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Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Sonntag, 04. September 2022 von Piper Verlag


Buchtipps 2022

Die Fortsetzung seines Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“

„John Boyne ist ein Schriftsteller, der sich mit jedem Roman neu erfindet. Mit „Als die Welt zerbrach“ hat er sich allerdings etwas ganz Besonderes vorgenommen: eine Fortsetzung seines Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (den man indes nicht kennen muss, um den neuen Roman zu verstehen).

Im Mittelpunkt steht eine alte Dame in London,deren Lebensgeschichte sich als so faszinierende wie tiefgründige Reflexion über die Frage nach der Unausweichlichkeit einer Schuld liest, die sie einst als Mädchen auf sich geladen hat." Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Als die Welt zerbrachAls die Welt zerbrach

Roman

Die lang erwartete Fortsetzung des Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“
1946. Drei Jahre nach dem katastrophalen Ereignis, das ihre Familie zerriss, fliehen eine Mutter und ihre Tochter von Polen nach Paris. Blind vor Sorge und Schuldgefühlen ahnen sie nicht, wie schwer es ist, der Vergangenheit zu entkommen.

Fast achtzig Jahre später führt Gretel Fernsby in ihrem Londoner Villenviertel ein ruhiges Leben, Welten entfernt von der traumatischen Kindheit. Als eine junge Familie in die Wohnung unter ihr zieht, hofft sie, dass die eingespielte Hausgemeinschaft nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Doch der neunjährige Henry weckt Erinnerungen, denen sie sich nicht stellen will.

Gretel steht plötzlich vor der Wahl zwischen ihrer eigenen und Henrys Sicherheit. Gewinnt die Verantwortung, oder macht sie sich mitschuldig, wie damals? Wenn sie jetzt eingreift, riskiert sie, Geheimnisse preiszugeben, die sie ein Leben lang gehütet hat …

Psychologisch höchstpräzise erzählt John Boyne davon, wie sich eine nicht eingestandene Schuld zu einer zerstörerischen Kraft entwickelt, die mit jedem verstreichenden Lebensjahr schwerer wiegt.

Teil 1

Die Tochter des Teufels

London 2022/Paris 1946


1

Wenn jeder Mensch, wie Voltaire behauptet, die Schuld an all dem Guten trägt, das er nicht getan hat, dann habe ich fast ein Leben lang damit verbracht, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich keine Schuld an all dem Schlechten trage. Dies zu tun war eine angenehme Art, die Jahrzehnte der selbst auferlegten Verbannung aus der Vergangenheit zu ertragen und mich als Opfer historischer Amnesie zu betrachten, freigesprochen von Mittäterschaft, von keiner Verantwortung belastet.

Die letzte Episode meines Lebens beginnt und endet jedoch ganz trivial mit einem Teppichmesser. Meines war ein paar Tage zuvor kaputtgegangen, und da ich ein solches Werkzeug in der Küche für nützlich hielt, stattete ich dem Haushaltswarenladen um die Ecke einen Besuch ab und kaufte ein neues. Bei meiner Rückkehr fand ich den Brief eines Maklers vor, der mich und alle anderen Bewohner von Winterville Court höflich darüber informierte, dass die Wohnung im Erdgeschoss – jene unter meiner – demnächst verkauft werde. Mr Richardson, der vorherige Eigentümer von Apartment eins, hatte gut dreißig Jahre dort gelebt und war kurz vor Weihnachten gestorben. Seitdem stand die Wohnung leer. Seine Tochter lebte als Logopädin in New York und hatte meines Wissens nicht vor, nach London zurückzukehren, weshalb ich mich bereits mit der Vorstellung abgefunden hatte, mich demnächst in der Lobby mit einem fremden Menschen unterhalten zu müssen, womöglich sogar Interesse an seinem oder ihrem Leben zu heucheln und Details über mein eigenes preiszugeben.

Mr Richardson und ich hatten das perfekte nachbarschaftliche Verhältnis gepflegt, schließlich hatten wir seit 2008 kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. In den ersten Jahren nach seinem Einzug hatten wir uns eigentlich gut verstanden, und er war gelegentlich zu uns heraufgekommen, um mit meinem inzwischen verstorbenen Mann Edgar eine Partie Schach zu spielen, aber irgendwie hatten er und ich es nie bis zum Du geschafft. Er redete mich mit „Mrs Fernsby“ an, ich nannte ihn „Mr Richardson“. Das letzte Mal, dass ich seine Wohnung betreten hatte, war vier Monate nach Edgars Tod gewesen, als ich eine Einladung zum Abendessen von ihm angenommen hatte. Allerdings entpuppte sich diese als amouröser Annäherungsversuch, den ich zurückwies. Er nahm mir die Ablehnung übel, und wir wurden zu Fremden, soweit das eben möglich ist für zwei Menschen, die im selben Haus wohnen.

Unser Haus im Stadtteil Mayfair wird offiziell als „Mehrfamilienhaus“ geführt, aber das ist in etwa so, als würde man Windsor Castle als den Wochenendbungalow der Queen bezeichnen. Jede der Wohnungen in unserem Gebäude – es gibt insgesamt fünf, eine im Erdgeschoss und je zwei in den beiden Etagen darüber – erstreckt sich über einhundertvierzig Quadratmeter allerfeinster Londoner Wohnlage, hat drei Schlafzimmer, zweieinhalb Bäder und einen Blick über den Hyde Park, der den Kaufpreis auf zwei bis drei Millionen Pfund treibt, wie ich aus sicherer Quelle weiß. Einige Jahre nach unserer Hochzeit hatte Edgar überraschend eine beträchtliche Summe Geld von einer unverheirateten Tante geerbt, und obwohl er es vorgezogen hätte, in eine ruhigere Gegend außerhalb Londons zu ziehen, war ich nach einigen im Stillen eingeholten Erkundigungen zu dem Entschluss gekommen, unbedingt in Mayfair wohnen zu wollen – und nicht bloß in Mayfair, sondern genau in diesem Haus, sofern möglich. Aus Geldgründen hatte dies lange unwahrscheinlich geschienen, aber dann, eines Tages, wie ein Deus ex Machina, war Tante Belinda von uns gegangen, und alles änderte sich. Ich hatte Edgar immer erklären wollen, warum ich so versessen darauf war, hier zu wohnen, aber irgendwie tat ich es nie. Heute bereue ich das.

Mein Mann war ein Kindernarr, aber ich wollte höchstens eins, und so kam 1961 unser Sohn Caden zur Welt. Seit einigen Jahren, in denen der Wert der Wohnung stetig gestiegen ist, ermutigt mich Caden dazu, sie doch zu verkaufen und mir etwas Kleineres in einem weniger exklusiven Stadtteil zu suchen. Er tut das vermutlich, weil er fürchtet, dass ich hundert werden könnte, und weil er einen Teil seines Erbes gern jetzt schon hätte, solange er noch jung genug ist und ihn genießen kann. Er war dreimal verheiratet und ist jetzt zum vierten Mal verlobt, allerdings habe ich es aufgegeben, mich mit den Frauen in seinem Leben näher zu beschäftigen. Kaum hat man sie kennengelernt, so mein Eindruck, werden sie entsorgt, und ein moderneres Modell wird installiert, dessen Marotten man erst zeitaufwendig herausfinden muss, fast wie bei einer neuen Waschmaschine oder einem Fernseher. Als Kind ist Caden mit seinen Freunden ähnlich skrupellos umgesprungen. Wir telefonieren regelmäßig, und er besucht mich alle zwei Wochen zum Abendessen, aber unser Verhältnis ist kompliziert und leidet teilweise unter dem Schaden, den es durch meine einjährige Abwesenheit genommen hat, als er neun war. Um ehrlich zu sein, bin ich einfach kein Kindertyp, und besonders kleine Jungen finde ich schwierig.

Bei meinen potenziellen neuen Nachbarn war meine Sorge nicht so sehr, dass sie Lärm machen könnten – die Wohnungen sind trotz einiger Schwachstellen hier und da sehr gut gedämmt, außerdem habe ich mich über die Jahre an die Palette seltsamer Geräusche gewöhnt, die durch Mr Richardsons Decke zu mir nach oben gedrungen sind –, aber ich hasste die Aussicht, dass mein geordnetes Leben aus dem Tritt geraten könnte. Am liebsten wäre mir jemand gewesen, der sich für die über ihm wohnende Frau gar nicht interessierte. Ein kranker alter Mensch vielleicht, der fast nie das Haus verließ und zu dem jeden Morgen der Pflegedienst kam. Oder eine junge Karrierefrau, die freitagnachmittags ins Wochenendhaus verschwand, sonntags erst spät wiederkam und ihre Zeit ansonsten im Büro oder Fitnessstudio verbrachte. Im Haus hatte kurzzeitig das Gerücht kursiert, dass ein bekannter Popmusiker, der in den Achtzigerjahren den Höhepunkt seiner Karriere erlebt hatte, die Wohnung als möglichen Alterssitz ins Auge gefasst hätte, aber glücklicherweise wurde daraus nichts.

Jedes Mal, wenn der Makler draußen hielt und Kunden ins Haus führte, um ihnen die Wohnung zu zeigen, zuckten meine Vorhänge, und ich machte mir Notizen zu meinen möglichen Nachbarn. Unter den Interessenten waren: ein vielversprechendes Ehepaar Anfang siebzig mit leisen Stimmen, das Händchen haltend fragte – ich lauschte im Treppenhaus –, ob denn Tiere im Haus erlaubt seien, und enttäuscht wirkte, als die Antwort Nein lautete; zwei Homosexuelle um die dreißig, garantiert unverschämt reich, jedenfalls nach ihrer zerfetzten Kleidung und dem insgesamt ungepflegten Eindruck zu schließen, die aber erklärten, dass der Space vermutlich etwas klein für sie sei und sein Narrativ sie nicht anspreche; und eine junge Frau mit schlichtem Gesicht, die nichts über ihre Absichten verlauten ließ, außer dass jemand namens Steven die hohen Decken sicher toll fände. Natürlich hoffte ich auf die beiden Schwulen – Schwule sind gute Nachbarn und Nachwuchs ist bei ihnen unwahrscheinlich –, doch sie zeigten sich von allen leider am wenigsten begeistert.

Nach ein paar Wochen schließlich brachte der Makler keine Interessenten mehr vorbei, die Anzeige verschwand aus dem Internet, und ich nahm an, dass man sich einig geworden war. Ob es mir gefiel oder nicht, eines Morgens würde ich aufwachen, vor dem Haus einen Umzugswagen sehen, und jemand oder eine Gruppe von Jemands würde einen Schlüssel ins Haustürschloss stecken, um die Wohnung unter mir zu beziehen.

Oh, wie ich die Vorstellung hasste!


2

Mutter und ich flohen Anfang 1946 aus Deutschland, nur wenige Monate nach Kriegsende, ein Zug brachte uns aus den Trümmern von Berlin nach Paris. Ich war fünfzehn, wusste wenig vom Leben und tat mich immer noch schwer damit, dass die Achsenmächte besiegt worden waren. Vater hatte immer mit solch einer Überzeugung von der genetischen Vorherrschaft unserer Rasse und dem unvergleichlichen strategischen Talent des Führers gesprochen, dass der Sieg stets eine Gewissheit gewesen war. Und doch hatten wir aus irgendeinem Grund verloren.

Die mehr als tausend Kilometer weite Reise quer über den Kontinent stimmte nicht gerade optimistisch für die Zukunft. Die Städte, durch die wir kamen, waren gezeichnet von der Zerstörung der letzten Jahre. In den Gesichtern der Leute auf den Bahnhöfen und in den Waggons sah ich keine Freude über das Ende des Kriegs, sondern bloß seine Wunden. Überall spürte man Erschöpfung und die zunehmende Einsicht, dass Europa nicht einfach in den Zustand von 1938 zurückkehren konnte, sondern vollständig neu aufgebaut werden musste, genau wie der Lebensmut seiner Einwohner.

Die Stadt meiner Geburt lag fast vollständig in Schutt und Asche, und vier unserer Eroberer teilten nun die Beute unter sich auf. Zu unserem Schutz hatten wir uns in den Kellern der wenigen wahren Getreuen versteckt, deren Häuser noch standen, bis man uns die gefälschten Papiere beschafft hatte, die uns die sichere Ausreise aus Deutschland ermöglichten. In unseren Pässen stand nun der Name Guéymard, dessen Aussprache ich immer wieder übte, damit es so französisch wie möglich klang. Mutter musste ich ab sofort Nathalie nennen, nach meiner Großmutter, ich aber blieb Gretel.

Täglich kamen neue Details über die Vorgänge in den Lagern ans Licht, und Vaters Name wurde zum Inbegriff von Verbrechen abscheulichster Natur. Obwohl niemand behauptete, wir seien genauso schuldig wie er, glaubte Mutter, es würde uns ins Unglück stürzen, sollten wir uns den Behörden stellen. Ich stimmte ihr zu, weil auch ich Angst hatte, aber der Gedanke, man könnte mich zur Mittäterin an den Gräueltaten erklären, schockierte mich. Es stimmte, dass ich seit meinem zehnten Geburtstag Mitglied im Jungmädelbund gewesen war – wie aber auch jedes andere Mädchen in Deutschland. Es war schließlich Pflicht, genau wie der Eintritt ins Deutsche Jungvolk es für alle zehnjährigen Jungen gewesen war. Allerdings hatten mich weit mehr als die Parteiideologie die regelmäßigen Freizeitaktivitäten mit meinen Freundinnen interessiert. Und nach unserem Umzug an jenen anderen Ort hatte ich mich nur ein einziges Mal auf der anderen Seite des Zauns aufgehalten, an dem Tag, als mein Vater mich mit ins Lager genommen hatte, um mir seine Arbeit zu zeigen. Ich redete mir ein, nur Zuschauerin gewesen zu sein, nichts weiter, dass mein Gewissen rein sei, aber die Frage nach meiner Mitschuld an den Taten, deren Zeugin ich geworden war, ließ mich nicht los.

Als unser Zug Frankreich erreichte, machte ich mir plötzlich Sorgen, dass unser Akzent uns verraten könnte. Die kürzlich befreiten Bürger von Paris waren, so rechnete ich mir aus, nach ihrer beschämend raschen Kapitulation 1940 sicher nicht gut auf Menschen zu sprechen, die redeten wie wir. Meine Sorge erwies sich als begründet, denn bei der Zimmersuche wies man uns in fünf verschiedenen Pensionen einfach ab, und das, obwohl wir mehr als genug Geld für einen längeren Aufenthalt vorweisen konnten. Erst als sich eine Frau an der Place Vendôme gnädig zeigte und uns die Adresse einer nahe gelegenen Unterkunft mitteilte, deren Vermieterin keine Fragen stelle, fanden wir Unterschlupf. Ohne sie wären wir vermutlich die wohlhabendsten Obdachlosen der ganzen Stadt geworden.

Das Zimmer, das wir mieteten, lag im östlichen Teil der Île de la Cité. In jenen frühen Tagen blieb ich am liebsten in der Nähe und beschränkte mich darauf, in endlosen Schleifen die kurze Strecke vom Pont de Sully bis zum Pont Neuf abzuspazieren, stets ängstlich darauf bedacht, keine der Brücken zu überqueren, die mich auf unbekanntes Terrain geführt hätten. Ab und zu dachte ich an meinen Bruder, der so gern Forscher geworden wäre, und daran, mit wie viel Freude er die unbekannten Straßen durchstreift hätte, aber wie immer in solchen Momenten schob ich die Erinnerung an ihn rasch beiseite.

Mutter und ich lebten schon seit zwei Monaten auf der Île, als ich endlich den Mut aufbrachte, mich zum Jardin du Luxembourg zu wagen. Beim Anblick der Pflanzenpracht hatte ich das Gefühl, im Paradies gelandet zu sein. Was für ein Unterschied, dachte ich, zu unserer Ankunft an jenem anderen Ort, wo uns die trostlose Ödnis fast erdrückt hatte. Hier atmete man den Duft des Lebens; dort erstickte man am Gestank des Todes. Wie benommen ging ich vom Palais zur Fontaine Médicis und von dort in Richtung des zentralen Bassins, wandte mich allerdings ab, als ich eine Bande kleiner Jungen sah, die Holzboote ins Wasser setzten und sie von der leichten Brise zu ihren Kameraden auf der anderen Seite treiben ließen. Ihr Lachen und aufgeregtes Geplapper klangen nach der bedrückenden Stille der Not, an die ich mich gewöhnt hatte wie eine verstörende Musik. Es schien unfassbar, wie ein und derselbe Kontinent solche Extreme von Schönheit und Hässlichkeit in sich vereinen konnte.

Eines Nachmittags, als ich auf einer Bank neben dem Boulodrome Schutz vor der Sonne suchte, überwältigten mich plötzlich Trauer und Schuldgefühle, und mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ein hübscher Junge, vielleicht zwei Jahre älter als ich, blieb mit besorgter Miene vor mir stehen und fragte, was los sei. Ich sah auf und spürte sofort ein leises Sehnen in mir, wünschte mir, er würde mich in die Arme schließen oder mir erlauben, meinen Kopf an seine Schulter zu lehnen. Doch als ich antwortete, fiel ich zurück in alte Sprachmuster, mein deutscher Akzent überwältigte mein Französisch, und der Junge wich einen Schritt zurück, offene Verachtung im Gesicht, ehe er all seiner Wut auf mich und meinesgleichen freien Lauf ließ und mir heftig ins Gesicht spuckte. Dann marschierte er davon. Seltsamerweise minderte seine Tat meine Sehnsucht nach Berührung keineswegs, sondern verstärkte sie noch. Nachdem ich mir die Wangen abgewischt hatte, rannte ich ihm nach, packte ihn am Arm und bot ihm an, mit mir ins Dickicht der Bäume zu gehen, wo er mit mir machen dürfe, was immer er wolle.

„Du darfst mir wehtun, wenn du willst“, flüsterte ich und stellte mir mit geschlossenen Augen vor, wie er mich hart ohrfeigte, mir die Faust in den Magen stieß, mir die Nase brach.

„Warum willst du das?“, fragte er, in seiner Stimme eine Unschuld, an die man angesichts seiner Schönheit kaum glauben mochte.

„Damit ich spüre, dass ich am Leben bin.“

Er wirkte erregt und angewidert zugleich und blickte sich nach möglichen Zuschauern um, ehe er zu dem Wäldchen hinübersah, auf das ich gezeigt hatte. Kurz fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und betrachtete die Rundung meiner Brüste, aber als ich nach seiner Hand griff, empfand er dies offensichtlich als Beleidigung und nannte mich eine Putain. Dann rannte er aus dem Park und verschwand in der Rue Guynemer.

Bei gutem Wetter lief ich schon frühmorgens durch die Straßen und kehrte erst in unsere Wohnung zurück, wenn Mutter schon zu betrunken war, um mich nach meinem Tag zu fragen. Die Eleganz, die ihr in ihrem früheren Leben zu eigen gewesen war, verblasste mittlerweile. Aber sie war immer noch eine attraktive Frau, und ich fragte mich, ob sie sich insgeheim nach einem neuen Mann sehnte, jemandem, der für uns beide sorgen könnte. Allerdings wirkte es auf mich nicht so, als wäre sie auf Liebe oder auch nur Gesellschaft aus, eher schien sie mit ihren Gedanken allein bleiben zu wollen, während sie von Bar zu Bar zog. Wenn sie trank, wurde sie still. Sie saß mit ihrer Weinflasche stets in einer düsteren Ecke und kratzte an unsichtbaren Kerben im Holz der Tischplatte herum, immer darauf bedacht, auf keinen Fall eine Szene zu machen, wegen der man sie hätte hinauswerfen können. Einmal kreuzten sich unsere Wege, als gerade die Sonne über dem Bois de Boulogne unterging. Sie schwankte auf mich zu, griff meinen Arm und fragte mich nach der Uhrzeit, wobei sie gar nicht zu bemerken schien, dass sie mit ihrer eigenen Tochter sprach. Als ich antwortete, lächelte sie erleichtert, da die Bars noch ein paar Stunden offen sein würden, und ging dann in Richtung der verführerisch hellen Lichter weiter, die auf der Île funkelten. Ob sie wohl merken würde, fragte ich mich, wenn ich plötzlich aus ihrem Leben verschwände?

Wir schliefen im selben Bett, und ich hasste es, neben ihr aufzuwachen und ihren stinkenden Atem zu riechen, eine widerliche Mischung aus Alkohol und Schlaf. Sobald sie die Augen öffnete, setzte sie sich kurz verwirrt auf. Dann kehrten die Erinnerungen zurück, sie schloss die Augen wieder und ließ sich, wenn es ihr gelang, erneut in den Zustand der Besinnungslosigkeit hinabgleiten. Wenn sie das unsägliche Tageslicht schließlich nicht länger ignorieren konnte und sich unter der Decke hervorquälen musste, wusch sie sich flüchtig im Waschbecken, zog sich ein Kleid über und ging aus dem Haus, glücklich, den neuen Tag genau so zu verleben wie den davor und den davor und den davor.

Unser Geld und unsere Wertsachen bewahrte sie in einem alten Ranzen hinten im Schrank auf, und ich musste mitansehen, wie unser kleines Vermögen langsam schwand. Eigentlich ging es uns gut – dafür hatten die wahren Getreuen gesorgt –, aber Mutter weigerte sich, mehr Geld für unsere Unterbringung auszugeben, und schüttelte somit jedes Mal den Kopf, wenn ich vorschlug, dass wir uns eine eigene kleine Wohnung in einem günstigeren Stadtteil suchen sollten. Es schien, als folgte sie in ihrem Leben jetzt einem einfachen Plan: sich die Albträume wegzutrinken. Solange sie ein Bett zum Schlafen und eine Flasche Wein hatte, war ihr der Rest egal. Was für ein Unterschied zu der Frau, in deren Arme ich mich in meinen ersten Lebensjahren so gern geworfen hatte, jene bezaubernde Dame der gehobenen Gesellschaft, die wie ein Filmstar stets die angesagteste Frisur und die feinsten Kleider trug.

Diese beiden Frauen hätten verschiedener nicht sein können. Sie hätten sich gegenseitig verachtet.


3

Jeden Dienstagmorgen überquere ich den Hausflur, um meine Nachbarin Heidi Hargrave zu besuchen, die in Apartment drei wohnt. Heidi wird im Dezember neunundsechzig, am Tag von Mariä Empfängnis, was ein reichlich ironisches Datum ist, da sie ihre leiblichen Eltern nie kennengelernt hat und sofort nach der Geburt adoptiert wurde. Heidi ist die einzige Bewohnerin von Winterville Court, die ihr gesamtes Leben hier verbracht hat. Von der Entbindungsstation kam sie direkt nach Mayfair, wo der Hyde Park für sie in ihrer Kindheit ein einziger großer Spielplatz war. Als Teenagerin wurde sie schwanger, heiratete aber nie, und nach dem Tod ihrer Adoptiveltern erbte sie ihr Vermögen.

Obwohl dreiundzwanzig Jahre jünger als ich, ist sie weit weniger fit, und das körperlich wie geistig. Sie hat dreißig Jahre lang am Londoner Marathon teilgenommen, bis sie mit dem Laufen aufhören musste, weil sie am linken Fuß eine schmerzhafte Läuferferse entwickelte, wegen der sie noch heute nachts eine Schiene trägt und regelmäßig Kortisonspritzen bekommt. Ein schwerer Schlag für eine so aktive Frau, und ich frage mich, ob dies zu dem schleichenden Verfall ihrer geistigen Kräfte beigetragen hat. Schließlich stand sie zuvor voll im Leben und war eine hoch angesehene Augenärztin, aber jetzt neigt sie im Gespräch zum Abschweifen. Ihr Zustand ist Gott sei Dank nicht so schlimm wie bei Demenz oder Alzheimer, aber sie agiert mitunter etwas wirr, vergisst, worüber wir gerade eigentlich reden, verwechselt Namen und Orte oder springt so abrupt zum nächsten Thema, dass man kaum mitkommt.

An diesem Dienstagmorgen blätterte sie gerade einige alte Fotoalben durch, als ich kam, und ich hoffte, sie nicht zusammen mit ihr ansehen zu müssen. Ich selbst besitze keine solchen Alben, und ich habe auch nie recht verstanden, warum Menschen sich die Wohnung mit Familienbildern vollstellen. Bei mir stehen nur zwei: ein silbergerahmtes Foto von Edgar und mir, aufgenommen an unserem Hochzeitstag, und ein Bild von Caden bei seinem Abschluss an der Uni. Und auch diese beiden habe ich wohlgemerkt nicht aus emotionalen Gründen aufgestellt, sondern weil man es so von mir erwartet.

Davon abgesehen versteckt sich in einem Fach meines Kleiderschranks ganz hinten eine antike Seugnot-Schmuckschatulle aus Obstholz mit polierten Messingkanten und funktionierendem Schloss, die ich 1946 auf einem Markt in Montparnasse gekauft habe. Ich bewahre ein einziges Foto darin auf, und obwohl ich es mir seit mehr als fünfundsiebzig Jahren nicht angeschaut habe, glaube ich mich gut an das Bild zu erinnern. Ich bin darauf zwölf Jahre alt, und meine Augen sind zum Fotografen gerichtet, mit dem ich nach Kräften kokettiere, denn hinter der Kamera steht Kurt, den Finger auf dem Auslöser, den Blick auf mich geheftet, während ich versuche, meine Leidenschaft für ihn zu verbergen. Er steht ganz aufrecht da, in Uniform, und ich bin hin und weg von seiner schlanken, muskulösen Statur, den blonden Haaren und blassblauen Augen. Ich spüre sein zögerliches Interesse und bin wild entschlossen, es anzufachen.

„Schau mal, Gretel“, sagte Heidi und zeigte mir das Bild eines intelligent aussehenden Mannes am Strand, die Hände in die Hüften gestemmt, im Mund lässig eine Holzpfeife. „Das ist Billy Sprat. Tänzer und russischer Spion.“

„Ach ja?“, sagte ich und schenkte uns Tee ein. Ich fragte mich, ob diese Geschichte wohl ihrer Fantasie entsprungen war – vielleicht hatte sie gestern Abend einen alten James-Bond-Film gesehen und war im Agentenfieber –, allerdings konnte es angesichts der Zeit, aus der das Foto stammte, durchaus der Wahrheit entsprechen. Damals scheint es in England vor russischen Spionen nur so gewimmelt zu haben.

„Billy war ein Freund von meinem Vater. Sie haben ihn dabei erwischt, wie er dem KGB Informationen verkauft hat“, fügte sie aufgeregt hinzu. „Der Geheimdienst wollte ihn schon hochnehmen, aber Billy hat gemerkt, dass seine Tarnung aufgeflogen war, und ist nach Moskau abgehauen. Aufregend, nicht wahr?“

„O ja“, stimmte ich zu. „Und wie.“

„Man hätte darauf bestehen sollen, dass er sich hier vor Gericht verantwortet. Es gibt nichts Schlimmeres als Verbrecher, die ohne Strafe davonkommen.“

Ich erwiderte nichts und sah zum Kaminsims, auf dem eine eckige Uhr aus glänzendem Messing stand, daneben ein paar kleine Porzellanfiguren, die Heidi zu ihren Schätzen zählte.

„Mochtest du die Russen früher?“, fragte sie und nippte an ihrer Tasse. „In den Sechzigern fand ich ja, dass die Idee vom brüderlichen Teilen was hatte. Aber als sie dann angefangen haben, ihre Atomraketen in unsere Richtung zu drehen, fand ich die Sache nicht mehr so toll. Einen weiteren Krieg braucht ja wohl keiner, oder?“

„Ich halte mich aus der Politik raus“, antwortete ich und strich Butter auf zwei warme Scones, von denen ich eins Heidi gab. „Ich habe gesehen, was Krieg mit den Menschen macht.“

„Stimmt, du warst ja damals schon auf der Welt.“

„In den Sechzigern?“, fragte ich. „Ja. Du aber auch, Heidi.“

„Nein, ich meinte, davor. Im Krieg. Im … Wie heißt der noch?“

„Im Zweiten Weltkrieg.“

„Genau.“

„Ja.“ Wir hatten uns schon öfter über den Krieg unterhalten, sogar sehr oft, aber ich hatte selten im Detail aus meiner Vergangenheit erzählt, und wenn doch einmal, waren die Sachen meist erfunden. „Aber ich war damals noch ein Mädchen.“

Heidi legte das Album beiseite und drehte sich mit einem schelmischen Blitzen in den Augen zu mir. „Irgendwas Neues von unten?“

Ich schüttelte den Kopf. In Momenten wie diesem war ich froh über ihre plötzlichen Themensprünge.

„Noch nicht“, sagte ich und wischte mir mit einer Serviette die Krümel vom Mund. „Im Süden nichts Neues.“

„Da werden doch wohl keine Farbigen einziehen?“, fragte sie, worauf ich die Stirn runzelte. Heidis zunehmende Verwirrung äußert sich bisweilen auf verstörende Weise darin, dass sie Ausdrücke verwendet, die mittlerweile zu Recht als unangemessen gelten und die sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte wohl nie benutzt hätte. Ich vermute, es ist die Sprache ihrer Jugend, die sich in den sich langsam auflösenden Teilen ihres Gehirns breitmacht. Es ist erstaunlich: Sie kann nicht enden wollende Geschichten aus ihrer Kindheit erzählen, aber sobald man sie fragt, was sie letzten Mittwoch gemacht hat, senkt sich der Nebel.

„Es könnten alle möglichen Leute einziehen“, erwiderte ich. „Wir werden es erst wissen, wenn sie da sind.“

„Viele Jahre hat ein wunderbarer Mann da gewohnt.“ Sie strahlte jetzt. „Ein Historiker. Er hat an der University of London gelehrt.“

„Nein, Heidi, das ist Edgar, den du meinst. Mein Mann. Er hat zusammen mit mir gleich gegenüber gewohnt.“

„Ach ja.“ Sie zwinkerte mir zu, als teilten wir ein Geheimnis. „Du hast recht. So ein Gentleman. Und immer elegant gekleidet. Ich habe ihn nie ohne Hemd und Krawatte gesehen, glaube ich.“

Ich musste lächeln. Es stimmte, dass Edgar stets sehr viel Wert auf sein Äußeres gelegt und sich selbst an Feiertagen nur ungern „leger“ angezogen hatte. Wegen seines Menjoubärtchens hatten manche behauptet, er sähe aus wie Clark Gable. Ein durchaus gerechtfertigter Vergleich.

„Ich wollte ihn mal küssen“, fuhr sie mit Blick zum Fenster fort, und an der Art, wie sie es sagte, merkte ich, dass sie vergessen hatte, mit wem sie sprach. „Natürlich war er deutlich älter als ich, aber das war mir egal. Er hatte eh kein Interesse. Hat mich abblitzen lassen. Weil er seine Frau liebe, wie er gesagt hat.“

„Ach wirklich?“, sagte ich leise und stellte mir die Szene vor. Es überraschte mich nicht, dass Edgar sich nie die Mühe gemacht hatte, mir von dem Zwischenfall zu erzählen.

„Er hat mich sehr höflich zurückgewiesen, und ich war ihm dankbar dafür. Mein Verhalten war ganz und gar schamlos.“

„Hat Oberon dich diese Woche eigentlich schon besucht?“ Jetzt war es an mir, das Thema zu wechseln. Oberon ist Heidis Enkel. Er ist um die dreißig, attraktiv, aber mit diesem lächerlichen Namen gestraft. (Heidis Tochter, die vor ein paar Jahren tragischerweise an Krebs gestorben ist, hatte eine Leidenschaft für Shakespeare.) Er arbeitet nicht weit von hier bei Selfridges, wo er irgendein hohes Tier ist, soweit ich weiß, und geht sehr lieb mit seiner Großmutter um. Allerdings irritiert es mich sehr, dass er in meiner Anwesenheit jedes Mal fast schreit und die Silben überdeutlich artikuliert, als wäre ich taub. Dabei bin ich keineswegs taub. Tatsächlich ist bei mir fast alles völlig in Ordnung, was angesichts meines fortgeschrittenen Alters gleichermaßen überraschend und beunruhigend ist.

„Er kommt morgen Abend“, antwortete sie. „Mit seiner Freundin. Es gibt Neuigkeiten, sagt er.“

„Vielleicht wollen sie heiraten“, mutmaßte ich.

„Vielleicht“, stimmte sie nickend zu. „Das hoffe ich. Es ist an der Zeit, dass er zur Ruhe kommt. Wie dein Caden.“

Ich hob eine Augenbraue. Caden war schon so oft zur Ruhe gekommen, dass er zu den entspanntesten Männern Englands hätte zählen müssen, aber ich beschloss, sie nicht mit dem recht unverbindlichen Bindungsverhalten meines Sohnes zu belästigen.

„Wenn du was hörst, gibst du mir Bescheid, ja?“, sagte sie zu mir gebeugt, und mein Gehirn hangelte sich zurück durchs Gespräch, auf der Suche nach der Stelle, an der sie jetzt ihr Lager aufgeschlagen hatte, zumindest bis auf Weiteres.

„Wenn ich was höre, Liebes?“, fragte ich.

„Wenn du was über die neuen Nachbarn hörst. Wir könnten eine Party für sie schmeißen.“

„Ich glaube nicht, dass sie das gut fänden.“

„Oder wenigstens einen Kuchen für sie backen.“

„Das scheint mir angemessener.“

„Was ist mit Juden?“, fragte sie nach einer ausgedehnten Pause. „Es gab Zeiten, da durften in Häusern wie diesem hier keine Juden einziehen. Aber mir ist das gleich. Ich bin allen gegenüber offen. Wenn ich ehrlich bin, fand ich Juden immer sehr freundlich. Überraschend fröhlich, wenn man mal bedenkt, was die alles durchgemacht haben.“

Ich erwiderte nichts. Als ihr kurz darauf die Augen zufielen, nahm ich ihr die Tasse aus der Hand und wusch das Geschirr ab. Ehe ich ging und die Tür hinter mir zuzog, gab ich ihr noch einen zarten Kuss auf die Stirn. Im Hausflur sah ich kurz die Treppe hinunter zu der Wohnung unter meiner. Noch war sie still wie ein Grab.

Der Roman des Jahres

„Wer „Eine Frage der Chemie“ liest, wird den Namen Elizabeth Zott nicht mehr vergessen, davon sind wir überzeugt. Sie ist Vorbild, Anregung und beste Freundin zugleich, vor allem aber ein Charakter, der aus den Buchseiten mitten in die Gegenwart zu springen scheint. Und ebenso merken wird man sich den Namen ihrer Schöpferin BONNIE GARMUS, einer in London lebenden Amerikanerin, die alle Tugenden, die angelsächsische Erzählkunst ausmachen – ein Zusammenspiel von Tiefgründig- und Zugänglichkeit, von Humor und Eleganz –, in ihrem ersten Roman auf einzigartige Weise entfaltet." Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Eine Frage der ChemieEine Frage der Chemie

Roman

„Jetzt wird es Zeit für ein enthusiastisches Lob: Dieser Debütroman vereinigt Tiefgang mit Witz! Ein großer, kluger literarischer Spaß – und ein anrührender Familienroman.“ Denis Scheck

„So einen unterhaltsamen und zugleich blitzgescheiten Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen!“ Kölner Stadt-Anzeiger 

„Klug, charmant und warmherzig. Eine wunderbare Protagonistin, das Thema Emanzipation und Selbstbestimmung, tragische Entwicklungen und ein wirklich mitreißender Plot.“ BuchMarkt Online

Elizabeth Zott ist eine Frau mit dem unverkennbaren Auftreten eines Menschen, der nicht durchschnittlich ist und es nie sein wird. Doch es ist 1961, und die Frauen tragen Hemdblusenkleider und treten Gartenvereinen bei. Niemand traut ihnen zu, Chemikerin zu werden. Außer Calvin Evans, dem einsamen, brillanten Nobelpreiskandidaten, der sich ausgerechnet in Elizabeths Verstand verliebt. Aber auch 1961 geht das Leben eigene Wege. Und so findet sich eine alleinerziehende Elizabeth Zott bald in der TV-Show „Essen um sechs“ wieder. Doch für sie ist Kochen Chemie. Und Chemie bedeutet Veränderung der Zustände ...

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, dem Übersetzerduo von Delia Owens' "Der Gesang der Flusskrebse"

„In Elizabeth Zott verliebt man sich total. Sie ist so toll und natürlich dargestellt, dass ich sie sogar gegoogelt habe: Die muss es doch wirklich geben, habe ich gedacht! Lange habe ich nicht ein so unterhaltendes, witziges und kluges Buch gelesen wie dieses.“ Elke Heidenreich

Kapitel 1

November 1961

Damals, im Jahr 1961, als Frauen Hemdblusenkleider trugen und Gartenvereinen beitraten und zahllose Kinder bedenkenlos in Autos ohne Sicherheitsgurte herumkutschierten; damals, bevor überhaupt jemand ahnte, dass es eine 68er-Bewegung geben würde, und erst recht nicht eine, von der ihre Teilnehmer die folgenden sechzig Jahre erzählen würden; damals, als die großen Kriege vorbei waren und die geheimen Kriege gerade begonnen hatten und die Menschen allmählich anfingen, neu zu denken und zu glauben, alles wäre möglich, stand die dreißigjährige Mutter von Madeline Zott jeden Morgen vor Tagesanbruch auf und war sich nur einer Sache ganz sicher: Ihr Leben war vorbei.

Trotz dieser Gewissheit begab sie sich ins Labor, um den Lunch für ihre Tochter einzupacken.

Kraftstoff fürs Gehirn schrieb Elizabeth Zott auf einen kleinen Zettel, den sie in die Lunchbox ihrer Tochter steckte. Dann hielt sie inne, den Stift in der Luft, als würde sie neu überlegen. Treib in der Pause Sport, aber lass die Jungs nicht automatisch gewinnen, schrieb sie auf einen anderen Zettel. Dann hielt sie erneut inne, klopfte nachdenklich mit dem Stift auf den Tisch. Du bildest dir das nicht nur ein, schrieb sie auf einen dritten. Die meisten Menschen sind einfach scheußlich. Die letzten beiden legte sie obenauf.

Die meisten kleinen Kinder können nicht lesen, und falls doch, sind es meist Wörter wie „Hund“ und „Maus“. Aber Madeline las bereits, seit sie drei war, und jetzt, als Fünfjährige, hatte sie schon fast den gesamten Dickens durch.

Madeline gehörte zu der Sorte Kind, die ein Bach-Konzert summen, aber sich nicht selbst die Schuhe zubinden konnte, die die Drehung der Erde erklären konnte, aber bei Tic-Tac-Toe versagte. Und das war das Problem. Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.

Madeline war sich dessen bewusst. Deshalb nahm sie unweigerlich jeden Morgen – wenn ihre Mutter das Haus verlassen hatte und ihre Nachbarsbabysitterin, Harriet, abgelenkt war – die Zettel aus der Lunchbox, las sie und legte sie dann zu all den anderen Zetteln, die sie in einem Schuhkarton ganz hinten in ihrem Schrank aufbewahrte. Sobald sie in der Schule war, tat sie so, als wäre sie wie alle anderen Kinder: praktisch des Lesens unkundig. Für Madeline war Dazugehören wichtiger als alles andere. Und ihr Beweis war unwiderlegbar: Ihre Mutter hatte nie irgendwo dazugehört, und schau, wie es ihr ergangen war.

 

So lag sie in der südkalifornischen Kleinstadt Commons, wo das Wetter meistens warm war, aber nicht zu warm, und der Himmel meistens blau, aber nicht zu blau, und die Luft sauber, weil die Luft das damals einfach war, in ihrem Bett, die Augen geschlossen, und wartete. Sie wusste, bald würde ihr ein sanfter Kuss auf die Stirn gedrückt, die Bettdecke fürsorglich über die Schultern hochgezogen, „Nutze den Tag“ ins Ohr gemurmelt. Kurz darauf würde sie einen Automotor anspringen hören, das Knirschen von Reifen, wenn der Plymouth rückwärts aus der Einfahrt setzte, ein geräuschvolles Umschalten vom Rückwärtsgang in den ersten. Und dann würde ihre dauerhaft depressive Mutter zu dem Fernsehstudio fahren, wo sie sich eine Schürze umbinden und ihr Set betreten würde.

Die Sendung hieß Essen um sechs, und Elizabeth Zott war ihr unangefochtener Star.


Kapitel 2

Pine

Die ehemalige Forschungschemikerin Elizabeth Zott war eine Frau mit makelloser Haut und dem unverkennbaren Auftreten eines Menschen, der nicht durchschnittlich war und es nie sein würde.

Sie war, wie alle guten Stars, entdeckt worden. Obwohl in Elizabeths Fall kein Eiscafé eine Rolle spielte, keine Parkbank, auf der sie zufällig gesichtet wurde, keine glückliche Fügung. Stattdessen führte Diebstahl – genauer gesagt Mundraub – zu ihrer Entdeckung.

Die Geschichte war einfach: Ein Mädchen namens Amanda Pine, die das Essen auf eine Weise genoss, die manche Therapeuten für bedenklich halten, aß Madelines Lunch. Und zwar, weil Madelines Lunch ungewöhnlich war. Während die anderen Kinder ihre Sandwiches mit Erdnussbutter und Marmelade mümmelten, öffnete Madeline ihre Lunchbox und fand darin eine dicke Scheibe Lasagne vom Vortag, eine Beilage aus butterigen Zucchini, eine exotische, in Viertel geschnittene Kiwi, fünf glänzende runde Kirschtomaten, einen winzigen Morton-Salzstreuer, zwei noch warme Kekse mit Schokostückchen und eine rot karierte Thermosflasche mit eiskalter Milch.

Dieser Inhalt war der Grund, warum alle es auf Madelines Lunch abgesehen hatten, Madeline eingeschlossen. Aber Madeline bot ihn Amanda an, weil Freundschaft Opfer erfordert, aber auch, weil Amanda die Einzige in der ganzen Schule war, die sich nicht über das seltsame Kind lustig machte, das Madeline war, wie sie selbst bereits wusste.

Erst als Elizabeth bemerkte, dass Madelines Kleidung anfing, an ihrem knochigen Körper herabzuhängen wie schlechte Vorhänge, wurde sie misstrauisch. Ihren Berechnungen nach entsprach Madelines tägliche Nahrungsaufnahme genau dem, was ihre Tochter für eine optimale Entwicklung benötigte, somit war Gewichtsverlust wissenschaftlich unerklärlich. Dann vielleicht ein Wachstumsschub? Nein. Wachstum hatte sie in ihre Berechnungen einkalkuliert. Frühzeitiges Auftreten einer Essstörung? Unwahrscheinlich. Beim Abendessen futterte Madeline wie ein Scheunendrescher. Leukämie? Bestimmt nicht. Elizabeth war keine Schwarzseherin – sie war nicht der Typ Mutter, der nachts wach lag und sich ausmalte, ihre Tochter litte an einer unheilbaren Krankheit. Als Wissenschaftlerin suchte sie stets nach einer vernünftigen Erklärung, und in dem Moment, als sie Amanda Pines tomatensoßenrot verfärbte Lippen sah, wusste sie, dass sie die Erklärung gefunden hatte.

 

„Mr Pine“, sagte Elizabeth, als sie an einem Mittwochnachmittag in das örtliche Fernsehstudio und an einer Sekretärin vorbeirauschte, „ich versuche seit drei Tagen, Sie telefonisch zu erreichen, und Sie bringen nicht mal die Höflichkeit auf, mich zurückzurufen. Mein Name ist Elizabeth Zott. Ich bin Madeline Zotts Mutter – unsere Kinder gehen gemeinsam auf die Woody Elementary –, und ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass Ihre Tochter meiner Tochter unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Freundschaft vorgaukelt.“ Und weil er verwirrt wirkte, schob sie nach: „Ihre Tochter isst den Lunch meiner Tochter.“

„L…Lunch?“, brachte Walter Pine heraus, während er die Frau betrachtete, die eindrucksvoll vor ihm stand und deren weißer Laborkittel eine Aura überirdischen Lichts verbreitete, bis auf eine Kleinigkeit: die aufgestickten roten Initialen „E. Z.“ direkt über der Tasche.

„Ihre Tochter Amanda“, klagte Elizabeth erneut an, „isst den Lunch meiner Tochter. Anscheinend geht das schon seit Monaten so.“

Walter konnte sie nur anstarren. Groß und schlank, die Haare in der Farbe von leicht angebranntem gebutterten Toast nach hinten gestrichen und mit einem Bleistift festgesteckt, stand sie da, Hände in den Hüften, der Mund selbstbewusst rot, die Haut leuchtend, die Nase gerade. Sie blickte zu ihm herab wie ein Sanitäter auf einem Schlachtfeld, als würde sie abschätzen, ob es sich lohnte, ihn zu retten.

„Und die Tatsache, dass sie vorgibt, Madelines Freundin zu sein, um an ihren Lunch zu kommen“, fuhr sie fort, „ist absolut verwerflich.“

„W…Wer sind Sie noch mal?“, stammelte Walter.

„Elizabeth Zott!“, blaffte sie zurück. „Madeline Zotts Mutter!“

Walter nickte, versuchte mitzukommen. Als langjähriger Produzent nachmittäglicher Fernsehsendungen war er vertraut mit dramatischen Szenen. Aber das hier? Er starrte sie weiter an. Sie war hinreißend. Er war tatsächlich hingerissen von ihr. Wollte sie für irgendwas vorsprechen?

„Tut mir leid“, sagte er schließlich. „Aber die Krankenschwesterrollen sind schon alle vergeben.“

„Wie bitte?“, fauchte sie.

Es entstand eine lange Pause.

„Amanda Pine“, wiederholte sie.

Er blinzelte. „Meine Tochter? Oh“, sagte er plötzlich nervös. „Was ist mit ihr? Sind Sie Ärztin? Sind Sie von Ihrer Schule?“ Er sprang auf.

„Du liebe Güte, nein“, antwortete Elizabeth. „Ich bin Chemikerin. Ich bin in meiner Mittagspause den ganzen Weg vom Hastings hergekommen, weil Sie mich nicht zurückgerufen haben.“ Und als er sie weiter ratlos ansah, stellte sie klar. „Forschungsinstitut Hastings? Wo sich bahnbrechende Forschung Bahn bricht?“ Der geistlose Slogan ließ sie einmal tief ausatmen. „Es geht darum, dass ich sehr viel Sorgfalt darauf verwende, Madeline einen nahrhaften Lunch zuzubereiten, etwas, worum Sie sich doch gewiss auch für Ihr Kind bemühen.“ Und als er sie weiter nur verständnislos anstarrte, schob sie nach: „Weil Ihnen Amandas kognitive und körperliche Entwicklung am Herzen liegt. Weil Sie wissen, dass diese Entwicklung davon abhängt, ihr ein ausgewogenes Gleichgewicht von Vitaminen und Mineralstoffen zu bieten.“

„Das Problem ist, dass Mrs Pine …“

„Ja, ich weiß. Sie steht nicht zur Verfügung. Ich habe versucht, sie zu erreichen, und man sagte mir, dass sie jetzt in New York lebt.“

„Wir sind geschieden.“

„Tut mir leid, das zu hören, aber Scheidung hat wenig mit Lunch zu tun.“

„Das könnte man meinen, aber …“

„Ein Mann kann seinem Kind Lunch machen, Mr Pine. Das ist keine biologische Unmöglichkeit.“

„Völlig richtig“, pflichtete er bei und schob einen Stuhl zurecht. „Bitte, Mrs Zott, bitte, nehmen Sie Platz.“

„Ich hab was im Zyklotron“, sagte sie gereizt mit Blick auf ihre Uhr. „Sind wir uns einig oder nicht?“

„Zyklo…“

„Subatomarer Teilchenbeschleuniger.“

Elizabeth ließ den Blick über die Wände gleiten. Sie waren mit gerahmten Plakaten tapeziert, die Werbung für melodramatische Seifenopern und reißerische Spielshows machten.

„Meine Arbeit“, sagte Walter, der sich plötzlich für die Geschmacklosigkeiten schämte. „Vielleicht haben Sie schon mal eine davon gesehen?“

Sie wandte sich wieder ihm zu. „Mr Pine“, sagte sie in versöhnlicherem Ton. „Ich bedauere, dass ich weder die Zeit noch die Mittel habe, für Ihre Tochter Lunch zu machen. Wir wissen beide, dass Nahrung der Katalysator ist, der unser Gehirn in Gang setzt, unsere Familien zusammenhält und unsere Zukunft bestimmt. Und dennoch …“ Sie verstummte, und ihre Augen verengten sich, als sie das Plakat für eine Seifenoper bemerkte, auf dem eine Krankenschwester einem Patienten eine ziemlich ungewöhnliche Pflege angedeihen ließ. „Wer hat denn schon die Zeit, der ganzen Nation beizubringen, wie man Mahlzeiten zubereitet, die wirklich Gehalt haben? Ich wünschte, ich hätte sie, aber ich habe sie nicht. Sie etwa?“

Als sie sich zur Tür wandte, sagte Pine, der sie nicht gehen lassen wollte und selbst nicht recht verstand, was da gerade in ihm vorging: „Warten Sie, bitte, Moment … bitte. Was … was haben Sie da gerade gesagt? Von wegen: der ganzen Nation beibringen, wie man Mahlzeiten zubereitet, die … die wirklich Gehalt haben?“

Essen um sechs ging vier Wochen später auf Sendung. Und obwohl Elizabeth die Idee nicht unbedingt begeisternd fand – sie war schließlich Forschungschemikerin –, nahm sie den Job aus den üblichen Gründen an: Er war besser bezahlt, und sie hatte ein Kind zu versorgen.

 

Vom ersten Tag an, als Elizabeth sich eine Schürze umband und das Set betrat, war offensichtlich, dass sie „es“ hatte, wobei „es“ diese schwer fassbare Qualität war, sehenswert zu sein. Aber sie war auch ein Mensch mit Substanz, so direkt, so nüchtern, dass die Menschen nicht wussten, was sie von ihr halten sollten. Während in anderen Kochsendungen gut gelaunte Köche fröhlich ihren Sherry in sich hineinkippten, war Elizabeth Zott ernst. Sie lächelte nie. Sie scherzte nie. Und ihre Gerichte waren ebenso ehrlich und bodenständig wie sie selbst.

Nach nur sechs Monaten war Elizabeths Sendung ein immer größerer Hit. Nach einem Jahr eine Institution. Und nach zwei Jahren war klar, dass sie die verblüffende Wirkung hatte, nicht nur Eltern mit ihren Kindern zu vereinen, sondern Bürger mit ihrem Land. Man kann ohne Übertreibung feststellen, dass die gesamte Nation am Esstisch Platz nahm, wenn Elizabeth Zott mit dem Kochen fertig war.

Selbst Vizepräsident Johnson verfolgte ihre Sendung. „Sie wollen wissen, was ich denke?“, sagte er, als er einen hartnäckigen Reporter loswerden wollte. „Ich denke, Sie sollten weniger schreiben und mehr fernsehen. Fangen Sie mit Essen um sechs an – diese Zott, das ist eine patente Frau.“

Und das stimmte. Niemals hätte Elizabeth Zott erklärt, wie man winzige Gurkensandwiches oder fluffige Soufflés machte. Ihre Rezepte waren herzhaft: Eintöpfe, Aufläufe, Gerichte, die in großen Metallpfannen zubereitet wurden. Sie legte Wert auf die vier Lebensmittelgruppen. Sie glaubte an anständige Portionen. Und sie betonte, dass jedes Gericht, das die Mühe wert war, weniger als eine Stunde Mühe erfordern sollte. Sie beendete jede Sendung mit ihrem Standardspruch: „Kinder, deckt den Tisch. Eure Mutter braucht einen Moment für sich.“

Doch dann schrieb ein prominenter Reporter einen Artikel mit dem Titel: „Warum wir alles essen, was sie uns auftischt“, und bezeichnete sie beiläufig als „Leckere Lizzie“, ein Spitzname, der sowohl zutreffend als auch alliterativ war und deshalb ebenso schnell an ihr haften blieb wie an dem Papier, auf dem er gedruckt war. Von diesem Tag an nannten Fremde sie Leckere Lizzie, aber ihre Tochter Madeline nannte sie Mom, und obwohl Madeline noch ein Kind war, begriff sie, dass der Spitzname die Fähigkeiten ihrer Mutter schmälerte. Sie war Chemikerin, keine Fernsehköchin. Und Elizabeth, ihrem einzigen Kind gegenüber befangen, schämte sich.

Manchmal lag Elizabeth nachts im Bett und dachte darüber nach, wie ihr Leben diesen Verlauf hatte nehmen können. Doch das Nachdenken währte nie lange, denn in Wahrheit wusste sie es.

Sein Name war Calvin Evans.


Kapitel 3

Forschungsinstitut Hastings
Zehn Jahre zuvor, Januar 1952

Calvin Evans war ebenfalls am Forschungsinstitut Hastings angestellt, doch im Unterschied zu Elizabeth, die in beengten Verhältnissen arbeitete, hatte er ein großes Labor ganz für sich allein.

Aufgrund seiner Erfolgsbilanz stand ihm das vielleicht auch zu. Mit neunzehn hatte er bereits bedeutsame Forschungsarbeit geleistet, die dazu beitrug, dass der berühmte britische Chemiker Frederick Sanger den Nobelpreis bekam. Mit zweiundzwanzig entdeckte er ein schnelleres Verfahren, um einfache Proteine zu synthetisieren. Mit vierundzwanzig brachte ihn sein Durchbruch in Sachen Reaktivität von Dibenzoselenophen auf das Titelblatt von Chemistry Today. Außerdem hatte er sechzehn wissenschaftliche Aufsätze verfasst, Einladungen zu zehn internationalen Tagungen erhalten und eine Professur in Harvard angeboten bekommen. Die er ablehnte. Zweimal. Zum einen, weil Harvard Jahre zuvor seinen Antrag auf einen Studienplatz abschlägig beschieden hatte, und zum anderen, weil – tja, eigentlich gab es keinen anderen Grund. Calvin war ein Genie, aber wenn er einen Fehler hatte, dann war das seine Neigung, nachtragend zu sein.

Obendrein war er berüchtigt für seine Ungeduld. Wie so viele geniale Menschen konnte Calvin einfach nicht begreifen, warum niemand sonst es kapierte. Er war außerdem introvertiert, was durchaus kein Fehler ist, sich aber häufig als Unnahbarkeit manifestiert. Erschwerend hinzu kam, dass er Ruderer war.

Wie viele Nicht-Ruderer Ihnen versichern werden, sind Ruderer nicht besonders lustig. Das liegt daran, dass Ruderer immer nur übers Rudern reden wollen. Sobald zwei oder mehr Ruderer im selben Raum sind, schweift das Gespräch unweigerlich von so herkömmlichen Themen wie Arbeit oder Wetter ab und kreist nur noch um Boote, Blasen, Riemen, Griffe, Ergos, Blattabdrehen, Training, Setzen, Ausheben, Freilauf, Splits, Sitze, Schläge, Rollschienen, Starts, Schlagzahlen, Sprints und ob das Wasser wirklich „glatt“ war oder nicht. Dann geht es meistens damit weiter, was bei der letzten Fahrt falschgelaufen ist und was bei der nächsten falschlaufen könnte und wer daran Schuld hatte beziehungsweise haben wird. Irgendwann strecken die Ruderer ihre Hände aus und machen einen Schwielenvergleich. Und wenn man so richtig Pech hat, schließen sich etliche Minuten andächtiger Ehrfurcht an, in denen einer von ihnen das perfekte Rudererlebnis schildert, bei dem sich alles leicht anfühlte.

 

Neben der Chemie war Rudern das Einzige, wofür Calvin echte Leidenschaft empfand. Ja, Rudern war der Grund, warum sich Calvin in Harvard überhaupt beworben hatte: Für Harvard rudern hieß 1945, für die Besten rudern. Oder eigentlich die Zweitbesten. Die University of Washington war die beste, aber die University of Washington lag in Seattle, und Seattle war für seinen Regen berüchtigt. Calvin hasste Regen. Deshalb richtete er seinen Blick in die Ferne – auf das andere Cambridge, das in England – und widerlegte damit einen der größten Mythen über Wissenschaftler: dass sie gut recherchieren können.

Als Calvin das erste Mal auf dem Cam ruderte, regnete es. Am zweiten Tag regnete es. Am dritten Tag ebenso. „Regnet’s hier andauernd so?“, maulte Calvin, als er und seine Teamkameraden sich das schwere Holzboot auf die Schultern hievten und hinaus zum Steg schleppten. „Nein, nein, praktisch nie“, beruhigten sie ihn. „Cambridge ist normalerweise ziemlich sonnig.“ Und dann sahen sie einander an, als wollten sie sich gegenseitig etwas bestätigen, was sie schon lange vermutet hatten: Amerikaner waren dämlich.

 

Leider erstreckte sich Calvins Dämlichkeit auch auf seine Kontakte zur Damenwelt – ein großes Problem, weil er sich sehr gern verlieben wollte. In den ganzen sechs einsamen Jahren, die er in Cambridge verbrachte, schaffte er es, sich mit fünf Frauen zu verabreden, von diesen fünf war nur eine zu einem zweiten Rendezvous bereit, und das auch nur, weil sie jemand anders erwartet hatte, als sie ans Telefon ging. Das Hauptproblem war seine Unerfahrenheit. Er war wie ein Hund, der nach jahrelangen vergeblichen Versuchen endlich ein Eichhörnchen erwischt und dann keine Ahnung hat, was er damit anstellen soll.

„Hallo … äh“, hatte er gesagt, mit klopfendem Herzen und feuchten Händen und einem schlagartig leeren Kopf, als die junge Frau die Tür öffnete. „Debbie?“

„Ich heiße Deirdre“, seufzte sie und warf einen ersten Blick auf ihre Uhr, dem noch viele folgen sollten.

Beim Abendessen zog sich die Unterhaltung vom molekularen Abbau aromatischer Säuren (Calvin) hin zu den neusten Filmen (Deirdre), zu der Synthese nicht reaktiver Proteine (Calvin), zu der Frage, ob er gern tanzte oder nicht (Deirdre), zu einem Blick auf die Uhr, es war schon halb neun, und er musste am Morgen rudern, deshalb würde er sie gleich nach Hause bringen (Calvin).

Es versteht sich von selbst, dass es nach diesen Rendezvous zu sehr wenig Sex kam. Genauer gesagt, zu gar keinem.

 

„Ich versteh gar nicht, dass du da Schwierigkeiten hast“, sagten seine Kameraden im Ruderteam öfter zu ihm. „Mädchen lieben Ruderer.“ Was nicht stimmte. „Und du bist zwar Amerikaner, aber du siehst nicht schlecht aus.“ Was ebenfalls nicht stimmte.

Ein Teil des Problems war Calvins Körperhaltung. Er war gut einen Meter neunzig groß, schlaksig und hager, und er ließ sich etwas nach rechts hängen – wahrscheinlich, weil er immer auf der Backbordseite ruderte. Aber noch problematischer war sein Gesicht. Er hatte einen verlorenen Ausdruck an sich, wie ein Kind, das sich allein durchschlagen musste, mit großen grauen Augen und zotteligem blonden Haar und leicht violetten Lippen, die fast immer geschwollen waren, weil er die Neigung hatte, auf ihnen zu kauen. Es war die Art von Gesicht, die manche als leicht zu vergessen beschreiben würden, eine unterdurchschnittliche Komposition, die nichts von der dahinterliegenden Sehnsucht oder Intelligenz erahnen ließ, bis auf ein entscheidendes Kriterium – seine Zähne, die gerade und weiß waren und seine gesamte Gesichtslandschaft rehabilitierten, sobald er lächelte. Zum Glück und vor allem, nachdem er sich in Elizabeth Zott verliebt hatte, lächelte Calvin ständig.

 

Sie begegneten sich – oder besser gesagt, wechselten die ersten Worte – an einem Dienstagmorgen im Forschungsinstitut Hastings, dem privaten Forschungslabor im sonnigen Südkalifornien, in dem Calvin, nachdem er in Cambridge in Rekordzeit promoviert und dreiundvierzig Stellenangebote abgewogen hatte, eine Position teils wegen des guten Rufs, aber hauptsächlich wegen des Niederschlags annahm. In Commons regnete es selten. Elizabeth dagegen nahm das Angebot vom Hastings an, weil sie keine anderen bekommen hatte.

Als sie vor Calvin Evans’ Labor stand, bemerkte sie einige große Warnschilder:

NICHT EINTRETEN

LAUFENDES EXPERIMENT

KEIN EINLASS

DRAUSSEN BLEIBEN

 

Dann öffnete sie die Tür.

„Hallo“, rief sie über Frank Sinatra hinweg, der aus einer Stereoanlage dröhnte, die seltsamerweise mitten im Raum stand. „Ich muss mit jemandem sprechen, der hier die Verantwortung hat.“

Calvin, überrascht, eine Stimme zu hören, reckte den Kopf über eine große Zentrifuge.

„Entschuldigen Sie, Miss“, sagte er laut und gereizt, auf der Nase eine große Schutzbrille, die seine Augen vor etwas schützten, das rechts von ihm brodelte, „aber Unbefugte haben hier keinen Zutritt. Haben Sie die Hinweisschilder nicht gesehen?“

„Doch“, rief sie zurück, ohne auf seinen Ton zu achten, während sie durch das Labor marschierte, um die Musik auszumachen. „So. Jetzt können wir uns gegenseitig besser hören.“

Calvin kaute auf seinen Lippen und zeigte zur Tür. „Sie dürfen nicht hier sein“, sagte er. „Die Hinweisschilder.“

„Also, mir wurde gesagt, Sie haben in Ihrem Labor einen Überschuss an Bechergläsern, und wir haben unten zu wenig. Steht alles hier drauf“, sagte sie und hielt ihm ein Blatt Papier hin. „Ist von der Materialverwaltung genehmigt.“

„Darüber bin ich nicht informiert worden“, sagte Calvin, der das Blatt überflog. „Aber es tut mir leid, nein. Ich brauche jedes Becherglas. Vielleicht sollte ich lieber mit einem Chemiker unten sprechen. Sagen Sie Ihrem Chef, er soll mich anrufen.“ Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu und schaltete im Vorbeigehen die Stereoanlage an.

Elizabeth rührte sich nicht. „Sie wollen mit einem Chemiker sprechen? Mit jemand anderem als MIR?“, rief sie über Frank hinweg.

„Ja“, antwortete er. Und dann wurde er etwas freundlicher. „Hören Sie, ich weiß, es ist nicht Ihre Schuld, aber die sollten keine Sekretärin hier raufschicken, um ihnen die lästige Arbeit abzunehmen. Also, ich weiß, das ist für Sie vielleicht schwer zu verstehen, aber ich bin gerade mit etwas Wichtigem beschäftigt. Bitte. Sagen Sie Ihrem Chef einfach, er soll mich anrufen.“

Elizabeths Augen verengten sich. Sie konnte Leute nicht ausstehen, die aufgrund von ihrer Meinung nach längst überholten optischen Eindrücken voreilige Schlüsse zogen, und selbst wenn sie eine Sekretärin gewesen wäre, so konnte sie ebenso wenig Männer ausstehen, die glaubten, dass eine Sekretärin nicht in der Lage war, Wörter zu verstehen, die über „Tippen Sie das in dreifacher Ausfertigung“ hinausgingen.

„So ein Zufall“, schrie sie, steuerte geradewegs auf ein Regal zu und nahm sich einen großen Karton Bechergläser. „Ich bin auch beschäftigt.“ Dann marschierte sie hinaus.


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