Schabowskis Zettel und der Fall der Berliner Mauer
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Günter Schabowskis Zettel und der Fall der Berliner Mauer

Mittwoch, 04. November 2015 von Piper Verlag


Ein Zettel der Geschichte schrieb

Die Notizen, die Günter Schabowski bei der legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 dabei hatte, gehören zu den 100 Objekten, die deutsche Geschichte geschrieben haben. Erst 2015 ist das lange verschollene Original wieder aufgetaucht.
 

Ein Auszug aus dem Buch »Deutsche Geschichte in 100 Objekten« von Prof. Dr. Hermann Schäfer.
 

Pressekonferenzen wollen gut vorbereitet sein – das lehrt jedes Handbuch der Pressearbeit. Günter Schabowskis handschriftliche Notizen für diese Pressekonferenz sind nicht umfangreich, haben fünf klar durchnummerierte Punkte, enthalten noch etliche, offensichtlich nachgetragene Punkte und werden am Ende immer unübersichtlicher, auch unleserlicher. Schabowski war 60 Jahre alt und hatte genug Lebens- sowie politische Erfahrung, um eine Pressekonferenz durchzuführen; auch hatte er Journalismus studiert.

Aber an diesem Tag lief alles für ihn schief – für die deutsche Geschichte aber sensationell.

Seit drei Tagen war er in der neu geschaffenen Funktion eines Sekretärs des ZK der SED für Informationswesen eine Art Regierungssprecher der DDR. Dies war seine zweite Pressekonferenz, und überhaupt war diese Art von Öffentlichkeitarbeit in der Geschichte der DDR ebenso ein Novum wie die Tatsache, dass das Staatsfernsehen diese Pressekonferenz ab 18 Uhr live aus dem Internationalen Pressezentrum in der Berliner Mohrenstraße übertrug.

Bis kurz vor 19 Uhr verlief alles völlig unspektakulär, sogar eher langweilig. Die Pressekonferenz sollte auch nicht länger als bis 19 Uhr dauern, jedenfalls hatte sich Schabowski dies so notiert und vorgenommen. Aber um 18.53 Uhr stellte der italienische Agenturjournalist RiccardoEhrmann (ANSA) die Frage nach dem neuen Reisegesetz. Sie bewegte die DDR-Bürger damals am meisten, sie war das Thema.

Wer die Übertragung live sah, erlebte mit, wie Schabowski mitteilte: »Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden.« Er zögerte selbst bei seinem Vortrag, wurde aber bereits mit der nächsten Frage konfrontiert, ob dies auch für Westberlin gelte. Seine Antwort: »Also, doch, doch«, und »Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich«.

Die Agenturen »überschlugen« sich mit ihren Meldungen.  Die ARD-Tagesschau meldete um 20 Uhr: »Die Grenze ist offen«,und in den Tagesthemen formulierte Hanns Joachim Friedrichs um 22.42 Uhr: »Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermanngeöffnet sind, die Tore der Mauer stehen weit offen.« Ein trüber Herbstdonnerstag wurde für jeden Menschen, der ihn bewusst erlebte, unvergesslich. Das »folgenreichste Versehen der deutschen Fernsehgeschichte«(SpiegelOnline) nahm seinen Lauf.

Mehr dazu, wie es zu diesem entscheidenen Fehler kam,  in »Deutsche Geschichte in 100 Objekten«


Bildnachweis: „Bundesarchiv Bild 183-1989-1109-030, Berlin, Schabowski auf Pressekonferenz“ von Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1109-030,_Berlin,_Schabowski_auf_Pressekonferenz.jpg

Blick ins Buch
Deutsche Geschichte in 100 Objekten Deutsche Geschichte in 100 Objekten
Was haben eine Ritterrüstung, die Tabakdose Friedrichs des Großen und der WM-Fußball von 1954 gemeinsam? Es sind drei von 100 Mosaiksteinen der deutschen Geschichte, stumme Zeugen der Vergangenheit. Hermann Schäfer, einer der führenden Vertreter der deutschen Museumsszene, fügt sie in diesem opulent ausgestatteten Band zusammen. Anschaulich und gut verständlich bringt er die Objekte zum Sprechen und macht zugleich auch ihre erstaunliche Umdeutung im Dienst politischer Interessen und gesellschaftlicher Umbrüche deutlich. Für den interessierten Laien leicht zugänglich, eine Schatzkiste für immer neue Entdeckungen: Aus 100 fesselnden Geschichten wird eine große historische Erzählung. Ein farbiges Panorama der vergangenen über zwei Jahrtausende, von den vorgeschichtlichen Anfängen bis in die jüngste Gegenwart.

Vorwort

Deutsche Geschichte anhand von 100 Objekten zu erzählen ist – schon allein aufgrund des immensen Umfangs eines solchen Projekts – eine gewaltige Herausforderung: Jahrtausende sind in den Blick zu nehmen, in jeder Epoche Erinnerungswürdiges, möglichst Geschichtsträchtiges, vielleicht Überraschendes aufzufinden und am Ende die vielen Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammenzufügen – wie farbige Mosaiksteinchen, die jedes für sich, aber erst recht als Gesamtbild ihre magische Wirkung auf den Betrachter entfalten.

Tatsächlich besitzt die Zahl 100 für viele Menschen etwas Magisches: Sei es, weil Zahlen bis 100 noch überschaubar und darum leichter zu merken sind; sei es, weil 100 Grad Celsius den Siedepunkt markieren, weil wir von 100 Punkten als Maximum oder von 100 Tagen Schonzeit sprechen, weil das kleine Einmaleins bei 100 endet oder weil uns der Hundertjährige Kalender manchmal verlässlicher scheint als der Wetterdienst.

Allerdings gibt es weder einen themen- noch einen objektbezogenen Grund, sich auf exakt die Zahl von 100 Objekten zu beschränken. Doch ähnlich wie die interessanteste Ausstellung nur dann besucherfreundlich ist, wenn ihr Spannungsbogen zu überblicken ist und Anfang wie Ende absehbar sind, dient hier die Begrenzung dazu, einen Rahmen für die Auswahl abzustecken – auch wenn dadurch ersichtlich wird, was fehlt, was ausgelassen und in der Darstellung übergangen wurde. Aufgrund seiner eigenen Interessen wird jeder Leser andere Leerstellen sehen, und all diese verweisen darauf, dass unsere Geschichte, ihre Themen wie ihre Objekte, in Herkunft und Zukunft unendlich sind.

Die Relikte aus den vergangenen 300 000 Jahren werden an vielen verschiedenen Orten aufbewahrt, gepflegt, interpretiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie alle verlangen die ganze Sorgfalt, Pflege und Hingabe der Museums-, Bibliotheks- sowie Archivmitarbeiter ebenso wie der Ausstellungsmacher. Nicht von ungefähr zieht es allein in Deutschland jährlich mehr als 100 Millionen Besucher in die Museen. Historische Themen, die am Beispiel von Menschen, Orten, Bauwerken oder eben meist von Objekten dargestellt werden, erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit. Vor allem Originale besitzen häufig eine Aura, der sich kaum jemand entziehen kann oder will. Wer sie betrachtet, sich auf sie einlässt, nimmt diese Eindrücke im Kopf und im Herzen mit. Aus diesem Umfeld heraus hat sich auch die Idee für dieses Buch entwickelt: Im Lauf eines langen und spannenden Berufslebens reifte der Gedanke. Zahlreiche Publikationen über einzelne Exponate und Objektgeschichten erscheinen im Rückblick wie der Testlauf für das vorliegende Buch. Das Echo auf sie war Ermutigung, sich auf das Projekt einzulassen, ein solches Mammutunternehmen in Angriff zu nehmen.

Das Projekt sollte möglichst alle Epochen abbilden: die Antike und das Mittelalter, Spätmittelalter und Frühe Neuzeit, die neuere und neueste Geschichte bis hin zur jüngsten Zeitgeschichte; seine regionale Begrenzung findet es im heutigen Deutschland. Es sollte eine zeitliche Spanne umfassen, die von den ersten Speeren der Menschheit bis zur Energiewende und zum heutigen Selbstverständnis der Deutschen reicht. Langfristige strukturgeschichtliche Veränderungen waren wichtiger als kurzfristige politische Wechsel. Zu den Themen zählen technische Neuerungen ebenso wie Industrialisierung und sozialer Wandel, Erster und Zweiter Weltkrieg, beide Diktaturen auf deutschem Boden und ihre Folgen, schließlich die Vereinigung des geteilten Deutschlands bis hin zum europäischen Einigungsprozess und den Problemen des 21. Jahrhunderts – dies sind nur einige der Facetten, aus denen sich die einzelnen Teile zusammensetzen.

Manche Objekte – vielleicht den Käfer, die Pille, ein Carepaket oder ein Westpäckchen – wird der Leser wie alte Bekannte begrüßen, weil er an sie eigene Erinnerungen knüpft. Oft sind es auch Überraschungsfunde, von denen die wenigsten hätten sagen können, dass sie tatsächlich zur deutschen Geschichte gehören, wie der erste Computer oder auch die Aspirin-Tablette. Jedes einzelne der 100 Objekte wird in den historischen Zusammenhang gestellt, seine Herkunft und individuelle Geschichte beschrieben. Manche können als Leitobjekte exemplarisch für ganze Phasen historischer Entwicklungen gesehen und interpretiert werden, andere werfen Schlaglichter auf kürzere oder längere Prozesse, prägende Strukturen und besondere Ereignisse. Trotz aller gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen lässt sich doch über die Jahrhunderte auch eine – sicherlich nicht auf deutsche Geschichte beschränkte – Konstante erkennen: die beharrlichen Versuche der Herrschenden, Geschichte zu instrumentalisieren und für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Das fängt bei der römischen Gesichtsmaske an und hört bei Angela Merkels Handy längst nicht auf.

Wie aber wählt man am Ende aus der Fülle des Materials aus, welche historischen Überreste sind geeignet, Deutsche Geschichte in 100 Objekten zu repräsentieren? Schließlich gibt es keinen Kanon der deutschen Geschichte und schon gar nicht einen, der sich konkret auf die Exponate beziehen würde. Manches ist Pflicht, anderes ist Kür, aber jede Auswahl ist subjektiv geprägt und hat zwangsläufig viel mit den Vorlieben sowie biografischen Erfahrungen des Autors zu tun. Das Neumagener Weinschiff etwa vermochte ihn schon als Jugendlicher zu fesseln und stand ihm wieder vor Augen, als er dieses Buch zu schreiben begann. Anderen Objekten begegnete er in späteren Jahren in seinem Berufsleben, wieder andere fielen durch ihre besondere Provenienz auf. In jedem Fall sollten die Objekte anziehen, fesseln und zur Kommunikation anregen. Gesucht wurden mehr dreidimensionale als flache Objekte – selbst wenn diese Vorgabe bei manchen Themen langwierige und nicht immer erfolgreiche Recherchen nach sich zog. Beispielsweise existieren die 1834 beseitigten Zollschranken heute nicht mehr, während Teile der Berliner Mauer in unendlicher Zahl zu besichtigen sind. Aus ebendiesen Gründen wurden weder die Zollschranken noch Mauerüberreste in diese Auswahl aufgenommen, andere Exponate zur deutschen Kleinstaaterei und zum Mauerfall aber sehr wohl.

In der Zusammenschau aller Objekte und Themen kann und will das Buch weder Geschichtsbücher noch Überblicksdarstellungen oder Speziallektüre ersetzen und erst recht nicht den Besuch von Ausstellungen und Museen. Vor allem anderen möchte es neugierig machen auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Leser durch das emotionale Erfahren der Objekte einen weniger abstrakten, konkreteren Zugang zu unserer Vergangenheit eröffnen. Es möchte ein breites, historisch interessiertes Publikum ansprechen. Wer sich eingehender informieren will, dem bietet es Hinweise auf weiterführende Literatur, die auch der Arbeit an diesen Texten zugrunde lag. Wenn der Leser hinschaut, hinterfragt, Zusammenhänge nachvollzieht und auf diese Weise aus den Objekten und ihren Kontexten eine Art Netz von Erinnerungen zu spannen vermag, dann fügen sich Zusammenhänge zu einem Gesamtbild, und das Buch hat eines seiner Ziele erreicht. Ein anderes Ziel ist die Sensibilisierung für die Objekte, ein weiteres die Auseinandersetzung mit den Themen und vielleicht sogar mit den Leerstellen, die es aus eigenem Interesse und eigener Neugier zu füllen gilt. Denn die Vergangenheit ist ja nicht gänzlich vergangen, sondern bleibt immer auch Entstehungsgeschichte, also Grundlage unserer Gegenwart.

Meinen Dank für die vielfältige Unterstützung, die ich während der Arbeit an diesem Projekt immer wieder erfahren konnte, habe ich an anderer Stelle zum Ausdruck gebracht. Neben den Kolleginnen und Kollegen in den Museen, Archiven, Bibliotheken und allen weiteren Einrichtungen, die sich mit Liebe und Leidenschaft der Bewahrung, Pflege und Erforschung ihrer Objekte widmen, danke ich vor allem allen Besucherinnen und Besuchern von Museen und Ausstellungen, denen ich begegnen durfte und die sich als Alltagsmenschen anziehen und faszinieren ließen, interessante Fragen stellten, meine Sensibilität schärften und so durch ihre Neugier das Entstehen dieses Buches maßgeblich förderten.

Ihnen allen sei es gewidmet!

 

Hermann Schäfer

Köln/Bonn, im September 2015

 

 

1 Die Speere von Schöningen

Homo erectus und die » deutsche « Vorgeschichte

Die ältesten auf deutschem Boden gefundenen Überreste unserer Vorfahren gehören – natürlich – zu unserer Geschichte. Und das nicht nur, weil sie überraschend einsatzfähig aussehen: acht Speere, sieben aus Fichten-, einer aus Kiefernholz, 1,80 bis 2,50 Meter lang, drei bis fünf Zentimeter dick, beidseits angespitzt, sorgfältig von Menschenhand gefertigt und bearbeitet. In Bauform und Wurfeigenschaften ähneln sie sogar heutigen Speeren und lassen sich 70 Meter weit werfen. Sensationsfunde aus dem Oktober 1994, die allen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge die weltweit ältesten bisher gefundenen Jagdwaffen der Menschheit sind und deren Erforschung das Bild der kulturellen Entwicklung des frühen Menschen nachhaltig verändert.

Als 1983 der Abbau im Helmstedter Braunkohlerevier an der innerdeutschen Grenze bei Schöningen begann, ahnte niemand, welche archäologischen Schätze hier Jahrtausende überdauert hatten. Die Entdeckungen sprengten selbst die kühnsten Erwartungen aller Experten. Archäologen begleiteten den Tagebau und fanden anfangs dicht unter der Oberfläche viele Spuren der jüngeren Vergangenheit. Nach neun Jahren kamen schließlich – gut zehn Meter unter der Oberfläche und aufbewahrt in Jahrmillionen alten Torfschichtungen über die Abfolge zweier Eiszeiten hinweg – acht hölzerne Speere aus der Altsteinzeit zum Vorschein. Nach allen bisherigen Erkenntnissen dienten sie den hier lebenden Urmenschen – Homo erectus – zu Jagd- oder auch Verteidigungszwecken und sind unfassbare 300 000 bis 400 000 Jahre alt.

Neben den Wurfspeeren legten die Archäologen in angrenzenden Schichtpaketen weitere Artefakte frei, die dem Urmenschen dieser Region vermutlich als Distanzwaffen dienten. So die als Lanze, als Wurfstock bzw. -holz und als Klemmschäfte interpretierten menschlichen Jagd- und Arbeitsgeräte, etwa 20 bis 30 Steinwerkzeuge (Schaber) sowie einen angekohlten, auf den Gebrauch von Feuer verweisenden Holzstab, möglicherweise in der Funktion eines Bratspießes. Diese menschlichen Hinterlassenschaften wiederum befanden sich inmitten einer Ansammlung von etwa 12 000 Tierknochen, die von mehr als 20 Wildpferden, vereinzelt von Rothirsch, Wisent, Nashörnern und Elefanten stammen. Die Spuren an den Skelettresten der Pferde sowie aufgeschlagene Knochen weisen auf gezielte menschliche Bearbeitung, vermutlich Schlachtung durch Steinwerkzeuge, hin, wie sie der afrikanische Urmensch bereits vor 1,5 Millionen Jahren etwa mit dem Faustkeil praktizierte.

Alles in allem liegt mit dem Fundensemble die beinahe eine halbe Million Jahre alte Momentaufnahme menschlicher Frühgeschichte vor, im luftdichten Boden des Tagebaus konserviert für die Gegenwart. Was sagt sie uns für das Verständnis unserer Vorfahren, über ihre Intelligenz, das Sozialverhalten und die Anpassungsfähigkeit des Homo erectus im Nordwesten des heutigen Deutschland?

Der mittlerweile gut dokumentierte Fund der Schöninger Speere, dem mit dem »Paläon« am Entdeckungsort seit 2013 ein Besucherzentrum und Museum gewidmet ist, schließt eine große Lücke im archäologischen Geschichtsbuch der frühen Menschheitsgeschichte, auch wenn noch viele Mutmaßungen bleiben. Etwa 800 000 Jahre ist es nach bisherigem Erkenntnisstand her, dass die ersten Vertreter der vom Menschenaffen und Frühmenschen unterschiedenen Menschenart Homo erectus von Afrika aus Europa erreichten. Als nomadisierender Jäger und Sammler fand dieser aufrecht gehende Urmensch auch im Norden des heutigen Deutschland gute Lebensgrundlagen. Das belegen die ältesten hierzulande gefundenen Überreste von Menschen wie der 1907 entdeckte Unterkiefer des »Homo erectus heidelbergensis« von Mauer bei Heidelberg (600 000 Jahre) und der 1933 gefundene Schädel des »Urmenschen von Steinheim« an der Murr (250 000 bis 300 000 Jahre alt). Der 1856 bei Düsseldorf entdeckte Neandertaler ist demgegenüber viel jünger (40 000 Jahre), und noch jünger ist das 1914 bei Bonn-Oberkassel gefundene Paar mit dem ältesten Haushund Europas (14 000 Jahre).

Dabei bedurfte das Überleben des altsteinzeitlichen Menschen in dieser Region ausgebildeter Anpassungsfähigkeiten an wechselvolle Lebensverhältnisse und das entsprechende Klima. Sein Lebensraum im geologischen Eiszeitalter, dem mittleren Pleistozän, wurde über Jahrhunderttausende bestimmt durch den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten, den Vorstoß gigantischer skandinavischer Gletschermassen, die in der Zeit vor 400 000 bis 320 000 Jahren auch den niedersächsischen Mittelgebirgsrand erreichten.

Auch die Schöninger Jagdrelikte stammen aus einer Warmphase zwischen zwei Eiszeiten, der Elster- und der Saale-Eiszeit. Am Speere-Fundort, davon geht die Forschung heute aus, entstand im Verlauf eiszeitlicher Ablagerungen aus einer Senke ein See und damit ein vom Menschen häufig aufgesuchter Rast- und Jagdplatz. In der Folge wurde dieses Gebiet wiederum über Jahrhunderttausende hinweg (bis vor etwa 150 000 Jahren) von bis zu 100 Meter hohen Gletschern übertürmt und am Übergang zum Holozän vor etwa 11 700 Jahren mit einer viele Meter starken Schicht aus Löss bedeckt. Auf diese Weise konnten die Speere wie in einem Magazin ungestört lagern und zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung wie »frisch vergraben« erscheinen.

Das Eiszeitalter oder Quartär ist der jüngste Abschnitt der Erdgeschichte; darin findet die Entwicklung des Menschen, der Gattung »Homo«, statt. Sie begann vor 2,6 Millionen Jahren und dauert bis heute an. Das Quartär wird in zwei geologische Zeitabschnitte unterteilt, das Pleistozän und das Holozän, die Jetztzeit. Die altsteinzeitlichen Funde von Schöningen stammen aus dem mittleren Pleistozän, sind also 320 000 bis 300 000 Jahre alt. Tausende von Generationen vor der Bildung erster Zivil- und Staatsgemeinschaften in Mesopotamien (ca. 4000 v. Chr.) und den ältesten Hochkulturen der Menschheit in Ägypten, Babylonien, Mexiko und Kreta erscheint also der Mensch im Pleistozän. Im nördlichen Mitteleuropa beginnt er als Homo erectus mit seiner Herrschaft über widrige Naturbedingungen, auf heutigem deutschem Boden bewährt er sich als mutiger und listiger Jäger von Wasserbüffel, Auerochse oder Wildpferd, und er tritt bewaffnet den Giganten des Eiszeitalters wie dem Eurasischen Altelefanten, der Säbelzahnkatze oder dem Steppenmammut gegenüber.

Der Schatz von Schöningen fügt sich in dieses archäologische Bild ein und ergänzt es zugleich, denn er wirft Fragen zum Entwicklungsgrad dieses europäischen Homo erectus im Allgemeinen und zum Heidelbergmenschen im Besonderen auf. Fragen, die nicht nur den Archäologen bewegen. Umso spannender, wie die moderne Forschung die »Schöninger Jagdszene« aus der Altsteinzeit interpretiert.

Da die Jagdgeräte, der »Bratspieß« und die steinernen Werkzeuge zum Zerlegen inmitten einer Fläche lagen, die von Tausenden Tierknochen bedeckt war und erwiesenermaßen nicht durch nachträgliche Seebewegungen entstand, lassen sich diese Relikte tatsächlich als Beleg für die – mutmaßlich häufiger stattfindende – systematische Jagd des steinzeitlichen Jägers und Sammlers deuten. Der Homo erectus wie später der Neandertaler ernährte sich sehr fleischreich; nördliches Klima und Lebensraum verlangten viel Energie bei einem nomadisch geführten Leben. So wurden wohl auch hier an dem ehemaligen Ufer eines Sees gemeinsam Wildpferde gejagt und vermutlich Strategien der Großwildjagd in der sozialen Gemeinschaft verabredet. »Wer glaubt«, so der Speere-Entdecker Hartmut Thieme, »dass das mit Grunzlauten und Armfuchteln möglich war, der irrt! Eine subtile Kommunikation war nötig, mit Sicherheit gab es bereits eine Form von Sprache.« Zu den kognitiven Fähigkeiten (bewusst und vorausschauend planen, strategisch denken, sozial kommunizieren und koordinieren) kommen also handwerkliche Fertigkeiten und ein technologisches Wissen hinzu, wie das gezielte handwerkliche Bearbeiten von Rohmaterial (Holz, Stein) zur Werkzeug- oder Waffenherstellung für den gemeinschaftlichen Jagdzweck. Zu solchen Intelligenzleistungen sind nur Wesen aus der Familie der Hominiden befähigt. Sie setzen ein großvolumiges, hoch organisiertes Gehirn voraus, aber auch von Generation zu Generation weitergegebene Erfahrungen.

Die Speere belegen, dass die Schöninger Jäger bereits eine Jagdtechnik besaßen, denn sie sind nicht nur sorgfältig bearbeitet und mit ihren unterschiedlichen Längen vermutlich der Konstitution ihrer Werfer angepasst. Sie sind auch ballistisch optimal austariert, geformt wie heutige Wettkampfspeere und als Distanzwaffen gebaut. Unbeantwortet bleibt bislang die Frage, weshalb die Speere am Schöninger Jagdgrund zurückgelassen wurden. Sind sie eventuell Relikte ritueller Handlungen (H.  Thieme), Bestandteil eines frühen Opferkults des Homo erectus?

 

Ungeachtet der Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten und noch ausstehender Detailuntersuchungen korrigieren die Speere von Schöningen bereits heute eine lange verbreitete Auffassung der Evolutionstheorie, wonach der kräftig gebaute Mensch des Pleistozäns noch kein Jäger gewesen sei, trotz seines starken Kiefers hauptsächlich vegetarisch gelebt und sich wie Tiere von Aas ernährt habe. Wenn aber bereits der Vorfahre des europäischen Neandertalers, der Homo erectus von Schöningen, in großem Stil Wildtiere angegriffen, erbeutet und in der Gruppe unterschiedliche Waffen und Angriffstechniken (Wurfspeere, Lanze) verwendet hat, dann muss das erste Auftreten menschlichen Jagdverhaltens »um mindestens ein Vierfaches an Zeit« (Thieme) zurückdatiert werden. Bereits der Schöninger Homo erectus war also Großwildjäger und Fleischesser, planender Denker und sprachlicher sozialer Kommunikator mit Anpassungsstrategien für die Klima- und Umweltverhältnisse im nördlichen Harzvorland. Insofern rückt der Schöninger Speerfund den Homo erectus der Altsteinzeit mit seiner menschlichen Intelligenz dem Homo sapiens evolutionsgeschichtlich so nah wie noch nie. Solchen detaillierten Aufschluss über den europäischen »Prä-Neandertaler« konnten bisherige Knochen-, Schädel- und Siedlungsfunde wie 1908 und 1972/73 im thüringischen Bilzingsleben (400 000 Jahre alt) bislang nicht gewähren.

Auch die Besiedlungsgeschichte Nordeuropas erhält mit dem Speere-Schatz einen neuen Mosaikbaustein, denn sie sind der bisher älteste Siedlungsnachweis des Menschen in Niedersachen – wiederum gut 14 000 Generationen, bevor der moderne Homo sapiens auch auf dem Boden des heutigen Deutschland sesshaft wurde, Ackerbau betrieb und menschliche Kulturlandschaften wie Siedlungen und Großsteingräber schuf (um 5600 v. Chr.).

Dank der altsteinzeitlichen Jagdspeere ist das Braunschweiger Land rund um den Elm heute eine weltweit bedeutsame archäologische Fund- und Untersuchungslandschaft. Sie umfasst inzwischen rund sechs Quadratkilometer und verspricht auch nach 30 Jahren intensiver Forschung noch weitere Erkenntnisse: so zum Beispiel zu urgeschichtlichen Siedlungen, zu Befestigungsanlagen sowie zu Gräbern aus der Jungsteinzeit, der Bronze- und Eisenzeit. Auf diese Weise ergeben sich immer wieder überraschende »Kurzschlüsse« der modernen Zivilisation mit ihren Ursprüngen, die wesentlich erst durch die Schaufelradbagger des industriellen Fortschritts ermöglicht wurden.

»Es gibt nicht nur Schätze aus Silber und Gold, sondern auch Schätze der Erkenntnis«, sagen Archäologen mit Bezug darauf, dass sich »über 99 Prozent der Menschheitsgeschichte unseres Landes nur in paläontologischen und archäologischen Quellen« (Harald Meller, nach: Güntheroth/Pursche) abbilden. Einzigartige Entdeckungen wie die von Steinheim und Mauer, Weimar-Ehringsdorf und Mettmann, Nebra oder Schöningen belegen diese Sichtweise. Sie öffnen neue Fenster in die Ursprungszeit des Menschen unserer Region, geben den Äonen des weltumspannenden Zivilisationsprozesses ein wenig klarere Konturen oder lassen bei allem Staunen überhaupt erst verständlich werden, wie lang die Kette der menschlichen Kulturentwicklung wirklich ist. Und wie viele Glieder in dieser Kette immer noch fehlen.

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