Persönliche Buchempfehlungen für Sie
Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Buchempfehlungen zu Ostern

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Donnerstag, 11. März 2021 von Piper Verlag


Buchtipps 2021

„Der Klimawandel ist ein einzigartiges globales Problem, das wir nur gemeinsam lösen können.“ Bill Gates

„Die Ankündigung, dass Bill Gates ein Buch zum Klimanwandel schreiben werde, sorgte im letzen Jahr für Furore. Gates, bekannt für seinen Wissensdurst, seine Beharrlichkeit und sein Verständnis von wissenschaftlichen und technologischen Zusammenhängen, und der durch die Forschungen seiner Stiftung auch in der Corona Pandemie erneut sehr sichtbar geworden ist, hat mit Bedacht das Buch als Medium für seinen ganz persönlichen Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels gewählt. Denn nur, wer Köpfe und Herzen der Menschen erreicht, wird nachhaltig etwas verändern."

Verlegerin Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Wie wir die Klimakatastrophe verhindernWie wir die Klimakatastrophe verhindern

Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind

In diesem dringlichen, maßgebenden Buch legt Bill Gates einen weitreichenden, praktischen – und zugänglichen – Plan dafür vor, wie die Welt die Treibhausgasemissionen rechtzeitig auf null senken kann, um eine Klimakatastrophe zu verhindern.Seit einem Jahrzehnt untersucht Bill Gates die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels. Mithilfe von Experten aus Physik, Chemie, Biologie, Ingenieurwesen, Politikwissenschaft und Finanzwesen hat er sich auf das konzentriert, was getan werden muss, um die Umweltkatastrophe zu verhindern, die unserem Planeten bevorsteht. In diesem Buch erklärt er nicht nur, warum wir auf eine Netto-null-Emission der Treibhausgase hinarbeiten müssen, sondern auch, was wir konkret tun müssen, um dieses überaus wichtige Ziel zu erreichen.Mit klarem Blick beschreibt er die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ausgehend von seinem Verständnis von Innovation und dem, was nötig ist, um neue Ideen auf den Markt zu bringen, beschreibt er die Bereiche, in denen die Technologie bereits zur Emissionsreduzierung beiträgt, wo und wie die aktuelle Technologie effektiver gestaltet werden kann, wo bahnbrechende Technologien benötigt werden und wer an diesen wesentlichen Innovationen arbeitet. Abschließend legt er einen konkreten, praktischen Plan vor, wie sich die Emissionen auf null reduzieren lassen. Er empfiehlt nicht nur politische Maßnahmen, die Regierungen ergreifen sollten, sondern zeigt auch, was wir als Einzelne tun können, um unsere Regierung, unsere Arbeitgeber und uns selbst in diesem entscheidenden Unterfangen in die Pflicht zu nehmen. Bill Gates macht deutlich, dass das Ziel der Emissionsfreiheit nicht leicht zu erreichen sein wird, aber wenn wir dem Plan folgen, den er hier vorlegt, ist dieses Ziel, durchaus erreichbar. Wie Bill Gates deutlich macht, wird das Ziel von null Emissionen nicht einfach oder leicht zu erreichen sein, aber wenn wir den von ihm hier dargelegten Plan befolgen, ist es ein Ziel, das durchaus in unserer Reichweite liegt.

Einführung
Von 51 Milliarden auf null

Es gibt zwei Zahlen, die Sie über den Klimawandel kennen sollten. Die erste ist 51 Milliarden. Die andere ist null.
Die 51 Milliarden beziffern die Menge der Tonnen an Treibhausgasen, die typischerweise weltweit jedes Jahr in die Atmosphäre freigesetzt werden. Diese Zahl kann von Jahr zu Jahr ein bisschen steigen oder fallen, aber im Großen und Ganzen nimmt sie zu. Das ist der Stand der Dinge heute.
Null ist das Ziel, das wir uns setzen müssen. Um die Erderwärmung zu stoppen und die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern – und diese Folgen werden verheerend sein –, müssen die Menschen aufhören, der Atmosphäre Treibhausgase zuzuführen.
Das klingt schwierig, denn es wird schwierig sein. Die Menschheit hat noch nie etwas so Großes unternommen. Es bedeutet, dass jedes Land seine Gewohnheiten wird ändern müssen. Bei so gut wie allen Aktivitäten des modernen Lebens – Landwirtschaft, Industrie, Transport und Verkehr – werden Treibhausgase freigesetzt, und nach und nach werden immer mehr Menschen diesen modernen Lebensstil übernehmen. Das ist gut, weil es bedeutet, dass ihr Leben besser wird. Wenn sich aber nichts anderes ändert, wird die Menschheit immer weiter Treibhausgase produzieren, der Klimawandel wird sich immer weiter verschärfen, und seine Folgen für die Menschheit werden aller Wahrscheinlichkeit nach katastrophal sein.
Aber „Wenn sich nichts anderes ändert“ ist ein großes „Wenn“. Ich glaube, die Dinge können sich ändern. Wir verfügen schon jetzt über einige der Werkzeuge, die wir dafür benötigen – und was jene angeht, über die wir noch nicht verfügen, bin ich aufgrund von all dem, was ich über Klima und Technologie gelernt habe, optimistisch, dass wir sie erfinden, einsetzen und eine Klimakatastrophe verhindern können, wenn wir nur schnell genug handeln.
In diesem Buch geht es darum, was getan werden muss, um das zu erreichen, und warum ich glaube, dass wir es schaffen können.

Vor zwanzig Jahren hätte ich nie erwartet, dass ich eines Tages Vorträge über den Klimawandel halten, geschweige denn ein Buch darüber schreiben würde. Mein Background ist Softwareentwicklung, nicht Klimawissenschaften, und heutzutage ist mein Vollzeitjob, gemeinsam mit meiner Frau Melinda für die Gates Foundation zu arbeiten, wo wir uns voll und ganz auf globale Gesundheit und Entwicklung sowie das Bildungswesen in den USA konzentrieren.
Mein Interesse am Klimawandel entstand auf einem Umweg – und zwar über das Problem von Energiearmut.
Anfang der 2000er-Jahre, als unsere Stiftung gerade mit ihrer Arbeit begann, fing ich an, in einkommensschwache Länder in Subsahara-Afrika und in Südasien zu reisen, um mir vor Ort ein Bild zu machen über Kindersterblichkeit, HIV und die anderen großen Probleme, mit denen wir uns beschäftigen. Doch auf solchen Reisen dachte ich nicht nur an Krankheiten. Hin und wieder, wenn ich in einer Großstadt angekommen war, schaute ich abends aus dem Fenster und dachte: Warum ist es bloß so dunkel da draußen? Wo sind all die Lichter, die ich sehen würde, wenn das hier New York, Paris oder Peking wäre?
In Lagos, der größten Stadt Nigerias, kam ich durch unbeleuchtete Straßen, wo die Menschen sich um Feuer drängten, die sie in alten Öltonnen entfacht hatten. In abgelegenen Dörfern sprachen Melinda und ich mit Frauen und Mädchen, die jeden Tag stundenlang Feuerholz sammeln mussten, um vor ihrer Hütte im Dorf über einem offenen Feuer kochen zu können. Wir trafen Kinder, die ihre Hausaufgaben bei Kerzenlicht machen mussten, weil es im Dorf keinen Strom gab.
Melinda und ich treffen oft Kinder wie den neunjährigen Ovulube Chinachi, der in Lagos, Nigeria lebt und seine Hausaufgaben bei Kerzenlicht macht.

Ich erfuhr, dass weltweit etwa eine Milliarde Menschen keinen zuverlässigen Zugang zum Stromnetz hatten und dass die Hälfte von ihnen in Subsahara-Afrika lebte. (Seither hat sich die Lage ein bisschen verbessert; heute haben noch etwa 860 Millionen Menschen keinen Strom.) Ich dachte an das Motto unserer Stiftung – „Jeder Mensch verdient die Chance, ein gesundes und produktives Leben zu führen“ –, und mir wurde klar, wie schwierig es ist, gesund zu bleiben, wenn die örtliche Klinik Impfstoffe nicht kühlen kann, weil der Kühlschrank keinen Strom hat. Es ist schwierig, produktiv zu sein, wenn man kein Licht hat, um zu lesen. Und es ist unmöglich, eine Wirtschaft aufzubauen, in der jeder Mensch die Chance auf einen Arbeitsplatz hat, wenn für Büros, Fabriken und Callcenter kein erschwinglicher Strom zuverlässig und in großen Mengen zur Verfügung steht.
Ungefähr zu dieser Zeit schickte mir der Wissenschaftler David MacKay von der University of Cambridge, der leider inzwischen verstorben ist, eine Grafik, in der die Beziehung zwischen Einkommen und Energieverbrauch dargestellt ist: zwischen dem Pro-Kopf-Einkommen eines Landes und dem Stromverbrauch seiner Menschen. In der Grafik war auf der einen Achse das Pro-Kopf-Einkommen diverser Länder aufgetragen und auf der anderen der Energieverbrauch pro Person – und sie machte mir unmissverständlich klar, dass die beiden Zahlen zusammenhängen:
((Abbildung))
Während ich all diese Informationen sacken ließ, begann ich darüber nachzudenken, wie die Menschheit es schaffen könnte, Energie für die Armen der Welt erschwinglich und zuverlässig zu machen. Für unsere Stiftung war es nicht sinnvoll, dieses riesige Problem anzupacken – wir mussten auf unsere eigentliche Mission fokussiert bleiben –, doch ich fing an, mich mit einigen Erfindern in meinem Freundeskreis über verschiedene Ideen zu unterhalten. Ich las sehr viel zu diesem Thema, unter anderem einige sehr aufschlussreiche Bücher des Wissenschaftlers und Historikers Vaclav Smil, der mir klarmachte, was für eine kritische Rolle Energie für eine moderne Zivilisation spielt.
Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass wir auf null kommen müssen. Die reichen Länder, die für den größten Teil der Emissionen verantwortlich sind, hatten begonnen, den Klimawandel zur Kenntnis zu nehmen, und ich dachte, das würde genügen. Mein Beitrag, so glaubte ich, würde darin bestehen, mich dafür einzusetzen, dass eine zuverlässige Stromversorgung auch für Arme erschwinglich wird.
Zum einen würden sie am meisten davon profitieren. Für sie würde billigere Energie nicht nur bedeuten, abends Licht zu haben, sondern auch günstigere Düngemittel für ihre Felder und Zement für ihre Häuser. Und zum anderen haben die Armen durch den Klimawandel am meisten zu verlieren. Die meisten von ihnen sind Kleinbauern, die ohnehin schon am Rande des Existenzminimums leben und noch mehr Dürren und Überflutungen nichts entgegenzusetzen haben.
Doch dann änderte ich meine Perspektive, als ich mich Ende 2006 mit zwei früheren Microsoft-Kollegen traf, die im Begriff waren, Non-Profit-Organisationen im Bereich Energie und Klima ins Leben zu rufen. Sie hatten zwei Klimawissenschaftler mitgebracht, die sich mit diesen Problemen gut auskannten, und die vier zeigten mir die Daten, die Treibhausgasemissionen mit dem Klimawandel verknüpften.
Ich wusste, dass Treibhausgase die Temperaturen steigen lassen, aber ich hatte angenommen, dass es zyklische Schwankungen oder andere Faktoren geben müsse, die eine echte Klimakatastrophe auf natürlichem Wege verhindern würden. Und es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass die Temperaturen immer weiter steigen werden, solange der Mensch weiterhin Treibhausgase freisetzt – ganz egal, in welchen Mengen.
Ich traf mich noch einige Male mit dieser Gruppe, weil ich weitere Fragen hatte. Und schließlich begriff ich: Die Menschheit muss mehr Energie bereitstellen, damit die Ärmsten besser leben können, doch wir müssen diese Energie erzeugen, ohne noch mehr Treibhausgase freizusetzen.
Jetzt kam mir das Problem noch gewaltiger vor. Es genügte nicht, billige und zuverlässige Energie für Arme zu liefern – sie musste auch noch sauber sein.
Ich sog weiterhin möglichst viele Informationen über den Klimawandel auf. Ich traf mich mit Experten für Themen wie Klima, Landwirtschaft, Ozeane, Meeresspiegel, Gletscher, Stromnetze und anderes mehr. Ich las die Berichte, die vom Intergovernmental Panel on Climate Change ((IPCC) veröffentlicht werden, dem Ausschuss der Vereinten Nationen, der den wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema herstellt. Ich sah mir Earth’s Changing Climate an, eine Reihe von fantastischen Video-Vorlesungen von Professor Richard Wolfson, die im Rahmen der Serie „Great Courses“ erhältlich sind. Ich las Weather for Dummies – nach wie vor eines der besten Bücher zum Thema Wetter, die ich gefunden habe.
Mir wurde klar, dass unsere heutigen Quellen erneuerbarer Energien – hauptsächlich Wind- und Solarenergie – ein großer Schritt zur Lösung des Problems sein könnten, wir aber nicht genug tun, um sie einzusetzen. Und mir wurde auch klar, warum diese Quellen allein nicht reichen werden, um uns den weiten Weg bis zur Null hinunterzubringen. Der Wind weht nicht immer, die Sonne scheint nicht immer, und wir haben keine bezahlbaren Batterien, die so große Energiemengen, wie sie zur Versorgung einer Stadt gebraucht werden, lange genug speichern könnten. Davon abgesehen entfallen nur etwa 27 Prozent aller Treibhausgasemissionen auf die Stromerzeugung. Selbst wenn wir einen riesigen Durchbruch in der Batterietechnologie erreichten, müssten wir immer noch die restlichen 73 Prozent loswerden.
Nach einigen Jahren war ich von drei Tatsachen überzeugt:
1. Um eine Klimakatastrophe zu vermeiden, müssen wir auf null kommen.
2. Wir müssen die Tools, die wir schon haben – etwa Sonnen- und Windenergie –, schneller und klüger zum Einsatz bringen.
3. Und wir müssen bahnbrechende Technologien entwickeln und in der Praxis einsetzen, mit denen wir den Rest des Weges schaffen können.

Die Argumente für „null“ standen – und stehen – so fest wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Wenn wir nicht aufhören, Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, wird die Temperatur immer weiter steigen. Hier ist eine Analogie, die ich besonders anschaulich finde: Das Klima ist wie eine Badewanne, die langsam voll Wasser läuft. Selbst wenn wir den Wasserhahn bis auf ein Tröpfeln zudrehen, wird die Badewanne doch irgendwann voll sein und überlaufen, sodass der Fußboden überschwemmt wird. Das ist die Katastrophe, die wir verhindern müssen. Wenn wir uns das Ziel setzen, unsere Emissionen nur zu reduzieren, sie aber nicht zu eliminieren, wird das nicht ausreichen – das einzig vernünftige Ziel ist die Null. (Mehr über die Null, was ich damit meine und über die Folgen des Klimawandels ist in Kapitel 1 zu finden.)
Doch als mir das damals alles klar wurde, war ich nicht auf der Suche nach einem weiteren Problem, das es anzupacken galt. Melinda und ich hatten globale Gesundheit und Entwicklung sowie das US-Bildungswesen als die beiden Bereiche ausgewählt, in denen wir eine Menge lernen, Expertenteams engagieren und unsere Ressourcen einsetzen wollten. Zudem sah ich, dass viele bekannte Persönlichkeiten den Klimawandel auf ihre Agenda setzten.
Also engagierte ich mich zwar stärker, machte jedoch den Klimawandel nicht zu einer meiner Top-Prioritäten. Wenn ich konnte, las ich mehr zu diesem Thema und sprach mit Experten. Ich investierte in einige Start-ups im Bereich saubere Energie und stellte mehrere 100 Millionen Dollar zur Verfügung, um ein Unternehmen zu gründen, das ein Atomkraftwerk der nächsten Generation entwickeln sollte, das saubere Energie erzeugt und bei dem kaum Atommüll anfällt. Im Jahr 2010 hielt ich einen TED-Talk zum Thema „Innovating to Zero!“, doch hauptsächlich konzentrierte ich mich auf die Arbeit der Gates Foundation.
Dann, im Frühjahr 2015, beschloss ich, dass ich mehr tun und mich vernehmbarer äußern müsste. In den Nachrichten hatte ich Berichte gesehen über Studenten, die Sit-ins abhielten und forderten, dass die Stiftungen ihrer Hochschulen ihre Investitionen im Bereich fossiler Brennstoffe abstoßen. Im Zuge dieser Initiative startete die britische Tageszeitung The Guardian eine Kampagne, die von unserer Stiftung forderte, den geringen Anteil ihres Stiftungsvermögens, der in Öl-, Gas- und Kohlekonzernen angelegt war, zu verkaufen. Es wurde ein Video gedreht, das Menschen aus aller Welt zeigt, wie sie mich auffordern, solche Aktien abzustoßen.
Ich kann verstehen, warum der Guardian ausgerechnet unsere Stiftung und mich aufs Korn nahm. Und ich bewunderte die Leidenschaft der Aktivisten – vor vielen Jahren hatte ich Studenten gesehen, die gegen den Vietnamkrieg protestierten und später gegen das Apartheidregime in Südafrika, und ich wusste, dass sie tatsächlich etwas bewirkt hatten. Es war inspirierend für mich zu sehen, wie diese Art von gesellschaftlicher Energie sich gegen den Klimawandel richtet.
Aber andererseits musste ich immer wieder daran denken, was ich auf meinen Reisen gesehen hatte. Indien zum Beispiel hat eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen, von denen viele zu den ärmsten der Welt zählen. Ich hielt es nicht für fair, dass irgendjemand daherkommt und den Indern sagt, ihre Kinder dürften kein Licht haben, um Hausaufgaben zu machen, oder dass bei jeder Hitzewelle Tausende von Indern sterben müssten, weil es umweltschädlich sei, Klimaanlagen zu installieren. Die einzige Lösung, die ich mir vorstellen konnte, war, saubere Energie so billig zu machen, dass jedes Land sie lieber nutzen würde als fossile Brennstoffe.
So sehr ich auch den leidenschaftlichen Einsatz der Protestierenden bewunderte, konnte ich nicht verstehen, wie allein das Abstoßen von Aktien den Klimawandel aufhalten oder Menschen in armen Ländern helfen könnte. Es war eine Sache, Aktien von Großkonzernen zu verkaufen, um gegen Apartheid zu kämpfen – also gegen eine politische Institution, die auf wirtschaftlichen Druck reagieren würde (und reagiert hat). Doch es ist ganz etwas anderes, das weltweite Energiesystem – eine Industrie, die jedes Jahr etwa 5 Billionen Dollar umsetzt und das Fundament der modernen Wirtschaft bildet – nur dadurch transformieren zu wollen, dass man Aktien von Ölkonzernen verkauft.
Das sehe ich auch heute noch so. Doch mir ist klar geworden, dass es andere Gründe gibt, warum ich keine Aktien von Unternehmen besitzen sollte, die fossile Energieträger produzieren – nämlich weil ich nicht davon profitieren will, wenn ihre Aktien steigen, weil wir keine CO2-freien Alternativen entwickeln. Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich von einer Verzögerung auf dem Weg zur Null profitieren würde. Also habe ich 2019 alle meine direkten Beteiligungen an Öl- und Gaskonzernen abgestoßen, ebenso wie die Treuhandgesellschaft, die das Vermögen der Gates Foundation verwaltet. (Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon seit etlichen Jahren kein Geld mehr in Kohlekonzerne investiert.)
Dies ist eine persönliche Entscheidung, die zu treffen ich glücklicherweise in der Lage bin. Doch mir ist durchaus bewusst, dass sie keinen nennenswerten Beitrag zur Reduzierung der Emissionen leisten wird. Es erfordert eine wesentlich breiter angelegte Strategie, um auf null zu kommen: Wir müssen einen umfassenden Wandel bewirken, indem wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, darunter staatliches Handeln, aktuelle Technologien, neue Erfindungen und die Fähigkeit der Privatwirtschaft, unzählige Menschen mit Gütern zu versorgen.
Etwas später im Jahr 2015 bot sich mir eine Gelegenheit, mich für Innovation und neue Investitionen einzusetzen: die COP 21, eine bedeutende Klimakonferenz, die von den Vereinten Nationen im November/Dezember jenes Jahres in Paris abgehalten wurde. Einige Monate vor der Konferenz traf ich mich mit François Hollande, dem damaligen Präsidenten Frankreichs. Er zeigte sich interessiert, private Investoren für die Teilnahme am Kongress zu gewinnen, und ich wollte erreichen, dass Innovation auf die Tagesordnung gesetzt wird. Wir sahen beide eine Chance: Er dachte, ich könnte helfen, Investoren an den Tisch zu bringen; ich sagte ihm, das sei sehr gut möglich, aber es könnte leichter erreicht werden, wenn auch Regierungen sich verpflichten würden, ihre Forschungsetats im Bereich Energie zu erhöhen.
Das würde nicht unbedingt ein Spaziergang werden. Selbst in den Vereinigten Staaten war der Etat für Energieforschung deutlich niedriger als in anderen wichtigen Sektoren wie Gesundheitswesen und Verteidigung (und ist es immer noch). Und auch wenn einige Länder ihre Forschungsetats moderat erhöht hatten, waren sie immer noch sehr niedrig. Und diese Länder zögerten, mehr zu tun, solange sie nicht davon überzeugt waren, dass vom privaten Sektor genug Geld kommen würde, um ihre Ideen aus dem Labor zu holen und sie in Produkte zu verwandeln, die ihren Leuten tatsächlich helfen.
Doch spätestens 2015 trockneten private Investitionen zusehends aus. Viele der Risikokapitalgeber, die in grüne Technologien investiert hatten, zogen sich zurück, weil die Renditen so niedrig waren. Sie waren es gewohnt, in Bio- und Informationstechnologie zu investieren, wo sich oft sehr schnell Erfolge einstellen und weniger staatliche Regulierung zu beachten ist. Saubere Energie war ein völlig anderes Spiel, und daraus zogen sie sich zurück.
Es lag auf der Hand, dass wir neues Geld einwerben und eine andere, für saubere Energie maßgeschneiderte Strategie verfolgen mussten. Im September, also zwei Monate vor Beginn der Pariser Konferenz, schickte ich E-Mails an zwei Dutzend wohlhabende Personen aus meinem Bekanntenkreis. Ich hoffte, sie überzeugen zu können, Risikokapital bereitzustellen, um die Erhöhungen der staatlichen Forschungsetats zu ergänzen. Ihre Investitionen mussten langfristig orientiert sein – ein Durchbruch im Energiesektor kann jahrzehntelange Entwicklungszeit erfordern –, und sie mussten bereit sein, hohe Risiken einzugehen. Um den Schlaglöchern aus dem Weg zu gehen, in die frühere Risikokapitalgeber gestolpert waren, versprach ich, dass wir ein kompetentes Expertenteam aufbauen würden, das die infrage kommenden Firmen auf Herz und Nieren prüfen würde und Investoren helfen konnte, sich in den Komplexitäten der Energieindustrie zurechtzufinden.
Die Resonanz auf diese E-Mails übertraf meine kühnsten Erwartungen. Die erste Zusage von einem Investor kam innerhalb von knapp vier Stunden. Als zwei Monate später die Pariser Konferenz begann, waren 26 weitere hinzugekommen, und wir hatten der Initiative einen Namen gegeben: Breakthrough Energy Coalition. Die Organisation, die heute unter dem Namen Breakthrough Energy bekannt ist, vereint gemeinnützige Projekte sowie Bemühungen von Interessensverbänden und privaten Geldgebern, die in mehr als vierzig Firmen mit vielversprechenden Ideen investiert haben.
Auch die Regierungen leisteten ihren Beitrag: In Paris setzten sich zwanzig Staats- und Regierungschefs zusammen und verpflichteten sich, ihre Forschungsetats zu verdoppeln. Präsident Hollande, US-Präsident Barack Obama und der indische Premierminister Narendra Modi hatten sich für die Initiative starkgemacht; tatsächlich kam Premierminister Modi auf den Namen: Mission Innovation. Heute machen bei Mission Innovation 24 Länder mit, und die Europäische Kommission hat 4,6 Milliarden Dollar pro Jahr für Forschungen im Bereich saubere Energien freigegeben – eine Erhöhung von über 50 Prozent in nur einer Handvoll Jahren.
((Abbildung))

Der nächste Wendepunkt in dieser Geschichte wird jedem, der dieses Buch liest, bitter vertraut sein.
Im Jahr 2020 entfaltete sich eine Katastrophe, als ein neuartiges Coronavirus sich auf der ganzen Welt ausbreitete. Für jeden, der die Geschichte von Pandemien kennt, kamen die von COVID-19 angerichteten Verheerungen nicht unerwartet. Da ich mich für globale Gesundheit interessiere, hatte ich mich schon seit Jahren über den Verlauf von Krankheitsausbrüchen informiert und war vor diesem Hintergrund zutiefst beunruhigt, weil die Welt nicht darauf vorbereitet war, mit einer Pandemie wie der Spanischen Grippe von 1918 fertigzuwerden, die Zigmillionen Menschen das Leben gekostet hatte. Im Jahr 2015 hatte ich einen TED-Talk gehalten und mehrere Interviews gegeben, in denen ich dafür plädierte, ein System zu entwickeln, um große Krankheitsausbrüche frühzeitig zu erkennen und darauf wirkungsvoll zu reagieren. Auch andere, etwa der ehemalige US-Präsident George W. Bush, hatten ähnliche Forderungen erhoben.
Leider tat die Welt wenig, um sich vorzubereiten, und als das neuartige Coronavirus um sich griff, verursachte es so große Verluste an Menschenleben und so umfassende wirtschaftliche Verwerfungen, wie wir sie seit der Great Depression (der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre) nicht mehr erlebt hatten. Obwohl ich auch einen großen Teil meiner Arbeit zum Klimawandel fortsetzte, machten Melinda und ich COVID-19 zur Top-Priorität der Gates Foundation und zum Schwerpunkt unserer eigenen Arbeit. Jeden Tag sprach ich mit Wissenschaftlern an Universitäten und in kleinen Firmen, mit CEOs von Pharmakonzernen oder mit Regierungschefs, um herauszufinden, wie unsere Stiftung dazu beitragen kann, die Arbeit an COVID-19-Tests, medizinischen Behandlungen und Impfstoffen voranzutreiben. Bis November 2020 hatten wir für die Bekämpfung der Krankheit über 445 Millionen Dollar an Zuschüssen bereitgestellt und weitere Hunderte Millionen über verschiedene finanzielle Investitionen, um Impfstoffe, Tests und andere wichtige Produkte schneller in einkommensschwache Länder zu bringen.
Da die wirtschaftlichen Aktivitäten dermaßen zurückgefahren wurden, wird die Menschheit in diesem Jahr weniger Treibhausgase emittieren als im Vorjahr. Wie gesagt, wird dieser Rückgang wahrscheinlich im Bereich von circa 5 Prozent liegen. Das bedeutet in absoluten Zahlen, dass wir statt 51 Milliarden Tonnen das Äquivalent von 48 oder 49 Milliarden Tonnen CO2 (Kohlenstoffdioxid) freisetzen werden.
Das ist eine nennenswerte Reduzierung, und wir wären gut im Rennen, wenn wir diese Reduzierung jedes Jahr erreichen könnten. Aber leider können wir das nicht.
Überlegen Sie einmal, was notwendig war, um diesen Rückgang um 5 Prozent zu erreichen. Über eine Million Menschen starben, und Zigmillionen wurden arbeitslos. Um es milde auszudrücken, ist das eine Entwicklung, von der niemand ernsthaft wünschen kann, dass wir sie fortsetzen oder wiederholen. Und dennoch gingen die weltweiten Treibhausgasemissionen wahrscheinlich nur um 5 Prozent zurück, womöglich noch weniger. Was ich erstaunlich finde, ist nicht so sehr, um wie viel die Emissionen wegen der Pandemie zurückgingen, sondern vielmehr, um wie wenig.
Dieser geringe Rückgang der Emissionen beweist, dass es nicht einfach sein wird, auf null Emissionen zu kommen – oder auch nur in die Nähe davon –, indem wir weniger fliegen und fahren. Ganz so, wie wir im Kampf gegen das neuartige Coronavirus neue Tests, medizinische Behandlungsverfahren und Impfstoffe brauchen, brauchen wir auch im Kampf gegen den Klimawandel neue Tools: emissionsfreie Verfahren, um Strom zu erzeugen, Güter zu produzieren, Landwirtschaft zu betreiben, Gebäude zu heizen und zu kühlen und um Menschen und Produkte rings um die Welt zu transportieren. Und wir brauchen neue Initiativen und andere Innovationen, um den ärmsten Menschen der Welt – von denen viele Kleinbauern sind – zu helfen, sich an ein wärmeres Klima anzupassen.
Natürlich sind auch noch andere Hürden zu überwinden, und sie haben nichts mit Wissenschaft oder Forschungsetats zu tun. Vor allem in den Vereinigten Staaten ist die gesellschaftliche Debatte über den Klimawandel von der Politik aufs Abstellgleis geschoben worden. An manchen Tagen könnte man den Eindruck bekommen, dass kaum noch Hoffnung besteht, überhaupt etwas zu schaffen.
Ich denke eher wie ein Ingenieur als wie ein Politikwissenschaftler, und für die politischen Probleme des Klimawandels habe ich keine Lösung. Stattdessen möchte ich erreichen, dass die Debatte sich darauf konzentriert, was getan werden muss, um das Ziel von null Emissionen zu erreichen: Wir müssen die Leidenschaft und die wissenschaftliche Intelligenz von Menschen in aller Welt darauf lenken, die jetzt vorhandenen Lösungen für saubere Energie einzusetzen und neue zu erfinden, damit wir endlich aufhören können, immer mehr Treibhausgas in die Atmosphäre zu blasen.

Ein Blick hinter den Schleier

„Stephan Orth hat uns als Couchsurfer bereits Iran, Russland und China nahegebracht und hinter verschlossenen Türen ganz neue Welten eröffnet. Jetzt haben seine Neugier und seine Unerschrockenheit ihn nach Saudi-Arabien geführt. Als einer der ersten westlichen Touristen überhaupt bereist er das Königreich und erlebt dort seine bisher vielleicht aufregendste Reise. „Couchsurfing in Saudi-Arabien" erzählt von den Höhen und Tiefen einer Glitzerwelt und von einer Gesellschaft im rasanten Wandel."

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Couchsurfing in Saudi-ArabienCouchsurfing in Saudi-Arabien

Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft

Als Saudi-Arabien erstmals Touristen einreisen lässt, packt Bestsellerautor Stephan Orth sofort den Rucksack. Von Couch zu Couch erkundet er das Königreich und erhält Einblickein eine verschlossene Gesellschaft, wie sie bisher keinem westlichen Besucher möglich waren. Er wird Zeuge eines radikalen Wandels, sieht Frauen Auto fahren und tanzt mit Zehntausenden beim Wüsten-Rave. Doch jenseits der Glitzerwelt gelten drakonische Strafen, und an der Grenze zum Jemen sind die Bomben nicht zu überhören. Stephan Orth berichtet von seiner bisher aufregendsten Reise.

Masken
Bevor Aziz die Fahrertür öffnet, zieht er sich eine Maske über Nase und Bart. Sie ähnelt einer dieser Schutzmasken für Chirurgen, ist aber aus schwarzem Kunststoff. „Ich will nicht erkannt werden auf Fotos oder Videos. Da wird JEDER filmen. Und meine Eltern wissen nicht, dass ich hier bin“, sagt er, die Worte klingen dumpf hinter dem Stoff vor seinem Mund.
„Machen wir denn etwas Verbotenes?“, frage ich.
„Eigentlich nicht. Aber es gibt nicht nur staatliche Gesetze – es gibt auch Familiengesetze.“
Er setzt eine sibirisch anmutende Fellmütze mit Ohrenschützern auf, Dezemberabende sind überraschend kühl hier. Dann steigen wir aus seinem Auto. Der Parkplatz sieht aus wie die Ausstellungsfläche eines SUV-Gebrauchtwagenhändlers, ein kilometerlanger Zaun sperrt das Veranstaltungsgelände ab.
Der nächstgelegene Eingang ist mit „Platinum tickets only“ markiert. Wir haben keine Platintickets, die kosteten 4000 Riyal, knapp tausend Euro, aber wir stellen uns trotzdem an. Hundert Meter weiter ist die Schlange für Normalticket-Besitzer zehnmal so lang. „Wird schon klappen“, verspricht Aziz, die Falten neben seinen Augen deuten an, dass er dabei unter seiner Maske lächelt. In Serpentinen zwischen Absperrketten arbeiten wir uns zur Sicherheitskontrolle vor. Vor allem Männer warten hier, aber eine Gruppe von vier Frauen wird vorgelassen, sie dürfen zuerst rein.
Dann sind wir dran. Der Securitymann blickt wenig begeistert auf die Handytickets, die Aziz ihm hinhält. Sie diskutieren auf Arabisch, hinter uns werden die Leute ungeduldig. Aziz deutet auf das Ticket, dann auf mich. Der Wachmann berät sich mit einem Kollegen. Dann winkt er uns tatsächlich durch. Metalldetektorschleuse, Taschenkontrolle, abtasten, geschafft.
„Ich habe ihm gesagt, ich habe einen ausländischen Gast, und ich würde mein Gesicht verlieren, wenn er nicht reinkäme. Wir müssen doch jetzt gastfreundlich sein“, erklärt Aziz.
Ich fühle mich ein bisschen instrumentalisiert, aber wenn es um die Party des Jahrhunderts geht, ist jedes Mittel recht, um nicht am Türsteher zu scheitern.
Wir passieren einen Torbogen aus gleißend lilafarbenem Licht und blicken auf das Zeitportal. So hat der Festival-Kreativdirektor John Rash den 27 Meter hohen karoförmigen LCD-Bildschirm auf der Bühne getauft, direkt über den DJ-Pulten. „Das Portal nimmt dich mit aus der Vergangenheit in die Zukunft“, so beschrieb er das Konzept in einem Interview. Und das ist die Idee der ganzen Veranstaltung, die in rekordverdächtigem Eiltempo organisiert wurde. Zwei Monate dauerte der Aufbau, erst vor einem Monat wurde das Festival offiziell angekündigt.
„MDL Beast“ (sprich: „Middle Beast“) heißt das größte Musikevent in der Geschichte des Landes. Kurz vorher haben sie extra noch einmal die Preise heruntergesetzt. Für umgerechnet fünfzehn Euro waren Tagestickets zu haben, kein schlechter Preis, um einige der berühmtesten DJs der Welt zu sehen. David Guetta, Tiësto, Steve Aoki, Martin Garrix.
Wir folgen einem immer dichter werdenden Menschenstrom in Richtung Hauptbühne. Männer in Jeans, Lederjacke und Baseballkappe, aber auch viele im traditionellen Thaub-Gewand mit rot-weißem Ghutra-Kopftuch.
Aziz ist nicht der einzige Besucher ohne Gesicht. Ich sehe Menschen in Clownsmasken, in Alienmasken, in Monstermasken mit fluoreszierenden Kreuzen als Augen. Sonnenbrillen, über denen in Neonlicht das Wort „Cool“ leuchtet. Gasmasken in Weltkriegsoptik, OP-Masken, Bandanas über Mund und Nase.
Und natürlich Niqabs. Die klassischen schwarzen Gesichtsschleier der Frauen lassen nur Augen und Wimpern frei und sind mit Bändern hinten am schwarzen Kopfteil der Abaya befestigt. „Ninjas“ nennen sie hier die traditionell gekleideten Damen, weniger wohlwollende Betrachter vergleichen sie mit Fledermäusen oder Gespenstern. Was für eine Ironie, dass ausgerechnet in diesem Woodstock-Moment, in dieser Nacht ungewohnter Freiheit, so viele Männer ihr Gesicht verbergen, sich also dem anpassen, was für Frauen in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten Alltag ist.
Einige Frauen allerdings tragen auch Jeans, Kapuzenpulli und offene Haare. Das ist nun erlaubt, wenn auch nicht besonders verbreitet. Erst vor ein paar Monaten wurde die Abaya-Pflicht abgeschafft. „Willkommen in Saudi-Arabien“, sagt eine Besucherin im Vorbeigehen zu mir und streift mit der Hand meine Schulter.
Vom Himmel segelt eine weiße Zauberfee herab, eine ausländische blonde Akrobatin auf einem Trapez, das an einem Heißluftballon befestigt ist. Im hautengen Latexoutfit dreht sie Pirouetten, lässt sich immer wieder so weit herab, dass sie noch etwa drei Meter über den Köpfen der Menschenmenge verharrt, bevor sie erneut emporschnellt. „Haltet sie fest, bevor sie wegfliegt“, ruft ein übermütiger junger Typ, während er mit seiner Handykamera filmt.
Je näher wir der Hauptbühne mit ihrem Zeitportal kommen, desto lauter wird die Musik, desto stärker drücken die Bässe auf den Solarplexus. Vor Kurzem war Musik in der Öffentlichkeit noch verboten, galt als unislamisch. Musik, die göttlichste Kunst von allen, da muss man erstmal draufkommen. 25 Jahre lang gab es in Riad kein einziges Livekonzert. Und jetzt feiern hier mehr als 100000 Menschen.
Das neue Saudi-Arabien will Spaß, Unterhaltung, Action. Und zwar nicht in kleinen, gemächlichen Schritten, sondern im Stil eines Snarewirbels aus dem Drumcomputer, der taktweise sein Tempo verdoppelt. Viertel, Achtel, Sechzehntel, Filter auf, winzige Pause und BROMPF. Manche DJs brüllen dazu ein „one two three four“ ins Mikro, damit wirklich jeder mitkriegt, dass es jetzt abgeht. Und einige bauen noch eine Verdopplung mehr ein, am Ende spielt die Snare Zweiunddreißigstel, dann sind keine einzelnen Anschläge mehr zu hören, nur ein einzelner Ton, ein Klangbrei, überlautes Rauschen. Wer zu schnell beschleunigt, fährt das Ding vor die Wand. Auch in Saudi-Arabien folgt nach einem zu forschen Schritt vorwärts häufig ein großer Schritt zurück.
„I don’t need no sleep ’cause I’m already dreaming“, singt eine Stimme vom Band, gesteuert von dem Niederländer Martin Garrix, einem winzigen Männlein am DJ-Pult der gigantischen Bühne. Einem winzigen Männlein mit ungefähr so vielen YouTube-Views, wie Menschen auf der Erde leben. Auf dem Bildschirmkaro ist ab und zu sein wippender Kopf zu sehen, zwischen rhythmischen Animationsfilmschnipseln und hektischen Laser-Lichtstrahlen. Auch mir kommt das gerade wie ein unwirklicher Traum vor. Bin ich vielleicht in Wahrheit irgendwo auf dem Land in Brandenburg oder Belgien, und der neueste Electro-Modetrend sind golf-arabisch inspirierte Outfits?
Schulter an Schulter wendet sich das Publikum in Richtung des DJs, als wäre er der Imam in einer Moschee. Viele imitieren sein Wippen mit Kopf und Oberkörper, oder sie gucken von den Vorderleuten ab, Tanzbewegungen verbreiten sich in der Menschenmasse. Für viele ist es das erste Electro-Festival in ihrem Leben. Die Leute filmen wie verrückt.
Die hundertfache Vervielfältigung des Bühnengeschehens auf den Handys, die hundertfache Vervielfältigung der Tanzmoves in der Masse, deren Arme und Hinterköpfe dann wiederum hundertfach digital zu sehen sein werden. Das MDL Beast geht viral, in WhatsApp-Gruppen und Twitter-Posts, auf Snapchat und Instagram.
Ein paar Influencer wurden extra aus dem Ausland eingeladen, für angeblich sechsstellige Dollarbeträge, um diesen Woodstock-Moment in der Welt zu verbreiten. Doch auch einheimische Partybesucher leisten ihren Teil. Auf YouTube kursieren Videos, in denen fröhliche junge Männer ihrer Regierung danken, dass sie nun so viel Spaß haben dürfen. Wie viele Deutsche bedanken sich bei Angela Merkel nach einem Besuch von Rock am Ring oder der Fusion? Monarchien ticken halt ein bisschen anders.
Als weiterer Beleg für eine gewisse Unkenntnis der Szene-Konventionen zieht direkt vor uns eine Polonaise vorbei. Nur Männer, mehr als neunzig Prozent der Festivalbesucher sind Männer. Die meisten Frauen sitzen auf einer Tribüne am Nordrand des Geländes. Die Macht der Gewohnheit. Großveranstaltungen ohne Geschlechtertrennung, nein, Großveranstaltungen, bei denen überhaupt Frauen dabei sein dürfen, sind noch neu.
Zwei Vollverschleierte tanzen wie schwarze Derwische direkt unter der Tribüne, mit Breakdance-inspirierter Lässigkeit und perfekt einstudierten Bewegungen. Links und rechts von ihnen stehen je zwei Männer und mustern argwöhnisch die Umgebung.
Gerne würde ich berichten, dass die Leute sich komplett gehen lassen und sich Bahn bricht, was jahrzehntelang unterdrückt wurde. Dass vor der Beast-Bühne hier und jetzt eine neue Gesellschaft geboren wird: Three days of Peace & Music, Liberté Egalité Fraternité, wir sind das Volk und weg mit dem Muff von tausend Jahren, ein Arabischer Frühling im Dezember.
Aber dafür fühlt sich das Ganze zu diszipliniert an, eher vorsichtiges Tasten als Ausrasten. Hier wird nicht gegen das Königshaus demonstriert, sondern dank der königlichen Gnade gefeiert, im ständigen Bewusstsein, dass es rote Linien gibt, die man keinesfalls überschreiten sollte. Doch wo genau die sich gerade befinden, weiß keiner so genau.
Ordner in gelben Signalwesten beobachten aufmerksam das Treiben auf dem Gelände. Wer zu nah an Absperrgeländern entlangläuft und den Fluchtweg versperrt, wird ermahnt. Keiner dreht durch, auch wenn ich vereinzelt in glasige Augen blicke, wie sie nur verbotene Substanzen hervorrufen können. Vier-, fünfmal rieche ich Alkoholfahnen oder süßlichen Haschischdunst. Doch da ist noch etwas anderes in vielen Gesichtern, und es scheint nichts mit Drogen zu tun zu haben, sondern allein mit der ungewohnten Situation: ein fassungsloses Staunen, eine Art sichtbare Verzauberung, wie man sie eigentlich nur aus Cartoons kennt, halb offene Münder und zeitlupenhaft wandernde Blicke. Wer braucht Schlaf, wenn man bereits träumt? Die Musik, die tanzenden Leiber, die ungewohnt freizügige Damenmode, die Menschenmassen. Wie kann es sein, dass plötzlich erlaubt ist, was noch vor zwei Jahren undenkbar war? Wie passt das zu einem Land, dessen Imame einen Islam predigen, der kaum weniger strikt ist als bei den Taliban oder dem IS? In welche Zukunft wird dieses Zukunftsportal führen?
Aziz geht auf dem Handy das Programm für den Abend durch.
»Wer ist Tiësto?«, fragt er.
„Einer der bekanntesten DJs Europas“, antworte ich.
„Ach so“, sagt er.
„Und wer ist Rabeh Saqer?“, frage ich und deute zur Bühne, wo gerade ein dauergrinsender älterer Herr mit Hornbrille, in Anzug, weißen Sneakers und schwarzen Lederhandschuhen auftritt, sein Name leuchtet im Zeitportal in rotierenden Buchstaben.
„Den kennst du nicht? Einer der bekanntesten Sänger Saudi-Arabiens“, sagt Aziz.
Auch wenn er heute zu einem Electro-Remix eines DJs namens R3hab performt, passt er mit seinem virtuos leiernden arabischen Schnulzenpop stilistisch etwa so gut wie die Feuerwehrblaskapelle aufs Wacken Open Air. Aber die Menge feiert Saqer mehr als alle anderen Künstler, singt jedes Wort mit bei Songs wie „Ala Kefak“ („Wie du willst“) oder „Khalas“ („Genug“). Er wird bejubelt wie ein lange verschollener Sohn, der endlich heimgekommen ist. Jahrelang musste man nach Dubai oder Istanbul reisen, um eine seiner Liveshows zu erleben. Saqer, der freundliche Nerd von nebenan mit seinen etwas fahrigen Tanzbewegungen und der großen Stimme, stiehlt den internationalen Stars die Show.
Vergleichbare Gefühlsausbrüche kann Tiësto nicht auslösen, der als Nächster auf die Bühne kommt. Auch weil lyrische Brillanz nicht zu seinen Stärken zählt. „Bring that ass back like a boom boom boom boom“ ist noch eine der stärkeren Textzeilen. Aber dafür ist Tiësto laut, er hat Pyroeffekte dabei, unfassbare Bässe und brachial knarzende Synthesizer. Die Breaks und Drops kommen mit klinischer Präzision, die Maskierten tanzen, die Unmaskierten tanzen auch, das Zeitportal leuchtet neonfarben. Und mit jedem Takt, in jedem ungläubigen Blick der Zuschauer, schwingt die Hoffnung mit, dass dies ein Anfang ist und nicht nur ein Traum, dem ein böses Erwachen folgt.
Viertelsnare, Achtel, Sechzehntel, one two three four …


Dschidda
Ein Spitzenvisum
… BROMPF.
Die einzige Möglichkeit individuellen Ausdrucks im Arbeitsalltag eines Flughafen-Grenzbeamten ist der Moment, in dem er den Einreisestempel anbringt. Er kann ihn sanft in den Pass tupfen, kraftvoll festdrücken, federnd aufklopfen, lässig fallen lassen oder mit Gewalt einhämmern. Für mich gehört es zu den kleinen Freuden des Unterwegsseins, in diesem Augenblick genau hinzuschauen. Ich male mir dann aus, was diese kleine persönliche Geste über den Angestellten und sein Temperament aussagen könnte, dieser winzige Ausbruch in einem von Protokollen, Hierarchie und Regeln geprägten Arbeitsleben. Mein Gegenüber an Schalter 3, nördliches Terminal, Flughafen Dschidda, wäre demnach lieber Scharfrichter als Grenzbeamter geworden. Er schmettert den Stempel in meinen Pass, als wollte er eine Hornisse töten.
Wortlos reicht er das malträtierte Reisedokument durch die Öffnung der Panzerglasscheibe, eine teure Schweizer Armbanduhr blitzt unter dem Ärmel des weißen Thaubs hervor. Aus irgendeinem Grund bin ich erleichtert über seine Unfreundlichkeit. Die Tatsache, dass jetzt Touristen kommen, ist für ihn kein Grund, plötzlich entgegen seiner Natur einen auf „Welcome, friend“ zu machen. Sein Stimmungstief könnte aber auch mit dem Zeitpunkt zu tun haben, es ist zwei Uhr nachts.
Der King Abdulaziz International Airport ist größer als der Chiemsee, auf Landkarten nimmt er nahezu das gesamte nördliche Drittel der Stadt ein. Ein Mekka für Mekkabesucher, einer der drei Terminals ist ausschließlich für die Millionen Hadsch-Pilger reserviert, die jedes Jahr kommen. Nur 75 Kilometer sind es von hier bis zur heiligen Stadt.
Die Schiebetür neben dem Schalter öffnet sich, und ich gehe weiter in die Halle mit den Gepäckbändern. Bodenfliesen aus Marmorimitat, Wegweiser zur Flughafenmoschee, Neonlicht. Auf den Toilettensymbolen verfügt nur der Mann über Nase und Kinn, bei der Frau ist das Gesicht bis auf die Augen verschleiert.
„How can we help you?“, fragt die Anzeige auf einem LCD-Bildschirm, zusammen mit dem Vorschlag, für Tourismustipps die Nummer 930 zu wählen, 24 Stunden erreichbar für „Ziele, Aktivitäten und allgemeine Anfragen“. Danach ist Werbung für die Rallye Dakar zu sehen, mit Zeitlupenvideos von sponsorbunten Geländewagen in der Wüste, die an einer Schotterpistenkante vom Boden abheben und weich landen. Das berühmte Offroad-Rennen findet in diesem Winter zum ersten Mal in Saudi-Arabien statt.
Das war einfach. Fünf Minuten anstehen, eine Minute lang Fingerabdrücke abgeben und erklären, was in meinem Pass Vor- und was Nachname ist, und schon bin ich drin. Jahrzehntelang war es ungefähr so aussichtsreich, ein Touristenvisum für den Mond, die Jacht von Roman Abramowitsch oder den Hauptsitz der CIA zu bekommen wie für Saudi-Arabien. Arbeitsvisa oder Pilgervisa, das schon. Aber für Urlauber und Individualreisende? Unmöglich. Man hätte mich gleich am Einreiseschalter nach Hause geschickt. Bislang wirkte im Vergleich zu Saudi-Arabien selbst Nordkorea wie ein Robinson Club, weil man dort immerhin Gruppentouren mit Aufpassern buchen konnte.
Das soll sich ändern. Seit Oktober 2019 sind Vergnügungsreisende plötzlich von höchster Stelle erwünscht. König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman wissen, dass ihr Öl nicht ewig sprudeln wird, und hoffen nun auf neue Einnahmequellen. Nicht, dass Ausländer ungewöhnlich wären in Saudi-Arabien. Etwa ein Drittel der 34 Millionen Einwohner ist anderswo geboren, und in Mekka trifft sich die ganze muslimische Welt.
Doch nun geht es um eine andere Spezies, um Besucher, die weder dem Ruf der Muezzine noch dem Ruf des Geldes folgen, sondern einfach eine gute Zeit haben wollen. Es ist ein gewagtes Experiment, spontan fällt mir kein Land ein, das ich weniger mit „Spaß“ verbinde als Saudi-Arabien. Eher denke ich an irrsinnigen Reichtum, Foltermorde im Konsulat, Öl-Pipelines, vollverschleierte Frauen, Scharia-Brutalität und Waffengeschäfte. Und an das Buch eines deutschen Rettungssanitäters, der in Riad arbeitete und beschreibt, wie ihm eine Familie eine geköpfte Leiche im Wohnzimmer als Haushaltsunfall verkaufen wollte. Vielleicht denke ich auch noch an Kamele und Wüsten und Lawrence von Arabien. Aber ganz sicher nicht an Urlaub.

Vor zwei Monaten habe ich am Rechner in Hamburg das Visum beantragt, das dauerte zehn Minuten. Onlineformular ausfüllen, Reiseversicherung abschließen, Porträtfoto hochladen und Gebühr überweisen, 463,44 Saudi-Riyal, 110 Euro . Gratis dazu bekam ich Informationen zu Themen wie Alkohol (verboten), Drogenhandel (Kopf ab), Respekt für Religion und Tradition (notwendig), Kleidungsvorschriften (konservativ) und Strafen (hoch). Wer beim Auf-die-Straße-Spucken erwischt wird, muss demnach 500 Riyal zahlen. Musik abspielen zur Gebetszeit: 1000 Riyal. Unerlaubtes Fotografieren von „Menschen, Unfällen, Verbrechen oder anderen Vorfällen“ (was wohl „andere Vorfälle“ sind?): 1000 Riyal. „Unzüchtiges Verhalten einer sexuellen Natur“: 3000 Riyal pro beteiligte Person. Im Wiederholungsfall verdoppelt sich der Betrag, was beim dritten Mal passiert, stand dort nicht, vielleicht möchte man es nicht wissen.
Während ich noch las, kam nach zwei Minuten per E-Mail das Visum im PDF-Format. Gültig für ein Jahr, unbegrenzt viele Einreisen, bis zu neunzig Tage Reisedauer insgesamt. Ein sensationelles, ein Spitzenvisum. Kurz fragte ich mich, ob die das so einfach machen, weil sich seit der Khashoggi-Sache sowieso keiner mehr in ein saudi-arabisches Konsulat traut, aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Fakt ist: Eines der bislang verschlossensten Länder der Erde öffnet seine Türen nicht nur einen Spalt, sondern sperrangelweit.

Türen sind in Saudi-Arabien häufig prachtvolle Metallkonstruktionen, voller Ornamente und Schnörkel, aber auch absolut blickdicht. Wie wichtig den Menschen ihre Privatsphäre ist, verraten meterhohe Mauern, Schutzwälle, die Großfamilienhäuser von der Außenwelt trennen.
Elf Wochen möchte ich unterwegs sein und herausfinden, was sich dahinter verbirgt. Dafür mache ich zunächst einen Umweg ins Virtuelle. Zur Website couchsurfing.com, auf der Menschen aus der ganzen Welt kostenlose Unterkünfte für Reisende anbieten. Seit mehr als fünfzehn Jahren lade ich damit Gäste zu mir ein. Und ich nutze Couchsurfing auf fast jeder eigenen Reise, weil ich das Unkommerzielle daran mag: Anders als ein Pauschaltourist habe ich es mit Leuten zu tun, die nicht dafür bezahlt werden, freundlich zu mir zu sein. Sie zeigen mir ihren Alltag, keine folkloristische Inszenierung. Sie erinnern mich an die Schönheit des Banalen und an die Tatsache, dass ich Menschen generell erfrischender finde als Sehenswürdigkeiten. Und daran, dass es bessere Arten gibt, mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen, als: lol war klar was für ein Lauch.
Natürlich werde ich mithilfe einer solchen Onlineplattform keinen Querschnitt der Gesellschaft kennenlernen, sondern eher die Jüngeren, die Englischsprechenden, die Weltinteressierten. Aber ich hoffe dennoch, von ihnen viel über ihr Land zu erfahren.
Ich will bei Einheimischen wohnen, mit ihnen den Alltag verbringen und alles ausprobieren, was sie mir vorschlagen. Egal, ob ich das selber für eine gute Idee halte. Mitten rein ins Leben, rein ins Private, Türschwellen als Last Frontier. Abgesehen von je fünfzig Seiten in einem Lonely Planet und einem Dumont Reise-Handbuch über die Arabische Halbinsel gibt es keine aktuellen Reiseführer, also hoffe ich auf die Ausflugstipps der wahren Landeskenner: Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben. Wie ticken die Saudis, wie gehen sie mit der plötzlichen Öffnung ihres Landes um, nachdem sie so lange isoliert waren?
Statt also eine Liste von Touristenattraktionen zum Abhaken vorzubereiten, habe ich mir vor dem Abflug Hunderte Onlineprofile von Couchsurfing-Mitgliedern in Saudi-Arabien angeschaut und Dutzende von ihnen angeschrieben. Nur etwa jeder Fünfte schickte eine Antwort. In Dschidda wurde ich enttäuscht, ich fand niemanden, der mir eine Unterkunft anbot, deshalb werde ich die erste Nacht im Hotel verbringen.
Mir fällt kein Land auf der Welt ein, das ich aus der Ferne als unterschiedlicher wahrnehme als mein eigenes. Oder präziser: Mir fällt kein Land ein, in dem so viele Konzepte Mangelware sind, die ich gut finde. Demokratie, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel. Außerdem mag ich Länder, die militärisch abrüsten, auf erneuerbare Energien setzen, über eine unabhängige Justiz verfügen und Straftätern nicht die Köpfe abhacken. Ich mag Länder mit Kneipen, ich spreche gern mit Frauen und halte Religionen für überschätzt. Saudi-Arabien ist so etwas wie mein persönliches Anti-Utopia. Werde ich trotzdem eine Verbindung spüren zu den Menschen, werden wir gemeinsame Ebenen finden?
Der letzte Punkt meiner To-do-Liste ist einigermaßen trivial: Ich möchte am Ende der Reise auch gerne wieder nach Hause, und zwar zu einem von mir selbst gewählten Zeitpunkt. Klingt selbstverständlich, aber ein Blick auf das Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen lässt Schlimmes ahnen: Platz 170 von 180 Ländern. Das Königreich will Touristen, keine Journalisten.

Am Gepäckband mische ich mich unter Glücksritter, Länderstempelsammler, Anthropologinnen, Islamwissenschaftler, Wüstenwanderer, Hasardeure, Scheichvasallen, Erbschleicherinnen, Gaukler, Sterndeuter, Menschenrechtsaktivistinnen, Weihrauchhändler, Hotelinvestoren und Reisebloggerinnen. Nein, Quatsch, ganz anders. In Wahrheit bin ich wahrscheinlich der einzige Europäer im Raum und sehe hauptsächlich drei Outfitvarianten. Erstens den Saudi-Einheitslook für Männer, weiße oder dunkelgraue Thaub-Kittelgewänder, dazu das Ghutra-Tuch auf dem Kopf, das von dem Agal, einem doppelten Ring aus schwarzem Stoff, an seinem Platz gehalten wird.
Zweitens den Saudi-Einheitslook für Damen, schwarze Abaya und schwarzes Niqab-Gesichtslätzchen, nur die Augen sind zu sehen. Und drittens: Männer in Sandalen und zwei weißen Frotteedecken, die Badetüchern ähneln, einem größeren um die Hüfte und einem kleineren um den Oberkörper. Das ist die Uniform männlicher Mekka-Pilger im Ihram, dem Weihezustand. Alle sollen gleich sein auf dem Weg zum heiligsten Ort der Muslime, egal ob Prinz oder Bettler, egal aus welchem Land sie kommen. Und alle müssen sich mit den Tücken des Oberkörper-Handtuchs auseinandersetzen. Es verrutscht bei jeder ausufernden Armbewegung und muss dann wieder neu über die Schulter geworfen werden.
Als Hosenträger mit nacktem Kopf gehöre ich zu einer überschaubaren Minderheit, zusammen mit einer Handvoll dunkelhäutiger junger Männer und ein paar kleinen Jungen, die um einen Gepäckwagen herumtoben.
Auch ein Blick auf die gemächlich kreisenden Gepäckstücke offenbart mein Anderssein. Ich sehe Rollkoffer in Schwarz und Silber, in Sicherheitsfolie erstickte Kartons, einen zusammengeklappten Kinderwagen, aber nur einen Reiserucksack. Hoffentlich hat der nicht die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbeamten erregt. Wäre blöd, wenn sie darin das verbotene Geschenk für die Weihnachtsfeier entdeckt haben, zu der mich der schwule Philippiner eingeladen hat.

Genau genommen ist die Bezeichnung als „eines der verschlossensten Länder“ nicht korrekt. Alles eine Frage der Perspektive. Mehr als 1,8 Milliarden Menschen hoffen darauf, einmal im Leben nach Saudi-Arabien zu pilgern, und auch vor der aktuellen Öffnung durften jährlich ein paar Millionen von ihnen rein. Nur weil ich kein Muslim bin, war das Land aus meiner Sicht eben total verschlossen.
Und doch ist etwas dran: Mit dem Pilgervisum durfte man bis vor wenigen Jahren nur nach Dschidda, Mekka und Medina und gegebenenfalls auf die Highways, die aus dem eigenen Heimatland direkt dorthin führen. Der Rest ist tatsächlich Neuland für Besucher, ein Sechser im Lotto für entdeckungshungrige Reisende.
An einem Geldautomaten der AlJazira-Bank – sie hat nichts mit dem gleichnamigen Fernsehsender aus Katar zu tun, auf den die Saudis nicht gut zu sprechen sind – hebe ich 2000 Riyal ab. Dann kaufe ich eine SIM-Karte von Mobily, internationale Vorwahl +966, meine Grundausstattung steht.
Ich gebe den Hotelnamen in der Taxi-App Careem ein: Burj Al Balad, das klingt fast wie Burj Al Arab, das Sieben-Sterne-Wahrzeichen von Dubai, ist aber für 52 Euro pro Nacht um das Dreißigfache günstiger.
Beim Spießrutenlauf durch die Männer, die „Taxi, Taxi“ rufen, werde ich ein bisschen nostalgisch. Was habe ich diese Verhandlungen immer gehasst, gerade am ersten Tag in einem neuen Land, wenn man müde ist vom langen Flug und nur noch ins Bett will. Jetzt berechnet mir die App automatisch einen fairen Preis, und ich manövriere mit ausgestrecktem Handy durch die Taxifahrermeute zum per GPS auf zwei Meter genau angegebenen Abholpunkt, anstatt mit fünf Fahrern zu verhandeln und dabei zehn verschiedene Preise genannt zu bekommen. Irgendwie ist das zu einfach. Früher bedeuteten neue Touristenströme ein paar goldene Jahre für die Taxifahrer. Heute sind Uber, Careem und Konsorten schon vorher da.

Es geht nicht nur um Schlafplätze auf der Couchsurfing-Seite, auch Treffen für Stadttouren oder Kneipenbesuche (haha) lassen sich arrangieren, und einige Mitglieder organisieren Events, die sie dann dort bewerben. So wie Nickis Weihnachtscamp außerhalb von Dschidda, nein, sein Dezembercamp, Festsaisoncamp, Happy-Holidays-Camp. Er vermeidet es sorgfältig, das Wort „Weihnachten“ zu erwähnen.
Brot und Spiele verspricht der Organisator. Ein Barbecue und Snacks für alle Teilnehmer sowie Wettkämpfe mit Namen wie Holzbrettspringen, Wasserhut und Doppelhose, die bei mir kein Bild vor Augen entstehen lassen. Ganz unten steht die Bitte, ein Wichtelgeschenk mitzubringen. Ich habe extra eins in Deutschland gekauft, das in Saudi-Arabien eine echte Rarität sein dürfte, mich aber nun ein bisschen nervös macht.

Mein Uber-Fahrer hält, ein weißer Honda Civic.
„Salam alaikum!“
„Wa alaikum as-salam!“
Ich steige ein, werfe mein Gepäck auf den Rücksitz und prüfe schnell, ob das verbotene Geschenk noch im Rucksack ist. Eingewickelt in ein paar Kleidungsstücke ertaste ich die Verpackung, oben schmal zulaufend, etwa dreißig Zentimeter hoch. Wunderbar, es wurde nicht konfisziert.
„Friend! Sit in front!“, sagt der Fahrer, der sich als Mohammed vorstellt, und fährt rechts ran. Ich steige um und setze mich neben ihn, eine lockenköpfige rundliche Frohnatur in einem simplen beigefarbenen Rockgewand, das um die Knöchel etwas kürzer ist als der traditionelle Thaub und den Träger als besonders religiösen Menschen ausweist. Dazu trägt er Ledersandalen, ich schätze ihn auf Anfang zwanzig. Er wirkt so euphorisch, dass ich ihn zunächst für betrunken halte. Da er aber keine Fahne hat, rede ich mir ein, dass seine geweiteten Pupillen von gottesfrommer Verzückung zeugen und nicht von verbotenen Tabletten.
„Country?“, fragt er.
„Almania“, sage ich.
„Ah, Aramco?“ Er hält mich für einen Angestellten der staatlichen Ölfirma Saudi Aramco.
„No. Tourist.“
„What?“
„Tourist. Holiday.“
Er versteht nicht, was ich meine, also schalte ich Google Translate an. Die Spracheingabe-Funktion ist verblüffend gut, man muss keine Wörter mehr eintippen.
„Ah, ein Tourist. Willkommen in Dschidda!“, übersetzt die Computerstimme.
Dschidda, da lege ich mich fest, ist der schönste Städtename der Welt. Zumindest, wenn er von einem Araber ausgesprochen wird. Die Zungenspitze macht zwei Sprünge den Gaumen hinab, ein Geräusch wie zwei Wassertropfen, die an einem windstillen Tag ins Rote Meer fallen. Mit dem Zischlaut am Anfang könnte man wilde Pferde zähmen, über die sanfte Schwerelosigkeit des „dd“ und des kaum hörbar gehauchten „a“ Gedichte schreiben. Sorry, Montevideo, Luanda, Mumbai, Addis Abeba, Carcassonne, Valladolid und Rishikesh. Alles ganz hübsch, aber keine Chance gegen Dschidda.
„Welche Länder magst du am liebsten?“, fragt der Fahrer.
„Nepal, Grönland, Iran“, antworte ich.
„Du warst im Iran und bist noch am Leben?“
„Ja. Die Menschen dort sind ganz wunderbar, auch wenn die Regierung eine Katastrophe ist.“
Er wirkt verdutzt und spricht einen Satz auf Arabisch, in dem mehrmals „Allah“ vorkommt. Vermutlich, um den Schock meiner Worte abzumildern.
„Bist du Muslim, Christ oder Jude?“, fragt er dann, als gäbe es nur diese drei Möglichkeiten.
„Ich bin christlich getauft.“
„Willst du zum Islam konvertieren oder nicht?“
Ich muss lachen, weil er so schnell zum Thema kommt.
„Habe ich bislang nicht vor.“
Wir fahren auf der Medina Road, vier Spuren pro Richtung, durch eine schlummernde Stadt. An beiden Seiten stehen hummusfarbene Wohnhäuser, nein, Wohnbunker mit flachen Dächern und verhangenen Fenstern, die keinen Einblick zulassen, umgeben von massiven Mauern. Immer wieder unterbrechen Brachflächen das Stadtbild, ein paar Hektar Leere, nur Bauschutt und Sand. Als würden Wüste und Zivilisation noch einen Kampf ausfechten in diesem Land, das zu 95 Prozent aus Wüste besteht. Wie anders sind da deutsche Innenstädte, in denen man kaum einen Quadratmeter findet, der keine Funktion erfüllt. In Saudi-Arabien haben die Städte Löcher.
Leuchtreklamen werben für einen Supermarkt der Kette Danube, in einem Land ohne Fluss ein genialer Name: Hier bekommen Sie, wonach Sie sich sehnen. Ansonsten: McDonald’s, Minarette, Miele, ein Arabian-Oud-Parfümshop und ein Fast-Food-Laden namens Chuck E. Cheese’s.
Die meisten Restaurants haben zwei separate Eingänge, an einem steht „Singles“, an dem anderen „Family“. Beides ist irreführend, denn als Single gelten Männer, egal ob sie mit null oder vier Frauen verheiratet sind, während „Family“ sämtliche Konstellationen umfasst, bei denen mindestens eine Frau in der Gruppe ist, also theoretisch auch drei nicht verwandte Freundinnen. Offiziell wurde die Vorschrift, diese Bereiche zu trennen, vor ein paar Tagen abgeschafft, aber viele Anbieter haben noch nicht umdisponiert. Vielleicht haben sie auch Angst, durch die Neuerung Kunden zu verlieren.
„Der Islam ist schön und wahr, du musst viel darüber lesen. Ich kenne den ganzen Koran“, übersetzt mein Handy den nächsten Satz des Fahrers. Er braucht mehrere Versuche, um ihn so deutlich auszusprechen, dass die Software die Worte erkennt. „Ich bin Student der Islamwissenschaften an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka.“
„Ich würde gerne deine Stadt besuchen, aber als Nicht-Muslim ist das leider verboten.“
„Wenn Gott will, wirst du gehen und dann ein Muslim sein“, sagt er, dann bremst er und hält neben einer Moschee. Will er mich gleich da abliefern zur Fortsetzung meiner Bekehrung? Nein, das Hotel liegt direkt gegenüber, ich hätte es fast übersehen, weil ich das Gebäude für eine leer stehende Ruine hielt. Mohammed verabschiedet sich: „War doch schön, dass du dich nach vorne gesetzt hast. Ma’as salama – Friede sei mit dir.“
Durch eine schief in der Angel hängende Glastür gelange ich zur schmuddeligen Rezeption des Burj Al Balad. Der tiefenentspannte Rezeptionist braucht eine Ewigkeit, um meine Buchung im System zu finden, ich habe also Zeit, das Interieur zu begutachten. Hinter dem Mann hängen neben einer Wanduhr Bilder des Herrscherduos, Vater und Sohn. Links König Salman, seit 2015 an der Macht. Man erkennt ihn an seinem dreiteiligen Bart: ein schwarzer Balken unter der Nase, ein Punkt unter der Unterlippe, ein zweiter schwarzer Balken wie eine Spiegelung am Kinn. Mit Salman endet eine bemerkenswerte Ära: Wie alle Könige seit 1953, sechs an der Zahl, ist er ein Sohn von Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud. Von einem Bruder oder Halbbruder wanderte die Macht zum nächsten, alte Männer als Herrscher eines erzkonservativen Landes.
Dabei ist Saudi-Arabiens Bevölkerung sehr jung – fast zwei Drittel der Menschen sind heute unter dreißig. Und viele begrüßen es, dass nun endlich die nächste Generation dran ist. Thronfolger Mohammed bin Salman, genannt MBS, ist auf dem zweiten Foto zu sehen. Sein Blick ist so ernst, wie es seine Position verlangt, enthält aber auch eine Spur von Überheblichkeit. Es läuft halt gerade bestens für ihn im Intrigenspiel der Machtpolitik. Mit 34 Jahren ist er schon De-facto-Herrscher, wenn nichts dazwischenkommt, könnte er jahrzehntelang regieren. Unter dem Namen „Vision 2030“ kündigte er eine radikale Modernisierung an, die Saudi-Arabien aus dem Mittelalter in die Zukunft befördern soll. Wobei hier „Mittelalter“ ein bisschen irreführend ist, denn das war die Zeit, in der die arabische Welt genau die prägende globale Rolle spielte, die MBS sich für sein Land wünscht. Außerdem schiebt der bequeme Verweis aufs Mittelalter manche Dinge weiter weg, als sie in Wahrheit sind: Erst 1953 trat die Europäische Menschenrechtskonvention in Kraft, seit 1977 dürfen Frauen in Westdeutschland ohne Erlaubnis des Ehemanns arbeiten, im selben Jahr wurde in Frankreich zum letzten Mal mit der Guillotine getötet.
Aber zurück zu den Saudi-Regenten. Keiner der beiden blickt in die Kamera, niemals auf offiziellen Bildnissen, immer mindestens einen halben Meter am Betrachter vorbei. Vermutlich, um eine gewisse Unnahbarkeit und Überlegenheit zur Schau zu stellen. Bei mir löst es eine andere Assoziation aus, nämlich die Frage, ob einem Herrscher zu trauen ist, der dem Volk nicht direkt in die Augen schaut.
Der Hotelangestellte entscheidet nach Lektüre sämtlicher Seiten meines Reisepasses und einem dreifachen Abgleich mit dem Namen in der Onlinebuchung, mir den Schlüssel auszuhändigen. Ein antiker Aufzug bringt mich zu einem Zimmer mit antiken blumenbestickten Ohrensesseln und einer antiken Küchenzeile.
Ein trapezförmiges Ensemble aus zwei überbelichteten Karibikfotos an der Wand und zwei Kakerlaken auf dem Boden erzeugt Fernweh, aber nur kurz, weil bald alles von der stechenden Pein einer Federkernmatratze aus dem Fakirbedarf überlagert wird. Es riecht nach Staubmilben, billigem Mangoduft-Reinigungsmittel und Ein-Stern-Bewertungen auf booking.com.
Ein paar davon lese ich mir durch, sobald ich eine Liegeposition am rechten Rand der Matratze gefunden habe, die ohne Selbstverletzung aushaltbar ist. Klar, ein kluger Reisender würde erst lesen und dann buchen, aber wäre ich ein kluger Reisender, dann wäre ich jetzt vermutlich gerade dort, wo die Karibikfotos entstanden sind. Unter desaströsen Kommentaren mit den Schwerpunktthemen Insekten (zu viele) und Sauberkeit (zu wenig) staune ich über eine rührende Antwort-Emsigkeit des Hotelpersonals, die ich aufgrund der sonstigen Lässigkeit im Service nicht erwartet hätte. „I would like to express my sincere apologies for the problems that you faced during your stay“, beginnt Dutzende Male das Feedback aufs Feedback.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich brauche nicht viel Komfort, und ich würde nach einigen Reisen in tropische Länder der gemeinen Küchenschabe ein eher friedliches bis flüchtendes Naturell attestieren, ohne maliziöse Motivation, mich mit ihren Milzbrand-, Hepatitis- oder Tuberkuloseerregern zu behelligen. Gegen die Tiere habe ich nichts, da bin ich Buddhist. Ich mag es nur nicht, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt.

„Judith Lennox weiß, wie man Leser glücklich macht.“ FÜR SIE

Mich fasziniert in den Romanen von Judith Lennox immer wieder, wie elegant und zugleich eindrücklich die Autorin die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte einzufangen vermag. Sei es der Zeitgeist der Zwanzigerjahre, die Idylle des ländlichen Englands in den Dreißigern oder das aufregende Treiben im London der Swinging Sixties: Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit, deren Sog man sich schon nach den ersten Seiten nicht mehr entziehen kann. “

Isabell Toppe, Lektorat Unterhaltung

Blick ins Buch
Meine ferne SchwesterMeine ferne Schwester

Roman

London, 1938: Während Rowan von einer Party zur nächsten treibt, arbeitet ihre jüngere Schwester Thea hart, um später studieren zu können. Trotz aller Unterschiede stehen sich die beiden sehr nahe, vor allem seit jenem tragischen Unfall in ihrer Kindheit, bei dem ihre Mutter starb und Rowan Thea das Leben rettete. Doch Thea merkt, dass ihre Schwester ihr nie die ganze Wahrheit über den Unfall erzählt hat, ein Geheimnis überschattet ihre Beziehung. Erst als der Zweite Weltkrieg ausbricht und sie in große Gefahr geraten, bahnt sich die Wahrheit ihren Weg – und Thea erfährt von der Schuld, die seit damals auf Rowan lastet.Wer „Das Winterhaus“ und „Die Mädchen mit den dunklen Augen“ geliebt hat, wird diesen Roman nicht mehr aus der Hand legen können! „Judith Lennox verbindet große Gefühle und Historie zu einem mitreißenden Gesellschaftsporträt. Wundervoll!“ Freundin „Neben romantischen Liebesgeschichten erzählt Judith Lennox immer auch von den Läufen der Zeit, den Wandlungen der Gesellschaft und dem Durst nach Freiheit und Eigenständigkeit der Frauen.“ Buchkultur

Teil 1

Wetterumschwung

1937–1939


1

Dezember 1937

Patrick hatte zur Cocktailparty der Manninghams nicht mitkommen wollen. Verärgert schob Rowan die Absage ihres Mannes auf den Streit, der sich am Morgen beim Frühstück mit weichen Eiern und Toast zwischen ihnen entzündet hatte. Er wünschte, dass sie schon am Heiligen Abend zu seinem Vater nach Guildford reisten, während sie den Besuch so lange wie möglich hinausschieben und erst am ersten Feiertag fahren wollte. Sie war dann ohne Patrick mit ihrer gewohnten Clique losgezogen, den Charlburys, den Wiltons und den Vaughans – nicht zu vergessen Nicky Olivier, der, in Hochform an diesem Abend, von einem halben Dutzend Bewunderern umgeben in seinem Polstersessel Hof hielt und über die Gastgeber spottete.

Etwas abseits im großen, mit scharlachroter Tapete ausgeschlagenen Salon mixte Davey Manninghams Butler alkoholreiche Cocktails, die im Hinblick auf Weihnachten mit einem stachligen Ilexzweiglein dekoriert waren. Auf dem Klavier klimperte jemand Weihnachtslieder, Düfte von Nelke und Orange hingen in der Luft, und im offenen Kamin knisterten Apfelholzäste. Die Frauen trugen Kleider in Smaragdgrün, Eau de Nil, Türkis, Orange und Babyrosa.

Jemand sagte: »Mrs Scott, wie reizend!«, und als Rowan, die auf einem der voluminösen Sofas saß, den Blick hob, erkannte sie Simon Pemberton, einen Cousin ihrer besten Freundin, Artemis Wilton. Sie war ihm früher schon auf Bällen und in Konzerten begegnet und murmelte jetzt eine kurze Begrüßung.

„Ich war eine Weile lahmgelegt“, erklärte er, halb über die Armlehne des Sofas gebeugt. „Ein Verwandter von mir war krank und brauchte mich. Die letzten drei Wochen habe ich auf dem Land zugebracht. Es ist eine Erlösung, zurück in der Zivilisation zu sein“, schloss er mit einem theatralischen Schaudern.

Es schmeichelte ihr, dass er ihre Aufmerksamkeit suchte. Von seinem Blick umfasst, spürte sie ein Prickeln angenehmer Erregung, die Ahnung einer Aussicht auf Tröstung und Abenteuer. Simon Pemberton war ein hochgewachsener Mann mit kurz geschnittenem kastanienbraunem Haar und tiefblauen Augen, im Profil wirkte sein Kopf wie der eines noblen römischen Senators: Adlernase, leicht grausamer Zug um den Mund.

„Mögen Sie das Land nicht?“, fragte sie.

Seine Mundwinkel zogen sich abwärts. „Fischen und Jagen sagen mir wenig, und was sonst kann man dort schon unternehmen? Es gibt keine nennenswerten Kunstmuseen in Suffolk, wo mein Onkel lebt, und kaum Gelegenheit, Konzerte zu hören, die nicht absolut amateurhaft sind. Und die Leute, mit denen man dort zu tun hat … Ist es möglich, dass Feld, Wald und Wiese jegliches Konversationstalent ersticken? Oder verkriechen sich vielleicht alle, die nicht mit ihm gesegnet sind, ganz bewusst auf dem Land?“

„Mir fehlt das Land, wenn ich zu lange in der Stadt bin“, sagte Rowan. „Sie nimmt mir die Luft.“

„Und doch leben Sie in der Stadt.“

„Es geht nicht anders. Wegen Patricks Arbeit.“ Ihr Mann war Prozessanwalt, der regelmäßig bei den höheren Gerichten zu tun hatte.

Er setzte sich neben sie. „Mich hat die Ehe nie gelockt. Was hat sie schon zu bieten außer Einengung des Blickfelds und der Möglichkeiten?“

Obwohl ihre Ehe sich als herbe Enttäuschung erwiesen und sie immer mehr das Gefühl hatte, dass Patrick in jeder Hinsicht anders war als sie, ärgerte sie Simons Urteil.

„Sie bietet Sicherheit“, entgegnete sie. In der Rückschau allerdings fragte sie sich, ob sie nicht Sicherheit mit Liebe verwechselt hatte, als sie Patrick geheiratet hatte.

„Ich hatte das Glück, immer in gesicherten Verhältnissen zu leben“, fügte sie hinzu. »Aber bei uns Frauen ist es anders, wir sind von den Männern abhängig. Und Liebe – gibt es die allein in der Ehe? Ganz ehrlich, gibt es sie überhaupt noch in der Ehe, wenn die ersten Momente der Glückseligkeit vorbei sind?«

„Angemessen zynisch.“

„Verzeihen Sie. Stimmt, Zynismus ist billig und hässlich dazu. Sie haben recht, Optimismus kostet mehr Mühe, gerade heutzutage“, sagte sie, da sie vermutete, dass seine Bemerkung sich auf die Nachrichten bezog, die Gräuel des Bürgerkriegs in Spanien und das bedrohliche Umsichgreifen des Faschismus in Deutschland und Italien. „Man hat ja beinahe Angst, die Zeitung aufzuschlagen.“

Schnell und geschickt lenkte er das Gespräch in andere Bahnen. Sie unterhielten sich über zeitgenössische Kunst – er bewunderte Ben Nicholson und Stanley Spencer, für Henry Moore hingegen hatte er nur Verachtung übrig.

Die Kunst abgehakt, wandten sie sich dem Theater zu, während der Pianist The Holly and the Ivy herunterhämmerte. Simon gab vor, jedes interessante Stück in London gesehen zu haben. „Nicht, dass es mehr wären, als sich an den Fingern einer Hand abzählen lassen“, erklärte er. »Das Theater ist ausgebrannt, ein Schatten dessen, was es in seiner Blüte zu Zeiten Edwards VII. war. Im West End gibt es nichts als absolut grässliche Revuen und ordinäre Musicals.«

„Sie mögen keine Musicals?“

„Wer mit einem Funken Intelligenz mag die schon?“

„Ich liebe sie. Und das Kino? Gehen Sie ins Kino?“

„Nie wieder. Ich war einmal dort und fand es fürchterlich.“

Sie lächelte. „Vielleicht haben Sie sich den falschen Film angesehen?“

»Das glaube ich nicht. Diese schlechte Luft, der Gestank von billigen Zigaretten und Dienstmädchenparfum … diese geballten Horden mit ihrem Popcorn und ihrem Eis. Und die Banalität der Geschichte auf der Leinwand – es war unerträglich.«

„Ich gehe gern allein, am Nachmittag.“ Simon war so überzeugt von sich und seiner Meinung, dass Rowan sich eine kleine Provokation nicht verkneifen konnte. „Es hat so etwas herrlich Dekadentes.“

„Und das gefällt Ihnen? Ich verabscheue diese Leute, die nach Dekadenz um ihrer selbst willen streben und so tun, als genössen sie es, sich in irgendwelchen heruntergekommenen Kaschemmen mit kreischender Jazzband herumzutreiben, weil sie glauben, das mache sie interessanter.“

„Du meine Güte!“ Sie warf ihm einen belustigten Blick zu. „Muss ich jetzt Jazzmusik und Nachtlokale auf die Liste der Dinge setzen, die Sie nicht mögen?“

„Es ist doch wahr! Was ist dieses dumme Zeug im Vergleich mit einer Arie aus der Zauberflöte … oder einem Gemälde von Velazquez? Oder der Szene in Giselle, wenn die Ballerina über die Bühne zu schweben scheint wie das Geistwesen, das sie spielt?“

Rowan kannte selbst diese Momente, da einem der Atem stockte. Auch sie bewunderte Intensität und Leidenschaft und verachtete das Oberflächliche und Halbherzige. Die Ernsthaftigkeit, mit der er gesprochen hatte, machte ihn ihr sympathischer.

„Sie meinen das Erhabene“, sagte sie. „Aber das sind seltene und flüchtige Momente. Und in der Zwischenzeit müssen wir heiter bleiben.“

„Aber Sie werden mir doch zustimmen, dass das Wohlfeile und Oberflächliche uns herabzieht. Es trübt unseren Blick für das wahrhaft Schöne, und was bleibt uns dann noch?“ Seine dunkelblauen Augen blitzten amüsiert. »Ich gebe es zu, ich kann Schönheit nicht widerstehen. Was glauben Sie, warum ich mich hier mit Ihnen unterhalte, Mrs Scott, obwohl wir doch offenbar wenig gemeinsam haben?«

Herzklopfen. „Sie sind ein Schmeichler.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich schmeichle nie. Wenn es um Schönheit geht, bin ich immer ehrlich. Zum Beispiel sollten Sie nicht diese Farbe tragen. Dieser Blauton nimmt Ihrem Haar das Feuer. Sie sollten Rot tragen. Frauen mit rotblondem Haar schrecken immer vor Rot zurück. Sie fürchten den Aufeinanderprall der Farben. Aber das ist ein Irrtum. Sie sähen grandios aus in einem Venezianisch-Rot. Wie eine Flamme, eine hohe, schimmernde Flamme. Ah, ich sehe schon, ich gehe Ihnen zu weit.“ In seinem Ton lag keine Spur von Bedauern.

„Keineswegs“, entgegnete sie und fügte leichthin hinzu: „Ein praktischer Tipp in Modefragen ist immer hilfreich.“

Sie plauderten noch eine Weile, dann lud er sie zum Abendessen ein. Rowan war klar, dass sie im Begriff war, einen gefährlichen Weg zu beschreiten, als sie das Haus der Manninghams und ihre Freunde verließ, aber das konnte sie nicht aufhalten.

Im Simpson’s in the Strand dinierten sie in einem dunkel getäfelten Raum mit reich verzierter Stuckdecke, und Rowan fragte Simon nach seinen Weihnachtsplänen.

„Ich bleibe zu Hause“, sagte er. „Zu Weihnachten verreise ich nie, diese Familienfeiern mit schreienden Säuglingen und kreischenden Kindern finde ich unerträglich. Zum Mittagessen kommen ein paar gute Freunde, Familienmuffel wie ich, und den Abend werde ich mir mit Samuel Johnsons Essays bei einem guten alten Portwein vertreiben. Ich freue mich schon sehr darauf. Und Sie, Rowan?“ Sie waren wie von selbst dazu übergegangen, einander mit Vornamen anzureden.

„Wir sind am ersten Feiertag immer in Guildford beim Vater meines Mannes und meiner Schwägerin Elaine.“ Ihr graute schon jetzt vor ihnen – dem gebrechlichen alten Mann mit seiner unablässigen Nörgelei und ihrer Schwägerin, der verbitterten alten Jungfer, die ihn betreute. Schwere Speisen, stickige Räume und Langeweile.

„Meine jüngere Schwester Thea kommt auch“, fuhr sie fort. Die sechzehnjährige Thea lebte noch bei ihrem verwitweten Vater, der für Weihnachten nichts übrighatte. Er ging über die Feiertage lieber fischen oder bergwandern mit einem alten Freund namens Malcolm Reid, einem Sonderling, der abgelegen in den schottischen Highlands lebte und den sie nie kennengelernt hatten.

„Danach fahren wir drei zu Silvester nach Glasgow“, fügte sie hinzu.

„Ich habe gehört, dass in Schottland Silvester vielerorts mit mehr Trara gefeiert wird als Weihnachten.“

„Ja, das stimmt. Haben Sie Familie, Simon? Ach ja, den Onkel in Suffolk.“

„Denzil verbringt die Feiertage auch am liebsten allein für sich in seinem Haus Ashleigh Place. Es ist vielleicht das schönste kleine Herrenhaus in England.“

„Ah, da haben wir wieder die Schönheit!“

„Ja, ich bin ihr verfallen.“ Sein Blick saugte sich an ihr fest. Ein ungeschickterer Mann hätte vielleicht irgendein abgedroschenes Kompliment angehängt. Er tat es nicht und rief damit nervöse Spannung bei ihr hervor und das Verlangen nach mehr.

Sie fragte, ob Ashleigh Place schon lange in seiner Familie sei.

„Nein, keineswegs, Denzil war fünfundzwanzig, als er es einem Verrückten abkaufte, einem krankhaften Selbstdarsteller, der gern Theateraufführungen veranstaltete. Vorher gehörte es einer alteingesessenen Familie, den Gardiners, die es langsam verfallen ließen. Denzil restaurierte Ashleigh Place. Es war ein gewaltiges Unternehmen, sein Lebenswerk. Man möchte es heute nicht glauben, da er so schlecht beisammen ist, aber als er noch jünger war, strotzte er vor Kraft und Energie.“

„Sie haben ihn gern, nicht?“

Er lächelte. „Ja. Abgesehen von Denzil gibt es kaum jemanden in meiner Familie, mit dem ich freiwillig meine Zeit teilen würde. Ich habe eine Schwester, Anne, die mit einem Spießer namens Edwin verheiratet ist. Sie hat zwei Kinder. Henry ist ein wackerer kleiner Bursche. Ich werde ihm einen Walnusskuchen von Fullers für seine Süßigkeitendose schicken. Meine Nichte Zorah ist ein eher schlichtes Gemüt. Was, meinen Sie, wäre das richtige Weihnachtsgeschenk für sie?“

„Wie alt ist sie denn?“

„Ich weiß nicht genau. Fünf oder sechs.“

Rowan überlegte. „Buntstifte vielleicht? Ich habe als kleines Mädchen mit Begeisterung gemalt.“

„Und malen Sie noch?“

„Heute? Selten. Unser Haus ist sehr klein, da ist kein Platz für Malsachen. Oh, ich weiß, nichts als Ausreden.“ Sie seufzte. „In Wirklichkeit fällt mir einfach nichts mehr ein, was ich malen könnte. Glauben Sie, dass einem die Einfälle ausgehen, wenn man alt wird?“

„Na, alt sind Sie nun wirklich nicht.“

„Ich bin dreiundzwanzig. Manchmal fühle ich mich alt.“ Dreiundzwanzig kam ihr uralt vor. Sie war knapp neunzehn gewesen, als sie von Glasgow nach London gegangen war. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein. Sie erinnerte sich, wie aufgeregt sie gewesen war, mit welcher Glut sie den neuen Möglichkeiten entgegengefiebert hatte, die auf sie warteten, wie sehr sie die Streifzüge durch die Stadt geliebt hatte.

„Ich bin sechsunddreißig“, sagte Simon, „und ich fühle mich nicht älter als an dem Tag, als ich aus der Schule kam.“

Aus einem kurzen Gespräch mit Artemis, bevor sie ihren Mantel geholt hatte, wusste Rowan, dass Simon ledig war und es nicht nötig hatte zu arbeiten. „Sie haben es gut.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Sie können ein Leben führen, wie es Ihnen passt.“

„Finden Sie das verwerflich, oder sind Sie neidisch?“

„Keines von beiden. Glaube ich jedenfalls.“

Er lachte. „Was war das dann? Ein schottisch-puritanisches Naserümpfen?“

„Fühlt man sich nicht ziemlich … ziellos, um nicht zu sagen, orientierungslos, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat, als sich zu vergnügen?“

„Nein, es ist sehr angenehm. Warum versuchen Sie es nicht einmal?“ Sie wollte etwas entgegnen, schwieg aber, als er mit den Fingerspitzen ihr Handgelenk berührte. „Sie werden doch jetzt nicht so banal sein und mir erzählen, dass Sie einen Haushalt und einen Ehemann zu versorgen haben, Rowan? Das wäre wirklich enttäuschend.“

Er hob die Finger von ihrer Hand, doch seine Berührung schien einen Abdruck hinterlassen zu haben wie in weichem Ton. Sie sollte aufstehen und gehen, dachte sie, eine Verabredung vorschützen oder vorgeben, Patrick warte auf sie – irgendetwas.

Doch sie blieb, wo sie war. „Jeder hat Pflichten. Selbst Sie müssen doch welche haben.“

„Jeder tut so, als hätte er Pflichten, aber die meisten Leute sind wie ich, sie tun nur das, was ihnen in den Kram passt. Ich rede natürlich von meinesgleichen. Das Leben der unteren Schichten ist zwangsläufig eingeschränkt. Man kann natürlich auf lange Sicht planen. Ich habe meine Gründe dafür, die Unbilden des ländlichen Suffolk zu ertragen.“

„Die Schönheit.“

„Richtig.“ Er sah sie forschend an. „Und ich vermute, Sie, Rowan, nehmen Ihre häuslichen Pflichten und die gesellschaftliche Routine hin, weil … weil Sie sie befriedigen.“

Bei ihrer Heirat vor drei Jahren hatte sie gemeint, es müsse ein Leichtes sein, einen Haushalt zu führen, weil so vieles, was dazugehörte, belanglos und ständige Wiederholung war. Ja, es war belanglos und immer nur mehr desselben, aber es kostete, wie sich gezeigt hatte, auch Zeit und Kraft. Sie hatte gelernt, alles unter einen Hut zu bringen, die Einkäufe im Lebensmittelgeschäft, beim Gemüsehändler, beim Fleischer und beim Fischhändler, die Wäscheabgabe und die Tageshilfe. Sie konnte inzwischen recht passabel kochen; Gwen, ihre Köchin, hatte ihr die Zubereitung verschiedener kleiner Gerichte gezeigt, die sie an Gwens freien Abenden für Patrick und sich auf den Tisch brachte. Von ihren Freunden wurde sie als amüsante und originelle Gastgeberin geschätzt. Und doch ertappte sie sich immer häufiger bei der Frage: und nun? Wo konnte sie ein Ventil finden für den Tatendrang, der sie umtrieb, für die innere Unruhe, die es ihr unmöglich machte, abends mit einem Buch oder einer Handarbeit still im Haus zu sitzen? Nichts als immer wieder die gleichen Einkaufslisten, die gleichen geselligen Abendessen die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre?

„Wohl kaum“, entgegnete sie mit einem kleinen Lachen.

Er zündete zwei Zigaretten an und reichte ihr eine. „Oder“, sagte er gedämpft, „Sie ertragen es für Ihren Mann, den Sie lieben.“

„Er liebt mich nicht“, sagte sie und bedauerte augenblicklich ihre Offenheit. Wenn er wusste, dass sie nicht begehrt wurde, würde vielleicht sein Interesse an ihr schwinden.

Doch er zog die Augenbrauen hoch. „Dann ist er ein Narr.“

„Nein“, entgegnete sie mit Bitterkeit. „Patrick ist alles andere als ein Narr.“

„Aber warum dann?“

Sie antwortete mit einem kurzen Kopfschütteln. Sie wusste nicht, warum Patrick sie nicht begehrte. In ihren Gesprächen klammerten sie das Thema aus. Sie getraute sich nicht, ihn zu fragen, aus Angst, es könnte an ihr liegen. Sie war kalt. Sie wurde älter. Ihr fehlte die erotische Ausstrahlung. Schönheit und Attraktivität waren nicht das Gleiche. Immer häufiger beschlich sie der Verdacht, sie sei einfach nicht liebenswert.

Gedämpfter Tumult an einem anderen Tisch, wo ein Gast zu viel getrunken und die Weingläser umgestoßen hatte, bot willkommene Ablenkung. Kellner eilten mit Tüchern und Kehrschäufelchen hin und her.

„Sie machen so ein trauriges Gesicht“, bemerkte Simon sanft. „Was ist?“

Der Kellner kam und räumte ihre Teller ab. Als er gegangen war, sagte sie: „Als ich Patrick kennenlernte, lebte ich in London, allein. Ich war ziemlich deprimiert … ich hatte gerade eine unglückliche Liebe hinter mir. Bei Patrick hatte ich das Gefühl, dass er mir Halt gibt. Ich brauchte das. Kennen Sie dieses Gefühl, ziellos dahinzutreiben, ohne die geringste Ahnung, welche Richtung man einschlagen soll?“

„Nein.“

Damals, in der ersten Zeit, hatten Patricks Liebenswürdigkeit und Gelassenheit sie angezogen. Ihr selbst fiel Gelassenheit schwer, und sie fand sich nicht besonders liebenswürdig. Aber nach drei Jahren Ehe, in denen der Sex zwischen ihnen, von Anfang an nicht gerade stürmisch, völlig abgeflaut war, machte das Schweigen, in das Patrick sich zurückzog, sie nur noch ängstlich und wütend.

Mit einem feinen Lächeln fügte Simon hinzu: „Tja, ich bin zwar Ästhet und überzeugter Stadtmensch, aber wenn man ein wenig schürft, stößt man zwei Generationen zurück auf eine lange Reihe bodenständiger Bauern aus Hertfordshire. Eigentlich sollte ich jetzt wohl meine Schweine füttern.“

„Gott, da würden Sie sich ja bekleckern, Simon.“ Sie lachte mit einem Blick auf seinen tadellos sitzenden Abendanzug.

„Ja, das ist wahr.“ Er tätschelte ihre Hand, und sie hätte am liebsten die seine ergriffen wie einen rettenden Anker. „Rowan …“ Er senkte die Stimme, während er zart die Innenfläche ihrer Hand streichelte, „ich bewundere schon seit einer Weile Ihren Glanz und Ihr Feuer. Nur die Furcht, darin zu verbrennen, hat mich bis jetzt zurückgehalten.“

Wie sollte man als Frau auf eine solche Erklärung reagieren? Sie war froh, als der Kellner mit der Dessertkarte kam. Sie wollten beide keinen Nachtisch; sie hatte den Appetit verloren, und Simon nahm nie Nachspeisen, wie er sagte. Bei Kaffee und Petit Fours unterhielten sie sich über dies und das, doch Rowan wusste, dass eine Grenze überschritten war und sie sich auf gefährliches Terrain zubewegten – aber nein, er, Mann und Junggeselle dazu, hatte nichts zu fürchten, gefährlich war es nur für sie.

Heißes Verlangen kämpfte mit lähmender Angst. Es war so lange her, dass sie einen Mann begehrt, dass sie überhaupt etwas gefühlt oder gespürt hatte, dass Lust und Vorsicht miteinander gestritten hatten. Ein Schleier hob sich. Sie war sich selbst verloren gegangen, und nun, plötzlich, hatte sie sich wieder von der Asche ihrer Ehe befreit, brach Farbe sich Bahn durch das Grau. Er begehrte sie und machte kein Geheimnis daraus. Sie fühlte sich wieder lebendig.

Draußen auf der Straße schimmerten blass in dunstigem Strahlenkranz die Gaslampen. Sie winkte einem Taxi, aber es fuhr vorbei. Solche Kleinigkeiten können ein Leben wenden, dachte sie später. Hätte das Taxi gehalten, wäre es nie zu diesem Kuss gekommen, diesem erschreckenden und leidenschaftlichen Kuss, den sie besinnungslos vor Lust und Begierde erwiderte.

 

Auf der frühmorgendlichen Fahrt durch die froststarren Straßen Londons sah sie zum Fenster des Taxis hinaus. Der Nebel legte verwaschene gelbe Schleier über die Reklamewände, die Gesichter der Menschen auf den Bürgersteigen wirkten wie gefroren, weiß und verzerrt, mit offenen Mündern, von Schatten zerschnitten. Ein Obdachloser, der schlafend in einer Toreinfahrt lag, wurde zu einem leeren Haufen Lumpen und alter Decken. Die dunklen Geschäfte und Büros erinnerten an finster gähnende Höhlen.

Rowan leckte sich mit der Zungenspitze die Oberlippe, die wie wund war. Ihre Euphorie war verflogen, noch nicht Reue gewichen, aber von Trübsinn verdrängt. Ihr graute vor der Heimkehr in die Mallord Street in Chelsea. Sie hatte sich aus einer Laune heraus für das Haus entschieden, verführt von der unkonventionellen Bohemeatmosphäre des Viertels, doch inzwischen hasste sie dieses ehemalige Künstleratelier in seiner ganzen Fipsigkeit und klaustrophobischen Enge. Die Räume waren klein und gedrängt, unten eine Küche mit Spülküche, ein Salon und ein Speisezimmer; oben drei Schlafräume. Die verwinkelte Mansarde mit den schrägen Decken diente als Speicher für die Möbel und den Nippes, den sie von Patricks Großmutter geerbt hatten. Das Gästezimmer, in dem Thea übernachtete, wenn sie zu Besuch kam, lag nach hinten hinaus, mit Blick auf den Hof. Das Schlafzimmer von Rowan und Patrick war vorn. Durch das Erkerfenster, das sie beim Umbau hatten einsetzen lassen, drang Wasser ein, sobald es stärker regnete.

Wenn sie sich jetzt ins Schlafzimmer stahl, würde Patrick tun, als schliefe er. Er würde nicht fragen, wo sie gewesen war, und sie würde nichts sagen. Keiner von ihnen würde die stillschweigende Vereinbarung brechen, die zwischen ihnen bestand und die sie zunehmend als Fesselung empfand. Sie schlichen auf Zehenspitzen um eine Aussprache herum, so wie sie gleich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer schleichen, sich leise ausziehen und abschminken würde, um den Schein zu wahren, dass er schlief.

Man konnte nicht richtig streiten mit Patrick. Wenn sie laut wurde oder weinte, wurde er nur umso passiver und distanzierter. Ihre Auseinandersetzungen entzündeten sich an Nebensächlichkeiten: Sie hatte irgendeinen gesellschaftlichen Termin mit seinen Kollegen vergessen; er hatte noch immer keinen Handwerker für den tropfenden Wasserhahn bestellt. Die Kluft, die Kränkung und Groll zwischen ihnen aufgerissen hatten, ging so tief, dass sie nicht angesprochen werden konnte.

Patrick war schmal und zart, mit hellem Haar, kleinen blauen Augen und fein gezeichneten Zügen, ein auf unaufdringliche englische Art gut aussehender Mann. Er bereitete ihr ein sorgenfreies Leben, seine Freunde konnten sich auf ihn verlassen, und wer in sein Haus kam, wurde mit offenen Armen aufgenommen. Der Vorwurf, es fehle ihm an Lust und Feuer, hätte ihn tief gekränkt, das wusste Rowan. Manchmal bemerkte sie, bevor er sich im Bett von ihr abwandte, Schuldbewusstsein und nackte Scham in seinem Blick. Aber es war nicht nur Mitleid, was sie von einer Konfrontation abhielt. Ein Wort über die Leere ihrer Ehe würde womöglich einer Flut bisher unterdrückter Gefühle und Vorwürfe die Schleusen öffnen.

So kann es nicht weitergehen, schoss es ihr durch den Kopf, während das Taxi durch Chelsea fuhr. Sie und Patrick standen am Rand eines Abgrunds. Heute Nacht hatte sie sich taumeln gefühlt. Simon hatte sie an die Macht der Begierde erinnert, die stärker war als Logik, Verstand und Pflicht. Mit einer tiefen Bitterkeit bereute sie die verlorene Zeit, die dürren Jahre ihrer Ehe.

Als sie in der Mallord Street die Haustür aufsperrte, hatte sie das Gefühl zu schrumpfen, als wollte sie sich den engen Räumen des Hauses und ihrer Ehe anpassen. Im Spiegel in der Diele vergewisserte sie sich, dass ihr Lippenstift nicht verschmiert war. Patricks Papiere lagen unordentlich verstreut auf dem Esstisch. Der von ihr ausgesuchte Weihnachtsbaum war, fand sie, zu groß für den Salon. Sie zog ihre Schuhe aus und ging nach oben.

 

Sie schlief ein paar Stunden. Um sieben weckte Patrick sie, um ihr zu sagen, dass ihre Schwester am Telefon sei.

Und so erfuhr sie von Thea, dass ihr Vater an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war. Thea war am 17. Dezember aus dem Internat in Yorkshire für die Weihnachtsferien nach Hause gefahren. Ihr Vater kam am folgenden Tag von einer Geschäftsreise nach Südengland zurück. Er fühlte sich nicht wohl, wurde von Fieber und Husten geplagt, dennoch erlaubte er Thea nicht, den Arzt zu holen. Erst am nächsten Tag, als sein Zustand sich besorgniserregend verschlechtert hatte, setzte Thea sich durch. Der Hausarzt stellte eine Lungenentzündung fest. Ihr Vater sprach auf die Behandlung nicht an. Er litt seit dem Großen Krieg, als er in einen Senfgasangriff geraten war, an einer Lungenschwäche.

Patrick bestellte ein Taxi, das Rowan zum Bahnhof Euston bringen sollte, wo sie den Zug nach Glasgow nehmen wollte. Rowans Hände zitterten, während sie in panischer Angst Blusen und Röcke faltete. Tief im Innern lauerte der Verdacht, dass die Erkrankung ihres Vaters ihre Schuld sei, eine Strafe für die leidenschaftlichen Stunden mit Simon.

Als sie von unten Hupen hörte, sah sie zum Fenster hinaus. Das Taxi war da. Sie klappte ihren Koffer zu und eilte nach unten.

Artenschutz aus Leidenschaft

„Die Tierärztin Hanah Emde setzt sich seit dem Abitur für Artenvielfalt einsetzt. Ob auf Madagaskar, auf Borneo, in Costa Rica oder Guatemala: Sie engagiert sich für Lemuren, Riesenpapageien, Jaguare, Schildkröten oder Bullenhaie, für Aras und die seltensten Raubkatzen der Welt. Von ihren Erfahrungen berichtet Hannah Emde in „Abenteuer Artenschutz“ auf ebenso mitreißende wie augenöffnende Weise.."  Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Abenteuer ArtenschutzAbenteuer Artenschutz

Als Tierärztin im Dschungel

Sie ist in den Dschungeln der Welt zu Hause: Hannah Emde, 28, setzt sich als Tierärztin für den Erhalt der Arten ein. Sie arbeitet mit dem extrem seltenen Nebelparder auf Borneo, mit bunten Riesenpapageien in Guatemala, mit Orang-Utans oder mit einer vier Meter langen Würgeschlange. Überall auf der Welt engagiert sie sich, um Tiere vor dem Aussterben zu schützen, dabei haben es ihr die Regenwälder besonders angetan. Sie berichtet mitreißend von der Schönheit des Dschungels und vermittelt eindringlich, warum Exoten wie der Lemur auf Madagaskar und der Bullenhai in Costa Rica gefährdet sind. Und was jeder Einzelne von uns hier und jetzt dafür tun kann, um ihren Lebensraum zu bewahren.Mit Tipps, was jeder von uns hier und jetzt für den Artenschutz tun kann

Prolog
Schwül-feuchte Luft strömt mir entgegen, als ich die Autotür öffne. Meine Kleidung klebt an der Haut, es herrschen über 30 Grad. Neugierig blicke ich mich um. Das Auto parkt unter einer großen Brücke. Um mich herum stehen weitere Pick-ups, ich erkenne vereinzelte Häuser, und zweihundert Meter entfernt befindet sich ein menschenleeres Restaurant. Ich schnappe mir meinen Rucksack und folge einem schmalen Trampelpfad in Richtung Bootssteg. Hier startet die letzte Etappe der Reise, mein Ziel: eine kleine Forschungsstation mitten im Regenwald der Insel Borneo – weit weg von der Zivilisation. Begleitet werde ich von Peter; der Malaysier ist Manager der Forschungsstation.
Ich hebe den Blick, und zum ersten Mal taucht er vor mir auf: der Kinabatangan River. Ein mächtiger, schlammbrauner Fluss, der sich durch Urwälder und Schwemmebenen bis in die Sulusee windet. Er entspringt im Herzen der nebelverhangenen Regenwälder im Hochland und ist Lebensader der Provinz Sabah. Die Einheimischen nennen ihn „Sabahs Geschenk an die Erde“. Die atemberaubende Vielfalt der Tierwelt entlang dieses Gewässers ist etwas ganz Besonderes. Lediglich das gewaltige Flusssystem des Amazonas hat einen vergleichbaren Artenreichtum zu bieten.
Umrahmt von gigantischen Bäumen und sattem Grün, liegt der breite, reißende Fluss vor mir. Mein Herz schlägt schneller. Für uns Forschende ist der Kinabatangan der einzige Weg, auf dem wir in die Tiefen des Dschungels gelangen. In den Naturdokus, die ich vor meiner Abreise geschaut habe, wird das Wasser charmant als „kaffee-“ oder „bernsteinfarben“ beschrieben, und es heißt, an seinen Ufern würde das Überraschende alltäglich. Zwar ist das Wasser meiner Meinung nach schlicht schlammbraun, doch vor allem bin ich enorm gespannt auf die nächsten drei Monate im Dschungel.
Ich kann es kaum erwarten, endlich auf das Wasser zu kommen. Mit Schwimmweste um die Schultern und Rucksack auf dem Schoß sitze ich aufmerksam auf der Vorderbank des kleinen Motorboots, das Peter hinter mir steuert. Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, und Urwaldbäume in allen Größen und Formen rauschen an mir vorbei. Ein herrlich frischer Duft aus Wald und Unbekanntem liegt in der Luft. Das dunkle Wasser spritzt vom Boot ab, und am Horizont türmen sich Wolkenberge auf. Wir rasen von einer Flussschlinge in die nächste.
Aufgeregt versuche ich, überall gleichzeitig hinzugucken. Über meinen Kopf fliegt ein Nashornvogel-Pärchen hinweg: große schwarze Vögel, mit weißer Brust und einem mächtigen, gebogenen Schnabel, auf dem ein fast ebenso großes Horn sitzt. Durch ihren hektischen Flügelschlag, der mich ein bisschen an flatternde Hühner erinnert, kann ich sie am Himmel gut identifizieren.
Eine weitere Bewegung fällt mir ins Auge: eine Gruppe Affen erkundet das Ufer. Bestimmt fünfzehn Langschwanz-Makaken laufen leichtfüßig am Wasser entlang und suchen nach Futter. Ein Baby klammert sich am Rücken seiner Mutter fest, zwei Junge tollen über den Boden. Als sich das Motorboot nähert, schauen sie kurz auf, mustern uns kritisch und sprinten geschickt den nächsten Baumstamm hinauf. Die auslaufenden Äste des großen Baumes wippen verräterisch. Hinter jeder Flussbiegung wartet eine neue Überraschung auf mich.
Plötzlich zeigt Peter auf das Ufer rechts von uns und bremst das Boot ab: Langsam schiebt sich ein großer, schuppiger Rücken aus dem trüben Wasser. Erschrocken erkenne ich ein monströses, spitz zulaufendes Maul mit gewaltigen Zahnreihen und zwei gelbe, eng beieinanderstehende Augen. Der braun-schwarze Panzer hebt sich kaum vom Ufer ab.
Mittlerweile ist das riesige Reptil ganz aus dem Wasser gekommen und schleicht bedrohlich über den schlammigen Boden, ehe es sich niederlässt. Ein Leistenkrokodil, das größte Krokodil der Welt. Begeistert präge ich mir alles genau ein.
„Leistenkrokodile können über sieben Meter lang werden mit bis zu einer Tonne Gewicht. Und sie sind zahlreich im Kinabatangan vertreten. Sehr zahlreich. Es ist das größte aller heute lebenden Reptilien“, erklärt mir der Malaysier stolz.
Andächtig mustere ich das prähistorische Raubtier. Ruhig liegt es in der Sonne und nimmt keinerlei Notiz von unserem Boot.
„Wichtigste Regel für dich: niemals im Kinabatangan schwimmen! In den angrenzenden Dörfern sind schon Menschen von Krokodilen schwer verletzt worden. Meist waren es Kinder, die am Wasser spielten“, fährt Peter fort.
Ich muss schlucken. Während der Weiterfahrt entdecke ich noch mindestens sechs weitere Krokodile am Flussufer, die meisten liegen bewegungslos in der Sonne. Manche haben ihr Maul weit geöffnet und präsentieren ihre gewaltigen Zähne.
„Wir befinden uns hier in den Tieflandschwemmebenen des Kinabatangan-Flusses!“, ruft mir Peter über das Motorengeräusch zu. „Sie gehören zu den wenigen Regionen der Erde, in denen zehn unterschiedliche Primatenarten heimisch sind. Neben den bekannten Orang-Utans, Gibbons, Makaken und Languren lebt hier einer der seltensten und einzigartigsten Affen der Welt. Gleich müssten wir an einer Gruppe vorbeikommen.“
Staunend suche ich die vorüberrauschenden Bäume ab, und dann sehe ich sie: orangefarbene Flecken mit großer, birnenförmiger Nase und dickem Kugelbauch – die Nasenaffen. Mit beeindruckenden Sprüngen bewegen sie sich in den üppigen Bäumen fort. Ein großer Affe fühlt sich von dem näher kommenden Boot gestört, streckt seinen Oberkörper nach vorne, zeigt seine Zähne und beginnt laut zu rufen. Mich erinnert das Gebrüll allerdings eher an ein bedrohliches Schnarchen.
„Nasenaffen zählen zu den seltensten Affen der Welt, nur etwa siebentausend Tiere leben in freier Wildbahn. Ihr Lebensraum schrumpft stetig“, erklärt mir der Manager.
Es ist eine große Freude, der Affengruppe beim Fressen und Toben zuzuschauen.
Die Naturdokumentationen haben nicht übertrieben: Der Kinabatangan sprüht nur so vor Leben. Ein herausragendes Beispiel dieses Artenreichtums ist der Sunda-Nebelparder. Eine sehr scheue und durch ihre ungewöhnliche Fellzeichnung exzellent getarnte Raubkatze, die nur auf Borneo vorkommt. Mein Traum ist es, diese besondere Katze während meines Forschungsaufenthaltes zu Gesicht zu bekommen.
Ein besonders liebenswertes Tier, das mir in freier Wildbahn allerdings nicht mehr begegnen wird, ist das Sumatra-Nashorn. Das kleine, vollkommen behaarte Nashorn, das hier über fünfunddreißig Millionen Jahre gelebt hat, ist nämlich seit 2015 in Sabah ausgestorben. Eine tragische Entwicklung, die mir die Fragilität dieses Ökosystems schmerzlich vor Augen führt.
Während der rasanten Flussfahrt über den Kinabatangan spüre ich ein Kribbeln in mir aufsteigen: ein aufgeregtes Glücksgefühl – auf ins Unbekannte!


TEIL I
FASZINATION WILDNIS

1. Mein Naturkundemuseum in der Schublade
Goldenes Licht flutet den Raum, die Vögel zwitschern fröhlich vor sich hin, und der Wind rauscht durch das Blätterdach. Widerwillig erwache ich aus meinem Tiefschlaf und öffne vorsichtig die Augen. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass ich mich gar nicht im Dschungel befinde. Das Bett ist zu weich, die Luft zu trocken und das Zwitschern zu eintönig. Da kommt der neumodische Tageslichtwecker mit Vogelfunktion an seine Grenzen. Ernüchtert blicke ich aus dem Fenster. Weder Affen noch Nashornvögel in den Bäumen, stattdessen grauer Himmel, Nieselregen und ein Linienbus, der sich durch die Straßen kämpft. Wenigstens die Kohlmeisen im Baum gegenüber lassen mich nicht im Stich. Mein Leben lang habe ich in Städten gewohnt, und trotzdem werden mir all der Beton, der laute Verkehr, die Hektik und der getaktete Lebensstil manchmal zu viel. Dann zieht es mich in die Ferne, in ein einfaches Leben aus dem Rucksack mit vier T-Shirts, Gummistiefeln, fremden Sprachen, hohen Bäumen und wilden Tieren.
Ich heiße Hannah, bin 26 Jahre alt und wohne in Hamburg, wenn ich nicht gerade in den Dschungeln unserer Erde arbeiten darf. Ich esse gerne Reis, mag keine Spinnen und freue mich über jede warme Dusche. Warum das so ist – und warum ich nicht eine klassische Tierärztin in der Kleintierpraxis geworden bin, sondern lieber einer vom Aussterben bedrohten Raubkatze durch den Regenwald folge –, erzähle ich in diesem Buch. Ich möchte meine Leserinnen und Leser mitnehmen auf eine Reise. Eine Reise durch fremde Länder und dichte Wälder mit wilden Tieren und interessanten Begegnungen. Und vor allem möchte ich herausfinden, warum der Orang-Utan auf Borneo, der Lemur auf Madagaskar oder der Hellrote Ara in Guatemala vom Aussterben bedroht sind und was wir alle dagegen tun können.

Mit meiner Kaffeetasse in der Hand setze ich mich an den Laptop und gehe die Newsletter in meinem Posteingang durch. Schlagzeilen fluten die Kanäle:
„Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht“.
„Ein Massensterben wie bei den Dinosauriern – nur menschengemacht“.
„Artensterben so gefährlich wie der Klimawandel“.
Bestürzt lese ich mich durch die Nachrichten. Gerade veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) der Vereinten Nationen einen wichtigen Bericht. Hundertfünfzig Fachleute aus fünfzig Ländern analysierten dafür Tausende Studien zum Thema Artenvielfalt. Erstmals bezogen sie darüber hinaus auch das Wissen indigener Völker und regionaler Gemeinden mit ein.
Was bedeutet Biodiversität überhaupt? Dieser Begriff beinhaltet alles, was zur Vielfalt der belebten Natur beiträgt: Arten von Tieren und Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen sowie die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Lebensräume.
Biodiversitätsschutz bedeutet also nicht nur, die Schönheit der Natur zu bewahren, sondern auch die Grundlage des Überlebens auf unserem Planeten zu sichern.
Die Ergebnisse des Artenschutzberichtes sind erschreckend: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Gründe dafür sind die intensive Nutzung der Landflächen und Meere, der Klimawandel und die Verschmutzung der Umwelt. Auch invasive Arten, die heimische Tiere und Pflanzen verdrängen, spielen eine Rolle. Sogar bei unseren Nutztieren schwindet die Vielfalt. Dabei sollten laut Biodiversitätskonvention bereits bis 2020 der Verlust der Lebensräume um die Hälfte reduziert, die Überfischung gestoppt und Schutzgebiete erweitert werden. Keines dieser Ziele wurde erreicht.
Ich bin schockiert, mit einer derart schlechten Bilanz habe ich nicht gerechnet. Eine Million Arten vom Aussterben bedroht – es tut weh, so etwas zu lesen. Schließlich sind darunter auch Arten, die wir bisher nicht mal kennen. Beispielsweise der Tapanuli-Orang-Utan, der erst vor zwei Jahren auf Sumatra entdeckt wurde und mit nur achthundert Individuen schon jetzt als die seltenste Menschenaffen-Art der Welt gilt. Häufig sind es sogar Arten, von denen wir noch gar nicht wissen, welche Rolle sie im Ökosystem spielen. Jeden Tag gehen dabei Informationen verloren, die für uns Menschen von großer Bedeutung sein können, zum Beispiel für die Grundlagenforschung oder die Gewinnung von Medikamenten. Gleichzeitig verspüre ich einen starken Drang, etwas gegen das fortschreitende Artensterben zu tun.
Bedrückt verfasse ich einen Post zu dem Thema für Facebook, viele Likes wird er wohl nicht bekommen. Mein Kaffee ist mittlerweile kalt. Beim Kaffeekauf achte ich besonders auf Bioanbau und fairen Handel, um die Kleinbauern in den Anbauregionen zu unterstützen und dem Ökosystem nicht zu schaden. Zahlreiche alltägliche Kaufentscheidungen wie diese können einen Unterschied machen. Ich hatte noch nie einen besonderen Hang zur Schwarzmalerei und bin froh, als ich in dem Bericht doch noch einen Hoffnungsschimmer entdecke. Auf die Frage, ob sich der Rückgang der Artenvielfalt überhaupt noch aufhalten lasse, antworten die Publizierenden mit einem klaren Ja. Aber nur, wenn auf allen Ebenen unverzüglich und konsequent gegengesteuert wird.

Ich liebe Tiere. Ob groß, klein, schuppig, süß oder gefährlich – nichts fasziniert mich so sehr wie die Tierwelt. Deswegen bin ich auch Tierärztin geworden. Das wollte ich schon als kleines Mädchen: „Tiereztin“ steht in krakeliger Schrift in meinem „Wilde Hühner“-Freundebuch. Was ich damals mit sieben Jahren gar nicht mochte, sind „Tierkweler“. Auch das hat sich bis heute nicht geändert.
„Du hattest schon immer diesen besonderen Draht zu Tieren“, erzählt mir meine Mutter, als ich sie nach den Anfängen meiner Tierliebe befrage. „Schon im Kindergarten, da warst du gerade mal fünf, bist du mit den Vorschulkindern jeden Freitag zur Jugendfarm gefahren, um Ställe auszumisten und Tiere zu füttern. Die anderen Kinder hatten Angst, den Stall des Ziegenbocks sauber zu machen, weil der so stur war. Aber Klein-Hannah ließ sich davon nicht beeindrucken, stapfte schnurstracks in den Stall und stemmte sich gegen den Bock, wenn er sie beiseitedrängen wollte. Berührungsängste Tieren gegenüber waren dir völlig fremd.“
Ich bin im Rheinland aufgewachsen, in einem Haus am Stadtrand mit kleinem Garten und viel Grün drum herum. Meine Kindheit spielte sich weitgehend draußen ab, und ich hatte nie Hemmungen, mich dreckig zu machen. Als Tochter einer Biologin und eines Forstwissenschaftlers wurde ich in einem naturverbundenen Haushalt groß und kam schon früh mit einem umweltbewussten Lebensstil in Berührung. Das erste gemeinsame Projekt mit meiner Mutter, an das ich mich erinnere, war das Züchten von Salzkrebsen. Wir starteten öfter solche Experimente: Insektenhotels bauen, Zwiebelschalen mikroskopieren oder Spinnen aufziehen, um die Abneigung ihnen gegenüber zu verlieren. Gut, Letzteres hat bei keinem von uns so richtig geklappt. Ein Dackel gehörte ebenfalls zur Familie Emde. So lernten meine Schwester und ich schon früh, Verantwortung für ein Tier zu übernehmen.
Mein Vater erzählte damals gern, dass er bei „Wetten, dass ..?“ die Wette abschließen wolle, zwölf verschiedene Baumarten an ihrem Geschmack zu erkennen. Daraufhin verbrachte ich einige Tage damit, Bäume anzulecken, weil ich das auch können wollte. Außerdem hatte ich eine Vorliebe für Naturschätze. Schon in der Grundschule begann ich damit, jeden schönen Stein, jede Feder und auch jeden Knochen einzusammeln, den ich im Wald fand. Meine große Schwester pflegte eine hübsche Ausstellung von Edelsteinen und Sammelfiguren in ihrer Glasvitrine. So etwas wollte ich auch haben, allerdings war mir all die Ordnung zu viel Aufwand, sodass mein „Naturkundemuseum in der Schublade“ etwas rustikaler ausfiel. Als mein großer Stolz musste es von jedem Gast des Hauses bewundert werden.
Mit der Zeit häuften sich immer mehr „Materialien“ an, die ich vorsichtig mit dem Lupenglas inspizierte und dann in der Schublade verschwinden ließ. Eines Tages begrüßten mich viele kleine Mitbewohnerinnen in meinem Kinderzimmer. Zu meiner großen Freude und dem Entsetzen meiner Eltern hatten sich Hunderte weiße Larven in dem Rehschädel in meiner Schublade eingenistet. Daraufhin bestanden die Erwachsenen darauf, dass ich ihnen jeden neuen Fund erst zeigte, bevor er dort seinen ehrenvollen Platz bekam.
Auch meine Grundschullehrerin trug zu meinem frühen Forscherdrang bei. Frau Vogel schickte uns, wann immer es möglich war, hinaus in die Natur. Sie weckte durch ihren anschaulichen und spannenden Unterricht einen Wissensdurst in mir, für den ich ihr bis heute dankbar bin. Frau Vogel wurde ein Local Hero für mich, eine Person, die mich nachhaltig prägte und inspirierte. Meine Local Heroes begegnen mir überall auf der Welt und begleiten mich mein Leben lang.
Frau Vogel führte von Anfang an zahlreiche Projekte mit unserer Klasse durch, die nicht im Lehrplan standen, entdeckte meine Stärken und förderte mich, wo immer es ging. Dabei blieb mir am meisten unser Schneckenprojekt im Gedächtnis: Jeder Gruppentisch bekam ein Terrarium mit Weichtieren. Wir richteten ihnen das Zuhause naturnah ein, teilten uns die Fütterungszeiten ordentlich auf, gaben unseren Schnecken Namen, erforschten und studierten sie. Das hatte zur Folge, dass ich ein großer Schneckenfan wurde. Stundenlang konnte ich hinter unserem Haus neben den Büschen hocken und Schnecken beobachten. Andere spielten mit Barbies oder Gameboys, ich veranstaltete Schneckenrennen, sammelte Futter und pflegte die schleimigen Tierchen. Einmal nahm ich eine Schnecke mit in mein Kinderzimmer, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich muss ungefähr sieben Jahre alt gewesen sein. Als ich mich nach dem Abendessen wieder zu ihr gesellen wollte, war sie nicht mehr aufzufinden. Erst erzählte ich niemandem von meinem schmerzlichen Verlust, bis meine Eltern einige Wochen später fast verzweifelten. Es stank ziemlich übel in meinem Zimmer, doch keiner konnte sich die Ursache erklären. Mein Vater montierte die halbe Holzvertäfelung ab, da er dahinter eine tote Maus vermutete, doch der penetrante Verwesungsgeruch blieb unaufgeklärt. Sogar Dackel Lotta kam als Spürhund zum Einsatz. Da nahm mich meine Mutter zur Seite: „Hannah, war hier irgendein Tier in deinem Zimmer? Sei ehrlich, ich schimpfe auch nicht.“
Betreten gab ich zu: „Mhhm … na ja … ich hatte eine Schnecke in der Hosentasche. Dann gab es Abendbrot, und ich habe sie hier so lange auf den Tisch gelegt. Und als ich wiederkam, war sie nicht mehr da.“
Jetzt wussten sie zumindest, wonach sie suchten, aber es dauerte trotzdem noch einige Tage, bis sie einen dunklen, streng riechenden, festgetretenen Fleck im Teppich fanden. Danach durfte ich keine lebendigen Tiere mehr mit in mein Zimmer nehmen. Und hatte auch nie wieder einen Teppich.
Meine Mutter erzählt heute noch lachend: „Mir war klar, dass das bei dir nie die ›Pferdenummer‹ werden würde. Du hast auf dem Reiterhof schon immer lieber mit den Tieren gearbeitet, als sie zu striegeln oder ihnen Flechtfrisuren zu zaubern. Du wolltest nicht Tierärztin werden, weil du so gerne Tiere streichelst, sondern weil du sie erforschen wolltest.“

Meine ersten wichtigen Naturmomente erlebte ich in Schweden. Seit ich klein bin, fahre ich dorthin, damals häufig mit Familie und VW-Bus in den Sommerferien, später dann mit den Pfadfindern oder Freundinnen. Wildes Zelten, Blaubeeren pflücken, Pfannkuchen über dem Feuer. In klaren, kalten Seen schwimmen und mich anschließend auf den warmen Felsen wieder aufwärmen. Klar kenne ich die Geschichten von Astrid Lindgren, und Ronja Räubertochter bleibt eine große Heldin.
Ich schwärme für warme Zimtschnecken und rostrote Schwedenhäuschen, aber vor allem liebe ich diese raue skandinavische Natur: Nadelwälder, so weit das Auge reicht, moosbewachsene Felsen, einsame Inseln und die kurzen Sommer. Besonders eindrücklich blieben mir die langen Kanutouren. Im Nachhinein bewundere ich den Mut meiner Eltern. Für zehn Tage mit zwei Kanus, zwei Kindern, zwei Zelten und einem Dackel auf dem Wasser unterwegs zu sein ist wahrlich eine Herausforderung.
Das Gefühl, über einen seelenruhigen See zu paddeln, ist ganz tief in meinem Herzen verankert. Wenn ich so lautlos durch die Natur gleite, nehme ich die Landschaft und die Tiere intensiv wahr. Ich lasse die Seele baumeln und spüre eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Hier nehme ich Zeit ganz anders wahr. Ich richte mich nach Wind, Wetter und den eigenen Kräften. Ich lerne, mich anhand einer Karte zu orientieren und das Kanu durch Stromschnellen zu navigieren.
Gegen Nachmittag wird auf Kanutour nach der schönsten Insel oder dem prächtigsten Ausblick Ausschau gehalten. Routiniert werden die Boote ausgeladen, Zelte aufgebaut und Feuer gemacht. Ist jemand beim Angeln erfolgreich, gibt es zu Tütensuppen und Reis sogar mal gegrillten Fisch.
Kurz bevor es dunkel wird, in der blauen Stunde, verstummt für einen Augenblick die Natur, und der See ist spiegelglatt. Ein magischer Moment. Auch der Morgen hat seinen eigenen Zauber, wenn die Nebelschwaden auf dem Wasser tanzen. Die kurze Erfrischung im eiskalten See macht mich blitzschnell wach. Mit biologisch abbaubarer Seife waschen und dann mit Klappspaten ein stilles Örtchen mit Ausblick suchen: alles Rituale, die mir damals so selbstverständlich und natürlich schienen.
Einzig die langen Regentage blieben eine Herausforderung. Anfangs sind die prasselnden Tropfen auf dem Zeltdach noch gemütlich, aber nach einigen Stunden halte ich es in dem kleinen Zelt kaum mehr aus. Alles ist nass, mindestens feucht und kalt. Ich sehne mich nach einem trockenen Handtuch oder einem festen Dach über dem Kopf. Nach solchen Tagen ist der erste Sonnenstrahl, der wieder durch die Wolkendecke dringt, ein großes Geschenk.
Diese Urlaube in Schweden haben mich nachhaltig geprägt. So lernte ich schon als Kind, meine Sinne zu schärfen und sorgsam mit meiner Umwelt umzugehen. Ein Leben im Einklang mit der Natur. Das lernte ich auch von klein auf bei den Pfadfindern kennen: „Versucht, diese Welt ein wenig besser zu verlassen, als ihr sie vorgefunden habt“, schrieb der Gründer der Pfadfinderbewegung schon 1941. Diese Worte begleiten mich bis heute.

Meine erste lange Station im Ausland war ein Jahr in den USA. Zwei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag flog ich nach Pennsylvania. Ich lebte bei einer Gastfamilie in einer Kleinstadt, besuchte die Highschool und spielte in der Drumline (Schlagzeuggruppe) einer Marching Band. Schnell erfuhr ich kulturelle Unterschiede. Auch herrschte eine andere Oberflächlichkeit. Mit meiner Mülltrennung und dem Stromsparen wurde ich zur Exotin. Zu dem Fast Food-Restaurant auf der anderen Straßenseite fuhr die Familie mit dem Auto. Und für den Black Friday standen wir schon um fünf Uhr morgens in der Warteschlange der Shopping Mall.
Ich erlebte die Konfrontation mit dem amerikanischen Lebensstil als eine große Herausforderung. Losgelöst aus meinem bisherigen Wertesystem lernte ich, die Dinge infrage zu stellen, bewusster durch die Welt zu gehen und meinen eigenen Standpunkt zu finden. Sogar unsere Politik und unser Gesundheitssystem wusste ich plötzlich ganz anders zu schätzen. Und vor allem lernte ich dort Folgendes: Kommunikation, Kontakte nach Hause pflegen, Heimweh überwinden, neue Freunde finden und Englisch.
Zurück in Deutschland plante ich mit meiner Pfadfindergruppe ein Projekt für ein Waisenhaus in Südafrika. Für die Finanzierung sammelten wir ein Jahr lang Spenden, verkauften selbst gebackene Plätzchen, putzten Fenster, arbeiteten als Kinderbetreuer und veranstalteten Flohmärkte: zehn Jugendliche und zwei Gruppenleiter aus unterschiedlichen Lebenssituationen (Schule, Zivildienst, Ausbildung, Studium, Arbeit, frischgebackener Vater) mit einem gemeinsamen Ziel.

Unsere Reise beginnt in der Hauptstadt Johannesburg. Ich bin mittlerweile fast achtzehn, die Jüngste der Gruppe, und freue mich, dieses fremde Land besser kennenzulernen. Wenige Wochen zuvor fand die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt, und Shakiras Worte „Waka waka … ’cause this is Africa!“ begleiten uns die gesamte Reise. Für die ersten Tage in Johannesburg kommen wir in den Gastfamilien südafrikanischer Scouts unter. Anfangs wirken die riesigen Mauern mit Stacheldraht und Elektrozaun noch etwas einschüchternd, aber unsere südafrikanischen Freunde machen uns das Wohlfühlen leicht. Schnell wird mir deutlich, dass wir uns in den reicheren Teilen der Stadt aufhalten.
Wir besuchen das Apartheid-Museum, steigen in eine Goldmine und lernen viel über die Geschichte des Landes. Anschließend geht es für unsere Gruppe mit zwei Kleinbussen Richtung Süden. Die Landschaft wird immer grüner, die Straßen werden immer wilder, und wir lernen auch die weniger schöne Seite des Landes kennen: In einem Lager aus Wellblechhütten leben illegale Einwanderer dicht beieinander. Sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser gibt es nicht.
In der Nähe von Mbombela beginnen wir mit unserem Projekt im AIDS-Waisenhaus Siyakhula. Als wir über die staubigen Straßen der Township fahren, ist uns noch etwas mulmig zumute, denn wir wissen nicht, was uns erwarten wird. Doch sobald wir im Waisenhaus ankommen, werden wir von so vielen aufgeregten Kindern empfangen, dass es einfach nur schön ist. Wie froh die Kinder sind, so viel Aufmerksamkeit von uns zu bekommen. Wir erfahren Dankbarkeit und pure Lebensfreude. Gerade bei dem Fußballspiel „Deutschland gegen Südafrika“ mit dem zerfledderten Ball auf staubigem Boden blühen die Kinder auf.
Unsere Unsicherheit weicht fünf sehr bewegenden und anstrengenden Tagen. Wir streichen ein Haus, erneuern Fußböden, bauen einen Gartenzaun und einen Kompostkasten. Außerdem kaufen wir von dem Geld, das wir in Deutschland verdient haben, einige Utensilien für das Waisenhaus ein. Am letzten Tag des Siyakhula-Projektes treffen wir abends auf die südafrikanischen Scouts, bei denen wir für die nächsten Nächte unterkommen sollen. Gastfamilien. Township. Wieder ein mulmiges Gefühl im Bauch. Doch wir werden euphorisch mit Gesang, Tanz, Lagerfeuer und Gebäck von den Jugendlichen begrüßt. Diese Erfahrung ist das krasse Gegenstück zu dem Leben der reichen weißen Gastfamilien, bei denen wir in Johannesburg wohnten: Fließendes Wasser für ein paar Stunden und ein eigenes Zimmer hat hier kaum einer. Aber das ist überhaupt nicht mehr wichtig, denn die Gastfreundschaft ist überwältigend.
Als Nächstes steht ein Zeltlager mit zweihundert afrikanischen Scouts auf unserem Programm. Wir hatten dieses Camp schon in den Gruppenstunden in Deutschland vorbereitet und uns ein passendes Programm für die Sieben- bis Zehnjährigen überlegt. Zum Glück kommen unsere Spiele, Stationen und Morgenrunden gut an, und wir genießen die Tage mit den Kindern.
Mein abschließendes Highlight dieser Reise ist der Kruger Nationalpark. Wir zelten mit Affen und bunten Vögeln und werden nachts von Löwengebrüll geweckt. Ein Traum geht für mich in Erfüllung, als wir in einem Safaribus sitzen und nach wilden Tieren Ausschau halten: Ein riesiger Elefant überquert vor uns die Schotterpiste, Zebras stehen zwischen den Bäumen, und Schwarzfersenantilopen springen durch die Savanne. Durch mein Fernglas entdecke ich eine Gruppe Löwen, die im Schatten eines Baumes dösen. Der Kopf einer Giraffe taucht plötzlich zwischen den Baumkronen am Straßenrand auf. Wie in Zeitlupe rennt sie über das goldgelbe Gras. Am Flussufer tummeln sich die Nilpferde.
Augenblicke, die ich tief in mein Herz geschlossen habe. Und die ich auch heute noch abrufen kann, als Beginn meiner Liebe für das wilde Leben auf unserem Planeten.


2. Über Grenzen gehen – auf die Philippinen
Bonn. Ich habe gerade mein Abitur abgeschlossen, da stecke ich schon in den Vorbereitungen für mein erstes eigenes internationales Abenteuer: zwölf Monate Freiwilligendienst auf den Philippinen. Nach der Schule erst einmal eine Auszeit nehmen, bevor es mit dem Studium weitergeht – das schwebte mir schon lange vor. Ich recherchiere stundenlang nach Organisationen und Projekten im In- und Ausland, die etwas mit meinen Interessen zu tun haben: eine Seehundschutzstation an der Nordsee, oder ab zur Schutzstation Wattenmeer?
Letztendlich stoße ich auf einer Berufsmesse in Köln zufällig auf den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums, weltwärts. Da ich für ein Auslandsjahr auf finanzielle Unterstützung angewiesen bin, bewerbe ich mich bei den zuständigen Organisationen, durchlaufe Bewerbungsrunden und bekomme tatsächlich einen Platz bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – für mich geht ein großer Traum in Erfüllung.
Die Einrichtung für Entwicklungszusammenarbeit ist eine große, erfahrene Organisation, die überall auf der Welt tätig ist und bei der ich sehr viel lernen kann. Ich bin froh, dass die GIZ mich mit meinen achtzehn Jahren so gut auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitet: Es gibt Medical Check-ups und Informationsveranstaltungen, Visa und Flüge werden für mich gebucht, und ich nehme an einem fünftägigen Vorbereitungsseminar teil, das mich für die Arbeit im Ausland sensibilisiert und nachhaltig prägt.
Sätze wie „It’s not right, it’s not wrong, it’s just different!“ klingen mir heute noch bei Auslandsaufenthalten im Ohr, und ich versuche, Probleme ohne meine „kulturelle Brille“ zu beurteilen. Als ich damals mit den anderen Freiwilligen in den Flieger Richtung Südostasien stieg, hätte ich nie gedacht, dass mich diese zwölf Monate so anhaltend verändern würden. Neben tropischem Klima, fremden Lebensmitteln, Ilonggo (der Ortssprache) und Selbstständigkeit lernte ich vor allem eins kennen: ein Zuhausegefühl am anderen Ende der Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Insel Negros. Die Philippinen sind ein schönes und vielfältiges Land. Nicht ohne Grund zählen ihre siebentausend Inseln zu den fünfunddreißig Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Es existiert dort eine sehr hohe Anzahl einheimischer Arten. Gleichzeitig ist ihr Lebensraum aber einer starken Gefährdung ausgesetzt. Für mich ist es das erste Mal in den Tropen, und ich genieße es, in das Leben auf den Visayas einzutauchen. Diese Inselgruppe liegt im Zentrum der Philippinen und überrascht mich mit ihren traumhaften Sandstränden, dem Regenwald, den Wasserfällen und Vulkanen.
Für mein Freiwilligenjahr wohne und arbeite ich auf der Insel Negros in Bacolod City, von der die friedliche Natur nur eine kurze Fahrt mit dem Tricycle entfernt ist. Die alten Motordreiräder sind das Hauptverkehrsmittel auf den Philippinen. Sie bestehen aus einem Motorrad mit Beiwagen, auf dem sechs Leute plus Fahrer Platz haben. So dachte ich zumindest am Anfang, denn letztendlich sind wir meistens zu elft auf dem klapprigen Gefährt unterwegs. Das Leben findet auf den Straßen statt. So kennt man es aus vielen südlichen Ländern, aber auf den Inseln scheint diese Lebensweise besonders ausgeprägt. Die Wohnungen sind quasi zur Straße hin offen. Die Sari-Sari-Stores, kleine Lädchen am Straßenrand, in denen alles von Chips über Eier bis hin zur einzelnen Zigarette verkauft wird, sind halb Wohnzimmer, halb Kiosk. Die Kinder spielen auf der Straße – mit Reifen, Münzen, Teddybären oder was sie sonst in die Finger bekommen. Eine achtköpfige Familie sitzt selten in ihrem Haus (ein Raum ist meist Schlaf-, Wohn- und Esszimmer zugleich), sondern unterhält sich angeregt mit ihren Nachbarn auf der Straße. Fußnägel werden lackiert, oder es wird mit den Bekannten von gegenüber über das nicht anspringende Motorrad gefachsimpelt.
In genau solch einer Nachbarschaft wohne ich zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen aus Deutschland. Wir wurden von den Filipinos herzlich empfangen und rasch gut integriert. Teilweise etwas zu gut: Erst nachdem ich mich einige Monate über die extrem hohen Stromrechnungen wundere, komme ich mit meinen Mitbewohnern auf die Idee, unseren Stromkasten zu inspizieren. Mit der Zeit haben sich immer mehr Nachbarn unseren Strom abgeklemmt – reicht wohl, wenn einer zahlt? An den Kabelsalat entlang der Straßen hat sich eh jeder gewöhnt, der gehört zum Stadtbild. Und als mir zum dritten Mal die Schuhe von der Veranda geklaut werden, beschließe ich eben, sie nur noch im Haus zu lagern. Alles letztlich nur Kleinigkeiten.
Ein Stück die Straße hoch befindet sich eine winzige Eatery mit Plastikstühlen, eine Art Imbiss, in dem sich die Berufstätigen zur Mittagszeit angeregt unterhalten. In einer Glasvitrine stehen fünf Gerichte, die von den Frauen am Morgen gekocht wurden. Jeder bedient sich selbst aus den dampfenden Töpfen: etwas Gemüse, Hühnchen, dazu natürlich Reis.
Wenn ich aus dem Haus gehe, werde ich von den Filipinos mit einladendem Lachen und einem begeisterten „Good Morning, Mam! How are you, Mam?“ begrüßt. Jeden Morgen nehme ich den Jeepney zur Arbeit, ein altes, klappriges, bunt geschmücktes Militärfahrzeug ohne Fensterscheiben, umfunktioniert zum Linienbus. Das Ticketgeld, sieben Philippinische Peso, gebe ich einfach nach vorne zum Fahrer weiter und rufe gedehnt „Bayaaad!“, um kundzutun, dass ich zahlen möchte. Und wenn ich aussteigen will, klopfe ich gegen das Blechdach und rufe „Lugar lang! Anhalten!“. Bushaltestellen gibt es nämlich nicht. Auf den Straßen herrscht reges Treiben. Verkehrsregeln werden nur äußerst ungern befolgt. Wer laut genug hupt, gewinnt, und wer die nächste Lücke findet, darf fahren. Es ist ein Chaos, doch ein gewisser Verkehrsfluss herrscht trotzdem. Das Beeindruckende dabei: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirken tatsächlich sehr entspannt.
Ich bin gerade neunzehn geworden und arbeite für meinen Freiwilligendienst an der West Negros University in Bacolod City an einem Umweltbildungsprojekt. Dort unterstütze ich eine Stiftung, die sich zum Ziel setzt, endemische Arten, also Tiere, die nur auf den Philippinen vorkommen, zu erhalten und die Wälder vor Ort zu schützen – die Negros Forests and Ecological Foundation. Denn auf den Philippinen stellen der Raubbau an Ressourcen durch zum Beispiel Dynamitfischerei und Bergbau sowie die Abholzung der Wälder aufgrund von Palmöl- und Zuckerrohrplantagen große Probleme dar. Die Monokulturen verdrängen die Diversität der Regenwälder, und den Tieren wird der Lebensraum genommen. Außerdem ist und bleibt Korruption weitverbreitet. Die Oberschicht besteht aus einigen reichen und alteingesessenen Familien, die viel Macht ausüben. In den Firmen der fünfzehn reichsten Familien des Landes wird über die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch politische Positionen werden von Generation zu Generation weitergereicht.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf den Inseln ist die Umweltbildung: Welche Tier- und Pflanzenarten leben im eigenen Land, und warum ist es so wichtig, sie zu schützen? Der kleine Zoo der Foundation kann dazu beitragen, indem er über den Reichtum des eigenen Landes an Natur und endemischer Artenvielfalt aufklärt und für einen umweltbewussten Lebensstandard sensibilisiert. Trotzdem wird mir in diesem Jahr deutlich, wie schwer es ist, in einem Land für den Umweltschutz zu arbeiten, in dem die Menschen in vielen Regionen selbst noch um das Überleben kämpfen und auf Jobs auf den Plantagen angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren.
Es herrscht große Armut auf den Philippinen, die in meinem Leben dort jeden Tag präsent ist. Trotzdem habe ich selten so ein herzliches, freundliches und gut gelauntes Volk wie die Filipinos kennengelernt. Es ist beeindruckend, woher die Menschen ihre Lebensfreude und Kraft schöpfen. Hier zählen andere Werte zum persönlichen Glück als in Europa: Familie und Zusammenhalt stehen an oberster Stelle, und auch der Glaube ist den Filipinos sehr wichtig.
Was ich in diesem Jahr besonders lieben lerne, ist die Entdeckung der Langsamkeit. Hier existiert ein anderes Tempo: Das beginnt im Straßenverkehr, in dem man nie schneller als 30 Stundenkilometer fahren kann. Oder die fast schon heiligen Mittags- und Kaffeepausen. Als Deutsche fällt es mir anfangs schwer, mich alldem anzupassen, aber nach einiger Zeit kann auch ich mich dieser Entschleunigung hingeben.

Tan-Awan. Neben den Umweltprojekten führe ich an der West Negros University im Rahmen meines Freiwilligendienstes auch ein Forschungsprojekt mit einem mehrköpfigen Team aus Professoren und Studierenden durch. Dafür untersuchen und dokumentieren wir die Kultur und Traditionen eines indigenen Stammes. Das Dorf Tan-Awan liegt verborgen in den Bergen am Ilog-Hilabangan, dem längsten Fluss der Insel Negros, und ist etwa acht Stunden von Bacolod City entfernt. Die siebentausenddreihundert Einheimischen in Tan-Awan leben noch relativ abgeschottet vom modernen westlichen Einfluss. Obwohl die Eingeborenen zum größeren Stamm der Bukidnon gehören, sind einige ihrer kulturellen Bräuche einzigartig. Viele Stammesmitglieder leben noch heute weit entfernt im Hinterland und betreiben dort Ackerbau. Das durchschnittliche Familieneinkommen in der Region liegt bei zweitausend Philippinischen Peso pro Monat, das sind circa 37,50 Euro. Ziel unserer Forschung ist es, kulturelle Praktiken wie Sprache, Kunst, Medizin und Essenszubereitung des Dorfes Tan-Awan kennenzulernen. Denn auch in diesen ländlichen Gebieten werden westliche Werbung, moderne Kommunikation und Technologie immer präsenter, und das Bewusstsein der Bevölkerung über ihre eigene Kultur nimmt ab. Es ziehen jedes Jahr mehr Bewohner in die umliegenden Städte und lassen ihre Heimat mitsamt den Traditionen und dem Wissen zurück.
Im Rahmen des Projektes lebe ich mit dem Forschungsteam für mehrere Wochen mit dem indigenen Stamm zusammen. Wir nehmen Anteil an den täglichen Routinen der Dorfbewohner, führen mithilfe von Übersetzern Interviews mit den Stammesältesten und Medizinmännern und verfolgen den wöchentlichen Tauschhandel am Fluss, den sogenannten „Barter Trade“. Dieser Handel findet in Tan-Awan traditionell jeden Freitag an den Ufern des Ilog-Hilabangan statt. Er ist die Wasserquelle für viele Tausend Menschen in der Provinz und ein wichtiger Transportweg. Das Flussufer wird zum Ort des Handels von landwirtschaftlichen Produkten und ist für viele der einzige Weg, an Lebensmittel und Güter zu kommen.

Eines frühen Morgens im Dorf lehne ich über einer kleinen Wanne und wasche mich. Nachdem ich mir das eiskalte Wasser mit einer Schöpfkelle über den Kopf geschüttet habe, bin ich hellwach. Gleich brechen wir zum Flussufer auf. Es ist erst kurz nach vier, und ich habe auf dem harten Steinboden nicht besonders viel schlafen können – an das rustikale Leben muss ich mich noch gewöhnen. Ich teile mir das kleine Zimmer mit Lilibeth, einer philippinischen Professorin. Im Gegensatz zu mir scheint sie, ihrem Schnarchen nach zu urteilen, sehr gut genächtigt zu haben.
Nach einem fünfzehnminütigen Fußmarsch erreichen Lilibeth und ich das Flussufer. In völliger Dunkelheit werden schon die ersten Stände aufgebaut. Schweigend stehe ich am Rand und folge dem Geschehen. Langsam fällt Sonnenlicht auf die Bergspitzen, und die ersten Frauen, Männer und Kinder überqueren den Fluss. Manche kommen zu Fuß, ihre Ware auf dem Kopf balancierend, manche reiten auf Ponys, vollbepackt mit Säcken und Körben, andere doch tatsächlich auf ihrem Carabao (Wasserbüffel). Sie alle haben einen langen Weg aus den Bergen hinter sich. Sogar viele Kinder bringen auf ihrem Weg zur Schule Waren am Ufer vorbei. Staunend beobachte ich das mir so fremde Bild. Ich schieße Fotos und lausche den Fragen, die Lilibeth den Händlern stellt.
„Die meisten Kinder fangen im Alter von zehn Jahren an zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen“, erklärt ein junger Mann mit Kappe und rotem Shirt, der gerade Reissäcke von seinem Tricycle lädt. „Während der Aussaat und Erntesaison bekommen die Kinder regelmäßig Schwierigkeiten mit der Schule im Dorf. Die Arbeit auf den Feldern ist intensiv und zeitaufwendig, daher ist es für sie eine Herausforderung, sich auf schulische Aktivitäten zu konzentrieren.“ Er tätschelt seiner kleinen Tochter liebevoll den Kopf.
Ich entdecke zwei junge Mädchen, die Arm in Arm das Ufer entlanglaufen. Vielleicht sind es Schwestern, denke ich mir, in ihren weißen und rosa Kleidern sehen sie hübsch zurechtgemacht aus. Im Kontrast dazu laufen sie in Flip-Flops über das schlammige Ufer. Was mir nie wieder aus dem Kopf geht, ist ihr eindringlicher Blick. Ich habe das Gefühl, nicht in Kindergesichter zu schauen, sondern in Gesichter, die schon sehr viel erlebt und gesehen haben. Vielleicht zu viel für ihr Alter: in Gesichter, die schon früh erwachsen werden, Verantwortung für ihre Familie mitübernehmen und harte körperliche Arbeit leisten mussten. An diesem Morgen wird mir wieder bewusst, wie privilegiert und behütet ich doch aufgewachsen bin.
Lilibeth und ich sprechen mit einem Mann, der auf seinem Wasserbüffel über den Fluss geritten kommt. Der muskulöse Büffel mit seinen gewaltigen Hörnern zieht einen selbst gebauten Karren aus einfachen Holzstämmen hinter sich her. Der junge Mann hat sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, auf seiner linken Schulter prangt ein blasses Tattoo, und um seine Hüfte trägt er ein dünnes Seil, an dem seine Machete befestigt ist. Er erklärt uns: „Da das Vieh einen wesentlichen Teil des täglichen Überlebens unserer Familien ausmacht, kümmern wir Landwirte uns intensiv um unsere Tiere. Mein Wasserbüffel ist mein wertvollster Besitz. Er bekommt mehr zu essen als ich, und wenn es ihm nicht gut geht, behandele ich ihn mit Medikamenten und Vitaminen.“
Bald erscheint das erste Balsa hinter der Flussbiegung. Es handelt sich um ein selbst gebautes Bambusfloß, das mit natürlichen Materialien zusammengehalten wird. Diese traditionelle Art des Warentransports gilt als wichtiger kultureller Teil der Identität von Tan-Awan. Es ist kaum zu glauben, dass die Menschen jeden Freitag auf den wackeligen Flößen die gefährlichen Stromschnellen des Flusses aus den Bergen hinunter bis zum Dorf Tan-Awan kommen, um dort ihre Produkte mit den Käufern aus der Umgebung zu tauschen. Immer mehr Balsas legen am Flussufer an. Neben den hiesigen Nutzpflanzen wie Süßkartoffeln, Reis, Obst und Gemüse erkenne ich auch vereinzelt Hühner, Schweine und Ziegen auf den schwankenden Gefährten.
Die Sonne ist mittlerweile ganz aufgegangen und taucht das Geschehen in goldenes Licht. Die Pferde mit den Holzsatteln grasen am Flussufer, ein Hahn plustert sich zwischen den Bananenstauden auf, und Kinder flitzen zwischen den Karren umher.
Ein Feld etwas abseits des Ufers wurde zum Marktplatz umfunktioniert, und es herrscht bereits reges Treiben, als wir ihn betreten. An einzelnen Ständen wird Native Coffee angeboten – und Sticky Rice, ein köstlich-klebriger, mit Zuckerrohr gesüßter Reis, der in Bananenblättern verpackt ist. Ein sehr alter Mann, anscheinend der Medizinmann des Dorfes, wird von Lilibeth zum Barter Trading befragt.
„Seit ich alt genug war, um die Dinge zu verstehen, war der Tauschhandel in Tan-Awan bereits eine Tradition, die zu einem wichtigen Bestandteil unseres Lebens geworden ist. Es treffen sich Markthändler, Käufer und Bauern, um Produkte zu tauschen. Dazu gesellen sich Händler aus dem Tiefland mit ihren urbanen Gütern. Diese wirtschaftliche Aktivität macht den Markttag lebendig und spannend. Und: Die Kakofonie des Feilschens begeistert die Bewohner auch heute noch.“
Er hat recht. Ich tauche in einen lauten Wirrwarr aus Stimmen und Marktgeschrei ein. Die Händler überbieten sich gegenseitig, und das Angebot ist riesig: Neben dem lokalen Obst und Gemüse entdecke ich getrockneten Fisch, Kleidung, Schrauben, Seife, selbst geschnitzte Holzinstrumente und Medikamente. Früher wurden die Güter nur getauscht, doch heute ist der Einsatz von Geld auch hier üblicher.
Ein fröhlicher Mann mit blau-weiß karierter Baseballcap hält mir begeistert seinen Einkauf vor die Kamera und erzählt: „Unsere Vorfahren übten den Barter Trade aus und tauschten Ware gegen Ware. Doch aufgrund der zunehmenden Alphabetisierung und Bildung unserer Stammesmitglieder und des zunehmenden Einflusses der nahe gelegenen Städte ist Geld mittlerweile das wichtigste Tauschmittel geworden. In der Vergangenheit wurden die Waren nicht nach ihrem Preis verkauft, sondern jeder tauschte lediglich gegen eben die Waren, die er gerade benötigte.“
Am Rande des Marktes sind kleine Eaterys aufgebaut, an denen die Dorfbewohnerinnen Essen anbieten: Reis, Chicken Adobo (ein traditioneller Hühnereintopf), scharfes Gemüse und Kokoswein. Dazu wird lauthals Karaoke gesungen, was bis zum Fluss hinunterschallt. Vor Mittag kehren die Balsa-Händler zu Fuß oder auf ihren Lastzügen in die Berge zurück, beladen mit den Produkten, die sie gekauft oder eingetauscht haben. Die Balsa-Aktivitäten bestehen seit Jahrhunderten, und die Menschen aus den Bergen brachten nicht nur ihre Waren, sondern auch ihre Kultur und Traditionen mit. Umgekehrt trugen sie bei ihrer Rückkehr auch die Kultur des Tieflandes mit sich in ihre Heimatdörfer. Dieser dynamische Kulturzyklus dauert bis heute an.
Zur Feier des Barter Trade findet einmal im Jahr das Balsahanay Festival statt. Zu diesem Anlass kommen alle Bewohner der umliegenden Dörfer und aus den Bergen nach Tan-Awan. Die Festlichkeiten gehen über drei Tage. Es beginnt freitags mit dem wöchentlichen Markt, viele Reden werden gehalten, und abends gibt es einen Schönheitswettbewerb für die jungen Mädchen, bei dem die „Miss Tan-Awan“ gewählt wird. Am Samstag finden viele Spiele und Wettkämpfe für alle Altersklassen statt. Ich nehme zum Beispiel an einem Kochwettbewerb mit den Frauen des Dorfes teil. Dafür sollen lokale Gerichte gekocht und in Szene gesetzt werden, die von einer Jury, den Professoren der Uni, bewertet werden. Es macht großen Spaß, zusammen mit den Frauen über dem Feuer zu kochen, Besol (Jamswurzel) auszuhöhlen oder die Cassava (Maniok) zu raspeln. Die Frauen geben sich viel Mühe und zaubern sagenhafte Kuchen, Reisgerichte, Suppen und Salate, die sie der Jury in Bananenblättern, Kokosnüssen und selbst gefertigten Behältern vorsetzen. Ich darf die Rezepte dokumentieren und werde in sämtliche Zutaten und Gerichte eingeweiht.
Am Sonntag gibt es zum krönenden Abschluss eine feierliche Zeremonie am Flussufer mit Musik und Tänzen. Viele Familien kommen auf ihren festlich geschmückten Balsas den Fluss entlang. Anschließend zieht eine Prozession zu der Kirche des Dorfes, und es wird gemeinsam ein Gottesdienst gefeiert. Am Nachmittag findet eine Parade durch die Straßen statt, die bis auf den großen öffentlichen Platz führt. Dort ist eine Musikanlage aufgebaut, zu deren Klängen die Schulkinder von Tan-Awan ihre Tänze präsentieren. Mit farbenprächtigen, selbst gestalteten, traditionellen Kostümen stellen die Kinder den Tauschhandel am Flussufer dar. Im Tanz säen sie, ernten, beladen ihre Flöße und tauschen mit Händlern. Am Abend werden „Prince and Princess of Balsahanay Festival“ gekrönt – ein spektakuläres Fest und einmaliges Erlebnis.

Banaue. Mein treuster Begleiter in diesem Auslandsjahr ist der Reis (Oryza sativa Linnaeus). Die Reispflanze ist das wichtigste Getreide und Lebensmittel Asiens, sie sättigt, ist ertragreich und gut an die klimatischen Bedingungen angepasst. Ich esse hier dreimal täglich Reis, was mir erstaunlicherweise überhaupt nichts ausmacht. Ich werde nie vergessen, wie meine philippinische Freundin Ritzy bei einem Abendbrot in Deutschland ungläubig den Tisch beäugte und mich verwundert fragte: „Und wo ist der Reis?“
Sogar zu Spaghetti oder Kartoffeln wird hier selbstverständlich Reis serviert. Der philippinische Ausdruck für „Essen“ ist gleichzeitig Synonym für „Reis essen“ (Kanin). Das führt auch dazu, dass ausschließlich mit Löffel und Gabel gegessen wird. Oder auch gern einfach mit den Händen. Ein Messer gehört zu den Utensilien, die kaum jemand braucht und die in diesem südostasiatischen Land auch schwer zu kriegen sind.
Im Norden der Philippinen besuche ich die Hochebenen von Luzon mit ihren immens großen und beeindruckenden Reisterrassen. Von den Stämmen der Ifugao, den Ureinwohnern dieser Bergregionen, jahrhundertelang in Handarbeit erbaut und mit eigenem Bewässerungssystem ausgestattet, erstrecken sich die Felder über Täler und Berge. Stolz nennen die Einheimischen sie die „Stufen zum Himmel“.
Die Reisproduktion ist ein aufwendiger Prozess, der mehrere Monate präziser, sorgfältiger Arbeit erfordert. Als ich die Einheimischen beeindruckt frage, ob die Reisbauern hier an ihren Feldern gut verdienen, schütteln sie energisch die Köpfe. Es könne nur zweimal im Jahr gesät werden. Und die Ernte reiche kaum für den Eigenbedarf aus. Auf die Frage, ob ich denn hier im Dorf den heimischen Reis essen könne, folgt ein erneutes Kopfschütteln: „In unseren Restaurants oder auf den Märkten gibt es nur noch den kommerziellen Reis zu kaufen. Alles andere wäre viel zu teuer.“
Schon komisch, da bin ich umgeben von Reisfeldern, ernähre mich fast ausschließlich von dem Getreide und komme trotzdem nicht in den Genuss, den regionalen Reis zu probieren. Das extreme Wachstum der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert führte auch auf den Philippinen zu einer nahezu ausschließlich kommerziellen Reisproduktion mithilfe von moderner Wissenschaft und Technik. Konsequenzen sind die sinkende Bedeutung kultureller Werte sowie ein sinkender Glaube an Reis, Ackerbau und Landwirtschaft. Ein Phänomen, das sich bis in diese abgeschiedenen ländlichen Bergregionen auswirkt.
Ich finde es interessant, Reis und die Reis-Landwirtschaft in Kontext mit Biodiversität und dem Klimawandel zu setzen: Nur noch zwei von ursprünglich über zwanzig verschiedenen Oryza-Arten werden heute kommerziell angebaut. Der Verlust der genetischen Vielfalt innerhalb der Reissorten ist ein großes Problem. Diese Vielfalt könnte nämlich zu einer Anpassung an die sich doch extrem verändernde Umwelt beitragen. Ohne diese Vielfalt führen plötzliche Wechsel von Trocken- und Regenzeit, extreme Wetterbedingungen sowie Pflanzenschädlinge oder Pilze zu verringerten Erträgen. Dieses Phänomen findet leider weltweit statt: Seit Beginn der Landwirtschaft wurden circa 7000 Pflanzenarten von Menschen angebaut. Heute nutzen wir gerade einmal 30 dieser Arten, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Knapp 60 Prozent der Energie, die wir aufnehmen, stammen sogar von nur drei unterschiedlichen Pflanzenarten – Reis, Weizen und Mais.
Im Ökolandbau wird darauf geachtet, landwirtschaftlich nutzbare, aber bedrohte Sorten und Rassen zu erhalten und gefährdete Pflanzenarten wieder anzubauen. Durch den Kauf und die Verarbeitung von ökologischen und regionalen Nahrungsmitteln lässt sich also auch gegen den Verlust der genetischen Vielfalt handeln. Darauf möchte ich in Zukunft beim Einkaufen von Brot-, Getreide- oder auch Apfelsorten achten.

Während meiner zwölf Monate auf den Philippinen komme ich häufig an meine Grenzen: Sei es, dass ich ausgeraubt werde, weil meine Hautfarbe Reichtum suggeriert. Dass ich wegen einer Motorpanne stundenlang auf einsamen Straßen auf den Ersatzbus warten muss. Sei es ein frustrierendes Arbeitsprojekt, bei dem es aufgrund fehlender Materialien oder Motivation wieder nicht weitergeht. Oder dass ich in Tan-Awan mit einer Magenverstimmung und ohne Badezimmer viele Tage lang krank auf dem Boden liege, nachdem ich von einer Blutsuppe kostete, die extra für uns zubereitet wurde. Letztendlich heilt mich der Medizinmann des Dorfes. All diese Erfahrungen, gepaart mit einer Sehnsucht nach Heimat und Gewohnheit, machen mir das Leben in der Fremde auch manchmal furchtbar schwer. Umso wichtiger ist es, mir Auszeiten für Urlaub und Erholung zu nehmen, das merke ich zum ersten Mal auf der Insel Palawan. Wie die Natur dort mich immer wieder durchatmen und Kraft schöpfen lässt: Sie wird mein Lieblingsort auf den Philippinen.

Insel Palawan. Das türkise, glasklare Wasser. Die zahlreichen kleinen, einsamen und naturbelassenen Buchten. Traumhafte weiße Sandstrände mit Kokosnusspalmen. Mangrovenwälder. Farbenprächtige Korallenriffe. Und Kalksteinklippen, die aus dem Meer herausragen. Während ich im Jeepney über die Insel Richtung Norden fahre, gleiten die verschiedensten Landschaften an mir vorbei: Ein kleines ländliches Dorf mit Häusern, die aus Nipapalmblättern gebaut sind, die Hühner scharren im sandigen Boden, eine große Sau suhlt sich im Schlamm, und mit einem Wasserbüffel wird das Feld hinter dem Haus gepflügt. Dann tiefgrüner Dschungel, aus dem eine beeindruckende Geräuschkulisse tönt. Die Bäume ragen hoch in den Himmel, und ich erkenne Vögel, die zwischen den Ästen sitzen. Angrenzend vereinzelt Zuckerrohrplantagen. Kokosnüsse, Bananen, Ananas, Papayas, Mangos – alles scheint hier in Fülle zu wachsen. In der Ferne ist ein großer Vulkan erkennbar, die Spitze verschwindet in dunstigen Wolken. Und das türkise Meer, das von überall auf der schmalen Insel schnell erreichbar ist. Obwohl „schnell“ relativ ist – bei den schlecht ausgebauten, holprigen, häufig einspurigen Straßen mit unzähligen Schlaglöchern ist das Fahren nicht mit dem Zurücklegen einer Strecke in Europa zu vergleichen.
Meinen größten Wildlife-Moment erlebe ich unter Wasser: Das Schnorcheln fühlt sich ein wenig so an, als wäre ich im Wartezimmer meines Zahnarztes und würde meinen Kopf in das bunt schillernde Aquarium stecken. Nur eben viel größer und aufregender. Ich entdecke große bunte Fische, knallblaue Seesterne und schillernde Korallenriffe. Alles ist in Bewegung. Interessante zigarrenförmige Fische verschwinden schnell in den Löchern und Fugen der Felsen, sobald ich mich nähere. Die großen Fische fressen seelenruhig weiter am Riff, ihre Gesichtszeichnung erinnert mich an die eines Pandas. Plötzlich finde ich mich inmitten eines großen Schwarms aus winzig kleinen Fischen wieder. Seegras und Algen schwingen im Einklang. Manchmal wird das Meer so flach, dass ich Sorge habe, die Pflanzen und Korallen zu berühren. Dann bleibe ich ganz still, lasse mich von der Wasseroberfläche tragen und beobachte das bunte Getümmel unter mir.
Nach stundenlangem Schnorcheln – die Taucherbrille drückt, und der Salzgeschmack wird immer penetranter – taucht plötzlich eine über einen Meter große Schildkröte neben mir auf. Seelenruhig schwimmt sie unter mir durch, bewegt sich gelassen, gleichmäßig und langsam fort. Ich bin völlig aus dem Häuschen und folge dem schillernden Riesen durch die Fluten. Es handelt sich um eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), die weltweit unter Schutz steht. Sie scheint sich überhaupt nicht an mir zu stören und beginnt in aller Ruhe, auf dem flachen Grund zu grasen. So erinnert mich die schöne Schildkröte ein wenig an eine grasende Kuh im Sauerland, bemerke ich grinsend. Zwei große Putzerfische saugen unablässig an ihrem Panzer und säubern ihn von überschüssigen Hautschuppen, Pilzen und Parasiten. Auf diese Weise verschaffen sie sich gleichzeitig Nahrung – ein perfektes Zusammenspiel. Zwischendurch taucht die Meeresschildkröte wieder neben mir auf, streckt den Kopf aus dem Wasser und holt tief Luft. Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.
Genau solche Momente haben mein Auslandsjahr mit weltwärts auf den Philippinen so einzigartig gemacht. Es war nicht immer leicht, noch so jung und für so lange Zeit in einer völlig fremden Welt zu leben. Doch auch die schwierigen Zeiten haben mich im Nachhinein nur stärker gemacht und auf das vorbereitet, was mein Leben noch mit sich bringen würde.

Ursula März „Tante Martl”

„In ihrem ersten Roman 'Tante Martl' erzählt die Journalistin Ursula März mitfühlend, aber durchaus auch humorvoll, von einem Frauenleben der Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz.

Auf den ersten Blick wirkt Tante Martl unscheinbar. Doch wer genauer hinschaut, erkennt in ihr eine außergewöhnliche Frau. Geboren als dritte Tochter, ist Martl die ungeliebte Jüngste. Der Vater, der eigentlich einen Sohn wollte, ist zeitlebens enttäuscht, dass das dritte Kind kein Junge ist. So steht Martl immer im Schatten ihrer älteren Schwestern und wird nicht selten von der Familie drangsaliert. Während ihre Schwestern schließlich eigene Familien gründen, verbringt Martl ihr ganzes Leben im Elternhaus in der pfälzischen Provinz, pflegt die Eltern, opfert sich auf. Doch sie arbeitet auch als Volksschullehrerin, verreist, kauft sich ein Auto, sorgt für sich selbst. Und bekommt im hohen Alter sogar noch einen Fernsehauftritt.

Ursula März ist eine hervorragende Erzählerin und bringt dem Leser Tante Martl mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten - das ist teils komisch, teils tragisch - so nahe, dass man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.

Ein höchst lesenswerter und unterhaltsamer Roman und ein feinsinniges Porträt einer bemerkenswerten Frau.”

Stefanie Hoever, Pressereferentin 

 

Blick ins Buch
Tante MartlTante MartlTante Martl

Roman

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag.

 

Hatte sie sich über eine schnippische Verkäuferin geärgert, überwog die Sirene. Hatte der Hausarzt ihr geraten, sich für eine Untersuchung ins Krankenhaus einweisen zu lassen, schlug das Jammern durch. Bisweilen vertiefte sich das Stöhnen zu einem rollenden Brummen, als säße am anderen Ende der Leitung ein angriffslustiger Bär. Dann war meine Tante ernsthaft empört. Der Lieferant von Tiefkühlkost, der einmal im Monat mit seinem Kleinlaster vor ihrem Haus hielt, hatte die falsche Ware gebracht, aber unverschämt behauptet, es sei die richtige, und den Umtausch verweigert. In einer Fernsehsendung waren knapp bekleidete Frauen aufgetreten, und zwar nicht am späten Abend, wenn meine Tante längst schlafen gegangen war, sondern im unverdächtigen Nachmittagsprogramm.

 

Ein Daueranlass ihrer Empörung war der Showmaster Thomas Gottschalk. Er wurde von meiner Tante so verachtet, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprach, sondern ihn nur „de dumm Lackaff“ nannte. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass „de dumm Lackaff“ in der Samstagabendshow des ZDF den Platz des von ihr hochgeschätzten Frank Elstner eingenommen hatte, was meine Tante als persönliche Geringschätzung von Menschen wie ihr, Menschen mit Anstand und seriösem Benehmen, interpretierte. Alles an Thomas Gottschalk fand sie vulgär, seine langen blonden Locken, seine Glitzeranzüge, seine Witze. Als sie in einer Fernsehzeitschrift las, wie viel Geld er für seine Shows erhielt, war sie außer sich. „Ursi“, schrie sie ins Telefon, „des sin Millione! Des isch doch net normal!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen. Thomas Gottschalk, sagte ich, sei sicherlich Millionär und habe einigen Reichtum angehäuft. Dass er für einen einzigen Fernsehauftritt gleich ein paar Millionen einstriche, hielte ich jedoch für ausgeschlossen. „Du hascht doch ke Ahnung“, erwiderte sie brüsk, nun über meine Besserwisserei empört. Ich kannte mich in den Finanzverhältnissen von Thomas Gottschalk tatsächlich nicht aus und bog schnell zu einem anderen Thema ab. Wenn am Sonntagmorgen in meiner Wohnung in Berlin das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und dem Empörungsstöhnen lauschte, war mir klar, dass am Abend zuvor »Wetten, dass …?« ausgestrahlt worden war, meine Tante auf dem Bildschirm ihren Intimfeind gesehen und sofort umgeschaltet hatte.

 

Bis sie endlich zu erzählen begann, konnte eine Weile vergehen. Mit einer einzigen Stöhnouvertüre war es oft nicht getan. „Was ist denn passiert?“, fragte ich vorsichtig. „Geht’s dir nicht gut?“ Anstatt zu antworten, stöhnte sie erneut, und ich fuhr wieder mit einer Frage dazwischen. Je älter meine Tante wurde, desto häufiger geschah es, dass sie schon nach dem Ende des Stöhnens meinen Kommentar zu dem Ereignis erwartete, das sie veranlasst hatte, mich anzurufen. So, als hätte sie mir gerade davon erzählt. Es war ein heikler Moment unserer Telefonate. Dauer und Tonlage des Stöhnens verrieten mir die Stimmung, in der sich meine Tante befand. Aber was genau sie in diese Stimmung versetzt hatte, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht hatte sie eine überhöhte Rechnung ihrer Autowerkstatt erhalten, die darauf spekulierte, eine betagte Frau würde den Wucher nicht bemerken. Vielleicht musste sie ihrem Ärger über ein im gegenüberliegenden Haus lebendes Ehepaar Luft machen, das an sieben Tagen die Woche um Punkt 11:30 Uhr in seinen Mercedes stieg, um in ein Restaurant zu fahren. „Die kenne esse, wo se wolle“, sagte meine Tante, „aber jede Tach ins Lokal gehe, des isch doch net normal.“ Sie war fest davon überzeugt, der Grund für die gehäuften Restaurantbesuche der Nachbarn, die schon bei dünnem Nieselregen die Rollläden vor den Fensterscheiben herunterzögen, läge in einem Reinlichkeitswahn, der es ihnen verbiete, ihre Küche durch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zu besudeln.

 

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit vagen Beschwichtigungsfloskeln an das Ereignis heranzutasten, von dem meine Tante glaubte, sie hätte es mir eine Minute zuvor mitgeteilt. Oft bemerkte sie die Taktik und fühlte sich zurückgestoßen, weil es mir ihrer Ansicht nach an echtem Interesse für sie und ihre Nöte fehlte. „Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

 

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch achtunddreißig Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte.

 

In ihrer ersten Lebenswoche, genau von Montag bis Montag, galt meine Tante auf dem Papier als Person, vielmehr als Säugling, männlichen Geschlechts. Sieben Tage lang war ihr Vater nicht bereit, sich mit der Tatsache abzufinden, dass auch dieses Kind ein Mädchen geworden war. Zu seinem Verdruss das dritte. Schon das zweite Mädchen hätte, wären die Dinge seiner Ansicht nach richtig verlaufen, ein Junge sein müssen. Er verschmerzte es einigermaßen. Gegen ein drittes Geschöpf aber, das als Stammhalter ausfiel und ihm womöglich den Ruf eines Erzeugers eintrug, der nur eine Mädchenserie zustande brachte, stellte er sich stur. Bei seinen Enkeln war ihm das Geschlecht egal. Ich erinnere mich an keine Situation, keinen Satz und kein Geschenk, die darauf hingedeutet hätten, er bevorzuge meinen Bruder mir gegenüber. Bei seinen Kindern galten jedoch andere Prinzipien. Sieben Tage lang klammerte er sich an die wahnwitzige Illusion, der Natur durch schieres Beharren doch noch ein Chromosomenwunder abringen zu können. In den Verwaltungsakten des örtlichen Standesamtes gab es den Jungen ja schon, er hieß Martin.

 

Als sich mein Großvater am Montagmorgen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten einfand und dieser ihn nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers fragte, nickte er einfach. Er sprach das Wort „Junge“ nicht aus. Er wartete, bis dem verunsicherten Beamten, der die Spitze des Füllfederhalters bereits aufs Formular gesetzt hatte, nichts anderes übrig blieb, als die Frage zu konkretisieren, „isch e Bub?“, und er nur nicken musste. Im strengen Sinn gelogen, so beteuerte er noch nach Jahrzehnten, hatte er also nicht. Er hatte es lediglich verpasst, einer Variante der Wahrheit zu widersprechen, die ihm amtlicherseits nahegelegt wurde. Und was den falschen Namen anbetraf: Vielleicht hatte er den Vokal am Ende verschluckt, vielleicht hatte der Standesbeamte das „a“ überhört oder einfach den Stift zu früh abgesetzt und deshalb den Namen Martin eingetragen.

 

Ungefähr so lauteten die Ausreden, die er vorbrachte, als seine Frau ihm am Dienstag die Geburtsurkunde abknöpfte und schwarz auf weiß lesen musste, dass ihre neugeborene Tochter durch einen Trick, an dem sie das Herzlose noch mehr bestürzte als das Hirnrissige, vor dem Gesetz als Sohn galt. Zum Krachschlagen war sie zwei Tage nach der Entbindung zu erschöpft. Sie legte die Geburtsurkunde wortlos auf den Küchentisch und schwieg bis zum Einschlafen am Abend. Sie saß im Nachthemd auf ihrer Bettseite, rückte die Wiege nah zu sich heran, beugte sich darüber und prüfte, ob das gehäkelte Wolldeckchen straff genug um den Säugling gewickelt war, nicht nach oben rutschen und sich über sein Gesicht legen konnte. Dann schlüpfte sie unter ihr Federbett, wandte ihrem Mann den Rücken zu, streckte den Arm nach dem Schalthebel der kleinen Bakelitlampe auf dem Nachttisch aus und sagte im Dunklen nur einen einzigen Satz: „Du gescht da morge hin, gleich in der Früh.“

 

Meine Großmutter sparte auch sonst mit Worten. Sie handelte lieber. Wenn ich mir an einer Steinkante im Garten das Knie aufgeschlagen hatte und weinend zu ihr in die Küche humpelte, umflatterte sie mich nicht, wie meine Mutter es getan hätte, mit dramatischen Mitleidsbekundungen. Sie sauste zum Medizinschrank im Badezimmer, holte Verbandspflaster und ein Fläschchen mit stinkendem rostfarbenem Desinfektionsmittel. Nach der Verarztung griff sie in die Tasche ihrer Kittelschürze, zog einen Bonbon heraus und steckte ihn mir in den Mund.

 

Er ging nicht. Weder am Mittwoch noch am Donnerstag und am Freitag bequemte er sich zum Standesamt, um den Fehler zu korrigieren. Dass er nicht darum herumkomme, musste ihm als ordnungsliebenden Staatsbürger eigentlich klar sein, auch wenn er sich einbildete, das Geschlecht des Neugeborenen durch Zeitschinden doch noch in die ersehnte Richtung lenken zu können. Er drückte sich überhaupt gern vor Schwierigkeiten und überließ es seiner Frau, sie zu lösen. Nicht er, sondern sie handelte bei der Sparkasse den Kredit aus, den sie benötigten, um Ende der Zwanzigerjahre das zweistöckige Haus zu kaufen, in dessen oberem Stockwerk sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten. Nicht er, sondern sie sah den Handwerkern auf die Finger, als unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer für die Töchter ausgebaut wurde. Und sie saß abends am Küchentisch und verrechnete das schmale Gehalt, das er als Gefängniswärter nach Hause brachte, mit den monatlichen Ausgaben. Sie war zuständig fürs Pragmatische und somit auch dafür, Wege aus verzwickten Situationen zu finden. Und in einer solchen befanden sie sich. Bereits am Samstagmorgen klingelten die ersten Gratulanten, die das Elternpaar doppelt beglückwünschten, zur Geburt eines gesunden Kindes und zur Geburt eines Söhnchens, mit dem ja auch endlich zu rechnen gewesen war. Martin hieß er, hatte man da richtig gehört? Oder Werner, wie der Vater? Seine Frau wimmelte die Besucher höflich ab und übergab ihnen ein Bündel mit Pflaumenmus gefüllter Krapfen, von denen sie in den Wochen vor der Geburt mehrere Bleche voll gebacken hatte. Das Kind ließ sie nicht sehen. Es sei, sagte sie, gerade eingeschlafen und solle nicht gestört werden.

 

Niemand hätte gewünscht, den Säugling als Nackedei zu besichtigen. Selbst seine Großeltern, die am Sonntagmorgen in ihrem Dorf loswanderten und nach einem zweistündigen Fußmarsch bei der Familie anlangten, wären nicht auf die Idee gekommen, sich mit eigenen Augen vom Geschlecht des neuen Enkelchens überzeugen zu wollen. Und so wenig wie das Gesicht hätte das Greinen des Babys verraten, dass hier nicht ein Martin, sondern eine Martina von Arm zu Arm gereicht wurde. Aber die Mutter rückte ihre Jüngste nicht heraus. Zum einen war es ihr zuwider, bei einer Schmierenkomödie mitzuspielen. Zum anderen betrachtete sie es von Beginn an als ihre Pflicht, dieses Kind, das in den Augen seines Vaters nichts anderes als ein Ärgernis darstellte, besonders zu schützen. Sie meinte es gut. Aber indem sie das Kind abschirmte, wies sie ihm ungewollt auch einen Platz im Hintergrund zu.

 

Den Canossagang zum Standesamt zu übernehmen, war sie nicht bereit. Am Sonntagmorgen drohte sie ihrem Mann: Wenn er nicht hinginge, und zwar sofort nach dem Frühstück am Montagmorgen, verschwände sie mit Sack und Pack und den drei Töchtern aus dem Haus. Es war der böseste Moment ihrer Ehe, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich vom Dienst abzumelden und dem Standesamt einen zweiten Besuch abzustatten. Welche Argumente er sich dort einfallen ließ, um den kuriosen Umstand zu erklären, erst nach einer Woche den falschen Namen und die falsche Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde bemerkt zu haben, darüber gab er niemals Auskunft. Dass es eine Schmach war, die ihm zugefügt wurde, ließ er sich allerdings empfindlich anmerken, als er mit der neuen Geburtsurkunde nach Hause kam, die nun einem Mädchen namens Martina galt. Die eigentliche Schmach erwartete ihn noch. Schneller als die frohe Botschaft von der Geburt eines gesunden Buben verbreitete sich nun, genau eine Woche später, die Komödie vom Bub, der gar keiner war, über die Gerüchtekanäle der Kleinstadt. Und die Stadt lachte. Die Gratulanten ließen sich die Krapfen schmecken und schlossen Wetten über die Anzahl der Mädchengeburten ab, die fürderhin zu absolvieren seien, bis die Eheleute endlich einen Treffer erzielten. Vier, fünf? Bei großem Fleiß womöglich sechs oder sieben? Das sollte doch genügen, um den Klapperstorch zu erweichen. Und wer nicht lachte, äußerte, was meinen Großvater mindestens so verdross, sein Bedauern mit dem armen Mann, der sich so verzweifelt einen Bub wünschte, dass ihm jedes Mittel recht war.

 

Es wurde Spätsommer, bis die Mutter mit allen dreien, die Vierjährige lief schon flott, die Zweijährige tapste an ihrer Hand, die Kleinste lag im Kinderwagen, einen Gang durch die Stadt unternahm, zum Einkaufen beim Bäcker und beim Metzger haltmachte und zuließ, dass sich fremde Köpfe über den Säugling beugten. Man tat ihr zuliebe so, als sei die Albernheit beim Standesamt nie vorgefallen. Aber vergessen wurde sie nicht. Sie war zu unterhaltsam, um dem Fundus an Kleinstadtklatsch verloren zu gehen und nicht durch die Generationen weitergereicht zu werden. Mir wurde erst spät bewusst, dass meine Tante immer damit rechnen musste, als die Frau Lehrerin betuschelt zu werden, die vom Vater zum Bub erzwungen werden sollte; die Unverheiratete mit der falschen Geburtsurkunde.

 

IN DER ERINNERUNG DER FAMILIE mischte sich der Vorfall unter andere Episoden, die wie zum Kannenboden abgesunkene Kaffeekörner im Gedächtnis ruhen und immer mal wieder aufgerührt werden. Aber in Wahrheit war es keine Geschichte wie andere. Nicht so harmlos wie das Missgeschick mit der Kommuniontorte, die der Mutter aus der Hand stürzte und löffelweise vom Küchenboden aufgeschabt wurde. Nicht so überholt wie der Konfessionsstreit, der ausgerechnet am Abend vor der Hochzeit der mittleren Tochter zwischen Katholiken und Protestanten ausbrach und beinahe die ganze Heirat verhindert hätte. Auch wenn sie zum Amüsement aufgetischt wurde, behielt die Geschichte von der falschen Geburtsurkunde einen bitteren Beigeschmack. Er enthielt nicht nur Scham über das Unrecht, das der Jüngsten ja doch zugefügt worden war, sondern auch einen Rest von der Enttäuschung, eine Familie ohne Sohn zu sein. Und hauchfein mischte sich in die Enttäuschung ein Vorwurf, der sich keineswegs gegen den Urheber des Skandals richtete, sondern gegen diejenige, die er für sein skandalöses Verhalten verantwortlich machte.

 

Und sie selbst? Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform? Sie lachte auf eine etwas künstliche, übertrieben grelle Weise mit, wenn ihre „Martinwoche“ zur Sprache kam, und schüttelte den Kopf, „was für e Unfug sich die Leut ausdenke“. Nie ließ sie sich Schmerz oder Zorn anmerken. Erst in ihren zwei letzten Lebensjahren, als sie in einem Altenheim wohnte und die Demenz sich ihres Gehirns bemächtigte, löste sich der Gefühlsriegel. Sie war achtundachtzig Jahre alt und in eine aussichtslose Lage geraten. Zu hinfällig, um ohne Hilfe im Haus zu bleiben, wehrte sie sich dennoch rigoros gegen das Zusammenleben mit einer Pflegerin. Schon die Idee betrachtete sie als Verrat. „Isch war mei ganz Lebe allein“, schrie sie mich am Telefon an, „da bringscht du mir ke fremde Leut ins Haus!“ Um keinen Preis wollte sie, die auf so vieles verzichtet hatte, nun auch noch auf ihren letzten Wunsch verzichten, der in nichts Bescheidenerem bestand als darin, still und unbehelligt in ihrem Haus zu sein und dort zu sterben. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie so geschwächt, dass die Ärzte es ablehnten, die Verantwortung für ihre Rückkehr ins Haus zu übernehmen, sollte sie dort ohne Obhut sein. Selbst jetzt war es ihr lieber, in ein Heim zu gehen. Von zwei Katastrophen erschien ihr dies als die etwas weniger schlimme.

 

Wider Erwarten blühte sie in den ersten Wochen im Heim auf. „Es isch eischentlich wie im Hotel“, berichtete sie befriedigt. Die langen Zimmerflure, die in Gesellschaft einzunehmenden Mahlzeiten und das kleine Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten erinnerten sie an Hotelaufenthalte, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Schon morgens hole sie eine ihrer guten Blusen für die nachmittägliche Kaffeetafel aus dem Schrank, „isch will jo doch bissche fein do sitze.“ Ich bestärkte sie sogar noch in der Hotelillusion und redete ihr zu, die urlaubsähnlichen Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Beim nächsten oder übernächsten Telefonat merkte ich, dass das schmeichelhafte Deckbild von der Realität abgefallen war und meine Tante das Heim nun umso mehr als Verbannungsort empfand. Hotelgäste werden nicht vom Personal ermahnt, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen, nicht morgens um sieben mit ihrem Rollator ins Badezimmer geschoben. „Do sitze erwachsene Leut beim Esse mit e Plastiklatz um de Hals, des isch doch net normal!“, rief sie entrüstet. „Des is wie im Kindergarte! Isch bin doch ke Kind, isch bin e alt Frau!“

 

In den Tunnel ihrer Verzweiflung drang nur noch für kurze Momente ein wenig Helligkeit. Sie litt unter dem Alleinsein in ihrem Zimmer und unter der Anwesenheit von Menschen. Sie litt unter Stille und unter dem kleinsten Geräusch, das aus dem Flur zu ihr drang. Die Verdunkelung ihrer Seele beschleunigte ihre geistige Verwirrung. Sie verwechselte die Pflegerinnen ebenso wie ihre Brillen. Tag für Tag wurde sie von neuem Entsetzen gepackt, wenn sie vom Bett aus mit der Lesebrille zum Fernsehmonitor an der gegenüberliegenden Zimmerwand blinzelte, nur noch verschwommene Bilder sah und sich für urplötzlich erblindet hielt. Sie wollte nichts mehr essen und hatte starkes Untergewicht. Nur mit Mühe konnte ich sie bei meinen Besuchen dazu bewegen, an einem Bahlsenkeks zu knabbern. Sie hatte Bahlsenkekse immer sehr geschätzt. „Isch will ke Firlefanz“, konstatierte sie jedes Mal, wenn sie im Supermarkt eine Packung Bahlsenkekse in den Einkaufswagen legte, „a gut Bahlsekeks is a einfache, ehrlische Sach. Wenn di Mensche genauso wärn, gäbs auf de Welt ke Streit und ke Kriesch.“

 

Je mehr sie verfiel, desto stärker drängte die Martingeschichte aus ihr heraus, die sie selbst ja nur vom Hörensagen kannte. Am Anfang klagte sie nur. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, ob der Arzt, eine Pflegerin, die Putzfrau oder ihre Nichte, begann sie sich, unterbrochen von langem Stöhnen, über die gefälschte Geburtsurkunde zu beschweren. „Des gehört sisch doch net“, lautete eine ihrer wiederkehrenden Redewendungen, mit denen sie die Ungehörigkeit so darstellte, als ginge es um ein fremdes Kind, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Nach ein paar Monaten steigerte sich die Klage zu wildem Zorn. „Was kann denn des Kind dafür, dass es kei Bub isch?“, kreischte sie in den Raum. „Gar nix! Und was mache die Leut? Gehe zum Standesamt und lass e Bub eintrage! Jetzt sag amol: Isch des e Sauerei oder net?“ Und schließlich, wiederum Monate später, zeigte sich der alte Schmerz unverhüllt. Meine Tante saß schluchzend auf dem Bettrand, ruderte mit den Füßen über den Linoleumboden, ziellos nach einem Gegenstand suchend, den ihr Gehirn nicht mehr als Hausschuh abzubilden vermochte. Ich setzte mich neben sie, um sie zu trösten, und sofort umklammerte sie mit einer Hand meinen Unterarm.

 

Wie das Stöhnen zählte diese Gebärde zu den Angewohnheiten, die ihr schon immer zu eigen gewesen waren und sich im Alter verstärkten. Wenn sie nach meinem Arm langte und zudrückte, wusste ich, dass sie zu einer Mitteilung ansetzte, die keinesfalls überhört werden durfte. Der Griff hieß: Aufpassen! Jetzt kommt was Wichtiges! Die Nummer ihres Schließfaches bei der Stadtsparkasse, den Aufbewahrungsort ihrer Lebensversicherung, aber auch das System ihrer Küchenmülltrennung hatte sie mir auf diese Weise eingeschärft. Als hätte ihr Wunsch nach Anteilnahme eines körperlichen Nachdrucks bedurft, streckte sie auch dann die Hand zum Arm ihres Gesprächspartners aus, wenn sie über Themen reden wollte, die sie gerade stark beschäftigten. Eine Diskussion über den, wie meine Tante fand, ziemlich unchristlichen Starkult um den polnischen Papst wurde vom Druck ihrer Hand begleitet, ebenso die Erörterung der Frage, ob es sinnvoll sei, auf einem Kreuzfahrtschiff eine Kabine mit Balkon zu buchen.

 

„Weischt du, was mir passiert ist?“, begann sie, als habe sie noch nie zuvor vom Drama ihrer Geburtsurkunde berichtet und lüfte just in diesem Moment ein ungeheuerliches Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Oberkörper wie unter einer schweren Last nach vorne sinken, und ich musste zusehen, dass sie nicht kopfüber vom Bettrand fiel und mich mitzog. „Die habbe e Bub aus mir gemacht, aber isch war doch gar ke Bub.“ Ihr Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, und meine Tante begann so bitterlich zu weinen, wie ich sie nur ein einziges Mal weinen gesehen hatte, viele Jahre zuvor. „Die ganz Stadt hat über misch gelacht, die ganz Stadt.“ Ihren Vater erwähnte sie merkwürdigerweise nicht. Er kam in ihrer Erzählung gar nicht vor. Er wurde von einer unspezifischen Macht vertreten, die sie als „die Leut“ oder „die Obere“ bezeichnete. Man hätte meinen können, im Sommer 1925 habe ein geheimes Gericht beschlossen, diese Martina für ihre Weigerung, ein Martin zu sein, anzuklagen und ordentlich büßen zu lassen. Denn unermüdlich beteuerte sie, nicht schuld daran zu sein, dass sie als Mädchen geboren worden war.

 

„Sieschte, da habbe wir doch was gemeinsam“, sagte meine Tante oft. Wir hätten eben beide, sollte das heißen, Anlass zur Enttäuschung geboten. „Isch war falsch, und du warscht hässlisch.“ Gern hörte ich das nicht, aber es stimmte wohl. Ich kam mit blau angelaufenem Gesicht auf die Welt, die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Die Wirkung des zombiehaften Anblicks soll durch die Töne, die ich von mir gab, noch gesteigert worden sein. Sie waren, so beteuerte meine Mutter, furchterregend. Nicht das hohe, herzergreifende Neugeborenenkrähen, wie es ringsum im Kreißsaal zu hören war und wie ich es bei der Geburt meiner Tochter selbst hörte, sondern ein tiefes Brummen. Ich hatte immer Zweifel, ob das physiologisch überhaupt möglich, der Kehlkopf eines vier Kilogramm wiegenden Menschleins in der Lage ist, das Gegrunze eines Urmenschen zu erzeugen, der aus seiner Höhle kommt. Ungefähr so soll es sich nämlich angehört haben.

 

Ich widersprach meiner Tante nicht, obwohl ich insgeheim ihren Fall für schwerwiegender hielt als meinen. Aber ich merkte, wie gut es ihr tat, sich mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft zu wähnen. Sie war folglich nicht die Einzige in der Familie, die man sich beim Austritt aus dem Geburtskanal anders gewünscht hätte, eine Gemeinsamkeit, die durch ihre Patenschaft noch besiegelt wurde. Denn Martl war meine Patentante. Sie hielt mich in der Barockkirche der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach, in der ich geboren wurde und aufwuchs, übers Taufbecken. Sie kam zu meiner Einschulung, befüllte meine Schultüte mit Süßigkeiten, die zu kaufen sie Überwindung gekostet hatte. Sie schenkte mir mein erstes Fahrrad, es war rot und hatte eine luxuriöse Dreigangschaltung, und zur Kommunion eine wertvolle Armbanduhr. „Jetzt lass doch das Kind“, sagte sie beschwichtigend, sobald sich meine Mutter wieder einmal über meine Lautstärke beschwerte. Ihrer Meinung nach hatte sich das Säuglingsbrummen nämlich zu einem unvorteilhaften Wesenszug entwickelt, dem Lautsein. Ich redete, lachte, sang zu laut. In den Ohren meiner Mutter lief ich sogar zu laut. Wenn ich Geschirr spülte, wurde ich angefleht, keinen Polterabend zu veranstalten. Wenn ich eine Tür öffnete, fuhr meine Mutter mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zusammen, als hätte ich sie bereits zugeknallt. Sie schätzte leise Menschen. Martl, mein Vater und ich zählten nicht dazu. Wir bildeten in der Familie die Fraktion der Lärmenden, von der sich die Fraktion der Leisen wohltuend abhob. Ihr gehörten meine Mutter, ihre ältere Schwester, deren Mann und mein Bruder an.

Ein Geschenkbuch für Buchliebhaber

Für Carsten Sebastian Henn, dem wir bereits viele wundervolle Romane verdanken, ist „Der Buchspazierer“ ein Herzensprojekt, das er viele Jahre mit sich herumtrug, bevor er diese Geschichte tatsächlich aufschreiben konnte. Und auch für uns im Verlag ist dies ein ganz besonderes Buch, eine Art Glücksbringer, denn es erzählt davon, wie Bücher Menschen miteinander verbinden können. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen über Bücher, die uns etwas bedeuten, oder Bücher verschenken, die dann hoffentlich anderen etwas bedeuten werden, schaffen wir Beziehungen. Oder, wie Carsten Sebastian Henn selbst es ausdrückt: „Auch Bücher können, um einen bekannten Liedtext mal etwas abzuwandeln, Brücken sein. Und obwohl es scheint, dass Papier eigentlich kein sonderlich fester Baustoff ist, tragen sie doch schwerste Lasten.“  Felicitas von Lovenberg

 

Blick ins Buch
Der BuchspaziererDer Buchspazierer
Hardcover
€ 14,00
E-Book
€ 11,99
€ 14,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 11,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Roman

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können.“ Mit „Der Buchspazierer“ präsentiert der renommierte Autor Carsten Henn eine gefühlvolle Geschichte darüber, was Menschen verbindet und Bücher so wunderbar macht.   Es sind besondere Kunden, denen der Buchhändler Carl Christian Kollhoff ihre bestellten Bücher nach Hause bringt, abends nach Geschäftsschluss, auf seinem Spaziergang durch die pittoresken Gassen der Stadt. Denn diese Menschen sind für ihn fast wie Freunde, und er ist ihre wichtigste Verbindung zur Welt. Als Kollhoff überraschend seine Anstellung verliert, bedarf es der Macht der Bücher und eines neunjährigen Mädchens, damit sie alle, auch Kollhoff selbst, den Mut finden, aufeinander zuzugehen …   „Ein Buch zum Einkuscheln, ein Buch das wärmt und Zuversicht spendet. Genau das Richtige für alle, die wissen, wie wichtig ein gutes Buch sein kann.“ BRIGITTE 
In den Warenkorb

Der Bestseller aus Großbritannien

„Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen. Es herrscht Stillstand. Die eine Hälfte ist endlose eisige Nacht, die andere sengende Hitze. Nur in einem kleinen Bereich zwischen ihnen ist Überleben möglich. In einem von der Außenwelt abgeschotteten Großbritannien erhält eine Wissenschaftlerin Post von einem sterbenden Mann. Der Brief offenbart ein Geheimnis. Um es zu bewahren, sind einige bereit, zum Äußersten zu gehen... In Andrew Hunter Murrays Zukunftsthriller „The Last Day“ schreiben wir das Jahr 2059, aber er liest sich wie eine rasante Refl ektion der Gegenwart. Kaum erschienen, eroberte er in diesem Frühjahr in Großbritannien die Bestsellerlisten.“
Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
The Last DayThe Last Day
Paperback
€ 17,00
E-Book
€ 1,99
€ 17,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 1,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die eine Seite Hitze, die andere Eis - dazwischen der Kampf ums Überleben

Der Sunday Times Bestseller in edler Ausstattung mit einmaligem Farbschnitt! 2059: Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen.Die eine Hälfte ist eisige Nacht, die andere sengende Hitze.Nur in den Territorien dazwischen ist Überleben möglich.Im isolierten Großbritannien erhält die Wissenschaftlerin Ellen Hopper den Brief eines sterbenden Mannes und erfährt dessen verhängnis­volles Geheimnis. Eins, für das die Regierung töten wird, um es zu wahren.Der Kampf um die Zukunft der Erde beginnt!Der packende Klima-Thriller aus Großbritannien: Kann Ellen die Intrigen des unmenschlichen Regimes in London aufhalten? „Ein sensationeller Thriller über die Welt von Morgen, der einen dazu bringt, darüber nachzudenken, was in unserer Zeit passiert.“ Harlan Coben
In den Warenkorb

Das Buch hat das Potenzial viele, viele Leserinnen glücklich zu machen

„Ich muss schon zugeben: Allzu häufig kommt es nicht vor, dass ich mich darüber freue, meinen 40. Geburtstag schon ein Weilchen hinter mir zu haben. Die Tatsache, dass ich Alexandra Potters wunderbar witzigen, charmanten und warmherzigen Roman „Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht“ betreuen durfte – als Altersgenossin der über vierzigjährigen Protagonistin Nell - hat mich dann doch mit vielem versöhnt. Alexandra Potter hat ein so herrlich erfrischendes Buch geschrieben, wie ich es lange nicht gelesen habe. Keine Seite, auf der ich mich nicht wiederfinden konnte. So viele absurde Situationen, über die ich lauthals lachen musste. So viele scharfsinnige und kluge Beobachtungen, über die ich nachdenken konnte. Vor allem aber Figuren, die mir während des Lesens so sehr ans Herz gewachsen sind, dass es mir mitunter vorkommt, als gehörten sie jetzt zu meinem Leben.“
Anne Scharf (Lektorin Unterhaltung)

Blick ins Buch
Je größer der Dachschaden, desto besser die AussichtJe größer der Dachschaden, desto besser die AussichtJe größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht
Paperback
€ 15,00
Taschenbuch
€ 10,00
E-Book
€ 12,99
€ 15,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 10,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 12,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Roman

Das Leben läuft, wohin es willIrgendwie hatte Nell sich das anders vorgestellt mit dem Leben. Anfang 40 klang nach liebevollem Ehemann, wunderbaren Kindern und einem fantastischen Zuhause. Stattdessen ist der Verlobte weg, das Geschäft ist pleite und die Ersparnisse sind dahin, während all ihre Freunde die perfekte Hochglanzexistenz führen. Als ein alter Arbeitskollege ihr einen Job als Nachrufschreiberin verschafft, lernt sie die unkonventionelle und lebenslustige Witwe Cricket kennen. Die ungleichen Freundinnen helfen sich gegenseitig, mit dem Abschied von ihrem alten Leben fertig zu werden. Begleitet von Artus, einem riesigen Fellknäuel von Hund, geht Nell endlich ganz eigene Wege. Und trifft unterwegs einen Mann zum Verlieben, wo sie ihn nie vermutet hätte …
In den Warenkorb

Jon Krakauer „Classic Krakauer”

Jon Krakauer wurde in den 1990er-Jahren mit „In eisige Höhen” und „In die Wildnis” zum Bestsellerautor. Seine Karriere begann allerdings schon früher – als freiberuflicher Autor für die Zeitschriften OUTSIDE, ROLLING STONE, SMITHSONIAN und eine, wie er es nennt, illustre Mischung weniger bekannter Publikationen.  „Classic Krakauer“ vereint sieben, bis jetzt noch nie auf Deutsch erschienene Reportagen aus den Jahren zwischen „Auf den Gipfeln der Welt“ und „In eisige Höhen” sowie zwei weitere Essays jüngeren Datums.

Es zeigt nicht nur das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung, sondern eignet sich durch die voneinander unabhängigen Reportagen auch perfekt für die Fahrt in den Verlag: jede Fahrt eine Reportage.

Jeden Morgen ein anderes Abenteuer: Mal reite ich mit Mark Foo eine berghohe Welle und begreife die Faszination des Big-Wave-Surfens, ein anderes Mal finde ich mich in echter Wildnis wieder – in der Arktis, umgeben von Wölfen und Grizzlys. Krakauer schreibt packend und bildlich, er schafft es, gleichzeitig neutraler Beobachter und emotionaler Erzähler zu sein. Dabei gelingt es ihm, jede Zeile lebendig werden zu lassen. Jennifer Maurer

Classic KrakauerClassic Krakauer
Hardcover
€ 24,00
E-Book
€ 14,99
€ 24,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 14,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Die besten Reportagen aus drei Jahrzehnten

Er gehört zur Crème de la Crème des investigativen Journalismus in Amerika – der Bestsellerautor Jon Krakauer schrieb zahlreiche Reportagen und Essays für Magazine wie The New Yorker, Outside oder das Smithsonian. Dieser Band vereint neun dieser packenden Storys und offenbart das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung. Krakauer versetzt uns in atemberaubende und faszinierende Situationen: in eine dramatische Lawinenkatastrophe am Everest, an den Ort eines drohenden Vulkanausbruchs oder in eine Höhle in Mexiko, in der Bedingungen wie auf dem Mars herrschen. Blendend recherchiert und von mitreißender Lebendigkeit zeugt diese Sammlung von Krakauers Liebe zu wilder Natur und seiner unermüdlichen Suche nach der Wahrheit.
In den Warenkorb

Sachbuchtipp

„„Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“: So bringt Jeremias Thiel die Umstände, unter denen er aufwuchs, auf den Punkt. Als Kind lebte er von Hartz IV; die Eltern Langzeitarbeitslose, die häusliche Situation mehr als schwierig. Mit zehn Jahren geht Jeremias Flaschen sammeln, um sich neue Schuhe kaufen zu können, mit elf verlässt er die Familie auf eigenen Wunsch. Fünf Jahre lang lebt er im SOS-Kinderdorf, bis er 2017 als Stipendiat auf ein internationales College in Freiburg geht. Mit seinem Buch möchte er wachrütteln für die Erkenntnis, was Armut in Deutschland wirklich bedeutet – und zeigen, was sich ändern muss.“

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine ChanceKein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance
Paperback
€ 16,00
E-Book
€ 12,99
€ 16,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 12,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss

Als Jeremias Thiel elf Jahre alt ist, macht er sich auf den Weg zum Jugendamt. Er hält es zu Hause nicht mehr aus, hat Angst, der Armut und Verwahrlosung, die dort herrschen, niemals entkommen zu können. Seine Eltern sind psychisch krank und leben von Hartz IV, die häusliche Situation ist mehr als schwierig. Von da an lebt er im SOS-Jugendhaus, bis er als Stipendiat auf ein internationales College geht und im Herbst 2019 sein Studium in den USA beginnt. Er ist sich sicher, dass viele, die in ähnlichen Verhältnissen leben, nicht die Möglichkeit haben, sich daraus zu befreien. In diesem Buch erzählt Jeremias seine Geschichte und liefert zugleich einen bewegenden und aufrüttelnden Appell für mehr soziale Gerechtigkeit.
In den Warenkorb

Ein Buchtipp für Gartenliebhaber

„Frühlingszeit ist Gartenzeit. Überall im Land ziehen Gärtnerinnen und Gärtner nach der langen Winterpause mit leuchtenden Augen in ihr kleines Paradies, um es wieder auch Hochglanz zu bringen. 
Doch Garten ist nicht nur Paradies, Garten ist auch Krieg. Christian Feyerabend mit seinem 300-Quadratmeter-Kleingarten, weiß wovon er spricht: Der Salat ist zerfressen, die Bäumchen wollen nicht grünen und der Gärtner wird übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten. In „Garten ist Krieg. Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können“ spricht Christian Feyerabend allen Hobbygärtnern aus der Seele und liefert auf charmante und sehr humorvolle Art zahlreiche Tipps und Tricks zur Verteidigung des eignen Idylls.“

Eine Buchtipp von Anja Hänsel, Lektorin

Blick ins Buch
Garten ist KriegGarten ist Krieg

Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können

Im Garten gilt wie im Krieg: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen. Unkraut vergeht nicht. Das weiß Christian Feyerabend nur zu gut, denn in seinem Garten existieren gut dreißig Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher finden das grüne Idyll „paradiesisch“. Doch es existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn nur so kann er sich angemessen zur Wehr setzen.„Extrem lustig geschrieben.“ Denis Scheck
In den Warenkorb
Buchblog
02. Oktober 2019
Bücher, die man gelesen haben muss
Was soll man lesen? Denis Scheck, vielfach ausgezeichnete Literaturkritiker, beantwortet diese Frage in seinem neuen Kanon.
Themenspecial
10. November 2020
Bücher, die glücklich machen
Happy Reading: Wir haben die besten Bücher zusammengestellt, die uns glücklich machen. Diese Geschichten erhellen Ihnen den Tag und werden Sie unterhalten, bis endlich der Frühling wieder Einkehr hält.
    Themenspecial
    12. November 2019
    Bücher für Männer
    Was schenkt man einem Mann, der alles hat? Ein gutes Buch!

      Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

       

      Sie haben gerade einen tollen Roman ausgelesen und brauchen schnell Nachschub? Oder Sie suchen ein wirklich gutes Buch zum Verschenken? Lassen Sie sich von unseren Buchempfehlungen für jeden Geschmack und jedes Interesse inspirieren.  Unsere „Experten“ sind allesamt Menschen, die ihr Hobby Lesen zum Beruf gemacht haben, eine fundierte Bücherkenntnis besitzen und in jedem Genre zuhause sind.
       

      Sie finden hier beispielsweise Rezensionen für

      • Romane,
      • Sachbücher oder auch
      • Thriller 

      sowie Buchempfehlungen für 2021.

      Freuen Sie sich auf spannende Neu-Entdeckungen und Bestseller, die wir eigens für Sie auswählen. So geht Ihnen der Lesestoff niemals aus! 

      Kommentare

      Kommentieren Sie diesen Beitrag:

      Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.