Der neue Taschenbuch Bestseller von Jenny Colgan
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Die perfekte Urlaubslektüre

Freitag, 01. Juni 2018 von Piper Verlag


Mit »Die kleine Sommerküche am Meer« legt Bestsellerautorin
Jenny Colgan einen neuen Liebesroman vor.
Tauchen Sie ein in diese unterhaltsame Sommerlektüre und nehmen Sie an unserem Gewinnspiel teil. Zu Gewinnen gibt es eine Reise ans Meer für zwei Personen.

Blick ins Buch
Die kleine Sommerküche am MeerDie kleine Sommerküche am Meer

Roman

Vom quirligen London zur entlegenen Insel Mure? Nein – nur widerwillig kehrt die junge Flora in ihre schottische Heimat zurück. Weder die unberührte Landschaft noch das glitzernde Meer können sie aufmuntern, während sie ihren geschwächten Vater und ihre Brüder versorgt. Doch dann entdeckt sie das alte Kochbuch ihrer verstorbenen Mutter, und als sie ein Rezept nach dem anderen ausprobiert, öffnet sich ihr Herz: für die Sinnlichkeit des Essens, für die Schönheit der Natur und für einen neuen Anfang …

Kapitel 1

Seid ihr schon mal nach London geflogen? Eigentlich hatte ich hier geschrieben, Ihr wisst ja, wie das ist, wenn man im Anflug auf London ist, aber dann hab ich mir gedacht, das könnte vielleicht anmaßend klingen. So als wollte ich sagen, Hey, ich fliege schließlich dauernd durch die Gegend!, während ich in Wirklichkeit immer diese Billigflüge buche, für die ich dann morgens um halb fünf aufstehen muss. Deshalb finde ich in der Nacht vorher kaum Schlaf, und letztlich kostet die Reise mit der Anfahrt und dem überteuerten Flughafenkaffee dann mehr, als wenn ich von vorneherein einen Flug zu einer vernünftigen Uhrzeit gebucht hätte … aber na ja.

Also.

Falls ihr je im Anflug auf London wart, dann wisst ihr sicher, dass man dort oft in die Warteschleife geschickt wird und dann in der Luft Runden dreht, bis man endlich die Landeerlaubnis bekommt. Mich stört das eigentlich nicht, ich schaue mir gern die riesige Stadt von oben an, voll von unfassbar vielen Menschen, die dort geschäftig hin und her laufen. Ich mag die Vorstellung, dass jeder einzelne von ihnen voller Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen ist, Straße um Straße um Straße voll mit Millionen und Millionen Seelen und Träumen.

Diesen Gedanken finde ich immer auf wohlige Art überwältigend.

Wenn ihr mit dem Flieger über London kreisen würdet, würde sich unter euch eine riesige, endlose Fläche erstrecken. Im von erstaunlich vielen grünen Flecken durchzogenen Westen sieht es fast so aus, als könnte man die ganze Stadt durchqueren, ohne dabei jemals ihre Parks zu verlassen; im engen, dunstigen Osten sind die Straßen und Plätze hingegen verstopfter. Am Fluss glänzt das Riesenrad in der frühen Morgensonne, und die Schiffe ziehen auf dem manchmal schmutzigen, manchmal glitzernden Wasser vorbei. Dort scheinen die riesigen, gläsernen Gebäude fast gegen den Willen der Menschen aus dem Boden geschossen zu sein. Nach und nach verändert sich London unter euch, ihr fliegt am Millennium Dome vorbei, sinkt immer tiefer und entdeckt dann die leuchtende Spitze des Canary-Wharf-Komplexes. Sein Wolkenkratzer war einst der höchste des Landes, und es gibt dort einen Bahnhof mitten im Gebäude, was 1988 wohl ziemlich beeindruckend gewesen sein muss.

Stellen wir uns jetzt mal vor, wir fliegen weiter, und das wäre hier wie bei Google Maps. Mit dem Unterschied, dass sich die Bilder unter uns bewegen und dass wir jetzt mal an alles ranzoomen, nicht bloß an unser eigenes Haus. (Oder mache das nur ich?)

Wenn ihr näher rangehen würdet, würde alles bald nicht mehr so friedlich aussehen, nicht mehr so, als würdet ihr wie ein Gott darauf hinuntersehen. Man würde schnell bemerken, wie schäbig die Stadt wirkt, wie voll es ist und wie sich die Menschen selbst um sieben Uhr morgens schon aneinander vorbeischieben. Erschöpft aussehende Straßenkehrer machen sich nach ihrer Schicht auf den Heimweg und schwimmen gegen den Strom aus eifrigen jungen Anzugträgern mit Stiefeln und ihren weiblichen Pendants. Da drängen sich Büroangestellte und Verkäufer und Handyreparierer und Uber-Fahrer und Fensterputzer und Big-Issue-Verkäufer und viele, viele Männer mit Leuchtwesten, die irgendwas Geheimnisvolles mit Verkehrshütchen anstellen. Jetzt haben wir den Erdboden fast erreicht, sausen um Ecken und folgen den Gleisen der Docklands Light Railway, deren Fahrgäste sich auch durch die morgendlichen Menschenmassen kämpfen müssen, da gibt es leider kein Entkommen. Wenn man die Ellbogen nicht einsetzt, kriegt man keinen Sitz-, womöglich nicht einmal einen Stehplatz. Das mit dem Hinsetzen ist schon bei Gallions Reach utopisch geworden, aber ganz eventuell kann man auf einen Stehplatz in einer Ecke hoffen, wo man nicht in irgendeine fremde Achsel gepresst wird. Auf jeden Fall wabern das Aroma von Kaffee, Mundgeruch und der Atem einer durchzechten Nacht durch den Waggon. Man hat den Eindruck, dass einfach alle viel zu früh aus den Federn gerissen wurden und dass an diesem frühen Frühlingsmorgen selbst der wässrige Sonnenschein wenig Begeisterung für seine Arbeit aufbringt. Aber da muss man jetzt durch, denn Londons stets hungrige Maschinerie ist bereits in vollem Gange und wartet voller Ungeduld darauf, dich zu verschlucken, alles aus dir herauszuquetschen und dich danach wieder auszuspucken, damit du den Prozess in umgekehrter Richtung durchläufst.

Und hier fährt nun Flora MacKenzie die Ellbogen aus und wartet auf den fahrerlosen kleinen Zug, der sie zum absurden Spaghetti-Chaos der Bank-Station bringen wird. Guckt mal, da steigt sie gerade ein. Ihr Haar hat eine merkwürdige Farbe, es ist unglaublich hell. Nicht blond und auch nicht direkt rot, eher so ein Rotblond, aber ganz verblasst. Eigentlich ist es fast farblos. Außerdem ist Flora ein kleines bisschen zu groß, ihre Haut ist weiß wie Schnee, und ihre Augen sind irgendwie wässrig. Manchmal kann man gar nicht recht sagen, welche Farbe sie eigentlich haben. Hier steht die junge Frau nun und drückt ihre Handtasche und den Aktenkoffer fest an sich. Sie trägt einen Regenmantel, bei dem sie nicht sicher ist, ob er für heute zu warm oder zu dünn ist.

In diesem Augenblick am frühen Morgen denkt Flora MacKenzie nicht darüber nach, ob sie eigentlich glücklich oder traurig ist, obwohl genau diese Frage bald furchtbar wichtig für sie werden wird.

Wenn man sie jetzt angehalten und auf ihr Befinden angesprochen hätte, hätte sie vermutlich einfach geantwortet, dass sie müde ist. Denn das sind die Leute in London eben. Sie sind irgendwie immer erschöpft oder kaputt oder gehetzt, weil … na ja, das weiß eigentlich keiner so genau, das scheint hier einfach die Norm zu sein. Es gehört zu London wie das schnelle Gehen, die langen Schlangen vor Pop-up-Restaurants und die Tatsache, dass Einheimische nie, nie, nie zu Madame Tussauds gehen würden.

Flora fragt sich gerade, ob sie wohl einen Stehplatz finden wird, an dem sie ihr Buch lesen kann, und ob ihr Rock eigentlich enger geworden ist. Aber wenn man sich das schon fragt, dann ist es wohl so, denkt sie betrübt. Außerdem überlegt sie, ob das Wetter noch wärmer werden wird und ob sie dann mit nackten Beinen aus dem Haus gehen soll. (Die Frage ist aus mehreren Gründen problematisch. Floras Haut ist nämlich schneeweiß, und daran lässt sich selbst mit Bräunungscremes nichts ändern. Als sie so eine Creme mal versuchsweise auf die Beine aufgetragen hat, sah das eher wie Bratensoße aus und führte zu weißen Schlieren, als ihre Kniekehlen dann zu schwitzen angefangen haben. Flora hatte nicht einmal gewusst, dass Kniekehlen überhaupt schwitzen, und musste auf das Desaster erst von ihrem Kollegen Kai aufmerksam gemacht werden, den sie übrigens um seine tolle kaffeebraune Haut beneidet. Und generell ist ihr der Herbst in London viel lieber.)

Jetzt kommt ihr außerdem dieser Typ in den Sinn, mit dem sie sich letztens per Tinder verabredet hat. Im Internet hatte sie ihn doch so nett gefunden, aber dann hat er plötzlich angefangen, sich über ihren Akzent lustig zu machen, so wie das immer alle tun. Angesichts ihrer Irritation hat er schließlich vorgeschlagen, das Abendessen ausfallen zu lassen und direkt zu ihm zu gehen, woran sie nun mit einem Seufzen zurückdenkt.

Sie ist sechsundzwanzig und hat ihren Geburtstag mit einer tollen Party gefeiert, auf der sich alle betrunken und ihr versichert haben, dass sie schon irgendwann einen Freund finden werde. Oder eben gerade, dass man in London einfach nie jemand Nettes trifft, weil die wenigen vorhandenen Männer entweder schwul oder verheiratet oder fiese Typen sind. Gut, alle haben sich nicht betrunken, eine ihrer Freundinnen war nämlich zum ersten Mal schwanger und spielte das offiziell herunter, während sie in Wirklichkeit begeistert war und einen Riesenwirbel darum machte. Flora hat sich für sie gefreut, schließlich will sie selbst ja auch gar nicht schwanger werden. Und dennoch …

Nun wird Flora gegen einen Mann in einem schicken Anzug gepresst und wirft kurz einen Blick nach oben, nur für alle Fälle, was natürlich albern ist: Ihn hat sie noch nie in der DLR gesehen, er kommt immer makel- und faltenlos im Büro an, und sie weiß, dass er irgendwo in der Innenstadt wohnt.

Bei der Geburtstagsparty haben sich ihre Freunde davor gehütet, Flora nach ein paar Glas Prosecco auf ihren Chef anzusprechen. Auf ihren unerreichbaren Chef, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist.

Wenn ihr schon mal einem Schwarm komplett verfallen seid, dann kennt ihr das ja sicher, und Kai weiß genau, wie sinnlos die ganze Geschichte ist. Er arbeitet nämlich auch für den Typen und erkennt ihn als das, was er ist, nämlich ein absolutes Arschloch. Aber es bringt natürlich gar nichts, das Flora zu sagen.

Na ja, der Mann im Zug ist jedenfalls nicht er, und Flora kommt sich bescheuert vor, weil sie sich extra vergewissert hat. Wenn sie auch nur an ihren Boss denkt, fühlt sie sich wieder wie ein Teenager, und selbst leichtes Erröten sieht man ihren bleichen Wangen ja immer sofort an. Sie weiß genau, wie albern und blöd und sinnlos das alles ist, aber sie kann eben nicht anders.

Jetzt holt sie ihren Kindle hervor und fängt halbherzig an, ihr Buch zu lesen, eingezwängt in dem engen Waggon und bemüht, nicht gegen andere Leute geschleudert zu werden. Dabei schaut sie aber immer wieder aus dem Fenster und gerät ins Träumen. Ihr kommen andere Dinge in den Sinn:

 a) Dass bei ihr schon wieder ein neuer Mitbewohner einzieht. Die Leute kommen und gehen in der großen viktorianischen Wohnung mit solcher Regelmäßigkeit, dass sie sie gar nicht richtig kennenlernen kann. Danach stapelt sich dann deren Post im Flur zwischen den Gerippen alter Fahrräder, und Flora findet, dass da mal irgendjemand was machen sollte, nimmt es aber nicht selbst in die Hand.

b) Ob sie vielleicht wieder umziehen soll?

c) Ein Partner? Seufz.

d) Ob sie wohl noch Zeit für ein Sandwich hat?

e) Vielleicht eine neue Haarfarbe, irgendwas, was sie wieder rauswaschen kann? Würde so ein glänzendes Grau wohl zu ihr passen, oder würde sie das einfach nur alt machen?

f) Das Leben, die Zukunft, einfach alles.

g) Ob sie ihr Zimmer in der Farbe ihrer Haare streichen sollte oder ob sie dann auch umziehen müsste?

h) Glück und solche Sachen.

i) Nagelhaut.

j) Vielleicht nicht Silber, sondern Blau? Ein kleines bisschen Blau? Wäre das im Büro akzeptabel? Vielleicht könnte sie sich auch ein blaues Haarteil kaufen, das man wieder rausnehmen kann?

k) Eine Katze?

Sie ist auf dem Weg zu ihrer Arbeit als Rechtsanwaltsgehilfin im Zentrum von London und nicht besonders glücklich, aber auch nicht traurig. Denn das macht hier doch jeder so, oder?, überlegt sie. Alle drängen sich zur Stoßzeit in der Bahn. Essen zu viel Kuchen, wenn im Büro jemand Geburtstag hat. Schwören sich deshalb, dass sie über Mittag ins Fitness-Studio gehen, machen es aber doch nicht. Starren so lange auf den Bildschirm, bis sie davon Kopfschmerzen bekommen. Bestellen zu viel bei ASOS und vergessen dann, es wieder zurückzuschicken.

Manchmal bewegt sich Flora zwischen U-Bahn-Station, Wohnung und Büro hin und her, ohne dabei auch nur mitzubekommen, wie draußen eigentlich das Wetter ist. Und auch heute ist einfach nur ein ganz normaler, nerviger Tag. Obwohl er das in zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten nicht mehr sein wird.

 

Kapitel 2

Fünf Kilometer weiter westlich brüllte in diesem Moment eine blonde Frau laut herum.

Trotz ihrer wirren Haare sah sie einfach umwerfend aus. Selbst jetzt, wo sie nach einer schlaflosen und ziemlich sportlichen Nacht keifte und fauchte, war sie mit ihren endlos langen Beinen und ihrer makellosen Haut immer noch wunderschön.

Das leise Rauschen des Verkehrs draußen war hier im Penthouse durch die Dreifachverglasung der Fenster nur gerade eben noch zu hören. Die Wolken schoben sich an diesem frühen Morgen tief über den Himmel und schienen an den hohen Gebäuden in der City und über der Themse hängen zu bleiben – was ziemlich beeindruckend aussah –, aber die Wettervorhersage prophezeite einen feuchten und schwülen Tag, warm und unangenehm.

Während die Blondine rumkeifte, starrte Joel einfach nur aus dem Fenster, was nicht gerade half. Dabei war sie eben noch so nett gewesen und hatte vorgeschlagen, sich später zum Abendessen zu treffen. Kaum hatte Joel ihr allerdings klargemacht, dass er an einem gemeinsamen Restaurantbesuch nicht sonderlich interessiert sei und ihm drei Verabredungen mit ihr eigentlich fürs ganze Leben reichten, war sie ziemlich schnell zur Furie geworden. Und jetzt brüllte sie, dass sie an so eine Behandlung nicht gewöhnt sei.

»Willst du wissen, was dein Problem ist?«

Nein, das wollte Joel nicht.

»Du glaubst doch, dass du im Grunde ganz in Ordnung bist und dich deshalb ruhig wie ein absolutes Arschloch aufführen darfst. Weil du deiner Meinung nach auch eine sanfte Seite hast, die du nach Belieben ein- und wieder ausschalten kannst. Aber eins sage ich dir: Das kannst du eben nicht.«

So direkt war normalerweise nicht mal sein Psychiater, trotzdem fragte sich Joel eigentlich nur, wie lange das hier wohl noch dauern würde. Er hätte jetzt nämlich einfach gern eine Tasse Kaffee. Nein: Erst sollte die Blonde hier verschwinden, und dann wollte er seinen Kaffee. Er fragte sich, ob es die Dinge wohl beschleunigen würde, wenn er einen Blick auf sein Handy warf. Das tat es.

»Sieh dich doch nur an! Was uns Menschen ausmacht, ist unser Benehmen und sonst nichts. Es interessiert kein Schwein, was in dir vorgeht oder was du vielleicht durchgemacht hast. Man ist das, was man tut. Und das ist in deinem Fall eine absolute Schande!«

»Bist du jetzt fertig?«, hörte Joel sich sagen. Die Blonde sah aus, als würde sie gleich ihren Schuh nach ihm werfen, riss sich jedoch zusammen und zog sich beleidigt an. Joel hatte das Gefühl, dass er dabei eigentlich nicht zusehen sollte, aber er hatte ganz vergessen, wie betörend sie war. Er blinzelte.

»Leck mich!«, fauchte sie ihn an.

Mit diesem kurzen Rock würde die Fahrt nach Westlondon in der U-Bahn für sie wohl kein Zuckerschlecken werden.

»Soll ich dir ein Uber rufen?«, fragte er.

»Nein danke!«, erwiderte sie steif, änderte ihre Meinung aber sofort wieder. »Ja«, sagte sie. »Und zwar schnell.«

Er griff wieder nach seinem Handy. »Wo wohnst du denn?«

»Das weißt du nicht mehr? Du bist doch da gewesen!«

Joel kniff die Augen zusammen. Er kannte sich in London nicht besonders gut aus. »Ja, klar …«

Sie seufzte. »In Shepherd’s Bush.«

»Natürlich.«

Dann herrschte kurz Schweigen. »Alles rächt sich irgendwann, Joel, deshalb kriegst du auch noch dein Fett weg.«

Aber er hatte sich bereits erhoben und auf den Weg zur Kaffeemaschine gemacht, las seine E-Mails und stellte sich auf den neuen Tag ein. Irgendwas arbeitete in ihm, aber er konnte nicht so recht sagen, was. Es war etwas Gutes und hing mit einem seiner Fälle zusammen. Aber was war es nur?

Gut tausend Kilometer weiter nördlich kamen Männer vom Feld und dehnten die Muskeln, während Hunde ihnen vor den Füßen herumsprangen, Kaninchen das Weite suchten und ihnen unter dem leuchtend weißen Himmel der Wind so frisch wie Zitroneneis um die Ohren pfiff.

Die erste Arbeit des Tages war getan, und jetzt freuten sich die Männer aufs Frühstück, während die Fischer ihren Fang auf die Pflastersteine des Hafens zogen und im klaren Morgenlicht sangen. Ihre Stimmen erhoben sich in die Lüfte und wurden bis zu den Hügeln hinaufgetragen:

And what do you think they made of his eyes?

Sing aber o vane sing aber o linn

The finest herring that ever made pies

Sing aber o vane sing aber o linn

Sing herring, sing eyes, sing fish, sing pies

Sing aber o vane sing aber o linn

And indeed I have more of my herring to sing

Sing aber o vane sing aber o linn

 

Kapitel 3

Joel betrat sein Büro mit konzentriertem Gesichtsausdruck. Inzwischen wusste er wieder, was ihm entfallen war: Er hatte ganz früh morgens bereits einen Termin mit Colton Rogers, der ebenfalls Amerikaner war. Rogers war bekanntermaßen stinkreich, er hatte ein Vermögen mit Start-ups im Tech-Bereich verdient. Und wenn er sein Geld jetzt nach London mitbrachte, dann fand Joel das ganz wunderbar. Den unangenehmen Zwischenfall heute Morgen hatte er längst vergessen.

Joel bedeutete seiner Assistentin Margo, Rogers mit seinen Leuten hereinzubringen, und schaute dann zufrieden aus dem Fenster. Sein Büro befand sich im Herzen der City in unmittelbarer Nähe des Broadgate-Komplexes, und er konnte von hier oben über The Circle und die Türme dahinter hinweg bis zum Fluss sehen. In den Straßen da unten drängten sich die Menschen, und selbst so früh am Morgen standen die schwarzen Taxis bereits dicht an dicht. Joel liebte diese Stadt, sie motivierte ihn, und er genoss es, Teil ihrer großen Geldmaschinerie zu sein. Von hier oben fühlte es sich an, als sei das sein Reich, das er beherrschen wollte. Ein kleines Lächeln umspielte seine Züge, als Margo Colton Rogers und sein Team hereinbrachte und ihnen ein Tablett mit Bagels und Teilchen anbot, obwohl natürlich beide wussten, dass da nie jemand zugriff.

»Hey«, sagte Rogers. Er war groß und langgliedrig und trug das für die Tech-Leute der Westküste typische Outfit: Jeans, Polohemd und weiße Turnschuhe. Über seinen Kiefer erstreckte sich ein leicht ergrauter, extrem gepflegter Bart.

Joel fragte sich, ob er mit seinem Anzug in Rogers’ Augen wohl genauso merkwürdig aussah wie sein Klient für ihn.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Rogers.«

»Bitte sagen Sie doch Colton.«

Der Milliardär kam zum Fenster herüber und sah hinaus. »Mein Gott, diese Stadt ist einfach verrückt. Wie halten Sie es hier nur aus? Überall die ganzen Leute, das ist ja wie ein Ameisenhaufen.«

Beide starrten nach unten.

»Man gewöhnt sich daran«, antwortete Joel und deutete auf einen Stuhl. »Was kann ich für Sie tun, Colton?«

Es folgte ein kurzer Moment des Schweigens, und Joel wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie viel dieser Mann wert war. Einen Klienten dieses Formats für die Firma zu gewinnen … Na, es würde ihm nicht zum Nachteil gereichen.

»Ich hab da ein Grundstück, ein wirklich schönes Grundstück«, erklärte Colton. »Und jetzt wollen sie da Windräder hinstellen oder zumindest in der Nähe. Direkt nebenan. Hm, jedenfalls will ich die da nicht.«

Joel blinzelte. »Okay«, sagte er. »Wo genau?«

»In Schottland«, kam die Antwort.

»Ah«, murmelte Joel. »Dann sollten Sie am besten mit unserer schottischen Zweigstelle sprechen.«

»Nein, das muss jemand von Ihnen sein.«

Joels Lächeln wurde breiter. »Tja, es ist ja schön, wenn man uns empfohlen hat …«

»Himmel, nein, das meine ich nicht. Für mich persönlich sind Sie alle fiese Blutsauger, und glauben Sie mir, ich hab mich schon mit so einigen von Ihnen herumgeschlagen. Nein. Aber ich hab gehört, dass hier eine Anwältin aus der Gegend arbeitet. Jemand, der die Ecke kennt und da hinkommen und sich für mich starkmachen kann.«

Joel kniff die Augen zusammen und zermarterte sich das Hirn. Er war noch nie in Schottland gewesen und hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wovon Colton da sprach. Und seiner Meinung nach hatten sie auch niemanden in der Firma, auf den die Beschreibung passte. Aus Schottland? Aber das wollte er nur ungern zugeben.

»Wir sind ein großes Unternehmen«, begann er nun. »Hat man Ihnen denn einen Namen genannt?«

»Ja«, sagte Colton, »aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Irgendwas schottisch Klingendes.«

Joel blinzelte, dabei zeigte er seine Ungeduld normalerweise nur seinen Mitarbeitern gegenüber.

Als sich Margo in der Ecke des Raumes rührte, drehte Joel sich zu ihr um. »Ja?«

»Meinen Sie vielleicht die Anwaltsgehilfin Flora MacKenzie? Das klingt doch schottisch, oder?«

Der Name sagte Joel überhaupt nichts.

»Die kommt von da oben … aus irgend so einem ganz merkwürdigen Ort.«

»Merkwürdig?«, wiederholte Colton mit einem Lächeln auf den Lippen. Er deutete noch einmal auf die pulsierenden Straßen jenseits der Fensterscheibe. »Für mich ist es viel merkwürdiger, wenn alle an einem Fleck aufeinanderhocken, wo man nicht einmal richtig durchatmen oder Auto fahren oder problemlos die Stadt durchqueren kann.«

»Entschuldigung, Sir«, hüstelte Margo, die tiefrot angelaufen war.

»Wir sprechen hier aber nicht von jemandem aus dem Führungsteam, oder?«, hakte Joel nach.

Colton zog die Augenbrauen hoch. »Das ist schon in Ordnung, schließlich hab ich niemanden umgebracht. Ich brauche einfach nur jemanden aus der Gegend, der sich da auskennt, bevor mir für jede Stunde achthundert Dollar in Rechnung gestellt werden. Sie heißt Mure.«

»Wer bitte?«, fragte Joel.

So langsam wirkte Colton frustriert. »Die Insel, von der ich rede.«

»Ja«, murmelte Margo, »da kommt sie her.«

»Na, dann holen Sie sie schon«, sagte Joel gereizt.

 

»Ja, aber es ist doch ganz egal, wo wir hingehen. Wenn das Wetter schön ist, finden wir sowieso keinen Platz mehr im Freien, und es ist alles reserviert und …«

»So ist das eben in London«, sagte Kai am Schreibtisch neben ihr. »Da muss man draußen zusammenrücken.«

Flora runzelte die Stirn. Sie fand es immer furchtbar anstrengend, eine Verabredung zu organisieren – jedes Mal stieß im letzten Moment jemand dazu oder sprang wieder ab, oder die Leute wollten sich nicht festlegen, falls noch ein besseres Angebot kam.

Aber es war so schrecklich warm, deshalb kam es ihr richtig vor, heute Abend auszugehen und Zeit draußen zu verbringen, statt in ihrem stickigen kleinen Zimmer am anderen Ende der DLR eingesperrt zu sein. Außerdem fand sie bei diesem Wetter sowieso keinen Schlaf, also konnte sie genauso gut was unternehmen … Dann warf sie einen Blick auf ihren riesigen Stapel Akten und seufzte. Um die würde sie sich dann wohl in der Mittagspause kümmern.

Es klingelte, und eine interne Nummer erschien auf ihrem Display; nichtsahnend hob sie ab. »Flora MacKenzie.«

»Ja, das sind wirklich Sie, was?«, meldete sich Margo mit ihrer typischen knappen, stets förmlichen Art. Flora hatte die Kollegin, die so viel Zeit in Joels unmittelbarer Nähe verbrachte, sorgfältig studiert. Die junge Anwaltsgehilfin hatte eine Heidenangst vor Margo mit ihrer stets makellosen Kleidung und dem strafenden Blick für alle, die sich mit Fragen an sie zu wenden wagten. »Sie sind die Schottin.«

Irgendwie klang das so, als hätte sie gesagt: »Sie sind die Außerirdische mit den vier Köpfen.«

Flora schluckte nervös. »Ja?«

»Könnten Sie bitte nach oben kommen?«

»Warum das denn?«, entfuhr es Flora, bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte. Sie arbeitete nicht direkt für Joel, sondern für andere Partner weiter unten in der Firmenhierarchie.

Margo verstummte. Offenbar passte es ihr gar nicht, hier von einer Hinterwäldlerin aus dem vierten Stock ausgefragt zu werden, die auch noch relativ neu in der Firma war.

»Kommen Sie, wenn Sie so weit sind«, erwiderte sie schließlich eisig.

Beinahe hätte Flora entgegnet, dass dafür eigentlich erst noch ein Besuch beim Friseur und bei der Haarentfernung nötig wären, außerdem eine Ladung Bräunungscreme und Make-up. Aber sie ging jetzt besser kein Risiko ein.

»Ich bin sofort da«, sagte sie stattdessen, legte den Hörer auf und versuchte, nicht in Panik zu geraten.

 

Bisher hatte Floras Karriere darin bestanden, bei ihrem Studiengang als Anwaltsgehilfin an der H&I, der University of the Highlands and Islands, den Ball flach zu halten und ihren Mangel an Talent durch harte Arbeit auszugleichen.

Danach war sie von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch getingelt, hatte ihre Schuhe und ihren Lebenslauf auf Hochglanz gebracht und war durch das riesige, unfreundliche und ihr so fremde London gestolpert. Sie war sich nie zu schade dafür gewesen, um Rat zu fragen, hatte sich im Networking versucht und war damit gegen Millionen anderer junger Leute angetreten, die genau das Gleiche wie sie wollten. Als sie dann endlich einen Job in einer großen Firma ergattert hatte, sogar mit Aussicht auf Weiterbildung und eventuellen Aufstiegschancen, hatte sie wie ein Schwamm alles aufgesaugt, immer gut zugehört und oft um Hilfe gebeten, um so viel wie möglich zu lernen.

Einen guten Rat hatte ihr dabei aber nie jemand gegeben, nämlich diesen: »Sei nicht bescheuert, verlieb dich bloß nicht in deinen Chef.« Und sie hätte das auch niemals für möglich gehalten, bis es dann passiert war.

Es war so ein kurzes Vorstellungsgespräch gewesen. Während des Auswahlverfahrens hatte ein ganzes Regiment von Furcht einflößenden Frauen Flora in die Mangel genommen und sie mit Fragen überschüttet. Alte Männer hatten geseufzt, so als würden sie es für furchtbar unfair halten, dass die Frage nach einem eventuellen Kinderwunsch verboten war. Flora war bei Leuten aus der Personalabteilung vorstellig geworden und dabei anderen Absolventen über den Weg gelaufen, von denen sie inzwischen viele wiedererkannte, weil sie alle dieselben, entmutigenden Runden drehten – natürlich gab es jedes Mal viel mehr qualifizierte Kandidaten als Stellen.

Aber Flora beherrschte ihr Fach, hatte sich gut vorbereitet und war deshalb auf alles gefasst. Das hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, die sie in ihrer Jugend am Küchentisch jahrelang immer wieder angetrieben hatte: »Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Gibt es vielleicht noch Zusatzaufgaben? Bist du auch gut vorbereitet? Hast du die Prüfung bestanden?« Es gab viele Leute, die schlauer waren als Flora, aber nur wenige, die härter als sie arbeiteten.

Ganz am Ende des Auswahlverfahrens war sie in das Büro eines der Partner gebeten worden, und da hatte er dann gesessen.

Er telefonierte gerade und stauchte jemanden am anderen Ende der Leitung zusammen. Dabei sprach er ohne jede Hemmung mit lautem amerikanischen Akzent und fuchtelte mit dem freien Arm herum, während er irgendetwas über die Unbefangenheit der Stadtverwaltung brüllte und darüber, dass sein Gesprächspartner da aber völlig falschliege. Margo, die für Flora damals nur eine namenlose, glamouröse Frau war, wollte ihm kurz die neue Mitarbeiterin vorstellen, er wedelte sie jedoch mit einer wütenden Geste weg. Schließlich verstummte er, knallte den Hörer aufs Telefon und schüttelte Flora die Hand. Während er ihr halbherzig seine Aufmerksamkeit schenkte, legte sich sogar der Anflug eines Lächelns über seine Züge.

»Hi«, begrüßte er sie. »Joel Binder.«

»Flora MacKenzie.«

»Großartig«, murmelte er, »willkommen in der Firma.«

Und das war’s auch schon, das war alles. Sie blieb stehen und starrte ihn an – sein kastanienbraunes Haar, das markante Profil und die seltsam vollen Lippen –, bis Margo sie aus dem Raum scheuchte. Flora bemerkte den Blick nicht einmal, den ihr die Frau beim Verlassen des Büros zuwarf.

»Der scheint ja nett zu sein«, sagte sie und spürte, wie ihre Wangen zu brennen begannen. Er sah gar nicht aus wie die meisten Anwälte, die sie kannte – gestresst, überarbeitet, mit teigiger Wampe, Schuppen auf den Schultern und bleicher Haut, die schon lange keine Sonne mehr gesehen hatte.

Darauf antwortete Margo nicht und gab nur einen Hm-Laut von sich.

In den nächsten sechs Monaten sprach Joel nicht wieder mit Flora.

Manchmal beobachtete sie ihn während eines Meetings, bei dem sie schüchtern dasaß, sich Notizen machte und versuchte, bloß nichts zu verpassen. Er war herrisch, unfreundlich, aggressiv und ein sagenhaft erfolgreicher Anwalt. Flora schämte sich dafür, es war ihr peinlich, aber sie war total verknallt in ihn.

»Sagt mal, was ist eigentlich mit diesem Joel los?«, fragte sie eines Tages betont beiläufig bei einem Feierabenddrink mit ein paar ihrer Mitsklaven – anderen Anwaltsgehilfen, von denen man auch 20-Stunden-Tage für praktisch umsonst verlangte und die deshalb ebenso wenig über ein Privatleben verfügten.

Kai drehte sich zu ihr um und brach in Gelächter aus. »Im Ernst jetzt?«, fragte er.

»Was denn?«, stammelte Flora und spürte, wie sie rot anlief. Sie starrte in ihr riesiges Glas mit einem so hellen Weißwein, dass er fast schon grün aussah. Sie hatte nicht gewusst, was sie nehmen sollte, und deshalb die anderen bestellen lassen. Jetzt fragte sie sich allerdings, wie sie ihr Getränk eigentlich bezahlen sollte. Das Leben in London war selbst für jemanden mit regelmäßigem Gehalt furchtbar teuer.

Kai hatte den Sommer über als Praktikant in der Firma gearbeitet, und weil er jetzt auf dem direkten Weg war, Anwalt zu werden, war er bei Bürotratsch auch immer auf dem neuesten Stand. Nun rollte er mit den Augen. »Himmel, nicht noch eine!«

»Was denn, was meinst du? Ich hab doch gar nichts gesagt!«

Woher hatte der bloß sein Selbstbewusstsein? Das fragte sich Flora bei so vielen Leuten, vor allem bei solchen, die in London aufgewachsen waren. Kam das einfach irgendwie? Sie wusste, dass sie eigentlich weiter studieren und vielleicht sogar versuchen sollte, Anwältin zu werden. Aber nach allem, was passiert war … konnte sie das einfach nicht. Noch nicht.

Und bei der Arbeit lief es ja wirklich … gut. Das war es doch, was sie immer gewollt hatte. Sie wollte einen richtigen Job, was Vernünftiges. Als sie sich dann schließlich an Jahresfahrkarte und Gehalt und schicke Schuhe und Mittagspausen gewöhnt hatte, als der Reiz ein wenig zu verblassen begann, wirkte jedoch alles etwas … hm. Monoton. Die Stapel auf ihrem Schreibtisch wuchsen ständig an, das hörte einfach nie auf. Und jedes Mal, wenn sie das Gefühl hatte, den Papierkram endlich in den Griff zu bekommen, gab es in einem Fall eine Einigung, oder die Verhandlung wurde abgeblasen, und dann ging alles wieder von vorne los. Flora wusste natürlich, dass sie zusätzlich zu allem anderen eigentlich noch lernen sollte, aber sie hatte das Gefühl, bereits mit »allem anderen« zu scheitern.

»Irgendwann packst du das schon, Baby«, hatte Kai ihr versichert, als Flora sich (zum wiederholten Mal) über ihr Arbeitspensum beklagt hatte. Aber irgendwie schien es ganz egal zu sein, wie lange sie abends noch blieb oder wie gut sie beim Abheften war. Eigentlich schade, dachte sie, dass effizientes Managen der Ablage nur wenig Sexappeal hat. Das sollte ich in meinem Tinder-Profil wohl besser nicht erwähnen.

»Mal im Ernst, ist dir noch gar nicht aufgefallen, wie übel der ist?«

O ja, Joel war übel, das rief sich Flora immer wieder in Erinnerung. In schicke Anzüge gekleidet marschierte er – groß, schroff, amerikanisch – stets durch das Gebäude, als würde es ihm höchstpersönlich gehören. Leute auf ihrer Ebene der Firmenhierarchie behandelte er herablassend, er konnte sich keine Namen merken und lobte nie.

»Der ist mit voller Absicht fies zu anderen Leuten, damit sie ihn bemerken und sich dann wünschen, er würde was Nettes zu ihnen sagen. Wie beim Hundetraining oder so.«

Flora blinzelte. »Das verstehe ich nicht.«

Kai sah es als seine Mission an, dieses schüchterne, so seltsam aussehende Mädchen vom Lande über das Leben aufzuklären, und rieb ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit die gesammelte Weisheit und Erfahrung seiner sechsundzwanzig Jahre unter die Nase.

»So betteln ihn alle um ein einziges nettes Wort, einen winzigen Krümel Anerkennung an, und deshalb verfallen ihm die Leute. Also, Leute mit wenig Selbstbewusstsein.«

Flora runzelte die Stirn. »Vielleicht finden sie ihn ja auch einfach nur sexy.«

»Klar. Ätzend und sexy, darauf sollte man sich nie einlassen. Außerdem ist er auch dein Oberboss, säg nicht den Ast ab, auf dem du sitzt. Und außerdem …«

»Noch ein Außerdem? Ich glaube, das brauche ich echt nicht.«

»Nein, jetzt hör mir mal zu, Flors, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob du sein Typ bist. O Gott, wenn man vom Teufel spricht … und vielleicht ist er der sogar leibhaftig. Na ja, ich lass dich selbst deine Schlüsse ziehen.«

Flora schaute hoch, und tatsächlich, da überquerte Joel gerade zwischen all den Anwaltskanzleien der City den Broadgate Circle – selbstbewusst und souverän. Sein kastanienbraunes Haar glänzte in der Sonne, und er führte am Arm eine Giraffe von einer blonden Frau auf klappernden Absätzen mit sich. Seine Begleitung war in leuchtendes Pink gekleidet, das bei allen anderen wohl grotesk ausgesehen hätte, ihr aber fantastisch stand.

Und an diese Frau würde Flora eben in einer Million Jahren nicht herankommen, die war ein Paradiesvogel, eine komplett andere Spezies.

Flora schaute den beiden hinterher. »Nein«, stöhnte sie, »du hast ja recht.«

»Dafür bist du wirklich gut beim Abheften«, sagte Kai zur Aufmunterung. »Ich meine, das ist doch auch was wert.«

Sie grinste, und dann bestellten sie sich noch eine Flasche.

 

Das war vor ein paar Jahren gewesen, und seitdem war Kais Karriere mal zum Stillstand gekommen, mal hatte sie sich rasant weiterentwickelt. Floras hingegen … nicht. Natürlich hatte sie sich mehr und mehr an London gewöhnt und war zynischer geworden, was ihren Bürojob anging. Es hatte hier und da Verabredungen und Tändeleien und einige ziemliche Tiefschläge mit verschiedenen Typen gegeben, von denen sie sich nicht alle ohne Schamesröte in Erinnerung rufen konnte. Tatsächlich hatte sie sogar mal einen sehr netten festen Freund namens Hugh gehabt, mit dem sie ein Jahr lang zusammen gewesen war und der gerne einen Schritt weiter gegangen wäre. Aber ihr hatte da einfach etwas gefehlt, Es, was auch immer das sein mochte. Flora war nicht mit ganzem Herzen dabei gewesen. Als sie sich getrennt hatten (und zwar im Guten, Hugh war nämlich ein echter Schatz), da war ihr schon klar gewesen, dass sie diese Entscheidung bestimmt irgendwann mal bereuen würde. Spätestens in zehn Jahren, wenn alle anderen um sie herum sesshaft geworden waren und ein glückliches Familienleben führten, sie aber immer noch Single war. Trotzdem hatte sie die Sache beendet und seitdem tatsächlich lange Durststrecken gehabt, aber es ging ihr doch gut.

Zumindest weitestgehend. Das mit Joel war ja nur eine Schwärmerei, so eine alberne Geschichte. Und das Thema war ohnehin nach und nach in den Hintergrund getreten, während sich Flora in dieser riesigen Maschinerie von Stadt ihr Leben aufgebaut und sich damit von allem entfernt hatte, was zuvor geschehen war.

 

Aber jetzt, um 10:45 Uhr an einem brütend heißen Tag im frühen Mai, wollte ihr großer Schwarm sie plötzlich zum ersten Mal in seinem Büro sehen.

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Strandküche - Weniger Welle, mehr Würze

Ballast über Bord, sich frei fühlen, lecker essen – ob zuhause oder unterwegs. Das ist das Motto der Strandküche. Dahinter stecken sechs Gewürzmischungen, mit denen du alles kochen kannst. Ohne Schnick-schnack, ohne Kopfzerbrechen, ohne Zusatzstoffe. Dabei legen wir größten Wert auf hochwertige Rohstoffe und faire Produktion. Wenn du also ehrlich, unkompliziert und nachhaltig kochen willst, ist die Strandküche für dich gemacht.

Rezepte aus dem Buch

Wie bei Pollys kleiner Bäckerei am Strandweg, verrät Jenny Colgan auch in »Die kleine Sommerküche am Meer« ihren Lesern ihre Lieblingsrezepte.

Zutaten:

500 g Mehl mit Backpulverzusatz
50 g Butter
10 ml Milch
250 ml Buttermilch
1 Ei
250 ml Naturjoghurt

100g Zucker (für die süße Variante)

Bannocks

Bannocks sind runde, knusprige, köstliche Brötchen, die man am besten frisch und noch warm isst. Sie sind entfernt verwandt mit unseren Scones und dem, was Amerikaner fälschlicherweise Biscuits nennen … Bannocks kann man entweder backen oder braten, und man kann auch Obst hinzugeben – Blaubeeren oder Rosinen passen gut – oder für eine herzhafte Variante die Buttermilch durch geriebenen Käse ersetzen. Man kann sogar etwas Chili und Salz hinzugeben.
(Bei diesen Varianten lässt man den Zucker natürlich weg.)

 

Mehl und Butter zu einer krümeligen Mischung verarbeiten. Dann Zucker, Ei, Buttermilch und genug Joghurt hinzufügen, bis daraus ein klebriger Teig wird. Diesen kneten und noch mehr Mehl hinzufügen, bis er nicht mehr klebt. Den Teig etwa zweieinhalb Zentimeter dick ausrollen und dann Brötchen in der gewünschten Form ausschneiden.
Bei 160 °C 12 Minuten backen oder die Brötchen in einer Pfanne mit Butter braten, bis sie goldbraun sind.

Über Jenny Colgan

Jenny Colgan studierte an der Universität von Edinburgh und arbeitete sechs Jahre lang im Gesundheitswesen, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit dem Marineingenieur Andrew hat sie drei Kinder, und die Familie lebt etwa die Hälfte des Jahres in Frankreich.
Die Romane um »Die kleine Bäckerei am Strandweg« standen wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Hörprobe zu »Die kleine Sommerküche am Meer«

Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.

Pollys wunderbare Bäckerei am Strandweg
Sommer, Sonne, Cornwall

»Die kleine Bäckerei am Strandweg« (Band 1)

Anfangs ist es die pure Verzweiflung, die Polly in den kleinen Inselort vor Cornwalls Küste verschlägt: Ihre Beziehung zu Chris ist genauso am Ende wie ihre gemeinsame Firma. Wegen der Schulden müssen sie auch noch die Wohnung verkaufen ... Tapfer krempelt Polly nun die Ärmel hoch – und während es unmöglich scheint, eine »anständige« Arbeit zu finden, wird aus ihrem Hobby plötzlich eine Berufung. Wer immer es probiert, weiß: Polly backt das beste Brot weit und breit. Die ersten Fans sind der Fischer Tarnie und seine Crew. Es folgen der Imker Huckle, Muriel aus dem Dorfladen, die ersten Urlauber ... Doch auch eine Feindin hat sie sich gemacht – ausgerechnet ihre Vermieterin, denn die ist die »echte« Bäckerin und eine einflussreiche Frau auf der Insel. Gut dass sie wenigstens Neil hat, den kleinen Papageientaucher, der ihr in der ersten Nacht in der kleinen Bäckerei am Strandweg »zugeflogen« ist.

>> ZUR AUSFÜHRLICHEN LESEPROBE

»So warmherzig und köstlich!«


Sophie Kinsella

Blick ins Buch
Die kleine Bäckerei am StrandwegDie kleine Bäckerei am StrandwegDie kleine Bäckerei am Strandweg

Roman

Es klingt fast zu gut um wahr zu sein - Polly wird ihr Hobby zum Beruf machen, und das in Cornwall, auf einer romantischen Insel mit Männerüberschuss. Genau die richtige Kur für ein leeres Konto und ein gebrochenes Herz. Aber die alte Bäckerei ist eine windschiefe Bruchbude, am Meer kann es sehr kühl sein, und der Empfang, den manche Insulaner ihr bereiten, ist noch viel kälter. Gut, dass Polly Neil hat, einen kleinen Papageientaucher mit gebrochenem Flügel. Doch bald kauft der halbe Ort heimlich ihr wunderbares selbstgebackenes Brot, und als sie Neil fliegen lassen soll, ist sie schon fast heimisch geworden. Nur das mit der Liebe gestaltet sich komplizierter als gedacht ...
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Kapitel 1
Manchmal stellte Polly sich vor, wie sie es viele Jahre später, als alte Dame an einem weit entfernten Ort, schwierig fände, ihr Leben auf Mount Polbearne zu erklären. An manchen Tagen konnte man von dort mit dem Auto aufs Festland fahren, manchmal musste man aber das Boot nehmen. Gelegentlich waren die Menschen auch für längere Zeit vom Rest der Welt abgeschnitten, und es wusste niemand, wann das eintreffen würde und für wie lange. Der Gezeitenkalender konnte eben nur Ebbe und Flut vorhersagen, aber nicht das Wetter.
»Aber war das denn nicht fürchterlich?«, würde man sie fragen. »Zu wissen, dass es keine Verbindung zum Festland gab?«
Polly dachte dann daran, wie die Sonnenstrahlen auf dem Hochwasser glitzerten und schließlich ihre Farbe änderten. Dann leuchtete das Meer im Westen pink, rosa oder lila im Licht des Sonnenuntergangs. Bei diesem Anblick wurde einem klar, dass ein anderer Tag vorbeigezogen war und man weiterhin festsaß.
»Ehrlich gesagt nicht«, würde sie sagen. »Das war wirklich schön. Man musste es sich einfach nur mit den anderen Bewohnern von Polbearne gemütlich machen. Dann musste man halt aufpassen, dass man alles hochgestellt, außer Reichweite des Wassers gebracht hatte. Und wenn wir noch Strom hatten, war das natürlich super, aber wenn nicht, na ja, kam man auch irgendwie klar. Und dann flackerten hinter all den kleinen Fensterscheiben eben Kerzen. Das war so behaglich.«
»Das klingt wie vor hundert Jahren.«
Polly würde lächeln. »Ich weiß. Aber so lange ist das in Wirklichkeit noch gar nicht her … Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Wenn man sein Herz an einen Ort verliert, dann trägt man ihn eben immer in sich.«


2015
Polly blätterte die Papiere im glänzenden Ordner mit dem Foto eines Leuchtturms durch, das doch wirklich hübsch war. Sie versuchte eben mit aller Kraft, das Positive zu sehen.
Und die beiden Männer im Raum waren sympathisch, viel freundlicher als eigentlich nötig. Ehrlich gesagt waren sie so nett, dass es Polly dadurch merkwürdigerweise nicht besser, sondern eher schlechter ging. Statt wütend werden zu können oder eine Abwehrhaltung einzunehmen, war sie einfach nur traurig.
Chris und sie waren damals so stolz auf ihr kleines Büro im ehemaligen Bahnhof gewesen, in dessen hinterem Zimmer sie jetzt saßen. Der frühere Warteraum mit seinem nicht funktionierenden Kamin war einfach zauberhaft und schnuckelig.
Aber inzwischen herrschte in beiden Räumen das totale Chaos: Überall lagen Papiere und Ordner herum, Computer wurden hin und her geschoben, und die beiden reizenden Herren von der Bank gingen alles durch. Chris saß da und schmollte, er sah aus wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Polly hingegen versuchte, sich nützlich zu machen, huschte hin und her, fing gelegentlich jedoch einen sarkastischen Blick von Chris auf, mit dem er zu sagen schien: »Warum bist du bloß so zuvorkommend zu diesen Typen, die uns doch fertigmachen wollen?« Und damit hatte er nicht ganz unrecht, aber sie konnte einfach nicht anders.
Später kam Polly dann in den Sinn, dass die Bank vermutlich aus gutem Grund so nette Angestellte schickte – um Konfrontationen und Streit zu vermeiden und damit die Leute kooperierten. Das machte sie traurig, ihretwegen und auch wegen Chris, aber genauso wegen dieser reizenden Männer, die von Berufs wegen den ganzen Tag mit dem Elend anderer Menschen zu tun hatten. Und das alles war doch wirklich nicht ihre Schuld, auch wenn Chris es natürlich so sah.
»Also«, erklärte nun der ältere der beiden Männer, ein Inder, der einen Turban trug und auf dessen Nasenspitze eine kleine Brille thronte. »Normalerweise werden Insolvenzverfahren vor dem Bezirksgericht verhandelt. Sie müssen dabei nicht beide anwesend sein, es reicht, wenn einer der Direktoren daran teilnimmt.«
Polly war beim Wort »Insolvenz« zusammengezuckt. Das hörte sich so ernst und endgültig an. Bankrott gingen doch normalerweise nur Promis und alberne Popstars, keine hart arbeitenden Menschen wie sie.
Chris schnaubte sarkastisch. »Das kannst ruhig du übernehmen«, sagte er zu Polly. »So was machst du doch gern.«
Mitfühlend sah der jüngere Mann Chris an. »Wir können uns natürlich gut vorstellen, wie schwierig das für Sie sein muss.«
»Wieso?«, fragte Chris. »Sind Sie etwa auch schon mal pleitegegangen?«
Polly starrte wieder den hübschen Leuchtturm an, aber das Bild hatte seine Wirkung leider verloren. Deshalb dachte sie lieber an etwas anderes und bewunderte jetzt Chris’ wunderbare Zeichnungen, die sie vor sieben Jahren bei ihrem Einzug hier aufgehängt hatten. Damals hatten sie beide sich als Mittzwanziger voller Enthusiasmus in das Abenteuer gestürzt, eine Firma für Grafikdesign zu gründen. Am Anfang war es gut gelaufen, Chris hatte aus seinem alten Job ein paar Kunden mitgebracht, und auf der kaufmännischen Seite hatte Polly unermüdlich geschuftet, Networking betrieben, neue Aufträge an Land gezogen und nicht nur Prospekte von Firmen an ihrem Wohnort Plymouth reingeholt, sondern ihren Wirkungskreis bis auf Exeter und Truro erweitert.
Sie investierten in Plymouth in eine Wohnung in einem neu erschlossenen Gebiet am Wasser, in ein minimalistisches und hochmodernes Apartment. Dann zeigten sie sich in all den Restaurants und Bars, in denen man gesehen werden musste. Und es lief gut – zumindest eine Zeit lang. Sie kamen sich wie echte Senkrechtstarter vor und erzählten den Leuten gerne von ihrer eigenen Firma. Aber dann kam 2008 nicht nur die Bankenkrise – neue Computertechnik machte es auch einfacher als je zuvor, Bilder zu bearbeiten und selbst grafisch zu arbeiten. Viele Unternehmen erteilten keine Aufträge mehr, weil sie Kosten senken wollten und Selbstständige einsparten. Chris zufolge ging damit die Qualität des Grafikdesigns den Bach runter, aber vieles wurde jetzt einfach von eigenem Personal erledigt. Es wurde gemacht, aber eben nicht mehr von ihnen.
Polly arbeitete sich die Finger wund. Ohne Unterlass pries sie die Arbeit ihrer talentierten besseren Hälfte an, lockte mit Rabatten und brachte Aufträge rein. Chris hingegen zog sich völlig in sein Schneckenhaus zurück und pflegte seinen Groll gegen eine Welt, die seine wunderbaren Zeichnungen und handgemalten Schriftzüge verschmähte. Während er bockig und schweigsam wurde, versuchte Polly, dem mit einer positiven Einstellung entgegenzuwirken. Es war jedoch gar nicht so einfach, das durchzuhalten.
Irgendwann hatte dann selbst sie ihn angefleht, die Firma aufzugeben und sich anderswo einen Job zu suchen. Damals hatte sie sich von ihm anhören müssen, dass sie nicht zu ihm hielt und gegen ihn intrigierte.
Das war schon ein Weilchen her, aber trotzdem wollte Polly nicht einmal sich selbst eingestehen, wie erleichtert sie war, dass nun endlich alles vorbei war. Natürlich war das Ganze nicht angenehm, vielmehr ganz furchtbar und peinlich. Dabei ging es schließlich vielen Leuten so, die mit ihnen früher durch die Bars in Plymouths trendigem Zentrum gezogen waren. Jeder kannte irgendwen, der dasselbe durchgemacht hatte.
Pollys Mutter hingegen konnte das alles gar nicht verstehen, für sie kam eine Insolvenz quasi einem Aufenthalt im Knast gleich.
Sie würden die Wohnung verkaufen und noch einmal ganz von vorn anfangen müssen. Aber dieser Besuch von Mr Gardner und Mr Bassi von der Bank bedeutete zumindest, dass endlich etwas passierte und jetzt alles geregelt wurde. Die letzten zwei Jahre waren sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht elend und entmutigend gewesen. Die ganze Sache hatte ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Eigentlich waren sie fast zwei Leute geworden, die sich eher unfreiwillig eine Wohnung teilten. Polly fühlte sich völlig ausgelaugt.
Als sie nun zu Chris rübersah, bemerkte sie in seinem Gesicht Falten, die ihr vorher noch nie aufgefallen waren. Andererseits musste sie sich auch eingestehen, dass sie ihn schon länger nicht mehr richtig angesehen hatte. Sie war immer als Erste nach Hause gegangen, während er noch im Büro geblieben war und stundenlang an den wenigen Aufträgen gefeilt hatte, als könnte er durch Perfektionismus das Unausweichliche abwenden. Wenn er dann heimgekommen war, war sie seinem Blick am Schluss lieber ausgewichen, weil er ihr jedes Mal wie eine Anklage, eine Schuldzuweisung vorgekommen war.
Eins war schon seltsam – wäre hier nur ihre Beziehung in die Brüche gegangen, dann wären alle mitfühlend gewesen, hätten ihnen zu helfen versucht, hätten ihnen mit Ratschlägen tröstend zur Seite gestanden. Aber die Unternehmenspleite schien die Leute zu verschrecken, man hatte zu viel Angst, dazu etwas zu sagen. Man blieb auf Distanz und stellte kaum Fragen, und das galt selbst für Pollys beherzte beste Freundin Kerensa.
Vielleicht lag es an der Furcht vor Armut – die Angst vor dem Verlust des hart erarbeiteten Lebensstandards schien in den Menschen tief zu gründen. Und daher hielten sie sich lieber fern, falls das irgendwie ansteckend sein sollte. Vielleicht war den Leuten ihr Verhalten auch gar nicht klar, oder sie und Chris hatten einfach zu lange die perfekte Fassade aufrechterhalten. Sie hatten gute Miene zum bösen Spiel gemacht, bei Verabredungen zum Essen mit Kreditkarte bezahlt und die Luft angehalten, wenn der Kellner die Karte durchzog. Zu Geburtstagen hatten sie selbst gemachte Geschenke mitgebracht – zum Glück konnte Polly backen, das hatte sich als extrem nützlich erwiesen. Den schicken schwarzen Mazda hatten sie noch, obwohl der jetzt natürlich auch verschwinden musste. Aber das Auto war Polly sowieso egal, wichtig war ihr Chris. Oder er war es zumindest gewesen, aber den alten Chris hatte sie eigentlich schon seit einem Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen. Den liebevollen, witzigen Mann, der am Anfang ihrer Beziehung so schüchtern gewesen und dann richtig aufgeblüht war, nachdem er sich als Grafikdesigner selbstständig gemacht hatte. Die beiden waren ein Team, und Polly unterstützte ihn bei allem. Wie sehr sie an ihn glaubte, bewies sie ihm dann auch, als sie bei der Firma einstieg. Sie investierte ihre gesamten Ersparnisse in das Unternehmen (von denen nach der Hypothek allerdings nicht mehr viel übrig geblieben war), bezirzte Kunden, blieb am Ball und kämpfte um jeden einzelnen Auftrag, wobei sie sich jedoch langsam, aber sicher an den Rand der Erschöpfung arbeitete.
Und damit machte sie es nur noch schlimmer. Der Frühling war eisig kalt, eigentlich fühlte er sich eher wie ein endloser Winter an. An jenem verhängnisvollen Abend kam Chris nach Hause, und sie sah ihm in die Augen, schaute ihn dieses eine Mal wirklich an. »Das war’s«, versetzte er grimmig.
Die Lokalzeitungen machten zu, also ging die Nachfrage nach Layout und Grafikdesign zurück … Und die meisten Firmen brauchten eigentlich auch keine Flyer mehr, oder falls doch, entwarf sie der Inhaber selbst und druckte die Dinger dann einfach aus. Inzwischen war eigentlich jeder sein eigener Fotograf und Designer und übernahm, was Chris einst mit so viel Sorgfalt und Liebe zum Detail erledigt hatte. Es lag nicht nur an der Krise, obwohl die natürlich nicht gerade geholfen hatte. Die Welt veränderte sich einfach. Chris hätte genauso gut versuchen können, Piepser oder Kassetten zu verkaufen.
Sie hatten schon seit Monaten keinen Sex mehr, und wenn Polly in den frühen Morgenstunden aufwachte, lag Chris oft hellwach neben ihr, rechnete im Kopf alles durch oder ließ sich einfach von Sorge und Qual zerfressen. Dann suchte sie vergeblich nach den passenden Worten, um ihn zu trösten.
»Das bringt doch nichts«, knurrte er bei jedem ihrer Vorschläge, von Hochzeitskarten bis hin zu Schuljahrbüchern. Oder: »Ist doch eh alles aussichtslos.« Er wurde immer unzugänglicher, bis die Zusammenarbeit zwischen ihnen fast unmöglich geworden war. Und weil Chris Pollys Geschäftsideen nicht passten, aber kaum noch Aufträge reinkamen, hatte auch Polly immer weniger zu tun. Chris ging morgens als Erster aus dem Haus, um eine Runde zu joggen, das war seine einzige Chance, Stress abzubauen, wie er betonte. Sie biss sich auf die Lippe und hielt ihm nicht vor, dass er ihre Vorschläge in diese Richtung alle abschmetterte – ein Spaziergang, vielleicht runter zum Strand, ein Picknick, Sachen, die nichts kosteten. Er fauchte dann, dass doch sowieso alles sinnlos sei und er darauf nun wirklich keine Lust habe.
Polly versuchte auch, ihn zum Arzt zu schicken, aber das war ebenfalls reine Zeitverschwendung. Chris wollte einfach nicht zugeben, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte – mit ihm, mit ihnen, mit einfach allem. Angeblich war das nur eine schwierige Phase, bald würde sich alles wieder einrenken. Dann erwischte er sie bei der Jobsuche im Internet, und das brachte das Fass zum Überlaufen. Beim Streit an diesem Abend flogen beinahe die Teller, und es kam alles ans Licht: dass Chris sich Geld geliehen hatte und die Situation viel schlimmer war, als er Polly gegenüber je zugegeben hatte. Irgendwann hatte sie ihn nur noch mit offenem Mund angestarrt.
Eine Woche, eine quälend lange Woche später gab er schließlich klein bei, setzte sich mit ihr hin und sah ihr in die Augen. »Das war’s.«
Und jetzt hockten sie hier zusammen mit den reizenden Männern von der Bank in den Trümmern ihres Unternehmens. All die Träume, all die hochfliegenden Pläne, die sie in besseren Zeiten geschmiedet hatten, waren dahin. Es blieb nichts mehr von den Unterlagen, die Chris einst unterschrieben hatte. Nach der Unterzeichnung hatten sie eine Flasche Champagner aufgemacht, den Schreibtisch im zauberhaften kleinen Büro damit getauft und ihre Anzeige in den Gelben Seiten bewundert. Und nun waren all diese Dinge von einer Welt geschluckt worden, der es offenbar völlig egal war, wie sehr sie geschuftet oder wie sehr sie sich den Erfolg gewünscht hatten. Im wahren Leben waren diese ganzen Realityshow-Klischees nämlich völlig irrelevant. Es war vorbei, und das konnten auch alle Leuchtturmbilder der Welt nicht ändern.


Kapitel 2
»Also, das bleibt mir noch«, sagte sich Polly, die bei ihrem Fußmarsch durch die Stadt vom kalten Frühlingswind ordentlich durchgepustet wurde. Sie versuchte verzweifelt, sich zusammenzureißen und sich auf die positiven Dinge in ihrem Leben zu konzentrieren. Schließlich war sie mit ihrer besten Freundin zum Krisengipfel verabredet und wollte ihr nicht tränenüberströmt gegenübertreten.
»Ich bin gesund. Abgesehen von meinem wackeligen Knöchel, den ich mir – selbst schuld – beim Tanzen verknackst hab, geht es mir gut. Ich bin im Vollbesitz meiner Kräfte. Mein Geld ist durch die Firma zwar futsch, aber es verlieren doch ständig Leute noch viel größere Summen. Von Naturkatastrophen bin ich bislang verschont geblieben, und meiner Familie geht es gut, auch wenn sie ziemlich nervt. Meine Beziehung … na ja, andere Menschen machen Schlimmeres durch, viel Schlimmeres. Wenigstens müssen wir uns nicht scheiden lassen und –«
»Hast du sie noch alle?«, fragte Kerensa laut. Obwohl sie Schuhe mit unglaublich hohen Absätzen trug, hatte sie Polly in ihren Chucks auf dem Weg von der Unternehmensberatung nach Hause problemlos eingeholt. »Deine Lippen bewegen sich ja. Vielleicht wirst du langsam doch noch verrückt. Und, weißt du …«
»Was denn?«
»Na ja, daraus könntest du vielleicht sogar Kapital schlagen. Behinderte kriegen doch bestimmt eine Rente.«
»KERENSA!«, fauchte Polly. »Du bist einfach furchtbar! Und nein. Wenn du es unbedingt wissen willst – ich hab mir die positiven Aspekte meines Lebens aufgesagt und war gerade bei ›Wenigstens müssen wir uns nicht scheiden lassen‹.«
Vermutlich zog Kerensa jetzt ein langes Gesicht, aber das Botox machte es einem manchmal nicht leicht, ihre Miene korrekt zu interpretieren. Zum Glück verlieh sie ihrer Meinung immer direkt lautstark Ausdruck.
»Gott im Himmel, ernsthaft? Was steht denn sonst noch auf deiner Liste, etwa dass du zwei Arme und Beine hast?«
»Ich dachte, wir wollten uns treffen, damit du mich ein bisschen aufmuntern kannst.«
Kerensa hielt die Tüte eines Weinladens hoch, in der etwas leise klirrte.
»Ja, allerdings. Also, wie sehen die weiteren Punkte auf deiner Liste aus? Dass du arbeits- und obdachlos bist, hast du vermutlich außen vor gelassen, was?«
Inzwischen hatten sie Kerensas makelloses kleines Häuschen erreicht. Neben der polierten roten Tür mit dem Messingklopfer standen rechts und links zwei Orangenbäumchen.
»Ehrlich gesagt bin ich langsam nicht mehr so sicher, ob ich noch mit reinkommen will«, maulte Polly, meinte es aber nicht ernst. So war Kerensa eben, sie packte den Stier gern bei den Hörnern. Diese Strategie hätte Polly im letzten Jahr vielleicht auch lieber anwenden sollen, während die Firma bankrottging und Chris sich immer weiter zurückzog. Polly hatte Kerensa nur ein einziges Mal um einen Rat gebeten, nach ein paar Gläsern zu viel auf einer Weihnachtsparty vor x Jahren. Kerensa hatte ihr damals gesagt, dass ihre Geschäftsidee riskant sei, und sie dann gebeten, sie nicht noch einmal zu fragen. Polly hatte sich eingeredet, dass doch alle Geschäftsideen riskant waren, und das Thema seitdem nicht mehr angesprochen.
»Ach, komm doch rein, wenn du schon mal hier bist, ich kann doch unmöglich all diese Pringles allein essen«, verkündete Kerensa ungerührt und zog ihren Schlüssel mit dem Tiffanys-Anhänger hervor.
»Du isst doch nie Pringles«, grummelte Polly. »Du stellst die immer nur hin und sagst dann: ›Oh, ich musste heute Mittag so einen Riesenlunch essen, den ich mir in Wirklichkeit nur ausdenke, iss du doch bitte die Pringles, sonst werden die nämlich schlecht.‹ Was übrigens gar nicht stimmt.«
»Na ja, wenn du bleiben würdest, dann könntest du sie auch ganz langsam und genüsslich verspeisen, statt sie runterzuschlingen, als wärst du am Verhungern.«
Bevor Polly noch irgendwas erwidern konnte, hob Kerensa beide Hände. »Na los, komm schon, wenigstens heute Nacht.«
»Okay«, sagte Polly.
Polly musste die Augen schließen, um es auszusprechen, aber da erschienen vor ihrem inneren Auge Mr Gardner und Mr Bassi, die es ihnen verkündeten: Sie würden die Wohnung an die Bank verlieren. Bei dieser Nachricht hatte ihre Mum reagiert, als hätten sie ihren Erstgeborenen verkauft. Kein Wunder, dass Polly ihrer Mutter möglichst wenig anvertraute.
»Also, ich versuche ja, die positiven Aspekte zu sehen.«
»Die positiven Aspekte der Obdachlosigkeit?«
»Sei nicht so gemein. Und ich kann mir jetzt endlich mal was für mich selbst suchen.«
Kerensa versuchte, die Stirn zu runzeln, und starrte dann auf den Schleier von Chipskrümeln hinunter, den Polly auf ihrem BoConcept-Sofa verteilt hatte.
»Nur für dich?«
Polly biss sich auf die Unterlippe. »Also, wir trennen uns jetzt nicht oder so. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie wir zu zweit in einer fürchterlichen, winzigen Mietwohnung aufeinanderhocken …«
Sie holte tief Luft und trank dann einen großen Schluck Wein.
»Chris hat gesagt, dass er vorübergehend wieder bei seiner Mutter einzieht. Nur bis … bis wir das wieder auf die Reihe kriegen. Weißt du, was ich meine? Bis wir sehen, wie es zwischen uns steht.«
Polly tat ihr Bestes, um es so klingen zu lassen, als wäre diese Entscheidung durch ruhiges, vernünftiges Abwägen gefällt worden, nicht durch lautes Streiten mit anschließendem Schmollen.
»Ich meine, ein Tapetenwechsel tut uns bestimmt gut.«
Kerensa nickte mitfühlend.
»Bis die Wohnung verkauft ist … stehe ich aber leider mit leeren Händen da. Wenn wir dafür mehr kriegen als erwartet, dann sind damit eventuell die Schulden getilgt, aber …«
»Aber du rechnest nicht damit?«
»Bei meinem Glück im Moment«, sagte Polly, »kriege ich bestimmt kaum etwas zurück. Und wenn ich dann mit meinem Geld in der Hand aus der Bank trete, schlägt der Blitz ein und lässt es in Flammen aufgehen. Danach knallt mir vermutlich ein Klavier auf den Kopf, und ich falle in einen Gully.«
Kerensa tätschelte ihr die Hand. »Und wie sieht es bei Chris aus?«
Polly zuckte mit den Achseln. »Im Prinzip genauso. Diese Konkursverwalter waren wirklich nett, also den Umständen entsprechend.«
»Was für ein fürchterlicher Job.«
»Aber die haben wenigstens Arbeit«, sagte Polly. »Was ich im Moment schon beeindruckend finde.«
»Schaust du dich denn nach was Neuem um?«
»Oh ja«, sagte Polly. »Aber ich bin offenbar für jede einzelne Stelle auf diesem Planeten überqualifiziert und zu alt. Außerdem scheint für Einstiegsjobs heute niemand mehr bezahlt zu werden. Und ich bräuchte erst mal dringend eine Postanschrift.«
»Du weißt doch, dass du hier wohnen kannst«, sagte Kerensa augenblicklich.
Polly sah sich in diesem absolut perfekten, makellosen Singlefrauen-Bau um. Kerensa konnte sich die Männer aussuchen – kein Wunder, bei ihrem durchtrainierten Körper, ihren teuren Klamotten und ihrer erbarmungslosen Arroganz –, hatte aber nicht die geringste Lust auf etwas Ernsthaftes. Sie war wie eine Rassekatze, während Polly selbst sich eher wie ein freundlicher, aber leicht verwahrloster Hund vorkam. Vielleicht wie ein Cockerspaniel, schließlich hatte sie rötlich blondes Haar und wenig markante Gesichtszüge.
»Ich würde lieber in einer Tonne schlafen, als unsere Freundschaft damit aufs Spiel zu setzen, dass wir uns wieder die Wohnung teilen.«
»Wir hatten doch eine super Zeit«, wandte Kerensa ein.
»Hatten wir nicht«, entgegnete Polly. »Du warst jedes Wochenende mit lauten Arschlöchern auf ihrem Boot unterwegs und hast nie abgewaschen!«
»Also erstens hab ich dich jedes Mal gefragt, ob du nicht mitkommen willst.«
»Und ich hab immer Nein gesagt, weil das eben Arschlöcher waren.«
Kerensa zuckte mit den Achseln. »Und zweitens hab ich deshalb nie abgewaschen, weil ich da doch nie was gegessen hab. Du warst diejenige, die überall Mehl und Hefe verteilt hat.«
Das mit dem Backen hatte Polly nie ganz aufgegeben. Kerensa hingegen hielt Kohlenhydrate für Gift und war fest davon überzeugt, dass sie eine Glutenallergie hatte. Eigentlich war es ein Wunder, dass die beiden immer noch so gut befreundet waren.
»Trotzdem, keine Chance!«, sagte Polly traurig. »Aber Himmel, ich bin auch nicht in der Verfassung dazu, in eine WG mit irgendwelchen Mittzwanzigern zu ziehen und so zu tun, als wäre ich so jung und hip wie die.«
Sie war dieses Jahr 32 geworden und fragte sich gerade, ob einer der winzigen Vorteile ihrer Insolvenz womöglich darin bestand, dass sie nicht mehr ständig für alle Welt Hochzeits- und Taufgeschenke kaufen musste.
Kerensa lächelte. »Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee. Mit denen könntest du wieder durch die Clubs ziehen.«
»O Gott!«
»Und die ganze Nacht aufbleiben, einen Joint rumgehen lassen und über den Sinn des Lebens diskutieren.«
»Ach du jemine.«
»Oder zu Musikfestivals gehen und da zelten.«
»Jetzt mal im Ernst«, sagte Polly, »ich bin schon fertig genug, da musst du nicht auch noch Salz in die Wunden streuen. Riesel, riesel.«
Mit einer Miene der perfekt einstudierten Verzweiflung auf ihren Zügen reichte Kerensa ihr die Pringlesdose. »Na, sag ich doch, dann wohnst du eben hier bei mir.«
»Für unbegrenzte Zeit auf deinem unbezahlbaren Sofa in deiner Einzimmerwohnung?«, murmelte Polly. »Nein, danke, es ist wirklich wahnsinnig nett von dir, mir das anzubieten, aber ich suche erst mal im Internet. Was für mich allein. Das wird bestimmt … cool.«
Schweigend beugten sich die beiden Freundinnen über den Laptop. Polly scrollte durch die Liste mit Wohnungen im Rahmen des von der Bank festgelegten Budgets. Das war kein schöner Anblick, ehrlich gesagt schienen die Mieten in letzter Zeit wie verrückt in die Höhe geschossen zu sein. Es war furchtbar.
»Das ist ja kaum ein Schrank«, sagte Kerensa von Zeit zu Zeit. »Und die Wohnung da hat keine Fenster. Warum haben die denn ein Foto von dieser fleckigen Mauer eingestellt? Wie sehen dann wohl erst die anderen Wände aus? Oh, diese Straße kenne ich aus der Zeit, in der ich mit dem Sanitäter zusammen war, da gehen ständig irgendwelche Typen mit Flaschen aufeinander los.«
»Es gibt einfach nichts«, sagte Polly, in der langsam Panik aufstieg. Ihr war wirklich nicht klar gewesen, wie verhältnismäßig niedrig ihre Hypothek gewesen war und wie hoch die Mieten. »Hier ist absolut nichts zu finden.«
»Wie sieht es denn mit diesen Manager-WGs aus?«
»Die sind unglaublich teuer, und außerdem muss man da für einen Satellitenfernsehanschluss zahlen und sich die Wohnung vermutlich mit einem Freak teilen, der in seinem Zimmer Hanteln stemmt.«
Je weiter Polly nach unten scrollte, desto unruhiger wurde sie. Sie war nicht sicher, wie weit sie ihre Erwartungen noch herunterschrauben konnte, aber je mehr sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass sie unbedingt allein leben musste. So sehr sie sich auch bemühte, vor Kerensa, Chris und ihrer Mutter die Fassung zu wahren – ihr war etwas Schlimmes passiert, und davon würde sie sich nicht so schnell erholen. Die Aussicht, sich abends in den Schlaf zu weinen, während um sie herum jugendliche Mitbewohner einen auf Party machten, war einfach zu viel. Sie musste sich erst einmal zurückziehen und mit sich selbst klarkommen. Und deshalb konnte sie jetzt wirklich nicht auf zehn Jahre jünger machen und über Boybands quatschen. Oder zu ihrer Mutter zurückziehen. Mum liebte sie ja auf ihre Weise und würde alles für sie tun. Aber sie würde auch seufzen, sich besorgt nach Chris erkundigen und die Enkelkinder anderer Leute erwähnen … Nein. Pollys Verhältnis zu ihr war schon in Ordnung, dem Zusammenleben mit ihr würde es aber nicht standhalten.
Okay, also was dann?


Kapitel 3
Am nächsten Morgen stand Kerensa früh auf und ging um kurz nach sechs aus dem Haus, um in einem Park in der Nähe British Military Fitness zu machen, obwohl doch März war und Regen ans Fenster prasselte. Natürlich hatte sie Polly aufgefordert mitzukommen, die hatte jedoch nur gestöhnt und sich noch einmal umgedreht. Sie hatte einen kleinen Kater und immer noch den Geschmack von Pringles auf der Zunge.
Als Kerensa weg war, kochte Polly erst einmal Kaffee und versuchte, das winzige, absolut makellose Häuschen aufzuräumen. Aber das brachte ja doch nichts, ihre kleine Reisetasche schaffte Unordnung in diesem Apartment, und sie würde einfach nie begreifen, warum die Kissen bei ihr nicht so perfekt aufrecht stehen blieben wie bei Kerensa. Als Polly dann nach ihrem Kaffee griff, verschüttete sie etwas davon auf den sündhaft teuren Teppich und fluchte. Nein, das hatte einfach keine Zukunft.
Deshalb schmiss sie noch einmal den Laptop an. Die Stellenanzeigen konnten warten, erst einmal brauchte sie jetzt eine Bleibe.
Dieses Mal ging sie es langsamer an und schaute sich jede einzelne Wohnung in Plymouth an, die sie sich leisten konnte. Alle waren entweder ganz grauenhaft oder lagen in einer Gegend, in der sie sich ohne Auto nicht sicher fühlen würde. Polly scrollte bis zur allerletzten Seite durch. Das war es also, mehr gab es nicht. Unter den Angeboten war nichts gewesen, was sie sich wenigstens gern mal angesehen hätte, geschweige denn wo sie beruhigt einziehen würde.
Natürlich hatte ihr nicht nur Kerensa ihr Sofa angeboten, sondern auch noch andere Freunde, aber allein den Gedanken an die bangen Fragen nach ihrem Befinden und das besorgte Murmeln konnte Polly nicht ertragen. Außerdem vermutete sie auch, dass ein paar ihrer Freundinnen froh wären, wenn sie ihnen gelegentlich die Kinder abnehmen würde, aber die Vorstellung fand sie noch schrecklicher. Sie wollte auf keinen Fall als eine Mischung aus tantenhafter alter Jungfer und unbezahlter Babysitterin auf Zehenspitzen durch eine fremde Wohnung schleichen, um ihre Gastgeber nicht zu stören.
Mit Anfang zwanzig hatte sie mal gedacht, dass Chris und sie inzwischen wahrscheinlich verheiratet und gesettelt sein würden. Er würde viel Geld verdienen, sie sich vielleicht ums Kind kümmern … und nun war es wirklich anders gekommen.
Stopp, so durfte sie einfach nicht denken. Sie konnte jetzt entweder in Selbstmitleid versinken oder nach vorne schauen. Aus einer Laune heraus beschloss sie, ihre Suche aufs ganze Land auszuweiten. Wow! Wenn sie nach Wales zöge, könnte sie sich dort jede Menge Wohnungen leisten, und zwar richtig schöne. Oder in die schottischen Highlands. Oder ins ländliche Nordirland. Oder in den Peak District. Dabei wusste sie nicht einmal so genau, wo der Peak District eigentlich lag, aber da gab es auf jeden Fall zig Apartments, in die sie auch ohne Geld, Vitamin B und zu Pringles verführenden Freundinnen einziehen konnte, selbst ohne Job … Na ja, das vielleicht lieber doch nicht.
Sie engte den Radius wieder ein und suchte nur noch im Südwesten, und da sprang ihr ein Ort ins Auge, an den sie schon ewig nicht mehr gedacht hatte – Mount Polbearne. Da war sie mal auf einem Schulausflug gewesen, wie wohl jede Klasse irgendwann. Dass dort überhaupt noch jemand wohnte, war kaum zu glauben.
Polly studierte das Minifoto, auf dem nicht besonders viel zu erkennen war. Es unterschied sich dadurch von all den anderen Bildern, durch die sie sich geklickt hatte, dass es von außen aufgenommen war. Man sah ein Fensterchen unter einem Giebeldach. Die Farbe blätterte vom Rahmen ab, und die schartigen Ziegel wirkten uralt. Im Kurztext stand »Ungewöhnliche Lage«, was normalerweise »Halt dich fern!« hieß. Trotzdem klickte Polly das Bild an und nahm einen Schluck längst kalten Kaffee.
Mount Polbearne also. Das war eine Gezeiteninsel, so viel wusste sie noch. Damals waren sie mit dem Bus dorthin gefahren, und eine Straße mit Kopfsteinpflaster hatte die Insel mit dem Festland verbunden. Überall hatten Schilder davor gewarnt, beim Einsetzen der Flut über diesen Damm zu fahren oder bei Ebbe darüber hinwegzusegeln. Sie hatten aufgeregt gequietscht, als dann Wasser zwischen den Steinen hochgespritzt war, weil sie jetzt womöglich alle ertrinken würden. Neben dem Damm konnte man Stümpfe von alten Bäumen erkennen, die inzwischen nicht mehr an Land standen. Ganz oben auf der Insel gab es eine zerfallene Kirche und einen Souvenirladen, in dem Kerensa und sie riesige Lollis mit Erdbeergeschmack gekauft hatten. Aber da konnte man doch nicht wohnen, die Hälfte der Zeit würde man ja festsitzen! Ein Pendlerleben war jedenfalls ganz sicher unmöglich.
Auf der Webseite gab es noch ein anderes Foto, und darauf wirkte das Gebäude wie eine ziemliche Bruchbude. Das Dach war schief und krumm, und die beiden Fenster, von denen eins auf dem ersten Bild zu sehen gewesen war, waren schmutzig und gingen nach außen auf. Unten gähnte das schwarze Loch eines leer stehenden Ladenlokals. Dem Seewind so ausgesetzt zu sein, hatte das Häuschen offenbar ziemlich mitgenommen. Polly fragte sich auch, ob ein Ausflug auf ein Fleckchen Erde, das bei Flut vom Festland abgeschnitten war, für Touristen wohl immer noch so interessant war wie früher. Heutzutage wollten doch alle nur Surfstrände, Themenparks und teure Fischrestaurants. Cornwall hatte sich wirklich verändert.
Aber jetzt stach ihr noch etwas ins Auge, dass das Häuschen nämlich über zwei Zimmer plus Bad verfügte. Hier wohnte man weder zur Untermiete noch in einer WG, das war eine komplette kleine Wohnung. Und sie lag in Pollys finanziellem Rahmen. Mehr noch, der nach vorne rausgehende Wohnraum war auch ziemlich groß, sechs mal acht Meter. So geräumig war das Wohnzimmer ihrer Wohnung hier in Plymouth nicht, das war klein und eng, mit angestrahlten Spiegeln an beiden Seiten, die die Illusion von mehr Platz schaffen sollten. Sie fragte sich, wie hoch die Wohnung da unter dem Dach wohl lag. Wenn das Ladenlokal unten leer stand, dann wäre außer ihr nämlich niemand in dem Häuschen – mal abgesehen von den Ratten. Hmm. Dann fiel ihr Blick auf das letzte Bild. Das war der Blick aus den vorderen Fenstern, und das Foto war von innen aufgenommen.
Hinter den Fenstern befand sich … gar nichts, nur ein Stückchen Weltall, das sich bei genauerem Hinsehen als das Meer herausstellte. Die Aufnahme stammte von einem Tag, an dem Himmel und Ozean sich im gleichen grauen Farbton gezeigt hatten und einfach ineinander übergegangen waren. Lange starrte Polly fasziniert auf diese weite graue Leere. Die sah genau so aus, wie Polly sich fühlte: hohl. Aber irgendwie war dieser Anblick auch seltsam beruhigend, als erteilte er der Welt die Erlaubnis, eben auch mal grau zu sein. Wenn Polly früher aus dem Fenster ihrer Managerwohnung geschaut hatte, dann hatte sie immer jede Menge Leute wie sich selbst gesehen, die Audi und BMW fuhren und ihr Abendessen im Wok kochten, nur dass deren Firma nicht den Bach hinunterging und sie noch miteinander zu sprechen schienen. Der Blick aus dem Fenster war einfach stressig gewesen. Das da hingegen … war etwas ganz anderes.
Sie suchte Mount Polbearne auf Google Earth und stellte zu ihrer Verwunderung fest, dass sich dort tatsächlich ein paar Straßen mit Steinhäuschen von der Kirchenruine auf dem Hügel zum Hafen hinunterschlängelten. Der lag im rechten Winkel zur Straße da, und man konnte ein paar Fischkutter darin erkennen. Ganz offensichtlich war über diesen Teil von Cornwall noch nicht der Immobilienboom hereingebrochen, so weit abseits von der Autobahn schien dieses unmoderne Fleckchen Land noch nicht entdeckt worden zu sein. Andererseits lag es nur fünfzig Meilen von Plymouth entfernt, also könnte sie immer wieder mal zurückkommen …
Mit ein wenig zittrigen Fingern klickte sie den Button mit der Aufschrift »Makler kontaktieren«.

Die perfekte Sommerlektüre!

»Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« (Band 2)

Endlich hat der Sommer an Cornwalls Küste Einzug gehalten, und Polly Waterford könnte nicht glücklicher sein: Ihre kleine Bäckerei läuft blendend, und zusammen mit Huckle, der Liebe ihres Lebens, genießt sie die lauen Abende in dem Hafenstädtchen Mount Polbearne, das inzwischen zu ihrer Heimat geworden ist. Doch plötzlich ist die Bäckerei in Gefahr, denn die alte Besitzerin stirbt. Außerdem fällt es Huckle schwer, seine Vergangenheit in Amerika gänzlich hinter sich lassen, zu oft holt sie ihn ein. Und während Polly Mehl siebt, Teig knetet und Brot backt, bangt sie um ihre Zukunft …    

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»Warmherzig und berührend!«


Jojo Moyes

Jenny Colgan im Gespräch zu ihrem Taschenbuch-Bestseller

Im Interview mit BUCHSZENE.DEspricht Jenny Colgan über ihren neuen englischen Roman »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg«, ihre tiefe Liebe zu Cornwall und wirft einen Blick auf ihre künftigen Werke.
Ein Auszug:

Frau Colgan, Ihr Bestsellerroman »Die kleine Bäckerei am Strandweg« handelt von Polly, einer jungen Frau, die an die Küste von Cornwall zieht. Nachdem sie ihren Job verloren hat und ihre Beziehung gescheitert ist, will sie mit einer kleinen Bäckerei den Neustart wagen. Wie geht die Geschichte in Ihrem neuen Roman »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« weiter?

Nun in meinem neuen Roman hat es Polly mit dem Kauf eines alten Leuchtturms mal wieder hoffnungslos übertrieben. Sie findet es romantisch dort zu leben, obwohl es ihr nur Probleme bringt und sie schließlich kein Geld mehr hat. Polly versucht verzweifelt ihren Traum zu leben, aber natürlich ist das viel schwerer als sie denkt. Vor allem dann, wenn ihre Bäckerei und ihre Beziehung auf der Kippe stehen. Oft geht es auch um Neil den Papageientaucher. Vielleicht sogar zu oft.

Ihre Bücher leben von Ihren wunderbar merkwürdigen Charakteren. Inwiefern sind diese Figuren durch Personen aus Ihrem Umfeld beeinflusst?

Ha, ich denke nicht, dass sie merkwürdig sind. Aber ich mag kleine Gemeinschaften – dort wo ich lebe kennt jeder deinen Namen und weiß, was du tust. Da müssen alle miteinander auskommen und die Eigenheiten des Anderen akzeptieren.

Sie wurden in Schottland geboren, verbringen heute viel Zeit in Frankreich. Woher kommt Ihre tiefe Liebe zu Cornwall, die sich in vielen Ihrer Romane und auch in »Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg« äußert?

Als Kind bin ich mit meiner Familie immer nach Cornwall in den Urlaub gefahren und habe es einfach geliebt. Es war immer sonnig und schön dort, es gab so viel leckeres Essen und wir verbrachten dort einfach glückliche Zeiten. Ich wollte daran in meinen Büchern anschließen.

ZUM VOLLSTÄNDIGEN INTERVIEW

Blick ins Buch
Sommer in der kleinen Bäckerei am StrandwegSommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg

Roman

Endlich hat der Sommer an Cornwalls Küste Einzug gehalten, und Polly Waterford könnte nicht glücklicher sein: Ihre kleine Bäckerei läuft blendend, und zusammen mit Huckle, der Liebe ihres Lebens, genießt sie die lauen Abende in dem Hafenstädtchen Mount Polbearne, das inzwischen zu ihrer Heimat geworden ist. Doch plötzlich ist die Bäckerei in Gefahr, denn die alte Besitzerin stirbt. Außerdem fällt es Huckle schwer, seine Vergangenheit in Amerika gänzlich hinter sich lassen, zu oft holt sie ihn ein. Und während Polly Mehl siebt, Teig knetet und Brot backt, bangt sie um ihre Zukunft …
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Vorwort

»Und ich träume nachts von ihm, dabei schlafe ich doch eigentlich nie. In diesen Träumen macht er ganz bescheuerte Sachen. Er steckt zum Beispiel in der Waschmaschine, und ich sage: ›Jetzt komm schon aus der Maschine raus, du Idiot.‹ Aber das macht er nicht, er ist winzig klein und hockt in der Waschmaschine, dann wird er sogar noch kleiner und kleiner, bis er schließlich einfach verschwindet.«

»Das ist ganz normal«, sagte die ruhige, gebildet klingende Stimme mit dem West-Country-Akzent.

»Sie finden doch immer alles ganz normal«, protestierte Selina und schob sich wütend das kurze Haar aus der Stirn. »Wenn ich jetzt ankommen und sagen würde: ›Ich hab auf dem Weg hierher zwei Igel überfahren, weil sie mich an seine Haare erinnert haben, einen aus Versehen und den anderen mit Absicht‹, selbst dann würden Sie immer noch sagen: ›Das ist ganz normal.‹«

»Haben Sie das denn gemacht?«

»Nein, hab ich nicht, das hätte ich jedoch können. Weil Sie das bestimmt auch für ganz normal halten würden.«

»An Trauer ist nichts normal, Selina. Es gibt sie überall, aber normal ist sie nie.«

Selina stieß ein tiefes Seufzen aus.

»Aber warum kann ich denn nicht einfach … darüber hinwegkommen? Oder zumindest mit dem Verarbeiten anfangen? Wenn es nach den anderen ginge, wäre ich schon vor Ewigkeiten darüber hinweggekommen. Sie finden die ganze Sache unangenehm, das sehe ich ihnen doch an. Und deshalb will ich jetzt darüber hinwegkommen. Ich will endlich wieder schlafen können, ohne vorher zu viel Wein zu trinken, und aufwachen, ohne das verdammte Gesicht von meinem toten Ehemann in der Waschmaschine zu sehen. Und ich will nicht ständig alle runterziehen.«

»Wo wollen Sie jetzt hin?«, erkundigte sich die Stimme ungerührt, ohne auf den Wutausbruch einzugehen.

Selina zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß nicht so recht. Die Wohnung in Manchester gebe ich vielleicht auf. Die wird doch nur immer teurer, und wirklich zugehörig fühle ich mich dort ja auch nicht.«

»Vielleicht sollten Sie langsam mal darüber nachdenken, nach Hause zurückzukehren … in Ihr und Tarnies Zuhause.«

»Da geh ich nie wieder hin«, versetzte Selina, während sie ein Zittern überlief. »Nie wieder!«

 

Kapitel 1

»Hör auf damit«, warnte Polly. »Das ist nicht witzig.«

Neil ignorierte sie jedoch und hämmerte weiter mit dem Schnabel gegen die Scheibe, damit sie ihm was zu futtern brachte.

Und zwar klopfte er dabei von außen gegen das kleine Fenster des Leuchtturms, in dem sie seit einiger Zeit lebten. Sie waren hier zu dritt: Polly, Papageientaucher Neil und Huckle, Pollys amerikanischer Freund, der sein Motorrad mit dem Beiwagen unten am Fuß des Turms geparkt hatte. Es war ihr einziges Transportmittel.

Hier im Leuchtturm hatte schon lange niemand mehr gelebt, seit man ihn in den späten Siebzigern mit elektrischen Lampen umgerüstet hatte. Er hatte nur vier Stockwerke und eine Wendeltreppe, die sich innen an der Wand hinaufschlängelte. Huckle bezeichnete ihn oft als das zugigste Gebäude in der Geschichte der Menschheit, aber wenigstens waren sie durch das ständige Treppensteigen inzwischen echt in Form. In einem der Stockwerke stand immer noch die schwere Maschinerie aus alten Zeiten, weil es unmöglich gewesen war, sie aus dem Gebäude zu schaffen. Das Wohnzimmer befand sich direkt unter dem Leuchtturmscheinwerfer und bot auf der einen Seite eine tolle Aussicht über die Bucht, auf der anderen auf Mount Polbearne, die Gezeiteninsel, auf der der Leuchtturm stand. Die Straße zur Insel wurde regelmäßig von der Flut verschluckt und von der Ebbe wieder freigelegt.

Von Pollys Wohnzimmerfenstern aus konnte man auch die kleine Bäckerei am Strandweg sehen, die einst aus Mangel an Kunden hatte schließen müssen und die Polly bei ihrer Ankunft im Ort vor zwei Jahren wieder zum Leben erweckt hatte. Gleichzeitig hatte sie damit den Bankrott ihrer alten Firma drüben auf dem Festland und das Ende ihrer Beziehung überwunden.

Ursprünglich hatte Polly von Mount Polbearne gar nicht viel erwartet, sie hatte sich hier einfach nur eine Zeit zurückziehen und ihre Wunden lecken wollen, bis sie wieder dazu bereit war, sich mit frischem Elan erneut ins Gefecht zu stürzen. Damals wäre es ihr in der heruntergekommenen Wohnung über dem leeren Ladenlokal nie in den Sinn gekommen, dass sie ausgerechnet durch ihr Lieblingshobby – durchs Brotbacken – ins Leben zurückkehren würde und dass sie es mit der Wiedereröffnung der alten Bäckerei auch noch zum Beruf machen würde.

Natürlich war das kein Job, mit dem man reich wurde, und Polly hatte lange Arbeitszeiten. Aber die Umgebung war so wundervoll, und ihr wurde sowohl vonseiten der Inselbewohner als auch von den Touristen so viel Anerkennung zuteil, dass sie hier etwas viel Befriedigenderes als Geld gefunden hatte: Sie hatte ihrem Leben einen Sinn verliehen. Na ja, zumindest empfand sie das meistens so. Manchmal betrachtete sie sich allerdings ihre äußerst karg eingerichtete Küche und fragte sich, ob sie wohl je genug Geld haben würde, um auch nur die Fensterrahmen auszutauschen.

Die Rahmen standen ganz oben auf der Liste der tausend Dinge, die im Leuchtturm dringend erledigt werden mussten.

(Pollys alte Wohnung in Plymouth war inzwischen verkauft, und sie hatte den Leuchtturm zu einem Spottpreis bekommen, Immobilienagent Lance zufolge vor allem deshalb, weil nur eine völlig Verrückte in einem zugigen, schwer zugänglichen Turm wohnen wollte, dessen Krönung der allnächtliche Lichtstrahl war.)

Huckles Angebot, den Turm mit ihr zusammen zu kaufen, hatte Polly abgelehnt, weil sie einfach viel zu hart für ihre Unabhängigkeit gekämpft hatte. Mit ihrem früheren Partner hatte sie sich alles geteilt, auch das Finanzielle. Das hatte nicht geklappt, und sie hatte keine Lust, dieses Experiment zu wiederholen.

Jetzt gerade hatte sie eigentlich nur Lust, in ihrem Adlernest von einem Wohnzimmer ganz oben im Turm zu sitzen, Tee zu trinken, eine Käsestange zu knabbern, sich einfach zu entspannen und die Aussicht zu genießen: die sich ewig verändernde See, die Wolken, die so nah vorbeihuschten, dass man sie fast berühren konnte, die kleinen Fischerboote in verblichenen Braun- und Grüntönen mit ihren Winschen und Netzen, ganz schwer vom Fang. Wie winzig und zerbrechlich sie vor dem riesigen Hintergrund des Meeres wirkten!

Polly wünschte sich doch bloß fünf Minuten Ruhe und Frieden, bevor sie zur Bäckerei rübergehen und bei der Mittagsschicht ihrem Angestellten Jayden helfen würde.

Neil, der kleine Papageientaucher, der einst in einer Sturmnacht in ihr Leben geknallt und dann geblieben war, hatte jedoch andere Pläne. Er fand es einfach unglaublich, dass er an der Außenseite des Turms hochfliegen und Polly von draußen durchs Fenster sehen konnte. Deshalb machte er es immer wieder, flog dabei auch gerne mal rund um den Turm und kam von der anderen Seite zurück. Vergnügt klopfte er von draußen an die Scheibe, weil Huckle es witzig fand, ihm durchs Fenster kleine Leckerbissen zu reichen, obwohl Polly es ihm eigentlich verboten hatte.

Jetzt legte sie ihr Buch weg und ging zum Fenster rüber. Die durch die Wolken silbern aufs Wasser fallenden Sonnenstrahlen, das leise Krächzen der Möwen und das Pfeifen des Windes, das im Winter zum reinsten Donnergrollen wurde, rührten ihr das Herz. Noch konnte sie nicht so recht fassen, dass sie wirklich hier lebte, und fragte sich mal wieder, ob das alles sie wohl eines Tages weniger beeindrucken würde.

Polly öffnete das altmodische Einfachfenster mit dem schweren Griff. »Na, dann komm mal rein«, sagte sie, Neil flatterte jedoch auf der Stelle und pickte zwischen ihren Fingern herum in der Hoffnung auf einen Leckerbissen.

»Nein!«, schimpfte sie, »du bist für so einen kleinen Papageientaucher viel zu fett. Da brauchst du gar nicht zu protestieren. Komm schon rein und hör mit dem Klopfen auf.«

Neil fand hingegen, dass er sich ein wirklich tolles Spiel ausgedacht hatte, und setzte zu einer neuen Runde um den Turm an, um ihr zu zeigen, was er alles konnte. Als er wieder auf dem Fensterbrett landete, schaute er sie mit seinen großen schwarzen Augen erwartungsvoll an.

»Ach du liebe Güte«, seufzte Polly, dann lehnte sie sich vor und tat etwas, was sie in Huckles Gegenwart nie gemacht hätte – sie reichte Neil ein Stück von ihrer Käsestange. Der Vogel verspeiste gierig das Gebäck und pickte dann die Krümel auf. Damit war er so beschäftigt, dass er bei einem Schritt nach hinten über die Kante des Fensterbrettes fiel.

»Neil!«, kreischte Polly und kam sich im nächsten Augenblick völlig bescheuert vor, als er einfach kurz mit den Flügeln flatterte und auf Fensterhöhe zurückkehrte.

»Du hast mich zu Tode erschreckt«, sagte sie. »Komm rein oder bleib draußen, eins von beiden.«

Neil entschied sich fürs Reinkommen, landete auf dem Fußboden und watschelte dann durch den Raum, um die rauen Bohlen sorgfältig nach Krümeln abzusuchen, die Polly eventuell übersehen hatte.

»Okay«, sagte seine Besitzerin, »ich muss jetzt zurück zur Arbeit. Benimm dich bitte.«

Sie ließ kurz den Blick durch den Raum wandern, um auch sicherzugehen, dass sie alles hatte. Eins wollte man hier nämlich wirklich nicht: Am Fuß des Leuchtturms ankommen und dann feststellen, dass man etwas vergessen hatte und noch mal nach oben musste. Für den Weg nach unten wollte Huckle gern eine Rutschstange wie bei der Feuerwehr einbauen, Polly war jedoch strikt dagegen.

Im kleinen Zimmer standen kaum Möbel, mal abgesehen von ihrem teuren Sofa, das sie aus Plymouth mitgebracht hatte. Für den Einzug hatte man es komplett auseinandernehmen und hier oben wieder zusammenbauen müssen, sonst hätte es nicht die Treppe raufgepasst. Dafür hatten sie fast einen ganzen Tag gebraucht. Polly war es das jedoch wert gewesen.

Eine Etage tiefer befand sich ein Schlafzimmer mit einem winzigen Bad, dann kam das Stockwerk mit den Maschinen und darunter das unterste Geschoss mit der schlichten kleinen Küche und einem weiteren Zimmer mit Bad. Zum Turm gehörte außerdem ein Nebengebäude mit ein paar Räumen, ein hässliches Ding mit Flachdach und Kieselrauputz. Noch wussten sie nicht so recht, was sie damit machen würden. Wenn man zu den Felsen runterging, kam man durch einen kleinen Garten, mit dem Huckle mal sein Glück versuchen wollte. Allerdings war er nicht sicher, ob dort viel mehr als Muscheln und Algen gedeihen würden.

Irgendjemand hatte die Stufen zum Leuchtturm und den Pfad bis zur Straße mit einem Rand aus Muscheln eingefasst, und die boten wirklich einen hübschen Anblick, als Polly nun das Kopfsteinpflaster erreichte, die Hafenmauer entlanglief und Mount Polbearne betrat.

Bis in den Ort war es nicht weit, aber bei Flut konnte man dabei ganz schön nass werden, vor allem an stürmischen Tagen, wenn Wellen über die Hafenmauer schlugen und Gischt die Luft mit Salz erfüllte.

So schlecht war das Wetter heute nicht und die Sonne versuchte immer wieder erfolglos, sich gegen die am Himmel vorbeiziehenden Wolken durchzusetzen. Durch den Niedrigstand des Wassers war die Straße zum Ort befahrbar, allerdings glitzerte das bräunliche Kopfsteinpflaster feucht. Der Wind brachte den Geruch nach Meer mit sich.

Mount Polbearne lag furchtbar unpraktisch oben auf einem Hügel, und die Gässchen im kleinen Ort führten kreuz und quer alle irgendwie zur alten Kirchenruine hinauf, die längst kein Dach mehr hatte.

Die kleinen Kopfsteinstraßen waren steil und verschlungen. Man konnte sein Auto zwar durchaus auf die Insel mitbringen, es war aber nicht empfehlenswert. Darum nutzten die meisten Leute den Parkplatz auf dem Festland und gingen die letzten Hundert Meter zu Fuß.

Einige Fischer boten auch ein Wassertaxi an, falls mal Besucher auf der Insel hängen blieben, aber die Einheimischen kannten den Rhythmus von Ebbe und Flut ebenso gut wie den von Sonnenauf- und -untergang und passten ihre Pläne eben an.

Und auf der Insel war das Leben ziemlich einfach. Wie sollte es auch anders sein, es gab hier ja nicht einmal WLAN. (Es war immer mal wieder die Rede davon, doch welches einzurichten, aber die von der Telefongesellschaft hatten Polly erklärt, dass sie dafür zunächst ein Unterwasserkabel verlegen müssten, was 100 000 Pfund kosten würde. Als man fragte, ob sie davon vielleicht einen Teil übernehmen könnte, war die Sache ziemlich schnell vom Tisch gewesen.) Und deshalb gab es auf der Insel ebenso wenig Internetshopping wie Nachtclubs, Junggesellinnenabschiede, Flugschneisen oder Gratis-Zeitungen.

Stattdessen standen hier Reihen von kleinen grauen Häusern aus Stein, die sich den Hügel hinaufschlängelten, dazu ein paar schicke neue Anbauten, Dachterrassen und Balkone aus Metall, erbaut von unerschrockenen Auswärtigen, die hier ihre Wochenenden verbrachten und ertragen mussten, dass sie von den Einheimischen verspottet und über den Tisch gezogen wurden.

Es gab einen alten Pub namens Red Lion mit einem Innenhof, in dem man immer noch einen alten Trog und Ringe zum Anbinden von Pferden bewundern konnte. Und dann war da noch Andys Fish-and-Chips-Bude, in der ein Foto von breit grinsenden Fischern mit einem riesigen Dorsch hing. Andy verkaufte den besten Hering und die frischesten, knusprigsten Fritten, an denen man sich zuerst die Finger verbrannte, bevor sie wegen des Salzes und Essigs zu stechen begannen. Wenn man wollte, bekam man dazu noch kleine Stückchen von der Fischpanade. Zu trinken gab es bei Andy Fanta, Tizer sowie Dandelion and Burdock, und man musste von ihm aus nur ein paar Schritte über die gepflasterte Straße gehen, um sich auf die Hafenmauer zu setzen, über das Wasser zu blicken und sich mit den Möwen herumzuschlagen.

Dann gab es im Ort noch Muriels Lebensmittelgeschäft, in dem man einfach alles kriegen konnte, und Tierarzt Patrick, der sich die Praxis mit einer jungen Allgemeinmedizinerin namens Callie teilte. Sie kam aber nur zweimal die Woche auf die Insel.

Die alte Bäckerei des Ortes war früher von Mrs Manse geleitet worden, die bei Pollys Ankunft auf der Insel auch ihre Vermieterin gewesen war. Mrs Manse hatte ihr das Leben unheimlich schwer gemacht, weil sie ihr verboten hatte, auf Mount Polbearne Brot zu backen. Inzwischen war Gillian Manse in Rente und lebte bei ihrer ebenso übel gelaunten Schwester in Truro, sodass Polly die Bäckerei nach ihren eigenen Vorstellungen führen konnte.

Neu im Ort war ein schickes Restaurant am Kai, das für die meisten Inselbewohner viel zu teuer, aber sehr beliebt bei Besuchern war. Es hatte sich auf den frischen Fisch spezialisiert, den die Kutter jeden Morgen in den Hafen brachten.

Jetzt wurden dort Netze geflickt, man zählte die Gewinne des Tages zusammen, und ein paar der Fischer winkten der vorbeilaufenden Polly zu. Hier und da wurde gefragt, welche Geschmacksrichtung ihre Michettes heute wohl haben würden (das waren Brötchen, die bei arbeitenden Männern besonders beliebt waren).

Doch alle grüßten Neil, der Polly wieder mal zur Arbeit folgte, wie sie nun verdrossen bemerkte. Die Bäckerei war nun wirklich nicht der ideale Ort für ihn, weil er dort einfach viel zu oft von Kunden gefüttert wurde. Außerdem würde Polly wirklich Probleme kriegen, wenn irgendwann mal jemand vom Gesundheitsamt vorbeikäme und auch nur die Schwanzspitze eines Seevogels im Lokal entdeckte. Dabei war ihre Backstube dank ihres Mitarbeiters Jayden immer picobello sauber.

Als Jayden in Bezug auf eine mögliche Inspektion mal eingewandt hatte, dass doch nun wirklich niemand unbemerkt auf die Insel gelangen könnte, hatte Polly nur geseufzt, dass es darum doch gar nicht ginge.

Inzwischen war es bereits ein Jahr her, dass sich über der Insel ein grauenhaftes Unwetter plötzlich wie aus dem Nichts zusammengebraut hatte. Es hatte damals Cornelius »Tarnie« Tarnforth, Kapitän der Trochilus und für kurze Zeit Pollys Liebhaber, das Leben gekostet. Polly konnte an den Kuttern immer noch nicht vorbeigehen, ohne jedes Mal an ihn zu denken. Es hatte lange gedauert, bis im Ort die Wunden verheilt waren.

Jetzt bimmelte es, als Polly die Tür zur Bäckerei am Strandweg aufmachte, zum hübschen kleinen Gebäude mit der hellgrauen Fassade – die ihr Ex Chris für sie gestrichen hatte – und dem schön geschwungenen Schriftzug:

 

Die kleine Bäckerei am Strandweg

Inhaberin Ms P. Waterford

seit 2014

 

Wenn ihr Blick auf die Inschrift fiel, erfüllte sie ihr Herz jedes Mal mit Stolz, obwohl sie noch nicht so ganz den Tatsachen entsprach. Es standen bereits ein paar Leute Schlange, und Jayden holte die warmen Brote aus der Backstube.

Heute gab es Fladen vom Blech, ein in feine Scheiben geschnittenes Weißbrot und das kräftigere Sauerteigbrot, das keinen so guten Absatz fand, in Pollys Augen aber fantastischen Toast abgab.

»Hey!«, grüßte Jayden sie. »Ja, alles ist super geworden, bis auf, äh, die Chorizo-Michettes. Die, hm, musste ich … tja … die sind viel zu dunkel geworden.«

Streng starrte Polly ihn an. »Tatsächlich, Jayden?«

Sie zog die Jacke aus und hängte sie an den Haken, dann umrundete sie den Tresen, um sich auf der anderen Seite sorgfältig die Hände zu waschen. Bei einem Blick zurück entdeckte sie draußen Neil, der geduldig an der Tür wartete und von Zeit zu Zeit von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Das würde er so lange machen, bis sie die Kunden und damit auch ihn hereinließ. Nicht zum ersten Mal fragte sich Polly, ob es für Papageientaucher wohl auch so etwas wie eine Hundeschule gab.

»Ja, ja«, behauptete Jayden, seine Wangen leuchteten aber verdächtig rosig. Er öffnete die Tür, und die Kunden traten ein und ließen den Blick über die altmodischen Glasvitrinen wandern, um für sich schon mal das Passende auszusuchen.

Polly zog eine Augenbraue hoch.

»Die waren echt lecker«, räumte Jayden nun mit leiser Stimme ein. »Tut mir leid. Ich hab ja versucht, nur eine zu essen.«

Eigentlich war Jayden ein toller Mitarbeiter: pünktlich, höflich, warmherzig, effizient und sauberer als Meister Proper – die jahrelange Arbeit auf Fischerbooten hatte ihn Präzision und Gewissenhaftigkeit gelehrt. Besonders gut sah er zwar nicht aus, aber er war nett und charmant und deshalb bei allen beliebt.

Außerdem war er unglaublich dankbar dafür, dass er nicht länger auf den Job bei der Fischereiflotte angewiesen war, den er so sehr gehasst hatte. Er fand es toll, geregelte Arbeitszeiten zu haben und nicht mehr raus in die Kälte zu müssen. Man konnte sich auf ihn verlassen, was Geld anging, und er war freundlich zu den Kunden. (Zumindest zu denen aus dem Ort – Ausflüglern und Feriengästen gegenüber war er früher kurz angebunden bis schroff gewesen, aber das wurde langsam besser.)

Leider hatte Jayden die wirklich unverzeihliche Angewohnheit, sich an der Ware zu vergreifen.

»Es ist ja nicht so, als würde es nicht auffallen«, knurrte Polly und deutete auf Jaydens ständig an Umfang zunehmende Wampe unter der grauen Schürze.

»Ich weiß, tut mir leid.«

Das tat es wirklich, denn inzwischen war Jayden knallrot angelaufen. Letztes Jahr hatte er sich für Movember einen Schnäuzer wachsen lassen, und da alle ihm versichert hatten, wie gut der ihm stand – was auch stimmte –, hatte er ihn nicht mehr abrasiert. Jetzt schien er bis in die Schnurrbartspitzen zu erröten.

»Ich hab ja gar nichts dagegen, wenn du hier und da was probierst«, raunte Polly ihm zu. »Aber weißt du, das war Fleisch. Und das ist ziemlich teuer.«

Trotz des Schnauzbarts erinnerte Jayden an einen Siebenjährigen, als er nun schuldbewusst zu Boden starrte.

»Jetzt lassen Sie mal den jungen Mann in Ruhe«, mischte sich nun Pfarrerswitwe Mrs Corning ein. »Der ist doch wirklich ein Segen.« Die anderen Damen in der Schlange stimmten zu. Polly hatte den Verdacht, dass ihr kleiner allmorgendlicher Flirt mit Jayden für sie das Highlight des Tages war.

»Aber ein ziemlich unersättlicher Segen«, knurrte Polly.

»Und Ihr Vogel steht da draußen vor der Tür«, bemerkte jetzt eine andere Dame missbilligend, dann brach allgemeines Gemurmel aus. Am liebsten hätte Polly mit den Augen gerollt, aber das verkniff sie sich lieber. Sie wusste ganz genau, dass sie für manche Leute hier immer »die Neue« bleiben würde. Jetzt wandte sie sich an die nächste Kundin.

»Was kann ich denn für Sie tun?«, fragte sie höflich.

»Haben Sie welche von diesen leckeren Brötchen mit den kleinen Wurststückchen?«

»Nein«, sagte Polly mit einem letzten finsteren Blick in Richtung Jayden, der so tat, als wäre er gar nicht da, und sich plötzlich furchtbar beschäftigt gab. »Haben wir nicht.«

Jetzt erklang wieder die Türglocke.

»Hey, Polly, du hast Neil draußen vergessen!«, rief eine laute, tiefe amerikanische Stimme.

Der Laden, der ja ohnehin schon klein war, fühlte sich auf einmal noch beengter an, als Huckles Schatten auf den Tresen fiel. Pollys Freund war unglaublich groß, mit langen Beinen, breiten Schultern und dichtem blondem Wuschelhaar, das ihn noch größer aussehen ließ.

Selbst jetzt konnte Polly manchmal immer noch nicht fassen, dass Huckle wirklich mit ihr zusammen war. Er schien einem Werbespot mit Wüstenlandschaft, Kakteen und Cowboyhüten entsprungen.

»Also, echt!«, sagte Huckle vorwurfsvoll. Neil hockte auf seinem Ärmel – was er normalerweise nicht machte – und schaute Polly gekränkt an.

»Nein, den hab ich nirgendwo vergessen«, erklärte Polly genervt. »Eigentlich sollte er nämlich nicht an meinem Arbeitsplatz herumhüpfen, sondern draußen zwischen den Felsen unterwegs sein und versuchen, eine Papageientaucherdame kennenzulernen.«

»Oder einen Papageientaucherherrn«, entgegnete Huckle. »Da solltest du wirklich keine Vorurteile haben.«

Polly starrte ihn an. »Bezeichnest du mich etwa gerade als Vogelhomophobe?«

»Ich meine ja nur, dass wir jeder seiner möglichen Entscheidungen im Leben gegenüber offen sein sollten.«

»Mal abgesehen von der, mich hier im Laden zu besuchen!«

Huckle seufzte, aber die alten Damen scharten sich bereits um ihn, weil sie einen Blick auf Neil werfen wollten. (Oder, wie Polly verschmitzt bei sich dachte, weil sie ihre Krallen in Huckles Oberarm schlagen wollten.)

Als die Kundinnen ihren Freund endlich freigaben, lehnte sie sich vor, um ihm einen Kuss zu geben.

»Hey«, sagte sie und atmete seinen wundervollen warmen Duft ein, dem ein leichtes Aroma vom Öl des Motorrads anhaftete, mit dem er überall hinfuhr. »Bist du heute Morgen gar nicht unterwegs?«

»Doch, doch!«, nickte Huckle. »Ich wollte nur kurz reinschauen, um dir zu sagen, dass Dubose jetzt wirklich kommt.«

Polly biss sich auf die Lippe. »Im Ernst?«

Ihr Herz begann, etwas heftiger zu schlagen. Sie kannte Dubose nicht, bis jetzt war sie noch niemandem aus Huckles Familie begegnet. Dubose war sein jüngerer Bruder und hatte ein wenig den Ruf eines schwarzen Schafes.

»Wie sehen denn seine Pläne aus?«

Huckle rollte mit den Augen. »Frag besser nicht, offenbar braucht er wohl mal eine Auszeit.«

Verwirrt sah Polly ihn an. »Ich dachte, er wäre Farmer.«

»Ja«, nickte Huckle, »ganz genau. Und normalerweise nehmen Farmer sich keine Auszeiten.«

»Das ist wie bei uns Bäckern«, sagte Polly.

»Nur noch härter«, fand Huckle und schüttelte den Kopf. »Er überlässt die ganze Arbeit einfach Clemmie.« Clemmie war die Freundin von Dubose.

»Und, taugt sie nichts?«

»Doch, sie ist toll, wirklich super. Aber eine ganze Farm zu leiten … das ist viel Arbeit.« Huckle runzelte die Stirn. So ärgerlich sah Polly ihn selten, das fand sie eigentlich ganz süß.

»Wann wird er denn hier sein?«

»Er möchte sich ungern festlegen.« Huckle lächelte resigniert. »Ist es für dich okay, wenn er bei uns unterkommt?«

»Ja, natürlich, aber wow. Glaubst du, er wird mich mögen?«

Wieder verdrehte Huckle die Augen. »Dubose kommt eigentlich mit allen klar.«

Polly sah ihn an. »Klingt da womöglich ein wenig Eifersucht mit an?«, fragte sie verschmitzt.

»Kommt etwa ein neuer junger Mann in den Ort?«, erkundigte sich da Mrs Corning. »Hah, neuerdings ist hier ja ständig was los.«

Als sich Polly und Huckle zum ersten Mal begegnet waren, hatte er in der Nähe als Imker gelebt, und sie hatte seinen Honig in ihrem Laden verkauft. Zunächst hatte es zwischen ihnen nicht geklappt, und Huckle war in seine Heimatstadt Savannah in den USA zurückgekehrt, um dort wieder einen Bürojob anzunehmen. Aber nach sechs Monaten an der frischen Luft in Cornwall war es ihm nicht gelungen, sich wieder an die Arbeit in einer Firma zu gewöhnen, an das Angestelltendasein und daran, immer drinnen zu sein. Zum Glück war seine Rückkehr nach Großbritannien nicht schwierig gewesen, weil sein Vater hier geboren war, was die Einreiseformalitäten vereinfachte.

Wie so viele Menschen war jetzt auch er an einer Neubesinnung auf ein einfacheres Leben auf dem Land interessiert. Doch er hatte sich keine Ziegen oder Hühner zugelegt, sondern Bienenstöcke. Huckle hatte sich in einen fahrenden Imker und Berater verwandelt. Er half Menschen mit Bienenstöcken, die der Entwicklung der ständig schwindenden Bienenpopulation entgegenwirken wollten.

Auch bei seiner früheren Hütte, in der jetzt ein altes Ehepaar wohnte, schaute er oft vorbei. Gegen ein Glas Honig im Monat ließen sie ihn weiterhin seine Bienenstöcke dort versorgen. Es war wirklich das perfekte Arrangement. Mit alldem verdiente Huckle nicht viel Geld, aber abgesehen von dem Diesel für sein Motorrad und einer Gemüsekiste pro Woche von einem Bauern aus der Gegend, brauchten Polly und er auch nicht viel, sie lebten ein sehr einfaches Leben. Na ja, dachte er gelegentlich, irgendwann sollten wir vielleicht doch mal den Leuchtturm renovieren lassen und Pollys Geschäft auch wirklich übernehmen. Noch gehörte es Mrs Manse, der ursprünglichen Eigentümerin, deshalb mussten sie ein Teil der Einnahmen an sie abtreten. Leider war für diese beiden Verbesserungen in diesem Leben so einiges an Geld nötig, welches ihnen eben fehlte. Das ist schon in Ordnung, sagte er sich dann, schließlich reichte ihnen völlig, was sie hatten.

 

Kapitel 2

»Okay«, sagte Jayden, »dann mach ich mich mal auf den Weg zum anderen Laden und schaue nach der Kollegin vom Festland.«

Polly rollte mit den Augen.

»Jayden, fast jeder einzelne Bewohner dieser Erde kommt vom Festland. Es gibt sieben Milliarden Festländer und siebenhundert Polbearner. So kannst du doch die Weltbevölkerung nicht unterteilen.«

Jayden tat mit seinem Besen zwar äußerst beschäftigt, seine leicht gerunzelte Stirn verriet ihr jedoch, dass er nicht mit ihr einer Meinung war.

»Ich gehe«, sagte Polly, »dann kann ich Huckle noch zu seinem Motorrad bringen.«

»Sie will mich loswerden«, beklagte sich Huckle und zwinkerte den alten Damen zu.

»Nicht dich will ich loswerden«, erklärte Polly, »sondern Neil. Ich hoffe einfach, dass er dir folgen wird.«

Und tatsächlich, als sie gemeinsam den Laden verließen, hüpfte Neil fröhlich in das Sidecar. Er fuhr einfach zu gerne Motorrad. Huckle grinste Polly an.

»Willst du heute kochen?«, fragte sie.

Er zuckte mit den Achseln. »Wie wär’s denn, wenn du kochst, und ich laufe rauf und runter und sammle all die Gewürze und Utensilien ein, die du über vier Stockwerke verteilt hast?«

»Abgemacht«, sagte Polly und küsste ihn wieder. Huckle warf einen Blick auf die Uhr und setzte sich dann auf sein riesiges Motorrad. Neil steckte den Kopf zum Seitenwagen heraus, um sich am Fahrtwind zu ergötzen.

»Ich weiß wirklich nicht, für welche Art von Vogel der sich hält«, knurrte Polly. Aber dann sah sie den beiden doch belustigt hinterher, als sie in Höchstgeschwindigkeit – und mit laut knatterndem Motor – zum Fahrdamm zuckelten, der während der morgendlichen Ebbe immer noch wasserfrei dalag.

Sie atmete einmal tief ein, um ihre Lungen mit der frischen, salzigen Luft zu füllen, und sah zum Himmel hoch, an dem Wölkchen wie saubere Wäsche tanzten. Sie fragte sich, wie Huckles Bruder wohl sein würde. Da sie selbst keinen hatte, konnte Dubose vielleicht auch für sie wie ein Bruder werden.

Schließlich setzte sich Polly in Bewegung und ging den Strandweg entlang. Obwohl die Insel so klein war, gab es auf ihr zwei Bäckereien. In der ursprünglichen Polbearne Bakery wurden immer noch Baguettes, Sandwiches und eher traditionelles Gebäck verkauft – Plätzchen mit Guss, Rührkuchen und Zuckerzeug. In ihrer eigenen Bäckerei hatte Polly hingegen freie Hand, um ihre rustikalen Brote und interessante Varianten wie Olivenbrot oder herzhafte Gemüsekuchen anzubieten. Seit Mrs Manse in Rente war, fungierte die junge Bäckerin als Geschäftsführerin für beide Läden.

An so einem frischen Frühlingsmorgen wie heute konnte sich Polly nicht vorstellen, irgendwo anders als auf Mount Polbearne zu leben. Aber auch im Sommer ging ihr das so, wenn man Eimer und Spaten klappern hörte, es nach Sonnencreme und Eis roch und verlorene Sonnenbrillen aus Plastik in Rosa und Blau liebevoll auf die Hafenmauer gelegt wurden, falls die Besitzer zurückkommen und nach ihnen suchen würden.

Andererseits mochte sie auch den Herbst, wenn die Surfer, die in ihren schwarzen Neoprenanzügen aussahen wie Robben, die tollen Wellen am Breakwater Point nutzten und dann irgendwann ganz durchgefroren und ausgehungert bei ihr in der Bäckerei auftauchten. In diesen Monaten, die ansonsten ruhiger waren, weil die Ferien vorbei waren und die Kinder wieder zur Schule gingen, verkaufte sie auch Kaffee und heiße Suppe.

Und eigentlich gefiel ihr auch der Winter, wenn es draußen windig und eiskalt war und man nirgends hinkonnte. Dann kuschelten Huckle und sie sich in ihrem Adlernest zusammen aufs Sofa, schauten auf DVD Folge um Folge amerikanischer Serien. Dazu aßen sie Toast mit Butter, den sie mit kannenweise Tee runterspülten, während um sie herum der Sturm tobte.

Auf einer Insel konnte man den Wechsel der Jahreszeiten eben nicht ignorieren, man konnte sich nicht von der Welt abschotten wie in der Stadt, wo es Büroräume mit Neonröhren, Klimaanlage und Heizung gab, dazwischen nur gelegentlich ein mit Zigarettenstummeln übersätes Stück Grünfläche hinter einem Gebäude.

Polly mochte hier einfach alles.

Als vor zwei Jahren ihr ganzes Leben den Bach runtergegangen war, sie vor den Scherben ihrer Existenz gestanden hatte, da hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie einmal so eine Harmonie und Zufriedenheit finden und jeden Tag im Einklang mit den Jahreszeiten leben würde.

Sie bereute es nie, ihr Leben so radikal verändert zu haben, und konnte ihr Glück selbst kaum fassen. Sogar dann nicht, wenn es morgens klirrend kalt war oder wenn ihr der Rücken wehtat, weil sie stundenlang den Ofen geschrubbt hatte. Daran änderten auch die Tage nichts, an denen sie noch bis spät in die Nacht ihre Einnahmen zählte oder für ihre Steuererklärung zu entscheiden versuchte, was nun ein Kuchen und was ein Plätzchen war. Und sie blieb auch bei ihrer Meinung, wenn es auf Mount Polbearne tagelang am Stück regnete, während der Rest des Landes in Sonnenschein getaucht war. Oder wenn sie sich gern etwas Neues zum Anziehen kaufen würde, aber wieder einmal feststellen musste, dass niemand auf die Insel lieferte, die Geschäfte zum Fahren zu weit weg waren und sie sich ja doch nichts leisten konnte. Sie glaubte auch ganz fest daran, dass sie im Leben schon genug Pech gehabt hatte und deshalb jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte.

Leider war das Universum da anderer Meinung.

Willkommen zurück in Pollys wunderbarer Bäckerei!

»Weihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg« (Band 3)

Weihnachten steht vor der Tür, Zeit, das Kaminfeuer zu schüren und die Füße hochzulegen. Nicht jedoch für Polly Waterford. Wärme in ihrem eiskalten, zugigen Leuchtturm spenden nur die Umarmungen ihres Freundes Huckle und statt eine Auszeit vom Backen zu nehmen, muss sie ein üppiges weihnachtliches Festmahl ausrichten. Außerdem ist ihre beste Freundin Kerensa in echter Bedrängnis. Sie ist schwanger, jedoch nicht sicher, ob tatsächlich von ihrem Mann Reuben. Auch das Schutzgebiet für Papageientaucher ist in Not, in finanzieller, und obwohl Neil kaum mehr Ausflüge zu seinen Artgenossen unternimmt, setzt Polly alles daran, diesen Zufluchtsort für Vögel zu erhalten. Sie ist derart beschäftigt, dass Huckle sie nur noch selten zu Gesicht bekommt und sich allmählich fragt, ob er überhaupt noch einen Platz in Pollys Leben hat und wie es mit ihnen weitergehen soll. Nicht gerade die besten Vorzeichen für das Fest der Liebe. Werden sie alle es schaffen, trotzdem eine fröhliche Weihnacht zu feiern?

>> ZUR AUSFÜHRLICHEN LESEPROBE

Ein paar Worte von Jenny

 

Zu Beginn ihres Romans »Weihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg« begrüßt Jenny Colgan die Besucherinnen und Besucher von Polly's kleiner Bäckerei und erklärt, warum sie Cornwall als Kulisse gewählt hat.


»Liebe Leser,
vielen Dank, dass ihr euch für dieses Buch entschieden habt, den (vermutlich) letzten Band der Bäckerei-Trilogie. Ich fand es so wunderbar, über die Abenteuer von Polly, Huckle und dem frechen Papageientaucher Neil zu schreiben.
Wenn ihr gerade erst neu dazugekommen seid, braucht ihr eigentlich gar nicht viel zu wissen: Vor einiger Zeit ist Polly nach der Pleite ihrer Firma auf die Gezeiteninsel Mount Polbearne gezogen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut.
Sie wohnt in einem Leuchtturm, weil sie die Vorstellung romantisch fand (Anmerkung: In Wirklichkeit nervt es tierisch!), und zwar zusammen mit Huckle, ihrem lässigen amerikanischen Freund, und natürlich ihrem zahmen Papageientaucher. Polly backt jeden Tag Brot für die Einwohner von
Mount Polbearne und die Besucher der Insel, und damit seid ihr jetzt auch schon auf dem Laufenden !

Noch ein paar Anmerkungen zur Kulisse: Da ich als Kind viel Zeit in Cornwall verbracht habe, ist es für mich nicht nur ein echter Ort mit richtigen Menschen, sondern auch eine Art Märchenland aus meiner Fantasie. Es kommt mir vor wie meine Version von Narnia oder einem der anderen Zauberreiche, die ich früher so gern besucht habe – ich war völlig besessen von Bevor die Flut kommt und natürlich von den Fünf Freunden oder der Dolly-Reihe.
In meiner Kindheit haben wir bei unseren Cornwall-Besuchen immer ein altes Häuschen in der Nähe von Polperro gemietet, in dem früher Bergleute einer Zinnmine gelebt hatten. Meine Mutter war ein großer Fan von Daphne du Maurier und erzählte meinen beiden Brüdern und mir gerne schaurige Geschichten über Schiffbrüche, Piraten, Gold und Plünderer, wenn sie abends an unseren schmalen Betten saß. Wir waren begeistert, haben uns aber auch so sehr gegruselt, dass immer einer von uns die halbe Nacht aus Albträumen hochgeschreckt ist. Meiner Meinung nach war das normalerweise mein kleiner Bruder, obwohl der das wohl anders sehen würde.
Im Vergleich zum kalten Schottland war das sonnige Cornwall für mich das reinste Paradies. Es war jedes Jahr etwas Besonderes, wenn unsere Eltern uns diese Bodysurf-Bretter aus dickem Styropor gekauft haben. Damit rannten wir schon morgens früh ins Wasser, um den ganzen Tag auf den Wellen zu reiten, immer und immer wieder, bis wir fix und fertig waren und sich an den Rändern meiner überkreuzten Badeanzugträger der Sonnenbrand bemerkbar machte. Dann zogen wir uns auf das Handtuch zurück, um ein in Frischhaltefolie eingeschlagenes Butterbrot zu essen, wobei immer auch Sand zwischen den Zähnen knirschte.
Später briet mein Vater Fisch auf einem kleinen Grill, den er jedes Jahr eigenhändig aus Ziegeln und einem Rost baute, und ich saß im hohen Gras, las Bücher und wurde von Insekten gestochen.
Und weil man in den Ferien abends lange aufbleiben darf, fuhren wir danach nach Mousehole oder St Ives, kauften uns ein Eis und spazierten damit vor den Schaufenstern der Kunstgalerien am Hafen entlang. Manchmal verspeisten wir auch heiße, salzige Pommes oder kauften uns Buttertoffee, von dem ich völlig besessen war, obwohl mir davon immer schlecht wurde.
Das waren glückliche Zeiten, und es war mir so eine Freude, sie mir für mein erstes Buch über Mount Polbearne wieder in Erinnerung zu rufen. Damals unternahmen wir auch einen Tagesausflug nach St Michael’s Mount – wie es sich für Cornwallbesucher eben gehört –, und ich weiß noch, wie gruselig und zugleich faszinierend ich es fand, als die Pflastersteine der alten Straße dorthin langsam in den Wellen verschwanden. Das war der romantischste und magischste Moment in meinem Leben, darum fand ich es auch so toll, an diesem Ort später meine Bücher spielen zu lassen. Wenn ich durch sie auch nur einen Bruchteil des Glücks weitergeben kann, das Cornwall in mein Leben gebracht hat … tja, dann wäre ich wirklich froh.«

Jenny
 

Blick ins Buch
Weihnachten in der kleinen Bäckerei am StrandwegWeihnachten in der kleinen Bäckerei am Strandweg

Roman

Es weihnachtet sehr an Cornwalls Küste, und Polly hat nur ein Ziel: Dieses Fest der Liebe muss das Beste aller Zeiten werden. Aber wann verläuft das Leben schon nach Plan? Prompt schneit ihre Freundin in der Bäckerei vorbei und vertraut ihr ein heikles Geheimnis an, das bald nicht mehr zu verbergen sein wird. Wird es Polly trotzdem gelingen, mit ihrem Freund Huckle und Papageientaucher Neil das fröhlichste aller Feste zu feiern?
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Kapitel 1

In dieser Geschichte geht es um ein bestimmtes Weihnachtsfest, eigentlich fing aber alles mit etwas wirklich Schlimmem an, was schon im Frühling passierte. Diesen verdammten Vorfall im Frühling werden wir nur kurz beleuchten, denn die Gezeiteninsel Mount Polbearne in Cornwall ist zu dieser Jahreszeit ein viel zu schönes Fleckchen Erde, um nicht davon zu erzählen.

Dort führt ein Fahrdamm zu einem uralten Örtchen, das früher mal mit dem Festland verbunden war, bis der Meeresspiegel anstieg. Jetzt verschlingt die Flut zweimal am Tag das alte Kopfsteinpflaster, was die kleine Stadt zu einem sowohl sehr romantischen als auch äußerst unpraktischen Wohnort macht.

Rund um einen Hafen mit einem kleinen Strand drängen sich Häuschen und Geschäfte, darunter Pollys kleine Bäckerei am Strandweg, die zur Unterscheidung von der ursprünglichen Inselbäckerei so genannt wird. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wie sich denn in so einem kleinen Ort gleich zwei Bäckereien halten können, aber dann habt ihr da offensichtlich noch nicht eingekauft. Polly ist unter den Bäckern nämlich so was wie Phil Collins unter den Schlagzeugern. Nee, Moment, das ist vielleicht nicht der passendste Vergleich. Na ja, auf jeden Fall kann ich euch versichern, dass sie wirklich toll backt.

Ihr Sauerteigbrot ist nussig und knackig und hat die allertollste Kruste, ihre Baguettes sind leicht und luftig. Sie macht köstliche, reichhaltige Focaccias mit Olivenöl und zarte, leicht herbe Käsescones. Neue Sachen probiert sie erst einmal zu Hause in der Leuchtturmküche aus, in der Bäckerei hat sie jedoch beeindruckende Industriebacköfen, darunter einen tollen Holzofen. Wenn der Duft ihrer Backwaren durch das kleine Städtchen wabert, zieht er Hungrige und Neugierige von nah und fern an.

Im Hafen gibt es außer der Bäckerei noch Andys Pub Red Lion. Dort nimmt man es mit den offiziellen Öffnungszeiten nicht immer so genau, vor allem, wenn der Biergarten mit den funkelnden Lichterketten an warmen Abenden voll ist und vom Wasser her der Duft der See herüberweht. Auch der supertolle, aber teure Fish-and-Chips-Wagen nebenan gehört Andy, der deshalb ein viel beschäftigter Mann ist. Im Hafen selbst klimpern und klappern die Kutter der Fischereiflotte, die früher den Menschen auf Mount Polbearne ihr Auskommen gesichert hat. Heute wird die Arbeit auf den Booten allerdings durch Jobs in der Tourismusbranche auf Platz zwei verwiesen.

Auf der Insel schlängeln sich kleine Kopfsteinpflasterstraßen den Hügel hinauf, der schon seit Generationen von denselben Familien bewohnt wird. Noch vor einiger Zeit plagte die Menschen hier die Angst, ihre Gemeinschaft würde nach und nach aussterben. Dann ist jedoch Polly hergezogen und hat die Bäckerei übernommen, nachdem ihr Grafikdesign-Unternehmen pleitegegangen war. Das fiel mit einer neuen Beliebtheit der Insel zusammen, in deren Zug auch ein schickes Fischrestaurant eröffnet hat, und manche halten Polly sogar für den Grund all dieser Veränderungen. Inzwischen werden auf der Insel auch wieder Kinder geboren, und man hat einfach das Gefühl, dass es bergauf geht.

Jetzt müssen nur alle gucken, wie sie ihre eigentlich zauberhaften, aber ziemlich heruntergekommenen Häuschen irgendwie renovieren können, ohne sie dafür an reiche Leute aus London und Exeter zu verscherbeln. Die würden sich nämlich unter der Woche hier nicht blicken lassen, auf Dauer allerdings die Preise so sehr in die Höhe treiben, dass die Menschen aus der Gegend sich hier nichts mehr leisten könnten.

Aber mal abgesehen von ein oder zwei Ausnahmen haben die Gezeiten und der Mangel an vernünftigem WLAN den Ort bislang mehr oder weniger vor einer Invasion bewahrt. Noch ist alles weitgehend so, wie es seit Hunderten von Jahren war, es könnte also schlimmer sein.

Der Sommer ist hier allerdings ein wenig verrückt, weil es immer voll ist und alle viel zu tun haben. Dann versucht nämlich jeder, in kurzer Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen, um damit durch den langen, kalten Winter zu kommen. Im Frühling läuft das Geschäft mit den Touristen nur langsam an, obwohl es um Ostern herum normalerweise einen kleinen Ansturm gibt. Erste Ausflügler reisen mit großer Hoffnung an und verbergen ihre Enttäuschung, wenn der Wind, der an diesem trügerischen Küstenabschnitt schon viele Schiffe zum Kentern gebracht hat, ihnen die Zuckerwatte ins Gesicht bläst. Sie müssen sich eingestehen, dass die Fischkutter im Hafen nicht nur für ihre Videokameras so beeindruckend auf und ab tanzen, sondern tatsächlich von Wellen mit weißer Schaumkrone hin und her geworfen werden. An Bord flicken immer noch Fischer mit roten Fingern Netze oder brüten heutzutage öfter mit gerunzelter Stirn über Computerausdrucken, um mit Informationen über Fischschwärme und ihre Bewegungen den möglichen Fang zu errechnen.

Dann verschwinden die enttäuschten Osterurlauber irgendwann wieder. (Aber die Triumphierenden, die bis zum Dienstag geblieben sind und dafür mit einem perfekten und zauberhaften goldenen Tag belohnt wurden, werden den ihren Freunden die nächsten fünf Jahre unter die Nase reiben.) Jetzt kann Mount Polbearne kurz verschnaufen, bevor die Menschenflut des Sommers über den Ort hereinbricht: Kinder mit Keschern und ihre Eltern, die von den Urlauben ihrer Kindheit träumen, als sie an breiten goldenen Stränden frei herumtollen durften. Die Erwachsenen merken dann aber rasch, dass der Fahrdamm links und rechts ja gar nicht abgesichert ist und die Flut unglaublich schnell kommt. Außerdem erfüllt das, was 1985 völlig okay war und von ihren Eltern erlaubt wurde, sie heute mit Entsetzen. Na ja, und darüber hinaus brauchen sie auch vernünftiges WLAN, was Mount Polbearne nun wirklich nicht bieten kann. Aber jetzt müssen sie eben das Beste daraus machen.

Im April atmet Mount Polbearne also einmal tief durch, und man kann beim Blick bis zum Festland sehen, wie die Bäume zu blühen beginnen und sich mit riesigen Girlanden in Weiß und Rosa schmücken. Tage, die kühl und unbeständig anbrechen, werden plötzlich mit strahlendem Sonnenschein belohnt. Wenn die Sonne den Morgennebel vertrieben hat, wird es langsam warm, und die sprießenden Pflanzen fangen zu duften an. Emsig bauen Vögel ihre Nester, und generell zeigt sich England im Frühling mit dem hellen Grün der knospenden Bäume und allgemein zauberhafter Stimmung einfach von seiner besten Seite.

Aber leider wird unsere Geschichte nicht lange hier verweilen, sondern beginnt nur in diesem Moment. Es ist generell eine Zeit des Neuanfangs, in der man Fleecepulli und Fernseher hinter sich lässt und ins frische Morgenlicht blinzelt.

Allerdings wurde die Idylle an diesem Apriltag nun davon unterbrochen, dass Polly Waterfords beste Freundin, die mit Huckles bestem Freund verheiratete blonde und schicke Kerensa, laut ins Telefon fluchte.

»Jetzt hör mal mit dem Geschimpfe auf«, bat Polly vernünftig und rieb sich die Augen. »Ich versteh ja kein Wort.«

Aber dann war die Verbindung zwischen Polbearne und dem Festland, wo Kerensa in einer riesigen und lächerlich prunkvollen Villa mit ihrem genialen (und ziemlich lauten) amerikanischen Ehemann Reuben lebte, mal wieder unterbrochen.

»Wer war das denn?«, fragte Huckle, der in der sonnigen Küche des von ihnen bewohnten Leuchtturms vor dem Toaster auf sein Brot wartete. Obwohl es für so spärliche Bekleidung eigentlich nicht warm genug war, trug er nur Boxershorts und ein verblichenes graues T-Shirt. Polly störte sich nicht daran. Heute war Sonntag, und damit ihr einzig freier Tag in der Woche. Und hier saß sie nun und überlegte, ob sie sich etwas von der gesalzenen Butter aus der Gegend aufs Brot schmieren sollte oder etwas von Huckles Produkten, zum Beispiel einen süßen Orangenblütenhonig, der gut zum sanften Wetter an diesem Morgen passte.

»Das war Kerensa«, erklärte Polly. »Und sie hat geschimpft wie ein Rohrspatz.«

»Tja, das klingt nach ihr. Worum ging es denn?«

Während Polly erfolglos ihre Freundin zurückzurufen versuchte, antwortete sie: »Ach, das könnte bei ihr doch alles Mögliche sein. Vermutlich hat sich Reuben mal wieder wie ein Arschloch benommen.«

»Davon können wir wohl ausgehen«, bemerkte Huckle mit gerunzelter Stirn, während er den Toaster nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. »Mensch, es sollte wirklich mal jemand einen Hochgeschwindigkeitstoaster erfinden«, fügte er dann hinzu.

»Was?«, fragte Polly. »Einen Hochgeschwindigkeitstoaster?«

»Das Brot braucht viel zu lange«, beklagte sich Huckle.

»Wovon redest du da nur?«

»Ich hatte wirklich Lust auf Toast und wollte was von deinem Sauerteigbrot rösten, weil das ja den besten Toast der Welt ergibt.«

»Dann weiß ich jetzt endlich den Grund, warum du mit mir zusammen bist«, grinste Polly.

»O mein Gott, das duftet einfach so gut, ich kann es kaum erwarten, meine Zähne in diese tolle Sauerteigbrotscheibe zu schlagen.«

Als er auf den Knopf drückte, sprangen zwei noch nicht ganz fertig getoastete Scheiben goldgelbes Brot heraus. »Siehst du?« Er bearbeitete sie mit dem Messer. Die Butter war immer noch hart, weil sie direkt aus dem Kühlschrank kam, und riss ein Loch in die weiche Krume. Finster starrte Huckle auf seinen Teller. »Ich gerate jedes Mal in Panik und hole die Scheiben zu früh raus, und das versaut mir dann das ganze Toasterlebnis.«

»Dann mach doch einfach noch welchen.«

»Hab ich ja schon versucht, aber es funktioniert einfach nicht.«

Huckle schob trotzdem zwei weitere Scheiben in den Toaster. »Das Problem besteht darin, dass ich die erste Fuhre schon aufgegessen habe, bevor die zweite fertig ist. Es passiert jedes Mal dasselbe, das ist der reinste Teufelskreis.«

»Und wenn du dich einfach mit geöffnetem Mund über den Toaster beugst und wartest, bis dir das Brot in den Mund springt?«, schlug Polly vor.

»Ja, das ich hab ich mir auch schon überlegt«, nickte Huckle. »Vielleicht sollte ich mich dafür mit einer Sprühdose bewaffnen, um die Scheiben im Flug zu buttern. Dann muss ich sie nicht mit dem Messer malträtieren.«

»Dass ich mal jemanden treffen würde, der noch besessener von Brot ist als ich, hätte ich nicht gedacht. Und ich kann kaum glauben, dass ich das jetzt wirklich ausspreche, aber ich fürchte, dass du dir vielleicht zu viele Gedanken über das Thema Toast machst.«

»Wenn ich doch nur diesen Hochgeschwindigkeitstoaster erfinden könnte«, seufzte Huckle, »dann würde ich bestimmt mehr Geld verdienen als Reuben.«

Die getoasteten Scheiben sprangen nach oben. »Mund auf! SCHNELL! SCHNELL!«, rief Polly.

Danach gingen sie einfach wieder ins Bett, weil Polly als Bäckerin, im Gegensatz zu Huckle als Honigverkäufer, an allen anderen Tagen furchtbar früh aufstehen musste, sodass ihre Arbeitszeiten nur selten zusammenfielen.

Polly schickte Kerensa eine Nachricht, dass sie sich beruhigen sollte und sicher alles gut werden würde. Sie versprach außerdem, ihre Freundin später zurückzurufen, und stellte dann ihr Handy aus.

Und das würde sich als schrecklicher, schrecklicher Fehler herausstellen.

 

Kapitel 2

Eins sollten wir vielleicht klarstellen: Die ganze Angelegenheit war weder Pollys noch Huckles Schuld, sondern Kerensas, wie wir noch sehen werden. Ein kleines bisschen hatte es auch mit Selina zu tun, die es in einer Million Jahren nicht zugeben würde, aber Verrücktes tatsächlich noch unterstützte. (Manche Menschen sind einfach so, oder? Sie mischen die Dinge gern auf.)

Aber es war auch ein kleines bisschen Reubens Schuld, weil er – und das kann ich gar nicht oft genug betonen – selbst für seine Verhältnisse an diesem Tag ein echtes Arschloch war.

Er hatte nämlich ihren Hochzeitstag vergessen, ihren ersten Hochzeitstag! Und als Kerensa ihn darauf aufmerksam machte, meinte er nur, na ja, dass er in der Vergangenheit doch genug von diesem ganzen Romantikscheiß mitgemacht hätte. Seiner Meinung nach wäre es damit jetzt, wo sie verheiratet waren, nun aber wirklich gut, oder? Er hätte das schließlich alles brav erledigt, außerdem lief es doch super, und Handtaschen hätte sie inzwischen ja wohl genug, nicht wahr? Und jetzt müsse er sowieso ein Flugzeug nach San Francisco nehmen und Wichtiges mit seinem Börsenteam besprechen – was nur persönlich ging.

Kerensa beschwerte sich, weil sie von seiner Reise keine Ahnung gehabt hatte. Da entgegnete er nur, dass sie sich eben seinen Terminkalender hätte ansehen sollen, den ihr sein Assistent gemailt hatte. Als er erklärte, dass er in zwei Stunden losmusste, fragte Kerensa, ob sie nicht mitkommen könnte, weil sie gehört hatte, dass es in San Francisco im Frühling wirklich schön sei. Und da sagte Reuben nur, nein, das ginge wirklich nicht, weil er furchtbar beschäftigt sein würde. Dann küsste er sie zum Abschied und schlug ihr vor, vielleicht ein Stündchen in den Fitnessraum zu gehen, dafür hätten sie ihn doch schließlich eingerichtet.

Also, ihr seht wohl schon, was ich meine. Reuben hatte gar keine bösen Absichten, aber so war er nun mal: Wenn er arbeitete, dann verwandelte er sich in eine Art Steve Jobs und dachte eigentlich an niemanden mehr außer sich selbst. Und deshalb war er eben auch so reich wie Steve Jobs, zumindest mehr oder weniger. Auf jeden Fall war er eine ziemlich große Nummer.

Und da stand Kerensa nun mutterseelenallein im riesigen luxuriösen Flur ihres enormen, unglaublichen Hauses mit seinem eigenen Strand an der Nordküste von Cornwall und zog in Erwägung, erst einmal eine Runde zu heulen. Aber dann beschloss sie, doch lieber wütend zu werden. In letzter Zeit lief das nämlich immer öfter so, und Reuben schien einfach nicht zu verstehen, dass Kerensa nicht an Reubens persönlichen Assistenten verwiesen werden wollte. Der war nämlich Amerikaner und supercool und trug teure Klamotten, und Kerensa fühlte sich durch ihn ein wenig eingeschüchtert, obwohl ihr doch sonst wenig imponierte. Außerdem bekam sie Reuben ja kaum noch zu Gesicht, seitdem er letztes Jahr nach seiner Beinahepleite wieder voll durchgestartet war.

Kerensa beschloss also, wütend zu werden, und rief stinksauer Polly an. Die hatte an ihrem freien Tag aber erstens schlechten Empfang, zweitens wichtige Fragen zum Thema Toast mit Huckle zu erörtern und zeigte vor allem nicht das Mitgefühl, das Kerensa unter diesen Umständen gebraucht hätte. Dies sollte Polly später bitter bereuen.

Also rief Kerensa ihre andere Freundin an, Selina, die vor zwei Jahren selbst eine schlimme Zeit durchgemacht hatte, als sie Witwe geworden war. Deshalb wurde sie gelegentlich immer noch ein wenig weinerlich. Selina hatte früher auf dem Festland gelebt und war beruflich erfolgreich gewesen, bevor sie sich aus Versehen in einen Fischer verliebt hatte.

Und jetzt hatte sie eine tolle Idee: Da ihr auch furchtbar langweilig war, schlug sie einen Trip nach Plymouth vor, um dort ins schickste Restaurant zu gehen und die teuersten Sachen von der Karte zu bestellen. Die Rechnung könnte Kerensa dann an Reuben schicken und ihm für das schöne Geschenk zum Hochzeitstag danken, wenn sie ihn das nächste Mal sah.

Kerensa fand den Vorschlag toll, also machten sie genau das. Was mit einem Mittagessen und weitschweifigen, endlosen Klagen über die Männer in ihrem Leben losging, lief allerdings ein wenig aus dem Ruder. Sie trafen eine Gruppe junger Frauen bei einem Junggesellinnenabschied, die sie sofort in ihre Runde aufnahmen, und schauten sich mit ihnen zusammen dann eine »Tanzshow« an. Ich überlasse es mal eurer Fantasie, um was für eine Art von Spektakel es sich dabei handelte, auf jeden Fall kam dabei ziemlich viel Babyöl zum Einsatz. Außerdem gab es in diesem »Tanzlokal« eindrucksvolle Männer mit brasilianischem Akzent und flambierten Sambuca, und danach begann in Kerensas Gedächtnis alles zu verschwimmen. Als sie am nächsten Morgen in einem unglaublich schicken Hotel aufwachte, konnte sie sich noch vage daran erinnern, dass sie zu unchristlicher Zeit an die Rezeption gewankt war und mit einer Platinum-Kreditkarte gewedelt hatte. Und sie erinnerte sich auch noch an etwas anderes, und zwar so genau, dass sie sich die Szenen am liebsten hätte rausoperieren lassen, wenn das denn möglich gewesen wäre.

Er war bereits weg, in der Dusche entdeckte sie jedoch ein langes schwarzes Haar.

Ich weiß, übel, oder? Ich hatte euch ja gewarnt.

Oh, und es kommt noch schlimmer. Denkt mal an etwas Bedauernswertes, was ihr irgendwann in einer wilden Partynacht angestellt habt, und multipliziert es mit einer Million.

Kerensa kehrte mit einer kichernden, nur leicht katergeschädigten Selina nach Hause zurück, die das alles zum Schreien fand. Sie war aber offenbar auch geistesgegenwärtig genug gewesen, selbst immer schön viel Wasser zu trinken, so eine Art von Freundin war die nämlich. Jedenfalls erkannte Kerensa dann, dass Polly ein furchtbar schlechtes Gewissen gehabt haben musste, weil sie sich nicht um ihre Freundin gekümmert hatte. Deshalb hatte sie Reuben angerufen und ihm quasi befohlen, nach Hause zu fliegen und nett zu seiner Frau zu sein.

Also hatte Reuben seine Termine in San Francisco verschoben, sich auf den Rückweg gemacht und im Duty-Free-Shop jedes einzelne Parfüm gekauft, weil er nicht mehr wusste, welches seiner Frau gefiel. Nun marschierte er ins Haus, wo eine unglückliche Kerensa sich den ganzen Morgen übergeben hatte und mit einer Mischung aus Katerstimmung und schlechtem Gewissen die Kacheln im Badezimmer entlanggekrochen war. Er zog Kerensa in seine Arme, schwor ihr seine unsterbliche Liebe und versuchte dann, sie dramatisch die Treppe hinaufzutragen. Das klappte allerdings nicht, weil er die ganze Nacht im Flugzeug gesessen hatte und weil Kerensa nicht nur fünf Zentimeter größer war als er, sondern auch gerade am liebsten gestorben wäre. Aber sie taten zusammen trotzdem ihr Bestes, während die frühe Aprilsonne durch die riesigen, vom Fußboden bis zur Decke reichenden Fenster in ihr weitläufiges, kreisrundes Schlafzimmer fiel auf ihr groteskes/spektakuläres Bett (bitte je nach persönlicher Vorliebe streichen). Und danach nahm Reuben Kerensa während der nächsten sechs Monate überallhin mit.

 

Das war also diese furchtbare Sache, die im April passiert ist. Und wenn das hier ein Film wäre, dann würde an dieser Stelle zu unheilvoller Musik der Vorspann beginnen …

Polly versüßt Euch das Leben

Was wäre eine Bäckerei am Strandweg ohne die passenden Rezepte. Viele leckere Rezepte findet Ihr jeweils am Ende der Bücher um die kleine Bäckerei - einige möchten wir Euch auf dieser Seite vorstellen:

Zitronenposset

Mein Vater ist ein guter Koch und lässt sich als solcher einmal im Jahr versteigern, um Geld für seinen Ruderclub reinzubringen. Da er bei dieser Gelegenheit allerdings auch mit dem Alkohol ziemlich freigiebig ist, bin ich mir nicht so sicher, ob die Leute am Schluss überhaupt noch groß auf das Essen achten! Hier kommt auf jeden Fall mein Lieblingsnachtisch von ihm.


Für vier Portionen

Ihr müsst diesen Pudding ein paarmal ausprobieren, bis ihr wisst, wie süß ihr ihn gern mögt. Ich hab beim letzten Mal eine Spur zu viel genommen. (Übrigens ist das mein Dad, der hier in Klammern spricht. Geht einfach davon aus, dass ich das genauso sehe. Dabei finde ich den Pudding eigentlich jedes Mal, wenn er ihn macht, einfach nur lecker.)

300 g Crème Double
1 gestr. EL extrafeiner Streuzucker
Saft einer Zitrone
Beerenfrüchte nach Belieben
(Erdbeeren sind super, Him- und Brombeeren aber auch)
Brauner Zucker

Die Crème Double in einen Topf gießen und bei mittlerer Hitze auf den Herd stellen. Den extrafeinen Zucker hinzugeben und aufkochen, drei Minuten köcheln lassen und dabei gelegentlich umrühren. Vom Herd nehmen und etwa eine Minute abkühlen lassen, dann den Zitronensaft einrühren.

(Ich bereite normalerweise diese kleinen weißen Schälchen vor, in denen ich das auch dir serviert habe, Jen [ er meint diese geriffelten Auflaufförmchen ], und bedecke den Boden mit klein geschnittenen Beeren, bevor ich die Masse darübergebe.)

Die Schälchen dann in den Kühlschrank stellen, bis der Pudding fest geworden ist. Normalerweise reicht dafür eine Stunde, man kann das Ganze aber auch einen Tag im Voraus zubereiten.
Zum Servieren braunen Zucker darüberstreuen und flambieren. Mit frischen Beeren garnieren und mit Eis servieren!

Danke, Dad!


Die Allerbeste Heiße Schokolade

Anmerkung: Nehmt lieber nicht ZU VIEL Sahne, sonst wird das Ganze eher ein Pudding. Die Schokolade müsst ihr immer schön im Auge behalten. Wenn die beim Schmelzen mehr als nur leicht köchelt, ist die Sache auch schon gelaufen.

1 Tafel Milchschokolade (Die Marke überlasse ich euch.)
½ Tafel dunkle Schokolade (Da könnt ihr ruhig was richtig Edles nehmen. Wenn ihr zum Beispiel auf diese Schokolade mit Chili steht, dann nehmt doch die, da verurteile ich wirklich niemanden.)
Brandy oder Cointreau (nach Wunsch)
750 ml Vollmilchein Klecks fettreduzierte KochsahneIngwer oder Zimt zum Abschmecken
2 TL Vanillezucker (nach Wunsch)

Die Schokolade GANZ, GANZ langsam auf kleiner Flamme erhitzen. Falls bei der Zubereitung auch der Nachwuchs beteiligt ist, dann müsste er in diesem Zeitraum anderweitig abgelenkt werden. Falls nicht, gehört an dieser Stelle ein Schlückchen Brandy oder Cointreau eigentlich dazu.

Wenn die Schokolade geschmolzen ist, bis zu 750 ml Vollmilch zugeben – je nach gewünschter Konsistenz – und dann noch einen Klecks Kochsahne. Das Ganze soll schön andicken, aber nicht wie ein Nachtisch aussehen.

Manche Leute nehmen auch noch ein oder zwei Löffel Zucker oder Vanillezucker, das überlasse ich ganz euch. Ich mach’s auf jeden Fall. Vorsichtig mit einem Schneebesen umrühren.

Pollys Tipp: Als Krönung noch eine Handvoll Marshmallows in die heiße Schokolade geben. Ich bevprzuge die kleinen, weil ich dann das Gefühl habe, mehr davon zu haben. Und dann - ah - in kleinen Schlücken genießen, am besten mit diesem Buch in der Hand.


Brötchen wie Neil sie liebt

Backt doch am besten auch die Brötchen für eure Sandwiches selbst! Papageientaucher Neil ist ganz verrückt nach Pollys frischen Brötchen — sie gehen total einfach:


500 g Mehl
warmes Wasser
1 Beutelchen Trockenhefe
2 EL Zucker
2 EL Öl
1 Prise Salz

Wasser, Hefe und Zucker mischen und etwa fünf Minuten stehen lassen. Danach erst Öl und Salz, dann nach und nach das Mehl dazugeben, bis sich alles zu einem schönen Teig zusammenfügt.

Diesen auf einer bemehlten Arbeitsfläche von Hand kneten, bis er ganz glatt ist, und den Teigbatzen in eine mit Öl ausgepinselte Schüssel geben. Mit einem Trockentuch abdecken und an einem warmen Ort eine Stunde gehen lassen.


Danach den Teig in 16 Portionen teilen und diese zu Kugeln rollen. Die Kugeln auf ein Backblech legen (da sie noch etwas wachsen, sollte man dazwischen genügend Platz lassen). Dann noch einmal eine Dreiviertelstunde gehen lassen.
Bei 200 °C 15–20 Minuten backen, bis sie goldbraun sind!


Kommentare

1. Gute Idee
Linny am 08.07.2017

Hallo,
Das Rezept werde ich ausprobieren. Und meinen Schatz damit am Sonntag überraschen.
Danke,
Gruß Linny

2. Genial
Claudia Schulte am 09.06.2018

Das ist ein einfaches Rezept. Das werde ich nächstes Wochenende gleich ausprobieren.

3. Herr
Martin Menke am 11.06.2018

Ich würde mich freuen, wenn mich einer so bekocht!

4. Rezept für Bannocks
Petra Radtke am 14.06.2018

Das Rezept würde ich gern mal ausprobieren, klingt sehr lecker. Leider fehlt bei den Zutaten die Angabe der Menge des Zuckers.

5. Zucker
Piper-Team am 15.06.2018

Den Zucker für die süße Variante der Bannocks haben wir ergänzt!

Liebe Grüße und viel Spaß beim Nachkochen!
Euer Piper-Team

6. Feine Idee
Micha am 17.07.2018

Das wäre fein und würde ich gleich ausprobieren .

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