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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Dienstag, 29. September 2020 von Piper Verlag


Buchtipps 2021

„Der Klimawandel ist ein einzigartiges globales Problem, das wir nur gemeinsam lösen können.“ Bill Gates

„Die Ankündigung, dass Bill Gates ein Buch zum Klimanwandel schreiben werde, sorgte im letzen Jahr für Furore. Gates, bekannt für seinen Wissensdurst, seine Beharrlichkeit und sein Verständnis von wissenschaftlichen und technologischen Zusammenhängen, und der durch die Forschungen seiner Stiftung auch in der Corona Pandemie erneut sehr sichtbar geworden ist, hat mit Bedacht das Buch als Medium für seinen ganz persönlichen Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels gewählt. Denn nur, wer Köpfe und Herzen der Menschen erreicht, wird nachhaltig etwas verändern."

Verlegerin Felicitas von Lovenberg

Wie wir die Klimakatastrophe verhindernWie wir die Klimakatastrophe verhindern

Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind

In diesem dringlichen, maßgebenden Buch legt Bill Gates einen weitreichenden, praktischen – und zugänglichen – Plan dafür vor, wie die Welt die Treibhausgasemissionen rechtzeitig auf null senken kann, um eine Klimakatastrophe zu verhindern.Seit einem Jahrzehnt untersucht Bill Gates die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels. Mithilfe von Experten aus Physik, Chemie, Biologie, Ingenieurwesen, Politikwissenschaft und Finanzwesen hat er sich auf das konzentriert, was getan werden muss, um die Umweltkatastrophe zu verhindern, die unserem Planeten bevorsteht. In diesem Buch erklärt er nicht nur, warum wir auf eine Netto-null-Emission der Treibhausgase hinarbeiten müssen, sondern auch, was wir konkret tun müssen, um dieses überaus wichtige Ziel zu erreichen.Mit klarem Blick beschreibt er die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Ausgehend von seinem Verständnis von Innovation und dem, was nötig ist, um neue Ideen auf den Markt zu bringen, beschreibt er die Bereiche, in denen die Technologie bereits zur Emissionsreduzierung beiträgt, wo und wie die aktuelle Technologie effektiver gestaltet werden kann, wo bahnbrechende Technologien benötigt werden und wer an diesen wesentlichen Innovationen arbeitet. Abschließend legt er einen konkreten, praktischen Plan vor, wie sich die Emissionen auf null reduzieren lassen. Er empfiehlt nicht nur politische Maßnahmen, die Regierungen ergreifen sollten, sondern zeigt auch, was wir als Einzelne tun können, um unsere Regierung, unsere Arbeitgeber und uns selbst in diesem entscheidenden Unterfangen in die Pflicht zu nehmen. Bill Gates macht deutlich, dass das Ziel der Emissionsfreiheit nicht leicht zu erreichen sein wird, aber wenn wir dem Plan folgen, den er hier vorlegt, ist dieses Ziel, durchaus erreichbar. Wie Bill Gates deutlich macht, wird das Ziel von null Emissionen nicht einfach oder leicht zu erreichen sein, aber wenn wir den von ihm hier dargelegten Plan befolgen, ist es ein Ziel, das durchaus in unserer Reichweite liegt.
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Ein Blick hinter den Schleier

„Stephan Orth hat uns als Couchsurfer bereits Iran, Russland und China nahegebracht und hinter verschlossenen Türen ganz neue Welten eröffnet. Jetzt haben seine Neugier und seine Unerschrockenheit ihn nach Saudi-Arabien geführt. Als einer der ersten westlichen Touristen überhaupt bereist er das Königreich und erlebt dort seine bisher vielleicht aufregendste Reise. „Couchsurfing in Saudi-Arabien" erzählt von den Höhen und Tiefen einer Glitzerwelt und von einer Gesellschaft im rasanten Wandel."

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Couchsurfing in Saudi-ArabienCouchsurfing in Saudi-Arabien

Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft

Als Saudi-Arabien erstmals Touristen einreisen lässt, packt Bestsellerautor Stephan Orth sofort den Rucksack. Von Couch zu Couch erkundet er das Königreich und erhält Einblickein eine verschlossene Gesellschaft, wie sie bisher keinem westlichen Besucher möglich waren. Er wird Zeuge eines radikalen Wandels, sieht Frauen Auto fahren und tanzt mit Zehntausenden beim Wüsten-Rave. Doch jenseits der Glitzerwelt gelten drakonische Strafen, und an der Grenze zum Jemen sind die Bomben nicht zu überhören. Stephan Orth berichtet von seiner bisher aufregendsten Reise.

Masken
Bevor Aziz die Fahrertür öffnet, zieht er sich eine Maske über Nase und Bart. Sie ähnelt einer dieser Schutzmasken für Chirurgen, ist aber aus schwarzem Kunststoff. „Ich will nicht erkannt werden auf Fotos oder Videos. Da wird JEDER filmen. Und meine Eltern wissen nicht, dass ich hier bin“, sagt er, die Worte klingen dumpf hinter dem Stoff vor seinem Mund.
„Machen wir denn etwas Verbotenes?“, frage ich.
„Eigentlich nicht. Aber es gibt nicht nur staatliche Gesetze – es gibt auch Familiengesetze.“
Er setzt eine sibirisch anmutende Fellmütze mit Ohrenschützern auf, Dezemberabende sind überraschend kühl hier. Dann steigen wir aus seinem Auto. Der Parkplatz sieht aus wie die Ausstellungsfläche eines SUV-Gebrauchtwagenhändlers, ein kilometerlanger Zaun sperrt das Veranstaltungsgelände ab.
Der nächstgelegene Eingang ist mit „Platinum tickets only“ markiert. Wir haben keine Platintickets, die kosteten 4000 Riyal, knapp tausend Euro, aber wir stellen uns trotzdem an. Hundert Meter weiter ist die Schlange für Normalticket-Besitzer zehnmal so lang. „Wird schon klappen“, verspricht Aziz, die Falten neben seinen Augen deuten an, dass er dabei unter seiner Maske lächelt. In Serpentinen zwischen Absperrketten arbeiten wir uns zur Sicherheitskontrolle vor. Vor allem Männer warten hier, aber eine Gruppe von vier Frauen wird vorgelassen, sie dürfen zuerst rein.
Dann sind wir dran. Der Securitymann blickt wenig begeistert auf die Handytickets, die Aziz ihm hinhält. Sie diskutieren auf Arabisch, hinter uns werden die Leute ungeduldig. Aziz deutet auf das Ticket, dann auf mich. Der Wachmann berät sich mit einem Kollegen. Dann winkt er uns tatsächlich durch. Metalldetektorschleuse, Taschenkontrolle, abtasten, geschafft.
„Ich habe ihm gesagt, ich habe einen ausländischen Gast, und ich würde mein Gesicht verlieren, wenn er nicht reinkäme. Wir müssen doch jetzt gastfreundlich sein“, erklärt Aziz.
Ich fühle mich ein bisschen instrumentalisiert, aber wenn es um die Party des Jahrhunderts geht, ist jedes Mittel recht, um nicht am Türsteher zu scheitern.
Wir passieren einen Torbogen aus gleißend lilafarbenem Licht und blicken auf das Zeitportal. So hat der Festival-Kreativdirektor John Rash den 27 Meter hohen karoförmigen LCD-Bildschirm auf der Bühne getauft, direkt über den DJ-Pulten. „Das Portal nimmt dich mit aus der Vergangenheit in die Zukunft“, so beschrieb er das Konzept in einem Interview. Und das ist die Idee der ganzen Veranstaltung, die in rekordverdächtigem Eiltempo organisiert wurde. Zwei Monate dauerte der Aufbau, erst vor einem Monat wurde das Festival offiziell angekündigt.
„MDL Beast“ (sprich: „Middle Beast“) heißt das größte Musikevent in der Geschichte des Landes. Kurz vorher haben sie extra noch einmal die Preise heruntergesetzt. Für umgerechnet fünfzehn Euro waren Tagestickets zu haben, kein schlechter Preis, um einige der berühmtesten DJs der Welt zu sehen. David Guetta, Tiësto, Steve Aoki, Martin Garrix.
Wir folgen einem immer dichter werdenden Menschenstrom in Richtung Hauptbühne. Männer in Jeans, Lederjacke und Baseballkappe, aber auch viele im traditionellen Thaub-Gewand mit rot-weißem Ghutra-Kopftuch.
Aziz ist nicht der einzige Besucher ohne Gesicht. Ich sehe Menschen in Clownsmasken, in Alienmasken, in Monstermasken mit fluoreszierenden Kreuzen als Augen. Sonnenbrillen, über denen in Neonlicht das Wort „Cool“ leuchtet. Gasmasken in Weltkriegsoptik, OP-Masken, Bandanas über Mund und Nase.
Und natürlich Niqabs. Die klassischen schwarzen Gesichtsschleier der Frauen lassen nur Augen und Wimpern frei und sind mit Bändern hinten am schwarzen Kopfteil der Abaya befestigt. „Ninjas“ nennen sie hier die traditionell gekleideten Damen, weniger wohlwollende Betrachter vergleichen sie mit Fledermäusen oder Gespenstern. Was für eine Ironie, dass ausgerechnet in diesem Woodstock-Moment, in dieser Nacht ungewohnter Freiheit, so viele Männer ihr Gesicht verbergen, sich also dem anpassen, was für Frauen in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten Alltag ist.
Einige Frauen allerdings tragen auch Jeans, Kapuzenpulli und offene Haare. Das ist nun erlaubt, wenn auch nicht besonders verbreitet. Erst vor ein paar Monaten wurde die Abaya-Pflicht abgeschafft. „Willkommen in Saudi-Arabien“, sagt eine Besucherin im Vorbeigehen zu mir und streift mit der Hand meine Schulter.
Vom Himmel segelt eine weiße Zauberfee herab, eine ausländische blonde Akrobatin auf einem Trapez, das an einem Heißluftballon befestigt ist. Im hautengen Latexoutfit dreht sie Pirouetten, lässt sich immer wieder so weit herab, dass sie noch etwa drei Meter über den Köpfen der Menschenmenge verharrt, bevor sie erneut emporschnellt. „Haltet sie fest, bevor sie wegfliegt“, ruft ein übermütiger junger Typ, während er mit seiner Handykamera filmt.
Je näher wir der Hauptbühne mit ihrem Zeitportal kommen, desto lauter wird die Musik, desto stärker drücken die Bässe auf den Solarplexus. Vor Kurzem war Musik in der Öffentlichkeit noch verboten, galt als unislamisch. Musik, die göttlichste Kunst von allen, da muss man erstmal draufkommen. 25 Jahre lang gab es in Riad kein einziges Livekonzert. Und jetzt feiern hier mehr als 100000 Menschen.
Das neue Saudi-Arabien will Spaß, Unterhaltung, Action. Und zwar nicht in kleinen, gemächlichen Schritten, sondern im Stil eines Snarewirbels aus dem Drumcomputer, der taktweise sein Tempo verdoppelt. Viertel, Achtel, Sechzehntel, Filter auf, winzige Pause und BROMPF. Manche DJs brüllen dazu ein „one two three four“ ins Mikro, damit wirklich jeder mitkriegt, dass es jetzt abgeht. Und einige bauen noch eine Verdopplung mehr ein, am Ende spielt die Snare Zweiunddreißigstel, dann sind keine einzelnen Anschläge mehr zu hören, nur ein einzelner Ton, ein Klangbrei, überlautes Rauschen. Wer zu schnell beschleunigt, fährt das Ding vor die Wand. Auch in Saudi-Arabien folgt nach einem zu forschen Schritt vorwärts häufig ein großer Schritt zurück.
„I don’t need no sleep ’cause I’m already dreaming“, singt eine Stimme vom Band, gesteuert von dem Niederländer Martin Garrix, einem winzigen Männlein am DJ-Pult der gigantischen Bühne. Einem winzigen Männlein mit ungefähr so vielen YouTube-Views, wie Menschen auf der Erde leben. Auf dem Bildschirmkaro ist ab und zu sein wippender Kopf zu sehen, zwischen rhythmischen Animationsfilmschnipseln und hektischen Laser-Lichtstrahlen. Auch mir kommt das gerade wie ein unwirklicher Traum vor. Bin ich vielleicht in Wahrheit irgendwo auf dem Land in Brandenburg oder Belgien, und der neueste Electro-Modetrend sind golf-arabisch inspirierte Outfits?
Schulter an Schulter wendet sich das Publikum in Richtung des DJs, als wäre er der Imam in einer Moschee. Viele imitieren sein Wippen mit Kopf und Oberkörper, oder sie gucken von den Vorderleuten ab, Tanzbewegungen verbreiten sich in der Menschenmasse. Für viele ist es das erste Electro-Festival in ihrem Leben. Die Leute filmen wie verrückt.
Die hundertfache Vervielfältigung des Bühnengeschehens auf den Handys, die hundertfache Vervielfältigung der Tanzmoves in der Masse, deren Arme und Hinterköpfe dann wiederum hundertfach digital zu sehen sein werden. Das MDL Beast geht viral, in WhatsApp-Gruppen und Twitter-Posts, auf Snapchat und Instagram.
Ein paar Influencer wurden extra aus dem Ausland eingeladen, für angeblich sechsstellige Dollarbeträge, um diesen Woodstock-Moment in der Welt zu verbreiten. Doch auch einheimische Partybesucher leisten ihren Teil. Auf YouTube kursieren Videos, in denen fröhliche junge Männer ihrer Regierung danken, dass sie nun so viel Spaß haben dürfen. Wie viele Deutsche bedanken sich bei Angela Merkel nach einem Besuch von Rock am Ring oder der Fusion? Monarchien ticken halt ein bisschen anders.
Als weiterer Beleg für eine gewisse Unkenntnis der Szene-Konventionen zieht direkt vor uns eine Polonaise vorbei. Nur Männer, mehr als neunzig Prozent der Festivalbesucher sind Männer. Die meisten Frauen sitzen auf einer Tribüne am Nordrand des Geländes. Die Macht der Gewohnheit. Großveranstaltungen ohne Geschlechtertrennung, nein, Großveranstaltungen, bei denen überhaupt Frauen dabei sein dürfen, sind noch neu.
Zwei Vollverschleierte tanzen wie schwarze Derwische direkt unter der Tribüne, mit Breakdance-inspirierter Lässigkeit und perfekt einstudierten Bewegungen. Links und rechts von ihnen stehen je zwei Männer und mustern argwöhnisch die Umgebung.
Gerne würde ich berichten, dass die Leute sich komplett gehen lassen und sich Bahn bricht, was jahrzehntelang unterdrückt wurde. Dass vor der Beast-Bühne hier und jetzt eine neue Gesellschaft geboren wird: Three days of Peace & Music, Liberté Egalité Fraternité, wir sind das Volk und weg mit dem Muff von tausend Jahren, ein Arabischer Frühling im Dezember.
Aber dafür fühlt sich das Ganze zu diszipliniert an, eher vorsichtiges Tasten als Ausrasten. Hier wird nicht gegen das Königshaus demonstriert, sondern dank der königlichen Gnade gefeiert, im ständigen Bewusstsein, dass es rote Linien gibt, die man keinesfalls überschreiten sollte. Doch wo genau die sich gerade befinden, weiß keiner so genau.
Ordner in gelben Signalwesten beobachten aufmerksam das Treiben auf dem Gelände. Wer zu nah an Absperrgeländern entlangläuft und den Fluchtweg versperrt, wird ermahnt. Keiner dreht durch, auch wenn ich vereinzelt in glasige Augen blicke, wie sie nur verbotene Substanzen hervorrufen können. Vier-, fünfmal rieche ich Alkoholfahnen oder süßlichen Haschischdunst. Doch da ist noch etwas anderes in vielen Gesichtern, und es scheint nichts mit Drogen zu tun zu haben, sondern allein mit der ungewohnten Situation: ein fassungsloses Staunen, eine Art sichtbare Verzauberung, wie man sie eigentlich nur aus Cartoons kennt, halb offene Münder und zeitlupenhaft wandernde Blicke. Wer braucht Schlaf, wenn man bereits träumt? Die Musik, die tanzenden Leiber, die ungewohnt freizügige Damenmode, die Menschenmassen. Wie kann es sein, dass plötzlich erlaubt ist, was noch vor zwei Jahren undenkbar war? Wie passt das zu einem Land, dessen Imame einen Islam predigen, der kaum weniger strikt ist als bei den Taliban oder dem IS? In welche Zukunft wird dieses Zukunftsportal führen?
Aziz geht auf dem Handy das Programm für den Abend durch.
»Wer ist Tiësto?«, fragt er.
„Einer der bekanntesten DJs Europas“, antworte ich.
„Ach so“, sagt er.
„Und wer ist Rabeh Saqer?“, frage ich und deute zur Bühne, wo gerade ein dauergrinsender älterer Herr mit Hornbrille, in Anzug, weißen Sneakers und schwarzen Lederhandschuhen auftritt, sein Name leuchtet im Zeitportal in rotierenden Buchstaben.
„Den kennst du nicht? Einer der bekanntesten Sänger Saudi-Arabiens“, sagt Aziz.
Auch wenn er heute zu einem Electro-Remix eines DJs namens R3hab performt, passt er mit seinem virtuos leiernden arabischen Schnulzenpop stilistisch etwa so gut wie die Feuerwehrblaskapelle aufs Wacken Open Air. Aber die Menge feiert Saqer mehr als alle anderen Künstler, singt jedes Wort mit bei Songs wie „Ala Kefak“ („Wie du willst“) oder „Khalas“ („Genug“). Er wird bejubelt wie ein lange verschollener Sohn, der endlich heimgekommen ist. Jahrelang musste man nach Dubai oder Istanbul reisen, um eine seiner Liveshows zu erleben. Saqer, der freundliche Nerd von nebenan mit seinen etwas fahrigen Tanzbewegungen und der großen Stimme, stiehlt den internationalen Stars die Show.
Vergleichbare Gefühlsausbrüche kann Tiësto nicht auslösen, der als Nächster auf die Bühne kommt. Auch weil lyrische Brillanz nicht zu seinen Stärken zählt. „Bring that ass back like a boom boom boom boom“ ist noch eine der stärkeren Textzeilen. Aber dafür ist Tiësto laut, er hat Pyroeffekte dabei, unfassbare Bässe und brachial knarzende Synthesizer. Die Breaks und Drops kommen mit klinischer Präzision, die Maskierten tanzen, die Unmaskierten tanzen auch, das Zeitportal leuchtet neonfarben. Und mit jedem Takt, in jedem ungläubigen Blick der Zuschauer, schwingt die Hoffnung mit, dass dies ein Anfang ist und nicht nur ein Traum, dem ein böses Erwachen folgt.
Viertelsnare, Achtel, Sechzehntel, one two three four …


Dschidda
Ein Spitzenvisum
… BROMPF.
Die einzige Möglichkeit individuellen Ausdrucks im Arbeitsalltag eines Flughafen-Grenzbeamten ist der Moment, in dem er den Einreisestempel anbringt. Er kann ihn sanft in den Pass tupfen, kraftvoll festdrücken, federnd aufklopfen, lässig fallen lassen oder mit Gewalt einhämmern. Für mich gehört es zu den kleinen Freuden des Unterwegsseins, in diesem Augenblick genau hinzuschauen. Ich male mir dann aus, was diese kleine persönliche Geste über den Angestellten und sein Temperament aussagen könnte, dieser winzige Ausbruch in einem von Protokollen, Hierarchie und Regeln geprägten Arbeitsleben. Mein Gegenüber an Schalter 3, nördliches Terminal, Flughafen Dschidda, wäre demnach lieber Scharfrichter als Grenzbeamter geworden. Er schmettert den Stempel in meinen Pass, als wollte er eine Hornisse töten.
Wortlos reicht er das malträtierte Reisedokument durch die Öffnung der Panzerglasscheibe, eine teure Schweizer Armbanduhr blitzt unter dem Ärmel des weißen Thaubs hervor. Aus irgendeinem Grund bin ich erleichtert über seine Unfreundlichkeit. Die Tatsache, dass jetzt Touristen kommen, ist für ihn kein Grund, plötzlich entgegen seiner Natur einen auf „Welcome, friend“ zu machen. Sein Stimmungstief könnte aber auch mit dem Zeitpunkt zu tun haben, es ist zwei Uhr nachts.
Der King Abdulaziz International Airport ist größer als der Chiemsee, auf Landkarten nimmt er nahezu das gesamte nördliche Drittel der Stadt ein. Ein Mekka für Mekkabesucher, einer der drei Terminals ist ausschließlich für die Millionen Hadsch-Pilger reserviert, die jedes Jahr kommen. Nur 75 Kilometer sind es von hier bis zur heiligen Stadt.
Die Schiebetür neben dem Schalter öffnet sich, und ich gehe weiter in die Halle mit den Gepäckbändern. Bodenfliesen aus Marmorimitat, Wegweiser zur Flughafenmoschee, Neonlicht. Auf den Toilettensymbolen verfügt nur der Mann über Nase und Kinn, bei der Frau ist das Gesicht bis auf die Augen verschleiert.
„How can we help you?“, fragt die Anzeige auf einem LCD-Bildschirm, zusammen mit dem Vorschlag, für Tourismustipps die Nummer 930 zu wählen, 24 Stunden erreichbar für „Ziele, Aktivitäten und allgemeine Anfragen“. Danach ist Werbung für die Rallye Dakar zu sehen, mit Zeitlupenvideos von sponsorbunten Geländewagen in der Wüste, die an einer Schotterpistenkante vom Boden abheben und weich landen. Das berühmte Offroad-Rennen findet in diesem Winter zum ersten Mal in Saudi-Arabien statt.
Das war einfach. Fünf Minuten anstehen, eine Minute lang Fingerabdrücke abgeben und erklären, was in meinem Pass Vor- und was Nachname ist, und schon bin ich drin. Jahrzehntelang war es ungefähr so aussichtsreich, ein Touristenvisum für den Mond, die Jacht von Roman Abramowitsch oder den Hauptsitz der CIA zu bekommen wie für Saudi-Arabien. Arbeitsvisa oder Pilgervisa, das schon. Aber für Urlauber und Individualreisende? Unmöglich. Man hätte mich gleich am Einreiseschalter nach Hause geschickt. Bislang wirkte im Vergleich zu Saudi-Arabien selbst Nordkorea wie ein Robinson Club, weil man dort immerhin Gruppentouren mit Aufpassern buchen konnte.
Das soll sich ändern. Seit Oktober 2019 sind Vergnügungsreisende plötzlich von höchster Stelle erwünscht. König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman wissen, dass ihr Öl nicht ewig sprudeln wird, und hoffen nun auf neue Einnahmequellen. Nicht, dass Ausländer ungewöhnlich wären in Saudi-Arabien. Etwa ein Drittel der 34 Millionen Einwohner ist anderswo geboren, und in Mekka trifft sich die ganze muslimische Welt.
Doch nun geht es um eine andere Spezies, um Besucher, die weder dem Ruf der Muezzine noch dem Ruf des Geldes folgen, sondern einfach eine gute Zeit haben wollen. Es ist ein gewagtes Experiment, spontan fällt mir kein Land ein, das ich weniger mit „Spaß“ verbinde als Saudi-Arabien. Eher denke ich an irrsinnigen Reichtum, Foltermorde im Konsulat, Öl-Pipelines, vollverschleierte Frauen, Scharia-Brutalität und Waffengeschäfte. Und an das Buch eines deutschen Rettungssanitäters, der in Riad arbeitete und beschreibt, wie ihm eine Familie eine geköpfte Leiche im Wohnzimmer als Haushaltsunfall verkaufen wollte. Vielleicht denke ich auch noch an Kamele und Wüsten und Lawrence von Arabien. Aber ganz sicher nicht an Urlaub.

Vor zwei Monaten habe ich am Rechner in Hamburg das Visum beantragt, das dauerte zehn Minuten. Onlineformular ausfüllen, Reiseversicherung abschließen, Porträtfoto hochladen und Gebühr überweisen, 463,44 Saudi-Riyal, 110 Euro . Gratis dazu bekam ich Informationen zu Themen wie Alkohol (verboten), Drogenhandel (Kopf ab), Respekt für Religion und Tradition (notwendig), Kleidungsvorschriften (konservativ) und Strafen (hoch). Wer beim Auf-die-Straße-Spucken erwischt wird, muss demnach 500 Riyal zahlen. Musik abspielen zur Gebetszeit: 1000 Riyal. Unerlaubtes Fotografieren von „Menschen, Unfällen, Verbrechen oder anderen Vorfällen“ (was wohl „andere Vorfälle“ sind?): 1000 Riyal. „Unzüchtiges Verhalten einer sexuellen Natur“: 3000 Riyal pro beteiligte Person. Im Wiederholungsfall verdoppelt sich der Betrag, was beim dritten Mal passiert, stand dort nicht, vielleicht möchte man es nicht wissen.
Während ich noch las, kam nach zwei Minuten per E-Mail das Visum im PDF-Format. Gültig für ein Jahr, unbegrenzt viele Einreisen, bis zu neunzig Tage Reisedauer insgesamt. Ein sensationelles, ein Spitzenvisum. Kurz fragte ich mich, ob die das so einfach machen, weil sich seit der Khashoggi-Sache sowieso keiner mehr in ein saudi-arabisches Konsulat traut, aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Fakt ist: Eines der bislang verschlossensten Länder der Erde öffnet seine Türen nicht nur einen Spalt, sondern sperrangelweit.

Türen sind in Saudi-Arabien häufig prachtvolle Metallkonstruktionen, voller Ornamente und Schnörkel, aber auch absolut blickdicht. Wie wichtig den Menschen ihre Privatsphäre ist, verraten meterhohe Mauern, Schutzwälle, die Großfamilienhäuser von der Außenwelt trennen.
Elf Wochen möchte ich unterwegs sein und herausfinden, was sich dahinter verbirgt. Dafür mache ich zunächst einen Umweg ins Virtuelle. Zur Website couchsurfing.com, auf der Menschen aus der ganzen Welt kostenlose Unterkünfte für Reisende anbieten. Seit mehr als fünfzehn Jahren lade ich damit Gäste zu mir ein. Und ich nutze Couchsurfing auf fast jeder eigenen Reise, weil ich das Unkommerzielle daran mag: Anders als ein Pauschaltourist habe ich es mit Leuten zu tun, die nicht dafür bezahlt werden, freundlich zu mir zu sein. Sie zeigen mir ihren Alltag, keine folkloristische Inszenierung. Sie erinnern mich an die Schönheit des Banalen und an die Tatsache, dass ich Menschen generell erfrischender finde als Sehenswürdigkeiten. Und daran, dass es bessere Arten gibt, mit unterschiedlichen Ansichten umzugehen, als: lol war klar was für ein Lauch.
Natürlich werde ich mithilfe einer solchen Onlineplattform keinen Querschnitt der Gesellschaft kennenlernen, sondern eher die Jüngeren, die Englischsprechenden, die Weltinteressierten. Aber ich hoffe dennoch, von ihnen viel über ihr Land zu erfahren.
Ich will bei Einheimischen wohnen, mit ihnen den Alltag verbringen und alles ausprobieren, was sie mir vorschlagen. Egal, ob ich das selber für eine gute Idee halte. Mitten rein ins Leben, rein ins Private, Türschwellen als Last Frontier. Abgesehen von je fünfzig Seiten in einem Lonely Planet und einem Dumont Reise-Handbuch über die Arabische Halbinsel gibt es keine aktuellen Reiseführer, also hoffe ich auf die Ausflugstipps der wahren Landeskenner: Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben. Wie ticken die Saudis, wie gehen sie mit der plötzlichen Öffnung ihres Landes um, nachdem sie so lange isoliert waren?
Statt also eine Liste von Touristenattraktionen zum Abhaken vorzubereiten, habe ich mir vor dem Abflug Hunderte Onlineprofile von Couchsurfing-Mitgliedern in Saudi-Arabien angeschaut und Dutzende von ihnen angeschrieben. Nur etwa jeder Fünfte schickte eine Antwort. In Dschidda wurde ich enttäuscht, ich fand niemanden, der mir eine Unterkunft anbot, deshalb werde ich die erste Nacht im Hotel verbringen.
Mir fällt kein Land auf der Welt ein, das ich aus der Ferne als unterschiedlicher wahrnehme als mein eigenes. Oder präziser: Mir fällt kein Land ein, in dem so viele Konzepte Mangelware sind, die ich gut finde. Demokratie, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel. Außerdem mag ich Länder, die militärisch abrüsten, auf erneuerbare Energien setzen, über eine unabhängige Justiz verfügen und Straftätern nicht die Köpfe abhacken. Ich mag Länder mit Kneipen, ich spreche gern mit Frauen und halte Religionen für überschätzt. Saudi-Arabien ist so etwas wie mein persönliches Anti-Utopia. Werde ich trotzdem eine Verbindung spüren zu den Menschen, werden wir gemeinsame Ebenen finden?
Der letzte Punkt meiner To-do-Liste ist einigermaßen trivial: Ich möchte am Ende der Reise auch gerne wieder nach Hause, und zwar zu einem von mir selbst gewählten Zeitpunkt. Klingt selbstverständlich, aber ein Blick auf das Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen lässt Schlimmes ahnen: Platz 170 von 180 Ländern. Das Königreich will Touristen, keine Journalisten.

Am Gepäckband mische ich mich unter Glücksritter, Länderstempelsammler, Anthropologinnen, Islamwissenschaftler, Wüstenwanderer, Hasardeure, Scheichvasallen, Erbschleicherinnen, Gaukler, Sterndeuter, Menschenrechtsaktivistinnen, Weihrauchhändler, Hotelinvestoren und Reisebloggerinnen. Nein, Quatsch, ganz anders. In Wahrheit bin ich wahrscheinlich der einzige Europäer im Raum und sehe hauptsächlich drei Outfitvarianten. Erstens den Saudi-Einheitslook für Männer, weiße oder dunkelgraue Thaub-Kittelgewänder, dazu das Ghutra-Tuch auf dem Kopf, das von dem Agal, einem doppelten Ring aus schwarzem Stoff, an seinem Platz gehalten wird.
Zweitens den Saudi-Einheitslook für Damen, schwarze Abaya und schwarzes Niqab-Gesichtslätzchen, nur die Augen sind zu sehen. Und drittens: Männer in Sandalen und zwei weißen Frotteedecken, die Badetüchern ähneln, einem größeren um die Hüfte und einem kleineren um den Oberkörper. Das ist die Uniform männlicher Mekka-Pilger im Ihram, dem Weihezustand. Alle sollen gleich sein auf dem Weg zum heiligsten Ort der Muslime, egal ob Prinz oder Bettler, egal aus welchem Land sie kommen. Und alle müssen sich mit den Tücken des Oberkörper-Handtuchs auseinandersetzen. Es verrutscht bei jeder ausufernden Armbewegung und muss dann wieder neu über die Schulter geworfen werden.
Als Hosenträger mit nacktem Kopf gehöre ich zu einer überschaubaren Minderheit, zusammen mit einer Handvoll dunkelhäutiger junger Männer und ein paar kleinen Jungen, die um einen Gepäckwagen herumtoben.
Auch ein Blick auf die gemächlich kreisenden Gepäckstücke offenbart mein Anderssein. Ich sehe Rollkoffer in Schwarz und Silber, in Sicherheitsfolie erstickte Kartons, einen zusammengeklappten Kinderwagen, aber nur einen Reiserucksack. Hoffentlich hat der nicht die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbeamten erregt. Wäre blöd, wenn sie darin das verbotene Geschenk für die Weihnachtsfeier entdeckt haben, zu der mich der schwule Philippiner eingeladen hat.

Genau genommen ist die Bezeichnung als „eines der verschlossensten Länder“ nicht korrekt. Alles eine Frage der Perspektive. Mehr als 1,8 Milliarden Menschen hoffen darauf, einmal im Leben nach Saudi-Arabien zu pilgern, und auch vor der aktuellen Öffnung durften jährlich ein paar Millionen von ihnen rein. Nur weil ich kein Muslim bin, war das Land aus meiner Sicht eben total verschlossen.
Und doch ist etwas dran: Mit dem Pilgervisum durfte man bis vor wenigen Jahren nur nach Dschidda, Mekka und Medina und gegebenenfalls auf die Highways, die aus dem eigenen Heimatland direkt dorthin führen. Der Rest ist tatsächlich Neuland für Besucher, ein Sechser im Lotto für entdeckungshungrige Reisende.
An einem Geldautomaten der AlJazira-Bank – sie hat nichts mit dem gleichnamigen Fernsehsender aus Katar zu tun, auf den die Saudis nicht gut zu sprechen sind – hebe ich 2000 Riyal ab. Dann kaufe ich eine SIM-Karte von Mobily, internationale Vorwahl +966, meine Grundausstattung steht.
Ich gebe den Hotelnamen in der Taxi-App Careem ein: Burj Al Balad, das klingt fast wie Burj Al Arab, das Sieben-Sterne-Wahrzeichen von Dubai, ist aber für 52 Euro pro Nacht um das Dreißigfache günstiger.
Beim Spießrutenlauf durch die Männer, die „Taxi, Taxi“ rufen, werde ich ein bisschen nostalgisch. Was habe ich diese Verhandlungen immer gehasst, gerade am ersten Tag in einem neuen Land, wenn man müde ist vom langen Flug und nur noch ins Bett will. Jetzt berechnet mir die App automatisch einen fairen Preis, und ich manövriere mit ausgestrecktem Handy durch die Taxifahrermeute zum per GPS auf zwei Meter genau angegebenen Abholpunkt, anstatt mit fünf Fahrern zu verhandeln und dabei zehn verschiedene Preise genannt zu bekommen. Irgendwie ist das zu einfach. Früher bedeuteten neue Touristenströme ein paar goldene Jahre für die Taxifahrer. Heute sind Uber, Careem und Konsorten schon vorher da.

Es geht nicht nur um Schlafplätze auf der Couchsurfing-Seite, auch Treffen für Stadttouren oder Kneipenbesuche (haha) lassen sich arrangieren, und einige Mitglieder organisieren Events, die sie dann dort bewerben. So wie Nickis Weihnachtscamp außerhalb von Dschidda, nein, sein Dezembercamp, Festsaisoncamp, Happy-Holidays-Camp. Er vermeidet es sorgfältig, das Wort „Weihnachten“ zu erwähnen.
Brot und Spiele verspricht der Organisator. Ein Barbecue und Snacks für alle Teilnehmer sowie Wettkämpfe mit Namen wie Holzbrettspringen, Wasserhut und Doppelhose, die bei mir kein Bild vor Augen entstehen lassen. Ganz unten steht die Bitte, ein Wichtelgeschenk mitzubringen. Ich habe extra eins in Deutschland gekauft, das in Saudi-Arabien eine echte Rarität sein dürfte, mich aber nun ein bisschen nervös macht.

Mein Uber-Fahrer hält, ein weißer Honda Civic.
„Salam alaikum!“
„Wa alaikum as-salam!“
Ich steige ein, werfe mein Gepäck auf den Rücksitz und prüfe schnell, ob das verbotene Geschenk noch im Rucksack ist. Eingewickelt in ein paar Kleidungsstücke ertaste ich die Verpackung, oben schmal zulaufend, etwa dreißig Zentimeter hoch. Wunderbar, es wurde nicht konfisziert.
„Friend! Sit in front!“, sagt der Fahrer, der sich als Mohammed vorstellt, und fährt rechts ran. Ich steige um und setze mich neben ihn, eine lockenköpfige rundliche Frohnatur in einem simplen beigefarbenen Rockgewand, das um die Knöchel etwas kürzer ist als der traditionelle Thaub und den Träger als besonders religiösen Menschen ausweist. Dazu trägt er Ledersandalen, ich schätze ihn auf Anfang zwanzig. Er wirkt so euphorisch, dass ich ihn zunächst für betrunken halte. Da er aber keine Fahne hat, rede ich mir ein, dass seine geweiteten Pupillen von gottesfrommer Verzückung zeugen und nicht von verbotenen Tabletten.
„Country?“, fragt er.
„Almania“, sage ich.
„Ah, Aramco?“ Er hält mich für einen Angestellten der staatlichen Ölfirma Saudi Aramco.
„No. Tourist.“
„What?“
„Tourist. Holiday.“
Er versteht nicht, was ich meine, also schalte ich Google Translate an. Die Spracheingabe-Funktion ist verblüffend gut, man muss keine Wörter mehr eintippen.
„Ah, ein Tourist. Willkommen in Dschidda!“, übersetzt die Computerstimme.
Dschidda, da lege ich mich fest, ist der schönste Städtename der Welt. Zumindest, wenn er von einem Araber ausgesprochen wird. Die Zungenspitze macht zwei Sprünge den Gaumen hinab, ein Geräusch wie zwei Wassertropfen, die an einem windstillen Tag ins Rote Meer fallen. Mit dem Zischlaut am Anfang könnte man wilde Pferde zähmen, über die sanfte Schwerelosigkeit des „dd“ und des kaum hörbar gehauchten „a“ Gedichte schreiben. Sorry, Montevideo, Luanda, Mumbai, Addis Abeba, Carcassonne, Valladolid und Rishikesh. Alles ganz hübsch, aber keine Chance gegen Dschidda.
„Welche Länder magst du am liebsten?“, fragt der Fahrer.
„Nepal, Grönland, Iran“, antworte ich.
„Du warst im Iran und bist noch am Leben?“
„Ja. Die Menschen dort sind ganz wunderbar, auch wenn die Regierung eine Katastrophe ist.“
Er wirkt verdutzt und spricht einen Satz auf Arabisch, in dem mehrmals „Allah“ vorkommt. Vermutlich, um den Schock meiner Worte abzumildern.
„Bist du Muslim, Christ oder Jude?“, fragt er dann, als gäbe es nur diese drei Möglichkeiten.
„Ich bin christlich getauft.“
„Willst du zum Islam konvertieren oder nicht?“
Ich muss lachen, weil er so schnell zum Thema kommt.
„Habe ich bislang nicht vor.“
Wir fahren auf der Medina Road, vier Spuren pro Richtung, durch eine schlummernde Stadt. An beiden Seiten stehen hummusfarbene Wohnhäuser, nein, Wohnbunker mit flachen Dächern und verhangenen Fenstern, die keinen Einblick zulassen, umgeben von massiven Mauern. Immer wieder unterbrechen Brachflächen das Stadtbild, ein paar Hektar Leere, nur Bauschutt und Sand. Als würden Wüste und Zivilisation noch einen Kampf ausfechten in diesem Land, das zu 95 Prozent aus Wüste besteht. Wie anders sind da deutsche Innenstädte, in denen man kaum einen Quadratmeter findet, der keine Funktion erfüllt. In Saudi-Arabien haben die Städte Löcher.
Leuchtreklamen werben für einen Supermarkt der Kette Danube, in einem Land ohne Fluss ein genialer Name: Hier bekommen Sie, wonach Sie sich sehnen. Ansonsten: McDonald’s, Minarette, Miele, ein Arabian-Oud-Parfümshop und ein Fast-Food-Laden namens Chuck E. Cheese’s.
Die meisten Restaurants haben zwei separate Eingänge, an einem steht „Singles“, an dem anderen „Family“. Beides ist irreführend, denn als Single gelten Männer, egal ob sie mit null oder vier Frauen verheiratet sind, während „Family“ sämtliche Konstellationen umfasst, bei denen mindestens eine Frau in der Gruppe ist, also theoretisch auch drei nicht verwandte Freundinnen. Offiziell wurde die Vorschrift, diese Bereiche zu trennen, vor ein paar Tagen abgeschafft, aber viele Anbieter haben noch nicht umdisponiert. Vielleicht haben sie auch Angst, durch die Neuerung Kunden zu verlieren.
„Der Islam ist schön und wahr, du musst viel darüber lesen. Ich kenne den ganzen Koran“, übersetzt mein Handy den nächsten Satz des Fahrers. Er braucht mehrere Versuche, um ihn so deutlich auszusprechen, dass die Software die Worte erkennt. „Ich bin Student der Islamwissenschaften an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka.“
„Ich würde gerne deine Stadt besuchen, aber als Nicht-Muslim ist das leider verboten.“
„Wenn Gott will, wirst du gehen und dann ein Muslim sein“, sagt er, dann bremst er und hält neben einer Moschee. Will er mich gleich da abliefern zur Fortsetzung meiner Bekehrung? Nein, das Hotel liegt direkt gegenüber, ich hätte es fast übersehen, weil ich das Gebäude für eine leer stehende Ruine hielt. Mohammed verabschiedet sich: „War doch schön, dass du dich nach vorne gesetzt hast. Ma’as salama – Friede sei mit dir.“
Durch eine schief in der Angel hängende Glastür gelange ich zur schmuddeligen Rezeption des Burj Al Balad. Der tiefenentspannte Rezeptionist braucht eine Ewigkeit, um meine Buchung im System zu finden, ich habe also Zeit, das Interieur zu begutachten. Hinter dem Mann hängen neben einer Wanduhr Bilder des Herrscherduos, Vater und Sohn. Links König Salman, seit 2015 an der Macht. Man erkennt ihn an seinem dreiteiligen Bart: ein schwarzer Balken unter der Nase, ein Punkt unter der Unterlippe, ein zweiter schwarzer Balken wie eine Spiegelung am Kinn. Mit Salman endet eine bemerkenswerte Ära: Wie alle Könige seit 1953, sechs an der Zahl, ist er ein Sohn von Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud. Von einem Bruder oder Halbbruder wanderte die Macht zum nächsten, alte Männer als Herrscher eines erzkonservativen Landes.
Dabei ist Saudi-Arabiens Bevölkerung sehr jung – fast zwei Drittel der Menschen sind heute unter dreißig. Und viele begrüßen es, dass nun endlich die nächste Generation dran ist. Thronfolger Mohammed bin Salman, genannt MBS, ist auf dem zweiten Foto zu sehen. Sein Blick ist so ernst, wie es seine Position verlangt, enthält aber auch eine Spur von Überheblichkeit. Es läuft halt gerade bestens für ihn im Intrigenspiel der Machtpolitik. Mit 34 Jahren ist er schon De-facto-Herrscher, wenn nichts dazwischenkommt, könnte er jahrzehntelang regieren. Unter dem Namen „Vision 2030“ kündigte er eine radikale Modernisierung an, die Saudi-Arabien aus dem Mittelalter in die Zukunft befördern soll. Wobei hier „Mittelalter“ ein bisschen irreführend ist, denn das war die Zeit, in der die arabische Welt genau die prägende globale Rolle spielte, die MBS sich für sein Land wünscht. Außerdem schiebt der bequeme Verweis aufs Mittelalter manche Dinge weiter weg, als sie in Wahrheit sind: Erst 1953 trat die Europäische Menschenrechtskonvention in Kraft, seit 1977 dürfen Frauen in Westdeutschland ohne Erlaubnis des Ehemanns arbeiten, im selben Jahr wurde in Frankreich zum letzten Mal mit der Guillotine getötet.
Aber zurück zu den Saudi-Regenten. Keiner der beiden blickt in die Kamera, niemals auf offiziellen Bildnissen, immer mindestens einen halben Meter am Betrachter vorbei. Vermutlich, um eine gewisse Unnahbarkeit und Überlegenheit zur Schau zu stellen. Bei mir löst es eine andere Assoziation aus, nämlich die Frage, ob einem Herrscher zu trauen ist, der dem Volk nicht direkt in die Augen schaut.
Der Hotelangestellte entscheidet nach Lektüre sämtlicher Seiten meines Reisepasses und einem dreifachen Abgleich mit dem Namen in der Onlinebuchung, mir den Schlüssel auszuhändigen. Ein antiker Aufzug bringt mich zu einem Zimmer mit antiken blumenbestickten Ohrensesseln und einer antiken Küchenzeile.
Ein trapezförmiges Ensemble aus zwei überbelichteten Karibikfotos an der Wand und zwei Kakerlaken auf dem Boden erzeugt Fernweh, aber nur kurz, weil bald alles von der stechenden Pein einer Federkernmatratze aus dem Fakirbedarf überlagert wird. Es riecht nach Staubmilben, billigem Mangoduft-Reinigungsmittel und Ein-Stern-Bewertungen auf booking.com.
Ein paar davon lese ich mir durch, sobald ich eine Liegeposition am rechten Rand der Matratze gefunden habe, die ohne Selbstverletzung aushaltbar ist. Klar, ein kluger Reisender würde erst lesen und dann buchen, aber wäre ich ein kluger Reisender, dann wäre ich jetzt vermutlich gerade dort, wo die Karibikfotos entstanden sind. Unter desaströsen Kommentaren mit den Schwerpunktthemen Insekten (zu viele) und Sauberkeit (zu wenig) staune ich über eine rührende Antwort-Emsigkeit des Hotelpersonals, die ich aufgrund der sonstigen Lässigkeit im Service nicht erwartet hätte. „I would like to express my sincere apologies for the problems that you faced during your stay“, beginnt Dutzende Male das Feedback aufs Feedback.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich brauche nicht viel Komfort, und ich würde nach einigen Reisen in tropische Länder der gemeinen Küchenschabe ein eher friedliches bis flüchtendes Naturell attestieren, ohne maliziöse Motivation, mich mit ihren Milzbrand-, Hepatitis- oder Tuberkuloseerregern zu behelligen. Gegen die Tiere habe ich nichts, da bin ich Buddhist. Ich mag es nur nicht, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt.

Wer sind wir, wenn wir keine Europäer mehr sind?

„Man sollte die Geschichte Europas neu schreiben“, bemerkt der Erzähler in Ilja Leonard Pfeijffers Grand Hotel Europa, und zwar als Geschichte der Sehnsucht nach Geschichte. Abdul hingegen, der als Piccolo in eben jenem geschichtsversessenen Grandhotel arbeitet, findet die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit, weil die sich erst einstellen müsse und dadurch noch beeinflussbar sei.

Das Europa, dem Ilja Leonard Pfeijffer in seinem Roman den Spiegel vorhält, ist so voll von Geschichte, dass es darin mitunter wenig Platz für die Zukunft zu geben scheint. Genau daran könnte die Gegenwart gerade etwas ändern. Denn Zeit, so räsonniert Pfeijffers Ich-Erzähler, „existiert nur aufgrund von Entscheidungsmöglichkeiten. Entscheidungsmöglichkeiten gibt es nur, wenn es Alternativen gibt, und Alternativen nur, weil wir eine Zukunft kennen. Die Zukunft aber gibt es nur, weil eine Vergangenheit existiert, die vergessen werden muss. Wenn die Erinnerung an die Vergangenheit zum Traum der Gegenwart wird, dann ist Zukunft überflüssig und ein Anhängsel dessen, was einmal war. Die Zeit verwässert und verdünnt sich, bis sie unbrauchbar wird.“

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Grand Hotel EuropaGrand Hotel Europa

Roman

„Mit ›Grand Hotel Europa‹ hat der Niederländer Ilja Leonard Pfeijffer einen europäischen Gesellschaftsroman geschrieben, voller Ironie und Witz.“ Welt am SonntagEin junger Page, Abdul, empfängt den Schriftsteller auf den Marmorstufen des Eingangsportals, über dem in goldenen Lettern der Name "Grand Hotel Europa" zu lesen ist. Sie rauchen eine erste Zigarette und kommen miteinander ins Gespräch. Der Schriftsteller spricht von Venedig und von Clio, seiner großen Liebe, die ihn verlassen hat. Nun ist er hier, bezieht sein Zimmer in diesem geheimnisvollen Hotel, und während er die eleganten Gäste kennenlernt, fragt er sich, wie er Clio zurückgewinnen kann. - "Grand Hotel Europa" erzählt von einem alten Kontinent, auf dem vor lauter Geschichte kein Raum für die Zukunft ist und die einzige Perspektive der Tourismus. Es ist ein Roman über unsere europäische Identität und die Nostalgie am Ende einer Ära.„Das Werk ist eine Liebeserklärung und zugleich ein Untergangsbuch, das die mentale Verfasstheit Europas in einer packenden Erzählung zum Leben erweckt. Nach der Lektüre ist man stolz auf diesen Kontinent, aber auch ein bisschen besorgt, wie es weitergehen wird mit diesem Europa.“ Süddeutsche Zeitung„Man hat das Gefühl, an einem der Tische im Speisesaal des alten Grand Hotel Europa zu sitzen. Der Majordomus serviert soeben die Spezialität des Hauses, und man amüsiert sich gemeinsam mit diesem holländischen Schriftsteller im Maßanzug über die Eigenheiten der wenigen anderen Gäste, ist berührt von ihren Schicksalen und staunt über ihre Geschichten.“ Thomas LoiblMonatelang an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste

Kapitel Eins

Die Aufgabe

1

Der erste Mensch, den ich nach längerer Zeit sprach, war, abgesehen vom mürrischen Taxifahrer, mit dem ich am Anfang und Ende der Fahrt einige knappe Worte gewechselt hatte, ein magerer, dunkler junger Mann in der nostalgischen roten Livree eines Piccolo. Schon von Weitem sah ich ihn, während das Taxi zwischen den Platanen knirschend auf das Ende der langen Kiesauffahrt zufuhr, auf den von korinthischen Säulen eingerahmten Marmorstufen der Freitreppe zum Eingangsportal sitzen, über dem in Goldbuchstaben der Name Grand Hotel Europa stand. Er rauchte seine Zigarette zu Ende und erhob sich, um mir mit dem Gepäck zu helfen. Weil es mir leidtat, dass meine Ankunft seine Zigarettenpause gestört hatte, sagte ich zu ihm, dass mein Gepäck warten könne, ich habe eine lange Reise hinter mir und verspüre ebenfalls das Bedürfnis nach einer Zigarette, was nur den Tatsachen entsprach. Ich bot ihm aus dem hellblauen Päckchen eine von meinen Gauloises Brunes ohne Filter an und gab ihm mit meinem solid-brass-Zippo Feuer. Auf seinem Käppi stand aus Goldfaden gestickt Grand Hotel Europa.

Wir setzten uns. Nach ein paar Minuten, die wir schweigend und rauchend nebeneinander auf der Treppe zum Eingang des einst glanzvollen Hotels verbrachten, in dem ich mich in nächster Zeit einquartieren wollte, sprach er mich an.

„Verzeihen Sie, dass ich meine Neugier nicht zügeln kann“, sagte er, „aber dürfte ich mich danach erkundigen, wo Sie herkommen?“

Ich blies meinen Rauch Richtung Staubwolke, die das Taxi hinterlassen hatte, dort, wo die Auffahrt endete und der Wald begann.

„Auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten“, sagte ich.

„Ich würde sie gern alle hören. Aber wenn es Ihre Zeit zu sehr beansprucht, bin ich auch mit der schönsten Antwort zufrieden.“

„In erster Linie hoffe ich, hier ausreichend Zeit für Antworten zu finden.“

„Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich Sie bei diesem wichtigen Vorhaben störe. Ich muss lernen, dass ich die Gäste mit meiner Neugier belästige. Das sagt jedenfalls Herr Montebello immer.“

„Wer ist Herr Montebello?“, fragte ich.

„Mein Chef.“

„Der Concierge?“

„Er hasst das Wort, obwohl ihm die Etymologie gefällt. Er hat mir erklärt, dass es sich von ›Comte des cierges‹ ableitet, das heißt: Graf der Kerzen. So gut wie alles, was ich weiß, habe ich von Herrn Montebello gelernt. Er ist wie ein Vater für mich.“

„Wie will er denn genannt werden?“

„Maître d’hôtel. Aber noch lieber ist ihm der Titel Majordomus, weil er das lateinische Wort für ›Haus‹ beinhaltet. Er sagt, es ist unser wichtigstes Ziel, dafür zu sorgen, dass unsere Gäste vergessen, welchen Ort sie ihr Zuhause genannt haben, bevor sie zu uns kommen.“

„Venedig“, sagte ich.

Während ich den Namen der Stadt aussprach, fiel mir etwas Zigarettenasche auf die Hose. Der Piccolo sah es, und bevor ich Einspruch erheben konnte, hatte er bereits die weißen Handschuhe ausgezogen und klopfte mir mit größter Beflissenheit das Hosenbein ab.

„Danke schön.“

„Was ist Venedig?“

„Der Ort, den ich mein Zuhause genannt habe, bevor ich herkam, und die schönste Antwort auf deine eben gestellte Frage.“

„Wie ist es da, in Venedig?“

„Bist du noch nie in Venedig gewesen?“

„Ich bin noch nie irgendwo gewesen“, sagte er. „Nur hier. Deshalb habe ich es mir ja auch zum Ärger von Herrn Montebello zur Gewohnheit gemacht, die Gäste mit meiner Neugier zu belästigen. Ich will durch ihre Geschichten die Welt kennenlernen.“

„Welchen Ort hast du Zuhause genannt, bevor du hierherkamst?“

„Die Wüste. Aber Herr Montebello half mir, die Wüste zu vergessen. Dafür danke ich ihm sehr.“

Ich ließ meinen Blick über das Anwesen schweifen, das das Hotel umgab. Die Säulengalerie war mit Efeu überwuchert. Einer der großen Tonkübel, aus denen Bougainvilleen hervorquollen, hatte einen Sprung. Zwischen dem Kies wuchs Unkraut. Friedlich, nein, nicht ganz der passende Ausdruck. Ergeben. Nichts sprach dagegen, den Lauf der Zeit und den Verlust allen Hab und Guts zu akzeptieren.

„Venedig ist Vergangenheit“, sagte ich. „Wer weiß, vielleicht gelingt es Herrn Montebello ja auch, mich meine Vergangenheit vergessen zu lassen.“

Ich drückte die Zigarette im Blumenkübel aus. Er tat es mir gleich und sprang auf, um mein Gepäck zu tragen.

„Ich danke dir für deine Gesellschaft“, sagte ich. „Darf ich fragen, wie du heißt?“

„Abdul.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Abdul.“ Ich nannte ihm meinen Namen. „Lass uns hineingehen. Es kann beginnen.“

2

Selbst wenn ich nicht auf die Existenz des Majordomus vorbereitet gewesen wäre, so hätte ich ihn schwerlich übersehen können. Kaum hatte ich einen Fuß über die Schwelle seiner heiligen Stätte und Festung gesetzt, tänzelte er mir schon entgegen. Er begrüßte mich mit derart ausschweifenden Höflichkeitsbezeugungen, Schmeichelreden und Arabesken, dass ich nicht daran zweifelte, einen Vollprofi vor mir zu haben.

Er hatte sich meinen Namen gemerkt und ließ diskret durchblicken, dass ihm die Tatsache meiner Schriftstellerschaft bekannt sei. Während er sich ausführlich danach erkundigte, ob die lange Reise für mich nicht zu anstrengend gewesen sei, zog er unbemerkt eine Kleiderbürste hervor und säuberte die Schultern meines Jacketts, nicht ohne mir dabei ein Lob für den prächtigen Schnitt meines Anzugs auszusprechen. Er schien sich für die gesamte Schöpfung verantwortlich zu fühlen, denn er entschuldigte sich für das Misstrauen der modernen Welt, die ihn dazu verpflichte, bestimmte Formalitäten einzuhalten. Doch zuerst solle ich mich von meiner Fahrt erholen. Als ich ihm gestand, ich wisse noch nicht genau, wie lange ich bleiben würde, und der Hoffnung Ausdruck verlieh, meine Unsicherheit möge ihm keine Unannehmlichkeiten bereiten, wischte er meine Bedenken mit einer eleganten Handbewegung beiseite und betonte, es sei ihm und dem Haus eine Ehre und ein persönliches Vergnügen, mich als Gast beherbergen zu dürfen, und er wünsche inständig, dass dieses Vergnügen von längerer Dauer sei. Darauf neigte er sich mir vertraulich zu und flüsterte, er gedenke keineswegs, eine Gewohnheit daraus zu machen, sich in Dinge einzumischen, aber es sei ihm aufgefallen, dass mein linker Manschettenknopf nur unvollständig geschlossen sei, und er wäre untröstlich, wenn ich diesen verlöre.

Er bat mich um die Erlaubnis, mich zu meiner Suite führen zu dürfen, die er speziell für mich habe herrichten lassen. Er sei überzeugt, dass sie mir zusagen werde, doch würde ich dennoch zur Einsicht gelangen, dass das Haus in irgendeiner Weise meinen Ansprüchen nicht genüge, sehe er es als seine persönliche Pflicht, mir alle Wünsche unverzüglich zu erfüllen. Er sei so frei gewesen, Konfekt und einige Erfrischungen auf mein Zimmer bringen zu lassen. Ob ich ihm bitte folgen möge.

Herr Montebello, der Majordomus des Grand Hotel Europa, führte mich also durch die Eingangshalle, in der sich auch Rezeption und Portiersloge befanden, und durchschritt die hohen Eichentüren zur zentralen, auf Marmorsäulen ruhenden Großen Halle, von wo aus eine monumentale Treppe in die oberen Etagen führte. Wie ein Eiskunstläufer glitt er über den hochflorigen Teppich, drehte sich mühelos um die eigene Achse, ging rückwärts, ohne dabei den raschen Schritt zu verlangsamen, und teilte mir dabei Erklärungen und Wissenswertes mit. Hätte er sich nicht gelegentlich zu einer Pirouette entschlossen, die mir die Möglichkeit gab, ihn einzuholen, hätte ich schwerlich mit ihm mithalten können. Abdul folgte mit dem Gepäck.

„Hier links finden Sie die Bibliothek“, erklärte mein Cicerone, „und dahinter den Grünen Saal und das Chinesische Zimmer. Der andere Gebäudeflügel umfasst die Lounge, den Frühstückssaal und unser bescheidenes Restaurant, wo ich Ihnen am Fenster für die Dauer Ihres Aufenthalts einen Tisch reserviert habe. Von dort aus genießen Sie die Aussicht auf die Pergola und auf den Rosengarten, beziehungsweise auf das, was von ihm noch übrig ist. Dahinter können Sie den Teich schimmern sehen. Leider ist der Springbrunnen schon etliche Jahre außer Betrieb, doch ich verspreche Ihnen, dass unsere Köchin weder Mühe noch Anstrengung scheuen wird, um Sie von diesem Missstand abzulenken.“

In der Großen Halle hing ein prächtiger Kronleuchter, der von einem berückenden Alter zu sein schien.

„Eines unserer Glanzstücke“, sagte der Majordomus, dem selbst die Richtung meines Blicks nicht entging. »Sehr schwer zu reinigen. Haben Sie das Porträt über dem Kamin gesehen? Zweifellos erkennen Sie die markanten und edlen Züge von Niccolò Paganini. Ich würde keine Minute zögern, mich Ihrer Meinung anzuschließen, dass es sich bei dem Bild um nichts weniger als ein Meisterwerk handelt, obwohl es von einem Kleinmeister stammt. Wir alle im Hotel mögen das Bild, denn es wurde vor Ort gemalt, als sich der berühmte Geigenvirtuose während seiner Furore machenden Reisen an die europäischen Fürstenhöfe für kurze Zeit hier aufhielt. Es heißt, Paganini habe darauf bestanden, sich in ebendieser Halle mit einem Konzert für ein exzellentes steak aux girolles erkenntlich zu zeigen. Das Gericht – es steht bis heute auf unserer Speisekarte – nennt sich seitdem Steak Paganini. Es wird kaum möglich sein, Ihnen für den heutigen Abend einen besseren Menüvorschlag zu unterbreiten.«

Links vom Kamin hing ein Aquarell von bescheidenem Ausmaß und noch bescheidenerem künstlerischen Wert. Es zeigte die Piazza San Marco in Venedig. Bei diesem Anblick schnürte es mir die Kehle zu, was, wie ich sicher war, dem Majordomus nicht entging, doch er zog es vor zu schweigen. Das Geländer der Marmortreppe war mit den Skulpturen zweier Fabeltiere verziert, links eine Chimäre, rechts eine Sphinx.

„Unsere Gäste können beruhigt schlafen, denn sie dürfen gewiss sein, von uns nach Kräften bewacht zu werden“, sagte Montebello. „Jeder, der sich zu den oberen Etagen Zutritt verschaffen möchte, muss an dieser hybriden Ausgestaltung der Angst und der verräterisch schnurrenden, Rätsel stellenden Katze vorbei. Beides sind außerordentlich unrealistische Darstellungen des wahren Wesens von Mann und Frau, wenn ich mir erlauben darf, Sie mit meinen dilettantischen Versuchen auf dem Gebiet der Symbolik zu unterhalten. Einer unserer ehrenwerten Gäste sagte mir vor vielen Jahren einmal im Vertrauen, er glaube nicht, dass die Ungeheuer dazu dienten, Fremde abzuschrecken, sondern die Gäste am Verlassen des Hotels zu hindern. Dieser Gast ist immer noch da. Sein Name ist Patelski. Sie werden ihn kennenlernen. Ich vermute, Sie werden seine Gesellschaft schätzen. Er ist ein großer Gelehrter.“

Auf dem Treppenabsatz stand eine riesige Vase mit Kunstblumen.

„Ich hätte es wissen müssen“, sagte der Majordomus. „Eitle Hoffnung zu glauben, es würde Ihnen entgehen. Tun Sie mir den Gefallen, und akzeptieren Sie meine Entschuldigung. Dieses exzentrische Dekorationsstück ist der bedauerlichen Begeisterung unseres neuen Besitzers zuzuschreiben.“

„Hat das Hotel einen neuen Besitzer?“, erkundigte ich mich.

„Kürzlich ist das Grand Hotel Europa in chinesische Hände gegangen. Der neue Besitzer heißt Herr Wang. Bis jetzt konnten wir uns über diese neuen Entwicklungen noch kein Bild machen, doch Herr Wang hat die ausdrückliche Absicht, das Hotel in altem Glanz erstrahlen zu lassen, wobei ihm seine offensichtlich unbegrenzt zur Verfügung stehende Finanzkraft gute Dienste leisten dürfte. Es ist Ihnen gewiss aufgefallen, dass das Hotel an einigen Stellen Renovierungsbedarf aufweist. Leider haben wir nicht mehr so viele Gäste wie früher. Auch daran will Herr Wang etwas ändern. Sein Ziel ist die volle Auslastung des Hotels. Das alles trägt zwar zu einem günstigen Urteil über den neuen Eigentümer bei, doch muss ich angesichts dieser Kunstblumen seine Vertrautheit mit unseren Traditionen ernsthaft in Zweifel ziehen. Aber ich will Sie mit meinen Sorgen nicht belästigen. Wir sind da. Zimmer 17. Die Suite, die ich für Sie habe vorbereiten lassen. Das Einzige, worauf ich sie noch hinweisen möchte, ist, dass die Flügeltüren zur Terrasse nicht einwandfrei schließen. Ich bitte Sie, einen Stuhl davorzustellen, sollte sich einmal eine kräftige Brise erheben. Ich werde Sie jetzt allein lassen, damit Sie Gelegenheit haben, sich etwas zu erfrischen und von Ihrer Reise zu erholen. Sollten Sie etwas benötigen, ziehen Sie einfach am Glockenstrang neben der Tür. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im Grand Hotel Europa.“


3

Perfekt. Das Zimmer war einfach perfekt, nicht etwa, weil es ein perfektes Hotelzimmer gewesen wäre, sondern gerade weil es das nicht war. An dieser Suite hatte sich kein Interior designer unter Zuhilfenahme eines anonymen und zweckmäßigen Entwurfs verkünstelt, sondern hier hatte ein Übermaß an Geschichte desperat seufzende Spuren hinterlassen.

Im Vorzimmer befand sich ein antikroter lederner Chesterfield-Fauteuil neben einem rosenbedruckten, mit mauvefarbenem Samt bezogenen Louis-XV-Sessel. An der Seite eines aus elegantem Schnitzwerk bestehenden Salontisches aus dem 18. Jahrhundert duckte sich eine Fußbank. Auf einem hohen Tisch in der Zimmerecke stand ein großes Bakelitradio, auf dessen versilberter Sendersuchscheibe die Vorkriegs-Radiostationen eingraviert waren. Vermutlich könnte man es mit dem richtigen Transformator wieder zum Laufen bringen. Das hintere Zimmer wurde fast vollständig von einem enormen Himmelbett eingenommen, vier vergoldete ägyptische Säulen stützten einen Baldachin aus dunkelrotem, mit aufgestickten Goldsternen überzogenem Samt. Wer könnte erahnen, wie viele Seufzer und geflüsterte Geheimnisse sich unter dem Sternenstoff angesammelt hatten? Im Badezimmer hing ein goldgerahmter Spiegel, neben der antiken, auf vier bronzenen Löwentatzen ruhenden Emaillebadewanne war mit offensichtlichem Widerwillen eine Duschkabine errichtet worden.

In der Suite fanden sich etliche Objekte, die wie von der Zeit angespült wirkten: alte Bücher, eine kleine kupferne Glocke, ein großer Aschenbecher in Form einer halben, von Atlas in die Luft gestemmten Weltkugel, ein Mäuseschädel, mehrere Schreibgeräte, ein Monokel im Etui, eine ausgestopfte Schleiereule, ein Zigarrenschneider, ein Kompass, eine Mundorgel, eine Wajang-Puppe, eine Messingvase mit Pfauenfedern, eine Siphonflasche und ein hölzerner Mönch, der sich später als Nussknacker herausstellte. Es war nicht ersichtlich, ob diese Gegenstände einem einzigen Dekorationskonzept folgten oder mehreren, einander widersprechenden, nur halbherzig umgesetzten Einrichtungsideen. Sie könnten aber auch von ehemaligen Gästen vergessen worden sein, deren Spuren zu entfernen die Zimmermädchen – offenbar überzeugt von der Philosophie, die Gegenwart bestehe aus vielschichtigen Ablagerungen zufälliger Sedimente – sich bis heute weigerten.

Ich strich mit dem Finger anerkennend über die vergoldete Vertäfelung, prüfte die Stoffdicke der schweren, ockerfarbenen Übergardinen, schob den Stuhl beiseite, um die Flügeltüren zur Terrasse zu öffnen, worauf sich mir der Blick auf den vernachlässigten Rosengarten bot und auf den Teich mit dem defekten Springbrunnen. Ich tröstete mich, dass ich noch genug Zeit haben würde, das Zimmer detailliert zu beschreiben. Es war perfekt, und ich sah keinen Grund, nicht so lange hier zu bleiben, bis ich mir darüber klar wäre, wohin mein Weg mich führen würde.

Schon als ich die Suite betreten hatte, war mir neben der Terrassentür der elegante Schreibtisch aus Ebenholz mit stilvollen, hellen Intarsien aufgefallen, dem ein nüchterner, aber solider Holzstuhl aus den Dreißigerjahren zur Seite gestellt war. Bevor ich also meine Hemden und Anzüge auspackte, um sie im hinteren Zimmer in den Kleiderschrank zu hängen, widmete ich mich dem Ritual, mit dem ich stets einen Schreibtisch zu meinem Territorium zu machen pflegte. Die leeren Hefte, die ich mitgebracht hatte, stapelte ich links auf der Tischfläche und legte meinen Füllfederhalter daneben. Das Tintenfass platzierte ich in Griffweite. Dann zog ich mein MacBook aus dem Futteral, stellte es mittig auf, schloss das Netzteil an die Stromversorgung an.

Ich war schließlich nicht ins Grand Hotel Europa gekommen, um inmitten von verblühendem Luxus und ächzender Pracht die Zeit verstreichen zu lassen und untätig abzuwarten, bis mich irgendeine Erkenntnis ereilte, indem sie auf mich herabsank wie ein Blütenblatt von einem verblichenen Blumenstrauß. Nein, ich wollte diese Erkenntnisse erzwingen, und das gelang mir nur durch Arbeit. Ich musste unbedingt Ordnung in meine Erinnerungen bringen, die mich wie ein Schwarm wütender Bienen in die Flucht geschlagen hatten und nun verhinderten, dass ich klar denken konnte. Wollte ich Venedig und die Ereignisse dort wirklich vergessen, dann musste ich mir alle Details so genau wie möglich in Erinnerung rufen. Wer sich nicht an alles erinnert, was er vergessen will, riskiert, dass er einiges von dem, was er vergessen will, zu vergessen vergisst. Ich musste alles präzise aufschreiben, obwohl mir klar war, dass der Drang, es zu erzählen, um es mit Aeneas’ Worten an Dido zu sagen, den Verdruss wieder auffrischen würde. Es gibt kein Ziel ohne Klarheit darüber, von wo aus man aufgebrochen ist, und keine Zukunft ohne eine deutbare Version der Vergangenheit. Ich kann besser nachdenken, wenn ich dabei ein Schreibwerkzeug in Händen halte. Tinte klärt. Nur durch das Schreiben bringe ich meine Gedanken unter Kontrolle. Das war meine Aufgabe. Deshalb war ich hier.

Aufschieben war zwecklos. Wenn eine Sache sich dadurch erledigt, dass sie erledigt wird, sollte sie so schnell wie möglich in Angriff genommen werden. Am nächsten Morgen wollte ich anfangen.

Ich ging ins hintere Zimmer und warf mich rücklings aufs frivole Himmelbett. Es federte so willig mit, wie nur Hotelbetten es können. Womit aber sollte ich am nächsten Morgen anfangen? Warum nicht mit dem Anfang? Ich starrte auf die Sterne am dunkelroten Himmel über mir. Vielleicht sollte ich den Anfang doch besser verschieben und mit dem Moment beginnen, wo meine Erwartungen am stärksten gespannt waren. Ähnlich wie mit der Ankunft im Grand Hotel Europa die Erledigung meiner Aufgabe bereits begonnen hat, könnte die Rekonstruktion aller Ereignisse mit meiner Ankunft in Venedig einsetzen. Ich sah die versinkende Stadt vor mir, spürte das Aufwogen und Absinken der Vergangenheit und fiel in einen tiefen Schlaf.


Kapitel Zwei

Platz des Versprechens

1

Jedes Mal, wenn man in Venedig ankommt, ist es, als wäre es das erste Mal. Obwohl ich schon oft in Venedig gewesen war und auf Abendempfängen bisweilen die klangvollen Namen von Tizian und Tintoretto fallen ließ, obwohl ich, während der feuerrote Hochgeschwindigkeitszug, der mich über die Landverbindung von Mestre in die alte Stadt trug, zu bremsen begann, routiniert die Zeitung las, und obwohl ich mir vorgenommen hatte, meine Ankunft in der Stadt unter pragmatischen Gesichtspunkten zu betrachten und mögliche Gemütsregungen aufzuschieben, bis ich mich ganz dort niedergelassen hatte, verschlug es mir, als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat und sich das fragile Klischee der Stadt arglos und wie unschuldig vor mir entfaltete, für einen Moment den Atem.

Venedig lächelte mich an wie eine Geliebte, die auf mich gewartet hatte. In den Jahrhunderten, die sie geduldig aus dem Fenster gestarrt hatte, war sie schön und ruhig geworden. Ihre Juwelen klimperten, als sie ihre sanften, warmen Arme für die langersehnte Umarmung öffnete, die Schicksal und Endzweck zugleich war. Sie kicherte leise, da endlich alles so war, wie es die Logik verlangte. Falls sie etwas von einer Ewigkeit flüsterte, so wusste sie genau, wovon sie sprach. Sie hatte ausreichend Kleider für die vielen Feste, die es nun zu feiern gab.

Man kann in keiner schöneren Stadt ankommen als Venedig, wenn eine Geliebte auf einen wartet. Clio war vorausgereist. Wir hatten die Aufgaben verteilt. Ich lieferte unsere alten Wohnungen besenrein ab und erledigte die Formalitäten mit den Vermietern, sie fuhr nach Venedig, um unser neues Zuhause vorzubereiten und die Möbelpacker zu empfangen. Wir besaßen nicht viel. Einzig Clios Bücher stapelten sich in Vielzahl. Ich hatte bereits früher gewitzelt, dass sie einen schweren Beruf habe. Und auch der Witz, dass kunsthistorische Studien immer so ge-wichtig sind, war nicht neu. Dennoch, so verkündete sie mir am Telefon, sei der Umzug gut verlaufen. Sie habe bereits mit dem Auspacken der Kartons begonnen. Sie warte auf mich. Sie liebe mich.

Irgendwo hinter den verführerisch dreinblickenden Häusern im seufzerreichen Prunkgrab dieser Stadt musste es eine Straße namens Calle Nuova Sant’Agnese geben. Ich brauchte nur diese Straße zu finden, um Clio zu finden, in einem Umzugs-T-Shirt und einer Jogginghose, das lange, dunkle Haar zu einem praktischen Knoten geschlungen und auf der Nase vielleicht einen Farbklecks, ganz so wie in einer Immobilienreklame. Junge Pärchen inmitten von Umzugskartons in einem Haus, wo immer die Sonne scheint und das Leben erst noch beginnen muss. Und am Abend wird sie dann ihr Ballkleid anziehen, und wir rauschen Hand in Hand über Plätze, durch Gassen und an schwarzen Kanälen vorbei den neuen Abenteuern entgegen und bescheren der reichen Historie, die der Stadt wie eine Flut bis zum Halse reicht, noch eine glamouröse Geschichte.

2

Ich hatte kein Gepäck. Meine Sachen hatte ich mit der Spedition vorausgeschickt. Ich wollte zu Fuß gehen. Ich freute mich darauf. Während der Zugreise war genug Zeit geblieben, mir mithilfe des Handys die Route vom Bahnhof zur Calle Nuova Sant’Agnese einzuprägen. Es bestand kaum die Möglichkeit, sich zu verlaufen. Unter anderen Umständen hätte ich mich gern auf ein wenig Verirren eingelassen, doch im Moment hielt ich es lieber mit der Zielstrebigkeit. Ich wollte Clio sehen.

Ich stieg die hohen Stufen der Ponte degli Scalzi hinauf, als beträte ich einen Hochaltar. Jede Überquerung des Canal Grande, die, bevor man sich entschloss, die neue Brücke zu bauen, nur an drei Stellen möglich war, fühlte sich heilig an. Ich stützte die Hände auf das marmorne Brückengeländer und blickte hinab auf das Gewimmel im grünblauen Wasserlauf, der eher eine Lebensader bildete als eine Barriere. Der Stadtplaner hatte den Kanal wie ein spiegelverkehrtes S auf den Grundriss der Stadt geschludert und war in sadistisches Gelächter ausgebrochen, als er entdeckte, dass er durch seinen Eingriff die Stadt für die flanierenden Edelleute in ihren Satinslippern nahezu unbegehbar gemacht hatte. Am nächsten Tag jedoch, ausgenüchtert, hatte er erkennen müssen, dass ganz gegen seine Absicht ein herrlicher Wasserweg entstanden war, der sämtliche Stadtteile auf schöne und träge Weise miteinander verband.

Ja, Gondeln. Gondeln sah ich auch gleich. Sie waren größer, schwärzer und realer als auf Abbildungen. Im Grunde war es vollkommen lächerlich, dass diese Dinger im 21. Jahrhundert noch immer existierten, wie prähistorische Wasservögel, wundersam für Touristen wieder zum Leben erweckt. Aber in Venedig konnte man nicht von Anachronismus sprechen. In dieser Stadt, die nichts am Hut hatte mit Hetze, Produktivität oder Nützlichkeit, war die moderne Zeit ein Anachronismus. Hier schwebte die Zeit, war voller Melancholie und Sehnsucht nach den Schatten der Vergangenheit.

Die Verlockung, geradeaus durch die Calle Lunga zu gehen, weil sie in die Richtung führte, wo ich Clio wusste, war groß. Aber in einer Stadt, die nirgendwohin führt, sagt eine Richtung nicht viel aus. Auf der Karte hatte ich gesehen, dass ich mich in Innenhöfen und Gärten verfangen würde wie ein Stier im roten Tuch. In Venedig gab man besser alle Vorstellungen eines Stadtplans auf, denn hier war niemals vernunftmäßig gebaut worden. Die Oberschicht der früheren Jahrhunderte hatte die Insel mit prachtvollen Palästen vollgebaut, wobei die zufällig entstandenen Freiräume zwischen den Weltwundern fortan einfach als Straßen dienen mussten. Wer sich in Venedig von einem Ort zum anderen begeben will, ist dazu genötigt, ständig die extrovertierten, von ehemaligen Bewohnern errichteten Liebesbezeugungen an die Stadt zu umgehen.

Ich spazierte an Fassaden vorbei, die mit Klöppelwerk aus Marmor verziert waren, Holzpfähle spiegelten sich im Wasser. Alles hier stand seit Jahrhunderten, dennoch machte es auf mich einen flüchtigen Eindruck, wie eine auf dem Meer erbaute Fata Morgana, die bei der geringsten Woge des Wassers in Erinnerungseinzelteile von Millionen Fotos zerstiebt.

Beim Puppenhaustreppchen zur Brücke, die zum schmalen Kai am Rio de la Cazziola e de Ca’Rizzi führte, hing an einer Mauer ein großes gelbes Schild mit dem Hinweis, dass die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, sowohl zur Piazza San Marco als auch zur Rialtobrücke führe. Was, wie das Schild ebenfalls besagte, auch für die Richtung galt, aus der ich gekommen war. Ich befand mich somit an einem magischen Ort, wo Herkunft und Ziel ineinanderfielen, was mich außerordentlich fröhlich stimmte.

Normalerweise verhält sich Licht wie Luft, über deren Unverzichtbarkeit man auch erst nachzudenken beginnt, wenn sie fehlt. Das Licht hier aber war wie von Menschenhand gemacht, als diente es zum krönenden Abschluss eines Gebäudes, wie eine Schicht Blattgold auf einer Skulptur oder ein sorgfältig angebrachter Firnis auf einer Darstellung. Allerdings sind diese Vergleiche zu statisch, denn zugleich war das Licht in konstanter Bewegung, als eilte es den Schatten hinterher.

Auf der anderen Seite des Kanals schlummerten die ummauerten Gärten von Papadopoli, wo maskierte Gäste im Fackelfeuer der geheimen Feste wie Geister erschienen, gehüllt in den schwarzen Mantel der Nacht. Die Papadopolis besaßen die wichtigste und erlesenste Kunstsammlung der Stadt. Auf ihren Soireen tanzten Schönheit und Neid Walzer miteinander. Alles, was war, war noch immer da und bis heute unentdeckt.

Nach einiger Zeit führte mein Weg mich schließlich auf einen erstaunlich weitläufigen Platz mit Namen Campo Santa Margherita. Ich ging über den Platz und über die Rio Terrà Canal entlang zur Ponte dei Pugni. Von der Brücke aus bot sich mir ein Postkartenanblick aus Palästen, Wasser, Gondeln und Glockentürmen. Auf der anderen Seite musste ich links über den Platz vor der Kirche San Barnaba und die Calle Lotto über den Rio del Malpaga zur Fondamenta Toletta, wonach ich nur noch einen einzigen Kanal, den Rio de San Trovaso, zu überwinden brauchte, um zur Accademia zu gelangen. Und unmittelbar hinter deren Gebäude befanden sich die Calle Nuova Sant’Agnese, meine neue Wohnung und Clio.

3

Ich will es mir nicht zur Gewohnheit machen, aber eine Offensichtlichkeit muss ich notieren, weil sie mich so sehr belustigte, dass ich sie nicht unterschlagen möchte: Ich hatte Clio wie immer unterschätzt. Als sie mir die Tür öffnete, trug sie, als hätte sie geahnt, dass dieser Moment auch ihr erster Auftritt in meinem Buch sein würde, weder Umzugs-T-Shirt noch Jogginghose, dafür aber mit der Sicherheit einer Frau, die einen Auftritt zu inszenieren wusste, ein spektakulär kurzes schwarzes Elsa-Schiaparelli-Kleid mit einem Strassblüten-Besatz und einem frivolen, weißen Raffia-Kragen, dazu schwarze, offene, hochhackige Schuhe von Fendi und lange Gucci-Ohrringe. Sie war, wie gewöhnlich, kaum oder gar nicht geschminkt, hatte zur Feier des Tages jedoch einen ferrariroten Lippenstift aufgetragen.

„Das Kleid war plötzlich aus einem der Umzugskartons gerutscht“, sagte sie, meinem Blick folgend. „Ich hatte ganz vergessen, dass ich es besitze. Gefällt es dir? Es ist schon so lange aus der Mode, dass es meiner Meinung nach schon wieder modern ist. Melancholie ist im Moment ziemlich angesagt. Die Vergangenheit kommt wieder in Mode. Willkommen in Venedig, Ilja. Du hast mir gefehlt.“

Sie fiel mir um den Hals wie eine Schauspielerin, die eine Kamera auf sich gerichtet fühlt, stellte sich auf die Zehenspitzen, knickte ein Bein fotogen nach hinten ab und küsste mich auf den Mund.

„Steht dir gut“, sagte sie.

„Was?“

„Lippenstift. Komm. Wir feiern, dass du da bist. Die Wohnung werde ich dir später zeigen. Lass uns erst was trinken.“

„Wo willst du hin?“

„Zur Piazza San Marco natürlich.“

Wir gingen zum Caffè Lavena und setzten uns an einen der Tische auf dem Platz. Wer sich im Namen der Nostalgie betrügen lassen möchte, kann auch ins Florian oder Quadri gehen, denn auch dort ist einem die stilgerechte touristische Ausbeutung eines klangvollen Namens und einer eleganten Vergangenheit gewiss. Das war es auch, was uns hierher geführt hatte, und natürlich auch die romantische Verblendung, wir könnten hier unseren neuen Wohnsitz Venedig durch die Augen der berühmten früheren Besucher betrachten. Stendhal, Lord Byron, Alexandre Dumas, Richard Wagner, Marcel Proust, Gustav Mahler, Thomas Mann, Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke hatten auf diesem Platz gesessen und sein Bild bekannt gemacht. Ohne zu zögern, bestellten wir zwei Spritz, wohl wissend, dass schon einer achtzehn Euro kostete und dass wir danach zwei weitere bestellen würden.

„Was hältst du von unserer neuen Stadt?“, erkundigte sich Clio. „Wenn ›neu‹ überhaupt das richtige Wort ist.“

Ich schaute mich um. Die strengen Fassaden mit den Arkaden lenkten den Blick mit majestätischer Kraft zur Basilika von San Marco hin, die mit ihren Kuppeln und Kurven einen kugligen und fast außerirdischen Kontrast zur weltlichen Machtprotzerei des Platzes formte. Der überproportionierte Glockenturm aus rotem Backstein mit der weißen Marmorumfassung und dem grünen Spitzdach bildete durch seine asymmetrische Lage einen lächerlichen, aber doch kraftvollen und eleganten Kontrapunkt zum nüchternen Platz. Hinter dem Turm lag verborgen der zweite Teil des Platzes mit dem märchenhaften Dogenpalast, dessen bulliger mittelalterlicher Oberbau auf den fragilen Arkadengängen der beiden unteren Stockwerke zu schweben schien. Vor ihm standen die beiden Säulen, hinter welchen das Pflaster ohne Abgrenzung, Zaun, Verkehrsschild oder Warnung in die Gewässer des Canal Grande, der Lagune und schließlich ins offene Meer überging. Der Kellner balancierte ein silbernes Tablett auf den Fingerspitzen seiner behandschuhten Hand. Tauben schlossen Freundschaft mit Touristen.

„Die Stadt ist eine perfekte Kulisse für dich“, sagte ich.

„Was meinst du damit? Sehe ich alt aus?“

„Ich meine damit, dass der goldene Rahmen dich noch schöner macht.“

„Ich finde, Venedig hat was Trauriges! Obwohl der Markusplatz, objektiv betrachtet, ziemlich voll ist, macht er einen einsamen und verlassenen Eindruck. Er ist wie geistesabwesend. Die Helden von früher sind weg, Geschichte wird woanders geschrieben, der Weltzirkus ist weitergewandert. Nur der Platz ist noch da und weiß nicht, warum. Er scheint auf etwas zu warten, findest du nicht auch?“

„Er hat auf uns gewartet“, sagte ich. „Jetzt kann die Geschichte beginnen.“

„Eine Geschichte mit Happy End?“

„Schöne Geschichten enden nie happy. Also können wir auch nichts falsch machen. Entweder wir erleben eine schöne Geschichte, oder wir leben glücklich und zufrieden bis ans Ende unserer Tage.“

„Passiert das Erste, will ich, dass du die Geschichte aufschreibst, und kein anderer.“

„Ich verspreche dir, dass ich erst über dich schreibe, wenn ich dich tragisch betrauern muss.“

Und an dieses Versprechen habe ich mich gehalten.

Artenschutz aus Leidenschaft

„Die Tierärztin Hanah Emde setzt sich seit dem Abitur für Artenvielfalt einsetzt. Ob auf Madagaskar, auf Borneo, in Costa Rica oder Guatemala: Sie engagiert sich für Lemuren, Riesenpapageien, Jaguare, Schildkröten oder Bullenhaie, für Aras und die seltensten Raubkatzen der Welt. Von ihren Erfahrungen berichtet Hannah Emde in „Abenteuer Artenschutz“ auf ebenso mitreißende wie augenöffnende Weise.."  Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Abenteuer ArtenschutzAbenteuer Artenschutz

Als Tierärztin im Dschungel

Sie ist in den Dschungeln der Welt zu Hause: Hannah Emde, 28, setzt sich als Tierärztin für den Erhalt der Arten ein. Sie arbeitet mit dem extrem seltenen Nebelparder auf Borneo, mit bunten Riesenpapageien in Guatemala, mit Orang-Utans oder mit einer vier Meter langen Würgeschlange. Überall auf der Welt engagiert sie sich, um Tiere vor dem Aussterben zu schützen, dabei haben es ihr die Regenwälder besonders angetan. Sie berichtet mitreißend von der Schönheit des Dschungels und vermittelt eindringlich, warum Exoten wie der Lemur auf Madagaskar und der Bullenhai in Costa Rica gefährdet sind. Und was jeder Einzelne von uns hier und jetzt dafür tun kann, um ihren Lebensraum zu bewahren.Mit Tipps, was jeder von uns hier und jetzt für den Artenschutz tun kann

Prolog
Schwül-feuchte Luft strömt mir entgegen, als ich die Autotür öffne. Meine Kleidung klebt an der Haut, es herrschen über 30 Grad. Neugierig blicke ich mich um. Das Auto parkt unter einer großen Brücke. Um mich herum stehen weitere Pick-ups, ich erkenne vereinzelte Häuser, und zweihundert Meter entfernt befindet sich ein menschenleeres Restaurant. Ich schnappe mir meinen Rucksack und folge einem schmalen Trampelpfad in Richtung Bootssteg. Hier startet die letzte Etappe der Reise, mein Ziel: eine kleine Forschungsstation mitten im Regenwald der Insel Borneo – weit weg von der Zivilisation. Begleitet werde ich von Peter; der Malaysier ist Manager der Forschungsstation.
Ich hebe den Blick, und zum ersten Mal taucht er vor mir auf: der Kinabatangan River. Ein mächtiger, schlammbrauner Fluss, der sich durch Urwälder und Schwemmebenen bis in die Sulusee windet. Er entspringt im Herzen der nebelverhangenen Regenwälder im Hochland und ist Lebensader der Provinz Sabah. Die Einheimischen nennen ihn „Sabahs Geschenk an die Erde“. Die atemberaubende Vielfalt der Tierwelt entlang dieses Gewässers ist etwas ganz Besonderes. Lediglich das gewaltige Flusssystem des Amazonas hat einen vergleichbaren Artenreichtum zu bieten.
Umrahmt von gigantischen Bäumen und sattem Grün, liegt der breite, reißende Fluss vor mir. Mein Herz schlägt schneller. Für uns Forschende ist der Kinabatangan der einzige Weg, auf dem wir in die Tiefen des Dschungels gelangen. In den Naturdokus, die ich vor meiner Abreise geschaut habe, wird das Wasser charmant als „kaffee-“ oder „bernsteinfarben“ beschrieben, und es heißt, an seinen Ufern würde das Überraschende alltäglich. Zwar ist das Wasser meiner Meinung nach schlicht schlammbraun, doch vor allem bin ich enorm gespannt auf die nächsten drei Monate im Dschungel.
Ich kann es kaum erwarten, endlich auf das Wasser zu kommen. Mit Schwimmweste um die Schultern und Rucksack auf dem Schoß sitze ich aufmerksam auf der Vorderbank des kleinen Motorboots, das Peter hinter mir steuert. Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, und Urwaldbäume in allen Größen und Formen rauschen an mir vorbei. Ein herrlich frischer Duft aus Wald und Unbekanntem liegt in der Luft. Das dunkle Wasser spritzt vom Boot ab, und am Horizont türmen sich Wolkenberge auf. Wir rasen von einer Flussschlinge in die nächste.
Aufgeregt versuche ich, überall gleichzeitig hinzugucken. Über meinen Kopf fliegt ein Nashornvogel-Pärchen hinweg: große schwarze Vögel, mit weißer Brust und einem mächtigen, gebogenen Schnabel, auf dem ein fast ebenso großes Horn sitzt. Durch ihren hektischen Flügelschlag, der mich ein bisschen an flatternde Hühner erinnert, kann ich sie am Himmel gut identifizieren.
Eine weitere Bewegung fällt mir ins Auge: eine Gruppe Affen erkundet das Ufer. Bestimmt fünfzehn Langschwanz-Makaken laufen leichtfüßig am Wasser entlang und suchen nach Futter. Ein Baby klammert sich am Rücken seiner Mutter fest, zwei Junge tollen über den Boden. Als sich das Motorboot nähert, schauen sie kurz auf, mustern uns kritisch und sprinten geschickt den nächsten Baumstamm hinauf. Die auslaufenden Äste des großen Baumes wippen verräterisch. Hinter jeder Flussbiegung wartet eine neue Überraschung auf mich.
Plötzlich zeigt Peter auf das Ufer rechts von uns und bremst das Boot ab: Langsam schiebt sich ein großer, schuppiger Rücken aus dem trüben Wasser. Erschrocken erkenne ich ein monströses, spitz zulaufendes Maul mit gewaltigen Zahnreihen und zwei gelbe, eng beieinanderstehende Augen. Der braun-schwarze Panzer hebt sich kaum vom Ufer ab.
Mittlerweile ist das riesige Reptil ganz aus dem Wasser gekommen und schleicht bedrohlich über den schlammigen Boden, ehe es sich niederlässt. Ein Leistenkrokodil, das größte Krokodil der Welt. Begeistert präge ich mir alles genau ein.
„Leistenkrokodile können über sieben Meter lang werden mit bis zu einer Tonne Gewicht. Und sie sind zahlreich im Kinabatangan vertreten. Sehr zahlreich. Es ist das größte aller heute lebenden Reptilien“, erklärt mir der Malaysier stolz.
Andächtig mustere ich das prähistorische Raubtier. Ruhig liegt es in der Sonne und nimmt keinerlei Notiz von unserem Boot.
„Wichtigste Regel für dich: niemals im Kinabatangan schwimmen! In den angrenzenden Dörfern sind schon Menschen von Krokodilen schwer verletzt worden. Meist waren es Kinder, die am Wasser spielten“, fährt Peter fort.
Ich muss schlucken. Während der Weiterfahrt entdecke ich noch mindestens sechs weitere Krokodile am Flussufer, die meisten liegen bewegungslos in der Sonne. Manche haben ihr Maul weit geöffnet und präsentieren ihre gewaltigen Zähne.
„Wir befinden uns hier in den Tieflandschwemmebenen des Kinabatangan-Flusses!“, ruft mir Peter über das Motorengeräusch zu. „Sie gehören zu den wenigen Regionen der Erde, in denen zehn unterschiedliche Primatenarten heimisch sind. Neben den bekannten Orang-Utans, Gibbons, Makaken und Languren lebt hier einer der seltensten und einzigartigsten Affen der Welt. Gleich müssten wir an einer Gruppe vorbeikommen.“
Staunend suche ich die vorüberrauschenden Bäume ab, und dann sehe ich sie: orangefarbene Flecken mit großer, birnenförmiger Nase und dickem Kugelbauch – die Nasenaffen. Mit beeindruckenden Sprüngen bewegen sie sich in den üppigen Bäumen fort. Ein großer Affe fühlt sich von dem näher kommenden Boot gestört, streckt seinen Oberkörper nach vorne, zeigt seine Zähne und beginnt laut zu rufen. Mich erinnert das Gebrüll allerdings eher an ein bedrohliches Schnarchen.
„Nasenaffen zählen zu den seltensten Affen der Welt, nur etwa siebentausend Tiere leben in freier Wildbahn. Ihr Lebensraum schrumpft stetig“, erklärt mir der Manager.
Es ist eine große Freude, der Affengruppe beim Fressen und Toben zuzuschauen.
Die Naturdokumentationen haben nicht übertrieben: Der Kinabatangan sprüht nur so vor Leben. Ein herausragendes Beispiel dieses Artenreichtums ist der Sunda-Nebelparder. Eine sehr scheue und durch ihre ungewöhnliche Fellzeichnung exzellent getarnte Raubkatze, die nur auf Borneo vorkommt. Mein Traum ist es, diese besondere Katze während meines Forschungsaufenthaltes zu Gesicht zu bekommen.
Ein besonders liebenswertes Tier, das mir in freier Wildbahn allerdings nicht mehr begegnen wird, ist das Sumatra-Nashorn. Das kleine, vollkommen behaarte Nashorn, das hier über fünfunddreißig Millionen Jahre gelebt hat, ist nämlich seit 2015 in Sabah ausgestorben. Eine tragische Entwicklung, die mir die Fragilität dieses Ökosystems schmerzlich vor Augen führt.
Während der rasanten Flussfahrt über den Kinabatangan spüre ich ein Kribbeln in mir aufsteigen: ein aufgeregtes Glücksgefühl – auf ins Unbekannte!


TEIL I
FASZINATION WILDNIS

1. Mein Naturkundemuseum in der Schublade
Goldenes Licht flutet den Raum, die Vögel zwitschern fröhlich vor sich hin, und der Wind rauscht durch das Blätterdach. Widerwillig erwache ich aus meinem Tiefschlaf und öffne vorsichtig die Augen. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass ich mich gar nicht im Dschungel befinde. Das Bett ist zu weich, die Luft zu trocken und das Zwitschern zu eintönig. Da kommt der neumodische Tageslichtwecker mit Vogelfunktion an seine Grenzen. Ernüchtert blicke ich aus dem Fenster. Weder Affen noch Nashornvögel in den Bäumen, stattdessen grauer Himmel, Nieselregen und ein Linienbus, der sich durch die Straßen kämpft. Wenigstens die Kohlmeisen im Baum gegenüber lassen mich nicht im Stich. Mein Leben lang habe ich in Städten gewohnt, und trotzdem werden mir all der Beton, der laute Verkehr, die Hektik und der getaktete Lebensstil manchmal zu viel. Dann zieht es mich in die Ferne, in ein einfaches Leben aus dem Rucksack mit vier T-Shirts, Gummistiefeln, fremden Sprachen, hohen Bäumen und wilden Tieren.
Ich heiße Hannah, bin 26 Jahre alt und wohne in Hamburg, wenn ich nicht gerade in den Dschungeln unserer Erde arbeiten darf. Ich esse gerne Reis, mag keine Spinnen und freue mich über jede warme Dusche. Warum das so ist – und warum ich nicht eine klassische Tierärztin in der Kleintierpraxis geworden bin, sondern lieber einer vom Aussterben bedrohten Raubkatze durch den Regenwald folge –, erzähle ich in diesem Buch. Ich möchte meine Leserinnen und Leser mitnehmen auf eine Reise. Eine Reise durch fremde Länder und dichte Wälder mit wilden Tieren und interessanten Begegnungen. Und vor allem möchte ich herausfinden, warum der Orang-Utan auf Borneo, der Lemur auf Madagaskar oder der Hellrote Ara in Guatemala vom Aussterben bedroht sind und was wir alle dagegen tun können.

Mit meiner Kaffeetasse in der Hand setze ich mich an den Laptop und gehe die Newsletter in meinem Posteingang durch. Schlagzeilen fluten die Kanäle:
„Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht“.
„Ein Massensterben wie bei den Dinosauriern – nur menschengemacht“.
„Artensterben so gefährlich wie der Klimawandel“.
Bestürzt lese ich mich durch die Nachrichten. Gerade veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) der Vereinten Nationen einen wichtigen Bericht. Hundertfünfzig Fachleute aus fünfzig Ländern analysierten dafür Tausende Studien zum Thema Artenvielfalt. Erstmals bezogen sie darüber hinaus auch das Wissen indigener Völker und regionaler Gemeinden mit ein.
Was bedeutet Biodiversität überhaupt? Dieser Begriff beinhaltet alles, was zur Vielfalt der belebten Natur beiträgt: Arten von Tieren und Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen sowie die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Lebensräume.
Biodiversitätsschutz bedeutet also nicht nur, die Schönheit der Natur zu bewahren, sondern auch die Grundlage des Überlebens auf unserem Planeten zu sichern.
Die Ergebnisse des Artenschutzberichtes sind erschreckend: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Gründe dafür sind die intensive Nutzung der Landflächen und Meere, der Klimawandel und die Verschmutzung der Umwelt. Auch invasive Arten, die heimische Tiere und Pflanzen verdrängen, spielen eine Rolle. Sogar bei unseren Nutztieren schwindet die Vielfalt. Dabei sollten laut Biodiversitätskonvention bereits bis 2020 der Verlust der Lebensräume um die Hälfte reduziert, die Überfischung gestoppt und Schutzgebiete erweitert werden. Keines dieser Ziele wurde erreicht.
Ich bin schockiert, mit einer derart schlechten Bilanz habe ich nicht gerechnet. Eine Million Arten vom Aussterben bedroht – es tut weh, so etwas zu lesen. Schließlich sind darunter auch Arten, die wir bisher nicht mal kennen. Beispielsweise der Tapanuli-Orang-Utan, der erst vor zwei Jahren auf Sumatra entdeckt wurde und mit nur achthundert Individuen schon jetzt als die seltenste Menschenaffen-Art der Welt gilt. Häufig sind es sogar Arten, von denen wir noch gar nicht wissen, welche Rolle sie im Ökosystem spielen. Jeden Tag gehen dabei Informationen verloren, die für uns Menschen von großer Bedeutung sein können, zum Beispiel für die Grundlagenforschung oder die Gewinnung von Medikamenten. Gleichzeitig verspüre ich einen starken Drang, etwas gegen das fortschreitende Artensterben zu tun.
Bedrückt verfasse ich einen Post zu dem Thema für Facebook, viele Likes wird er wohl nicht bekommen. Mein Kaffee ist mittlerweile kalt. Beim Kaffeekauf achte ich besonders auf Bioanbau und fairen Handel, um die Kleinbauern in den Anbauregionen zu unterstützen und dem Ökosystem nicht zu schaden. Zahlreiche alltägliche Kaufentscheidungen wie diese können einen Unterschied machen. Ich hatte noch nie einen besonderen Hang zur Schwarzmalerei und bin froh, als ich in dem Bericht doch noch einen Hoffnungsschimmer entdecke. Auf die Frage, ob sich der Rückgang der Artenvielfalt überhaupt noch aufhalten lasse, antworten die Publizierenden mit einem klaren Ja. Aber nur, wenn auf allen Ebenen unverzüglich und konsequent gegengesteuert wird.

Ich liebe Tiere. Ob groß, klein, schuppig, süß oder gefährlich – nichts fasziniert mich so sehr wie die Tierwelt. Deswegen bin ich auch Tierärztin geworden. Das wollte ich schon als kleines Mädchen: „Tiereztin“ steht in krakeliger Schrift in meinem „Wilde Hühner“-Freundebuch. Was ich damals mit sieben Jahren gar nicht mochte, sind „Tierkweler“. Auch das hat sich bis heute nicht geändert.
„Du hattest schon immer diesen besonderen Draht zu Tieren“, erzählt mir meine Mutter, als ich sie nach den Anfängen meiner Tierliebe befrage. „Schon im Kindergarten, da warst du gerade mal fünf, bist du mit den Vorschulkindern jeden Freitag zur Jugendfarm gefahren, um Ställe auszumisten und Tiere zu füttern. Die anderen Kinder hatten Angst, den Stall des Ziegenbocks sauber zu machen, weil der so stur war. Aber Klein-Hannah ließ sich davon nicht beeindrucken, stapfte schnurstracks in den Stall und stemmte sich gegen den Bock, wenn er sie beiseitedrängen wollte. Berührungsängste Tieren gegenüber waren dir völlig fremd.“
Ich bin im Rheinland aufgewachsen, in einem Haus am Stadtrand mit kleinem Garten und viel Grün drum herum. Meine Kindheit spielte sich weitgehend draußen ab, und ich hatte nie Hemmungen, mich dreckig zu machen. Als Tochter einer Biologin und eines Forstwissenschaftlers wurde ich in einem naturverbundenen Haushalt groß und kam schon früh mit einem umweltbewussten Lebensstil in Berührung. Das erste gemeinsame Projekt mit meiner Mutter, an das ich mich erinnere, war das Züchten von Salzkrebsen. Wir starteten öfter solche Experimente: Insektenhotels bauen, Zwiebelschalen mikroskopieren oder Spinnen aufziehen, um die Abneigung ihnen gegenüber zu verlieren. Gut, Letzteres hat bei keinem von uns so richtig geklappt. Ein Dackel gehörte ebenfalls zur Familie Emde. So lernten meine Schwester und ich schon früh, Verantwortung für ein Tier zu übernehmen.
Mein Vater erzählte damals gern, dass er bei „Wetten, dass ..?“ die Wette abschließen wolle, zwölf verschiedene Baumarten an ihrem Geschmack zu erkennen. Daraufhin verbrachte ich einige Tage damit, Bäume anzulecken, weil ich das auch können wollte. Außerdem hatte ich eine Vorliebe für Naturschätze. Schon in der Grundschule begann ich damit, jeden schönen Stein, jede Feder und auch jeden Knochen einzusammeln, den ich im Wald fand. Meine große Schwester pflegte eine hübsche Ausstellung von Edelsteinen und Sammelfiguren in ihrer Glasvitrine. So etwas wollte ich auch haben, allerdings war mir all die Ordnung zu viel Aufwand, sodass mein „Naturkundemuseum in der Schublade“ etwas rustikaler ausfiel. Als mein großer Stolz musste es von jedem Gast des Hauses bewundert werden.
Mit der Zeit häuften sich immer mehr „Materialien“ an, die ich vorsichtig mit dem Lupenglas inspizierte und dann in der Schublade verschwinden ließ. Eines Tages begrüßten mich viele kleine Mitbewohnerinnen in meinem Kinderzimmer. Zu meiner großen Freude und dem Entsetzen meiner Eltern hatten sich Hunderte weiße Larven in dem Rehschädel in meiner Schublade eingenistet. Daraufhin bestanden die Erwachsenen darauf, dass ich ihnen jeden neuen Fund erst zeigte, bevor er dort seinen ehrenvollen Platz bekam.
Auch meine Grundschullehrerin trug zu meinem frühen Forscherdrang bei. Frau Vogel schickte uns, wann immer es möglich war, hinaus in die Natur. Sie weckte durch ihren anschaulichen und spannenden Unterricht einen Wissensdurst in mir, für den ich ihr bis heute dankbar bin. Frau Vogel wurde ein Local Hero für mich, eine Person, die mich nachhaltig prägte und inspirierte. Meine Local Heroes begegnen mir überall auf der Welt und begleiten mich mein Leben lang.
Frau Vogel führte von Anfang an zahlreiche Projekte mit unserer Klasse durch, die nicht im Lehrplan standen, entdeckte meine Stärken und förderte mich, wo immer es ging. Dabei blieb mir am meisten unser Schneckenprojekt im Gedächtnis: Jeder Gruppentisch bekam ein Terrarium mit Weichtieren. Wir richteten ihnen das Zuhause naturnah ein, teilten uns die Fütterungszeiten ordentlich auf, gaben unseren Schnecken Namen, erforschten und studierten sie. Das hatte zur Folge, dass ich ein großer Schneckenfan wurde. Stundenlang konnte ich hinter unserem Haus neben den Büschen hocken und Schnecken beobachten. Andere spielten mit Barbies oder Gameboys, ich veranstaltete Schneckenrennen, sammelte Futter und pflegte die schleimigen Tierchen. Einmal nahm ich eine Schnecke mit in mein Kinderzimmer, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich muss ungefähr sieben Jahre alt gewesen sein. Als ich mich nach dem Abendessen wieder zu ihr gesellen wollte, war sie nicht mehr aufzufinden. Erst erzählte ich niemandem von meinem schmerzlichen Verlust, bis meine Eltern einige Wochen später fast verzweifelten. Es stank ziemlich übel in meinem Zimmer, doch keiner konnte sich die Ursache erklären. Mein Vater montierte die halbe Holzvertäfelung ab, da er dahinter eine tote Maus vermutete, doch der penetrante Verwesungsgeruch blieb unaufgeklärt. Sogar Dackel Lotta kam als Spürhund zum Einsatz. Da nahm mich meine Mutter zur Seite: „Hannah, war hier irgendein Tier in deinem Zimmer? Sei ehrlich, ich schimpfe auch nicht.“
Betreten gab ich zu: „Mhhm … na ja … ich hatte eine Schnecke in der Hosentasche. Dann gab es Abendbrot, und ich habe sie hier so lange auf den Tisch gelegt. Und als ich wiederkam, war sie nicht mehr da.“
Jetzt wussten sie zumindest, wonach sie suchten, aber es dauerte trotzdem noch einige Tage, bis sie einen dunklen, streng riechenden, festgetretenen Fleck im Teppich fanden. Danach durfte ich keine lebendigen Tiere mehr mit in mein Zimmer nehmen. Und hatte auch nie wieder einen Teppich.
Meine Mutter erzählt heute noch lachend: „Mir war klar, dass das bei dir nie die ›Pferdenummer‹ werden würde. Du hast auf dem Reiterhof schon immer lieber mit den Tieren gearbeitet, als sie zu striegeln oder ihnen Flechtfrisuren zu zaubern. Du wolltest nicht Tierärztin werden, weil du so gerne Tiere streichelst, sondern weil du sie erforschen wolltest.“

Meine ersten wichtigen Naturmomente erlebte ich in Schweden. Seit ich klein bin, fahre ich dorthin, damals häufig mit Familie und VW-Bus in den Sommerferien, später dann mit den Pfadfindern oder Freundinnen. Wildes Zelten, Blaubeeren pflücken, Pfannkuchen über dem Feuer. In klaren, kalten Seen schwimmen und mich anschließend auf den warmen Felsen wieder aufwärmen. Klar kenne ich die Geschichten von Astrid Lindgren, und Ronja Räubertochter bleibt eine große Heldin.
Ich schwärme für warme Zimtschnecken und rostrote Schwedenhäuschen, aber vor allem liebe ich diese raue skandinavische Natur: Nadelwälder, so weit das Auge reicht, moosbewachsene Felsen, einsame Inseln und die kurzen Sommer. Besonders eindrücklich blieben mir die langen Kanutouren. Im Nachhinein bewundere ich den Mut meiner Eltern. Für zehn Tage mit zwei Kanus, zwei Kindern, zwei Zelten und einem Dackel auf dem Wasser unterwegs zu sein ist wahrlich eine Herausforderung.
Das Gefühl, über einen seelenruhigen See zu paddeln, ist ganz tief in meinem Herzen verankert. Wenn ich so lautlos durch die Natur gleite, nehme ich die Landschaft und die Tiere intensiv wahr. Ich lasse die Seele baumeln und spüre eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Hier nehme ich Zeit ganz anders wahr. Ich richte mich nach Wind, Wetter und den eigenen Kräften. Ich lerne, mich anhand einer Karte zu orientieren und das Kanu durch Stromschnellen zu navigieren.
Gegen Nachmittag wird auf Kanutour nach der schönsten Insel oder dem prächtigsten Ausblick Ausschau gehalten. Routiniert werden die Boote ausgeladen, Zelte aufgebaut und Feuer gemacht. Ist jemand beim Angeln erfolgreich, gibt es zu Tütensuppen und Reis sogar mal gegrillten Fisch.
Kurz bevor es dunkel wird, in der blauen Stunde, verstummt für einen Augenblick die Natur, und der See ist spiegelglatt. Ein magischer Moment. Auch der Morgen hat seinen eigenen Zauber, wenn die Nebelschwaden auf dem Wasser tanzen. Die kurze Erfrischung im eiskalten See macht mich blitzschnell wach. Mit biologisch abbaubarer Seife waschen und dann mit Klappspaten ein stilles Örtchen mit Ausblick suchen: alles Rituale, die mir damals so selbstverständlich und natürlich schienen.
Einzig die langen Regentage blieben eine Herausforderung. Anfangs sind die prasselnden Tropfen auf dem Zeltdach noch gemütlich, aber nach einigen Stunden halte ich es in dem kleinen Zelt kaum mehr aus. Alles ist nass, mindestens feucht und kalt. Ich sehne mich nach einem trockenen Handtuch oder einem festen Dach über dem Kopf. Nach solchen Tagen ist der erste Sonnenstrahl, der wieder durch die Wolkendecke dringt, ein großes Geschenk.
Diese Urlaube in Schweden haben mich nachhaltig geprägt. So lernte ich schon als Kind, meine Sinne zu schärfen und sorgsam mit meiner Umwelt umzugehen. Ein Leben im Einklang mit der Natur. Das lernte ich auch von klein auf bei den Pfadfindern kennen: „Versucht, diese Welt ein wenig besser zu verlassen, als ihr sie vorgefunden habt“, schrieb der Gründer der Pfadfinderbewegung schon 1941. Diese Worte begleiten mich bis heute.

Meine erste lange Station im Ausland war ein Jahr in den USA. Zwei Tage nach meinem sechzehnten Geburtstag flog ich nach Pennsylvania. Ich lebte bei einer Gastfamilie in einer Kleinstadt, besuchte die Highschool und spielte in der Drumline (Schlagzeuggruppe) einer Marching Band. Schnell erfuhr ich kulturelle Unterschiede. Auch herrschte eine andere Oberflächlichkeit. Mit meiner Mülltrennung und dem Stromsparen wurde ich zur Exotin. Zu dem Fast Food-Restaurant auf der anderen Straßenseite fuhr die Familie mit dem Auto. Und für den Black Friday standen wir schon um fünf Uhr morgens in der Warteschlange der Shopping Mall.
Ich erlebte die Konfrontation mit dem amerikanischen Lebensstil als eine große Herausforderung. Losgelöst aus meinem bisherigen Wertesystem lernte ich, die Dinge infrage zu stellen, bewusster durch die Welt zu gehen und meinen eigenen Standpunkt zu finden. Sogar unsere Politik und unser Gesundheitssystem wusste ich plötzlich ganz anders zu schätzen. Und vor allem lernte ich dort Folgendes: Kommunikation, Kontakte nach Hause pflegen, Heimweh überwinden, neue Freunde finden und Englisch.
Zurück in Deutschland plante ich mit meiner Pfadfindergruppe ein Projekt für ein Waisenhaus in Südafrika. Für die Finanzierung sammelten wir ein Jahr lang Spenden, verkauften selbst gebackene Plätzchen, putzten Fenster, arbeiteten als Kinderbetreuer und veranstalteten Flohmärkte: zehn Jugendliche und zwei Gruppenleiter aus unterschiedlichen Lebenssituationen (Schule, Zivildienst, Ausbildung, Studium, Arbeit, frischgebackener Vater) mit einem gemeinsamen Ziel.

Unsere Reise beginnt in der Hauptstadt Johannesburg. Ich bin mittlerweile fast achtzehn, die Jüngste der Gruppe, und freue mich, dieses fremde Land besser kennenzulernen. Wenige Wochen zuvor fand die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika statt, und Shakiras Worte „Waka waka … ’cause this is Africa!“ begleiten uns die gesamte Reise. Für die ersten Tage in Johannesburg kommen wir in den Gastfamilien südafrikanischer Scouts unter. Anfangs wirken die riesigen Mauern mit Stacheldraht und Elektrozaun noch etwas einschüchternd, aber unsere südafrikanischen Freunde machen uns das Wohlfühlen leicht. Schnell wird mir deutlich, dass wir uns in den reicheren Teilen der Stadt aufhalten.
Wir besuchen das Apartheid-Museum, steigen in eine Goldmine und lernen viel über die Geschichte des Landes. Anschließend geht es für unsere Gruppe mit zwei Kleinbussen Richtung Süden. Die Landschaft wird immer grüner, die Straßen werden immer wilder, und wir lernen auch die weniger schöne Seite des Landes kennen: In einem Lager aus Wellblechhütten leben illegale Einwanderer dicht beieinander. Sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser gibt es nicht.
In der Nähe von Mbombela beginnen wir mit unserem Projekt im AIDS-Waisenhaus Siyakhula. Als wir über die staubigen Straßen der Township fahren, ist uns noch etwas mulmig zumute, denn wir wissen nicht, was uns erwarten wird. Doch sobald wir im Waisenhaus ankommen, werden wir von so vielen aufgeregten Kindern empfangen, dass es einfach nur schön ist. Wie froh die Kinder sind, so viel Aufmerksamkeit von uns zu bekommen. Wir erfahren Dankbarkeit und pure Lebensfreude. Gerade bei dem Fußballspiel „Deutschland gegen Südafrika“ mit dem zerfledderten Ball auf staubigem Boden blühen die Kinder auf.
Unsere Unsicherheit weicht fünf sehr bewegenden und anstrengenden Tagen. Wir streichen ein Haus, erneuern Fußböden, bauen einen Gartenzaun und einen Kompostkasten. Außerdem kaufen wir von dem Geld, das wir in Deutschland verdient haben, einige Utensilien für das Waisenhaus ein. Am letzten Tag des Siyakhula-Projektes treffen wir abends auf die südafrikanischen Scouts, bei denen wir für die nächsten Nächte unterkommen sollen. Gastfamilien. Township. Wieder ein mulmiges Gefühl im Bauch. Doch wir werden euphorisch mit Gesang, Tanz, Lagerfeuer und Gebäck von den Jugendlichen begrüßt. Diese Erfahrung ist das krasse Gegenstück zu dem Leben der reichen weißen Gastfamilien, bei denen wir in Johannesburg wohnten: Fließendes Wasser für ein paar Stunden und ein eigenes Zimmer hat hier kaum einer. Aber das ist überhaupt nicht mehr wichtig, denn die Gastfreundschaft ist überwältigend.
Als Nächstes steht ein Zeltlager mit zweihundert afrikanischen Scouts auf unserem Programm. Wir hatten dieses Camp schon in den Gruppenstunden in Deutschland vorbereitet und uns ein passendes Programm für die Sieben- bis Zehnjährigen überlegt. Zum Glück kommen unsere Spiele, Stationen und Morgenrunden gut an, und wir genießen die Tage mit den Kindern.
Mein abschließendes Highlight dieser Reise ist der Kruger Nationalpark. Wir zelten mit Affen und bunten Vögeln und werden nachts von Löwengebrüll geweckt. Ein Traum geht für mich in Erfüllung, als wir in einem Safaribus sitzen und nach wilden Tieren Ausschau halten: Ein riesiger Elefant überquert vor uns die Schotterpiste, Zebras stehen zwischen den Bäumen, und Schwarzfersenantilopen springen durch die Savanne. Durch mein Fernglas entdecke ich eine Gruppe Löwen, die im Schatten eines Baumes dösen. Der Kopf einer Giraffe taucht plötzlich zwischen den Baumkronen am Straßenrand auf. Wie in Zeitlupe rennt sie über das goldgelbe Gras. Am Flussufer tummeln sich die Nilpferde.
Augenblicke, die ich tief in mein Herz geschlossen habe. Und die ich auch heute noch abrufen kann, als Beginn meiner Liebe für das wilde Leben auf unserem Planeten.


2. Über Grenzen gehen – auf die Philippinen
Bonn. Ich habe gerade mein Abitur abgeschlossen, da stecke ich schon in den Vorbereitungen für mein erstes eigenes internationales Abenteuer: zwölf Monate Freiwilligendienst auf den Philippinen. Nach der Schule erst einmal eine Auszeit nehmen, bevor es mit dem Studium weitergeht – das schwebte mir schon lange vor. Ich recherchiere stundenlang nach Organisationen und Projekten im In- und Ausland, die etwas mit meinen Interessen zu tun haben: eine Seehundschutzstation an der Nordsee, oder ab zur Schutzstation Wattenmeer?
Letztendlich stoße ich auf einer Berufsmesse in Köln zufällig auf den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums, weltwärts. Da ich für ein Auslandsjahr auf finanzielle Unterstützung angewiesen bin, bewerbe ich mich bei den zuständigen Organisationen, durchlaufe Bewerbungsrunden und bekomme tatsächlich einen Platz bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – für mich geht ein großer Traum in Erfüllung.
Die Einrichtung für Entwicklungszusammenarbeit ist eine große, erfahrene Organisation, die überall auf der Welt tätig ist und bei der ich sehr viel lernen kann. Ich bin froh, dass die GIZ mich mit meinen achtzehn Jahren so gut auf die bevorstehende Aufgabe vorbereitet: Es gibt Medical Check-ups und Informationsveranstaltungen, Visa und Flüge werden für mich gebucht, und ich nehme an einem fünftägigen Vorbereitungsseminar teil, das mich für die Arbeit im Ausland sensibilisiert und nachhaltig prägt.
Sätze wie „It’s not right, it’s not wrong, it’s just different!“ klingen mir heute noch bei Auslandsaufenthalten im Ohr, und ich versuche, Probleme ohne meine „kulturelle Brille“ zu beurteilen. Als ich damals mit den anderen Freiwilligen in den Flieger Richtung Südostasien stieg, hätte ich nie gedacht, dass mich diese zwölf Monate so anhaltend verändern würden. Neben tropischem Klima, fremden Lebensmitteln, Ilonggo (der Ortssprache) und Selbstständigkeit lernte ich vor allem eins kennen: ein Zuhausegefühl am anderen Ende der Welt. Zum ersten Mal in meinem Leben.

Insel Negros. Die Philippinen sind ein schönes und vielfältiges Land. Nicht ohne Grund zählen ihre siebentausend Inseln zu den fünfunddreißig Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Es existiert dort eine sehr hohe Anzahl einheimischer Arten. Gleichzeitig ist ihr Lebensraum aber einer starken Gefährdung ausgesetzt. Für mich ist es das erste Mal in den Tropen, und ich genieße es, in das Leben auf den Visayas einzutauchen. Diese Inselgruppe liegt im Zentrum der Philippinen und überrascht mich mit ihren traumhaften Sandstränden, dem Regenwald, den Wasserfällen und Vulkanen.
Für mein Freiwilligenjahr wohne und arbeite ich auf der Insel Negros in Bacolod City, von der die friedliche Natur nur eine kurze Fahrt mit dem Tricycle entfernt ist. Die alten Motordreiräder sind das Hauptverkehrsmittel auf den Philippinen. Sie bestehen aus einem Motorrad mit Beiwagen, auf dem sechs Leute plus Fahrer Platz haben. So dachte ich zumindest am Anfang, denn letztendlich sind wir meistens zu elft auf dem klapprigen Gefährt unterwegs. Das Leben findet auf den Straßen statt. So kennt man es aus vielen südlichen Ländern, aber auf den Inseln scheint diese Lebensweise besonders ausgeprägt. Die Wohnungen sind quasi zur Straße hin offen. Die Sari-Sari-Stores, kleine Lädchen am Straßenrand, in denen alles von Chips über Eier bis hin zur einzelnen Zigarette verkauft wird, sind halb Wohnzimmer, halb Kiosk. Die Kinder spielen auf der Straße – mit Reifen, Münzen, Teddybären oder was sie sonst in die Finger bekommen. Eine achtköpfige Familie sitzt selten in ihrem Haus (ein Raum ist meist Schlaf-, Wohn- und Esszimmer zugleich), sondern unterhält sich angeregt mit ihren Nachbarn auf der Straße. Fußnägel werden lackiert, oder es wird mit den Bekannten von gegenüber über das nicht anspringende Motorrad gefachsimpelt.
In genau solch einer Nachbarschaft wohne ich zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen aus Deutschland. Wir wurden von den Filipinos herzlich empfangen und rasch gut integriert. Teilweise etwas zu gut: Erst nachdem ich mich einige Monate über die extrem hohen Stromrechnungen wundere, komme ich mit meinen Mitbewohnern auf die Idee, unseren Stromkasten zu inspizieren. Mit der Zeit haben sich immer mehr Nachbarn unseren Strom abgeklemmt – reicht wohl, wenn einer zahlt? An den Kabelsalat entlang der Straßen hat sich eh jeder gewöhnt, der gehört zum Stadtbild. Und als mir zum dritten Mal die Schuhe von der Veranda geklaut werden, beschließe ich eben, sie nur noch im Haus zu lagern. Alles letztlich nur Kleinigkeiten.
Ein Stück die Straße hoch befindet sich eine winzige Eatery mit Plastikstühlen, eine Art Imbiss, in dem sich die Berufstätigen zur Mittagszeit angeregt unterhalten. In einer Glasvitrine stehen fünf Gerichte, die von den Frauen am Morgen gekocht wurden. Jeder bedient sich selbst aus den dampfenden Töpfen: etwas Gemüse, Hühnchen, dazu natürlich Reis.
Wenn ich aus dem Haus gehe, werde ich von den Filipinos mit einladendem Lachen und einem begeisterten „Good Morning, Mam! How are you, Mam?“ begrüßt. Jeden Morgen nehme ich den Jeepney zur Arbeit, ein altes, klappriges, bunt geschmücktes Militärfahrzeug ohne Fensterscheiben, umfunktioniert zum Linienbus. Das Ticketgeld, sieben Philippinische Peso, gebe ich einfach nach vorne zum Fahrer weiter und rufe gedehnt „Bayaaad!“, um kundzutun, dass ich zahlen möchte. Und wenn ich aussteigen will, klopfe ich gegen das Blechdach und rufe „Lugar lang! Anhalten!“. Bushaltestellen gibt es nämlich nicht. Auf den Straßen herrscht reges Treiben. Verkehrsregeln werden nur äußerst ungern befolgt. Wer laut genug hupt, gewinnt, und wer die nächste Lücke findet, darf fahren. Es ist ein Chaos, doch ein gewisser Verkehrsfluss herrscht trotzdem. Das Beeindruckende dabei: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer wirken tatsächlich sehr entspannt.
Ich bin gerade neunzehn geworden und arbeite für meinen Freiwilligendienst an der West Negros University in Bacolod City an einem Umweltbildungsprojekt. Dort unterstütze ich eine Stiftung, die sich zum Ziel setzt, endemische Arten, also Tiere, die nur auf den Philippinen vorkommen, zu erhalten und die Wälder vor Ort zu schützen – die Negros Forests and Ecological Foundation. Denn auf den Philippinen stellen der Raubbau an Ressourcen durch zum Beispiel Dynamitfischerei und Bergbau sowie die Abholzung der Wälder aufgrund von Palmöl- und Zuckerrohrplantagen große Probleme dar. Die Monokulturen verdrängen die Diversität der Regenwälder, und den Tieren wird der Lebensraum genommen. Außerdem ist und bleibt Korruption weitverbreitet. Die Oberschicht besteht aus einigen reichen und alteingesessenen Familien, die viel Macht ausüben. In den Firmen der fünfzehn reichsten Familien des Landes wird über die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch politische Positionen werden von Generation zu Generation weitergereicht.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf den Inseln ist die Umweltbildung: Welche Tier- und Pflanzenarten leben im eigenen Land, und warum ist es so wichtig, sie zu schützen? Der kleine Zoo der Foundation kann dazu beitragen, indem er über den Reichtum des eigenen Landes an Natur und endemischer Artenvielfalt aufklärt und für einen umweltbewussten Lebensstandard sensibilisiert. Trotzdem wird mir in diesem Jahr deutlich, wie schwer es ist, in einem Land für den Umweltschutz zu arbeiten, in dem die Menschen in vielen Regionen selbst noch um das Überleben kämpfen und auf Jobs auf den Plantagen angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren.
Es herrscht große Armut auf den Philippinen, die in meinem Leben dort jeden Tag präsent ist. Trotzdem habe ich selten so ein herzliches, freundliches und gut gelauntes Volk wie die Filipinos kennengelernt. Es ist beeindruckend, woher die Menschen ihre Lebensfreude und Kraft schöpfen. Hier zählen andere Werte zum persönlichen Glück als in Europa: Familie und Zusammenhalt stehen an oberster Stelle, und auch der Glaube ist den Filipinos sehr wichtig.
Was ich in diesem Jahr besonders lieben lerne, ist die Entdeckung der Langsamkeit. Hier existiert ein anderes Tempo: Das beginnt im Straßenverkehr, in dem man nie schneller als 30 Stundenkilometer fahren kann. Oder die fast schon heiligen Mittags- und Kaffeepausen. Als Deutsche fällt es mir anfangs schwer, mich alldem anzupassen, aber nach einiger Zeit kann auch ich mich dieser Entschleunigung hingeben.

Tan-Awan. Neben den Umweltprojekten führe ich an der West Negros University im Rahmen meines Freiwilligendienstes auch ein Forschungsprojekt mit einem mehrköpfigen Team aus Professoren und Studierenden durch. Dafür untersuchen und dokumentieren wir die Kultur und Traditionen eines indigenen Stammes. Das Dorf Tan-Awan liegt verborgen in den Bergen am Ilog-Hilabangan, dem längsten Fluss der Insel Negros, und ist etwa acht Stunden von Bacolod City entfernt. Die siebentausenddreihundert Einheimischen in Tan-Awan leben noch relativ abgeschottet vom modernen westlichen Einfluss. Obwohl die Eingeborenen zum größeren Stamm der Bukidnon gehören, sind einige ihrer kulturellen Bräuche einzigartig. Viele Stammesmitglieder leben noch heute weit entfernt im Hinterland und betreiben dort Ackerbau. Das durchschnittliche Familieneinkommen in der Region liegt bei zweitausend Philippinischen Peso pro Monat, das sind circa 37,50 Euro. Ziel unserer Forschung ist es, kulturelle Praktiken wie Sprache, Kunst, Medizin und Essenszubereitung des Dorfes Tan-Awan kennenzulernen. Denn auch in diesen ländlichen Gebieten werden westliche Werbung, moderne Kommunikation und Technologie immer präsenter, und das Bewusstsein der Bevölkerung über ihre eigene Kultur nimmt ab. Es ziehen jedes Jahr mehr Bewohner in die umliegenden Städte und lassen ihre Heimat mitsamt den Traditionen und dem Wissen zurück.
Im Rahmen des Projektes lebe ich mit dem Forschungsteam für mehrere Wochen mit dem indigenen Stamm zusammen. Wir nehmen Anteil an den täglichen Routinen der Dorfbewohner, führen mithilfe von Übersetzern Interviews mit den Stammesältesten und Medizinmännern und verfolgen den wöchentlichen Tauschhandel am Fluss, den sogenannten „Barter Trade“. Dieser Handel findet in Tan-Awan traditionell jeden Freitag an den Ufern des Ilog-Hilabangan statt. Er ist die Wasserquelle für viele Tausend Menschen in der Provinz und ein wichtiger Transportweg. Das Flussufer wird zum Ort des Handels von landwirtschaftlichen Produkten und ist für viele der einzige Weg, an Lebensmittel und Güter zu kommen.

Eines frühen Morgens im Dorf lehne ich über einer kleinen Wanne und wasche mich. Nachdem ich mir das eiskalte Wasser mit einer Schöpfkelle über den Kopf geschüttet habe, bin ich hellwach. Gleich brechen wir zum Flussufer auf. Es ist erst kurz nach vier, und ich habe auf dem harten Steinboden nicht besonders viel schlafen können – an das rustikale Leben muss ich mich noch gewöhnen. Ich teile mir das kleine Zimmer mit Lilibeth, einer philippinischen Professorin. Im Gegensatz zu mir scheint sie, ihrem Schnarchen nach zu urteilen, sehr gut genächtigt zu haben.
Nach einem fünfzehnminütigen Fußmarsch erreichen Lilibeth und ich das Flussufer. In völliger Dunkelheit werden schon die ersten Stände aufgebaut. Schweigend stehe ich am Rand und folge dem Geschehen. Langsam fällt Sonnenlicht auf die Bergspitzen, und die ersten Frauen, Männer und Kinder überqueren den Fluss. Manche kommen zu Fuß, ihre Ware auf dem Kopf balancierend, manche reiten auf Ponys, vollbepackt mit Säcken und Körben, andere doch tatsächlich auf ihrem Carabao (Wasserbüffel). Sie alle haben einen langen Weg aus den Bergen hinter sich. Sogar viele Kinder bringen auf ihrem Weg zur Schule Waren am Ufer vorbei. Staunend beobachte ich das mir so fremde Bild. Ich schieße Fotos und lausche den Fragen, die Lilibeth den Händlern stellt.
„Die meisten Kinder fangen im Alter von zehn Jahren an zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen“, erklärt ein junger Mann mit Kappe und rotem Shirt, der gerade Reissäcke von seinem Tricycle lädt. „Während der Aussaat und Erntesaison bekommen die Kinder regelmäßig Schwierigkeiten mit der Schule im Dorf. Die Arbeit auf den Feldern ist intensiv und zeitaufwendig, daher ist es für sie eine Herausforderung, sich auf schulische Aktivitäten zu konzentrieren.“ Er tätschelt seiner kleinen Tochter liebevoll den Kopf.
Ich entdecke zwei junge Mädchen, die Arm in Arm das Ufer entlanglaufen. Vielleicht sind es Schwestern, denke ich mir, in ihren weißen und rosa Kleidern sehen sie hübsch zurechtgemacht aus. Im Kontrast dazu laufen sie in Flip-Flops über das schlammige Ufer. Was mir nie wieder aus dem Kopf geht, ist ihr eindringlicher Blick. Ich habe das Gefühl, nicht in Kindergesichter zu schauen, sondern in Gesichter, die schon sehr viel erlebt und gesehen haben. Vielleicht zu viel für ihr Alter: in Gesichter, die schon früh erwachsen werden, Verantwortung für ihre Familie mitübernehmen und harte körperliche Arbeit leisten mussten. An diesem Morgen wird mir wieder bewusst, wie privilegiert und behütet ich doch aufgewachsen bin.
Lilibeth und ich sprechen mit einem Mann, der auf seinem Wasserbüffel über den Fluss geritten kommt. Der muskulöse Büffel mit seinen gewaltigen Hörnern zieht einen selbst gebauten Karren aus einfachen Holzstämmen hinter sich her. Der junge Mann hat sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt, auf seiner linken Schulter prangt ein blasses Tattoo, und um seine Hüfte trägt er ein dünnes Seil, an dem seine Machete befestigt ist. Er erklärt uns: „Da das Vieh einen wesentlichen Teil des täglichen Überlebens unserer Familien ausmacht, kümmern wir Landwirte uns intensiv um unsere Tiere. Mein Wasserbüffel ist mein wertvollster Besitz. Er bekommt mehr zu essen als ich, und wenn es ihm nicht gut geht, behandele ich ihn mit Medikamenten und Vitaminen.“
Bald erscheint das erste Balsa hinter der Flussbiegung. Es handelt sich um ein selbst gebautes Bambusfloß, das mit natürlichen Materialien zusammengehalten wird. Diese traditionelle Art des Warentransports gilt als wichtiger kultureller Teil der Identität von Tan-Awan. Es ist kaum zu glauben, dass die Menschen jeden Freitag auf den wackeligen Flößen die gefährlichen Stromschnellen des Flusses aus den Bergen hinunter bis zum Dorf Tan-Awan kommen, um dort ihre Produkte mit den Käufern aus der Umgebung zu tauschen. Immer mehr Balsas legen am Flussufer an. Neben den hiesigen Nutzpflanzen wie Süßkartoffeln, Reis, Obst und Gemüse erkenne ich auch vereinzelt Hühner, Schweine und Ziegen auf den schwankenden Gefährten.
Die Sonne ist mittlerweile ganz aufgegangen und taucht das Geschehen in goldenes Licht. Die Pferde mit den Holzsatteln grasen am Flussufer, ein Hahn plustert sich zwischen den Bananenstauden auf, und Kinder flitzen zwischen den Karren umher.
Ein Feld etwas abseits des Ufers wurde zum Marktplatz umfunktioniert, und es herrscht bereits reges Treiben, als wir ihn betreten. An einzelnen Ständen wird Native Coffee angeboten – und Sticky Rice, ein köstlich-klebriger, mit Zuckerrohr gesüßter Reis, der in Bananenblättern verpackt ist. Ein sehr alter Mann, anscheinend der Medizinmann des Dorfes, wird von Lilibeth zum Barter Trading befragt.
„Seit ich alt genug war, um die Dinge zu verstehen, war der Tauschhandel in Tan-Awan bereits eine Tradition, die zu einem wichtigen Bestandteil unseres Lebens geworden ist. Es treffen sich Markthändler, Käufer und Bauern, um Produkte zu tauschen. Dazu gesellen sich Händler aus dem Tiefland mit ihren urbanen Gütern. Diese wirtschaftliche Aktivität macht den Markttag lebendig und spannend. Und: Die Kakofonie des Feilschens begeistert die Bewohner auch heute noch.“
Er hat recht. Ich tauche in einen lauten Wirrwarr aus Stimmen und Marktgeschrei ein. Die Händler überbieten sich gegenseitig, und das Angebot ist riesig: Neben dem lokalen Obst und Gemüse entdecke ich getrockneten Fisch, Kleidung, Schrauben, Seife, selbst geschnitzte Holzinstrumente und Medikamente. Früher wurden die Güter nur getauscht, doch heute ist der Einsatz von Geld auch hier üblicher.
Ein fröhlicher Mann mit blau-weiß karierter Baseballcap hält mir begeistert seinen Einkauf vor die Kamera und erzählt: „Unsere Vorfahren übten den Barter Trade aus und tauschten Ware gegen Ware. Doch aufgrund der zunehmenden Alphabetisierung und Bildung unserer Stammesmitglieder und des zunehmenden Einflusses der nahe gelegenen Städte ist Geld mittlerweile das wichtigste Tauschmittel geworden. In der Vergangenheit wurden die Waren nicht nach ihrem Preis verkauft, sondern jeder tauschte lediglich gegen eben die Waren, die er gerade benötigte.“
Am Rande des Marktes sind kleine Eaterys aufgebaut, an denen die Dorfbewohnerinnen Essen anbieten: Reis, Chicken Adobo (ein traditioneller Hühnereintopf), scharfes Gemüse und Kokoswein. Dazu wird lauthals Karaoke gesungen, was bis zum Fluss hinunterschallt. Vor Mittag kehren die Balsa-Händler zu Fuß oder auf ihren Lastzügen in die Berge zurück, beladen mit den Produkten, die sie gekauft oder eingetauscht haben. Die Balsa-Aktivitäten bestehen seit Jahrhunderten, und die Menschen aus den Bergen brachten nicht nur ihre Waren, sondern auch ihre Kultur und Traditionen mit. Umgekehrt trugen sie bei ihrer Rückkehr auch die Kultur des Tieflandes mit sich in ihre Heimatdörfer. Dieser dynamische Kulturzyklus dauert bis heute an.
Zur Feier des Barter Trade findet einmal im Jahr das Balsahanay Festival statt. Zu diesem Anlass kommen alle Bewohner der umliegenden Dörfer und aus den Bergen nach Tan-Awan. Die Festlichkeiten gehen über drei Tage. Es beginnt freitags mit dem wöchentlichen Markt, viele Reden werden gehalten, und abends gibt es einen Schönheitswettbewerb für die jungen Mädchen, bei dem die „Miss Tan-Awan“ gewählt wird. Am Samstag finden viele Spiele und Wettkämpfe für alle Altersklassen statt. Ich nehme zum Beispiel an einem Kochwettbewerb mit den Frauen des Dorfes teil. Dafür sollen lokale Gerichte gekocht und in Szene gesetzt werden, die von einer Jury, den Professoren der Uni, bewertet werden. Es macht großen Spaß, zusammen mit den Frauen über dem Feuer zu kochen, Besol (Jamswurzel) auszuhöhlen oder die Cassava (Maniok) zu raspeln. Die Frauen geben sich viel Mühe und zaubern sagenhafte Kuchen, Reisgerichte, Suppen und Salate, die sie der Jury in Bananenblättern, Kokosnüssen und selbst gefertigten Behältern vorsetzen. Ich darf die Rezepte dokumentieren und werde in sämtliche Zutaten und Gerichte eingeweiht.
Am Sonntag gibt es zum krönenden Abschluss eine feierliche Zeremonie am Flussufer mit Musik und Tänzen. Viele Familien kommen auf ihren festlich geschmückten Balsas den Fluss entlang. Anschließend zieht eine Prozession zu der Kirche des Dorfes, und es wird gemeinsam ein Gottesdienst gefeiert. Am Nachmittag findet eine Parade durch die Straßen statt, die bis auf den großen öffentlichen Platz führt. Dort ist eine Musikanlage aufgebaut, zu deren Klängen die Schulkinder von Tan-Awan ihre Tänze präsentieren. Mit farbenprächtigen, selbst gestalteten, traditionellen Kostümen stellen die Kinder den Tauschhandel am Flussufer dar. Im Tanz säen sie, ernten, beladen ihre Flöße und tauschen mit Händlern. Am Abend werden „Prince and Princess of Balsahanay Festival“ gekrönt – ein spektakuläres Fest und einmaliges Erlebnis.

Banaue. Mein treuster Begleiter in diesem Auslandsjahr ist der Reis (Oryza sativa Linnaeus). Die Reispflanze ist das wichtigste Getreide und Lebensmittel Asiens, sie sättigt, ist ertragreich und gut an die klimatischen Bedingungen angepasst. Ich esse hier dreimal täglich Reis, was mir erstaunlicherweise überhaupt nichts ausmacht. Ich werde nie vergessen, wie meine philippinische Freundin Ritzy bei einem Abendbrot in Deutschland ungläubig den Tisch beäugte und mich verwundert fragte: „Und wo ist der Reis?“
Sogar zu Spaghetti oder Kartoffeln wird hier selbstverständlich Reis serviert. Der philippinische Ausdruck für „Essen“ ist gleichzeitig Synonym für „Reis essen“ (Kanin). Das führt auch dazu, dass ausschließlich mit Löffel und Gabel gegessen wird. Oder auch gern einfach mit den Händen. Ein Messer gehört zu den Utensilien, die kaum jemand braucht und die in diesem südostasiatischen Land auch schwer zu kriegen sind.
Im Norden der Philippinen besuche ich die Hochebenen von Luzon mit ihren immens großen und beeindruckenden Reisterrassen. Von den Stämmen der Ifugao, den Ureinwohnern dieser Bergregionen, jahrhundertelang in Handarbeit erbaut und mit eigenem Bewässerungssystem ausgestattet, erstrecken sich die Felder über Täler und Berge. Stolz nennen die Einheimischen sie die „Stufen zum Himmel“.
Die Reisproduktion ist ein aufwendiger Prozess, der mehrere Monate präziser, sorgfältiger Arbeit erfordert. Als ich die Einheimischen beeindruckt frage, ob die Reisbauern hier an ihren Feldern gut verdienen, schütteln sie energisch die Köpfe. Es könne nur zweimal im Jahr gesät werden. Und die Ernte reiche kaum für den Eigenbedarf aus. Auf die Frage, ob ich denn hier im Dorf den heimischen Reis essen könne, folgt ein erneutes Kopfschütteln: „In unseren Restaurants oder auf den Märkten gibt es nur noch den kommerziellen Reis zu kaufen. Alles andere wäre viel zu teuer.“
Schon komisch, da bin ich umgeben von Reisfeldern, ernähre mich fast ausschließlich von dem Getreide und komme trotzdem nicht in den Genuss, den regionalen Reis zu probieren. Das extreme Wachstum der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert führte auch auf den Philippinen zu einer nahezu ausschließlich kommerziellen Reisproduktion mithilfe von moderner Wissenschaft und Technik. Konsequenzen sind die sinkende Bedeutung kultureller Werte sowie ein sinkender Glaube an Reis, Ackerbau und Landwirtschaft. Ein Phänomen, das sich bis in diese abgeschiedenen ländlichen Bergregionen auswirkt.
Ich finde es interessant, Reis und die Reis-Landwirtschaft in Kontext mit Biodiversität und dem Klimawandel zu setzen: Nur noch zwei von ursprünglich über zwanzig verschiedenen Oryza-Arten werden heute kommerziell angebaut. Der Verlust der genetischen Vielfalt innerhalb der Reissorten ist ein großes Problem. Diese Vielfalt könnte nämlich zu einer Anpassung an die sich doch extrem verändernde Umwelt beitragen. Ohne diese Vielfalt führen plötzliche Wechsel von Trocken- und Regenzeit, extreme Wetterbedingungen sowie Pflanzenschädlinge oder Pilze zu verringerten Erträgen. Dieses Phänomen findet leider weltweit statt: Seit Beginn der Landwirtschaft wurden circa 7000 Pflanzenarten von Menschen angebaut. Heute nutzen wir gerade einmal 30 dieser Arten, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Knapp 60 Prozent der Energie, die wir aufnehmen, stammen sogar von nur drei unterschiedlichen Pflanzenarten – Reis, Weizen und Mais.
Im Ökolandbau wird darauf geachtet, landwirtschaftlich nutzbare, aber bedrohte Sorten und Rassen zu erhalten und gefährdete Pflanzenarten wieder anzubauen. Durch den Kauf und die Verarbeitung von ökologischen und regionalen Nahrungsmitteln lässt sich also auch gegen den Verlust der genetischen Vielfalt handeln. Darauf möchte ich in Zukunft beim Einkaufen von Brot-, Getreide- oder auch Apfelsorten achten.

Während meiner zwölf Monate auf den Philippinen komme ich häufig an meine Grenzen: Sei es, dass ich ausgeraubt werde, weil meine Hautfarbe Reichtum suggeriert. Dass ich wegen einer Motorpanne stundenlang auf einsamen Straßen auf den Ersatzbus warten muss. Sei es ein frustrierendes Arbeitsprojekt, bei dem es aufgrund fehlender Materialien oder Motivation wieder nicht weitergeht. Oder dass ich in Tan-Awan mit einer Magenverstimmung und ohne Badezimmer viele Tage lang krank auf dem Boden liege, nachdem ich von einer Blutsuppe kostete, die extra für uns zubereitet wurde. Letztendlich heilt mich der Medizinmann des Dorfes. All diese Erfahrungen, gepaart mit einer Sehnsucht nach Heimat und Gewohnheit, machen mir das Leben in der Fremde auch manchmal furchtbar schwer. Umso wichtiger ist es, mir Auszeiten für Urlaub und Erholung zu nehmen, das merke ich zum ersten Mal auf der Insel Palawan. Wie die Natur dort mich immer wieder durchatmen und Kraft schöpfen lässt: Sie wird mein Lieblingsort auf den Philippinen.

Insel Palawan. Das türkise, glasklare Wasser. Die zahlreichen kleinen, einsamen und naturbelassenen Buchten. Traumhafte weiße Sandstrände mit Kokosnusspalmen. Mangrovenwälder. Farbenprächtige Korallenriffe. Und Kalksteinklippen, die aus dem Meer herausragen. Während ich im Jeepney über die Insel Richtung Norden fahre, gleiten die verschiedensten Landschaften an mir vorbei: Ein kleines ländliches Dorf mit Häusern, die aus Nipapalmblättern gebaut sind, die Hühner scharren im sandigen Boden, eine große Sau suhlt sich im Schlamm, und mit einem Wasserbüffel wird das Feld hinter dem Haus gepflügt. Dann tiefgrüner Dschungel, aus dem eine beeindruckende Geräuschkulisse tönt. Die Bäume ragen hoch in den Himmel, und ich erkenne Vögel, die zwischen den Ästen sitzen. Angrenzend vereinzelt Zuckerrohrplantagen. Kokosnüsse, Bananen, Ananas, Papayas, Mangos – alles scheint hier in Fülle zu wachsen. In der Ferne ist ein großer Vulkan erkennbar, die Spitze verschwindet in dunstigen Wolken. Und das türkise Meer, das von überall auf der schmalen Insel schnell erreichbar ist. Obwohl „schnell“ relativ ist – bei den schlecht ausgebauten, holprigen, häufig einspurigen Straßen mit unzähligen Schlaglöchern ist das Fahren nicht mit dem Zurücklegen einer Strecke in Europa zu vergleichen.
Meinen größten Wildlife-Moment erlebe ich unter Wasser: Das Schnorcheln fühlt sich ein wenig so an, als wäre ich im Wartezimmer meines Zahnarztes und würde meinen Kopf in das bunt schillernde Aquarium stecken. Nur eben viel größer und aufregender. Ich entdecke große bunte Fische, knallblaue Seesterne und schillernde Korallenriffe. Alles ist in Bewegung. Interessante zigarrenförmige Fische verschwinden schnell in den Löchern und Fugen der Felsen, sobald ich mich nähere. Die großen Fische fressen seelenruhig weiter am Riff, ihre Gesichtszeichnung erinnert mich an die eines Pandas. Plötzlich finde ich mich inmitten eines großen Schwarms aus winzig kleinen Fischen wieder. Seegras und Algen schwingen im Einklang. Manchmal wird das Meer so flach, dass ich Sorge habe, die Pflanzen und Korallen zu berühren. Dann bleibe ich ganz still, lasse mich von der Wasseroberfläche tragen und beobachte das bunte Getümmel unter mir.
Nach stundenlangem Schnorcheln – die Taucherbrille drückt, und der Salzgeschmack wird immer penetranter – taucht plötzlich eine über einen Meter große Schildkröte neben mir auf. Seelenruhig schwimmt sie unter mir durch, bewegt sich gelassen, gleichmäßig und langsam fort. Ich bin völlig aus dem Häuschen und folge dem schillernden Riesen durch die Fluten. Es handelt sich um eine Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), die weltweit unter Schutz steht. Sie scheint sich überhaupt nicht an mir zu stören und beginnt in aller Ruhe, auf dem flachen Grund zu grasen. So erinnert mich die schöne Schildkröte ein wenig an eine grasende Kuh im Sauerland, bemerke ich grinsend. Zwei große Putzerfische saugen unablässig an ihrem Panzer und säubern ihn von überschüssigen Hautschuppen, Pilzen und Parasiten. Auf diese Weise verschaffen sie sich gleichzeitig Nahrung – ein perfektes Zusammenspiel. Zwischendurch taucht die Meeresschildkröte wieder neben mir auf, streckt den Kopf aus dem Wasser und holt tief Luft. Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.
Genau solche Momente haben mein Auslandsjahr mit weltwärts auf den Philippinen so einzigartig gemacht. Es war nicht immer leicht, noch so jung und für so lange Zeit in einer völlig fremden Welt zu leben. Doch auch die schwierigen Zeiten haben mich im Nachhinein nur stärker gemacht und auf das vorbereitet, was mein Leben noch mit sich bringen würde.

Ursula März „Tante Martl”

„In ihrem ersten Roman 'Tante Martl' erzählt die Journalistin Ursula März mitfühlend, aber durchaus auch humorvoll, von einem Frauenleben der Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz.

Auf den ersten Blick wirkt Tante Martl unscheinbar. Doch wer genauer hinschaut, erkennt in ihr eine außergewöhnliche Frau. Geboren als dritte Tochter, ist Martl die ungeliebte Jüngste. Der Vater, der eigentlich einen Sohn wollte, ist zeitlebens enttäuscht, dass das dritte Kind kein Junge ist. So steht Martl immer im Schatten ihrer älteren Schwestern und wird nicht selten von der Familie drangsaliert. Während ihre Schwestern schließlich eigene Familien gründen, verbringt Martl ihr ganzes Leben im Elternhaus in der pfälzischen Provinz, pflegt die Eltern, opfert sich auf. Doch sie arbeitet auch als Volksschullehrerin, verreist, kauft sich ein Auto, sorgt für sich selbst. Und bekommt im hohen Alter sogar noch einen Fernsehauftritt.

Ursula März ist eine hervorragende Erzählerin und bringt dem Leser Tante Martl mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten - das ist teils komisch, teils tragisch - so nahe, dass man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.

Ein höchst lesenswerter und unterhaltsamer Roman und ein feinsinniges Porträt einer bemerkenswerten Frau.”

Stefanie Hoever, Pressereferentin 

 

Blick ins Buch
Tante MartlTante MartlTante Martl

Roman

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag.

 

Hatte sie sich über eine schnippische Verkäuferin geärgert, überwog die Sirene. Hatte der Hausarzt ihr geraten, sich für eine Untersuchung ins Krankenhaus einweisen zu lassen, schlug das Jammern durch. Bisweilen vertiefte sich das Stöhnen zu einem rollenden Brummen, als säße am anderen Ende der Leitung ein angriffslustiger Bär. Dann war meine Tante ernsthaft empört. Der Lieferant von Tiefkühlkost, der einmal im Monat mit seinem Kleinlaster vor ihrem Haus hielt, hatte die falsche Ware gebracht, aber unverschämt behauptet, es sei die richtige, und den Umtausch verweigert. In einer Fernsehsendung waren knapp bekleidete Frauen aufgetreten, und zwar nicht am späten Abend, wenn meine Tante längst schlafen gegangen war, sondern im unverdächtigen Nachmittagsprogramm.

 

Ein Daueranlass ihrer Empörung war der Showmaster Thomas Gottschalk. Er wurde von meiner Tante so verachtet, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprach, sondern ihn nur „de dumm Lackaff“ nannte. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass „de dumm Lackaff“ in der Samstagabendshow des ZDF den Platz des von ihr hochgeschätzten Frank Elstner eingenommen hatte, was meine Tante als persönliche Geringschätzung von Menschen wie ihr, Menschen mit Anstand und seriösem Benehmen, interpretierte. Alles an Thomas Gottschalk fand sie vulgär, seine langen blonden Locken, seine Glitzeranzüge, seine Witze. Als sie in einer Fernsehzeitschrift las, wie viel Geld er für seine Shows erhielt, war sie außer sich. „Ursi“, schrie sie ins Telefon, „des sin Millione! Des isch doch net normal!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen. Thomas Gottschalk, sagte ich, sei sicherlich Millionär und habe einigen Reichtum angehäuft. Dass er für einen einzigen Fernsehauftritt gleich ein paar Millionen einstriche, hielte ich jedoch für ausgeschlossen. „Du hascht doch ke Ahnung“, erwiderte sie brüsk, nun über meine Besserwisserei empört. Ich kannte mich in den Finanzverhältnissen von Thomas Gottschalk tatsächlich nicht aus und bog schnell zu einem anderen Thema ab. Wenn am Sonntagmorgen in meiner Wohnung in Berlin das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und dem Empörungsstöhnen lauschte, war mir klar, dass am Abend zuvor »Wetten, dass …?« ausgestrahlt worden war, meine Tante auf dem Bildschirm ihren Intimfeind gesehen und sofort umgeschaltet hatte.

 

Bis sie endlich zu erzählen begann, konnte eine Weile vergehen. Mit einer einzigen Stöhnouvertüre war es oft nicht getan. „Was ist denn passiert?“, fragte ich vorsichtig. „Geht’s dir nicht gut?“ Anstatt zu antworten, stöhnte sie erneut, und ich fuhr wieder mit einer Frage dazwischen. Je älter meine Tante wurde, desto häufiger geschah es, dass sie schon nach dem Ende des Stöhnens meinen Kommentar zu dem Ereignis erwartete, das sie veranlasst hatte, mich anzurufen. So, als hätte sie mir gerade davon erzählt. Es war ein heikler Moment unserer Telefonate. Dauer und Tonlage des Stöhnens verrieten mir die Stimmung, in der sich meine Tante befand. Aber was genau sie in diese Stimmung versetzt hatte, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht hatte sie eine überhöhte Rechnung ihrer Autowerkstatt erhalten, die darauf spekulierte, eine betagte Frau würde den Wucher nicht bemerken. Vielleicht musste sie ihrem Ärger über ein im gegenüberliegenden Haus lebendes Ehepaar Luft machen, das an sieben Tagen die Woche um Punkt 11:30 Uhr in seinen Mercedes stieg, um in ein Restaurant zu fahren. „Die kenne esse, wo se wolle“, sagte meine Tante, „aber jede Tach ins Lokal gehe, des isch doch net normal.“ Sie war fest davon überzeugt, der Grund für die gehäuften Restaurantbesuche der Nachbarn, die schon bei dünnem Nieselregen die Rollläden vor den Fensterscheiben herunterzögen, läge in einem Reinlichkeitswahn, der es ihnen verbiete, ihre Küche durch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zu besudeln.

 

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit vagen Beschwichtigungsfloskeln an das Ereignis heranzutasten, von dem meine Tante glaubte, sie hätte es mir eine Minute zuvor mitgeteilt. Oft bemerkte sie die Taktik und fühlte sich zurückgestoßen, weil es mir ihrer Ansicht nach an echtem Interesse für sie und ihre Nöte fehlte. „Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

 

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch achtunddreißig Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte.

 

In ihrer ersten Lebenswoche, genau von Montag bis Montag, galt meine Tante auf dem Papier als Person, vielmehr als Säugling, männlichen Geschlechts. Sieben Tage lang war ihr Vater nicht bereit, sich mit der Tatsache abzufinden, dass auch dieses Kind ein Mädchen geworden war. Zu seinem Verdruss das dritte. Schon das zweite Mädchen hätte, wären die Dinge seiner Ansicht nach richtig verlaufen, ein Junge sein müssen. Er verschmerzte es einigermaßen. Gegen ein drittes Geschöpf aber, das als Stammhalter ausfiel und ihm womöglich den Ruf eines Erzeugers eintrug, der nur eine Mädchenserie zustande brachte, stellte er sich stur. Bei seinen Enkeln war ihm das Geschlecht egal. Ich erinnere mich an keine Situation, keinen Satz und kein Geschenk, die darauf hingedeutet hätten, er bevorzuge meinen Bruder mir gegenüber. Bei seinen Kindern galten jedoch andere Prinzipien. Sieben Tage lang klammerte er sich an die wahnwitzige Illusion, der Natur durch schieres Beharren doch noch ein Chromosomenwunder abringen zu können. In den Verwaltungsakten des örtlichen Standesamtes gab es den Jungen ja schon, er hieß Martin.

 

Als sich mein Großvater am Montagmorgen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten einfand und dieser ihn nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers fragte, nickte er einfach. Er sprach das Wort „Junge“ nicht aus. Er wartete, bis dem verunsicherten Beamten, der die Spitze des Füllfederhalters bereits aufs Formular gesetzt hatte, nichts anderes übrig blieb, als die Frage zu konkretisieren, „isch e Bub?“, und er nur nicken musste. Im strengen Sinn gelogen, so beteuerte er noch nach Jahrzehnten, hatte er also nicht. Er hatte es lediglich verpasst, einer Variante der Wahrheit zu widersprechen, die ihm amtlicherseits nahegelegt wurde. Und was den falschen Namen anbetraf: Vielleicht hatte er den Vokal am Ende verschluckt, vielleicht hatte der Standesbeamte das „a“ überhört oder einfach den Stift zu früh abgesetzt und deshalb den Namen Martin eingetragen.

 

Ungefähr so lauteten die Ausreden, die er vorbrachte, als seine Frau ihm am Dienstag die Geburtsurkunde abknöpfte und schwarz auf weiß lesen musste, dass ihre neugeborene Tochter durch einen Trick, an dem sie das Herzlose noch mehr bestürzte als das Hirnrissige, vor dem Gesetz als Sohn galt. Zum Krachschlagen war sie zwei Tage nach der Entbindung zu erschöpft. Sie legte die Geburtsurkunde wortlos auf den Küchentisch und schwieg bis zum Einschlafen am Abend. Sie saß im Nachthemd auf ihrer Bettseite, rückte die Wiege nah zu sich heran, beugte sich darüber und prüfte, ob das gehäkelte Wolldeckchen straff genug um den Säugling gewickelt war, nicht nach oben rutschen und sich über sein Gesicht legen konnte. Dann schlüpfte sie unter ihr Federbett, wandte ihrem Mann den Rücken zu, streckte den Arm nach dem Schalthebel der kleinen Bakelitlampe auf dem Nachttisch aus und sagte im Dunklen nur einen einzigen Satz: „Du gescht da morge hin, gleich in der Früh.“

 

Meine Großmutter sparte auch sonst mit Worten. Sie handelte lieber. Wenn ich mir an einer Steinkante im Garten das Knie aufgeschlagen hatte und weinend zu ihr in die Küche humpelte, umflatterte sie mich nicht, wie meine Mutter es getan hätte, mit dramatischen Mitleidsbekundungen. Sie sauste zum Medizinschrank im Badezimmer, holte Verbandspflaster und ein Fläschchen mit stinkendem rostfarbenem Desinfektionsmittel. Nach der Verarztung griff sie in die Tasche ihrer Kittelschürze, zog einen Bonbon heraus und steckte ihn mir in den Mund.

 

Er ging nicht. Weder am Mittwoch noch am Donnerstag und am Freitag bequemte er sich zum Standesamt, um den Fehler zu korrigieren. Dass er nicht darum herumkomme, musste ihm als ordnungsliebenden Staatsbürger eigentlich klar sein, auch wenn er sich einbildete, das Geschlecht des Neugeborenen durch Zeitschinden doch noch in die ersehnte Richtung lenken zu können. Er drückte sich überhaupt gern vor Schwierigkeiten und überließ es seiner Frau, sie zu lösen. Nicht er, sondern sie handelte bei der Sparkasse den Kredit aus, den sie benötigten, um Ende der Zwanzigerjahre das zweistöckige Haus zu kaufen, in dessen oberem Stockwerk sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten. Nicht er, sondern sie sah den Handwerkern auf die Finger, als unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer für die Töchter ausgebaut wurde. Und sie saß abends am Küchentisch und verrechnete das schmale Gehalt, das er als Gefängniswärter nach Hause brachte, mit den monatlichen Ausgaben. Sie war zuständig fürs Pragmatische und somit auch dafür, Wege aus verzwickten Situationen zu finden. Und in einer solchen befanden sie sich. Bereits am Samstagmorgen klingelten die ersten Gratulanten, die das Elternpaar doppelt beglückwünschten, zur Geburt eines gesunden Kindes und zur Geburt eines Söhnchens, mit dem ja auch endlich zu rechnen gewesen war. Martin hieß er, hatte man da richtig gehört? Oder Werner, wie der Vater? Seine Frau wimmelte die Besucher höflich ab und übergab ihnen ein Bündel mit Pflaumenmus gefüllter Krapfen, von denen sie in den Wochen vor der Geburt mehrere Bleche voll gebacken hatte. Das Kind ließ sie nicht sehen. Es sei, sagte sie, gerade eingeschlafen und solle nicht gestört werden.

 

Niemand hätte gewünscht, den Säugling als Nackedei zu besichtigen. Selbst seine Großeltern, die am Sonntagmorgen in ihrem Dorf loswanderten und nach einem zweistündigen Fußmarsch bei der Familie anlangten, wären nicht auf die Idee gekommen, sich mit eigenen Augen vom Geschlecht des neuen Enkelchens überzeugen zu wollen. Und so wenig wie das Gesicht hätte das Greinen des Babys verraten, dass hier nicht ein Martin, sondern eine Martina von Arm zu Arm gereicht wurde. Aber die Mutter rückte ihre Jüngste nicht heraus. Zum einen war es ihr zuwider, bei einer Schmierenkomödie mitzuspielen. Zum anderen betrachtete sie es von Beginn an als ihre Pflicht, dieses Kind, das in den Augen seines Vaters nichts anderes als ein Ärgernis darstellte, besonders zu schützen. Sie meinte es gut. Aber indem sie das Kind abschirmte, wies sie ihm ungewollt auch einen Platz im Hintergrund zu.

 

Den Canossagang zum Standesamt zu übernehmen, war sie nicht bereit. Am Sonntagmorgen drohte sie ihrem Mann: Wenn er nicht hinginge, und zwar sofort nach dem Frühstück am Montagmorgen, verschwände sie mit Sack und Pack und den drei Töchtern aus dem Haus. Es war der böseste Moment ihrer Ehe, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich vom Dienst abzumelden und dem Standesamt einen zweiten Besuch abzustatten. Welche Argumente er sich dort einfallen ließ, um den kuriosen Umstand zu erklären, erst nach einer Woche den falschen Namen und die falsche Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde bemerkt zu haben, darüber gab er niemals Auskunft. Dass es eine Schmach war, die ihm zugefügt wurde, ließ er sich allerdings empfindlich anmerken, als er mit der neuen Geburtsurkunde nach Hause kam, die nun einem Mädchen namens Martina galt. Die eigentliche Schmach erwartete ihn noch. Schneller als die frohe Botschaft von der Geburt eines gesunden Buben verbreitete sich nun, genau eine Woche später, die Komödie vom Bub, der gar keiner war, über die Gerüchtekanäle der Kleinstadt. Und die Stadt lachte. Die Gratulanten ließen sich die Krapfen schmecken und schlossen Wetten über die Anzahl der Mädchengeburten ab, die fürderhin zu absolvieren seien, bis die Eheleute endlich einen Treffer erzielten. Vier, fünf? Bei großem Fleiß womöglich sechs oder sieben? Das sollte doch genügen, um den Klapperstorch zu erweichen. Und wer nicht lachte, äußerte, was meinen Großvater mindestens so verdross, sein Bedauern mit dem armen Mann, der sich so verzweifelt einen Bub wünschte, dass ihm jedes Mittel recht war.

 

Es wurde Spätsommer, bis die Mutter mit allen dreien, die Vierjährige lief schon flott, die Zweijährige tapste an ihrer Hand, die Kleinste lag im Kinderwagen, einen Gang durch die Stadt unternahm, zum Einkaufen beim Bäcker und beim Metzger haltmachte und zuließ, dass sich fremde Köpfe über den Säugling beugten. Man tat ihr zuliebe so, als sei die Albernheit beim Standesamt nie vorgefallen. Aber vergessen wurde sie nicht. Sie war zu unterhaltsam, um dem Fundus an Kleinstadtklatsch verloren zu gehen und nicht durch die Generationen weitergereicht zu werden. Mir wurde erst spät bewusst, dass meine Tante immer damit rechnen musste, als die Frau Lehrerin betuschelt zu werden, die vom Vater zum Bub erzwungen werden sollte; die Unverheiratete mit der falschen Geburtsurkunde.

 

IN DER ERINNERUNG DER FAMILIE mischte sich der Vorfall unter andere Episoden, die wie zum Kannenboden abgesunkene Kaffeekörner im Gedächtnis ruhen und immer mal wieder aufgerührt werden. Aber in Wahrheit war es keine Geschichte wie andere. Nicht so harmlos wie das Missgeschick mit der Kommuniontorte, die der Mutter aus der Hand stürzte und löffelweise vom Küchenboden aufgeschabt wurde. Nicht so überholt wie der Konfessionsstreit, der ausgerechnet am Abend vor der Hochzeit der mittleren Tochter zwischen Katholiken und Protestanten ausbrach und beinahe die ganze Heirat verhindert hätte. Auch wenn sie zum Amüsement aufgetischt wurde, behielt die Geschichte von der falschen Geburtsurkunde einen bitteren Beigeschmack. Er enthielt nicht nur Scham über das Unrecht, das der Jüngsten ja doch zugefügt worden war, sondern auch einen Rest von der Enttäuschung, eine Familie ohne Sohn zu sein. Und hauchfein mischte sich in die Enttäuschung ein Vorwurf, der sich keineswegs gegen den Urheber des Skandals richtete, sondern gegen diejenige, die er für sein skandalöses Verhalten verantwortlich machte.

 

Und sie selbst? Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform? Sie lachte auf eine etwas künstliche, übertrieben grelle Weise mit, wenn ihre „Martinwoche“ zur Sprache kam, und schüttelte den Kopf, „was für e Unfug sich die Leut ausdenke“. Nie ließ sie sich Schmerz oder Zorn anmerken. Erst in ihren zwei letzten Lebensjahren, als sie in einem Altenheim wohnte und die Demenz sich ihres Gehirns bemächtigte, löste sich der Gefühlsriegel. Sie war achtundachtzig Jahre alt und in eine aussichtslose Lage geraten. Zu hinfällig, um ohne Hilfe im Haus zu bleiben, wehrte sie sich dennoch rigoros gegen das Zusammenleben mit einer Pflegerin. Schon die Idee betrachtete sie als Verrat. „Isch war mei ganz Lebe allein“, schrie sie mich am Telefon an, „da bringscht du mir ke fremde Leut ins Haus!“ Um keinen Preis wollte sie, die auf so vieles verzichtet hatte, nun auch noch auf ihren letzten Wunsch verzichten, der in nichts Bescheidenerem bestand als darin, still und unbehelligt in ihrem Haus zu sein und dort zu sterben. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie so geschwächt, dass die Ärzte es ablehnten, die Verantwortung für ihre Rückkehr ins Haus zu übernehmen, sollte sie dort ohne Obhut sein. Selbst jetzt war es ihr lieber, in ein Heim zu gehen. Von zwei Katastrophen erschien ihr dies als die etwas weniger schlimme.

 

Wider Erwarten blühte sie in den ersten Wochen im Heim auf. „Es isch eischentlich wie im Hotel“, berichtete sie befriedigt. Die langen Zimmerflure, die in Gesellschaft einzunehmenden Mahlzeiten und das kleine Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten erinnerten sie an Hotelaufenthalte, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Schon morgens hole sie eine ihrer guten Blusen für die nachmittägliche Kaffeetafel aus dem Schrank, „isch will jo doch bissche fein do sitze.“ Ich bestärkte sie sogar noch in der Hotelillusion und redete ihr zu, die urlaubsähnlichen Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Beim nächsten oder übernächsten Telefonat merkte ich, dass das schmeichelhafte Deckbild von der Realität abgefallen war und meine Tante das Heim nun umso mehr als Verbannungsort empfand. Hotelgäste werden nicht vom Personal ermahnt, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen, nicht morgens um sieben mit ihrem Rollator ins Badezimmer geschoben. „Do sitze erwachsene Leut beim Esse mit e Plastiklatz um de Hals, des isch doch net normal!“, rief sie entrüstet. „Des is wie im Kindergarte! Isch bin doch ke Kind, isch bin e alt Frau!“

 

In den Tunnel ihrer Verzweiflung drang nur noch für kurze Momente ein wenig Helligkeit. Sie litt unter dem Alleinsein in ihrem Zimmer und unter der Anwesenheit von Menschen. Sie litt unter Stille und unter dem kleinsten Geräusch, das aus dem Flur zu ihr drang. Die Verdunkelung ihrer Seele beschleunigte ihre geistige Verwirrung. Sie verwechselte die Pflegerinnen ebenso wie ihre Brillen. Tag für Tag wurde sie von neuem Entsetzen gepackt, wenn sie vom Bett aus mit der Lesebrille zum Fernsehmonitor an der gegenüberliegenden Zimmerwand blinzelte, nur noch verschwommene Bilder sah und sich für urplötzlich erblindet hielt. Sie wollte nichts mehr essen und hatte starkes Untergewicht. Nur mit Mühe konnte ich sie bei meinen Besuchen dazu bewegen, an einem Bahlsenkeks zu knabbern. Sie hatte Bahlsenkekse immer sehr geschätzt. „Isch will ke Firlefanz“, konstatierte sie jedes Mal, wenn sie im Supermarkt eine Packung Bahlsenkekse in den Einkaufswagen legte, „a gut Bahlsekeks is a einfache, ehrlische Sach. Wenn di Mensche genauso wärn, gäbs auf de Welt ke Streit und ke Kriesch.“

 

Je mehr sie verfiel, desto stärker drängte die Martingeschichte aus ihr heraus, die sie selbst ja nur vom Hörensagen kannte. Am Anfang klagte sie nur. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, ob der Arzt, eine Pflegerin, die Putzfrau oder ihre Nichte, begann sie sich, unterbrochen von langem Stöhnen, über die gefälschte Geburtsurkunde zu beschweren. „Des gehört sisch doch net“, lautete eine ihrer wiederkehrenden Redewendungen, mit denen sie die Ungehörigkeit so darstellte, als ginge es um ein fremdes Kind, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Nach ein paar Monaten steigerte sich die Klage zu wildem Zorn. „Was kann denn des Kind dafür, dass es kei Bub isch?“, kreischte sie in den Raum. „Gar nix! Und was mache die Leut? Gehe zum Standesamt und lass e Bub eintrage! Jetzt sag amol: Isch des e Sauerei oder net?“ Und schließlich, wiederum Monate später, zeigte sich der alte Schmerz unverhüllt. Meine Tante saß schluchzend auf dem Bettrand, ruderte mit den Füßen über den Linoleumboden, ziellos nach einem Gegenstand suchend, den ihr Gehirn nicht mehr als Hausschuh abzubilden vermochte. Ich setzte mich neben sie, um sie zu trösten, und sofort umklammerte sie mit einer Hand meinen Unterarm.

 

Wie das Stöhnen zählte diese Gebärde zu den Angewohnheiten, die ihr schon immer zu eigen gewesen waren und sich im Alter verstärkten. Wenn sie nach meinem Arm langte und zudrückte, wusste ich, dass sie zu einer Mitteilung ansetzte, die keinesfalls überhört werden durfte. Der Griff hieß: Aufpassen! Jetzt kommt was Wichtiges! Die Nummer ihres Schließfaches bei der Stadtsparkasse, den Aufbewahrungsort ihrer Lebensversicherung, aber auch das System ihrer Küchenmülltrennung hatte sie mir auf diese Weise eingeschärft. Als hätte ihr Wunsch nach Anteilnahme eines körperlichen Nachdrucks bedurft, streckte sie auch dann die Hand zum Arm ihres Gesprächspartners aus, wenn sie über Themen reden wollte, die sie gerade stark beschäftigten. Eine Diskussion über den, wie meine Tante fand, ziemlich unchristlichen Starkult um den polnischen Papst wurde vom Druck ihrer Hand begleitet, ebenso die Erörterung der Frage, ob es sinnvoll sei, auf einem Kreuzfahrtschiff eine Kabine mit Balkon zu buchen.

 

„Weischt du, was mir passiert ist?“, begann sie, als habe sie noch nie zuvor vom Drama ihrer Geburtsurkunde berichtet und lüfte just in diesem Moment ein ungeheuerliches Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Oberkörper wie unter einer schweren Last nach vorne sinken, und ich musste zusehen, dass sie nicht kopfüber vom Bettrand fiel und mich mitzog. „Die habbe e Bub aus mir gemacht, aber isch war doch gar ke Bub.“ Ihr Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, und meine Tante begann so bitterlich zu weinen, wie ich sie nur ein einziges Mal weinen gesehen hatte, viele Jahre zuvor. „Die ganz Stadt hat über misch gelacht, die ganz Stadt.“ Ihren Vater erwähnte sie merkwürdigerweise nicht. Er kam in ihrer Erzählung gar nicht vor. Er wurde von einer unspezifischen Macht vertreten, die sie als „die Leut“ oder „die Obere“ bezeichnete. Man hätte meinen können, im Sommer 1925 habe ein geheimes Gericht beschlossen, diese Martina für ihre Weigerung, ein Martin zu sein, anzuklagen und ordentlich büßen zu lassen. Denn unermüdlich beteuerte sie, nicht schuld daran zu sein, dass sie als Mädchen geboren worden war.

 

„Sieschte, da habbe wir doch was gemeinsam“, sagte meine Tante oft. Wir hätten eben beide, sollte das heißen, Anlass zur Enttäuschung geboten. „Isch war falsch, und du warscht hässlisch.“ Gern hörte ich das nicht, aber es stimmte wohl. Ich kam mit blau angelaufenem Gesicht auf die Welt, die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Die Wirkung des zombiehaften Anblicks soll durch die Töne, die ich von mir gab, noch gesteigert worden sein. Sie waren, so beteuerte meine Mutter, furchterregend. Nicht das hohe, herzergreifende Neugeborenenkrähen, wie es ringsum im Kreißsaal zu hören war und wie ich es bei der Geburt meiner Tochter selbst hörte, sondern ein tiefes Brummen. Ich hatte immer Zweifel, ob das physiologisch überhaupt möglich, der Kehlkopf eines vier Kilogramm wiegenden Menschleins in der Lage ist, das Gegrunze eines Urmenschen zu erzeugen, der aus seiner Höhle kommt. Ungefähr so soll es sich nämlich angehört haben.

 

Ich widersprach meiner Tante nicht, obwohl ich insgeheim ihren Fall für schwerwiegender hielt als meinen. Aber ich merkte, wie gut es ihr tat, sich mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft zu wähnen. Sie war folglich nicht die Einzige in der Familie, die man sich beim Austritt aus dem Geburtskanal anders gewünscht hätte, eine Gemeinsamkeit, die durch ihre Patenschaft noch besiegelt wurde. Denn Martl war meine Patentante. Sie hielt mich in der Barockkirche der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach, in der ich geboren wurde und aufwuchs, übers Taufbecken. Sie kam zu meiner Einschulung, befüllte meine Schultüte mit Süßigkeiten, die zu kaufen sie Überwindung gekostet hatte. Sie schenkte mir mein erstes Fahrrad, es war rot und hatte eine luxuriöse Dreigangschaltung, und zur Kommunion eine wertvolle Armbanduhr. „Jetzt lass doch das Kind“, sagte sie beschwichtigend, sobald sich meine Mutter wieder einmal über meine Lautstärke beschwerte. Ihrer Meinung nach hatte sich das Säuglingsbrummen nämlich zu einem unvorteilhaften Wesenszug entwickelt, dem Lautsein. Ich redete, lachte, sang zu laut. In den Ohren meiner Mutter lief ich sogar zu laut. Wenn ich Geschirr spülte, wurde ich angefleht, keinen Polterabend zu veranstalten. Wenn ich eine Tür öffnete, fuhr meine Mutter mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zusammen, als hätte ich sie bereits zugeknallt. Sie schätzte leise Menschen. Martl, mein Vater und ich zählten nicht dazu. Wir bildeten in der Familie die Fraktion der Lärmenden, von der sich die Fraktion der Leisen wohltuend abhob. Ihr gehörten meine Mutter, ihre ältere Schwester, deren Mann und mein Bruder an.

Ein Geschenkbuch für Buchliebhaber

Für Carsten Sebastian Henn, dem wir bereits viele wundervolle Romane verdanken, ist „Der Buchspazierer“ ein Herzensprojekt, das er viele Jahre mit sich herumtrug, bevor er diese Geschichte tatsächlich aufschreiben konnte. Und auch für uns im Verlag ist dies ein ganz besonderes Buch, eine Art Glücksbringer, denn es erzählt davon, wie Bücher Menschen miteinander verbinden können. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen über Bücher, die uns etwas bedeuten, oder Bücher verschenken, die dann hoffentlich anderen etwas bedeuten werden, schaffen wir Beziehungen. Oder, wie Carsten Sebastian Henn selbst es ausdrückt: „Auch Bücher können, um einen bekannten Liedtext mal etwas abzuwandeln, Brücken sein. Und obwohl es scheint, dass Papier eigentlich kein sonderlich fester Baustoff ist, tragen sie doch schwerste Lasten.“  Felicitas von Lovenberg

 

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Der BuchspaziererDer Buchspazierer
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Roman

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können.“ Mit „Der Buchspazierer“ präsentiert der renommierte Autor Carsten Henn eine gefühlvolle Geschichte darüber, was Menschen verbindet und Bücher so wunderbar macht. Liebevoll und wertig ausgestattet, ist dieser zauberhafte Roman ein ideales Geschenk für alle Buchliebhaber.   Es sind besondere Kunden, denen der Buchhändler Carl Christian Kollhoff ihre bestellten Bücher nach Hause bringt, abends nach Geschäftsschluss, auf seinem Spaziergang durch die pittoresken Gassen der Stadt. Denn diese Menschen sind für ihn fast wie Freunde, und er ist ihre wichtigste Verbindung zur Welt. Als Kollhoff überraschend seine Anstellung verliert, bedarf es der Macht der Bücher und eines neunjährigen Mädchens, damit sie alle, auch Kollhoff selbst, den Mut finden, aufeinander zuzugehen …   „Auf dem Rücken trug er einen abgescheuerten alten Lederrucksack, prall gefüllt mit Büchern, jedes davon in Packpapier gehüllt, damit es keinen Schaden nahm. Alle nannten ihn nur den Buchspazierer.“
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Der Bestseller aus Großbritannien

„Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen. Es herrscht Stillstand. Die eine Hälfte ist endlose eisige Nacht, die andere sengende Hitze. Nur in einem kleinen Bereich zwischen ihnen ist Überleben möglich. In einem von der Außenwelt abgeschotteten Großbritannien erhält eine Wissenschaftlerin Post von einem sterbenden Mann. Der Brief offenbart ein Geheimnis. Um es zu bewahren, sind einige bereit, zum Äußersten zu gehen... In Andrew Hunter Murrays Zukunftsthriller „The Last Day“ schreiben wir das Jahr 2059, aber er liest sich wie eine rasante Refl ektion der Gegenwart. Kaum erschienen, eroberte er in diesem Frühjahr in Großbritannien die Bestsellerlisten.“
Felicitas von Lovenberg

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Die eine Seite Hitze, die andere Eis - dazwischen der Kampf ums Überleben

Der Sunday Times Bestseller in edler Ausstattung mit einmaligem Farbschnitt! 2059: Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen.Die eine Hälfte ist eisige Nacht, die andere sengende Hitze.Nur in den Territorien dazwischen ist Überleben möglich.Im isolierten Großbritannien erhält die Wissenschaftlerin Ellen Hopper den Brief eines sterbenden Mannes und erfährt dessen verhängnis­volles Geheimnis. Eins, für das die Regierung töten wird, um es zu wahren.Der Kampf um die Zukunft der Erde beginnt!Der packende Klima-Thriller aus Großbritannien: Kann Ellen die Intrigen des unmenschlichen Regimes in London aufhalten? „Ein sensationeller Thriller über die Welt von Morgen, der einen dazu bringt, darüber nachzudenken, was in unserer Zeit passiert.“ Harlan Coben
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Das Buch hat das Potenzial viele, viele Leserinnen glücklich zu machen

„Ich muss schon zugeben: Allzu häufig kommt es nicht vor, dass ich mich darüber freue, meinen 40. Geburtstag schon ein Weilchen hinter mir zu haben. Die Tatsache, dass ich Alexandra Potters wunderbar witzigen, charmanten und warmherzigen Roman „Je größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht“ betreuen durfte – als Altersgenossin der über vierzigjährigen Protagonistin Nell - hat mich dann doch mit vielem versöhnt. Alexandra Potter hat ein so herrlich erfrischendes Buch geschrieben, wie ich es lange nicht gelesen habe. Keine Seite, auf der ich mich nicht wiederfinden konnte. So viele absurde Situationen, über die ich lauthals lachen musste. So viele scharfsinnige und kluge Beobachtungen, über die ich nachdenken konnte. Vor allem aber Figuren, die mir während des Lesens so sehr ans Herz gewachsen sind, dass es mir mitunter vorkommt, als gehörten sie jetzt zu meinem Leben.“
Anne Scharf (Lektorin Unterhaltung)

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Je größer der Dachschaden, desto besser die AussichtJe größer der Dachschaden, desto besser die Aussicht
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Roman

Das Leben läuft, wohin es willIrgendwie hatte Nell sich das anders vorgestellt mit dem Leben. Anfang 40 klang nach liebevollem Ehemann, wunderbaren Kindern und einem fantastischen Zuhause. Stattdessen ist der Verlobte weg, das Geschäft ist pleite und die Ersparnisse sind dahin, während all ihre Freunde die perfekte Hochglanzexistenz führen. Als ein alter Arbeitskollege ihr einen Job als Nachrufschreiberin verschafft, lernt sie die unkonventionelle und lebenslustige Witwe Cricket kennen. Die ungleichen Freundinnen helfen sich gegenseitig, mit dem Abschied von ihrem alten Leben fertig zu werden. Begleitet von Artus, einem riesigen Fellknäuel von Hund, geht Nell endlich ganz eigene Wege. Und trifft unterwegs einen Mann zum Verlieben, wo sie ihn nie vermutet hätte …
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Jon Krakauer „Classic Krakauer”

Jon Krakauer wurde in den 1990er-Jahren mit „In eisige Höhen” und „In die Wildnis” zum Bestsellerautor. Seine Karriere begann allerdings schon früher – als freiberuflicher Autor für die Zeitschriften OUTSIDE, ROLLING STONE, SMITHSONIAN und eine, wie er es nennt, illustre Mischung weniger bekannter Publikationen.  „Classic Krakauer“ vereint sieben, bis jetzt noch nie auf Deutsch erschienene Reportagen aus den Jahren zwischen „Auf den Gipfeln der Welt“ und „In eisige Höhen” sowie zwei weitere Essays jüngeren Datums.

Es zeigt nicht nur das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung, sondern eignet sich durch die voneinander unabhängigen Reportagen auch perfekt für die Fahrt in den Verlag: jede Fahrt eine Reportage.

Jeden Morgen ein anderes Abenteuer: Mal reite ich mit Mark Foo eine berghohe Welle und begreife die Faszination des Big-Wave-Surfens, ein anderes Mal finde ich mich in echter Wildnis wieder – in der Arktis, umgeben von Wölfen und Grizzlys. Krakauer schreibt packend und bildlich, er schafft es, gleichzeitig neutraler Beobachter und emotionaler Erzähler zu sein. Dabei gelingt es ihm, jede Zeile lebendig werden zu lassen. Jennifer Maurer

Classic KrakauerClassic Krakauer
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Die besten Reportagen aus drei Jahrzehnten

Er gehört zur Crème de la Crème des investigativen Journalismus in Amerika – der Bestsellerautor Jon Krakauer schrieb zahlreiche Reportagen und Essays für Magazine wie The New Yorker, Outside oder das Smithsonian. Dieser Band vereint neun dieser packenden Storys und offenbart das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung. Krakauer versetzt uns in atemberaubende und faszinierende Situationen: in eine dramatische Lawinenkatastrophe am Everest, an den Ort eines drohenden Vulkanausbruchs oder in eine Höhle in Mexiko, in der Bedingungen wie auf dem Mars herrschen. Blendend recherchiert und von mitreißender Lebendigkeit zeugt diese Sammlung von Krakauers Liebe zu wilder Natur und seiner unermüdlichen Suche nach der Wahrheit.
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Sachbuchtipp

„„Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“: So bringt Jeremias Thiel die Umstände, unter denen er aufwuchs, auf den Punkt. Als Kind lebte er von Hartz IV; die Eltern Langzeitarbeitslose, die häusliche Situation mehr als schwierig. Mit zehn Jahren geht Jeremias Flaschen sammeln, um sich neue Schuhe kaufen zu können, mit elf verlässt er die Familie auf eigenen Wunsch. Fünf Jahre lang lebt er im SOS-Kinderdorf, bis er 2017 als Stipendiat auf ein internationales College in Freiburg geht. Mit seinem Buch möchte er wachrütteln für die Erkenntnis, was Armut in Deutschland wirklich bedeutet – und zeigen, was sich ändern muss.“

Felicitas von Lovenberg

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Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss

Als Jeremias Thiel elf Jahre alt ist, macht er sich auf den Weg zum Jugendamt. Er hält es zu Hause nicht mehr aus, hat Angst, der Armut und Verwahrlosung, die dort herrschen, niemals entkommen zu können. Seine Eltern sind psychisch krank und leben von Hartz IV, die häusliche Situation ist mehr als schwierig. Von da an lebt er im SOS-Jugendhaus, bis er als Stipendiat auf ein internationales College geht und im Herbst 2019 sein Studium in den USA beginnt. Er ist sich sicher, dass viele, die in ähnlichen Verhältnissen leben, nicht die Möglichkeit haben, sich daraus zu befreien. In diesem Buch erzählt Jeremias seine Geschichte und liefert zugleich einen bewegenden und aufrüttelnden Appell für mehr soziale Gerechtigkeit.
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Ein Buchtipp für Gartenliebhaber

„Frühlingszeit ist Gartenzeit. Überall im Land ziehen Gärtnerinnen und Gärtner nach der langen Winterpause mit leuchtenden Augen in ihr kleines Paradies, um es wieder auch Hochglanz zu bringen. 
Doch Garten ist nicht nur Paradies, Garten ist auch Krieg. Christian Feyerabend mit seinem 300-Quadratmeter-Kleingarten, weiß wovon er spricht: Der Salat ist zerfressen, die Bäumchen wollen nicht grünen und der Gärtner wird übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten. In „Garten ist Krieg. Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können“ spricht Christian Feyerabend allen Hobbygärtnern aus der Seele und liefert auf charmante und sehr humorvolle Art zahlreiche Tipps und Tricks zur Verteidigung des eignen Idylls.“

Eine Buchtipp von Anja Hänsel, Lektorin

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Garten ist KriegGarten ist Krieg

Wie Sie Ihr Paradies gegen Unkraut, Schädlinge und andere Spielverderber verteidigen können

Im Garten gilt wie im Krieg: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen. Unkraut vergeht nicht. Das weiß Christian Feyerabend nur zu gut, denn in seinem Garten existieren gut dreißig Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher finden das grüne Idyll „paradiesisch“. Doch es existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn nur so kann er sich angemessen zur Wehr setzen.„Extrem lustig geschrieben.“ Denis Scheck
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Unsere Buchtipps für Sie

Aktuelle und persönliche Buchempfehlungen von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag
 

„Heinrich Steinfests fünfter und letzter Fall seines österreichischen Detektivs mit chinesischen Wurzeln läuft in der Geschwindigkeit von Blockbustern a lá James Bond oder Mission Impossible ab. Von Wien über London nach Edinburgh, nach Frankfurt und tief hinein in die kargen Weiten Islands. Häuser werden in die Luft gesprengt und der die Ermittlungen auslösende Mordfall bleibt nicht das einzige Ereignis, das Tote fordert.

Doch bei all den rauschenden Kulissenwechseln und teils grotesken Wendungen ist es vor allem das sprachliche Raffinement, das diesem Text seinen Zunder verleiht. Scheinbar ganz Belangloses wird mit einer sprachlichen Tiefe aufgeladen, die mühelos den ein oder anderen (augenzwinkernden) Exkurs in sich verstaut. So nimmt der Text sogar sein Medium selbst in Visier, als er ein skurriles Kochbuch über außerirdische Pilzsorten zum Ermittlungserfolge bringenden Beweismittel erhebt.

Vor allem dank dieser wundersamen Übererfüllung des Genreschemas kann ich „Der schlaflose Cheng” frohen Mutes empfehlen. Eine wirklich faszinierende Lektüre.”

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"Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut. Den restlichen Text musste ich in einem Zug lesen. Förmlich inhalieren. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Diese Millimeterentscheidungen, die in unserem Körper andauernd getroffen werden. Die alles wie ein Wunder erscheinen lassen undgleichzeitig so ungerecht sein können. 
Rainer Jund zeigt uns die unendlichen Facetten, die diese ganzen Patientengeschichten, die uns alle, ausmachen. Und die uns am Ende des Tages nicht nur zu Patienten machen, sondern zu Menschen. Letztlich schafft es jeder auf seine Weise und lässt einen entscheidenden Teil bei uns zurück. Die Lektüre von „Tage in Weiß“ hat mich tief bewegt. Es lässt einen nichts vergessen und trotzdem so viel hoffen."

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Buchblog
02. Oktober 2019
Bücher, die man gelesen haben muss
Was soll man lesen? Denis Scheck, vielfach ausgezeichnete Literaturkritiker, beantwortet diese Frage in seinem neuen Kanon.
Themenspecial
10. November 2020
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Happy Reading: Wir haben die besten Bücher zusammengestellt, die uns glücklich machen. Diese Geschichten erhellen Ihnen den Tag und werden Sie unterhalten, bis endlich der Frühling wieder Einkehr hält.
    Themenspecial
    12. November 2019
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      Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

       

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