff der Erwachsenen, um die Schlösser der Jugend zu knacken, das schwierige »Entwicklungsalter«, die »Persönlichkeitsentwicklung«, und dann dieser entsetzliche intransitive Ausdruck »er ist schon entwickelt«, der die genitalen Geheimnisse mit einem zähen Siegellack überzieht), und die, wenn auch in willkürlicher Abfolge, zum unvermeidlichen Menü eines Teenagers gehören: Schule, Fußball, Freunde, Hochs und Tiefs, alles garniert mit Telefonaten und Tankfüllungen und Mopedstürzen – wer kennt das nicht.
Andererseits verspürte ich den Stich eines Zweifels. War das das Leben? War es mein Leben? Musste ich etwas tun, um es zu meinem zu machen, oder wurde es mir einfach zuteil? Musste ich es mir erarbeiten oder verdienen? Vielleicht war es ein Provisorium und würde bald durch das endgültige Leben ersetzt. Doch wäre es dann an mir, es zu ändern, oder würde jemand anderes es tun? Ein äußeres Ereignis vielleicht? Das Leben kann außergewöhnlich oder normal sein. Zu welcher Kategorie gehörte meines? Ehe Arbus auf den Plan trat, kamen mir diese Fragen, die ich nun wenigstens in Worte fassen kann – auch wenn ich jeden Vorsatz aufgegeben habe, sie beantworten zu können – nicht im Entferntesten in den Sinn, sie lösten sich auf, ehe sie an die Oberfläche meines Bewusstseins drangen, und ließen lediglich ein kribbelndes Unbehagen zurück.
Allein von Bewusstsein zu sprechen ist eine Übertreibung.
Allenfalls von dem Gefühl, auf der Welt zu sein. Zu existieren.
Wer diese mich umgebenden, betörenden Bilder projizierte, war ein Magier, ein Genie. Das muss ich ihm lassen. Seiner Lampe entstiegen makellose, süße, bestechend klare Träume, durch die ich mich selbstvergessen, ja nahezu berückt bewegte. Ich war also tatsächlich glücklich oder unglücklich. Tief sog ich die geheimnisvolle Luft der um mich errichteten Kulissen ein, die, sobald ich sie durchschritten hatte, sogleich wieder abgebaut wurden. Irgendetwas ließ mich vermuten, früher oder später müsse etwas Entscheidendes passieren, das die unbedeutenden bisherigen Ereignisse, statt sie Stück für Stück zu erklären, mit einem unwiderstehlichen Faden zusammenheftete wie die Seiten eines Romans, die man gierig bis zur letzten umblätterte. Und so würde sich mein Leben wie auch das aller anderen, das einer Fiktion nur ähnelte, jedoch deren zwingende Folgerichtigkeit besaß, endlich wahr und real nennen können …
Es waren klare, wiewohl äußerst verstörende Momente – ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll –, in denen ich der Verwirrung, die mich ergriff, mit schmerzlicher Deutlichkeit gewahr wurde. Sie nahm mich vollständig in Beschlag, ohne Raum für irgendetwas anderes zu lassen – Ideen und Gedanken beispielsweise. Ich konnte nur fühlen, sonst nichts. Ich spürte den Fluss des Blutes, das sich in meiner Brust staute, mein schmerzhaft geschwollenes Herz sozusagen, das wirklich richtig wehtat, als wollte es, um es im Stil altmodischer Romane auszudrücken, zerspringen, doch besaß dieser Schmerz eine eigentümliche Süße, die ebenso seltsam war wie alles andere.
Arbus war seit der Sechsten in meiner Klasse, doch bemerkte ich ihn erst gegen Ende der Sekundarstufe, einen Monat vor den Prüfungen …

Schüler hinken per se hinterher. Ausnahmslos alle. Die Lehrer übrigens auch, sie schaffen es nicht, den von ihnen erstellten Lehrplan einzuhalten, und geben dafür ihren Schülern die Schuld, was zugleich richtig und falsch ist, denn säßen in ihren Klassen nur kleine Genies, würden die Lehrer trotzdem hinterherhinken, und sei es nur um eine Seite, eine Zeile, einen Millimeter. Scheitern und Verzicht sind ihr Schicksal: Wie sollte es auch anders sein, wenn man beispielsweise den ganzen Kant im vorletzten Oberstufenjahr durchnehmen will. Es gibt keine vernünftige Erklärung dafür, und so muss man sich mit dem nebulösen Ausdruck »so ist es eben« behelfen. Ziele werden gesteckt, um nicht erreicht zu werden, es liegt in der Natur des Mittelpunktes, ihn zu verfehlen, weil die Kräfte unterwegs nachlassen, weil das Ziel sich unmerklich nach hinten verschiebt, weil die ursprünglichen Vorsätze zu optimistisch, vermessen oder abstrakt, die Hürden höher als gedacht sind oder weil es wegen Unwetter, Krankheit, Streik oder Wahlen zu überraschend vielen Ausfällen kommt. Ich weiß nicht, aus welchem Fachgebiet er kam oder worauf sich seine Erkenntnisse stützen, aber irgendein Forscher hat einmal errechnet, dass jedes Projekt durchschnittlich ein Drittel mehr kostet als ursprünglich vorgesehen und die dafür veranschlagte Zeit um mindestens ein Drittel überschritten wird. Das scheint eine unumstößliche Tatsache zu sein. Es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, die sich dieser eisernen Verzögerungsregel entziehen, und zu denen gehörte Arbus.

Arbus, mein Freund, alte Fischgräte. Du warst so dürr, dass man, wenn du so tatst, als würdest du Volleyball spielen, um in Sport keinen Sechser zu kriegen, beim Anblick deiner Ellenbogen Gänsehaut bekam. Vor Mitleid oder Abscheu. Ganz zu schweigen von deinen Schultern und Knien, die so spitz waren, dass sie sich fast durch das Gewebe deines schwarzen Trainingsanzugs mit den limonengelben Streifen bohrten, den du auch im Mai und selbst im Juni noch tragen durftest, um deine anfällige Gesundheit zu schützen. Du konntest noch so sehr tun, als würdest du dich aufs Spiel konzentrieren, alle wussten, dass, wäre der Ball zufällig in dem kleinen Eckchen Spielfeld gelandet, in das wir dich verbannt hatten, damit du der Mannschaft möglichst wenig schadest, du ihn nicht einmal kommen gesehen hättest, weil du dich in der Zwischenzeit in die Betrachtung der Sporthallendecke vertieft hättest, als wolltest du errechnen, wie viel Beton es brauchte, um sie zu stützen. Und hättest du, aufgeschreckt durch unser Geschrei, im letzten Moment doch bemerkt, dass du spielen musstest (Volleyball ist ein hysterischer Sport, bei dem es auf winzige Momente ankommt, auf die höchstens fünf Sekunden unverhofften Ballkontakt, die man pro Spiel hat), Mach, Arbus! Komm schon!! Arbus, Scheiiiiße!!, hättest du mit deinen schlaksigen Gliedmaßen herumgerudert in dem undefinierbaren Versuch, den Ball mit hochgerissenen Armen abzuwehren, von unten zu nehmen oder gar aufzufangen, was man instinktiv tut, wenn unversehens etwas auf einen zusaust. Und tatsächlich war genau das deine häufigste Reaktion, du fingst den Ball auf und drücktest ihn mit einem kleinen, verwirrten Grinsen an die Brust, als würdest du bei deinen Mitspielern nach Anerkennung suchen und, bestätigt von ihrem genervten Chor »O neeeee, Arbus, was soll der Scheiß!?«, im selben Moment kapieren, dass du dir den x-ten Patzer geleistet hattest. Es passierte ziemlich oft, dass dein Gesichtsausdruck mit deinen Gedanken und Gefühlen nicht im Einklang stand. Du lächeltest, während die anderen dich beschimpften.
Das Großartige an Arbus war, dass er sich nicht unterkriegen ließ, die Dinge perlten an ihm ab. Andere hätten so viel Spott und Häme nicht so gut ertragen, sie hätten ihren Klassenkameraden den Ball an den Kopf geworfen, wären auf sie losgegangen oder hätten wegen ihrer offensichtlichen Unfähigkeit losgeflennt wie sogenannte Weicheier. Wie oft habe ich mich wechselweise zu solchen Reaktionen hinreißen lassen, weil ich es einfach nicht ertrage, dem Urteil anderer ausgesetzt zu sein, es macht mich unwillig und aggressiv, selbst wenn es nett gemeint ist, von Kritik ganz zu schweigen. Doch Arbus habe ich nie bedripst oder getroffen gesehen. Jeder andere hätte in solchen Situationen gelitten und sie als demütigend empfunden, doch Arbus blieb seelenruhig, als wäre ihm alles völlig schnuppe, und selbst wenn dem nicht so war, ließ er sich nichts anmerken, seine Miene verharrte in einer Art Begriffsstutzigkeit, die mit dem rasanten Tempo seines Verstandes nicht mithalten konnte. Er brauchte ewig, bis es bei ihm Klick machte und ein Gesichtsausdruck den anderen ablöste. Aber offenbar war Arbus nun einmal so, er schien aus Einzelteilen zu bestehen, die nicht zueinanderpassten: ein brillantes Hirn, ein kaltes Herz, ein Gesicht, dessen Mimik zu schwerfällig war, um sich den Gegebenheiten anzupassen, und dessen Ausdruck deshalb oft aufgesetzt und daneben wirkte (was ihm, wie sich noch zeigen wird, eine Menge Ärger mit seinen Mitschülern, Lehrern und anderen Respektspersonen einbringen sollte, die seinen Ausdruck für frech und anmaßend hielten, während das, was er sagte, vernünftig und respektvoll klang oder umgekehrt).
Und dann war da natürlich sein völlig unkoordinierter Körper. Arbus war groß und mager, sein leicht slawisches Gesicht war von langen, schwarzen, fetttriefenden Haarsträhnen gerahmt, seine dicken Lippen waren zu einem kleinen, nervigen Dauergrinsen verzogen, und sein hochintelligenter Blick versteckte sich hinter einer Brille, die dem irren Wissenschaftler aus Science-Fiction- oder Spionagefilmen alle Ehre gemacht hätte, mit flaschenbodendicken Gläsern, die die Augen riesenhaft verzerren, erst recht so wässerig blaue, wie es die von Arbus waren und noch immer sind, denn Arbus lebt, da bin ich mir sicher, ich habe Beweise, auch wenn ich nicht weiß, wo er wohnt und was er macht.

So blitzschnell, wie er lernte (um etwas zu begreifen und den theoretischen Stoff in den Aufgaben anzuwenden, brauchte er halb so lang wie ich und ein Viertel oder ein Zehntel so lang wie die anderen), verlernte er auch wieder. Das heißt nicht, dass er es vergaß, er wandte sich lediglich etwas Neuem zu. Kaum hatte er etwas begriffen, wurde es mit einem Schlag uninteressant. Am Ende des Schuljahres entleerte er sich, um Neues aufnehmen zu können. Wer Theorien verschlingt, scheidet sie wieder aus. Sie hinterlassen unsichtbare Spuren im Hirn, als wollten sie es weiten, um für den Durchzug neuer, komplexerer Strukturen Raum zu schaffen. Eine so schnelle Auffassungsgabe hat es nicht nötig, Wissen einzulagern.
Schon in der Mittelstufe verblüffte Arbus die Priester und uns, wenn er nach vorne ging und sämtliche Beweisschritte eines erst wenige Minuten zuvor erklärten Lehrsatzes fehlerfrei an die Tafel schrieb. Er zeichnete Diagramme und ließ die Körper rotieren, als würde er sie tatsächlich von allen Seiten zugleich betrachten – von wegen Kubismus! Kaum hatte er aufgehört, die Kreide mit nervösem Klackern und ohne ein einziges Mal innezuhalten, über die Tafel quietschen zu lassen, stand er reglos mit hängenden Armen da, das Gesicht halb hinter den Haarsträhnen verborgen, und stierte stumm ins Leere, als bräuchte er weitere Anweisungen, um sich zu rühren oder etwas von sich zu geben. Wie ein Roboter, den man bis zum nächsten Kommando auf Stand-by geschaltet hat. Doch lag darin weder Langeweile noch Ungeduld, sondern allenfalls das Gegenteil, nämlich Gleichgültigkeit. Schließlich war das Problem gelöst, was gab es dem noch hinzuzufügen? Da wir anderen bei der ersten Ausführung unseres Mathematiklehrers nicht das Geringste begriffen hatten, verriet uns nur das Staunen auf dessen spitzem Gesicht, dass Arbus alles richtig gemacht hatte. Besonders erfreut schien der Priester darüber nicht zu sein. Diese Mühelosigkeit konnte einen fast glauben lassen, die Arbeit des Lehrers sei überflüssig. Menschen wie Arbus konnten gemütlich zu Hause bleiben, auf dem Bett herumlümmeln und ein halbes Stündchen im Schulbuch blättern, und schon hatten sie den Stoff eines ganzen Monats intus. Ob sie in die Schule gingen oder nicht, machte letztlich keinen Unterschied.
Vielleicht wäre es naheliegender gewesen, den Klassenletzten, den Krawallmacher oder den chronischen Sitzenbleiber über Arbus und seine Geschichte des erkannten Genies schreiben zu lassen, um den Kontrast besonders deutlich zu machen. Stattdessen werde ich sie schreiben, klug, begabt, wenn auch nicht so begabt, und vor allem zu farblos, um mich wirklich hervorzutun, genau wie diese jungen Tennisspieler mit der fantastischen Rückhand, denen Experten eine strahlende Zukunft prophezeien und für deren legendäre Erfolge man die Hand ins Feuer legt, doch weil ihnen irgendetwas fehlt, vergeht Jahr um Jahr ohne einen einzigen bedeutenden Turniersieg. Was fehlt ihnen? Der Biss? Der Mut? Die Ausdauer? Die Eier? Der Killerinstinkt? Wie wollen wir diese unsichtbare Gabe nennen, ohne die alle sichtbaren Stärken wenig nützen? Nicht von ungefähr gibt es den Ausdruck »Klassenprimus«, vom Klassenzweiten, -dritten oder -fünften ist dagegen nie die Rede, also von Zipoli und Zarattini, von Lorco und mir, die aufgrund einzelner Leistungen im Ranking auf- oder abstiegen, es in die Top Ten der Streber schafften oder rausflogen, ohne dem Topgesetzten Arbus, dem unangefochtenen Champion in jeder Disziplin, trotz der sporadischen Treffer, die wir mit abgeschriebenen Hausaufgaben oder bei mündlichen Tests landeten, weil wir rein zufällig zum einzigen Thema befragt wurden, das wir gelernt, oder zum letzten, das wir noch im Kopf hatten, auch nur ansatzweise gefährlich zu werden. Daher unsere unvermeidlichen Aufs und Abs. Arbus’ Noten hingegen waren rundweg beeindruckend, seine Ergebnisse bewegten sich immer im obersten Viertel, und häufig waren die Lehrer gezwungen, mit dem großen, alten Schultabu zu brechen – der Eins plus, der Zensur, die so viel heißen sollte wie: Vollkommenheit. Allein die Vorstellung, sie ins Klassenbuch zu schreiben, stürzte die Lehrer in Gewissenskonflikte, und tatsächlich passte sie nicht einmal in das dafür vorgesehene Kästchen. Doch selbst die Reaktionärsten unter ihnen, die auf das Argument pochten, »Wenn ich dir eine Eins plus gebe, was würde ich dann Manzoni geben?«, mussten einsehen, dass es einfach unmöglich war, Arbus nicht die Bestnote zu geben, egal, ob man sich in Spitzfindigkeiten und astronomische Vergleiche mit altchinesischer Sternkunde oder Descartes verstieg. Ich selbst war nie einer von denen, die nächtelang über den Büchern hockten, doch Arbus war es noch viel weniger, und ich könnte schwören, dass er zu Hause keinen Strich für die Schule tat. Lernen ist sowieso öde.

Erst sehr viel später sollte ich herausfinden, dass eines der wenigen Dinge, mit denen sich Arbus ernsthaft und systematisch befasste, die unterschiedlichen Arten des Tötens waren. Ich weiß nicht, woher diese schräge Leidenschaft rührte, war er doch der sanftmütigste und harmloseste Kerl, den man sich vorstellen konnte; zumal in jenen Jahren, die, wie wir im Laufe der Geschichte feststellen werden, von einer eigentümlichen Vorliebe für gewaltsame Unterdrückung nicht nur durch diejenigen geprägt waren, von denen man sie traditionsgemäß erwartet, also durch die Reichen (qua ihrer Stellung), die Armen (um zu überleben) und die Kriminellen (weil ihre Veranlagung oder der Beruf es mit sich bringen), sondern auf punktuelle, individuelle und persönliche Weise durch alle. Zwar hätte man Arbus weder aggressiv noch gewalttätig nennen können, doch schon damals (auch wenn ich es erst sehr viel später, gegen Ende der Gymnasialzeit, erfuhr) hegte er ein ausgeprägtes Interesse für Tötungen jeder Art und mit jeglichen Mitteln und Waffen, vor allem für den Krieg, der in puncto Quantität und Vielfalt des Tötens die größte Bandbreite liefert, aber auch für Ritual- und Opfermorde, Tötungen aus Notwehr oder Rache oder bei Gangsterfehden oder um einen lästigen Ehemann oder eine untreue Ehefrau loszuwerden oder aus schierer Grausamkeit oder zur gewissenhaften Vollstreckung eines Todesurteils. Wo immer ein Mensch aus welchem Grund oder Zweck auch immer einem anderen Menschen das Leben nahm, war Arbus’ Interesse geweckt. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass mein Klassenkamerad sich auch für das extreme Gegenteil interessierte (offensichtlich zogen Gegensätze ihn an), nämlich dafür, wie man es schafft zu überleben.
In der Kindheit sind Morde ohnehin allgegenwärtig, zwar meist nur im Spiel, doch macht sie das nicht weniger grausam. Jedes Mal murksten wir einen Haufen Gegner ab, und fast immer mussten wir irgendwann selbst dran glauben. Die Geschichte verlangte danach. Wohl kaum eine Szene habe ich im Leben öfter gemimt als den Revolverhelden, der sich, von einer Kugel getroffen, zusammenkrümmt. Es gab unzählige Arten und Geschwindigkeiten zu fallen, mit angezogenen Beinen, taumelnd, die Hände gegen die Brust gepresst oder mit auseinandergerissenen Armen, und dazu das Hinstürzen oder rücklings Umkippen, gefolgt von Zuckungen und dem letzten Versuch, den Schuss zu erwidern, ehe man sein Leben aushaucht. Mit vor Blut und Staub vernebeltem Blick war es schwer, richtig zu zielen, und oft ging der Treffer ins Leere. Dem Schicksal des Spiels entkommt man nicht. Die Hand fiel kraftlos zu Boden, und nach einem letzten Zucken erschlafften die zu einer Pistole geformten Finger für immer. Wir haben Ströme von Blut vergossen, allen voran unser eigenes, es war eine echte Schule fürs Leben, und bei Lichte besehen, ist es einigermaßen verwunderlich, dass nur so wenige aus dem Spiel Ernst gemacht und damit echte Opfer gefordert haben. Nach all den Büchern, Filmen und Spielen, die sie verherrlicht, und all den Darstellungen im Fernsehen, die uns jahrzehntelang mit ihr gefüttert haben, ist es schon erstaunlich, wie selten man tatsächlich zu Gewalt neigt. Mit zwölf Jahren hatte ich bereits Tausende Menschen umgebracht oder sterben sehen. Ich hatte an Schießereien und Beerdigungen teilgenommen und Blutbäder angerichtet. Heutzutage reichen dazu schon ein paar Sessions eines x-beliebigen Videospiels, und man schickt die im Gestrüpp lauernden Drecksäcke allesamt »zur Hölle«. Man bläst sie vom Bildschirm. Die Feinde haben sich verhundertfacht, und die Instrumente, um sie zu zerstören, sind perfekter denn je.
Ich weiß nicht, ob sich der erwachsene Arbus je diesen hyperrealistischen Spielen gewidmet hat, die höchste Wahrscheinlichkeit mit höchstem Irrwitz verbinden. Vermutlich würde ihm diese abstrakte, überwältigende und dennoch gefühllose Computerwelt gefallen. Ich hatte immer den Eindruck, Arbus’ Leben würde nur in seinem Kopf stattfinden und deshalb keine Grenzen kennen. In den verborgenen Verknüpfungen seines Hirns nahmen die Dinge Gestalt an. Und zwar sämtliche Dinge. Hätte es den Begriff damals schon gegeben, hätte man tatsächlich sagen können, mein Freund lebte in einer virtuellen Welt. Im schützenden Kokon seiner Intelligenz spielte sich sehr viel mehr ab als in der Alltagsroutine des hochbegabten Jungen, dessen Tagesablauf nur Schule, Klavierstunden und Rückengymnastik an mit Riemen und Eisenfedern gespickten Geräten kannte, die an Folterinstrumente erinnerten und verhindern sollten, dass seine zu schnell gewachsene Wirbelsäule sich verkrümmte. Womit wir wieder bei der Entwicklung und ihren Nebenwirkungen wären. Ein unkontrollierbares und nicht sonderlich begeisterndes Phänomen, das sich allenfalls in einer Markierung an der Wand niederschlägt, die zwölf Zentimeter über der vom vergangenen Jahr liegt. Na toll. Doch in Arbus’ Kopf gab es genug Platz für alle erdenklichen Themen und Abenteuer, nichts wurde von vornherein als zu schwer, zu abwegig, zu gefährlich oder zu gewagt ausgeschlossen. Arbus’ Verstand war hemmungslos, machte vor nichts halt, kannte keine Grenzen und überwand sie, ohne es überhaupt zu merken. Für ihn war alles vorstellbar, selbst das Entsetzlichste.
Ich weiß noch, wie wir im Unterricht einen Schriftsteller durchnahmen, der als eine Art makabren, todernst formulierten Scherz (ob er es ernst meinte oder nicht, war nicht ganz klar) den Vorschlag gemacht hatte, Kinder an das hungernde Volk zu verfüttern. Bekanntermaßen erscheint das, was einem in der Schule geboten wird, allen voran die humanistischen Fächer, auf den ersten Blick zumeist sinnlos, übertrieben oder absichtlich provokant. »Die spinnen doch«, möchte man jedes Mal sagen, wenn es um eine philosophische oder literarische Strömung oder um Geschichte geht: Der Pharao, der das Meer auspeitschen ließ, die Zirbeldrüse, die Theorie, dass eine Katze zugleich lebendig und tot sein kann, Astolfos Ritt zum Mond, wo das Hirnschmalz der Wahnsinnigen in Ampullen aufbewahrt wird, ein Mumienchor, der um Mitternacht singt, die Monaden »ohne Türen und Fenster« und dann der große Politiktheoretiker, der behauptet, man solle seine Feinde zum Abendessen einladen und anschließend erdrosseln … Hoch angesehene Persönlichkeiten, die sich eine nach der anderen aufhängen, ihre Kinder fressen, die Mutter vögeln oder sich vergiften, weil sie glauben wiederaufzuerstehen, das Mehr und das Weniger, die Letzten werden die Ersten sein, Leben und Tod sind das Gleiche und so weiter und so fort.

Als der Lehrer uns erklärte, der Verfasser des makabren Vorschlages sei derselbe, der Gullivers Reisen geschrieben hatte, war uns klar, dass der Typ sowieso gern dick auftrug, und mit der gewohnten Dosis Skepsis, die man sich als Schüler gegen die x-te abgedrehte These verabreicht, beruhigten wir uns wieder. Der Einzige, der diese Überlegung vernünftig, wenn auch schwer umsetzbar fand, war natürlich Arbus. Am Ende musste er zugeben, dass sie abwegig war, allerdings nur aus hygienischen Gründen.

Wir waren ziemlich fantasielose Träumer. Die größten Anregungen lieferten das Fernsehen und schmutzige Witze, deren Hintersinn ich zugegebenermaßen nur selten begriff. Ich lachte und tat so, als hätte ich sie geschnallt, dabei hatte ich nur geschnallt, an welcher Stelle man lachen musste. Wie die vollständige Nacktheit gibt es auch den vollständigen Sinn. Ich erahnte ihn allenfalls und hoffte, mit meiner Ahnung richtigzuliegen. Meine einsamen Bemühungen, mir auf das Unbekannte einen Reim zu machen, führten zu kuriosen Entdeckungen und haarsträubenden Missverständnissen, von denen einige bis heute nicht richtiggestellt wurden. Erotische und wissenschaftliche Autodidaktik gehen Hand in Hand. Weil mir meine Unwissenheit peinlich war und Nachfragen noch peinlicher, wusste ich mit zwölf beispielsweise nicht, was das Wort »Präservativ« bedeutete, und einen ganzen Sommer und Herbst hindurch war ich überzeugt, es handele sich um eine Art Schmiermittel, das wie Nasentropfen in kleinen braunen Fläschchen aufbewahrt wurde. Was genau man damit anstellte, war mir schleierhaft. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Schlussfolgerung gekommen war. Einige Schulkameraden waren auf diesem Gebiet ein ganzes Stück weiter und hinkten dafür auf anderen hinterher. Die Jugend vollzieht sich im Zickzack, man könnte sogar sagen, jenes Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren hat nichts mit dem zu tun, was man sich gemeinhin darunter vorstellt; es versammelt die unterschiedlichsten Verhaltensweisen und Erfahrungen und vor allem physische Körper jeder Größe und Beschaffenheit und jeden denkbaren und undenkbaren Geschlechts, die nur während der Pubertät existieren, Komponenten, die nichts miteinander zu tun haben und das genaue Gegenteil voneinander sind, der reinste Widerspruch, weshalb ein barbarischer Geist jene Jahre beseelt, und die löcherig gewordene Fantasierüstung aus Kindertagen wird mit Bruchstücken einer Zukunft geflickt, die man sich immer futuristischer ausmalt, als sie tatsächlich sein wird.
Jedes Spiel verlangte nach Preisen und vor allem nach Strafen, für gewöhnlich gibt es am Ende einen Preis für einen Gewinner und dazu haufenweise während des Spiels erteilter Strafen, damit möglichst jeder was abbekommt, und so wartet jeder Lebensabschnitt mit eigenen Bestrafungen auf: Das, was uns gerade am wichtigsten ist, wird uns weggenommen, und das, was uns die größte Angst oder Peinlichkeit bereitet, piesackt uns so lange, bis es unter allgemeinem Gelächter an die Oberfläche kommt. Man »zahlt Pfand« und tut Buße. Demütigung kann eine Strafe sein, der Schlag ins Gesicht, wenn einem das Geld für den Pausensnack geklaut oder man gezwungen wird, Oboe zu lernen; und mit den Sexspielchen gehen natürlich die sexuellen Strafen los, von denen die übelste die Ausgrenzung ist. Die Zurückweisung, und mag sie noch so liebenswürdig sein. Das ist wahrlich noch schlimmer als das zwanghafte Dazugehören. Vielleicht versuchte ich deshalb, mit den Versautheiten Schritt zu halten, mit der eher verbalen denn visuellen Pornografie, auch wenn das bedeutete, mir auf alles selbst einen Reim machen zu müssen. Auf die Stadien und Techniken. Auf das Geheimnis, das sich in den Sexbeilagen verbarg, die in die Zeitschriften eingeschweißt waren, damit kleine Jungs am Kiosk nicht die Nase hineinsteckten. Gott, was waren wir ahnungslos und unterentwickelt! Die ganze Welt hatte sich verschworen, um uns in diesem Zustand zu halten, und die Priester, unsere archaischen Lehrer, waren am Ende die Einzigen, die etwas unternahmen, um uns aus diesem Limbus zu retten. Und zwar mit allen Mitteln.

»Keiner rührt sich! Wer hat euch das Präservativ gegeben?«
Er hatte tatsächlich »Präservativ« gesagt, im Singular. Ich hatte geglaubt, es handelte sich um eine Arznei oder immerhin – wer weiß, wieso – um eine Flüssigkeit, um den wertvollen oder gefährlichen Inhalt eines Fläschchens, den man mit der Pipette dosierte wie ein Gift, wie Opium vielleicht. Als ich später ohne nähere Erklärungen erfuhr, dass es sich um ein Mittel zur Empfängnisverhütung handelte, und trotzdem grundlos an der Vorstellung festhielt, es müsse flüssig sein, stellte ich mir vor, man trüge es tröpfchenweise auf den Schwanz auf …

Sollte ich Arbus’ Geschichte von Anfang an erzählen, käme ich in ernste Schwierigkeiten, denn wie bereits erwähnt, war er in der Klasse lange Zeit so unauffällig wie ein Stein in der Wüste. Starr, gelblich, geradezu leblos. Eher Reptil als Stein. Dank seiner Mimikry blieb er fast die gesamte Mittelstufe gänzlich unbemerkt. Doch als er nach und nach populär zu werden begann (damit wir uns richtig verstehen: relativ populär, denn ehrlich gesagt, war Arbus in der Schule nie beliebt, sondern eher das Objekt voyeuristischer Neugier, über das man tuschelte und das man wie ein Phänomen gleichsam ehrfürchtig aus der Ferne betrachtete), als Arbus also aufgrund seiner unglaublichen intellektuellen Fähigkeiten berühmt wurde, ging es mit den Legenden und hyperbolischen Sprüchen los, nach dem Motto »Arbus kennt keinen Anfang und wird kein Ende haben« oder »Er ist das Wort«, und nach den ersten Philosophiestunden wurden die Lehrsätze aus dem Schulbuch auf ihn übertragen, was sie übrigens endlich verständlich machte. Der des »unbewegten Bewegers« von Aristoteles passte beispielsweise wie die Faust aufs Auge und veranschaulichte die Vorstellung einer unerschütterlichen Macht perfekt. Normalerweise hielten sich die Lehrer nicht damit auf, ihn aufzurufen, weil er sowieso die richtige Antwort wusste. Die wenigen Male, die er drankam, gab es immer jemanden, der aus den hinteren Reihen ein feierliches »Ipse dixit« nachschob. Außerdem bekam er die absurdesten Spitznamen verpasst, vornehmlich Begriffe aus dem Griechischen oder Fremdwörter, und so wurde er, jeweils passend zum Lehrplan, Apeiron, Mantisse, Gnomon, Mumie und Synapse genannt.
Pennälerhumor ist (oder war) nie besonders geistreich. Er ist fantasielos und schöpft fast ausschließlich aus dem, was er direkt vor der Nase hat, also aus den Schulbüchern und dem Unterricht. Er schrumpft das Universum auf die Größe eines Bignamino-Heftchens zusammen und versucht beharrlich, es noch weiter einzudampfen und zu miniaturisieren, mit dem gleichen lächerlichen Perfektionstrieb, mit dem manche Schüler vor einer Klassenarbeit ganze Kapitel in mikrometerkleinen Buchstaben auf winzige Zettelchen schreiben, die in das Röhrchen eines BIC-Kulis passen. Eine Technik wie aus einem Spionagethriller, die so aufwendig ist, dass es schneller wäre, die Kapitel einfach zu lernen. Das Ergebnis waren Reime und platte Witzchen. »Der Sophokles, der kneift ganz kess Euripides ins Prachtgesäß …« (Eselsbrücken haben immer diesen angestaubten, biederen Ton) »›Du irrst, mein Guter!‹, sagt indes der weise Mann Thukydides, ›denn keiner hat ’nen Arsch so groß wie unser Freund Aischylos.‹« Derselbe Blödsinn, den schon unsere Väter genauso dämlich kichernd aufgesagt haben. »Dies ist Lavinia, deine Braut/ die Maid ist ordentlich versaut.«
Zu Arbus’ und meiner Zeit war Schule in vielerlei Hinsicht noch wie nach dem Krieg (wie lange hat diese elende Nachkriegszeit eigentlich gedauert, und vor allem, wann war sie endlich vorbei?), und sie sollte sich vor unseren Augen, besser gesagt, unter unseren Füßen verändern: Als wir in die Schule kamen, sah es aus, als würde sie auf alle Ewigkeit so bleiben, und als wir sie verließen, hatte sich alles verändert, die Welt, die Schule und natürlich wir; doch auch die Priester, die sie führten, waren nicht mehr dieselben, sie waren nicht mehr die ausgemergelten Betbrüder, die aussahen wie spanische Märtyrer, in deren Blicken ein unergründliches Feuer glomm. Sie hatten sich womöglich am meisten verändert. Nur die Soutane blieb die Gleiche.

Unsere Schule, das Istituto San Leone Magno, war eine katholische Privatschule mit monatlichem Schulgeld, an der vor allem in den Grundschulklassen fast ausschließlich Priester unterrichteten. In der Mittel- und Oberstufe nahm die Zahl der weltlichen Lehrer zu, und in den letzten Klassen waren sie in der Mehrheit. Man könnte daraus schließen, dass die Priester nur für die Vermittlung einfacher Grundfächer taugten (Lesen, Schreiben, Rechnen), oder aber, dass sie sich auf die ersten Schuljahre konzentrierten, weil diese in jeder und nicht zuletzt in religiöser Hinsicht, was ihnen und den Schülerfamilien (nicht allen, wie man sehen wird) besonders am Herzen lag, die entscheidendsten sind. Vermutlich trifft beides zu. Die Schule befand und befindet sich noch immer in der Via Nomentana auf der Höhe der Kirche Santa Costanza, also am östlichen Rand des Quartiere Trieste, wo die lange, baumbestandene, vor Verkehr und Romantik brodelnde Via Nomentana verläuft, die an der Porta Pia, dem Einfallstor der Bersaglieri, endet. Die wesentlichen Ereignisse dieser Geschichte sollten sich in dem Geviert zwischen Via Nomentana, Tangenziale Est, Via Salaria und Via Regina Margherita abspielen. Inzwischen wurde die Schule aus ökonomischen Gründen oder wegen zu geringer Schülerzahlen, was das Gleiche ist, teilweise umgewidmet und verkleinert, und in den direkt an der Nomentana gelegenen Gebäuden, in denen damals die Gymnasialklassen untergebracht waren, befindet sich heute eine Universität, von der ich, ehe ich das Schild am Tor gesehen habe, das nur wenige Schritte neben dem Eingang des von mir mehrmals wöchentlich genutzten Schwimmbades liegt, noch nie etwas gehört hatte. Aber in der Zeit, in der sich diese Geschichte zuträgt, galt das SLM als hochmoderne Schule.


KAPITEL II
Manche behaupten, der Kult der Jungfrau Maria sei ein archaisches Überbleibsel der einst mächtigen matriarchalen Religionen, die die männlichen Gottheiten dominierten und ihnen den Aufstieg verwehrten. Andere sehen in ihm die ebenso symbolische wie wirkungsvolle Reduzierung der Frau auf ihre ausschließliche Rolle als Mutter, Herzensmutter, Schmerzensmutter. Wieder andere deuten ihn als das einzige wertvolle Zugeständnis eines durch und durch männlich geprägten, von Vater, Sohn, Propheten und Patriarchen beherrschten Monotheismus an die Weiblichkeit und ihren entscheidenden Anteil daran, dass die Welt nicht nur existiert, sondern menschlich und bewohnbar ist – man könnte also sagen: Ein Glück, dass es unter all diesen krakeelenden Bartträgern eine Frau gibt. Immerhin. Um die Schande, die ihre Stammmutter über ihr Geschlecht gebracht hat, wettzumachen. Aus all diesen Gründen hatte sich die Ordensgemeinschaft des SLM der Jungfrau verschrieben, und zudem lag es natürlich nahe, dass über die schulische Erziehung kleiner und großer Jungs eine Mutter wachte, die schönste, einfühlsamste, langmütigste und nachsichtigste Mutter von allen, die jedoch (wie das herrliche Bild La Vierge corrigeant l’Enfant Jésus von Max Ernst zeigt) im Bedarfsfall auch züchtigen konnte, wiewohl gänzlich lauteren Herzens. Es ist schwer vorstellbar (obgleich die pädagogischen Strömungen, die in jenen Jahren ihren Anfang nahmen und zu einer allgemeinen Selbstverständlichkeit geworden sind, das exakte Gegenteil behaupten), dass Erziehung ohne Strafe auskommt. Unabhängig von ihrer Angemessenheit und der durchaus fraglichen abschreckenden Wirkung liegt ihr Zweck nämlich darin, im zu Recht oder Unrecht Bestraften einen leistungsfördernden Unmut zu wecken. Strafen sollen den Widerstand herausfordern und stärken, statt ihn zu brechen. Wer unter ihnen einknickt, lässt sie zu sinnlosen Demütigungen werden, über die man sich lustvoll beklagen kann. Allen anderen sind sie Prüfungen, die es zu bestehen gilt, Herkulesaufgaben, die Kräfte freisetzen, von denen man ungläubig feststellt, dass man sie besitzt und nutzen kann. Erst die Auflehnung gegen Strafe bringt die Kraft, die Intelligenz und den Stolz in Wallung, die sonst ungeahnt in einem schlummern. Es wird gern unterschätzt, dass die Moral der Moral vorausgeht, auch wenn sie sich gänzlich mit ihr identifiziert, und dass zu ihren Gemeinsamkeiten der durch Unterdrückung hervorgerufene Unwille gehört. Er ist eine einfache chemische Seelenreaktion. Weder Revolutionäre, Patrioten und Wissenschaftler noch einfache Bankangestellte, Krankenschwestern, Anwältinnen und Hautärzte würden es je zu etwas bringen, wenn sich ihnen nicht hin und wieder jemand in den Weg stellen und sie wie beim Gänsespiel aus zumeist fadenscheinigen, läppischen Gründen zurück auf Los schicken würde. Eine Initiation muss zumindest in Teilen schmerzhaft sein.

Die Priester des SLM waren mit den Tugenden der Jungfrau Maria bestens vertraut und wussten sie bei ihrer Lehrtätigkeit, zu der sie sich berufen sahen, fruchtbar zum Einsatz zu bringen. So, wie es Ritterorden und Bettelorden gibt, gab es die Ordensbrüder des SLM, deren Mission das Unterrichten war. Natürlich war es eigenartig, dass die Lehren der Schutzheiligen von einer durchweg männlichen Gemeinschaft praktiziert wurden und dass die Empfänger dieser liebevollen Zuwendung ebenfalls ausschließlich männlich waren. Lehrer und Schüler des SLM, allesamt männlich, mit einer einzigen großen Mutter und Königin: eine Art Bienenstock. Wie emsige Gärtner, die Kürbisse und Tomaten züchten, hatten sich die Priester zum Ziel gesetzt, junge Menschen zu formen und sie dann zu guten Christen heranreifen zu lassen; schon das erste Ziel war alles andere als leicht, das zweite, das bei der Gründung des Ordens im Jahr 1816 noch selbstverständlich erschienen sein mag, war im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden, und in der Zeit, in der sich diese Geschichte zuträgt, hatte sich der Ausdruck »guter Christ« in ein Fremdwort verwandelt, das jeder nach Gutdünken interpretierte und ihm einen psychologischen oder politischen Beiklang verpasste – der Papst meinte dies, die Gläubigen meinten das, sogar die Sünder konnten sich mit Fug und Recht gute Christen nennen, vielleicht die besten, immerhin waren sie der Rohstoff, der sprudelnde Quell des Christentums, die jüngste Generation verlorener Söhne und bußfertiger Magdalenen, eine wahre Brutstätte, die man hegen und schließlich erlösen musste, und dieser letzten Kategorie wurden die Schüler des SLM immer ähnlicher: kleine Sünder in spe.
In der westlichen Tradition geht man davon aus, dass Maria nicht gestorben, sondern tief eingeschlafen ist und das weltliche Leben auf diese Art verlassen hat.

Ich weiß es einfach nicht – mir ist noch immer nicht klar, was ich von den Priestern halten soll. Was ich ihnen gegenüber empfinde. Ich bin zutiefst hin- und hergerissen.
Ich erkenne an mir so einiges, um nicht zu sagen vieles, das ganz schön priesterhaft ist, angefangen bei den Schuhen, diesen schwarzen, schmalen, glattledernen Schnürschuhen, die ich mir schon immer und immer gleich kaufe und die mit einem »Na, hast du dir mal wieder Priesterschuhe gekauft« quittiert werden, oder die Sandalen, ganz genau, Sandalen, die gerade so angesagt sind und als geschmackloser Abklatsch in jedem Schuhgeschäft herumstehen, doch damals kaufte ich sie bei einem Schuhmacher unweit des Gettos, der sie für Mönche anfertigte, Büßerriemen aus schwarzem Leder, um den Fuß zu kreuzigen, der sich im Mai leichenblass und mager wie ein manieristischer Märtyrer aus den Winterstrümpfen schält und mutig entblößt.
Vor Jahren ließ mich ein Mädchen fast im Erdboden versinken, als sie mir sagte, es stehe mir »auf die Stirn geschrieben«, dass ich eine Priesterschule besucht habe, und obwohl ich so tat, als nähme ich es locker, und mir über die Stirn rieb, um dieses aus gleich drei scharlachroten Buchstaben, S, L und M, bestehende Mal wegzuwischen, war ich tödlich getroffen. Mitten ins Herz. Jahrelang benahm ich mich wie ein kleiner Petrus, ich verschwieg, dass ich aufs SLM gegangen war, auf eine Priesterschule, als müsste ich eine körperliche Behinderung verstecken, ich wich aus oder leugnete es sogar, wenn die Sprache darauf kam, und war froh, wenn die Frage nur »Wo hast du Abi gemacht?« lautete und ich wie aus der Pistole geschossen antworten konnte: »Am Giulio Cesare!«, dem staatlichen Gymnasium am Corso Trieste. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass ich die zwölf vorangegangenen Jahre an einer katholischen Schule absolviert hatte.
Damals habe ich begriffen, was es heißt, sich seiner Identität so sehr zu schämen, dass man sie hasst. Sich so gedemütigt zu fühlen, dass man denjenigen, der einen grundlos niedermacht, verteidigt. Wer andere herunterputzt, kennt nichts Schöneres, er wartet nur darauf, sich von seinen Opfern bestätigt zu fühlen.
Dann habe ich gelernt, dass der einzige Weg, sich seiner selbst nicht zu schämen, nicht darin besteht, sich selbst zu akzeptieren (unmöglich!), sondern sich mit dem hervorzutun, was man bis dahin versteckt hat. Eine Art offene Provokation. Wie auf den Gay-Pride-Paraden.
Von da an wurde die Tatsache, eine Priesterschule besucht zu haben, zu einem Joker im Ärmel: Ich bezichtigte mich selbst meiner schulischen Erziehung.

Auch andere priesterhafte Kleidungsgewohnheiten habe ich lange Zeit mehr oder weniger bewusst imitiert, besessen und getragen, wie den schwarzen, gerade geschnittenen Mantel. Die Vermeidung von Farben, die Skepsis gegen Abwechslung. Und ein leises Streben nach Gleichheit, nach der erzwungenen Verbrüderung mittels Uniform, die einen vom quälenden Zwang befreit, sich mit sich selbst und den anderen zu vergleichen, zu wählen, zu beurteilen und unter dem erbarmungslosen Urteil der anderen zu leiden. Natürlich hat diese Neigung etwas Defensives, sie dient dem Schutz. Ich gestehe, dass ich an einer Vergleichsneurose leide, allerdings nicht bei großen Dingen, eher bei lächerlichen Kleinigkeiten, ich bin ein Mensch, der sich haltlos in Details verliert und über einen minimal zu kurzen oder zu langen Hosensaum ebenso in die Krise gerät, wie er sich für einen BH begeistern kann, der seinen Inhalt um eine Körbchengröße anwachsen lässt. Die einzige Möglichkeit, sich von dieser ständigen Qual zu befreien, bestünde nicht darin, die Unterschiede im libertären Sinne unendlich zu vervielfältigen und den Vergleich zwischen einmaligen, unverwechselbaren Individuen unmöglich zu machen, sondern sie einfach aufzuheben. Ein Problem weniger. Wir ziehen uns alle gleich an, damit geht es schon mal los. Eine Welt ohne Kritik und ohne Kontrollen, weil Kontrolle ein für alle Male ausgeübt ist, die morgendliche Kleiderwahl ist hinfällig, kein Junge oder Mädchen muss leiden, weil das T-Shirt-Label nicht das richtige ist, keiner muss sich überlegen fühlen, weil es das richtige ist. Alle in Uniform und fertig, wäre das nicht herrlich? Ein Overall, ein Kaftan, eine Kutte, vielleicht eine Feder am Hut. Um zu wissen, wen man vor sich hat, einen Soldaten, Priester, Feuerwehrmann, Arbeiter, Millionär oder Knacki. Zigeunerinnen und Carabinieri bleiben die Einzigen, die noch eindeutig erkennbar sind …
Nur um das klarzustellen, das ist keine Wehmut, es gibt wirklich nichts, dem ich nachweinen würde, schon zu meiner Zeit war die Schuluniform verschwunden und der Einheitskluft aus T-Shirt und Jeans gewichen, der Zwangsjacke des Lässigen (Schuluniformen waren also kein Ausdruck gemeiner Gleichmacherei mehr, sondern markierten nun den stolzen Unterschied …), und als ich zum Militär ging, waren soeben die Gesetze geändert worden, und wir durften zum Ausgang anziehen, was wir wollten. Hatte es in Tarent ein paar Monate zuvor abends noch vor jungen Matrosen und Fliegern in schlecht sitzenden Uniformen gewimmelt, die ihnen in der allgemeinen Trostlosigkeit dennoch eine gewisse Würde verliehen und sie in ihrer lächerlichen Pflicht verbrüderte, waren wir (Kontingent 9/79) ein Haufen verdrossener Bengel aus ganz Italien, Gott, was waren wir verdrossen … so erbärmlich planlos und noch gesichtsloser, als wir es in Uniform gewesen wären.

Das Priestergewand hat mir stets Respekt eingeflößt, und mit Respekt meine ich die Anerkennung der Andersartigkeit. Nicht um die Distanz aufzuheben, sondern um sie zu wahren. Andersartigkeit bedeutet zugleich Anziehung und Abstoßung. Heute wird sie nicht gern gesehen. Es heißt, in einer anonymen Menge würde niemand den anderen groß beachten, aber das stimmt nicht, ein Priester und erst recht eine Nonne fallen auf, man bemerkt ihre Kleidung, die eine bewusste, individuelle Entscheidung ausdrückt, an der sich die anderen stoßen. Am liebsten würde man dem Priester sagen, he, du, wieso musst du es eigentlich allen unter die Nase reiben, dass du dich Gott verschrieben hast? Weißt du, dass du mir mit deiner zur Schau gestellten beziehungsweise vorgeblichen Güte und Frömmigkeit zu nahe trittst? Was ist, willst du mir eine Predigt halten? Du bist noch schlimmer als ich, lass dir das gesagt sein, nein, du bist genau wie ich, warum also tust du so, als wärst du was Besonderes?
In einer vollkommen sexgesteuerten, sexfixierten Welt wie der westlichen, in der jeder Satz und jedes Bild, jedes private Telefongespräch und jedes Werbeplakat, Klamotten, Politik, Gymnastik, Sport, Fernsehshows, Humor und alles andere vor Sex strotzen, ist die augenfällige Präsenz von Männern, die nicht vögeln, unerklärlich; vielleicht vögeln sie doch, aber heimlich, dann sind es Heuchler, oder sie vögeln wahrhaftig nicht, dann sind sie wahnsinnig. Normalerweise denkt man Ersteres, und tatsächlich habe ich, seit ich geboren bin, über niemanden öfter sagen hören, es seien verdammte Heuchler, als über die Priester. Das würde immerhin bedeuten, dass sie im Grunde keinen Deut anders sind als alle anderen, und ihre behauptete Andersartigkeit ist eine Posse, Augenwischerei.
Viel unerträglicher ist der Gedanke, jemand könnte tatsächlich enthaltsam sein. Ich bin der Erste, dem das wie eine Verstümmelung erscheint. Wie kann ich solch einen Menschen moralisch ernst nehmen, wieso um alles in der Welt sollte mir ein Mensch Vorbild, Helfer, Lehrer oder Ratgeber sein, der sich selbst so grausam verstümmelt hat? Der dem Einzigen entsagt, für das sich dieses viehische Leben lohnt, nämlich der Liebe? Nennen wir’s beim Namen: die körperliche, fleischliche Liebe, die die himmlische Liebe in sich trägt. Ich habe keine Lust auf diese spitzfindigen theologischen Argumente, die einem weismachen wollen, dass auch der Verzicht auf Liebe Liebe ist, noch mehr Liebe gar, wie eine päpstliche Enzyklika behauptet. Man kann nicht darauf verzichten, eine Frau und Kinder zu haben, und dann behaupten: Ich übe keinen Verzicht. Dies ist kein Verzicht, ceci n’est pas une pipe: Manchmal könnte man meinen, der Katholizismus sei Vorläufer und Epigone des Surrealismus. Er nimmt eine x-beliebige Sache und behauptet, sie sei das genaue Gegenteil dessen, was sie ganz offensichtlich ist. Man geht zu einer Beerdigung und ist traurig, weil man jemanden verloren hat – zumindest darüber sollte es keine Zweifel geben –, wünscht sich, in Ruhe weinen zu können, und dann steht immer, wirklich immer, als wäre es ein Fluch, ein Priester auf der Kanzel, der einem stets aufs Neue versichert, der Freund oder liebe Angehörige, um den man trauert, sei nicht tot. Nein, er ist nicht tot. Enzo ist nicht tot. Silvana ist nicht tot. Cesare ist nicht tot. Rocco lebt noch. Wie das, er ist also nicht gestorben?! Und was machen wir dann hier? Nein, er ist nicht tot, er lebt, und ihr müsst nicht traurig sein, sondern mit ihm … für ihn … über ihn frohlocken … euch mit ihm freuen … Klar, jetzt ist er im Paradies, also ist er feiner raus als vorher, das leuchtet selbst mir ein, ich bin ja nicht völlig blöd: Trotzdem fühle ich mich von dieser Philosophie verarscht. Sie macht mich so wahnsinnig wütend, dass ich die Kirche verlassen muss, seit Jahren habe ich keinen Gottesdienst mehr bis zum Ende durchgehalten, ich warte lieber vor der Tür, bis ein paar Verwandte und Freunde mit hochroten Köpfen zusammen mit den Angestellten vom Beerdigungsinstitut, deren Bizeps fast die Jacken sprengt, den geschulterten Sarg heraustragen. Der Trick ist mir zu raffiniert und gleichzeitig zu platt. Man muss die Tatsachen nur ins Gegenteil verkehren, und zack!, hat man die Lösung. Wenn man arm ist, ist man in Wirklichkeit reich; Krankheiten sind ein Geschenk Gottes; wenn jemand stirbt, ist das ein Segen, weil er jetzt bei den Engeln ist, die Ersten werden die Letzten sein, wer flucht, lobt Gott, ohne es zu wissen, wenn man sich von Gott entfernt, heißt das, dass man ihn sucht, und wenn Gott nicht da ist, heißt das, dass er ganz bestimmt da ist …
Kann es sein, dass es in diesem Leben nicht eine einzige Sache gibt, die von vornherein klar ist und die man nicht erst verkehren muss? Unter all den, sagen wir, aktiven Tugenden, die uns dazu anhalten, größer und besser zu sein, als wir sind, bleiben die von Verzicht geprägten die rätselhaftesten. Von der Hochachtung für die Aufopferung ist es nur ein kleiner Schritt zu Abscheu und Spott. Würde heutzutage jemand das Leben eines x-beliebigen in den Hagiografien beschriebenen Heiligen mit den üblichen Kasteiungen und Plagen führen, würde er auf Ekel und Ablehnung stoßen. Aber in irgendeinem Winkel seines Herzens, seines Geistes oder seines Gewandes muss ein Priester doch einen Krumen Heiligkeit mit sich herumtragen, was sollte ihn sonst von uns unterscheiden? Hat er nichts Heiliges, ist er ein Bluff, hat er es doch, ist es uns so fremd geworden, dass es uns abschreckt oder langweilt. Die Heiligkeit liegt in der Andersartigkeit. Heilig sind die, die vierzig Jahre jünger sind als wir und ihren ersten Geschlechtsverkehr oder die Ehe noch vor sich haben, heilig sind die, die eine andere Hautfarbe haben oder barfuß herumlaufen, für die Männer sind die Frauen heilig, für die Frauen sind die Männer heilig, heilig ist der, der einen Fes, einen Turban, eine Melone, einen Bersaglieri-Hut trägt, sogar ein für eine Hochzeit geliehener Zylinder verleiht dem Haupt dessen, der ihn für einen Abend aufsetzt, die Aura eines heiligen Paraments. Heilig ist der unaussprechliche Nachname einer singhalesischen Haushaltshilfe. Heilig war für mich, gestern Nacht in Venedig lautlos mit dem Boot durch die engen Kanäle von Castello zu gleiten. Es sind diese Krumen Heiligkeit, diese heiligen Partikel, die für Irritation und Unmut sorgen.

Und du redest also jeden Tag mit Gott?, würde man gern zum Priester sagen. Dann zeig mir mal deinen Gott, hol ihn raus, lass mich ein Wunder sehen. Mir fällt auf, dass ich im Kopf gern dieselbe Sprache verwende wie bei den Verhören der ersten Christen, die auch Jesus über sich ergehen lassen musste, ehe er ans Kreuz genagelt wurde. Hic Rhodus, hic salta. Nicht ganz zu Unrecht wird von jedem Glauben erwartet, dass er sofort etwas bewirkt: Stattdessen kriegt man Dinge versprochen, die in weiter Ferne liegen, späte, allzu späte Belohnungen am Ende aller Zeiten; und so muss man sich bis dahin mit vertröstenden, halb magischen Kleinigkeiten zufriedengeben, die einem notdürftig über die Härten des Hier und Jetzt hinweghelfen, ein kleines oder großes Wunder, die kalte Berührung einer Statue des Heiligen, der einen bei einem Unfall beschützt hat, ein mit Gebeten aufgeblasener Airbag.
Einmal, in Padua, verließ ich frühmorgens das Hotel, bog um die Ecke und stellte fest, dass ich nur hundert Meter von der Basilika des heiligen Antonius entfernt war (als ich am Abend zuvor halb betrunken mit dem Taxi angekommen war, hatte ich sie nicht bemerkt). Ich trat ein und näherte mich dem Schrein, der seine Reliquien enthält, als sich plötzlich ein starkes und unerklärliches Gefühl in mir regte. Nicht, dass die Woge dieser ungekannten Empfindung die vorherige Skepsis fortspülte, schließlich bin ich nicht einmal ein ungläubiger, atheistischer Skeptiker, ich bin gar nichts. Meine persönlichen Überzeugungen hatten nichts damit zu tun: Vielleicht war es nur die Zugluft oder die magnetische Sphäre der Gelübde, die diesen Stein seit Jahrhunderten umkreisten. Als ich so dicht vor dem Schrein stand, dass ich ihn berühren konnte, tat ich es, ich streichelte über die Seitenwand und bemerkte, dass das bunte Muster, mit dem er überreichlich verziert war, keine Marmorintarsien waren, sondern mit Klebestreifen befestigte Fotos, Dutzende von Fotografien, auf denen ausschließlich zerbeulte, zerfetzte oder ausgebrannte Autowracks zu sehen waren, Unfallfotos, wie man sie macht, um sie bei der Versicherung einzureichen. Der Schwere der Unfallschäden nach zu urteilen, war allerdings keines der Fahrzeuge je repariert worden: Bei einigen war der Motorraum nach einem Frontalzusammenstoß komplett in die Fahrerkabine gedrückt, bei anderen hing das Dach bis auf die Sitze, sodass man sich unschwer vorstellen konnte, was mit den Insassen passiert war. Doch siehe da, neben den straßenpolizeilichen Aufnahmen hingen ein paar kleinere Fotos jüngeren Datums, einige davon Polaroids, auf denen ein lächelnder Mann oder eine Frau zu sehen war, und ein Zettelchen mit einer Danksagung an den Heiligen, der sie gerettet hatte. Das wurde mir klar, als ich einige dieser Botschaften entzifferte, die auf Englisch oder Spanisch in der unter anderem für Philippiner typischen ordentlichen, runden Handschrift verfasst waren. Und tatsächlich stammten fast alle Votivbildchen von asiatischen oder hispanischen Emigranten, als würden nur sie in Autounfälle verwickelt oder als seien sie in diesem undankbaren Land inzwischen die Einzigen, die das Bedürfnis hatten, sich bei jemandem dort oben dafür zu bedanken, noch einmal davongekommen zu sein. Es tat mir leid, dass ich die Fotos der Honda 125 nicht bei mir hatte, mit der meine Tochter Adelaide wenige Wochen zuvor auf dem Weg zur Schule mit einem Auto zusammengeprallt war, und auch nicht das Bild von ihr, das sie lächelnd und unversehrt zeigte. Also beschloss ich, stattdessen ein Gebet zu sprechen, »Ich danke dir … ich danke dir … dass du sie gerettet hast«, doch ich wusste nicht, an wen genau ich diesen Dank richten sollte, wer dieser du war, an den man sich wenden musste. Gott ist weit weg und der Heilige zu beschäftigt, er hat allenfalls ein Ohr für die, die wirklich an ihn glauben. Also blieb ich vage wie diese Gedichte, bei denen klar ist, dass der Dichter eine geliebte Frau meint, aber man weiß nicht, welche.

Jesus hilft als Vorbild auch nicht weiter. Jesus war immer das Gegenteil von allem. Vielleicht stammt der Tick von ihm, ständig alles über den Haufen zu werfen, den äußeren Schein, die festgefügten Hierarchien, die Tische der Händler, die Gewohnheiten. Jeden Instinkt, selbst den niedersten, und wenn dich jemand schlägt, halt ihm die andere Wange hin. Schließlich hat Jesus die letzte und einzige Gewissheit der Menschen umgestoßen, den Tod, indem er Lazarus auferweckte, was vielleicht die größte Ungerechtigkeit von allen ist. Das soll mal einer den anderen Toten erklären, die unter der Erde geblieben sind, oder ihren Verwandten, die bestimmt nicht weniger bitterlich geweint haben als Lazarus’ Schwestern Martha und Maria … Den leichtgläubigen Jüngern eine Idee in den Kopf zu setzen und sie dann unversehens zunichtezumachen ist eine besondere Lehrerspezialität. Im krampfhaften Bemühen, zu begreifen und zu verinnerlichen, hinken die Jünger dauernd hinterher. Wenn sie versuchen, die Regeln ihres Lehrmeisters streng zu befolgen, scheitern sie kläglich, weil er sie bereits zu Kleinholz gemacht und über Bord geworfen hat. Für ihn sind es olle Kamellen. Er ist immer zehnmal strenger und hundertmal flexibler. Ein Priester, der versuchen wollte, Jesu Beispiel gänzlich zu folgen, wäre heillos überfordert.
Also schneidet sich jeder ein Scheibchen von ihm ab und imitiert ihn, so gut er kann. Es gibt den guten Christus, den demütigen, den pädagogischen, das Opfer, den Mystiker, den Anarchisten, den Tröster, den unversöhnlichen, den brutalen, ja sogar Gewalt findet man in dieser einmaligen Figur, zumindest wenn es darum geht, Worte wie ein scharfes, teilendes Schwert zu benutzen. Es gibt den spöttischen, unverbesserlich komischen Christus, auch wenn Nietzsche anderer Meinung ist (Das Evangelium ist kein großes Werk, es enthält nicht einmal Possen), und natürlich den tragischen Christus. Er hinterlässt seinen Anhängern eine ganze Bandbreite von Eigenschaften und Geisteshaltungen, obwohl ein Mensch es allenfalls mit einer davon aufnehmen kann. Das war schon bei den Aposteln so (jeder entsprach einer Facette aus dem Gesamtbild des Meisters), von den früheren und heutigen Priestern ganz zu schweigen.
Die Mönche, die an der Grundschule des SLM lehrten, waren begeisterte junge Männer, die etwas Unerfindliches dazu bewegte, ihrer Berufung treu zu bleiben. Unser Lehrer hieß Bruder Germano. Ich erinnere mich an einen jungen Kerl mit offenem Gesicht und kurz gestutzten Nackenhaaren, ein guter Fußballspieler. Und ein hervorragender Lehrer, zumindest habe ich bei ihm eine Menge gelernt, ich würde sogar sagen, den Großteil dessen, was ich in der Schule gelernt habe und heute noch weiß, hat mir Bruder Germano beigebracht. Sollte ich mein Wissen in Prozent ausdrücken, entfielen neunzig Prozent auf die Schule. Danach (an der Uni und im Leben) ist nicht mehr viel hinzugekommen. Okay, ein bisschen Kunstgeschichte … ein paar politische Theorien, die die Welt von einer ganz besonderen Sorte Tyrannen regiert haben wollten … und noch jede Menge andere Sachen, die ich zu einer bestimmten Gelegenheit brauchte und fast sofort wieder vergessen habe. Vieles habe ich nur gelernt, um darüber zu schreiben und es gleich wieder aus dem Hirn zu streichen. Nur so kann man sich von einer Obsession befreien.
Noch in den Sechzigerjahren gab es in Italien junge Männer, die den beschwerlichen Weg der Keuschheit und der Armut wählten (wenn man darunter den Verzicht auf den persönlichen Besitz von Geld und Gütern versteht), um zu unterrichten, das heißt, um junge Menschen christlich zu erziehen. Auch wenn ein Chemielehrer Chemie unterrichten sollte, was per se nicht besonders christlich oder unchristlich ist, und das Gleiche gilt für den Französisch- oder den Sportlehrer: Keine Ahnung, was daran das Christliche sein soll. Muss man die Gelübde ablegen, um bockigen Rotzlöffeln beizubringen, wie Schwefelsäure entsteht oder wie man die Nasallaute an, en, in, on ausspricht? Die Lehrer waren eigentlich gar keine Priester (ich nenne sie aus Bequemlichkeit so, aber sie waren es nicht, sie durften keine Messe abhalten), sie hatten nur die niederen Weihen, was den Sinn ihres Opfers noch unverständlicher machte. Welche Belohnung erwarteten sie für ihre Mühen? Uns zu guten Christen oder guten Bürgern heranwachsen zu sehen? Wie viele gute Christen sind aus dem SLM hervorgegangen? Von diesem Mischmasch aus Konfession und Nichtkonfession zu diesseitigen Menschen geformt worden? Während unsere Grundschullehrer durchweg junge, engagierte Priester waren, war die Lehrerschaft in der Mittelstufe gemischt, und in der Oberstufe unterrichteten fast ausschließlich weltliche Lehrer, mit Ausnahme des Philosophie- und des Chemielehrers. Unser Italienischlehrer (Giovanni Vilfredo Cosmo, den ich besonders mochte) war weltlich, der Griechisch- und Lateinlehrer ebenfalls und ebenso die Lehrer in Mathematik, Physik und Kunstgeschichte. Ich habe nie erfahren, ob das an der mangelnden Spezialisierung lag, ob es also an Priestern fehlte, die diese Fächer unterrichten konnten, weil der Orden es sich womöglich zur Aufgabe gemacht hatte, sich der Vermittlung der Grundfächer zu widmen, deren Prinzipien und Werte den Menschen frühzeitig und nachhaltig formen, derweil man die höheren Fächer ohne Weiteres fähigen Profis überlassen konnte. Ich habe mich stets gefragt, ob sich die weltlichen Lehrer bei ihrer Einstellung am SLM ausdrücklich zum Glauben bekennen mussten, inwiefern sie sich also dem Modell einer katholischen Schule und ihren Prinzipien beugen mussten. Wenn ich an meine Gymnasiallehrer zurückdenke, kamen sie mir weder bigott noch im Entferntesten gläubig vor. Von Gott oder der Madonna war in ihrem Unterricht nie die Rede. Der Griechisch- und Lateinlehrer zeigte sogar einen ausgeprägten Hang zum Heidentum. Der Unterrichtsgegenstand mit seinen erotischen und heroischen Schwingungen versetzte ihn in erregte Verzückung, die das quälende Gefühl der Lächerlichkeit und des Versagens bemäntelte und ihn zumindest ansatzweise für den Frust entschädigte, sein umfangreiches Wissen an desinteressierte, schlecht erzogene Schüler vermitteln zu müssen, die für seine Begeisterung nur mitleidige Blicke übrig hatten. Liebe ist dazu verurteilt, zum Gespött zu werden. Nicht eine seiner Leidenschaften zündete bei uns, nicht eine Zeile der Dichter und Philosophen, die er uns deklamierte, blieb uns im Kopf oder traf uns ins Herz. Quàdrupe dàntepu trèmsoni tùquati tùngula càmpum. Sein starker neapolitanischer Akzent, mit dem er Thukydides und Vergil vortrug, tat ein Übriges, um uns restlos kaltzulassen. Unsere Gleichgültigkeit war noch grausamer als Widerstand. Es gibt nichts Schlimmeres, als einer feixenden Klasse etwas zu erklären, das einen begeistert und berührt. De Laurentiis hatte sich in den Kopf gesetzt, uns antike griechische Musik nahezubringen, irgendwo hatte er Noten aufgetrieben, die sein Sohn auf einem Keyboard eingespielt hatte, ich glaube, auf einer Mini-GEM, einer Bontempi oder einer Tiger, und spielte sie uns im Unterricht vor. Es waren trübselige, mit einem Finger gespielte Monodien, zu deren Auf und Ab er wie ein hingerissener Orchesterdirigent mit der Hand durch die Luft wedelte, als wollte er sie nachzeichnen. Mit halb geschlossenen Lidern blinzelte er in das Sonnenlicht, das vor den Fenstern durch die Pinien fiel, und begleitete das monotone Geleier mit einem gesummten »mmm … mmm …«, das in dem hingerissenen Ausruf »mmm … Mmmusik der alten Griechen!!« gipfelte. Es schien, als hätten diese kümmerlichen Noten zweitausendfünfhundert Jahre Geschichte überdauert, um von ihm gesummt zu werden. Dann riss er die glückstrahlenden Augen auf und stellte fest, dass außer ihm keine Sau zuhörte.

Doch das waren harmlose Mythen, kleine Ekstasen, die jedem vergönnt sind. Jeder frönt heimlichen Leidenschaften, die allenfalls durch ein Übermaß von Toleranz erstickt werden, und nach allem, was man hört, ist der Katholizismus die toleranteste, flexibelste und langmütigste Konfession überhaupt, da sie jede Sünde und jede Schandtat verzeiht, sie geradezu zu rechtfertigen scheint und in ihren höchsten und edelsten Momenten fast an Amoralität grenzt, ihre Arme sind so weit, dass es nahezu unmöglich ist, ihrer versöhnlichen Umarmung zu entgehen; diese Arme sind Tentakel. In einem noch immer zutiefst religiösen Land, wie es Italien damals war, wo nur erklärte Atheisten dem allgemeinen Grundgefühl zuwiderliefen, galt Katholischsein, egal, ob man ein guter Katholik war oder nur in die Weihnachtsmesse lief, weil die »so stimmungsvoll« ist, als ebenso selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Ich glaube, im Grunde wurde von unseren Lehren nicht mehr verlangt, als so zu sein wie alle anderen. Als sich ein Freund von mir vor einigen Jahren als Lehrer an einer privaten Mädchenschule bewarb, hatte die Rektorin, nachdem sie alle möglichen Informationen eingeholt und seinen vollgepackten Lebenslauf überprüft hatte, die für den Ausgang des Gespräches entscheidende Frage gestellt:
»Sind Sie verheiratet?«
»Nein.«
»Haben Sie eine Freundin?«
»Nein.«
»Sagen Sie … mögen Sie Frauen?«
Das war ganz offensichtlich eine Falle. Der heuchlerische Instinkt meines Freundes (der in Wirklichkeit jedem einigermaßen ansehnlichen Mädchen nachglotzte) hätte gewollt, dass er mit einem nachdrücklichen »Nein!« antworten würde, und damit wäre es aus gewesen. Ach, nein? Lügner oder Päderast. Doch hätte er mit einem ehrlichen »Ja!« geantwortet, wäre es noch schlimmer gewesen. Was ist an einem Mädchenpensionat gefährlicher oder verwerflicher: ein Lehrer, der Frauen mag, oder einer, der keine mag? Und an einer Jungenschule (das ist, wie wir sehen werden, die noch interessantere Frage, die nach einer mutigen Antwort verlangt …)? Mein Freund rettete sich mit einer priesterlichen Antwort, will heißen, mit einem Musterbeispiel an Schwammigkeit.
»Also, mögen Sie Frauen?«
»Nun ja … wie jeder gute Christenmensch«, erwiderte er.

Der Katholizismus setzt weniger auf die totale Unterdrückung des Instinkts als auf dessen rationale Zügelung. »Melius est enim nubere quam uri.« Anfang der Achtzigerjahre war plötzlich der heilige Augustinus angesagt, ähnlich wie Siddharta. Mir persönlich ging die Langsamkeit seiner berühmten Bekehrung auf die Nerven, dieses Zaudern, endlich gut zu werden. Wenn man eines Tages darauf kommt, was richtig ist, sollte man schleunigst zusehen, es umzusetzen, oder nicht? So holzhammerartig und märchenhaft sie auch sein mögen, sind mir die jähen Krisen lieber, die Stürze vom Pferd, die Lichter und tönenden Stimmen, die einem sagen, was man zu tun hat, und die man, ohne zu zögern, befolgt – die Psychologie mit ihrem gefühligen Hin und Her ist mir schlichtweg zu viel. Unser Philosophielehrer hieß Bruder Gildo. Er war ein übergründlicher, kalter, bereits recht betagter Mann, der seinen Unterricht so gewissenhaft vorbereitete, dass er den Anschein erweckte, er beherrsche den Stoff nicht mehr und müsse ihn sich unter großen Mühen noch einmal aneignen. Er wirkte wie ein alter Reservist, den man aus Not wieder zu den Waffen gerufen hatte. Vielleicht hatte er als junger Mann Theologie studiert, und wegen Personalmangels hatte der Schulleiter gedacht, Philosophie sei in etwa das Gleiche: ein Haufen unlösbarer Abstraktionen. Schon merkwürdig, dass die göttliche Wissenschaft ebenso pedantisch vorgeht wie alle anderen, von ein paar gelegentlichen großen Strohfeuern abgesehen. Man riss also Bruder Gildo die Bibel aus den Fingern, drückte ihm Eustachio Lamannas Philosophiegeschichte in die Hand (und vielleicht noch ein paar Bignamino-Lektüreheftchen) und stieß ihn in den Schützengraben des Unterrichts. Bis zu Aristoteles ließ uns sein blutleerer, teilnahmsloser Unterricht glauben, die ersten Philosophen seien im Großen und Ganzen völlig verblendete Fanatiker gewesen, die meinten, die Welt bestehe nur aus Feuer oder Wasser oder aus Atomen mit Ärmchen und Beinchen, mit denen sie sich an anderen Atomen festklammerten, oder sie sei eine Art Steinschlag aus grauer Materie oder ähnlicher Schwachsinn, ganz zu schweigen von den absurden platonischen Mythen. Diese wahnwitzigen Phantasmagorien, die Bruder Gildo uns in skeptischem Nasalton schilderte, besser gesagt, prosaisch referierte, machten uns ratlos. Ich konnte einfach nicht fassen, wie man solchen Blödsinn ernst nehmen sollte wie den von diesen Typen, die mit auf dem Kopf gebundenen Gegenständen wie Schießbudenfiguren hin und her rannten, um Gefangenen in einer Höhle (?) Schattentheater vorzuspielen – sollte das ein Witz sein? Das nannte sich Philosophie? Der höchste Beweis für die Klugheit des Menschen? Dass alles nur Zahl ist (na, und?) und Hunde eine Seele haben und man keine Bohnen essen darf? Das also waren die größten Denker?
Dann kam Aristoteles an die Reihe, und Bruder Gildos Roboterhaftigkeit, die sich auch in seinem mageren Marionettenkörper manifestierte, erreichte ihren Höhepunkt. Die geschweiften Klammern an der Tafel wurden dichter und seine Stimme immer nasaler. Da er unfähig war, frei zu sprechen, musste er ständig seine Aufzeichnungen konsultieren, die in so winziger Schrift verfasst waren, dass er selbst Mühe hatte, sie zu entziffern, und sich dabei die kleine Nickelbrille zurechtrückte, die ihm von der Hakennase rutschte. Er weigerte sich, irgendetwas zu erklären, und beschränkte sich darauf, mal aus dem Schulbuch, mal aus seiner Zettelsammlung zu zitieren. Oder er zeichnete seine Schaubilder an die Tafel, die wir wiederum abzuschreiben hatten. Angesichts der ohnehin staubtrockenen Lehre des Aristoteles fragt man sich, wie Bruder Gildo es geschafft hatte, sie noch weiter einzudampfen. Diese seltsame Tätigkeit wird in der Schule »Notizen diktieren« genannt – ein Widerspruch in sich. Notizen, die diktiert werden, sind zwangsläufig keine Notizen. Als Diktat wird diese hohe Kunst des ersten Begreifens und Erfassens größerer Themenfelder ad absurdum geführt. Mit dem Diktat behelfen sich ahnungslose Lehrer am Anfang ihrer Laufbahn und ausgebrannte an ihrem Ende. Sie schalten auf Autopilot, und dann Augen zu und durch bis zum Klingeln. Das Ergebnis dieser zusätzlichen Kondensierung war eine unverständliche Algebra. Es schien, als würde Bruder Gildo durch das mechanische Diktieren dieser Formeln sich und uns der Pflicht entheben, sie zu verstehen. Manchen Schülern liegt diese Methode, damit ist wenigstens alles klar, man muss sich nicht groß anstrengen und hat einen stillen Pakt mit dem Lehrer geschlossen: Er muss sich nicht heiser schreien, und in der Klasse herrscht Ruhe, weil alle den Mund halten und mitschreiben.
Diese Möchtegernnotizen sehen auch viel schöner aus: ordentliche, eng beschriebene, einheitliche Seiten, auf denen nichts durchgestrichen und verbessert ist.
Einer unserer Klassenkameraden, Zipoli, notierte sämtliche Mitschriften aller Fächer mit Bleistift in ein einziges Heft. Ein Heft genügte ihm, weil er winzig klein und sehr ordentlich schrieb. Bei ihm passte die gesamte Renaissance auf eine halbe Seite. Seine Handschrift war so fein wie das Haar eines Neugeborenen. Aber wieso Bleistift? Die Erklärung kam am Schuljahresende. Am letzten Schultag griff sich Zipoli ein Radiergummi und radierte alles aus, was er in einem Jahr geschrieben hatte. Geduldig, Seite für Seite, mit einer Schwemme von Radierfusseln. Das Heft wurde wieder weiß und war bereit für das folgende Schuljahr. Es war wieder jungfräulich. In fünf Jahren Gymnasium hat Zipoli nur dieses eine Heft besessen und natürlich einige Bleistifte (3H?) und Radiergummis. Zipoli hatte viele Geschwister, fünf oder sechs, und wer weiß, ob die Hefte weitervererbt wurden und, wenn einer mit der Schule fertig war, von einem auf den Nächsten kamen. Manchmal stelle ich mir vor, dass die gesamte Familie Zipoli nur dieses eine Heft benutzt hat, wie die Graien, die sich das Auge weitergeben. (Übrigens besaß die Familie keinen Fernseher. Soweit ich weiß, waren sie die Einzigen, die keinen hatten. Ich fand das unglaublich.) Zipoli war gut in der Schule, nach Arbus gehörte er zu den Besten. Er war gewissenhaft, zurückhaltend und still, und sein krauses Haar war so hellblond, dass es fast weiß aussah, als wäre Zipoli schon alt, ein siebzehnjähriger schwedischer Greis. Einmal hat er sich von mir einen Helm geliehen, weil er tatsächlich zusammen mit einem Freund mit der Vespa nach Schweden fahren wollte. Zwei Monate später gab er mir den Helm ohne den kleinsten Kratzer zurück.
Zipoli war es gewohnt, keine Spuren zu hinterlassen. Wenn er welche machte, radierte er sie aus.

Bruder Gildo war so gründlich, dass er mein philosophisches Wissen von Thales bis Kant komplett zunichtemachte, oder besser gesagt, ihm zuvorkam. Ich habe es nie wieder aufgeholt. Und so bin ich mit einem verkrüppelten neuzeitlichen Verstand groß geworden. Solche schulischen Lücken lassen sich nicht mehr schließen. Alles, was man danach liest und lernt, gleicht Prothesen an verstümmelten Gliedmaßen: So gut sie auch sein mögen, kommen sie an die natürliche Bewegung nicht heran, zwar kann man mit ihrem Haken ein Glas greifen und an den Mund führen, aber bestimmt nicht Klavier spielen. Manche Themen, geschichtliche Epochen und ganze Fächer sind für mich uneinnehmbar geblieben wie Königreiche, die mir zugestanden hätten und die ich noch vor der Krönung verlor. Zum Glück war meine neue Philosophielehrerin (eine Frau! Nach einem Priester eine Frau!) im folgenden Schuljahr, als ich die Priesterschule aus Gründen, die ich später schildern werde, verlassen hatte, so klug, noch einmal Kant durchzunehmen. Sie wusste, dass man Kant nie genug verstanden haben kann, es ist menschenunmöglich, ihn zu verinnerlichen und nach drei Monaten Ferien noch draufzuhaben; und das galt erst recht für mich, der, dem Werk des alten Maristenpaters sei Dank, rein gar nichts begriffen hatte, deshalb fange ich noch einmal ganz von vorn an. Von vorn, dort, wo das eigentliche Denken beginnt, beim ersten Gedanken, als käme er aus dem Nichts.
Meine neue Lehrerin am Giulio-Cesare-Gymnasium konnte mich nicht ausstehen, weil ich von einer Priesterschule kam, sie hielt mich für ein verwöhntes, borniertes Papasöhnchen, was meine Beschreibungen von mir und meinen Schulkameraden wenige Zeilen zuvor übrigens exakt auf den Punkt bringt. Allein die Tatsache, dass ich von einer Privatschule kam, disqualifizierte mich. Das Gleiche dachten mein Mathelehrer und mein Italienischlehrer. An einem staatlichen Gymnasium mit ordentlichem Ruf wie dem Giulio Cesare damals entsprach die Tatsache, von einer Privatschule zu kommen, einem schändlichen Makel. Erst recht im letzten Jahr vor dem Abitur. Wenn sie ihn noch nicht einmal dort gewollt haben … so dachte man über mich. Ich war menschlicher Ausschuss, den man mit Mühe von Versetzung zu Versetzung getreten hatte, bis selbst die Priester die Schnauze dermaßen voll von mir hatten, dass sie sogar auf mein Schulgeld verzichteten. Ich wurde regelrecht geächtet und musste so manche Demütigung über mich ergehen lassen – an einem der ersten Schultage wurde ich aus der Klasse geschmissen, weil ich »nicht ordentlich saß« (jawohl! Mitte der Siebzigerjahre kam das noch vor!), mit der sarkastischen Bemerkung: »Da hat man dem feinen Knaben wohl keine Manieren beigebracht …« Beschämt und ungläubig schlich ich auf den Flur hinaus. Ich hatte mich nie als »anders« wahrgenommen. Doch ich war es.
Eine Priesterschule besucht zu haben war eine Erbsünde, die es reinzuwaschen galt.
Worin aber besteht diese Sünde?

Vor allem im Klassenunterschied. Wer auf eine Privatschule geht, hat Geld. Und dieses in anderer Hinsicht bewunderte oder beneidete Privileg kann seine Nachteile, Gegenanzeigen und Nebenwirkungen haben. Weshalb sich die Reichen zuweilen selbst dafür schämen und auf den Pfad der Läuterung begeben, auf dem sie für wohltätige Zwecke spenden, sich revolutionären Bewegungen anschließen, das ihnen zustehende Erbe (pro tempore) ausschlagen und ihr Vermögen systematisch verschleudern. Wie alle anderen auch ist die italienische Gesellschaft eine Klassengesellschaft, die wie jedes System, das meint, Ungerechtigkeiten wettmachen zu können, ohne die dafür verantwortlichen harten wirtschaftlichen Faktoren anzutasten, über höchst einfallsreiche Entschädigungsmechanismen verfügt. Die vermeintliche Rache bleibt fast immer auf verbaler Ebene, auf der die Italiener unangefochtene Meister sind. Ich würde sogar behaupten, die tragende Säule unserer Kultur besteht aus genialen Pechvögeln, die sich trösten, rächen, adeln, ihr Schicksal verklären oder ihre Feinde niedermachen, und das mit nichts als Worten. Berühmtestes und unerreichtes Beispiel: Dante. Aber auch vor und nach ihm gibt es einen Haufen Verzweifelter, die pausenlos Elegien und Kanzonen, Landschaften und Träume, virtuelle Paradiese, Haine, Ritter und Magier, Revolutionen, Weissagungen und Weltuntergänge hervorbringen, um die erlittenen Ungerechtigkeiten wettzumachen oder sie zumindest ein wenig vergessen zu lassen. Allein durch diese bedauerlicherweise nur symbolische Wiedergutmachung wird das Leben erträglich. Hierzulande mögen die gesellschaftlichen Schranken weniger starr als in England oder Frankreich sein, doch sobald der Reichtum unerreichbar bleibt, wird er zur Zielscheibe einer ganz besonderen Verachtung. Sie äußert sich nicht nur in der grimmigen Fratze des Pöbels, in den mit Beleidigungen garnierten Verbeugungen (»Scheiße gefällig, Euer Wohlgeboren?«) oder in abfälligen Furzgeräuschen. Nein, ich rede vom gärenden Kleinbürgergroll, ausgelöst von dem frustrierenden Versuch gleichzuziehen, von der enttäuschten Bewunderung für etwas, von dem man glaubte, man sei nahe genug dran, um einen Anspruch darauf zu haben. Oder von einem Durst nach Gleichheit, der entwürdigt, da man nicht emporkommt, erniedrigt, da man nicht aufsteigt, und deshalb sofort in Freude umschlägt, sobald ein Reicher in Ungnade fällt. Die seltenen Male, die das geschieht, herrscht regelrechter Jubel. Die Erbsünde des Geldes wird verbüßt.
Der Fluch des Goldes … seine Unwiderstehlichkeit …
Der Reiche, diese legendär gewordene Figur aus dem Evangelium …
In der italienischen Gesellschaft neigt sie dazu, sich zu tarnen, und häufig ist es der Möchtegernreiche oder der Aufschneider, der mit seinen fabrikneuen Audis prahlt. Der wahre Reichtum entwirft ein Trugbild seiner selbst, er gaukelt vor, lenkt ab, verbirgt sich hinter Schirmen und Spiegeln.
Außerdem wird Wohlstand in Italien selten als etwas ehrlich Verdientes wahrgenommen, sondern als Diebesgut oder Glücksfall oder Mischung aus beidem. Die flammende Rhetorik, wenn es darum geht, »das leichte, schnelle Geld« zu verdammen, sobald die Steuerpolizei auftaucht und nur selten vorher. Der Aufstieg und vor allem der Fall der Reichen wird mit einer Spannung verfolgt, als ginge es um den Lotto-Jackpot. Unglaublicherweise ist die Katastrophe so gut wie nie endgültig, man kann immer wieder aus der Asche steigen und die Leiter bis zu einem Punkt erklimmen, von dem sich der Absturz lohnt.
(Nur wer vorher stirbt, ist endgültig raus: Selbstmörder und ihre verdammte Ungeduld …)
Die meisten Schüler des SLM kamen aus bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Familien, die sich damit hervortun wollten, dass sie ihren Jungen auf eine Privatschule schickten, oder sie wollten ihn vor den Unbilden der Welt im Allgemeinen schützen oder sichergehen, dass nicht alle halbe Jahr die Lehrer wechselten oder streikten, er Schwimm- und Töpferunterricht bekam und ein paar nützliche Freundschaften fürs Leben schloss. Ich glaube, nur sehr wenige taten es aus vornehmlich religiösen Motiven, die der eigentliche Daseinsgrund der Schule waren. Das Schulgeld war nicht so hoch, dass es Geschäftsleute und Angestellte aus den Stadtteilen Quartiere Trieste und Quartiere Africano abgeschreckt hätte, und das Gleiche galt für entlegenere Viertel, die damals am Stadtrand lagen wie beispielsweise Talenti. Je nach Anzahl der Söhne brachten sie ein doppeltes und bisweilen dreifaches Opfer. Wenn ich an diejenigen denke, die in Kürze zu den Protagonisten dieser Geschichte werden und von der Presse als grausame junge Nabobs beschrieben wurden, sei gesagt, dass einer der Sohn eines Hotelportiers und ein anderer der eines Beamten der Staatlichen Berufsunfallversicherung war.
Ein weiterer guter Grund, um einen ehemaligen SLM-Schüler zu verachten, war die Vorstellung (die ich statistisch nicht belegen kann), dass dort selbst Volltrottel versetzt wurden, weil sie zahlten. Es ist paradox, Privatschulunterricht mit beruflicher Leistung gleichzusetzen, denn wohl nirgendwo sonst liegt die Beurteilung des erzielten Ergebnisses nicht beim zahlenden Arbeitgeber, sondern beim Arbeitnehmer. Es ist deshalb widersinnig, im Lehrerberuf lediglich eine bezahlte Tätigkeit zu sehen: Ich arbeite für dich und sage dir am Ende, das Ergebnis ist schlecht, und wer ist schuld? Ich? Nein, du … Wäre ein Lehrer das Gleiche wie ein Zahnarzt und sein Unterricht eine Zahnbehandlung, liegt es dann daran, dass man sich nicht genug angestrengt hat, wenn der Zahn danach kaputtgeht? Ich glaube, es hatte weniger mit Bestechlichkeit zu tun als damit, diesem Widerspruch abhelfen zu wollen, dass am SLM nur wenige sitzen blieben. Und sie bestraften nur die Sonderfälle, wenn sich also jemand heftig danebenbenommen hatte. Alle anderen, das ist richtig, wurden nolens volens versetzt.
Doch der wahre Grund für die Ablehnung des Neuankömmlings war sein Sakristeigeruch. Ich wusste nicht, dass ich ihn verströmte. Nicht nur die Lehrer, auch meine neuen Mitschüler nahmen ihn wahr.

Das SLM war nach Papst Leo dem Großen benannt, der dem Vandalenkönig den Weg mit dem Kreuz versperrt hatte. Und der Vandale hatte haltgemacht und Italien verschont. Leo als Retter und Beschützer also. Ich will gar nicht wissen, dass diese Erzählung eine Legende ist, dass der Invasor in Wirklichkeit mit dem Gold zahlloser Kruzifixe bezahlt wurde, damit er kehrtmacht und ein anderes Land verwüstet, oder irgendwelche anderen profanen Erklärungen hören: Die Entmystifizierung weit zurückliegender Begebenheiten geht mir sowieso gegen den Strich; mein halbes Leben habe ich begierig irgendwelche Geschichten aufgesogen wie flüssiges Gold, und die andere Hälfte muss ich mir dann anhören, dass sie nicht wahr sind … nun, ich halte mich an die erste Hälfte. Genau wie die Gefängnisschüler, die ich heute unterrichte, echte Galgenvögel, die sich die Ohren zuhalten, wenn man ihnen sagt, dass das Trojanische Pferd ein Märchen ist: Nein, stopp, das glaube ich nicht, das kann nicht sein! Das bringt ja das ganze Kartenhaus Schule zum Einsturz, und tatsächlich hat es erste Risse bekommen, seit man es gewagt hat zuzugeben, dass die antiken Helden echte Bauernfänger waren, Mucius Scaevola war ein sich selbst verstümmelnder Kamikaze, Johanna von Orleans eine Schizophrene. Und Roland wurde nicht von den Arabern erschlagen, sondern von den Basken, und schon sind alle Protagonisten mit ihren Schwertern und Schwüren aus der Geschichte verschwunden, und übrig bleibt sozioökonomische Pampe. Eine solche Demaskierung ist schlichtweg sakrosankt, da beißt die Maus keinen Faden ab, wie bei einem Zauberer, der mit der einen Hand Dinge hervorholt und sie mit der anderen verschwinden lässt, dreht sich beim Unterrichten alles um Mythen und deren Zerstörung. Das ist sein Stoffwechsel, sein natürlicher Kreislauf. Aber wenn man gleich mit der Desillusionierung anfängt …
Denn was soll ein kleiner Junge unterm Strich lernen oder nicht lernen?

Trotzdem hatte dieser Papst es wirklich verdient, sich der Große zu nennen. Sein Leben lang hat er sich mit den Häretikern angelegt, vor allem mit denen, die sich weigerten, Christi doppelte Natur anzuerkennen. Die zu leugnen ist das Logischste und Einfachste und deshalb auch das Dümmste, wenn der Verstand einfach keine Ruhe geben will und mit gezückten Waffen um sich schlägt, A ist gleich A, und A ist nicht gleich B. Auf der Erde mag das zutreffen, aber im Himmel? Und wenn man nicht glaubt, dass Jesus auch ein Mensch war, in Fleisch und Blut, und wirklich am Kreuz gestorben ist, oder wenn man denkt, er sei nur ein Mensch gewesen, wenn auch ein besonderer … wie, bitte, kann man sich dann Christ nennen? Wieso nicht einfach die Finger von der Religion lassen? Wozu die Mysterien mit seinem Spatzenhirn in den Dreck ziehen, das nichts versteht und nichts verstehen will, das behauptet oder so tut, als würde es verstehen, und sich doch von vornherein weigert? Im Licht der prinzipiellen Widerspruchslosigkeit würde keine Religion bestehen oder auch nur den kleinsten Sinn ergeben: Sie alle wären nichts als ein Haufen Unsinn. Wieso hat sich Odin an den Baum gehängt, und was soll das heißen, er hat sich für sich selbst geopfert?  … und wie kann es sein, dass Dionysios aus dem Schenkel seines Vaters geboren wurde und Athene aus dessen Haupt? Für den gesunden Menschenverstand ist das alles mehr oder weniger unbegreiflich, angefangen bei der Tatsache, auf der Welt zu sein. Doch unter dem nüchternen Deckmantel des gesunden Menschenverstandes verbirgt sich der eigentliche Wahnsinn: Er will alles aufklären und sorgt nur für Verwirrung. Jene Philosophen hat Papst SLM die Kälte der Vernunft und die Hitze der Tat spüren lassen.
Na schön, zugegeben, einen gewissen geistigen Habitus, eine Art zu denken, habe ich von den Priestern übernommen, diese unentwegten Kehrtwendungen, die Sophismen, die schwelende Virulenz …

Einer der blödesten und deshalb womöglich gelungensten und lustigsten Witze bestand darin, in den Philosophiestunden zu Bruder Gildos Ausführungen über, sagen wir, Aristoteles, nach jedem Satz zu nicken. Wir glotzten ihn an, hörten zu und nickten nach jeder seiner Äußerungen synchron mit den Köpfen, als wollten wir ihn darin bestärken, dass alles, was er sagte, stimmte, wir es begriffen hatten und der gleichen Ansicht waren. Eine ganze Klasse aufmerksam lauschender Schüler, die fast unaufhörlich mit dem Kopf nicken wie diese Wackeldackel, die man sich früher auf die Hutablage im Auto stellte. So viel zu Bruder Gildo.
Sokrates, der weiß Bescheid,
und Xanthippe nickt:
besser, als die Palme schütteln,
ist, wenn man ordentlich fickt.


KAPITEL III
Von einer Oberstufenjungenklasse hatte ich immer dieses Bild vor Augen: Krabben in einem Eimer, ja ein Eimer voller wuselnder Krabben.

… genau wie diese Tiere einander mit zappelnden Beinen und Scheren auf den Rücken klettern, sich die steilen Wände emporhangeln, wieder hinunterrutschen und von vorn anfangen: ein von ohnmächtigem Leben wimmelnder Eimer …

Doch es stimmt nicht, dass zwischen Jungen nur Konkurrenz herrscht, ganz im Gegenteil. Das tiefe, natürliche Bedürfnis der Männer, von anderen Männern Liebe, Zärtlichkeit und Wärme zu erfahren, bleibt fast immer ungestillt und wird deshalb vollständig (und zuweilen brachial) auf die Frauen umgelenkt, die von dieser unhaltbaren Forderung regelrecht überfahren werden. Die rituelle Zurschaustellung der Männlichkeit gegenüber Frauen fällt häufig nur deshalb so bedrohlich und überzogen aus, weil man eigentlich bei den anderen Männern Eindruck schinden will. Das Publikum, an das sich Männer wenden, sind also Männer. Vor allem in der Jugend, von deren Urteil hängt alles ab, und man bangt um deren Zustimmung und Bewunderung: Von einem Kumpel kann ein Mann zwar selten Liebe erwarten, aber zumindest Anerkennung fordern. Um die zu bekommen, ist er zu allem bereit.

So leid es mir heute auch tut, keine Mädchen in der Klasse gehabt zu haben, ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, eine zumindest in dieser Hinsicht normale Jugend verlebt zu haben. Wie meine Kinder beispielsweise.
Aber vielleicht ist es die meiner Kinder ebenso wenig: Ich denke an meine Jüngste, die das staatliche Righi-Gymnasium besucht, und an ihre Klassenkameradinnen, die ständig gemobbt werden und dem Spießrutenlauf der sozialen Netzwerke ausgesetzt sind, den Ranglisten, wer gerade die größte Schlampe der Schule ist und so weiter: Dinge, die das Selbstwertgefühl in den Keller gehen oder hysterisch durch die Decke schießen lassen …
Mit vierzehn Jahren sind sie ständigen Belästigungen, Machosprüchen und anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt, dem wie auch immer gearteten konstanten psychischen und physischen Druck mancher Klassenkameraden, die (und das ist das Erstaunliche und der Erwähnung wert) jedoch kein bisschen reifer, entwickelter und »männlicher« sind, sondern noch halbe Kinder, ja halbe Mädchen, mit Milchgesichtern, Kieksstimmen und Babyspeck um die weichen Muskeln. Ihre Aufdringlichkeit mag noch infantil sein, nimmt aber die der Erwachsenen getreu vorweg. Es ist, als glaubten sie, durch ihre Grenzverletzungen (glücklicherweise geht mein älterer und dreißig Zentimeter größerer Sohn auf dasselbe Gymnasium und hat versprochen, ihnen ein paar aufs Maul zu geben, sollten sie nicht aufhören, seine Schwester zu belästigen) an einem Tag um zwei oder drei Jahre älter zu werden und sich damit den Status zu sichern, ihre Klassenkameradinnen, vor allem die hübschen, heruntermachen zu dürfen.

Männlich geboren zu werden ist eine unheilbare Krankheit. Arbus war nicht der Einzige, der linkisch und ungelenk war. Wir alle bewegten uns tollpatschig, selbst wenn wir uns den Ranzen aufsetzten (damals gab es noch keine anderen Rucksäcke als die zum Wandern). Hätte ein Psychologe unser unkoordiniertes Gehampel beobachtet, unsere Art, uns zu kratzen oder herumzufuchteln, hätte er uns für geisteskrank gehalten. Man kann sich nicht vorstellen, wie weit ein Junge geht, was er sich und anderen antut, nur um die Anerkennung seiner Kumpels zu bekommen. Das Spiel war ermüdend und eintönig: Man musste beweisen, dass man ein Mann war, also männlich, und kaum hatten wir den Beweis erbracht, mussten wir es erneut beweisen und jedes Mal wieder bei null anfangen, als dräute ständig Gefahr, die soeben gezeigte Männlichkeit zu verlieren, und selbst wenn man noch so oft bewiesen hatte, ein ganzer Kerl zu sein, konnte ein einziger Fehler, eine einzige Schlappe die erzielten Trümpfe und damit den gesamten Einsatz zunichtemachen. Wie bei manchen Kartenspielen oder Sportarten, in denen die mühsam erkämpften Punkte mit einem falschen Zug dahin sind. Wozu also seine Männlichkeit unter Beweis stellen, wenn man eine Minute später wieder von vorn anfangen muss?
Nachdem ich zu diesem Schluss gekommen bin und mich hinreichend abgestrampelt habe, um diese elenden Prüfungen unbeschadet zu überstehen und mutig, draufgängerisch, männlich, verantwortungsbewusst, ernsthaft und was sonst noch alles rüberzukommen, habe ich es ein für alle Male drangegeben – sollen sie doch denken, ich sei schwul, amen.

Das Spiel war denkbar simpel, man musste nur fix sein: Wer einen anderen als Erstes beschuldigte, schwul zu sein, war es nicht. Um die Unterstellung loszuwerden, musste der Beschuldigte einen anderen beschuldigen und so weiter. Es half nichts, die Beschuldigung gegen den zu kehren, der sie als Erster ausgesprochen hatte, man musste sie auf einen Dritten abwälzen. Wer sich nicht für Mädchen interessierte, war schwul; aber auch wer den lieben langen Tag an nichts anderes dachte, war es. Beide kriegten ihr Fett weg.
Jungenhierarchien richten sich nach Befehlen, Beleidigungen, Bündnissen und Kampfansagen.
In Bezug auf die Schulzampanos konnte man
a)Untergebener
b)Verbündeter
c)Verfolgter/Ausgegrenzter
d)Kandidat für eine schwer zu benennende Kategorie sein (Blockfreier), die von den Zampanos in Ruhe gelassen wurde, weil sie es für Energie- und Zeitverschwendung hielten, sich mit ihr abzugeben, ein bisschen so wie Hitler mit der Schweiz. Ich gehörte zu Letzterer. Die passende Bezeichnung wäre vielleicht Neutralität, nur dass man nie recht darüber nachdenkt, warum jemand neutral bleiben will und weshalb er es sich erlauben kann.

Um witzig zu sein, mussten die Scherze möglichst schräg und aggressiv sein. Ein durch und durch argloser Scherz bringt niemanden zum Lachen und ist überflüssig: Warum ihn reißen, wenn er nicht reinhaut? Wofür die Mühe? Selbst das ungeschoren davongekommene Opfer fragt sich, wozu es zur Zielscheibe geworden ist. Derbheit ist zur Verbrüderung absolut unerlässlich: Sie tendiert dazu, den Witz möglichst unterirdisch, dreckig, platt und beleidigend ausfallen zu lassen, doch da die Verbrüderung als solche zu Höherem strebt, sind es von ordinären Frotzeleien über Frauen nur wenige Schritte zur erhabenen Liebe des Dolce stil novo, von der Kasernenmentalität zu Selbstlosigkeit und Heldentum in einer unmerklichen Überwindung des Körperlichen bis hin zum übermenschlich Geistlichen …
Ich zum Beispiel bin jetzt in einem Alter, in dem man nach dem beurteilt wird, was man im Leben erreicht hat, doch seltsamerweise ist mir dieses Image heute vollkommen schnuppe, dabei war es mir mit dreißig und erst recht als Heranwachsender wahnsinnig wichtig. Was hat es mich umgetrieben, wie die anderen mich finden, was habe ich darauf gegeben, als der Bestaussehende, Klügste und sogar Sympathischste zu gelten, obwohl ich nichts davon war. (Arbus’ Intelligenz war unerreicht; die Siegespalme des Bestaussehenden teilte sich der engelsgleiche Zarattini mit Jervi und Sdobba, und was die Sympathie betrifft, war klar, dass ich eher auf den hinteren Plätzen lag und die einstimmige Wahl auf Modiano und Pilu fallen würde.) Wie habe ich darunter gelitten! Nicht nur in der Schule war man davon besessen, sondern vor allem auch in den Ferien, wenn Mädchen mit von der Partie waren, bei denen man punkten wollte. Mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren war ich regelrecht besessen von dem Verlangen, des Sommers am Meer von meinen männlichen und weiblichen Altersgenossen anerkannt zu werden! Ich hätte alles getan, um ihnen zu gefallen, von ihnen respektiert und bewundert zu werden! So schüchtern und einigermaßen feige ich auch war, hätte ich bei jeder noch so riskanten oder hirnrissigen Aktion mitgemacht, um ja nicht im toten Winkel der Belanglosigkeit zu versauern, wo niemand sich merken kann, wie man heißt, man ständig mit jemand anderes verwechselt wird und die Leute einen jedes Mal angucken, als hätten sie einen noch nie gesehen.

Wir kehren das hervor, von dem wir glauben, es komme bei den anderen besonders gut an. Anfangs bei unserer Mutter, dann bei unseren Spielkameraden und schließlich bei allen, auf die wir Eindruck machen wollen, bei Gleichaltrigen, Erwachsenen, Lehrern und Mädchen zeigen wir ausschließlich den Teil von uns, mit dem wir uns die größten Chancen auf einen Treffer ausrechnen. Der Rest bleibt im Dunkeln, und nur wer besonders genau hinschaut (normalerweise die Freunde und vor allem die Feinde), kann ihn erahnen. Das Gesicht, das wir in der Hoffnung zeigen, es komme gut an, und auf das wir alles setzen, wird »falsches Selbst« genannt, nicht weil es falsch wäre, denn das ist es nicht: Es ist weder gespielt noch aufgesetzt, es gehört zu uns, es ist authentisch und entspricht unserem wahren Gesicht oder zumindest einem natürlichen Gesichtsausdruck; wir sind es, die es verfälschen, indem wir behaupten, das seien wir, obwohl es nur ein Teil von uns ist und nicht einmal der bezeichnendste.
Das falsche Ich fühlt sich nur lebendig, wenn es mit Schwierigkeiten konfrontiert wird. Es ist auf äußere Impulse angewiesen, auf Hürden, die es überwinden muss. Wenn es nicht agieren muss, ist es, als existierte es nicht.

Es ist so schwer, seine eigenen Widersprüche zu ertragen und sie unter einen Hut zu kriegen! Ich hatte immer Schwierigkeiten, mich dauerhaft lebendig zu fühlen. Die Rolle, die ich mir zugelegt hatte, um von den anderen wahrgenommen zu werden, hielt ich nur wenige Stunden am Tag durch, vielleicht vier oder fünf, wenn ich mich richtig ins Zeug legte, sogar sieben oder acht am Stück, danach ging nichts mehr, ich versank in der Willenlosigkeit, in der Anonymität, in einer Art kraftloser Benommenheit, die jedoch nicht unangenehm war, da sie einem nichts mehr abverlangte. Obwohl ich das Alleinsein nicht sonderlich mochte, hatte es den Vorteil, dass es mich vor dem Urteil anderer schützte und mich meiner Selbstaufgabe überließ; und so sind mir all dieser verquaste Trübsinn, die Apathie, die Trägheit, die tiefe Schwermut und die Selbstverachtung dafür, mich so lange damit abgequält zu haben, jemand zu sein, der ich nicht oder nicht wirklich war, allmählich ans Herz gewachsen. In diesen leeren Stunden erkenne ich mich eher wieder als in den aufgesetzten, lässigen Posen.
Ich spürte, wie meine Nerven sich so sehr entspannten, dass sie nur noch ein schwaches Zucken aussandten, wie erschlaffende Gitarrensaiten, die einen dumpfen, tiefen und leicht befremdlichen Ton von sich geben. Einen nutzlosen Ton. Das war der ideale Zustand, um Bücher zu lesen und Musik zu hören.

So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir nichts weiter sind als Nerven- und Empfindungsbündel, denen man aus juristischen Gründen eine Identität gegeben hat, damit dieser Wust aus willkürlichen, chaotischen Zuckungen Steuern zahlt, das Haus des Großvaters erbt, Prepaidtickets auf seinen Namen am Flughafen abholen und den reservierten Sitzplatz einnehmen kann. Nichts weiter. Nichts weiter als ein bequemes Erfassungssystem.
Der Name zu dieser Identität? Nur ein Schlagwort: auf Magnetkarten, in amtlichen Papieren, als Bildunterschrift oder als bronzene Lettern auf einer Travertintafel, und tschüss.

Die Umkleide war der Ort, wo sich das Selbstbestätigungsritual der Männlichkeit vollzog. Es gibt vielleicht nichts Beschämenderes, als den eigenen, noch unreifen Körper vergleichend zur Schau stellen zu müssen. Wenn wir in die Turnhalle gingen und uns umzogen, kamen unter einer Schicht identischer Klamotten Jungenkörper zum Vorschein, die so unterschiedlich waren wie Straßenköter in einem Tierheim.
Mit unermüdlichen Witzeleien gegen alles, was anders war, seien es Frauen oder Schwuchteln, zelebrierte man eine eingeschworene Bruderschaft, die freilich den homosexuellen Touch innerhalb der Gruppe absurderweise noch verstärkte. Das ist in einer ausschließlich männlichen Gemeinschaft unausweichlich: Weil man, und sei es nur verbal, Frauen, Schwule und Warmduscher niedermacht, um mit seiner Männlichkeit zu protzen, ist man irgendwann nur noch auf diese aus. Wahres Machotum kann nur homosexuell sein.
Dieses Schwanken zwischen Ächtung des Weiblichen und dem geradezu verzweifelten Hunger danach ist schon ausgesprochen seltsam …
Doch war das eine Maskerade aus Angeberei, Herumgepöbel, gesagtem und getanem Schwachsinn, riskanter, hirnrissiger Leichtfertigkeit (heute gibt es eine Fernsehsendung, die sich um nichts anderes dreht und in der ein gewisser Hang zum Selbstmord mitschwingt: Die Protagonisten schlucken Würmer, schnallen sich Raketen unter die Rollschuhe, lassen sich von einem Deckenventilator durchquirlen oder von Ziegenböcken auf die Hörner nehmen) und allen nur denkbaren gefährlichen und aberwitzigen Aktionen, die zu Abschürfungen, Erbrechen, Selbstverstümmelung und grundloser Gewalt führen, und mit grundlos meine ich Dinge wie einen Frosch kochen oder in die Scheibenwaschanlage pinkeln und die Düsen so ausrichten, dass Passanten und Motorradfahrer getroffen werden; die Zoolöwen nachts mit Pflastersteinen bewerfen, nachdem man sie mit Steaks ans Gitter gelockt hat …
Einen Hamster in eine Mikrowelle setzen
(das Aufheizen eines normalen Ofens
würde zu lange dauern …), den Dudelsackpfeifern
Münzen hinunterwerfen, die man vorher
über der Flamme heiß gemacht hat, einen
ahnungslosen Freund mit einem Schneeball
füttern, dessen Kern aus gefrorener Pisse besteht …

Es war ein Test, den man täglich über sich ergehen lassen musste. Man musste zeigen, dass man Manns genug war, dem Dauerdruck der geschmacklosen Witzeleien standzuhalten, der das Leben an einer Jungenschule bestimmt. Obwohl ich keine Zielscheibe war, sondern vielmehr zu der Gruppe der Glücklichen gehörte, die physisch und moralisch scheinbar vor nichts zurückschreckten, und mich im Grunde immer herausgehalten habe, gebe ich zu, dass ich unter diesem übermächtigen, greifbaren Druck mehr als einmal zusammengebrochen bin. Und wie machte ich mir Luft? Ich weinte. Möglichst ohne dass es jemand mitbekam. Es gibt keine bessere und schnellere Methode. Ein paarmal auch durch Handgreiflichkeiten. In der Kurzen Geschichte der Schlägerei, die ich eines Tages schreiben werde, wird sich ein Kapitel ausschließlich mit Schulprügeleien befassen. Abgesehen von politischen Keilereien, die ein eigenes, durchaus wichtiges Kapitel verdienen, oder von solchen, denen die Schule lediglich als Probebühne für ein Ballett dient, das auf den Straßen und Plätzen aufgeführt werden soll, gehören Prügeleien ebenso sehr zur Schullaufbahn eines Jungen wie Prüfungen – sie sind Prüfungen.

Die wichtigsten menschlichen Ressourcen werden darauf verwendet, in einer Rolle ernst genommen zu werden. Zu Hause, in der Gesellschaft, in der Schule, bei der Arbeit, auf dieser Erde. In manchen Momenten konnte man den Eindruck gewinnen, dass unsere Hauptbeschäftigung nicht darin bestand, zu lernen, Sport zu treiben oder fernzusehen (was, zeitlich gesehen, unsere Tage bis zur Oberkannte ausfüllte), sondern darin, eine Rolle zu spielen. Welche, ist nicht leicht zu sagen und nicht ganz klar. Die Rolle der Jugend? Die Rolle junger, männlicher Energiebündel? Die Rolle junger, männlicher, privilegierter, katholischer, römischer Italiener? Die Rolle der anständigen Jungs oder die der ungehobelten Chaoten? Vielleicht ein wenig von allem, gleichzeitig, abwechselnd oder reihum, mit verschiedenen Rollen für Winter und Sommer, für Familie und Freunde, denn im Grunde ist es normal, sein Verhalten unterschiedlichen Situationen anzupassen, wie der Familienvater, der sonntags Autos vor dem Stadion abfackelt und montags pünktlich zur Arbeit geht. Eine Persönlichkeit bietet reichlich Platz, sie ist groß genug für zwei, drei oder mehr. Die Hauptgeschichte dieses Buches wird bestätigen, dass man tagsüber ein anständiger Schüler sein und nachts Minderjährige ausrauben und vergewaltigen kann.

Die Vorstellung, die Jugend sei rebellisch oder zumindest rebellischer als die Erwachsenen, ist ein romantischer, verklärender Irrglaube, der mit der Wirklichkeit so gut wie nichts zu tun hat. Nichts könnte falscher sein. Die übergroße Mehrheit der Jugend ist extrem konformistisch. Sie bewegt sich instinktiv in der Herde und kaum davon weg. Lehnt sie sich gegen Regeln auf, dann nur, weil sie anderen Regeln folgt, denen sie sich stärker verpflichtet fühlt. In der Jugend bestimmt der Herdentrieb so gut wie jeden Aspekt des Lebens, nichts kann sich ihm entziehen: wie man sich anzieht, was man sagt, wie man küsst und welche und wie viele Zigaretten man raucht, ohne husten zu müssen. Einfach alles wird durch Nachahmung erlernt.

Vielleicht dient diese ganze Plackerei, dieses endlose sich selbst bespiegeln, vergleichen, unter die Lupe nehmen, das ständige Ringen vor allem mit sich selbst, das Mutproben aufstellen, sie bestehen, zeigen, dass man’s draufhat, hart sein, gewieft sein, unerschrocken sein, den Verstand unterdrücken und den Körper mit mörderischen Laufbahnrunden und Liegestütz triezen, dieser unermüdliche Kampf der Krabben im Plastikeimer also nur als Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt, sonst nichts. Die inneren Qualen erfüllen allein den Zweck, den Auszug aus dem mütterlichen Garten Eden möglichst erträglich zu machen, ehe man im Fegefeuer des praktischen Lebens landet, wo jede Eroberung einen Verlust, eine Kränkung, einen Verrat bedeutet und wo es weder himmlisch süße Trauben gibt, die einem in den Mund wachsen, noch Milch und Honig von den Bäumen triefen. Sie sind nur dazu da, um die Vertreibung zu ertragen, ohne sich sofort das Leben, in dem man »ein Mann« sein muss, zu nehmen. Indem man die Muskeln anspannt und den Hintern zusammenkneift, die Augen zudrückt, sich einen runterholt, brüllt, heult und sich einbildet, der legitime Anführer der Weltordnung zu sein, entwickelt man ein ausreichend dickes Fell, um die Angst vor der Welt zu ertragen …

Vor mir liegt der letzte Brief, den ich von Arbus bekommen habe, ehe er aus meinem Leben verschwand. Er ist vom 12. Mai 1980, also sechs Jahre nachdem er das SLM auf spektakuläre Weise, von der ich in Kürze berichten werde, verlassen hat. Ich gebe den Teil daraus wieder, der mich am meisten getroffen, verletzt und überzeugt hat.
»Ich habe schon vor Jahren begriffen, was der Unterschied zwischen Dir und mir ist, Edoardo, doch das hat mich nicht davon abgehalten, mit Dir befreundet zu sein. Und weißt Du, worin er besteht? Trotz allem hast Du immer versucht, so zu sein wie die anderen. Hin und wieder bist Du auf Distanz gegangen und hast so getan, als wolltest Du nichts mehr mit ihnen zu tun haben, um dann umso überraschender wieder zu ihnen zu stoßen, damit alle mitkriegten, dass Du nach Deiner Abkehr wieder ganz dicke mit ihnen warst, samt den Witzchen und allem, was dazugehört. Du brauchtest das, Du konntest nicht ohne, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Du hast immer andere gebraucht, und daran ist nichts auszusetzen, Du brauchst die Bestätigung, die Anerkennung, auch wenn Du so tust, als wäre sie Dir schnuppe, denkst Du an nichts anderes und könntest im Leben nicht darauf verzichten. Ein bisschen Abstand ja, ein endgültiger Bruch niemals. Du bist ein schwermütiges, schwaches Herz. Manchmal hast Du in der Klasse nur randaliert, weil Du fürchtetest, außer mir, Zipoli und vielleicht noch Rummo der Einzige zu sein, der nicht mitmacht … Du hattest Angst und hast Spaß gehabt aus Angst, keinen Spaß zu haben. Gib’s zu. Es gibt nur zwei Optionen, die miteinander unvereinbar sind: sich den anderen anpassen und alles erfüllen, was man von einem Mann erwartet; oder sich isolieren und gänzlich absondern, rein und unbeteiligt bleiben, unangepasst und mit nichts konform. Wofür hast Du Dich entschieden?«
Ja, es stimmt, Arbus hat wie immer recht, ich habe die erste Option gewählt, oder sie hat mich gewählt: Mein Anderssein war nicht stark genug, um sich zu wehren, ich wollte mich nicht wehren. Ich wollte sein wie alle anderen. Das war mein heimlicher Wunsch, auch wenn ich zu stolz war, ihn zuzugeben. Arbus war kein bisschen stolz. Und so wählte er die zweite Option, die Isolation.

Thomas Klupp »Wie ich fälschte, log und Gutes tat

»Es gibt Bücher, auf die wartet man Jahre, manchmal sogar viele Jahre lang. Ein solches Werk ist der neue Roman von Thomas Klupp. Seit seinem Debüt "Paradiso"  vor neun Jahren ist sein Name in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur fest verankert. Jetzt erscheint mit "Wie ich fälschte, log und Gutes tat" endlich sein neuer Roman – und wir sind sicher, dass Sie uns nach der Lektüre zustimmen werden: Das Warten hat sich gelohnt.

Thomas Klupp erzählt in diesem rasanten, weisen und witzigen Coming-of-Age-Roman von der Doppelbödigkeit unserer Existenz, von kleinen und großen Lügen, vom Jungsein und Älterwerden. Und die deutsche Literatur hat einen neuen Helden: Benedikt Jäger« Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Wie ich fälschte, log und Gutes tatWie ich fälschte, log und Gutes tat

Roman

Weiden ist eine Vorzeigekleinstadt: Die Wirtschaft brummt, von den Lady-Lions gibt es Charity-Barbecues für Flüchtlinge, die Oberschule ruft eine Leistungsinitiative in den MINT-Fächern aus, die Tennisjugend gewinnt das Landesfinale, und mit dem neuen Schuljahr prangt von jeder Wand ein Antidrogenplakat der Champions mit dem Slogan: »Geh ans Limit! Ohne Speed!«. Benedikt Jäger und seine Kumpel Vince und Prechtl sind nicht nur mittendrauf zu sehen, sie stecken auch mittendrin in dieser schönen Welt, die alle Abgründe vertuscht: Die Nächte feiern sie exzessiv im »Butterhof«, wie sie ihre Schulleistungen am neuen Evaluierungssystem vorbei vor den erfolgsgierigen Eltern verbergen, steht in den Sternen. Und dass die Lady-Lions ausgerechnet Crystal-Mäx, den Unterweltkönig und berüchtigten »Butterhof«-Betreiber, mit einer Finanzspritze beim Bau von Flüchtlingswohnungen unterstützen, macht die Lage noch unübersichtlicher ... Anarchisch und pointensatt im Hochgeschwindigkeitsrausch erzählt, getragen von bitterbösem Humor – ganz großes Tennis!   »PARADISO war für mich einer der besten deutschen Romane der letzten zehn Jahre. In neun davon habe ich auf ein neues Buch von Thomas Klupp gehofft, und das Warten hat sich mehr als gelohnt. WIE ICH FÄLSCHTE, LOG UND GUTES TAT ist pointiert, witzig, manchmal böse, funkelnd. Diese Geschichte ist nicht weniger als die in Worte gegossene Jugend; man liest sie und ist wieder sechzehn, mit dem angenehmen Wissen, nicht mehr sechzehn sein zu müssen. Ein herrliches Buch.« Benedict Wells   »Endlich wieder Arztsohnprosa!« Florian Kessler
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Kapitel 1

13. September

Heute war der beste erste Schultag ever. Weil ich nämlich nicht in der Schule war. Statt im Unterricht zu sitzen, bin ich Ballon gefahren. Hundert Prozent legal sogar. Ich hätte nie gedacht, mal was Gutes über Heckmann zu sagen, weil er als Coach ja ein Totalausfall ist, aber auf sein Wort ist Verlass. Vor dem Landesfinale im Sommer hat er zu uns gesagt: »Jungs, wenn ihr den Titel holt, dann hebt ihr zum Schulstart ab« – und heute war Schulstart, und wir hoben ab. Vince meint, dass Heckmann die Ballonfahrt aus eigener Tasche bezahlt, weil er wegen uns bald befördert wird, aber das glaube ich nicht. So eine Fahrt kostet locker 500 Euro, und so viel Geld wirft nicht mal der dümmste Lehrer zum Fenster raus. Das Geld stammt bestimmt aus dieser Champions- oder Performancekasse oder wie auch immer die Kasse heißt, die die Fürstenberg letztes Jahr eingeführt hat, um öffentliche Spitzenleistungen für die Schule zu belohnen. Und ein 4 : 2 gegen die Oberhachinger Internatsficker, die auf ihrer Tennisbase täglich zwölf Stunden trainieren … definitiv Spitzenleistung. Öffentliche Spitzenleistung im Quadrat.

 

Jedenfalls: die Ballonfahrt. Die war top. Umso mehr, weil sie um ein Haar ohne uns stattgefunden hätte. Erst konnten wir nämlich den Startplatz nicht finden. Der Ballon sollte auf einer Wiese bei Auerbach starten, aber kaum waren wir aus Weiden raus und fuhren auf die B 470, zog Nebel auf. Frühnebel oder Bodennebel – so viel und so dichter Nebel jedenfalls, dass Heckmann den Schulvan auf 40 km/h runterbremsen musste. In den Kurven sogar auf 20. Und selbst das war noch flott. Trotz der Nebelscheinwerfer, die so aggressiv ins Weiß reinblendeten, konnte man kaum die Mittelstreifen erkennen, und obwohl wir durch den Manteler Forst fuhren und ringsherum Millionen von Tannen wuchsen, habe ich die ganze Fahrt über keinen einzigen Baum gesehen.

 

Bartels, der vor mir auf der Mittelbank saß und ziemlich Höhenangst hat, maulte dauernd rum, dass in der Suppe da draußen eh kein Ballon starten würde und wir besser gleich umkehren und zur Schule zurückfahren sollten. Prechtl verpasste ihm daraufhin ein paar Kopfnüsse der Marke Schädelbasisbruch, und Vince starrte wie hypnotisiert aus dem Fenster und murmelte in einer Tour: »Leben im Nebel, Life is evil, aha.« Für die Uhrzeit, es war höchstens Viertel nach sieben, gar kein so schlechter Spruch.

 

Ohne Jiří, der wie üblich vorn auf dem Streberplatz neben Heckmann saß, hätten wir die Ballonwiese vermutlich nie entdeckt. Aber Jiří hat Adleraugen. Als wir zum dritten Mal am Auerbacher Ortsschild vorbeikommen, streckt er plötzlich den Arm aus und ruft: »Herr Heckmann, da drüben, ich sehe was.« Keiner von uns anderen konnte auch nur das Geringste erkennen, Heckmann reißt trotzdem das Steuer rum und fährt Jiřís ausgestrecktem Arm hinterher. Wir rumpeln durch den Straßengraben, dann querfeldein über eine Wiese, und während unten die Gräser am Bodenblech kratzen, wird es tatsächlich heller. Erst sind nur Schemen zu erkennen, doch dann taucht ein Ballonkorb aus dem Nebel auf.

 

Der Korb steht im feuchten Gras und wird von den Scheinwerfern eines Pick-ups angestrahlt, der am Rand eines Feldwegs parkt. Um den Korb herum patrouillieren zwei von Kopf bis Fuß in Camouflagemontur gekleidete Typen und zerren an Seilen, die sich nach oben im Dunst verlieren. Ein dritter Camouflagetyp steht im Korb und befingert ein kanonenrohrdickes Metallteil über seinem Kopf. Mit jedem Meter, den wir näher kommen, sieht das Ganze verbotener aus. Eher nach Schleuserbande oder Waffenschmuggel, aber ganz bestimmt nicht nach Schulausflug. Umso mehr, weil die Typen schwarze Gesichter haben. Also, die sind nicht angemalt, sondern naturschwarz sozusagen. Was an sich völlig in Ordnung ist. Ich bin null Prozent ausländerfeindlich, aber in dem lichtzerfressenen Dunst leuchten die Gesichter irgendwie extradunkel und wirken extrem bedrohlich auf mich.

 

Ich stoße Vince an und will ihm was sagen, aber plötzlich bricht draußen ein Fauchen los. Als würden tausend Katzen im Chor um die Wette fauchen, so ein Fauchen ist das, und dazu schießt eine Stichflamme aus dem Metallteil raus. Jedes Lagerfeuer ein Witz dagegen. Die Flamme schießt baumhoch in die Luft, wird auf halber Strecke von der Ballonhülle geschluckt, die im Nebel jetzt blutrot aufglimmt und wie ein riesiges, todbringendes Alienherz über uns wabert, und obwohl wir im Van sitzen, angeschnallt und alles, reißen wir instinktiv die Arme vors Gesicht.

 

»Alter Schwede«, flüstert Prechtl, als der Brenner wieder erlischt, »ist ja voll Irak da draußen«, und Vince sagt: »Und wir haben auch noch die Pussy-Anzüge vom Fehr an.« Womit er leider ins Schwarze trifft. Wir alle, sogar Heckmann, tragen wegen des Fototermins nachher die Trainingsanzüge von Sport Fehr. Und die sind rosa. Schweinsrosa, auf dem Rücken steht in goldener Schnörkelschrift Kepler-Gymnasium Weiden – Tennis-Landeschampions, und was die Armeetypen darüber denken werden, weiß ich genau: nämlich, dass wir ein Haufen verweichlichter Tennispinkel sind, denen man am besten jeden Knochen im Leib einzeln bricht, bevor man sie nach Guantanamo verschifft.

 

Wir starren wie gelähmt zur Scheibe raus, und keiner rührt sich vom Fleck. Auch Heckmann, der sonst immer einen auf großer Antreiber macht, tut keinen Mucks. Erst als der Typ im Korb über die Brüstung klettert und mit seinen Kampfstiefeln auf uns zumarschiert, zieht er den Zündschlüssel ab.

»Ja, also«, sagt er, »dann mal auf in den Spaß.«

Er sagt das mit einer Stimme, als würde er seine eigene Hinrichtung verkünden, stößt aber trotzdem die Fahrertür auf. Wir tun es ihm nach, und in dem Moment, in dem ich raus auf die Wiese trete, das feuchte Gras an den Knöcheln spüre und die kühle Luft einatme, ändert sich meine Laune. Und zwar komplett. Ich bekomme schlagartig Lust, in den Korb zu klettern und wie Rauch in die Luft zu steigen, und daran kann nicht mal der Kampftyp was ändern, der sich jetzt vor uns aufbaut. Der will aber auch gar nix daran ändern, im Gegenteil. Statt uns anzupflaumen, dass wir zu spät sind, schlägt er die Hacken zusammen und salutiert vor uns.

»Master Sergeant Jack Conley«, ruft er mit strahlendem Perlweiß-Grinsen, »Second Stryker Cavalry Regiment, aba sagt’s Käpt’n Jack zu mia.«

 

Wir glotzen ihn an wie den Heiligen Geist persönlich, weil mit einem Schwarzen, der Käpt’n Jack heißt und Oberpfälzer Dialekt spricht wie höchstens noch meine Oma, hat keiner gerechnet. Selbst Vince, den so gut wie nichts aus der Fassung bringt, glotzt mit offenem Mund. Käpt’n Jack merkt das auch, oder vielleicht kassiert er öfter solche Blicke, jedenfalls erzählt er uns, dass er auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr stationiert war, als Kampfhubschrauberpilot, und seit seiner Pensionierung Ballonfahrten organisiert. Die beiden Typen, die auf der Ladefläche des Pick-ups jetzt Sachen verstauen, sind offenbar seine Söhne und heißen Jim und Troy. Käpt’n Jack sagt noch, dass sie mit dem Aufrüsten des Ballons leider nicht auf uns warten konnten, wir aber optimales Wetter haben. In den höheren Luftschichten, sagt er, weht eine Brise aus West, sodass wir mit ein bisschen Glück genau über Weiden fahren. Dann klatscht er in die Hände und ruft: »Pack mers, Boys, rein in den Korb.«

 

Heckmann öffnet die Heckklappe des Vans, wir schultern unsere Tennisbags und laufen zum Korb. Als Erstes klettern Vince und ich rein, und dann ist Prechtl an der Reihe. Er will gerade sein Bein über die Brüstung schwingen, da sehe ich es: Es tropft aus seiner Bag. Wobei tropfen die Untertreibung des Tages ist: Unten, wo die Bag zugezippt ist, genau zwischen den silbernen Reißverschluss-Schiebern, leckt ein richtiges Rinnsal raus. Fuck, denke ich, hoffentlich sieht Käpt’n Jack das nicht. Prechtl hat nämlich geladen. Ein halbes Dutzend Wasserbomben. Präserbomben, um genau zu sein. Mit Wasser und Tomatensaft zum Bersten gefüllte Präservative, die er, wenn wir erstmal tausend Meter über der Erde sind, über allen möglichen Dörfern und Straßen und Marktplätzen runterfeuern will. Mindestens eine von den Bomben muss bei dem Geholper über die Wiese geplatzt sein, und das ist natürlich suboptimal.

Noch suboptimaler ist aber, dass auch der Käpt’n das Rinnsal bemerkt.

»He, du«, sagt er, »wart mal, du tropfst.«

Prechtl schaltet auf taub und klettert weiter, aber so leicht lässt sich der Käpt’n nicht ignorieren. Er drückt Prechtl eine Hand auf den Oberschenkel, sodass er, ein Bein im Korb, das andere draußen, rittlings auf der Brüstung zu sitzen kommt. Wie ein aufgebocktes Galionsschwein hockt er da mit in der Luft baumelnden Beinen und quetscht sich auf den Baststreben die Eier ab, aber das ist jetzt sein geringstes Problem. Der Käpt’n will nämlich, dass er die Bag aufmacht. Aus einer seiner hundert Uniformtaschen zieht er sogar einen Lappen und hält ihn Prechtl hin, zum Trockenmachen, und Prechtl sagt: »Wird erledigt. Da drüben beim Van.«

Er springt wie eine Ziege vom Korbrand, und in dem Moment macht es Klick beim Käpt’n. Man kann regelrecht sehen, wie hinter seiner Stirn die Warnlichter angehen. Das Grinsen bröckelt aus seinem Gesicht, er zieht die Brauen zusammen und sagt: »Was is’n da ausglaufen?«

Prechtl: »Bestimmt bloß meine Capri-Sonne.«

Käpt’n Jack: »Schau nach.«

Prechtl: »Mach ich ja. Drüben beim Van.«

Käpt’n Jack: »Hier machst die Bag auf. Aber dalli.«

Vince und mir krampft schon halb der Kiefer vor Lachen, nur Heckmann steht wie immer voll auf dem Schlauch.

»Wenn Käpt’n Jack«, sagt er, »also wenn Herr Conley dir schon seinen Lappen gibt, Timo, dann öffne doch bitte die Bag.«

Und Prechtl, dem wirklich nix mehr einfällt, um die Lage zu retten, zippt im Zeitlupentempo den Reißverschluss auf. Bild für die Götter, ehrlich wahr. Am Boden der Bag schwimmt eine hellrote Suppe, am Racketrahmen kleben Gummifetzen, und in der Rundung unten, von den Scheinwerfern bestens ausgeleuchtet, glänzen vier heil gebliebene Präserbomben in ihrem schleimigen Nest. Der Käpt’n guckt Minimum zwanzig Sekunden in die Süffe rein. Er guckt, als würde da eine Horde Flugsaurier schlüpfen, dann drückt er sein Kreuz durch und schaut Prechtl hart ins Gesicht.

»Bürscherl«, sagt er, »ham sie dir ins Hirn gschissn.«

Prechtl darauf sofort: »Häh, wieso?«, und dass er die Teile nur dabeihabe, weil er später, also nach der Landung, noch zu einer Wasserbombenschlacht ins Stadtbad wolle. Den Bullshit hört sich der Käpt’n aber gar nicht an. Er lässt eine irre Standpauke los und erzählt was von Fallbeschleunigung und Aufprallkräften, er kennt sogar die physikalischen Formeln dafür, und zum Schluss packt er die Moralkeule aus.

»Was meinstn«, ruft er, »was passiert, wenn einer Omi so a Teil in Hut reinkracht? Oder wennst a Auto in voller Fahrt erwischst … Denk nach, Bursch, denk nach!«

 

Prechtl gibt sein Bestes, betroffen zu gucken, doch dazu fehlen ihm die passenden Muskeln. Betroffenheit: mimisch glasklar nicht sein Ding. Vor allem die Lippen spielen ihm einen Streich. Die ziehen sich so verkniffen nach innen und erzählen die wahre Geschichte: nämlich, dass ihm die Predigt vom Käpt’n schwer auf den Sack geht. Was ich, ehrlich gesagt, verstehen kann. Mal abgesehen davon, dass so ein Volltreffer ja völlig utopisch ist, will Prechtl weiß Gott keinem die Lichter auspusten. Der will einfach nur ein bisschen Spektakel veranstalten. Stichwort: Action & Fun. Und überhaupt: dass ausgerechnet der Käpt’n einen auf Gandhi macht, ist schon eine harte Nummer. Steht da in aller Herrgottsfrühe mit seiner Kampfuniform in der Gegend rum und hat sein Leben damit verbracht, im Hubschrauber durch die Welt zu fliegen und komplette Dörfer in Staub zu verwandeln. Und dafür hatte er garantiert mehr als Präserbomben am Start.

 

Klar ist aber auch, dass Prechtl sich nicht zu beschweren braucht. Als er Vince und mich gestern per Whatsapp vollspammte, dass wir mitmachen sollen, haben wir ihm gleich den Kopf gewaschen. Von wegen, dass ein Blick von Heckmann genügt. Ein Blick abwärts nämlich, weil so eine Bombe ja eine halbe Ewigkeit durch den Himmel stürzt und oben auch keine Ballonparade stattfindet, sodass man es dem Nachbarn in die Schuhe schieben kann. Beste Argumente gegen die ganze Aktion. Wollte er aber nicht hören. Und deshalb muss er jetzt fühlen.

»Weißt was«, sagt Käpt’n Jack, »drauf gschissn. Du bleibst da.«

»Was …«

»Bodenarrest! Dableiben tust!«

Dann beugt er sich über die Korbbrüstung und sagt zu Vince und mir: »Und ihr zwei, ihr zeigt’s mir jetz auch eure Bags.«

Ich zippe blitzschnell den Reißverschluss auf, und während mir ein Schwall Sockenschweiß in die Nase schießt, steigt mein Respekt vor dem Käpt’n ins Unermessliche. Der hat weder Jiří noch Bartels gefragt – tatsächlich hat er die auch später nicht kontrolliert –, sondern sich sofort Vince und mich ausgeguckt. Keine Ahnung, ob das sein Armeetraining ist oder was immer ihn auf die Spur gebracht hat, jedenfalls ist der Mann kein Fake. Während er unsere Bags durchwühlt, gucke ich über seinen rasierten Schädel hinweg zu seinen Söhnen rüber. Die verfolgen die Szene von der Ladefläche des Pick-ups aus, und obwohl beide bis zu den Ohrläppchen hoch grinsen, tun sie mir aufrichtig leid. Weil, wenn du so einen Bluthund zum Vater hast, dann gute Nacht. Dann fängt dein Leben mit frühestens achtzehn an. Und bis dahin ist Zuchthaus angesagt.

 

»Mister Conley.«

Vinces Stimme streift mein Ohr.

»Mister Conley, Entschuldigung. Aber wir sind ja wegen der Schulmeisterschaft da. Weil wir die als Team gewonnen haben. Und der Timo gehört zum Team. Wär komisch, ohne ihn zu fliegen. Wär wirklich komisch. Lassen Sie ihn doch bitte mit.«

Sagt Vince in aller Ruhe, während er seine Bag zuzippt, und er schaut dem Käpt’n dabei sogar in die Augen. Und der schaut zurück, lasert einen Blick in Vince hinein, dass mir allein vom Zugucken die Pupillen schmerzen. Aber Vince hält ihm stand. Er blinzelt nicht und schaut nicht zu Boden, und kein Lügendetektor der Welt könnte sagen, ob er den Spruch ernst meint oder den Käpt’n verarschen will. Ich glaube, Vince selbst weiß es nicht. Wie so oft sagt er einfach, was ihm gerade einfällt, und klar geht das auch nur mit seinem Gesicht. Würde Prechtl so was sagen oder Bartels mit seiner Nase, die kämen nicht über die erste Silbe hinaus. Aber sie sehen halt auch nicht aus wie Vince. Und Vince eben schon. Der sieht aus wie ein Prinz aus Tausendundeiner Nacht. Olivfarbene Haut und schwarze Locken und Wimpern wie Seide. Ein Gesicht, um die ganze Welt zu erobern. Und Käpt’n Jack obendrein.

 

Der stellt irgendwann seinen Laserblick ab und schüttelt den Kopf. »Saubande«, murmelt er in den Nebel, »ihr Saubande vor dem Herrn.« Dann greift er sich Prechtls Bag und pflückt die Bomben raus. Eine nach der andern wirft er sie vor sich ins Gras und trampelt drauf rum. Unter seinen Tritten platzen die Präser wie nix, links und rechts spritzen Fontänen, und eine saut Heckmann die Hose voll. XXL-Tomatensaftdusche, das komplette linke Bein, aber Heckmann gibt keinen Laut. Immerhin. Weil, als Coach wäre das definitiv sein Part gewesen. Für Prechtl einzustehen. Obwohl Prechtl ja nur Ersatzspieler ist. Was der Käpt’n zum Glück nicht weiß. Was ihn vielleicht aber auch einen Dreck interessiert. Jedenfalls treibt er die anderen jetzt an, in den Korb zu steigen, und als Prechtl als Letzter über die Brüstung klettert, sagt er: »Wenn ich dich oben auch nur spucken seh. Ich schwör dir, Kamerad, du fliegst hinterher.«

 

Und egal, was man sonst über Prechtl sagen kann: Er hat nicht gespuckt. Hat nicht mal ans Spucken gedacht. Keiner von uns hat das. Nicht nur wegen des Käpt’ns und weil er wie der Leibhaftige zwischen uns stand. Sondern wegen der Fahrt an sich. Als nämlich der Brenner erneut in die Hülle fauchte und der Korb mit uns in die Höhe glitt: Schönheit pur. Zum Niederknien. Eine Schönheit, dass selbst Bartels vergaß, sein Handy zu zücken und wie verzweifelt Fotos zu knipsen. Die feuchte Wiese, der Van, der Pick-up, die Söhne des Käpt’ns auf der Ladefläche, die ganze trübgraue Nebelwelt: Alles löste sich in einem Leuchten auf. Verschwand darin. Über uns öffnete sich eine Kuppel aus gleißendem Blau, unter uns glomm ein Wattemeer. Am Horizont schwamm eine blassgelbe Sonne im Dunst und beschien das Ganze. Beschien die aus dem Weiß emportauchenden Hügelketten, die bewaldeten Höhenzüge, den Vulkankegel des Rauhen Kulm. Und dann, als plötzlich der Brenner aussetzte: Stille. Vollkommene Stille. Als hätte jemand die Zeit abgestellt. Als stiege nicht der Ballon ins Blau, sondern als stünden wir auf der Stelle, und irgendwelche Special-FX-Ingenieure manipulierten an den Kulissen herum. Unter uns, das war nicht die Oberpfalz. Das war Mittelerde. Lichtgerendert. Pixel für Pixel auf Hochglanz getuned. Keine Ahnung wieso, aber während ich Schulter an Schulter mit Vince über das Nebelmeer blickte, die Lungen voll Sauerstoff, die Augen vom Licht ringsum zu Schlitzen verengt, bekam ich einen Ständer. Einen Naturständer. Hart wie Kristall und bis in die letzte Kammer mit Helium statt mit Blut gefüllt. Irres Feeling dort in den Lüften. Besser als alle Drogen der Welt.

 

Und das Feeling hielt an. Fast die gesamte Ballonfahrt lang. Bis die Sonne so hoch in den Himmel stieg, dass sie zu einem weißglühenden Punkt zusammenschrumpfte, ihre Strahlen den Dunst zersetzten und die Landschaft darunter zum Vorschein kam. Ein buntes Gesprenkel aus Feldern und Dörfern und Seen und Wäldern. Und noch mehr Wäldern. Zu allen Seiten dehnten sich dunkle Nadelwälder aus, nur hier und da von Straßen zerschnitten, von denen uns Miniaturautos entgegenblitzten. Sollte ich in Deutsch je wieder einen Aufsatz zum Thema Heimat abliefern müssen, ich schwöre, er handelt vom Wald. Themenverfehlung ausgeschlossen. Bestnote garantiert. Und dann, als wir schon langsam wieder an Höhe verloren, rief der Käpt’n: »Achtung, Burschen, Weiden voraus!«

 

Ich drängte an Bartels vorbei zum vorderen Korbrand und sah auf ein Mosaik aus flachen, rechteckigen Hallen und schwarzgeteerten Flächen hinunter, musste irgendein neues Gewerbegebiet sein, aber bald schon gerieten Häuser, Straßen und Gärten ins Bild und schoben sich zu einer Stadt zusammen. Einer Stadt, so spektakulär wie ein Taubenschiss. Schon klar, dass Weiden nicht gerade Tokio ist, aber von oben sah das Ganze wirklich mickrig aus. Und auch ziemlich fremd. Zumindest im ersten Moment. Bis wir über die Altstadt mit ihren spitzen Dächern fuhren, ich die Fußgängerzone und das Alte Rathaus erkannte und Vince mir seine Hand auf die Schulter legte.

»Da«, sagte er, »das Kepler da vorne. Die Enterprise.«

Ich sah sofort, was er meinte. Jenseits der Altstadt, auf der anderen Seite des Flutkanals, lag unsere Schule. Ein massiver, grauer Waschbetonquader, in der Mitte quadratisch ausgestanzt, an dessen Stirnseite sich links und rechts die Turnhallen anschlossen. Die beiden Hallen bildeten die Warp-Antriebe, und das Flachdach der Schule mit seinen im Sonnenlicht funkelnden Solarmodulen, die uns, O-Ton Fürstenberg, zur »ersten Energieeffizienzschule Ostbayerns« machten, war das Deck des Raumschiffs.

 

Ich sah hinunter und wünschte mir Prechtls Bomben herbei. Tatsächlich wünschte ich mir ein MG herbei. Nichts, was ich im Pausenhof je laut verkünden würde, aber ein paar kräftige Salven in den Betonklotz da unten, in seine Mauern und Fenster und Türen, hätten mir Erleichterung verschafft. Hätten – Jiří mal ausgenommen – jedem von uns Erleichterung verschafft. Einfach, weil es die Schule war. Weil sie uns ab sofort wieder in die Klauen bekam. Der bloße Gedanke, mich morgen Früh wieder durch ihre Flure zu schleppen, wie erlegt in den stickigen Räumen zu sitzen, saugte mir den letzten Tropfen Blut aus dem Schwanz.

Und dann … dann wurde mir richtig klamm.

Wir sanken nämlich über Weiden-Ost hinweg. Der Ballonschatten glitt über die rote Asche der Postkeller-Courts, auf denen ich gestern noch Bälle geschlagen hatte, verfehlte haarscharf den Butterhof, wo Prechtls Halbbruder seine kriminellen Feste abhielt, und kreuzte Sekunden später den Hopfenweg. Und im Hopfenweg, ganz oben, dort wo die Wiesen beginnen, dort wohne ich. Ich konnte unser Haus erkennen, den Garten, das hellblaue Rechteck des Swimmingpools. Meine ganze Welt, all die Orte, an denen ich meine Zeit verbrachte, schrumpften auf die Größe einer Ansichtskarte zusammen. Und die Ansicht darauf sah beschissen aus. Also nicht die Ansicht selbst. Die war okay. Sondern das, was darunter lag. Oder dahinter. Oder wo auch immer. Diese aus der Tiefe emporwuchernde Fälschung, dieses Trugbild, das mein Leben war.

 

»Alter, bitte, wie geil!«

Prechtls Stimme plärrte in meine Gedanken.

»Da unten schwimmt deine Mutter.«

»Und deine säuft Schnaps«, sagte ich.

»Im Ernst«, rief er, »schau hin.«

Er drückte meinen Kopf über den Korbrand, sodass ich steil nach unten sah, und das Erstaunliche war: Er hatte recht. Jedenfalls zum Teil. Jemand glitt in unseren Pool hinein, stieß sich vom Beckenrand ab und zog Bahnen im Blau. Definitiv nicht meine Mutter, weil die mit ihren Lions-Freundinnen gerade auf einem Achtsamkeitskurs im Allgäu ist. Konnte also nur Abdul sein. Abdul mit seinen achteinhalb Fingern, der, falls er keine Märchen erzählte, bis vor Kurzem noch in einem schwankenden Schlauchboot im Mittelmeer gesessen hatte. Ringsherum Wellen hoch wie Wanderdünen, über Bord gespülte Mütter und Kinder, und jetzt wohnte er bei uns im Anbau über der Garage, 40 qm samt Küchenzeile, und kraulte durch unseren beheizten Pool. Hätte er sich in seinem Boot bestimmt nie träumen lassen. Diese Reise ins totale Glück. Ich starrte auf Abduls Körper hinunter, und der Anblick entspannte mich. Nachhaltig. Vor allem auch erinnerte er mich, wie rasch die Dinge sich ändern konnten. Zumal Glück in meinem Fall überhaupt keine Rolle spielte. Gerade jetzt, zu Beginn des Schuljahrs, nicht. Jetzt fing ja alles wieder von vorne an, war alles wieder auf null gestellt.

 

Jäger, sagte ich mir in dieser tausendfach eingedrillten Match-Perspektive, mit der ich die Big Points holte und reihenweise Tiebreaks gewann, Jäger, du Sieger, du hast alles selbst in der Hand.

»Sorry«, sagte ich laut zu Prechtl, »sorry für den billigen Diss.«

»Sherry«, erwiderte Prechtl, »zurzeit kippt sie Sherry, vom Schnaps ist sie weg.«

Ich stieß ihm aufmunternd in die Rippen und sog Luft in die Lungen, Luft, die schwach nach Jauche stank. Unten zerspurte ein Traktor die Felder, Tröglersricht zog vorüber, Höfe und Scheunen und Biogas-Kuppeln, und während der Käpt’n Kommandos in sein Funkgerät bellte, nahm ich mir ein Versprechen ab. Und zwar würde ich dieses Jahr büffeln. Drei Stunden täglich, kein Problem. Mich Lerngruppen anschließen. Und falls das nicht genügte, um Nachhilfe betteln. Bei Frank Gruber oder der dicken Margarete sogar. Ich würde, koste es, was es wolle, dieses Trugbild in Stücke sprengen und zu genau der Person werden, die ich im Glauben meiner Eltern längst war.

»Benedikt, alles klar?«

Vince sah mich an.

»Siehst aus, als hättest du Gülle gefressen.«

Ich winkte ab.

»Alles top«, sagte ich und zeigte nach unten, und gemeinsam verfolgten wir die Staubspur des Pick-ups, der da im Affenzahn über den Feldweg heizte, geradewegs auf die Wiese zu, der unser Korb entgegensank.

»Alle Mann festhalten«, rief der Käpt’n, »Touchdown in t minus zwanzig«, und während ich meine Finger um die Korbbrüstung krallte, schloss ich die Augen und streckte mein Gesicht der Sonne entgegen. Wärme auf der Haut, ein goldenes Flimmern hinter den Lidern, und dann setzten wir weich, wirklich butterweich, auf der Erde auf.

 

PS

Und zum Schluss noch Bartels, der Held. Kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, hing er überm Korbrand und reiherte los wie ein Vulkan. Schwall auf Schwall klatschte ins Gras, Rührei und Speck und Vollkornbrotbröckchen und etwas, das nach halbverdautem Hackfleisch aussah. Endloses Röcheln und Würgen. Und dann kam giftgrün die Galle. Und noch mehr Galle. Olympische Mengen, mit denen er da die Pflanzen düngte, aber nicht ein Tröpfchen ging in den Korb. Wahnsinnsdisziplin, das so lange drinzubehalten. Trug ihm auch den Respekt vom Käpt’n ein. Der klopfte ihm auf den Rücken und sagte was von Anstand und Timing und dass er der wahre Bezwinger der Lüfte sei. Und auch von uns lachte keiner laut. Obwohl es ziemlich lustig war. Umso mehr, weil plötzlich die Fotografin vom Neuen Tag auf der Wiese stand. Zwei Fotografinnen sogar. Die Zeitungsknipse in ihrem Lederröckchen und dazu die Tante von der Need-no-Speed-Initiative. Oder Need-no-Crystal-Initiative. Weiß ich jetzt nicht mehr genau, wie die heißt. Motto jedenfalls: Geh ans Limit! Ohne Speed! Und weil wir ans Limit gegangen waren im Sommer, wurden wir fotografiert. Deal von der Fürstenberg. Wir, das siegreiche Kepler-Tennisteam, die neuenNeed-no-Speed-Botschafter der nördlichen Oberpfalz. Leuchtende Vorbilder für die drogengefährdete Jugend ringsum. Bloß sahen wir nicht so aus. Vor allem Bartels nicht. Der sah aus, als hätte er drei Nächte auf Crystal durchgefeiert. Der legte sich erstmal ins Gras und hielt sich den Bauch. Dazu Prechtl mit seinen Augenringen. Von Jiřís Draculablässe jetzt gar kein Wort. Die drei hätten problemlos Statistenrollen in Breaking Bad gekriegt. Als Cousins von Skinny Pete oder so.

 

Die Frauen packten trotzdem ihre Kameras aus und kommandierten wie wild drauflos.

»Ihr zwei«, Ansage von der Speedtante an Vince und mich, »vordere Reihe. Die anderen dahinter. Und alle mal grimmig schauen.«

»Und jetzt«, die sexy Lederknipse, »gaaanz breit lächeln. Damit sich eure Eltern morgen früh freuen. Drei, zwei, Cheeese.«

Danach mussten wir die Rackets rausholen und brüllend zum Volley ausholen. Zur Vorhand. Zum Schmetterball. Uns um die Schultern fassen. Uns in einem V aufstellen, Schläger vors Gesicht, »ja, weiter, ran an die Nasenspitze«, und durch die Bespannung hindurch in die Linse grinsen. Dann grimmig, »viel grimmiger, aber, hallo, nicht schielen«, durch die Saiten starren. Mit den Schlägern mal bitte Luftgitarre spielen. »Ne, haha, sieht wie Zirkus aus. Bildets wieder ein V.«

Und in unserem Rücken plagten sich der Käpt’n und seine Söhne mit dem Ballonabbau ab. Südstaaten, Baumwollplantage, circa 1800, so fühlte sich das Shooting zunehmend an. Nahm aber trotzdem ein gutes Ende. Und das war hundert Prozent Heckmanns Verdienst. Als den Frauen nämlich die Puste ausging, rief er: »Was meint ihr, Jungs, ein Bild mit dem Käpt’n?«

Wir sofort: »Aber klar!«

Der Käpt’n zögerte auch keine Sekunde. Der sprang sofort vom Pick-up runter, stellte sich zwischen uns, und als die Kameras klickten, knipste er sein Grinsen an. Und Prechtl, der Clown, fasste ihn um die Schulter und brüllte: »HEYO Käpt’n Jack«, und wir alle im Chor: »HEYO Käpt’n Jack! Bring me back to the railroad track!« Und der Käpt’n, lässig wie nie zuvor, schob sich seine Pilotenbrille vor die Augen und grölte aus vollem Hals mit.



 

Roland Schulz »So sterben wir«

»Im Leben ist nur eines sicher: der Tod. Doch was passiert eigentlich in Körper und Geist, wenn ein Mensch stirbt? Wer diese Frage stellt, nähert sich einem Tabu – aber auch einer Wissenslücke. Als Roland Schulz darüber vor zwei Jahren eine Reportage im Magazin der Süddeutschen Zeitung schrieb, fand sein Text immense Beachtung. In "So sterben wir" geht er dem Tod nun abermals nach, detailliert, furchtlos und anschaulich. Und man begreift: In der Kenntnis der universellen Abläufe, die zum Tod gehören, liegt ein großer Trost. Noch nie hat es ein solches Buch über das Sterben gegeben.« Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
So sterben wirSo sterben wir

Unser Ende und was wir darüber wissen sollten

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du – Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? Sterben, Tod und Trauer sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Roland Schulz findet Worte für das Unbeschreibliche und gibt Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens.  »Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.« Mit diesen Worten nimmt Roland Schulz den Leser mit auf die letzte Reise. Eindringlich beschreibt er, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben. Er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben: Wie trauern wir – und wie können wir weiterleben Ein aufwendig recherchiertes Buch, kraftvoll und voller Menschlichkeit.
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Sterben

Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf. Im Kern deines Körpers, wo deine Lunge liegt, dein Herz, deine Leber. Auch aus den Zehenspitzen zieht sich das Blut zurück. Deine Füße werden kalt. Dein Atem verflacht. Die Sinne schwinden. Dein Körper leitet den Abschied vom Leben ein.

Später, wenn der Arzt den Totenschein ausfüllt, wird es so aussehen, als wäre dein Sterben einem streng geregelten Ablauf gefolgt, amtlich festgehalten im vertraulichen Teil deines Totenscheins, Blatt 1, Absatz I, Zeilen a) bis c). Aber das stimmt nicht. Dein Sterben ist ein Prozess voller Dynamik, so einzigartig wie dein Leben. Jeder Mensch erlebt diesen Prozess auf seine eigene, einmalige Weise. Erst danach, wenn du tot bist, lässt sich dein Sterben in drei Stufen staffeln, die der Arzt in den Totenschein einträgt.

Wenn dein Arzt ein Siebengescheit ist, wird er dein Sterben im ICD-Code abfassen, den Kürzeln aller Krankheiten weltweit. Vielleicht bist du eine J-18er-Lungenentzündung, wie Guido Westerwelle. Vielleicht ein Krebsfall der Kategorie C-22, wie David Bowie.

Wenn dein Arzt ein Simpel ist, wird er dein Sterben in Schlagworten abhandeln, die auf alle zutreffen. Vielleicht erfasst er dich als Atemstillstand. Am Ende steht jeder Atem still. Vielleicht als Herz-Kreislauf-Versagen. Am Ende versagt jedes Herz.

Wahrscheinlich aber wird er einfach die Kette der Krankheiten anführen, die dir den Tod brachte: von der unmittelbaren Todesursache vor wenigen Stunden über ihren Auslöser vor Monaten bis zum Grundleiden vor vielen Jahren. Aus Sicht der Statistik hat dein Sterben damals begonnen.

Du erinnerst dich sicher daran. Die Herzsache damals. Die Krebsdiagnose. Dieser dumme Sturz. Wie die Ärzte darüber redeten, war klar: Ist etwas Ernstes diesmal. Sie versprachen, es in den Griff zu kriegen. Sie hielten Wort, wie sie dein Leben lang Wort gehalten und dich geheilt hatten, bei jeder Krankheit, jedem Fieber, jedem Bruch. Sie schickten dich heim, und für ein Jahr oder fünf war es wieder gut. Aber jetzt liegst du hier, der Schwarm in weißen Kitteln war schon da, und auch wenn niemand deine Prognose in den Mund genommen hat, wird dir klar, wie es um dich steht. Du hast Angst.

 

Über Sterben ist schwer sprechen. Es lohnt sich aber, sagen die Spezialisten, die dem Sterben nahestehen. Sie waren anfangs skeptisch, als sie von der Idee dieses Buches hörten: Sterben, Schritt für Schritt? Sterben folgt keinem Fahrplan, sagten sie. Sterben ist dynamisch, Sterben ist komplex. Das beginnt schon mit dem Begriff. Sterben ist Teil des Lebens. Tod, das ist danach. Sie empfahlen Studien, Aufsätze, Statistiken. Dann erzählten sie doch, alte Ärzte und junge, Professorinnen der Palliativmedizin, Hospizleiter, Hospizhelfer, Pfleger, erfahren in tausenden Toden – weil sie ein Erlebnis aus ihrer Arbeit mit Sterbenden eint: Schmerzlicher als Sprechen ist Schweigen.

Deine Angst ist natürlich. Manche Forscher meinen, wir Menschen sind auch deswegen denkende Wesen geworden, weil wir uns lebenslang bemühen müssen, unsere Sterblichkeit zu leugnen. Das kennst du. Sterben? Das betraf dich nicht. Das war weit weg. Der Tod, das bedeutete immer den Tod der anderen, nie deinen eigenen. Auf diese Art hast du, wie wir alle, außer Acht gelassen, was uns gewiss ist: Wir werden alle sterben – aber wissen nicht, wann. Du weißt es jetzt. Bald.

Sterben zu schildern, birgt eine Gefahr: Wer Sterben zu erklären sucht, erzeugt – ob er will oder nicht – ein Gefühl des Wissens und damit der Kontrolle. Das, warnen Wissenschaftler, ist eine Illusion. Keiner kann wissen, was im Tod ist. Im Sterben stoßen der Verstand, das Denken, die Vernunft an ihre Grenzen: Da gibt es keine Gewissheiten mehr. Sicher ist jedoch: Sterben ist genau das Gegenteil von Kontrolle. Nicht lange, und du wirst die Hoheit über Körper und Geist vollkommen verlieren, unwiderruflich.
 

Fragen drängen sich in deinen Sinn; was nun, warum ich, wann genau, wie denn. Ärzte, die vielen Sterbenden zur Seite standen, sind am Anfang vorsichtig mit Antworten. Sie stellen lieber selber Fragen. Wie sehen Sie Ihre Situation? Was wissen Sie über Ihre Krankheit? Was haben Sie für ein Gefühl, wie geht es weiter? Was wäre, wenn es nicht so kommt? So stupsen sie dich, sachte, ganz sachte, und du kannst entscheiden, wie weit du der Wahrheit entgegentreten willst. Es gibt Kranke, denen wäre die volle Wahrheit zu viel. Es gibt Kranke, die wollen alles wissen. Ärzte und Pfleger auf Palliativstationen antworten daher nach einer Faustformel: Alles, was sie dir sagen, muss aufrichtig, muss wahrhaftig sein. Aber nicht zwingend gleich die ganze Wahrheit.

Du kannst jedoch jederzeit danach fragen. Das Wissen darum kann befreien. Schwerstkranke scheinen oft von einem Schweigen umstellt, das gegenseitiger Rücksichtnahme entspringt, der des Kranken wie der Gesunden:

… ich kann das den Kindern nicht zumuten …

… wir dürfen Mama damit nicht belasten …

… ich will ihnen nicht zur Last fallen …

… wir müssen Papa schonen …

… das ertragen sie nicht …

… das hält er nie aus …

 

Sehr häufig, dieses Phänomen. Sich beidseits schonen, um jeden Preis. Speziell, wenn es ans Sterben geht. Es gibt eine Geschichte dazu, die Ärzte in so vielen Spielarten erzählen, dass sie wie eine Fabel wirkt, obwohl sie sich wahrhaftig so zugetragen hat, jedes Mal. Sie handelt von einem Ehepaar.

Sie liegt drinnen auf dem Bett und flüstert: »Ich spüre es, ich werde sterben – aber sagen Sie das auf keinem Fall meinem Mann!«

Er steht draußen vor der Tür und sagt: »Meine Frau wird sterben, ich merke das – bitte sagen Sie ihr bloß nicht, wie ernst ihre Lage ist!«

Sie haben in der Medizin einen schönen Begriff gemünzt für diese Strategie: barmherzige Lügen. Solche Lügen bringen nichts. Auch die anderen Ausweichmanöver sind nutzlos, Aussitzen, Weglaufen, Schönreden. Sie funktionieren nicht; nicht beim Sterben.

[...]

Isabell Werth »Vier Beine tragen meine Seele«

»Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Wer sie je zu Pferde gesehen hat, weiß, warum die Dressur als die Hohe Schule der Reitkunst gilt. Die formvollendete Verschmelzung von Ross und Reiter basiert auf beidseitigem Einvernehmen. In ihrem zusammen mit der vielfach ausgezeichneten FAZ-Journalistin Evi Simeoni geschriebenen Buch "Vier Beine tragen´meine Seele" erzählt Isabell Werth davon, was ihre Pferde ihr beigebracht haben – und umgekehrt sie ihnen. So erfährt man nicht nur etwas über ihren außergewöhnlichen Werdegang als Reiterin, sondern ebenso viel über das Miteinander von Mensch und Pferd.« Felicitas von Lovenberg

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Vier Beine tragen meine SeeleVier Beine tragen meine Seele

Meine Pferde und ich

Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne ihren einzigartigen Zugang zu Pferden. Gemeinsam mit der renommierten Sportjournalistin Evi Simeoni, die Isabell Werths Werdegang von Anfang an miterlebt und beschrieben hat, zeichnet sie ihr Leben nach und erzählt damit auch die Geschichte ihrer wichtigsten Pferde. Schon in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof am Niederrhein zeigte sich ihre besondere Fähigkeit, sich in ein Pferd einzufühlen und vorauszusehen, wie es wenig später reagieren wird. So erfährt man nicht nur etwas über Isabell Werths Ausnahmekarriere, sondern auch viel über unterschiedliche Pferdecharaktere und den Umgang mit diesen sensiblen und talentierten Tieren. 
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Gerlad Durrell »Meine Familie und andere Tiere«

»„Meine Familie und andere Tiere“ von Gerald Durrell ist einer der beliebtesten Klassiker der englischen Literatur – und eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Mit Zärtlichkeit und Witz schildert Durrell die Eigenheiten von Menschen und Tieren und die kleinen und größeren Herausforderungen ihres Zusammenlebens. Andree Hesse hat den Roman, der seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum nicht mehr lieferbar war, schwungvoll neu übersetzt, und so darf ich ihn Ihnen nun ans Herz legen: tun Sie sich etwas Gutes und lesen Sie dieses hinreißende Buch.« Felicitas von Lovenberg

 

Meine Familie und andere TiereMeine Familie und andere Tiere

Roman

»Auf Korfu zu leben, war ein bisschen so, als wäre man in eine dieser opulenten, komischen Opern geraten.« Man schreibt das Jahr 1935. Die Durrells sind das britische Klima leid. Was also läge näher, als auszuwandern? So kehrt der zehnjährige Gerry gemeinsam mit seinen drei Geschwistern und seiner Mutter Louisa England den Rücken – und betritt eine zauberhafte Welt, die für die ganze Familie prägend sein wird: die griechische Insel Korfu. In seinen literarischen Erinnerungen erzählt Gerald Durrell, wie sich sein Blick für die Natur öffnete. Und macht dabei so geistreiche wie witzige Beobachtungen über Mensch und Tier. Über die eigensinnigen Einheimischen, die herrlichen Marotten seiner Familie und die tierischen Gäste in ihrem Haus.
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Christian Schnalke »Römisches Fieber«

»Christian Schnalke, wie Volker Kutscher ein Kölner mit beeindruckender historischer Tiefenschärfe, ist als Drehbuchautor so erfahren wie erfolgreich. Nun hat er mit „Römisches Fieber“ seinen ersten Roman geschrieben. Es geht um die Italiensehnsucht der deutschen Romantiker, um einen Blick hinter die Kulissen der römischen Künstlerkolonie des 19. Jahrhunderts, um die schreibende und malerische Neuerfindung des Selbst. Ein ebenso kluges wie unterhaltsames Buch über ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geistesgeschichte.« Felicitas von Lovenberg

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Römisches FieberRömisches Fieber

Roman

1818. Franz Wercker, dessen Traum es immer war, Schriftsteller zu sein, flieht vor einer unseligen Familiengeschichte. Als ihn am Gardasee die Kräfte verlassen, will er seinem Leben ein Ende setzen. Die zufällige Begegnung mit dem jungen Dichter Cornelius Lohwaldt, der mit einem Stipendium des bayerischen Königs auf dem Weg nach Rom ist, ändert alles: Franz nimmt seine Identität an. In Rom taucht er ein in die Gemeinschaft deutscher Künstler - junger, begeisterter Enthusiasten, die fern der Heimat hart arbeiten und glücklich leben. Franz findet Freunde, erlebt amouröse Abenteuer - und verliebt sich in eine junge Malerin. Doch als sich Lohwaldts Schwester Isolde auf den Weg nach Rom macht, um ihren Bruder zu suchen, droht das mühsam errichtete Lügenkonstrukt einzustürzen. Als ein Mord geschieht, zieht sich die Schlinge um Franz zusammen ... »Liebevoll, gleichwohl mit trockenem, manchmal bösem Humor und einer feinen Ironie erzählt — mein Freund Christian Schnalke hat einen grandiosen Roman geschrieben.« Volker Kutscher
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I

Franz Wercker schleppte sich die letzten Schritte bis zum Ufer. Seine Beine zitterten, sein Magen verkrampfte sich, Hände und Knie waren aufgerissen vom Rennen, vom Stürzen, vom Klettern, vom Kriechen. Die Streifen seines schwarzen Mantels, die er nach und nach abgerissen hatte, um damit die Fetzen seiner zerlumpten Schuhe zusammenzuknoten, ringelten sich um seine schmerzenden Füße, als ob sich das Schlangengezücht seiner Vergangenheit in seine Fersen verbissen hätte. Vor ihm glitzerte im Licht des spitzen und scharfkantigen Mondes der fantastische See, zu beiden Seiten eng eingefasst von schwarzen, unwegsam aufragenden Bergmassen. Nach vorne zu, in Richtung seines Blicks, legte sich die endlose Wasserfläche schwer um die Biegung der Erdkugel und verschwand im Unbekannten.

Wochenlang hatte Franz sich bis hierher gekämpft. Hatte zu Fuß die Pässe der Alpen überquert, war durch eisige Bäche gewatet, steile Hänge emporgeklettert, Geröllhalden hinabgerutscht, hatte Grenzposten, Zollstationen und bewachte Brücken gemieden und war stundenlang mit fühllosen Zehen durch Schneefelder gestapft. Noch vor dem Brennerpass hatte er die letzten armseligen Münzen weggegeben, er hatte in einem Gasthof die wohl letzte Mahlzeit seines Lebens bezahlt und die vergangenen vier Tage nahezu nichts gegessen, außer ein wenig Schüttelbrot und Käse, die ein schweigsamer Geselle aus Tirol mit ihm geteilt hatte. In Trient schließlich war er trotz aller Vorsicht österreichischen Gendarmen über den Weg gelaufen, denen er aufgrund seiner abgerissenen Kleidung, des struppigen Bartwuchses und der vor Erschöpfung unbeherrschten Angst in seinen Augen verdächtig vorgekommen war und die ihn umgehend festgenommen hatten. Da Franz nichts Besseres eingefallen war, als den Namen Filippo Miller anzugeben, den Namen, unter dem einst Goethe gereist war, und sich ansonsten in Widersprüche verstrickt und durch verstocktes Schweigen verdächtig gemacht hatte, hielt man ihn gefangen. Essen und Trinken verweigerte man ihm, um ihn zu einer ehrlichen Aussage zu zwingen. Doch in der zweiten Nacht, als man einen unbeherrscht brüllenden Betrunkenen in seine Zelle zerrte, nutzte er die Verwirrung aus, als der Säufer einen der beiden Gendarmen ins Gesicht schlug und von dem anderen mit dem Säbelknauf niedergeprügelt wurde, sprang auf und rannte aus der Zelle. Die Gendarmen ließen den blutenden Alten liegen und verfolgten ihn mit blanken Säbeln und lautem Geschrei durch die nächtlichen Gassen des Städtchens, doch er rannte ums Leben, ließ sich nicht aufhalten, auch nicht, als ihm die Seite stach wie von Messern durchbohrt, als seine Lunge unter Krämpfen nach Luft rang und die Brust ihm zu zerreißen drohte. Er rannte aus der Stadt, stolperte über Felder und Wiesen, watete durch einen eiskalten Bach und stürzte erst im Schutz eines Waldes zu Boden. Mehr tot als lebend, aber frei. Von seinen Verfolgern war nichts zu sehen und zu hören, Franz hatte keine Ahnung, wann er sie abgehängt hatte, und dann schwanden ihm die Sinne.

Von da an hatte er die Straßen gemieden, war nur auf Waldwegen und Jägersteigen gegangen, bis an diesem Nachmittag das Land vor ihm jäh abbrach und er zwischen Olivenbäumen hindurch, die sich knorrig und zäh in den felsigen Boden krallten, die riesige blaue Fläche des Sees unter sich liegen sah. Die wuchtigen bewaldeten Hänge zur Linken strahlten in der letzten Abendsonne, die zerklüfteten Berge zur Rechten warfen ihre düsteren Schatten übers Wasser. Unten, auf dem grünen Landstreifen vor dem See, lag das Dörfchen Turbel am Gartsee. Oder, wie es ein verwitterter Wegweiser auch in italienischer Sprache anzeigte: Torbole sul Lago di Garda. Franz versteckte sich in einer Burgruine abseits der steil abfallenden Straße, um die Dunkelheit abzuwarten.

Durch eine Fensteröffnung des zerfallenen Gemäuers spähte er immer wieder über den See. Sein Blick wurde wie magisch angezogen von dem schmalen, überirdisch leuchtenden Streifen, wo sich Wasser und Himmel im Dunst zu einem unwirklichen Strahlen vereinten. Dort irgendwo, in entmutigender Ferne, lag sie, im Licht der verschwindenden Sonne, und streckte sich für eine weitere Nacht an den Ufern des Tiber aus, um ihren wohlverdienten Schlaf zu finden: die Königin am Tiberstrande. Rom, die Stadt seiner Träume. Seit er denken konnte, das Ziel seiner Wünsche und Sehnsüchte.

Doch nun, die Wange an den rauen und warmen Stein der Burgruine gepresst, war er am Ende seiner Kräfte. Die Reise, von der er seit jeher geträumt hatte, war keine Reise geworden, sondern eine Flucht. Er hatte sich aus zwei Gefängnissen davongestohlen, von Zuchthaus und Hinrichtung bedroht, hatte nichts mitnehmen, nichts vorbereiten können. Ein Zuhause gab es für ihn nicht mehr, Freunde hatte er keine, nirgendwo auch nur einen, der an ihn glaubte oder seinem unwürdigen Leben den geringsten Wert zumaß.

Jahrelang hatte Franz davon geträumt, aufzusteigen vom Sohn eines Tagelöhners zu einem respektierten, vielleicht sogar angesehenen Dichter, doch seine geduldigen heimlichen Studien, all die durchlesenen und durchschriebenen Nächte, in denen er mit fiebernden Augen und glühendem Herzen in die Welt der Dichtung versunken war, hatten ihm nichts eingebracht als Verachtung und Prügel des Vaters. Seine Liebe und seine Mühen hatten ihn nicht das kleinste bisschen emporgetragen in der menschlichen Gesellschaft, sondern ihn im Gegenteil auf die unterste Stufe stürzen lassen, wo nur menschlicher Abschaum sich wand.

Der stolze Gardasee, über den er in seinen Träumen immer, am Bug eines soliden Fährboots stehend, dem lockenden Rom entgegengefahren war, lag nun vor ihm als unüberwindliches Bollwerk. Niemals würde er ihn überqueren. Das Wasser, das vor seinen Blicken dort unten in der Tiefe immer schattenreicher, immer düsterer und bedrohlicher wurde, war das Ende. In diesen Fluten würde in der kommenden Nacht nicht nur seine Flucht, sondern sein ganzes missratenes Leben einen Abschluss finden.

Wie gerne hätte er den Ort seiner Sehnsucht wenigstens einmal gesehen, bevor er seinem schuldbeladenen Leben ein Ende setzte. Die Träume von Rom hatten ihm Mut gemacht in der Kerkerhaft. Aber vor allem hatten sie ihn am Leben erhalten, als er begraben war. Als er unter der Erde lag und das panische Entsetzen in grausamen Wellen über ihn hinwegrollte. Er hatte das nur ertragen können, indem er sich alles vor Augen führte, was er in Büchern gelesen und auf Stichen gesehen hatte: das Pantheon, das Forum, die Caracalla-Thermen, den Titusbogen, die Säule des Trajan und allem voran das Kolosseum. Franz konnte es sich nicht erklären, aber dort im Waldboden erinnerte er sich plötzlich an jedes Wort, das er über Rom gelesen hatte. Irgendwann hatte er das Grauen unter sich gelassen und wurde in einen unbegreiflichen Zustand der Klarheit gehoben – eines inneren Leuchtens – und hatte alles in strahlenden Farben vor sich gesehen: Goethes Streifzüge durch Rom, in die Sixtinische Kapelle, auf die Via Appia, nach Frascati, schreibend an der Iphigenie, aquarellierend im Kreise der Künstlerfreunde, beim Begutachten der täglichen Zeichnungen – Franz hätte nicht sagen können, welches Bild davon Erinnerung war und welches Erfindung. Er wusste nur, dass sie ihm das Leben gerettet hatten – oder zum Mindesten seinen Verstand. Deshalb hatte er sich so sehr danach gesehnt, die Ewige Stadt wenigstens einmal mit eigenen Augen zu sehen. Doch dazu fand er nicht mehr die Kraft. Er konnte nicht weiter. Und wozu sich länger quälen? War es nicht ohnehin nur der Wahn eines Verzweifelten gewesen? Lieber gleich ein Ende finden. Gleich heute Nacht. Gleich dort unten im See.

Cornelius Lohwaldt, der aufstrebende junge Dichter aus Nürnberg, in den man seit der Veröffentlichung seiner Ode an die erwachende Germania so viel Hoffnung setzte, dass der König ihm in einer überraschenden Geste eine Leibrente ausgesetzt hatte, mit der es ihm ermöglicht werden sollte, ein Jahr lang in den römischen Bibliotheken und Galerien seine klassischen Studien zu vervollkommnen, war in aller Bequemlichkeit mit der Kutsche über die Berge gerollt. Im Tal der Etsch hatte er den mutwilligen Wunsch geäußert, einen Umweg über Turbel zu unternehmen, wie es Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit getan hatte. Er wollte genau wie der große Dichter, anstatt bequem auf dem üblichen Weg weiter durchs Tal zu rollen, das Erlebnis genießen, über das Wasser des Sees aus den Alpen heraus in die fruchtbare Ebene des Po zu gelangen. Er gefiel sich in der Vorstellung, den gleichen Blick zu genießen, mit dem auch der große Dichter zum ersten Mal die Provinz Venetien gesehen hatte. Die Pension zu finden, in der Goethe gewohnt und an seiner Iphigenie gearbeitet hatte, um dort ebenfalls, am Fenster den See vor Augen, vielleicht tatsächlich etwas zu schreiben.

Lohwaldt musste sich erst noch daran gewöhnen, dass er nun Dichter war. Von höchster Stelle durch Maximilians Stipendium als solcher ausgewiesen. Er hatte sich sogar einen künstlerisch anmutenden Bart wachsen lassen, der sich allerdings noch ungewohnt und fremd anfühlte. Zufrieden mit sich und der Welt stieg er nach der steilen Abfahrt am Seeufer aus der Kutsche. Auf Deutsch erkundigte er sich bei einem schmutzigen Jungen, welches das Haus sei, in dem einst der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe Quartier bezogen habe.

»Ah, Geethe!«, rief der Junge, der offenbar Bescheid wusste. »Lì! Dort!« Er wies auf ein Haus mit einem bogenförmigen Durchgang, durch den man von der Seepromenade auf einen engen Platz gelangte. Der mit Kopfsteinpflaster belegte Hof ruhte im Schatten, umringt von schmalen und hohen Häusern, deren Fensterläden halb oder ganz geschlossen waren. Durchgänge und Treppen öffneten den Blick auf weitere Häuser, die den Berghang hinauf eng verschachtelt standen, wie es die Felsen gerade erlaubten. Während Lohwaldt noch den Blick schweifen ließ und zum ersten Mal das Gefühl hatte, auf südlichem Boden zu stehen, trat ein kleiner, krumm gewachsener Mann auf ihn zu, der ihm gleich zuwider war.

»Signore suchen ein Zimmer?«

»Jawohl. Ich möchte das Zimmer, in dem einst der große Dichter Johann Wolfgang von Goethe genächtigt hat.«

»Geethe! Selbstverständlich, der Herr. Es ist unser bestes! Kein anderes hätte ich dem feinen Herrn angeboten. Es hat einen Ausblick auf unseren herrlichen See.«

Nachdem das Gepäck durch den schmutzigen Jungen hinaufgeschafft war und der krumme Wirt ihm eine Karaffe Wein gebracht hatte, wobei er umständlich erklärte, dass es zum Abendessen Fisch aus dem See geben werde, der am selben Tage gefangen worden sei, kleidete Lohwaldt sich um und wusch sich. Nachdem er sich erfrischt hatte, rückte er den wackligen Tisch ans Fenster, holte Papier, Feder und Tinte aus der Reisetasche, setzte sich und gedachte des großen Dichters und seiner Iphigenie, in der irgendwo die Worte steckten, die Goethe genau hier, an diesem Tisch, geschrieben hatte. Lohwaldt entkorkte das Tintenfass, nahm die Feder, tunkte sie hinein und überlegte. Der Wein hatte sein Blut angenehm belebt und seinen Gedanken einen freieren und lebhafteren Gang verschafft. Doch recht eigentlich war der Tag viel zu schön, um mit Denken in der Stube verbracht zu werden. War er nicht zum ersten Mal im Süden? War es nicht Sünde, die kostbare Stunde verstreichen zu lassen, ohne sie zu würdigen? Also korkte er die Tinte wieder zu und reinigte die Feder im gebrauchten Waschwasser. Doch die Reise des Tages hatte ihn ermüdet, und so beschloss Cornelius, sich angekleidet auf seinem Bett auszustrecken und für einen Moment die Augen zu schließen.

Als er wieder erwachte, war die Sonne hinter den Bergen gegenüber verschwunden, und die Dämmerung ließ kaum noch Licht in das kleine Zimmer. Lohwaldt blickte hinunter zum See und sah einen Mann am Ufer stehen. Der Fremde erweckte seine Neugier, denn es war nicht zu erkennen, was er dort zu schaffen hatte. Er war kein Fischer, der sein Boot ans Ufer gezogen hatte, denn warum sollte er dort stehen bleiben und aufs Wasser hinausstarren, wenn er von seinem Tagewerk hungrig und müde war? Der Mann führte nichts mit sich, was zum Waschen oder Angeln oder Wasserschöpfen dienen könnte. Und darüber hinaus stand er in seiner Reglosigkeit in einer merkwürdig gebeugten – und dies war der Ausdruck, der Lohwaldt in den Sinn kam: geknickten Haltung. Nachdem Lohwaldt seine Weste zugeknöpft, den schwarzen Rock übergezogen und die Schuhe gebunden hatte, stand der eigentümliche Mann immer noch dort.

Lohwaldt bereute bereits, den unnötigen Umweg über den See genommen zu haben, anstatt direkt in der Kutsche nach Süden weitergefahren zu sein. Der zwischen Bergen und See eingezwängte Ort hatte eine bedrückende Wirkung auf ihn. Die wenigen Menschen, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte, schienen ihm von harter Arbeit und einseitiger Ernährung verwachsen und niedergebeugt, mit einer Farbe der Haut, die mehr an Oliven erinnerte denn an Lebewesen aus Fleisch und Blut. Als er die krumme Treppe herabkam, fand er den Wirt äußerst aufgeregt, weil er so spät zum Essen erschien, und der Umstand, dass er der einzige Gast war und allein in dem fensterlosen Speiseraum seine Mahlzeit einnehmen musste, hellte seine Stimmung keineswegs auf. Nichts langweilte ihn mehr, als alleine zu speisen. Und an diesem Ort, der weder Norden noch Süden zu sein schien, sondern eine kränkelnde Zwittergeburt zwischen beidem, in dem die Menschen ihre Oliven dem kargen Boden abrangen und niemand ein Wort zu viel sprach oder einen Gedanken zu viel dachte, war die Hoffnung auf eine anregende Unterhaltung und eine fröhliche Gesellschaft aussichtslos.

»Ich werde gleich morgen früh weiterreisen. Beschafft mir ein Boot, das mich über den See bringt«, wies er den Wirt an.

»Morgen früh? Das ist nicht möglich.«

Die bockige Antwort war nicht das, was Lohwaldt erwartet hatte. »Da ich die Fahrt bezahle, wird es wohl möglich sein.«

»Dann müsst Ihr auch den Wind bezahlen«, erwiderte der Wirt, dem seinerseits die Überheblichkeit des deutschen Gastes missfiel.

»Ich denke nicht, dass Eure Frechheit angemessen ist.«

»Nicht ich bin frech.« Der krumme Wirt richtete sich so gerade auf, wie er nur konnte. »Ihr wäret mir etwas schuldig, würde ich nicht Eure Jugend und Eure Ahnungslosigkeit als Entschuldigung gelten lassen. Ihr wisst nicht, dass unser schöner See von zwei widerstreitenden Winden beherrscht wird. Ebenso unnachgiebige wie verlässliche Herrscher, denen wir uns umso lieber unterwerfen, als sie uns das ganze Jahr über …«

Hier fiel ihm Lohwaldt ins Wort. »Verschont mich mit Eurem Geschwätz! Was habe ich mit Euren Winden zu schaffen?«

»Nicht mehr als dies: Wer von hier aus den See überqueren will, muss um Mitternacht das Boot besteigen.«

»Ihr glaubt doch nicht, dass ich morgen den ganzen Tag hier verbringen werde!«

Der Wirt zuckte nur mit den Schultern.

»Nein. Dann fahre ich diese Nacht noch. Beschafft mir ein Boot, lasst mein Gepäck an Bord bringen, und jetzt will ich Wein.«

Nachdem der missmutige Wirt ihm seinen Platz zugewiesen und eine Karaffe Wein gebracht hatte, verschwand er mit verkniffenen Lippen, um das Essen zu bereiten. Während Lohwaldt schnell hintereinander mehrere Gläser Wein austrank, kehrten seine Gedanken zurück zu dem Geknickten draußen am Ufer. Und um nicht alleine in dem nur von einer einzigen knauserigen Lampe erhellten Raum auf das Essen warten zu müssen, beschloss er, für einen Moment hinauszugehen und zu sehen, ob er immer noch dort stand.

 

Franz Wercker bemerkte den Mann erst, als er neben ihm stehen blieb. Er schaute auf und sah, dass der andere jung war, wohlfrisierte blonde Haare hatte, die den Glanz des Mondlichts angenehm widerspiegelten, und dass er genau wie er selbst zu seinen knöchellangen Hosen den schwarzen, eng geschnittenen Altdeutschen Rock mit den mittelalterlich anmutenden Ärmeln trug, dessen Schöße bis fast zu den Knien reichten. Letzteres war an sich schon bemerkenswert, galt das Kleidungsstück doch als Ausdruck des freien Geistes und des deutschen Freiheitsdrangs und war in Bayern und einigen anderen Ländern verboten, doch hier in der Fremde war es doppelt ungewöhnlich. Nur war sogar in der Dunkelheit offenbar, dass der Rock des anderen über den glänzenden Schuhen neu und wohlgeschnitten war, während er den seinen lächerlich gekürzt hatte, indem er mit den abgerissenen Streifen des staubigen Stoffs die klaffenden Sohlen seiner Schuhe festgeknotet hatte.

Der Fremde sprach ihn an mit den Worten: »Ich sehe, er trägt denselben Rock wie ich!«

Franz, der seit Tagen mit niemandem gesprochen hatte – wenn man die Haft in Bayern hinzurechnete, die er nach den anfänglichen Verhören alleine in seiner Zelle verbracht hatte, sogar seit Wochen –, kam keine Antwort in den Sinn.

»Er ist doch Deutscher und versteht, was ich sage?«

Er nickte.

»Nun, wenn ihm nicht der Sinn nach Unterhaltung steht …« Der junge Mann schien ungehalten über seine Einsilbigkeit. Franz roch den Wein in seinem Atem und rechnete die Ungeduld des anderen dem Alkohol zu. Das kannte er von klein auf: Wenn der Vater nach Wein oder sogar Branntwein roch, dann schien er in einem Moment freundlich und dem Sohn zugetan, nur um im nächsten aus dem nichtigsten Anlass heraus in Wut zu geraten und zu schlagen. Und wie auch immer er auf den ersten Schlag reagierte – ob er weinte, ob er aufschrie, ob er die Erniedrigung trotzig herunterschluckte oder verschlossen und in sich gekehrt alles Weitere abwartete –, es brachte den Alten noch mehr in Rage und den Alkohol in seinem Blut zum Kochen. Und so folgten auf den ersten unbeherrschten Schlag immer Prügel, die erst endeten, wenn Franz zu Boden gegangen und unter den Fußtritten des Vaters aus dem Zimmer gekrochen war. Deshalb reagierte seine Nase äußerst feinfühlig auf bedrohliche Ausdünstungen im Atem, und er musste den darauffolgenden Drang zur Flucht willentlich unterdrücken.

»Nur scheint Ihr Euren Rock«, antwortete Franz endlich, »unter glücklicheren Umständen zu tragen.« Der Fremde betrachtete seine abgerissenen Rockschöße und die damit umwickelten Schuhe.

»Ich will nicht leugnen, dass meine Umstände die glücklichsten sind. Was führt ihn hierher an dieses trostlose Ufer?«

»Trostlos …« Dies Ufer ist nicht trostloser als der lange Weg, der ihn hierhergeführt hatte, dachte Franz, doch er sprach es natürlich nicht aus. Stattdessen fragte er zurück: »Wohin führt Euch Euer Weg?«

»Rom.«

Das Wort traf Franz in die Brust wie ein Pistolenschuss.

»Rom … Dann verstehe ich Euer Glück.«

»Er kennt die Stadt? Ist er etwa schon dort gewesen?«

»Nein. Aber einst wollte ich auch hin … Ich habe alles gelesen, was es darüber zu lesen gibt. Seid Ihr etwa Maler?«

»Nein. Ich bin Dichter.« Unwillkürlich nahm der blonde Mann eine Haltung ein, die er dem Poeten angemessen fand, wobei er allerdings schwankte.

»Dichter!«

»Jawohl. Mit einem Stipendium des bayerischen Königs ausgestattet, werde ich ein Jahr lang die Spuren der Klassiker studieren.«

Franz sah ihm seinen Stolz an. Er hatte nichts gegen eine gesunde Selbstachtung einzuwenden, doch diese hier paarte sich mit Überheblichkeit und war ihm zuwider. »Wenn der König Euch eine Rente gewährt, müsst Ihr ein berühmter Mann sein.«

»Nun, mein Ruhm gründet sich noch auf eine einzige Dichtung. Aber sie hat den König so sehr bewegt, dass er mir seine Gunst geschenkt hat.«

»Vielleicht kenne ich Euer Werk?«

»Kaum«, entfuhr es Lohwaldt mit einem abfälligen Blick auf Franz’ Erscheinung. »Es ist die Ode an die erwachende Germania.«

»Ihr seid Cornelius Lohwaldt!« Selbstverständlich kannte er die Ode, die der unbekannte junge Dichter das Selbstbewusstsein besessen hatte, Maximilian von Bayern persönlich zu widmen. Franz hatte sich gewundert, dass Maximilian sich für die Germania erwärmte. War er doch wie die meisten anderen Landesherren froh, sein junges Königreich über die Napoleonischen Kriege und den Wiener Kongress gerettet zu haben. Alles mit dem Geruch des Deutschnationalen war dem Monarchen naturgemäß zuwider – weswegen er ja auch den Altdeutschen Rock als Symbol der Freiheit und Selbstbestimmung und des Widerstands gegen die Monarchien verboten hatte.

Die Germania war zunächst im Morgenblatt für gebildete Stände erschienen, der führenden literarischen Zeitung deutscher Sprache, hatte Wohlwollen hervorgerufen und war in den verschiedensten Kreisen sogar mit Begeisterung aufgenommen worden. Andere wiederum empörten sich über sie, was ihre Bekanntheit mehrte, worauf einige Zeitschriften sie nachgedruckt hatten. So war Cornelius Lohwaldt in nur einer Saison in aller Munde gelangt.

Dass Franz die Germania kannte, schien ihn in der Achtung des anderen wachsen zu lassen. Er sah, dass der gerühmte Jungdichter ihn prüfend musterte. Vielleicht überlegte er, ob er ihn zum Abendessen einladen sollte, doch dann schien er sich dagegen zu entscheiden. Franz konnte es ihm nicht verdenken: Sein Äußeres war nicht gesellschaftsfähig. Und doch versetzte es ihm innerlich einen Stich, denn er fühlte nur zu gut – er hatte die Lektion gründlich gelernt –, dass nicht nur sein Äußeres, sondern er selber nicht gesellschaftsfähig war.

Sein Vater hatte sich nach seinen Wanderjahren als Zimmermann in Grunenfurth, einem Ort in der Gegend von Memmingen, niedergelassen. Die Walz hatte ihn weit nach Ungarn hinein gebracht, und auch von der Goldenen Stadt Prag hatte er unglaubliche Geschichten erzählen können. Dies war vielleicht auch der Grund gewesen, dass er eine sehr schöne, aber leider engherzige junge Frau für sich gewann. Aufgrund ihrer Schönheit sah er über ihr zänkisches Wesen hinweg, denn er war gewiss, dass sie weicher werden würde, wenn sie erst für eine Schar Kinder sorgte. Tatsächlich schien sich nach Franz’ Geburt eine zufriedene Zeit anzubahnen. Doch zeigte sich bald, dass der Charakter des Vaters von zweifelhafter Natur war. Er verspielte viele Sympathien, als man ihn beim Diebstahl eines Säckchens mit Jesusnägeln erwischte, und als der Geldbeutel des Meisters verschwand, den nur er gestohlen haben konnte, was er allerdings vehement leugnete. Mehrfach übervorteilte er Kameraden bei kleinen Tauschgeschäften, sodass man begann, ihm zurückhaltend und misstrauisch zu begegnen, und bei der Arbeit oft andere Zimmerleute bevorzugte. Auch über die Ehe legte sich ein dunkler Schatten, als zwei Säuglinge nach nur wenigen Lebenstagen starben. Seine Frau verwand diese Unglücke nur schwer, und sie gab ihrem Mann und den ärmlichen Verhältnissen, unter denen sie die Kinder hatte gebären müssen, die Schuld an ihrem Tode. Im selben Maße, wie sie ihr zänkisches Wesen gegen ihn kehrte, zog er sich von ihr zurück. Und eines Tages – sie war zum vierten Mal schwanger – fand sie heraus, dass er sie mit der Tochter eines Nagelschmiedes betrog, der er von dem wenigen, das er verdiente, kleine Geschenke machte. Franz erinnerte sich an Geschrei und auch an Schläge, und als der Vater daraufhin betrunken zur Arbeit ging, erlitt er beim Errichten eines Dachstuhls einen Unfall: Ein herabstürzender Balken, die große Firstpfette, zerquetschte ihm das Bein, das ihm ein kunstfertiger Arzt, als er am Wundfieber zu sterben drohte, amputierte. Zwar rettete ihm der Arzt damit das Leben, aber es war nicht mehr das Leben, das es vorher gewesen war. Als Zimmermann konnte er nicht mehr arbeiten. Er nahm Aushilfsarbeiten an, und während die alten Kameraden das Fachwerk hinauf nach oben in die Dachstühle stiegen, humpelte er am Boden einher, sägte Balken zu, hobelte, bohrte und trank. Natürlich verdiente er noch weniger als vorher, weswegen sowohl die Mutter als auch später der Sohn dazuverdienen mussten, wo es eben ging. Die Familie gehörte zu den ärmsten im Ort, und es schien, als hätte der kunstfertige Arzt dem Vater nicht nur das Bein, sondern auch den Stolz amputiert. Sein Neid und seine Wut auf Menschen mit zwei Beinen, und später auf alle Menschen mit Hoffnungen, brachen immer gröber aus ihm heraus, und das umso mehr, je betrunkener er war. Wo er anfangs noch aus Mitleid und aufgrund seines Fleißes beschäftigt wurde, war man bald von seinem feindseligen und fordernden Wesen abgestoßen und mied seine Nähe. Er verfiel der Trunksucht und konnte schließlich überhaupt nicht mehr arbeiten.

Als Franz sechs Jahre alt war, hatte die Mutter in die schlimmste Krise des amputierten Vaters hinein ein Mädchen geboren. Inmitten all der Widerwärtigkeiten klammerte sie sich mit ganzer Seele an dieses Kind. Sie sah in der Kleinen irgendetwas, das sie in Franz nicht gesehen hatte, und liebte sie abgöttisch. Eifersüchtig hielt sie jedermann von dem Mädchen ab. Nicht einmal Franz durfte sein Schwesterchen halten. Aber auch er liebte die kleine Schwester, und deshalb nahm er sie manches Mal heimlich, um ihre warme Nähe zu spüren. Als die Mutter ihn einmal mit dem Kind auf dem Arm erwischte, verbot sie ihm tagelang, das Haus zu betreten. Er musste im Holzschuppen schlafen. Doch nach zwei Jahren starb auch dieses Kind an einem Fieber. Dem Vater schien das Ereignis gleichgültig, doch die Mutter erstarrte. Sie wurde hart wie Salz, und als Franz einmal ihre Nähe suchte, stieß sie ihn von sich und zischte ihn an, ihre Tochter könnte noch leben, wenn er sie nicht mit seinem Schmutz befleckt hätte.

Dies waren die letzten Worte, die sie für lange Zeit zu irgendjemandem sprach, und von nun an herrschte bitterste Not. Weder die erstarrte Mutter noch der saufende Vater schienen unter dem ewigen Hunger zu leiden, oftmals überlebte Franz nur durch Diebstähle und indem er unreife Kartoffeln ausgrub und im Wald versteckte.

Am Jahrestag des Todes der kleinen Schwester entschied die Mutter, nicht länger zu trauern, ging zum Schloss Grunenfurth, dem Landgut des Freiherrn Georg von Unold, das nur mit einigem guten Willen als Schloss bezeichnet werden konnte, und forderte eine Stelle als Näherin, die man ihr gnädig gab. Von da an war sie kaum noch zu Hause. Auch wenn ihre Finger vom stundenlangen Gebrauch der Nadeln schmerzten, fühlte sie sich – im abgeschirmten Kreis des Schlossparks und über die schönen alten Stoffe gebeugt – der gehobenen Welt des Adelslebens auf so selige Weise zugehörig, dass sie alles umso mehr verachtete, das sie in die widerwärtige Wirklichkeit zurückzog. Und das waren vor allem ihr prügelnder Mann und ihr geprügelter Sohn.

Dies also war das Elternhaus, in dem Franz aufwuchs. Auch er fand schon früh Arbeiten in Schloss Grunenfurth – bei der Ernte, als Stallbursche, als Hirte. Franz war fleißig und willig, und er glich dem Vater in dessen jungen Jahren, als er voller Hoffnung auf die Walz gegangen und vom zufriedenen Gefühl durchdrungen war, wenn er nur ordentlich zupackte, gehörten ihm der Himmel und die Erde – oder jedenfalls der Flecken Erdboden, auf dem er abends die müden Beine ausstreckte. Franz besaß die Zuversicht seines jungen Vaters, nachdem er von seiner Wanderschaft heimgekehrt war. Vielleicht war dies der Grund, dass die Mutter ihm schon als Kind misstraute und, anstatt dem Jungen seinen aufrechten Geist zu gönnen, voller Neid und Missgunst gegen ihn war. Die Mutter war so verbittert über den Verlauf ihrer Ehe, dass sie wohl am liebsten gesehen hätte, wie der Junge recht bald gemeinsam mit seinem verkrüppelten Vater unterging.

Doch war es genau sein offenes Wesen, das ihm, als er eines Tages Ziegen hütete, die Aufmerksamkeit von Jacob, dem jungen Freiherren, einbrachte, der im Grünen saß und sich davor drückte, seine Lektionen auswendig zu lernen. Franz ließ sich die Bücher zeigen, die achtlos im Gras lagen. Der gelangweilte junge Herr, zwei Jahre älter als er, hatte gleich die Idee, dass er den neugierigen Jungen ärgern konnte, indem er ihm seine Unwissenheit unter die Nase rieb. Doch gelang ihm das nicht: Franz, dem seine Unwissenheit trotz des kindlichen Alters sehr wohl bewusst war, litt keineswegs darunter, sondern sog im Gegenteil alles Wissen, das er dem jungen Herrn abschauen konnte, auf wie ein frisch gepflügtes Feld den Regen. Es dauerte nicht lange, und der Spieß war völlig herumgedreht: Statt dass Jacob von Unold den Kleineren entmutigte und mit der Schwierigkeit seiner ihm selbst so verhassten Bücher niederdrückte, steckte Franz ihn mit seiner Neugier und seiner Begeisterung an, und bald empfand der junge Freiherr Freude dabei, Franz das Lesen beizubringen und ihm später Bücher zu leihen. Die beiden trafen sich oft heimlich, um zu lesen und das Gelesene weiterzuspielen: Sie wurden zu Achill und Hektor, zu Cäsar und Brutus, zu Siegfried und Hagen und irrten als Odysseus und Eurylochos durch Wälder, Schafställe und Schweinekoben. So ging das über mehrere Sommer, bis Jacob zwecks militärischer Erziehung nach München geschickt wurde.

Franz, der kaum jemals die Schule besucht hatte, begann eine Lehre als Zimmermann. Er fand einen Meister, der ihm trotz seines Vaters vertraute, und tatsächlich arbeitete Franz geschickt und fleißig. Immer wieder allerdings lachten die anderen Lehrlinge und Gesellen über ihn, weil er oft abwesend und in eigenen Gedanken war. Er hatte gemeinsam mit Jakob Grunenfurth in aller Heimlichkeit die Dichtkunst nicht nur kennen sondern auch lieben gelernt. Es war dem Jungen, als ob sich ihm die Welt geöffnet hätte, die seine eigentliche Heimat war. Dass er nur versehentlich ins trübe und bedrückende Haus seines Vaters geraten war, während er doch stattdessen, umgeben von Büchern, durch einen französischen Erzieher hätte unterrichtet werden sollen, der alle Segnungen der Klassik, der Aufklärung, der Empfindsamkeit und natürlich das Ungebändigte der Jungen vor ihm ausbreitete. Nur, wo sollte Franz Bücher herbekommen? Nachdem er einen Sommer lang buchlos gelitten hatte, fand er Möglichkeiten: Er bestach einen Diener, der ihm kleinere Bände aus der Bibliothek des Landschlosses stahl. Bis sein Vater die Bücher fand und ihn halb totprügelte. Dann stahl er aus dem Schulhaus eine Übersetzung von Homer, einige Dramen und eine Fibel, die er später zurückbrachte und gegen neue tauschte. Doch trotz aller Vorsicht wurden auch diese Bücher gefunden – diesmal von der Mutter. Der Vater prügelte ihn und verbrannte die Bücher, worauf er natürlich keine neuen bekam. Schließlich behielt er von dem wenigen, das er verdiente, heimlich kleine Beträge zurück und wanderte bis nach Memmingen, wo er bei einem Buchhändler regelmäßig billige Bücher und Schriften kaufte, darunter in großer Zahl auch Mordgeschichten, Geheimbundromane, Schauererzählungen und Liebesromanzen. Es waren zerrissene, schimmelige, von Mäusen angefressene Exemplare, aus denen der Buchhändler noch ein paar Münzen schlug. Franz kaufte auch Bücher, deren Bindung sich gelöst hatte, und deren Anfang oder Ende verloren gegangen war. Diese bereiteten dem Jungen sogar ein besonderes Vergnügen, weil er halbe Nächte lang oder während der eintönigen Arbeit an den unfertigen Holzbalken ein eigenes Ende für die Geschichten ersann. Oftmals sogar mehrere unterschiedliche, die sich zu ganzen Geschichten fortspannen. Das ging mehrere Jahre lang gut, zumal er seine Schätze in einer Kiste im Wald vergrub und nur jeweils einen einzigen mit nach Hause nahm, um ihn im Schein einer Kerze nächtens zu lesen. Franz schloss seine Lehre ab und wollte ebenfalls auf die Walz gehen. Tagtäglich fieberte er dem Tag seiner Abreise entgegen. Sobald die Bürde des Vaters von seinen Schultern wäre, würde er lesen können, wann immer er Zeit fand. Doch der Vater verweigerte ihm die Erlaubnis. Er forderte von Franz, seine Sohnespflicht dem verkrüppelten Vater gegenüber zu erfüllen. Also blieb Franz zu Hause und lieferte seinen Verdienst ab, den der Vater umgehend versoff. So war es zu seiner Wanderschaft nie gekommen. Stattdessen hatte Franz das niederste aller Verbrechen begangen.

»Nun«, sagte Cornelius Lohwaldt, um mit diesem vielseitigen kleinen Wort, diesem Luder unter den Worten, einen Riegel vor ihre Unterhaltung zu schieben. »Er scheint mir recht im Unglück zu stecken. Vielleicht möchte er etwas von mir annehmen, damit er sich ein Abendessen und ein Zimmer für die Nacht leisten kann?«

»Nein danke«, erwiderte Franz. »Wie so oft trügt der Schein. Ich bin nicht so bedürftig, wie ich aussehe. Aber man scheint nach Euch zu suchen.«

Er wies auf die Pension, wo unter dem Durchgang der Wirt erregt hin und her lief und in der Dunkelheit nach seinem Gast spähte. Die beiden jungen Männer wünschten sich Glück, und Franz sah dem Dichter nach, der über den knirschenden Uferkies unsicheren Schrittes und mit missmutig eingezogenen Schultern seiner bedeutenden Zukunft entgegenstolperte.

Er blieb alleine am Strand zurück. Vor ihm plätscherten die Wellen ans Ufer, sonst war nichts mehr zu hören. Eben noch war er sicher gewesen, dass die Sonne seinen Körper nie wieder bescheinen würde, weil er tief unten am dunklen Grund des Sees sein Grab finden würde. Sein zweites und diesmal endgültiges. Doch die Begegnung mit Cornelius Lohwaldt hatte ihn verwirrt.

Alle Gewissheiten waren plötzlich durcheinandergeworfen wie Spielzeug von der Hand eines mutwilligen Kindes. Warum hatte dieser unwirsche Mensch all das Glück, das er sich immer schon erträumte? Warum ging dieser Jüngling auf die Reise, ohne Neugier, ohne Wissensdurst, ohne Neigung – im Erwarten, dass ihm die großen Schätze der Kultur geboten würden, doch ohne den geringsten Willen, sich nach den Kleinoden zu seinen Füßen zu bücken!

Franz sah sich um, wo er ein wenig Schutz finden könnte. Einen Moment lang bereute er, dass er das Almosen Lohwaldts ausgeschlagen hatte, doch im Grunde war er froh darum. Von diesem wollte er nichts annehmen. Sein Blick fiel auf ein Boot, das umgedreht auf dem Strand lag. Darunter, meinte er, ließe sich ordentlich übernachten. Er hatte in seinem Leben unbequemere und auch feuchtere Nächte verbracht als in dem hölzernen Hohlraum, in dem es gewiss ganz gemütlich werden könnte. Er hob das Boot auf einen der Findlinge, die halb im Strand steckten, sodass sich ein Spalt ergab, durch den er bequem in seine Behausung kriechen konnte. Unter dem Boot fand er einen Haufen zusammengelegter Fischernetze, die er ausbreitete, um sich eine warme Unterlage zu schaffen. Und so war es dann tatsächlich recht behaglich. Er dachte, wenn er ein Licht hätte und etwas zu lesen, dann ließe sich die Nacht hervorragend an. Doch er hatte weder das eine noch das andere, und so lag er im Dunkeln und dachte darüber nach, wie es kommen konnte, dass er eben noch den entschlossenen Schritt ins Wasser vor Augen gehabt hatte und nun, ungeachtet dessen, welche Entbehrungen auf ihn zukamen, im Innern seiner bescheidenen Hütte zufrieden und lauschig den Schlaf erwartete. Vielleicht, dachte er, liegt alle Kunst darin, nicht an morgen zu denken. Denn sobald er das tat, wurde ihm übel. Doch seine Erschöpfung war so durchdringend, dass er nicht lange wach blieb, sondern in einen unruhigen Schlummer fiel.

Als Franz von Schritten erwachte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte, doch er hatte das Gefühl, noch nicht in die tiefen Träume gesunken zu sein. Jemand näherte sich deutlich hörbar über den Uferkies. Die Schritte knirschten, von der kleinen Ortschaft kommend, bis nah ans Boot heran. Franz fürchtete, man habe ihn beobachtet und wolle ihn aus seinem Heim vertreiben. Er hielt den Atem an und glaubte, zu hören, dass die Schritte unregelmäßig waren, wie von jemandem, der es nicht gewohnt ist, auf solch nachgiebigem Grunde im Dunkeln zu gehen, und deswegen immer wieder um sein Gleichgewicht ringt. Außerdem hörte er das leise Summen eines Lieds. Als er eben glaubte, jetzt werde man gegen das Boot pochen und rufen, entfernten die Schritte sich und stapften weiter. Franz kroch vorsichtig zum Spalt und spähte hinaus. Er sah einen Mann am Ufer entlanggehen. Dem Körperbau nach schien es der Nürnberger Dichter zu sein. Er trug denselben Rock, mit dem er zuvor an ihn herangetreten war, und torkelte wie ein Betrunkener. Ein Stückchen weiter ragte ein roh gezimmerter Bootssteg ins Wasser. Lohwaldt blieb vor dem Steg stehen, schaute sich nach beiden Seiten um und betrat das hölzerne Gestell. Unsicheren Schrittes balancierte er bis ans Ende und dann – knöpfte er sich die Hose auf. Franz hörte, wie sein Strahl ins Seewasser plätscherte. Er zog sich zurück, um nicht doch noch entdeckt zu werden, als er plötzlich durch ein Platschen aufgeschreckt wurde. Lohwaldt war verschwunden! Nach einem Moment des Erstaunens wurde dem schlaftrunkenen Franz klar, dass der junge Günstling des bayerischen Königs in den See gefallen sein musste. Und tatsächlich sah er im Mondlicht hell glitzernde spritzende Bewegungen im Wasser. Eilig kroch er unter seinem Boot hervor und rannte zum Steg. Er tastete sich mit den Füßen über das schwankende Holz zum vorderen Ende. Die Oberfläche lag jetzt ganz still. Nur kleine Wellen deuteten an, dass eben noch etwas das Wasser aufgewühlt hatte. Wo war Lohwaldt? Konnte er etwa gar nicht schwimmen? Und würde ein Mensch überhaupt so schnell untergehen? Er zögerte nicht, sondern sprang. Eiskalt schlug das Wasser über ihm zusammen und drang überraschend eisig in seine Kleider ein. Für einen Moment schien der Schlag seines Herzens auszusetzen, um dann umso wilder wieder Fahrt aufzunehmen. Mit wenigen geübten Bewegungen drückte er sich nach oben und durchbrach die Oberfläche. Noch während er tief einatmete, sah er sich um. Die Wasserfläche kräuselte sich in gegeneinanderlaufenden kleinen Wellen. Noch einmal holte Franz tief Luft und tauchte unter. Er musste Lohwaldt schnell finden! Unter Wasser wühlte er mit Armen und Beinen, bis er tatsächlich mit der Hand gegen etwas stieß. Da war er! Noch ein kräftiger Schwimmstoß, dann fühlte er den Stoff eines Rocks, griff zu und zog. Er wollte hinauf zur Oberfläche, doch plötzlich waren da Finger, die sich an ihn krallten und ihn in wilder Panik nach unten zerrten. Eine Hand umklammerte seinen Arm, sodass er damit nicht rudern konnte, eine andere schlug und kratzte in sein Gesicht. Plötzlich stießen die Finger mit Urgewalt in seinen Mund und packten eisern zu. Die Hand hielt seinen Unterkiefer umklammert, riss daran herum und drohte ihn vom übrigen Kopf abzureißen, als ob ein Wassergeist ihm das warme Blut aus dem Körper schütteln wollte. Der Schmerz war übermächtig, Luft schoss aus seinem Mund. In Todesangst schlug er mit dem freien Arm um sich, traf irgendetwas, irgendwo, und als sich der Griff immer noch nicht lockerte, stieß er mit dem Fuß zu. Zugleich – um den Mann, den er ja retten wollte, nicht zu verlieren – packte er einen Zipfel, den er zufällig erwischte, und hielt daran fest. Doch schon fühlte er das Ende kommen. Wasser strömte in seinen Hals, die Luftnot war kaum noch zu ertragen, Schläge, Tritte, Stöße – plötzlich spürte er sich befreit, ruderte mit den erlösten Armen – und dann Ruhe.

Stille, Frieden.

Franz lag im nassen Kies, als er wieder zur Besinnung kam. Er hustete und spuckte das Seewasser aus sich heraus, erbrach sich in die plätschernden Uferwellen und kroch höher auf festen Boden. Im den ersten Momenten wusste er nicht, wo er war. Doch dann kehrte die Erinnerung schlagartig zurück.

Lohwaldt!

Er stemmte sich auf die Arme und schaute sich um.

Der Holzsteg ragte in den stillen See hinaus, drüben die Häuser, zur anderen Seite das bewachsene Ufer, das sich bald den Blicken entzog und wo – wie Franz tagsüber von der Festungsruine aus gesehen hatte – ein kleiner Fluss in den See strömte. Die Wasserfläche lag unter den feinen, regelmäßigen Wellen ruhig und still. Ihm wurde bewusst, dass seine rechte Hand sich in etwas Nasses verkrallte, und als er es hochhob, erkannte er Lohwaldts Rock. Wie war das geschehen? Wieso hielt er diesen Rock in der Hand? Hatte er daran gezogen, und der Dichter war unter Wasser aus den Ärmeln herausgeglitten? Voller Entsetzen starrte er auf die leere Hülle, in der eben noch ein lebendiger Mensch gesteckt hatte, der nun tot im eisigen Wasser trieb. Denn es konnte nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass Lohwaldt tot war. Franz lief am Ufer auf und ab. Doch Cornelius Lohwaldt blieb in den Tiefen des Sees verschwunden.

Er ließ sich in den Kies sinken und saß lange da, starrte vor sich hin und versuchte, zu begreifen, was geschehen war. Nicht er hatte sein Grab im See gefunden, sondern der junge Dichter, der behaglich und selbstzufrieden, mit seinem Stipendium ausgestattet, auf dem Weg nach Rom gewesen war. Vielleicht wäre dort, angesichts der Wunder der Ewigen Stadt, aus dem hochnäsigen Jüngling sogar ein anständiger und großherziger Mensch geworden.

Franz hörte aus der Ferne ein Rufen: »Signor Lohwaldt!«, erklang es. Jemand stand am Dorfrand und winkte mit einem Hut. »Das Boot ist bereit!«

Ihm wurde schlagartig bewusst, in welcher Gefahr er schwebte: Lohwaldt war verschwunden, und natürlich würde man ihn, den zerlumpten Dahergelaufenen, verdächtigen, etwas damit zu tun zu haben. Umso mehr, als man schnell wissen würde, dass er in Trient aus dem Gefängnis geflohen war, nachdem er einen falschen Namen angegeben hatte. Man würde ihn festsetzen und gründlich prüfen, woher er stammte. Bis man schließlich erfuhr, dass er schon in Bayern dem Kerker entflohen war. Jedermann war dann klar, dass er, vielleicht um ein paar Münzen willen, vielleicht um eine goldene Uhr, Cornelius Lohwaldt ebenfalls getötet hätte. Und immer noch hielt er den Rock Lohwaldts in Händen! Gott im Himmel! Sie mussten ihn für einen Mörder halten! Und – war er nicht vielleicht wirklich einer? Was war dort im Wasser geschehen? Franz erinnerte sich nur in zerrissenen Fetzen. Er erinnerte sich an Schläge. An Tritte. Warum hatte er den Rock Lohwaldts aus dem Wasser geborgen, Lohwaldt selber aber nicht? Hatte er Lohwaldt umgebracht? Vielleicht, um –

»Es ist Zeit! Kommen Sie!«

Franz starrte auf die winkende Gestalt. Man meinte ihn! Der Mann hielt ihn für Lohwaldt! Natürlich, er saß ja dort, wohin man den Gast vor einer Weile hatte spazieren sehen. Offenbar hatte man das Boot aufgetakelt, um den See zu überqueren, und Lohwaldts Gepäck verladen. Nun rief man den Dichter, um abzulegen.

Und ihn hielt man in der Dunkelheit für den Reisenden. Was geschah denn jetzt schon wieder? Spielte diese Nacht ihm etwa noch einen Streich?

»Kommen Sie! Avanti! Wir müssen den Wind ausnutzen.«

Und dann hörte Franz aus seinem eigenen Munde: »Ich komme!«

Hatte er das wirklich gerufen?

Ich komme!

Ich, Cornelius Lohwaldt.

»Ich komme!«

Natürlich! Nicht der junge Dichter aus Nürnberg war im See ertrunken, sondern der entflohene Häftling aus Memmingen. Er käme doch noch nach Rom. Und – in seinen kühnsten Träumen hätte er nicht daran gedacht – versehen mit einem Stipendium des königlich bayerischen Hofes! Von heute an könnte er als Cornelius Lohwaldt leben. In Rom wäre es möglich, wo den jungen Dichter aus der Provinz noch niemand kannte. Sicher würden einige seine Ode kennen, seinen Namen. Aber ebenso sicher war niemand dort, der Lohwaldt je gegenübergestanden hatte. Er könnte ein Jahr lang als Cornelius Lohwaldt in Rom leben, und dann –

Und dann?

Nicht daran denken. Niemals an morgen denken. Einer wie er durfte das nicht tun. Als Franz Wercker ebensowenig wie als Cornelius Lohwaldt.

Aber Lohwaldts Leichnam! Würde er nicht ans Ufer treiben? Würde man ihn nicht finden und erkennen? Und dann wäre gleich alles aus. Nein, überlegte er. Einen Steinwurf weiter schob der kleine Fluss sein kaltes Bergwasser in den See. Mit etwas Glück trieb der leblose Körper weit hinaus und wurde von den Umwälzungen in die tiefsten Tiefen gedrückt. Mit etwas Glück …

Und so stand Franz auf, zog den eigenen, zerrissenen Rock aus und streifte den neuen Mantel über. Es war schwierig, in die tropfnassen Ärmel zu gelangen, aber als er sich endlich hineingezwängt hatte, engte ihn der Rock nur um ein weniges ein. In den Schultern spannte der Stoff, weil Franz durch die Arbeit mit dem Holz kräftiger war als Lohwaldt, aber beinahe hätte der Rock sein eigener sein können.

Während er zur Ortschaft hinüberging, fühlte er in den Taschen, ob etwas darin war, doch er fand nichts. Wenn Lohwaldt etwas bei sich getragen hatte, eine Uhr oder vielleicht Geld oder seinen Pass, dann steckte es in seiner Weste und war mit ihm untergegangen. Die Uhr überließ er dem Verstorbenen gerne, doch ohne den Pass würde er Schwierigkeiten bekommen. Bis nach Rom hatte er noch mehrere Grenzen zu überschreiten, überall herrschte Misstrauen: Die Österreicher waren wieder die Herren in Lombardo-Venetien, doch Parma, Modena und Toskana trotzten nervös um ihre Unabhängigkeit, und der Kirchenstaat mühte sich, die Demütigung der Papstentführung durch Napoleon zu vergessen.

Als Franz vom Kies des Strands auf die Uferstraße trat, war kein Mensch zu sehen. Der Ort schlief. Auch das Zollhaus auf der Mole mit dem Wappen der österreichischen Monarchie war um diese Zeit unbesetzt. Tür und Fenster waren verschlossen. Nur an dem Segelboot, das zur Abfahrt bereitlag, waren drei Gestalten beschäftigt. Einer stand an Bord und begann, das Segel zu setzen, ein Junge hielt auf der Mole das Tau, um es zu lösen, sobald der Fahrgast das Boot bestiegen hätte, und ein verwachsener Mann mit Hut kam ihm mit einer Laterne entgegen. Zum Glück war es eine recht armselige Funzel, die noch nicht einmal sein eigenes Gesicht erhellte. »Es ist höchste Zeit, junger Herr! Ich habe persönlich dafür gesorgt, dass von Eurem Gepäck nichts verloren geht.« Das musste der Wirt sein, der sich noch ein Trinkgeld versprach. Franz hoffte, dass Lohwaldt die Zeche für Essen und Zimmer bereits gezahlt hatte, denn er hätte nicht gewusst, wo er in Lohwaldts Taschen und Koffern in der Eile hätte Geld finden sollen. Um nicht angeleuchtet zu werden, wandte er den Kopf ab.

»Schön, ich danke Euch«, murmelte er. »Das Boot sieht gut aus.«

»Natürlich sieht es gut aus. Glaubt Ihr, die Männer überqueren in einem schlechten Boot bei Nacht den See?«

»Also, lebt wohl.« Er wollte gerade ins Boot steigen, als der Wirt sagte: »Aber Ihr seid ja vollkommen durchnässt!«

Er erstarrte. Auf diese Frage hätte er vorbereitet sein müssen. Doch wie hätte er dafür eine vernünftige Erklärung abgeben sollen? Und – einerlei, was für eine Geschichte er erzählt hätte – der Wirt hätte ihn währenddessen in aller Ruhe betrachten können. Also antwortete er nur: »Ja, das bin ich«, und stieg ins Boot, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Der Bootsjunge mit der Leine sprang hinterher, das Segel ruckte hoch, flatterte und knatterte, bis es sich brav mit Wind füllte und das Boot vom Ufer wegzog. Erst als sie mehrere Bootslängen hinaus auf dem See waren, wagte es Franz, sich umzuschauen. Aber da sah er den Wirt schon mit seiner Laterne zum Haus zurückeilen. Offenbar froh, den ungeliebten und unverstandenen Gast aus dem Norden so schnell wieder loszuwerden.

Franz kauerte erschöpft auf der hölzernen Bank, während das Boot mit gutem Wind südwärts segelte. Malcesine, das kleine Städtchen mit der malerisch auf dem Felsen thronenden Festungsruine, in der Goethe einst festgenommen werden sollte, als er das verfallene Gemäuer zeichnete und für einen österreichischen Spion gehalten wurde, ließen sie noch in der Dunkelheit hinter sich. Als es dämmerte, rief ihm der Bootsführer zu, sie seien jetzt aus dem Bereich heraus, in dem der Wind ihre Fahrt behindern könnte. Doch Franz begriff kaum, was er ihm sagte, denn er starrte auf das Gepäck Cornelius Lohwaldts, das jetzt seines sein sollte. Indem er die Arme frierend um seine feuchten Kleider schlang, war sein Blick wie gefangen von den Gepäckstücken – zwei kleinere Taschen und zwei große Koffer. Er wagte nicht, auch nur eine der Taschen anzurühren. Er wäre sich vorgekommen wie ein Leichenfledderer.

Doch was er dringend brauchte, war ein Paar Schuhe. Und so legte er den ersten Koffer um – der Bootsjunge half ihm dabei – und öffnete ihn. Unter Kleidern und Büchern fand er ein Paar halbhohe Schnürstiefel und ein Paar glänzende Schuhe für die Abendgarderobe. Er zog sich die alten Fetzen von den Füßen und streifte Lohwaldts Stiefel über seine seit Stunden feuchten, aufgedunsenen und eiskalten Füße. Die Stiefel waren zu klein. Lohwaldt war schmaler und feingliedriger gewesen, doch mit Gewalt quetschte Franz seine Füße hinein. Er hoffte, in den nächsten Tagen nicht allzu viel laufen zu müssen, und beschloss, bei nächster Gelegenheit eigene Stiefel schustern zu lassen.

Im Licht der Morgensonne, die sich über die flacher werdenden Berge erhob, betrachtete Franz ein letztes Mal die alten Stiefel und dankte ihnen, dass sie ihn so weit getragen hatten. Nun hatten sie ihre Pflicht erfüllt, und er ließ sie über Bord fallen. Während das Boot in zügiger Fahrt über das Wasser glitt, beobachtete er, wie sie zurückblieben und unter der spiegelnden Oberfläche versanken.

 

II

Isolde hasste das scheinheilige Gebaren ihrer Mutter, sie verachtete die biedere Würde ihres Vaters, sie erstickte im Haus ihrer Eltern, und auch den Park, in dem alles gepflegt, geordnet, sauber und gerade beschnitten war, ertrug sie nicht. Deshalb freute sie sich nicht wirklich, als Professor von Schabeisen – dessen joviale Hilfsbereitschaft sie nicht ausstehen konnte – am Morgen feierlich verkündet hatte, sie dürfe zum ersten Mal wieder hinaus in den Garten. Nachdem sie drei Wochen ausschließlich im Bett verbracht hatte, schien dem Professor ihre Verfassung gekräftigt genug, um der frischen Luft standzuhalten. Wenn sie hustete, fanden sich in ihren Taschentüchern keine Blutstropfen mehr, doch ihre Haut war immer noch durchschimmernd wie Pergament. Die zum Zerreißen gespannte Hülle ihres schmalen Körpers war so überempfindlich und reizbar, dass ihr jede Berührung unangenehm war und nahezu schmerzte. Sie hatte festgestellt, dass enge Ärmel ihr wohler waren als weite, weil sie weniger über die Haut strichen. Ihre knochigen Schultern und den schwungvoll aufragenden Hals hielt sie unbedeckt, und das seidene Tuch, das die Mutter ihr aufgedrängt hatte, im Glauben, zumindest die teuerste Seide sei ihrer Tochter weich genug, hatte sie ins Gras fallen lassen.

Als Frau Kommerzienrat Agnes Lohwaldt sich dem Korbsessel näherte, den man für Isolde im Schatten einer Linde aufgestellt hatte, fuhr ihr der Anblick tief ins Mark: Sie konnte durch ihre Tochter hindurchsehen wie durch einen der Geister aus den Geschichten von E. T. A. Hoffmann, die sie heimlich las, obwohl ihr Ehemann ein entschiedener Feind dieser gottlosen Machwerke war. Doch dann erkannte sie, dass es lediglich die bewegten Schatten der Blätter waren, die auf Isolde denselben Eindruck wie auf dem Hintergrund hervorriefen, denn der sonnenbeschienene Rasen verlieh ihrer fahlen Haut eine grünliche Färbung. Schlimm genug, dass Isoldes Haut keinen eigenen Ton hatte, sondern die Farbe ihrer jeweiligen Umgebung annahm – das Weiß der Bettlaken, das Rot des Wageninneren, die Glut des Kaminfeuers –, war sie doch zum Mindesten noch kein Geist. Wenn auch an den sorgenvollsten Tagen und in den schlimmsten Nächten nicht viel gefehlt hatte, dass sie von diesem Leben in ein anderes hinübergeglitten wäre.

Agnes Lohwaldt hob das Tuch vom Rasen auf. »Isolde, mein Kind, du darfst dein Tuch nicht ablegen. Professor von Schabeisen hat strikte Anweisungen gegeben.«

Langsam hob Isolde den Blick von dem Büchlein, das sie auf dem Schoß hielt, und wandte ihrer Mutter den Kopf zu, der auf ihrem hohen Halse ein Eigenleben zu führen schien. Das Schwarz ihrer Augen traf die Mutter mit einer Wucht, die der gutmütigen Dame immer wieder aufs Neue den Atem nahm. Auch wenn an ihrer Tochter alles blass und farblos war, kränklich, schwach und hilfebedürftig, Isoldes Augen zu sehen bedeutete einen Schock. Sie kauerten schwarz glänzend in dunklen Höhlen wie zwei starrsinnige Tiere, von denen man niemals wusste, ob sie sich argwöhnisch vor der Welt versteckten oder ob sie verschlagen und bösartig auf eine Gelegenheit lauerten, hervorzuspringen und zu beißen. Die Mutter schämte sich ihrer Gedanken, die sie in ihrem Herzen verschloss, aber gegen die sie sich nicht wehren konnte.

»Heute wieder kein Brief von deinem Bruder«, sagte Agnes Lohwaldt mit einem Seufzen. Ihr fiel auf, dass man keinen zweiten Sessel herausgestellt hatte, in den sie sich setzen konnte, und so blieb sie vor ihrer Tochter stehen, als ob es sich um eine Audienz handelte. Isolde antwortete nichts. Die zwei schwarzen Tiere lauerten in ihren Höhlen.

»Ihm wird doch nichts zugestoßen sein …«

»Mutter. Ihm ist nichts zugestoßen. Er hat Besseres zu tun, als an zu Hause zu denken.«

»Ein paar beruhigende Worte an die Familie wird er doch schreiben können, abends nach dem Essen. Oder am Morgen, zwischen Frühstück und Abfahrt der Kutsche.«

»Er wird schreiben, sobald er in Rom angekommen ist.«

Es waren nicht nur Isoldes Augen. Es war ihr gesamtes Wesen: Agnes Lohwaldt wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Tochter sie verachtete. Wenn Isolde zu ihr sprach, schwang in ihrer Stimme ein Unterton mit, der nicht mit Worten zu benennen und der ihr doch unerträglich war. »Jedenfalls freue ich mich«, sagte sie also, »dass es dir besser geht.«

»Mutter, ich möchte lesen.«

Im selben Moment fühlte sich die Kommerzienrätin unwohl. Ihr Nacken verkrampfte sich, als ob jeden Moment ein Raubvogel seine Krallen hineinschlagen würde. Unwillkürlich blickte sie hinauf zum Himmel, aber da war nur strahlendes Blau. Doch dann erkannte sie, woher ihr Unwohlsein kam: Am Rande des Rasens, am seitlichen Zugang zum Haus, stand Theresa. Sie stand gerade wie ein Stock in ihrem taubengrauen Kleid, das sie immer zu tragen schien, in der Hand hielt sie den Beutel mit Pulvern, Tropfen und Tüchern für Isolde. Und sie blickte sie aus ihren kalten und mitleidlosen Augen an, vor denen sie sich noch mehr fürchtete als vor den Augen ihrer Tochter. Theresa war Isoldes Gesellschaftsdame – wenn auch das Wort Gesellschaft für ihre Anwesenheit abwegig war – und vor allem Isoldes Krankenpflegerin. Sie hatte Isolde schon mehrfach gebeten, Theresa zu entlassen, weil sie der Überzeugung war, dass sie ein böses Wesen sei, aber Isolde bestand darauf, Theresa zu behalten. Sie war der einzige Mensch, den sie Tag und Nacht neben sich duldete. Sie begriff nicht, warum. Denn sie war sicher: Genau so, wie Theresa jetzt dastand und ihren bösen Blick auf ihr ruhen ließ, würde sie eines Tages dastehen, wenn das Haus lichterloh in Flammen stünde und alle darin verbrannten.

»Natürlich … Natürlich, du willst lesen, Kind, entschuldige.« Die Kommerzienrätin wandte sich von ihrer Tochter ab und ging zurück zum Haus.

Isolde sah ihr nach. Sie wollte nicht lesen, das Buch langweilte sie, doch sie ertrug die Nähe der Mutter nicht, an der alles weich war: ihr Äußeres, ihre Stimme, ihr Wesen, ihre Prinzipien, ihre Standpunkte.

Isolde wusste natürlich, warum Cornelius nicht schrieb. Er war heilfroh, endlich von zu Hause wegzukommen, endlich dem Genörgel des Vaters und der lächerlichen Umsorgung der alten Glucke zu entfliehen. Warum sollten seine Gedanken dem verlassenen Zuhause gelten? Warum sollte er sich darum scheren, ob sich die Mutter sorgte oder nicht? Hatten sie nicht beide längst gelernt, ihrer Bemutterung gleichgültig gegenüberzustehen, um nicht von ihr erdrückt zu werden? Cornelius hatte Isolde hier zurückgelassen, obwohl sie es einander anders versprochen hatten. Denn natürlich war nicht er es, der den Absprung geschafft hatte. Sie hatte ihm ermöglicht, nach Rom zu reisen. Sie hatte ihn auf die Idee gebracht, und ihr hatte er das Stipendium zu verdanken. Ohne sie würde er sein Leben lang den leichten Weg gehen, den Weg der täglichen Ausflüchte und Heimlichkeiten, um Mutter und Vater auszuweichen. Alleine wäre er niemals imstande, einen großen Schritt zu tun.

Isolde war fest entschlossen, ihrem Bruder nachzureisen. Professor von Schabeisen hatte ihr eine Kur im Süden in Aussicht gestellt, doch dafür musste sich ihre Krankheit erst einmal glücklich entwickeln. Und das würde sie. Sie würde ihre gesamte Willenskraft auf dieses Ziel ausrichten. Sie vor allem wollte ja weg von der Mutter, weg vom Vater, weg von der Engstirnigkeit der Kleinstadt. Der übliche Weg einer jungen Frau, das zu erreichen, war eine geschickte Heirat. Doch wenn es eines gab, das sie ganz sicher niemals tun würde, dann dies! Die Vorstellung, sich einem Mann zu unterwerfen, war ihr derart zuwider, dass ihr alleine beim Gedanken daran übel wurde. Dieser Mann würde sie berühren! Sie würde schwanger werden! Sie würde gebären! Sie würde Kinder um sich haben! – Niemals! Sie wird zu ihrem Bruder nach Rom fahren, sie wird ihn zwingen dortzubleiben, und unter dem Deckmantel des brüderlichen Schutzes wird sie dort ein Leben führen, wie sie es will.

Isolde wandte sich wieder ihrem Buch zu und las ein paar Zeilen, ohne im Geringsten zu merken, was sie las. Und als sie tief durchatmete, um die schwarzen Gedanken, die in ihr wühlten, aus sich herauszubringen wie ein alter Bergmann den zersetzenden Kohlestaub, überfiel sie ein erneuter Hustenanfall. Während sich ihre schmale Brust unter den scheußlichen Krämpfen wand, einer Ringelnatter gleich, die man in der Mitte durchgeschnitten hat, flogen rote Blutspritzer auf das Buch. Es fiel von ihrem Schoß ins Gras, und sie presste eilig ihr Taschentuch vor den Mund. Im selben Augenblick schon stand Theresa bei ihr, reichte ihr ein frisches Tuch und Wasser und umfasste mit eisernem Griff Isoldes Schultern, um ihr die Krämpfe zu erleichtern.

An die Schmerzen beim Husten hatte Isolde sich längst gewöhnt. Doch was sie maßlos wütend machte, war das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Machtlosigkeit, wenn die Krankheit sie in Form des zähen Hustens packte und erst wieder losließ, wann es ihr gefiel. Und die keineswegs so gnädig war, sich zurückzuziehen, wie alle in den letzten Tagen gehofft hatten, sondern in tiefroter Schrift auf ihrem Buch das geschwächte Menschenkind als ihren alleinigen Besitz bezeichnete. Und so war es ihr kranker Körper, den Isolde am allermeisten hasste.

*

Als Franz in Sirmione von Bord ging, staunte er, wie sich alles von selbst fügte. Das Gepäck wurde ans Ufer gestellt, man verbeugte sich vor ihm, hielt die Hand um ein Trinkgeld auf und verbeugte sich – nachdem er ein paar Münzen gegeben hatte – noch einmal.

Noch auf dem Boot hatte Franz in einer der beiden kleineren Taschen, die der Reisende selber trug und keinem Träger anvertrauen musste, einen Beutel mit bayerischen Gulden und einigen vom Kirchenstaat geprägten Scudi gefunden und eine lederne Börse, zusammengefaltet und mit einem schmalen Band aus demselben Leder zugebunden. Darin, mit dem Siegel des bayerischen Königs versehen, einen Pass. Ausgestellt auf den Namen Cornelius Lohwaldt und mit dem Reiseziel Rom, über Innsbruck, Bozen, Mantua, Modena, Bologna und Florenz. Dazu einige Empfehlungsschreiben, die Franz sich später in Ruhe anschauen wollte.

Er konnte also den Bootsmann bezahlen und einem Beamten in österreichischer Uniform, der auf ihn zutrat, um seinen Pass zu kontrollieren, das Dokument überreichen. Der Mann warf kaum einen Blick darauf, die Kontrolle schien ihm nur eine lästige Formalität, da der fremde Besucher ohnehin nur vom österreichischen Tirol ins ebenso österreichische Lombardo-Venetien wechselte.

Als Franz sich nach der Kutsche in Richtung Mantua erkundigte, wurden die Koffer im Nu auf einen Wagen gewuchtet, der auf dem sonnigen Platz neben einem steinernen Brunnen bereitstand. Franz staunte, wie leicht es sich als wohlhabender Mann lebte! Da bis zur Abfahrt noch Zeit für eine Mahlzeit blieb, führte ihn der Bootsjunge zu einem Gasthof, wo man Franz einen guten Tisch im Schatten wies. Als er den Wunsch äußerte sich umzukleiden, wurden ohne weitere Umstände seine Koffer wieder von der Kutsche heruntergehoben und in ein Fremdenzimmer gebracht.

Franz zwängte sich in einen sauberen Anzug und einen schwarzen Rock Lohwaldts und legte den Altdeutschen Rock, der zwar in der Sonne schnell getrocknet war, aber vom Wasser arg zerbeult aussah, in den Koffer. Seine eigenen Hosen gab er einer Dienstmagd, um Putzlumpen daraus zu machen. Dann ließ er einen Barbier rufen, der ihn rasierte.

Als Franz zu seinem Tisch zurückkam, wartete bereits ein üppiges Essen auf ihn. Brotfladen, Oliven, Eierkuchen, eine Gardaseeforelle, röhrenförmige Nudeln mit Tomaten und geriebenem Käse darüber, verschiedene Käsestücke, die einen intensiven Geruch verströmten, ein geräucherter Schinken und ein Schälchen mit einem körnigen Brei, den der Wirt als risotto bezeichnete.

Von der Stunde in Sirmione war ihm aufgrund seiner Erschöpfung und inneren Aufgewühltheit später nichts mehr erinnerlich als dieses erste Essen seit vielen Tagen und zugleich das erste in seinem neuen Leben. Obwohl er schon oft Hunger gelitten hatte, erinnerte er sich nicht daran, das Glück einer Mahlzeit jemals so tief empfunden zu haben. Als er von dem Fladenbrot ein Stück in den Mund steckte, als seine Zähne die knusprige Kruste zerbrachen, als er den aromatischen, leicht salzigen Geschmack auf der Zunge spürte, begann er haltlos zu weinen.

 

Später dann bestieg Franz zum ersten Mal in seinem Leben eine Kutsche. Nie zuvor war er ein Kutschenmensch gewesen. Immer nur ein Zufußgeher. Und zwar lange Jahre nur ein barfüßiger. Mit ihm in der Kutsche saßen drei Männer, die Sohn, Vater und Großvater zu sein schienen und sich ruhig auf Italienisch unterhielten. Sie trugen alle drei den gleichen Backenbart – der junge noch als durchscheinenden Flaum, der mittlere tiefschwarz und struppig, der älteste schlohweiß. Über sie wusste Franz später nichts weiter zu sagen. Er mied ihre Blicke, weil er sich in seiner neuen Rolle noch allzu unsicher fühlte. Sobald die Fahrt losging, sah Franz aus dem Fenster, um alles aufzunehmen, was sich seinem Blick bot. Wie wundersam die Reise sich seit der Überquerung des Sees gewandelt hatte! Die Landschaft war nicht mehr dieselbe: Die Berge und Täler waren in eine Ebene übergegangen, die einen weiten Blick über Felder und Gärten bot. Doch Franz war zu müde nach allem, was er erlebt hatte. Schon nach wenigen Minuten musste er die brennenden Augen schließen. Einen kurzen Moment nur, um nichts zu versäumen … Und als jemand an seinem Knie rüttelte, um ihn zu wecken, stand die Kutsche wieder still. »Mantova, Signore!« Es war der Kutscher, der ihn weckte. Verwirrt fragte Franz ihn, wann es weitergehe nach Modena, Bologna, Rom. Er hob bedauernd die Schultern. »Domani.« Und fügte stolz auf Deutsch hinzu: »Morgen frie!«

Während sich draußen die Dunkelheit über die Stadt senkte, saß Franz barfuß, ohne die drückenden Schuhe, auf dem verschlissenen Teppich eines Hotelzimmers vor den geöffneten Koffern und machte sich vertraut mit Cornelius Lohwaldts Besitz. Er las die Empfehlungsschreiben, versuchte, sich darüber klar zu werden, von wem sie stammten und an wen sie gerichtet waren, was ihm kaum gelang, und so prägte er sich die Namen ein, so gut es ging: Häffelin, Bartholdy, Niebuhr, Bunsen, Schultheiß …

Er zählte das Geld. Er musste sparsam damit umgehen. Ob er es überhaupt wagen konnte, das Geld des königlichen Stipendiums beim bayerischen Gesandten am Heiligen Stuhl abzuholen? Die Gefahr, entdeckt zu werden, war dort sicherlich am größten. Wer weiß, ob nicht einer der Beamten – vielleicht der Gesandte persönlich – zwischen München und Rom hin- und herreiste und Lohwaldt sich ihm schon in der Heimat vorgestellt hatte. Und für den Fall, dass sein Betrug aufgedeckt würde, müsste er vielleicht von einem Moment auf den anderen fliehen, und dann wäre er dankbar für jeden Kreuzer und jeden Scudo, der ihm weiterhalf. Wohin auch immer.

Franz fand einige Bücher, die er teilweise schon früher gelesen hatte, aber erfreulicherweise noch nicht alle kannte. Schiller, Hegel, einige Klassiker – und natürlich Goethes Italienische Reise, die der Dichter vor nunmehr zweiunddreißig Jahren unternommen hatte, deren Beschreibung er aber erst vor Kurzem – den ersten Teil vor anderthalb Jahren, den zweiten erst im letzten Herbst – veröffentlicht hatte.

Die Anzüge und die Wäsche des ertrunkenen Dichters nahm er aus dem Koffer und faltete sie auseinander. Er hielt sie sich vor den Körper und probierte diese Jacke oder jenes Hamd an, um sich daran zu gewöhnen, dass sie nun ihm gehören sollten, doch er hatte das Gefühl, dass sie sich noch widerborstig gegen die fremde Berührung sträubten. Als Franz sie auf das Bett, auf den Tisch und auf die beiden Stühle seines Zimmers breitete, begannen ihn die verwaisten Anzüge sogar anzuklagen: Wo ist unser Herr?, flüsterten sie. Was hast du ihm angetan?

Franz wich erschrocken zurück. »Ich habe versucht, ihn zu retten!«, rief er ihnen zu. Aber hatte er das wirklich? Hatte er nicht instinktiv die Chance gefühlt, die sich ihm bot? Ein Leben gegen ein anderes? Hatte er ihn aus einem verborgenen Drang heraus zu Tode gebracht? Wenn er sich doch nur an die Einzelheiten des Ringens im dunklen Wasser erinnerte! Doch so sehr er sich auch plagte: Er fühlte nur in Bruchstücken, was unter der Oberfläche des Sees geschehen war. Die Kälte, die Atemnot, die Todesangst – und alles war so schnell gegangen! »Ich bin kein Mörder!«, rief er aus.

Franz mühte sich, die erschreckenden Gedanken zu verdrängen, denn es war doch offenbar, dass der andere zu viel Wein getrunken hatte und ohne fremdes Zutun vom Steg ins Wasser gestürzt war. Aber hätte er nicht von alleine zur Oberfläche zurückgefunden? War es nicht der unselige Kampf unter Wasser gewesen, der seinen Untergang besiegelt hatte?

So drehten sich Franz’ Gedanken immer wieder im Kreis. Er fragte sich, ob es ihm je gelingen würde, sein Leben als Cornelius Lohwaldt in Rom zu genießen.

Nicht an morgen denken, redete er sich schließlich ein.

Doch! An morgen denken! An Rom!

 

Franz versuchte sich abzulenken, indem er in der Italienischen Reise blätterte. Doch er fand keinen Trost darin: Wie sehr unterschied sich seine zerrissene Gemütsverfassung von der in sich ruhenden und zugleich aufgeschlossenen des alten Dichters. Genauso hatte er sich in seinen jugendlichen Träumen die eigene Romreise vorgestellt. Und nun hockte er über fremden Koffern und durchstöberte Kleidung und Papiere, die ihm nicht gehörten.

Er stellte sich ans offene Fenster, um sich in der lauen Nachtluft zu beruhigen, doch der Blick auf die dunkle Stadt brachte seinem Gemüt auch keinen Frieden: War es nicht geradezu ein böses Vorzeichen, dass er die erste Nacht auf italienischem Boden in Mantua verbrachte? Die Stadt, über die er nichts weiter wusste, als dass Shakespeares Romeo hier die zerschmetternde Nachricht von Julias Tod erhalten hatte und dass hier vor wenigen Jahren erst der Tiroler Andreas Hofer, als in der Stadt noch Napoleons Adoptivsohn regierte, von den Franzosen auf grausige Weise exekutiert worden war?

Schließlich gelang es der verheißungsvoll duftenden Nachtluft, seine düsteren Gedanken fortzuwehen, und Franz dachte an all das, was dort draußen auf ihn wartete. Alles, was er noch nicht kannte in diesen seltsamen Ländern im Süden. Guten Mutes ging er schließlich hinüber zu den Anzügen, reichte ihnen die Hand und schüttelte die Ärmel. »Wir werden uns gut vertragen«, sagte er zu ihnen. »Mein Name ist Franz. Aber das darf außer euch niemand wissen. Das bleibt unser Geheimnis.«

Solcherart von überreizten Gedanken getrieben, fand er in der Nacht kaum Schlaf. Und auch nachdem er Lohwaldts Anzüge längst wieder im Koffer eingeschlossen hatte, geisterten sie, mal freundlich, mal anklagend, um ihn herum.

 

Am folgenden Tag in der Kutsche versuchten die italienischen Mitreisenden, ein paar Worte aus ihm herauszubringen, was sie allerdings bald aufgaben. Nur einer ließ sich von Franz’ innerer Abwesenheit nicht entmutigen. Der einzige deutsche Mitreisende, ein beleibter Herr mit sächsischem Akzent, war fest entschlossen, Konversation zu betreiben, notfalls auch alleine. »Darf ich mich vorstellen? Köhler mein Name. Wohin reisen Sie, junger Mann?«

»Nach Rom …«, erwiderte Franz, ohne das Gespräch durch eine Gegenfrage fortzuführen.

»Rom!«, rief der Sachse. »Die Ewige Stadt! – Künstler?«

»Dichter …«

»So, also! Ein Diener der Muse Kalliope! He! Meine Kunst ist der Handel. Ich diene der Muse Pecunia. He, he! Zum ersten Mal im Süden?« Er fragte, aber er wartete nicht auf Antwort. »Glauben Sie bloß nicht, dass die Zustände im Kirchenstaat besser werden, seit die Franzosen den Papst zurückgeben mussten. In Wien haben sie ja alles getan, um das Durcheinander zu normalisieren. Aber was heißt hier schon normal? Dies ist ein Scherbenhaufen! Republik Venedig, Herzogtum Parma, Herzogtum Modena, Mantua, Milano, Genua, Großherzogtum Toskana – im einen Moment sind sie noch da, dann von der Landkarte radiert! Napoleon …«

Köhler aus Sachsen, weil Franz so gar nicht auf das Gespräch einging, wandte sich einem anderen Mireisenden zu, einem älteren Lombarden, der zwar kein Deutsch verstand, aber dafür beständig freundlich nickte.

»Plötzlich liest man von der Cisalpinischen Republik, der Cispadanischen Republik … Ein obskures Königreich Etrurien taucht auf, dessen Thron Napoleon mit seinen Spielfiguren aus dem Haus Bourbon-Parma besetzt …« Er wandte sich wieder Franz zu. »Nur um sie kurz darauf ins Herzogtum Lucca zu schieben, weil der Kaiser das Königreich Etrurien wieder ins Großherzogtum Toskana verwandelt und seiner Schwester Elisa zum Geschenk macht, die es dann wieder an den Habsburger Ferdinand III. zurückgeben muss … Napoleon vertreibt die Fürsten, die Österreicher vertreiben Napoleon und nachdem der Kirchenstaat fast verschwunden war, taucht er wie von Zauberhand wieder auf. Man sagt, ohne Humboldts zähes Verhandeln in Wien würde es ihn gar nicht mehr geben …«

So rollte Köhlers Erzählung gleichsam wie ein weiteres Wagenrad durch die endlose Ebene. Er hörte nur auf zu reden, während sie mit einer Fähre den Po überquerten, einen gewaltigen Fluss mit weiten Sandbänken. Doch sobald die Fahrt weiterging, rollte auch wieder sein Wagenrad: »Ja, ja, die Deutschen und Rom … He! Gar nicht zu reden vom Mittelalter, als hier fast alles deutsch war. He! Kartenmaler müsste man sein! Man könnte reich werden, wenn man nicht den Verstand verliert! Und wer hat etwas davon? Auf jeden Fall nicht das Volk! Werden von einem zum anderen geschubst, und dabei zieht man ihnen das letzte Hemd aus. Aber am schlimmsten treiben es die Päpste. Sie werden es ja zu spüren kriegen, junger Mann, wenn Sie im Kirchenstaat sind. Schon im Gesäß. He! Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand! Ich steige zum Glück in Modena aus. Nicht so fortschrittlich wie die Toskana, aber immerhin österreichische Verhältnisse. Gut fürs Geschäft. Man weiß, die Geschäftspartner vom letzten Jahr sind noch nicht im Kerker verrottet. He!«

Irgendwann schlief Köhler dann ein, Franz hatte den Eindruck, mitten in einem seiner Sätze. Je länger sie die Weite der Ebene durchquerten, umso mehr begann Franz, Hoffnung zu schöpfen. Immer noch wurde er innerlich hin- und hergerissen. Niedergeschlagenheit und Hoffnung, Verzweiflung und Euphorie, Reue und Vorfreude auf ein unverhofft geschenktes Leben stürmten durch sein Gemüt wie die Felder und Haine und Wassergräben, die vor dem Fenster vorbeizogen.

In seiner Haltlosigkeit versuchte er, aus allem Möglichen Zeichen zu deuten:

Das Verschwinden der Berge, die hinter ihm immer dunstiger und kleiner wurden, nahm er als gutes Omen, weil mit ihnen sein altes Leben verschwand.

Auf einer Weide standen sieben Rinder, und die Zahl Sieben bringt bekanntlich Glück.

Dann wieder sah er am Straßenrand eine Stute mit zwei Fohlen, einem weißen und einem schwarzen. Als die Kutsche vorbeirasselte, scheute das weiße, vertrat sich in dem schmalen Wassergraben und stürzte. Das schwarze aber hob wiehernd den Kopf, als ob es lachte. Das konnte natürlich nichts anderes als ein übles Vorzeichen sein!

Einmal begegneten ihm die Blicke dreier junger Frauen mit bunten Röcken und weißen, über der Brust geknoteten Tüchern, die Krüge auf dem Kopf trugen und neugierig zu der vorbeifahrenden Kutsche herübersahen. Franz winkte ihnen zu und dachte im selben Moment, dass die drei Parzen erschienen waren, um ihm sein Schicksal zu verkünden. Erst glaubte er, sie würden seinen Gruß ignorieren, doch dann hoben sie alle drei die Hand und winkten lachend zurück. Wenn das kein gutes Vorzeichen ist, dachte Franz. Die Schicksalsgöttinnen lachen mir zu! Franz schienen die guten Vorzeichen zu überwiegen, und er begann, besseren Mut zu fassen.

Auch die nächste Passkontrolle, als er vom österreichischen Lombardo-Venetien ins Herzogtum Modena wechselte, wo Franz IV., Erzherzog von Österreich, regierte, ermutigte Franz, denn auch sie spielte sich als eine gelangweilte Formalität ab. In Modena verabschiedete sich Köhler aus Sachsen. »Viel Glück, junger Freund. Grüßen Sie Kalliope! Und nehmen Sie sich in Acht vor den sbirri.«

»Was sind die sbirri?«, fragte Franz.

Und Köhler flüsterte verschwörerisch: »Geheimpolizei. Üble Burschen! Solange Sie nichts anstellen, brauchen Sie nicht mehr zu wissen. He!«

In der folgenden Nacht ließ Franz die anklagenden Anzüge im Koffer und schlief tief und traumlos. Am Morgen fand er sich aus irgendeinem Grunde allein in der Kutsche nach Bologna. Alle anderen Plätze waren frei. Das Gesicht des Kutschers hatte Franz beim Einsteigen nicht gesehen, weil der Mann sich ein schwarzes Tuch um Mund und Nase gewunden hatte, das im Schatten seines breitkrempigen Huts nur die Augen frei ließ.

Ein dünner Nebel hing über dem Land. Ein fahler Dunst wie Asche und Schwefel, durch den eine trübe Sonne schimmerte, die so kraftlos war, dass Franz direkt hineinschauen konnte. Um sie herum stand ein unheilverkündender Ring in der Luft.

Franz sah keine Vögel fliegen, und er hörte auch nicht ihre Stimmen. Bedrückend still lag das Land, und nicht einmal von dem Kutscher war ein Laut zu hören. Er sprach nicht mit seinen Pferden, er rief ihnen nichts zu, und er schrie sie nicht an, wie es die meisten Kutscher taten. Schweigend ließ er sie laufen, still und ohne zu schnauben, zogen sie den Wagen.

Als nach der unheimlichen Fahrt ein seltsames Gebilde im Nebel auftauchte, glaubte Franz zu träumen: Dutzende von unwirklich dürren Türmen schwebten in der Luft. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass die riesenhaften Pfähle, die sich da vor ihm verdichteten, tatsächlich Bauwerke waren. Niemals hatte er so hohe und so schmale Gebäude gesehen. Das musste Bologna sein. Franz hatte von Köhler gelernt, dass Bologna die erste Stadt seiner Reise war, die zum Kirchenstaat gehörte, und so hing von den Formalitäten dort vieles ab.

Auch in den Straßen der Stadt hing der Nebel. Gespenstisch hallten die Räder der Kutsche von den hohen Türmen wider, die sich weit oben im Nichts verloren. Ein dickbäuchiger Uniformierter mit einer Doppelreihe goldener Knöpfe, einem Zweispitz und einem roten Streifen an der Hose öffnete den Wagenschlag und herrschte Franz an, er möge sich in eine Amtsstube begeben, wo sein Pass geprüft werde.

Als Franz ausstieg, hatte er unsichere Knie vor Angst. Das Licht war trübe und glänzend zugleich, und der Stadtpalast, auf den er zuging, warf einen diffusen Schatten. Auch die Schatten der bizarren Vielzahl dicht gedrängter Türme standen geisterhaft in der trüben Luft. Unter den düsteren Arkaden des Palasts zog er fröstelnd die Schultern zusammen.

Der Beamte, der den Pass entgegennahm, wirkte kränkelnd und übellaunig. Seine Augen fielen an den Seiten stark ab, was ihm einen armselig arroganten Ausdruck verlieh. Er knurrte Franz mit Fragen an, die er nicht verstand, lediglich immer wieder austriaco und bavarese, wedelte mit dem Dokument und schlug mit dem Handrücken darauf. Offenbar vermisste er einige Stempel und Unterschriften von unterwegs. Franz versagte der Atem. Er stotterte Antworten, die nichts bedeuteten und den Beamten noch mehr in Rage brachten. Schließlich steckte der den Pass in eine große lederne Mappe und wies ihm die Tür. Franz bat um seinen Pass, doch der Mann würdigte ihn keines weiteren Wortes. Es war zum Entsetzen! Sollte seine Reise jetzt schon zu Ende sein? Und nur, weil irgendein gleichgültiger Beamter unterwegs Lohwaldts Pass nicht ordnungsgemäß unterzeichnet hatte? Man wies ihn in der Eingangshalle in einen Bereich, der durch einen Zaun abgegrenzt war und in dem drei Bankreihen hintereinanderstanden. Es sah aus wie ein Ziegengatter. Franz war der Einzige, der darin saß. Menschen kamen und gingen, und niemand beachtete ihn. Dafür lugte er mit umso größerer Sorge immer wieder zu den Uniformierten hinüber, die an verschiedenen Stellen des Raums postiert waren. Franz wusste nicht, wie lange er dort saß. Jedenfalls so lange, dass die Kutsche wohl längst ohne ihn weitergefahren war. Was war mit seinem Gepäck? Stand es ohne Aufsicht draußen auf den glänzenden Steinplatten der piazza? Hatte man ihn vergessen? Oder würde es eine genauere Prüfung geben, deren Ausgang für ihn höchst ungewiss war?

Wenn es ein böses und ungutes Vorzeichen für seine Reise nach Rom gab, dann das peinliche Festsitzen in dem erniedrigenden Gatter. Und je länger er dort saß, desto irrsinniger schien ihm die Hoffnung, mit seiner Lüge durchzukommen. Wie hatte er nur glauben können, mit einem gestohlenen Pass über all diese Grenzen zu gelangen? Natürlich musste sein Betrug auffallen! Seine einzige Chance bestand darin, jetzt sofort aufzustehen und zu fliehen.

Doch das wollte Franz nicht hinnehmen. Er dachte daran, wie er zum ersten Mal den Pass vorgezeigt hatte, in Sirmione am Seeufer. An das selbstverständliche Bezahlen des Boots, an die großzügigen Trinkgelder. Er hatte gedacht, wie leicht es sich als wohlhabender Mann lebte. Zum ersten Mal war das Gefühl in ihm aufgeflackert, ein anderer zu sein. Jetzt galt es: Er war nicht mehr Franz Wercker, er war Cornelius Lohwaldt. Würde Lohwaldt sich das bieten lassen? Hier zu sitzen und seine Reise durch die Eigenmächtigkeit eines selbstherrlichen Staatsdieners, der nur dazu geschaffen worden war, Menschen das Leben schwer zu machen, verhindern zu lassen?

Nein.

Franz begriff, dass ihm sein neues Leben am See schicksalhaft zugefallen war, aber dass er es sich auch verdienen musste. Dies war die erste Prüfung, die er bestehen musste, aber gewiss nicht die letzte. Wollte er jetzt schon aufgeben?

Schluss musste sein mit dem Lauern auf Vorzeichen. Wie lange wollte er das treiben? Nicht Zeichen deuten, sondern Zeichen setzen! Er würde sich sein Glück nicht durch so einen Provinzbeamten zerstören lassen! Wenn er in Rom scheiterte – dann war das sein Schicksal. Aber nicht hier, in diesem Nest, das im Mittelalter vielleicht einmal eine bedeutende Stadt gewesen, aber jetzt nur noch eine Ansammlung von baufälligen Türmen war. Franz fasste den Entschluss, sich diese Ironie nicht bieten zu lassen. Er stand auf, ging zu der Amtsstube, in der man seinen Pass zurückhielt – jawohl, seinen! –, und trat ein.

Der übellaunige Beamte mit den abfallenden Augenlidern blickte ihn an. Die Arroganz seines Blicks wich Überraschung, als er Franz erkannte. Mit festem Schritt trat Franz an seinen Tisch heran und sagte ebenso freundlich wie bestimmt: »Ich wünsche meine Reise jetzt fortzusetzen.«

Der Beamte blickte ihn ausdruckslos an. Er schien noch nicht entschieden zu haben, wie er auf das eigenmächtige Auftauchen des Fremden reagieren sollte.

»Meinen Pass, bitte«, setzte Franz nach.

Der Mann verstand ihn nicht, begriff aber sehr wohl den Sinn seiner Worte. Er griff nach der ledernen Mappe und klappte sie auf. Darin lag der Pass. Längst gestempelt und unterschrieben.

Offenbar hatte der kleine Übellaunige ihn nur zurückgehalten, um zu demonstrieren, wer der Herr im Lande war. Er stellte eine Frage, die Franz seinerseits nicht verstand. Einen Moment lang war er versucht, etwas zu stammeln, das seine Verständnislosigkeit ausdrücken sollte, aber er besann sich.

Er sagte einfach nur: »Vielen Dank.« Er nahm in aller Ruhe das Dokument, sah dem Beamten in die hängenden Augen und verbeugte sich höflich. Dann wandte er sich um und ging zur Tür. Er erwartete, aufgehalten zu werden, doch nichts geschah. Natürlich, sagte er sich, als er auf die piazza hinaustrat, die inzwischen in strahlendem Sonnenschein lag. Er war kein Niemand mehr, mit dem man umsprang, er war jetzt jemand! Und solange er selber daran glaubte, glaubten es die anderen auch.

Dort, wo die Kutsche gehalten hatte, wartete eine andere, doch Franz’ Koffer lagen obenauf, als wäre nichts geschehen. Auch Mitreisende gab es jetzt wieder. Der Kutscher war eine hagere Gestalt mit langen Knochen, dessen Mantel lose um ihn herum hing, als ob er echsengleich dabei wäre, sich zu häuten. Er begrüßte Franz überfreundlich und wies in die Kutsche. Franz fand sich darin mit einem nervösen älteren Herrn, der beständig etwas in seinen Taschen suchte, und zwei Damen, einer jüngeren und einer älteren. Die Jüngere sah bisweilen verstohlen zu ihm hinüber, worauf sie von der Älteren geknufft wurde. Dann warf ihm die Ältere böse Blicke zu, bis die Jüngere irgendwann wieder von ihrem Buch aufsah und das Spiel von vorne begann. Das Irritierende war, dass die beiden Damen genau die gleichen herabhängenden Augenwinkel hatten wie der Beamte, der ihn mit dem Pass geärgert hatte. Die Alte warf Franz bittere Blicke zu, wann immer sie glaubte, er beobachte das junge Mädchen. Also schaute er aus dem Fenster, sobald die Pferde anzogen. Und es war ihm gerade recht, denn was gab es alles zu sehen!

Gleich nach Bologna ging es in die Berge, die Täler wurden schmal und steil, der Weg folgte einem rauschenden Bach, der noch das graue Schmelzwasser der Höhen führte. Im selben Grau auch die Bergdörfer hoch auf den Felsen, aus denen sie seit Urzeiten zu wachsen schienen – und zu denen viele von ihnen wieder zerfielen. An den Hängen saftige Wiesen mit Kräutern in allen Farben, auf der Sonnenseite weiß und rosa blühende Obstbäume, gegenüber schattige Wälder. Als sich das Tal wieder öffnete, strahlte in den Ebenen das Rot der Mohnblumen, halbe Häuser waren in violette Fliederwolken gehüllt, gelbe Akazien prangten in voller Blüte. Ganze Wiesen legten sich strahlend gelb in sanften Wellen übers Land. Junger Weizen wogte im Wind, die Olivenbäume schwebten silbern über ihren dunklen Schatten, und lange Reihen violetter Blumen verströmten einen unbeschreiblichen Duft.

Wieder Grenzkontrollen, als sie das Gebiet des Großherzogtums Toskana durchfuhren, aufgrund seines Stempels aus Bologna nur mürrische Formalitäten. Das viel gerühmte Florenz war ihm faszinierend und fremd. Franz wusste nicht, warum, aber er fühlte sich verloren, es war nicht das, was er suchte. Er zögerte, ob er zwei oder drei Tage bleiben müsste, um die berühmten Sammlungen anzuschauen, aber es waren nicht die Gemäldesammlungen, die ihn trieben, es waren nicht die Paläste der Renaissance. Er wollte so schnell wie möglich nach Rom. Weiter also!

So vieles Kleines, das Franz unterwegs beobachtete: dass sie den Pferden hier nicht Hafer gaben, sondern Bohnen. Er sah zwei schmutzige Kinder, die sich eine Zitrone teilten und dabei die komischsten Grimassen schnitten. Eine Greisin wurde von zwei jungen Mädchen in einem Handkarren gezogen. Weiße Laken auf einer Leine winkten ihm zu. Über fernen Bergen regnete ein Gewitter in feinen Schleiern ab. Die Wege über die Hügel wurden gesäumt von schlanken, spitzen Bäumen. Die Dörfer lagen oben auf den Höhen anstatt unten im Tal, wie er es von zu Hause kannte, und man sah sie lange, während man unten vorbeifuhr.

Arezzo, Perugia, Terni – die Welt flog an Franz vorbei wie ein Traum. Wenn man ihn bat, in die Kutsche zu steigen, dann stieg er ein, wenn man ihn zur Rast herauswinkte oder ihm ein Bett für die Nacht zuwies, dann ging er schlafen. Unzählige namenlose Dörfer zogen an ihm vorbei – Franz wusste später nicht mehr zu sagen, wo er gegessen, wo er geschlafen hatte und wo die Kutsche zwischen alten Häusern hindurchgeklirrt war.

Irgendwann drangen Aufregung und Poltern und Schreien in seine Ohren. Franz musste eingeschlafen sein, er bemerkte, dass die Kutsche stillstand, der Wagenschlag offen und alle anderen ausgestiegen waren. Auch Franz kletterte aus dem Wagen. Neben der schlammigen Straße hinderte ein kräftiger Holzzaun daran, in ein schmales Tal zu stürzen, durch das sich die Gebäude eines Klosters zogen. Der Weg war überschattet von einer ausladenden Eiche. Runzelig und ehrwürdig klammerte sie sich auf einen Felsen, der die Straße auf eine schmale Spur verengte. Dort waren Wagenrillen in den aufgeweichten Grund eingepflügt. Der langknochige Kutscher trieb die Reisenden laut schreiend an, zu Fuß die kritische Stelle zu überqueren, damit der Wagen leichter sei und sich nicht allzu tief eingrabe.

Felsen und Zaun lagen im dunkelblauen Schatten der Eiche, doch weit dahinter, wie eine Erscheinung im schimmernden gelben Dunst, in einer unnennbaren Entfernung, schwebte auf dem Licht eine weiße strahlende Kuppel. Franz war erschüttert über ihre Schönheit. Und noch während die ältere Dame sich empört weigerte, einen Fuß in den Schmutz zu setzen, und der ältere Herr nervös seine Rocktaschen durchsuchte, ging Franz als Erster der Kuppel entgegen. In einer endlosen flachen Landschaft, einer grünen Ebene, durch die sich in weitem Bogen das Band eines erstaunlich gut erhaltenen Aquädukts zog, erhob sich die unglaubliche Stadt in ihren alten Mauern.

Franz stand und staunte.

Bis er eine tiefe, freundliche Stimme hörte: »Wer auch immer du bist – willkommen in Rom!«

Er wandte sich um und sah einen Mann im Schatten sitzen. Er hielt ein großes Brett auf den Knien, worauf ein Zeichenpapier gespannt war. Ein blonder Bart fiel über das reine weiße Hemd, die Hände und die lange Hose dagegen waren vom Schwarz und Rötel der Kreiden mächtig beschmiert. Der Fremde nickte Franz zu. »Du scheinst die gleiche Reise hinter dir zu haben wie ich selber. Maler?«

»Bitte?«

»Ob du Maler bist, Kamerad!«

»Nein …«

»Also Dichter.«

»Ja, ich …«

»Viele Worte scheinst du jedenfalls nicht zu machen.«

»Verzeiht, ich bin nur gerade …« Franz wies mit einer vagen Handbewegung auf die Stadt.

»Sprachlos. Bitte, lass dich nicht stören.« Er zeichnete weiter. Doch dann unterbrach er seine Arbeit erneut und beobachtete Franz, der den Anblick einsog. Franz sah, dass die Kuppel von St. Peter nicht schwebte, sondern auf einem mächtigen weißen Sockel stand. Er sah das Kolosseum, die drei halb nur verbliebenen Kuppeln der Konstantinsbasilika, er sah die Engelsburg und mitten im Gewimmel der Dächer das Rund des Pantheons. Und er sah, ewig in seinem umständlichen Lauf festgelegt, das gelbe Band des Tiber.

Doch schon wurde er aus seinem Staunen gerissen. Der Wagen hatte die lästige Stelle passiert, die Fahrgäste kletterten wieder hinein, und man winkte nach ihm. Als er einstieg, rief der Fremde ihm zu: »Woher stammst du?«

Und noch ehe Franz sich besinnen konnte, antwortete er dem Zeichner durchs Fenster: »Memmingen!« – Siedend heiß durchfuhr es ihn. Er hatte die eigene Herkunft genannt, nicht die von Cornelius Lohwaldt! Noch nicht einmal angekommen, und er verriet sein Geheimnis! Doch schon zogen die Pferde an, Franz drückte sich in seinen Sitz und mied den Blick des winkenden Mannes.

*

Während sie in die weite Ebene hinunterrollten, bot sich Franz ein ungewöhnlicher Anblick: Nicht wie andere Städte, die sich beim Näherkommen immer lebhafter aus Höfen und Vororten, aus Handwerksbetrieben oder Manufakturen verdichteten, lag Rom mitten in einer grasbewachsenen Landschaft. Nur über die Stadtmauern ragten bebaute Hügel, Türme und Kuppel hinaus. Wundersam lag die schlafende Königin am Tiberstrande über den dunstigen Schleiern der weiten und ruhigen campagna. Franz reckte den Kopf aus dem Fenster der Kutsche und war seit dem ersten Blick im Bann der Königin.

Sie hielten an einem Stadttor mit wuchtigen Verteidigungstürmen und wurden noch einmal kontrolliert. Ein junger Uniformierter der carabinieri mit einem roten Streifen an der Hose nahm ihre Pässe, las die Namen laut vor, und ein anderer notierte sie in ein großes Buch. Franz beobachtete, wie er neben den Namen Datum und Uhrzeit schrieb:

Cornelius Lohwaldt, 2 aprile 1818, alle 11.

Als er die Pässe zurückgab, lächelte der junge carabiniere Franz treuherzig an. Für einen Moment glaubte Franz, er wolle ihn rechts und links küssen, doch das schnurrbärtige Gesicht näherte sich ihm nur deshalb, weil er unwillkürlich Schwung nahm, um von den Stufen der Kutsche zu springen.

Der Kutscher zügelte die Pferde mit irrsinnigem Geschrei auf einem weiten Platz, aus dessen Mitte ein Obelisk in den Himmel ragte und an dessen stadtseitigem Ende zwischen den beiden Zwillingskirchen des Marienwunders und der Heiligen Maria in Montesanto eine schnurgerade Straße endlos in die Stadt schnitt.

Franz stand zum ersten Mal auf römischem Boden. Das Pflaster des weiten Platzes schien entweder nicht fertiggestellt worden zu sein, sodass sich im Laufe der Zeiten Staub und Dreck in den ungepflasterten Bereichen festgetreten hatten, oder allerlei Volk hatte sich bei den vielen, verführerisch herumliegenden Pflastersteinen bedient, um sie einem privaten Zweck zuzuführen. Das Gepäck wurde abgeladen, die ältere Dame und das junge Mädchen wurden von einem einachsigen Wagen mitgenommen, dessen Fahrer die gleichen hängenden Augen aufwies. Der nervöse Herr durchsuchte seine Rocktaschen, bis er von einem jüngeren abgeholt wurde, und sie entfernten sich zu Fuß. Schließlich stand Franz alleine neben seinen zwei Koffern und zwei Taschen. Aus dem Schatten des Obelisken löste sich ein rußiger Mann mit bemerkenswert großen Händen und fragte etwas in einem rauen Italienisch, wobei er auf das Gepäck wies. Obwohl Franz nichts antwortete, pfiff er durch die Zähne, und ein gebrechlicher Eselskarren wackelte herbei. Ein zerlumpter Junge sprang herab und wuchtete Franz’ Gepäck umständlich, ohne die Hilfe des groben Mannes, auf den Karren.

»Dove?«, fragte der Mann. Und das Einzige, was Franz einfiel, war der Name des Palasts, von dem er gelesen hatte, dass der bayerische Kronprinz dort bevorzugt Quartier nahm, wenn er Rom besuchte. Also entgegnete er: »Villa Malta.«

Der Mann schüttelte seine haarigen Hände und widersprach wortreich. Offenbar war er der Überzeugung, jemand wie Franz habe in der prächtigen Villa nichts zu schaffen. Franz wiederholte so selbstbewusst wie möglich: »Villa Malta!«

Also warf der Mann die großen Hände in die Luft, rief dem dürren Jungen etwas zu, und während Franz noch auf das wackelige Gefährt kletterte, zerrte der Junge schon am Halfter des abwehrenden Tiers. Mit einem heftigen Ruck ging es los, und dann holperten sie durch die engen Straßen.

Franz überlegte, wohin der Junge und der Esel ihn wohl fuhren. Ob sie lange Umwege fahren würden, um für den weiten Weg mehr Lohn verlangen zu können? Doch selbst wenn es so sein sollte: Es war ihm nur gerade recht. In Rom zu sein und doch noch nicht angekommen. Rom zu sehen, aber noch nicht um irgendetwas sich kümmern zu müssen. Die Fahrt hätte von ihm aus ewig dauern können.

Vom ersten Moment an fesselte ihn die Stadt und erschien ihm auf eine seltsame Art nah und vertraut. Sie hielt ihm gleichsam die Hand entgegen und lächelte ihn verhalten an. Die engen, staubigen Gassen, die fleckigen, verwaschenen Häuser, die Franz an eine Schauspielerin denken ließen, deren Schminke verlaufen ist, weil sie geweint hat. Die Schlagläden der meisten Fenster waren geschlossen oder standen wie antike römische Kriegsschilde gegen die Sonne, um nur Luft und Schattenlicht einzulassen. Doch hier und da konnte Franz einen Blick in eines der offenen Fenster werfen, und er ahnte eine Pracht, die in überraschendem Kontrast zum heruntergekommenen Äußeren der Häuser stand. Er sah Deckengemälde, er sah Kronleuchter, er sah zwischen den schweren Eichenbalken, auf denen das nächste Stockwerk ruhte, den Glanz goldener Verzierungen. Das alles lag verborgen und im Schutz des krustigen Äußeren wie eine Perle in einer Muschelschale. Sichtbar waren der Schmutz und der Unrat in den Winkeln, Bettler und Sieche. Das Rad des Wagens verfehlte knapp das Bein eines Mannes, der auf der Straße schlief – oder gestorben war. Was Franz zu seiner Enttäuschung in diesem Teil der Stadt nicht sah, das waren die Ruinen des Altertums. Kein weißer Marmor, keine Säulen, keine Statuen.

Bald ging es einen Hügel hinauf, eine lange, gerade Straße, deren drei- und vierstöckige Häuser sich von beiden Seiten gegeneinander zu beugen schienen, um die Sonne abzuhalten. Noch einmal abgebogen, und schon zerrte der Junge an dem Esel, schrie ihn an, und der Wagen blieb mit einem Ruck stehen. Der Junge wandte sich zu Franz um und wies mit der großen Geste eines Theatermagiers auf eine verwitterte Mauer, als hätte er sie herbeigezaubert. Franz sprang vom Wagen und ging zu einem schmiedeeisernen Tor, durch das er, umstanden von Palmen und spitzen Agaven, einen verwinkelten palazzo sehen konnte, der aus Würfeln und Klötzen aufgetürmt schien und von einem rechteckigen Turm mit einem flachen Ziegeldach überragt wurde. Der Junge sagte etwas, das Franz nicht verstand, und hielt schließlich einfach die Hand auf. Franz kramte einige Münzen aus der Tasche und legte eine davon in die schmutzige Hand. Der Junge strahlte von Herzen und verbeugte sich wieder und wieder. Offenbar hatte Franz ihm viel zu viel gegeben. Dafür ließ der Junge nicht zu, dass Franz beim Abladen des Gepäcks Hand anlegte, und knallte die großen Koffer tapfer aufs Pflaster. Im nächsten Moment stand Franz in der Gasse alleine. Er schaute sich um, doch niemand war zu sehen. Wohin sollte er sich wenden? Wen sollte er ansprechen? Was hatte er erwartet? Hätte er sich lieber zur bayerischen Gesandtschaft fahren lassen sollen, falls man schon eine Wohnung für Cornelius Lohwaldt hergerichtet hatte? Doch das hatte Franz nicht gewagt. Noch fühlte er sich kein bisschen wie Cornelius und überhaupt nicht vorbereitet, auf Fragen oder Bemerkungen angemessen zu reagieren. Weil ihm also nichts anderes einfiel, setzte er sich erst einmal auf den großen Koffer und wartete ab. Die römischen Frauen, die gelegentlich mit einem Korb oder einem gebundenen Tuch die Gasse entlangkamen, mieden seinen Blick und eilten im Schatten der Hauswand vorbei. Langsam verschwand seine Anspannung, die Ruhe der Gasse begann, in ihn einzuströmen, er hörte die Vögel, das Plätschern eines Brunnens, die Geräusche der Stadt, und irgendwo in einem der Häuser sang eine Frau ein Lied. Er sah Wolken gelassen über den Himmel ziehen, er sah das Glitzern der Blätter einer hohen Akazie über sich, er sah das warme Leuchten der Sonne auf einer der Hauswände und bemerkte zum ersten Mal, dass die krustigen Mauern im Sonnenlicht ihren ganz eigenen Reiz entfalteten.

Nachdem schon eine Weile lang niemand an ihm vorbeigekommen war, hörte er Schritte die Gasse heraufhallen, die sich langsam näherten. Er wandte sich um und sah eine junge Frau. Sie trug ein lichtblaues Kleid und einen Strohhut mit breiter Krempe, den sie mit Kornblumen bekränzt hatte. In der einen Hand hielt sie einen flachen, großformatigen Koffer, in der anderen einen zusammengeklappten weißen Schirm, und über ihre Schultern ragte das schmale Gestell einer Staffelei, die sie auf den Rücken geschnallt hatte. Sie warf Franz neugierige Blicke zu und blieb vor ihm stehen. Sie nahm ihren Sonnenhut ab, wobei sie geflochtenes blondes Haar und ein von der Sonne gebräuntes Gesicht zeigte, und musterte ihn aus freundlichen Augen.

»Guten Tag«, sagte sie auf Deutsch.

»Guten Tag«, antwortete Franz.

»Maler?«, fragte sie.

»Dichter«, antwortete er.

»Und wie es aussieht, ohne Wohnung.«

Franz nickte. »Ich bin gerade erst angekommen.«

»Ist es nicht herrlich?« Ihre Augen blitzten vor Freude. »Als ich angekommen bin, war das der schönste Tag meines Lebens. Dachte ich jedenfalls …«

»War er das nicht?«

»Nein. Es wird jeden Tag schöner. – Nun, fast jeden Tag.« Sie lachte. Plötzlich fiel Franz auf, wie unhöflich er war zu sitzen, während sie vor ihm stehen musste, und erhob sich schnell von seinem Koffer. »Seit wann sind Sie in Rom?«

»Seit eineinhalb Jahren. Eigentlich wollte ich nur eines bleiben, aber …« Sie holte tief Luft, als könnte die Luft am besten erklären, warum sie länger geblieben war. »Aber was machen wir jetzt mit Ihnen?«

»Vielleicht haben Sie eine Idee für mich? Vielleicht wissen Sie ein Zimmer für die ersten Tage …«

»Ich hätte schon eine Idee. In meinem Haus steht ein Zimmer leer. Aber …« Sie warf einen Blick auf Franz’ große und herrschaftliche Koffer. »Ich glaube, das ist nichts für Sie.«

»Oh, die Koffer! Nein, nein, das ist nicht so, wie es aussieht. Ich bin mit dem einfachsten Zimmer zufrieden!«

»Sie wissen nicht, wie einfach die Zimmer hier sein können.«

»Glauben Sie mir, ich weiß, wie einfach ein Zimmer sein kann.«

»Ich heiße Clara.« Die junge Frau hielt Franz ihre Hand hin, die gebräunt war wie die einer Bäuerin und zugleich schmal wie die einer Dame. »Wir Künstler nennen uns hier in Rom beim Vornamen. Gewöhn dich lieber gleich daran.«

Sie gaben sich die Hand. »Ich heiße Cornelius«, sagte Franz und hoffte, dass der ungewohnte Name ihm bald geläufig sein würde.

Clara verschwand in einem der Häuser und erschien nach einigen Minuten mit einem halben Dutzend Jungen, die sich gegenseitig um die schwersten Koffer zankten, bis sich die größten durchsetzten. Clara lachte freundlich über den Eifer, mit dem die Jungen sie zu beeindrucken suchten. Und so zogen sie schließlich die Gasse hinauf: Vorneweg Clara in ihrem hellblauen Kleid und mit ihren Malutensilien, neben ihr Franz in seinem schwarzen Rock, dahinter die beiden großen Koffer und zuletzt die beiden Reisetaschen – auf einem Dutzend schmutziger, nackter Jungenbeine von groß bis klein. Den kleinsten Jungen aber, der kein Gepäckstück hatte ergattern können, hatte Franz unter die Arme gefasst und auf seine Schultern gesetzt.

»Woher stammst du, Cornelius?«

Diesmal besann er sich besser: »Aus Nürnberg.«

»Und du bist Dichter?«

»Ja …«

»Um ehrlich zu sein, als ich dich dort habe sitzen sehen, auf deinen schönen Koffern, dachte ich, du bist ein Adelssohn auf Kavaliersreise. Aber du sahst gar nicht aus wie ein feiner Herr.«

»Nein?«

»Nein. Aber auch nicht wie ein Diener, der das Gepäck des Herrn bewacht.«

»Wie sehe ich denn aus?«

»Nun, wie ein – wie ein Dichter mit großen Koffern. Was dichtest du? Kenne ich deinen Namen? Habe ich schon etwas von dir gelesen?«

»Nein, ich … Das glaube ich nicht. Ich habe eine Ode geschrieben. Es scheint so, der König mochte sie …«

»König Maximilian von Bayern? Das ist ja fantastisch!«

»Ja, er hat mir ein Stipendium erteilt. Auf ein Jahr.«

»Stell dir vor, ich habe auch ein Stipendium. Aber von Carl August.« Sie lachte. »Ich habe nur einen Großherzog.«

Plötzlich erscholl hinter ihnen eine tiefe, laute Stimme: »Sieh an, der Memminger!«

Franz fuhr herum: Aus einer Nebengasse kam ein kräftiger Mann in weißem Hemd mit einem zerbeulten Strohhut auf dem Kopf. Der Maler, dem Franz vor der Stadt begegnet war!

»Memminger?«, fragte Clara. »Unser Neuer stammt aus Nürnberg.«

»Es tut mir leid, Fräulein Seidler, aber da irren Sie. Zufällig weiß ich aus erster Hand, dass der junge Dichter aus Memmingen stammt.«

»Ich denke, es gibt nur einen, der hier Klärung bringen kann«, erwiderte Clara.

Die beiden schauten Franz neugierig und offen an. Franz verfluchte sich innerlich, dass er sich noch keine Geschichte zurechtgelegt hatte. Jetzt fiel ihm nichts ein. »Nun«, sagte er. »Die Sache ist ganz einfach …«

»Ja?«, fragte Clara.

»Ja … Beides ist richtig.«

»Beides ist richtig!«, rief der Maler mit dem blonden Bart. »Unser neuer Freund ist gleich zwei Persönlichkeiten. Bei Mondlicht gehen sie getrennte Wege, bei Sonnenschein sind sie in einem Körper vereint!«

»Nein, keine Sorge. Ich bin bei Mondlicht wie bei Sonnenschein derselbe. Ich komme natürlich aus Nürnberg, aber …«

»Aber?«

»Aber … geboren bin ich in Memmingen! Nur geboren! Ganz einfach.«

»Ganz einfach.« Der Maler zuckte mit den Achseln. »Und ich hatte gehofft, endlich kommt jemand, über den es sich lohnt, zu klatschen und zu tratschen. Denn das tun wir hier am liebsten.«

»Das tun wir nicht!«, widersprach Clara.

»Du vielleicht nicht, aber wir Weiber schon!« Der Maler hielt Franz seine Hand hin. »Du nimmst mir wohl nicht übel, dass ich dir die Mondlichtgestalt angedichtet habe? Mein Name ist Georg. Georg Reichhard aus Dresden.«

Franz schlug ein. »Cornelius Lohwaldt. Aus Nürnberg.«

Also bekam ihr kleiner Zug mit den auf kleinen Beinen laufenden Koffern noch Zuwachs. Clara stimmte ein italienisches Lied an, das die Jungen lauthals mitsangen, und so erreichten sie bald Claras Haus in Sichtweite eines anderen römischen Stadttors, der Porta Pinciana mit ihren vielfachen gemauerten Rundbögen und dem einen einzigen Bogen, der noch sein klassisches weißes Marmorkleid trug. Clara sagte, sie wolle den Hausherrn fragen, ob Cornelius das Zimmer bekommen könne, und verschwand im Haus.

Buchempfehlungen Frühjahr 2018

Unsere Kolleginnen und Kollegen haben uns verraten, auf welche Bücher sie sich besonders freuen:

»Frühlingszeit ist Gartenzeit. Überall im Land ziehen Gärtnerinnen und Gärtner nach der langen Winterpause mit leuchtenden Augen in ihr kleines Paradies, um es wieder auch Hochglanz zu bringen. 
Doch Garten ist nicht nur Paradies, Garten ist auch Krieg. Christian Feyerabend mit seinem 300-Quadratmeter-Kleingarten, weiß wovon er spricht: Der Salat ist zerfressen, die Bäumchen wollen nicht grünen und der Gärtner wird übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten. In »Garten ist Krieg. Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können« spricht Christian Feyerabend allen Hobbygärtnern aus der Seele und liefert auf charmante und sehr humorvolle Art zahlreiche Tipps und Tricks zur Verteidigung des eignen Idylls.«

Eine Buchtipp von Anja Hänsel, Lektorin

Blick ins Buch
Garten ist KriegGarten ist Krieg

Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können

Unkraut vergeht nicht, sagt der Volksmund. Im Garten von Christian Feyerabend existieren gut 30 Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher, die in seinen Garten kommen, finden ihn »paradiesisch«. Doch das grüne Idyll existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn im Garten wie im Krieg gilt: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen.

Artur, Assistenz Geschäftsführung

Zygmunt Miloszewski »Der Zorn der Vergessenen«

»Platz da, Skandinavien! Hier kommen die polnischen Ermittler.« schrieb vor einiger Zeit »The New York Times«. Und gemeint wurde dabei vor allem Zygmunt Miloszewski und der von ihm geschaffene Staatsanwalt Teodor Szacki, der in Warschau, Sandomierz und im Ermland ermittelt.

Über die Szacki-Reihe, von der allein in Polen über 1 Mio. Exemplare verkauft wurde und in 15. Ländern mit großem Erfolg erschienen ist, schrieb Le Monde: »Was für eine großartige Trilogie!« Nun liegt der letzte Band, »Der Zorn der Vergessenen«, endlich auch auf Deutsch vor. Es ist ein genialer Thriller mit gesellschaftspolitischem Hintergrund, der brisant-intelligente Hochspannung bietet: fesselnd, gefühlvoll und vom ersten bis zum letzten Satz überraschend.

 

Kerstin, Lektorat Unterhaltung

Ellen Marie Wiseman »Eine bittere Gabe«

»Nur noch selten kommen mir beim Lesen die Tränen, doch das Schicksal der kleinen Lilly hat mich zutiefst berührt und tagelang nicht mehr losgelassen. Ich habe ihre Einsamkeit gespürt, die sie empfindet, weil sie so einzigartig ist, aber auch ihre Glückseligkeit, wenn sie mit den Elefanten JoJo und Pepper in der Manege tanzt, und ihren Mut, als sie ihr Herz der Liebe öffnet. Und dachte: Wie gern würde ich dieser ungewöhnlichen jungen Frau einmal begegnen«

 

»Weil die Heldin Susan Green trotz ihrer harten Schale eine so liebenswerte Figur ist. Weil dieser Roman die wundervolle Geschichte erzählt, wie Susan alle ihre ›Stacheln‹ abwirft und zu ihrer eigenen Überraschung lernt, dass sie liebenswert ist. Weil Susans Schicksal uns zu Tränen rührt und gleichzeitig zum Lachen bringt. Und vor allem, weil uns dieser Roman daran erinnert, tolerant mit uns selbst und unseren Mitmenschen zu sein – denn: Sind wir nicht alle manchmal ein Kaktus?«

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»Was passiert mit einem jungen Mädchen, das von seiner Mutter verlassen wurde und mit Vater und Bruder vom grünen Tennessee in das raue Brooklyn der 70er Jahre ziehen muss? Sie wird konfrontiert mit einer Nachbarschaft von Gewalt und Rassismus und träumt von einem anderen Ort. Einem anderen Brooklyn. Aber dank ihrer Freundinnen gibt es sie doch, die unbeschwerten Momente. Gemeinsam tanzen sie im Wasser sprudelnder Hydranten gegen die Verzweiflung und ziehen durch die Straßen Brooklyns als würden sie ihnen gehören. Ihre Freundschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen sie unantastbar gegen lüsternen Blicke und Kriminellen der Stadt. 
Vieles bleibt unausgesprochen in diesem schmalen Buch. Aber Jacqueline Woodson kontrastiert diese bedrückenden Erfahrungen mit poetischen kurzen Absätzen, die so stark in ihrer Wortwahl sind, dass dennoch alles gesagt ist.«

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Unsere Buchtipps für Sie

Aktuelle und persönliche Buchempfehlungen von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag
 

»Die Geschichte zweier Freundinnen, deren Leben nicht enger verwoben sein könnten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich Strömungen, die sie auseinanderzureißen drohen.«

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Christiane, Digitale Medien:

Edith Wharton »Winter«

»Kalt wie der Winter in Neuengland ist diese Geschichte, die von einer Liebe erzählt, die nicht sein darf - ein Klassiker der amerikanischen Literatur.«

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Anja, Lektorat Sachbuch:

Philip Norman »Paul McCartney«

 

»Von Liverpool in die Welt - Paul McCartneys beispiellose Karriere umfasst ein halbes Jahrhundert Popgeschichte. Beatles-Experte Philip Norman hat seine Geschichte aufgeschrieben - für alle Fans und solche, die es werden wollen.«

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Sophie, Art Direktion:

Kevin Kuhn »Liv«

 

»Ein virtuoses Buch für alle, die sich mal dem Analogen widmen wollen, aber die Sucht nach dem Digitalen doch nicht ganz aufgeben können.«

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Kerstin von Dobschütz, Programmleiterin Lektorat Unterhaltung:

Lydia Conradi »Das Haus der Granatäpfel«

 

»Für alle Leserinnen, die  in die Welt des Orients entfliehen und sich von einer tragischen Liebesgeschichte mitreißen lassen wollen - sinnlich, prall und exotisch - das perfekte Geschenk für die beste Freundin!«

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Lisa, Lektorat Fantasy:

F. I. Thomas »Glühender Zorn«

 

»Sechs Magier, sechs Novizen - und ein intrigenreicher Kampf um die Vorherrschaft nimmt seinen Lauf! Ein hochspannender High-Fantasy-Roman, der mit packenden Kämpfen, knisternder Magie und Drachenfeuer alles andere vergessen lässt!«

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Susanne, Lektorat Literatur:

Gerry Hadden »Alles wird unsichtbar«

 

»Bronx in den 70er Jahren: Die bewegende Geschichte eines weißen Jungen, der von Afrocubanern adoptiert wurde und am Tiefpunkt seines Lebens eine zweite Chance erhält: Packend, authentisch und voller Musik!«

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Bettina Feldweg, Programmleiterin Lektorat Malik:

Markus Steiner »Weltherz«

 

»Markus Steiners poetischer Reisebericht erzählt davon, wie weit die Sehnsucht nach Veränderung tragen kann - nach Israel und Indien, bis in den Himalaja und durch ganz Australien.«

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Margret, Lektorat Malik:

Nils Straatmann »Auf Jesu Spuren«

 

»Nils Straatmanns origineller Roadtrip zu unseren religiösen Wurzeln und zu den Menschen im Nahen Osten bietet perfekten Stoff, um sich packen zu lassen, zu schmunzeln, aber auch mal wieder innezuhalten.«

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»Eine ehrliche und berührende Geschichte über das Anderssein und zwei ungleiche Brüder, die dennoch ein starkes Team sind – authentisch und mitreißend heiter!«

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Elisabeth, Lizenzen:

Susan Kreller »Pirasol«

 

»Ein berührendes Familiendrama über eine stille Frau, die erst im hohen Alter ihre eigene Stimme findet - ein Buch, das wegen seiner besonderen Sprache und bewegenden Bilder lange im Gedächtnis bleibt.«

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Isabel, Lektorat Unterhaltung:

Hillary Jordan »Mudbound«

 

»Ein Buch, das bewegt und auch nach der letzten Seite noch lange nachhallt: Hillary Jordan zeichnet ein Porträt zweier Familien, die in den Südstaaten der 1940er Jahre trotz aller Widerstände nach Freiheit und Liebe streben.«

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»Margaret Atwoods großartiger Roman in einer wunderschönen Geschenkausgabe. Die ist für jedes Bücherregal unverzichtbar!«

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»Ein rotes Kleid, das für eine junge Marrokanerin so viel mehr ist als nur ein Kleidungsstück. Es wird für sie zum Symbol von Sehnsucht, Weiblichkeit, Mut und Freiheit. Wird sie wagen, es zu tragen?«

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Anna, Volontärin Lektorat Literatur:

Elena Stancanelli »Die nackte Frau«

 

»Davide schlief also mehr oder weniger mit allen Frauen, die er kannte, und hatte sich obendrein in eine von ihnen verliebt, aber das hinderte ihn keineswegs daran, weiter mit mir zusammen zu sein.‹ – Das mitreißende Psychogramm einer Frau, die durchdreht: eindringlich, offen, irrwitzig!«

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Karin, Lektorat Fantasy:

S. Jae-Jones »Wintersong«

 

»Ein magisches, düsteres und romantisches Buch – perfekt für die kalte Jahreszeit!«

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Buchblog
15. März 2018
Buchtipps Romane
Lesen Sie persönliche Buchtipps zu unseren aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.
News
28. März 2018
Jacqueline Woodson erhält den Astrid Lindgren Memorial Award 2018
Der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotierte Preis (ca. 500.000 Euro) gilt als international wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchblog
21. März 2018
Debütromane entdecken
Thekla Chabbi, Co-Autorin von Martin Walsers »Ein sterbender Mann« legt mit »Ein Geständnis« ein beeindruckendes Debüt vor.
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Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

 

Sie haben gerade einen tollen Roman ausgelesen und brauchen schnell Nachschub? Oder Sie suchen ein wirklich gutes Buch zum Verschenken? Lassen Sie sich von unseren Buchempfehlungen für jeden Geschmack und jedes Interesse inspirieren.  Unsere »Experten« sind allesamt Menschen, die ihr Hobby Lesen zum Beruf gemacht haben, eine fundierte Bücherkenntnis besitzen und in jedem Genre zuhause sind.
 

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sowie Buchempfehlungen für 2018.

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