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Blick ins Buch
Der kleine Ort zum Glücklichsein Der kleine Ort zum Glücklichsein

Roman

Willkommen in Herzbach!Ellie hat genug von ihrem aufreibenden Job und ihrer On-Off-Beziehung. Sie verordnet sich eine Auszeit und reist zu ihrer Großtante ins münsterländische Herzbach. In dem beschaulichen Dorf, das mit seiner romantischen Wassermühle und bunten Fachwerkhäusern idyllisch zwischen Wiesen und Feldern am Ufer der Stever liegt, will sie sich darüber klar werden, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch ihre Großtante ist überraschend verreist. Und sie hat Ellie nicht nur ein rätselhaftes Kochbuch hinterlassen, sondern auch eine Aufgabe: sich in ihrer Abwesenheit um ihre Freunde im Dorf zu kümmern …Fans von Jenny Colgan werden diese wunderschöne Feel-good-Reihe lieben!

Liebe Ava,

ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich mich auf dich und meine Auszeit in Herzbach freue! Es sind nur noch fünf Tage, und ich bin so aufgeregt wie ein kleines Mädchen, das in die Ferienfreizeit fährt. Ich vermisse das Münsterland, die weite Landschaft und die endlosen Felder, doch am allermeisten vermisse ich dich. Und jetzt habe ich drei Monate Zeit, um all das zu genießen und mir klar zu werden, was ich wirklich will.

Was für ein wunderschöner Gedanke!

Wir sehen uns am Samstag um neun Uhr bei dir.

Bis dahin alles Liebe

deine Ellie


1

Das Erste, was mir im Münsterland wieder bewusst wurde, war, wie geräuschvoll die Stille sein konnte. Ich hörte den Wind, der durch die Bäume strich und die Blätter zum Rascheln brachte. Das Summen der Insekten. Das Singen der Vögel. Einen Hund, der in der Ferne bellte. Ich lehnte mich gegen meinen Wagen, den ich auf dem Dorfparkplatz abgestellt hatte, schloss die Augen und genoss die Morgensonne, die mein Gesicht streichelte. Es war Samstag, der 5. Mai und mein erster Tag in Herzbach, dem bezaubernden kleinen Ort, in dem ich mein dreimonatiges Sabbatical verbringen würde. Ich atmete in tiefen Zügen die Luft ein, die so viel klarer war als in Düsseldorf, dann holte ich mein Gepäck aus dem Kofferraum und machte mich an den kurzen Spaziergang zum Haus meiner Großtante Ava. Es gab auch keine andere Möglichkeit, denn Herzbach war faktisch autofrei. Idyllisch am Ufer der Stever gelegen, mit einer romantischen Wassermühle und einem Marktplatz, um den sich bunte Fachwerkhäuser reihten, hatte sich Herzbach in den letzten Jahren zu einem beliebten Ausflugsziel für Touristen entwickelt. Und so waren Wochenende für Wochenende die Autokarawanen über das Kopfsteinpflaster gedonnert, bis es den Dorfbewohnern zu bunt geworden war. Nun gab es vor dem Ortseingang ein großes Hinweisschild, das höflich darum bat, den Wagen auf dem neuen, kostenfreien Parkplatz abzustellen. Genau genommen war es ein Stück Wiese von Bauer Westkamp, um das seine Söhne eilig einen Zaun errichtet hatten, doch es erfüllte seinen Zweck. Dabei gingen die Einheimischen mit gutem Beispiel voran, wie die Kennzeichen um mich herum vermuten ließen. Eine wunderbare Idee, dachte ich, während ich meinen Rollkoffer durch das Gras hinter mir herzog. Zumindest, solange es nicht regnete. Doch danach sah es nun wahrlich nicht aus. Keine Wolke zeigte sich am tiefblauen Himmel, und obwohl es erst neun Uhr morgens war, war es bereits so warm, dass in meinem Nacken kleine Schweißperlen kribbelten. Wenn man den Meteorologen glauben durfte, stand uns ein Jahrhundertsommer bevor, und ich war die Letzte, die sich darüber beschweren würde.

 

Avas Haus lag am Rande des Dorfes auf einem weitläufigen Grundstück, das bis zur Stever reichte, die hier schmal und verträumt ihre Bögen zog. Am gegenüberliegenden Ufer begann der Wald, ein dichtes Gehölz, das überwiegend aus Buchen, Eichen und Birken bestand. Als Kind war ich einmal beim Spielen in den Fluss gefallen, während meine Mutter und Ava auf der Terrasse saßen und Kaffee tranken. Ich konnte mich kaum an den Vorfall erinnern, doch meiner Mutter hatte er einen solchen Schrecken versetzt, dass sie mich zu ihren nächsten Treffen nicht mehr mitnahm. Ein Umstand, den ich sehr bedauerte. Denn ich war hingerissen von meiner Großtante Ava, die so ganz anders war als die übrigen Erwachsenen, die ich mit meinen sieben Jahren furchtbar langweilig fand. Wenn ich bei ihr zu Besuch war, bastelten wir Schiffe aus Papier, die wir auf dem Fluss schwimmen ließen, malten auf einer Staffelei im Garten oder sammelten im Wald Blätter und Blüten, die wir hinterher pressten und in Alben klebten. Großtante Ava ließ mich mit ihrem Schmuckkästchen spielen und lachte aus vollem Hals, wenn ich über und über mit Ketten, Ringen und Broschen geschmückt wie eine kleine Königin durch das Wohnzimmer schritt und dabei majestätisch mit der Hand wedelte, um mein Volk zu grüßen, das aus ihr und meiner Mutter bestand. Auf dem Dachboden lagerte eine Holzkiste, in der Ava Kleider aufbewahrte, die sie als junge Frau getragen hatte. Die mochte ich besonders. Auch wenn sie mir viel zu groß waren, konnte ich Stunden damit verbringen, eins nach dem anderen anzuziehen, mich vor dem Spiegel zu drehen und mir vorzustellen, ich wäre eine Zeitreisende, die sich plötzlich und unerwartet in den Sechzigerjahren wiederfand.

Ach, wie hatte ich die Besuche bei Ava geliebt. Doch es half kein Betteln und kein Flehen. Was ihre Sturheit anging, war meine Mutter eine waschechte Westfälin. Und so setzte ich mich eines Nachmittags an meinen Schreibtisch und schrieb Ava eine Postkarte. Auf der Vorderseite war ein Teddybär abgebildet, der auf einer Bank saß und traurig in die Ferne blickte. Darüber stand in goldenen Buchstaben Ich vermisse dich. Meine Großtante antwortete postwendend. Ihre Karte zeigte eine dickliche alte Dame, die ihr Ohr wie ein Indianer an die Schienen gelegt hatte und dabei fröhlich grinste. So fing unsere Postkartenfreundschaft an. Natürlich hätten wir uns auch Briefe schreiben können, doch das hätte nur halb so viel Spaß gemacht. Denn am spannendsten fand ich die Motive auf den Postkarten. Ich gab mir viel Mühe bei der Auswahl und Ava ebenso. Selbst als mich meine Mutter zur Belohnung für mein bronzenes Schwimmabzeichen wieder nach Herzbach mitnahm, behielten Ava und ich unser Ritual bei. Wir schrieben uns meine gesamte Schulzeit hindurch, während meines Studiums in Münster und auch, als ich nach Düsseldorf zog, um meinen Job bei der Unternehmensberatung Aufhäuser & Stark zu beginnen.

Das war nun elf Jahre her. Inzwischen war ich fünfunddreißig Jahre alt und arbeitete immer noch dort. Zumindest bis zum gestrigen Abend um 21:42 Uhr. Denn da hatte ich meinen Computer heruntergefahren. Und nun lagen drei Monate Sabbatical vor mir, in denen ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Jede Menge Zeit, um einen klaren Kopf zu bekommen und mir zu überlegen, was ich mit meinem restlichen Leben anstellen wollte …

 

Als ich auf die Klingel drückte, spürte ich, wie mein Herz vor Freude anfing, schneller zu klopfen. Ich hatte Ava zuletzt auf dem Geburtstag meiner Mutter im Januar gesehen. Während wir auf dem Sofa saßen und an Mamas selbst gemachtem Eierlikör nippten, hatte ich ihr von meinen Plänen für eine Auszeit erzählt. Von meiner Sehnsucht nach Ruhe und Abstand, nach langen Spaziergängen in der Natur und guten Gesprächen, nach Büchern, die man nicht schon in dem Moment vergaß, in dem man sie ausgelesen hatte. Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen, hatte ich Astrid Lindgren zitiert, und Ava hatte gelächelt und gesagt: „Warum kommst du nicht zu mir nach Herzbach? Es gibt keinen schöneren Ort auf dieser Welt, um einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

Und jetzt war ich also hier. Gespannt blickte ich an der Fassade hoch. Avas Heim war so schön wie eh und je. Ein gepflegtes Fachwerkhaus mit weißen Sprossenfenstern, darunter Blumenkästen, in denen Narzissen, Ranunkeln, Vergissmeinnicht und Veilchen farbenfroh um die Wette leuchteten. Ich trat einen Schritt vor und drückte erneut auf die Klingel. Wie ich Ava kannte, bereitete sie gerade ein zweites Frühstück für mich vor, und allein bei dem Gedanken an frisch gebrühten Kaffee und warme Butterhörnchen mit selbst gemachter Erdbeermarmelade fing mein Magen laut an zu knurren. Ich neigte den Kopf und lauschte, doch alles, was ich hörte, war der Gesang einer Amsel.

Als sich auch nach dem dritten Klingeln nichts tat, ließ ich mein Gepäck stehen und ging um das Haus herum in den Garten.

Ava hielt nicht viel von adrett geschnittenen Hecken und Buchsbäumen. Ihr Garten war das, was man einen Naturgarten nannte. Mit steinernen Mauern, Wildblumen und Obstbäumen, blühenden Sträuchern und einer blau gestrichenen Holzbank mit Blick auf die Stever und den angrenzenden Wald. Der Anblick war traumhaft schön. Überall summte und brummte es. Schmetterlinge tanzten über den Rasen, Bienen schwirrten umher, und im Lavendel hatten sich unzählige Hummeln niedergelassen. Es duftete nach Sommer im Mai. Ein tiefes Glücksgefühl überkam mich, und ich stand da und lächelte, bis mir die Mundwinkel wehtaten. Schließlich erinnerte ich mich daran, warum ich gekommen war. Ich wandte mich um und fand die Terrassentür nur angelehnt vor.

„Ava?“, rief ich, als ich das lichtdurchflutete Wohnzimmer mit dem offenen Kamin betrat und weiter durch den Essbereich mit der großen Tafel in Richtung Küche lief. „Ich bin es, Ellie.“

Doch in der Küche war Ava auch nicht. Ich wollte schon im ersten Stock nachsehen, als mein Blick an einem ledergebundenen Buch hängen blieb, das auf dem Küchentisch lag. Davor lehnte eine Postkarte, die als Motiv die historische Herzbacher Mühle zeigte. Verwundert drehte ich sie um und begann zu lesen.

Meine liebste Ellie,

es ist so wunderbar, dass du da bist! Ich wünschte mir, ich könnte dich in die Arme schließen, doch leider musste ich überraschend verreisen. Ich weiß selbst noch nicht, wie lange ich fort sein werde, aber ich erkläre dir alles, sobald ich zurück bin. Versprochen. Bis dahin mach dir bitte keine Sorgen um mich, und fühle dich wie zu Hause. Bitte sei so lieb und kümmere dich in meiner Abwesenheit um Max und meine Freunde von der Herzbacher Tafelrunde. Ich habe ihnen erzählt, dass du heute kommst, und sie freuen sich schon sehr auf dich.

Ich drücke dich.

Deine Ava


Ich las die Postkarte ein zweites und drittes Mal und kippte sie anschließend mit schnellen Bewegungen hin und her. Ganz so, als könnte hinter den geschriebenen Worten eine Geheimbotschaft versteckt sein, die mir mehr über Avas Verschwinden verriet. Schließlich gab ich auf und ließ mich schwer auf einen Stuhl fallen. Ich war enttäuscht, hatte ich mir doch meine Ankunft in Herzbach ganz anders vorgestellt. In der guten Stunde Autofahrt von Düsseldorf hierhin hatte ich mir ausgemalt, wie Ava und ich im Garten frühstückten, den Libellen zuschauten, wie sie über das Wasser jagten, und dabei so viel redeten und lachten, dass wir darüber die Zeit vergaßen. Doch nun war Ava verreist, und ich war alleine. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo sich meine Großtante gerade befand. Geschweige denn, dass ich wusste, wann sie wiederkommen würde. Wie auch, sie wusste es ja selbst nicht. Und wie hatte sie das gemeint, dass ich mich um ihre Freunde und um Max kümmern solle? Was war das für eine Tafelrunde, und wer war dieser mysteriöse Max, und warum kamen sie nicht alleine zurecht? Sosehr ich in meinem Gedächtnis kramte, die Namen riefen keinerlei Erinnerung bei mir hervor. Wenn ich Ava wenigstens anrufen könnte! Doch sie weigerte sich standhaft, ein Handy anzuschaffen. „Ich habe vierundsiebzig Jahre lang keins gebraucht, warum sollte ich mir jetzt eins kaufen?“, hatte sie fröhlich erwidert, als ich sie auf dem Geburtstag meiner Mutter zuletzt danach gefragt hatte. Es war zum Haareraufen. Andererseits, überlegte ich dann, war sie auch nicht schneller zurück, wenn ich hier saß und Trübsal blies. Mit einem langen Seufzer stand ich auf und füllte den Tank der Kaffeemaschine. Während das Wasser erhitzte, holte ich mein Gepäck ins Haus und inspizierte den gut gefüllten Kühlschrank. Der Anblick tröstete mich ein wenig über Avas Abwesenheit hinweg. Es gab Orangensaft, Aufschnitt und Käse, Erdbeer- und Aprikosenmarmelade sowie frische Butter, Eier und Milch vom Westkamp-Hof. Im Brotkasten fand ich einen Laib aus Roggenmehl, der so knusprig aussah und so appetitlich roch, als wäre er gerade erst gebacken worden. 

 

Als der Kaffee durchgelaufen war, stellte ich alles, was ich für mein Frühstück benötigte, auf ein Tablett und trug es nach draußen auf die Terrasse. Anschließend ging ich noch einmal hinein, um das Buch vom Küchentisch zu holen. Bestimmt hatte es einen Grund, dass Ava die Postkarte ausgerechnet davor platziert hatte. Vorsichtig befühlte ich den weinroten Einband, in den die Wörter Herzbacher Tafelrunde eingraviert waren. Da war er wieder, der Name. Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und genoss den bitteren, nussigen Geschmack auf meiner Zunge und das warme Gefühl, das sich augenblicklich in meinem Bauch ausbreitete. Dann schlug ich das Buch auf und betrachtete das Inhaltsverzeichnis, das in einer wunderschönen, altmodisch anmutenden Handschrift verfasst war.

Stimmungen & Gemütslagen lautete die Überschrift, darunter waren ebensolche aufgeführt, alphabetisch sortiert. Unter dem Buchstaben A las ich Begriffe wie abgespannt und aufgewühlt, unter B bedrückt, besorgt und brummig. Fasziniert fuhr ich mit dem Zeigefinger die einzelnen Wörter entlang. Es gab einsam und griesgrämig, melancholisch und scheu, verzagt und zweifelnd. Insgesamt waren es an die hundert Begriffe, jeder einzelne mit einer Seitenzahl versehen.

Eine Biene landete auf meinem Teller, und ich hielt einen Moment inne, um sie zu betrachten. An ihren Beinchen klebten gelbe Blütenpollen, sie war also schon fleißig gewesen. „Das brummig hat dich wohl angesprochen, wie?“, lächelte ich und sah zu, wie sie sich wieder in die Lüfte erhob und in Kreisen davonflog. „Dann wollen wir doch mal sehen, was es damit auf sich hat.“ Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Kaffee, schlug die entsprechende Seite auf und staunte. Was ich da vor mir hatte, war das Rezept für eine Kräutermischung. Ein ziemlich kompliziertes obendrein, von den meisten Zutaten hatte ich noch nie etwas gehört. Schnell blätterte ich weiter, und tatsächlich – offenbar war gegen jede schlechte Stimmung ein Kraut gewachsen. Zumindest behaupteten das die kunstvoll verfassten und mit hübschen Zeichnungen illustrierten Begleittexte, die zusätzlich Gerichte aufführten, in denen die Mixturen verabreicht werden sollten.

„Sie müssen Ellie sein.“

Erschrocken fuhr ich herum und erblickte die hochgewachsene Gestalt eines Mannes, der wie aus dem Nichts hinter mir aufgetaucht war. „Entschuldigen Sie“, sagte er und hob beschwichtigend die Arme, „ich wollte Ihnen keinen Schrecken einjagen. Ich habe geklingelt, und als niemand aufgemacht hat, dachte ich mir, dass Sie im Garten sind.“

„Und da haben Sie einfach mal nachgeschaut.“

Die Worte kamen patziger heraus, als ich es beabsichtigt hatte. Normalerweise war ich nicht furchtsam, doch ich war so vertieft gewesen, dass mich sein plötzlicher Auftritt kalt erwischt hatte. Ich klappte das Buch zu, schirmte mit meiner rechten Hand die Sonne ab und sah ihn zum ersten Mal richtig an. Er war etwa Ende dreißig und ausnehmend attraktiv. Mit den kurzen dunkelblonden Haaren, den braunen Augen und dem Dreitagebart erinnerte er mich an den Schauspieler Ryan Reynolds, für den ich eine Schwäche hatte. Außerdem hatte er die schlanke, trainierte Figur eines Mannes, der gerne Sport machte. Die alte Jeans und das verblichene graue T-Shirt ließen darauf schließen, dass er nicht mehr Zeit vor dem Kleiderschrank verbrachte als nötig, was ihn mir zusätzlich sympathisch machte.

„Ich wollte Sie nicht anfahren“, meinte ich daher versöhnlich. „Sie haben mich nur ziemlich überrumpelt.“ Erst jetzt bemerkte ich den goldfarbenen Labrador, der geduldig neben ihm wartete und dabei freundlich mit dem Schwanz wedelte. Mein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Was für ein schönes Tier! Der Mann nickte schuldbewusst.

„Das war nicht meine Absicht. Ich bin Jonas Graf, Avas Nachbar.“

Avas Nachbar … Wie elektrisiert richtete ich mich auf. „Sie wissen nicht zufällig, wo meine Großtante steckt?“, platzte ich heraus.

Der Mann schüttelte bedauernd den Kopf. „Das wollte sie mir nicht verraten, als sie gestern Nachmittag vorbeikam. Sie hat mich lediglich gebeten, auf Max aufzupassen, bis Sie da sind.“

Überrascht sah ich zu dem Hund, der beim Klang seines Namens noch freudiger mit dem Schwanz wedelte. „Du bist also Max“, stellte ich fest. Damit war das erste Rätsel gelöst. Max bellte einmal kurz und tief, was wohl so viel wie Ja heißen sollte. „Seit wann hat Ava einen Hund?“, fragte ich Jonas Graf und kam mir dabei ein bisschen dumm vor, weil ich nichts von seiner Existenz gewusst hatte.

„Erst seit zwei Monaten“, kam die beruhigende Antwort. „Er ist ihr zugelaufen. Ava hat überall Fotos von ihm aufgehängt und ihre Festnetznummer als Kontakt dazugeschrieben, doch bisher hat sich niemand gemeldet. Also lebt er jetzt bei ihr. Ihre Großtante hat es nicht übers Herz gebracht, ihn ins Heim zu bringen.“

Ich nickte. Das klang sehr nach Ava. »Und wenn Sie sagen, Sie haben auf ihn aufgepasst, bis ich da bin … heißt das, dass ab sofort ich für ihn zuständig bin?« So ließ es die Formulierung in Avas Postkarte vermuten, aber ich wollte doch sichergehen.

Der Mann lächelte, was ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. „Haben Sie denn Erfahrung mit Hunden?“

„Nicht die geringste“, gab ich zu. Als Kind hatte ich mir zwar immer einen Hund gewünscht, doch da meine Mutter eine Allergie hatte, war es bei dem Wunsch geblieben. Später dann hatte ich zu viel gearbeitet, um einen Hund zu halten, aber die Sehnsucht danach war nie ganz verschwunden. Max trottete zu mir und schnupperte so vertrauensvoll an meiner Hand, dass mir das Herz aufging. „Aber so schwer kann das ja nicht sein“, ergänzte ich leichthin.

Um die Augen von Avas Nachbar bildeten sich Lachfältchen. „Es ist ein bisschen so, als hätte man ein Kleinkind, das nicht älter wird.“

Noch während er sprach, schlabberte Max mit seiner warmen Zunge über meinen Unterarm. Die Berührung kitzelte so sehr, dass ich ein Kichern unterdrücken musste. „Ich befürchte, von Kindern habe ich genauso wenig Ahnung“, gestand ich.

Darauf wusste Jonas Graf nichts zu erwidern. Er rieb sich mit einer Hand den Nacken und räusperte sich. „Also, ich muss dann jetzt. Meinen Sie, Sie kommen klar?“ Sein Blick glitt unschlüssig zwischen Max und mir hin und her. Er wirkte besorgt, was süß war, aber unbegründet. Ava wusste, wie sehr ich Hunde liebte, sonst hätte sie mir Max niemals anvertraut. Außerdem würde sie sicher bald zurückkehren.

Ich schlang meine Arme um den kräftigen Hals des Tieres. „Was denkst du?“, fragte ich ihn und drückte meine Wange in sein warmes Fell. „Kommen wir klar?“

Max bellte zustimmend, und ich lachte auf. Erst als Jonas Graf gegangen war, fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, ihn nach der Herzbacher Tafelrunde zu fragen.



2

Nachdem ich mein Frühstück mit Max geteilt hatte, beschloss ich, dass es Zeit für einen Spaziergang war. Ich war seit Jahren nicht mehr in Herzbach gewesen, und so war ich sehr gespannt, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hatte. Auch wenn ich Avas Gesellschaft vermisste – Sorgen machte ich mir nicht um sie. Meine Großtante war mit ihren vierundsiebzig Jahren kerngesund. Sie stand auf eigenen Füßen und war einer der bedachtesten Menschen, die ich kannte. Was auch immer sie bewegt haben mochte zu verreisen, sie hatte bestimmt gute Gründe dafür. Außerdem hatte sie geschrieben, dass sie mir alles erklären werde, wenn sie zurückkehrte, und das war mir für den Moment genug. Ich band mein langes braunes Haar zu einem Pferdeschwanz und zog meinen knallroten Lippenstift nach, der so etwas wie mein Markenzeichen war. Als Kind hatte ich meinen Mund zu groß und mein Lachen zu breit gefunden, doch spätestens seit ich Julia Roberts in Pretty Woman gesehen hatte, war ich stolz darauf. Im Garderobenschrank im Flur fand ich eine Hundeleine. Sobald ich sie vom Haken genommen hatte, fing Max laut an zu bellen und aufgeregt hin und her zu springen.

„Sitz“, befahl ich versuchsweise und freute mich sehr, als er meiner Aufforderung prompt nachkam. Das war bestimmt nicht normal, redete ich mir ein, sondern lag an der Chemie, die von der ersten Sekunde an zwischen uns bestanden hatte. Ich befestigte die Leine an seinem Lederhalsband und tätschelte seinen Kopf. „Braver Hund.“ Der brave Hund sprang auf und stürmte in einem solchen Tempo Richtung Haustür, dass ich kaum hinterherkam.

 

Wir gingen Avas Straße hinunter, die zu beiden Seiten von malerischen Fachwerkhäusern gesäumt wurde. Die Vorgärten waren das reinste Blütenmeer. Es war kein Wunder, dass so viele Touristen nach Herzbach kamen, wenn selbst die Straßen wie ein Postkartenmotiv aussahen. Diese Formulierung hatte ich jüngst erst in einem Reiseblog gelesen, der von dem entzückenden Ortskern, der historischen Mühle und der wunderschönen Landschaft schwärmte, die wie geschaffen sei für ausgedehnte Fahrradtouren und Spaziergänge. Ich blickte mich neugierig um. In welchem der schmucken Bauten mochte Jonas wohnen? Vielleicht in dem mit den grünen Fensterläden? Kurz überlegte ich, einen schnellen Blick auf die Klingelschilder zu werfen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Was, wenn er mich dabei ertappte, wie ich vor seiner Haustür herumstromerte? Ich musste lächeln, als ich mir die Szene bildhaft vorstellte.

Auf einmal kam mir Martin in den Sinn, an den ich seit meiner Ankunft noch nicht einmal gedacht hatte. Martin war mein Freund, oder war es zumindest bis vor Kurzem, so genau wusste man das bei der Beziehung, die wir führten, nie. Er hatte eine Wohnung in Köln, in der er sich selten aufhielt. Als Produktionsleiter beim WDR war er die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Jetzt gerade hielt er sich in China auf, wo er eine Dokumentationsreihe drehte. Es war bezeichnend für uns, dass ich ihm von meiner Auszeit am Telefon erzählen musste. Auf seine Frage, ob sich die Auszeit auch auf uns beziehe, antwortete ich schlicht: „Ja.“ Doch noch bevor ich ihm eine Erklärung geben konnte, hatte er beleidigt aufgelegt. Es war nicht das erste Mal, dass wir eine Pause einlegten, aber diesmal fühlte es sich anders an. Ich war in Herzbach, um mir in Ruhe Gedanken darüber zu machen, wie ich mein zukünftiges Leben gestalten wollte. Und ich war mir nicht sicher, ob Martin darin noch einen Platz haben würde. Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf meine Umgebung.

Ein älterer Herr mit Nickelbrille, der in seinem Vorgarten das Unkraut zupfte, winkte Max und mir zu. Auf dem Bürgersteig kamen uns zwei Frauen entgegen, die einander untergehakt hatten und Mutter und Tochter sein mussten. Die Ähnlichkeit ihrer Züge wurde durch ihre identische Frisur noch verstärkt. Beide trugen Ponyfransen und einen kinnlangen, nach außen geföhnten Bob, der nicht so recht in die heutige Zeit passte. Ich zog Max zur Seite, um ihnen Platz zu machen, und sie bedankten sich freundlich.

Wir folgten einer Gruppe von Radfahrern, die in gemächlichem Tempo an uns vorbeifuhr, und erreichten schließlich den Marktplatz mit seinem prächtigen Maibaum in der Mitte. Der wurde traditionell vor dem ersten Mai aufgestellt. In meiner Kindheit hatte ich beobachtet, wie das die jungen Männer des Dorfes zusammen mit den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr übernahmen.

Auf dem Platz herrschte reger Betrieb. Anders als in so vielen Dörfern auf dem Land, in denen ein Geschäft nach dem anderen schließen musste, verfügte Herzbach dank der vielen Ausflügler über eine florierende Infrastruktur. Es gab ein Hotel, ein Restaurant und ein Eiscafé, die aufgrund des schönen Wetters Tische und Stühle nach draußen gestellt hatten.

Auch der Bauernladen, in dem regionale Produkte verkauft wurden, war gut besucht. Vor der Bäckerei und dem Metzger hatten sich sogar Schlangen gebildet. Dazu gab es einen Buchladen, eine Apotheke, ein Blumengeschäft und eine Geigenbau-Meisterwerkstatt, die seit Generationen von derselben Familie betrieben wurde. Am Brunnen neben dem Maibaum spielten Kinder, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzten und dabei glucksend lachten. Und so kam es, dass das westfälische Herzbach an diesem Samstagvormittag im Mai beinahe so etwas wie ein mediterranes Flair verströmte.

Nachdem ich mit meinem Wunsch nach einem Cappuccino zum Mitnehmen gescheitert war, weil die Dorfbewohner, wie ich lernte, nicht nur etwas gegen lärmende Autos hatten, sondern auch gegen Umwelt verschmutzende Pappbecher, nahm ich vor der Eisdiele Platz. Die hatte es bei meinem letzten Besuch auch schon gegeben, doch das Blumengeschäft war neu. Und auch das Restaurant schien einen neuen Besitzer zu haben. Zumindest hieß es nicht mehr Dorfkrug, sondern Kiepenkerl, und die Tische und Stühle, die davorstanden, waren nicht mehr aus weißem Plastik, sondern aus geschmackvollem Holz und Korbgeflecht. Max streckte sich und gähnte herzhaft, dann rollte er sich auf dem Boden zusammen und legte seinen Kopf auf meine Füße. Er sah kurz auf, als die junge Kellnerin ihm einen Napf mit frischem Wasser brachte, wedelte zustimmend mit dem Schwanz und schloss die müden Augen.

Während ich an meinem Cappuccino nippte und mich über die warmen Temperaturen freute, sann ich über das nach, was ich in Düsseldorf zurückgelassen hatte. Da war mein Job, der elf Jahre lang an erster Stelle für mich gestanden hatte.

Ich war gut in dem, was ich tat. Meine Kunden mochten mich, meine Projekte liefen erfolgreich. Ich bekam viel Bestätigung und wurde immer wieder angefragt. Und so hatte ich mit den Jahren immer mehr gearbeitet, die Abende am Computer verbracht, häufig auch die Wochenenden. Mein Bekanntenkreis bestand ausschließlich aus Kollegen, mit denen ich hin und wieder nach der Arbeit ein Glas Wein trinken oder essen ging. Vielleicht hatte ich mir deshalb einen Freund wie Martin ausgesucht. Einen Mann, der nie da war und der mich nicht dafür kritisieren konnte, dass ich zu viel arbeitete.

Martin hatte mich nie dazu gebracht, über mein Lebensmodell nachzudenken, darüber, ob ich Familie und Kinder haben wollte, ob ich glücklich war. Da musste erst etwas anderes passieren. Ich schmunzelte, als ich mich an das Ereignis im letzten Dezember erinnerte, das mich schlussendlich dazu veranlasst hatte, meinen Chef um eine Auszeit zu bitten. Es war nicht spektakulär, wie man vielleicht vermuten könnte, es war genau genommen sogar ziemlich banal. Ich war am Flughafen und wartete auf meine Verbindung nach München, als der Kunde anrief, zu dem ich unterwegs war, und unseren Termin kurzerhand absagte. Also stornierte ich meinen Flug und nahm mir ein Taxi zurück in die Innenstadt, wo unser Büro lag. An einer roten Ampel fiel mein Blick auf den Weihnachtsmarkt und die Eisbahn, und plötzlich verspürte ich das kindliche Verlangen, Schlittschuh zu laufen. Ehe ich wusste, was ich tat, bezahlte ich den Taxifahrer und stieg aus. Mich erwartete niemand, ich hatte keine Termine. Und so drehte ich Runde um Runde auf der glitzernden Eisfläche, wärmte mich mit heißem Kakao, fuhr Riesenrad auf dem Burgplatz, lauschte dem Klavierspieler vor dem Schlossturm und aß geröstete Maronen, an deren Schalen ich mir die Fingerspitzen verbrannte. Ich tat einfach, wonach mir der Sinn stand, ohne auch nur eine Sekunde an die Arbeit zu denken. Als ich an diesem Abend im Bett lag, mit einem wohlig warmen Gefühl im Bauch, gestand ich mir ein, dass es der schönste Tag seit Langem gewesen war. Und mit dem vagen Gedanken, dass ich mehr davon wollte, schlief ich ein. Danach sollte es noch einen Monat dauern, bis mein Entschluss, ein Sabbatical zu nehmen, gereift war, doch es war jener verzauberte Wintertag, der den Ausschlag gegeben hatte.

 

Nachdem ich meinen Cappuccino ausgetrunken und bezahlt hatte, schlenderte ich mit Max am Ufer der Stever entlang. Der Fluss plätscherte gemächlich dahin, die Sonne wärmte mein Gesicht, und von der gegenüberliegenden Seite drangen die Geräusche des Waldes zu mir herüber.

Ich genoss es, jeden Spaziergänger, der meinen Weg kreuzte, zu grüßen. In Düsseldorf hatte ich die Angewohnheit abgelegt, nachdem sie mir wiederholt eisiges Schweigen und misstrauische Blicke eingebracht hatte. Hier erwiderten die Menschen nicht nur meinen Gruß, sie lächelten auch. Der eine oder andere ältere Spaziergänger tippte sich sogar an die Mütze.

An der alten Wassermühle, die ein beliebter Ort für Trauungen war, führte eine Holzbrücke über den Fluss in den Wald. „Du läufst nicht weg, wenn ich dich losmache, oder?“, fragte ich Max, und als er mit ehrlicher Entrüstung zu mir hochschaute, löste ich seine Leine. Und tatsächlich sprang er zufrieden neben mir her.

Nach einer halben Stunde Spaziergang lichtete sich der Wald und gab den Blick auf endlos weite Wiesen und Felder frei. Dazwischen lagen wie bunte Tupfer einzelne Gehöfte. „Wenn man das Münsterland so sieht“, sinnierte ich, „könnte man tatsächlich meinen, die Erde sei eine Scheibe.“

Max würdigte mich keiner Antwort. Stattdessen hob er den Kopf und wirkte plötzlich so angespannt, dass ich ihn aufmerksam musterte. „Was ist denn? Hast du etwas gerochen? Ein Kaninchen vielleicht?“

Wie auf Kommando spurtete er los. Eine Sekunde lang war ich zu perplex, um zu reagieren, dann lief ich ihm hinterher. Ich fand ihn hinter der nächsten Biegung, am Fuße eines wackelig aussehenden Hochstandes, und er war nicht alleine. Er beschnupperte einen Dackel, der sich seine Annäherungsversuche mit freundlicher Miene gefallen ließ.

Die Miene von dessen Besitzerin dagegen war alles andere als freundlich. Sie zupfte ungeduldig an der Leine und schimpfte, als der Dackel keine Anstalten machte, ihr zu folgen. Ihre dunklen Augen wirkten genervt, als sie mich bemerkte. „Ist das Ihr Hund?“, fragte sie, und ich schluckte meinen Witz „Der tut nichts, der will nur spielen“ herunter.

„Kann man so sagen“, erwiderte ich stattdessen. „Genau genommen ist Max der Hund meiner Großtante. Ich passe nur vorübergehend auf ihn auf.“

Die Frau hob eine Augenbraue, und ich konnte ihr ansehen, dass sie nicht fand, dass ich mich dabei besonders hervortat. Ich betrachtete sie genauer. Sie war in meinem Alter und ziemlich groß, bestimmt eins achtzig, und hatte dunkelbraune, glänzende Locken, die ihr bis auf die Schultern reichten. Mit ihrem weißen Seidentop, den modisch-zerrissenen Jeans und den pinken Wildledermokassins wirkte sie hier im Wald ziemlich deplatziert auf mich.

„Und der Dackel gehört Ihnen?“, fragte ich, um Konversation bemüht.

Ihr Blick wurde weicher, als er den kleinen Hund streifte. „Bautz ist der Hund meiner Mutter. Zumindest im Moment noch.“ Ihre Züge verdüsterten sich wieder, so als hätte sie zu viel gesagt. Sie sah auf ihre teuer aussehende Armbanduhr und runzelte die Stirn. „Ich muss jetzt auch los, ich bin spät dran.“ Da sie keine Anstalten machte zu gehen, vermutete ich, dass ich den Anfang machen sollte.

Den Gefallen tat ich ihr gerne. „Alles klar. Komm, Max, verabschiede dich von deinem neuen Freund.“

Und dann ging alles ganz schnell. Die Frau bückte sich, um Bautz wegzuziehen. Max, der seinen Kameraden jedoch nicht so einfach ziehen lassen wollte, sprang hinterher. Die Frau versuchte, ihn abzuschirmen, dabei trat Max ihr mit einer seiner riesigen Pfoten auf den Fuß.

Wie gebannt schaute ich auf den hässlichen braunen Fleck, der sich auf ihrem Mokassin ausbreitete. Die Frau stieß einen Fluch aus, bei dem jeder Seemann vor Scham errötet wäre. „Das sind Tod’s“, fauchte sie und zeigte mit einem manikürten Finger auf mich. „Haben Sie eine Ahnung, was die gekostet haben?“ Sie funkelte mich wütend an, doch davon ließ ich mich nicht beirren. Es war der erste Tag meiner Auszeit, und nichts und niemand würde mich dazu bringen, mich zu ärgern.

»Hören Sie …« Ich hielt inne, als mir bewusst wurde, dass ich ihren Namen nicht kannte.

„Maria“, sagte sie unwillig. „Lehrbach.“

„Ellie Lindemann“, stellte ich mich nun ebenfalls vor. „Frau Lehrbach“, fuhr ich fort, „es tut mir wirklich sehr leid, was Max mit Ihrem Schuh angestellt hat, und natürlich komme ich für den Schaden auf. Ich gebe Ihnen meine Nummer, und Sie rufen mich an, wenn Sie wissen, wie viel ich Ihnen schulde.“ Ich machte Anstalten, mein Handy hervorzuholen, doch sie winkte ab.

„Nicht nötig. Meine Schuhe bezahle ich immer noch selbst.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging mit erhobenem Kopf davon. Eine große, schlanke Frau mit ihrem winzigen Dackel.

Max und ich sahen ihnen hinterher. „Leute gibt es hier“, murmelte ich, und Max sah schräg zu mir hoch und bellte.

 

„Ist die Luft rein?“, ertönte plötzlich eine Stimme über mir.

Max und ich sahen uns verwundert an. „Hast du das auch gehört?“, fragte ich ihn, und er wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

„Ich bin hier oben.“ Die Stimme erklang erneut, diesmal ein wenig lauter. Ich hob den Kopf und erblickte einen alten Mann, der vom Hochsitz zu mir heruntersah. Wie genau war ich eigentlich auf die Idee gekommen, in Herzbach gehe es ruhig zu?

„Und was machen Sie da oben?“, fragte ich höflich.

„Ich habe Vögel beobachtet“, war seine Antwort, und ich bemerkte das kleine Fernglas, das um seinen Hals baumelte. „Zumindest bis diese Frau mit ihrem Dackel hier aufgetaucht ist. Warten Sie, ich komme herunter.“

Er stieg vorsichtig die Holzleiter hinab, und ich betete im Stillen, dass sie nicht unter ihm nachgab. Meine Ausbildung zur Ersthelferin war zu lange her, als dass ich mich noch an die Einzelheiten erinnern konnte. Als er heil unten angekommen war, wurde er von Max stürmisch begrüßt.

„Hallo, mein Junge“, lachte er und klopfte ihm auf den Rücken, was Max ausnehmend gut zu gefallen schien. Er schmiegte sich an die Beine des Mannes, die in braunen Cordhosen steckten, und hechelte zufrieden. Nach ein paar Sekunden richtete der Mann sich auf und strahlte mich an. Mit seinen schlohweißen Haaren, den leuchtend blauen Augen und den unzähligen Lachfältchen war er mir sofort sympathisch. „Ich bin Hermann“, sagte er. „Und Sie sind bestimmt Ellie. Ava hat mir erzählt, dass Sie heute anreisen. Wie gefällt Ihnen Herzbach?“

Während wir uns die Hände schüttelten, verriet ich ihm, dass ich ganz verliebt in den Ort sei, was ihn sehr zu freuen schien.

„Und woher kennen Sie meine Großtante?“, erkundigte ich mich. Etwas klingelte bei dem Namen Hermann bei mir, aber ich kam nicht darauf, was es war. Auf einmal meldete sich mein Magen lautstark, und ich legte eine Hand auf meinen Bauch. „Entschuldigen Sie, das muss die frische Luft sein.“

Hermann schmunzelte. „Möchten Sie eine Stulle?“ Er begann in seinem Rucksack zu kramen und beförderte eine quietschgrüne Brotbox hervor, wie Schulkinder sie für ihr Pausenbrot benutzten. „Ich habe Käse oder Salami. Sie haben die Wahl.“

„Käse bitte“, antwortete ich dankbar. Als Max das Brot sah, begann er mitleiderregend zu fiepen. Ach herrje! Genau wie ich hatte er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und inzwischen musste es früher Nachmittag sein. Mir kam in den Sinn, dass ich keine Ahnung hatte, was Hunde fraßen. Und wie viel. Oder wie oft.

Hermann, der mir mein schlechtes Gewissen angesehen haben musste, legte mir kurz eine Hand auf die Schulter. „Er wird schon nicht verhungern, wenn er heute etwas später zu fressen bekommt“, meinte er und gab Max seine Salamistulle, die der mit zwei Bissen herunterschlang.

„Jetzt haben Sie gar nichts mehr“, stellte ich fest und hielt ihm mein Käsebrot hin, von dem ich bereits einmal abgebissen hatte.

Hermann schüttelte belustigt den Kopf. „Essen Sie nur. Ich hatte schon einen Apfel, das reicht, bis ich zu Hause bin. In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel. Begleiten Sie mich zurück ins Dorf? Dann erzähle ich Ihnen unterwegs, woher ich Ihre Großtante kenne.“

 

Hermann war früher Kapitän eines Containerschiffes, wie er mir berichtete. „Die Liebe zum Meer hat mich zwei Ehen gekostet, doch ich konnte nicht davon lassen. Es gab nichts anderes, was ich tun wollte.“ Ava hatte er kennengelernt, als sie in einem Sommer vor zwanzig Jahren als Passagierin auf seinem Frachtschiff mitfuhr. Es ging von Genua nach Buenos Aires, und sie war der einzige Gast an Bord inmitten einer Mannschaft, die fast ausschließlich aus Philippinern bestand. Beim Abendessen seien sie ins Gespräch gekommen, fuhr Hermann fort. Sie stellten fest, dass sie nicht nur denselben Humor teilten, sondern auch viele Interessen. Beide mochten französische Filme, liebten gutes Essen und kräftigen Rotwein, lasen gerne, besonders blutrünstige Krimis, und waren fasziniert von fremden Ländern und Kulturen. Als sich Ava in Buenos Aires von Hermann verabschiedete, waren sie Freunde geworden. Im nächsten Sommer buchte Ava erneut eine Passage auf seinem Schiff, und als er einige Zeit später in Rente ging und sich in seiner Wohnung in Bielefeld zu Tode langweilte, schlug sie ihm vor, doch nach Herzbach umzusiedeln. Dort habe er Gesellschaft, wann immer er wolle.

„Meinen Umzug habe ich nie bereut“, schloss Hermann seine Geschichte. Wir hatten inzwischen die Wassermühle erreicht. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder, dass Ava mir von ihrem Freund Hermann erzählt hatte. Die Ansichtskarten, die sie mir von ihren gemeinsamen Reisen geschickt hatte, lagen in der großen Kiste in meinem Schrank, in der ich sämtliche Post von ihr aufbewahrte. Ob die beiden ein Paar waren? Der Gedanke war mir früher nie gekommen, aber wäre er so abwegig? Ava war eine attraktive Frau, und Hermann wirkte wahnsinnig nett und charismatisch auf mich. Während ich mit dem Gedanken spielte, ihn zu fragen, blieb Max so abrupt stehen, dass ich ins Straucheln geriet. Sein Blick wanderte von mir zum Fluss, und er begann leise zu jaulen.

„Was hat er denn?“, fragte ich besorgt.

Hermann schmunzelte. »Er möchte ins Wasser. Max ist ein Labrador – die sind verrückt danach. Wenn Sie einverstanden sind, lassen Sie ihn gerne schwimmen. Das ist an dieser Stelle des Flusses kein Problem.«

Ich beugte mich zu Max herunter und kraulte seine Ohren. „Dann ist wohl dein Glückstag heute. Na los, lauf schon.“

Das ließ sich Max nicht zweimal sagen. Mit einem langen Satz sprang er die Uferböschung hinunter und landete mit einem lauten Bauchplatscher im Wasser. Zwei Enten, die gerade gemächlich herangeschwommen waren, ergriffen laut schnatternd die Flucht.

Hermann und ich lachten. „Zu Hause wollte er nicht baden“, wunderte ich mich. „Dabei fließt die Stever doch an Avas Garten vorbei.“

„Er würde schon wollen, aber er darf nicht. Ava hat ihm verboten, ins Wasser zu gehen, wenn sie nicht dabei ist. Sie hat keine Zeit, ständig auf ihn aufzupassen. Also haben die zwei die Vereinbarung getroffen, dass zu Hause nicht geschwommen wird, und nach allem, was ich gehört habe, funktioniert das gut.“ Hermann sah zu Max. „Das kann jetzt jedenfalls dauern“, meinte er, und es klang, als würde er aus Erfahrung sprechen.

Er führte mich zu einer Holzbank, von der aus wir Max beim Spielen im Fluss zuschauen konnten. Das Wasser ging ihm nur bis zum Bauch, und die Strömung war so schwach, dass er nach Herzenslust herumtollen und dabei die übrigen Enten erschrecken konnte, die noch nicht vor ihm Reißaus genommen hatten. Es war ein bezauberndes Bild: die Stever, die im Sonnenlicht glitzerte, die Trauerweiden am Ufer, deren Zweige die Wasseroberfläche berührten, und der spielende Hund. Schade, dass Ava nicht da war, um den Moment mit uns zu teilen.

Ich wandte mich an Hermann. „Ich war überrascht, als ich heute Morgen ankam und nur eine Postkarte von meiner Großtante vorfand. Wissen Sie, wohin sie verreist ist?“

Hermanns Blick ruhte weiter auf dem Fluss. „Nein, tut mir leid, meine Liebe. Sie sagte, sie müsse etwas erledigen, was keinen Aufschub dulde. Und mehr kann ich dazu leider nicht sagen.“

Ich öffnete den Mund, um weiter nachzubohren, überlegte es mir dann aber anders. Seine letzten Worte hatten zwar freundlich geklungen, doch sie enthielten eine unmissverständliche Botschaft. Vielleicht weiß ich mehr, vielleicht auch nicht, aber hier und heute werde ich mich nicht weiter dazu äußern.

Er räusperte sich und wechselte das Thema. „Vor ihrer Abreise hat Ava mich gebeten, Ihnen von unserer Tafelrunde zu erzählen. Wenn wir uns nicht getroffen hätten, wäre ich nachher bei Ihnen vorbeigekommen.“ Auch wenn er beiläufig sprach, bemerkte ich den angespannten Tonfall, der sich plötzlich in seine Stimme geschlichen hatte.

Ich dachte an das Buch mit dem roten Einband, das bei meiner Ankunft auf dem Küchentisch gelegen hatte. „Ava hat mir ein Kochbuch mit der Inschrift Herzbacher Tafelrunde herausgelegt“, berichtete ich ihm. „Es ist nicht nach Gerichten, sondern nach Stimmungen geordnet, die es aufzuhellen gilt. Ich hatte mich schon gefragt, was es damit auf sich hat.“

Hermann wirkte ein wenig verlegen. „Das Buch stammt von Avas Großtante. Ihr Name war Muriel. Muriels Vater gehörte die Apotheke in Herzbach, und er brachte seiner Tochter von klein auf alles bei, was er über Kräuter und Pflanzen und ihre Wirkungsweisen wusste. Während er Arzneien gegen die offenkundigen, die körperlichen Leiden mischte, hatten es Muriel die Gebrechen angetan, die im Verborgenen lagen. Die Gebrechen der Seele. Muriel nutzte ihr Wissen, um den Menschen im Dorf zu helfen. Den Melancholischen, den Sorgenvollen, den Verzagten. Ihre Rezepte schrieb sie in dem Buch nieder, das Ava Ihnen hingelegt hat. Weil Muriel unverheiratet blieb und keine Nachkommen hatte, vermachte sie es Ava. Die beiden hatten ein enges Verhältnis. Genau wie Sie und Ihre Großtante.“ Er lächelte mich an, und ich erwiderte sein Lächeln.

Was für eine zauberhafte Geschichte. Doch warum hatte ich nie davon gehört? Und wenn Muriel Avas Großtante war, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis stand sie dann zu mir? Ich versuchte, im Kopf einen Stammbaum zu zeichnen, was komplizierter war, als ich vermutet hätte. Plötzlich erinnerte ich mich, dass Hermann eingangs von unserer Tafelrunde gesprochen hatte, und den Aspekt fand ich so interessant, dass ich meine Ahnenforschung auf später vertagte.

„Heißt das, die Herzbacher Tafelrunde kocht auch heute noch nach Muriels Rezepten?“, fragte ich und richtete mich gespannt auf. „Wer gehört alles dazu? Sie und Ava, vermute ich, und wer noch?“ Ich legte den Kopf schief. „Und wogegen essen Sie an?“ Noch während ich die letzte Frage stellte, schalt ich mich selbst, nicht so indiskret zu sein. Vielleicht litt Hermann ja unter einem Gebrechen der Seele, wie er es genannt hatte. Und wenn dem so war, dann hatte er sicher kein Interesse daran, mit mir, einer Fremden, darüber zu sprechen. Doch Hermann wirkte nicht im Geringsten verstört ob meiner Neugier. Ganz im Gegenteil, auf seinem Gesicht lag ein amüsierter Ausdruck, als er meine Fragen eine nach der anderen beantwortete.

„Ja, wir kochen nach Muriels Rezepten. Genauer gesagt, Ava kocht, und wir anderen essen. Und zwar jeden zweiten Sonntag um Punkt 13 Uhr in Avas Haus. Was Ihre zweite Frage angeht: Ihre Großtante ist, wie gerade erwähnt, die Gastgeberin der Herzbacher Tafelrunde. Sie hat sie ins Leben gerufen und mich aufgenommen, als ich hierhin zog. Das war übrigens keine Selbstverständlichkeit. Die Mitglieder der Tafelrunde müssen zustimmen, wenn jemand Neues dazukommt, und zwar einstimmig. Ich habe also großes Glück gehabt.“ Er zwinkerte mir zu. „Außer Ava und mir gibt es noch Irene. Ihr Verlobter ist vor vierzig Jahren sang- und klanglos verschwunden. Seitdem ist die Arme melancholisch und befürchtet in jeder Situation das Schlimmste. Sara wiederum hat schrecklichen Liebeskummer, aber das erzählt sie Ihnen am besten selber. Bei der kleinen Greta ist es die Schüchternheit, die ihr zu schaffen macht, und Jonas ist dafür, dass er Professor ist und zahlreiche Fachbücher geschrieben hat, erstaunlich wortkarg. Tja, und bei mir ist es das Heimweh. Ich vermisse das Meer.“

Ich schwieg, um die vielen neuen Informationen zu verarbeiten. „Wenn Jonas Avas Nachbar ist, habe ich ihn heute Morgen bereits kennengelernt“, sagte ich schließlich. Professor war er also. Darauf wäre ich nicht gekommen. Die Professoren, an die ich mich aus meiner Unizeit erinnerte, waren viel älter gewesen. Und längst nicht so attraktiv.

Hermann nickte. „Er wohnt direkt neben Ava. Jonas hat vor zwei Jahren eine schwierige Scheidung durchgemacht. Seine Ex-Frau ist Neuseeländerin. Sie hat Liam, ihren gemeinsamen Sohn, mit in ihre Heimat genommen. Darunter leidet Jonas sehr. Er sieht den Jungen viel zu selten.“

„Das kann ich mir vorstellen“, entgegnete ich. Tiefes Mitgefühl überkam mich. Es musste furchtbar sein, wenn der eigene Sohn am anderen Ende der Welt aufwuchs. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Jonas aller Voraussicht nach Single war. Der Gedanke verwirrte mich, weil er mich merkwürdig zufrieden stimmte.

Schweigend beobachtete ich, wie Max mit dem Zweig einer Trauerweide kämpfte und dabei seinen Kopf hin und her warf in dem Versuch, ihn vom Baum zu lösen. Irgendwann gab er auf und bellte frustriert.

„So“, sagte Hermann. „Jetzt wissen Sie, was es mit der Herzbacher Tafelrunde auf sich hat.“

Ich wandte ihm meine Aufmerksamkeit zu. „Helfen die Rezepte denn? Es klingt zu schön, um wahr zu sein.“ Auch wenn mir die Vorstellung gefiel, gegen den Kummer der Seele anzuessen, konnte ich doch nicht glauben, dass es funktionierte.

„Finden Sie es heraus“, lautete Hermanns rätselhafte Antwort. Ich sah ihn verständnislos an, und er lächelte breit. „Morgen in einer Woche ist die nächste Tafelrunde. Falls Ava bis dahin nicht zurück sein sollte, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie ihre Rolle übernehmen könnten.“

„Ich? Wieso denn ich?“, platzte ich heraus. Ich musterte ihn, um festzustellen, ob er mich auf den Arm nahm, doch in seiner Miene konnte ich keine Anzeichen dafür entdecken.

„Weil Sie ihre Großnichte sind“, entgegnete er ruhig. „Und weil Ava Ihnen das Buch anvertraut hat.“

Das erstaunte mich in der Tat. Erst jetzt verstand ich auch ihre Bemerkung, ich solle mich um ihre Freunde von der Tafelrunde kümmern. Aber wie war sie nur auf diese Idee gekommen? Ava wusste, dass es um meine Kochkünste nicht gut bestellt war. Meine knappe Freizeit verbrachte ich lieber mit anderen Dingen. Essen gehen zum Beispiel. Und wenn ich doch einmal kochte, dann für mich alleine oder höchstens noch für Martin. Doch der war so selten da, dass es nicht zählte.

Im Kopf überschlug ich die Mitglieder der Tafelrunde. Ohne Ava waren es fünf: Hermann, Irene, Sara, Greta und Jonas. Jonas … Ich dachte daran, wie er mich angelächelt hatte, und auf einmal gefiel mir die Vorstellung, eine Mittagsgesellschaft zu geben. Ich hatte ja das Kochbuch, sagte ich mir, und dazu eine Woche Zeit, um mich darauf vorzubereiten. Außerdem interessierte es mich tatsächlich, wie Muriels Rezepte wirkten und ob sie es überhaupt taten. Ich hob das Kinn. „Einverstanden. Ich mach’s. Geben Sie den anderen bitte Bescheid, dass ich sie nächsten Sonntag um dreizehn Uhr erwarte?“

„Das mache ich gerne“, erwiderte Hermann und wirkte dabei sehr zufrieden. Ich wollte ihn gerade auf die Rezepte ansprechen, die mir beim ersten Durchblättern doch sehr kompliziert erschienen waren, als Max, der inzwischen genug vom Wasser hatte, auf uns zukam. Sein goldgelbes Fell triefte vor Nässe.

»Du wirst doch nicht …«, setzte ich an, kam aber nicht mehr dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen. Denn direkt vor uns begann Max sich zu schütteln, dass die Tropfen nur so flogen. Ich drehte mich weg, doch es war zu spät. Nach wenigen Sekunden war ich pitschnass. Ich sah Max vorwurfsvoll an, was er mit einem so treuherzigen Blick erwiderte, dass ich gegen meinen Willen lachen musste. „Na komm, du Monster“, sagte ich und stand auf. „Dann gehen wir beide jetzt wohl mal nach Hause, damit ich mich umziehen kann.“

Hermann hatte auch einiges abbekommen. Dennoch verriet er mir zum Abschied, wo Ava das Hundefutter aufbewahrte und wie ich es dosieren musste. „Nicht, dass du es verdient hättest“, raunte er Max zu und tätschelte sein feuchtes Haupt – eine liebevolle Geste, die seine strengen Worte Lügen strafte.

Blick ins Buch
Shalom BerlinShalom Berlin

Kriminalroman

Mit „Shalom Berlin“ legt Bestseller-Autor Michael Wallner den Auftaktband zu einer hochspannenden Krimiserie vor. Sein außergewöhnlicher Serien-Ermittler: Alain Liebermann, Leiter einer Berliner Spezialeinheit und Mitglied einer großen jüdischen Familie. Aktuell, aufwühlend, fesselnd präsentiert „Shalom Berlin“ einen zeitnahen und brisanten Fall um Antisemitismus, Angst und Gewalt.   Nach Veröffentlichung eines Artikels über die Schändung eines jüdischen Berliner Friedhofs wird die Journalistin Hanna Golden per Mail mit dem Tod bedroht. Den Fall übernimmt Alain Liebermann, Mitglied des Mobilen Einsatzkommandos Staatsschutz und Spezialist für Terrorbekämpfung. Erscheint der Tatbestand zunächst beinahe harmlos, eskaliert er doch bald. Aus Worten werden brutale, mysteriöse Taten, die Vernetzung des Falles reicht bis in die Berliner Bundespolitik. Alain kann nicht verhindern, dass seine jüdische Familie in die Sache mit hineingezogen wird.

1
Mischpoke
„Hör zu, ich habe immer versucht, dir beizubringen, dass du dich früher oder später mit dem Herrn über uns arrangieren musst.“
„Der Herr über uns, wer soll das sein? Hast du etwa mein altes Kinderzimmer vermietet?“ Frank nahm sich vom kalten Fisch und streifte mit dem Löffel die Senfsoße ab.
„Versündige dich nicht. Irgendwann zahlst du die Zeche. Dann musst du dich arrangieren mit Gott. Du bist ein verheirateter Mann. Das ist der springende Punkt. Verstehst du? Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten. Verstehst du mich? Nimm dir Alain als Beispiel.“
„Ich will mir Alain aber nicht als Beispiel nehmen.“ Frank griff in den Brotkorb. „Jedes Mal, wenn ich mir Alain als Beispiel nehme, fühle ich mich hinterher minderwertig. Gegen Alain kommt keiner von uns an. Wenn es nach dir geht, stellt er uns alle in den Schatten.“
Ein strenger Blick durch Helenes Prismenbrille und Frank hielt den Mund. Ohne Brille schielte Helene. Sie hatte nie etwas gegen ihr Schielen unternommen und würde es bis an ihr Lebensende nicht tun. „Ich liebe jeden einzelnen meiner Enkel. Aber Alain hat die Dinge im Griff. Das ist alles. Mehr sage ich nicht. Alain hat die Dinge im Griff.“
Alain stand in der Doppelflügeltür. Das hatte den Vorteil, dass er mit einem einzigen Schritt das Zimmer wechseln konnte, falls er einem Gespräch entgehen wollte.
Alain wechselte das Zimmer. Ihm gefiel es nicht, wenn seine Großmutter so über ihn sprach. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass überhaupt irgendwer über ihn sprach. Ihm gefiel die Vorstellung, jetzt gleich aus dem vierten Stock zu springen. Helenes Wohnung hatte einen Balkon. Es wäre die einfachste Methode, um ihr zu beweisen, dass er die Dinge nicht im Griff hatte. Lea war nun seit einem Jahr tot, und er hatte noch keinen vernünftigen Grund gefunden weiterzuleben.
Frank, sein Cousin, kam ihm entgegen, den Fischteller in der Hand. Frank war Zahnarzt in Schöneberg. Seine Frau war Lektorin, seine Geliebte lehrte englische Literatur an der Uni. Es ging der Witz um, dass Franks Frau und Franks Geliebte sich miteinander besser verstehen würden als mit Frank.
„Na?“, sagte Frank.
„So“, nickte Alain und ging ins dunkelgrüne Zimmer weiter.
Helenes Wohnung hatte zweihundertvierzig Quadratmeter. Heutzutage hätte kein Mensch eine Wohnung wie diese nahe des Kurfürstendamms bezahlen können. Aber Helenes Mietvertrag stammte aus dem Jahr 1936 und war nie gekündigt worden. Angeblich war das dunkelgrüne Zimmer irgendwann hellgrün gewesen, wahrscheinlich auch 1936. Heute war Helenes fünfundneunzigster Geburtstag. Als sie zur Welt kam, wurde Hindenburg Reichspräsident, man entließ den Gefangenen Hitler aus der Festung Landsberg, und er veröffentlichte Mein Kampf. Kafkas Romanfragment Der Prozess erschien. Hildegard Knef kam zur Welt.
Wenn Helene Geburtstag hatte, waren sie alle da, die Liebermanns, der komplette Clan, sie kamen aus Seattle und Kanada, aus Riga, Kopenhagen und praktisch allen Teilen Deutschlands. Sie kamen zu Ehren der Matriarchin.
Alain trat zur kleinen Gruppe der Künstler in der Familie. Nicht weil er sich mit ihnen lieber unterhielt, sondern weil die Künstler vorwiegend Trübsal bliesen. Sie beklagten sich in einem fort und beschworen die alten Zeiten, als alles noch besser war. In dieser Umgebung fühlte Alain sich wohl.
„Als ich angefangen habe, da gab es die Mauer noch, konnte ich jedes Jahr wenigstens ein- oder zweimal in Berlin auftreten.“ Cousin Caspar machte Platz, damit Alain sich zu ihnen stellen konnte. „Nichts Großartiges, kleine Rollen in der Vagantenbühne, mal im Theater unter dem Dach, aber ich habe immerhin in Berlin gespielt. Und heute? Vorigen Monat hatte ich ein Vorsprechen in Cottbus. Davor habe ich Musical in Neustrelitz gespielt. Kann man sich das vorstellen?“
„Mit Neustrelitz hattest du noch Glück“, erwiderte Alains Nichte Anna. „Mein Tiefpunkt, und ich meine den absoluten Tiefpunkt, war Brecht in Gera. Wenn du Brecht in Gera spielst, kannst du genauso gut tot sein.“ Nachdenklich betrachtete sie eine Cocktailtomate. „Heutzutage brauchst du gute Nerven, um arbeiten zu können.“
„Und gute Reifen.“
„Gute Nerven und gute Reifen“, bestätigte Anna.
Alain wollte ihr etwas Ermunterndes sagen, aber er hatte weder von Brecht noch von Gera eine Ahnung. Das lila T-Shirt stand Anna nicht, fand er, und mit diesen Beinen sollte sie besser keine Leggins tragen. Chauvi, dachte Alain. Lea hatte ihn manchmal Chauvi genannt, meistens liebevoll. In ihren letzten Wochen hatte Lea behauptet, Alain habe ein gutes Herz und sei ein verdammt süßer Kerl. Er solle um sie trauern, natürlich, aber nicht zu lange. Er solle seinen Humor nicht verlieren. Alle Liebermanns hätten Humor, sie, Lea, könne das beurteilen, weil sie in den Liebermann-Clan nur eingeheiratet hätte. Alain solle sich auf ihrer Leichenfeier amüsieren, trug sie ihm auf. Nach dem Begräbnis hatte Onkel Chaijm tatsächlich eine Party geschmissen. Kaum vorstellbar, aber Alain hatte sogar getanzt. Das hätte Lea gefallen. Hinterher hatte er sich übergeben müssen.
Jetzt trank er Chardonnay und suchte seinen Onkel Chaijm unter den Gästen.
„Hundertfünfzig Euro wollten die haben für ein Zimmer mit Bett. Haben Sie nichts Billigeres?, frage ich. Sagt er, Sie können auch ein Zimmer für fünfzig Euro kriegen, aber da müssen Sie Ihr Bett selbst machen. Das nehm ich, sage ich. Da bringt er mir einen Hammer und ein paar Bretter und Nägel.“
Onkel Chaijm war Rabbiner. Der öffentliche Auftritt vor der Gemeinde gehörte zu seinem Job. Wenn er die Synagoge verließ, vergaß er jedoch häufig, den öffentlichen Chaijm abzulegen. Man hörte ihm einfach gerne zu. Er hatte eine Stimme, die ohne Verstärkung in den hintersten Winkel selbst des größten Raumes drang. Outgoing, so nannte man das wohl, daran erkannte man die Liebermanns, sie waren outgoing.
Warum bin ich so anders als meine Familie?, dachte Alain. Ich bin der langweiligste Liebermann von allen.
„Vegele.“ Die Großmutter rief ihn. „Komm her.“
Alains Wein war abgestanden, er holte sich ein frisches Glas.
„Erzähl mir, wie ist es dir ergangen?“ Sie legte den Arm um seine Hüfte.
„Es gibt nicht viel Neues, Oma.“
„Traurig bist du, mein Vegele. Du trägst deine Traurigkeit durch die Wohnung wie eine Handvoll tropfender Erdbeeren, die schimmelig geworden sind.“
„Tut mir leid, wenn ich dir die Feier vermiese.“
„Traurig ist gut, hör mir zu. Traurig ist, wenn man im Winter die Saat ausbringt für den nächsten Frühling. Traurig ist Eis und Schnee, und darunter wartet der Same, und im Frühling wird alles grün.“
„Wir haben Sommer, Oma.“
„Du, mach dich nicht lustig über deine Bubbe“, sagte sie mit Blick durch die Prismenbrille.
Er küsste sie auf die Wange. „Happy Birthday, Oma.“
„Hast du mir eine Geburtstagskarte geschrieben?“
„Hab ich. Mein Geschenk liegt dort drüben.“
„Von drei Leuten habe ich die gleiche Geburtstagskarte gekriegt. Gehörst du auch dazu? Kauft ihr etwa alle im selben Papiergeschäft ein?“ Helene bedeutete Anna, dass sie noch etwas trinken wollte.
„Das hätte ich dir doch auch bringen können.“ Alain setzte sich vor der Großmutter auf den Boden, da neben Helenes Thron, einem Makart-Sessel aus der Vornazizeit, keine andere Sitzgelegenheit stand.
„Was möchtest du trinken?“, fragte Anna.
„Sherry. Nein, warte, lieber Cognac.“ Helene beugte sich zu Alain. „Du auch?“
„Lea hat mir Alkohol verboten.“ Er zuckte die Schultern.
„Und du hältst dich immer noch daran?“
„Lea sagt, wenn ich trinke, macht das alles nur schlimmer.“
„Eine kluge Frau, deine Lea.“
Anna kam mit dem Cognac und blieb bei den beiden stehen, bis das bleierne Schweigen von Großmutter und Enkel ihr verdeutlichte, dass sie hier nichts verloren hatte.
„So schlimm?“, fragte Helene.
„So schlimm.“ Es gefiel ihm, bei ihr zu sitzen, der großartigen alten Frau, die den Liebermann-Clan durch die Jahrzehnte geführt hatte, durch all die dummen und schlechten und hoffnungsvollen Zeiten, bis heute. Er kam sich dann wie der kleine Junge von früher vor. So wie er dasaß, sah er eher wie Helenes Hofnarr aus.
„Es gibt nur einen Weg, wie es mir besser gehen könnte“, sagte er nach einer Weile. „Wenn Lea da wäre. Und das wird nicht passieren. Es ist unmöglich. Warum soll es mir also besser gehen?“
„Was macht deine Arbeit?“
Er sah zu ihr hoch. Wenn man über neunzig war, bekam die Haut eine andere Bedeutung. Die Haut war wie ein Buch, so viele Kapitel, so viele überraschende Wendungen zeichneten sich in diesem Gesicht ab. Ihre Augen lagen tief zwischen den Lidern versteckt, manchmal glaubte man, Helene hätte sie geschlossen. Aber niemand durchschaute mehr als sie. Alles, jeden.
„Ich weiß, du darfst nicht über deine Arbeit sprechen“, antwortete sie sich an seiner Stelle gleich selbst.
„Diese Woche war nichts Besonderes los.“ Er nahm ihre Hand, die auf der Armlehne lag. „Aber was das große Ganze betrifft: Es wird mehr. Es wird sogar beängstigend mehr.“
„Geht es um die Unsrigen?“, fragte Helene und erwiderte seinen Händedruck.
„Ja. Meistens. Es geht um die Juden.“
Sie trank ihren Cognac. „Die Juden und die Radfahrer, heißt es nicht so?“
„Wieso die Radfahrer?“ Entdeckte Alain da ein winziges Funkeln in Helenes Blick? „Wieso die Radfahrer?“
„Wieso die Juden?“ Sie lächelte. Es war der ernsteste Ausdruck, den er in diesem Gesicht kannte.
Alain kam auf die Beine. „Ich muss, Großmutter.“
„Schon gut, Vegele.“ Sie streichelte ihn. „Geh nur.“
„Ist besser, bevor ich noch mehr tropfende Erdbeeren durch deine Wohnung trage. Happy Birthday, Oma.“
„Fahr vorsichtig, Vegele.“
An der Garderobe musste er seinen Motorradhelm erst suchen. Irgendeines von den Kindern hatte damit gespielt. Alains Blick fiel in den riesigen Spiegel im Goldrahmen. Weil er so braun gebrannt war, sah man nicht gleich, wie schlecht es ihm ging. Aber die grauen Haare an den Schläfen erkannte man sogar im Dämmerlicht.
Von drinnen ertönte Gelächter.
„Die Leute saßen da wie ein Betonwerk“, rief Onkel Chaijm über das Gelächter hinweg. „Wie ein geschlossenes Betonwerk!“
Alain verließ Helenes Wohnung. Das Lachen folgte ihm ins Treppenhaus.


2
Schönhauser Allee
Sturmtief Leonore hatte gewütet. Linden, Birken, Weiden, uralt allesamt, waren zusammengestürzt wie Mikadostäbchen. Die Kettensägen wüteten. Bei dem Lärm wünschte Hanna, sie hätte sich einen anderen Tag für ihren Besuch ausgesucht. Berliner Forsten stand auf den orangefarbenen Fahrzeugen, die auf dem jüdischen Friedhof parkten. Berliner Forsten – war das Deutsch? Der Forst – die Forste. Sie googelte es und fand sich bestätigt. Hanna berichtete nicht über die Forste(n), nicht über das Sturmtief, sie sollte über die Grabschändung schreiben. Es gefiel ihr nur mäßig, dass sie dabei „geführt“ wurde. Unbeobachtet sein, nichts wissen, nur schauen, selbst nachfragen, so recherchierte sie am liebsten.
Der Friedhofsaufseher kannte die bewusste Stelle und zeigte sie dem Beauftragten der jüdischen Kultusgemeinde. Der Beauftragte der jüdischen Kultusgemeinde, ein netter Mann, blass, Brillenträger, hatte einen Lokalaugenschein angesetzt. Hanna schrieb keine Polizeireportage, sie wollte keinen Lokalaugenschein. Die Fakten würde man auch bei den anderen lesen können. Hanna wollte das Phänomen anpacken, die Story hinter der Story. Das war allerdings nicht ihr Auftrag, wenn sie ehrlich war. „Mach was über die Schmiererei in Prenzlberg“, lautete ihr Auftrag. Dafür würde sie in der Printausgabe bestenfalls eine Spalte kriegen. Hanna wollte für die Onlineausgabe schreiben. Antisemitismus, nicht unbedingt ihr cup of tea. Society, Mode, Travel Magazin, solche Sachen hatte sie bisher veröffentlicht. Antisemitismus traute ihr keiner zu.
Nur wenige wussten, dass Hanna verheiratet gewesen war. Mit dem heutigen Auftrag bekam sie die Chance, ihre eigene Erfahrung einzubringen. Bis zu ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr hatte sie Hanna Grässle geheißen, ein schwäbisches Mädle vom Dorf, dunkelhaarig, glutäugig. Sie war nach Berlin gezogen, hatte Elias Golden kennengelernt und bald darauf geheiratet. Von diesem Tag an hatte sie Hanna Golden geheißen, dunkelhaarig, glutäugig. Es war, als ob sie mit dem Namen auch die Hautfarbe gewechselt hätte. Man behandelte Hanna Golden anders, als man Hanna Grässle behandelt hatte. Auch heute noch, achtzig Jahre danach. Nein, heute schon wieder. Heute sogar auf eine Weise, die sie nicht für möglich gehalten hätte.
„Ich kenne gar keine Juden“, sagte ihr Vater, der Polizist aus Nürtingen, manchmal.
„Natürlich nicht“, war Hannas Antwort. „Weil dein Großvater dabei geholfen hat, sie alle umzubringen.“
Die Sache mit Elias war nicht gut gegangen. Das Judentum hatte nichts damit zu tun. Sie trafen sich noch manchmal, jedes Mal fragte sich Hanna, wieso und warum sie geglaubt hatte, dass Elias ihr Mann fürs Leben sei. Schwamm drüber. Sie war neunundzwanzig, Berlin war ihre Stadt.
Seit Elias hatte sie zwei Affären gehabt, auch hier: Schwamm drüber.
Und Leon? Wollte sie die Beziehung mit Leon überhaupt? Er war ichbezogen, ungezogen, neigte zu Depressionen, er legte ein Mega-Ego an den Tag, war tief drin ängstlich und deshalb ungerecht. Leon war einer, der glänzen konnte. Leon war einer, der wehtun konnte.
Der Beauftragte der jüdischen Kultusgemeinde redete gleichmäßig in einem fort, das fiel Hanna auf. Es fanden sich keinerlei Amplituden in seinen Sätzen, stetig floss sein Vortrag dahin, wessen Grab da geschändet worden sei und welche Botschaft er dahinter vermute. Hanna wollte die Botschaft nicht hören, sie wollte die Sache selbst entschlüsseln. Sie war froh, dass die Kettensägen so laut waren, dass sie nur Bruchstücke seiner Rede verstand. Sie hatte sich über den Friedhof kundig gemacht. Beeindruckend, wer hier alles lag, beeindruckend, wie die Menschen im 19. Jahrhundert ihre Gräber gestaltet hatten, wohlhabende Leute zumeist. Die Grabstätte von Felix Mendelssohn lag unweit der zertrümmerten Grabplatte. Am erstaunlichsten fand Hanna, dass der Friedhof keine drei Kilometer von jenem Punkt entfernt lag, wo der Zerstörer des jüdischen Lebens in seinem Bunker gehockt hatte, bevor er sich eine Kugel in den Kopf jagte. Die Gräber seiner Erzfeinde hatten den Holocaust unbeschadet überstanden. Man hatte damals keine Zeit für jüdische Grabsteine gehabt. Heute zertrümmerten anonyme Täter Marmor und Granit mit dem Vorschlaghammer, um ein Zeichen zu setzen.
Hanna beobachtete zwei Touristen. Die Frau im roten luftdurchlässigen Anorak, der Mann im blauen luftdurchlässigen Anorak. Zwei Anoraks im Hochsommer. Bisher war das noch kein richtiger Sommer, eher einer, der den Leugnern des Klimawandels in die Hände spielte. Fünfzehn Grad und Dauerregen. Der Mann fotografierte nicht so sehr den Friedhof, sondern das Chaos der umgekippten Stämme, die der Sturm in die Kronen anderer Bäume geschleudert hatte. Die Männer der Berliner Forste(n) mussten die Sturmschäden vorsichtig heraussägen und abtransportieren. Kein Grab sollte Schaden nehmen, kein weiteres Grab.
Hanna betrachtete den Marmor. Rau und kantig sahen die Bruchstellen aus, wo der Stein unter der Gewalt des Hammers zersprungen war, spiegelnd glatt war die Oberfläche. Die goldenen Buchstaben konnte man noch gut lesen: Joel, Sohn des Herrn Me’ir, dann brach es ab. Vom Beauftragten der Kultusgemeinde erfuhr Hanna, dass dieser Sohn des Herrn Me’ir ein Frommer der Priesterschaft gewesen sei und sein Grab mit dem Ehrentitel Pflanzstätte von Märtyrern bedacht worden war. Ein enormer Hammer musste nötig gewesen sein, um diesen Stein zu zertrümmern. Wie schaffte man einen Vorschlaghammer auf einen Friedhof? Das Haupttor war nachts geschlossen, die Mauer schwer überwindlich, da sie zur Schönhauser Allee hin lag, wo auch nachts Passanten und Autos unterwegs waren. Mit seiner Ostseite grenzte der Friedhof allerdings an den Judengang, eine schmale Schneise zwischen der Friedhofsmauer und den Wohnhäusern der Kollwitzstraße. Die Mauer war an manchen Stellen so niedrig, dass eine Gartenleiter genügte, um sie zu überwinden.
„Danke, das war wirklich sehr aufschlussreich“, schrie Hanna über die Kettensägen hinweg.
„Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen noch …“
Naturgemäß verstand sie nicht, was er ihr zeigen wollte, verabschiedete sich so höflich wie nötig und machte sich auf den Weg zum Judengang. Der Grund, weshalb dieser Pfad angelegt werden musste, war bezeichnend. König Friedrich Wilhelm III. hatte auf seinen Fahrten zum Lustschloss Schönhausen keinem Leichenzug begegnen wollen, darum hatten die jüdischen Toten zum Hintereingang ausweichen müssen.
Ja, die Eitelkeit, dachte Hanna, die Eitelkeit war eigentlich ihre liebste Todsünde. Bis heute verdankten die Medien es vor allem der Eitelkeit des Menschen, dass sie überhaupt existierten.
***
Die Stimme des Direktors brach weg. Warum war er nicht zu Hause geblieben, wenn es ihm so schlecht ging?, überlegte Alain. Der Vize hätte die Statistik genauso gut herunterleiern können. Dreifach gecheckt, sauber gebunden, zum Sterben langweilig, das „Weißbuch Staatsschutz“ lag auf dem Schoß der meisten Journalisten im Saal. Manche blätterten darin, die wenigsten machten sich die Mühe. Manche schrieben mit, die Schlaueren hatten ihre Handys erhoben und zeichneten die Worte des Direktors auf. Mithilfe des Spracherkennungsprogramms würden sie den Vortrag später in eine Datei umwandeln. Wenn ihr euch da mal nicht geschnitten habt, dachte Alain. Bei dem Gekrächze dürfte euch die Technik im Stich lassen. Verstärkt durch das Mikro klang der Vortrag zum Erbarmen. Alain war drauf und dran, seinem Chef das Wasserglas näher zu schieben, damit er seine Kehle benetzen konnte, aber er ließ es bleiben. Nur nicht in den Fokus der Medien geraten, lautete Alains Mantra.
Der Direktor räusperte sich. „In Berlin wurden im Rahmen des kriminalpolizeilichen Meldedienstes insgesamt 4380 Fälle von politisch motivierter Kriminalität registriert. Damit ist das Fallaufkommen im Vergleich zum Vorjahr um 387 Fälle gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von 13,7 Prozent. Während sich bei Propagandadelikten der rückläufige Trend fortsetzt, stiegen die Fallzahlen bei den Gewaltdelikten um 18 Prozent. In den Deliktbereichen Beleidigung / Verleumdung / Volksverhetzung ist der Anstieg eklatant, nämlich um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dazu kommt, dass der Zustrom geflüchteter und asylbegehrender Menschen in der Bundeshauptstadt …“
Und das war’s. Weiter kam der Direktor nicht, die Stimme ließ ihn endgültig im Stich. Er entschuldigte sich und reichte das Papier an den Vize weiter.
Alain saß so weit außen am Tisch der Pressekonferenz, dass er kaum befürchten musste, irgendetwas gefragt zu werden. Zu einem Termin wie diesem wurden die Presseleute gewöhnlich abkommandiert. Keiner von ihnen war freiwillig hier. Bestimmt zählten sie die Minuten, bis es vorbei sein würde. Unbehelligt lehnte Alain sich zurück.
Statistik schön und gut, aber es waren ja nicht nur die Pöbler und Drangsalierer, die Hakenkreuzschmierer und die besoffenen Nazis. Inzwischen kamen die Cybertäter dazu, schwer zu verfolgen, feige tauchten sie in der Anonymität des Internets unter.
Und dann gab es die kleinen Vorkommnisse, die in keiner Statistik vermerkt wurden. Alains Cousin Frank, der Zahnarzt, hatte ihm erzählt, wie zwei alte Damen einmal in die Praxis gekommen waren. Ein freundlicher Senior half ihnen aus den Mänteln. Den Frauen fiel dessen Davidsternkette auf, sie fragten ihn nach deren Bedeutung. Nach seiner Erklärung sahen sie ihn verächtlich an und sagten: „Ach, hat man Sie damals vergessen?“ Alains Cousin hörte die Szene durch die offene Tür des Behandlungsraumes. Das Wartezimmer sei voll gewesen. Sämtliche Anwesenden hätten geschwiegen und so getan, als sei nichts passiert. Schließlich war Frank ins Wartezimmer gegangen und hatte die alten Schachteln hinausgeworfen. Sie waren schockiert, sonst sei der Doktor doch so nett zu ihnen. Die Praxis lief nicht unter dem Namen Liebermann, Frank war Teilhaber von Frau Dr. Schmitz. Hinter dem Praxisnamen Schmitz hatten die Antisemitinnen keinen jüdischen Zahnarzt vermutet.
„Herr Liebermann?“
Alain zuckte zusammen. Hatte er etwas verpasst? Hatte er eine Frage überhört?
„Ja?“
„Wenn Sie als Jude im Jahr 2020 vor einem Hakenkreuz stehen, vor einem Graffiti, auf dem Juden karikiert werden, wenn Sie Drohanrufen nachgehen oder U-Bahn-Randalen, bei denen Israel muss brennen geschrien wird, was fühlen Sie dann?“
Die gefürchtete Was-fühlen-Sie-Frage. Alain versuchte, sich der Was-fühlen-Sie-Frage zu entziehen, so oft er konnte. Eigentlich sollte die Frage nicht lauten, was er als Jude fühlte, sondern wie jedermann sich fühlen müsste, wenn er mit solchen Vorfällen konfrontiert war. Alain wusste, welche Antwort die sympathische Journalistin hören wollte. War sie wirklich sympathisch? War sie nicht eher berechnend? Wollte sie von ihm nicht nur die Headline für ihre Reportage geliefert bekommen?
„Betroffener Ermittler – fühle mich als Jude gedemütigt.“
So oder so ähnlich würde es dann da stehen. Aber den Gefallen tat er ihr nicht.
„Eine Berlinerin hat neulich einen Telefonanruf bekommen“, erwiderte er, als sei die Was-fühlen-Sie-Frage nicht gestellt worden. „Der Anrufer sagte: Hier spricht Gauleiter Hansen, machen Sie sich für Ihre Deportation bereit. Der Mann hatte offenbar schlecht recherchiert, denn die Frau war gar keine Jüdin.“
„Was unternehmen Sie in solchen Fällen, Herr Liebermann?“, fragte die Journalistin.
„Ich habe der Frau eine Trillerpfeife besorgt. Die liegt jetzt griffbereit neben ihrem Telefon. Gauleiter Hansen hat bald darauf wieder angerufen. Danach dürfte er allerdings einen guten HNO gebraucht haben.“
Zu flapsig, zu cool, zu abgebrüht, dachte Alain. Er brauchte gar nicht hinzusehen, um den tadelnden Blick seines Direktors zu spüren. So redete man nicht mit der Presse. Die Presse wollte Betroffenheitsrhetorik hören, weil Betroffenheitsrhetorik sich am besten verkaufte. Ein cooler Jude mit Dreitagebart, der abgebrühte Antworten gab, kam in den Medien nicht gut an. Bei jedem anderen Thema vielleicht, nicht bei Antisemitismus. Über Antisemitismus durfte nicht einmal ein Jude coole Dinge sagen.
Ich bin kein cooler Jude, dachte Alain, ich vermisse Lea. Warum kann Lea nicht hier sein? Sie hätte mich verstanden.
Unter dem Tisch öffnete er sein Handy und tippte Leas Foto an, dieses süße Foto, auf dem sie vor ihrem eigenen Schatten erschrocken war.
Am meisten erschrecken wir vor unseren Schatten – so ein Satz hätte der unsympathischen Journalistin gefallen. Aber er würde sich hüten, ihr solches Futter zu geben.


3
St.  Hedwig
Hanna wollte mit Leon etwas unternehmen. Leon dagegen wollte arbeiten. Das nannte man einen Konflikt.
Leon studierte Kunst und Design. Den halben Tag lang arbeitete er jetzt schon an seinem neuen Projekt. Hanna hatte sich nicht beklagt. Einmal war er kurz aus dem Zimmer gekommen, um sich einen Kaffee zu holen, und war wieder verschwunden. Hanna hatte sich nicht beklagt. Mittlerweile verzog sich die Sonne hinter dem Haus. Hanna wollte mit Leon im Sonnenschein essen und hatte deshalb auf dem Balkon gedeckt.
Jetzt reichte es. Sie ging in ihr Arbeitszimmer, das Leon als sein Arbeitszimmer annektierte. Leon hatte eine eigene Wohnung in Berlin, aber wenn er da war, wohnte er bei Hanna. Leon besaß Geld. Seine Mutter besaß Geld. Leon studierte Kunst in London. Er war nur ein Jahr jünger als Hanna, aber er studierte immer noch. Zunächst hatte er Grafikdesign in Barcelona belegt, es gefiel ihm nicht. Er wollte lieber Komponist werden, doch dafür fehlte ihm das nötige Talent. Mittlerweile versuchte er sich als bildender Künstler. Seine derzeitige Leidenschaft waren Collagen, übermalte Fotos, verzerrte Gesichter und Körper, in grelle Farben getaucht. Leon brauchte viel Verständnis, er forderte Verständnis, und Hanna war jemand, der eine Menge Verständnis für jemanden aufbrachte, in den sie verliebt war.
„So ein schöner Tag“, sagte sie in der Tür zu ihrem Arbeitszimmer. „Hast du nicht allmählich genug gearbeitet? Lass uns rausgehen.“ Ganz lieb trug sie das vor, mit Heiterkeit in der Stimme, ohne Druck aufzubauen.
Leon sog die Luft ein, ein hartes, scharfes Geräusch. Es war sein Zeichen, dass Hanna ihn zur Unzeit störte.
„Ich mag nicht den ganzen Tag auf dich warten“, hakte sie trotzdem nach.
„Den ganzen Tag? Es ist grade mal drei.“
„Die Sonne verschwindet gleich. Übermorgen musst du wieder zurück nach London. Wir haben gar nichts voneinander.“
Hörte sich das weinerlich an oder flehentlich? Klammerte Hanna etwa? Hatte es etwas Bedürftiges, wenn sie ihn anbettelte, bei ihr zu sein, bevor er wieder ins tolle kreative London entschwinden würde?
„Ich habe nämlich auch noch einiges zu tun“, setzte sie hinzu, um ihren Stolz zu wahren. Hannas Artikel über die Schändung des jüdischen Friedhofs hatte Aufsehen erregt, was ihre Redaktion aber nicht veranlasste, sie weiterhin mit ähnlich herausfordernden Aufgaben zu betrauen. Ihr derzeitiges Feature, kalorienarme Sommerrezepte mit Fenchel, konnte warten, bis Leon abgereist war. Das brauchte er allerdings nicht zu wissen.
„Gib mir noch zwanzig Minuten.“ Er wandte den Blick nicht von der Fotocollage.
„Deine zwanzig Minuten bedeuten mindestens eine Stunde.“
„Schau auf die Uhr. Um Viertel vor mache ich die Klappe zu, versprochen.“
„Viertel vor. Ich nehm dich beim Wort.“
Sie lächelte, froh, dass sie bei ihm etwas erreicht hatte. Sie kehrte in die Küche zurück und gab dem Hund sein Fressen. Während sie die Dose öffnete, drehte sich die Spanieldame aufgeregt im Kreis.
„Ja, du bist auch ein Mädchen, das zu wenig Beachtung kriegt, stimmt’s?“ Hanna streichelte Ramona. „Du bist ein braves Mädchen.“
Ramona winselte und fraß. Hanna freute sich darauf, nach dem Essen mit Leon und Ramona einen langen Spaziergang zu machen, zur Museumsinsel und an der Spree entlang. Sie setzte sich an den Küchentisch und holte ihren Laptop aus dem Ruhezustand. Fünf E-Mails waren eingegangen, sie kamen von ein und demselben Absender. Die Adresse war ihr unbekannt. Trotzdem waren die Nachrichten nicht im Spam gelandet. Hanna öffnete die erste E-Mail. Die Betreffzeile klang vielversprechend: Die Quelle des Rassismus.
***
„Alain?“
„Ja.“
„Wann kommst du?“
„So schnell ich kann.“
„Du hättest vor einer Viertelstunde hier sein sollen“, sagte Velkan am Telefon.
„Mir ist etwas dazwischengekommen.“ Alain bedeutete der Frau, die vor ihm auf dem Pflaster lag, sich nicht vom Fleck zu rühren.
„Mir ist doch gar nichts passiert“, flüsterte die Frau auf dem Pflaster, um Alains Telefonat nicht zu stören. Sie kam auf die Knie hoch.
Er hielt das Handy zu. „Bitte laufen Sie nicht weg.“
„Ich habe einen Termin.“
„Ich auch.“
„Warum können wir nicht einfach sagen, es sei nichts passiert?“ Die Frau untersuchte den Riss an ihrem Blusenärmel.
„Weil ich die Dinge so nicht regeln darf“, antwortete er. „Ich darf Sie nicht einfach weitergehen lassen, verstehen Sie? Ich bin von der Polizei.“
„Wirklich?“ Die Frau, die gerade von Alain angefahren worden war, lächelte. „Na, ich hab ja vielleicht ein Glück.“
Alains Motorrad lag auf der Seite. Benzin trat aus. Seine Jeans war voll Öl, er blutete am Oberschenkel. Die rechte Socke war angesengt, weil der heiße Auspuff auf seinem Fuß gelandet war. Im letzten Moment hatte er die Maschine herumgerissen und durch seinen Sturz verhindert, dass er die Passantin überfuhr.
„Hallo?“, machte Velkan am anderen Ende auf sich aufmerksam. „Hier ist eine Frau für dich.“
„Hier ist auch eine Frau.“ Alain biss die Zähne zusammen. Sein Knöchel tat weh.
„Aber die Frau hier hat einen Termin mit dir.“
„Wie heißt sie?“
„Wie heißen Sie?“, fragte Velkan jemanden am anderen Ende. „Sie sagt, sie heißt Hanna Golden.“
„Ja, richtig, ich weiß. Sag ihr, ich komme so schnell, wie ich kann. Sie soll warten. Oder noch besser, jemand vom Team soll mit ihr reden.“
„Das will sie nicht. Sie sagt, sie hat dich im Fernsehen gesehen und will mit dir sprechen.“
„Okay, ja, okay“, brach es aus Alain hervor. Sein dummes Statement auf der Pressekonferenz war im Ersten und im Zweiten gesendet worden. Er hätte besser die Klappe gehalten. „Ich bin gleich da.“
Alain unterbrach die Leitung, wählte die Nummer der Polizeiwachstube Brunnenstraße und informierte die Kollegen, dass ein Notarzt gebraucht werde. Danach trat er zu der Frau auf dem Pflaster. „Wie geht es Ihnen?“ Er musterte ihre zerrissene Bluse.
„Halb so schlimm.“ Vorsichtig kam sie auf die Beine. Als sie sich bückte, um ihre Handtasche aufzuheben, wurde ihr schwindlig. Sie machte ein paar unbeholfene Schritte und setzte sich zitternd wieder auf den Boden. Alain bettete ihren Kopf auf seine Lederjacke und legte ihre Beine auf seinen Motorradhelm. „Nicht bewegen.“ Sein Blick fiel auf die Schaulustigen, die in der schwach befahrenen Straße stehen geblieben waren.
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte einer.
„Ist schon unterwegs.“ Er beugte sich zu der Frau. „Wir bringen Sie ins Krankenhaus.“ Als sie protestierte, drückte er sie sanft zu Boden.
Aus außergewöhnlich blauen Augen sah sie ihn an. „Was sind denn Sie für ein seltener Samariter?“
Alain bemerkte, dass die dunkle Lache um sein Motorrad größer wurde.

Der Krankenwagen brachte die verunglückte Frau nicht in die Charité, sondern in das kleinere St.-Hedwig-Spital. Versteckt lag es in der Großen Hamburger Straße und wirkte von außen wie ein Stiftskloster mitten in der Stadt. Es war das älteste katholische Krankenhaus Berlins. Hier gab es keine Pförtner, sondern Nonnen, keine Krankenschwestern, sondern Ordensschwestern.
Dieser Ort hatte Alain damals sofort für sich eingenommen. „Hier ist es gut“, hatte er zu Lea gesagt. Es war Leas letzte Station gewesen. Sie und er wurden zusammen in St. Hedwig heimisch. Die Nonnen erlaubten, dass Alain blieb. Ein Feldbett, der Blick ins Grüne, vier Wochen lang verließ er das Spital nicht. Bis zuletzt.
Während Alain darauf wartete, dass die Frau, die er angefahren hatte, vom Röntgen kam, lief er telefonierend durch die Gänge von St. Hedwig und war dabei, seine Termine zu verschieben. Er hatte Leas Zimmer nicht gesucht, das Zimmer fand ihn. Eine andere Erklärung gab es nicht. Dort war die Ärztetoilette, wie immer verschlossen, hier die Holzbank für Besucher, mit Blick auf die Birke im Innenhof. Das Handy in seiner Hand sank herab, mitten im Satz, mitten im Wort. Gerade hatte er noch einen Auftrag erteilt, gerade war er noch unter den Lebenden gewesen. Jetzt nicht mehr. Alain stand vor Leas Sterbezimmer.
Er trat näher, drückte die Klinke, trat ein. Lea, dachte er. Das Zimmer war leer, die Matratze aufgerollt. Nichts erinnerte an Lea. Alles erinnerte ihn an sie. Dort in der Ecke hatte seine Notliege gestanden. Über dem Krankenbett baumelte der Galgen. An diesem Plastikgriff hatte sie sich hochgezogen. In der letzten Woche besaß sie kaum noch die Kraft, ihre Hand zu heben. Alain umfasste den kalten grauen Kunststoff. Die Tränen kamen so schnell, dass er nicht wusste, mit welcher Hand er sie abwischen sollte. Links das Handy, rechts der Galgen.
„Was machen Sie hier?“ Sie stand in der Tür. Im Krankenhaus trugen die Nonnen Weiß.
„Das ist Leas Zimmer.“ Er drehte sich um.
Sie strahlte nicht Güte aus, wie man es von einer Nonne erwarten würde. „Was ist mit Ihnen?“
„Das ist das Zimmer meiner Frau.“
„Ist Ihre Frau verlegt worden? Suchen Sie sie?“
„Ja. Ich suche sie.“
„Wohin wurde sie verlegt?“
„Das weiß ich nicht.“ Er schüttelte den Kopf.
Die Nonne zeigte auf sein Handy. „Sie dürfen hier nicht telefonieren.“
„Entschuldigen Sie.“ Er steckte es weg.
„Soll ich Ihnen helfen, Ihre Frau zu finden?“, fragte sie, obwohl man ihr ansah, dass sie Wichtigeres zu tun hatte.
„Danke, es geht schon“, antwortete Alain. Er zog die Nase hoch.
Als er gleich darauf aus dem St.-Hedwig-Spital trat, hatte er die Frau vom Unfall völlig vergessen. In Leas Zimmer zu stehen und Lea nichts von dem Unfall erzählen zu können schmerzte ihn körperlich. Er würde es ihr trotzdem erzählen, später, heute Nacht. Er wusste, dass Lea nicht mehr da war, wusste, dass es nirgendwo einen Ort gab, an dem sie sich aufhielt. Trotzdem wäre Alain lieber mit Lea nirgendwo gewesen als irgendwo ohne sie.
Er erinnerte sich daran, dass die Synagoge gleich um die Ecke lag. Damals, als Lea und er ins St. Hedwig gezogen waren, hatte sie das als Pluspunkt bezeichnet. „Ich sterbe zwar bei den Katholiken“, hatte sie gesagt, „aber unser Gott ist gleich um die Ecke.“ Unser Gott. Mit gebeugten Schultern schüttelte Alain den Kopf. Es hätte seine Großmutter gefreut, wenn er jetzt die Kippa aufgesetzt und in die Synagoge gegangen wäre. Aber Alain wollte niemanden mit seinen Angelegenheiten belästigen, nicht einmal Gott. Gott hatte mit dieser Angelegenheit nichts zu tun.


4
Connecting
„Wenn der Typ das auf den üblichen Plattformen gepostet hätte, wäre es ein Klacks.“ Velkan zog einen Fruchtgummi der Marke Pasta Frutta aus der Packung und schob ihn in den Mund.
„Aber das hat er nicht.“ Alain stand hinter Velkan.
„Heißt das, wir kommen nicht rein?“ Hanna Golden saß am Besuchertisch, wo Alain sie geparkt hatte. Das Büro bestand aus gläsernen Wänden. Man war praktisch von überall einsehbar.
„Nein, das heißt es nicht“, rief Velkan, während er mit der linken Hand tippte und nach dem nächsten Fruchtgummi tastete.
„Seit wann futterst du diese Dinger?“, fragte Alain. „Sonst hast du doch immer … Wie heißt der Mist?“
„Drachenzungen“, antwortete Velkan kauend.
„Stimmt, Drachenzungen. Warum die Ernährungsumstellung?“
„Drachenzungen sind mir zu ungesund.“ Er klopfte auf seinen Bauch. „Zu viel Magensäure.“
„Und Pasta Frutta ist gesünder?“ Alain nahm die Packung. „Bei all den Zusatzstoffen sollte man das Zeug besser nicht essen, wenn man schwanger ist.“
Velkan grinste. „Stimmt. Es ist ein Teufelskreis.“ Sein Zeigefinger knallte auf die Entertaste. „So, du Arschloch! Wenn du ein smarter Antisemit sein willst, dann such dir ein besseres Passwort.“ Er grinste den Bildschirm an.
„Sind wir drin?“ Hanna sprang auf und trat zu den beiden.
„Drin noch nicht. Aber ich bin eine Ebene weiter.“
„Ist das gut?“ Hanna las die Hieroglyphen. ›Connecting to #dtth.con.443.6times / Hello for TLSvI.049 / Received Server TLSvI.049‹
Ein Warnsignal ertönte.
„Was geht ab?“, fragte Alain.
TLSvI.0 returned more data than it should. Server vulnerable. Connecting attempt failure.
Velkan biss ab. „Da ist noch eine Menge dahinter.“ Velkan tippte. „Eine ganze Menge sogar.“
„Das heißt?“ Alain ließ Hanna den Vortritt, sich über den Bildschirm zu beugen.
„Algorithmen wie diese benutzen normalerweise …“ Velkan stutzte.
„Wer?“
„Dschihadisten.“
Die Blicke von Hanna und Alain trafen sich.
Velkan ließ den Fruchtgummi sinken. „Nein. Nein, das muss was anderes sein.“
„Warum pingst du ihn nicht an?“
„Auf keinen Fall.“
„Frag ihn, wer er ist.“
„Wenn ich das tue, weiß er, wer wir sind.“
„Umso besser. Dann weiß er, dass wir ihm am Arsch hängen“, sagte Alain ermunternd.
„Und löscht sofort alles.“ Mit müdem Ausdruck schaute Velkan hoch. „Das heißt dann Bye-bye für immer.“
Ein hohes Geräusch, dreimal, viermal, unangenehm.
„Was ist das?“, fragte Hanna.
„Er pingt uns an.“ Velkan tippte. „Neugieriger Bastard.“
„Kannst du sehen, wer er ist?“
Tracercute to *209–123 vhtslen4009?
„Nein.“
„Kann er sehen, wer wir sind?“
„Er ist schlau. Seine IP-Adresse ist nicht zuzuordnen.“ Velkan tippte. „Er geht in Einzelschritten vor, zu viele Möglichkeiten.“
„Wer beherrscht denn so was?“ Alain wollte nicht länger gebückt stehen. Er machte ein paar Schritte.
„Könnte Regierung sein.“
„Was?“, rief Hanna.
Alain kam zurück. „Aber wir sind doch Regierung.“
„Ich sehe nur, was er mich sehen lässt.“
Alain legte Velkan die Hand auf die Schulter. „Welche Regierung? Unsere?“
Velkan beugte sich ein wenig vor, ihm gefiel die Berührung nicht.
Alain nahm die Hand weg. „Was macht er?“
„Er schleicht um unsere Firewall herum.“
„Kannst du sehen, wo er sitzt?“
Velkan scrollte. „Er benutzt Proxys, also will er nicht, dass wir ihn orten.“ Velkan sah Hanna an. „Eines kann ich jetzt schon sagen. Die Mails an Sie hat er definitiv nicht aus Deutschland abgeschickt.“
Während Velkan am Werk war, nahm Alain seinen Gang wieder auf. Er betrachtete die Journalistin, die er gestern wegen des Unfalls hatte versetzen müssen. Klein war sie, ungewöhnlich zierlich. Er nahm an, dass sie ihre Sachen mitunter in der Kinderabteilung kaufen musste. Mit ihrer lockigen Mähne konnte man sie von hinten für ein kleines Mädchen halten. Sie hatte einen Artikel über die Schändung des jüdischen Friedhofs geschrieben. Alain mochte ihren Stil. Klug, aber nicht zu intellektuell, präzise, aber nicht zu ausführlich, böse, verdammt böse, scharf und kompromisslos. Ein selten gutes Stück Journalismus.
Wenn etwas so gut war und so zielsicher traf, ließ die Antwort nicht lange auf sich warten. Mails mit dem Betreff: Die Quelle des Rassismus hatten Hanna erreicht. Dahinter steckte kein dummer Nachplapperer antisemitischer Parolen, sondern ein terminologisch geschulter demagogischer Kopf. Mit Fälschungen und Verkürzungen, die den Kontext geschickt veränderten, hatte er den Talmud zitiert, mit der Absicht, den Juden zwanghaften Menschenhass nachzuweisen. Der Jude könne einfach nicht anders, als seine Mitmenschen zu verachten. Der Verfasser der Mails beschimpfte Hanna als Satanide und warf ihr vor, als Instrument des internationalen Judentums zu agieren, dem daran gelegen war, die aktuellen rassistischen Tendenzen in Deutschland auszunutzen, um den Staat zu schwächen und die Machtübernahme durch eine jüdische Global-Elite vorzubereiten.
Aus Angst und ein wenig Neugier hatte Hanna sich an die Polizei gewandt und war an das LKA 5 weiterverwiesen worden. Der polizeiliche Staatsschutz war für Verhinderung und Bekämpfung politisch motivierter Straftaten zuständig, unabhängig, ob sie von rechts, links oder aus dem Ausland kamen. Der radikale Islamismus gehörte ebenfalls in das Spektrum. Schließlich war Hanna Golden beim MES gelandet, dem Mobilen Einsatzkommando Staatsschutz. Ein eindeutig deutscher Titel, fand Alain, ein Name, der an die Kürzel aus dunklen Zeiten erinnerte. Doch das behielt er lieber für sich. Seit vier Jahren war Alain Leiter der kleinen Truppe, die aus fünfzehn festen Mitarbeitern und ebenso vielen Freien bestand. Zu klein, geradezu winzig, um die Aufgaben einer Millionenstadt zu bewältigen, sollte man meinen, aber Alain fand es richtig so. Unauffällig, wendig und durch Leute wie Velkan auf dem neuesten digitalen Stand.
„Heißt Ihr Cyberspezialist wirklich Velkan?“, hatte Hanna zu Beginn des Termins gefragt.
„Er nennt sich so.“ Alain und Hanna waren zum Kaffeeautomaten gegangen. „Es hat mit irgendeinem Vampirfilm zu tun, den er mag. Prinz Velkan ist in der Lage, sich in einen Werwolf zu verwandeln.“
„Ein Werwolf, so ist das also.“ Hanna hatte drei Perlen Süßstoff in ihrem Cappuccino versenkt.
„Na bitte!“ Velkan nahm eine ganze Handvoll Pasta Frutta. „Seine Firewall hat einen Zero-Cross-Defekt.“
„Heißt das, du kommst weiter?“ Alain lief zum Rechner.
„Vielleicht. Aber dazu …“ Seufzend wandte sich Velkan zu den Servern, die auf der anderen Seite der Glaswand ihr blinkendes Dasein führten. „Dazu bräuchte ich eine höhere Rechnerleistung.“ Er sank gegen die Lehne. „Eine erheblich höhere Rechnerleistung.“
„Hol sie dir“, rief Alain. „Warum nimmst du sie dir nicht einfach?“
„Willst du’s wissen?“ Seelenruhig riss Velkan eine neue Tüte Pasta Frutta auf.
„Was?“
„Das Digitalgesetz ist im Bundestag gescheitert. Die Regierung hat es verbockt. Genau genommen haben’s die Ministerpräsidenten mit zu vielen Sonderwünschen verbockt. Das heißt, wir leiden immer noch unter der letzten Budgetkürzung. Das bedeutet, ich habe nicht genug Power, um dieses Arschloch hier dumm aussehen zu lassen.“
„Du kommst nicht an ihn ran, weil du nicht genug Serverleistung hast?“, erwiderte Alain ungläubig.
Velkan kaute und nickte.
„Aber wir sind der Staatsschutz“, rief Alain hilflos.
„Tja, es gibt Leute in diesem Land, die den Staatsschutz alt aussehen lassen.“ Velkan zeigte auf den Screen. „So wie der hier.“ Grüne, weiße, rote Zahlenreihen bewegten sich von unten nach oben und verschwanden.
Hanna sah zwischen den beiden hin und her. „Und dieser Typ soll einen Hammer auf den jüdischen Friedhof geschmuggelt und so lange zugeschlagen haben, bis die Grabsteine zersprungen sind?“
Velkan schüttelte den Kopf. „Nee. Der bestimmt nicht. Der hat wirkungsvollere Methoden.“


5
Auge um Auge
Beryll war einer von diesen schönen Männern, die mit fortschreitendem Alter vergeblich gegen die Verfettung kämpften. Er hatte rostrote Locken, die er gern in die Stirn fallen ließ, ein forsches Lachen und ein mannhaftes Auftreten. Dass er fett wurde, bemerkte man erst, wenn er aufstand. Beryll hatte weibische Schenkel und einen pompösen Arsch.
„Sie dürfen mit diesen Leuten keinen Kontakt aufnehmen“, sagte er.
„Ich fürchte, das muss ich leider“, widersprach Alain. Er hätte eine Begegnung woanders vorgezogen, aber Beryll hatte auf einem Treffen in seinem Büro bestanden. Der Verfassungsschutz residierte unweit der Spree. Alain hatte einen langen Weg quer durch die Stadt zurückgelegt.
„Wir beobachten diesen Kameradschaftsbund schon seit Längerem.“ Beryll machte sich an der Nespressomaschine zu schaffen. „Wenn Sie mit dieser Frau Kontakt aufnehmen, geben Sie ihr den Status einer V-Person. Das liegt nicht in unserem Interesse.“
„Was wäre, wenn der Verfassungsschutz gar nichts davon weiß?“ Alains Blick ruhte auf den Pobacken des Sektionschefs.
„Sie haben mich doch soeben darüber informiert“, entgegnete Beryll humorlos.
„Herr Sektionschef, ich bitte Sie lediglich um eine Adresse.“
„Weshalb ausgerechnet Franka?“ Beryll drückte auf den Auslöser. Das harte Schnurren der Maschine, sämige Flüssigkeit floss in die Tasse.
„Weil ich glaube, dass Hanna Golden ernsthaft in Gefahr ist.“
„Aber Sie haben doch diese Hassmails an die Journalistin. Warum verfolgen Sie die nicht zurück?“
„Der Standort des Gefährders ist auf elektronischem Weg nicht erfassbar.“
„Haben Sie dafür nicht extra diesen ausgebufften Typen aus der Hackerszene in Ihr Team geholt?“, entgegnete Beryll mit teutonischer Ironie. „Einen dieser Jungs, die angeblich jedes Problem knacken?“
Alain ließ die Spitze an sich abprallen. „Das klappt in diesem Fall nicht. Ich muss die Sache analog angehen.“ Verdammte Behördeneifersucht, dachte er. Wie Kinder, die ihr Spielzeug nicht ausleihen wollten. Gleichzeitig beobachtete er, wie der Espresso in der Tasse höher und höher stieg, ohne dass sich die Maschine abschaltete.
Beryll verschränkte die Arme. „Wenn ich Ihnen Frankas Daten gebe, wäre ich persönlich in den Fall involviert. Das ließe sich zurückverfolgen.“
„Ähm …“ Alain zeigte auf den Apparat.
„Ach verdammt!“ Beryll fuhr herum. „Das ist schon das zweite Mal.“ Das Geräusch verstummte. Kaffee überall, in Tropfen, in Lachen. Beryll riss Papierservietten aus der Schublade und ließ sie zu Boden segeln. Die Servietten verfärbten sich.
„Die Akte Franka könnte doch zufällig auf Ihrem Schreibtisch liegen“, sagte Alain kollegial. „Ich würde nur ganz nebenbei einen Blick darauf werfen.“
Das Malheur mit der Maschine verdarb Beryll den Tag. Er war daher nicht zu Gefälligkeiten aufgelegt. „Franka ist ein ideologisches Sammelsurium. Eine zum Christentum konvertierte Muslimin, die mutterseelenallein auf einem Bauernhof in der Lausitz lebt. Sie ist Gründungsmitglied einer rechtsradikalen Vereinigung. Sie agiert in den sozialen Netzwerken als rechte Influencerin und hat Tausende Anhängerinnen im Netz. Sie gibt sich akademisch und intellektuell. Darauf fahren die rechten Frauen heutzutage mehr ab als auf die Brutalos aus der Naziszene.“ Beryll klatschte mit der Hand gegen seinen Oberschenkel. „Und so jemanden wollen Sie als Informantin für den Staatsschutz rekrutieren? Machen Sie sich nicht lächerlich, Kollege.“
„Wissen Sie was, Kollege?“ Alain schmunzelte. „Jetzt haben Sie mich erst recht neugierig gemacht.“

„Wie sprichst du den Typen eigentlich an – Herr Beryll, oder sagst du Herr Sektionschef zu ihm?“ Velkan trank ein undefinierbares blaues Zeug. Blaue Getränke dürfte es eigentlich nicht geben.
„Ich kann ihn unmöglich beim Vornamen nennen.“ Alain bestellte noch ein alkoholfreies Bier.
„Wieso nicht?“
„Der Mann heißt Ewald.“
„Verstehe. Da verbietet sich jeder vertrauliche Ton.“
„Beryll scheint eine persönliche Fehde mit dieser Franka am Laufen zu haben, darum schaltet er auf stur. Der Verfassungsschutz wird uns also nicht weiterhelfen.“ Alain bekam sein Bier. „Es ist zwar nicht ganz konform mit der Dienstvorschrift, aber …“ Er zögerte, hob die Flasche an den Mund. „Wärst du in der Lage, rauszukriegen, wo ich Franka finde?“
„Ich soll den Verfassungsschutz hacken?“ Mit blauer Zunge leckte Velkan sich über die Lippen.
„Okay, ist wahrscheinlich Schwachsinn. Vergiss es.“
Velkans Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. „Ich dachte schon, du fragst nie.“
Alain musterte den rotbärtigen Kerl. Das Klischee besagte, dass Computernerds nie eine Freundin kriegten. Velkan wollte keine Freundin. Schwul war er nicht, er wollte bloß keine Freundin. Er ließ sich den Bart stehen, um sein Gesicht unkenntlich zu machen. Wenn er nicht auf die Tastatur einhämmerte, wusste er nicht, wohin mit seinen Händen, und schlang die Arme häufig wie Schlangen um seinen Hals. Seit vier Jahren war Alain Leiter der MES. Mit keinem aus dem Team hatte er bisher Freundschaft geschlossen. Velkan war erst vor einem Jahr dazugestoßen, eine Woche vor Leas Tod. Er hatte nicht gewusst, dass sie starb, und war in ihr Zimmer in St. Hedwig hineingepoltert. Alain hatte ihn dafür gehasst, so wie er jeden hasste, der ihm auch nur eine gemeinsame Sekunde mit Lea stahl. Velkan war der Einzige, der sie in ihrem letzten Zustand gesehen hatte. Seit dieser Zeit war die Freundschaft zwischen ihnen besiegelt.
Velkan trank von der blauen Flüssigkeit. „Glaubst du, die Frau will ein Date?“
„Welche Frau?“
„Die, die du überfahren hast.“
„Ich habe diese Frau nur angefahren.“
„Trotzdem will sie dich treffen.“
„Ja. Was ist schon dabei?“ Alain trank. „Es könnte allerdings sein, dass sie inzwischen mit ihrem Anwalt geredet hat. Vielleicht will sie nachträglich einen Vorteil für sich herausschlagen. In dem Fall würden wir uns treffen, wir plaudern harmlos, und hinterher verklagt mich ihr Anwalt auf Schmerzensgeld.“
„So sind die Menschen nicht“, erwiderte Velkan sanftmütig. „Du glaubst nur, dass die Menschen so sind, weil du ständig mit solchen Menschen zu tun hast.“
„Also sind die Menschen doch so.“
„Nur die bösen.“ Velkan nippte. „Triff dich mit dieser Frau, die dich anruft, weil sie sich bedanken will.“
„Wofür will sie sich bedanken? Ich habe nichts für sie getan.“
„Du hast sie ins Krankenhaus gebracht.“
„Hättest du das nicht auch gemacht?“
„Nein.“
„Die Frau war verletzt. Sie hat geblutet. Sie hatte ein Schleudertrauma.“
„Na und? Bist du ein Notarzt?“ Velkans Lippen waren dunkelblau.
Alain knuffte ihn gegen die Schulter. „So abgebrüht, wie du tust, bist du gar nicht.“
Selbst von der winzigen Berührung zog Velkan sich zurück. „Wirst du sie treffen?“
„Wozu?“
„Vielleicht ist es ja wirklich ein Date.“
„Ich will kein Date.“
„Ist sie hübsch?“
„Sehr sogar, soweit ich das sehen konnte.“
„Warum willst du nicht mal zur Abwechslung ein Date?“
„Ich bin ein verheirateter Mann …“
„Was, wieso? Du …“
„Falls du das vergessen haben solltest“, fuhr Alain ihn an. „Ich habe es nämlich nicht vergessen. Ich halte mich an den Deal. Auch wenn ich zwischendurch mal so wirke, als ob ich mich über irgendetwas freue, fällt mir im nächsten Augenblick ein, dass ich das nicht mit Lea teilen kann. Ich kann nicht mehr zu ihr. Also warte ich einfach, bis es so weit ist, dass wir uns wiedersehen.“
Velkan war berührt, möglicherweise peinlich berührt. „Was redest du da? Willst du dich umbringen?“
„Quatsch. Ich will bloß kein Date. Das ist alles.“
Velkan trank sein blaues Was-auch-immer in einem Zug aus. „Glaubst du denn an das ganze Hinterher-Zeug? Glaubst du im Ernst, dass du Lea eines Tages wiedersehen wirst?“
„Hör bloß auf“, knurrte Alain. „Es gibt kein Wiedersehen. Sie ist für immer ein Häufchen Asche. Ich durfte ihre Asche nicht einmal ausstreuen, verdammte deutsche Bürokratenscheiße. Lea bleibt für immer in dieser geschmacklosen Urne, die ihre beschissene Mutter ausgesucht hat.“
„Okay, okay, ich dachte ja nur.“
„Was dachtest du? Du dachtest, dass ich gläubig bin, weil ich aus einer religiösen Familie stamme? Bei uns gibt es das aber nicht, euer katholisches Wohlfühlkonzept: Lebe jetzt, zahle später.“
„Ich bin nicht katholisch.“
„Wir Juden haben einen weit kräftigeren Deal mit Gott: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das haut besser rein, glaub mir, als das katholische Weichspülen der Sünden.“
„Ich bin trotzdem nicht katholisch.“
„Ach, leck mich am Arsch.“ Alain ging aufs Klo.
Als er zurückkam, entschuldigte er sich. Sie hörten Musik, eine kratzige Stimme, viel Cello, unverständlicher Text. Schließlich brachen sie auf. Erst auf der Straße fiel Alain ein, dass sein Motorrad noch in der Werkstatt war.
„Wollen wir uns ein Taxi teilen?“, fragte Velkan.
„Du musst nach Kreuzberg, ich nach Pankow. Wie sollen wir uns da ein Taxi teilen?“
„Hast recht.“