Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*

Bücher über Königshäuser

Die glitzernde Welt des Adels fasziniert und beindruckt seit Jahrhunderten. Werfen Sie mit unseren Büchern und Biografien einen Blick hinter die Kulissen der Paläste - abseits von Klatsch und Tratsch - und tauchen Sie stattdessen tief in die historischen Aspekte der adligen Gesellschaft ein.  

Royales Gewinnspiel

Mitmachen und eines von drei Adels-Buchpaketen im Wert von 50 Euro gewinnen!

Die Biografie der Kaiserin Sisi

Sisis Leben zwischen Mythos und Wahrheit

Sisis WegSisis Weg
Hardcover
€ 24,00
E-Book
€ 23,99
€ 24,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 23,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Vom Mädchen zur Frau – Kaiserin Elisabeths erste Jahre am Wiener Hof

Sisis Leben zwischen Mythos und WahrheitKaiserin Elisabeth gehört zweifelsfrei zu den bekanntesten Frauen der Geschichte. Längst ist Sisi zum Mythos geworden. Doch was wissen wir wirklich über ihr Leben? Wie sah ihr Alltag aus? Wie ihre Kindheit? Welche gesellschaftlichen Normen und Ideale beeinflussten ihr Fühlen, Denken und Handeln? Und wie unterschied sie sich von anderen Frauen ihres Standes?• Erstmals wird Kaiserin Elisabeths Leben aus der Perspektive ihres Alltags betrachtet• Durch die Analyse unveröffentlichter Originalquellen schließt die Autorin Lücken in der Elisabeth-ForschungÜberzeugend und detailgetreu zeigt die Autorin in dieser Biografie eine neue Seite der legendären, österreichischen Kaiserin: die private Sisi vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts. 
In den Warenkorb
Die Habsburger

Die Familie der Habsburger

Das Standardwerk zur österreichischen Kaiserin

Blick ins Buch
Elisabeth
Taschenbuch
€ 16,00
€ 16,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Kaiserin wider Willen

Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn, war eine der gebildetsten und interessantesten Frauen ihrer Zeit. Häufig entfloh sie der verhaßten Wiener „Kerkerburg“, weil sie nicht bereit war, sich von den Menschen „immer anglotzen zu lassen“. Statt dessen war sie monatelang auf Reisen, lernte Sprachen und trieb – im Rittersaal auf der Hofburg – Sport.Schon vor dem Attentat, das 1898 ihr Leben beendete, war sie zur Legende geworden. Brigitte Hamann schildert in dieser bereits zum Standardwerk gewordenen Biographie die Kaiserin, wie sie wirklich war - das übliche süße Sisi-Klischee wird man in diesem Buch vergeblich suchen.  Für diese Neuausgabe hat sie neu zugängliche Quellen erforscht und neue wissenschaftliche Erkenntnisse eingearbeitet. „Eine fundamentale Biografie.“ Neue Zürcher Zeitung- Mit über 100 Abbildungen
In den Warenkorb

Sisi – gesehen mit den Augen ihrer Lieblingstochter

Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth 1878–1899
Taschenbuch
€ 14,00
€ 14,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Herausgegeben von Martha und Horst Schad

Marie Valérie (1868–1924) wurde als viertes Kind von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth in Budapest geboren. Wie keines der anderen Geschwister gewann sie das Herz ihrer Mutter und durfte ihre Nähe erleben, aber auch Sisis ruheloses Leben. In ihrem Tagebuch beschreibt Marie Valérie ihre Eltern, Geschwister und Verwandten ganz unmittelbar, oft ungeschminkt. Kritisch beschreibt die Erzherzogin auch ihre Zeit, die Monarchie und nicht zuletzt sich selbst – als Kind, als Braut, als Frau und Mutter.
In den Warenkorb

Eine Familienchronik voller schräger Gestalten

Habsburgs schwarze SchafeHabsburgs schwarze Schafe
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 10,99
€ 11,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 10,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Über Sonderlinge, Rebellen und Wahnsinnige im kaiserlichen Hause

Als sich Winston Churchill über die „idiotischen habsburgischen Erzherzöge“ ärgerte, stand er mit seiner Ansicht nicht allein da. Warum kamen gerade bei diesem Herrschergeschlecht besonders viele Abweichungen von der Norm vor? Christian Dickinger schlägt die dunklen Seiten der Geschichte des Herrscherhauses auf und schreibt informativ und anschaulich über aristokratische Arroganz, den fanatischen Glauben an das Gottesgnadentum, die Jahrhunderte lang betriebene dynastische Inzucht und den Wahnsinn als deren Folge.
In den Warenkorb
Leben am Hof

Ein Blick hinter die Kulissen

Als Liebe noch das Leben kostete …

Skandal bei HofSkandal bei Hof
Taschenbuch
€ 12,00
E-Book
€ 11,99
€ 12,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 11,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Frauenschicksale an europäischen Königshöfen

Als Liebe noch Leben kostete - die dramatische Familiengeschichte von fünf Prinzessinen aus dem Haus WindsorsWahnsinnige Ehemänner, lebenslanger Hausarrest, grausamste körperliche und seelische Qualen, Isolation in einem intriganten Hofstaat: Alltag für viele adlige Frauen des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit feinem psychologischen Gespür erzählt Thea Leitner unter anderem diese Chroniques scandaleuses vonvon Sophie Dorothea, der Gemahlin des englischen Königs Gerog I.;Elisabeth Charlotte (Liselotte von der Pfalz), der deutschen Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Wilhelmine, der Lieblingsschwester Friedrichs des GroßenVor dem Hintergrund europäischer Politik eröffnen diese erschütternden Tragödien ein Gesellschaftsbild, das die Skandale heutiger gekrönter Häupter als harmlose Geschichten erscheinen lässt.
In den Warenkorb

Nach persönlichem Glück wurde selten gefragt

Ungeliebte KöniginUngeliebte Königin
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 10,99
€ 11,00 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 10,99 inkl. MwSt. In den Warenkorb
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Ehetragödien an Europas Fürstenhöfen

Nach außen mochten die großen europäischen Fürstenhöfe Pracht und Luxus ausstrahlen, doch hinter ihren Fassaden spielten sich wahre Ehetragödien ab. Die Töchter von Kaisern und Königen wurden häufig wie ein Stück Ware gehandelt und noch als Kinder aus Staatsräson in ein fernes Land verschachert; nach persönlichem Glück wurde selten gefragt. Packend und historisch fundiert erzählt Helga Thoma von tragischen Schicksalen, aber auch von starken Frauen, die sich vom Leid nicht brechen ließen.
In den Warenkorb
Weitere Adels-Biografien

Über das höfische Leben der Barockzeit

Die verbannte PrinzessinDie verbannte Prinzessin

Das Leben der Sophie Dorothea von Hannover

Früh verheiratet, von ihrem Mann ungeliebt und gedemütigt, begegnet Kurprinzessin Sophie Dorothea von Hannover im Jahr 1690 dem schwedischen Oberst Philipp Christoph Königsmarck, Auftakt einer leidenschaftlichen Affäre, die mit ihrer Verbannung auf ein Landschlösschen an der Aller endet. 30 Jahre, bis zu ihrem Tod, muss sie dort in völliger Isolation verbringen, während ihr Mann als Georg I. den englischen Thron besteigt, ihre Tochter Königin von Preußen wird und einen Knaben zur Welt bringt, der als Friedrich der Große in die Geschichte eingehen wird.
In den Warenkorb

Ein neuer Zugang zu Elisabeth II.

Blick ins Buch
Die QueenDie Queen

Elisabeth II – Porträt einer Königin

Pünktlich zum 95. Geburtstag der Queen am 21.4.2021 - Mit zwölf ganzseitigen Porträts der Queen von ihrer Kindheit bis heuteMit jugendlichen 25 Jahren bestieg Elisabeth II. den Thron, inzwischen hat sie längst ihr Diamantenes Thronjubiläum gefeiert und mehr Krisen überstanden, als irgendein Politiker sich vorstellen kann. Die Queen hat der Öffentlichkeit in ihrer langen Regentschaft nur wenig über ihr Leben preisgegeben. Doch Fotografen – von Marcus Adams über Cecil Beaton bis Annie Leibovitz – ist es immer wieder gelungen, einen Zugang zu ihr zu finden. Über die berühmten Fotos nähert sich Paola Calvetti der Biografie der Queen und skizziert dabei ein persönliches, fast intimes Porträt der großen Monarchin. »Paola Calvetti zeichnet ein bisher wenig bekanntes Bild dieser feinen und zugleich unerschütterlichen Art, die dazu führte, dass die Queen auf der ganzen Welt geliebt wird.« - La Repubblica 

Wiltshire, England, März 2015

Der Fahrer verstaut die letzten Gegenstände aus dem Cottage in seinem Lieferwagen, alles wertloser Plunder, der in den ebenerdigen Räumen zurückgeblieben ist. Das alte Häuschen braucht nun nicht mehr als einen frischen Anstrich, denn Bausubstanz und Putz sind noch gut. Klar, im Garten wuchert das Unkraut, die Äste der Bäume reichen schon bis ans Dach, das Holz der Fensterrahmen ist rissig, und die niedrigen Steinmauern sind bröckelig und löchrig wie Scheiben vertrockneten Brotes. Doch die Lage des kaum eine Zugstunde von London entfernten Cottages ist einfach unbezahlbar, und die hohen Hecken bieten perfekten Schutz vor neugierigen Blicken.

Hier herrscht vollkommene Stille.

Der Morgen taucht die Umgebung in honigfarbenes Licht.

Als der neue Eigentümer dieser Oase der Ruhe wieder allein ist, geht er in den Keller. Durch die halb geöffnete Tür fallen zwei Lichtstreifen ins Halbdunkel. Von der Decke hängt eine nackte Glühbirne herab, in einer Ecke liegt ein umgestoßener, staubüberzogener Schemel. In den dichten Spinnweben unter einem Balken entdeckt der Eigentümer eine kleine Holzkiste mit verblichenem Schild. Da muss er wohl noch mal den Mann mit dem Lieferwagen rufen, denkt er und klappt gleichmütig ihren Deckel auf, ohne groß Hoffnung zu haben, einen Schatz zu entdecken. Tatsächlich liegen in der Kiste, in fein säuberliche Reihen sortiert, Dutzende cremefarbener Briefumschläge.

Darin alte Fotos.

Manche sind gut erhalten, andere an den Kanten vergilbt. Wie durch ein Wunder sind sie von der Feuchtigkeit verschont geblieben. Auf gut Glück nimmt er einen Umschlag mit der Aufschrift 1926 und zieht vorsichtig das Bild hervor: Eine junge Frau mit klaren Gesichtszügen schaut ihm direkt in die Augen, in langen Bögen fällt ihre Perlenkette auf das dunkle Kleid, die Lippen öffnen sich zu einem Lächeln. Auf ihrem Schoß hält sie ein Kleinkind in weißem Spitzenkleidchen, unter dem die nackten Babyfüße hervorschauen. Die Bildunterschrift auf der Rückseite des Fotos lässt sein Herz höherschlagen: Princess Elizabeth and the Duchess of York, dec. 2 1926.

Deshalb kommt ihm das Gesicht so bekannt vor!

Die geheimnisvolle Frau ist die zukünftige Queen Mum und das blonde Baby niemand anderes als das Kind.

Neunundachtzig Jahre hat das Foto in der Kiste überdauert, zusammen mit vielen Hundert weiteren Erinnerungen an eine vorgezeichnete und allem Anschein nach glückliche Kindheit. Wer wohl die Bilder der Königsfamilie in dieser Zeitkapsel zurückgelassen hat? In der rechten unteren Ecke entdeckt er eine verblasste Signatur: Marcus Adams.

Eine schnelle Onlinerecherche ergibt, dass es sich um den Schwiegersohn der ehemaligen Cottagebesitzerin handelt, der verstorbenen Rosalind Thuillier. Adams ist der Name einer Fotografendynastie, die jahrzehntelang das Leben der Königsfamilie begleitet hat: Marcus’ Vater Walton, Mitglied der British Archaeological Association und Miterfinder der Trockenplatte, war der Lieblingsfotograf von Königin Victoria; Marcus selbst lichtete zwischen 1926 und 1956 ganze Scharen von Aristokratenkindern ab, und sein eigener Sohn Gilbert schließlich hatte als sein Assistent die Ehre, bei der Krönungszeremonie von Elizabeth II. Westminster Abbey auszuleuchten.

Natürlich hat es einen gewissen Reiz, etwas zu besitzen, das mit den Royals zu tun hat, aber was soll der neue Eigentümer des Häuschens nur mit dem Schatz anfangen, der ihm da so unverhofft vor die Füße gefallen ist? Soll er aus dem Cottage vielleicht ein Museum der Zeitgeschichte machen? Oder lieber versuchen, diese Fragmente eines Monarchenlebens möglichst schnell wieder loszuwerden?

Verkaufen, nichts wie verkaufen!

Einige Monate später ist der große Saal des Auktionshauses Dominic Winter in Cirencester, einer Kleinstadt rund 150 Kilometer nordwestlich von London, bis auf den letzten Platz gefüllt, eine eigenartige, angespannte Vorfreude liegt in der Luft. Aus allen Teilen Großbritanniens sind Sammler, Galeristen, treue Windsor-Fans und Schaulustige in die Grafschaft Gloucestershire gekommen, um sich eine der fünfhundert Fotografien zu sichern, die ein anonymer Verkäufer anbietet. Ein echtes Zückerchen: Denn Marcus Adams, der weniger ein braver Chronist der Geschichte als ein wilder Sammler von Erinnerungen war, hat nicht nur ein umfangreiches Werk hinterlassen, die ausdrucksstarken Bromöldrucke sind auch noch alle unveröffentlicht. Sie erzählen vom Beginn eines Lebens, das einige Jahre später eine völlig neue Wendung nehmen sollte. Auf rund der Hälfte der Fotos ist Elizabeth zu sehen, als süßes Baby mit speckigen Beinchen auf dem Schoß von Königin Mary, der strengen Großmutter, oder als Jugendliche, die mit ihren Blicken bereits alles um sich herum zu kontrollieren scheint, oder als junge Mutter Anfang zwanzig mit ihrem erstgeborenen Kind Charles auf dem Arm.

Die Auktion ist ein Riesenerfolg.

Das höchste Gebot bekommt ein Porträt von König George VI. mit seiner Gemahlin Elizabeth, der Queen Consort, und den beiden Prinzessinnen Elizabeth und Margaret aus dem Jahr 1939, wenige Wochen vor Englands Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Vom Nachmittag des 12. bis zum Abend des 13. Oktober 2015 wird der Schatz eines achtlosen Fotografen in alle vier Himmelsrichtungen verstreut. Sämtliche Abzüge sind unter den Hammer gekommen – bis auf einen, den der überglückliche Verkäufer selbst behält: Datiert auf den 2. Dezember 1926 zeigt er das Debüt der kleinen Elizabeth vor der Linse.

Kindheit (1926 – 1933)

 
Sieben Monate vor dem Dezember-Foto

Ein eisiger Wind weht über der Themse. Es ist der 20. April 1926, und die Morgenzeitungen verkünden mit wenigen Zeilen, dass es nicht mehr lange dauern kann. Dennoch sind keine Fotografen in die Bruton Street Nummer 17 im Londoner Nobelviertel Mayfair gekommen. Nur eine kleine Gruppe ergebener Untertanen harrt unter den Fenstern des Hauses aus, und im Eckpub Coach and Horses (das es bis heute gibt, eingekeilt zwischen luxuriösen Stadthäusern) stehen die Bierkrüge bereit, um auf das freudige Ereignis anzustoßen. Auch der Streik der englischen Bergarbeiter, den die Gewerkschaften als Protest gegen die angekündigten Lohnsenkungen für den 3. Mai angekündigt haben, trägt zur Londoner Eiseskälte bei. Doch Sir William Joynson-Hicks hat im Moment anderes im Kopf; der Innenminister der konservativen Regierung unter Stanley Baldwin eilt zu einer wichtigen Staatsangelegenheit.

Es ist kurz nach Mitternacht, als sein Fahrer ihn zur Residenz von Claude George Bowes-Lyon fährt, dem 14. Grafen von Strathmore und Kinghorne. Im ersten Stock liegt die fünfundzwanzigjährige Elizabeth Angela Marguerite Bowes-Lyon, die vierte Tochter und das insgesamt neunte Kind des Grafen, seit vierundzwanzig Stunden mit ihrem ersten eigenen Kind in den Wehen. Um die erschöpfte Herzogin von York herum stehen drei Gynäkologen, zwei Hebammen, eine Handvoll Geistliche sowie Angehörige des Hofstaates. Doch damit nicht genug: Um die Geburt eines royalen Kindes zu bezeugen, ist die Anwesenheit des Innenministers erforderlich. Diese Tradition reicht bis in das Jahr 1688 zurück, als man kurz nach seiner Geburt die Legitimität des später so unglückseligen James Stuart, des Sohnes von König James II. und Königin Maria Beatrice d’Este, anzweifelte, und sich unter anderem das Gerücht verbreitete, dass der wahre Sohn des Paares bei der Geburt gestorben und mithilfe einer verschlagenen Hofdame durch ein fremdes Kind ersetzt worden sei.

Sir William muss nicht lange warten.

Da die natürliche Geburt Komplikationen verspricht, entschließt sich der Chirurg Sir Harry Simpson zu einem Kaiserschnitt. Die Operation wird gleich vor Ort durchgeführt, obwohl der Eingriff das Risiko birgt, dass die junge Mutter keine weiteren Kinder bekommen kann. Doch Elizabeths Ehemann Prinz Albert, der Herzog von York, ist kein direkter Thronfolger, also fackelt man nicht lange. Wenige Minuten nach 2:40 Uhr am frühen Morgen des 21. April 1926 teilt Sir Joynson-Hicks dem Premierminister mit, dass die Geburt „institutionell“ problemlos verlaufen sei und er sich „persönlich“ habe überzeugen können, dass kein Austausch stattgefunden habe. Der Säugling mit einem Geburtsgewicht von 3600 Gramm ist also die erste Enkelin von König George V. Doch vor allem ist sie die innig geliebte Tochter der grazilen, humorvollen Elizabeth, Gemahlin des stotternden und jähzornigen Prinzen Albert, genannt Bertie.

Am 22. April erscheint in der Times eine kurze Mitteilung: „Ihre Königliche Hoheit, die Herzogin von York hat gestern Morgen um 2:40 Uhr in der Bruton Street 17 eine Tochter zur Welt gebracht. (…) Seit der Ankunft ihrer Tochter hat die Herzogin von York ein wenig geruht. Der Zustand Ihrer Königlichen Hoheit und der kleinen Prinzessin entwickelt sich sehr zufriedenstellend.“ Am nächsten Tag ist die Daily Mail die einzige Zeitung, die ihre Leser darauf hinweist, dass „dieses Kind, das seit gestern im ganzen Königreich Thema Nummer 1 ist (zumindest bei den meisten), in der Thronfolge auf Platz drei rangiert“. Nämlich hinter Edward, Prince of Wales, der für den Thron und damit auch für Hochzeit und eigene Nachkommen in der unmittelbaren Thronfolge vorgesehen ist, und seinem Bruder Albert.

Den ersten Besuch bekommt das Neugeborene am Nachmittag von den Großeltern väterlicherseits, König George V. und Königin Mary, die um vier Uhr morgens über den Familienzuwachs in Kenntnis gesetzt wurden. Die Großmutter beschreibt den Säugling als „entzückendes kleines Ding mit gesunder Gesichtsfarbe und wunderbaren Haaren“. Am selben Abend schickt ihnen der frischgebackene Vater stolz und überglücklich ein Billett nach Hause:

„Ich hoffe, Du und Vater freut Euch über die Geburt Eurer Enkelin“, begleitet von einer Art Einschränkung (denn Könige bevorzugen bekanntermaßen männliche Nachkommen …), „oder hättet ihr lieber einen weiteren Enkel?“

Bis heute erinnert eine Gedenktafel an die eisige Nacht:

AN DIESER STELLE IN DER BRUTON STREET 17 STAND EINST DAS STADTHAUS DES GRAFEN VON STRATHMORE UND KINGHORNE, WO ELIZABETH ALEXANDRA MARY WINDSOR, SPÄTER IHRE MAJESTÄT QUEEN ELIZABETH II., AM 21. APRIL 1926 DAS LICHT DER WELT ERBLICKTE.

Glücklicherweise haben die Royals seit jeher die Angewohnheit, sich von einem Raum des Palastes zum anderen kleine Botschaften zukommen zu lassen. Jahrzehnte später lässt sich aus diesen Notizen zwar kein Tratsch und Klatsch mehr ziehen, sie enthalten aber immer noch ungeahnte Wahrheiten. Beispielsweise kennen wir so manche Einzelheit über die Verlobung und Hochzeit von Elizabeth Bowes-Lyon aus jenen Briefchen, die erst 2012 veröffentlicht wurden und in denen die sonst sehr selbstbewusste und entschlussfreudige junge Frau zugibt, dass sie gar nicht so sicher sei, ob sie den Sohn des Königs heiraten solle. Im Gegenteil, der Gedanke an die Pflichten, die eine solche Verbindung mit sich bringe, jage ihr geradezu „Angst“ ein, gesteht sie ihrer ehemaligen Gouvernante Beryl Poignand. Albert hingegen ist wie magisch angezogen von der temperamentvollen Schottin und hofiert sie über Monate, doch er ist nur der Zweitgeborene der Windsors und vielleicht nicht „gut genug“ für die ambitionierte Adlige, der die Geschichtsbücher zudem eine Schwäche für den Hofbeamten James Stuart nachsagen.

Doch die Entscheidung der Windsors ist gefällt, und der schüchterne Sohn bekommt Schützenhilfe von Königin Mary. Mit einem attraktiven Posten in den Vereinigten Staaten wird der Rivale aus dem Verkehr gezogen. Bei einem Besuch auf Glamis Castle, dem schottischen Familiensitz der Strathmores, kommt es, verbunden mit einer unbedachten zärtlichen Geste, zum ersten Heiratsantrag – der prompt abgelehnt wird. Ebenso der zweite. Doch Albert lässt nicht locker, sendet Briefe und kleine Nachrichten, veranstaltet rauschende Feste und Bälle, und nach Monaten des hartnäckigen Umwerbens verändert sich Elizabeths Blick auf den verletzlichen Herzog; der dritte Antrag wird schließlich erhört, und so kommt es am 15. Januar 1923 zur Verlobung. Von dem Tag an richtet sich eine geradezu krankhafte Aufmerksamkeit auf die zukünftige Braut, die Presse giert nach Details und Indiskretionen. Die Vorstellung, sich der Neugier der Öffentlichkeit stellen zu müssen, ärgert Elizabeth maßlos, Reporter und Fotografen sind für sie die pure Pest – hoffentlich werden sie bald gelangweilt von ihr ablassen!

Doch das bleibt ein frommer Wunsch, und nur wenige Jahre später wird sich die Herzogin von York derselben Reporter und Fotografen bedienen – zu ihrem eigenen Vorteil und dem der Monarchie.

Am 26. April 1923 heiraten Elizabeth und Albert in Westminster Abbey. Nach kurzen Flitterwochen im Herrenhaus Polesden Lacey in der Grafschaft Surrey südwestlich von London ziehen sie in die ruhige Bruton Street, wo aus Elizabeth schnell eine aufmerksame Ehefrau wird, die den Wunsch ihres Mannes nach einem Familienleben fernab der höfischen Ränke wirkungsvoll unterstützt.

Ganz dem viktorianischen Geist ergeben, passt sich die Herzogin fraglos dem königlichen Protokoll an. Sie weiß, dass so gut wie nichts ohne die Einwilligung des Schwiegervaters geschieht, der nun sogar das Recht und das Privileg hat, über den Namen seiner Enkelin zu entscheiden: Der elterliche Vorschlag Elizabeth Mary Alexandra (zu Ehren von Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, allesamt Königsgattinen oder -witwen) findet seine Zustimmung, und am 29. Mai 1926 wird die Kleine durch den Erzbischof von York, Cosmo Lang, in der Familienkapelle von Buckingham Palace getauft – mit Wasser aus dem Jordan.

Sie weint die ganze Zeremonie lang.

Die Briten feiern ihre Little Princess wie keine Zweite, innerhalb weniger Monate schmückt sie die Titelseiten aller Zeitungen und wird zum „bekanntesten Kind der Welt“, nicht zuletzt dank der Fotos von Marcus Adams.

„Three Photographers“

Kinder sind für Bertram Park schwierige Kunden, weil sie sich vor der Linse kaum bändigen lassen. Wie viel einfacher verdient man da sein Geld mit Theaterstars oder den eitlen Damen reiferen Alters, die nach Porträts für die heimische Ahnengalerie verlangen. Doch als aus dem Palast wiederholt Anfragen kommen, wittert Park ein gutes Geschäft und gründet mit seiner talentierten Frau Yvonne Gregory und dem lebenslustigen Marcus Adams das Studio „Three Photographers“, wo die drei sich Druckherstellung, Nachbearbeitung und Dunkelkammer teilen. Doch nur Adams obliegt die lästige Pflicht, die zappeligen Kinder der „Von und zu“ abzulichten.

Wir schreiben den Herbst 1920, und die Dover Street 43 wird sich in kürzester Zeit zum Mekka der neuen Generation reicher Bürgerlicher und Adliger entwickeln – unter ihnen die nicht besonders hübsche Rosalind Hicks, einzige Tochter der Schriftstellerin Agatha Christie, und der kleine, traurige Christopher Robin Milne, dessen Stofftier das Vorbild für Pu der Bär war, die von seinem Vater Alan Alexandre Milne erdachte Kinderbuchfigur. Im Portfolio der „Three Photographers“, quasi ein Who’s who der künftigen britischen Elite, dürfen der Herzog und die Herzogin von York nicht fehlen, an denen sich die Zeitschriftenverleger eine goldene Nase verdienen; nicht zuletzt seit der Geburt der Prinzessin mit den Goldlöckchen, die zu einem der beliebtesten Fotomotive geworden ist.

Seit ihrem Debüt am 2. Dezember 1926 hält das Automobil der Yorks mit erfreulicher Regelmäßigkeit in der Dover Street, wo Adams sie mit Krawatte und Blüte im Knopfloch in einem gut sitzenden grauen Jackett empfängt, darüber den weißen Arbeitskittel. Nach dem obligatorischen Bückling vor Ihren Königlichen Hoheiten geht es gleich in den großzügigen, mattgelben Aufnahmeraum, wo auf einem großen Tisch Puppen und Spielzeug warten. Adams hat schon eine Bleistiftskizze der jungen „Kundin“ angefertigt und einen Fotoapparat mithilfe von Gummischienen so präpariert, dass er das Kind nicht mit dem metallischen Rattern der Fotoplatten verschreckt.

Adams fotografiert mit dem weichen Licht verdeckter Lampen, seine bedächtigen Bewegungen wecken die Aufmerksamkeit des Kindes, es „posiert“ unter den wachsamen Blicken der hinter einer Stellwand aus Glas stehenden Eltern, während der Fotograf es mit kleinen Kunststücken unterhält. Ein kurzes Video im Internet zeigt, wie gebannt und interessiert ihm die zu diesem Zeitpunkt vierjährige Elizabeth folgt, als wäre er ihr Lieblingsonkel.

Für fünfzig gelungene Fotos schießt er mindestens zweihundert, anschließend arbeitet er für den von ihm angestrebten Effekt mit Kreiden und Bleistiftminen einen weichen Hintergrund auf die gläsernen Fotoplatten, eine für damalige Zeiten sehr fortschrittliche Postproduktion. Einige Tage später gibt er die Porträts im Palast ab. Viele davon wandern als Erinnerung in das Familienalbum, andere werden in Zeitschriften veröffentlicht, auf Keksdosen gedruckt, für Postkarten, Briefmarken, Kalender und Porzellantassen verwendet.

Schließlich kommt Elizabeth sogar noch dem amerikanischen Kinderstar Shirley Temple zuvor, als das Wochenmagazin Time der gerade drei Jahre alt gewordenen Prinzessin mit der Ausgabe vom 29. April 1929 einen engelsgleichen Auftritt auf der Titelseite schenkt.

Ein außergewöhnliches Leben

Alice von Battenberg – Die Schwiegermutter der QueenAlice von Battenberg – Die Schwiegermutter der Queen

Ein unkonventionelles Leben

Ein Leben zwischen Buckingham Palace und der Psychiatrie – ein ungeschöntes Porträt einer faszinierenden Persönlichkeit Karin Feuerstein-Praßer holt mit der ersten deutschsprachigen Biografie über Alice von Battenberg eine Frau aus der Vergessenheit, die mehr als nur die Schwiegermutter von Queen Elizabeth der II. war. Sie durchlebte Kriege und Putschversuche, war Mutter und Wohltäterin, kämpfte aber auch gegen zahlreiche eigene Dämonen. Das Leben der Alice von Battenberg war ungewöhnlich, tragisch, vor allem facettenreich und vielschichtig. Die Urenkelin von Königin Victoria und spätere griechische Monarchin kam 1885 taub auf Schloss Windsor zur Welt, lernte jedoch Lippenlesen in gleich mehreren Sprachen. Später heiratete Alice Prinz Andreas von Griechenland, bis politische Unruhen die Familie ins Exil zwangen. Sie verfiel dem religiösen Wahn und wurde wegen des Verdachts auf Schizophrenie in die Psychiatrie eingewiesen. Ein schier unglaublicher Lebensweg, der noch viele weitere Stationen sowie Höhen und Tiefen enthält. Autorin Karin Feuerstein-Praßer schafft ein wichtiges und fesselndes Korrektiv, welches das Rampenlicht auf eine zu Unrecht ignorierte Adlige richtet. Heldinnenmut im Angesicht des Nationalsozialismus – eine wenig beachtete Seite der Aristokratie Karin Feuerstein-Praßer lässt ihre Leser noch zahlreiche andere Facetten der Prinzessin und des europäischen Adels entdecken. Alice von Battenberg versteckte während des Zweiten Weltkriegs eine jüdische Familie und rettete ihr damit das Leben. Eine Tat, für die sie nach ihrem Tod die Ehrung als „Gerechte unter den Völkern“ erhielt. Informatives und persönliches Geschichtsbuch abseits der royalen Gerüchteküche Selbst eine komplexe und vielschichtige Serie wie „The Crown“ auf Netflix erfasst nicht die gesamte Geschichte der Royal Family. „Alice von Battenberg – Die Schwiegermutter der Queen“ eignet sich deswegen perfekt für LeserInnen, die kein Interesse an Klatsch und Tratsch über Harry und Meghan oder wilden Skandalen haben. Tauchen Sie stattdessen tief in die historischen Aspekte der adligen Gesellschaft ein.

Kapitel 1
Kosmopoliten aus der hessischen Provinz – die Battenbergs
Alice, Mutter von Prinz Philip und Urenkelin Queen Victorias

Als junger Prinzgemahl hatte es Philip, Herzog von Edinburgh, am englischen Königshof keineswegs leicht. Nach der Thronbesteigung Elizabeths II. 1952 musste er seine erfolgreiche Karriere bei der Royal Navy vorzeitig beenden, um künftig nur noch „der Mann an ihrer Seite“ zu sein. Das höfische Protokoll schrieb ihm vor, stets zwei, drei Schritte hinter seiner Frau zu gehen, was er jahrzehntelang mit der ihm eigenen Souveränität tat, bis er im August 2017 in den offiziellen „Ruhestand“ trat. Zu diesem Zeitpunkt war Prinz Philip 96 Jahre alt und zählte zu den fleißigsten und beliebtesten Mitgliedern des englischen Königshauses.
Das war nicht immer so gewesen, zumindest was seine Beliebtheit betrifft. Anfangs galt Philip sowohl am Hof als auch beim englischen Adel als bürgerlicher Außenseiter, noch dazu mit deutschen Wurzeln, was seine Position in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusätzlich erschwerte. Selbst das Dienstpersonal schien ihm mitunter den nötigen Respekt zu versagen. Wer war er schon, dieser Philip Mountbatten, dessen Vorfahren mütterlicherseits noch bis 1917 den deutschen Namen Battenberg getragen hatten und irgendwo aus der hessischen Provinz stammten?
Nach der Krönung Elizabeths II. im Sommer 1953 musste sich Prinz Philip sogar von einem hochnäsigen Höfling belehren lassen: „Sie werden Schloss Windsor lieben, wenn Sie es erst einmal kennengelernt haben.“ Philips lässige Antwort wird den Bediensteten wohl sprachlos gemacht haben: „Ja, ich weiß, meine Mutter wurde hier geboren.“ Ob der Bedienstete das geglaubt hat? Wieso sollte die Mutter des Prinzgemahls ausgerechnet auf Schloss Windsor das Licht der Welt erblickt haben, mag er sich wohl gefragt haben. Vielleicht hatte er ja die Krönungsfeierlichkeiten im Fernsehen verfolgt und sich über die merkwürdige ältere Dame gewundert, die mit ihrer schlichten grauen Nonnentracht einen außergewöhnlichen Kontrast zu den übrigen, glamourös gekleideten Gästen bildete. Ob er wohl wusste, dass es sich um die Schwiegermutter der Queen handelte, Philips Mutter Alice von Battenberg?
Tatsächlich kam Alice von Battenberg am 25. Februar 1885 in Anwesenheit von Queen Victoria (1819–1901) auf Schloss Windsor zur Welt. Schließlich war ihre Mutter, die 1863 ebenfalls hier geboren wurde, deren Enkelin und trug zudem den gleichen Namen: Viktoria. Auch die neugeborene Prinzessin wurde nach ihrer Großmutter mütterlicherseits Alice gerufen (Taufname: Victoria Alice Elisabeth Julia Marie), doch diese, Viktorias Mutter, die zweitälteste Tochter der Queen, war tragischerweise schon 1878 verstorben.


Die früh verstorbene Großmutter Alice von Hessen-Darmstadt

Nach der Geburt von Viktoria, genannt „Vicky“, 1840 und des späteren englischen Königs Edward VII. im Jahr darauf kam Alice 1843 als drittes Kind von Queen Victoria und ihrem deutschen Gemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819–1861) auf die Welt. Mit 19 Jahren heiratete sie den späteren (1877) Großherzog Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein (1837–1892) und folgte ihrem Ehemann in die hessische Residenzstadt Darmstadt.
Das Großherzogtum Hessen-Darmstadt war damals noch vergleichsweise jung. In der Zeit der Napoleonischen Kriege war Ludwig X. (1753–1830), Landgraf von Hessen-Darmstadt, ein enger Verbündeter von Napoleon Bonaparte gewesen, Gründungsmitglied des unter französischem Protektorat stehenden Rheinbunds, der sich im August 1806 formell vom Heiligen Römischen Reich losgesagt und damit dessen Ende beschleunigt hatte. Als Dankeschön des Kaisers der Franzosen erhielt der Landgraf eine fürstliche Standeserhöhung und durfte sich seitdem Ludwig I., Großherzog von Hessen und bei Rhein, nennen.
Daneben gab es noch ein zweites hessisches Territorium, Hessen-Kassel; beide waren 1567 durch Erbteilung entstanden. Landgraf Philipp I. (1504–1567), von dem später noch die Rede sein wird, hatte das hessische Territorium seinen vier Söhnen vermacht, von denen zwei frühzeitig starben. So entstanden damals der nördliche Teil Hessen-Kassel und die südliche Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.
Das Haus Hessen-Darmstadt war eng mit den großen europäischen Höfen verbunden. Wilhelmine (1755–1776), eine Tochter Ludwigs IX. und der „Großen Landgräfin“ Caroline, hatte den russischen Zaren Paul I. geheiratet, den Sohn Katharinas der Großen, während ihre Schwester Friederike Luise (1751–1805) an der Seite Friedrich Wilhelms II. preußische Königin wurde. 1841 vermählte sich schließlich Marie, die Tochter des hessischen Großherzogs Ludwig II. (1777–1848) und Wilhelmines von Baden (1788–1836), mit dem späteren Zaren Alexander II. – ein Umstand, der einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entstehungsgeschichte der Battenbergs hatte. Doch dazu später mehr.
Hatte sich das Haus Hessen-Darmstadt hinsichtlich seiner Eheschließungen bislang auf Russland und Preußen beschränkt, so kam es 1862 erstmals zu einer Verbindung mit dem englischen Königshaus. Auf Wunsch seiner Mutter Elisabeth, Nichte des Preußenkönigs Friedrich Wilhelms III., war der junge Ludwig von Hessen-Darmstadt, der nachmalige Großherzog Ludwig IV., seinerzeit in preußische Dienste eingetreten und hatte in Berlin das spätere Kronprinzenpaar kennengelernt, Friedrich Wilhelm, genannt Fritz, und seine Frau Vicky, die älteste Tochter der Queen. Die sich daraus entwickelnde Freundschaft hatte zur Folge, dass Ludwig nach England eingeladen wurde, wo er schließlich Vickys Schwester, Prinzessin Alice, kennen und lieben lernte. Nach der Hochzeit, die 1862 auf Wunsch der Queen auf der Isle auf Wight gefeiert wurde, blieb die Verbindung mit London auch weiterhin sehr eng.
Das erste der sieben Kinder des Paars kam daher auf Schloss Windsor zur Welt, die am 5. April 1863 geborene Viktoria. Es folgten Elisabeth „Ella“ (1864–1918), Irene (1866–1953) und Ernst Ludwig (1868–1937), der letzte Großherzog von Hessen-Darmstadt, schließlich vervollständigten Friedrich „Frittie“ (1870–1873), Alix (1872–1918) und Marie (1874–1878) die Familie.
Alice von Hessen-Darmstadt war eine begeisterte Mutter, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmerte – und die Queen selbstverständlich über deren unterschiedliche Entwicklung auf dem Laufenden hielt: „Ella ist so ein witziges Kind, aber keineswegs leicht im Umgang“, schrieb sie am 6. Dezember 1867 nach London. „Ganz im Gegensatz zu Viktoria, die ein sehr folgsames Kind ist … Sie kann sogar schon ein paar Wörter lesen.“ Am 24. Juni 1872 gab sie auch Auskunft über den etwas ungewöhnlichen Namen Alix, den sie ihrer zweitjüngsten Tochter, der späteren Zarin Alexandra, gegeben hatten: „Wir haben uns für ›Alix‹ statt ›Alice‹ entschieden, weil sie hier meinen Namen immer falsch aussprechen und ›Aliicé‹ sagen, ›Alix‹ wird sicher einfacher sein.“
Zunächst schien das Familienglück perfekt. Die Ehe mit Ludwig war allem Anschein nach sehr glücklich, und auch von der hessischen Bevölkerung wurde Alice geliebt und verehrt. Das lag nicht zuletzt an ihrem sozialen Engagement, ihrem unermüdlichen Einsatz für die Verbesserung des öffentlichen Gesundheitswesens, vor allem für bessere hygienische Verhältnisse auf den Wöchnerinnenstationen. Nach wie vor starben zahlreiche Frauen am Kindbettfieber, obwohl der ungarische Gynäkologe Ignaz Semmelweis (1818–1865) von allen Ärzten gefordert hatte, sich vor dem Kontakt mit den jungen Müttern gründlich die Hände zu desinfizieren. Doch bei den meisten seiner Kollegen war er damit nur auf Spott und Unverständnis gestoßen.
Erst allmählich setzten sich die neuen Hygienemaßnahmen durch, zumal auch Alice energisch auf deren Einhaltung drängte. Das Wohlergehen ihrer Mitmenschen lag ihr ehrlich am Herzen. Der 1867 unter ihrem Vorsitz gegründete Alice-Frauenverein entwickelte unter maßgeblicher Beteiligung sachkundiger Ärzte ein neues Konzept der Krankenpflege und führte zur Gründung des Darmstädter Alice-Hospitals, das bis heute existiert. Im Deutsch-Französischen Krieg, der 1871 zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führte, betreute Alice verschiedene Lazarette, kümmerte sich persönlich um die Verwundeten und stand ihnen in schweren Stunden zur Seite. Überglücklich schrieb sie ihrer Mutter am 19. Dezember 1870, dass einer ihrer Schützlinge, der bereits dem Tode geweiht gewesen zu sein schien, sich nun auf dem Weg der Besserung befand: „Ich habe selten eine so große Befriedigung empfunden wie bei der Gewissheit, dass sich dieser junge Mann wieder erholt, und die Ärzte meinen sogar, ich hätte ihm das Leben gerettet.“ Diese Empathie für leidende Menschen hat die Großherzogin von Hessen-Darmstadt nicht nur an ihre Tochter Ella weitervererbt, auch eine ihrer Enkelinnen, die sie leider nicht mehr kennengelernt hat, würde viele Jahre später darin ihre Lebensaufgabe finden: Alice von Battenberg.
Doch das Leben der Darmstädter Familie wurde von mehreren Schicksalsschlägen überschattet. Alice war (wie ihre Töchter Irene und Alix) Überträgerin der Bluterkrankheit, an deren Folgen ihr kleiner Sohn Friedrich 1873 nach einem Sturz aus dem Fenster starb. Die größte Katastrophe aber brach im Spätherbst 1878 über die großherzogliche Familie herein, als sämtliche Kinder außer Ella an Diphtherie erkrankten. Trotz aller Bemühungen und liebevoller Pflege starb Töchterchen Marie am 16. November im Alter von nur vier Jahren. Doch die anderen Kinder wurden wieder gesund. Anfang Dezember, als das Schlimmste überstanden schien, erkrankte Alice selbst. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre kleinen Patienten selbst zu pflegen – ein mütterlicher Liebesdienst, der sie letztlich das Leben kostete. Am 14. Dezember 1878 – dem 17. Todestag ihres Vaters Albert – erlag Alice der hoch ansteckenden Infektionskrankheit. Sie wurde nur 35 Jahre alt.
Die Familie war erschüttert: „Meine Kindheit endete mit ihrem Tod“, bekannte Tochter Viktoria später, „denn ich war die Älteste und am meisten verantwortlich.“ Die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Prinzessin wuchs nun in die Rolle der Ersatzmutter hinein, auch um den trauernden Vater zu entlasten, der als amtierender Großherzog ohnehin stark in Anspruch genommen war. Trotz ihres jugendlichen Alters verfügte Viktoria über die nötigen Voraussetzungen für ihre neue Aufgabe, zielstrebig, zupackend und willensstark, wie sie nun einmal war. Später pflegte sie zu sagen: „Ich hätte in unserer Familie der Mann sein sollen.“ Natürlich lastete die Fürsorge für die vier jüngeren Geschwister nicht allein auf ihren Schultern. Vater Ludwig war es ganz recht, dass seine Kinder nun überwiegend bei der königlichen Großmutter in England lebten. Und der damals knapp 60-jährigen Queen war die Betreuung der hessischen Enkel nicht nur eine Herzensangelegenheit, sie konnte auf diese Weise auch subtilen Einfluss ausüben und die Lebenswege besonders der Mädchen in ihrem Sinne lenken, vor allem, als die Prinzessinnen ins heiratsfähige Alter kamen.
Es war daher kein Zufall, dass die junge Viktoria ihren zukünftigen Ehemann am Hof der Großmutter kennenlernte: Ludwig – genannt Louis – von Battenberg (1854–1921), ein ebenso charmanter wie gut aussehender Mann, der nur einen kleinen Makel hatte: Er war der Spross einer „Mesalliance“ seines Vaters Alexander von Hessen-Darmstadt mit einer nicht standesgemäßen polnischen Gräfin. Es fragt sich daher, warum sich die Queen so vehement für das Zustandekommen dieser Ehe einsetzte, denn eigentlich war es nicht üblich, dass die Enkelinnen „unter ihrem Stand“ verheiratet wurden.


Von Darmstadt nach St. Petersburg – die russische Verwandtschaft

Alexander von Hessen-Darmstadt (1823–1888) war der dritte Sohn des Großherzogs Ludwig II. und seiner Gemahlin Wilhelmine von Baden, somit Bruder jener Marie (1824–1880), die 1841 den späteren Zaren Alexander II. heiratete.
Alexander und Marie, die jüngsten Kinder des großherzoglichen Paars, wuchsen überwiegend bei der Mutter auf Schloss Heiligenberg in Jugenheim auf, etwa zwölf Kilometer entfernt von Darmstadt, wo Großherzog Ludwig II. seit 1830 residierte. Die räumliche Trennung der Eltern beflügelte das Gerücht, Alexander und Marie seien keine legitimen Kinder des Großherzogs. Schließlich lagen zwischen der Geburt der älteren Söhne Ludwig (der spätere Ludwig III.) 1806 sowie Karl 1809 und der Ankunft Alexanders mehr als zehn Jahre – ein Umstand, den sich die Darmstädter nur mit zwei verschiedenen Vätern erklären konnten. Wie es hieß, waren Alexander und Marie (sowie zwei weitere, früh verstorbene Kinder) Sprösslinge des Freiherrn August Ludwig von Senarclens-Grancy (1794–1871), des großherzoglichen Kämmerers und mutmaßlichen Liebhabers von Wilhelmine. Tatsächlich lebte der gebürtige Schweizer im alten Pfarrhaus von Jugenheim nur einen Steinwurf vom Wohnsitz der Großherzogin entfernt, was die Gerüchteküche nur noch weiter anheizte.
Trotz des Geredes um die illegitime Abstammung der beiden großherzoglichen Kinder machte Zarewitsch Alexander (1818–1881), genannt Sascha, auch Station in Darmstadt, als er 1839 auf Brautschau durch Deutschland reiste. Er war der älteste Sohn von Zar Nikolaus I. und seiner Gemahlin Alexandra, der gebürtigen Königstochter Charlotte von Preußen, einem Kind der früh verstorbenen Luise und Friedrich Wilhelms III.
Sascha verliebte sich, wie es schien, auf den ersten Blick in die hübsche, erst 15-jährige Marie, und auch die blutjunge Prinzessin hatte wohl nichts gegen die Verbindung einzuwenden. Nach der Verlobung im April 1840 folgte Marie ihrem Sascha nach St. Petersburg, um sich noch vor der Hochzeit in der fremden neuen Heimat ein wenig einzuleben. Auf Wunsch des Zarewitschs sollte sein künftiger Schwager Alexander von Hessen-Darmstadt Marie nach Russland begleiten, damit sie sich in der Ferne nicht ganz so verloren fühlte. Großherzog Ludwig II. und Zar Nikolaus I. hatten nichts dagegen einzuwenden.
Die möglicherweise nicht eheliche Abstammung der Darmstädterin und ihres Bruders spielte in diesem Zusammenhang keine Rolle. Als Graf Orlow versuchte, den Zaren vorsichtig auf die Gerüchte aufmerksam zu machen, beschied der ihn kurz und knapp mit den Worten: „Das mag wohl sein. Aber wer bist du, wer bin ich? Ich wünsche und befehle, dass dieses Gerede ein Ende hat. Ich möchte niemandem raten zu behaupten, der Thronfolger Russlands habe ein nicht eheliches Kind geheiratet.“ Damit war das Thema erledigt, und die Hochzeit konnte unbeschwert am 16. April 1841 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg gefeiert werden.
Der 18-jährige Alexander von Hessen-Darmstadt fühlte sich an der Newa so wohl, dass er schon bald beschloss, längerfristig dortzubleiben und in russische Dienste einzutreten. Eine maßgebliche Rolle spielte wohl auch die Tatsache, dass der Prinz hier ständig von gut aussehenden jungen Damen umgeben war, sodass erst gar kein Heimweh aufkommen konnte. Obwohl er nur ein recht unbedeutender Prinz aus der hessischen Provinz war, litt er keineswegs unter Minderwertigkeitskomplexen. Er wusste schließlich genau, dass er bei der St. Petersburger Damenwelt nicht nur mit seinem guten Aussehen, sondern auch mit Charme, Intelligenz und Humor punkten konnte. Dass er das Herz seiner attraktiven Schwägerin Großfürstin Olga nicht gewann, hat ihn nur kurze Zeit bekümmert.


„Die kleine polnische Waise“

Inzwischen war Alexander 25 Jahre alt, aber noch immer auf der Suche nach der Dame seines Herzens. Als er sich wieder einmal auf einem der opulenten St. Petersburger Hoffeste mit einer attraktiven Gräfin amüsierte, trat eine junge Frau auf ihn zu, in der er eine der Hofdamen seiner Schwester Marie erkannte. Sie überreichte ihm ein Billett, das Alexander vermutlich ein wenig verärgert haben dürfte. Die Mutter einer seiner Angebeteten, Gräfin Schuwalow, hielt sein Verhalten in Liebesdingen für rufschädigend und forderte ihn energisch auf, ihre Tochter gefälligst in Ruhe zu lassen. Anderenfalls, so drohte sie, werde sie sich beim Zaren beschweren. Alexander las die Nachricht, wandte sich demonstrativ von seiner Angebeteten ab und eröffnete den nächsten Tanz mit der Botin, die ihm das Billett überreicht hatte.

Die junge Frau scheint Alexander mehr beschäftigt zu haben, als er sich zunächst eingestehen mochte. Er erinnerte sich jetzt auch wieder an ihren Namen: Julie von Haucke (1825–1895), damals 23 Jahre alt, nur knapp 1,60 Meter groß, keine strahlende Schönheit, doch in ihrer stillen Art scheint sie recht anziehend gewirkt zu haben. Am St. Petersburger Hof nannte man sie meist nur „die kleine polnische Waise“.

Julies Eltern waren zu diesem Zeitpunkt schon lange tot. Ihr Vater Moritz von Haucke (1775–1830) hatte in der polnischen Armee gedient und war 1826 von Zar Nikolaus I. zum stellvertretenden Kriegsminister des vom Wiener Kongress 1815 geschaffenen Kongresspolen ernannt worden, das sich ganz unter russischer Kontrolle befand. 1829 machte der Zar Moritz von Haucke zum General und erhob ihn in den Grafenstand.

Nur wenig später, im Revolutionsjahr 1830, erhoben sich die Polen gegen die russische Herrschaft. Die Aufständischen zerrten Haucke aus seinem Warschauer Palais und ermordeten ihn vor den Augen seiner jungen Frau Sophie, die nur wenige Wochen später an „gebrochenem Herzen“ starb. Nikolaus I. ordnete daraufhin an, dass die drei Waisenkinder, die sein treuer General hinterlassen hatte, nach St. Petersburg gebracht werden sollten. Hier erhielt die fünfjährige Julie eine ausgezeichnete Erziehung in einer Einrichtung für adlige Mädchen, und weil sie, wie schon ihre Eltern, unter anderem Deutsch sprach, wurde sie 1841 zur Ehrendame der frisch vermählten Marie ernannt, später zu deren Hofdame.

Der Tanz mit Alexander von Hessen-Darmstadt schien zunächst keine weiteren Folgen zu haben. Allen Warnungen zum Trotz flirtete der auch weiterhin mit der jungen Gräfin Sophie Schuwalow, während Julie als Postillion d’Amour fungierte und dem turtelnden Paar heimliche Nachrichten überbrachte. Doch ganz allmählich schien sie sich in den smarten Alexander verliebt zu haben, der sich allerdings zunächst nach Darmstadt aufgemacht hatte. Im Juni 1848 war sein Vater gestorben, und Alexanders ältester Bruder, der schon seit geraumer Zeit als Mitregent fungierte, wurde als Ludwig III. neuer Großherzog von Hessen-Darmstadt. Als Alexander nach den Beisetzungsfeierlichkeiten nach St. Petersburg zurückkehrte, war sein Verhältnis zu Gräfin Schuwalow spürbar abgekühlt, und er wurde erneut auf die „kleine polnische Waise“ aufmerksam, die immer so lieb und freundlich zu ihm war. Es dauerte nicht lange, bis beide ein heimliches Liebespaar wurden. Als die Affäre am St. Petersburger Hof publik wurde, gab es jedoch erheblichen Ärger, denn der Zar hatte geplant, Alexander mit seiner Nichte zu verheiraten, der Tochter seines Bruders Michael. Der junge Darmstädter fiel in Ungnade, beschloss, Russland zu verlassen, kehrte dann aber doch wieder zu Julie von Haucke zurück. Inzwischen hatte sich zwischen ihnen eine derart enge Beziehung entwickelt, dass er sie zu seiner Frau machen wollte. Dem stand jedoch eines im Wege: Julie war ein Mündel des Zaren und musste Nikolaus I. daher um eine Heiratserlaubnis bitten. Der verweigerte nicht nur seine Zustimmung, sondern entließ Alexander wegen groben Fehlverhaltens auch noch aus der russischen Armee. Doch solche Widrigkeiten schweißten das Paar nur umso fester zusammen. Anfang Oktober 1851 verließen Julie und Alexander St. Petersburg und reisten nach Breslau, wo sie am 28. Oktober eine morganatische Ehe schlossen.

Abenteurer, Lebemann, Gelehrter

Der grüne FürstDer grüne Fürst

Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau

Ein luxusverwöhnter, exzentrischer Snob, der Duelle focht und mehr Liebschaften hatte als Casanova, ein Abenteurer, der zu Pferd halb Afrika durchquerte, von höchstem Adel, aber republikanisch gesinnt, begabter Autor, genialer Gartenarchitekt: Eine Persönlichkeit wie den Fürsten Pückler-Muskau hat es im Deutschland des 19. Jahrhunderts nicht noch einmal gegeben.
In den Warenkorb

Von einer jungen Witwe zur wichtigsten Intellektuellen ihrer Zeit

Blick ins Buch
Anna Amalia von WeimarAnna Amalia von Weimar

Regentin, Künstlerin und Freundin Goethes

Anna Amalia von Weimar war eine starke und unabhängige Frau, die nicht nur ihren Zeitgenossen außergewöhnlich erschien. Als Regentin übernahm sie – kaum zwanzigjährig – den Thron ihres verstorbenen Mannes; als Künstlerin und Intellektuelle schuf sie den bis heute weltberühmten Weimarer-Musenhof. Die Historikerin Carolin Philipps stieß bei ihren Nachforschungen zu dieser Neubetrachtung auf bisher vernachlässigtes Quellenmaterial, welches das Bild der gelehrten Regentin um die Facette der Liebenden und Zweifelnden auf besondere Weise ergänzt. 

Prolog
„Ja, was man so erkennen heißt!
Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die thöricht g’nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“  Goethe, Faust

Historische Wahrheit tut manchmal weh, weil man sich von lieb gewonnenen Vorstellungen trennen muss. Wer den Namen Anna Amalia von Sachsen-Weimar hört, dem fallen in der Regel spontan Worte wie Anna-Amalia-Bibliothek, Musenhof, Geniezeit und die Namen Goethe, Schiller, Wieland, Herder und Charlotte von Stein ein. Anna Amalias Leben wird fokussiert auf die Jahre ab Ende 1775, als Goethe nach Weimar kam und weitere „schöne Geister“ nach sich zog.
Die Legendenbildung von Anna Amalia als Begründerin und Leitstern eines Musenhofes begann schon zu ihren Lebzeiten. Und wenn man sich die Nekrologe nach ihrem Tod ansieht, dann webten zahlreiche Dichter und Historiker weiter an Teppichen mit unterschiedlichen Farben, aber dem immer gleichen Muster: Das Leben Anna Amalias sollte nicht nur als Vorbild in puncto Pflichterfüllung dienen, ihr Name sollte den Ruhm Weimars als Sitz der Musen, als neues Athen auch für kommende Jahrhunderte verkünden. Die Person Anna Amalias mit all ihren menschlichen Stärken und Schwächen, ihrer Lebenslust und ihrem Lebensfrust spielte dabei keine Rolle. Quellen wurden vernichtet, Nachlassbestände „gereinigt“, kontroverse Meinungen unterdrückt, denn es ging darum, ein ideales Bild von ihr und ihrer Zeit zu schaffen, das mit der Realität so viel gemein hatte wie die weißen antiken Köpfe und Statuen, die man damals in Italien kaufte oder als Abgüsse herstellen ließ, mit den ursprünglich grellbunten Statuen der Antike, bei denen die Farbe nur im Laufe der Jahrhunderte ausgeblichen war.
Mehr als drei Jahre bin ich durch die Archive in Wolfenbüttel, Weimar, Berlin, Darmstadt und Wien gezogen, habe unzählige originale Briefe, Gedichte und Texte, Primär- und Sekundärquellen gelesen und ausgewertet. Ich bin auf Widersprüche gestoßen, auf Überraschendes, auf absurd erscheinende Hypothesen.
Was war Dichtung, was Wahrheit? Wie war die Beziehung zwischen Anna Amalia und Goethe? Waren sie ein heimliches Liebespaar?
Jede Arbeitshypothese ist, auch wenn sie abwegig erscheint, zulässig und letztlich das Salz in der Suppe jeder Forschung, weil man durch sie einen neuen Blickwinkel bekommt, den man sich aber nicht dadurch trüben lassen sollte, dass man aus seiner Arbeitshypothese unbedingt historische Wahrheit machen möchte.
Anna Amalia war mehr als „Goethes Herzogin“. Sie war auch die Frau, die mit 16 Jahren nach Weimar verheiratet wurde, 16 Jahre als Witwe das Herzogtum bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes in Kriegs- und Friedenszeiten regierte. Sie war diejenige, die erklärte, dass ihr Leben eigentlich erst im Alter von 51 Jahren mit ihrer zweijährigen Reise nach Italien begonnen habe, wo sie sich erneut verliebte. Und sie war natürlich auch die Mäzenin, die den Musen und den „schönen Geistern“ in Tiefurt ein Zuhause schuf, die aber auch, insbesondere an die selbst ernannten Kunstrichter Goethe und Schiller, die warnenden Worte richtete: „Sorget also dafür, o ihr Menschen, dass ihr nicht mit Leichtsinn und verderbtem Gefühl euch nährt zum Himmel der heiligen Musen, damit sie nicht fliehen vor dir wie für [vor] ein unheiliges Wesen, das ihnen [die Musen] verunreinet; tretet zum Heiligsten mit Demuth und reinem Herzen, Stolz und Eitelkeit ist ihnen verhasst.“



I. Kindheit
(1739 – 1756)


1.Geburt – Eltern – Geschwister
„Nicht geliebt von meinen Eltern, immer
zurückgesetzt, meinen Geschwistern in
allen Stücken nachgesetzt, nannte man mich
nur den Ausschuß der Natur.“

Mit dieser Bilanz beginnt Anna Amalia ihre Aufzeichnungen Meine Gedanken, die sie ca. 1772 im Alter von 33 Jahren schrieb. Dass sie tatsächlich von ihren Eltern nicht geliebt und die anderen ihr vorgezogen wurden, lässt sich durch weitere Quellen nicht belegen. Bei dem von Anna Amalia als verletzend empfundenen Ausdruck „Ausschuss der Natur“ handelt es sich um ein Bonmot ihres Großvaters, des preußischen Königs Wilhelm I. (1688 – 1740), der weiblichen Nachwuchs eher spaßeshalber so oder als Unkraut bezeichnete. 1720, nach der Geburt seiner fünften Tochter Luise Ulrike, schrieb er in einem Brief: „Gestern ist wieder eine auf die Welt gekommen . . . Man muss sie versaufen oder Nonnen daraus machen. Männer kriegen sie nit alle.“ Anna Amalias Mutter Philippine Charlotte (1716 – 1801), die sich mit ihrem Vater besonders gut verstand und über dessen groben Scherze lachen konnte, schrieb ihm nach der Geburt ihrer ersten Tochter Sophie Caroline (1737 – 1817): „Ich sehe doch, dass Er immer guter Laune ist, weil er mich aufzieht mit dem ›Unkraut‹, was ich in die Welt gesetzt habe . . . Wenn mein lieber Papa zustimmt, meine Schwestern Ulrike und Amalie zu ertränken, so bin ich zufrieden, dass meine Tochter in ihrer Gegenwart umgebracht wird. Aber dessen ungeachtet würde ich sie lieber hüten, denn ich liebe sie sehr.“
Die Braunschweiger Familie übernahm diese „scherzhafte“ Ausdrucksweise, wahrscheinlich ohne sie einem empfindsamen Kind wie Anna Amalia, das ohnehin unter der Überlegenheit ihrer älteren Schwester Sophie Caroline litt, die als Lieblingstochter der Mutter galt, zu erklären.
Hinzu kam bei Anna Amalia, dass sie sehr selbstkritisch war, wie ihr Erzieher Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709 – 1789) 1754 sehr treffend über seine 15-jährige Schülerin schrieb: dass sie „ihre Kritik auch schon als Kind gegen sich selber richtete und deshalb nie Unbefangenheit und Wagemut genug hatte, um vor andern zu glänzen, nie Eitelkeit genug, um über ihre eigene Erfahrung und Leistung glücklich zu sein“.
Ihre Mutter wurde mit 14 Jahren mit dem Erbprinzen Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel (1713 – 1780) verlobt. Sein Vater, Ferdinand Albrecht von Braunschweig-Bevern (1680 – 
1735) war zwar Reichsgeneralfeldmarschall in kaiserlichen Diensten, hatte sich aber auch das Vertrauen des preußischen Königs erworben, sodass diese Freundschaft 1733 in einer Doppelhochzeit mündete: Die Schwester Karls, Elisabeth Christine (1715 – 1797), heiratete Kronprinz Friedrich (1712 – 
1786) von Preußen, Karl die inzwischen 17-jährige Philippine Charlotte.
Zwei Jahre später, 1735, übernahm Karl nach dem Tod des Vaters die Regentschaft im Herzogtum, und als am 9. Oktober 1735 mit der Geburt des Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand (1735 – 1806), Anna Amalias ältestem Bruder, auch die Thronfolge gesichert war, konnte man die Ehe zumindest aus dynastischer Sicht als Erfolg betrachten.
Eigentlich hätte Herzog Karl I. sparen müssen, vor allem an der Hofhaltung. Stattdessen veranstaltete er prachtvolle Feste, leistete sich ein 16 000 Mann starkes Heer und förderte teure und letztlich nicht erfolgreiche Projekte wie die Zucht von Seidenraupen. Philippine Charlotte, die am preußischen Hof ein ganz anderes Niveau an Unterhaltung gewohnt war, unterstützte ihren Mann beim Aufbau der Residenzstadt zu einem kulturellen Zentrum mit Theater- und Opernaufführungen und Konzerten.
Im Schloss von Wolfenbüttel, das die Familie ab 1736 bewohnte, steht im ehemaligen Schlafzimmer ihrer Mutter noch heute das Bett, in dem Anna Amalia am 24. Oktober 1739 als fünftes von dreizehn Kindern geboren wurde. Über die Beziehung zu ihren Eltern während ihrer Kindheit wissen wir nicht viel. Es wird die in Fürstenhäusern üblichen, auf wenige Stunden am Tag reduzierten Treffen gegeben haben, wobei sich ihre Mutter in jedem Jahr mehrfach über Wochen, manchmal Monate in Berlin bei ihrer Familie aufhielt und dort alle Vorzüge einer preußischen Prinzessin genoss. Im Sommer verbrachten die Kinder einige Wochen mit ihrer Mutter auf Schloss Salzdahlum. 1793 notierte sie rückblickend an ihren Sohn Friedrich August, dass sie dort „inmitten ihrer kleinen Herde“ glücklich gewesen sei.
Die Beziehung zu den Eltern wurde vor allem über das vierte Gebot geregelt: Die Kinder sollten ihre Eltern lieben, sie ehren und ihnen gehorchen. Anna Amalias jüngster Bruder Leopold schrieb mit 14 Jahren einen französischen Aufsatz zu diesem Thema, in dem er unter anderem die rhetorische Frage stellte: „Ist es nicht ganz natürlich, von Liebe erfüllt zu sein für die, denen man seine Existenz verdankt?“
Auch wenn es sich bei ihrem Vorwurf, man habe sie als „Ausschuss der Natur“ betrachtet, um ein Missverständnis gehandelt hat, so lässt doch der folgende, im Alter von sieben Jahren an ihren Vater verfasste Brief erkennen, wie sehr Anna Amalia geglaubt hat, sich um die Anerkennung ihres Vaters bemühen zu müssen.
„Mein sehr lieber Papa!
Erlauben Sie, mein lieber Papa, dass ich Sie an Ihre kleine Amalie erinnere, die Sie nicht weniger liebt, als es ihre Brüder und Schwestern tun, obgleich sie noch nicht gewagt hat, es zu zeigen. Sobald ich ein wenig größer sein werde, werde ich es umso besser fertigbringen, ebenso wie auch meine Studien. Daher bitte ich Sie nur um ein bisschen Geduld, und Sie werden sehen, dass ich mich umso besser benehmen werde. Ich bitte Sie, mein sehr lieber Herr Papa, bald wiederzukommen und mich immer mit Ihrem kostbaren Wohlwollen zu beehren. Ich versichere Ihnen, dass ich Sie unendlich liebe und dass ich mit einem sehr tiefen Respekt die Ehre habe, mein sehr lieber Papa, Ihre sehr gehorsame und untertänige Tochter Anna Amalia zu sein.“


2.Erziehung
„Meine Erziehung zielte auf nichts weniger, als mich
zu einer Regentin zu bilden. Sie war, wie alle Fürsten Kinder
erzogen werden.“

Anna Amalia erhielt zunächst den für Prinzessinnen in Fürstenhäusern üblichen Unterricht in den Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben in deutscher und französischer Sprache, im Rechnen, außerdem in Geografie, Geschichte, Tanzen, Zeichnen und dem Erlernen von Kartenspielen, was im gesellschaftlichen Hofleben unentbehrlich war. Sie lernte das Klavichord zu spielen und beim Hoforganisten Friedrich Gottlob Fleischer (1722 – 1806) Komposition. Ein Schwerpunkt der Erziehung lag beim Religionsunterricht, den der Hofprediger Abt Jerusalem übernahm, einer der bekanntesten liberalen Theologen der Aufklärungszeit, den der Herzog 1742 an seinen Hof als Prediger und Erzieher seiner Kinder holte. Der Abt legte großen Wert darauf, dass die Prinzessinnen nicht nur auswendig lernten, sondern verstanden, was sie lernten. Eine Diskussion über den Inhalt oder gar ein Zweifeln an dem, was in der Bibel oder im Katechismus stand, war aber nicht vorgesehen, denn die christliche Lehre sollte als „unentbehrlich“ für „die wahre Glückseligkeit“ begriffen werden.
Ab Herbst 1748 übernahm der Hofkaplan Matthias Theodor Christoph Mittelstaedt (1712 – 1777) die Erziehung und den Unterricht von Anna Amalia und ihrer Schwester Sophie Caroline, die zusammen unterrichtet wurden, wobei sich der Unterricht nach den Fähigkeiten der älteren Schwester richten sollte. Das war für Anna Amalia sicherlich oft eine Überforderung. Nur in einigen Stunden wurde darauf Rücksicht genommen: Bei der Lektüre der Bibel wurde ihr der Inhalt in einer Extrastunde erklärt, und in Geschichte und Staatenkunde gab es für sie nur die „Haupt Facta“.
Im Vergleich zu anderen Prinzessinnen ließ Herzog Karl I. seinen Töchtern aber durchaus eine über das übliche Maß hinausgehende Bildung zukommen und forderte regelmäßig Berichte von Abt Jerusalem über die Erziehung seiner Kinder an. Wenn Anna Amalia später schrieb, dass sie nicht zur Regentin erzogen wurde, dann bezog sie sich darauf, dass ihre Schwester und sie keinen Unterricht in Verwaltungs- und Staatsrecht bekamen wie ihre Brüder, bei denen die Möglichkeit, dass sie eines Tages regieren würden, wahrscheinlicher war.
Es war insgesamt ein strenger Tagesplan, überwacht von Gouvernanten und Erziehern, die zumindest in der Erinnerung von Anna Amalia einiges zu wünschen übrig ließen. „Diejenigen, die zu meiner Erziehung bestimmt waren, hatten noch selbst nötig, gouverniert zu werden. Eine Person, die sich völlig ihren Leidenschaften überließ, war die, die ein junges Herz führen sollte. Sie hatte leider viele Leidenschaften, folglich auch viele Launen, die ich allein entgelten musste.“
Ihr Gefühl, dass sie zurückgesetzt wurde, auch durch die Unterlegenheit gegenüber ihrer älteren Schwester, die von allen wegen ihrer Schönheit und ihrer Intelligenz bewundert wurde, machte sie sehr empfindlich, wie sie selbst schreibt: „Ein feines Gefühl, welches ich von der Natur bekommen hatte, machte, daß ich sehr empfindlich die harte Begegnung fühlte. Es brachte mich öfters zur Verzweiflung, sogar daß ich einmal mir das Leben nehmen wollte. Durch diese harten Unterdrückungen zog ich mich ganz in mich selbst, ich wurde zurückhaltend: Ich bekam eine gewiße Standhaftigkeit, die bis zum Starrsinn ausbrach; ich ließ mich mit Geduld schimpfen und schlagen und tat doch so viel wie möglich nach meinem Sinn.“
Mit 15 Jahren, am 28. Dezember 1754, erfolgte die Konfirmation durch den Hofprediger Mittelstaedt. Dies bedeutete traditionsgemäß den Abschluss ihrer Erziehung. Abt Jerusalem erstellte ein „moralisches Tableau“ über seine beiden Schülerinnen. Sophie Caroline wurde von ihm in den höchsten Tönen gelobt: „Was für ein Geist, was für ein Herz!“
Über Anna Amalia schrieb er: „Sie hat die brillante Lebhaftigkeit nicht, aber eben den soliden Verstand, die feine Empfindung, das edle Herz. Ihr Geist hat die Zeit nicht gehabt, sich schon völlig zu entwickeln. Sie fängt erst an, in der großen Welt zu erscheinen, und sie hat noch nicht Mut genug, wie sie ist zu scheinen. Sie hätte alles Feuer, ihren Sentiments das schönste Leben zu geben. Aber sie verbirgt sie noch vor sich selbst. Bei mehrerem Mute würde sie wohl einen weit größeren Eklat machen; doch weiß ich nicht, wo sie mehr bei gewinnen würde. Nichts ist schöner als ihr Embarras, wenn sie glaubt, dass sie ihr gutes Herz entdeckt hat, und in dem Augenblick sehen Sie das fürtrefflichste Herz! Was ist beredter als eine solche Bescheidenheit! Sie wird daher vielleicht nie von allen erkannt werden, denn sie wird auch ihre Wohltaten verbergen, aber denen, die das Glück haben, ihr nah zu sein, wird sie allemal unendlich schätzbar sein.“


3.Kriegswirren
„Es ist schwieriger, zu regieren als Kriege zu führen“,

sollte Anna Amalia viele Jahre später in ihr Notizbuch zusammen mit anderen Gedanken schreiben. Insgesamt 25 Kriegsjahre, von denen sie und ihre Familie unmittelbar betroffen waren, hat sie erlebt, ohne die Jahre, in denen die Kriegsgefahr noch in letzter Minute abgewendet werden konnte, zu zählen.
1740, ein Jahr nach ihrer Geburt, geschahen zwei Ereignisse, die ihr späteres Leben nachhaltig beeinflussen sollten: In Preußen bestieg ihr Onkel am 31. Mai 1740 als Friedrich II. (1712 – 1786) den preußischen Thron, und in Wien starb Kaiser Karl VI. (1685 – 1740).
Mit dem Tod des Kaisers war die männliche Linie der Habsburger ausgestorben, und nach dem ursprünglich geltenden Salischen Gesetz, nach dem Mädchen nicht erbberechtigt waren, wäre das Reich geteilt worden oder an eine andere Herrscherfamilie gefallen. Daher hatte Karl VI. vorausschauend das Salische Gesetz abgeschafft und in der sogenannten „Pragmatischen Sanktion“ (1713) festgelegt, dass die habsburgischen Erblande unteilbar seien und, wenn kein männlicher Habsburger als Erbe zur Verfügung stehe, auch Frauen den Thron übernehmen könnten – in diesem Fall seine Tochter Maria Theresia (1717 – 1780).
Dieses Hausgesetz hatte er sich von den Fürsten Europas garantieren lassen, auch vom preußischen König Friedrich Wilhelm I., der sich allerdings als Gegenleistung eine Unterstützung bei den preußischen Ansprüchen auf die Herzogtümer Jülich und Berg zusichern ließ. Das war ihm zwar zugesagt worden, der Kaiser aber sprach 1738/1739 trotzdem den vorläufigen Besitz von Jülich und Berg dem Hause Sulzbach zu, sodass Friedrich II. sich 1740 nicht mehr an das Versprechen des Vaters gebunden sah und die Regentschaft Maria Theresias nur akzeptieren wollte, wenn er nun als Ersatz die reichen schlesischen Provinzen erhalten würde, auf die die Preußen ebenfalls ein Anrecht zu haben glaubten.
Maria Theresia musste fünf Jahre lang Krieg führen, bis sie ihre Regentschaft durchgesetzt hatte.
Von diesem Krieg war auch das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel betroffen, und zwar wegen der Verwandtschaftsverhältnisse in ganz besonderer Weise. Karls I. Tante mütterlicherseits, Elisabeth Christine (1691 – 1750), war seit 1708 mit dem österreichischen Kaiser Karl VI. verheiratet. Die spätere österreichische Regentin Maria Theresia war also eine Großcousine Anna Amalias. Mit dem preußischen Königshaus war die Familie durch Anna Amalias Mutter und ihre Tante Elisabeth Christine verwandt.
Herzog Karl I. war Generalfeldwachtmeister in kaiserlichen Diensten und hatte dem Kaiser die Treue geschworen. Als nun aber Friedrich II. 1740 das zu Österreich gehörende Schlesien angriff, verlangte er von seinem Schwager die Stellung von 1330 Soldaten, was dieser natürlich ablehnen musste. Der preußische König drohte daraufhin mit „Gewaltmaßnahmen“, woraufhin sich Anna Amalias Mutter mit einem entsetzten Brief an ihren Bruder wandte. Sie erreichte allerdings nur, dass Friedrich seine Forderung auf 900 Soldaten unter Führung von Karls 19-jährigem Bruder Ferdinand, der einer der bedeutendsten Feldherren Preußens wurde, reduzierte. Auch Anna Amalias Brüder Karl Wilhelm Ferdinand (1735 – 1806), Friedrich August (1740 – 1805), Albrecht Heinrich (1742 – 1761) und Maximilian Julius Leopold (1752 – 1785) standen später in preußischen Militärdiensten, sehr zum Missfallen der österreichischen Herrscherin Maria Theresia.
Es würde zu weit führen, die Einzelheiten dieses Ersten Schlesischen Krieges aufzuführen, der am 28. Juli 1742 durch den Frieden von Berlin beendet wurde. Schlesien wurde zwischen Österreich und Preußen aufgeteilt. Der Konflikt zwischen den Habsburgern und der aufstrebenden Großmacht Preußen sollte aber bis Ende der 1780er-Jahre immer wieder zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen führen, die auch die Regierungszeit Anna Amalias stark belasteten.



II. Hochzeit und Ehejahre
(1756 – 1758)


1.Hochzeit mit Ernst August Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach
„In meinem 16ten Jahre wurde ich aus denen harten
Banden erlöset. Man verheiratete mich so wie gewöhnlich man Fürstinnen vermählt“,

schrieb Anna Amalia später in ihrem Text „Meine Gedanken“. Der von ihren Eltern ausgewählte Heiratskandidat war der 18-jährige Erbprinz Ernst August II. Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach (1737 – 1758). Nach dem frühen Tod seines Vaters 1748 – seine Mutter, Sophie Charlotte von Brandenburg-Bayreuth (1713 – 1747), war bereits ein Jahr früher gestorben – kam der Erbprinz 1749 unter die Vormundschaft von Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1699 – 1772) und wurde am Hof zu Gotha erzogen. Die Verwaltung seiner Herzogtümer Weimar und Eisenach, die seit 1741 in Personalunion regiert wurden, übernahmen auf Anweisung des Kaisers Herzog Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld für den Weimarer und Friedrich III. von Sachsen-Gotha-Altenburg für den Eisenacher Teil.
Die schwache Gesundheit des jungen Herzogs ließ befürchten, dass er womöglich ohne männliche Nachkommen sterben und sein Herzogtum dann an eine der anderen protestantischen ernestinischen Linien (Sachsen-Gotha-Altenburg, Sachsen-Coburg-Saalfeld oder Sachsen-Hildburghausen) fallen oder, was die anderen unbedingt vermeiden wollten, vom katholischen Kurfürsten von Sachsen annektiert werden würde. Sein Vormund wollte daher eine Heirat mit seiner Tochter Friederike Luise (1741 – 1776), um sich im Falle des Todes von Ernst August Constantin das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach zu sichern.
Herzog Franz Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld (1697 – 
1764) dagegen, dessen Sohn mit Anna Amalias Tante Sophie Antoinette verheiratet war, favorisierte eher die Hochzeit mit einer Tochter aus dem Hause Braunschweig. Daher nahm bereits im Februar 1755 der Direktor des Weimarischen Obervormundschaftskollegiums Carl Gustav von Mandelsloh, Kontakt zu Anna Amalias Vater auf und teilte ihm die Absicht Ernst August Constantins mit, eine seiner Töchter zu heiraten, und bat um ein Porträt der von Karl ausgewählten Tochter.
Nachdem der Kaiser ihn für volljährig erklärt und er seine Regierung am 29. Dezember 1755 mit 18 Jahren angetreten hatte, reiste Ernst August II. Constantin im Februar 1756 unter dem Pseudonym eines Grafen von Allstedt nach Braunschweig, angeblich zur alljährlichen Lichtmess-Messe. Begleitet wurde er von seinem Premierminister Graf von Bünau und 40 Personen Gefolge.
Am 20. Februar 1756, nach nur wenigen Tagen des Kennenlernens, hielt der Erbprinz um Anna Amalias Hand an. Ihre Mutter schrieb am selben Tag noch an ihren Bruder Friedrich II., dass ihr Mann und sie diese Verbindung für „angemessen“ hielten. Sie hätte bereits einen Boten an ihre Mutter Sophie Dorothea geschickt, um deren Segen und Einverständnis einzuholen.
Bereits eine Woche später konnte Philippine Charlotte ihrem Bruder von der Zustimmung der Mutter berichten. Da auch er offensichtlich keine Einwände habe, könne die Verlobung bekannt gegeben werden und die Hochzeit „tout de suite“ erfolgen. „Der junge Herzog will nicht länger warten.“ Sie empfahl ihre Tochter für die Zukunft der Gnade und dem Wohlwollen ihres Bruders, des mächtigen Preußenkönigs.
Sowohl für Herzog Karl I. als auch für Friedrich II. bedeutete eine familiäre Bindung zu einem weiteren sächsischen Fürstentum in der Mitte des Reiches eine Stärkung ihrer politischen Position in möglichen Konflikten mit dem Kaiserreich, die ja auch nicht lange auf sich warten ließen.
Drei Wochen dauerte die Verlobungszeit, die mit Konzerten, Theateraufführungen, Bällen und Maskenfesten angefüllt war. Und natürlich musste in dieser Zeit auch der Ehevertrag ausgehandelt werden, der dem üblichen Schema bei Fürstenhochzeiten entsprach. Die Braut verzichtete auf alle Erbansprüche in ihrem Heimatland und erhielt eine Mitgift von 18 000 Reichstalern, die „nach vollbrachtem ehelichen Beylager“ von Herzog Karl I. an seine Tochter ausgezahlt werden sollte. Außerdem erhielt sie jährliche Einkünfte aus Braunschweig über 6000 Taler, und der Herzog sollte sie mit Schmuck, Silbergeschirr, Bettwerk, fürstlichen Kleidern und Gerätschaften „solchergestalt ausstatten und versehen, wie solche einer Fürstl. Prinzeß zukommt“. (Artikel 3)
Ernst August Constantin musste seiner Frau am ersten Morgen nach dem Beischlaf die sogenannte Morgengabe überreichen: „nebst Überreichung eines rühmlichen Kleinods“ – 5000 Pistolen. Es war ein Kapital, das Anna Amalia allein gehörte und das jährlich mit 10 Prozent verzinst werden sollte. (Artikel 6) Ihr stand darüber hinaus ein Hand- und Spielgeld in Höhe von 6000 Reichstalern zu, das vierteljährlich auszuzahlen war. (Artikel 7)
Die Artikel 9 bis 26 regelten Anna Amalias Leben nach einem möglichen Tod ihres Mannes. Im Vergleich zu anderen Heiratsverträgen waren diese Artikel sehr ausführlich, weil bei der schlechten Gesundheit des Herzogs mit seinem frühen Tod gerechnet wurde, einem Tod, bei dem der Nachfolger noch minderjährig sein könnte.
Als Witwensitz wurde das Schloss Allstedt, 70 Kilometer nördlich von Weimar, vorgesehen, das auf Kosten des Herzogtums unterhalten, außerdem mit standesgemäßen Möbeln, Tafelsilber (für 6000 Taler), Kupfertöpfen und -pfannen, Zinn, Leinen, Tapeten, Tischen, Stühlen, Bänken, Küchenzeug und was sonst noch mehr zu einem „fundo instructo“ gehörte ausgestattet werden sollte. Damit im Falle eines Wittums die Prinzessin das Schloss mit „Ehre und guter Bequemlichkeit“ bewohnen könne.
Einer der wichtigsten Artikel regelte die Obervormundschaft für die Kinder für den Fall, dass der Herzog so plötzlich versterben sollte, dass er keine Regelung mehr treffen konnte. Dann sollten die Vormundschaft und die Erziehung der Kinder bei der Witwe bleiben, solange sie sich nicht wieder verheiratete. Die Landesadministration aber sollte während der Minderjährigkeit eines zukünftigen Erbprinzen einem „regierenden Herrn aus der nächsten Linie“, aber nicht nach der Verwandtschaft, zusammen mit der Mutter übertragen werden. (Artikel 24)
Die Hochzeitsfeierlichkeiten fanden vom 16. bis 19. März 1756 in Braunschweig in der Schlosskapelle statt. Nach dem Festessen löste Herzog Karl I. höchstpersönlich die Strumpfbänder seiner Tochter und verteilte sie an die ledigen adligen Damen, ein symbolischer Akt, der auf eine eigene baldige Hochzeit deuten sollte. Am Morgen nach der Brautnacht wurde vor allen versammelten Gästen von Legationsrat Peter von Stüven die traditionelle Strohkranzrede gehalten, in der die Hochzeitsnacht mit dem Verlust des Jungfernhäutchens gefeiert wurde, eine Tradition, die auch am preußischen Hof üblich war: Heute sei der große Tag, an dem Anna Amalia statt des Brautkranzes den schönsten Schmuck auf dem Kopf trage: den Stroh-Krantz. Auch der Ehegatte dürfe stolz sein. „Selbst Herkules hatte weniger Feuer und Lebhaftigkeit in den Augen, als er mit Omphale die erste Nacht“ verbrachte und „eine ihm noch ungewohnte Verrichtung übernehmen musste. Es ist geschehen. Eur. Durch. prange mit ihre schöne Stroh-Krantze. Hymen (Jungfernhäutchen) hat triumphieret . . .“. Von heute an werde Anna Amalia ihrer Großmutter und Mutter immer ähnlicher. „Jetzt sind Sie Mutter . . .“
Auch an den folgenden Tagen wurde gefeiert: Festessen, Bälle, Theater, Operetten, Ballettvorführungen. Die Bevölkerung nahm an diesen Feiern nicht teil. Sie sollte für das Brautpaar beten und musste sich über die sogenannte Prinzessinnensteuer finanziell beteiligen.
Am 20. März reiste Anna Amalia mit ihrem Mann und seinem Gefolge nach Weimar ab. Sie durfte ihre langjährige Kammerfrau und zwei Garderobenfrauen mitnehmen, alle anderen Damen und Herren ihres Hofes kamen aus Weimar. „Die Trennung hat mich sehr berührt, und der Abschied war von beiden Seiten zärtlich“, schrieb Philippine Charlotte an Friedrich II.


2.Das erste Jahr in Weimar
„Sie werden glauben, da ich nun aus dene Fesseln befreit war, müße ich gewesen seyn, wie ein junges Füllen welches seine
Freiheit bekommt“,

schrieb Anna Amalia Jahre später rückblickend auf diesen Abschied von ihrer Familie, „nichts weniger: Ich fühlte mich vielmehr wie eine Person, die nach einer großen ausgestandenen Krankheit in ihrer Genesung sich auch kraftlos fühlet“.
Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, das für die nächsten 51 Jahre Anna Amalias Heimat werden sollte, lag 250 Kilometer von ihrem Heimatort Braunschweig entfernt, eine etwa viertägige Fahrt mit der Kutsche. In dem ungefähr 36 Quadratmeilen großen Herzogtum, das aus den nicht zusammenhängenden Herzogtümern Weimar und Eisenach und dem Landesteil Jena bestand, lebten um 1756 etwa 90 000 Menschen.
Während die Stadt Braunschweig 22 500 Einwohner hatte, wohnten in der Residenzstadt Weimar mit ihrem eher dörflichen Charakter nur ca. 6000. Der größere Teil der Stadt war von einer Mauer umgeben, es gab vier Stadttore, die abends zwischen sechs und halb zehn Uhr je nach Jahreszeit geschlossen und morgens zwischen vier und sechs Uhr geöffnet wurden. Engwinklige Gassen, ungepflastert und abends ohne jede Beleuchtung, durchzogen die Stadt. 800 Häuser mit Stroh- oder Holzschindeldächern und etwa 150 Scheunen gab es innerhalb der Stadtmauern, Schweine liefen frei herum, der Schäfer zog mit seinen Schafen durch die Gassen. Teiche, Tümpel und nicht abgedeckte Abwasserkanäle verbreiteten einen übel riechenden Gestank.
Ernst August Constantin hatte von seinem Vater ein durch dessen Neubauten, seine Jagdleidenschaft und immens hohe Militärausgaben hoch verschuldeten Staat übernommen. Das Land war arm, es gab neben der Landwirtschaft nur einige Textilfabriken, ansonsten aber keinen nennenswerten Handel, denn Weimar lag abseits der großen Handelsstraßen. Handwerker und Kaufleute setzten darum große Hoffnung auf das Herzogpaar, mit dem seit dem Tod des letzten Herzogs endlich wieder eine Hofhaltung in Weimar einziehen würde und damit neue Aufträge vom Hof und dessen Beamten zu erwarten waren.
Als sich am 24. März die Kutschen der Grenze näherten, warteten dort zur Begrüßung das Husarenkorps und der Postmeister mit 13 blasenden Postillonen, die die Kutsche in die Stadt hinein begleiteten. Vor dem Stadttor hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, von der Altenburg kam Kanonendonner und von den beiden Kirchtürmen und dem Schlossturm erklangen die Glocken. Auf dem Markt stand das Landregiment, auf dem Schlosshof das Militärkorps. Am östlichen Schlossflügel hatte sich zur Begrüßung die „Landesherrschaft“ aufgestellt: der Reichsgraf von Bünau, der schon vorausgefahren war, die Minister, Räte, Kavaliere und ihre Damen – alle „en robe“. Danach wurde an verschiedenen Tafeln öffentlich gespeist. „Der Zulauf der Menschen, bey der Ankunft, sowohl als bey der Tafel, war unbeschreiblich“, hieß es in der halb offiziellen Wochenzeitung, den Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen.
Anna Amalia trug bei diesem Einzug ein golddurchwirktes blaues Kleid, darüber einen Purpurmantel, ihre braunen, weiß gepuderten Haare trug sie hochgesteckt, mit einer Rose über dem linken Ohr. Ihr Gesicht war weiß geschminkt, wie es modern war, vor allem, damit das „Schönheitspflaster“ auf der Wange, die „Mouche“, besser zur Geltung kam, eine Modeerscheinung, die aus Frankreich gekommen war.
Nach dem Festmahl ging es weiter zum Sommersitz Schloss Belvedere, das einige Kilometer vor Weimar lag und über eine große Parkanlage sowie eine Orangerie verfügte. Hier sollte das Paar die Sommermonate verbringen. Einzelheiten über das gemeinsame Leben dort liegen nicht vor. Ernst August II. Constantin liebte das Theater und die Musik und spielte selbst Geige. Anna Amalia war in Braunschweig an einem Hof aufgewachsen, an dem Musik, Kunst und Literatur eine große Rolle spielten. Auf dieser Ebene dürften sie sich wohl begegnet sein.
Allerdings interessierte sich der Herzog mehr für die Jagd und seine Hunde, wie seine Schwiegermutter an ihren Bruder schrieb: „Ich fürchte, dass er genauso wird wie sein Vater.“
Nur über die größeren offiziellen Ereignisse in dieser Zeit liegen kurze Berichte vor. So wurde am 6. Mai auf Schloss Belvedere die Hochzeit von Ernst August Constantins Halbschwester Ernestine Albertine (1722 – 1769) mit Philipp II. Ernst Graf zu Schaumburg-Lippe (1723 – 1787) mit Festessen und abendlichem Ball gefeiert. Am 2. Juni wurde der 20. Geburtstag des Herzogs feierlich begangen. Abends zogen Bergleute aus Ilmenau mit Fackeln und Bergmusik vor das Schloss. Die Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen druckten eines von vielen Lobgedichten ab:
„Er lacht; wer lacht nicht bey dem Glück?
Ist Constantin nicht höchst beglückt?
Er lächelt, welch ein heitrer Blick!
Die Fürstin ists, die ihn entzückt;
Amalia rührt seine Brust,
Amalia erwäckt die Lust,
Die izt sein Antlitz heiter machet.
O zärtlich Paar! Wer ist Dir gleich?
Monarchen selbst beneiden Euch,
Wann ihr so froh und zärtlich lachet.“

Als amtierende Herzogin hatte Anna Amalia zum ersten Mal einen eigenen Hofstaat mit einer Oberhofmeisterin – Frau von Schlotheim –, einem Oberhofmeister – Herrn von Benckendorff –, und mehreren Hofdamen. Sie nahm an der Seite ihres Mannes auch an einer Ständeversammlung teil. Der Herzog war für die Bewilligung von Steuern und für das Verabschieden von Gesetzen auf die Zustimmung der Landstände angewiesen, die in gewissen Abständen zu einem Landtag einberufen werden mussten. Anna Amalia war am 10. Juni sowohl beim feierlichen Einzug in die Hofkirche als auch bei der Eröffnungsrede Ernst August Constantins auf der Galerie anwesend, diesmal noch als Zuschauerin.
Ende Oktober ging es für den Winter zurück nach Weimar in die Wilhelmsburg, eine Wasserburg, die durch die Ilm, künstliche Wassergräben und Mauern von der Außenwelt abgeschlossen war und in die man nur über Brücken gelangen konnte. Im Süden – am heutigen Fürstenhaus und Carl-August-Denkmal – war ein Lustgarten, ebenfalls von Mauern umgeben. Weitere Möglichkeiten für Spaziergänge waren eine Baumpflanzung jenseits der Ilm, genannt der „Stern“ wegen der sternförmig angelegten Wege, und der „Wälsche Garten“ an der „Ackerwand“.
In Weimar feierte Anna Amalia am 24. Oktober zwei Tage lang ihren 17. Geburtstag mit Gottesdienst, Festessen an fünf Tafeln mit 96 Gedecken und einem abendlichen Ball. Die Döbbelinsche Theatergesellschaft, die der Herzog für mehrere Monate verpflichtet hatte, führte das Stück „Die Durchlauchtigste Liebe“ von Arnold Heinrich Porschen auf.
Auf den ersten Blick sah das alles sehr idyllisch aus. Und Anna Amalia wird es einerseits genossen haben, im Mittelpunkt zu stehen, was sie zu Hause in Braunschweig ja immer vermisst hatte. Aber der Schein trog. Offiziell war der Herzog der Regierende, faktisch aber führte der mächtigste Staatsbeamte, Heinrich von Bünau (1697 – 1762), die Geschäfte mit sparsamer Hand. Als Premierminister und Vorsitzender des Geheimen Consiliums, des höchsten Beratungsgremiums des Herzogs, mussten alle Anordnungen des Herzogs von ihm gegengezeichnet werden. Er entwarf auch die „Handschreiben“, die der Herzog an andere Reichsfürsten schickte, und ließ, um zu sparen, Ernst August Constantin nur drei Viertel der ihm zustehenden Schatullgelder auszahlen.
Bereits am 11. August 1756 hatte Anna Amalias Vater einen Brief von seinem Schwager, Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth (1711 – 1763), erhalten: Er informierte Karl I., dass die Herzogin und der Herzog in Weimar in „dergestalt beschränkten Umständen sich befinden“, dass man ihnen Schreiben, die an sie gerichtet waren, wenn man sie für „nicht passend“ hielt, vorenthalte. Er erachte es als Onkel für wichtig, dass er davon Meldung mache. Er bat Karl darum, ihn zu informieren, was er von der Sache wisse und was für Maßnahmen er plane, um den Herzog und seine Frau „aus einer solchen einer Sclaverey nicht unähnlichen Situation zu retten“.


3.Gewitterwolken
„Durchlauchtigster Fürst, freundlich geliebter Vetter.“

So beginnt ein Brief Friedrichs II. von Preußen aus Dresden vom 21. Januar 1757 an den Herzog von Sachsen-Weimar. Er erklärte darin, wie wichtig ihm dessen Freundschaft sei und dass er, auch wenn seine Armee derzeit in unmittelbarer Nachbarschaft lagere, „nicht nur präciseste Ordres“ gegeben habe, dass man die Lande des Herzogs mit Respekt behandle, sondern er werde auch, falls doch „einige Unordnung vorfallen sollte“, sofort für Abhilfe sorgen. Unterschrieben war der Brief mit „Ew Durchlaucht freundwilliger Vetter Friderich“.
Als das Schreiben in Weimar persönlich durch Friedrichs Flügeladjutanten im Schloss abgegeben wurde, wusste man in Weimar natürlich längst, dass seit Mitte November des Vorjahres der preußische König mit seinen Brüdern, mit dem Onkel von Anna Amalia, Ferdinand, und dem Herzog von Braunschweig-Bevern samt Gefolge in Dresden, 200 Kilometer entfernt, eingetroffen war und sich die Staaten Europas bereits seit Monaten im dritten Schlesischen Krieg befanden, den man auch den Siebenjährigen nennt.
Maria Theresia hatte der Verlust Schlesiens an die Preußen keine Ruhe gelassen. Durch eine Heeresreform und neue Verbündete, wie die Franzosen und die Russen, versuchte sie, ihre Ausgangslage für eine Rückgewinnung zu verbessern. Friedrich II., der durch seine Spione erfahren hatte, dass im Frühjahr 1757 ein Angriff auf Preußen geplant war, veröffentlichte daraufhin ein Manifest, in dem er erklärte, dass er sich nun „für berechtigt (halte) zum Gebrauch der Macht, die ihm der Himmel gegeben hat, um Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen, die Anschläge seiner Feinde zu vereiteln und die Sache des Protestantismus und der deutschen Freiheit vor den Unterdrückungsgelüsten des Wiener Hofes zu schirmen“.
Und während das Weimarer Herzogpaar noch den Sommer 1756 auf Schloss Belvedere genoss, marschierte die preußische Armee am 29. August 1756 in das Kurfürstentum Sachsen ein, besetzte Anfang September die Hauptstadt Dresden. Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen (1696 – 1763), der gleichzeitig König von Polen war, zog sich mit seinem Hof nach Warschau zurück.
Es war der Beginn eines Krieges, der auch das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach wirtschaftlich weiter in den Ruin trieb. Anfang 1757 traten Russland, Frankreich, Schweden und die Mehrzahl der Reichsfürsten auf Österreichs Seite in den Krieg ein, während Hannover, Braunschweig-Wolfenbüttel, Hessen-Kassel und Sachsen-Gotha sich auf die preußische Seite stellten. Offiziell wurde am 17. Januar 1757 der sogenannte „Reichskrieg“ gegen Preußen erklärt wegen Landfriedensbruchs durch den Einmarsch in Sachsen. Das war auch für Preußens Verbündete, zum Beispiel Anna Amalias Vater, eine kritische Situation. Obwohl er schon 1750 die Führung des kaiserlichen Regimentes abgegeben hatte, war er als Reichsfürst dem Kaiser verpflichtet. Mit Anna Amalias Onkel Ferdinand, ihrem ältesten Bruder Karl Wilhelm Ferdinand, dem Erbprinzen von Braunschweig-Wolfenbüttel und dem Herzog von Braunschweig-Bevern zogen gleich mehrere Mitglieder des Fürstenhauses gegen den Kaiser und das Reich in den Krieg. Die Garantieerklärung Friedrichs für das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach war daher wohl auch eine indirekte Aufforderung, sich neutral zu verhalten.
Zunächst machte das Kriegsgeschehen noch einen Bogen um Weimar. Das Herzogpaar begab sich Anfang März mit einem großen Hoflager von 40 Personen plus Bediensteten zu seinem Antrittsbesuch in Eisenach. Neben Ausflügen zur Wartburg und nach Wilhelmsthal wurde auch der Landtag am 22. März feierlich eröffnet.
Und während die Preußische Armee im Mai Prag eroberte, im Juni aber bereits wieder Böhmen und Ostpreußen aufgeben musste und Oberschlesien und den größten Teil Sachsens an die Österreicher, Hannoveraner, Hessen und Franzosen verlor, verlebte das Herzogpaar die Sommermonate wieder auf Schloss Belvedere.
Die Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen lieferten in diesen Wochen ihren Lesern neben kurzen Kriegsberichten Tipps für den Anbau von Tartuffeln – Kartoffeln –, die bereits in vielen Teilen des Reiches zur Vermeidung von Hungersnöten gefördert wurden. Zwar war der Anbau bereits 1737 durch ein Edikt des Vaters von Ernst August Constantin verfügt worden, aber das galt nur für die fürstlichen Kammergüter und auch nur zur Wildfütterung. Der Herzog ließ nun den Anbau der Tartuffeln „als einer zum Lebens-Unterhalt und vielerley Gebrauch höchst nöthigen und nützlichen Frucht“ fördern und setzte Prämien für den Anbau aus. Auch Rezepte wurden in aller Ausführlichkeit beschrieben: Man konnte die Tartuffel in Bratröhren wie Kastanien braten, als „Zugemüß“ zu Fleisch zubereiten oder als Salat mit Essig, Öl und Speck oder gerieben mit Eiern, Milch, Äpfeln, Safran und Zimt in Butter braten.
Anna Amalia hatte andere Sorgen. Es fiel ihr schwer, Vertrauen zu jemandem in ihrem Hofstaat zu fassen. Offenbar hatte ihr Mann davon ihrem Vater berichtet, der in seiner Antwort dem Herzog den Rat gab, dass Anna Amalia sich an die Damen am Hofe richten solle, die Erfahrung hatten und die sich ihr gegenüber ehrlich verhielten. In einem eigenen Schreiben an den Vater vom 12. Mai 1756 beklagte sie sich, dass es „unglücklicherweise“ nicht viele Menschen gab, „die ihr Wohl im Sinne“ hatten „und ich nenne jene meine Freunde, die mir die Wahrheit sagen und mir gute Ratschläge geben, und ich hoffe, dass mein lieber Papa mit mir übereinstimmt. Ich flehe Eure Durchlaucht untertänigst an, mir hier Ihren Rat zu geben, es gibt so unverschämte Menschen, die behaupten, dass sie zukünftig Macht über meine Person und über alles, was mich betrifft, erlangen werden . . . Darum bitte ich Sie um die Gnade, mir Ihre Meinung zu sagen, und wenn mein lieber Vater es für gut hält, dass ich mich von anderen beherrschen lasse, werde ich es auf den Befehl meines lieben Papas hin tun“. Auch wenn sie mit den üblichen Bezeugungen des Respekts „die demütige, sehr gehorsame und sehr untertänigste Tochter und Dienerin Amalie“ schließt, lässt sich doch aus dem letzten Satz ihr Ärger darüber, dass ihr Mann ohne ihr Wissen den Vater informiert hatte, nicht überhören.
Zehn Tage später erhielt sie die Antwort des Vaters. Er war besorgt und sah „mit Kummer die Unzufriedenheit, die seine Tochter gegenüber den Menschen hatte“, die, wie sie schrieb, sie belogen. Noch mehr betrübte ihn, dass seine Tochter offenbar nicht eine einzige Dame hatte, der sie vertrauen konnte. Gerade „für eine Prinzessin gibt es Gründe, sich an eine oder mehrere Frauen von Rang zu binden . . . Ich werde Euch niemals drängen, Euch den Launen derer zu unterwerfen, die euch Respekt schulden, und es scheint mir, dass ich auch nichts dergleichen an Monsieur le Duc, Euren lieben Mann, geschrieben habe . . .“. Er riet ihr, soweit es möglich war, die Fehler ihrer Umgebung zu ertragen und nicht zu misstrauisch zu sein, sondern es mit einer „vorsichtige(n) Freundschaft“ zu versuchen. „Da Ihr mich um meine väterlichen Anweisungen gebeten habt, hier sind sie, meine liebe Tochter.“


4.Geburt des Erbprinzen
„Im 17. Jahre wurde ich zum erstenmal Mutter.
Könnte ich Ihnen beschreiben das Gefühl, welches ich bekam,
als ich Mutter wurde! Es war die erste und reinste Freude,
die ich in meinem Leben hatte“,

schrieb Anna Amalia im Rückblick. „Mir war, als war ich auch von verschiedenen andern meiner Empfindungen entbunden worden. Mein Herz wurde leichter, meine Ideen wurden klärer, ich bekam mehr Zutrauen zu mir selber.“
Am 2. Juni 1757, am Geburtstag des Herzogs, wurde die Schwangerschaft der Herzogin öffentlich gemacht. Das Volk wurde von den Kanzeln aufgefordert, für eine „glückliche Schwangerschaft“ zu beten. Der Vater hatte ihr schon in seinem Brief vom Mai gratuliert und ihr gewünscht, dass alles gut ginge. Ihre Mutter schickte „Kinder Zeug“. Am 3. September 1757 um 5:30 morgens wurde Anna Amalia von „einem höchstgesund und wohlgestallten Erbprinz, zur unbeschreiblichen Freude Ihres Herrn Gemahls Hochfürstl. Durchl. sowohl als des gantzen Landes, höchstbeglückt entbunden“, hieß es in den Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen.
Am selben Tag erreichte der Krieg auch Weimar: Ein 380 Mann starkes Korps Infanteristen der Reichsarmee fiel unter Graf von Rantzau ein, drei Tage später folgten weitere 200 Mann. Sie wurden bei der Bevölkerung einquartiert und auch versorgt. Immerhin, wie die Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen schrieben, „verdienen (sie) das Lob der besten Manneszucht“. Es gab also offenbar keine Plünderungen, Vergewaltigungen und ähnliche Gräueltaten.
Während Anna Amalia in ihrem Wochenbett lag – an der Taufe ihres Sohnes am 4. September konnte sie noch nicht teilnehmen –, wurde Weimar zum Durchzugsort der verfeindeten Truppen. Fast täglich kamen sie durch die Stadt, oft mit Munitions- und Bagagewagen. Am 12. September erschien der preußische König mit Gefolge in Neumark, drei Stunden von Weimar entfernt, die preußische Armee campierte zwischen Buttstädt und Rastenberg, 21 bzw. 27 Kilometer von Weimar entfernt. Abends marschierte ein 800 Mann starkes österreichisches Husarenkorps durch die Vorstadt Richtung Erfurt.
Je näher der preußische König rückte, desto größer wurde die Angst, trotz Garantiebrief. Hatte er nicht gerade, wie die Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen meldeten, in Leipzig vom Magistrat der Stadt innerhalb von zwei Tagen 300 000 Taler verlangt, sonst würde es zu Plünderungen kommen? Wie viel galt die Garantie des preußischen Königs noch?
Erfurt, 23 Kilometer von Weimar entfernt, wurde bis zur Eroberung durch die Preußen zum Zentrum der französischen Truppen mit der Zentrale des mobilen Hospitals der Armee, das neben Fulda, Hanau und Heidelberg auch seit August 1757 in Eisenach eine Krankenstation unterhielt.
Am 5. November schlug die preußische Armee die Reichsarmee und die Franzosen bei Rossbach, 50 Kilometer vor Weimar. Die flüchtenden Soldaten, verfolgt von den Preußen, stürmten auch durch Weimar. „Da war weder Regiment noch Compagnie beysammen“, schreibt ein Augenzeuge, „sondern alles floh einzeln in der größten Eil, unwissend, wohin, auf vielerley Wegen und Straßen, als nach Weimar, Erfurth, Gotha, auch über den Wald nach Illmenau und Arnstadt, sodann nach Sachsenburg, Weißensee, Kölln an der Los, Langensalza, Mühlhausen und so fort; ohne dass man der Armee einen Ort bestimmet hätte, wo sie sich auf allen Fall wiedersetzen sollte. Noch Tage später zogen versprengte Reste der Reichsarmee und der Franzosen durch Weimar.“ In der Stadt gab es erneut Einquartierungen von preußischen Offizieren, Nahrungsmittel mussten abgegeben werden, und die Bauern wurden zu Spanndiensten gezwungen.
Und so begannen die Weimarische(n) Wöchentliche(n) Anzeigen das Jahr 1758 mit einem Gebet und dem Wunsch nach Frieden:
„. . . Laß keinen mehr nach Blute dürsten;
Benimm ihm alle Kriegeslust;
Erhalte unsern LandesFürsten,
Die Fürstin, nebst dem Karl August;
Dass Stadt und Land im neuen Jahre,
O Allmacht, deine Treu erfahre.“

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.