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Buchempfehlungen

Persönliche Buchtipps unserer Kolleginnen und Kolleginnen aus dem Verlag

Montag, 18. Februar 2019 von Piper Verlag


Buchtipps 2019

Sachbuch Buchtipp

„Früher teilte man Informationen gern in zwei Kategorien, nämlich in gute und schlechte Neuigkeiten. Heute ist es mit der Einordnung von neuen Fakten für das eigene Leben schwieriger. Informationen sind Massenware geworden, und die allermeisten davon erreichen uns, ohne dass wir bewusst danach suchen. Immerzu konsumieren wir News in Form von Schlagzeilen, Häppchen, Bildern. Gut tut uns das nicht, im Gegenteil:

Diese Art der raschen Informationsaufnahme rund um die Uhr verstellt den Blick für das wirklich Wichtige, sorgt für Stress und blockiert unsere Willenskraft. Der Schweizer Bestsellerautor Rolf Dobelli verzichtet seit Jahren bewusst auf Nachrichtenkonsum – und schildert nun die befreiende Wirkung dieser „Kunst des digitalen Lebens” in seinem neuen Buch aus erster Hand.”

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Die Kunst des digitalen LebensDie Kunst des digitalen Lebens

Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern

Wir sind immer bestens informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir ständig „News“ konsumieren – kleine Häppchen trivialer Geschichten, schreiende Bilder, aufsehenerregende „Fakten“. Der Bestsellerautor Rolf Dobelli lebt seit vielen Jahren gänzlich ohne News – und kann die befreiende Wirkung dieser Freiheit aus erster Hand schildern. Machen Sie es wie er: Klinken Sie sich aus. Radikal. Und entdecken Sie die Kunst eines stressfreien digitalen Lebens mit klarerem Denken, wertvolleren Einsichten und weniger Hektik. Sie werden bessere Entscheidungen treffen – für Ihr Privatleben und im Beruf. Und Sie werden auf einmal mehr Zeit haben, die Sie nutzen können für das, was Sie bereichert und Ihnen Freude macht.

MAN HÄTTE EINE STECKNADEL FALLEN HÖREN KÖNNEN

Am 12. April 2013 lud mich die Redaktion der englischen Zeitung The Guardian ein, die Übersetzung meines damals gerade erschienenen Buchs Die Kunst des klaren Denkens vorzustellen. Jede Woche darf ein Autor kurz sein neues Buch präsentieren, und in jener Woche wurde mir die Ehre zuteil. Chefredakteur Alan Rusbridger trommelte die Redaktion zusammen. Langsam füllte sich der Raum. Etwa fünfzig Journalisten standen da, Morgenkaffee in der Hand, tuschelten und warteten darauf, dass Rusbridger endlich erklären möge, wer dieser in England komplett unbekannte Mensch sei. Meine Frau hatte mich begleitet. Meine Hand umklammerte die ihre – ein Versuch, meine Nervosität in Schach zu halten. Hier waren die besten Köpfe einer weltweit führenden Zeitung versammelt, und ich hatte das einmalige Privileg, ein paar meiner Aperçus aus der Welt der Kognitionswissenschaft zum Besten zu geben – in der Hoffnung, dass einer von ihnen über mein Buch schreiben würde. Nach einem Räuspern hob Rusbridger an und sagte trocken: „Ich war gerade auf Ihrer Webseite und habe Ihren frechen Artikel entdeckt. Sprechen Sie darüber, nicht über Ihr neues Buch.“

Darauf war ich nicht vorbereitet. Auf meiner Zunge lagen eingeübte, hoffentlich überzeugende, wohlformulierte Sätze zur Kunst des klaren Denkens, die idealerweise eins zu eins ihren Weg in den Guardian finden würden. Ich schluckte sie herunter. Der Artikel, den Rusbridger auf meiner Webseite entdeckt hatte, listete die wichtigsten Argumente gegen den Konsum von genau dem auf, was diese weltweit respektierten Profis Tag für Tag produzierten: News. Wohl oder übel legte ich los, tischte Grund um Grund auf, warum man auf das beliebteste Produkt einer ganzen Branche am besten verzichtet. Statt von zuvor fünfzig mir wohlgesinnten Menschen war ich jetzt von fünfzig Gegnern umzingelt. Ich versuchte, möglichst ruhig zu bleiben und das Kreuzfeuer ihrer Blicke auszuhalten. Nach zwanzig Minuten war ich mit meinen Argumenten am Ende und schloss mit dem Satz: „Seien wir ehrlich: Was Sie, meine Damen und Herren, hier betreiben, ist im Grunde Unterhaltung.“

Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Rusbridger kniff die Augen zusammen, schaute sich um und sagte: „Ich möchte, dass wir Dobellis Argumente publizieren. Noch heute.“ Er drehte sich um und verließ den Raum, ohne sich zu verabschieden. Die Journalisten folgten ihm. Keiner schaute mich an. Keiner wechselte auch nur ein Wort mit mir.

Vier Stunden später stand eine Kurzversion meines Artikels auf der Guardian-Webseite. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich 450 Leserkommentare angesammelt – das technische Maximum. Der Artikel „News is bad for you“ wurde paradoxerweise zu einem der meistgelesenen Zeitungsartikel des Jahres.

Das Büchlein, das Sie in den Händen halten, basiert auf eben diesem „frechen“ Artikel. Aber es enthält noch viel mehr: mehr Gründe gegen den News-Konsum, mehr Forschung, was News mit uns anstellen, und mehr Tipps, wie wir die Sucht danach in den Griff bekommen und überwinden. Durch die Digitalisierung haben sich News von einem harmlosen Unterhaltungsmedium in eine Massenvernichtungswaffe gegen den gesunden Menschenverstand verwandelt. Dieser Gefahr gilt es, aus dem Weg zu gehen.

Eins ist mir dabei sehr wichtig: Den News-Konsum einzuschränken bedeutet keinen bitteren Verzicht. Im Gegenteil: Sie werden reich beschenkt – mit viel Zeit und mit einem neuen Blick für das, was wirklich wesentlich ist und uns glücklich macht.

Weil man Bücher gleich zweimal hintereinander lesen sollte, damit man nichts vergisst, habe ich es Ihnen für den zweiten Durchgang leicht gemacht: Lesen Sie die Take-aways. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Rolf Dobelli, im April 2019


1 MEIN WEG ZUM NEWS-VERZICHT – TEIL 1

„Hallo, mein Name ist Rolf, und ich bin ein News-Junkie.“ Gäbe es Selbsthilfegruppen für News-Süchtige, wie es sie zum Beispiel für Alkoholiker gibt, hätte ich mich mit diesem Satz in die Runde gesetzt und auf Verständnis gehofft. Das war vor über zehn Jahren.

Angefangen hatte alles ganz normal. Hineingeboren in eine wunderbare Mittelklassefamilie, wuchs ich mit der üblichen News-Routine auf, die Ihnen bekannt vorkommen wird, wenn Sie ebenfalls in den 70er-Jahren jung waren. Jeden Werktag um 6:30 Uhr hörte ich, wie der Bote die Zeitung durch den Schlitz in den Briefkasten schob. Kurz darauf öffnete meine Mutter die Haustür einen Spalt weit und zupfte die Zeitung mit einer geschickten Handbewegung aus dem Kasten, ohne dass sie einen Schritt nach draußen machen musste. Auf dem Weg zur Küche trennte sie die Zeitung in zwei Teile, legte einen Teil meinem Vater hin (sie bestimmte, welchen) und behielt den anderen Teil bei sich. Während wir alle unser Frühstück genossen, blätterten unsere Eltern die Zeitung durch, tauschten dann die beiden Zeitungsteile, blätterten weiter. Um Punkt 7 Uhr lauschten wir alle den Nachrichten im Schweizer Radio DRS. Kurz darauf machte sich mein Vater zur Arbeit auf und wir Kinder zur Schule. Um 12 Uhr versammelte sich die ganze Familie um den Mittagstisch. Nach dem Mittagessen, um 12:30 Uhr, hatte man ruhig zu sein: Zeit für die Nachrichten im Radio. Dito am Abend, um 18:30 Uhr. Um 19:30 Uhr dann der Höhepunkt des Abends: die Tagesschau des Schweizer Fernsehens.

News gehörten zu meinem Leben wie Ovomaltine zum Frühstück. Und doch hatte ich schon damals das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es erstaunte mich, dass die Zeitung jeden Tag gleich dick und gleich aufgebaut war. Die lokale Zeitung, die meine Eltern abonniert hatten (Luzerner Neuste Nachrichten), bestand aus einem Auslandsteil von einer Seite, einem Wirtschaftsteil von einer Seite, einem Stadt-Luzern-Teil von immer zwei Seiten und so weiter. Dabei spielte es keine Rolle, ob am Vortrag viel oder wenig passiert war. Es gab damals noch keine Sonntagszeitungen auf dem Schweizer Markt. Selbst die Montagsausgabe hatte dieselbe Stärke (sechsunddreißig Seiten), obwohl sie die News von zwei Tagen – Samstag und Sonntag – enthielt. Ich fand das irgendwie seltsam. Aber das galt nicht nur für die Zeitung. Auch die Tagesschau dauerte immer genau gleich lang. Ich fand das merkwürdig. Denn es bedeutete: Was an einem ereignisarmen Tag als wichtig gilt und in die Berichterstattung aufgenommen wird, gilt an einem anderen, prallvollen Tag notgedrungen als unwichtig. „Geht halt nicht anders“, dachte ich – und nicht mehr weiter darüber nach.

Mit den Jahren entwickelte ich mich zu einem unersättlichen Zeitungsleser. Im Alter von siebzehn erreichte diese Begierde nach Nachrichten aus der großen weiten Welt einen ersten Höhepunkt. Damals blätterte ich jede Zeitung, die mir in die Finger kam, von vorne bis hinten durch. Nur den Sportteil ließ ich aus. Während meine Freunde sich im Wald, auf dem Fußballfeld, mit Modellflugzeugen oder mit Mädchen die Zeit vertrieben, verbrachte ich ganze Samstage im Lesesaal der Bibliothek in Luzern. Die Zeitungen waren in einen Holzstock eingeklemmt, damit die losen Seiten nicht auseinanderfielen und man die Zeitung an einem Haken aufhängen konnte. Die meisten Zeitungen waren damals so groß und umfangreich und der Stab so lang und schwer, dass das Handgelenk schon nach kurzer Zeit schmerzte, wenn man in einem der Lesesessel saß. Also setzte ich mich an einen der riesigen Arbeitstische und blätterte die Seiten um, wie ein Priester die Seiten der auf dem Altar liegenden Bibel wendet – nur dass ich jeweils aufstehen und mich über den Tisch bücken musste, um die Berichterstattung am weit entfernten oberen Zeitungsrand zu lesen.

Ich beobachtete, wie sich täglich zur selben Uhrzeit die immer gleichen älteren Herren (fast nie Frauen) in Anzug und Krawatte – was sich im erzkonservativen Luzern an Wochenenden noch gehörte – in der gleichen Weise an die Zeitungen machten. Diese Herren mit ihren Hornbrillen machten auf mich einen höchst intelligenten Eindruck – so klug und belesen wollte ich später auch einmal aussehen. Bei der Zeitungslektüre kam ich mir sogar schon so vor. Ich wähnte mich informiert, unbeeindruckt von den Kleinigkeiten des Alltags, intellektuell auf Flughöhe: Präsidenten, die sich die Hände gaben, Naturkatastrophen, Putschversuche. Das war die große Welt, die Welt, die wirklich zählte – und ich fühlte mich verschmolzen mit ihr.

Während des Studiums rutschte der News-Konsum in den Hintergrund, weil wir Studenten schlicht zu viele Bücher lesen mussten. Doch schon mit dem ersten Job nach der Uni war die Lust auf News wieder da. Als Finanz-Controller für die Swissair saß ich fast täglich in einem Flieger. Wenn die Stewardess mit dem Zeitungsstapel die Runde machte, stürzte ich mich gleich auf alle Titel. Was ich während des Flugs nicht „abarbeiten“ konnte, stopfte ich in meinen Aktenkoffer (genau, so ein eckiges Modell mit Zahlenschlössern links und rechts, wie man sie heute nur noch in billigen Krimis zu sehen bekommt, wo damit Bündel von Dollarnoten transportiert werden), um die World-News später im Hotelzimmer fertig zu lesen. Weil jetzt auch die internationalen Zeitungen und Zeitschriften zu meiner Lektüre gehörten, fühlte ich mich euphorisch. Es kam mir vor, als hätte ich die Kraft, die Welt jeden Tag in all ihren Facetten zu durchleuchten. Ich war selig.


2 MEIN WEG ZUM NEWS-VERZICHT – TEIL 2

Aber es waren nicht nur die Zeitungen, die Zeitschriften, das Fernsehen und das Radio, deren Nachrichten es mir angetan hatten. In den 90er-Jahren kam das Internet auf, und plötzlich gab es noch mehr zu wissen, nein, alles – News aus allen Erdteilen, umfassend, sofort und kostenlos. Ich erinnere mich an den ersten Bildschirmschoner, der nicht irgendwelche langweiligen herumfliegenden Dreiecke zeigte, sondern die aktuellsten Headlines. Er hieß PointCast, und ich konnte stundenlang vor diesem genialen Screensaver sitzen: nonstop Schlagzeilen wie am Times Square in Manhattan, nur eben auf dem eigenen Bildschirm! Parallel dazu rüsteten die großen Zeitungen und Zeitschriften, später auch die Lokalzeitungen, ihre Webseiten auf. Wirklich fertig mit der News-Lektüre war man jetzt nie mehr – man konnte es nicht sein. Es gab immer noch eine Zeitung, deren Schlagzeilen man noch nicht gelesen hatte. Und inzwischen hatten die anderen bereits wieder neue.

Die zweite und dritte Generation der Internet-Browser erlaubten Push-Nachrichten und RSS-Feeds. Ich abonnierte sie alle. Die Zeitungen offerierten tägliche Newsletter. Ich abonnierte auch diese. News-Podcasts kamen auf. Keine Frage: Auch sie durfte ich nicht verpassen. Ich fühlte mich voll am Puls der Zeit, war begeistert, berauscht, betrunken. Es war wie Alkohol. Nur, so dachte ich, nicht verdummend, sondern verschlauend.

In Wahrheit sind News so gefährlich wie Alkohol. Eigentlich noch gefährlicher, denn die Hürde, die Sie als Alkoholtrinker nehmen müssen, ist viel höher. Genauer gesagt: Beim Alkohol ist die Hürde größer als null, bei den News kleiner als null. Sie müssen sich bemühen, Alkohol zu kaufen, es kostet Sie Zeit und Geld. Alkohol wird Ihnen nicht frei Haus geliefert. Und falls Sie tatsächlich Alkoholiker sind und (noch) in einer Beziehung leben, müssen Sie die Flaschen verstecken und die leeren Flaschen so schnell wie möglich loswerden. Das bedeutet Aufwand. Bei den News hingegen haben Sie diesen Aufwand nicht. Nachrichten sind überall, sie sind zum größten Teil kostenlos, und sie schlüpfen automatisch in Ihr Bewusstsein. Sie müssen sie nicht lagern, und es gibt nichts zu entsorgen. Wegen dieser „negativen Hürde“ sind News so heimtückisch. Nur bemerkte ich das erst viel später – erst als ich mir nach Zehntausenden von Nachrichtenstunden diese zwei Fragen stellte: Verstehst du die Welt nun besser? Und: Triffst du nun bessere Entscheidungen? Die Antwort war in beiden Fällen: nein.

Trotzdem spürte ich eine nie nachlassende Faszination für das überwältigende, grelle News-Gewitter. Und dies, obwohl es mich offensichtlich nervös machte. Ständig schoben sich Bruchteile von News-Meldungen vor die Realität, die mich umgab, und ich hatte plötzlich Mühe, längere Texte am Stück zu lesen. Es war, als hätte jemand meine Aufmerksamkeit in winzige Stücke zerschnitten. Ich verfiel in Panik, dass ich meine Aufmerksamkeit nie mehr heilen, dass ich diese Fetzen nie mehr zu einem Ganzen würde zusammenfügen können. Langsam begann ich, mich vom News-Theater zu verabschieden. Ich löschte die Newsletter, die RSS-Feeds und versuchte, mich auf ausgewählte Webseiten zu beschränken (NZZ, Spiegel, New York Times, Financial Times, Wall Street Journal). Doch selbst das war noch zu viel. Also reduzierte ich weiter – von fünf auf vier, auf drei, auf zwei Quellen – und erlaubte mir höchstens drei News-Besuche pro Tag. Auch das funktionierte nicht. Ich hangelte mich wie ein Affe von News-Link zu News-Link und verlor mich bald wieder im endlosen Nachrichtendschungel. Es musste eine radikale Lösung her. Und zwar dringend. Sie lautete: Schluss mit News. Komplett. Radikal. Sofort. Und siehe: Das funktionierte!

Mich von der News-Sucht zu befreien brauchte einiges an Zeit, Experimentierfreudigkeit und Willenskraft. Vor allem suchte ich Antworten auf die folgenden Fragen: Was sind News? Was macht sie so unwiderstehlich? Was passiert im Hirn, wenn wir News konsumieren? Warum sind wir so gut informiert und wissen doch so wenig?

Der radikale Abschied von den News fiel mir doppelt schwer, weil viele meiner Freunde Journalisten sind. Sie gehören zu den intelligentesten, witzigsten und gebildetsten Menschen, die ich kenne. Mehr als das. Sie haben ihren Beruf vorwiegend aus moralischen Gründen gewählt – um die Welt ein Stück gerechter zu machen und den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Dummerweise sind sie heute in einer Industrie gefangen, die mit echtem Journalismus kaum mehr etwas zu tun hat. Das Jonglieren von News ist sinnleer geworden.

Heute bin ich „clean“. Seit 2010 lebe ich gänzlich ohne News und kann die Auswirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Einsichten, weniger Nervosität, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit. Seit 2010 habe ich keine Tageszeitung mehr abonniert, keine Tagesschau mehr gesehen, keine Nachrichten im Radio mehr gehört, mich von keinen Online-News mehr berieseln lassen. Was als Selbstversuch begonnen hatte, ist zu einer Lebensphilosophie geworden. Ich kann Ihnen den News-Verzicht mit gutem Gewissen ans Herz legen. Sie werden bessere Entscheidungen treffen. Sie werden ein besseres Leben haben. Und glauben Sie mir: Sie werden nichts Wichtiges verpassen.


3 NEWS SIND FÜR DEN GEIST, WAS ZUCKER FÜR DEN KÖRPER IST

Was genau sind News? Die einfachste Definition: „Kurznachrichten aus aller Welt“. Ein Busunglück in Australien. Ein Erdbeben in Guatemala. Staatspräsident A trifft Staatspräsident B. Schauspielerin C hat sich von D getrennt. Regierungsumbildung in Italien. Raketenstart in Nordkorea. Eine App, die alle Rekorde bricht. Ein Mann aus Texas verspeist fünf Kilo lebende Würmer. Ein Weltkonzern feuert seinen CEO. Der Tweet eines Politikers. Ein neuer UNO-Generalsekretär. Ein Mann sticht seine Großmutter nieder. Die Nobelpreiskandidaten. Ein Friedensabkommen. Ein Hai beißt einem Taucher die Beine ab. China baut einen neuen Flugzeugträger. Ein Bestechungsskandal. Die EZB warnt vor einer Rezession. Gipfeltreffen der G7, G8, G20, G87, G123. Argentinien ist zahlungsunfähig. Ein Unternehmer wandert ins Gefängnis. Eine Regierung dankt ab. Ein Putsch. Ein Schiffsunglück. Der Schlusskurs des Dow Jones.

Manchmal nennen die Medien diese Kurznachrichten großspurig Breaking News oder Top World Headlines. Das ändert aber nichts daran, dass sie für Ihre persönliche Welt größtenteils irrelevant sind. Ja, Sie können getrost davon ausgehen: je mehr „breaking“, desto belangloser.

„News“ sind – verglichen mit Büchern – eine junge Erfindung. Das Format ist gerade mal 350 Jahre alt. Die erste Tageszeitung kam 1650 auf den Markt – die Einkommende Zeitung in Leipzig. Wenige Jahrzehnte später gab es Hunderte von Tageszeitungen in Europa. Nachrichten waren endgültig zu einem Geschäft geworden. Alles, was das Interesse der Leser schürte und so den Verkauf der Zeitungen förderte, bezeichneten die Herausgeber fortan als „berichtenswert“ – egal ob wichtig oder unwichtig. An diesem fundamentalen Betrug – das Neue wird als das Relevante verkauft – hat sich bis heute nichts verändert. Es bleibt das dominante Modell, egal ob gedruckte Zeitung, Online-News, Social-Media-News, Radio oder Tagesschau im Fernsehen.

Was sich seit der ersten Zeitung verschärft hat, ist die Unverfrorenheit, die Vehemenz, die Lautstärke, mit der das Neue als das Relevante angepriesen wird. In den letzten zwanzig Jahren, mit der Etablierung des Internets und des Smartphones, hat sich die Sucht nach News zu einer gefährlichen Manie entwickelt. Man kann den News kaum mehr entfliehen. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Einstellung zur News-Flut überdenken. Es ist höchste Zeit, dass wir die Auswirkungen des News-Konsums erkennen und eine Detox-Kur einleiten.

Das Gegenprogramm zu den „News“ sind die langen Formate: lange Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Essays, Features, Reportagen, Dokumentarsendungen und Bücher. Viele dieser Inhalte sind wertvoll, liefern neue Erkenntnisse und Hintergrundinformationen. Doch Vorsicht: Diese Formate sind noch lange keine Garantie für Relevanz. Solange sie in Medien erscheinen, die sich hauptsächlich über Werbung finanzieren, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie den Neuigkeitswert über die Relevanz stellen. Weil ich mir nicht jedes Mal den Kopf darüber zerbrechen will, ob ein langer Artikel als wertvoll oder wertlos zu bewerten ist, verzichte ich gänzlich auf die Lektüre von Zeitungen (Print und Online), auf Radio und Fernsehen. Hinzu kommt, dass viele dieser langen Qualitätsformate ohnehin von einem Konfetti-Regen aus gehaltlosen Kurznachrichten umgeben sind. Mit anderen Worten: Sie sind oft news-verseucht. Und ich mag nicht aus verseuchten Quellen trinken. Zugegeben, ein radikaler Weg. In den nächsten Kapiteln zeige ich Ihnen, wie auch Sie ihn beschreiten können, um sich von den toxischen News zu befreien.

Unbestreitbar bleibt: Das Kurzfutter der täglichen News ist nicht nur komplett wertlos, sondern sogar schädlich. In den letzten Jahrzehnten haben wir viele Gefahren erkannt, die mit falscher Ernährung einhergehen: Insulinresistenz, Übergewicht, Anfälligkeit für Entzündungen und Müdigkeit. All das kann bis zu einem verfrühten Tod führen. Wir haben unsere Ernährung umgestellt und gelernt, den verführerischen Reizen von Zucker und anderen einfachen Kohlenhydraten zu widerstehen. In Bezug auf News sind wir heute an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Zucker und Fast Food vor zwanzig Jahren standen, denn: News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich. Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissen aber keineswegs stillen. Anders als bei Büchern und langen, gut recherchierten Artikeln stellt sich beim News-Konsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen – und doch bleiben sie billige Zuckerbonbons. Die Nebenwirkungen zeigen sich – wie beim Zucker, Alkohol, Fast Food oder Rauchen – erst mit Verzögerung.

Eine gesunde Ernährung ist wichtig für den Körper, aber ebenso wichtig ist eine gesunde geistige Ernährung. Dieses Manifest soll ein Gegenprogramm zum All-you-can-eat-Menü der täglichen News sein. Und übrigens: Wenn Sie es schaffen, dieses Buch zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Denn dann gehören Sie noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumiert haben, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben. Halten Sie also durch. Entzugstherapien sind immer hart. Doch sie lohnen sich.

„Heinrich Steinfests fünfter und letzter Fall seines österreichischen Detektivs mit chinesischen Wurzeln läuft in der Geschwindigkeit von Blockbustern a lá James Bond oder Mission Impossible ab. Von Wien über London nach Edinburgh, nach Frankfurt und tief hinein in die kargen Weiten Islands. Häuser werden in die Luft gesprengt und der die Ermittlungen auslösende Mordfall bleibt nicht das einzige Ereignis, das Tote fordert.

Doch bei all den rauschenden Kulissenwechseln und teils grotesken Wendungen ist es vor allem das sprachliche Raffinement, das diesem Text seinen Zunder verleiht. Scheinbar ganz Belangloses wird mit einer sprachlichen Tiefe aufgeladen, die mühelos den ein oder anderen (augenzwinkernden) Exkurs in sich verstaut. So nimmt der Text sogar sein Medium selbst in Visier, als er ein skurriles Kochbuch über außerirdische Pilzsorten zum Ermittlungserfolge bringenden Beweismittel erhebt.

Vor allem dank dieser wundersamen Übererfüllung des Genreschemas kann ich „Der schlaflose Cheng” frohen Mutes empfehlen. Eine wirklich faszinierende Lektüre.”

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"Bei der Widmung hatte ich bereits Gänsehaut. Den restlichen Text musste ich in einem Zug lesen. Förmlich inhalieren. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Diese Millimeterentscheidungen, die in unserem Körper andauernd getroffen werden. Die alles wie ein Wunder erscheinen lassen undgleichzeitig so ungerecht sein können. 
Rainer Jund zeigt uns die unendlichen Facetten, die diese ganzen Patientengeschichten, die uns alle, ausmachen. Und die uns am Ende des Tages nicht nur zu Patienten machen, sondern zu Menschen. Letztlich schafft es jeder auf seine Weise und lässt einen entscheidenden Teil bei uns zurück. Die Lektüre von „Tage in Weiß“ hat mich tief bewegt. Es lässt einen nichts vergessen und trotzdem so viel hoffen."

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Eine Buchempfehlung über Identität und Heimat

„Heimat ist angeblich da, wo das Herz wehtut. Aber stimmt das? Gibt es die deutsche Identität überhaupt, und wenn ja, kann sie nach den nationalsozialistischen Verbrechen überhaupt noch etwas Positives sein? Ulrich Wickert, der leidenschaftliche Europäer und Homme de Lettres, macht sich in seinem neuen Buch auf die Suche nach einem Gefühl, mit dem sich viele Menschen schwertun, und fragt, woher Identität rührt, was sie bestimmt und welche Rolle dabei die Deutsche Einheit, die Islamdebatte oder Einwanderungspolitik spielen. In seinem Plädoyer „Identifiziert euch!” zeigt Ulrich Wickert erstaunliche Zusammenhänge auf und hält unserer verunsicherten Gesellschaft den Spiegel vor.”

Felicitas von Lovenberg

Blick ins Buch
Identifiziert euch!Identifiziert euch!

Warum wir ein neues Heimatgefühl brauchen

Der bekannte Journalist erklärt, warum wir Heimat neu definieren müssenMarode Brücken, fehlender Digitalausbau, Verkehrskollaps – und die Politik berauscht sich an der schwarzen Null. Unterdessen hetzen nationalistische Demagogen Bürger auf und vergrößern die Gräben. Rechts gegen Links, Ost gegen West, Stadt gegen Land. Die Probleme sind zahlreich, Taten folgen nicht. Ulrich Wickert fordert: Um endlich wieder handlungsfähig zu werden, müssen wir uns mehr mit den Werten identifizieren, die uns ausmachen.Von Politik über Religion bis Literatur und Geschichte liefert er eine Neubewertung unserer Identität und definiert einen neuen Heimatbegriff. Wickert zeigt dabei, was Bürger unterschiedlichster Herkunft als Deutsche eint. Denn in Zeiten undemokratischer Entwicklungen muss sich jeder verantwortlich fühlen für den Zustand unseres Landes.

Was mich antreibt

Der Zustand unserer Gesellschaft macht mir Sorgen. Sie droht auseinanderzufallen. Einerseits wächst die Uninformiertheit im politischen Leben, anderseits bedrohen Gewalt, Egoismus und Individualismus im zivilen Leben den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Was ist das für ein Land, in dem Juden vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung empfohlen wird, die traditionelle Kopfbedeckung der Kippa in der Öffentlichkeit nicht zu tragen, um nicht körperlichen Angriffen ausgesetzt zu werden? Stattdessen müsste der Staat doch versprechen: Hier ist jeder sicher, und wir sorgen dafür! Da wird der Regierungspräsident Walter Lübcke kaltblütig mit einem Kopfschuss ermordet, mutmaßlich von einem Neonazi, und plötzlich stellt sich heraus: seit Jahren werden besonders Kommunalpolitiker mit dem Tode bedroht. Und der Staat sagt es ihnen in einigen Fällen noch nicht einmal. Es ist nicht neu, dass Verfassungsschutz und Sicherheitsbehörden versagen, wenn es um rechtsradikale Hassbeschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen gegen Politiker geht. Und die Justiz zeigt sich merkwürdig tolerant. Der Leipziger Oberbürgermeister und Präsident des Deutschen Städtetages klagt: „Ich vermisse hier eine klarere Haltung des Staates.“

Es läuft gerade etwas ganz grundsätzlich falsch.

Die Frage, was eine Gemeinschaft ausmacht und was sie zusammenhält, hat mich schon früh in meiner journalistischen Laufbahn beschäftigt. Es ist einerseits das Bekenntnis zu gemeinsam erarbeiteten gesellschaftlichen Regeln, genannt Werte und Tugenden, es hat anderseits auch mit Gefühlen zu tun. Denn bei vielen Menschen spielt das Gefühl eine wichtige Rolle, das ergänzt wird – wenn es gut geht – durch die Vernunft. Beides hängt mit der Suche nach Heimat und dem Wissen um eine gemeinsame, auch kollektive oder nationale Identität zusammen.

Ganz unbewusst habe ich früh ein Heimatgefühl gespürt. Die ersten sieben Schuljahre habe ich in Heidelberg verbracht. Es war eine glückliche Zeit, im Mai sammelten wir Hunderte von Maikäfern in Schuhkartons, im Herbst briet uns die eine oder andere Mutter Esskastanien in der Pfanne; Maronen, die wir im Wald auf dem Heiligenberg zusammengerafft hatten. Doch dann zogen wir, ich war gerade 13 Jahre alt, wegen des Berufs meines Vaters nach Paris. Das war 1956, in einer Zeit, in der man von Heidelberg nach Paris mit dem Auto zwölf Stunden fuhr, mit der Bahn war es auch eine Tagesreise. Also keine Zeit, in der man mal eben für ein Wochenende jemanden von Paris aus in Heidelberg besuchte – oder umgekehrt. Ich verließ meine Kumpel aus der Schule und die „Straßenbande“ in der Handschuhsheimer Landstraße mit einem melancholischen Gefühl.

Heidelberg besuchte ich erst wieder fünf Jahre später nach dem Abitur, das ich wegen vieler Umschulungen merkwürdigerweise sogar ein Jahr vor meinen ehemaligen Klassenkameraden in Heidelberg bestanden hatte. Ich erinnere mich heute noch, wie ich ihnen damals bei einem Besuch klagte, am liebsten wäre ich in Heidelberg geblieben, wo mich ein heimatliches Gefühl berührte, weil wir eine verschworene Gemeinschaft gebildet hatten – und jede Ecke der Stadt und der umliegenden Wälder kannten. Sie aber lachten mich aus und sagten: „Wie haben wir dich beneidet. Wir wären alle gern ins aufregende Paris gezogen.“

Der Begriff Heimat wurde damals in der Politik häufig diskutiert, denn Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostpreußen, aus Schlesien, dem Sudetenland und anderen Gebieten veranstalteten den »Tag der Heimat«, an dem 1956 Vertriebenenminister Theodor Oberländer, ein Alt-Nazi, der schon am Hitlerputsch am 9. November 1923 in München teilgenommen hatte, bekräftigte, dass die Bundesregierung die Forderung der Vertriebenen nach ihrem Heimatrecht unterstütze. Deren Heimatbegriff mag heute noch die AfD vertreten, doch mich beschäftigt ein neues Heimatgefühl. Bezieht sich der Heimatbegriff der AfD doch weitgehend auf die Erde, die Scholle, die Vergangenheit, so gründet das neue Heimatgefühl auf dem kritisch erarbeiteten Wissen um die Geschichte und vielen anderen Elementen, die in so manch einem Fall überhaupt nichts mehr mit dem Ort der Herkunft gemein haben. Heimat mag man als Wort ablehnen, sie bleibt trotzdem ein Grundgefühl der meisten Menschen.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich gelernt habe, dass nicht allein das Gefühl für Heimat hilft, eine Gemeinschaft zusammenzuhalten. Und es ist auch nicht verwunderlich, dass mich diese Erkenntnis in Frankreich ereilte, wo ich drei Jahre in eine französische Schule ging und zehn Jahre lang als ARD-Fernsehkorrespondent arbeitete. Ich begann ein Volk zu bewundern, das – ganz anders als die Deutschen – in sich ruht, weil es sich zu seiner Identität bekennt und mit ihr eins zu sein scheint.

In den Achtzigerjahren veröffentlichte der französische Historiker Fernand Braudel, berühmt wegen seiner Universalgeschichte des Mittelmeerraumes, sein Alterswerk mit dem Titel L’Identité de la France – die Identität Frankreichs. In Deutschland erschien es unter dem Titel Frankreich. Der deutsche Verlag verzichtete auf den Begriff Identität, wohl wissend, dass er in Deutschland umstritten ist.

Nationale Identität wird von Braudel nicht politisch, weder rechts noch links, interpretiert, weil dies nicht seiner Definition entspricht. Und dem schließe ich mich voller Überzeugung an. Nationale Identität ist für den Historiker »das lebendige Resultat alles dessen, was die unbeendbare Vergangenheit in aufeinanderfolgenden Schichten geduldig deponiert hat – ganz so, wie die kaum wahrnehmbaren Ablagerungen des Meeres mit der Zeit die mächtigen Aufwerfungen der Erdkruste gebildet haben«.

Wenn ich in Deutschland gegenüber meinen Gesprächspartnern das unverbrüchliche Bekenntnis der Franzosen zu ihrer Identität lobte, wohl weil ich mir – vielleicht ein wenig naiv – das Gleiche für mein Land, für die Deutschen wünschte, erfuhr ich Misstrauen und Ablehnung. Der kluge Rechtsprofessor, SPD-Politiker und zeitweise Kanzleramtsminister von Willy Brandt, Horst Ehmke, mit dem ich gern stritt, hielt davon gar nichts. Noch in der Hauptstadtdebatte im Juni 1991 im Bundestag sagte er zur deutschen Identität: „Ich liebe dieses Wort nicht besonders, weil es auf die Kategorien von Vergangenheit und Geschlossenheit rekurriert. Ich rede lieber von Selbstverständnis. Die Deutschen sind ja nicht seit Hermann dem Cherusker ein und dieselben geblieben.“ Für ihn war Identität offenbar das, was sie heute noch für Vertreter der AfD und andere Rechtsradikale ist, wie etwa auch jene, die sich die Identitären nennen, übrigens eine Bewegung, die aus Frankreich stammt. Identität lässt sich leicht missbrauchen. Die rechte Gruppierung im 2019 neu gewählten Europaparlament nennt sich deshalb auch „Identität und Demokratie“. Denn selbst gebildete Leute missverstehen Identität häufig als eine reaktionäre Aussage wie – ich will es leicht ironisch formulieren – „Alle Deutschen sind Germanen. Ausländer raus.“

Eine gewisse Verzweiflung überkam mich deshalb, als Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1994 kurzerhand die Existenz einer deutschen Identität abstritt. Er sagte: »Wer über dieses Thema spricht, von dem werden heute mehr Wehklagen als Aussagen erwartet. Aber daran will ich mich nicht beteiligen, zumal ich immer noch keinen gefunden habe, der mir erklären könnte, was ›nationale Identität‹ eigentlich ist – ›nationale Identität‹, die uns angeblich fehlt und die wir angeblich dringend benötigen.« Ich vermute, dass auch er dem Irrglauben verfallen war, „nationale Identität“ entspringe dem Wortschatz der Vergangenheit. Was aber nicht der Fall ist.

Man mag auch die Existenz einer nationalen Identität ablehnen. Sie besteht trotzdem und ist zusammen mit dem Heimatgefühl ein wesentlicher Grundstein für eine funktionierende Gemeinschaft! Deshalb sollten wir uns zu einem neuen Heimatgefühl und zu unserer kollektiven Identität bekennen, um unser Land in eine vernünftige und sichere Zukunft führen zu können. Deshalb meine Bitte: Identifiziert Euch!


Es ist höchste Zeit!

Wir müssen ran! Und zwar schleunigst. Wenn wir jetzt nicht handeln, zerbröselt Deutschland im Burn-out. Ganz selbstgefällig.

Wir müssen unsere Ängste überwinden, der Wirklichkeit ins Auge schauen und allen Mut zusammennehmen, um das, was unsere Gesellschaftsordnung bedroht, zu bekämpfen.

Wir scheinen vergessen zu haben, dass in einer Demokratie jeder Bürger Verantwortung für den Zustand der Gesellschaft hat, in der er lebt.

 

Nun mal langsam: Bitte keinen Alarmismus!

Was ist denn los? Ist es wirklich so schlimm?

Die Lage in Deutschland ist merkwürdig widersprüchlich: Einerseits geht es dem Land so gut wie lange nicht mehr. Anderseits fühlen wir, dass die gesellschaftlichen Herausforderungen und Verwerfungen stärker werden.

Auf der einen Seite stellen wir fest: Die Arbeitslosigkeit sinkt in jeder monatlichen Meldung stets auf ein noch niedrigeres Niveau, um das ganz Europa die Deutschen beneidet. Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte. Steuereinnahmen sind jahrelang gesprudelt. Die Rücklagen der Sozialkassen sind immens, der Staat macht keine Schulden mehr. Geld, so sagen die Banken, sei im Überfluss vorhanden, weshalb es zu so billigen Zinsen verliehen wird, dass Hauskredite unter zwei Prozent liegen, woraufhin der Wert von Immobilien rasend steigt. Macht aber nichts, denn es scheint tatsächlich so, als sei Geld genug vorhanden. Flughäfen können den Ansturm der Urlaubsreisenden bei Ferienbeginn kaum noch bewältigen, die Haushaltsrealeinkommen steigen laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung stetig, und die Einkaufszentren sind voll.

Doch der Schein trügt, denn es gibt durchaus Anlass für Klagen. Und zwar in sehr vielen Bereichen: Mit dem steigenden Wohlstand hat sich nämlich auch die Ungleichheit verschärft. Die Schere geht auf. Millionen Menschen verdienen in Deutschland zu wenig, um die Familie ernähren zu können – die Haushaltsrealeinkommen der untersten 10 Prozent sanken in den letzten Jahren sogar. Seine Familie ernähren zu können, hatte schon im 18. Jahrhundert Adam Smith, Vater der klassischen Nationalökonomie, in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen als Maßstab für einen gerechten Lohn bezeichnet. Der Mindestlohn müsse auf mindestens zwölf Euro die Stunde erhöht werden, erklärte selbst Bundesfinanzminister Olaf Scholz in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aber es geschieht nichts, während die bereits hohen Gehälter von DAX-Vorständen – nach einer Studie der Unternehmensberatung hkp im Schnitt 7,51 Millionen Euro – jährlich steigen.

Geld sei im Überfluss vorhanden, sagen die Banken, aber Einkommen und Vermögen in Deutschland sind ungerecht verteilt. Mittlerweile verdienen die DAX-Manager im Vorstand im Schnitt das 71-Fache eines durchschnittlichen Angestellten, hat die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im März 2019 hin festgestellt. Die höchste Vergütung bekommen Vorstandsvorsitzende. Bei ihnen ist der Abstand zur Belegschaft noch größer. Zwölf Unternehmen zahlen dem (männlichen) Vorstandschef mindestens das 100-Fache des durchschnittlichen Gehalts. Die Post liegt dabei ganz vorne: Ihr Chef Frank Appel verdient das 232-Fache seiner Mitarbeiter, so eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Gleichzeitig aber spart die Post bei den Briefträgern und liefert mancherorts schon nicht mehr jeden Tag die Post aus.

Die Politik in Deutschland hat es seit Bestehen der Bundesrepublik versäumt, der ärmeren Hälfte der Bevölkerung zu helfen, Vermögen aufzubauen. Das würde am besten über Immobilien gelingen. Doch anders als in Großbritannien oder in den sozialdemokratisch geführten Ländern Skandinaviens hat die SPD sich stets dagegengewandt, Wohnungseigentum für Arbeiter zu fördern. Als ich den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) auf das britische Beispiel hinwies, wo fast 80 Prozent der Familien ein Haus besitzen, das ihnen als Finanzreserve für das Alter dient, wiegelte er ab, in Deutschland sei das Sparbuch wichtiger. Aber wer spart, erhält seit langer Zeit keine Zinsen mehr.

 

Mit dem Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) diskutierte ich über die, wie ich fand, merkwürdige Steuererleichterung für Schiffsinvestitionen. Wer 100 000 Euro in ein Schiff investierte, erhielt 50 000 Euro Steuererleichterung. Das konnte ein Normalbürger doch niemals nutzen. Da meinte Voscherau, die Steuererleichterung verlangten die Hamburger. Nun, diese Forderung kam nur von manchen: den Hamburger Reedern oder „reichen Pfeffersäcken“, wie Hanseaten ihre Kaufleute nennen. Der durchschnittlich verdienende Hamburger konnte sich solch einen Luxus, in ein Schiff zu investieren, um Steuern zu sparen, gar nicht leisten. Allerdings brach das System der steuerbefreiten Schiffsinvestitionen zusammen, als es nach der Finanzkrise 2008 plötzlich allzu viele Containerschiffe gab. Die reichen Reeder hatten sich Unsummen für Schiffsinvestitionen etwa bei der HSH-Nordbank, die den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehörte, geliehen. Die Bank machte pleite, weil viele Schiffskredite nicht zurückgezahlt werden konnten. Das kostete den Steuerzahler allein in Schleswig-Holstein bis zu sieben Milliarden Euro, jene in Hamburg noch einmal das Gleiche, während die insolventen Reeder die durch Steuererleichterungen gewonnenen privaten Millionen längst in Sicherheit gebracht hatten und weiterhin über Hochseejachten und große Villen verfügten.

 

Das ist ungerecht! Und der durchschnittlich verdienende Bürger sollte es nicht hinnehmen. Erstaunlicherweise gab es nur wenig Protest. Wie so oft. Woran liegt das? Sind die Deutschen zu satt?

Deutschland leidet heute noch unter dem neoliberalen Wirtschaftsdenken, das in den Achtziger- und Neunzigerjahren aus den USA nach Deutschland kam. Der damalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, verkündete 2003, seine Bank müsse eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erwirtschaften.

Zu seiner Verteidigung: er meinte 25 Prozent vor Steuern, das bedeutet 15 Prozent nach Steuern, aber vom neoliberalen Denken besoffen, hielt niemand Ackermanns Ziel für unrealistisch. Die Wirklichkeit holte die Bank ein. Heute liegen die Aktien der Deutschen Bank schon fast auf Ramschniveau.

Denn die Sucht nach Gewinn wurde von Gier getrieben. Banken, Anwälte, Finanzmakler, Investoren dachten sich immer neue, häufig illegale Methoden aus, Geld zu vermehren. Inzwischen lesen wir jeden Tag über neue Betrügereien aus der Finanzwelt.

Allein für die Strafen wegen der Täuschung von Anlegern rund um ausgefallene Immobilienkredite vor dem Ausbruch der Finanzkrise musste die Deutsche Bank in verschiedenen Strafverfahren knapp zehn Milliarden Dollar zahlen, hinzu kommen weitere Milliardenstrafen wegen Geldwäsche – und das ist nicht alles.

Diese Summe muss man sich vorstellen: Weit mehr als zehn Milliarden Euro! Der Jahreshaushalt des Stadtstaates Hamburg im Jahr 2019 umfasst gerade mal 15 Milliarden Euro. In deutschen Gefängnissen sitzen rund Tausend Schwarzfahrer, weil sie einen Schaden von einigen Tausend Euro verursacht haben. Da frage ich mich: Wie viele Mitarbeiter der Deutschen Bank sind eigentlich im Gefängnis gelandet – bei der Milliardenschadenssumme?

Jeden Tag kann ich mich morgens ärgern, wenn ich die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen aufschlage. Sie lesen sich wie Pressemitteilungen der Kommissariate für Wirtschaftskriminalität. Achten Sie einmal darauf! So meldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 19. Dezember 2018: „Die deutsche Justiz rüstet auf, um der wachsenden Strafverfahren im Zusammenhang mit den umstrittenen ›Cum-Ex‹-Steuertricksereien Herr zu werden. Das Landgericht Bonn hat dazu eigens eine zusätzliche Strafkammer eingerichtet.“ Bankmanager und Börsenhändler hatten durch betrügerische Steuererklärungen den Staat um mehrere Milliarden Euro betrogen. Allein die Hypo-Vereinsbank, einmal erwischt, hat freiwillig den Schaden von 113 Millionen Euro nachträglich erstattet! Einem Prozess entgeht sie dadurch trotzdem nicht.

 

Gier trieb die Finanziers und Banker in ihrem Handeln an – und ihr Denken wurde von der Politik übernommen. Auch hier ging es immer mehr ums Geld: Plötzlich wurde es modern, staatliche Einrichtungen zu privatisieren. Städtische Krankenhäuser wurden verkauft, damit ein Investor sie „schlanker“ führen konnte. Was nichts anderes heißt als: weniger Personal, weniger Gehalt, mehr Gewinn.

Die Bundesregierung wollte die Deutsche Bahn privatisieren und an die Börse bringen, weshalb nicht mehr in Reparaturen und Modernisierung investiert, sondern an allem gespart wurde: Gewinn musste eingefahren werden. Die Folge: Heute ist die Bahn ein marodes Unternehmen, dem es an Zügen, Personal und vor allem moderner Infrastruktur fehlt – so der Bundesrechnungshof Ende 2018. Das alles geht zulasten der Kunden, die unter ausfallenden Zügen oder ständigen Verspätungen leiden.

Reden wir erst gar nicht von der Unfähigkeit der Politik, einen Großflughafen in Berlin zu bauen!

 

Noch ein Beispiel: Selbst in einem Bundesland, in dem der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann einst verbeamteter Gymnasiallehrer war, werden mit angestellten Lehrern zeitlich begrenzte Verträge abgeschlossen, die meines Erachtens wider die guten Sitten sind. „Mit den Ferien kommt die Entlassung“ titelte der Spiegel Anfang Juli 2018. 2019 wird es kaum anders sein. Am Ende eines Schuljahres läuft die Anstellung aus. Dann sind die Lehrer während der Sommerferien arbeitslos und müssen Sozialleistungen beantragen. Einen neuen Vertrag erhalten sie erst – wenn sie Glück haben – zu Beginn des nächsten Schuljahres. Ich finde es erstaunlich, dass es gegen solch menschenverachtendes staatliches Vorgehen keine Revolte gibt. Denn dieses Verhalten des Staates verdient einen größeren Aufstand als beispielsweise gegen den Bahnhofsbau Stuttgart 21. Es geht darum, die Politik zu zwingen, anständig zu handeln.

Neoliberales Gewinnmachen predigt: Sparen bei staatlichen Investitionen. Schulen, Straßen, Autobahnen, Brücken. Sparen bei Personalkosten. Lehrern, Polizisten, Pflegepersonal. Überall muss wegrationalisiert und verschlankt werden.

Dem Gemeinwesen geht es nicht gut. Es gibt nur wenige, die protestieren, allzu oft am linken oder rechten Rand und ohne tragbare Gegenvorschläge. Und die Mehrheit der Bürger schluckt es – ist träge Masse –, statt sich zu empören und Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung, die auch in Protest liegen kann und in Vorschlägen für bessere Alternativen liegen muss.

Aber warum ist das so?

Eine Thriller Buchtipp

„Niklas Natt och Dag schafft es meisterhaft, den Kriminalfall, die Schicksale der Figuren und die Atmosphäre zu einem so packenden Ganzen zu verweben, dass man das Gefühl hat, sich selbst im Jahr 1793 zu befinden. Überall herrschen Armut und Paranoia, Gewalt und Krankheit bestimmen das Leben der einfachen Leute. Fast kann man die schrecklichen Zustände unmittelbar vor sich sehen.

Die atmosphärisch dichten Beschreibungen Stockholms zu dieser Zeit gehen unter die Haut, und die Einzelschicksale erschüttern bis ins Mark. Ja, stellenweise tun die Schilderungen sogar weh. ‚1793‛ greift ein Setting auf, das es auf dem Buchmarkt so noch nicht gibt: Stockholm im 18. Jahrhundert. Wir lernen die Stadt ‚von unten‛ kennen, bekommen beispielsweise Einsicht in das Gefängnisleben, in die Gosse, in Bordelle und Spelunken. Spannungsleser sind immer wieder auf der Suche nach neuen Schauplätzen – und bei diesem Roman kommen sie definitiv auf ihre Kosten.“

Isabell Spanier, Lektorat Unterhaltung

 

Blick ins Buch
17931793

Roman

„Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ Arne Dahl Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für „besondere Verbrechen“ zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden„Stellen Sie sich ›The Alienist – Die Einkreisung‹ im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. ›1793‹ ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!“ A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von „The Woman in the Window“)

Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.

1.
„Häscher Mickel! Wachen Sie auf!“
Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.
Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter – da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.
„Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!“
Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.
Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.
Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst – und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.
Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.
„Was zur Hölle ist hier los?“
Das Mädchen – das ältere der beiden Kinder – antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.
„Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.“
In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.
„Und was hab ich damit zu tun?“
„Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.“
In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.

Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.
„Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.“
Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind – das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.
„Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!“
„Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!“
Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.
„Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.“
Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.
„Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.“
Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.
Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.
Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.
Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt – drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.
Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.
Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.
Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.
„Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!“
Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.

Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.
Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.
Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren – seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.

Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.
„Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?“
„Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund – Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.“
Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.
„Da.“
Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.
„Pfui Teufel!“
„Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.“
Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.

2.
Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.
Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.
Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.
Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.
Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar – jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.
Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.

Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.
Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.
Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.
„Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.“
Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.
„Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen – und sie Ihnen –, in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.“
Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.
„Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen – kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.“
„Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.“
Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.
„Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten – es ist anders gekommen.“
Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
„Es hätte funktionieren müssen.“
Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.
„Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau – beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.“
Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.
„War sie allein?“
Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.
Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.
Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.
„Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.“
Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.
„Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?“
Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.

Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.
Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt – jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen – einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.

Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius’ Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.
„Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.“
Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.
„Also?“
„Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?“
„Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.“
Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.
„Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.“
„Ach ja?“
Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.
„Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.“
Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.
„Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.“
Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.“
Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.
„Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.“
Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.
„Kauf Brot davon“, ruft Winge ihm nach, „und keinen Branntwein!“
Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: „Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!“
Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.

Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.
„Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.“
Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.
„Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.“
Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.
„Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings … Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.“
„Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.“
Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.
„Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“
Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.
„Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil … aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?“
Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen – vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.
„Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.“

3.
So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.
Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.
„Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.“
„Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.“
Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.
Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.
Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.
„Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.“
Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.
„Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?“
Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.
„Wenn es nur so wäre … Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.“
„Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.“
Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.
„Mein Name ist Cecil Winge.“
Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.
Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen – Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.
Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.
Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.
„Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?“
„Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?“
Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.
„Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm … Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.“
Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.
„Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.“

In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.
„Herr Winge?“
„Ja.“
„Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.“
„Weisen Sie uns den Weg.“
„Einen Augenblick bitte.“
Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.
„Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.“
Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.
Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.
„Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.“
Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.
„Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen … Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre … ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.“
Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.
„Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.“
Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.
„Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?“
Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.
„Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?“
Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.
„Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.“
Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.
„Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?“
Schwalbe runzelt die Stirn.
Winge dreht sich zu Cardell um.
„Wie wäre es mit Karl?“
Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.
„Ja. Karl. Karl Johan.“
Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.
„Hervorragend. Und damit gute Nacht – selbst wider besseres Wissen –, Herr Winge und Herr …?“
„Cardell.“
Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: „Und Herr Karl Johan.“

Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt – oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.
„Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.“
Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.
„Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.
„Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.“
Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.
„Das tut mir leid.“
Cardell schnaubt vernehmlich.
„Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.“
„Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?“ Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: „Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?“
Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.
„Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.“
Winge nickt.
„Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.“
Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.
Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.
Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.
„Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?“
Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.
„Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken – das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus … Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.“
„Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?“
„Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass … Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.“
Winge nickt nachdenklich.
„Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?“
Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.
„Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.“
Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.
„Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?“
„Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.“
„Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade … Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.“
Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.
„Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?“
„Reichen Sie mir das Licht.“
Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.
„Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein … vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.“
„Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne … und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.“
Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf.
Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.
„Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.“
Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.“
Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.
„Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.“
Winge geht auf die Tirade nicht ein.
„Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.“
Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.
„Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen – wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.“
Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.
„Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert – Sie werden allein damit umgehen müssen.“
Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.
Trotzdem hat er sich entschieden.
„Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.“

Ursula März „Tante Martl”

„In ihrem ersten Roman 'Tante Martl' erzählt die Journalistin Ursula März mitfühlend, aber durchaus auch humorvoll, von einem Frauenleben der Nachkriegsgeneration in der pfälzischen Provinz.

Auf den ersten Blick wirkt Tante Martl unscheinbar. Doch wer genauer hinschaut, erkennt in ihr eine außergewöhnliche Frau. Geboren als dritte Tochter, ist Martl die ungeliebte Jüngste. Der Vater, der eigentlich einen Sohn wollte, ist zeitlebens enttäuscht, dass das dritte Kind kein Junge ist. So steht Martl immer im Schatten ihrer älteren Schwestern und wird nicht selten von der Familie drangsaliert. Während ihre Schwestern schließlich eigene Familien gründen, verbringt Martl ihr ganzes Leben im Elternhaus in der pfälzischen Provinz, pflegt die Eltern, opfert sich auf. Doch sie arbeitet auch als Volksschullehrerin, verreist, kauft sich ein Auto, sorgt für sich selbst. Und bekommt im hohen Alter sogar noch einen Fernsehauftritt.

Ursula März ist eine hervorragende Erzählerin und bringt dem Leser Tante Martl mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten - das ist teils komisch, teils tragisch - so nahe, dass man am Ende des Romans traurig Abschied nimmt.

Ein höchst lesenswerter und unterhaltsamer Roman und ein feinsinniges Porträt einer bemerkenswerten Frau.”

Stefanie Hoever, Pressereferentin 

 

Tante MartlTante Martl

Roman

Tante Martl ist scheinbar unscheinbar, in Wahrheit aber ganz besonders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Telefonanrufe eröffnet: mit einem Stöhnen, dem ein unerwarteter Satz folgt. Geboren als dritte Tochter eines Vaters, der nur Söhne wollte, ist Martl die ungeliebte Jüngste, die keinen Mann findet, dafür aber einen Beruf als Volksschullehrerin. Nie verlässt sie die westpfälzische Kleinstadt, in der sie geboren wurde, ja nicht einmal ihr Elternhaus. Und obwohl sie ihren Vater jahrelang pflegt, während ihre Schwestern Familien gründen, bewahrt sie ihre Selbstständigkeit. Wie Tante Martl das schafft und in hohem Alter noch einen großen Fernsehauftritt bekommt, erzählt Ursula März mit staunender Empathie und widerständigem Humor.

Wenn meine Tante mir am Telefon etwas erzählen wollte, das sie gerade sehr erregte, leitete sie ihren Bericht mit einem lang gezogenen Stöhnen ein, in dessen Tonlage sich ein leicht kindliches Jammern mit dem Jaulen einer Alarmsirene mischte. Bevor sie auch nur einen Satz gesagt hatte, konnte ich anhand der Intonation des Stöhnens schon erahnen, was ihr auf dem Herzen lag.

 

Hatte sie sich über eine schnippische Verkäuferin geärgert, überwog die Sirene. Hatte der Hausarzt ihr geraten, sich für eine Untersuchung ins Krankenhaus einweisen zu lassen, schlug das Jammern durch. Bisweilen vertiefte sich das Stöhnen zu einem rollenden Brummen, als säße am anderen Ende der Leitung ein angriffslustiger Bär. Dann war meine Tante ernsthaft empört. Der Lieferant von Tiefkühlkost, der einmal im Monat mit seinem Kleinlaster vor ihrem Haus hielt, hatte die falsche Ware gebracht, aber unverschämt behauptet, es sei die richtige, und den Umtausch verweigert. In einer Fernsehsendung waren knapp bekleidete Frauen aufgetreten, und zwar nicht am späten Abend, wenn meine Tante längst schlafen gegangen war, sondern im unverdächtigen Nachmittagsprogramm.

 

Ein Daueranlass ihrer Empörung war der Showmaster Thomas Gottschalk. Er wurde von meiner Tante so verachtet, dass sie nicht einmal seinen Namen aussprach, sondern ihn nur „de dumm Lackaff“ nannte. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass „de dumm Lackaff“ in der Samstagabendshow des ZDF den Platz des von ihr hochgeschätzten Frank Elstner eingenommen hatte, was meine Tante als persönliche Geringschätzung von Menschen wie ihr, Menschen mit Anstand und seriösem Benehmen, interpretierte. Alles an Thomas Gottschalk fand sie vulgär, seine langen blonden Locken, seine Glitzeranzüge, seine Witze. Als sie in einer Fernsehzeitschrift las, wie viel Geld er für seine Shows erhielt, war sie außer sich. „Ursi“, schrie sie ins Telefon, „des sin Millione! Des isch doch net normal!“ Ich versuchte, sie zu beruhigen. Thomas Gottschalk, sagte ich, sei sicherlich Millionär und habe einigen Reichtum angehäuft. Dass er für einen einzigen Fernsehauftritt gleich ein paar Millionen einstriche, hielte ich jedoch für ausgeschlossen. „Du hascht doch ke Ahnung“, erwiderte sie brüsk, nun über meine Besserwisserei empört. Ich kannte mich in den Finanzverhältnissen von Thomas Gottschalk tatsächlich nicht aus und bog schnell zu einem anderen Thema ab. Wenn am Sonntagmorgen in meiner Wohnung in Berlin das Telefon klingelte, ich den Hörer abnahm und dem Empörungsstöhnen lauschte, war mir klar, dass am Abend zuvor »Wetten, dass …?« ausgestrahlt worden war, meine Tante auf dem Bildschirm ihren Intimfeind gesehen und sofort umgeschaltet hatte.

 

Bis sie endlich zu erzählen begann, konnte eine Weile vergehen. Mit einer einzigen Stöhnouvertüre war es oft nicht getan. „Was ist denn passiert?“, fragte ich vorsichtig. „Geht’s dir nicht gut?“ Anstatt zu antworten, stöhnte sie erneut, und ich fuhr wieder mit einer Frage dazwischen. Je älter meine Tante wurde, desto häufiger geschah es, dass sie schon nach dem Ende des Stöhnens meinen Kommentar zu dem Ereignis erwartete, das sie veranlasst hatte, mich anzurufen. So, als hätte sie mir gerade davon erzählt. Es war ein heikler Moment unserer Telefonate. Dauer und Tonlage des Stöhnens verrieten mir die Stimmung, in der sich meine Tante befand. Aber was genau sie in diese Stimmung versetzt hatte, wusste ich natürlich nicht. Vielleicht hatte sie eine überhöhte Rechnung ihrer Autowerkstatt erhalten, die darauf spekulierte, eine betagte Frau würde den Wucher nicht bemerken. Vielleicht musste sie ihrem Ärger über ein im gegenüberliegenden Haus lebendes Ehepaar Luft machen, das an sieben Tagen die Woche um Punkt 11:30 Uhr in seinen Mercedes stieg, um in ein Restaurant zu fahren. „Die kenne esse, wo se wolle“, sagte meine Tante, „aber jede Tach ins Lokal gehe, des isch doch net normal.“ Sie war fest davon überzeugt, der Grund für die gehäuften Restaurantbesuche der Nachbarn, die schon bei dünnem Nieselregen die Rollläden vor den Fensterscheiben herunterzögen, läge in einem Reinlichkeitswahn, der es ihnen verbiete, ihre Küche durch das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zu besudeln.

 

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit vagen Beschwichtigungsfloskeln an das Ereignis heranzutasten, von dem meine Tante glaubte, sie hätte es mir eine Minute zuvor mitgeteilt. Oft bemerkte sie die Taktik und fühlte sich zurückgestoßen, weil es mir ihrer Ansicht nach an echtem Interesse für sie und ihre Nöte fehlte. „Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

 

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch achtunddreißig Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte.

 

In ihrer ersten Lebenswoche, genau von Montag bis Montag, galt meine Tante auf dem Papier als Person, vielmehr als Säugling, männlichen Geschlechts. Sieben Tage lang war ihr Vater nicht bereit, sich mit der Tatsache abzufinden, dass auch dieses Kind ein Mädchen geworden war. Zu seinem Verdruss das dritte. Schon das zweite Mädchen hätte, wären die Dinge seiner Ansicht nach richtig verlaufen, ein Junge sein müssen. Er verschmerzte es einigermaßen. Gegen ein drittes Geschöpf aber, das als Stammhalter ausfiel und ihm womöglich den Ruf eines Erzeugers eintrug, der nur eine Mädchenserie zustande brachte, stellte er sich stur. Bei seinen Enkeln war ihm das Geschlecht egal. Ich erinnere mich an keine Situation, keinen Satz und kein Geschenk, die darauf hingedeutet hätten, er bevorzuge meinen Bruder mir gegenüber. Bei seinen Kindern galten jedoch andere Prinzipien. Sieben Tage lang klammerte er sich an die wahnwitzige Illusion, der Natur durch schieres Beharren doch noch ein Chromosomenwunder abringen zu können. In den Verwaltungsakten des örtlichen Standesamtes gab es den Jungen ja schon, er hieß Martin.

 

Als sich mein Großvater am Montagmorgen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten einfand und dieser ihn nach dem Geschlecht des neuen Erdenbürgers fragte, nickte er einfach. Er sprach das Wort „Junge“ nicht aus. Er wartete, bis dem verunsicherten Beamten, der die Spitze des Füllfederhalters bereits aufs Formular gesetzt hatte, nichts anderes übrig blieb, als die Frage zu konkretisieren, „isch e Bub?“, und er nur nicken musste. Im strengen Sinn gelogen, so beteuerte er noch nach Jahrzehnten, hatte er also nicht. Er hatte es lediglich verpasst, einer Variante der Wahrheit zu widersprechen, die ihm amtlicherseits nahegelegt wurde. Und was den falschen Namen anbetraf: Vielleicht hatte er den Vokal am Ende verschluckt, vielleicht hatte der Standesbeamte das „a“ überhört oder einfach den Stift zu früh abgesetzt und deshalb den Namen Martin eingetragen.

 

Ungefähr so lauteten die Ausreden, die er vorbrachte, als seine Frau ihm am Dienstag die Geburtsurkunde abknöpfte und schwarz auf weiß lesen musste, dass ihre neugeborene Tochter durch einen Trick, an dem sie das Herzlose noch mehr bestürzte als das Hirnrissige, vor dem Gesetz als Sohn galt. Zum Krachschlagen war sie zwei Tage nach der Entbindung zu erschöpft. Sie legte die Geburtsurkunde wortlos auf den Küchentisch und schwieg bis zum Einschlafen am Abend. Sie saß im Nachthemd auf ihrer Bettseite, rückte die Wiege nah zu sich heran, beugte sich darüber und prüfte, ob das gehäkelte Wolldeckchen straff genug um den Säugling gewickelt war, nicht nach oben rutschen und sich über sein Gesicht legen konnte. Dann schlüpfte sie unter ihr Federbett, wandte ihrem Mann den Rücken zu, streckte den Arm nach dem Schalthebel der kleinen Bakelitlampe auf dem Nachttisch aus und sagte im Dunklen nur einen einzigen Satz: „Du gescht da morge hin, gleich in der Früh.“

 

Meine Großmutter sparte auch sonst mit Worten. Sie handelte lieber. Wenn ich mir an einer Steinkante im Garten das Knie aufgeschlagen hatte und weinend zu ihr in die Küche humpelte, umflatterte sie mich nicht, wie meine Mutter es getan hätte, mit dramatischen Mitleidsbekundungen. Sie sauste zum Medizinschrank im Badezimmer, holte Verbandspflaster und ein Fläschchen mit stinkendem rostfarbenem Desinfektionsmittel. Nach der Verarztung griff sie in die Tasche ihrer Kittelschürze, zog einen Bonbon heraus und steckte ihn mir in den Mund.

 

Er ging nicht. Weder am Mittwoch noch am Donnerstag und am Freitag bequemte er sich zum Standesamt, um den Fehler zu korrigieren. Dass er nicht darum herumkomme, musste ihm als ordnungsliebenden Staatsbürger eigentlich klar sein, auch wenn er sich einbildete, das Geschlecht des Neugeborenen durch Zeitschinden doch noch in die ersehnte Richtung lenken zu können. Er drückte sich überhaupt gern vor Schwierigkeiten und überließ es seiner Frau, sie zu lösen. Nicht er, sondern sie handelte bei der Sparkasse den Kredit aus, den sie benötigten, um Ende der Zwanzigerjahre das zweistöckige Haus zu kaufen, in dessen oberem Stockwerk sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten. Nicht er, sondern sie sah den Handwerkern auf die Finger, als unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer für die Töchter ausgebaut wurde. Und sie saß abends am Küchentisch und verrechnete das schmale Gehalt, das er als Gefängniswärter nach Hause brachte, mit den monatlichen Ausgaben. Sie war zuständig fürs Pragmatische und somit auch dafür, Wege aus verzwickten Situationen zu finden. Und in einer solchen befanden sie sich. Bereits am Samstagmorgen klingelten die ersten Gratulanten, die das Elternpaar doppelt beglückwünschten, zur Geburt eines gesunden Kindes und zur Geburt eines Söhnchens, mit dem ja auch endlich zu rechnen gewesen war. Martin hieß er, hatte man da richtig gehört? Oder Werner, wie der Vater? Seine Frau wimmelte die Besucher höflich ab und übergab ihnen ein Bündel mit Pflaumenmus gefüllter Krapfen, von denen sie in den Wochen vor der Geburt mehrere Bleche voll gebacken hatte. Das Kind ließ sie nicht sehen. Es sei, sagte sie, gerade eingeschlafen und solle nicht gestört werden.

 

Niemand hätte gewünscht, den Säugling als Nackedei zu besichtigen. Selbst seine Großeltern, die am Sonntagmorgen in ihrem Dorf loswanderten und nach einem zweistündigen Fußmarsch bei der Familie anlangten, wären nicht auf die Idee gekommen, sich mit eigenen Augen vom Geschlecht des neuen Enkelchens überzeugen zu wollen. Und so wenig wie das Gesicht hätte das Greinen des Babys verraten, dass hier nicht ein Martin, sondern eine Martina von Arm zu Arm gereicht wurde. Aber die Mutter rückte ihre Jüngste nicht heraus. Zum einen war es ihr zuwider, bei einer Schmierenkomödie mitzuspielen. Zum anderen betrachtete sie es von Beginn an als ihre Pflicht, dieses Kind, das in den Augen seines Vaters nichts anderes als ein Ärgernis darstellte, besonders zu schützen. Sie meinte es gut. Aber indem sie das Kind abschirmte, wies sie ihm ungewollt auch einen Platz im Hintergrund zu.

 

Den Canossagang zum Standesamt zu übernehmen, war sie nicht bereit. Am Sonntagmorgen drohte sie ihrem Mann: Wenn er nicht hinginge, und zwar sofort nach dem Frühstück am Montagmorgen, verschwände sie mit Sack und Pack und den drei Töchtern aus dem Haus. Es war der böseste Moment ihrer Ehe, und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich vom Dienst abzumelden und dem Standesamt einen zweiten Besuch abzustatten. Welche Argumente er sich dort einfallen ließ, um den kuriosen Umstand zu erklären, erst nach einer Woche den falschen Namen und die falsche Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde bemerkt zu haben, darüber gab er niemals Auskunft. Dass es eine Schmach war, die ihm zugefügt wurde, ließ er sich allerdings empfindlich anmerken, als er mit der neuen Geburtsurkunde nach Hause kam, die nun einem Mädchen namens Martina galt. Die eigentliche Schmach erwartete ihn noch. Schneller als die frohe Botschaft von der Geburt eines gesunden Buben verbreitete sich nun, genau eine Woche später, die Komödie vom Bub, der gar keiner war, über die Gerüchtekanäle der Kleinstadt. Und die Stadt lachte. Die Gratulanten ließen sich die Krapfen schmecken und schlossen Wetten über die Anzahl der Mädchengeburten ab, die fürderhin zu absolvieren seien, bis die Eheleute endlich einen Treffer erzielten. Vier, fünf? Bei großem Fleiß womöglich sechs oder sieben? Das sollte doch genügen, um den Klapperstorch zu erweichen. Und wer nicht lachte, äußerte, was meinen Großvater mindestens so verdross, sein Bedauern mit dem armen Mann, der sich so verzweifelt einen Bub wünschte, dass ihm jedes Mittel recht war.

 

Es wurde Spätsommer, bis die Mutter mit allen dreien, die Vierjährige lief schon flott, die Zweijährige tapste an ihrer Hand, die Kleinste lag im Kinderwagen, einen Gang durch die Stadt unternahm, zum Einkaufen beim Bäcker und beim Metzger haltmachte und zuließ, dass sich fremde Köpfe über den Säugling beugten. Man tat ihr zuliebe so, als sei die Albernheit beim Standesamt nie vorgefallen. Aber vergessen wurde sie nicht. Sie war zu unterhaltsam, um dem Fundus an Kleinstadtklatsch verloren zu gehen und nicht durch die Generationen weitergereicht zu werden. Mir wurde erst spät bewusst, dass meine Tante immer damit rechnen musste, als die Frau Lehrerin betuschelt zu werden, die vom Vater zum Bub erzwungen werden sollte; die Unverheiratete mit der falschen Geburtsurkunde.

 

IN DER ERINNERUNG DER FAMILIE mischte sich der Vorfall unter andere Episoden, die wie zum Kannenboden abgesunkene Kaffeekörner im Gedächtnis ruhen und immer mal wieder aufgerührt werden. Aber in Wahrheit war es keine Geschichte wie andere. Nicht so harmlos wie das Missgeschick mit der Kommuniontorte, die der Mutter aus der Hand stürzte und löffelweise vom Küchenboden aufgeschabt wurde. Nicht so überholt wie der Konfessionsstreit, der ausgerechnet am Abend vor der Hochzeit der mittleren Tochter zwischen Katholiken und Protestanten ausbrach und beinahe die ganze Heirat verhindert hätte. Auch wenn sie zum Amüsement aufgetischt wurde, behielt die Geschichte von der falschen Geburtsurkunde einen bitteren Beigeschmack. Er enthielt nicht nur Scham über das Unrecht, das der Jüngsten ja doch zugefügt worden war, sondern auch einen Rest von der Enttäuschung, eine Familie ohne Sohn zu sein. Und hauchfein mischte sich in die Enttäuschung ein Vorwurf, der sich keineswegs gegen den Urheber des Skandals richtete, sondern gegen diejenige, die er für sein skandalöses Verhalten verantwortlich machte.

 

Und sie selbst? Die Frau, die von allen, von ihren Schwestern und ihren Eltern, aber auch von Nachbarn und Bekannten zeitlebens nur Tante Martl genannt wurde, als sei Tantesein kein verwandtschaftlicher Status, sondern eine Existenzform? Sie lachte auf eine etwas künstliche, übertrieben grelle Weise mit, wenn ihre „Martinwoche“ zur Sprache kam, und schüttelte den Kopf, „was für e Unfug sich die Leut ausdenke“. Nie ließ sie sich Schmerz oder Zorn anmerken. Erst in ihren zwei letzten Lebensjahren, als sie in einem Altenheim wohnte und die Demenz sich ihres Gehirns bemächtigte, löste sich der Gefühlsriegel. Sie war achtundachtzig Jahre alt und in eine aussichtslose Lage geraten. Zu hinfällig, um ohne Hilfe im Haus zu bleiben, wehrte sie sich dennoch rigoros gegen das Zusammenleben mit einer Pflegerin. Schon die Idee betrachtete sie als Verrat. „Isch war mei ganz Lebe allein“, schrie sie mich am Telefon an, „da bringscht du mir ke fremde Leut ins Haus!“ Um keinen Preis wollte sie, die auf so vieles verzichtet hatte, nun auch noch auf ihren letzten Wunsch verzichten, der in nichts Bescheidenerem bestand als darin, still und unbehelligt in ihrem Haus zu sein und dort zu sterben. Nach einem Krankenhausaufenthalt war sie so geschwächt, dass die Ärzte es ablehnten, die Verantwortung für ihre Rückkehr ins Haus zu übernehmen, sollte sie dort ohne Obhut sein. Selbst jetzt war es ihr lieber, in ein Heim zu gehen. Von zwei Katastrophen erschien ihr dies als die etwas weniger schlimme.

 

Wider Erwarten blühte sie in den ersten Wochen im Heim auf. „Es isch eischentlich wie im Hotel“, berichtete sie befriedigt. Die langen Zimmerflure, die in Gesellschaft einzunehmenden Mahlzeiten und das kleine Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten erinnerten sie an Hotelaufenthalte, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Schon morgens hole sie eine ihrer guten Blusen für die nachmittägliche Kaffeetafel aus dem Schrank, „isch will jo doch bissche fein do sitze.“ Ich bestärkte sie sogar noch in der Hotelillusion und redete ihr zu, die urlaubsähnlichen Annehmlichkeiten voll auszuschöpfen. Beim nächsten oder übernächsten Telefonat merkte ich, dass das schmeichelhafte Deckbild von der Realität abgefallen war und meine Tante das Heim nun umso mehr als Verbannungsort empfand. Hotelgäste werden nicht vom Personal ermahnt, ihre Medikamente pünktlich einzunehmen, nicht morgens um sieben mit ihrem Rollator ins Badezimmer geschoben. „Do sitze erwachsene Leut beim Esse mit e Plastiklatz um de Hals, des isch doch net normal!“, rief sie entrüstet. „Des is wie im Kindergarte! Isch bin doch ke Kind, isch bin e alt Frau!“

 

In den Tunnel ihrer Verzweiflung drang nur noch für kurze Momente ein wenig Helligkeit. Sie litt unter dem Alleinsein in ihrem Zimmer und unter der Anwesenheit von Menschen. Sie litt unter Stille und unter dem kleinsten Geräusch, das aus dem Flur zu ihr drang. Die Verdunkelung ihrer Seele beschleunigte ihre geistige Verwirrung. Sie verwechselte die Pflegerinnen ebenso wie ihre Brillen. Tag für Tag wurde sie von neuem Entsetzen gepackt, wenn sie vom Bett aus mit der Lesebrille zum Fernsehmonitor an der gegenüberliegenden Zimmerwand blinzelte, nur noch verschwommene Bilder sah und sich für urplötzlich erblindet hielt. Sie wollte nichts mehr essen und hatte starkes Untergewicht. Nur mit Mühe konnte ich sie bei meinen Besuchen dazu bewegen, an einem Bahlsenkeks zu knabbern. Sie hatte Bahlsenkekse immer sehr geschätzt. „Isch will ke Firlefanz“, konstatierte sie jedes Mal, wenn sie im Supermarkt eine Packung Bahlsenkekse in den Einkaufswagen legte, „a gut Bahlsekeks is a einfache, ehrlische Sach. Wenn di Mensche genauso wärn, gäbs auf de Welt ke Streit und ke Kriesch.“

 

Je mehr sie verfiel, desto stärker drängte die Martingeschichte aus ihr heraus, die sie selbst ja nur vom Hörensagen kannte. Am Anfang klagte sie nur. Sobald jemand ihr Zimmer betrat, ob der Arzt, eine Pflegerin, die Putzfrau oder ihre Nichte, begann sie sich, unterbrochen von langem Stöhnen, über die gefälschte Geburtsurkunde zu beschweren. „Des gehört sisch doch net“, lautete eine ihrer wiederkehrenden Redewendungen, mit denen sie die Ungehörigkeit so darstellte, als ginge es um ein fremdes Kind, von dem sie in der Zeitung gelesen hatte. Nach ein paar Monaten steigerte sich die Klage zu wildem Zorn. „Was kann denn des Kind dafür, dass es kei Bub isch?“, kreischte sie in den Raum. „Gar nix! Und was mache die Leut? Gehe zum Standesamt und lass e Bub eintrage! Jetzt sag amol: Isch des e Sauerei oder net?“ Und schließlich, wiederum Monate später, zeigte sich der alte Schmerz unverhüllt. Meine Tante saß schluchzend auf dem Bettrand, ruderte mit den Füßen über den Linoleumboden, ziellos nach einem Gegenstand suchend, den ihr Gehirn nicht mehr als Hausschuh abzubilden vermochte. Ich setzte mich neben sie, um sie zu trösten, und sofort umklammerte sie mit einer Hand meinen Unterarm.

 

Wie das Stöhnen zählte diese Gebärde zu den Angewohnheiten, die ihr schon immer zu eigen gewesen waren und sich im Alter verstärkten. Wenn sie nach meinem Arm langte und zudrückte, wusste ich, dass sie zu einer Mitteilung ansetzte, die keinesfalls überhört werden durfte. Der Griff hieß: Aufpassen! Jetzt kommt was Wichtiges! Die Nummer ihres Schließfaches bei der Stadtsparkasse, den Aufbewahrungsort ihrer Lebensversicherung, aber auch das System ihrer Küchenmülltrennung hatte sie mir auf diese Weise eingeschärft. Als hätte ihr Wunsch nach Anteilnahme eines körperlichen Nachdrucks bedurft, streckte sie auch dann die Hand zum Arm ihres Gesprächspartners aus, wenn sie über Themen reden wollte, die sie gerade stark beschäftigten. Eine Diskussion über den, wie meine Tante fand, ziemlich unchristlichen Starkult um den polnischen Papst wurde vom Druck ihrer Hand begleitet, ebenso die Erörterung der Frage, ob es sinnvoll sei, auf einem Kreuzfahrtschiff eine Kabine mit Balkon zu buchen.

 

„Weischt du, was mir passiert ist?“, begann sie, als habe sie noch nie zuvor vom Drama ihrer Geburtsurkunde berichtet und lüfte just in diesem Moment ein ungeheuerliches Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Oberkörper wie unter einer schweren Last nach vorne sinken, und ich musste zusehen, dass sie nicht kopfüber vom Bettrand fiel und mich mitzog. „Die habbe e Bub aus mir gemacht, aber isch war doch gar ke Bub.“ Ihr Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an, und meine Tante begann so bitterlich zu weinen, wie ich sie nur ein einziges Mal weinen gesehen hatte, viele Jahre zuvor. „Die ganz Stadt hat über misch gelacht, die ganz Stadt.“ Ihren Vater erwähnte sie merkwürdigerweise nicht. Er kam in ihrer Erzählung gar nicht vor. Er wurde von einer unspezifischen Macht vertreten, die sie als „die Leut“ oder „die Obere“ bezeichnete. Man hätte meinen können, im Sommer 1925 habe ein geheimes Gericht beschlossen, diese Martina für ihre Weigerung, ein Martin zu sein, anzuklagen und ordentlich büßen zu lassen. Denn unermüdlich beteuerte sie, nicht schuld daran zu sein, dass sie als Mädchen geboren worden war.

 

„Sieschte, da habbe wir doch was gemeinsam“, sagte meine Tante oft. Wir hätten eben beide, sollte das heißen, Anlass zur Enttäuschung geboten. „Isch war falsch, und du warscht hässlisch.“ Gern hörte ich das nicht, aber es stimmte wohl. Ich kam mit blau angelaufenem Gesicht auf die Welt, die Nabelschnur hatte sich um meinen Hals gewickelt. Die Wirkung des zombiehaften Anblicks soll durch die Töne, die ich von mir gab, noch gesteigert worden sein. Sie waren, so beteuerte meine Mutter, furchterregend. Nicht das hohe, herzergreifende Neugeborenenkrähen, wie es ringsum im Kreißsaal zu hören war und wie ich es bei der Geburt meiner Tochter selbst hörte, sondern ein tiefes Brummen. Ich hatte immer Zweifel, ob das physiologisch überhaupt möglich, der Kehlkopf eines vier Kilogramm wiegenden Menschleins in der Lage ist, das Gegrunze eines Urmenschen zu erzeugen, der aus seiner Höhle kommt. Ungefähr so soll es sich nämlich angehört haben.

 

Ich widersprach meiner Tante nicht, obwohl ich insgeheim ihren Fall für schwerwiegender hielt als meinen. Aber ich merkte, wie gut es ihr tat, sich mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft zu wähnen. Sie war folglich nicht die Einzige in der Familie, die man sich beim Austritt aus dem Geburtskanal anders gewünscht hätte, eine Gemeinsamkeit, die durch ihre Patenschaft noch besiegelt wurde. Denn Martl war meine Patentante. Sie hielt mich in der Barockkirche der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach, in der ich geboren wurde und aufwuchs, übers Taufbecken. Sie kam zu meiner Einschulung, befüllte meine Schultüte mit Süßigkeiten, die zu kaufen sie Überwindung gekostet hatte. Sie schenkte mir mein erstes Fahrrad, es war rot und hatte eine luxuriöse Dreigangschaltung, und zur Kommunion eine wertvolle Armbanduhr. „Jetzt lass doch das Kind“, sagte sie beschwichtigend, sobald sich meine Mutter wieder einmal über meine Lautstärke beschwerte. Ihrer Meinung nach hatte sich das Säuglingsbrummen nämlich zu einem unvorteilhaften Wesenszug entwickelt, dem Lautsein. Ich redete, lachte, sang zu laut. In den Ohren meiner Mutter lief ich sogar zu laut. Wenn ich Geschirr spülte, wurde ich angefleht, keinen Polterabend zu veranstalten. Wenn ich eine Tür öffnete, fuhr meine Mutter mit gepeinigtem Gesichtsausdruck zusammen, als hätte ich sie bereits zugeknallt. Sie schätzte leise Menschen. Martl, mein Vater und ich zählten nicht dazu. Wir bildeten in der Familie die Fraktion der Lärmenden, von der sich die Fraktion der Leisen wohltuend abhob. Ihr gehörten meine Mutter, ihre ältere Schwester, deren Mann und mein Bruder an.

Lucy Clarke „Das Haus am Rand der Klippen“

„Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass jemand während Ihrer Abwesenheit in Ihrer Wohnung war? Dass Gegenstände verschoben, Klamotten berührt und Türen geöffnet wurden? So geht es der Heldin in Lucy Clarkes neuem Buch. Und wie keiner anderen gelingt es der Autorin, das Unheimliche an diesem Gedanken auf die Spitze zu treiben. „Das Haus am Rand der Klippen“ ist erwachsener und düsterer als alle Romane von Clarke zuvor – und ein packendes Lesevergnügen!“

Nora Haller; Lektorat Unterhaltung

 

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Das Haus am Rand der KlippenDas Haus am Rand der Klippen
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Roman

Das Haus am Rand der Klippen war Elles größter Traum. Doch kaum eingezogen, liegt ihre Welt in Trümmern: Ihre Ehe zerbricht, sie ist bankrott, und ihr Verlag drängt auf ihr neues Buch, während sie mit Schreibblockaden und Schlaflosigkeit kämpft. Der Abgabetermin rückt näher, ihre Existenz hängt davon ab, und vielleicht liegt es an den angespannten Nerven, dass sie sich ständig beobachtet fühlt. Doch als Elle von einer Reise zurückkehrt, spürt sie schon beim Betreten ihres Hauses, dass etwas anders ist. Jemand war hier. Und hat ihr schlimmstes Geheimnis entdeckt.
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Alexander von Schönburg „Die Kunst des lässigen Anstands“

„Kennen Sie das? Jemand lässt einem die Tür vor der Nase zufallen, ein anderer drängelt sich vor auf den letzten freien Sitzplatz, ein Autofahrer nimmt einem Radler die Vorfahrt und dieser haut ihm wütend aufs Autodach. Frei nach dem Motto: "Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht", ist unsere Gegenwart auf Egozentrik und Selbstoptimierung getrimmt. Das Zusammenleben im Kleinen wie im Großen macht das weder leichter noch freudvoller. Alexander von Schönburg setzt der "Me first"-Mentalität mit seinem Buch ein so erhellendes wie mitreißendes Plädoyer zur ethisch-moralischen Selbstertüchtigung entgegen.

Indem er 27 Tugenden wie Freundlichkeit, Höflichkeit, Demut, Maß und Dankbarkeit neu beleuchtet, zeigt er, dass jeder von uns mithilfe solcher nur vermeintlich altmodischer Werte nobel und lässig durchs Leben gehen kann.“ Felicitas von Lovenberg

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27 altmodische Tugenden für heute

 Wir leben in einem Zeitalter der Beliebigkeit und Selbstsucht. Überall gilt „ich zuerst“, alles ist erlaubt, jeder will sich selbst optimieren, so wird übertrumpft, gedrängelt, auf Facebook gepöbelt. Doch auf diese Weise wird unser Zusammenleben höchst unangenehm, und wir steuern geradewegs in den Untergang.  Alexander von Schönburg plädiert für mehr Anstand, für Werte und Tugenden, die lange altmodisch erschienen und heute wieder aktuell sind. Dem „anything goes“ der auf Selbsterfüllung, Vergnügen und Konsum getrimmten Gesellschaft stellt er die neue Ritterlichkeit gegenüber. Denn nobles Verhalten macht das Leben erst schön. 
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Volker Kutscher „Marlow“

„"Marlow", der siebte Band der gefeierten Romanserie von Volker Kutscher, versetzt uns ins Berlin des Jahres 1935, und der Oberkommissar, zu dem Gereon Rath mittlerweile befördert worden ist, gerät an einen Fall, der ihn mitten in die schmutzigen Geschäfte von Hermann Göring führt. Vor allem aber stößt er erneut auf jenen Unterweltkönig, den er nie wiederzusehen hoffte: Johann Marlow. Wir sind sehr glücklich, dass Volker Kutscher nun bei Piper ist. Freuen Sie sich mit uns auf den neuen Rath-Roman!“ Felicitas von Lovenberg

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Der siebte Rath-Roman

Berlin, Spätsommer 1935. In der Familie Rath geht jeder seiner Wege. Pflegesohn Fritz marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag, Charly schlägt sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durch, während sich Gereon Rath, mittlerweile zum Oberkommissar befördert, mit den Todesfällen befassen muss, die sonst niemand haben will.  Ein tödlicher Verkehrsunfall weckt seinen Jagdinstinkt, obwohl seine Vorgesetzten ihm den Fall entziehen und ihn in eine andere Abteilung versetzen. Es geht um Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Und um Charlys Lebenstrauma, den Tod ihres Vaters. Und um den Mann, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte: den Unterweltkönig Johann Marlow.
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Jon Krakauer „Classic Krakauer”

Jon Krakauer wurde in den 1990er-Jahren mit „In eisige Höhen” und „In die Wildnis” zum Bestsellerautor. Seine Karriere begann allerdings schon früher – als freiberuflicher Autor für die Zeitschriften OUTSIDE, ROLLING STONE, SMITHSONIAN und eine, wie er es nennt, illustre Mischung weniger bekannter Publikationen.  „Classic Krakauer“ vereint sieben, bis jetzt noch nie auf Deutsch erschienene Reportagen aus den Jahren zwischen „Auf den Gipfeln der Welt“ und „In eisige Höhen” sowie zwei weitere Essays jüngeren Datums.

Es zeigt nicht nur das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung, sondern eignet sich durch die voneinander unabhängigen Reportagen auch perfekt für die Fahrt in den Verlag: jede Fahrt eine Reportage.

Jeden Morgen ein anderes Abenteuer: Mal reite ich mit Mark Foo eine berghohe Welle und begreife die Faszination des Big-Wave-Surfens, ein anderes Mal finde ich mich in echter Wildnis wieder – in der Arktis, umgeben von Wölfen und Grizzlys. Krakauer schreibt packend und bildlich, er schafft es, gleichzeitig neutraler Beobachter und emotionaler Erzähler zu sein. Dabei gelingt es ihm, jede Zeile lebendig werden zu lassen. Jennifer Maurer

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Die besten Reportagen aus drei Jahrzehnten

Er gehört zur Crème de la Crème des investigativen Journalismus in Amerika – der Bestsellerautor Jon Krakauer schrieb zahlreiche Reportagen und Essays für Magazine wie The New Yorker, Outside oder das Smithsonian. Dieser Band vereint neun dieser packenden Storys und offenbart das breite Spektrum seiner einzigartigen Berichterstattung. Krakauer versetzt uns in atemberaubende und faszinierende Situationen: in eine dramatische Lawinenkatastrophe am Everest, an den Ort eines drohenden Vulkanausbruchs oder in eine Höhle in Mexiko, in der Bedingungen wie auf dem Mars herrschen. Blendend recherchiert und von mitreißender Lebendigkeit zeugt diese Sammlung von Krakauers Liebe zu wilder Natur und seiner unermüdlichen Suche nach der Wahrheit.
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Isabell Werth „Vier Beine tragen meine Seele“

»Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Wer sie je zu Pferde gesehen hat, weiß, warum die Dressur als die Hohe Schule der Reitkunst gilt. Die formvollendete Verschmelzung von Ross und Reiter basiert auf beidseitigem Einvernehmen. In ihrem zusammen mit der vielfach ausgezeichneten FAZ-Journalistin Evi Simeoni geschriebenen Buch "Vier Beine tragen´meine Seele" erzählt Isabell Werth davon, was ihre Pferde ihr beigebracht haben – und umgekehrt sie ihnen. So erfährt man nicht nur etwas über ihren außergewöhnlichen Werdegang als Reiterin, sondern ebenso viel über das Miteinander von Mensch und Pferd.« Felicitas von Lovenberg

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Vier Beine tragen meine SeeleVier Beine tragen meine SeeleVier Beine tragen meine Seele
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Meine Pferde und ich

Isabell Werth ist die erfolgreichste Reiterin der Welt. Dieser Erfolg wäre nicht möglich gewesen ohne ihren einzigartigen Zugang zu Pferden. Gemeinsam mit der renommierten Sportjournalistin Evi Simeoni, die Isabell Werths Werdegang von Anfang an miterlebt und beschrieben hat, zeichnet sie ihr Leben nach und erzählt damit auch die Geschichte ihrer wichtigsten Pferde. Schon in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof am Niederrhein zeigte sich ihre besondere Fähigkeit, sich in ein Pferd einzufühlen und vorauszusehen, wie es wenig später reagieren wird. So erfährt man nicht nur etwas über Isabell Werths Ausnahmekarriere, sondern auch viel über unterschiedliche Pferdecharaktere und den Umgang mit diesen sensiblen und talentierten Tieren. 
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Gerlad Durrell „Meine Familie und andere Tiere“

„„Meine Familie und andere Tiere“ von Gerald Durrell ist einer der beliebtesten Klassiker der englischen Literatur – und eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Mit Zärtlichkeit und Witz schildert Durrell die Eigenheiten von Menschen und Tieren und die kleinen und größeren Herausforderungen ihres Zusammenlebens. Andree Hesse hat den Roman, der seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum nicht mehr lieferbar war, schwungvoll neu übersetzt, und so darf ich ihn Ihnen nun ans Herz legen: tun Sie sich etwas Gutes und lesen Sie dieses hinreißende Buch.“ Felicitas von Lovenberg

 

Meine Familie und andere TiereMeine Familie und andere Tiere
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Roman

„Auf Korfu zu leben, war ein bisschen so, als wäre man in eine dieser opulenten, komischen Opern geraten.“ Man schreibt das Jahr 1935. Die Durrells sind das britische Klima leid. Was also läge näher, als auszuwandern? So kehrt der zehnjährige Gerry gemeinsam mit seinen drei Geschwistern und seiner Mutter Louisa England den Rücken – und betritt eine zauberhafte Welt, die für die ganze Familie prägend sein wird: die griechische Insel Korfu. In seinen literarischen Erinnerungen erzählt Gerald Durrell, wie sich sein Blick für die Natur öffnete. Und macht dabei so geistreiche wie witzige Beobachtungen über Mensch und Tier. Über die eigensinnigen Einheimischen, die herrlichen Marotten seiner Familie und die tierischen Gäste in ihrem Haus.
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Unsere Buchtipps für Sie

Aktuelle und persönliche Buchempfehlungen von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag
 

„Die Geschichte zweier Freundinnen, deren Leben nicht enger verwoben sein könnten. Doch unter der Oberfläche verbergen sich Strömungen, die sie auseinanderzureißen drohen.“

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Christiane, Digitale Medien:

Edith Wharton „Winter“

„Kalt wie der Winter in Neuengland ist diese Geschichte, die von einer Liebe erzählt, die nicht sein darf - ein Klassiker der amerikanischen Literatur.“

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Anja, Lektorat Sachbuch:

Philip Norman „Paul McCartney“

 

„Von Liverpool in die Welt - Paul McCartneys beispiellose Karriere umfasst ein halbes Jahrhundert Popgeschichte. Beatles-Experte Philip Norman hat seine Geschichte aufgeschrieben - für alle Fans und solche, die es werden wollen.“

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Sophie, Art Direktion:

Kevin Kuhn „Liv“

 

„Ein virtuoses Buch für alle, die sich mal dem Analogen widmen wollen, aber die Sucht nach dem Digitalen doch nicht ganz aufgeben können.“

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Kerstin von Dobschütz, Programmleiterin Lektorat Unterhaltung:

Lydia Conradi „Das Haus der Granatäpfel“

 

„Für alle Leserinnen, die  in die Welt des Orients entfliehen und sich von einer tragischen Liebesgeschichte mitreißen lassen wollen - sinnlich, prall und exotisch - das perfekte Geschenk für die beste Freundin!“

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Lisa, Lektorat Fantasy:

F. I. Thomas „Glühender Zorn“

 

„Sechs Magier, sechs Novizen - und ein intrigenreicher Kampf um die Vorherrschaft nimmt seinen Lauf! Ein hochspannender High-Fantasy-Roman, der mit packenden Kämpfen, knisternder Magie und Drachenfeuer alles andere vergessen lässt!“

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Susanne, Lektorat Literatur:

Gerry Hadden „Alles wird unsichtbar“

 

„Bronx in den 70er Jahren: Die bewegende Geschichte eines weißen Jungen, der von Afrocubanern adoptiert wurde und am Tiefpunkt seines Lebens eine zweite Chance erhält: Packend, authentisch und voller Musik!“

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Bettina Feldweg, Programmleiterin Lektorat Malik:

Markus Steiner „Weltherz“

 

„Markus Steiners poetischer Reisebericht erzählt davon, wie weit die Sehnsucht nach Veränderung tragen kann - nach Israel und Indien, bis in den Himalaja und durch ganz Australien.“

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Margret, Lektorat Malik:

Nils Straatmann „Auf Jesu Spuren“

 

„Nils Straatmanns origineller Roadtrip zu unseren religiösen Wurzeln und zu den Menschen im Nahen Osten bietet perfekten Stoff, um sich packen zu lassen, zu schmunzeln, aber auch mal wieder innezuhalten.“

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„Eine ehrliche und berührende Geschichte über das Anderssein und zwei ungleiche Brüder, die dennoch ein starkes Team sind – authentisch und mitreißend heiter!“

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Elisabeth, Lizenzen:

Susan Kreller „Pirasol“

 

„Ein berührendes Familiendrama über eine stille Frau, die erst im hohen Alter ihre eigene Stimme findet - ein Buch, das wegen seiner besonderen Sprache und bewegenden Bilder lange im Gedächtnis bleibt.“

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Isabel, Lektorat Unterhaltung:

Hillary Jordan „Mudbound“

 

„Ein Buch, das bewegt und auch nach der letzten Seite noch lange nachhallt: Hillary Jordan zeichnet ein Porträt zweier Familien, die in den Südstaaten der 1940er Jahre trotz aller Widerstände nach Freiheit und Liebe streben.“

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„Margaret Atwoods großartiger Roman in einer wunderschönen Geschenkausgabe. Die ist für jedes Bücherregal unverzichtbar!“

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„Ein rotes Kleid, das für eine junge Marrokanerin so viel mehr ist als nur ein Kleidungsstück. Es wird für sie zum Symbol von Sehnsucht, Weiblichkeit, Mut und Freiheit. Wird sie wagen, es zu tragen?“

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Anna, Volontärin Lektorat Literatur:

Elena Stancanelli „Die nackte Frau“

 

„Davide schlief also mehr oder weniger mit allen Frauen, die er kannte, und hatte sich obendrein in eine von ihnen verliebt, aber das hinderte ihn keineswegs daran, weiter mit mir zusammen zu sein.‹ – Das mitreißende Psychogramm einer Frau, die durchdreht: eindringlich, offen, irrwitzig!“

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Karin, Lektorat Fantasy:

S. Jae-Jones „Wintersong“

 

„Ein magisches, düsteres und romantisches Buch – perfekt für die kalte Jahreszeit!“

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Buchblog
15. März 2018
Buchtipps Romane
Lesen Sie persönliche Buchtipps zu unseren aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.
News
28. März 2018
Jacqueline Woodson erhält den Astrid Lindgren Memorial Award 2018
Der mit fünf Millionen Schwedischen Kronen dotierte Preis (ca. 500.000 Euro) gilt als international wichtigste Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur.
Buchblog
21. März 2018
Debütromane entdecken
Thekla Chabbi, Co-Autorin von Martin Walsers „Ein sterbender Mann“ legt mit „Ein Geständnis“ ein beeindruckendes Debüt vor.

Lesetipps von leidenschaftlichen Bücherfreunden

 

Sie haben gerade einen tollen Roman ausgelesen und brauchen schnell Nachschub? Oder Sie suchen ein wirklich gutes Buch zum Verschenken? Lassen Sie sich von unseren Buchempfehlungen für jeden Geschmack und jedes Interesse inspirieren.  Unsere „Experten“ sind allesamt Menschen, die ihr Hobby Lesen zum Beruf gemacht haben, eine fundierte Bücherkenntnis besitzen und in jedem Genre zuhause sind.
 

Sie finden hier beispielsweise Rezensionen für

  • Romane,
  • Sachbücher oder auch
  • Thriller 

sowie Buchempfehlungen für 2018.

Freuen Sie sich auf spannende Neu-Entdeckungen und Bestseller, die wir eigens für Sie auswählen. So geht Ihnen der Lesestoff niemals aus! 

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