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Das Verschwinden der Stephanie MailerDas Verschwinden der Stephanie Mailer

Roman

Joël Dicker ist zurück – so intensiv, stimmungsvoll und packend wie »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert«.--- Es ist der 30. Juli 1994 in Orphea, ein warmer Sommerabend an der amerikanischen Ostküste: An diesem Tag wird der Badeort durch ein schreckliches Verbrechen erschüttert, denn in einem Mehrfachmord sterben der Bürgermeister und seine Familie sowie eine zufällige Passantin. Zwei jungen Polizisten, Jesse Rosenberg und Derek Scott, werden die Ermittlungen übertragen, und sie gehen ihrer Arbeit mit größter Sorgfalt nach, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch zwanzig Jahre später behauptet die Journalistin Stephanie Mailer, dass Rosenberg und Scott sich geirrt haben. Kurz darauf verschwindet die junge Frau ... - Die idyllischen Hamptons sind Schauplatz einer fatalen Intrige, die Joël Dicker mit einzigartigem Gespür für Tempo und erzählerische Raffinesse entfaltet. --- »Macht süchtig!« Elle

Zu den Ereignissen des 30. Juli 1994

Nur wer sich mit den Hamptons im Staat New York sehr gut auskennt, dürfte gehört haben, was am 30. Juli 1994 in Orphea geschehen ist, einem kleinen, piekfeinen Badeort am Atlantik.

An jenem Abend wurde das allererste Theaterfestival von Orphea eröffnet, und diese Veranstaltung hatte aus dem ganzen Land ein großes Publikum angezogen. Schon seit dem Spätnachmittag strömten Touristen und Einheimische zur Hauptstraße, um an den zahlreichen von der Stadt organisierten Festivitäten teilzunehmen. Es hatten so viele Anwohner ihre Viertel verlassen, dass diese wie ausgestorben wirkten: keine Spaziergänger mehr auf den Gehsteigen, keine Paare auf den Veranden, keine Kinder mit Rollschuhen auf der Straße, niemand in den Gärten. Alle Welt tummelte sich im Zentrum.

Gegen 20 Uhr war im menschenleeren Penfield-Viertel das einzige Lebenszeichen ein Auto, das langsam durch die verlassenen Straßen fuhr. Mit einem Anflug von Panik im Blick suchte der Mann am Steuer die Gehsteige ab. Er hatte sich noch nie so allein auf der Welt gefühlt. Nirgendwo irgendwer, der ihm helfen konnte. Er wusste nicht ein noch aus: Seine Frau war vom Joggen nicht zurückgekehrt.

 

Samuel und Meghan Padalin gehörten zu den wenigen Einwohnern von Orphea, die beschlossen hatten, an diesem ersten Festivalabend zu Hause zu bleiben. Sie hatten keine Karten mehr für die Eröffnungsveranstaltung bekommen, denn der Vorverkauf war gestürmt worden, und sie hatten keine Lust verspürt, das Volksfest an der Hauptstraße und der Marina zu besuchen.

Also war Meghan abends, wie jeden Tag, gegen 18 Uhr 30 laufen gegangen. Mit Ausnahme der Sonntage, an denen sie ihrem Körper ein wenig Ruhe gönnte, drehte sie täglich die gleiche Runde. Sie lief bei sich zu Hause los und die Penfield Street hinauf bis zum Penfield Crescent, wo die Straße im Halbkreis um einen kleinen Park herum führte. Dort hielt sie an, um auf dem Rasen ein paar Übungen zu machen – immer die gleichen –, und kehrte dann auf demselben Weg nach Hause zurück. Alles zusammen dauerte genau eine Dreiviertelstunde. Manchmal auch fünfzig Minuten, wenn sie mehr Zeit für ihre Gymnastik aufgewandt hatte. Aber länger nie.

Um 19 Uhr 30 hatte Samuel Padalin es seltsam gefunden, dass seine Frau noch nicht zurück war.

Um 19 Uhr 45 hatte er begonnen, sich Sorgen zu machen.

Um 20 Uhr tigerte er unruhig durch die Wohnung.

Um 20 Uhr 10 nahm er schließlich, als er es nicht mehr aushielt, seinen Wagen, um das Viertel abzufahren. Er hielt es für das Naheliegendste, an Meghans üblicher Joggingstrecke zu suchen. Was er dann auch tat.

Er fuhr in die Penfield Street und hinauf bis zum Penfield Crescent, wo der Weg sich gabelte. Es war 20 Uhr 20. Keine Menschenseele weit und breit. Er blieb einen Moment stehen und blickte forschend in den Park, konnte aber niemanden entdecken. Auf dem Rückweg bemerkte er etwas auf dem Gehsteig. Zunächst hielt er es für einen Kleiderhaufen. Dann begriff er, dass es ein Körper war. Mit klopfendem Herzen stürzte er aus dem Auto. Es war seine Frau.

 

Der Polizei erzählte Samuel Padalin später, er habe zunächst gedacht, sie sei wegen der Hitze zusammengebrochen. Er habe einen Herzanfall befürchtet. Aber als er auf Meghan zugelaufen sei, habe er das Blut und das Loch in ihrem Hinterkopf gesehen.

Er fing an zu schreien und um Hilfe zu rufen und wusste einfach nicht recht, ob er bei seiner Frau bleiben oder losrennen und an Türen trommeln sollte, damit jemand den Notarzt rief. Doch ihm wurde schwarz vor Augen und seine Beine trugen ihn nicht mehr. Schließlich hörte ihn der Bewohner einer Parallelstraße, der den Notarzt alarmierte.

 

Wenige Minuten später riegelte die Polizei das Viertel ab.

Einer der ersten Polizeibeamten vor Ort bemerkte, als er das Absperrband anbrachte, dass die Tür zum Haus des Bürgermeisters, vor dem Meghans Leiche lag, ein wenig offen stand. Neugierig sah er sich die Sache genauer an. Und stellte fest, dass die Tür aufgebrochen worden war. Er zog seine Waffe, erklomm mit einem Satz die Stufen der Außentreppe und machte sich durch Rufen bemerkbar, doch er erhielt keine Antwort. Mit der Fußspitze stieß er die Tür ganz auf und sah eine Frauenleiche im Flur liegen. Rasch forderte er Verstärkung an, bevor er sich langsam weiter ins Haus vorwagte, die Waffe schussbereit. In einem kleinen Wohnzimmer zu seiner Rechten entdeckte er voller Entsetzen die Leiche eines Jungen. In der Küche fand er dann den Bürgermeister, in seinem Blut badend, ebenfalls ermordet.

Die ganze Familie war niedergemetzelt worden.



ERSTER TEIL

Abgründe

– 7


Das Verschwinden einer Journalistin

Montag, 23. Juni – Dienstag, 1. Juli 2014

Jesse Rosenberg

Montag, 23. Juni 2014

33 Tage vor der Premiere des 21. Theaterfestivals von Orphea

Auf dem kleinen Empfang, der anlässlich meines Ausscheidens aus dem Polizeidienst des Staates New York veranstaltet wurde, sah ich Stephanie Mailer, die sich unauffällig unter die Gäste gemischt hatte, zum ersten und letzten Mal.

An jenem Tag hatte sich eine große Menge Polizisten aus sämtlichen Brigaden unter der Mittagssonne vor dem hölzernen Podium versammelt, das bei solchen Anlässen immer auf dem Parkplatz der Regionalzentrale der State Police aufgebaut wurde. Ich stand auf dem Podium, neben mir mein Vorgesetzter, Major McKenna, der während meiner gesamten Polizeilaufbahn mein Chef gewesen war und sich jetzt in seiner Dankesrede schier überschlug.

»Captain Jesse Rosenberg ist noch ein junger Polizist, aber er hat es offensichtlich sehr eilig zu gehen«, sagte der Major, was das Publikum mit Gelächter quittierte. »Ich hätte nie gedacht, dass er vor mir den Hut nehmen würde. Es geht im Leben wirklich nicht gerecht zu: Alle würden sich freuen, wenn ich ginge, ich bin aber immer noch da, und Jesse hätten alle gerne behalten, aber Jesse geht.«

Ich war fünfundvierzig Jahre alt und hatte meinen Abschied aus freien Stücken genommen. Nach dreiundzwanzig Dienstjahren hatte ich beschlossen, den mir mittlerweile zustehenden Ruhestand anzutreten, denn ich wollte endlich etwas verwirklichen, das mir schon lange am Herzen lag. Bis zum 30. Juni hatte ich noch eine Woche zu arbeiten. Danach würde ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen.

»Ich erinnere mich noch an Jesses ersten großen Fall«, fuhr der Major fort. »Einen grausamen Vierfachmord, den er brillant gelöst hat, dabei hatte ihm das keiner in der Brigade zugetraut. Er war ja damals noch ein totales Greenhorn. Und von da an war es jedem klar, was für ein Kaliber dieser Jesse hat. Jeder, der mit ihm gearbeitet hat, weiß es: Er ist ein außergewöhnlich guter Ermittler. Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten: Er ist der Beste von uns allen. Wir haben ihn den Hundertprozentigen getauft, weil er die Fälle, an denen er dran war, alle gelöst hat. Das macht ihn einzigartig. Seine Kollegen bewundern ihn und jahrelang war er ein gefragter Sachverständiger und Ausbilder der Polizeiakademie. Eins kann ich dir sagen, Jesse: Schon seit zwanzig Jahren sind wir alle neidisch auf deinen Erfolg!«

Wieder lachte das Publikum.

»Wir haben nicht ganz verstanden, was das eigentlich für eine neue Sache ist, die da auf dich wartet, aber wir wünschen dir dabei alles Gute. Glaub mir, du wirst uns fehlen! Du wirst der Polizei fehlen, vor allem aber unseren Frauen, denn zu unseren Polizeifesten sind sie hauptsächlich deinetwegen gekommen …«

Nach diesen Worten brandete der Applaus auf. Der Major umarmte mich freundschaftlich. Dann stieg ich von der Bühne, um alle zu begrüßen, die mir zuliebe gekommen waren, ehe sie sich aufs Buffet stürzen würden.

Als ich einen Augenblick alleine dastand, wurde ich von einer sehr hübschen Frau um die dreißig angesprochen, die ich, soweit ich mich entsann, noch nie gesehen hatte.

»Dann sind Sie also der berühmte Hundertprozentige?«, fragte sie in schmeichelndem Ton.

»Scheint so«, antwortete ich lächelnd. »Kennen wir uns?«

»Nein. Ich heiße Stephanie Mailer. Ich bin Journalistin beim Orphea Chronicle.«

Wir gaben uns die Hand. Dann sagte Stephanie: »Stört es Sie, wenn ich Sie den Neunundneunzigprozentigen nenne?«

Ich runzelte die Brauen. »Wollen Sie damit andeuten, dass es da einen Fall gibt, den ich nicht gelöst habe?«

Sie zog bloß einen Zeitungsausschnitt aus dem Orphea Chronicle vom 1. August 1994 aus ihrer Tasche und reichte ihn mir.

 

Vierfachmord in Orphea:
Bürgermeister und Familie getötet

Samstagabend wurden Joseph Gordon, der Bürgermeister von Orphea, seine Frau und ihr zehnjähriger Sohn im eigenen Haus erschossen. Das vierte Opfer hieß Meghan Padalin, 32 Jahre alt. Die junge Frau hatte zur Tatzeit ihre Jogging-runde gedreht und wurde vermutlich unfreiwillig zur Zeugin des Mordes. Sie wurde auf offener Straße vor dem Haus des Bürgermeisters erschossen.

 

 

Den Artikel zierte ein am Tatort aufgenommenes Foto von mir und meinem damaligen Partner, Derek Scott.

»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte ich sie.

»Diesen Fall haben Sie nicht gelöst, Captain.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»1994 haben Sie sich im Täter geirrt. Ich dachte mir, das wüssten Sie bestimmt noch gerne, bevor Sie den Dienst quittieren.«

Ich hielt das Ganze zunächst für einen blöden Scherz der Kollegen, bis ich begriff, dass Stephanie es ernst meinte.

»Führen Sie hier eigene Ermittlungen durch?«

»Gewissermaßen, Captain.«

»Gewissermaßen? Das müssen Sie mir schon etwas genauer erklären, wenn ich Ihnen glauben soll.«

»Es ist die Wahrheit, Captain. Ich werde gleich im Anschluss an diesen Empfang jemanden treffen, der mir wahrscheinlich einen unwiderlegbaren Beweis liefert.«

»Und wer soll dieser Jemand sein?«

»Na hören Sie mal«, erwiderte sie amüsiert, »ich bin doch keine blutige Anfängerin. So einen Knüller will man sich als Journalistin ja nicht durch die Lappen gehen lassen. Ich verspreche Ihnen, Sie an meinen Ergebnissen teilhaben zu lassen, wenn es so weit ist. Bis dahin möchte ich Sie um einen Gefallen bitten: Gewähren Sie mir Einsicht in die Akten der State Police.«

»Sie nennen es einen Gefallen, ich nenne es Erpressung!«, erwiderte ich. »Zeigen Sie mir erst einmal Ihre Beweise, Stephanie. Das sind schwerwiegende Behauptungen.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Captain Rosenberg. Und genau aus diesem Grund wäre es mir gar nicht lieb, wenn die State Police mir zuvorkommen würde.«

»Ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie verpflichtet sind, die Polizei zu unterrichten, wenn Ihnen ermittlungsrelevante Informationen in die Hände fallen. So steht es im Gesetz. Ich könnte auch eine Haussuchung Ihrer Zeitung anordnen lassen.«

Stephanie schien von meiner Reaktion enttäuscht.

»Na denn, Sie Neunundneunzigprozentiger«, sagte sie. »Ich dachte, die Sache würde Sie interessieren, aber Sie sind in Gedanken wahrscheinlich schon im Ruhestand und bei diesem neuen Vorhaben, von dem der Major gesprochen hat. Was haben Sie vor? Wollen Sie einen alten Kahn wieder seetauglich machen?«

»Das geht Sie gar nichts an«, erwiderte ich schroff.

Sie zuckte die Schultern und schickte sich schon zum Gehen an. Ich war mir sicher, dass sie bluffte, und tatsächlich blieb sie nach wenigen Schritten stehen und drehte sich noch einmal um: »Die Lösung lag genau vor Ihren Augen, Captain Rosenberg. Sie haben sie einfach nicht gesehen.«

Ich war jetzt doch neugierig, und zugleich ärgerte ich mich. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe, Stephanie.«

Da hielt sie mir ihre Hand vors Gesicht. »Was sehen Sie, Captain?«

»Ihre Hand.«

»Ich habe Ihnen aber meine Finger gezeigt«, korrigierte sie mich.

»Ich sehe aber Ihre Hand«, erwiderte ich, denn ich verstand nicht, worauf sie hinauswollte.

»Genau das ist das Problem«, sagte sie zu mir. »Sie haben gesehen, was Sie sehen wollten, nicht, was da war. Genau das war auch vor zwanzig Jahren Ihr Fehler.« Das waren ihre letzten Worte. Sie ging und ließ mich mit ihrem Rätsel, ihrer Visitenkarte und der Kopie des Artikels stehen.

Ich entdeckte Derek Scott am Buffet, meinen alten Partner, der mittlerweile in der Verwaltung dahinvegetierte, eilte zu ihm und zeigte ihm den Zeitungssauschnitt.

»Du hast dich gar nicht verändert, Jesse«, sagte er, amüsiert über das alte Foto. »Was wollte diese Frau denn von dir?«

»Sie ist Journalistin und behauptet, wir hätten uns 1994 geirrt. Angeblich haben wir damals bei der Ermittlung etwas übersehen und uns den Falschen geschnappt.«

»Aber das ist doch Unsinn! Was hat sie genau gesagt?«

»Wir hätten die Lösung direkt vor Augen gehabt und sie nicht gesehen.«

Für einen Moment wirkte auch Derek verunsichert, sagte dann aber: »Keine Sekunde nehme ich ihr das ab. Das ist doch nur wieder so eine zweitklassige Journalistin, die mit einem billigen Trick auf sich aufmerksam machen will.«

»Vielleicht«, erwiderte ich nachdenklich. »Vielleicht aber auch nicht.«

Als ich den Blick über den Parkplatz schweifen ließ, sah ich Stephanie ins Auto steigen. Sie winkte herüber und rief: »Bis demnächst, Captain Rosenberg.«

Aber es sollte kein »demnächst« geben.

Denn das war der Tag, an dem sie verschwand.


Derek Scott

Ich erinnere mich noch genau daran, wie alles anfing. Es war am Samstag, dem 30. Juli 1994.

An jenem Abend hatten Jesse und ich Dienst. Wir gingen zum Essen ins Blue Lagoon, ein damals beliebtes Restaurant, in dem Darla und Natascha abends und an den Wochenenden als Bedienung arbeiteten.

Natascha und Jesse waren schon seit Jahren ein Paar. Mit Darla, einer ihrer besten Freundinnen, wollte sie ihr eigenes Lokal eröffnen. Einen Standort hatten die beiden schon gefunden, jetzt bemühten sie sich um die erforderlichen Genehmigungen. Und legten die Hälfte ihres Lohns aus dem Blue Lagoon als Startkapital für ihr zukünftiges Restaurant auf die hohe Kante.

Sie hätten lieber im Büro oder in der Küche gearbeitet, aber der Besitzer des Blue Lagoon hatte zu ihnen gesagt: »Wer ein so hübsches Gesicht und einen so hübschen kleinen Hintern hat, dessen Platz ist im Speisesaal. Was beschwert ihr euch denn, durch die Trinkgelder nehmt ihr mehr ein, als ihr in der Küche je verdienen könntet.«

Letzteres stimmte: Viele Kunden kamen nur ihretwegen ins Blue Lagoon. Sie waren schön, freundlich und immer gut drauf: Ihr Restaurant würde zweifellos ein Hit werden.

Darla war Single. Und ich muss zugeben, dass ich seit unserer ersten Begegnung nur noch an sie dachte. Ich lag Jesse ständig in den Ohren, wir sollten doch ins Blue Lagoon gehen und einen Kaffee bei den beiden trinken. Und wenn sie sich bei Jesse und Natascha trafen, um an ihrem Restaurantprojekt zu arbeiten, dann lud ich mich selbst ein und versuchte Darla zu bezirzen, was leider nicht so richtig klappte.

Am Abend jenes berühmten 30. Juli aßen Jesse und ich also an der Theke zu Abend und plauderten ein bisschen mit Natascha und Darla, als wir plötzlich angepiepst wurden, und zwar beide gleichzeitig. Wir sahen einander erstaunt an.

»Wenn der Piepser gleich bei euch beiden losgeht, muss ja was Schlimmes passiert sein«, bemerkte Natascha.

Sie deutete auf die Telefonkabine des Restaurants und den Apparat auf dem Tresen. Jesse ging in die Kabine, ich nahm den am Tresen.

»An alle Einheiten, ein Vierfachmord«, erklärte ich Natascha und Darla, nachdem ich aufgelegt hatte, und stürzte zur Tür.

Jesse zog noch seine Jacke an.

»Jetzt beeil dich doch«, schimpfte ich. »Die Einheit, die zuerst am Tatort ist, bekommt die Ermittlungen.«

Wir waren jung und ehrgeizig. Das war unsere Chance auf einen ersten großen Fall. Ich hatte mehr Erfahrung als Jesse und mir bereits den Dienstgrad eines Sergeants erarbeitet. Meine Vorgesetzten schätzten mich. Jeder sagte mir eine steile Polizeikarriere voraus.

Wir rannten zum Auto und sprangen hinein, ich hinters Steuer, Jesse auf den Beifahrersitz.

Mit quietschenden Reifen fuhr ich los, und Jesse schnappte sich das Signallicht vom Boden. Er schaltete es ein, setzte es durchs offene Fenster aufs Dach unseres Zivilfahrzeugs und erhellte die Nacht mit blauen und roten Lichtblitzen.

So fing alles an.


Jesse Rosenberg

Donnerstag, 26. Juni 2014

30 Tage vor der Premiere

Meine letzte Woche bei der Polizei hatte ich mir so vorgestellt: Ich würde durch die Gänge schlendern und mich bei einem Kaffee von meinen Kollegen verabschieden. Doch seit drei Tagen hatte ich mich in meinem Büro verschanzt und von morgens bis abends die Ermittlungsakte des Vierfachmordes von 1994 studiert, die ich aus dem Archiv gefischt hatte. Der Auftritt dieser Stephanie Mailer hatte mich aus der Bahn geworfen. Ich konnte nur noch an den Artikel und diesen einen Satz von ihr denken: »Die Lösung lag direkt vor Ihren Augen, Sie haben sie einfach nicht gesehen.«

Aber anscheinend hatten wir alles gesehen. Je tiefer ich mich in die Akte wühlte, desto überzeugter war ich, dass ich hier eine der stichhaltigsten Ermittlungen meiner Karriere durchgeführt hatte. Es passte alles zusammen, die Beweise gegen den mutmaßlichen Mörder waren erdrückend. Derek und ich hatten äußerst gewissenhaft an dem Fall gearbeitet, und ich konnte nicht die geringste Nachlässigkeit erkennen. Wie sollten wir uns da also im Täter geirrt haben?

An jenem Nachmittag nun schlug Derek bei mir im Büro auf. »Was machst du da, Jesse? In der Cafeteria warten alle auf dich. Die Kolleginnen aus dem Sekretariat haben dir einen Kuchen gebacken.«

»Ich komme, Derek, tut mir leid, ich bin mit meinen Gedanken gerade ganz woanders.«

Er betrachtete die Papiere, die über meinen gesamten Schreibtisch verstreut waren, schnappte sich eins und rief: »Ach nee! Jetzt sag bloß nicht, du nimmst den Schwachsinn dieser Journalistin ernst.«

»Ich wollte nur sichergehen, dass …«

Er fiel mir ins Wort: »Jesse, die Beweisführung war niet- und nagelfest! Das weißt du so gut wie ich. Na los jetzt, wir warten alle auf dich.«

»Gib mir eine Minute, Derek. Ich komme gleich.«

Er seufzte und ging wieder. Ich nahm Stephanies Visitenkarte, die vor mir lag, und wählte ihre Nummer. Ihr Telefon war ausgeschaltet. Ich hatte bereits am Vorabend vergeblich versucht, sie zu erreichen. Sie selbst hatte sich seit unserer Begegnung am Montag nicht wieder gemeldet, und so beschloss ich, nicht länger zu insistieren. Sie wusste ja, wo sie mich finden konnte. Schließlich sagte ich mir, dass Derek recht hatte, dass es keinen Grund gab, die Ergebnisse der Ermittlung von 1994 anzuzweifeln, und ging beruhigt zu meinen Kollegen in die Cafeteria.

Aber als ich eine Stunde später wieder in mein Büro kam, erwartete mich ein Fax der State Police von Riverdale in den Hamptons, in dem das Verschwinden einer jungen Frau gemeldet wurde: Stephanie Mailer, 32 Jahre, Journalistin. Seit Montag hatte man nichts mehr von ihr gehört.

Ich reagierte sofort, riss das Blatt aus der Maschine und stürzte zum Telefon, um die Kollegen in Riverdale anzurufen. Am anderen Ende erklärte mir ein Beamter, Miss Mailers Eltern hätten sich am frühen Nachmittag besorgt an die Polizei gewendet, weil ihre Tochter sich seit Montag nicht mehr gemeldet hatte.

»Warum haben die Eltern direkt die State Police kontaktiert und nicht erst die örtliche Polizei?«, fragte ich.

»Das haben sie ja, aber die Beamten vor Ort haben die Sache offenbar nicht ernst genommen. Daher dachte ich mir, ich gebe das mal besser gleich an die Beamten weiter, die sich mit den Kapitaldelikten befassen. Hat ja vielleicht gar nichts zu bedeuten, aber so war es mir trotzdem lieber.«

»Das haben Sie gut gemacht. Ich kümmere mich drum.«

Stephanies Mutter, die ich umgehend anrief, sagte mir, sie mache sich große Sorgen. Sie habe am Montagmorgen zum letzten Mal mit ihrer Tochter gesprochen. Seither herrsche Funkstille. Ihr Handy sei abgeschaltet. Ihre Freundinnen hätten sie auch nicht erreichen können. Schließlich seien sie mit einem Beamten des örtlichen Reviers in ihre Wohnung gegangen, aber da sei Stephanie auch nicht gewesen.

Ich suchte Derek in seinem Büro auf. »Stephanie Mailer«, sagte ich zu ihm, »die Journalistin, die am Montag hier war, ist verschwunden.«

»Was erzählst du da, Jesse?«

Ich hielt ihm die Vermisstenmeldung hin. »Sieh selbst. Wir müssen nach Orphea. Wir müssen überprüfen, was da los ist. Das kann doch kein Zufall sein.«

Er seufzte: »Jesse, wolltest du nicht deinen Abschied nehmen?«

»Erst in vier Tagen. Ich bin noch vier Tage Polizist. Als ich Stephanie am Montag sprach, erzählte sie mir, sie wolle jemanden treffen, der ihr die fehlenden Puzzleteile für ihre Nachforschung liefern würde …«

»Übergib den Fall einem deiner Kollegen«, riet er mir.

»Kommt nicht infrage! Derek, die junge Frau war sich ganz sicher, dass wir 1994…«

Er ließ mich nicht aussprechen: »Der Fall ist abgeschlossen, Jesse! Das ist Vergangenheit! Was hast du nur plötzlich? Warum willst du um jeden Preis wieder darin herumstochern? Willst du das wirklich alles noch einmal durchmachen?«

»Du kommst also nicht mit mir nach Orphea?«

»Nein, Jesse. Tut mir leid. Du spinnst doch.«

 

Also fuhr ich allein nach Orphea, zwanzig Jahre nachdem ich zuletzt einen Fuß in diesen Ort gesetzt hatte. Seit den Ermittlungen zum Vierfachmord.

Von der Regionalzentrale der State Police war es etwa eine Autostunde bis dorthin, aber um Zeit zu gewinnen, schaltete ich die Sirene und das Blaulicht meines Zivilfahrzeugs ein. Ich nahm den Highway 27 bis zur Abzweigung nach Riverhead, dann den 25 in nordwestlicher Richtung. Im letzten Abschnitt führte der Weg durch prächtige Wälder und vorbei an mit Seerosen bedeckten Seen. Ich erreichte schon bald die lang gestreckte und leere Route 17 nach Orphea selbst und schoss wie ein Pfeil darüber. Ein riesiges Straßenschild verkündete mir kurz darauf, dass ich angekommen war.

 

Willkommen in Orphea, New York.

Nationales Theaterfestival, 26. Juli – 9. August.

 

 

Es war fünf Uhr nachmittags. Ich fuhr auf die Hauptstraße mit ihren üppigen Rabatten. Sah die Restaurants, Terrassen und Boutiquen an mir vorüberziehen. Es herrschte friedliche Ferienstimmung. Da der 4. Juli bevorstand, waren die Straßenlaternen mit Sternenbannern dekoriert, und Schilder kündigten für den Abend des Nationalfeiertags ein Feuerwerk an. Entlang der von Blumenbeeten und gestutzten Büschen gesäumten Marina schlenderten die Spaziergänger an den Buden der Fahrradverleiher und der Veranstalter von Whale-Watching-Touren vorbei. Diese Stadt wirkte wie eine Filmkulisse.

 

Der erste Besuch galt dem örtlichen Polizeirevier. Ron Gulliver, der Leiter der Polizei von Orphea, empfing mich in seinem Büro. Ich musste ihn nicht erst daran erinnern, dass wir uns vor zwanzig Jahren schon einmal begegnet waren: Er erkannte mich sofort.

»Sie haben sich nicht verändert«, sagte er und schüttelte mir die Hand.

Das konnte man von ihm nicht behaupten. Man sah ihm sein Alter an, und er war ziemlich dick geworden. Obwohl es weder Mittags- noch Abendessenszeit war, aß er Spaghetti aus einem Plastikschälchen. Und während ich ihm den Grund meines Besuches erläuterte, schlang er auf sehr unappetitliche Art und Weise die Hälfte dieser Mahlzeit herunter.

»Stephanie Mailer?«, fragte er erstaunt mit vollem Mund. »Das haben wir schon ad acta gelegt. Ist kein Vermisstenfall. Ich habe es den Eltern doch erklärt, das sind ja vielleicht Nervensägen! Gehen zur einen Tür heraus und kommen zur nächsten wieder hinein.«

»Oder einfach Eltern, die sich um ihre Tochter sorgen«, lautete mein Kommentar. »Sie haben seit drei Tagen keinerlei Nachricht von Stephanie und sagen, das sei sehr ungewöhnlich für sie. Sie werden verstehen, dass ich das mit der notwendigen Sorgfalt behandeln möchte.«

»Stephanie Mailer ist zweiunddreißig Jahre alt, sie kann tun und lassen, was sie will, oder? Glauben Sie mir, Captain Rosenberg, wenn ich Eltern hätte wie die, bekäme ich auch Lust, die Flucht zu ergreifen. Machen Sie sich keine Gedanken, Stephanie hat sich bloß eine Weile abgesetzt.«

»Wie können Sie da so sicher sein?«

»Das hat mir ihr Boss gesagt, der Chefredakteur des Orphea Chronicle. Sie hat ihm Montagabend eine Nachricht auf sein Handy geschickt.«

»Also am Abend ihres Verschwindens.«

»Aber wenn ich Ihnen doch sage, dass sie gar nicht verschwunden ist«, regte Gulliver sich auf.

Bei diesem Ausruf versprühte er ein Feuerwerk al pomodoro. Ich wich einen Schritt zurück, um zu verhindern, dass die Projektile auf meinem sauberen Hemd landeten. Nachdem der Polizeichef geschluckt hatte, fuhr er fort: »Mein Kollege hat die Eltern zu ihrer Wohnung begleitet. Sie haben sie mit ihrem Zweitschlüssel aufgeschlossen und durchsucht: Alles war in Ordnung. Die Nachricht an ihren Chefredakteur ist ein weiterer Beweis, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt. Stephanie ist niemandem Rechenschaft schuldig. Und wir haben unsere Arbeit korrekt gemacht. Ich bitte Sie also, gehen Sie mir nicht auf den Senkel!«

»Die Eltern sind sehr besorgt«, beharrte ich, »und falls Sie nichts dagegen haben, würde ich mich doch gerne selbst davon überzeugen, dass alles in Ordnung ist.«

»Wenn Sie mit so was Ihre Zeit verplempern wollen, Captain, nur zu! Sie müssen bloß warten, bis Jasper Montagne, mein Kollege und Stellvertreter, von seiner Streife zurückkommt. Er hat sich um die Geschichte gekümmert.«

Als Deputy Chief Jasper Montagne endlich kam, stand ich vor einem Schrank von einem Mann, der mit seinen Muskelpaketen einen furchterregenden Anblick bot. Er erläuterte mir, er habe die Eltern Mailer zu Stephanies Wohnung begleitet, aber sie sei nicht da gewesen. Keine Auffälligkeiten. Kein Anzeichen eines Kampfes, nichts Ungewöhnliches. Montagne hatte anschließend die Nachbarstraßen nach Stephanies Wagen abgesucht, vergeblich. Er hatte seinen Eifer sogar so weit getrieben, bei sämtlichen Krankenhäusern und Polizeistationen der Region anzurufen: nichts. Stephanie Mailer war einfach nur nicht zu Hause.

Als ich einen Blick in Stephanies Wohnung werfen wollte, bot er mir an, mich zu begleiten. Sie wohnte in der Bendham Road, einer kleinen ruhigen Straße nicht weit von der Hauptstraße, in einem schmalen, dreistöckigen Gebäude. Im Erdgeschoss gab es eine Eisenwarenhandlung, in der Wohnung darüber einen weiteren Mieter, im zweiten Stock wohnte Stephanie.

Ich klingelte lange an ihrer Tür, trommelte mit den Fäusten dagegen, schrie – vergebens. Offenbar war niemand zu Hause.

»Da sehen Sie’s, keiner da«, erklärte Montagne mir.

Ich drehte den Türknauf, die Tür war abgesperrt. »Können wir hineingehen?«, fragte ich ihn.

»Haben Sie einen Schlüssel?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Beim letzten Mal haben die Eltern aufgeschlossen.«

»Dann können wir also nicht rein?«

»Nein. Damit fangen wir gar nicht erst an, dass wir bei den Leuten grundlos die Tür eintreten! Falls Sie ganz sicher sein wollen, gehen Sie zur Lokalzeitung und sprechen Sie mit dem Chefredakteur, der wird Ihnen die Nachricht zeigen, die er am Montag von Stephanie erhalten hat.«

»Und der Nachbar unten?«, fragte ich.

»Brad Melshaw? Ich habe ihn gestern befragt, er hat nichts gesehen und auch nichts Auffälliges gehört. Bei ihm brauchen wir gar nicht erst zu klingeln, der arbeitet nämlich als Koch im Café Athéna, diesem Moderestaurant auf der Hauptstraße, und da ist er jetzt gerade.«

Ich läutete trotzdem bei diesem Brad Melshaw. Doch umsonst.

»Ich habe es Ihnen ja gesagt«, seufzte Montagne und ging die Treppen hinunter, während ich noch eine Weile hartnäckig vor der Tür stehen blieb.

Als ich selbst die Treppe hinunterkam, war Montagne schon aus dem Haus. Das nutzte ich, um Stephanies Briefkasten in Augenschein zu nehmen. Durch den Schlitz sah ich einen Umschlag, den ich mit den Fingerspitzen herausangeln konnte. Ich faltete ihn einmal und ließ ihn diskret in meine Gesäßtasche gleiten.

 

Nach unserem Abstecher zu Stephanies Wohnung begleitete mich Montagne in die Redaktion des Orphea Chronicle ganz in der Nähe der Hauptstraße, damit ich mit dem Chefredakteur Michael Bird sprechen konnte.

Die Redaktion befand sich in einem roten Backsteingebäude. Von außen sah es zwar ganz gut aus, doch drinnen bot sich mir ein Bild des Verfalls.

Mr. Bird empfing uns in seinem Büro. Er war schon 1994 in Orphea gewesen, aber ich konnte mich nicht erinnern, ihm begegnet zu sein. Er erklärte mir, durch eine Verkettung von Umständen habe er drei Tage nach dem Vierfachmord die Leitung des Orphea Chronicle übernommen, und habe daher damals vor allem am Schreibtisch hocken müssen, statt von vor Ort berichten zu können.

»Wie lange arbeitet Stephanie Mailer schon für Sie?«, fragte ich Michael Bird.

»Etwa neun Monate. Ich habe sie letzten September eingestellt.«

»Ist sie eine gute Journalistin?«

»Sehr gut. Sie hebt das Niveau dieser Zeitung. Das ist ein Glück für uns, denn es ist nicht immer leicht, qualitätsvolle Inhalte zu bringen. Wissen Sie, finanziell geht es der Zeitung sehr schlecht. Wir können nur überleben, weil die Stadtverwaltung uns diese Räume zur Verfügung stellt. Heutzutage lesen die Leute ja keine Zeitung mehr, also werden auch nicht mehr genug Anzeigen geschaltet. Früher waren wir ein wichtiges Regionalblatt, doch heute – warum sollten Sie sich den Orphea Chronicle kaufen, wenn Sie die New York Times online haben können? Ganz zu schweigen von denen, die überhaupt keine Zeitung mehr lesen und sich lieber über Facebook informieren.«

»Wann haben Sie Stephanie Mailer zum letzten Mal gesehen?«, fragte ich ihn.

»Montagmorgen. Bei der wöchentlichen Redaktionssitzung.«

»Und ist Ihnen da etwas aufgefallen? Hat sie sich irgendwie ungewöhnlich verhalten?«

»Nein, überhaupt nicht. Ich weiß, dass Stephanies Eltern sich Sorgen machen, aber wie ich ihnen und Deputy Chief Montagne gestern schon sagte, hat Stephanie mir spät am Montagabend eine Nachricht geschickt, in der sie schrieb, sie müsse für eine Weile fort.«

Er holte sein Handy aus der Tasche und zeigte mir eine Nachricht, empfangen um null Uhr, in der Nacht von Montag auf Dienstag:

 

Ich muss für eine Weile weg aus Orphea.
Es ist wichtig. Ich erklär dir alles später.

 

 

»Und seit dieser Mitteilung haben Sie nichts mehr von ihr gehört?«, fragte ich.

»Nein. Aber mal ganz ehrlich, ich mache mir da keine Sorgen. Stephanie ist eine sehr selbstständige junge Frau. Sie hat ihren eigenen Arbeitsrhythmus. Ich mische mich da nicht groß ein.«

»Womit befasst sie sich gerade?«

»Sie schreibt übers Theaterfestival. Jedes Jahr gegen Ende Juli findet in Orphea ein bedeutendes Theaterfestival statt …«

»Ja, das ist mir bekannt.«

»Also, und Stephanie wollte in einer Reihe von Artikeln aus Sicht der Akteure darüber berichten. Zurzeit interviewt sie die ehrenamtlichen Helfer, ohne deren Einsatz über all die Jahre dieses Festival gar nicht möglich gewesen wäre.«

»Ist es typisch für sie, einfach so zu ›verschwinden‹?«, fragte ich nach.

»Ich würde das eher ›abtauchen‹ nennen. Ja, sie taucht regelmäßig ab. Wissen Sie, als Journalist muss man oft seinen Schreibtisch verlassen.«

»Hat Stephanie Ihnen erzählt, dass sie einer größeren Sache auf der Spur war?«, fragte ich weiter. »Sie hatte mir gesagt, sie habe am Montagabend ein wichtiges Treffen …«

Ich wurde absichtlich nicht deutlicher, denn ich wollte keine weiteren Details verraten. Aber Michael Bird schüttelte den Kopf.

»Nein«, erwiderte er, »darüber hat sie nicht mit mir gesprochen.«

 

Beim Verlassen der Redaktion sagte Montagne: »Polizeichef Gulliver möchte wissen, ob Sie dann jetzt wieder fahren.«

»Ja«, antwortete ich, »ich glaube, ich habe alles gesehen.«

Als ich wieder im Auto saß, öffnete ich den Umschlag aus Stephanies Briefkasten. Es war eine Kreditkartenabrechnung. Ich las sie aufmerksam.

Abgesehen von den Ausgaben für den täglichen Bedarf (Benzin, Lebensmittel, Barabhebungen vom Automaten, Einkäufe in der Buchhandlung von Orphea) fielen mir zahlreiche Belege der Mautstation von Manhattan auf. Stephanie war also in letzter Zeit regelmäßig nach New York gefahren. Aber vor allem hatte sie sich ein Flugticket nach Los Angeles gekauft, für einen Kurztrip vom 10. bis zum 13. Juni. Einige Ausgaben vor Ort – vor allem eine Hotelrechnung – bestätigten, dass sie die Reise tatsächlich auch gemacht hatte. Vielleicht hatte sie einen Freund in Kalifornien? Jedenfalls war sie offenbar eine umtriebige junge Frau. Dass sie mal für eine Weile wegfuhr, erschien da nicht ungewöhnlich. Ich konnte die örtliche Polizei bestens verstehen: Rein gar nichts deutete auf ein Verschwinden hin. Aus Mangel an Indizien war ich schon geneigt, die Ermittlung ebenfalls einzustellen, als eine Sache mich plötzlich ansprang. Etwas fiel aus dem Rahmen: die Redaktion des Orphea Chronicle. Diese Zeitung passte so gar nicht zu dem Bild, das ich mir von Stephanie gemacht hatte. Natürlich kannte ich sie kaum, aber wegen des Selbstvertrauens, mit dem sie mich ein paar Tage zuvor angesprochen hatte, konnte ich sie mir viel besser bei der New York Times vorstellen als in der Lokalredaktion eines kleinen Badeortes in den Hamptons. Es war allein dieser Gedanke, der mich dazu brachte, noch ein wenig tiefer zu schürfen und Stephanies Eltern, die zwanzig Minuten entfernt in Sag Harbor lebten, einen Besuch abzustatten.

Es war 19 Uhr.

Zur gleichen Zeit parkte Anna Kanner auf der Hauptstraße von Orphea vor dem Café Athena, in dem sie mit ihrer Kindheitsfreundin Lauren und deren Ehemann Paul zum Abendessen verabredet war.

Lauren und Paul gehörten zu den wenigen Freunden, die Anna, seit sie von New York nach Orphea gezogen war, noch regelmäßig traf. Pauls Eltern hatten ein Ferienhaus im etwa fünfzehn Meilen entfernten Southampton, in dem er und Lauren regelmäßig verlängerte Wochenenden verbrachten, wobei sie Manhattan schon am Donnerstag verließen, um den dicksten Verkehr zu vermeiden.

Als Anna gerade aussteigen wollte, sah sie Lauren und Paul, die bereits auf der Terrasse des Restaurants saßen. Aber ihr fiel auf, dass sie in Begleitung eines Mannes waren. Da Anna sofort begriff, was los war, rief sie Lauren an.

»Willst du mich in die Falle locken, Lauren?«, fragte sie, sobald diese ans Handy gegangen war.

Es folgte ein peinliches Schweigen. »Kann schon sein«, sagte Lauren schließlich. »Wie kommst du darauf?«

»Mein siebter Sinn«, log Anna. »Ach, Lauren, wie kannst du mir das antun!«

Das Einzige, was sie an ihrer Freundin auszusetzen hatte, war, dass sie ständig versuchte, Anna auf Teufel komm raus zu verkuppeln.

»Der da wird dich umhauen«, versicherte ihr Lauren, nachdem sie sich vom Tisch entfernt hatte, weil der Mann in ihrer Begleitung das Gespräch nicht mithören sollte. »Glaub mir, Anna.«

»Weißt du was, Lauren, heute passt es mir im Grunde nicht so recht. Ich bin noch im Büro und hab eine Menge Papierkram zu erledigen.« Es amüsierte Anna zu sehen, wie Lauren auf der Terrasse nervös wurde.

»Anna, ich verbiete dir, mich zu versetzen! Du bist dreiunddreißig Jahre alt, du brauchst einen Mann! Wie lange ist es her, dass du mit einem im Bett warst, hm?«

Dieses Argument war immer Lauras letztes Geschütz. Aber Anna hatte wirklich keine Lust, sich ein arrangiertes Date anzutun. »Tut mir leid, Lauren. Außerdem habe ich Bereitschaftsdienst …«

»Ach, komm mir nicht schon wieder mit deinem Bereitschaftsdienst! In dieser Stadt passiert nie was. Du hast auch das Recht, dich ein bisschen zu amüsieren!«

In dem Moment hupte ein Auto, und Lauren hörte das Geräusch zugleich vor dem Lokal und durchs Telefon. »Aha! Jetzt hast du dich verraten«, rief sie aus und stürmte auf die Straße. »Wo bist du?«

Anna blieb keine Zeit zu reagieren.

»Ich sehe dich!«, schrie Lauren. »Glaubst du etwa, du kannst dich so aus der Affäre ziehen und mich hier sitzen lassen? Ist dir eigentlich klar, dass du fast jeden Abend allein verbringst wie eine alte Oma? Also weißt du, ich frag mich schon, ob das eine so gute Idee von dir war, dich hier lebendig begraben zu lassen …«

»Lass es gut sein, Lauren! Du hörst dich fast schon an wie mein Vater!«

»Aber wenn du so weitermachst, dann bleibst du bis zum Ende deines Lebens einsam und allein, Anna!«

Anna musste lachen und stieg aus dem Auto. Wenn man ihr bei diesen Worten jedes Mal eine Münze geschenkt hätte, hätte sie inzwischen ein Schwimmbad voller Taler. Sie musste sich allerdings eingestehen, dass Lauren nicht ganz unrecht hatte: Sie war frisch geschieden, kinderlos und lebte allein am Ende der Welt.

Laut Lauren gab es gleich mehrere Gründe, warum ihre Beziehungen immer scheiterten: Zum einen lag es an ihrem Mangel an gutem Willen und zum anderen an ihrem Beruf, der ›den Männern Angst macht‹. »Ich sage ihnen vorher nie, wie du dein Geld verdienst«, hatte Lauren ihr mehrfach erklärt. »Ich bin sicher, das schüchtert sie nur ein.«

Anna ging zu ihnen auf die Terrasse. Der Kandidat des Tages hieß Josh. Er hatte dieses schreckliche Auftreten von Männern, die sehr von sich eingenommen sind. Als er Anna begrüßte, verschlang er sie ungeniert mit den Blicken. Sie wusste sofort, dass sie ihrem Traumprinzen an dem Abend nicht begegnen würde.

»Wir sind sehr beunruhigt, Captain Rosenberg«, sagten Trudy und Dennis Mailer, Stephanies Eltern, wie aus einem Munde. »Sie meinte, sie sei in einer Redaktionssitzung und werde mich zurückrufen. Aber das hat sie nie getan.«

»Stephanie ruft sonst immer zurück«, versicherte mir Dennis Mailer.

Ich begriff sofort, warum die Eltern Mailer den Polizeibeamten auf die Nerven gegangen waren. Sie machten aus allem ein Drama, selbst aus der Tatsache, dass ich bei meiner Ankunft ihren Kaffee abgelehnt hatte.

»Mögen Sie keinen Kaffee?«, hatte Mrs. Mailer ganz verzweifelt gefragt.

»Vielleicht hätten Sie lieber Tee?«, schlug Mr. Mailer vor.

Nachdem ich schließlich erfolgreich ihre Aufmerksamkeit für das eigentliche Thema gewonnen hatte, konnte ich ihnen ein paar einleitende Fragen stellen. Hatte Stephanie irgendwelche Probleme? Nein, absolut nicht. Nahm sie Drogen? Auch nicht. Hatte sie einen Verlobten? Einen festen Freund? Nicht, dass sie wüssten. Könnte es irgendeinen Grund für ihr Verschwinden geben? Keinen.

Stephanies Eltern versicherten mir, es sei nicht die Art ihre Tochter, ihnen irgendetwas zu verheimlichen. Aber ich merkte schon bald, dass das nicht so ganz stimmte.

»Warum ist Stephanie vor zwei Wochen nach Los Angeles gefahren?«, fragte ich sie.

»Nach Los Angeles?«, wiederholte die Mutter erstaunt. »Was meinen Sie damit?«

»Vor zwei Wochen war Stephanie für drei Tage in Kalifornien.«

»Davon wussten wir nichts«, sagte der Vater bedauernd. »Das passt nicht zu ihr, nach Los Angeles zu fahren, ohne uns Bescheid zu geben. Vielleicht hat sie das für die Zeitung gemacht? Sie ist immer sehr verschwiegen, was die Artikel anbelangt, an denen sie arbeitet.«

Ich bezweifelte, dass der Orphea Chronicle es sich leisten konnte, seine Journalisten für eine Reportage ans andere Ende der Staaten zu schicken. Obendrein war ihre Anstellung bei diesem Lokalblatt genau der Punkt, der noch etliche Fragen aufwarf.

»Wann und wie ist Stephanie nach Orphea gekommen?«, erkundigte ich mich.

»Davor hat sie in New York gelebt«, erklärte Trudy Mailer. »Sie studierte Literatur an der Notre-Dame-Universität. Schon als sie noch ganz klein war, wollte sie Schriftstellerin werden. Sie hat bereits Kurzgeschichten veröffentlicht, zwei davon im New Yorker. Nach dem Studium hat sie bei der New York Review of Literature gearbeitet, aber im September wurde ihr gekündigt.«

»Aus welchem Grund?«

»Offenbar wirtschaftliche Schwierigkeiten. Als es dann mit der Anstellung beim Orphea Chronicle klappte, beschloss sie, hierher zurückzukommen. Sie schien froh zu sein, aus Manhattan wegzugehen und wieder in eine ruhigere Gegend zu ziehen.«

Stephanies Vater zögerte kurz, ehe er sagte: »Captain Rosenberg, wir gehören nicht zu denen, die die Polizei wegen jeder Lappalie belästigen, glauben Sie mir. Wir hätten keinen Alarm geschlagen, wenn meine Frau und ich nicht überzeugt wären, dass Stephanie etwas zugestoßen ist. Die Polizei von Orphea hat uns sehr klar gesagt, dass kein Grund für eine Ermittlung vorliegt. Aber selbst wenn sie nur kurz nach New York gefahren ist, hat Stephanie uns immer eine Nachricht geschickt oder nach ihrer Rückkehr angerufen, um uns zu sagen, dass alles bestens ist. Warum sollte sie eine Nachricht an ihren Chefredakteur schicken und an uns nicht? Wenn sie gewollt hätte, dass wir uns keine Sorgen machen, dann hätte sie uns auch Bescheid gesagt.«

»Apropos New York«, hakte ich weiter nach, »warum fährt Stephanie so häufig nach Manhattan?«

»Ich habe nicht gesagt, dass sie oft dort hinfährt«, korrigierte mich ihr Vater, »ich wollte das nur als Beispiel anführen.«

»Sie fährt sogar sehr oft hin«, erwiderte ich. »Meist an den gleichen Wochentagen und zur gleichen Zeit. Als fände dort ein regelmäßiges Treffen statt. Was könnte das sein?«

Die Mailers schienen wieder nicht zu wissen, wovon ich sprach. Trudy Mailer, die begriff, dass sie mich nicht ganz vom Ernst der Lage überzeugt hatten, fragte: »Waren Sie schon in ihrer Wohnung, Captain Rosenberg?«

»Nein, aber ich würde sie mir gern anschauen.«

»Wenn Sie möchten, können wir jetzt zusammen hinfahren. Vielleicht fällt Ihnen ja etwas auf, das wir übersehen haben.«

Ich ging darauf ein, allerdings nur, um mir diesen Fall endgültig aus dem Kopf zu schlagen. Ein Blick in Stephanies Wohnung würde mich überzeugen, dass die Polizei von Orphea recht hatte: Es gab kein Indiz, das auf ein Verbrechen hinwies. Stephanie konnte nach Los Angeles oder New York reisen, so viel sie wollte. Und was ihre Arbeit beim Orphea Chronicle anging, so erschien es plausibel, dass sie nach ihrer Kündigung die erstbeste Gelegenheit ergriffen hatte und dort auf ihre Chance zum Absprung wartete.

 

Es war genau 20 Uhr, als wir vor dem Haus in der Bendham Road ankamen. Wir gingen alle drei zu Stephanies Wohnung hinauf. Trudy Mailer reichte mir den Schlüssel, aber als ich aufschließen wollte, ließ er sich nicht drehen. Die Tür war gar nicht mehr abgesperrt. Ich spürte, wie mir das Adrenalin in die Adern schoss: Es war jemand in der Wohnung. Womöglich Stephanie?

Ich drückte vorsichtig die Klinke herunter und machte den Eltern ein Zeichen, sie sollten still sein, dann schob ich langsam die Tür auf, die sich geräuschlos öffnen ließ. Sofort bemerkte ich das Durcheinander im Flur: Irgendwer hatte die Wohnung durchsucht.

»Gehen Sie nach unten«, sagte ich leise. »Gehen Sie zurück zum Auto und warten Sie dort auf mich.«

Dennis Mailer nickte und zog seine Frau mit sich fort. Ich griff nach meiner Waffe, ehe ich mich ein paar Schritte weit in die Wohnung vorwagte. Alles war durchwühlt. Ich begann mit der Inspektion des Wohnzimmers. Die Regale waren umgeworfen worden, die Sofakissen aufgeschlitzt. Verschiedene auf dem Boden verstreute Gegenstände weckten meine Neugier, und so bemerkte ich nicht, dass sich mir jemand von hinten näherte. Erst als ich mich umdrehte, um die anderen Zimmer zu begutachten, sah ich direkt vor mir eine schemenhafte Gestalt, die mir Tränengas ins Gesicht sprühte. Meine Augen brannten, ich bekam keine Luft mehr. Dann erhielt ich einen Schlag.

Und alles um mich herum wurde schwarz.

20 Uhr 05 im Café Athena.

Die Liebe kommt zwar vermutlich ohne Vorwarnung, aber es bestand kein Zweifel, dass sie an diesem Abend beschlossen hatte, zu Hause zu bleiben. Josh redete jetzt schon eine Stunde lang ohne Unterlass. Anna hörte ihm längst nicht mehr zu und machte sich einen Spaß daraus, die Ichs zu zählen, die wie kleine Kakerlaken aus seinem Mund kamen und sie jedes Mal etwas mehr anwiderten. Lauren, die nicht mehr wusste, wohin mit sich, war bei ihrem fünften Glas Wein angelangt, während Anna sich mit alkoholfreien Cocktails begnügte.

Schließlich griff Josh, wahrscheinlich von seinem eigenen Wortschwall erschöpft, nach einem Wasserglas und trank es in einen Zug aus. Nach diesem wohltuenden Moment der Stille fragte er Anna etwas herablassend: »Und du, Anna, was machst du so beruflich? Lauren wollte es mir nicht verraten.«

Genau da klingelte das Telefon. Als sie die Nummer auf dem Display sah, begriff sie sofort, dass es sich um einen Notfall handelte.

»Entschuldige«, sagte sie, »den Anruf muss ich annehmen.«

Sie stand vom Tisch auf, entfernte sich wenige Schritte, bevor sie schnell zurückkam und verkündete, sie müsse leider gehen.

»Jetzt schon?«, fragte Josh sichtlich enttäuscht. »Wir hatten noch gar keine Zeit, uns richtig kennenzulernen.«

»Also ich weiß alles über dich, das war … wirklich sehr informativ.«

Sie küsste Lauren und ihren Mann auf die Wange, verabschiedete sich von Josh mit einem Winken, das »auf Nimmerwiedersehen!« heißen sollte, und weg war sie. Doch offenbar hatte sie es dem armen Josh sehr angetan, denn er folgte ihr und lief neben ihr her über den Gehsteig.

»Soll ich dich nicht irgendwo absetzen?«, fragte er. »Ich habe ein …«

»Mercedes Coupé. Ich weiß, das hast du mir bereits zweimal erzählt. Vielen Dank, wir stehen schon vor meinem Wagen.«

Während sie den Kofferraum öffnete, blieb Josh hinter ihr stehen.

»Ich werde Lauren um deine Nummer bitten. Ich bin oft in dieser Gegend, wir könnten mal einen Kaffee zusammen trinken.«

»Gute Idee«, sagte Anna, damit er endlich ging, während sie eine große Segeltuchtasche öffnete, die fast den ganzen Kofferraum einnahm.

Josh redete unbeirrt weiter: »Du hast mir noch nicht gesagt, was du so beruflich machst.«

Er hatte gerade zu Ende gesprochen, als Anna eine kugelsichere Weste aus ihrer Tasche holte und sie anlegte. Beim Anblick des Reflektorbands mit der Aufschrift

 

POLICE

 

 

fielen Josh fast die Augen aus dem Kopf.

»Ich bin Deputy Chief der Polizei von Orphea«, sagte sie, holte den Holster mitsamt der Dienstwaffe heraus, und befestigte ihn an ihrem Gürtel.

Während sie mit quietschenden Reifen davonfuhr, zuckten bereits die roten und blauen Blitze ihres Signallichts durch die Dämmerung, und die Sirene tat ein Übriges, um die Blicke sämtlicher Passanten auf sie zu ziehen.

Laut Zentrale war ein Beamter der State Police in einem Wohnhaus ganz in der Nähe angegriffen worden. Alle verfügbaren Streifen und die Bereitschaft waren zum Einsatz gerufen worden.

Sie raste mitten auf der Fahrbahn die Hauptstraße hinunter. Immerhin hatte sie Erfahrung mit Notrufeinsätzen zur Hauptverkehrszeit in Manhattan. Die Fußgänger, die gerade die Straße überqueren wollten, sprangen zurück auf den Gehsteig, und zu beiden Seiten wichen die Autos an den Straßenrand aus, sobald sie sie heranrauschen sahen.

Als sie vor dem Haus ankam, war schon eine Polizeistreife vor Ort, und beim Betreten des Gebäudes kam ihr auf der Treppe ein Kollege entgegen, der ihr zurief: »Der Verdächtige ist durch die Hintertür geflohen!«

Anna rannte quer durchs Erdgeschoss zum Notausgang, der zu einem verlassenen Gässchen führte. Dort war es seltsam still: Sie spitzte die Ohren, lauschte auf ein Geräusch, das ihr einen Hinweis liefern könnte, ehe sie weiterlief und an einen kleinen menschenleeren Park kam. Wieder völlige Stille.

Sie glaubte, ein Knacken im Gestrüpp zu vernehmen, zog die Waffe und betrat den Park. Nichts. Plötzlich sah sie einen Schatten vorbeihuschen, machte sich an die Verfolgung, verlor jedoch schnell die Spur. Am Ende blieb sie stehen, orientierungslos und außer Atem. In ihren Schläfen pulsierte das Blut. Da raschelte es kaum hörbar hinter einer Hecke. Langsam und mit klopfendem Herzen ging sie auf das Geräusch zu. Sie sah eine Gestalt, die sich auf leisen Sohlen vorwärtsschlich. Im geeigneten Moment sprang sie vor, zielte auf den Verdächtigen und befahl ihm, mit erhobenen Händen stehen zu bleiben.

Es war Montagne, der sie ebenfalls im Visier hatte. »Scheiße, Anna, bist du bekloppt?«, schrie er.

Mit einem Seufzen steckte sie ihre Waffe in den Holster zurück. »Montagne, was machst du denn hier?«

»Das frag ich dich! Du hast heute Abend gar keinen Dienst!«

In seiner Funktion als stellvertretender Leiter war Montagne ihr Vorgesetzter. Sie war nur zweite stellvertretende Leiterin.

»Ich habe Bereitschaft«, erklärte Anna. »Die Zentrale hat mich gerufen.«

»Und dabei hatte ich ihn schon fast geschnappt!«, entfuhr es Montagne verärgert.

»Ihn geschnappt? Ich war vor dir da. Es war nur ein Streifenwagen vor dem Gebäude.«

»Ich bin von hinten gekommen. Du hättest deine Position über Funk durchgeben müssen. Das macht man so im Team. Man gibt seine Informationen weiter und markiert nicht den Helden.«

»Ich war allein, ich hatte kein Funkgerät.«

»Du hast doch eins in deinem Wagen, oder etwa nicht? Echt, Anna, du nervst! Seit deinem allerersten Tag hier nervst du uns alle!«

Er spuckte aus und ging wieder zum Gebäude zurück.

Anna folgte ihm. Die Bendham Road war mittlerweile vor Einsatzfahrzeugen verstopft.

»Anna! Montagne!«, schnauzte ihr Vorgesetzter Ron Gulliver sie an.

»Er ist uns durch die Lappen gegangen, Chef«, murrte Montagne. »Ich hätte ihn erwischt, hätte Anna nicht wie immer alles versaut.«

»Du kannst mich mal, Montagne«, schrie sie.

»Gleichfalls, Anna«, brüllte Montagne zurück. »Hau ab, das ist mein Fall!«

»Nein, das ist mein Fall! Ich war vor dir da.«

»Tu uns allen einen Gefallen und mach dich vom Acker!«, röhrte Montagne.

Anna drehte sich zu Gulliver um. »Chef … würden Sie sich bitte dazu äußern?«

Gulliver hasste Konflikte. »Du bist nicht im Dienst, Anna«, versuchte er sie zu beschwichtigen.

»Ich habe Bereitschaftsdienst!«

»Überlass bitte Montagne den Fall«, beendete Gulliver die Diskussion.

Montagne setzte ein triumphierendes Lächeln auf, ging ins Haus und ließ Gulliver und Anna einfach stehen.

»Das ist nicht fair, Chef!«, fauchte sie stinksauer. »Und wieso lassen Sie zu, dass Montagne so mit mir redet?«

Gulliver wollte nichts mehr hören. »Komm schon, Anna, mach jetzt keine Szene!«, bat er sie freundlich. »Die Leute schauen schon, das kann ich gerade gar nicht gebrauchen.«

Er musterte die junge Frau neugierig, dann fragte er: »Hattest du eine Verabredung?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wegen dem Lippenstift.«

»Ich trage oft Lippenstift.«

»Der ist anders. Du siehst aus, als hättest du ein Date gehabt. Dann geh doch da wieder hin! Wir sehen uns morgen auf dem Revier.«

Gulliver ging ebenfalls ins Haus und ließ sie stehen. Plötzlich hörte sie, dass jemand nach ihr rief, und wandte sich um. Es war Michael Bird, der Chefredakteur des Orphea Chronicle.

»Was ist hier los, Anna?«, fragte er, als er bei ihr angekommen war.

»Dazu werde ich keinen Kommentar abgeben«, antwortete sie, »ich habe hier keinerlei Funktion.«

»Das wirst du aber bald«, sagte er lächelnd.

»Was willst du damit sagen?«

»Na ja, sobald du die Polizeidirektion dieser Stadt übernimmst! Hast du dich deshalb gerade mit Montagne gestritten?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Michael«, sagte Anna.

»Tatsächlich nicht?«, erwiderte er mit gespieltem Erstaunen. »Jeder weiß, dass du als nächste Polizeichefin gehandelt wirst.«

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ging sie zu ihrem Auto, legte die kugelsichere Weste ab, warf sie auf die Rückbank und setzte sich ans Steuer. Sie hätte ins Café Athena zurückkehren können, aber dazu hatte sie überhaupt keine Lust. Stattdessen fuhr sie nach Hause, setzte sich mit einem Glas Wein und einer Zigarette auf ihre Veranda und genoss den lauen Abend.


Anna Kanner

Ich bin am Samstag, dem 14. September 2013, nach Orphea gezogen.

Von New York aus sind es gerade mal zwei Stunden Fahrt, trotzdem hatte ich das Gefühl, am anderen Ende der Welt gelandet zu sein. Aus Manhattans Wolkenkratzerdschungel kam ich nun in diese kleine friedliche Stadt, die vor mir im sanften Sonnenlicht des ausgehenden Tages badete. Nachdem ich von der Hauptstraße abgebogen war, fuhr ich im Schritttempo durch mein neues Viertel und beobachtete dabei die Spaziergänger, die Kinder, die sich vor dem Wagen eines Eisverkäufers drängten, die gewissenhaften Anwohner bei der Pflege ihrer Blumenrabatten. Alles war so ruhig und friedlich.

Schließlich kam ich zu dem Haus, das ich gemietet hatte. Ein neues Leben lag vor mir. Die einzigen Spuren meines alten Lebens waren meine Möbel, die ich mir aus New York von einer Umzugsfirma hatte bringen lassen. Ich sperrte die Eingangstür auf, ging hinein und schaltete im Flur das Licht an. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass alles mit meinen Umzugskartons vollgestellt war. Ich rannte durchs Untergeschoss: Die Möbel waren noch eingepackt, nichts war aufgebaut worden, meine sämtlichen Sachen befanden sich nach wie vor in den Kisten, die man wahllos in den Zimmern aufgestapelt hatte.

Ich rief gleich die Umzugsfirma an, aber die Person, die meinen Anruf entgegennahm, antwortete kurz angebunden: »Ich glaube, Sie irren sich, Miss Kanner. Ich habe Ihren Auftrag vor mir liegen, und Sie haben ganz offensichtlich die falschen Dinge angekreuzt. Das Auspacken war in dem von Ihnen gewünschten Leistungsumfang nicht enthalten.« Sie legte wieder auf. Um dieses Durcheinander nicht länger sehen zu müssen, ging ich aus dem Haus und setzte mich auf die Vortreppe. Ich war schwer genervt. Da näherte sich jemand, ein Bier in jeder Hand. Es war mein Nachbar Cody Illinois. Ich war ihm bereits zweimal begegnet, erst bei der Hausbesichtigung und später dann, als ich nach Unterzeichnung des Mietvertrags zur Umzugsvorbereitung hier gewesen war.

»Ich wollte Sie willkommen heißen, Anna.«

»Das ist aber nett«, antwortete ich mit einem halbherzigen Lächeln.

»Was ist passiert? Sie sehen nicht sehr glücklich aus«, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. Er reichte mir ein Bier und setzte sich neben mich. Als ich ihm von meinem Missgeschick mit der Umzugsfirma erzählte, bot er mir an, mir beim Kisten-Auspacken zu helfen. Wenig später bauten wir in dem Raum, der mein Schlafzimmer werden sollte, das Bett auf. Ich fragte ihn: »Was kann ich tun, um mich hier zu integrieren?«

»Da müssen Sie sich gar keine Gedanken machen, Anna. Die Leute werden Sie mögen. Aber Sie können sich trotzdem nächsten Sommer als freiwillige Helferin beim Theaterfestival engagieren. Das schweißt zusammen.«

Cody war der erste Mensch, mit dem ich in Orphea Freundschaft schloss. Er hatte eine wunderbare Buchhandlung auf der Hauptstraße, die schon bald zu einem zweiten Zuhause für mich wurde.

An jenem Abend, als Cody längst gegangen war und ich gerade die Kleiderkartons in Angriff nahm, erhielt ich einen Anruf von meinem Ex-Mann.

»Im Ernst jetzt, Anna?«, fragte er, sobald ich dranging. »Du bist aus New York weggezogen, ohne dich von mir zu verabschieden?«

»Ich hab mich schon vor langer Zeit von dir verabschiedet, Mark.«

»Aua! Das tut weh!«

»Warum rufst du an?«

»Ich wollte mit dir reden, Anna.«

»Mark, ich hab keine Lust zu ›reden‹. Wir werden uns nicht mehr zusammenraufen. Es ist vorbei.«

Er ignorierte meine Bemerkung. »Ich war heute Abend mit deinem Vater essen. Es war wunderbar.«

»Lass meinen Vater in Ruhe.«

»Ist es meine Schuld, dass er mich mag?«

»Was soll das, Mark? Willst du dich rächen?«

»Hast du schlechte Laune, Anna?«

»Ja, ich hab schlechte Laune«, schnauzte ich ihn an. »Meine Möbel sind in Einzelteile zerlegt, ich habe keinen Schimmer, wie ich sie wieder zusammenbauen soll, und habe daher wirklich Besseres zu tun, als dir zuzuhören!«

Ich bereute diese Worte sofort, denn er packte die Gelegenheit beim Schopf: »Brauchst du Hilfe? Bin schon unterwegs!«

»Nein, bloß nicht!«

»Ich bin in zwei Stunden bei dir. Wir werden die ganze Nacht deine Möbel aufbauen und die Welt neu erfinden … wie in den guten alten Zeiten.«

»Mark, ich verbiete dir zu kommen.«

Ich beendete die Verbindung und schaltete mein Telefon aus, um meine Ruhe zu haben. Aber am nächsten Morgen erlebte ich eine unliebsame Überraschung, denn Mark stand vor meiner Tür.

»Was willst du hier?«, raunzte ich ihn an.

Er antwortete mit einem breiten Lächeln. »Was für ein warmherziger Empfang! Ich wollte mit dir die Möbel aufbauen.«

»Wer hat dir meine Adresse gegeben?«

»Deine Mutter.«

»Das darf doch nicht wahr sein!«

»Anna, sie träumt davon, uns wieder zusammen zu sehen. Sie möchte Enkelkinder!«

»Leb wohl, Mark.«

Er hielt die Tür fest, als ich sie ihm gerade vor der Nase zuschlagen wollte.

»Warte, Anna. Lass mich dir wenigstens helfen.«

Ich brauchte viel zu dringend Unterstützung, um dieses Angebot auszuschlagen. Und im Übrigen war er jetzt ja sowieso schon da. Er spielte den perfekten Hausmann: Schleppte meine Möbel rum, hängte Bilder auf und schloss eine Deckenlampe an.

»Wirst du hier allein leben?«, fragte er mich schließlich zwischen zwei Einsätzen mit der Bohrmaschine.

»Ja, Mark. Hier beginnt mein neues Leben.«

 

Der folgende Montag war mein Arbeitsantritt in der Dienststelle. Es war acht Uhr morgens, als ich in Zivil beim Empfangsschalter erschien.

»Wollen Sie Anzeige erstatten?«, fragte mich ein Polizist, ohne die Nase von seiner Zeitung zu heben.

»Nein«, antwortete ich, »ich bin Ihre neue Kollegin.«

Er schaute auf, lächelte mir freundlich zu, und dann rief er in den Raum: »Jungs, sie ist da!«

Ich sah eine Horde von Polizisten auftauchen, die mich beäugten wie ein exotisches Tier im Zoo. Polizeichef Gulliver kam und reichte mir die Hand: »Willkommen, Anna.«

Ich wurde herzlich empfangen. Ich begrüßte jeden einzelnen der neuen Kollegen, man bot mir Kaffee an und stellte mir viele Fragen. Einer krähte fröhlich: »Mensch, Jungs, den Weihnachtsmann gibt’s doch: Da geht so ein alter, buckliger Bulle in Rente und für ihn kommt ein hübsches junges Ding!« Sie brachen alle in Gelächter aus. Leider sollte diese friedliche Stimmung nicht lange anhalten.


Jesse Rosenberg

Freitag, 27. Juni 2014

29 Tage vor der Premiere

Früh am Morgen war ich wieder auf dem Weg nach Orphea.

Ich wollte unbedingt verstehen, was am Vortag in Stephanie Mailers Wohnung vorgefallen war. Für Polizeichef Gulliver handelte es sich um ein banales Einbruchsdelikt, doch daran glaubte ich keinen Augenblick. Die Kollegen von der Spurensicherung waren bis spät in der Nacht dort geblieben, um mögliche Fingerabdrücke zu sichern, aber sie hatten nichts gefunden. Die Brutalität, mit der man mich niedergeschlagen hatte, ließ lediglich vermuten, dass der Angreifer ein Mann war.

Wir mussten Stephanie finden. Ich spürte es, die Zeit war knapp. Ich fuhr jetzt auf der Route 17 und gab auf der letzten geraden Strecke vor der Stadt Gas, ohne Blaulicht oder Sirene eingeschaltet zu haben.

Erst als ich am Ortseingangsschild vorbeiraste, bemerkte ich das Zivilfahrzeug der Polizei, das sich dahinter versteckt hatte und sofort Jagd auf mich machte. Ich hielt auf dem Seitenstreifen und sah im Rückspiegel eine hübsche junge Frau in Uniform aus dem Auto steigen. So lernte ich die erste Person kennen, die bereit sein sollte, mir dabei zu helfen, diesen Fall aufzudröseln: Anna Kanner.

Als sie sich meinem Wagen näherte, zückte ich meine Polizeimarke und hielt sie ihr lächelnd hin.

»Captain Jesse Rosenberg«, las sie. »Ein Notfall?«

»Habe ich Sie gestern nicht kurz auf der Bendham Road gesehen? Ich bin der Polizist, der sich hat niederschlagen lassen.«

»Deputy Chief Anna Kanner«, stellte die junge Frau sich vor. »Wie geht es Ihrem Kopf, Captain?«

»Gut, danke. Aber ich gestehe, was sich in dieser Wohnung zugetragen hat, fand ich recht verstörend. Polizeichef Gulliver meint zwar, es handle sich um einen Einbruchsdiebstahl, aber daran glaube ich keine Sekunde. Ich denke, da steckt etwas ganz anderes dahinter.«

»Gulliver ist nicht gerade der Hellste«, sagte Anna. »Erzählen Sie mir doch Ihre Theorie dazu, das interessiert mich.«

Da begriff ich, dass Anna in Orphea eine wertvolle Verbündete sein könnte. Ich schlug ihr also vor: »Anna, wenn du mir erlaubst, dich zu duzen, darf ich dich dann auf einen Kaffee einladen und dir alles erzählen?«

Später sollte ich feststellen, dass sie obendrein noch eine hervorragende Polizistin war.

 

Ein paar Minuten später erklärte ich Anna am Tisch eines kleinen ruhigen, direkt an der Straße gelegenen Diners, dass Stephanie Mailer Anfang der Woche auf mich zugekommen war, um mir von ihrer Recherche zum Vierfachmord von 1994 zu erzählen, und damit alles ins Rollen gebracht hatte.

»Was war das denn für ein Mord?«, fragte Anna.

»Damals sind der Bürgermeister von Orphea und seine Familie umgebracht worden«, erklärte ich. »Außerdem eine Passantin, eine Joggerin. Ein wahres Gemetzel. Es war der Eröffnungsabend des Theaterfestivals von Orphea. Und vor allem war es mein erster großer Fall. Mein damaliger Kollege Derek Scott und ich haben den Fall nach monatelangen Ermittlungen schließlich aufgeklärt. Aber letzten Montag kam Stephanie Mailer und erklärte mir, wir hätten uns geirrt, der Fall sei nicht gelöst; wir hätten den falschen Täter erwischt. Seither ist sie verschwunden, und gestern ist nun ihre Wohnung durchwühlt worden.«

Anna hörte sich meinen Bericht aufmerksam an, und nach unserem Kaffee gingen wir gemeinsam in Stephanies Wohnung, die zwar zugesperrt und versiegelt war, deren Schlüssel mir Mr. und Mrs. Mailer aber überlassen hatten.

Dort war alles auf den Kopf gestellt worden, und der einzige konkrete Hinweis, den wir hatten, war die Tatsache, dass man die Wohnung nicht aufgebrochen hatte.

Ich sagte zu Anna: »Laut Aussage der Eltern gab es nur einen Ersatzschlüssel, und der befand sich in ihrem Besitz. Im Klartext heißt das: Die Person, die sich hier eingeschlichen hat, muss Stephanies eigenen Schlüssel benutzt haben.«

Da ich zuvor die Nachricht erwähnt hatte, die Stephanie an Michael Bird, den Chefredakteur des Orphea Chronicle, geschickt hatte, meinte Anna: »Wenn jemand Stephanies Schlüssel hat, dann hat dieser Jemand vielleicht auch ihr Handy.«

»Willst du damit sagen, dass sie die Nachricht gar nicht selbst verschickt hat? Aber wer dann?«

»Vielleicht jemand, der Zeit gewinnen wollte?«

Ich zog den Briefumschlag, den ich am Vortag aus dem Briefkasten gefischt hatte, aus meiner Hosentasche und reichte ihn Anna.

»Das ist Stephanies Kreditkartenauszug«, erklärte ich. »Sie ist Anfang des Montags nach Los Angeles geflogen, und wir müssen noch herausfinden, worum es dabei ging. Soweit ich das überprüfen konnte, ist sie seither nicht mehr in ein Flugzeug gestiegen. Falls sie freiwillig die Stadt verlassen hat, dürfte sie also das Auto genommen haben. Ich habe den Wagen zur Fahndung ausschreiben lassen. Sollte sie irgendwo unterwegs sein, wird die Autobahnpolizei sie schnell finden.«

»Das ging ja fix!«, sagte Anna beeindruckt.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren«, antwortete ich. »Ich habe auch eine Kopie ihrer Telefonrechnungen sowie ihrer Kreditkartenabrechnung der vorigen Monate beantragt. Die bekomme ich hoffentlich heute Abend.«

Anna warf einen kurzen Blick auf den Kontoauszug. »Letzten Montagabend um 21 Uhr 55 wurde ihre Kreditkarte zum letzten Mal benutzt, im Kodiak Grill. Das Restaurant liegt an der Hauptstraße. Wir sollten da mal hingehen. Vielleicht ist jemandem etwas aufgefallen.«

 

Nachdem der Wirt des Kodiak Grill sich den Personalplan für die Woche angesehen hatte, zeigte er uns, wer von den anwesenden Mitarbeitern am Montagabend Dienst gehabt hatte. Eine der von uns befragten Bedienungen erkannte Stephanie auf dem Foto, das wir ihr zeigten.

»Ja, ich erinnere mich an sie. Sie war Anfang der Woche hier. Eine hübsche junge Frau, ganz allein.«

»Ist Ihnen etwas Besonderes an ihr aufgefallen, dass Sie sich an sie erinnern?«

»Sie war nicht zum ersten Mal hier. Sie wollte immer den gleichen Tisch. Sie sagte, sie warte auf jemanden, aber der kam nie.«

»Und Montag, was geschah da?«

»Sie kam gegen 18 Uhr, wir hatten gerade erst geöffnet. Sie hat erst gewartet. Schließlich hat sie einen Cesar Salad und eine Cola bestellt, und als sie aufgegessen hatte, ist sie gegangen.«

»Gegen 22 Uhr, stimmt.«

»Möglich. Auf die Uhrzeit habe ich nicht geachtet, aber sie ist lange geblieben. Das ist alles, woran ich mich erinnere.«

Als wir aus dem Kodiak Grill kamen, fiel uns auf, dass sich gleich daneben eine Bank mit einem Bankautomaten befand.

»Dann muss es dort auch Kameras geben«, sagte Anna. »Vielleicht ist Stephanie am Montag gefilmt worden.«

Wenige Minuten später standen wir in dem engen Überwachungsraum der Bank, wo uns ein Mitarbeiter die verschiedenen Sichtfelder seiner Kameras zeigte. Eine filmte den Gehsteig, und man konnte die Terrasse des Kodiak Grill sehen. Er führte uns die Videoaufnahmen von Montag ab 18 Uhr vor. Ich sah mir auf dem Bildschirm die vorbeikommenden Passanten genau an, und plötzlich entdeckte ich sie.

»Stop!«, schrie ich. »Da ist sie, das ist Stephanie.«

Der Sicherheitsbeamte hielt das Video an.

»Und jetzt bitte langsam rückwärts laufen lassen.«

Auf dem Bildschirm ging Stephanie rückwärts. Die Zigarette, die sie im Mund hatte, wurde wieder länger, sie zündete sie schließlich mit einem goldenen Feuerzeug an, nahm sie zwischen die Finger und steckte sie in eine Zigarettenschachtel, die sie wieder in ihre Tasche packte. Sie ging noch weiter zurück, verließ den Gehsteig und lief zu einem kleinen kompakten Auto, in das sie einstieg.

»Das ist ihr Auto«, sagte ich. »Ein dreitüriger blauer Mazda. Am Montag habe ich sie auf dem Parkplatz der State Police in genau diesen Wagen einsteigen sehen.«

Ich bat den Sicherheitsbeamten, die Sequenz noch einmal vorwärts abzuspielen, und man sah Stephanie aus dem Auto steigen, sich eine Zigarette anzünden, rauchend ein paar Schritte vor dem Lokal auf und ab gehen, bevor sie den Kodiak Grill betrat.

Dann spulten wir die Aufnahme bis 21 Uhr 55 vor, der Uhrzeit, zu der Stephanie ihr Abendessen mit der Kreditkarte bezahlt hatte. Zwei Minuten später sah man sie wieder auftauchen. Sie wirkte nervös und ging zu ihrem Auto. Als sie gerade einsteigen wollte, holte sie ihr Telefon aus der Tasche. Jemand rief an. Sie nahm den Anruf entgegen, das Gespräch war kurz. Offenbar sagte sie selbst nichts, sondern hörte nur zu. Nachdem sie das Telefonat beendet hatte, setzte sie sich ins Auto und verharrte kurz reglos. Durch das Autofenster war sie deutlich zu sehen. Dann suchte sie offenbar eine Nummer in den Kontakten ihres Handys und rief an, brach den Anruf aber sofort wieder ab. Als ob er nicht durchgehen würde. Dann blieb sie ein paar Minuten hinter dem Steuer ihres Wagens sitzen und wartete. Sie wirkte nervös. Sie rief ein zweites Mal an, und diesmal sah man sie reden. Das Gespräch dauerte etwa zwanzig Sekunden. Schließlich fuhr sie los und verschwand Richtung Norden.

»Das ist wahrscheinlich die letzte Aufnahme von Stephanie Mailer«, murmelte ich.

 

Wir verbrachten den halben Nachmittag mit der Befragung von Stephanies Freunden. Die meisten wohnten in Sag Harbor, dem Ort, aus dem sie stammte.

Keiner von ihnen hatte seit Montag etwas von Stephanie gehört, und alle machten sich Sorgen, zumal die Eltern Mailer sie auch alle angerufen hatten. Sie hatten versucht, sie telefonisch zu erreichen, per Mail, über die sozialen Medien, hatten bei ihr an die Tür geklopft, alles ohne Erfolg.

Aus diesen Gesprächen konnten wir schließen, dass Stephanie in jeder Hinsicht eine tolle Person war. Sie nahm keine Drogen, sie trank nicht übermäßig viel und verstand sich mit allen gut. Ihre Freunde wussten mehr über ihr Liebesleben als ihre Familie.

Eine ihrer Freundinnen versicherte uns, sie habe kürzlich einen Freund gehabt: »Ja, da gab es einen Typen, einen gewissen Sean, den sie eines Abends angeschleppt hat. Das war seltsam.«

»Was war daran seltsam?«

»Die Chemie zwischen den beiden. Irgendwas stimmte da nicht.«

Eine andere behauptete, Stephanie sei von ihrer Arbeit total vereinnahmt worden: »In letzter Zeit bekam man sie fast gar nicht mehr zu Gesicht. Sie sagte, sie habe unheimlich viel zu tun.«

»Und woran arbeitete sie?«

»Das weiß ich nicht.«

Eine dritte erzählte uns etwas über ihre Reise nach Los Angeles: »Ja, sie ist vor vierzehn Tagen nach Los Angeles geflogen, hat mir aber gesagt, ich solle nicht darüber reden.«

»Weshalb war sie dort?«

»Das weiß ich nicht.«

Der Freund, der sie als Letztes gesehen hatte, war Timothy Volt. Stephanie und er hatten sich am vorigen Sonntag getroffen.

»Sie hat mich besucht«, erzählte er uns. »Ich war allein zu Hause, wir haben ein paar Gläser getrunken.«

»Kam sie Ihnen nervös vor, beunruhigt?«, fragte ich.

»Nein.«

»Was für eine Frau war Stephanie?«

»Sie war genial, super brillant, aber sie hatte einen ziemlich schwierigen Charakter und konnte verdammt dickköpfig sein. Wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es mit allen Mitteln durch.«

»Hat sie mit Ihnen darüber geredet, woran sie zurzeit arbeitet?«

»Ein bisschen. Sie sagte, sie sei da an einem ganz großen Projekt dran, hat sich aber nicht über Details ausgelassen.«

»Was für ein Projekt?«

»Ein Buch. Jedenfalls ist sie dafür hier in die Gegend zurückgekehrt.«

»Wieso das?«

»Stephanie ist unglaublich ehrgeizig. Sie träumt davon, eine berühmte Schriftstellerin zu werden, und das wird ihr auch gelingen. Ihren Lebensunterhalt hat sie mit einem Nebenjob bestritten, bis letzten September hat sie bei einer Literaturzeitschrift gearbeitet … der Name fällt mir jetzt gerade nicht ein …«

»Die New York Review of Literature.«

»Ja genau, das war’s. Aber das war wirklich nur ein Job, mit dem sie ihre Rechnungen bezahlte. Als sie gefeuert wurde, sagte sie, sie wolle zurück in die Hamptons ziehen, um ein ruhiges Leben zu führen und schreiben zu können. Ich weiß noch gut, wie sie eines Tages zu mir sagte: ›Ich bin hier, um ein Buch zu schreiben.‹ Ich glaube, sie brauchte Zeit und Ruhe, und das hat sie hier auch gefunden. Denn warum sonst hätte sie einen Job als Journalistin bei einer Lokalzeitung annehmen sollen? Ich sag Ihnen mal was, das ist eine ganz Ehrgeizige. Die will hoch hinaus. Sie ist nur nach Orphea gekommen, weil sie einen guten Grund dazu hatte. Vielleicht konnte sie sich in dem New Yorker Trubel nicht konzentrieren? Das hört man doch oft, dass Schriftsteller sich aufs Land zurückziehen.«

»Wo hat sie geschrieben?«

»Bei sich zu Hause, nehme ich mal an.«

»Auf einem Computer?«

»Keine Ahnung. Warum?«

Nachdem wir uns von Timothy Volt verabschiedet hatten, machte Anna mich darauf aufmerksam, dass es bei Stephanie keinen Computer gegeben hatte.

»Vielleicht hat ihn ja der ›Besucher‹ von gestern Abend mitgenommen.«

Da wir sowieso schon in Sag Harbor waren, gingen wir auch bei Stephanies Eltern vorbei. Die hatten noch nie etwas von einem Freund namens Sean gehört, und Stephanie hatte keinen Computer bei ihnen gelassen. Vorsichtshalber fragten wir, ob wir einen Blick in Stephanies Zimmer werfen könnten. Sie wohnte schon seit dem Abschluss der Highschool nicht mehr darin, und genau wie damals sah es noch aus: Poster an den Wänden, Plüschtiere auf dem Bett, Trophäen von Sportwettkämpfen und Schulbücher im Regal.

»Stephanie lebt schon seit Jahren nicht mehr hier«, teilte uns Trudy Mailer mit. »Nach der Highschool ging sie zur Uni, und dann blieb sie bis zu ihrer Kündigung bei der Review of Literature in New York.«

»Gibt es einen bestimmten Grund, warum Stephanie ausgerechnet nach Orphea gezogen ist?«, fragte ich, ohne zu verraten, was Timothy Volt mir anvertraut hatte.

»Wie ich Ihnen schon sagte, sie verlor in New York ihren Job und bekam dann Lust, in die Hamptons zurückzukehren.«

»Aber warum Orphea?«, beharrte ich.

»Weil das die größte Stadt in der Gegend ist, nehme ich mal an.«

Ich wagte zu fragen: »Und in New York, Mrs. Mailer, hatte Stephanie da Feinde? Hatte sie mit irgendjemandem Streit?«

»Nein, nichts von alledem.«

»Lebte sie allein?«

»Sie hatte eine Mitbewohnerin, eine junge Frau, die auch für die New York Review of Literature arbeitete. Alice Filmore. Wir sind ihr einmal begegnet, nachdem Stephanie beschlossen hatte, aus New York wegzugehen, und wir ihr beim Umzug halfen. Sie hatte wirklich nur ein bisschen Kleinkram, wir haben alles direkt in ihre Wohnung in Orphea bringen lassen.«

Da wir weder bei ihr noch bei ihren Eltern irgendetwas gefunden hatten, beschlossen wir, nach Orphea zurückzufahren und uns den Computer anzuschauen, den Stephanie bei der Zeitung benutzt hatte.

Es war 17 Uhr, als wir in den Büroräumen des Orphea Chronicle ankamen. Michael Bird führte uns durch die Arbeitszimmer seiner Angestellten. Er zeigte uns Stephanies Schreibtisch, der sehr ordentlich aufgeräumt war, darauf ein Bildschirm, eine Tastatur, eine Packung Taschentücher, eine Unmenge identischer Kugelschreiber in einer Teetasse, ein Notizblock und ein paar lose Blätter. Ich sah sie schnell durch, ohne etwas sonderlich Interessantes zu finden, und fragte dann: »Hat jemand in den letzten Tagen Zugang zu ihrem Computer gehabt?«

Ich drückte auf den Knopf der Tastatur, der den Rechner einschalten sollte.

»Nein«, antwortete Michael, »jeder Computer ist durch ein individuelles Passwort geschützt.«

Da der Bildschirm schwarz blieb, versuchte ich es erneut, während ich nachhakte: »Es ist also ausgeschlossen, dass jemand ohne Stephanies Wissen ihren Computer durchsucht hat?«

»Völlig ausgeschlossen«, versicherte Michael. »Nur Stephanie kennt den Code. Niemand sonst, nicht einmal unser Informatiker. Ich weiß übrigens nicht, wie Sie ohne Passwort an die Inhalte auf ihrem Computer rankommen wollen.«

»Wir haben da so unsere Spezialisten, die werden sich der Sache annehmen, machen Sie sich mal keine Gedanken. Aber es wäre schön, wenn er sich wenigsten anschalten ließe.«

Ich bückte mich unter den Schreibtisch, um nachzuschauen, ob der Computer auch tatsächlich an den Bildschirm angeschlossen war, aber da war gar keiner. Da war nichts.

Ich hob den Kopf und fragte: »Wo ist Stephanies Computer?«

»Na ja, da unten, oder nicht?«, antwortete Michael.

»Nein, hier ist er nicht!«

Michael und Anna bückten sich nun auch und mussten feststellten, dass es da nur ins Leere hängende Kabel gab.

Michael rief wie vor den Kopf geschlagen: »Jemand hat Stephanies Computer geklaut!«

 

Um 18 Uhr 30 parkte eine ganze Flotte von Fahrzeugen der Polizei von Orphea und der State Police vor dem Gebäude des Orphea Chronicle.

Drinnen bestätigte uns ein Beamter der Spurensicherung, dass tatsächlich ein Einbruch stattgefunden hatte. Michael, Anna und ich folgten ihm im Gänsemarsch hinunter in den Technikraum im Untergeschoss, der auch als Abstellkammer und Notausgang diente. Im hinteren Teil öffnete sich eine Tür auf eine steile Treppe, die zur Straße hinaufführte. Das Glas war eingeschlagen worden, anschließend hatte der Eindringling nur noch die Hand durchstrecken, von innen die Klinke herunterdrücken und die Tür öffnen müssen.

»Betreten Sie nie diesen Raum?«, fragte ich Michael.

»Nein, hier ist nur das Archiv, und da schaut nie jemand was nach.«

»Es gibt weder eine Alarmanlage noch Kameras?«, erkundigte sich Anna.

»Nein, wer sollte das bezahlen? Glauben Sie mir, wenn wir Geld hätten, würden wir als Erstes die Leitungen erneuern lassen.«

»Wir haben versucht, die Spuren auf den Türklinken zu sichern«, erklärte der Kriminaltechniker, »aber es gibt hier so viele Fingerabdrücke und so viel Schmutz aller Art, das ist so gut wie unverwertbar. An Stephanies Schreibtisch haben wir auch nichts gefunden. Wenn Sie mich fragen, der Täter ist hochgegangen, hat sich Stephanies Computer gekrallt und ist dann auf demselben Weg wieder verschwunden.«

Wir gingen zurück nach oben.

»Michael«, sagte ich, »könnte das auch ein Kollege aus der Redaktion getan haben?«

»Aber nicht doch!«, erwiderte Michael entrüstet. »Wie kommen Sie auf so eine Idee? Ich habe größtes Vertrauen in meine Mitarbeiter.«

»Aber wie sollte jemand, der nicht zur Zeitung gehört, wissen, welcher Computer Stephanies ist?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte Michael seufzend.

»Wer ist morgens immer als Erster da?«, fragte Anna.

»Shirley. Normalerweise schließt sie auf.«

Wir ließen Shirley kommen. Ich fragte sie: »Ist Ihnen an einem der letzten Tage morgens bei Ihrer Ankunft etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«

Shirley runzelte erst zweifelnd die Stirn, überlegte dann kurz, und plötzlich erhellte sich ihre Miene.

»Ich habe nichts gesehen. Aber Newton, einer der Journalisten, hat mir tatsächlich am Dienstagmorgen gesagt, sein Computer sei eingeschaltet gewesen. Er wisse genau, dass er ihn am Abend zuvor ausgemacht hatte, und er sei als Letzter gegangen. Er hat mir eine Szene gemacht und behauptet, jemand hätte ohne sein Wissen seinen Computer benutzt, aber ich nahm an, dass er doch einfach vergessen hatte, ihn auszumachen.«

»Welches Büro ist das von Newton?«, fragte ich.

»Das erste neben dem von Stephanie.«

Ich drückte auf den Einschaltknopf, denn ich wusste, dass keine verwertbaren Fingerabdrücke mehr darauf sein konnten, da er in der Zwischenzeit verwendet worden war. Der Bildschirm leuchtete auf:

 

Benutzer: Newton

PASSWORT:

 

 

»Er hat einfach einen Computer nach dem anderen durchprobiert, bis er den richtigen gefunden hatte.«

»Was beweist, dass es niemand aus der Redaktion war«, warf Michael erleichtert ein.

»Was vor allem heißt, dass der Einbruch in der Nacht von Montag auf Dienstag stattgefunden hat. Also in der Nacht, in der Stephanie verschwunden ist.«

»Verschwunden?«, wiederholte Michael verdutzt. »Was meinen Sie damit?«

Ich antwortete ihm mit einer Gegenfrage: »Michael, könnten Sie mir alle Artikel ausdrucken, die Stephanie geschrieben hat, seit sie hier bei der Zeitung arbeitet?«

»Selbstverständlich. Aber wollen Sie mir nicht verraten, was hier vor sich geht, Captain? Denken Sie, dass Stephanie etwas zugestoßen ist?«

»Das denke ich tatsächlich. Und zwar etwas Schlimmes.«

Als wir die Redaktion verließen, begegneten wir Polizeichef Gulliver und Alan Brown, dem Bürgermeister von Orphea. Sie standen auf der Straße und besprachen die Lage.

Der Bürgermeister erkannte mich sofort wieder. »Sie hier?«, fragte er erstaunt. Es klang, als wäre er gerade einem Gespenst begegnet.

»Guten Tag, Herr Bürgermeister. Ich hätte Sie auch lieber unter anderen Umständen wiedergesehen.«

»Von welchen Umständen reden Sie? Was ist hier los? Seit wann setzt sich die State Police wegen einem banalen Einbruch in Bewegung?«

»Sie sind gar nicht befugt, hier einzugreifen!«, schob Gulliver hinterher.

»In dieser Stadt wird jemand vermisst, Polizeichef Gulliver, und vermisste Personen fallen in den Zuständigkeitsbereich der State Police.«

»Eine vermisste Person?«, wiederholte der Chief aufgebracht. »Dafür gibt es nicht den geringsten Hinweis, Captain Rosenberg! Haben Sie schon den Staatsanwalt angerufen? Das hätten Sie längst tun müssen, wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind! Vielleicht sollte ich dort mal anrufen?«

Ich ging, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

 

In jener Nacht wurde die Feuerwehr von Orphea zu einem Brand in der Bendham Road 77 gerufen, der Adresse von Stephanie Mailer.

Blick ins Buch
Tietjen auf TourTietjen auf Tour

Warum Camping mich glücklich macht

Im Hotel bin ich zu Gast, im Camper bin ich zu HauseBettina Tietjen steht auf Camping. Direkt, bodenständig, einfach. Bereits als Jugendliche hat sie gern den Schlafsack ausgerollt und schwört bis heute auf die Freiheit unterm Sternenhimmel – von der Ostsee bis zum Mittelmeer. Hauptsache, der Wind ruckelt schön am Wohnmobil, morgens blubbert die bordeigene Espressomaschine und beim Abwasch erzählen wildfremde Mitcamper aus ihrem Leben. Bettina Tietjens Camping-Geschichten handeln von Menschen, von Landschaften und von skurrilen Erlebnissen zwischen Klohäuschen und Traumstränden. Humorvoll. Kurzweilig. Selbstironisch. Kommen Sie mit auf die Reise.Die sympathische Moderatorin und Bestsellerautorin lässt uns hinter die Gardinen ihres Campers blicken.

Ich bin es wirklich

»Können Sie mal die Sonnenbrille abnehmen?« Der Mann steht so dicht vor mir, dass sein Bauch mich beinahe berührt. Er trägt nur eine Badehose, hat den Kopf in den Nacken gelegt und sieht mich herausfordernd von unten an.

»Sie sind doch Bettina Tietjen, oder? Wir kommen aus Cuxhaven und sehen Sie immer im Fernsehen.«

Wir befinden uns auf einem Campingplatz im Süden Korsikas. Es ist zwölf Uhr mittags, 35 Grad im Schatten. Ich bin total verschwitzt. Nach stundenlanger Fahrt wollen wir uns erst einmal ein schönes Plätzchen im Schatten suchen. Das Allerletzte, auf das ich jetzt Lust habe, ist Small Talk mit Zuschauern.

»Äh, ja, ich bin’s«, sage ich und bemühe mich, halbwegs freundlich zu bleiben, »wir möchten jetzt erst mal unser Wohnmobil abstellen, ist ja sehr heiß heute  …« Der Cuxhavener Bauch rückt ungerührt noch einen Zentimeter näher.

»Ist ganz normal, die Hitze, wir kommen jedes Jahr hierher.« Neugierig späht er unter meiner Achsel hindurch in unser Auto.

»Sind das Ihre Kinder? Unsere sind früher auch immer mitgefahren, aber jetzt sind sie aus dem Haus.« Krampfhaft überlege ich, wie ich ihn abwimmeln kann, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Schließlich ist er ein Zuschauer, und der Zuschauer ist König, vor allem, wenn er aus Norddeutschland kommt.

»Mama, wer ist der Mann?«, ruft meine Tochter, »können wir jetzt zum Strand?«

Mein Mann lässt den Motor wieder an und versucht, sich der Situation im Rückwärtsgang zu entziehen. Mir läuft der Schweiß den Rücken runter, mein Kleid klebt an mir. Mein Fan macht noch einen Schritt auf mich zu.

»Nun nehmen Sie doch endlich mal die Brille ab, ich will mal sehen, ob Sie’s auch wirklich sind!«

Ist das zu fassen? Da fährt man mehr als tausend Kilometer, um in einem abgelegenen Winkel Korsikas seine Ruhe zu haben, und dann wird man in die Zange genommen, als stünde man an einem Samstag am Currywurst-Stand in der Hamburger Mönckebergstraße.

Jetzt nicht ausrasten, sagt mir meine innere Stimme. Verbindlich und gelassen bleiben. Du hast es nicht anders gewollt. Das hier ist ein Campingplatz, du weißt, was das bedeutet. Na gut. Ich atme tief durch.

»Ich bin es wirklich«, sage ich, nehme meine Sonnenbrille ab und lasse mein bestmögliches 35-Grad-Lächeln auf die pelzige Kugelbarke hinunterrieseln. »Könnten Sie uns bitte den Weg zur Rezeption zeigen?«

»Na klar«, ruft mein neuer Freund strahlend, »da vorne links. Und zum Bäcker geht’s gegenüber den Berg rauf, sind nur fünf Minuten zu Fuß!«

Ich bedanke mich, setze die Brille wieder auf und entferne mich ganz vorsichtig mit kleinen Schritten.

»Dafür nicht« (norddeutsch: »nix zu danken«), ruft der Badehosenzwerg. »Wir Camper müssen doch zusammenhalten! Und jetzt muss ich erst mal meiner Frau erzählen, dass ich Sie getroffen habe. Wetten, dass die mir das nicht glaubt?«

Erleichtert sehe ich ihm hinterher, wie er beglückt von dannen watschelt. Gefahr vorüber, Krise gemeistert.

Situationen wie diese gibt’s immer mal wieder. Je südlicher, desto seltener. Aber mal ehrlich, was ist schlimmer? Im Fünfsternehotel am Frühstücksbüffett von hinten angeraunzt zu werden, weil man zu lange am Lachs herumfuhrwerkt (»Ach Sie sind’s, Frau Tietjen, lassense sich ruhig Zeit«) oder dieser freundliche kleine Fan-Überfall?

Ich steh auf Camping. Direkt. Bodenständig. Einfach.

Urlaub mit dem Wohnmobil – das bedeutet für mich Freiheit. Ich brauche nichts langfristig zu planen, kann jeden Morgen neu entscheiden, wohin die Reise geht. Der Wind, die Wolken, das Sonnenlicht, der Regen – alles trifft mich unmittelbar, genau wie die Menschen, die mir begegnen. Ich lasse mich darauf ein, immer wieder aufs Neue, das tut mir gut.

Campingglück ist ein dehnbarer Begriff. Es kann der Platz auf Lebenszeit mit Vorzelt und Gartenzwergen an der Ostsee sein. Der nostalgische VW-Bus mit Surfbrettern auf dem Dach am Strand von Tarifa. Das Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnmobil in der kanadischen Wildnis oder das Survival-Zelt irgendwo in der Wüste. Hauptsache draußen. Immer hart am Wind und dicht dran an Sonne, Mond und Sternen.

So sind wir Camper. Und falls Sie jetzt noch mit dem Kopf schütteln, lesen Sie weiter. Am Ende werden Sie selbst noch einer. Und sollten Sie mir dann irgendwo zwischen Sanitäranlagen, Rezeption und Strandsauna über den Weg laufen, sprechen Sie mich ruhig an. Ich bin es wirklich.


Das erste Mal

Reisetagebuch, Juli 1978

Ich sitze hier in der Sonne und lasse mir’s wohlergehen. Schön … Wir sind in Bias bei Mimizan, sehr ruhig, nicht weit zum Meer. Das Meer – hohe Wellen, blaugrün, sauber, riesiger Strand. Man kann sich wohlfühlen, jawohl, das kann man. Es gefällt mir sehr gut hier, ich bin braun wie noch nie. Aber jetzt ist es mir zu heiß, um weiterzuschreiben.

Bei meinem ersten Mal war ich 18. Er war auch nicht viel älter als ich, hatte aber schon eine Kur nötig. Trotzdem fand ich ihn gleich attraktiv. Schick, irgendwie cool. Ich wollte mit ihm nach Südfrankreich, aber meine Eltern waren dagegen, er war ihnen nicht seriös genug.

»Der ist doch unzuverlässig, schimpfte mein Vater, »mit dem lasse ich dich nicht fahren.«

»Aber ich liebe ihn! Er ist genau der Richtige.« Wütend kämpfte ich für meinen ersten Urlaub mit Freunden nach dem Abi, ich hatte mich so darauf gefreut. Doch ohne IHN ging gar nichts, er musste fit sein, sonst konnten wir die Reise abblasen. Also legten wir uns alle ins Zeug, um ihn auf Vordermann zu bringen. Wochenlang wurde geschmirgelt, geschraubt und gepinselt – bis er endlich so weit war. Strahlend und blitzeblank stand er da, oben weiß, unten orange, formschön und startbereit: unser VW-Bus.

»Und?« Erwartungsvoll sahen wir unsere Eltern an. Wir: sechs Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren, drei Mädchen, drei Jungen, lebenshungrig, abenteuerlustig, die Schule hinter uns, die Atlantikküste im Visier.

»Na gut. Aber immer schön vorsichtig fahren.« Der Rest der Ermahnungen ging in unserem Jubel unter.

Zwei Wochen später war der Bus bis obenhin vollgepackt und wir starteten in den ersten Campingurlaub unseres Lebens.

Ein VW-Bus, zwei Zelte. 6 Luftmatratzen, 6 Schlafsäcke, ein Kochtopf, ein Grill, 6 Teller, 6 Tassen, 6 Gläser, Besteck. Ein paar Klamotten. Und natürlich ein Kassettenrekorder. Mehr brauchten wir nicht zu unserem Glück. Lautstark begleitet von Neil Young, Lou Reed und den Dire Straits düsten wir in bester Stimmung so schnell es ging Richtung Süden.

Der erste Stopp, an den ich mich erinnere, war eine Wiese irgendwo an der Loire. Wildromantisch, sehr einsam. Nur wir, unser Lagerfeuer und die Gitarre. Und am nächsten Morgen um sechs Uhr die französische Polizei.

»Reveillez-vous! Camping interdit ici!« (»Aufwachen! Camping ist hier verboten!«) Verschlafen blinzelten wir durch den Fensterspalt. Draußen standen drei Uniformierte, die nicht aussahen, als hätten sie Lust, zum Frühstück zu bleiben.

»D’accord messieurs, on va partir, excusez-nous.« (»Na klar meine Herren, wir hauen ab, Tschuldigung.«) Wer hätte gedacht, dass meine Eins im Französisch-Leistungskurs sich schon am ersten Tag unserer Reise bezahlt machen würde. Unter den strengen Blicken der Gendarme rafften wir unser Zeug zusammen und starteten durch.

Tipp für Neucamper: Wenn Sie außerhalb der ausgewiesenen Campingplätze übernachten, sei es um Geld zu sparen oder einfach nur, um romantisch zu sein, rechnen Sie damit, erwischt zu werden. Auch im Süden Europas mag die Polizei es nicht, wenn Naturfreunde ihre Hängematten im Wald aufhängen und ihre Zelte neben den Stromschnellen aufbauen. Keine Ahnung, warum das Wildcampen als ein so schlimmes Vergehen geahndet wird – wahrscheinlich wurden schon zu viele unerfreuliche Spuren hinterlassen. Wenn man es dennoch wagen will, sollte man sich gut tarnen. Oder allzeit bereit zum Aufbruch sein.

 

Unserer Urlaubslaune tat dieses Erlebnis keinen Abbruch. Bretagne, ÎIe de Ré, Mimizan, Biarritz – ganz egal, wo wir Station machten, es erschien uns alles groß, weit, wild und abenteuerlich. Wir hielten an, wenn wir Lust dazu hatten, schlugen die Zelte auf, machten Ravioli auf dem Gaskocher heiß, tranken Bier und billigen Rotwein. Tisch und Stühle brauchten wir nicht, wir aßen auf Bastmatten im Schneidersitz. Mit den Schlafplätzen wechselten wir uns ab, zwei durften im Bus schlafen, die anderen vier in den Zelten. Wenn es nachts zu heiß war, lagen wir nebeneinander im Sand, guckten in den Sternenhimmel und stellten uns die Zukunft vor.

Einmal gerieten wir in ein ausgelassenes Trinkgelage in irgendeiner bretonischen Kneipe. Wir hatten unseren Bus vor der Tür geparkt und wollten eigentlich nur ein Bier trinken und dann weiterfahren. Drei Stunden und 30 Biere später überlegten wir es uns anders. Wir tanzten mit den Einheimischen auf den Tischen und sangen lauthals bretonische Volkslieder bis die Kneipe um drei Uhr morgens dichtmachte. Während wir zum Auto torkelten, wurde uns klar, dass wir in der schmalen kopfsteingepflasterten Gasse beim besten Willen keine Zelte aufbauen konnten. Also quetschten wir uns zu sechst in den Bus und schliefen unseren Rausch aus.

Als wir am nächsten Morgen losfahren wollten, suchten wir vergeblich nach unseren Schuhen, die wir vor dem Auto abgestellt hatten. Alle weg. Entweder hatte sich jemand einen Scherz mit den deutschen Jugendlichen erlaubt, oder eine sechsköpfige bretonische Familie hatte richtig kalte Füße bekommen.

Irgendwo südlich von Bordeaux machten wir nachts ein Lagerfeuer am Strand, es war so warm und sternenklar, dass wir unsere Schlafsäcke holten und draußen schliefen. Tief und fest und traumlos – bis zu dem Moment, als ich das Kribbeln spürte. Es war überall, an meinen Füßen, den Beinen, unter den Armen, am Bauch, am Hals.

»Jörg, wo ist die Taschenlampe?« Ängstlich rüttelte ich meinen Nachbarn wach, »da kitzelt mich irgendwas.« Verschlafen kramte Jörg die Lampe aus seinem Rucksack und leuchtete gähnend in meinen Schlafsack hinein.

Mein Schrei war höchstwahrscheinlich bis Paris zu hören. Käfer. Überall kleine schwarze Käfer. Hysterisch riss ich mir den Schlafsack und die Klamotten vom Leib und führte einen wilden Tanz auf, um die Tierchen, die noch auf mir saßen, abzuschütteln.

»Was ist denn hier los, bist du verrückt geworden?« Mürrisch wälzten sich die anderen aus ihren Schlafsäcken und starrten mich verwirrt an.

»Hilfe! Ich bin angegriffen worden!«, schrie ich, »ein Käfer-Überfall, alles juckt, die sind dabei, mich aufzufressen.« Was ich bis heute nicht begreife: Keiner der anderen hatte auch nur einen einzigen Käfer in den Klamotten oder im Schlafsack. Die Krabbeltiere waren nur bei mir zu Besuch. An Schlaf war nach diesem Erlebnis nicht mehr zu denken, fluchtartig verließen wir den Strand. Als ich mich im Waschhaus des Campingplatzes bei Licht begutachtete, waren keine Spuren zu sehen, keine Flecken, keine Stich- oder Bissspuren, nichts. Mysteriös.

Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass ich mich weder für Afrika-Safaris noch Dschungelexpeditionen eigne. Camping ja, Überlebenscamps nein. Ich habe danach nie wieder Lust verspürt, am Strand zu übernachten.

Meine beste Freundin behauptet ja bis heute, ich sei die Einzige von uns gewesen, die immer aussah »wie aus dem Ei gepellt«. Mag sein. Als Neucamperin legte ich damals noch Wert auf gepflegtes Aussehen, ich schminkte mich, föhnte mir die Haare, lackierte mir die Fingernägel und zauberte immer noch strahlend weiße Hosen und T-Shirts aus meinem Rucksack. Diese Marotte habe ich lange abgelegt. Denn schon Konfuzius wusste: »Camping ist, wenn man die eigene Verwahrlosung als Erholung empfindet.« Den Spruch habe ich erst neulich wieder als Aufkleber auf einem Wohnmobil gesehen.

Vieles erlebte ich damals zum ersten Mal. Nacktbaden im schäumenden Atlantik, Baguette und Käse unter Pinien. Vor dem Zelt hocken und bis weit nach Mitternacht »Blowing in the wind« zur Gitarre grölen, bis die Nachbarn sich beschweren. Lachen, Knutschen, ab mittags Bier trinken. Sorglosigkeit.

Und manchmal auch Streit. Zum Beispiel in einem Wäldchen bei Rouen. Wir waren auf der Rückfahrt und hatten alle Hunger, aber kein Geld mehr. Was uns blieb, war eine Packung Spaghetti und Ketchup. Pech, dass mir beim Abgießen des Wassers das Sieb aus der Hand rutschte und die Überlebens-Nudeln im Dreck landeten.

»Schminken kannst du dich, aber zum Nudeln kochen bist du zu blöd!« Weinend und hungrig verkroch ich mich im Bus und hörte, wie die anderen sich draußen ein steinhartes Baguette teilten und über die »Tussi« schimpften. Am nächsten Morgen ließen wir die letzten beiden Zigaretten herumgehen und vertrugen uns wieder.

Was mir bis heute von diesen vier Wochen Roadtrip unter südlicher Sonne geblieben ist? Das Gefühl, frei zu sein und jederzeit aufbrechen zu können. Das Glück, kein Dach überm Kopf zu haben. Die Gewissheit, weder Geld noch Komfort zu brauchen, um einen Traumurlaub zu verbringen. Wären wir damals nicht losgefahren, wäre ich wahrscheinlich heute keine Camperin.

Deshalb danke ich an dieser Stelle meinen Eltern für viele erfüllte Campingjahre. Ja, meinen Eltern. Denn wären sie 1978 nicht so entschieden dagegen gewesen, hätte ich vielleicht nie diese Leidenschaft für Wohnmobilreisen ins Blaue entwickelt. Manchmal erwächst ja aus dem Protest ganz ungeplant ein Glücksrezept.

Gebrauchsanweisung für PferdeGebrauchsanweisung für Pferde
Eine intensive Liebesgeschichte verbindet Juli Zeh mit den Pferden. Womit verzaubern uns diese zugleich starken und sanften Tiere? Wie kommt es, dass so unterschiedliche Wesen wie Pferd und Mensch immer wieder die Nähe des anderen suchen? Juli Zeh schildert, welche Rolle Fluchtinstinkt, Rangordnung und Vertrauen spielen und wie man die Sprache der Pferde erlernen kann. Was ein typisches Pferdemädchen antreibt. Warum Reiten glücklich macht und weshalb Pferde oft als Zen-Meister bezeichnet werden. Sie erzählt von Frauen, die sich mehr für neue Pferdedecken als für Modetrends interessieren. Von Kasimir, Neo und einem Pony namens Pony, die zu Familienmitgliedern wurden. Und sie zeigt, was Schreiben und Reiten gemeinsam haben.

Statt eines Vorworts:
Über Pferdeliebe

 

Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Als Kinder schrieben meine Freundinnen und ich uns diesen Satz gegenseitig in die Poesiealben. Und wir meinten ihn ernst. Wort für Wort.

Ich war ein echtes Pferdemädchen. Eines jener obsessiven Geschöpfe, die jede freie Minute im Reitstall verbringen. Die ihre Zimmer mit Pferdepostern tapezieren, ständig Pferdebücher lesen und ihre Schulhefte mit Pferdeköpfen vollkritzeln. Pferdemädchen – jeder kennt sie, keiner liebt sie. Vor allem Jungs verziehen abschätzig das Gesicht: Pferde sind doch totaler Mädchenkram! Und, Hand aufs Herz: Ist nicht alles, was Mädchen gerne tun, ein bisschen peinlich, Emanzipation hin oder her?

Glücklicherweise sind Pferdemädchen so sehr von ihrer Besessenheit in Anspruch genommen, dass sie sich für die Meinung anderer zu ihrem Hobby nicht sonderlich interessieren. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass wir uns die Neckereien der Mitschüler zu Herzen genommen hätten. Wir sagten zueinander: »Die sind doch nur neidisch!« Damals dachte ich: auf uns. Weil wir etwas hatten, das uns wirklich wichtig war. Heute weiß ich: vielleicht doch eher auf die Pferde.

 

Pferdeliebe ist ein Faszinosum, auch für jene, die ihr nicht verfallen sind. Von Zeit zu Zeit erscheinen Studien, die ergründen wollen, was dahintersteckt. Wie kann es sein, dass ein Mensch schon in jungen Jahren derartig für etwas brennt? Dass er bereit ist, sein gesamtes Taschengeld zu opfern, dass er morgens Zeitungen austrägt und abends Rasen mäht, um sich einmal pro Woche eine zusätzliche Reitstunde leisten zu können? Und warum befällt das Pferdevirus vor allem weibliche Wesen?

 

Fest steht, dass Pferdemädchen viel weniger mädchenhaft sind, als das Klischee behauptet. Sie haben wenig zu tun mit Anna und Elsa, Barbie oder »Friends«. Ihre bevorzugten Farben sind nicht Pink und Lila, sondern Staubgrau, Strohgelb und Matschbraun. Sie verbringen ihre Zeit nicht damit, glitzernde Plastikponymähnen zu Zöpfen zu flechten. Im Gegenteil, sie sind Kämpfernaturen. Egal ob Regen, Wind, Gluthitze oder Schnee – man trifft sie auf Reitplatz, Koppel oder im Gelände an. Sie haben keine Angst, sich schmutzig zu machen, sie wissen, wie man mit Schaufel und Mistforke umgeht, und vielleicht sogar, wie man einen Traktor fährt. In den Sommerferien verrichten sie stundenlang harte körperliche Arbeit, in der vagen Hoffnung, am Nachmittag eins der Spitzenpferde des Stallbetreibers trockenreiten zu dürfen. Wenn es darum geht, in der Reitstunde das beste Schulpferd zu ergattern, beißen sie gnadenlos Konkurrentinnen weg. Nach einem noch so spektakulären Sturz in den Sand erheben sie sich taumelnd, klopfen sich die Klamotten ab und klettern zurück aufs Pferd, denn eine der wichtigsten Reiterregeln lautet: Wer runtergefallen ist, muss sofort wieder rauf.

 

Reiten ist ein Sport mit militärischen Wurzeln. Ein Rest von soldatischem Geist wirkt bis heute nach. Man merkt es noch am teilweise recht rauen Umgangston auf den Reitanlagen. Auch an den Kleidungsvorschriften auf Turnieren und daran, was viele Reiter und Reiterinnen von sich selbst erwarten: Disziplin, Einsatzbereitschaft und Härte. Auch zählt Reiten zu den gefährlichsten Sportarten. Gerade am Anfang fällt man häufig runter. Das ist gewiss nichts für Heulsusen.

Umso absurder, dass trotzdem versucht wird, Pferdeliebe mit latent sexistischen Motiven zu erklären. Dann heißt es, junge Frauen übten mit dem Pferd für das Verliebtsein in den ersten Mann. Gleichzeitig trainierten sie schon mal den Brutpflegeinstinkt. Und hat die Sache mit diesen kraftstrotzenden Riesentieren, auf denen man rittlings sitzt, nicht am Ende auch eine sexuelle Komponente?

Anscheinend ist es noch immer unvorstellbar, dass irgendetwas, wofür Mädchen sich begeistern, nichts mit Kinderzeugen, Kinderkriegen oder Kinderpflegen zu tun haben könnte.

Als Argument für solche degradierenden Deutungen wird gelegentlich angeführt, die meisten Mädchen würden ihr Hobby an den Nagel hängen, sobald sie alt genug für den ersten »richtigen« Freund seien. Als ob das irgendetwas bewiese! Gewiss, manche Mädchen verlieren ihr Hobby mit Beginn der Pubertät aus den Augen. Aber das gilt ebenso für Jungs, die mit dem Fußballspielen aufhören, wenn sie sechzehn sind. Solche Beobachtungen erklären gar nichts. Vor allem nicht, warum Pferdeliebe eine so herausragende, ja lebensverändernde Kraft entfalten kann.

 

Ich kann nicht mit statistischen Daten aufwarten, aber mein Eindruck ist, dass Pferdebegeisterung sogar häufiger das Erwachsenwerden überdauert als die Freude an anderen Sportarten. Viele Menschen beginnen als Kind mit dem Reiten und bleiben ein Leben lang dabei. Bei anderen erwacht die Pferdeliebe zu einem späteren Zeitpunkt im Leben erneut. Oder sie werden überhaupt erst als Erwachsene mit dem Pferdevirus infiziert. Nach Schätzungen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) leben rund vier Millionen erwachsener Reiter in Deutschland. Vier Millionen! Davon 78 Prozent Frauen. Und 1,3 Millionen Pferde beiderlei Geschlechts. Innerhalb des Deutschen Olympischen Sportbunds rangiert die FN mit knapp 700 000 Mitgliedern immerhin an achter Stelle.

Soweit die Fakten. Reiten ist also eine Sportart, die sich großer Beliebtheit erfreut, vor allem bei Frauen. Ende der Geschichte? Nein. Denn Reiten ist mehr als ein Sport. Ich würde sogar sagen, dass der sportliche Aspekt den kleinsten Teil der Mensch-Pferd-Beziehung ausmacht, ganz egal, wie viel der gemeinsamen Zeit man im Sattel verbringt. Der Rest ist … Pferdeverrücktheit eben.

 

Natürlich gibt es auch tennisverrückte, fahrradverrückte oder trampolinverrückte Sportler. Irgendwie ist das aber nicht dasselbe. Reiten involviert ein Tier. Allein das begründet eine Sonderstellung unter allen anderen Sportarten. Pferde sind die einzigen vierbeinigen Sportler, die zu den Olympischen Spielen fahren. Sportler, nicht Sportgeräte, wohlbemerkt.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied, diffuser und zugleich substanzieller. Reiten ist eine Geschichte, die vom Glück handelt. »Das höchste Glück im All steckt in einem Ball.« – Dieser Satz steht in keinem Poesiealbum der Welt. Bei anderen Sportarten geht es um Spaß, Fitness, Teamgeist oder Ehrgeiz – aber nicht gleich um Glück. Wenn es in den meisten Fällen nicht einmal Wohlstand oder Liebe schaffen, die Menschen glücklich zu machen, wie soll das dann einer Freizeitbeschäftigung gelingen?

 

Und doch hat das Sprichwort recht. Als ehemaliges Pferdemädchen weiß ich, wovon ich spreche. Ich kenne den Glücksmoment, wenn man das Lieblingspferd selbst von der Koppel holen darf. Die Seligkeit, sich mit dem Tier zu beschäftigen, es zu füttern, zu putzen. Zu hören, wie es Heu kaut. Den warmen, gewaltigen, friedlichen Leib unter den Händen zu spüren. Seinen Geruch einzuatmen. Vielleicht sogar zu reiten, wenn der Geldbeutel oder die Gnade des Reitlehrers es zulassen. Ein Tennisschläger oder ein Fahrrad müssen gut funktionieren. Auch ein Pferd soll irgendwie funktionieren. Aber vor allem soll es seinen Menschen glücklich machen.

Viel Schönes, aber auch viel Schreckliches, das in der Reiterwelt geschieht, geht auf diesen erstaunlichen Anspruch zurück. Pferdeliebe darf man wörtlich nehmen. Das Pferd ist ein Glücksversprechen. Nicht weniger als das.

 

Mich hat das Pferdevirus niemals wieder verlassen. Während des Studiums hatte ich weder Geld noch Gelegenheit zum Reiten, aber später sind die Pferde dann zu mir zurückgekehrt. Heute bin ich eine Pferdefrau par excellence. Eine von der Sorte, die mehr Zeit mit den Viechern als mit Arbeiten verbringt. Die ständig Dreck unter den Fingernägeln hat. Die am Esstisch Sätze sagt wie: »Solange Kasimir sich dermaßen aufs Gebiss legt, sitzt er weder reell auf dem Hinterbein, noch kriegt er die Schulter frei. Da brauchen wir mit den fliegenden Wechseln gar nicht erst anzufangen.« Die Familie nickt dann und sagt: »Aha.« Das Glück des Pferdemenschen besteht offensichtlich nicht darin, von anderen verstanden zu werden. Aber worin dann?

 

Über die Geschichte von Mensch und Pferd ist erstaunlich wenig bekannt. Aktuelle Forschungen vermuten, dass das Pferd vor über 5000 Jahren domestiziert und zunächst zum Ziehen und Tragen von Lasten verwendet wurde. Aus dem Jahr 2800 v. Chr. stammen die ersten Hinweise auf den Einsatz als Reittier. Bedeutend wurde die Reiterei mit dem Kriegswesen. Aber auch im zivilen Bereich ist das Pferd aus der Kulturgeschichte des Menschen nicht wegzudenken. Landwirtschaft, Handel, Mobilität – ohne Pferde wären wir nicht, wer wir heute sind.

Aber reicht das aus, um zu erklären, warum mich manchmal die Freude wie ein Stromstoß durchfährt, wenn ich meinen Pferden auf der Koppel beim Herumtoben zusehe? Liegt das daran, dass ihre Vorfahren die Kutsche meiner Vorfahren gezogen haben? Wohl kaum.

 

Manche Pferdefreunde erklären ihre Liebe aus einem ästhetischen Blickwinkel. Pferde seien der tiergewordene Ausdruck von Schönheit. Kraftvoll, anmutig, elegant. Gewiss spielt Ästhetik in vielen Bereichen der Reiterei eine Rolle, besonders im Dressursport, wo es darum geht, Harmonie und Balance in der Bewegung sichtbar zu machen. Aber, Hand aufs Herz: Der Durchschnittsmensch ist kein Topmodel, und das Durchschnittspferd sieht nicht aus wie Dressurstar Damon Hill. Dicke Bäuche oder spitze Knochen, eher gemütliche oder zu hektische Bewegungsabläufe sind bei Pferden wie bei Menschen normal. Was uns bei Dreckwetter mit struppigem Fell und verschlammten Beinen auf der Koppel entgegenkommt, ist vielleicht niedlich, aber nicht unbedingt Schönheit in Vollendung. Sicher, Pferde haben weiche Nasen und sanfte Augen, aber die haben andere Pflanzenfresser auch.

 

Ich glaube, es ist weder die Kulturgeschichte noch ästhetisches Vergnügen, was unser Herz höher schlagen lässt, wenn wir an Boxentür oder Weidezaun treten. Es ist etwas Komplizierteres. Pferde sind eigentlich Wildtiere. Auch nach ein paar Tausend Jahren Zuchtgeschichte sind ihre Instinkte intakt. Anders als die meisten Hunde und Katzen wären sie jederzeit in der Lage, sich in freier Natur zu ernähren. Sie brauchen den Menschen nicht, um ihr Überleben zu sichern. Trotzdem sind sie bereit, mit uns und für uns zu arbeiten. Mehr als das, sie machen uns ein unglaubliches Angebot. Pferde bieten uns an, Teil ihrer Herde zu werden. Dann jedenfalls, wenn sie noch keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.

Nach vierzig Jahren Reitsport berührt mich dieses Phänomen immer noch tief. Anscheinend gibt es einen wundersamen Wunsch nach Kontakt zwischen Mensch und Tier. Und zwar nicht nur in uns, sondern auch auf Seiten des Tiers. Da möchten zwei Spezies, die von Natur aus keine gemeinsame Sprache sprechen, eine Verbindung eingehen. Obwohl sie in völlig unterschiedlichen Welten leben und sogar Fressfeinde sind. In den engstehenden Augen und zielstrebigen Bewegungen des Menschen erkennen Pferde zutreffend den Fleischfresser und Jäger. Sie selbst sind Pflanzenfresser und ewig begehrte Beute. Trotzdem machen sie uns dieses unfassbar noble Angebot. Das rührt eine Saite am Grund unseres Wesens. Wer ihren Klang einmal vernommen hat, wird ihn nicht mehr vergessen.

 

So sehe ich es vor meinem geistigen Auge: Das Pferd steht am Rand der Wildnis, der Mensch an der Schwelle der Zivilisation. Beide sind einen kleinen Schritt herausgetreten aus ihrem jeweiligen Bereich. Zwei Diplomaten, der eine aus dem Reich der Tiere, der andere aus der Menschenwelt. Sie schließen einen Pakt. Ein Bündnis, das für Augenblicke den Riss heilt, der durch die Welt läuft, seit der Mensch beschlossen hat, nicht mehr zur Natur zu gehören. Machet euch die Erde untertan: Wir Menschen haben viel daran gesetzt, uns zum Gegenteil der restlichen Schöpfung zu machen. Eroberer, Herrscher, Zerstörer, vielleicht auch mal Beschützer und Bewahrer, aber bitte kein Teil davon. Dem Pferd ist das egal. Es kommt einfach näher und versucht es mit Kommunikation.

Es geht also um Beziehung. Um das Wunder einer Verbindung über alle Barrieren hinweg. Wenn man eine Erklärung für geschlechtsspezifische Unterschiede sucht, also eine Antwort auf die Frage, warum mehr als drei Viertel aller Reiter Frauen sind, seit das Pferd nicht mehr als Kriegsgerät- oder Fortbewegungsmittel herhalten muss, findet man sie vielleicht am ehesten hier: weil sich auch in der modernen Welt vor allem Frauen für Kommunikation und Beziehungsarbeit interessieren.

 

Wenn ich von einem solchen Bündnis zwischen Mensch und Pferd spreche, hat das übrigens nichts mit Fury, Black Beauty oder Ostwind zu tun. Die meisten Pferde in Büchern und Filmen kommen auf jeden Pfiff angerannt und sind mindestens so intelligent wie ihre jeweiligen Bezugspersonen. Auch ich habe als Jugendliche solche Geschichten verschlungen. Aber sie zeichnen natürlich ein völlig falsches Bild.

Wenn Pferde in der Literatur auftauchen, folgt die Handlung meist einem festen Muster. Anfangs ist das Pferd wild und lässt sich kaum anfassen. Entweder hat es ein Trauma erlitten, oder es stammt als Mustang direkt aus der Natur. Dann taucht ein junger Mensch auf, Mädchen oder Junge, in den sich das Pferd auf den ersten Blick verliebt. Und umgekehrt. Ab diesem Moment beginnt das Pferd, sich wie ein Mensch oder wenigstens wie ein Hund zu verhalten. Es versteht alles und kann alles. Meistens erhält es keine sportliche Grundausbildung und wird trotzdem von seinem Lieblingsmenschen geritten, einfach, weil es beschlossen hat, ein Reitpferd zu sein. Vielleicht gewinnt es am Ende noch ein Rennen oder ein Turnier.

 

Man kann das als üblichen Hollywood- oder Jugendbuch-Kitsch abtun, der keine weitere Beachtung verdient. Das Problem ist aber, dass solche Geschichten den real existierenden Pferden schaden. Sie spannen einen Erwartungshorizont auf, der nicht nur das Denken von Laien, sondern durchaus auch das von erfahrenen Pferdemenschen bestimmt.

Aus der Fury-Perspektive ist die Vermenschlichung des Pferds eine Bedingung für den erfolgreichen Umgang miteinander. Man höre nur einmal zu, wie Pferdebesitzer auf der Stallgasse über ihre Tiere reden! »Cayenne wollte mich heute mal wieder richtig ärgern.« – »Dario ist sauer, weil ich die ganze Woche nicht bei ihm war.« – »Auf dem Turnier habe ich gemerkt, dass Mylord unbedingt gewinnen will.« – »Pass auf, Carina führt etwas im Schilde!« – »Shining ist gerade in der Trotzphase.«

Der Ostwind-Mythos verlangt vom Pferd, etwas zu werden, das es gar nicht ist. Die wundersame Metamorphose wird dann zur Voraussetzung für das gesamte Miteinander. Das Pferd wird gelobt und geliebt, wenn es sich (scheinbar) wie ein menschlicher Freund benimmt. Und es wird angeschrien oder sogar bestraft, wenn es seinen Menschen »enttäuscht«. Wenn Pferdebesitzer ausrasten, ihr Pferd mit Zügeln und Sporen traktieren oder sogar schlagen, geschieht das nicht aus Hass. Sondern aus gekränkter Liebe. Aus Enttäuschung über die »Undankbarkeit« des Pferdes, für das sie sich doch täglich ein Bein ausreißen. Oder aus Wut über »Ungehorsam« und »Bockigkeit«. Als wäre das Pferd ein kleines Kind.

Dabei sind das alles Begriffe, die auf Pferde überhaupt nicht passen. Ein Pferd folgt seinen Instinkten, es verhält sich stets logisch im Rahmen seines natürlichen Programms. Es kennt keine Bestrebungen, den Menschen durch sein Verhalten zu ärgern. Dass Menschen trotzdem so unkontrolliert auf vermeintliche Unarten reagieren, ist eine Folge der Vermenschlichung des Tiers. Sie nehmen das Misslingen im Umgang mit dem Pferd persönlich. Ihr Ego fühlt sich verletzt, das Pferd muss dafür büßen. Es soll seinen Menschen doch verstehen und auf dessen Emotionen Rücksicht nehmen! Kein Pferd der Welt kann diese Erwartung erfüllen. Und die Folge von falschen Erwartungen ist stets große Ungerechtigkeit.

 

Der Topos des wilden Wesens, das durch pure Liebe gezähmt wird, übt große Faszination aus. Tatsächlich kann man Mustangs zähmen, sogar in erstaunlich kurzer Zeit und gänzlich ohne Gewalt. Allerdings spielt dabei weniger Liebe als vor allem sachkundiger Umgang eine Rolle. Man kann auch traumatisierte Pferde von ihren Ängsten heilen, wenn man weiß, wie es geht. Was aber am Ende einer solchen Annäherung steht, ist immer noch ein Pferd. Vielleicht wird es bereit sein, mit seinem Menschen zusammenzuarbeiten. Aber vermutlich wird es nicht angerannt kommen, wenn man pfeift.

In Filmen und Büchern müssen Pferde lernen, wie Menschen zu denken, um Freundschaft zwischen den Spezies zu ermöglichen. Im echten Leben ist es genau umgekehrt. Will man das Beziehungsangebot eines Pferds annehmen, muss man sich in Pferdesprache verständigen können. Wenigstens in Grundzügen. Pferdisch für Anfänger.

Wer das equine Kommunikationssystem beherrscht, kann selbst im Umgang mit vermeintlich schwierigen Pferden überraschende Erfolge erzielen. Manchmal schon nach wenigen Minuten Kontakt. Aus dieser Tatsache ist die Figur des Pferdeflüsterers entstanden. Ebenso wie die Idee vom Wildtier, das sich im Handumdrehen in einen besten Freund verwandelt.

Insofern ist Pferdeliebe ein zweischneidiges Schwert. Sie ist segensreich, solange und soweit es dem Menschen gelingt, sein Pferd ein Pferd sein zu lassen. Versucht er jedoch, bewusst oder unbewusst, das Pferd durch Zuneigung in etwas Menschliches zu verwandeln, so wie es gelegentlich im Märchen geschieht, wenn die Prinzessin den Frosch küsst, wird die Pferdeliebe zum Gift. Denn ein Pferd wird uns niemals zurücklieben, wie ein anderer Mensch es könnte. Es schuldet uns auch keine Dankbarkeit und keinen Gehorsam. Was es uns anbietet, ist sein Vertrauen, wenn wir uns konsequent und zuverlässig verhalten. Dann wird es eine dauerhafte Verbindung zu uns eingehen und zu erstaunlichen Leistungen bereit sein. Ganz sanft, ohne Druck. Nur, weil wir es von ihm verlangen.

 

Es ist immer schwierig, über Beziehungen zu sprechen. Schon in Bezug auf die Verbindung zwischen uns und anderen Menschen fehlen oft die Worte. Bekanntschaft, Freundschaft, Liebe – das sind nur Hinweisschilder, die auf etwas viel Größeres, Komplexeres verweisen, das in unseren Herzen liegt. Für »zwischenartliche« Beziehungen gibt es nicht einmal Begriffe. Wie heißt die Verbindung zwischen Pferd und Mensch? Interspezifische Symbiose? Artübergreifende Herdenmitgliedschaft? Homo-Equus-Relation?

Ganz egal, wie sie heißt, fest steht, dass sie glücklich macht. Mich jedenfalls. Je öfter ich Momente von Einklang mit den Tieren erlebe, von Harmonie zwischen zwei völlig unterschiedlichen Wesen, von wortloser Verständigung durch kleinste Signale, desto mehr möchte ich davon haben. Diese besondere Form des Gelingens macht süchtig. Deshalb bin ich bereit, viel Zeit, Kraft und Geld in eine Beschäftigung zu investieren, die mehr ist als ein Hobby oder ein Sport. Richtig verstandene Pferdeliebe ist eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung. Sie besagt, dass es möglich ist, sich mit dem Fremden und Anderen zu verbinden. Und dass aus solchen Verbindungen tiefe Zufriedenheit resultiert.

 

Es ist schwierig, über Beziehungen zu sprechen. Genau deshalb müssen wir immer wieder davon erzählen. Um von einer besonderen, merkwürdigen, wunderschönen, manchmal auch gefährlichen Form von Liebe zu erzählen, deshalb schreibe ich dieses Buch. Und weil ich um Verständnis werben will. Eine Gebrauchsanweisung für Pferdemenschen. Und für Pferde, die von Menschen geliebt werden.

Pferdemädchen

 

Lichtbalken im Staubdunst der Reithalle, so massiv, als würden sie das Dach tragen. Das leise Schnauben der Schulpferde, die artig auf dem Hufschlag laufen. Das aggressive Summen der Fliegen, die immer wieder landen, egal, wie oft man sie verscheucht. Der typische, täglich aufs Neue elektrisierende Geruch nach Staub, Stroh und warmen Pferdekörpern. Das Gefühl von Schweiß auf der Haut, der beim Trocknen Salzkrusten und Schmutzränder hinterlässt. Der schmerzhafte, aber irgendwie auch befriedigende Muskelkater in den Armen, aktuell vom Aufschichten einer Ladung Heuquader. Gelegentlich gebellte Kommandos des Reitlehrers: »Rücken gerade, Hacken runter, Abteilung Teee-rab!« Er heißt Herr Hoffmann und läuft in der Bahnmitte mit einer Longierpeitsche herum, um die besonders energiesparenden Modelle unter den Schulpferden zum Trab zu bewegen.

 

Ich bin elf Jahre alt, sitze auf der Tribüne, trage Turnschuhe statt Reitstiefel und sehe bereits der dritten Reitstunde in Folge zu. Heute ist Donnerstag, nicht Dienstag. Nur dienstags habe ich Reitstunde. Einmal pro Woche, zwanzig D-Mark, mit Zehnerkarte fünfzehn. Mehr können sich meine Eltern nicht leisten. Behaupten sie jedenfalls. Ich verbringe trotzdem jeden Tag im Stall. Sommerferien, ein endloses Meer aus Zeit. Wenn frühmorgens der Wecker klingelt und ich kurz darauf das Haus verlasse, liegt der Rest meiner Familie noch in den Betten. Ich radele durch die stillen Straßen, raus aus der Stadt und bis zum Kottenforst, an dessen Rand sich der Reitstall Blumenau befindet. Wenn ich früh dort bin, kann ich dabei helfen, die Pferde auf die Koppeln zu bringen. Will ich sicherstellen, dass ich mein Lieblingspferd Leroy führen darf, muss ich als Erste vor Ort sein. Es kommen noch andere Pferdemädchen in den Stall, und Leroy ist ein beliebtes Pferd.

 

Sobald die Pferde draußen sind, werden Boxen ausgemistet, Heu verteilt und die gefühlt kilometerlange Stallgasse gefegt. Meistens gibt es noch Spezialaufträge, Heuquader schichten, Sattelzeug putzen, Hindernisstangen streichen. Wir Pferdemädchen drücken uns nicht vor der Arbeit, im Gegenteil, wir reißen uns darum. Es ist nicht so, dass wir etwas Konkretes dafür bekämen. Kein Geld, keine bestimmte Anzahl von Reitstunden. Eher erwerben wir vage Anwartschaften. Auf irgendeine zusätzliche Beschäftigung mit den Pferden. Das Lieblingspferd putzen. Den Anfängern beim Satteln helfen. Ein Privatpferd trockenreiten. Ein Schulpferd longieren, das nicht im Unterricht gegangen ist. Letzteres ist schon eine Art Silberpokal. Der Goldpokal besteht in der kostenlosen Teilnahme an einem der Ausritte am Wochenende.

Leider gelingt es mir selten, einen der Hauptpreise zu ergattern. Dafür muss man nicht nur schuften, sondern auch den Reitlehrer anschleimen. Man muss Herrn Hoffmann mit ständigem Gebettel auf die Nerven gehen, immer wieder erzählen, wie viel man an dem Tag schon gearbeitet hat, und außerdem zulassen, dass er einen in die Oberarme zwickt. Das kann ich nicht. Herr Hoffmann riecht nicht gut, ist oft grob zu den Pferden und insgesamt ein ziemlich widerlicher Typ. Er beschimpft die Stallburschen und kriecht vor den Privatreitern, die meist erst am frühen Abend auf die Anlage kommen. Aber er ist ein echter Springreiter, also ein Wesen höherer Art. Wenn er ein Pferd durch den Parcours reitet oder am Wochenende auf den Anhänger treibt, um zu einem seiner Provinzturniere zu fahren, stehen wir Pferdemädchen am Zaun und sehen mit einer Mischung aus Anbetung und Abscheu zu.

 

In der Reitbahn bekommt eine Schülerin Leroy nicht in den Galopp. Ich kann meine Genugtuung nicht verhehlen. Als ein anderes Pferdemädchen sich zu mir beugt und flüstert: »Bei dir läuft er viel besser!«, durchflutet mich ein warmes Gefühl. Solche Momente sind selten und kostbar. Sie nähren die Illusion, dass es zwischen mir und Leroy eine besondere Verbindung gibt. Einen Draht. Dass er sich gut mit mir versteht, besser als mit den anderen. Natürlich ist das in Wahrheit nicht der Fall. Von Pferdekommunikation habe ich noch nicht die geringste Ahnung, und für Leroy bin ich vermutlich nur eine von vielen Belästigungen, aus denen sein Leben besteht.

Der korrekte Umgang mit Pferden ist nicht Teil des Unterrichts. Vermutlich weiß Herr Hoffmann selbst nicht, dass man mit Pferden nonverbal kommunizieren kann. Er bringt sie mit Druck, manchmal mit Gewalt zu dem, was er will. Das klappt mal besser und mal schlechter. An allem, was schiefgeht, ist immer das Pferd schuld. Wir Mädchen hingegen glauben, dass eine Verbindung zu den Pferden entsteht, wenn wir sie nur genug liebhaben. Dass diese Idee genauso falsch ist wie die von Herrn Hoffmann, käme uns niemals in den Sinn.

 

Unten in der Bahn beginnt der Reitlehrer zu brüllen, eine Reihe von Beleidigungen in Bezug auf Mädchen und Pferd. Dumme Gans, blöder Gaul. Leroys Reiterin sieht aus, als müsste sie gleich weinen. Ich hoffe inständig, dass Herr Hoffmann nicht zur Peitsche greift, um Leroy doch noch in den Galopp zu treiben. Gott sei Dank lässt er ab und wendet sich einem anderen Pferd zu. Auf der Tribüne macht sich Erleichterung breit. So sehr wir Pferdemädchen in Konkurrenz zueinander stehen, bilden wir doch eine Einheit, sobald einem Pferd eine Ungerechtigkeit widerfährt. Dann spüren wir, dass wir ein Team sind, geeint durch dieselben Vorstellungen, Wünsche und Träume. Leider auch durch dieselbe Hilflosigkeit. Im Reitstall sind wir ein Nichts. Unsere Stimme besitzt keinerlei Gewicht. Selbst wenn Herr Hoffmann mit der Peitsche auf Leroy losgegangen wäre, hätten wir nichts dagegen unternehmen können. Nur Privatreiter, die für ihr Pferd im Monat ein paar Hundert D-Mark Boxenmiete zahlen, gelten im System des Reitstalls als Menschen. Umsonst schuftende Pferdemädchen und schlecht bezahlte Stallburschen werden im übertragenen Sinn, manchmal auch wortwörtlich mit Füßen getreten. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, mich zu beschweren oder gar die Lust zu verlieren. Dass ich auf der Tribüne sitzen und zusehen, dass ich mich im Stall aufhalten und mitarbeiten darf, ist für mich ein kostbares Privileg.

 

Blick ins Buch
17931793

Roman

»Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.« Arne Dahl Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden»Stellen Sie sich ›The Alienist – Die Einkreisung‹ im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. ›1793‹ ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!« A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von »The Woman in the Window«)

Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.

1.
»Häscher Mickel! Wachen Sie auf!«
Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.
Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter – da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.
»Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!«
Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.
Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.
Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst – und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.
Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.
»Was zur Hölle ist hier los?«
Das Mädchen – das ältere der beiden Kinder – antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.
»Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.«
In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.
»Und was hab ich damit zu tun?«
»Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.«
In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.

Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.
»Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.«
Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind – das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.
»Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!«
»Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!«
Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.
»Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.«
Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.
»Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.«
Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.
Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.
Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.
Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt – drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.
Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.
Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.
Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.
»Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!«
Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.

Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.
Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.
Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren – seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.

Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.
»Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?«
»Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund – Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.«
Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.
»Da.«
Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.
»Pfui Teufel!«
»Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.«
Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.

2.
Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.
Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.
Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.
Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.
Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar – jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.
Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.

Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.
Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.
Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.
»Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.«
Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.
»Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen – und sie Ihnen –, in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.«
Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.
»Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen – kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.«
»Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.«
Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.
»Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten – es ist anders gekommen.«
Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
»Es hätte funktionieren müssen.«
Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.
»Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau – beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.«
Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.
»War sie allein?«
Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.
Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.
Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.
»Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.«
Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.
»Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?«
Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.

Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.
Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt – jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen – einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.

Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius’ Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.
»Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.«
Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.
»Also?«
»Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?«
»Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.«
Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.
»Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.«
»Ach ja?«
Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.
»Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.«
Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.
»Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.«
Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.«
Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.
»Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.«
Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.
»Kauf Brot davon«, ruft Winge ihm nach, »und keinen Branntwein!«
Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: »Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!«
Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.

Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.
»Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.«
Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.
»Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.«
Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.
»Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings … Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.«
»Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.«
Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.
»Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«
Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.
»Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil … aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?«
Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen – vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.
»Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.«

3.
So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.
Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.
»Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.«
»Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.«
Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.
Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.
Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.
»Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.«
Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.
»Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?«
Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.
»Wenn es nur so wäre … Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.«
»Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.«
Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.
»Mein Name ist Cecil Winge.«
Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.
Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen – Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.
Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.
Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.
»Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?«
»Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?«
Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.
»Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm … Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.«
Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.
»Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.«

In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.
»Herr Winge?«
»Ja.«
»Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.«
»Weisen Sie uns den Weg.«
»Einen Augenblick bitte.«
Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.
»Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.«
Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.
Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.
»Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.«
Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.
»Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen … Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre … ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.«
Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.
»Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.«
Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.
»Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?«
Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.
»Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?«
Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.
»Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.«
Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.
»Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?«
Schwalbe runzelt die Stirn.
Winge dreht sich zu Cardell um.
»Wie wäre es mit Karl?«
Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.
»Ja. Karl. Karl Johan.«
Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.
»Hervorragend. Und damit gute Nacht – selbst wider besseres Wissen –, Herr Winge und Herr …?«
»Cardell.«
Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: »Und Herr Karl Johan.«

Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt – oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.
»Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.«
Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.
»Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«
Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.
»Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.«
Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.
»Das tut mir leid.«
Cardell schnaubt vernehmlich.
»Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.«
»Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?« Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: »Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?«
Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.
»Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.«
Winge nickt.
»Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.«
Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.
Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.
Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.
»Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?«
Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.
»Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken – das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus … Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.«
»Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?«
»Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass … Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.«
Winge nickt nachdenklich.
»Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?«
Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.
»Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.«
Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.
»Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?«
»Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.«
»Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade … Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.«
Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.
»Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?«
»Reichen Sie mir das Licht.«
Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.
»Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein … vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.«
»Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne … und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.«
Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf.
Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.
»Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.«
Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.«
Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.
»Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.«
Winge geht auf die Tirade nicht ein.
»Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.«
Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.
»Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen – wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.«
Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.
»Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert – Sie werden allein damit umgehen müssen.«
Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.
Trotzdem hat er sich entschieden.
»Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.«