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Von hier bis zum AnfangVon hier bis zum Anfang

Roman

»Seit ›Der Gesang der Flusskrebse‹ hat mich kein Roman so bewegt und begeistert!« A. J. FinnCape Haven, Kalifornien. Eine beschauliche Kleinstadt vor dem Panorama atemberaubender Küstenfelsen. In diesem vermeintlichen Idyll muss die 13-jährige Duchess nicht nur ihren kleinen Bruder fast alleine großziehen, sondern sich auch um ihre depressive Mutter Star kümmern, die die Ermordung ihrer Schwester vor 30 Jahren nie verwinden konnte. Als deren angeblicher Mörder aus der Haft entlassen wird, droht das fragile Familiengefüge, das Duchess mühsam zusammenhält, auseinanderzubrechen. Denn der Atem der Vergangenheit reicht bis in das Heute und wird das starke Mädchen nicht mehr loslassen ...Der Roman, der in England und Amerika bereits hymnisch gefeiert wird - jetzt endlich in deutscher Übersetzung!„Herzzerreißend und zugleich voller Hoffnung!“ The Mirror„Drama, Liebesgeschichte, Pageturner – einen solchen Roman gab es lange nicht mehr!“ Publisher's Weekly„Die Figuren in diesem Roman werde ich nie vergessen!“ Jane Harper„Das Buch des Jahres!“ Sunday Express
In Kürze wieder lieferbar

Wenn ihr was seht, hebt ihr die Hand. Egal, ob’s eine Zigarettenkippe oder eine Getränkedose ist. Wenn ihr was seht, hebt ihr die Hand.

Ihr fasst es nicht an.

Hebt nur die Hand.

Chief Dubois. Seine Worte wehten zu ihnen herüber, Leute aus dem Ort standen mit den Füßen im Bachlauf, waren bereit. Vorrücken in einer Reihe, jeweils zwanzig Schritte Abstand, hundert Augen mit gesenkten Blicken. Eine Choreografie der Verdammten.

Dahinter der jetzt menschenleere Ort. Die Nachricht hatte den Nachhall eines langen tadellosen Sommers erstickt.

Es ging um Sissy Radley. Sieben Jahre alt. Blondes Haar. Die meisten kannten sie, Dubois musste keine Fotos verteilen.

Walk bildete den äußersten Rand. Er war fünfzehn und furchtlos, seine Knie zitterten bei jedem Schritt.

Sie marschierten durch den Wald wie eine Armee, angeführt von Polizisten, Taschenlampenlicht überall, der Ozean hinter den Bäumen war noch ein ganzes Stück entfernt, aber das Mädchen konnte nicht schwimmen.

Neben Walk lief Martha May. Sie gingen seit drei Monaten miteinander, waren aber übers Knutschen nicht hinausgekommen, ihr Vater war Pfarrer an der Little Brook Episcopal.

Sie schaute zu ihm rüber. „Willst du immer noch Polizist werden?“

Walk sah zu Dubois, hielt den Kopf gesenkt.

„Ich hab Star gesehen“, sagte Martha. „Vorne bei ihrem Vater. Sie hat geweint.“

Star Radley, die Schwester des vermissten Mädchens. Marthas beste Freundin. Alle zusammen waren sie unzertrennlich. Nur einer fehlte.

„Wo ist Vincent?“, fragte sie.

„Hab ihn vorhin gesehen. Vielleicht ist er auf der anderen Seite.“

Walk und Vincent standen sich so nah wie Brüder. Mit neun hatten sie sich in die Handflächen geritzt, sie zusammengepresst und einen Eid klassenloser Loyalität geschworen.

Walk und Martha schwiegen jetzt wieder, suchten still den Boden ab, passierten die Sunset Road, liefen am Wunschbaum vorbei, schoben mit ihren Chucks das Laub auseinander. Walk konzentrierte sich und hätte ihn trotzdem fast übersehen.

Zehn Schritte vor dem Cabrillo Highway, der State Route One, sechshundert Meilen kalifornische Küste. Er blieb abrupt stehen, blickte auf und sah, wie die Reihe ohne ihn weiterzog.

Er ging in die Hocke.

Eine Wolke riss auf, ließ Mondlicht durch.

Der Schuh war klein. Rot-weißes Leder. Vergoldete Schnalle.

Ein herankommender Wagen auf dem Highway wurde langsamer, die Scheinwerfer folgten der Biegung, streiften ihn.

Dann sah er sie.

Er holte tief Luft und hob die Hand.

Erster Teil

Der Outlaw

1

Walk stand am Rand einer aufgeregten Menge. Einige von ihnen kannte er seit seiner Geburt, andere seit deren. Urlauber mit Kameras, Sonnenbrand und unbeschwertem Lächeln.

Die Lokalnachrichten waren jetzt auch da, eine Reporterin von KCNR. „Dürfen wir kurz mit Ihnen sprechen, Chief Walker?“

Er lächelte, schob die Hände tief in die Taschen und schlängelte sich durch die Menge, als die Leute plötzlich erschrocken nach Luft schnappten.

Stück für Stück und laut stürzte das Dach ein, krachte aufs Wasser weiter unten. Die Grundmauern blieben roh und skelettartig stehen, als wäre es nie mehr als ein unbewohntes Haus gewesen. Seit Walk denken konnte, hatte es den Fairlawns gehört, hatte in seiner Kindheit noch weit vom Ozean entfernt gestanden. Vor einem Jahr war das Grundstück abgesperrt worden, weil die Klippen erodierten, hin und wieder kamen Leute von California Wild, maßen und schätzten.

Kameras wurden hochgehalten, Aufregung breitete sich aus, als es Schindeln regnete und die vordere Veranda halb absackte. Milton, der Schlachter, ging auf ein Knie runter und schoss das Bild des Tages vom umgeknickten Flaggenmast mit der Fahne im Wind.

Der jüngere der Tallow-Söhne lief zu dicht heran. Seine Mutter zog ihn so fest am Kragen, dass er rückwärts auf den Hintern plumpste.

Dahinter versank die Sonne mit dem Gebäude, zerhackte das Wasser mit orange- und lilafarbenen Schnitten und namenlosen Schattierungen. Die Reporterin bekam ihre Story, verabschiedete ein eher unbedeutendes Stück Geschichte, das kaum der Rede wert war.

Walk sah sich um und entdeckte Dickie Darke, der ungerührt zuschaute. Er stand da wie ein Riese, fast zwei Meter zehn. Dickie handelte mit Immobilien, ihm gehörten mehrere Häuser in Cape Haven und ein Club am Cabrillo, eine Kaschemme von der Sorte, in der das Laster zehn Dollar und einen kleinen Batzen Rechtschaffenheit kostet.

Sie blieben eine weitere Stunde lang stehen, Walks Beine wurden müde, als die Veranda endlich aufgab. Schaulustige widerstanden dem Impuls zu applaudieren, dann machten sie kehrt und gingen zurück zu ihren Grills, Bieren und Feuerstellen, deren flackerndes Licht Walk auf seiner Abendpatrouille begleitete. Sie liefen über den grauen Steinweg, zwar trocken verlegt, aber trotzdem robust. Dahinter stand der Wunschbaum, eine große Eiche, so breit, dass ihre Äste gestützt werden mussten. Das alte Cape Haven gab sich alle Mühe, fortzubestehen.

Walk war einst mit Vincent King auf diesen Baum geklettert, in einer Zeit so fern der Gegenwart, dass sie kaum noch von Bedeutung war. Er legte eine zittrige Hand auf seine Schusswaffe, die andere an den Gürtel. Sein Kragen war gestärkt, er trug eine Krawatte, die Schuhe frisch geputzt. Die Tatsache, dass er seinen Platz in der Welt akzeptierte, wurde von vielen bewundert, von anderen belächelt. Walker war Kapitän eines Schiffs, das seinen Hafen niemals verließ.

Er entdeckte das Mädchen, das sich gegen den Strom der Menschen bewegte. Sie hatte ihren Bruder an der Hand, der nur mühsam mit ihr Schritt hielt.

Duchess und Robin, die Radley-Kinder.

Er ging los, rannte ihnen fast entgegen, weil er alles über sie wusste, was es zu wissen gab.

Der Junge war fünf und weinte stumme Tränen, das Mädchen war gerade erst dreizehn geworden und weinte nie.

„Eure Mutter“, sagte er. Keine Frage, sondern eine Feststellung von solcher Tragik, dass das Mädchen nicht einmal nickte, sich nur umdrehte und voranging. Sie bewegten sich durch dämmrige Straßen, die trügerische Ruhe von Lattenzäunen und Lichterketten. Über ihnen ging der Mond auf, leitete und verspottete ihn, wie er es schon seit dreißig Jahren tat. Vorbei an prächtigen Häusern aus Glas und Stahl, die sich der Natur widersetzten, ein Anblick von schrecklicher Schönheit.

Die Genesee runter, wo Walk immer noch im alten Haus seiner Eltern lebte. Dann in die Ivy Ranch Road, wo sie sich jetzt dem Haus der Radleys näherten. Abblätternde Farbe an den Fensterläden, ein umgedrehtes Fahrrad, der Reifen daneben. In Cape Haven war alles, was nicht perfekt war, gleich schrecklich.

Walk löste sich von den Kindern und rannte den Weg entlang, von drinnen drang kein Licht heraus, nur das Flackern eines Fernsehers. Er schaute zurück, Robin weinte immer noch, und Duchess sah ihm nach, streng und unerbittlich.

Er fand Star auf der Couch, eine Flasche neben sich, dieses Mal keine Pillen, ein Schuh am Fuß, der andere nackt, kleine Zehen, lackierte Nägel.

„Star.“ Er ging auf die Knie und tätschelte ihre Wange. „Star, komm, wach auf.“

Er sprach ruhig, weil die Kinder jetzt an der Tür standen; Duchess hatte einen Arm auf ihren Bruder gelegt, da dieser sich so schwer an sie lehnte, als habe er keine Knochen mehr in seinem kleinen Körper.

Er bat das Mädchen, den Notruf zu wählen.

„Hab ich schon.“

Er zog Stars Lider mit dem Daumen hoch und sah nichts als Weiß.

„Wird sie wieder gesund?“, fragte der Junge.

Er schaute rüber, hoffte auf Sirenen, blickte mit zusammengekniffenen Augen in den feuerroten Himmel.

„Würdet ihr draußen Ausschau halten, wo sie bleiben?“

Duchess verstand ihn und ging mit Robin hinaus.

Star schüttelte sich, kotzte ein bisschen und schüttelte sich wieder, als hätten Gott oder der Tod Besitz von ihrer Seele ergriffen und sie müsste sich jetzt befreien. Walk hatte jede Menge Geduld gehabt, dreißig Jahre waren seit Sissy Radley und Vincent King vergangen, doch Star lallte immer noch von Eternalismus, dem Aufeinanderprallen von Vergangenheit und Gegenwart, den Weichen für die Zukunft und von Dingen, die sich nicht wiedergutmachen ließen.

 

Duchess fuhr mit ihrer Mutter. Walk würde später mit Robin nachkommen.

Sie schaute dem Sanitäter zu. Er versuchte es nicht mit einem Lächeln, und sie war ihm dankbar dafür. Er hatte dünnes Haar und schwitzte, vielleicht war er es leid, Menschen zu retten, die so fest entschlossen waren, zu sterben.

Eine Weile blieben sie vor dem Haus stehen, und durch die offene Tür des Rettungswagens sah sie Walk, der seine Hand auf Robins Schulter legte. Robin brauchte das, den Trost eines Erwachsenen, das Gefühl von Sicherheit.

Auf der anderen Straßenseite bewegten sich die Vorhänge, während Schatten stille Urteile fällten. Dann sah sie am Ende der Straße Kinder aus ihrer Schule, die mit roten Gesichtern fest in die Pedale traten. Nachrichten verbreiteten sich schnell in einer Stadt, in der schon Bebauungspläne Stoff für Schlagzeilen boten.

Die beiden Jungs machten neben dem Streifenwagen halt und ließen ihre Räder fallen. Der Größere ging atemlos auf den Krankenwagen zu, eine Haarsträhne klebte in seinem Gesicht.

„Ist sie tot?“

Duchess hob das Kinn und sah ihm fest in die Augen. „Verpiss dich.“

Der Motor brummte, als die Tür zugeschlagen wurde. Die Welt hinter dem Milchglas verstummte.

Autos schlängelten sich um Biegungen, bis sie über den Hang kippten, dahinter lag der Pazifik. Felsen durchstießen die Oberfläche wie die Köpfe von Ertrinkenden.

Sie betrachtete ihre Straße, bis sie deren Ende erreichten, bis Bäume aufragten, sich über der Pensacola trafen, Äste wie Hände, verschränkt im Gebet für das Mädchen und ihren Bruder – angesichts der Tragödie, die lange vor ihrer beider Geburt begonnen hatte.

 

Die Nacht kam wie viele andere, verschluckte Duchess so vollständig, dass sie sicher war, niemals wieder Tageslicht zu sehen, zumindest nicht wie andere Kinder. Das Vancour Hill Hospital kannte Duchess nur allzu gut. Ihre Mutter wurde fortgebracht, und sie blieb auf dem polierten Boden stehen, das Licht glänzte darauf. Sie behielt die Tür im Blick, bis Walk mit Robin hereinkam. Dann ging sie zu ihm, nahm die Hand ihres Bruders, führte ihn zum Fahrstuhl und fuhr mit ihm in den zweiten Stock. Bei gedämpftem Licht schob sie zwei Stühle im Familienzimmer zusammen. Gegenüber befand sich der Materialraum, und Duchess besorgte sich zwei weiche Decken, baute aus den Stühlen ein Bett. Robin stand betreten herum, Müdigkeit zehrte an ihm, kroch in die dunklen Ringe unter seinen Augen.

„Musst du mal?“

Nicken.

Sie ging mit ihm zur Toilette, wartete ein paar Minuten, achtete darauf, dass er sich die Hände gründlich wusch. Sie fand Zahnpasta, drückte ein bisschen davon auf ihren Finger und fuhr ihm damit über Zähne und Zahnfleisch. Er spuckte aus, sie tupfte seinen Mund ab.

Dann half sie ihm aus den Schuhen und über die Armlehnen der Stühle und deckte ihn zu. Er rollte sich ein wie ein kleines Tier.

Und sah sie an. „Lass mich nicht alleine.“

„Niemals.“

„Wird Mom wieder gesund?“

„Ja.“

Sie machte den Fernseher aus, das Zimmer war dunkel, die Notbeleuchtung tauchte sie beide in ein so sanftes Rot, dass Robin schon eingeschlafen war, als sie die Tür erreichte.

Im klinischen Licht des Krankenhausgangs blieb sie mit dem Rücken zur Tür stehen. Sie würde niemanden hier hereinlassen, im dritten Stock gab es noch ein weiteres Familienzimmer.

Eine Stunde später tauchte Walk wieder auf und gähnte, als gäbe es einen guten Grund. Duchess wusste, wie er die Tage verbrachte, den Cabrillo entlangfuhr, diese perfekten Meilen von Cape Haven bis weit dahinter, jedes Blinzeln eine Momentaufnahme, so paradiesisch, dass die Menschen quer durchs Land reisten, um sich dort Häuser zu kaufen, die sie dann zehn Monate im Jahr leer stehen ließen.

„Schläft er?“

Sie nickte.

„Ich hab nach eurer Mutter gesehen, sie wird wieder.“

Sie nickte erneut.

„Du kannst gehen und dir was zu trinken holen. Da steht ein Automat neben dem …“

„Ich weiß.“

Ein Blick zurück in den Raum, wo ihr Bruder fest schlief. Er würde sich nicht regen, bis sie ihn weckte.

Walk hielt ihr einen Dollarschein hin, sie nahm ihn zögerlich.

Duchess lief durch die Gänge, kaufte etwas zu trinken und trank es nicht, sie würde es für Robin aufheben. Sie spähte in die Kabinen, hörte Geburten, Tränen und Leben. Sie sah Hüllen von Menschen, so leer, dass sie wusste, sie würden sich nicht mehr erholen. Polizisten führten böse Männer mit tätowierten Armen und blutverschmierten Gesichtern herein. Sie roch die Betrunkenen, das Putzmittel, die Kotze und die Scheiße.

Sie ging an einer Schwester vorbei, bekam ein Lächeln, denn die meisten hier hatten sie schon einmal gesehen. Sie war eins der Kinder, denen das Leben übel mitspielte.

Als sie zurückkam, hatte Walk zwei Stühle neben die Tür gestellt. Sie schaute nach ihrem Bruder, dann setzte sie sich.

Walk bot ihr Kaugummi an, Duchess schüttelte den Kopf.

Sie merkte, dass er reden und ihr irgendeinen Mist über Veränderung erzählen wollte. Ihr sagen wollte, dass alles wieder gut werden würde.

„Du hast nicht angerufen.“

Er sah sie an.

„Das Jugendamt. Du hast nicht angerufen.“

„Hätte ich machen sollen.“ Er klang traurig, als hätte er ein schlechtes Gewissen, weil er glaubte, sie im Stich gelassen oder seine Polizistenpflicht vernachlässigt zu haben.

„Aber du wirst es nicht tun.“

„Nein.“

Sein braunes Hemd spannte am Bauch. Er hatte die dicken geröteten Backen eines Jungen, der von seinen gutmütigen Eltern niemals ein Nein zu hören bekam. Sein Gesicht wirkte so offen, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wie er auch nur ein einziges Geheimnis bewahren wollte. Star sagte immer, er sei durch und durch gut, als wäre das etwas ganz Besonderes.

„Du solltest ein bisschen schlafen.“

Sie blieben so sitzen, bis die Sterne dem ersten Tageslicht wichen, der Mond seine Pflichten vergaß und nur noch wie ein Schmierfleck am neuen Tag wirkte, eine Erinnerung an das, was nicht mehr da war. Gegenüber gab es ein Fenster. Duchess stand lange an der Scheibe, presste den Kopf in Richtung der Bäume und der schwindenden Wildnis. Vögel zwitscherten. Weiter hinten sah sie Wasser, kleine Fischkutter, die über die Wellen krochen.

Walk räusperte sich. „Deine Mutter … war da ein Mann …“

„Da war immer ein Mann. Immer, wenn auf der Welt was Beschissenes passiert, ist ein Mann dabei.“

„Darke?“

Sie drehte sich nicht um.

„Kannst du’s mir nicht sagen?“, fragte er.

„Ich bin ein Outlaw.“

„Okay.“

Im Haar trug sie eine Schleife, an der sie ständig herumfingerte. Sie war zu dünn, zu blass, zu hübsch, wie ihre Mutter.

„Da unten wurde gerade ein Baby geboren.“ Walk wechselte das Thema.

„Wie haben sie’s genannt?“

„Weiß nicht.“

„Fünfzig Dollar, dass es nicht Duchess heißt.“

Er lachte leise. „Genauso exotisch wie selten. Du weißt ja, dass du eigentlich Emily hättest heißen sollen.“

„Und wund muss der Sturm sein.“

„Genau.“

„Das Gedicht liest sie Robin immer noch vor.“ Duchess setzte sich, schlug die Beine übereinander, rieb sich die Muskeln. Ihre Turnschuhe waren alt und ausgelatscht. „Ist das hier mein Sturm, Walk?“

Er trank einen Schluck Kaffee, als suchte er die Antwort auf eine unmögliche Frage. „Mir gefällt Duchess.“

„Kannst es ja selbst mal damit versuchen. Wäre ich ein Junge, hätte sie mich wahrscheinlich Sue genannt.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und sah die Neonröhren flackern. „Sie will sterben.“

„Will sie nicht. Das darfst du nicht denken.“

„Ich kann mich nicht entscheiden, ob Selbstmord was Egoistisches oder Selbstloses ist.“

Um sechs kam eine Schwester und brachte sie zu ihr.

Star lag da, nur noch der Schatten einer Person, kaum eine Mutter.

„Duchess von Cape Haven.“ Star lächelte kraftlos. „Schon gut.“

Duchess betrachtete sie, dann weinte Star, Duchess durchquerte den Raum, presste ihre Wange an die Brust ihrer Mutter und fragte sich, wieso ihr Herz noch schlug.

Zusammen lagen sie im Morgengrauen, doch der neue Tag schenkte ihr kein hoffnungsvolles Licht, denn Duchess wusste, dass Hoffnung trügerisch war.

„Ich hab dich lieb. Es tut mir leid.“

Duchess hätte vieles sagen können, aber im Augenblick fiel ihr nur ein: „Ich hab dich auch lieb. Ich weiß.“

2

Am höchsten Punkt der Anhöhe fiel das Land steil ab.

Die Sonne stieg an einem blauen Himmel auf, als Duchess hinten im Wagen neben ihrem kleinen Bruder saß und seine kleine Hand in ihre nahm.

Walk lenkte den Streifenwagen sachte in ihre Straße und hielt vor dem alten Haus, folgte ihnen hinein. Er wollte Frühstück machen, aber die Schränke waren leer. Also lief er zu Rosie’s Diner, kam mit Pancakes zurück und lächelte, als Robin gleich drei davon verdrückte.

Nachdem sie Robins Gesicht gewaschen und ihm seine Kleider zurechtgelegt hatte, ging Duchess vors Haus und fand Walk, der dort auf den Stufen saß. Sie sah Cape Haven aufwachen, der Postbote kam vorbei, Brandon Rock trat vors Nachbarhaus und sprengte seinen Rasen mit dem Schlauch. Dass beide den Streifenwagen vor dem Haus der Radleys keines zweiten Blickes würdigten, machte Duchess traurig und froh zugleich.

„Soll ich dich mitnehmen?“

„Nein.“ Sie setzte sich neben ihn und band sich die Schnürsenkel.

„Ich kann deine Mom abholen.“

„Sie hat gesagt, sie will Darke anrufen.“

Duchess wusste nicht viel über die Freundschaft zwischen ihrer Mutter und Chief Walker, obwohl sie vermutete, dass er sie flachlegen wollte, genau wie die meisten Männer der Stadt.

Sie schaute in den verdorrten Garten. Im vergangenen Sommer hatte sie sich mit ihrer Mutter ans Pflanzen gemacht. Robin hatte eine kleine Gießkanne gekauft und die Erde gelockert, seine Wangen hatten immer mehr Farbe bekommen. Hainblumen, Schönmalven und Säckelblumen.

Alle vernachlässigt und eingegangen.

„Hat sie gesagt, was los war?“, fragte Walk sanft. „Gestern Nacht. Weißt du, warum?“

Grausame Fragen wie diese war sie von ihm nicht gewohnt, meistens gab es keinen Grund. Aber sie wusste, warum er dieses Mal fragte, wusste von Vincent King und ihrer Tante Sissy, die auf dem Friedhof am Rand der Klippen lag. Alle kannten ihr Grab hinter dem sonnengebleichten Lattenzaun, gleich bei den Babys, die es nicht geschafft hatten, von demselben Gott dahingerafft worden waren, zu dem ihre Eltern beteten.

„Gesagt hat sie nichts.“

Hinter sich hörten sie Robin. Duchess stand auf und strich ihm durchs Haar, wischte ihm Zahnpastareste von der Wange, dann sah sie in seiner Schultasche nach, ob er sein Lesebuch dabeihatte, sein Heft und seine Wasserflasche.

Sie schob ihm die Riemen auf die Schultern, er lächelte, und sie lächelte zurück.

Sie standen nebeneinander und sahen zu, wie der Streifenwagen die lange Straße hinunterfuhr, dann legte Duchess einen Arm um ihren Bruder, und sie gingen los.

Der Nachbar stellte den Schlauch ab und trat an seinen Gartenzaun. Brandon Rock. Klein, breit, braun gebrannt. Ein Ohrstecker auf einer Seite, fedriger Haarschnitt, Morgenmantel. Manchmal stemmte er Gewichte in der Garage, bei geöffnetem Tor und laut dröhnendem Metal.

„Wieder eure Mutter? Man sollte das Jugendamt verständigen.“

Eine Stimme, als wäre seine Nase gebrochen und nie wieder richtig zusammengewachsen. In einer Hand hielt er eine Hantel, hob sie ab und zu. Sein rechter Arm war auffallend breiter als der linke.

Duchess drehte sich zu ihm um.

Der Wind wehte. Sein Morgenmantel öffnete sich.

Sie rümpfte die Nase. „Nackt zeigen vor einem Kind? Man sollte die Polizei rufen.“

Brandon starrte sie an, während Robin sie weiterzog.

„Hast du gesehen, dass Walks Hände gezittert haben?“, fragte Robin.

„Morgens ist es immer am schlimmsten.“

„Warum?“

Sie zuckte mit den Schultern, obwohl sie es wusste. Walk und ihre Mutter, ihre gemeinsamen Sorgen und wie sie damit umgingen. „Hat Mom gestern Nacht was gesagt, als ich in meinem Zimmer war?“ Sie hatte Hausaufgaben gemacht, an ihrem Projekt mit dem Familienstammbaum gearbeitet, als Robin an die Tür gehämmert und gesagt hatte, dass Mom wieder krank sei.

„Sie hat ihre Fotos rausgeholt. Die alten von Sissy und Grandpa.“ Robin hatte die Vorstellung, dass er einen Grandpa hatte, auf Anhieb gefallen, als er den großen Mann auf den Fotos ihrer Mutter gesehen hatte. Dass er ihm nie begegnet war und Star praktisch nie über ihn sprach, schien keine Rolle zu spielen. Robin brauchte Menschen, ein Polster aus Namen, um sich weniger verletzlich zu fühlen. Er sehnte sich nach Cousins, Cousinen und Onkeln, nach Football und Grillen am Sonntag, nach allem, was die anderen in seiner Klasse hatten.

„Weißt du das mit Vincent King?“

Duchess nahm seine Hand, als sie auf die Fisher abbogen. „Wieso, was weißt du denn darüber?“

„Dass er Tante Sissy umgebracht hat. Vor dreißig Jahren. In den Siebzigern, als die Männer Schnurrbärte hatten und Mom eine komische Frisur.“

„Sissy war nicht unsere Tante, nicht richtig.“

„Doch, war sie“, sagte er trocken. „Sie hat ausgesehen wie du und Mom. Genau so.“

Im Lauf der Jahre hatte Duchess die Geschichte in ihren Grundzügen mitbekommen, von Star und aus den Archiven der Bibliothek in Salinas. Der Bibliothek, wo sie im vergangenen Frühjahr an ihrem Familienstammbaum gearbeitet hatte. Sie hatte die Wurzeln der Radleys weit zurückverfolgt und dann das Buch fallen lassen, als sie eine Verbindung zu dem polizeilich gesuchten Outlaw Billy Blue Radley fand. Das war eine Entdeckung, auf die sie stolz war und die sie ihrer Klasse präsentieren wollte. Auf der Seite ihres Vaters aber war noch immer ein Haufen Nichts, ein großes Fragezeichen, das zum Anlass einer wütenden Auseinandersetzung mit ihrer Mutter wurde. Nicht nur einmal, sondern gleich zweimal hatte Star sich von einem Fremden schwängern lassen und Kinder bekommen, die dazu verdammt waren, ein Leben lang zu rätseln, wessen Blut durch ihre Adern floss. Schlampe, hatte sie leise geflüstert. Und einen Monat Hausarrest kassiert.

„Du weißt, dass er heute aus dem Gefängnis kommt, oder?“ Robin sprach mit gedämpfter Stimme, als verriete er ein bedeutsames Geheimnis.

„Wer hat dir das gesagt?“

„Ricky Tallow.“

Ricky Tallows Mutter arbeitete im Vorzimmer bei der Polizei in Cape Haven.

„Was hat Ricky noch gesagt?“

Robin schaute weg.

„Robin?“

Er knickte schnell ein. „Dass sie ihn auf dem Stuhl hätten grillen sollen. Aber dann hat Miss Dolores ihn angeschrien.“

„Auf dem Stuhl grillen? Weißt du, was das bedeutet?“

„Nein.“

Duchess nahm seine Hand, um die Virginia zu überqueren, wo die Häuser ein bisschen größer waren. Cape Haven fiel zum Wasser hin ab, die Grundstückspreise verhielten sich umgekehrt proportional zum Anstieg der Hänge; Duchess kannte ihren Rang, ihr Zuhause befand sich in der Straße, die am weitesten vom Ozean entfernt war.

Sie gerieten in eine Gruppe von Kindern. Duchess hörte, dass sie über die Angels und die Baseball-Drafts sprachen.

Als sie das Tor erreichten, strich sie ihm erneut durch die Haare und vergewisserte sich, dass sein Hemd zugeknöpft war.

Neben der Hilltop Middle befand sich der Kindergarten. Duchess verbrachte ihre Pause immer am Zaun und schaute dann zu ihrem Bruder hinüber. Er winkte und lächelte, sie aß ihr Sandwich und schaute ihm zu.

„Sei schön brav.“

„Ja.“

„Erzähl nichts von Mom.“

Sie umarmte ihn, drückte ihm ein Küsschen auf die Wange und schickte ihn hinein, sah ihm hinterher, bis Miss Dolores ihn übernahm. Dann ging sie weiter, der Gehweg war voller Kinder.

Duchess hielt den Kopf gesenkt, als sie an der Treppe vorbeikam, wo Nate Dorman und seine Freunde sich versammelt hatten.

Nate, Kragen hochgestellt, Ärmel bis über seine dürren Oberarme hochgeschoben.

„Hab gehört, deine Mom hat schon wieder abgekackt.“

Riesengelächter.

Sie baute sich breit vor ihm auf.

Er starrte zurück. „Was?“

Sie sah ihm in die Augen. „Ich bin der Outlaw Duchess Day Radley, und du bist ein Feigling, Nate Dorman.“

„Du bist ja irre.“

Sie trat einen Schritt vor und sah, wie er schluckte. „Wenn du noch einmal was über meine Familie sagst, schneid ich dir den Kopf ab, du Arschloch.“

Er wollte lachen, bekam es aber nicht hin. Über Duchess gab es alle möglichen Gerüchte; trotz des hübschen Gesichts und der zarten Statur konnte sie ganz plötzlich so heftig durchdrehen, dass sich seine Freunde nicht trauen würden einzugreifen.

Sie drängte an ihnen vorbei und hörte ihn schwer ausatmen, als sie die Schule betrat. Ihre Augen brannten nach einer wieder einmal qualvollen Nacht.

Blick ins Buch
Krone des HimmelsKrone des Himmels

Historischer Roman

Der Glanz des Mittelalters, die Gewalt der Kreuzzüge, die Macht der LiebeIm Jahr 1189 wird die Welt vom großen Religionskrieg zwischen Abendland und Orient erschüttert. Das Schicksal führt die Handwerkertochter Aveline und den Wundarzt Étienne auf den Kreuzzug von Frankreich nach Jerusalem. Während der Belagerung der Hafenstadt Akkon wachsen beide über sich hinaus – doch ihre Liebe zueinander wird im großen Kampf um das Heilige Land auf die Probe gestellt ...Für Fans von Rebecca Gablé Nach verheerenden Schlachten fällt Ende des 12. Jahrhunderts der größte Teil des Königreichs Jerusalem zurück an die Sarazenen. Barbarossa und Löwenherz führen ihre Heere daraufhin gen Akkon, das Tor zum Heiligen Land. In der Hoffnung, von einer schweren Sünde losgesprochen zu werden, begibt sich auch die junge Aveline auf den dritten Kreuzzug.Die Umstände zwingen sie, sich als Bogenschütze Avery auszugeben und sich unerkannt dem Heer Barbarossas anzuschließen. Nachdem sie im Gefecht verletzt wird, vertraut sie sich dem Wundarzt Étienne an, der wie sie eine schwere Bürde trägt und um Gerechtigkeit und Anerkennung ringt. Zusammen finden sie Trost, aber schon bald müssen sie erkennen, dass ihr schlimmster Feind nicht unter den Sarazenen, sondern in den eigenen Reihen lauert ...„Akribisch recherchiert und packend geschrieben – Juliane Stadlers Mittelalterepos ›Krone des Himmels‹ ist ein historischer Roman der Extraklasse!“ Daniel Wolf

Prolog

Heiliges Land, Hörner von Hattin, 4. Juli 1187

Godric schob den kleinen Kiesel mit der Zunge von einer Backe in die andere, in der Hoffnung, wenigstens ein bisschen Feuchtigkeit aus seinem ausgedörrten Gaumen zu pressen. Doch Rauch und Staub füllten seinen Mund lediglich mit einer klebrigen Masse. Sonne, Feuer, Tausende schwitzender Leiber von Mensch und Tier verursachten eine unerträgliche Hitze um ihn, einen beißenden Brodem, der nach Asche und Angst stank. Schlimmer konnte selbst das Fegefeuer nicht sein.

Godrics Vorstellung von Glück schrumpfte auf einen Krug kühlen Wassers. Der Gedanke, wie es frisch und belebend seine Kehle hinunter rann, brachte ihn beinahe um den Verstand. Doch daraus wurde nichts. Zwischen dem verheißungsvoll glitzernden See in der Ebene und dem christlichen Heer standen Abertausende bis an die Zähne bewaffnete sarazenische Krieger.

Godrics Nebenmann lag auf den Knien und hielt ein Holzkreuz so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß aus seiner staubpanierten Haut hervortraten. Wieder und wieder intonierte er das Pater noster, während ihm Tränen unter den zusammengekniffenen Augenlidern hervorquollen und schmutzige Spuren über seine Wangen zogen.

„Spar dir deinen Atem und die Spucke lieber, wirst sie noch brauchen“, krächzte Godric, doch der Mann gab vor, ihn nicht zu hören.

Meinetwegen. Godric schnaubte und wandte sich wieder dem Szenario zu, das sich ihnen im Tal bot. Graf Raimund hatte recht behalten, sie hätten die fruchtbare und wasserreiche Ebene von Saphorie nie verlassen dürfen. Es hieß, Templergroßmeister De Ridefort, der alte Teufel, habe den König solange bedrängt, bis dieser das Heer auf den beschwerlichen Weg schickte – viele Tausend Fußsoldaten, leichte Reiter und Hilfstruppen, dazu zwölfhundert Ritter, die größte Armee, die das Königreich Jerusalem je hervorgebracht hatte.

Gott allein wusste, ob er damit nicht ihr aller Todesurteil gefällt hatte.

Der lange Marsch über wasserlose Hänge und Hügel hatte Mensch und Tier ausgetrocknet und ihre Kräfte aufgezehrt, Pferde waren verendet, Männer hatten sich in den Staub fallen lassen, um nie wieder aufzustehen, andere ihre Rüstungen und Waffen von sich geschleudert. Die unaufhörlichen Angriffe sarazenischer Bogenschützen und die Feuer, die ihre Feinde legten, um ihnen beißenden Rauch entgegenzutreiben, taten ein Übriges.

Frisch und ausgeruht, den See Genezareth im Rücken, musste das sarazenische Heer eigentlich nur abwarten. Wie eine Galgenschlinge zogen die Heiden ihre Reihen enger und enger um die Gegner. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Den Christen dagegen kochte nach einer unruhigen Nacht ohne Wasser bereits die Morgensonne den letzten Rest Flüssigkeit aus den Knochen.

„Sieht nicht gut aus“, murmelte Godric und spie seinen Stein in den Staub, wo er mit einem dumpfen Geräusch aufschlug.

„Hör auf, so zu reden!“, fauchte sein Nebenmann und kam mühsam auf die Beine. „Noch nie hat ein christliches Heer eine Schlacht verloren, wenn ihm das Wahre Kreuz vorangetragen wurde.“

„Meinetwegen“, brummte Godric und blickte zum Bischof von Akkon und dem prachtvollen Kreuz, dessen Goldbeschläge in der Sonne gleißten. „Trotzdem sind dabei jedes Mal Männer draufgegangen. Und glaub mir, heute werden’s mehr sein als je zuvor.“

Schluchzend sackte sein Nachbar zurück in die Knie und betete mit ineinandergekrallten Händen, als traue er seinen eigenen Worten nicht.

Ja, flenn nur, wenn’s dir hilft!, dachte Godric und rieb sich mit der Faust über die brennenden Augen. Er selbst übte sein brutales Handwerk schon zu lange aus, um sich irgendwelchen Trugvorstellungen hinzugeben. Allein deshalb war er noch am Leben. Godric war sicher: Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, würde das Blut vieler guter Männer die trockene Erde tränken, und nur Gott allein wusste, wer von ihnen das Ende des Tages erlebte.

Irgendwo begann ein Maultier lautstark zu blöken und einen kleinen Tumult auszulösen. In einer der hinteren Schlachtreihen entdeckte Godric das bockende Vieh, das sich aufbäumte und Bündel von Lanzen und Pfeilen abzuschütteln versuchte. Zahlreiche Hände griffen nach ihm, doch keiner wagte sich durch die wirbelnden Hufe nahe genug heran, um das Halfter zu fassen. Schließlich riss sich das Tier endgültig los, sprengte die Reihen der Soldaten und preschte den Hügel hinab, den Feinden und dem verheißungsvollen Wasser entgegen. Selbst seine natürliche Scheu vor Rauch und Feuer schien vergessen, so wahnsinnig war es vor Durst. Wer konnte es ihm verdenken?

Godric fuhr sich mit der Zunge über die rissigen Lippen und ertappte sich bei dem Wunsch, es dem Tier nachzutun. Was machte es schon, wenn ihn die Sarazenenteufel mit Pfeilen spickten? So wäre es wenigstens schnell vorüber. Denn wenn es etwas Schlimmeres gab als die tobende, schreiende, blutige Hölle der Schlacht, dann das Warten darauf.

Und das Alleinsein mit den eigenen Gedanken.

Es war der Befehl von Clement de Gise, der ihm eine Entscheidung ersparte. Sie würden also einen Ausfall versuchen. Was blieb ihnen auch übrig?

„Macht euch bereit, Männer!“, brüllte er, während er sein müdes Reittier in den Trab zwang. „Deus lo vult! Gott will es!“

Godric versuchte auszuspeien, bekam aber nicht genug Spucke zusammen. Stattdessen packte er seinen Speer fester und schlug das Kreuzzeichen vor der Brust. Er entschied sich für einen anderen Schlachtruf: „Gott steh uns allen bei!“

Buch I

Was das Wort nicht heilt, heilt das Kraut.

Was das Kraut nicht heilt, heilt das Messer.

Was das Messer nicht heilt, heilt der Tod.

Hippokrates (~ 460–370 v. Chr.)

Kapitel 1

Grafschaft Tonnerre, Rittergut Arembour, Juni 1189

Der Pfeil bohrte sich zitternd in die strohgeflochtene Scheibe, kaum eine Handbreit vom Mittelpunkt entfernt. Mit überlegenem Grinsen senkte Gérard seinen Bogen und machte einen Schritt zur Seite. „Dein Schuss, Brüderchen.“

Étienne trat vor, nahm Maß und suchte sich einen festen Stand, indem er die Stiefel tief in den aufgeweichten Untergrund des Hofs grub. Er verlagerte sein Gewicht auf den gesunden Fuß und legte einen Pfeil auf. Während er ausatmete, visierte er das Ziel an, spannte die Sehne, bis er sie knarren hörte – und schoss. Der Pfeil jagte davon und bohrte sich mit einem dumpfen Laut geradewegs ins Zentrum der Scheibe.

Gérards Grinsen gefror auf seinen Lippen und wich einem ungläubigen, beinahe komischen Staunen.

„Tja, Gérard, ich fürchte, das Messer gehört jetzt mir.“ Étienne versuchte, möglichst gelassen zu klingen, wenngleich ihm nach Jubeln zumute war. „Vielleicht kannst du es beim nächsten Mal ja wieder zurückgewinnen.“

„Dreimal verfluchter Krüppel!“

„In der Tat, besiegt von einem Krüppel. Das muss bitter sein, für einen großen Krieger wie dich“, stimmte Étienne ihm gut gelaunt zu.

Gérards Faust ballte sich um den Bogen, und seine Gesichtszüge verzerrten sich zu einer wütenden Grimasse. Er war so leicht zu provozieren. So leicht, dass es beinahe langweilig war. Doch Étienne hatte nicht oft Gelegenheit, sich in der Rolle des Überlegenen zu finden, im Gegenteil.

Als er zu einer weiteren Spitze ansetzen wollte, wanderte Gérards Blick an ihm vorbei und ein boshaftes Lächeln hob seine Mundwinkel.

Noch bevor Étienne sich umdrehen konnte, packte ihn eine behandschuhte Hand bei der Schulter und zerrte ihn herum.

„Was tust du hier?“, presste sein Vater zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Étienne konnte nicht anders – die Freude über seinen kleinen Triumph machte ihn trunken und übermütig. „Schätze, ich bin dabei, Euren Erstgeborenen im Bogenschießen zu demütigen.“ Er grinste.

Basile d’Arembour packte Étienne so hart am Kragen, dass ihm der Lederriemen mit dem Silberkreuz seiner verstorbenen Mutter die Luft abzuschnüren drohte.

„Du weißt genau, was ich meine, Kerl. Wieso bist du nicht in deiner Kammer? Geoffroi wird jeden Augenblick mit unseren Gästen eintreffen.“

Étienne nickte müde. Der Triumph verflog wie Rauch im Wind und wich einem dumpfen Zorn. „Verzeiht, Vater, wie konnte ich es vergessen, die Missgeburt muss verschwinden, damit sie Euch vor den werten Herrschaften nicht in Verlegenheit bringt.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Auch wenn keine Gäste auf Arembour weilten, mied Basile seinen Drittgeborenen wie einen Aussätzigen.

„Pass auf, was du sagst, Bürschchen!“ Beinahe angewidert stieß er Étienne von sich, woraufhin dieser rückwärts in den Dreck stolperte.

Mühsam kam er wieder auf die Füße und sah seinem Vater herausfordernd in die Augen. „Ihr bedauert, dass Ihr mich nach der Geburt nicht ersäuft habt wie einen verkrüppelten Welpen, hab ich recht?“

Basile funkelte ihn wütend an und spuckte aus. „Scher dich in deine Kammer!“ Seine Stimme klang gefährlich leise.

Étienne wusste nicht, welcher Dämon ihn trieb, die nächsten Worte auszusprechen. „Ihr wart zu feige, ist es nicht so?“

Mit ungehemmter Kraft traf ihn Basiles Faust zwischen Wange und Unterkiefer und schickte ihn zurück auf den Boden. Er schmeckte Blut auf der Zunge, und sein Schädel dröhnte wie eine Glocke.

„Geh mir aus den Augen, undankbarer Wicht, bevor ich nachhole, was ich damals versäumt habe“, zischte sein Vater. „Und mit dem Bogenschießen ist ein für alle Mal Schluss!“

Ein dumpfes Bersten erklang, als Basile Étiennes auf der Erde liegenden Bogen mit einem Schwertstreich in zwei Hälften teilte.

Étienne schluckte hart und blieb liegen, bis sein Vater sich entfernte. Sein Blick hing an der zersplitterten Waffe. Ein wenig fühlte es sich an, als wäre nicht nur der Bogen in zwei Teile gegangen.

 

Étienne saß auf seinem Bett und blickte aus dem kleinen Fenster. Unbeeindruckt von seiner düsteren Stimmung blinzelte die Sonne durch die Wolken, und Schwalben jagten mit schrillem Zwitschern über den Hof. Im Schmutz suchten Schweine und Hühner nach Fressbarem, während eine Magd vor der Küche eine Gans rupfte – ein Braten für die abendliche Gasttafel. Er würde davon freilich nichts abbekommen.

Étienne ließ sich auf sein Lager zurücksinken und starrte an die Decke. Seine Wange fühlte sich geschwollen an, und im Kiefer pochte es unablässig. Doch mehr als alles andere schmerzte die Erkenntnis, dass sein Vater ihn verabscheute – weiß Gott keine neue Erkenntnis, doch darum nicht weniger bitter. Er hob den nackten linken Fuß, der den Namen nicht verdiente, und betrachtete ihn angewidert. Abscheuliches Ding! Verworfen und nach innen verdreht wie ein Stück Treibholz, machte er es Étienne unmöglich, normal zu laufen. Durch die angeborene Missbildung war sein Bein verkürzt, sodass sich sein Oberkörper immer ein wenig zur linken Seite neigte und er die rechte Schulter etwas höher trug. Nicht einmal als Hinken ließ sich sein Gang bezeichnen, vielmehr wankte er vorwärts wie ein Tanzbär.

Im Laufe seiner neunzehn Lebensjahre hatte er gelernt, damit umzugehen. Mit dem Eifer eines Kindes, das seinem Vater gefallen will, hatte er sich auf die Beine gekämpft, Reiten gelernt und sich zu einem passablen Bogenschützen gemausert. Für das Kriegshandwerk war und blieb er freilich ungeeignet, stattdessen hatte er sich dem Studium der lateinischen und griechischen Sprache gewidmet und konnte gut mit Zahlen umgehen.

Aber wozu? Nichts davon hatte ihm das Wohlwollen oder gar die Achtung seines Vaters eingebracht. Im Gegenteil, Basile mied den Anblick und die Gegenwart seines verkrüppelten Sohnes, wann immer möglich.

Die Kammertür knarrte, und ein Blondschopf spähte durch die Öffnung.

„Komm herein, Phil.“ Étienne winkte den Knaben zu sich.

Philippe grinste und schlüpfte ins Zimmer. Er zog eine getrocknete Blutwurst und Brot unter seinem Hemd hervor und hielt beides triumphierend in die Höhe.

„Brüderchen, dich schickt der Himmel!“, seufzte Étienne. „Setz dich!“

„Mit besten Grüßen von Margot“, erklärte der Knabe und hüpfte schwungvoll neben ihm aufs Bett.

Étienne nahm den Leckerbissen entgegen und nagte vorsichtig daran herum, um seinen malträtierten Kiefer zu schonen.

„Margot hat mir auch das hier gegeben.“ Philippe holte einen Tiegel aus seiner Kitteltasche. „Sie sagte, du könntest es gebrauchen. Wer war das?“ Er deutete auf Étiennes geschwollene Backe. „Gérard?“

„Vater.“

„Verstehe.“ Der Jüngere öffnete das Gefäß mit der Salbe aus Wundkraut, mit der die Köchin Margot kleinere und größere Blessuren zu versorgen pflegte. Seit dem Tod der Mutter hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, die beiden jüngeren Söhne Arembours zu beglucken und ihnen ein wenig Wärme und Fürsorge angedeihen zu lassen.

Philippe nahm einen Finger voll von dem Balsam und begann geschickt, Étiennes linke Gesichtshälfte damit zu betupfen.

„Morgen wird es blau sein und sicher höllisch wehtun“, prophezeite er. „War es das wert?“

„Himmel, ja! Du hättest Gérards dummes Gesicht sehen sollen! Besiegt von einem Krüppel, was für eine Schmach!“ Étienne tauschte ein Lausbubengrinsen mit seinem Bruder. Doch Philippe wurde gleich wieder ernst. „Wenn Vater dich so sehr hasst, warum schickt er dich nicht ins Kloster?“

„An deiner Stelle?“, erkundigte sich Étienne schmunzelnd.

Philippe zog eine Grimasse. „So schlimm finde ich die Vorstellung nicht, bald Novize zu sein. Mit Waffen kann ich nicht umgehen, und Pferde haben es auf mich abgesehen. Außerdem haben wir mit Gérard und Geoffroi schon zwei Schwertschwinger in der Familie. Unsere Schwester ist verheiratet und weit weg, Mutter ist tot. Ich glaube nicht, dass mich hier jemand vermissen wird – ausgenommen du vielleicht.“ Er lächelte schief.

Étienne musterte seinen kleinen Bruder von der Seite. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er selbst nicht der Einzige war, der unter den Umständen litt.

„Ich hab mich das schon öfter gefragt. Warum hat Vater dich nicht Gott versprochen, wenn er dich ohnehin den ganzen Tag wegzusperren versucht?“

Étienne schnaubte freudlos. „Er wollte ja, aber Pater Boniface hat ihm eindringlich davon abgeraten.“

„Wieso das denn?“

„Weil mir die Aufgabe zufällt, Vaters wandelndes – Verzeihung – hinkendes schlechtes Gewissen zu sein.“

„Versteh ich nicht“, gab Philippe zu und runzelte die Stirn.

Wie auch? Étienne hatte es lange selbst nicht begriffen. Es war absurd. Er war mit dem verkrüppelten Fuß geboren worden, in eine Welt, in der Missbildung in aller Augen als Zeichen von Schuld betrachtet wurde. Aber wie hätte ein Neugeborenes sich versündigen können? Man hatte ihn auf den Namen des Heiligen Étienne, dem auch die Kirche in Épineuil geweiht war, taufen lassen, um den Makel abzumildern. Und auch wenn sich zumindest seine Mutter, Bedienstete und Hörige bemühten, ihn zu behandeln wie die übrigen Familienmitglieder, hatte er seine Andersartigkeit immer gespürt – und sich dafür geschämt.

Erst nach und nach hatte sich alles zu einem Bild gefügt. Auch wenn das die Scham kaum linderte. Er war unschuldig schuldig geworden, wie eine Figur aus den griechischen Tragödien, die Pater Boniface ihn immer hatte übersetzen lassen.

„Man könnte sagen, ich bin die Ausgeburt von Vaters Sünden“, erklärte er dem Jüngeren schließlich.

„Du meinst, die Sache mit deinem Fuß soll eine Strafe dafür sein, dass Vater gesündigt hat? Dass er sich … fremde Weiber ins Bett geholt hat und all das?“

„Was weißt du davon?“

Der Knabe zuckte mit den Schultern. „Margot hat’s erzählt.“

„Die gute Margot hat ein loses Mundwerk“, tadelte Étienne, unterdrückte aber ein Grinsen. „Und überaus feine Ohren noch dazu.“ Als er weitererzählte, wurde er wieder ernst. „Zuerst hat Vater unserer Mutter die Schuld zugeschoben und behauptet, ich sei ein Bastard.“

„Wer sollte das glauben?“, fragte Philippe entrüstet. „Du bist sein Ebenbild.“

Étienne brummte unwillig. „Ich fürchte, das lässt sich nicht abstreiten.“ Das kastanienfarbene Haar, die Bernsteinaugen, das Grübchen im Kinn – ihre Verwandtschaft war schon im Kindesalter für jedermann unübersehbar gewesen.

„Mach dir nichts draus“, sein Bruder knuffte ihn aufmunternd in die Seite, „dafür teilst du Mutters gutes Herz!“

Und ihre Verzagtheit, ergänzte Étienne in Gedanken, lächelte aber. „Jedenfalls hat die Ähnlichkeit Vater zu der Einsicht gebracht, dass meine … Missbildung tatsächlich Gottes Strafe für die eigene Unzucht sein muss. Und Pater Boniface hat ihn überzeugt, dass der Allmächtige ihm den verkrüppelten Sohn als ständige Mahnung zu einem gottesfürchtigen und bußfertigen Lebenswandel geschickt hat und er ihn keinesfalls in ein Kloster stecken kann, ohne weiteren Zorn auf sich zu ziehen.“ Étienne atmete tief durch. „Jedes Mal, wenn Vater mich sieht, erinnert ihn das an die eigenen Sünden und Verfehlungen. Du kannst dir vorstellen, dass das nicht gerade seine Zuneigung für mich weckt und er auf meine Gesellschaft lieber verzichtet.“

„Aber das ist himmelschreiend ungerecht!“, empörte sich Philippe. „Warum sollst du für Vaters Sünden büßen? Und das gleich mehrfach.“

Das hatte sich Étienne so oft gefragt – und keine befriedigende Antwort gefunden. „Weil es Gottes Wille ist?“

Philippe schnaubte. „Der verkrüppelte Fuß, meinetwegen. Aber dass Vater dich behandelt wie einen Aussätzigen, damit hat Gott nichts zu schaffen!“

Étienne ließ sich mit dem Rücken gegen die kühle Wand sinken. „Mag sein, dass du recht hast, Brüderchen. Aber es ändert nichts. Ich bin und bleibe der Sündenbock, und damit der Prügelknabe unseres Vaters.“

„Dann musst du eben von hier fliehen!“, forderte ihn Philippe mit der Unerschütterlichkeit eines Zehnjährigen auf.

Étienne lachte leise und verstrubbelte dem Knaben das Haar. „Brüderchen, Brüderchen, so ein kleiner Kopf und schon voll mit rebellischen Gedanken. Die Mönche werden ihre helle Freude an dir haben.“

Brüsk schob Philippe seine Hand beiseite. „Ich meine es ernst, Étienne. Wenn es stimmt, was du sagst, schlägt Vater dich vielleicht eines Tages tot oder lässt dich verhungern oder wer weiß was. Besser, du verschwindest.“

„Nett, dass du dich um mich sorgst, Philippe. Aber wie stellst du dir das vor? Ich bin in meinem Leben nie über Auxerre hinausgelangt. Davon abgesehen würde ich hiermit“, er wies auf seinen Fuß, „kaum weit kommen.“

„Schon mal was von Reiten gehört? Himmel, Étienne, fast könnte man meinen, du suchst einen Vorwand.“

„Ich hab mir nicht ausgesucht, ein Krüppel zu sein“, entgegnete er kühl.

„Aber dein Selbstmitleid schon.“

Étienne schnaubte. „Ha, muss ich mich jetzt von einem Knaben belehren lassen?“

„Wenn der Knabe klüger ist als du.“ Philippe sprang vom Bett. „Überleg’s dir. Ich werde dir helfen, wenn ich kann.“ Ohne ein weiteres Wort schlüpfte er aus der Kammer und schloss die Tür hinter sich.

Stumm blickte Étienne ihm nach. Gut möglich, dass Philippe mit seiner Annahme richtiglag. Diese Erkenntnis beschämte ihn.

Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Die Wolken hatten sich vollständig verzogen und einem kornblumenblauen Himmel Platz gemacht. Sein Blick folgte den Schwalben, die immer noch kreuz und quer über den Hof und die Mauern schossen – und darüber hinweg, dem Horizont entgegen.

Er zählte gerade einmal neunzehn Sommer. So Gott wollte, lagen noch viele Jahre vor ihm. Was für eine Zukunft würde ihn in diesen Mauern erwarten? Auf ein Erbe brauchte er nicht zu hoffen, selbst wenn er all seine Geschwister überleben sollte. Als geborener Krüppel blieb ihm jeder Anspruch auf einen Erbteil schon von Gesetz wegen verwehrt. Er würde immer auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen sein, auf die Barmherzigkeit von Menschen, die ihn verachteten. Sollte seine Bestimmung tatsächlich darin liegen, als Spiegel für seines Vaters Schuld zu dienen? Konnte das alles sein, was er vom Leben zu erwarten hatte?

 

Wie Tinte in einer Wasserschale breiteten sich purpurne Schlieren über den Himmel aus und kündigten die heraufziehende Nacht an.

Étienne stand fröstelnd vor der schweren Eichentür, die in den Palas führte. Aus der großen Halle dahinter klangen Stimmen und das glockenhelle Lachen einer Frau an sein Ohr. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und nur mit Mühe konnte er den Drang niederkämpfen, auf der Stelle kehrtzumachen. Fest umfasste er den Kreuzanhänger an seinem Hals, bis sich das Schmuckstück in seine Handfläche bohrte.

Ich habe ein Recht, hier zu sein. Ich bin ein Arembour, genau wie meine Brüder. Wie mein Vater. Ob es ihm passt oder nicht.

Es war an der Zeit, diesen Platz einzufordern, nein, es war lange überfällig – das hatte ihm das Gespräch mit Philippe bewusst gemacht. Étienne holte tief Luft und schloss kurz die Augen. Dann stieß er die Eichentür auf.

Die Gespräche an der Tafel verstummten. Blicke hefteten sich auf ihn.

Neben seinem Vater saßen zwei Ritter aus Épineuil mit ihren Gattinnen, die ihn fragend musterten. Außerdem sein Bruder Gérard mit seinem blutjungen Weib Isabelle, Geoffroi und schließlich Philippe, dessen Blick zwischen Étienne und dem Vater hin und her flog und dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand – vermutlich nicht allein wegen des Affronts, den Étienne gerade zu begehen im Begriff war, sondern der Konsequenzen wegen, die seinen Bruder erwarteten. Denn dass diese Missachtung seiner Anweisungen nicht folgenlos bleiben würde, daran ließ Basile d’Arembours Gesichtsausdruck nicht den geringsten Zweifel. Es lagen eine Kälte und Feindseligkeit darin, die Étienne schaudern machten. Er schluckte, spürte dann aber den altbekannten dumpfen Zorn und eine gute Portion Trotz in sich aufsteigen. Er hielt sich so aufrecht wie möglich, bemühte sich jedoch nicht, sein scheußliches Hinken zu verbergen. Sollte es ruhig jeder sehen. Ein anderer trug die Schuld an diesem Makel.

„Basile“, wandte einer der Ritter sich mit irritiertem Lächeln an Étiennes Vater, „wer ist das? Willst du uns den jungen Mann nicht vorstellen?“ Ihm konnte die Ähnlichkeit zwischen Étienne und seinem Gastgeber nicht entgangen sein.

„Ich bin Étienne d’Arembour, sein Sohn“, stieß Étienne hervor, ehe sein Vater antworten konnte.

Der Ritter kniff die Augen zusammen und musterte ihn genauer. „Ich … ich wusste nicht, dass du noch einen weiteren Sohn …“ Er verstummte. Die Angelegenheit war ihm sichtlich unangenehm.

„Nur ein Bastard“, erklärte Basile schneidend. Seine Oberlippe bebte in mühsam unterdrückter Wut. „Und als solcher hat er an dieser Tafel nichts zu suchen.“

„Aber …“ Étiennes Mund klappte auf, doch der eisige Blick seines Vaters ließ ihm jedes Wort auf der Zunge erfrieren. Aus dem Augenwinkel erkannte er Philippe, der empört aufgesprungen war, aber von Gérard sogleich auf seinen Stuhl zurückgezwungen wurde.

Étienne holte tief Luft und hob trotzig das Kinn. „Das ist nicht wahr, ich bin sein rechtmäßiger Sohn. Es steht mir zu …“

Basile schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab. „Was dir zusteht, bestimme in diesem Haus immer noch ich! Hier!“

Etwas landete vor ihm auf dem Boden. Durch einen Schleier aus Tränen sah Étienne ein fetttriefendes gebratenes Hühnerbein vor sich in den Binsen liegen. „Bediene dich und dann verschwinde!“

Étienne konnte sich nicht bewegen. Scham ließ ihn vollständig erstarren. Einer der Hunde erhob sich und kam schnüffelnd näher. Vorsichtig zu ihm hochschielend schnappte er nach der Keule zu Étiennes Füßen, um anschließend damit unter dem Tisch zu verschwinden und den Brocken geräuschvoll zu zerkauen.

„Jeder in diesem Haushalt muss wissen, wo sein Platz ist“, setzte Basile nach. Sein Gesichtsausdruck war voller Abscheu. „Gérard, bring ihn zurück in seine Kammer.“ Étienne konnte dem Blick, den Vater und Bruder tauschten, entnehmen, dass es nicht dabei bleiben würde. Aber es war ihm seltsam egal. Keine Tracht Prügel konnte demütigender oder erniedrigender sein als das scheußliche Schauspiel, dessen Hauptdarsteller er gerade war.

Sein Vater würde ihm niemals einen Platz einräumen. Nicht an seiner Tafel, nicht in seinem Leben und schon gar nicht in seinem Herzen. Womöglich hatte es dieser hässlichen Szene bedurft, um ihm das ein für alle Mal klarzumachen. Étienne kam sich unglaublich dumm vor.

Blick ins Buch
Wandern, Glück und lange OhrenWandern, Glück und lange Ohren

Mit Esel Jonny zu Fuß von München bis ans Mittelmeer

Zum Schmunzeln: ein berührender Bericht über eine Eselwanderung In ihrem SPIEGEL-Bestseller erzählt Lotta Lubkoll von ihrer etwas anderen Alpenüberquerung mit einem vierbeinigen Gefährten.  Was wäre schon ein Traum, wenn er nicht ein kleines bisschen unrealistisch wäre? Doch erst der Tod ihres Vaters macht Lotta Lubkoll klar, dass man auch die ungewöhnlichsten Träume verwirklichen sollte, bevor es zu spät ist. Seit sie als Kind „Shrek“ gesehen hat, wünscht sie sich, einmal mit einem Esel die Alpen zu überqueren, die langohrigen Vierbeiner lassen sie nicht mehr los. Nun kündigt Lotta ihren Job und macht sich auf die Suche nach einem passenden Gefährten für ihr Abenteuer. Sie findet Jonny, einen grauweißen Esel, den sie sofort ins Herz schließt, und gemeinsam wandern die beiden los – von München immer Richtung Süden.  Ebenso unterhaltsam wie anrührend liest sich dieser Reisebericht der etwas anderen Art: Lotta Lubkoll erzählt von inspirierenden Begegnungen, Problemen mit versperrten Wegen und den Sorgen und Ängsten, die sie auch unterwegs verfolgen. Bei allem gibt Jonny den eher gemächlichen Rhythmus vor, und die temperamentvolle Lotta muss lernen, geduldig mit ihrem entschleunigten Esel zu sein. Das Positive daran: Erst bei drei Stundenkilometern entdeckt man die wahren Schätze am Wegesrand. „Zauberhaft!“ ZDF Volle Kanne 80 Tage, 600 Kilometer: Die Wanderung auf dem Traumpfad von München bis an die Adriaküste in Italien ist an sich schon kein leichtes Unterfangen – mit einem Esel im Schlepptau kommen noch ganz andere Schwierigkeiten hinzu. Umso schöner liest es sich, wie Lotta und ihr Jonny immer mehr zu einem unzertrennlichen Team zusammenwachsen. Ein wundervolles Buch über eine ganz besondere Freundschaft.  Eine herzerwärmende Reiseerzählung mit vielen spannenden Extras Ergänzend zum unterhaltsamen Text finden sich im Buch zahlreiche Fotos von der Reise und Illustrationen der Autorin, eine Landkarte sowie Tipps für das Wandern mit Eseln – vielleicht begeben Sie sich ja auch bald mit einem Esel auf Wanderschaft!   

Prolog
„Ist das nicht toll, Jonny, jetzt gibt es nur noch uns beide, und wir haben den ganzen Sommer miteinander!“ Doch Jonny zeigt plötzlich nur noch wenig Begeisterung und bleibt skeptisch mitten auf der Straße stehen. Ich schaue ihn fragend an und versuche, ihn zum Gehen zu ermuntern. Vergebens ziehe ich etwas kräftiger am Führstrick, Jonny ist keinen Zentimeter von der Stelle zu bewegen.
„Jonny, was ist denn los? Jetzt komm! Wir müssen da lang.“
Jonny dreht die Ohren hin und her, doch sobald ich am Strick ziehe, macht er seinen Hals lang und stemmt die Vorderbeine in den Boden. Ich habe keine Chance. Wir werfen uns gegenseitig schiefe Blicke zu, und ich kontrolliere alles, was Jonny am Weiterlaufen hindern könnte. Sein Packsattel sitzt perfekt, und die Gurte haben auch kein Fell eingezwickt. Es liegt kein Gepäckstück unangenehm auf, und in den Hufen ist kein Steinchen zu finden, das ihn stören könnte. Anschließend lasse ich meinen Blick umherschweifen. Vielleicht ist da etwas, wovor Jonny sich fürchtet? Die Autos der A95 rauschen über die Brücke hinweg, unter der wir hindurchmüssen, aber sonst sind da nur Büsche und die blühende Wiese, auf der wir uns von unseren Freunden verabschiedet haben.
„Also, da ist nichts, Jonny. Du hast keinen Grund, stehen zu bleiben.“ Ich versuche noch einmal mein Glück und ziehe am Führstrick. Diesmal macht Jonny ein paar lausige Schrittchen. Ich freue mich und lobe ihn, doch im selben Moment verankern sich seine Beine wieder im Boden. So geht es etwa eine halbe Stunde, und wir kommen gerade einmal fünf Meter voran. Ich versuche sogar, Jonny zu schieben, aber ihn beeindruckt das wenig, und ich komme mir dabei ziemlich blöd vor. So etwas hat er noch nie gemacht. Was ist nur los? Gegen seine Kraft komme ich mit meinen 1,59 Meter und 49 Kilogramm nicht im Geringsten an. Jonny steht wie versteinert mitten auf der Straße.
In meiner Verzweiflung halte ich ein vorbeifahrendes Auto an. Eine Frau steigt aus und klatscht in die Hände: „Oh, was für ein süßes Tierchen. Brauchst du Hilfe?“ Die Dame trägt ein schickes Kostüm mit farblich perfekt abgestimmten hochhackigen Schuhen und sieht nicht gerade aus, als würde sie einen Esel schieben können. Neben ihr wirke ich mit meinen weiten, bunten Klamotten und den langen, wilden rotblonden Haaren ziemlich unkonventionell. Aber, was soll’s, ich lasse es auf einen Versuch ankommen.
„Vielen Dank, dass Sie angehalten haben. Jonny bewegt sich einfach nicht vom Fleck, und ich kann mir nicht erklären, warum. Wenn Sie vorne einmal ziehen würden, dann schiebe ich hinten ein bisschen. Vielleicht ist er ja doch zu überzeugen.“ Ich drücke der schicken Dame Jonnys Strick in die Hand, und wir geben alles. Jonny bewegt sich. Endlich! Die Dame schaut noch immer etwas verwirrt zwischen Jonny und mir hin und her, um zu verstehen, was hier eigentlich vor sich geht, bevor sie wieder in ihr Auto steigt: „Vielen Dank fürs Helfen!“ Doch kaum ist sie um die Ecke gebogen, steht Jonny wieder wie angewurzelt da. Das darf doch echt nicht wahr sein! „Jonny, was ist denn nur los?“
Da stehen wir also. Und jetzt? Ich Depp habe ganze drei Monate Wandern eingeplant und extra meinen Job für diese Reise gekündigt. Am liebsten wollte ich zu Fuß bis ans Meer laufen, doch wenn es so weitergeht, schaffen wir es nicht mal bis zum Südende vom Starnberger See. Wie kommt man denn auch bitte auf eine so schwachsinnige Idee, sich einen Esel zu kaufen und mit ihm wandern gehen zu wollen? Sind Esel nicht die störrischsten Tiere überhaupt? Was will denn ausgerechnet ich, die ich doch absolut keine Geduld habe und der mir nichts schnell genug gehen kann, gemeinsam unterwegs mit einem Esel, der nur eine Geschwindigkeit von zwei bis drei Stundenkilometern an den Tag legt? Ich, die ich doch Laufen eigentlich überhaupt nicht leiden kann und jede Möglichkeit nutze, um mit dem Auto oder dem Longboard meine Strecken zurückzulegen. Ich, die ich doch überhaupt keine Ahnung vom Wandern, geschweige denn von den Alpen habe, denn bis auf ein paarmal zum Snowboarden bin ich da nur durchgefahren, um nach Italien oder Kroatien zu kommen. Ich, die ich doch jeden Schritt plane und mir schwertue, einfach mal die Dinge geschehen zu lassen. Was mache ich hier eigentlich?

Ein Jahr zuvor habe ich meiner Mama begeistert von dieser etwas verrückten Idee erzählt: „Also, ich hab vor, meinen Job zu kündigen, mir einen Esel zu kaufen und dann mit ihm wandern zu gehen.“
Daraufhin schaute sie mich skeptisch von der Seite an und war sich nicht sicher, ob sie das nun ernst nehmen sollte. Ihr Freund Amir, ein sehr strukturierter und geradliniger Mann, runzelte die Stirn: „Aber was bringt dir das denn?“ Ein Studium, eine Ausbildung, ein Praktikum, all das hätte er gut nachvollziehen können. Etwas, was mich im Leben „voranbringt“. Aber einen festen Job zu kündigen, um mit einem Esel wandern zu gehen, das passte nicht zu seiner vorausschauenden und zukunftsorientierten Lebensansicht. Meine Mama lächelte zum Glück: „Ach, ich versteh’s zwar nicht, aber ich kann dich ja sowieso nicht davon abhalten.“
Auch meine Freunde glaubten, ich sei verrückt geworden, und konnten gar nicht fassen, dass ich es wirklich ernst meinte: „Du willst dir jetzt echt einen Esel kaufen?“ Doch gleichzeitig waren sie begeistert, als ich meinen Traum in die Tat umsetzte und ein paar Monate später tatsächlich stolze Besitzerin eines grauen Langohrs war. Die Frage, was mir das denn eigentlich bringen sollte, wurde mir mehrfach gestellt. Tja, ich konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht beantworten. Ich war einfach neugierig und spürte den tiefen Drang in mir, diesem Bauchgefühl zu folgen. In der heutigen Zeit muss alles immer höher, schneller und weiter sein. Ich wollte das Gegenteil lernen – Langsamkeit und Minimalismus. Ich wollte lernen, mit so wenig wie möglich auszukommen, ohne Hektik und Stress das Hier und Jetzt zu genießen und mit dem glücklich und dankbar zu sein, was ich habe.


Teil 1
„Was bringt dir das denn?“

Traumfänger
Eigentlich begann alles damit, dass ich als Kind den Film „Shrek“ geschaut habe. Sofort habe ich mich in den Esel dieser Geschichte verliebt. Er ist tollpatschig, liebenswürdig, lustig, aufgedreht und einfach zu komisch. Außerdem hat er mir leidgetan, weil er von den anderen nicht ernst genommen wird. Es ärgerte mich, dass Esel häufig nur als „stur und dumm“ bezeichnet werden und als beleidigender Ausdruck herhalten müssen: „Du sturer Esel!“ Ich war schon damals der festen Überzeugung, dass der Esel noch mehr draufhat und bestimmt nur missverstanden wird. Der Film weckte in mir den Wunsch, eines Tages einen solchen Esel als Kumpel zu haben.
Über zehn Jahre später schwirrte mir dieser heimliche Wunsch noch immer durch den Kopf. Ich war nach dem Abitur nach München gezogen und steckte mitten in einer Schauspielausbildung. Während meiner Arbeit im Kletter- und Boulderzentrum Freimann scherzte ich über diesen Traum mit Serah, meiner Freundin und Arbeitskollegin. Ich war mittlerweile 22 Jahre alt und hatte die romantische Zukunftsvorstellung von einem eigenen Aussiedlerhof mit meinem zukünftigen Mann, vielen Tieren, Kindern und genug Platz für einen Esel.
Wie ich auf die Idee kam, mit meinem Esel wandern gehen zu wollen, frage ich mich bis heute. Ich denke, dass es mit dem Wunsch zu tun hatte, meine Komfortzone zu verlassen. Ich steckte mir selbst schon immer gerne Ziele, von denen ich nicht sicher war, ob ich sie wirklich erreichen würde.
Als ich Serah hinter dem Tresen mit meiner etwas verrückten Idee vollquatschte, reagierte sie richtig begeistert und meinte: „Ja, das musst du machen. Warum nicht jetzt?“ Da ich mitten in meiner Ausbildung steckte und zu dem Zeitpunkt weder im Besitz von Geld noch Zeit, noch einem Haus mit Garten und Platz für einen Esel war, hatte sich die Sache schnell geklärt. Eigentlich war ich sogar ganz froh, noch eine „Ausrede“ zu haben. Aber irgendwann würde ich meine Idee umsetzen! Irgendwann … Es mussten erst noch ein paar Jahre vergehen, in denen ich mal mehr und mal weniger mit diesem Gedanken spielte, bis ich endlich anfing, meinen Traum in die Tat umzusetzen.
Es begann Ende August 2015 mit einer völlig unerwarteten und schrecklichen Nachricht. Mein Papa lag mit heftigen Magenbeschwerden im Krankenhaus. Nach einigen Untersuchungen stand die Diagnose fest: Magenkrebs – unheilbar. Der Arzt ging von einer Lebenserwartung von drei Monaten bis drei Jahren aus. In jedem Fall würde Papa bald sterben.
Ein Moment der Stille.
Ich hielt den Atem an. In mir stellte sich eine Art Tunnelblick ein, an dessen Ende ich mir immer wieder bewusst zu machen versuchte, dass mein Papa sterben würde. „STERBEN. Mein Papa stirbt. Was heißt das überhaupt genau? Er ist dann TOT – mein Papa. Einfach weg“, sagte ich mir immer wieder selbst, um es zu realisieren. Meine Mama – meine Eltern lebten schon lange getrennt –, mein kleiner Bruder Kalle und ich saßen zu Hause auf der Couch und sprachen stundenlang kein einziges Wort. In der Nacht wachte ich mit panisch kribbelnden und zitternden Armen und Beinen auf und musste mich am Tag darauf mehrmals übergeben. Mein Körper befand sich in einer Art Schockzustand.
Als ich meinen Papa im Krankenhaus besuchen wollte, musste ich immer wieder in dem Gang vor seinem Zimmer umkehren, weil ich meine Emotionen nicht unter Kontrolle bekam. Ich stand im Gang und heulte Rotz und Wasser. Wie würde ich ihn nur ansehen? Wie sollte ich reagieren und mit ihm sprechen? Wie musste es ihm wohl gehen? Diese Gedanken stachen wie ein Messer in mein Herz. Er musste am Boden zerstört sein. Und was sollte ich nur ohne meinen Papa machen?
Doch als ich sein Zimmer betrat, saß er lächelnd auf dem Bett und schrieb Stichpunkte für sein Testament auf einen Zettel: „Hey, Lottchen! Schön, dass du da bist. Möchtest du mein Motorrad haben? Dann schreibe ich das gleich mit auf.“ Ich schaute ihn überrascht an, und sofort kullerten mir wieder die Tränen aus den Augen. Das muss eine Art Verdrängungsprozess sein, dachte ich. Doch in der Tat nahm er sein Schicksal mit großer Fassung hin und versuchte, es uns und sich selbst so leicht wie möglich zu machen, indem er plante, was in seiner Macht stand. Mein Papa war in dieser Zeit so stark, dass ich ihn dafür nur bewundern kann. Er machte eine Chemo, um den Krebs schrumpfen und die Lebenserwartung steigen zu lassen. Er hat so viel gekämpft, und meine Familie und ich, wir waren immer an seiner Seite. Ich nahm ihn in den Arm, wenn er weinen musste, und ertrug seine verzweifelten Wutanfälle, wenn er mit seiner Kraft völlig am Ende war. Meistens war er aber einfach gefasst und ließ sich seine Angst nicht anmerken. Wir telefonierten fast jeden Tag, und ich versprach ihm, sofort zu ihm zu fahren und für ihn da zu sein, wenn er mich brauchte. Egal wann. Schließlich sind meine Eltern auch immer für mich da gewesen. Ich sah es als meine Aufgabe, etwas davon eines Tages zurückzugeben.
Über mehrere Monate schaffte er es, sich noch um fast alles allein zu kümmern, doch an einem Montagmittag im Februar, während meines Unterrichts in der Schauspielschule, führten wir ein Telefonat, nach dem ich wusste, dass es nun Zeit war, ganz bei ihm zu sein. Er sagte, dass er nicht garantieren könne, dass er am Wochenende, wenn ich zu ihm fahren wollte, noch da sein würde. Ich ließ mich sofort auf unbestimmte Zeit vom Unterricht befreien, fuhr nach Hause und war nun Tag für Tag an seiner Seite.
Sicher hätte das jeder aus unserer Familie gemacht, doch ich war die Einzige, bei der es schnell und unkompliziert möglich war. Mein großer Bruder hatte seine Familie mit zwei Kindern, meine Mama arbeitete Vollzeit im Schichtsystem im Krankenhaus, und mein kleiner Bruder war zu jung, um all das vollständig zu realisieren. Auch ich funktionierte nur, als wäre ich ferngesteuert.
Papa und ich besprachen gemeinsam seine Beisetzung, und er schrieb mir seine Liedwünsche auf. Ich bezog immer wieder das Bett, wenn er sich erbrochen hatte, und drückte beim Arzt literweise Wasserablagerungen aus seinem Bauch, die sich durch den Krebs und die Metastasen gebildet hatten. Ich begleitete ihn zur Palliativstation, wo das Morphium passend eingestellt wurde, und stützte ihn auf dem Weg zur Toilette, wenn er es alleine nicht mehr schaffte. Zuerst bekamen ihn „keine zehn Pferde“ in einen Rollstuhl, doch schon nach kurzer Zeit war er dankbar für das „geniale Ding“, wie er sagte. In der Nacht stützte ich seinen Kopf, wenn er sich übergeben musste, und hielt ihm einen kleinen Schwamm an seinen Mund – eigentlich um diesen auszuwaschen, aber er saugte daran, um ein wenig seinen Durst zu stillen, denn das normale Trinken wurde zu anstrengend. Ich beruhigte ihn, wenn er Angst bekam, und nahm im Schlaf seine Hand, stets darauf vorbereitet, dass diese kalt und starr werden könnte. Einmal saßen wir gemeinsam im Zimmer und weinten, doch an allen anderen Tagen ging ich dafür raus. Ich weinte mich in der Toilette oder an der frischen Luft aus, bis ich wieder genug Kraft hatte, um für Papa stark zu sein.
Das alles mag sehr negativ und anstrengend klingen, doch es gab auch wunderschöne und wertvolle Augenblicke, die all die schrecklichen Momente in ihren Schatten stellten. Die Familie wuchs in dieser Zeit enger zusammen denn je, und wir verbrachten viele intensive Stunden miteinander. Ich war unendlich dankbar für jeden Tag, jede Stunde und jede Minute, die wir noch mit meinem Papa verbringen durften. Es war nicht mehr selbstverständlich, sondern wie ein großes Geschenk, dass er noch da war. Jeden Tag, an dem ich aufwachte, machte ich mich darauf gefasst, dass heute der Tag sein könnte, an dem ich mich verabschieden musste und ihn zum letzten Mal sah, und jedes Mal, wenn das nicht der Fall war, war ich dankbar dafür, dass mein Papa auf dem Bett saß und mich angrinste. Besonders die Momente, in denen wir zusammen lachten, wurden unbezahlbar. Wenn die Schwestern auf der Palliativstation ihn fragten, ob er denn keine Angst habe, lächelte er sie nur gefasst an: „Nein, Angst hab ich nicht. Neugierig bin ich.“
Ich unterschrieb eine Patientenvollmacht, und somit übergab Papa die Verantwortung für das weitere medizinische Vorgehen in meine Hände. Am Ende war er kaum noch ansprechbar. Er schlief mit halb geöffneten Augen und laut röchelndem Atem. Ab und zu schreckte er auf, riss die Augen weit auf und rief nach mir. Ich setzte mich an sein Bett, beruhigte ihn, und schon war er wieder weg.
Zu dieser Zeit übernachtete ich auf einem Klappbett neben ihm in seinem Zimmer auf der Palliativstation, und ich begann mir zu wünschen, dass Papa endlich bald sterben könne. Ein sehr seltsamer Wunsch, den man jemandem, den man liebt wirklich nur wünscht, wenn man sieht, dass er so sehr leidet, dass der Tod inzwischen eine Erlösung für ihn wäre. Er wollte so gerne zu Hause sterben, doch der Arzt beteuerte, dass ein Transport in seinem Zustand leider nicht mehr möglich sei.
Am Morgen des 9. März 2016 saß Papa plötzlich fit, wie Tage zuvor nicht, in seinem Bett und strahlte mich mit einem klaren Blick an: „So, Lottchen, heute gehen wir heim.“ Er zwinkerte mir verschmitzt zu, und ich zwinkerte zurück: „Okay, heute gehen wir heim, Papa.“ Sofort machten die Pfleger, meine Mama, Kalle und ich alles möglich, damit Papa in wenigen Stunden mit mir nach Hause durfte. Es mussten Medikamentenlisten erklärt, ein Pflegebett bestellt und aufgebaut, ein Rollstuhl besorgt, ein Infusionsständer geliehen und ein Krankentransport organisiert werden. Papa bedankte sich freudestrahlend, indem er mich vom Rollstuhl aus umarmte und mir ein dickes Bussi auf die Backe drückte.
In dieser Nacht starb Papa zu Hause, im Beisein all seiner Liebsten, während wir neben ihm auf Matratzen schliefen. Seine Beisetzung im Friedwald auf dem Schwanberg war ein wunderschöner und zugleich sehr trauriger Tag. Sein Baum wurde zu einem besonderen Ruheort für mich, und mir wurde wieder klar, wie wichtig mir die Verbindung zur Natur war und wie wenig ich sie aktuell in meinem Leben wusste. Als wir die Urne in die Erde ließen, schob sich die Sonne zwischen den dichten Wolken hervor und schien auf das Erdloch neben Papas wunderschöner Buche – genau wie Papa es sich gewünscht hatte.
In dieser Zeit, in der ich meinen Papa begleitete, habe ich mich nicht nur viel mit dem Tod und dem Sterben, sondern auch mit dem Leben an sich und seinem Sinn beschäftigt. Mir wurde bewusst, wie wichtig jeder Moment und das Hier und Jetzt ist, denn niemand weiß, was morgen passiert. Alles, was ich wirklich habe, ist der jetzige Augenblick. Und dann ist er schon wieder vorbei, egal, was ich daraus gemacht habe. Als mein Papa diese schwere Diagnose bekam und auf einmal nicht mehr viel Zeit blieb, erinnerte ich mich daran zurück, von welchem großen Traum er sein Leben lang geschwärmt hatte. Schon als Kind saß ich auf seinem Schoß, und er kündigte mir mit leuchtenden Augen an: „Wenn ich in Rente bin, möchte ich mit einem Traktor und einem alten Zirkuswagen einmal ums Mittelmeer fahren. Das wird spitze!“ Mir zerriss es fast das Herz, als ich feststellen musste, dass dies nun für immer ein Traum bleiben wird.
Doch es war zu viel los, als dass ich mich damit weiter beschäftigen konnte. Zuerst kam die Zeit, in der ich mit dem Verlust und der Trauer klarkommen musste. Sobald ich einschlafen wollte, kamen mir die Tränen, und sie waren erst zu stoppen, nachdem ich mich im Wohnzimmer mit meinem Tagebuch hingesetzt und alle Gedanken aus meinem Kopf geschrieben hatte. Daraufhin konnte ich endlich schlafen, aber ich hatte mit den Folgen einer wohl psychischen Belastungsreaktion zu kämpfen. Sie bewirkte, dass ich in der Nacht aus Angst nicht mehr allein vom Schlafzimmer ins Bad laufen konnte. Überall sah ich immer wieder einen toten Mann und schreckliche Bilder, und oft weckte ich meinen Freund Thomas auf, damit er mich in den Flur begleitete. Die Angst schlich sich langsam in mein Leben, bis ich sie nicht mehr unter Kontrolle zu haben schien. Wo ich vorher vor der Dunkelheit Respekt hatte, hatte ich nun panische Angst, die mich versteinern ließ und mir das Leben schwer machte. Ich wusste ja, dass die Bilder, die ich sah, nur Fantasien in meinem Kopf waren. Trotzdem konnte ich kaum noch allein in unserer Wohnung sein. Doch je mehr ich mich mit dem Tod und der Trauer beschäftigte und meine Gedanken und Gefühle zuließ, desto geringer wurde die Angst. Sobald ich mir jedoch nicht bewusst Zeit dafür nahm, suchte sich mein Körper das Ventil selbst, das sich dann offenbar durch diese Angstzustände äußerte. Ich ging damals nicht zum Arzt, weil ich die Angst zuerst nicht als Krankheit wahrnahm und sie dann selbst wieder in den Griff bekommen wollte. Sie kam ja schließlich auch aus mir.
Es passierte so vieles in meinem Leben, wovon ich meinem Papa gerne berichtet hätte. Aber besonders traurig machte es mich, dass mein Papa mir nichts mehr von seinem Leben und seinen Träumen erzählen konnte und dass sein einziger großer Traum, von dem er immer gesprochen hatte, nun niemals in Erfüllung gehen wird.
Mir wurde klar, dass ich ja auch einen solchen Traum im Hinterkopf hatte und mich immer wieder selbst mit „Wenn ich mal, dann …“ vertröstete. Wenn, wenn, wenn … es gibt ja immer ein neues Wenn. Aber wer weiß, ob es mich dann überhaupt noch gibt!
Als der Abschluss der Schauspielschule in Sicht war, beschloss ich, meinen Traum von einem eigenen Esel und einer Wanderung nicht mehr länger warten zu lassen. „Jetzt oder nie“, dachte ich mir. Und mein Abenteuer begann.

Liebe auf den ersten Blick
Im April 2017 bestellte ich mir die ersten Bücher über Esel, Eselhaltung, Eselerziehung und Eseltrekking. Ich hatte ja im Grunde keine Ahnung von diesen wunderbaren Tieren. Wenn ich mir aber einen Esel kaufen und mit ihm wandern gehen wollte, dann hatte ich noch viel zu lernen. Schließlich sollte das Wohlergehen meines Begleiters an erster Stelle stehen. Besonders die Bücher von Judith Schmidt, einer bekannten Autorin und Eselexpertin, boten einen perfekten Überblick über alles Grundlegende und essenziell Wichtige.
Noch war außerdem unklar, ob ich überhaupt eine Möglichkeit finden würde, einen Esel zu halten. Schließlich hatten wir nur eine kleine Wohnung. Also schaltete ich kurzerhand eine Anzeige auf eBay Kleinanzeigen: „Unterstellplatz für zukünftigen Esel gesucht.“
Daraufhin bekam ich bald einige Antworten. Allerdings zunächst nicht von potenziellen Stallanbietern, sondern von anderen Eselhaltern aus ganz Deutschland, die mir Tipps zum erfolgreichen Eselkauf gaben, mich auf wichtige Dinge für die artgerechte Haltung hinwiesen und mich sogar zu sich einluden, um anderen Eseln erst einmal näher zu kommen. Zusätzlich suchten viele Menschen nach einer Pflegebeteiligung für ihren Esel. Leider wohnten diese nicht in der Umgebung, sondern waren in ganz Deutschland verteilt. Ich knüpfte schnell verschiedene Kontakte, und wir tauschten uns online aus, wenn ich Fragen hatte.
Doch nur kurze Zeit später war auch eine Nachricht in meinem Postfach von einem Hofbesitzer am Ostufer des Starnberger Sees, der mir einen Platz für meinen „zukünftigen Esel“ anbot. Ich fuhr vorbei, schaute mir den Hof an und unterhielt mich mit dem Eselhalter Markus, dem die beiden Esel Urmel und Ronja gehörten. Ich war begeistert: Der Hof war ein absoluter Traum. Er hätte auch das Zuhause der Kinder aus Bullerbü sein können. Alles sieht auf eine liebenswürdige Art und Weise zusammengeschustert aus, was ein einmaliges Flair erzeugt. Drum herum breiten sich Felder und Weideflächen aus. Mein Gefühl stimmte sofort, und ich sagte Markus zu. Anschließend drehte sich in meiner Freizeit alles um den perfekten Esel.
Es war gar nicht so einfach, diesen zu finden. Es gab so vieles zu beachten: Rasse, Geschlecht, Größe, Alter, Statur, Hufbeschaffenheit, Impfungen, Equidenpass, Chip, Herkunft, Vorerkrankung, Haltung, Kosten und dann auch noch der Charakter, die bisherige Erziehung und Erfahrung des Tieres. All diese Dinge waren sehr wichtig, wenn ich einen gesunden und fitten Esel zum Wandern haben wollte. Ich lernte eine Familie kennen, die mir anbot, mir ihren Esel zu leihen mit späterer Kaufoption. Die Idee fand ich zuerst interessant und besuchte die Familie kurzerhand bei Berlin. Ihr Esel hieß Oscar, und es war ein wunderhübsches und kräftiges Kerlchen. Leider war er noch recht scheu, jung und unerfahren und somit nicht das, was ich suchte. Die Besitzerin hatte dafür vollstes Verständnis und wies mich auf einen Esel hin, den sie am Morgen im Internet entdeckt hatte. Er stand ganz in der Nähe auf meinem Rückweg nach München auf einer Weide direkt an der Autobahn.
Ich hatte ja nichts zu verlieren, also fuhr ich dort vorbei. Der Stallbursche lockte die Esel mit trockenem Brot zum Zaun der großen Weide. Und da war er: grau, verstrubbelt, neugierig und verfressen. Er sah aus wie das lebende Ebenbild von Shreks grauem Kumpel und reichte mir bis zur Brust – mein Esel. Er schien auch an mir interessiert zu sein, streckte mir seinen Kopf entgegen und spitzte neugierig seine langen Ohren, was wahrscheinlich an dem letzten Stückchen Brot lag, das ich noch in der linken Hand hielt. Wir legten ihm ein Halfter um und liefen ein Stückchen die Weide entlang. Er trottete so brav und aufmerksam neben mir her, ohne mich nur einmal wegzuziehen, zu überholen oder nach Gras zu schnuppern. Er blieb stehen, sobald ich stehen blieb, machte die Ohren lang und schaute mich erwartungsvoll an. Er ließ sich kuscheln und kraulen, und ich checkte seine Hufe. Er genoss die Aufmerksamkeit und hielt ganz still. Ich glaube, dass es zwischen uns gleich von Beginn an eine Verbindung gab, es fühlte sich an wie Liebe auf den ersten Blick. Mein Bauchgefühl stimmte sofort, obwohl der Besitzer mir kaum Auskunft über den Esel geben konnte. Doch das war mir egal, denn ich hatte mich einfach verliebt. Gleich am nächsten Tag vereinbarten wir einen Abholtermin. In seinem Equidenpass stand der Name „Jonny“. „Ach, Jonny heißt du? Ja, das ist ja ein toller Name! Hey, Jonny, magst du mit zu mir kommen?“
Jonny freute sich, in mir jemanden gefunden zu haben, der sich mit ihm beschäftigte, und ich freute mich, dass Jonny sich freute. Jonny ist ein typischer Hausesel mit dem Stockmaß von 1,11 Meter. Er ist also klein und grau mit einem weißen Bauch, einem Mehlmaul, langen Ohren, einer schwarzen Kreuzzeichnung über dem Rücken und einem frechen Grinsen im Gesicht. Mehlmaul nennt man die Esel mit einer weißen „Nase“, die so aussieht, als hätte er gerade heimlich Mehl genascht und wäre dabei ertappt worden. Außerdem hat er auch um die Augen eine weiße Umrandung und einen weißen Halsansatz. Er sieht genau so aus, wie jedes Kind einen Esel malen würde. Zudem ist er ein absolut gutmütiger und geduldiger kleiner Kerl, der mein Temperament und meine Hektik im Alltag durch sein bloßes Dasein ausgleicht.

Vorbereitung ins Ungewisse
Die Monate vergingen wie im Flug, und ich konnte es immer noch nicht richtig fassen, dass ich jetzt meinen eigenen Esel hatte und Jonny ein Leben lang zu mir gehören würde. Es tat so gut, raus auf den Hof zu fahren und mit Jonny über die Feldwege und durch den Wald zu wandern – manchmal auch gemeinsam mit den anderen Eseln. Tag für Tag lernten Jonny und ich uns besser kennen, und er half mir, neben dem stressigen Alltag draußen in der Natur zur Ruhe zu kommen.
Vor allem im Frühjahr, als die Tage länger und die Luft wärmer wurden, entpuppte sich Jonnys Zuhause als absolutes Paradies. Der Hof liegt auf einem Hügel, von dem die Esel einen unbezahlbaren Blick auf den See genießen dürfen. Zudem leben hier etwa vierzig Pferde, Schafe, Hunde, Hühner, Katzen und wunderbare Menschen.
Im Frühjahr kamen weitere fünf Esel und Corona zu unserer Eselgemeinschaft dazu. Sie waren eine echte Bereicherung. Corona lebt in der Nähe, und als ich sie kennenlernte, war ich der festen Überzeugung, dass sie kaum älter als ich sei, so jung wirkt die kleine, blonde, herzige und fürsorgliche Frau mit trockenem Humor und einem großen Herzen. Wir unternahmen alle gemeinsam viele Eselwanderungen und wurden mit der Zeit richtig gute Freunde. Im Frühjahr haben wir sogar einen Kurs bei Judith Schmidt, der Autorin und Eseltrainerin, belegt, durch die ich Jonnys Grenzen, Ängste, Neugier, seinen Willen, etwas zu lernen, und seine Liebe und sein Vertrauen zu mir ein ganzes Stück besser begreifen lernte.
Markus, den man schon von Weitem an seiner schlaksigen und langbeinigen Figur und seinem frechen Lächeln erkennt und der sich durch seinen trockenen Humor auszeichnet, entwarf einen Packsattel für Jonny und die anderen Esel, um selbst Eselwanderungen anzubieten. Jonny und ich durften den Sattel auf unserer Reise ausprobieren und gleichzeitig auf Mängel und Verbesserungsvorschläge testen. Zuallererst wollte ich Jonny aber Schritt für Schritt daran gewöhnen, Gepäck zu tragen. Am Anfang bekam er eine Decke aufgelegt, dann wurde es eine Decke mit Taschen, in die ich meine Jacke und eine Flasche Wasser steckte. Nach und nach füllte ich die Taschen mit etwas mehr Gewicht, bis der Packsattel fertig war und ich ihn Jonny zuerst leer und dann mit gefüllten Packtaschen aufsetzte. Jonny nahm all das sehr gelassen hin, und es schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Eifrig lief er neben mir her, wenn auch in einem recht langsamen Tempo, an das ich mich erst noch gewöhnen musste. Ich erkundigte mich natürlich danach, wie viel Gewicht Esel ohne Probleme tragen können. Es sind 20 Prozent des eigenen Körpergewichts. Also beschloss ich, auf der Wanderung ebenfalls 20 Prozent meines Körpergewichts zu tragen. Das schien mir eine faire Lösung zu sein. Schließlich wollte ich Jonny als meinen gleichwertigen Wanderbegleiter dabeihaben – und nicht als Träger meines Geraffels.
Es gab aber noch eine ganze Menge mehr zu beachten und vorzubereiten. Ich brauchte zum Beispiel einen Wanderreitzaun für Jonny, an den er sich zuvor allerdings noch gewöhnen musste, denn als ich ihn das erste Mal aufbaute, schlüpfte Jonny einfach frech darunter hindurch. Es mussten Hufschuhe zum Schutz angefertigt werden, und neben dem Packsattel brauchte ich ein passendes Sattelpad, Packtaschen, eine Regendecke, einen Heusack, eine Gesundheitsbescheinigung vom Veterinäramt und Notfallsalbe und Desinfektionsmittel. Außerdem musste ich das ganze Zeug zum Wandern und Zelten für mich selbst besorgen, denn ich hatte so etwas ja zuvor noch nie gemacht.
Als Jonny nach etwa acht Monaten fit genug war, kündigte ich meinen Job, um endlich loszuziehen. Ich hatte genug Geld gespart, um meine Fixkosten zu Hause für drei Monate zu decken, und hatte somit die Freiheit, bis Anfang Oktober 2018 unterwegs zu sein. Wie lange wir aber tatsächlich wandern gehen würden, war noch völlig unklar. Bisher hatten wir nur Tagestouren unternommen, und ich musste erst beobachten, wie Jonny den ständigen Ortswechsel und die Umstellung auf das Nomadenleben vertragen würde. Mal abgesehen davon, dass auch ich zum ersten Mal wandern war. Mein Onkel Manni unterstützte mich, indem er versprach, uns mit dem Pferdeanhänger abzuholen, wann immer wir es bräuchten, und egal, wo wir uns dann aufhielten. Sicherheitshalber nahm er sich aber gleich Ende September ein paar Tage Urlaub, falls wir tatsächlich so lange unterwegs sein würden, um uns dann, von wo auch immer, abzuholen. Dieses überaus großzügige Angebot vom wohl besten Onkel der Welt bewirkte, dass ich mich schon eine ganze Ecke sicherer fühlte.
Über die Wanderroute an sich habe ich mich vorher nicht besonders gründlich informiert. Ich wusste auch gar nicht, wo ich überhaupt anfangen sollte. Vorsichtshalber habe ich aber immerhin „Mit dem Esel über die Alpen“ gegoogelt und so Hans kennengelernt, der mit seinem Esel Boromir vor ein paar Jahren zweimal die Alpen überquert hatte. Wir telefonierten, und er empfahl mir, mich an die alte römische Handelsstraße „Via Claudia Augusta“ zu halten. Diese wird auch als einfachste Alpenüberquerung bezeichnet. Etappen- oder Wegpläne machte ich mir aber im Voraus nicht. Ich wollte ja schließlich lernen, nur im Hier und Jetzt zu sein und mich von keinem Plan stressen lassen, denn im Alltag vergaß ich immer wieder, was ich eigentlich schon durch Papas Krankheit gelernt hatte: den Moment zu genießen. Zudem hatte ich weiterhin mit diesen irrationalen Ängsten zu kämpfen, die mir besonders die Abende und Nächte erschwerten. Manchmal waren sie ganz stark präsent und dann wieder für kurze Zeit fast verschwunden. Ich wusste, dass es nur „Spinnereien“ in meinem Kopf waren, aber sie belasteten und behinderten mich in meiner Freiheit, und ich wollte dagegen vorgehen. Natürlich hatte ich auch über einen Psychologen oder Therapeuten nachgedacht. Mein Bauchgefühl sagte mir aber, dass ich das allein wieder in den Griff bekommen könnte – und wie sollte das wohl besser gehen, als mich meiner Angst zu stellen? Wenn ich auf meiner Reise alleine im Wald übernachte, habe ich danach in unserer Wohnung sicher keine Angst mehr. Also nahm ich all meinen Mut und meine Willenskraft zusammen und steuerte Schritt für Schritt auf das Abenteuer zu.
Ich hatte keine Ahnung, ob mir das Nomadenleben mit Jonny taugen würde, doch ich wollte es unbedingt herausfinden. Nach dem Abitur hatte ich eine achtmonatige Backpacking-Reise durch Südostasien, Australien und Neuseeland unternommen und dort bereits die Erfahrung gemacht, für eine längere Zeit allein unterwegs zu sein und aus der eigenen Komfortzone herauszukommen. Die Hürden für diese Reise lagen also eher beim Wandern, bei Langsamkeit statt Hektik, bei meiner Angst im Dunkeln und bei meiner Flexibilität Jonny gegenüber. Ich könnte nie im Voraus sagen, wie schnell er läuft, ob er heute gut oder schlecht geschlafen hat und wann er keine Lust mehr hat weiterzuziehen. Ein Plan war also nicht möglich. Ebenfalls eine ganz neue Erfahrung für mich.
Mit der Unterstützung von Thomas, meiner Familie und meinen Freunden rückte die Reise näher. Am 9. Juli 2018 sollte es losgehen. Die Wochen vor unserem Aufbruch waren turbulent, chaotisch, anstrengend und voller Vorfreude und Aufregung. Wir würden direkt vom Stall im Münchner Süden aus loswandern, und mir kam der Gedanke, dass damit wenigstens die Entfernung nicht gleich allzu groß sein würde, falls wir etwas vergessen haben sollten. Weil Jonny ein Esel mit sehr gechilltem Gang ist, ging ich von etwa zehn Kilometern pro Tag aus. In dem Tempo könnten wir es aber tatsächlich in zwei bis drei Monaten bis ans Meer schaffen, was mein heimlicher Traum war. Ich wollte das nur noch niemandem erzählen, um mir, falls wir keinen Spaß dabei haben würden, im Nachhinein keine doofen Kommentare anhören zu müssen. Außerdem sollte ja der Weg das Ziel sein, und ich wollte mich selbst nicht unter Druck setzen.
Kurz vor der Abreise fragte Corona mich: „Sag mal, Lotta, hast du denn gar keine Angst?“
Ich überlegte kurz. „Nee … also doch, aber die Neugier überwiegt.“
Für ihre Antwort bin ich ihr noch heute sehr dankbar: „Indem du den Plan fasst und dann tatsächlich losläufst, hast du es schon geschafft.“