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Sophie Dorothea von PreußenSophie Dorothea von Preußen

Sophie Dorothea von Preußen

Das Leben der Mutter Friedrichs des Großen

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Sophie Dorothea von Preußen — Inhalt

Die erste Biografie der einflussreichen Mutter Friedrichs des Großen

Königin Sophie Dorothea (1687-1757) war die Mutter Friedrichs des II. Sie wurde in das bedeutende Haus Hannover hineingeboren und heiratete den König von Preußen. Doch was bedeutete diese Machtposition für eine Frau im 18. Jahrhundert? Um ihre Ziele zu erreichen, bediente sich Sophie Dorothea nicht selten der Intrige, aber ihrem Sohn, dem Preußischen Herrscher, war sie stets eine treusorgende Beraterin. Sophie Dorothea gehört zu jenen starken Frauen der Geschichte, die nicht an den Widrigkeiten des Lebens zerbrachen, sondern daraus scheinbar immer wieder neue Kraft schöpften und ihre Zeit bedeutend prägten.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 14.04.2014
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30541-9
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
374 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96666-5

Leseprobe zu »Sophie Dorothea von Preußen«

Vorwort

 

 

 

Sie macht es ihren Biografen wirklich nicht leicht. Gewiss, Königin Sophie Dorothea (1687–1757) aus dem Hause Hannover war Tochter, Schwester, Ehefrau und Mutter teils bedeutender europäischer Monarchen. Doch wer war sie selbst? Was steckte hinter der Fassade aus Hermelin und Goldbrokat, die sie so sehr liebte?

Leider hat uns Sophie Dorothea keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, die einen Blick in ihr Innerstes ermöglicht hätten. Die noch vorhandenen Briefe verraten nur wenig von den wahren Gefühlen der Königin, denn es ging ihr [...]

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Vorwort

 

 

 

Sie macht es ihren Biografen wirklich nicht leicht. Gewiss, Königin Sophie Dorothea (1687–1757) aus dem Hause Hannover war Tochter, Schwester, Ehefrau und Mutter teils bedeutender europäischer Monarchen. Doch wer war sie selbst? Was steckte hinter der Fassade aus Hermelin und Goldbrokat, die sie so sehr liebte?

Leider hat uns Sophie Dorothea keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, die einen Blick in ihr Innerstes ermöglicht hätten. Die noch vorhandenen Briefe verraten nur wenig von den wahren Gefühlen der Königin, denn es ging ihr hauptsächlich um die Durchsetzung ihrer ehrgeizigen Interessen. Und dabei war sie keineswegs zimperlich. Um ihre Ziele zu erreichen, bediente sich Sophie Dorothea nämlich einer etwas zwielichtigen Methode: Intrige und Verstellung. Doch kann man das einer Frau wirklich verdenken, die schon mit Lug und Trug aufgewachsen ist?

Bereits die Ehe ihrer Großeltern Ernst August und Sophie von Hannover kam unter äußerst dubiosen Umständen zustande. Sophie Dorotheas gleichnamige Mutter wiederum hinterging ihren Gemahl mit dem smarten Grafen Königsmarck und wollte für den Geliebten sogar die beiden Kinder im Stich lassen. Selbst Sophie Dorotheas eigene Ehe mit ihrem preußischen Cousin Friedrich Wilhelm (1688–1740) wurde von Großmutter Sophie und Tante Sophie Charlotte, Preußens erster Königin, auf hinterhältige Weise eingefädelt.

So hatte die 19-jährige Sophie Dorothea ihre erste Lektion bereits gelernt, als sie mit dem preußischen Kronprinzen vor den Traualtar trat: Um ans Ziel zu kommen, waren Offenheit und Ehrlichkeit eher hinderlich. Das galt auch für ihre eigene Ehe. Um sich gegenüber Friedrich Wilhelm behaupten zu können, der mitunter zu Anfällen rasender Eifersucht neigte, heuchelte sie ihm Liebe und Zuneigung vor, die sie in Wirklichkeit überhaupt nicht verspürte.

So wurde Sophie Dorothea hart gegen sich selbst und gegen andere. Nur für ihre (ältesten) Kinder wollte sie – wie wohl jede Mutter – »das Beste«, und das waren in diesem Fall die richtigen Ehepartner. Nachdem ihr Vater Georg Ludwig durch eine Laune der Geschichte 1714 englischer König geworden war, plante Sophie Dorothea die Verbindung von Kronprinz Friedrich (1712–1786) mit seiner Cousine, der englischen Prinzessin Amalie, während ihre älteste Tochter Wilhelmine (1709–1758) den nachmaligen Prinzen von Wales heiraten sollte.

Viele Jahre lang sah es so aus, als würde Sophie Dorotheas Wunschtraum tatsächlich in Erfüllung gehen. Als Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. jedoch aus politischen Gründen von England abrückte, war das ehrgeizige Projekt zum Scheitern verurteilt. Das aber wollte Sophie Dorothea nicht hinnehmen. Und so versuchte sie heimlich und hinter dem Rücken ihres Gemahls die englische Doppelhochzeit doch noch zu realisieren – mit katastrophalen Folgen …

Für die traurige Jugend des Kronprinzen Friedrich wird gemeinhin der strenge und cholerische Vater verantwortlich gemacht, »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I. Doch auch Sophie Dorothea trifft ein Teil der Schuld, selbst wenn sie den Sohn nicht mit dem Rohrstock und üblen Beleidigungen traktiert hat. Aber sie trug durch ihre Heimlichkeiten maßgeblich dazu bei, dass sich der Vater-Sohn-Konflikt am Hohenzollernhof erheblich zuspitzte – bis hin zum missglückten Fluchtversuch des Kronprinzen im Sommer 1730.

Die bittere Enttäuschung darüber, dass sich ihre Lebens­träume nicht erfüllten, hat sich Sophie Dorothea nie anmerken lassen. Sie wahrte stets »Contenance« und präsentierte sich als stolze und Ehrfurcht gebietende Königin. Wie es in ihrem Innersten aussah, wie sehr sie tatsächlich darunter gelitten haben mag, hat sie niemandem offenbart. Allem Anschein nach gehört Sophie Dorothea zu jenen »starken Frauen« der Geschichte, die nicht an den Widrigkeiten des Lebens zerbrachen, sondern daraus scheinbar immer wieder neue Kraft schöpften. Wie ihr das gelang, bleibt ein Geheimnis. Es muss daher wohl bei dem Versuch bleiben, sich Königin Sophie Dorothea vorsichtig anzunähern.

 

 

 

Sophie Dorothea und die liebe Verwandtschaft – frühe Jahre in Hannover

 

Aus »Fiekchen« wird »Olympia« oder: Der Mensch wächst mit seiner Aufgabe

 

Als die 19-jährige Sophie Dorothea (1687–1757) von Hannover mit ihrem Cousin, dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (1688–1740), verheiratet wurde, hatte sie nicht gerade das »große Los« gezogen. Der junge Hohenzollernspross, im Umgang mit der Damenwelt ohnehin höchst unsicher, war mit der neuen Rolle als Ehemann völlig überfordert. Dementsprechend verfolgte er sein »Fiekchen«, wie er Sophie Dorothea nannte, jahrelang mit Misstrauen, Jähzorn und grundloser Eifersucht. Die einzige Möglichkeit, sich gegenüber ihrem schwierigen Gemahl zu behaupten, sah die Hannoveranerin in einem fatalen Gemisch aus Verstellung, Heuchelei und Intrigen, um hinter dem Rücken Friedrich Wilhelms zielstrebig ihren eigenen Weg gehen zu können. So aber wurde aus der verunsicherten Prinzessin, die 1706 an den Berliner Hohenzollernhof gekommen war, im Laufe der Zeit eine selbstbewusste, ja geradezu Ehrfurcht gebietende Fürstin, der – außer dem König – niemand zu widersprechen wagte. Sophie Dorotheas älteste Tochter, Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, beschrieb ihre Mutter später durchaus ambivalent: »Die Königin ist niemals schön gewesen, sie ist pockennarbig, und ihre Züge sind keineswegs klassisch. Ihre Haut ist weiß, ihre Haare dunkelbraun, ihre Figur ist eine der schönsten, die es je gab. Ihre edle und majestätische Haltung flößt allen, die sie sehen, Ehrerbietung ein; ihre große Weltgewandtheit und ihr großer Geist deuten auf mehr Gründlichkeit, als ihr eigen ist. Sie hat ein gutes, großmütiges und mildreiches Herz, sie liebt die schönen Künste und die Wissenschaften, ohne sich allzu sehr mit ihnen befasst zu haben. Jeder hat seine Fehler, sie ist nicht frei davon. Sie verkörpert allen Stolz und Hochmut ihres hannoveranischen Hauses. Ihr Ehrgeiz ist maßlos, sie ist grenzenlos eifersüchtig, argwöhnisch und rachsüchtigen Gemütes und verzeiht nie, wenn man sie beleidigt hat.« Am Berliner Hof wurde es üblich, hinter dem Rücken Sophie Dorotheas von »Olympia« zu sprechen, was der imposanten Erscheinung und dem Respekt einflößenden Wesen der Königin schon sehr nahe kam.

Diese ungewöhnliche Entwicklung von der eingeschüchterten Welfenprinzessin zur herrischen »Olympia« lässt sich wohl nur mit einer enormen inneren Stärke erklären, gepaart mit jenem dynastischen Stolz, der für das Welfengeschlecht so typisch war. Deshalb ist es zwingend erforderlich, zunächst einmal die Geschichte(n) der Familie kennenzulernen. Sophie Dorothea stammte schließlich nicht nur aus einem der ältesten und vornehmsten Adelsgeschlechter Deutschlands, ihre Wurzeln reichten auch bis zu den englischen Stuarts zurück, was ihr Leben als preußische Königin maßgeblich bestimmt hat. Widmen wir uns also als Erstes der »lieben Verwandtschaft«.

 

 

Trügerische Idylle

Das alte Leineschloss in Hannover, im Zweiten Weltkrieg zerstört und anschließend wieder aufgebaut, dient heute als Sitz des niedersächsischen Landtags und macht einen durch und durch friedlichen Eindruck. Und doch birgt dieser Bau, in dem Sophie Dorothea am 26.März 1687 das Licht der Welt erblickte, ein dunkles Geheimnis. In ihrer Familie wurde natürlich nie über das gesprochen, was sich hinter diesen dicken Mauern zugetragen haben soll, damals, als die kleine Prinzessin erst sieben Jahre alt war. Aber üblen Hofklatsch gab es natürlich auch in Hannover. Ahnte das Kind womöglich, dass er etwas mit ihrer Mutter zu tun hatte, die den gleichen Namen trug wie sie selbst? Im Januar 1695 waren alle Porträts von Kurprinzessin Sophie Dorothea (1666–1726) aus den Räumen des Schlosses entfernt worden, und auch sie selbst verschwand damals für immer aus Hannover. Niemand in der Familie hat jemals wieder von ihr gesprochen.

Sollte Tochter Sophie Dorothea trotz allem die Gelegenheit gehabt haben, sich heimlich ein Bildnis ihrer Mutter anzuschauen, dann blickte ihr eine hübsche junge Frau entgegen, eine etwas pummelige Schönheit mit dunklem Haar und rosigem Teint, den Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Hatte diese unbestimmte Sehnsucht vielleicht etwas mit dem dunklen Geheimnis zu tun, das wie ein Fluch auf der Familie lastete? Doch schauen wir uns diese Familie zunächst einmal näher an.

Als Sophie Dorothea geboren wurde, schien die Welt in Hannover noch in Ordnung zu sein. Die jungen Eltern, Erbprinz Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg (1660–1727) und seine Gemahlin, freuten sich sicher, dass der vierjährige Sohn Georg August nun ein gesundes Schwesterchen bekommen hatte, auch wenn ihnen ein zweiter Knabe gewiss lieber gewesen wäre. Ähnlich erging es wohl auch den Großeltern väterlicherseits, Herzog Ernst August (1629–1698) und Her­zogin Sophie (1630–1714), einer geborenen Prinzessin von der Pfalz. Die beiden hatten sieben Kinder – sechs Söhne und eine Tochter –, und doch war Sophie Dorothea erst das zweite Enkelkind. Ein Mädchen, nun ja. Noch ahnte niemand, dass beide Kinder später einmal eine Krone tragen würden: der 1683 geborene Georg August als Georg II. von England und Sophie Dorothea an der Seite ihres Berliner Cousins Friedrich Wilhelm I. als preußische Königin. Aber bis dahin sollten noch viele Jahre vergehen.

Die Idylle im alten Leineschloss war trügerisch. Tatsächlich präsentierte sich die herzogliche Familie, die sich an der Wiege der neugeborenen Prinzessin versammelt hatte, keineswegs so einträchtig, wie es den Anschein hatte. Die jungen Eltern gingen sich nach Möglichkeit aus dem Weg, und auch zwischen den beiden Großelternpaaren herrschte eine angespannte Stimmung. Das lag vor allem an Herzogin Sophie, die nämlich mit der Mutter ihrer Schwiegertochter auf Kriegsfuß stand. Wie und warum – das ist eine lange Geschichte, die mit einem seltsamen Brauttausch angefangen hatte, viele Jahre vor der Geburt von Sophie Dorothea. Hauptakteur war damals der zweite Großvater der Prinzes­sin gewesen, Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg (1624–1705).

 

Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg – ein lebenslustiger Welfenherzog

Die beiden Großväter von Sophie Dorothea waren Brüder. Herzog Georg Wilhelm, der ältere von beiden, war einst ein ausgesprochen lebenslustiger junger Mann gewesen, der viel lieber die Welt kennenlernen wollte, als sich in der norddeutschen Provinz mit den Niederungen der Politik zu befassen. Vorzugsweise amüsierte er sich im sonnigen Italien, das ihm neben den zahlreichen kulturellen Reizen wie der Oper auch jede Menge schöner Frauen bot. In die kalte deutsche Heimat kehrte er nur sporadisch und eher widerwillig zurück. Das ging eine Weile ganz gut, und selbst seine Berater hatten Verständnis dafür, dass sich ihr vitaler Herzog erst einmal »die Hörner abstoßen« musste, bevor er in Hannover vom Ernst des Lebens eingeholt werden würde. Auf Dauer jedoch war ein solcher Zustand untragbar, schließlich hatte Georg Wilhelm inzwischen schon seinen 33.Geburtstag gefeiert. Die Landstände setzten dem reisefreudigen Fürsten daher die Pistole auf die Brust: Entweder besann sich der Herr Herzog auf seine Pflichten, regierte sein Land, heiratete und sorgte für standesgemäßen Nachwuchs – oder man würde ihm den Geldhahn zudrehen. So musste Georg Wilhelm wohl oder übel einsehen, dass die Zeiten des dolce vita in bella Italia unwiderruflich zu Ende gingen. Jetzt rief die Pflicht.

Jedoch war Georg Wilhelm nur einer der zahllosen deutschen Duodezfürsten und keineswegs eine besonders »gute Partie«. Immerhin entstammte er dem Welfenhaus, das noch immer vom Ruhm der alten Zeiten zehrte. Nach ihren Anfängen in der Karolingerzeit hatten die Welfen unter Heinrich dem Löwen (wohl 1129–1195) den Höhepunkt ihrer Macht erreicht. Danach war es merklich stiller um sie geworden, zumal das Haus durch zahlreiche Erbteilungen zersplitterte. Erst im 17.Jahrhundert gab es dann nur noch zwei Hauptlinien, die verschiedene Teilfürstentümer des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel regierten. Georg Wilhelm beispielsweise regierte als Fürst von Calenberg 1648–1665 in Hannover, während sein älterer Bruder Christian Ludwig (1622–1665) ab 1648 als Fürst von Lüneburg im reicheren Celle zu Hause war.

Christian Ludwig wollte das Lotterleben seines lebens­frohen Bruders nicht länger mitansehen, zumal seine eigene Ehe kinderlos geblieben war und der Jüngere nun dafür sorgen sollte, dass die Thronfolge sichergestellt wurde. Diesem Druck, der von allen Seiten auf ihn ausgeübt wurde, konnte sich Georg Wilhelm nicht entziehen. Er fügte sich seinem Schicksal und plante nur noch eine letzte Reise, gleichsam einen »Junggesellenabschied« in Italien, auf den ihn sein jüngerer Bruder Ernst August begleiten sollte. Davor aber, im Herbst 1657, machte sich Georg Wilhelm pflichtbewusst auf die Suche nach einer standesgemäßen Braut, die wie er selbst protestantisch sein sollte.

 

Brautschau in Heidelberg

Der Weg führte den Georg Wilhelm auf Freiersfüßen von Hannover nach Heidelberg, in die Residenz des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, der nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) sein geschundenes Land wieder neu aufbauen musste. Bei ihm im Heidelberger Schloss lebte auch seine jüngste Schwester, die 1630 geborene Sophie, die mit ihren 27 Jahren allmählich eine »alte Jungfer« zu werden drohte. Interessenten gab es kaum, denn eine reiche Mitgift hatte sie nicht zu erwarten. Und doch bekundete Georg Wilhelm ein ernsthaftes Interesse an der zierlichen Prinzessin, Tochter des glücklosen »Winterkönigs« Friedrich V. von der Pfalz und seiner englischen Gemahlin Elisabeth Stuart. Als Schönheit konnte man Sophie allerdings nicht gerade bezeichnen. Weil im Barockzeitalter eher üppige Formen gefragt waren, entsprach die junge Pfälzerin, klein und mager, wie sie war, nicht unbedingt dem damaligen Frauen­ideal. Ihr Gesicht zierte eine etwas zu lange Nase, die sie dann später ihren preußischen Urenkeln vererbte – Friedrich dem Großen und einigen seiner Geschwister. Georg Wilhelm hatte auf seinen Reisen nach Italien gewiss attraktivere Frauen kennengelernt. Trotzdem fand er Sophie mit ihrem etwas sarkastischen Humor und der »spitzen Zunge« wohl nicht ganz unattraktiv. Zudem schwebte die unmissver­ständliche Drohung der Landstände wie ein Damoklesschwert über ihm, sodass er sich letztlich dazu entschloss, bei Kurfürst Karl Ludwig um die Hand seiner Schwester anzuhalten.

Zunächst einmal aber reiste Georg Wilhelm gemeinsam mit Ernst August nach Italien weiter. Anders als der Herzog selbst war sein jüngerer Bruder als Geistlicher vorgesehen und völlig unbelastet von irgendwelchen Regierungspflichten. Er verfügte somit über unendlich viel Zeit. Das Geld freilich war etwas knapp, denn Ernst August musste mit einer Apanage auskommen, zumindest so lange, bis er das Amt des Fürstbischofs von Osnabrück übernehmen konnte. Der Himmel wusste, wann es so weit sein würde, denn der aktuelle Amtsinhaber, Kardinal Reichsgraf Franz Wilhelm von Wartenberg (1593–1661), erfreute sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch bester Gesundheit. Besonders rosig waren die Zukunftsaussichten scheinbar nicht. Es sah so aus, als würde Ernst August, der jüngste von insgesamt vier welfischen Brüdern, wohl niemals ein eigenes Land regieren und nur als unbedeutende Randfigur in die Annalen des Herzogtums eingehen. Doch es kam ganz anders.

 

Ein ungewöhnlicher Brauttausch

Die Wintermonate verbrachten die beiden Welfenbrüder in gewohnt vergnüglicher Weise im sonnigen Italien. Und hier, fern der Heimat, verspürte Georg Wilhelm plötzlich nicht mehr die geringste Lust, Sophie von der Pfalz zu heiraten, so wie es nach seiner Rückkehr eigentlich vorgesehen war. Doch konnte er wirklich einen Rückzieher machen? Er hatte nicht nur seine feste Zusage gegeben, auch die Vorbereitungen für die Hochzeit waren längst in vollem Gange, Verträge wurden aufgesetzt, Gästelisten vervollständigt und vieles mehr. Georg Wilhelm war ratlos. Unmöglich konnte er die Verlobung lösen, ohne seinen guten Ruf als Gentleman ein für alle Mal zu ruinieren und obendrein auch noch die sitzen gelassene Braut zu kompromittieren. Dann aber hatte er die rettende Idee! Vielleicht konnte ihm Ernst August aus der Patsche helfen – und hatte möglicherweise Lust, Sophie von der Pfalz zu übernehmen!

Das war zweifellos eine tollkühne Idee, und als Ernst August davon hörte, wird er wohl zunächst gedacht haben, sein Bruder habe sich ein wenig zu lange in der südlichen Sonne aufgehalten. Warum um alles in der Welt sollte aus­gerechnet er diese Sophie heiraten? Doch Georg Wilhelm dachte bereits weiter und wusste genau, wie er dem verdutzten Bruder den seltsamen »Brauttausch« schmackhaft machen konnte. Mit seinen persönlichen Zukunftsaussichten war Ernst August nämlich alles andere als zufrieden. So, wie es aussah, würde er sich zeitlebens mit dem kleinen Fürstbistum Osnabrück begnügen müssen. Und genau an diesem Punkt setzte sein Bruder den Hebel an und machte folgenden Vorschlag: Sollte Ernst August Prinzessin Sophie tatsächlich »übernehmen«, dann würde er, Georg Wilhelm, hoch und heilig versprechen, selbst niemals zu heiraten und somit auch keine legitimen Kinder in die Welt zu setzen. So würde nach seinem Tod Ernst August das Fürstentum Calenberg mit der Residenz Hannover erben und könne es wiederum seinen Nachkommen sichern – alles bliebe in der Familie. Gegen diese Lösung konnten wohl auch die Landstände nichts einzuwenden haben.

Es ist anzunehmen, dass sich Ernst August den Vorschlag seines Bruders gründlich überlegte, bevor er tatsächlich in den abenteuerlichen »Brauttausch« einwilligte. Aber irgendwann würde schließlich auch er heiraten müssen, und Sophie war eigentlich gar nicht so übel: witzig und klug, hervorragend erzogen und vielseitig interessiert – keine schlechten Voraussetzungen für eine Ehe. Und abgesehen davon: Ernst August wusste, selbst wenn er verheiratet sein würde, gab es noch immer genügend hübsche junge Frauen, die bereit sein würden, auch ohne Trauschein das Bett mit ihm zu teilen. Der Preis für das in Aussicht gestellte Fürstentum erschien ihm vergleichsweise gering.

Als die zwei Welfenbrüder im Frühjahr 1658 aus Italien zurückkehrten und erneut in Heidelberg Station machten, mussten sie die Karten auf den Tisch legen. Wir wissen leider nicht, wie man im kurfürstlichen Schloss auf die seltsame Offerte reagierte, aber von einem größeren Eklat ist zumindest nichts bekannt. Karl Ludwig wird gewiss froh gewesen sein, seine jüngste Schwester überhaupt unter die Haube zu bekommen – da war ihm ein Bräutigam so recht wie der andere. Und Sophie selbst? Sie hatte eigentlich keine andere Wahl, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Was wäre die Alternative gewesen? Hätte sie Ernst Augusts Antrag abgelehnt, dann wäre sie als sitzen gelassene Braut tatsächlich kompromittiert gewesen. Und so erklärte sie sich erhobenen Hauptes bereit, mit Georg Wilhelms jüngerem Bruder vor den Traualtar zu treten. Wie verletzt sie in Wirklichkeit war, hat die burschikose Pfälzerin niemandem verraten.

 

Das Problem mit dem »Zölibat«

Und so kehrten die Brüder schließlich zurück nach Hannover. Georg Wilhelm bekräftigte sein Versprechen und ließ sogar einen Vertrag aufsetzen, in dem er den Verzicht auf eine künftige Heirat noch einmal schriftlich bestätigte und versicherte, er werde bis zu seinem Tod »im Zölibat« leben – was immer der fidele Herzog auch darunter verstehen mochte.

Nachdem Ernst August und Sophie am 30.Oktober 1658 in Heidelberg geheiratet hatten, zogen sie zu Georg Wilhelm ins alte Leineschloss, wo sie in den nächsten drei Jahren zu Hause waren. Trotz der außergewöhnlichen Umstände wurde die Ehe recht glücklich. Am 7.Juni 1660 kam das erste Kind zur Welt, Georg Ludwig, Sophie Dorotheas Vater. Der kleine Erbprinz bekam in den nächsten Jahren noch sechs Geschwister, darunter seine einzige Schwester Sophie Charlotte, die spätere preußische Königin.

Nach dem Tod Franz Wilhelms von Wartenberg 1661 zog die Familie wie geplant nach (Bad) Iburg, die idyllisch am Rande des Teutoburger Walds gelegene Residenz des Fürstbistums Osnabrück. Hier erreichte Ernst August vier Jahre später die traurige Nachricht, dass sein ältester Bruder Christian Ludwig, der von Celle aus das Fürstentum Lüneburg regiert hatte, überraschend verstorben war. Das bedeutete, dass nun Georg Wilhelm als Nächstgeborener nach Celle wechselte, während Johann Friedrich (1625–1679), der dritte der welfischen Brüder, die Herrschaft über das Fürstentum Calenberg in Hannover antrat. Für Ernst August ergab sich damit die erfreuliche Aussicht, eines Tages das reichere Celle zu erben.

Doch dann verbreiteten sich in Bad Iburg beunruhigende Gerüchte, die das beschauliche Leben des Fürstbischofs und seiner Gemahlin Sophie nicht unerheblich störten: Georg Wilhelm, der frischgebackene Fürst, der bekanntlich geschworen hatte, den Rest seines Lebens im »Zölibat« zu verbringen, war den Reizen einer jungen Frau erlegen. Sie hieß Eleonore d’Olbreuse und war eine Hofdame des Landgrafen von Hessen-Kassel. Als solche galt sie zwar nicht als standesgemäße Partie, trotzdem klingelten bei Sophie und Ernst August die Alarmglocken. Zunächst freilich beruhigte man sich damit, dass Georg Wilhelm schon viele schöne Gefährtinnen gehabt habe, an denen er aber stets irgendwann das Interesse wieder verloren hatte. Doch diesmal war es anders. Die 24-jährige Eleonore, eine Hugenottin mit französischen Wurzeln, hatte das Herz Georg Wilhelms im Sturm erobert, als sich die beiden im Winter 1663/64 zum ersten Mal begegnet waren. Mit seinen knapp 40 Jahren war Georg Wilhelm auch kein junger Mann mehr, er hatte reichlich Erfahrungen gesammelt und wollte sein Leben nun in ruhigere Bahnen bringen. Und so stand für ihn fest: Eleonore d’Olbreuse war die Frau, mit der er dauerhaft zusammenbleiben wollte. Leider­ hatte die Sache einen kleinen Haken. Die schöne Hofdame war alles andere als ein leichtlebiges Flittchen und weigerte sich strikt, die Mätresse des Herzogs zu werden. Nur mit gültigem Trauschein wollte sie in Georg Wilhelms Schlaf­gemach einziehen. Damit befand sich der Fürst in einer unangenehmen Zwickmühle. Schließlich wollte er weder Eleonore verlieren noch seinen Bruder verprellen, dem er vertraglich zugesichert hatte, niemals zu heiraten. Was tun? Georg Wilhelm hatte auch diesmal wieder einen rettenden Einfall: Er bot seiner Eleonore eine sogenannte Gewissen­s­ehe an. Das heißt, man würde wie Mann und Frau zusammenleben und einander die Treue halten, ohne offiziell verheiratet zu sein. Damit verbunden war eine finanzielle Absicherung Eleonores, auch für den Fall seines vorzeitigen Todes. Nach langem Hin und Her und trotz vieler moralischer Bedenken ließ sich Eleonore schließlich darauf ein und kam im November 1665 nach Schloss Celle, einen etwas in die Jahre gekommenen Renaissancebau, den Georg Wilhelm aber gründlich modernisieren ließ.

 

 

Karin Feuerstein-Praßer

Über Karin Feuerstein-Praßer

Biografie

Karin Feuerstein-Praßer, geboren 1956, lebt als freie Historikerin und Autorin in Köln und veröffentlichte zahlreiche Biografienbände.

Inhaltsangabe

Vorwort

Sophie Dorothea und die liebe Verwandtschaft – frühe Jahre in Hannover

»Wann hören Sie endlich auf, mich zu quälen?« – Hass, Neid und Intrigen am Hohenzollernhof

Hausmannskost und Kindersegen – die ersten Jahre als Königin

Die Hoffnung stirbt zuletzt – der verzweifelte Kampf um die Doppelhochzeit

Die bleierne Zeit – Jahre der Resignation

»Pracht und Geselligkeit liebte sie sehr« – Königinmutter Sophie Dorothea

Nachwort

Zeittafel

Quellen- und Literaturverzeichnis

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