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Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen (Happy-Ever-After-Reihe 3)Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen (Happy-Ever-After-Reihe 3)

Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen (Happy-Ever-After-Reihe 3)

Jenny Colgan
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Roman

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Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen (Happy-Ever-After-Reihe 3) — Inhalt

Der perfekte Feelgood-Roman für den Sommer – entdecken Sie Schottland von einer ganz neuen Seite!

Nehmen Sie sich eine romantische Auszeit: Der Bestseller „Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen“ nimmt Sie mit auf eine bewegende Reise in die schottischen Highlands.

Nachdem sie den dramatischen Verlust eines Patienten miterleben musste, leidet die Krankenschwester Lissa unter posttraumatischem Stress. Sie benötigt dringend eine Pause. Kurzerhand tauscht sie ihr Leben, ihre Stelle und ihre Wohnung für drei Monate mit dem Krankenpfleger Cormac. Der Ex-Soldat zieht nach London, während sich Lissa in das schottische Hochland begibt. Über E-Mails bleiben die beiden in Kontakt, zunächst rein beruflich, um sich über ihre Patienten auszutauschen, doch nach und nach entsteht daraus erst Freundschaft und später vielleicht sogar mehr …

„Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen“ ist eine Geschichte über Trauma, Heilung, Neuanfänge und Liebe – eingebettet in eine wildromantische Landschaft.

Der 3. Band der Wohlfühlreihe entführt Sie in die schottischen Highlands

Begeben Sie sich auf eine Reise in die atemberaubende Landschaft Schottlands. Lassen Sie sich von der liebenswerten Heldin inspirieren, denn „Colgans Roman ist super für alle Frauen, die von Veränderung träumen.“ (buchszene.de)

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.03.2021
Übersetzt von: Sonja Hagemann
512 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31662-0
Download Cover
€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 01.03.2021
Übersetzt von: Sonja Hagemann
592 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99877-2
Download Cover

Leseprobe zu „Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen (Happy-Ever-After-Reihe 3)“

Teil 1


Kapitel 1

Alles hätte eigentlich mit unheilvollen schwarzen Krähen beginnen sollen, mit viel Raunen und Flattern, bösen Vorzeichen am Himmel, heranziehenden riesigen, dunklen Sturmwolken und Uhren, die dreizehn Mal schlagen.
Tatsächlich aber stand am Anfang ein ziemlich würdeloser Streit mit einer alten Dame über eine Tafel Schokolade.
„Aber Sie halten doch da eine Tafel Dairy Milk in der Hand!“
Mit ihrer massigen Gestalt saß Mrs Marks auf dem rissigen braunen Ledersofa und blickte finster auf. „Tu ich nicht!“
„Hinter Ihrem Rücken!“
Wie ein kleines Kind [...]

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Teil 1


Kapitel 1

Alles hätte eigentlich mit unheilvollen schwarzen Krähen beginnen sollen, mit viel Raunen und Flattern, bösen Vorzeichen am Himmel, heranziehenden riesigen, dunklen Sturmwolken und Uhren, die dreizehn Mal schlagen.
Tatsächlich aber stand am Anfang ein ziemlich würdeloser Streit mit einer alten Dame über eine Tafel Schokolade.
„Aber Sie halten doch da eine Tafel Dairy Milk in der Hand!“
Mit ihrer massigen Gestalt saß Mrs Marks auf dem rissigen braunen Ledersofa und blickte finster auf. „Tu ich nicht!“
„Hinter Ihrem Rücken!“
Wie ein kleines Kind weigerte sie sich, ihre Hand zu zeigen, und schüttelte bloß aufsässig den Kopf.
Lissa Westcott stellte die Tasche ab, in die sie gerade die medizinische Ausrüstung gepackt hatte, und kehrte entnervt in die Mitte des Raumes zurück. „Sie haben gedacht, ich wäre schon weg. Und sobald ich Ihrer Meinung nach zur Tür hinaus war, haben Sie sich auf Ihre versteckte Tafel gestürzt!“
Mrs Marks fixierte sie mit winzigen Äuglein. „Ja, was zum Teufel sind Sie denn, die verdammte Schokoladenpolizei?“
„Nein. Ja!“, rief Lissa verzweifelt. Sie streckte die Hand aus.
Endlich gab Mrs Marks die Schokolade her, bei der es sich in Wirklichkeit um eine Tafel Bournville handelte.
„Da!“, sagte Mrs Marks verächtlich.
Lissa sah sie an.
Die alte Mrs Marks lebte im vierzehnten Stock eines Mietshauses in Südlondon, in dem die Aufzüge oft nicht funktionierten. Ihr Fuß fiel langsam dem Diabetes zum Opfer, und Lissa gab hier ihr Bestes, um ihn zu retten.
Sie ließ den Blick durch die schäbige, überladene und mit staubigen Plastikblumen dekorierte Wohnung wandern und betrachtete dann die wundervolle Aussicht über den Fluss hinweg gen Norden. Die hohen Gebäude der City glänzten in der Sonne, hell und zauberhaft, sauber und voller Geld, wie eine weitläufige, glitzernde Palastanlage. Obwohl nur gut drei Kilometer entfernt, lag diese Welt außerhalb jeder Reichweite.
„Wir haben gerade erst zwanzig Minuten lang über Ihre Ernährung gesprochen!“, sagte Lissa zu der armen Frau, die praktisch an ihre Wohnung gefesselt war und nur von ihrer Tochter Besuch bekam. Beim Verzehr einer großen Tafel Schokolade EastEnders zu gucken, war eine der wenigen ihr noch verbliebenen Freuden des Lebens. Aber es war eben nicht gut für sie.
„Ich will hier nicht eines Tages reinkommen und Sie im Koma vorfinden“, sagte Lissa so streng, wie sie es wagte.
Mrs Marks lachte nur. „Oh, machen Sie sich um 
mich mal keine Sorgen, Schätzchen. Was kommt, das kommt.“
„So funktioniert Gesundheitsvorsorge aber nicht!“, empörte sich Lissa und warf einen Blick auf die Uhr. In zwanzig Minuten musste sie in Peckham sein. In London Auto zu fahren, war absoluter Wahnsinn, aber sie hatte leider keine Wahl, da sie mit ihrer Medikamententasche nicht die U-Bahn nehmen konnte.
Lissa war Krankenschwester und arbeitete in der häuslichen Pflege, wobei sie sich um aus dem Krankenhaus entlassene Patienten kümmerte. Damit wollte man verhindern, Menschen, die die Ambulanz nicht problemlos aufsuchen konnten, bald wieder in der Klinik aufnehmen zu müssen. Lissa selbst drückte es in ihren zynischsten Momenten anders aus: Ihr Job bestand zur einen Hälfte aus dem, was einst Gemeindeschwestern übernommen hatten, als es dafür noch ein Budget gab, und zur Hälfte aus dem, was Hausärzte früher gemacht hatten, als sie sich noch zu Hausbesuchen herabgelassen hatten. Lissa war ursprünglich zur Notfallschwester ausgebildet worden und liebte ihre jetzige Arbeit – bei der sie es mit weitaus weniger Betrunkenen und ihrem Erbrochenen zu tun hatte als in der Unfallambulanz –, vor allem, wenn dabei Schokolade für sie abfiel.
Allerdings waren bei Mrs Marks die Aussichten nicht sehr rosig.
„Sie sind ja auch nicht gerade eine Nymphe“, knurrte die Patientin jetzt.
„Sie reden wie meine Mum“, beschwerte sich Lissa. Sie hatte die kurvige Figur ihrer Mutter geerbt, was bei dieser abwechselnd zu stillschweigender oder wortreich zum Ausdruck gebrachter Missbilligung führte.
„Na, dann nehmen Sie sie schon mit“, sagte Mrs Marks widerwillig.
Lissa verzog das Gesicht. „Ich hasse Zartbitter“, stöhnte sie. Trotzdem griff sie danach. „Bitte“, sagte sie noch einmal. „Bitte. Ich fände es ganz furchtbar, wenn Sie wieder ins Krankenhaus müssten. Beim nächsten Mal verlieren Sie den Fuß vielleicht. Im Ernst.“
Als Antwort seufzte Mrs Marks und machte eine Geste, die die ganze dreiteilige braune Couchgarnitur mit einschloss.
Lissa schob die Hand hinter die Kissen und fand hinter jedem einzelnen Schokolade. „Die spende ich einer Tafel“, erklärte sie. „Soll ich sie Ihnen abkaufen?“
Mrs Marks winkte ab. „Nein. Aber wenn ich wieder in dieser Klinik lande, mache ich Sie dafür verantwortlich.“
„Abgemacht“, sagte Lissa.

Es war kühl für Anfang März, doch jenseits der dünnen Smogschicht schien die Sonne. Als Lissa das Gebäude verließ, konnte sie spüren, dass irgendwo am Horizont langsam der Frühling näher rückte. Wie jedes Mal hoffte sie inständig, der Aufkleber mit dem Hinweis „Medizinisches Personal“ an ihrem Auto war in der Zwischenzeit unbemerkt geblieben und der Wagen nicht von jemandem auf der Suche nach Medikamenten aufgebrochen worden. Sie dachte auch über das neue koreanische Grillrestaurant nach, in dem sie später mit ein paar Freunden verabredet war. Auf Instagram sah es zwar super aus, das musste aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein – eher im Gegenteil, wenn es bloß voll von Leuten war, die kaltes Essen fotografierten.
Lissa bemerkte ein paar junge Kerle, die vor dem Gebäude herumlungerten, was nichts Ungewöhnliches war. Bei manchen Jugendlichen konnte man nur schwer sagen, ob sie nicht eigentlich in die Schule gehörten – die waren heutzutage oft so groß.
Mit dem angeborenen Instinkt einer Großstadtbewohnerin taxierte Lissa die Jungen aus dem Augenwinkel, um zu sehen, ob sie wohl gefährlich waren oder ob da vielleicht etwas eskalieren könnte. Da Lissa beruflich oft mit den Folgen zu tun hatte, waren ihre Sinne für Ärger geschärft.
Wegen Situationen wie dieser verbarg sie ihre Ringellöckchen meistens unter einem Tuch oder band sie zu einem festen Zopf zusammen. Nun senkte sie den Blick und lief einfach weiter. Sie war unglaublich dankbar dafür, dass ihre unvorteilhafte grüne Uniformhose sie praktisch unsichtbar machte.
Aber diese Typen hatten sowieso kein Interesse an 
ihr, da sie völlig mit sich selbst beschäftigt waren. Es war nur das übliche Gekabbel unter Teenagern, die prahlten und sich eitel wie Pfauen in die Brust warfen. Verschiedene Hautfarben, dünne kleine Bärtchen und Schnäuzer, schlaksige Beine und zu spitze Ellbogen, großzügig versprühtes Lynx Africa und Turnschuhe so groß wie Lastkähne. In gewisser Weise war es beinahe niedlich, wie sie versuchten, sich als echte Männer auszugeben. Aber die Burschen waren auch ein wenig einschüchternd, und Lissa wollte bereits einen großen Bogen um sie machen, da erkannte sie einen unter ihnen wieder. Ein wenig gequält verzog sie das Gesicht. Es war einer von Ezras Cousins.
Ezra, der gut aussehende Ezra, dessen anmutiger Körper und dessen schönes Gesicht ihn unwiderstehlich machten, wenn er sich denn mal meldete. Leider war Ezra sich dessen nur zu bewusst und hielt es für seine Pflicht, sich gerecht über ganz Südlondon zu verteilen.
Nie wieder!, schwor sich Lissa jedes Mal, wenn sie von ihm geghostet wurde. Doch dieses Versprechen konnte sie genauso wenig halten, wie sie die Finger von Mrs Marks Schokolade lassen würde.
Ezra hatte Lissa nie seiner Familie vorgestellt, aber bei einem gemeinsamen Frühstückseinkauf auf dem Brixton Market hatte Lissa durch Zufall Kai kennengelernt. Der war ein cleverer, frecher Fünfzehnjähriger und hätte jetzt eigentlich in der Schule sein sollen, wie Lissa mit einem Seufzen dachte. Doch das erwähnte sie wohl besser nicht.
„Kai!“ Sie hob die Hand.
Er drehte sich zu ihr um, und ein Grinsen legte sich über sein Gesicht, als er sie erkannte. Genau in dem Augenblick heulte wie aus heiterem Himmel ein Motor auf.


Kapitel 2

Etwa neunhundert Kilometer weiter nordwestlich fegte in dem kleinen Ort Kirrinfief am Ufer von Loch Ness ein kühler Märzwind übers Wasser und zauberte weiße Schaumkrönchen auf die Wellen. An den Gipfeln der lilafarbenen Berge blieben schwere Wolken hängen.
Cormac MacPherson, der ambulante Krankenpfleger vor Ort, schaute auf die Uhr. Die Dorfärztin, Dr. Joan Davenport, musste sich heute auf der anderen Seite des Moores um einen Zwerchfellbruch kümmern. Bei einem Menschen, nahm Cormac mal an, obwohl man das bei Joan nie wusste. Die Ärztin war für gewöhnlich von einem Rudel Drahthaar-Foxterrier umgeben, wo sie auch ging und stand.
Jedenfalls hatte sich Cormac von Sanitäter Jake dazu überreden lassen, ihn bei der Sterbebegleitung einer sehr alten Dame zu unterstützen.
Jake wusste, dass Cormac nicht Nein sagen konnte, wenn jemand Hilfe brauchte, und nutzte seine Weichherzigkeit ordentlich aus.
Die ganze Familie war zusammengekommen und hatte dafür gesorgt, dass Edie es in ihrem kleinen Häuschen und in demselben Bett, in dem sie neunzig Jahre zuvor zur Welt gekommen war, bis zum Schluss so bequem wie möglich hatte. Soweit man das in so einer Situation sagen konnte, hatte sie es gut gehabt.
Und jetzt machten sich die beiden auf den Weg zu einem wohlverdienten Bierchen.
„Nicht die schlechteste Art zu gehen“, sinnierte Jake, als sie über das Kopfsteinpflaster schritten.
„Hm“, machte Cormac und warf einen Blick auf sein Handy.
„Ist das schon wieder Emer?“ Jake reckte den Hals.
„Oh, verdammt, sie ist bei mir zu Hause und wollte mich mit einem Abendessen überraschen.“
„Wie gruselig.“
„Das ist gar nicht gruselig“, protestierte Cormac wenig überzeugend. „Ich find das süß.“
„Sie weiß doch, dass du ständig zu Notfällen gerufen wirst.“
„Ich hab ihr vorher gesagt, dass ich heute keine Bereitschaft habe.“
„Na egal“, sagte Jake, dem das Ganze nicht im Geringsten unangenehm war. „Aber dann kannst du doch jetzt trotzdem erst mal dein Bier trinken.“
Cormac schüttelte den Kopf, als plötzlich neben ihnen eine Haustür aufging. Bei diesen kleinen Reihenhäusern lag direkt dahinter das Wohnzimmer.
„Jake! Cormac!“, rief eine Stimme sie leise. „Ich möchte ungern …“
„… Frau Doktor damit belästigen“, führte Jake den Satz zu Ende. „Ja, ja, wissen wir.“


Kapitel 3

Lissa hörte etwas, was wie ein beschleunigendes Auto klang. Zunächst ignorierte sie es, dann aber wurde ihr bewusst, dass es nicht langsamer, sondern nur noch schneller wurde, als es um die Ecke bog und in die Siedlung einfuhr. Instinktiv wandte sie sich zu ihrem eigenen Wagen hin, um sich zu vergewissern, dass er nicht gerammt wurde.
Als sie sich wieder zu den Teenagern umdrehte, ertönte laut ein quietschendes Heulen, während das Fahrzeug auf den Bordstein fuhr – ganz bewusst auf den Bürgersteig fuhr –, und dann … Das Einzige, was Lissa in diesem Moment wahrnahm, war das Aufblitzen eines Handys. Es flog durch die Luft, rotierte dabei ganz langsam und reflektierte das Licht, was beinahe hübsch aussah …
Danach geschah alles ganz schnell, als sich eine grauenhaft verzerrte Gestalt drehte und mit einem dumpfen, platschenden, unerträglichen Laut aufschlug, der hinter ihrer Stirn widerhallte. Etwas Unvorstellbares war dem Handy gefolgt, und die Räder des Autos bewegten sich immer noch, drehten fast durch, während der riesige, unbegreifliche Umriss mit einem knackenden Geräusch auf dem Boden aufkam und verdreht, deformiert liegen blieb.
Lissa konnte nicht glauben, was sie da vor sich hatte – das konnte, durfte doch nicht Kai sein! Sie blickte auf und starrte dem Fahrer des Wagens direkt ins Gesicht, der den Motor aufheulen ließ, während sich seine Lippen zu einer Art Knurren oder Grinsen oder etwas in der Art verzogen. Was genau, konnte Lissa in diesem Moment des Nichtbegreifens, der Panik, überhaupt nicht erfassen. Sie hörte etwas, das wie „Haltet euch von Leaf Field fern!“ klang, dann sauste das Auto davon.

Einen Moment herrschte Stille, bevor das Geschrei losging – ungläubig, wütend.
Plötzlich spürte Lissa, dass sie sich wie von selbst in Bewegung setzte und antrainierte Mechanismen übernahmen und sie zum Handeln antrieben. „Ich bin Krankenschwester. Geht bitte zur Seite – ich kann helfen.“
Sie hatte damit gerechnet, sich einen Weg bahnen zu müssen, doch die anderen Jugendlichen fingen an zu brüllen, stoben auseinander und rannten schreiend dem Auto hinterher.
„Wählt den Notruf!“, rief Lissa, während sie sich hinkniete, um Kai zu untersuchen. Dann zog sie selbst ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte keine Ahnung, ob die Jungen das Auto einholen würden, und befürchtete, dass womöglich noch jemand überfahren werden würde. Da nur eine Straße aus der Siedlung hinausführte, würde der Wagen irgendwo wenden müssen. Aber sie musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren.
Sie starrte den Jungen am Boden an, dessen Kopf seitlich das Pflaster berührte. Im Rinnstein lagen Zigarettenstummel.

„Kannst du mich hören? Kannst du mich hören, mein Schatz?“
Lissa konnte einfach nicht fassen, wie wunderschön und jung er war. Als ob das entscheidend wäre, darum ging es doch gerade gar nicht. Aber als sie sich über ihn beugte und ihn fieberhaft zu retten versuchte, als sie endlich, endlich die verzweifelt herbeigesehnten Sirenen hörte, kam sie nicht über die herzergreifende Schönheit der jungen, weichen Haut hinweg, die Rundung seines Nackens, das dunkle Haar. Er war doch noch ein Kind! Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, wie die Familie es wohl aufnehmen würde. Lissa verfluchte sich selbst, weil ihre beste Freundin Ezras Nummer vorsichtshalber aus ihrem Handy gelöscht hatte. So konnte sie ihn nicht einmal anrufen.
Selbst als der Krankenwagen eintraf, hörte Lissa nicht mit ihren Wiederbelebungsversuchen auf. Immer wieder presste sie die Handballen auf Kais Brust, während die Sanitäter sich neben sie knieten, das Oxymeter anschlossen und eine Adrenalinspritze vorbereiteten, um sie ihm ins Herz zu stoßen.
Lissa kannte die Kollegen vom Rettungsdienst; sie vertrauten ihr und nahmen sie ins Krankenhaus mit. Während Ashkan hinten mit ihr zusammenarbeitete, fuhr Kerry wie der Teufel. Das Blaulicht flackerte über den Verkehr hinweg. Londons erdrückend überfüllte Straßen waren verstopft, viel zu voll mit Lkw, Lieferwagen, Taxis und Motorrädern. Alles war so knapp und eng, dass man kaum an die Seite fahren konnte, um einen Krankenwagen vorbeizulassen.
Plötzlich krümmte sich der Körper und bäumte sich auf, während Ashkan „Clear!“ rief. Lissa machte instinktiv einen Satz nach hinten. Dabei fragte sie sich, ob die Polizistin am Tatort inzwischen wohl mit der ermüdenden Aufgabe begonnen hatte, Kais Identität herauszufinden, und mit der unerträglichen Pflicht, seine Familie zu benachrichtigen.
Um nicht weiter nachzudenken, überließ Lissa sich wieder dem antrainierten Automatismus. Ganz mechanisch schob sie dem Jungen erneut die Sauerstoffmaske über die blauen Lippen, spritzte ihm noch einmal Adrenalin und hängte eine weitere Blutkonserve ein.
Sie hofften alle verzweifelt, dass er bis zum Eintreffen in der Notaufnahme durchhielt. Abgesehen von den üblichen kurzen Kommandos, sprachen sie bei ihrer Arbeit kein Wort, während sie versuchten, mehr Blut in ihn hineinzubekommen, als aus seinem Körper herausströmte.
Selbst mit den modernsten Maschinen der Welt waren Wiederbelebungsversuche nur selten erfolgreich. Im Fernsehen wurde den Leuten gern eine wundersame Rückkehr vom Tod gezeigt. So mussten die Zuschauer nicht mit ansehen, wie Blut im selben Tempo zugeführt und wieder verloren wurde, wie auch bei der x-ten Überprüfung die Pupillen nicht reagierten, wie ein junger Körper durch die Stimulation künstlich zuckte. Sie mussten nicht miterleben, was für ein einziges grauenhaftes Chaos das war, wenn Kommandos gebellt wurden und man immer wieder checkte, ob der Patient endlich selbstständig atmete.
Der Krankenwagen bahnte sich schwankend und kreischend seinen Weg durch den Londoner Stoßverkehr, nur ein kleines Teilchen im großen Puzzle aus heulenden Sirenen, Hubschraubern, Tod, Schmerz und Blut.
„Die Ärzte werden ihn für tot erklären“, prophezeite Ashkan bei einem Blick auf seine Uhr.
„Das dürfen sie nicht!“, entfuhr es Lissa.
Ashkan fluchte. Wie sinnlos das war, anscheinend absichtliches Überfahren mit Fahrerflucht. Bei einem Kind. Er wandte sich ab, konzentrierte sich kurz auf den Polizeifunk und bekam sogar ein kleines Lächeln hin.
„Sie haben ihn“, versetzte er grimmig. „Die anderen Jugendlichen haben sich auf das Auto gestürzt und es nicht wegfahren lassen. Es muss wohl wie ein Zombieangriff gewirkt haben, sie haben sogar die Scheiben eingeschlagen.“
Lissa bekam das alles gar nicht mit. „Mach weiter! Mehr Blut! Jetzt!“, drängte sie heftig und hängte sich noch einmal richtig rein. Am Ohr des Jungen zischte sie: „Na los, Kai! Komm zu dir! KOMM ZU DIR!“

Als sie das Guy’s Hospital erreichten, sprangen durch die augenblicklich aufgerissenen Türen zwei Träger und ein Notarzt herein.
„Zur Seite“, sagte der junge Arzt, der aussah, als sei er ungefähr neun.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, antwortete Lissa vehement, während sie die Sauerstoffmaske wieder zurechtrückte, Kai in die Augen leuchtete und nach einem Lebenszeichen suchte.
„Doch, sind Sie“, entgegnete der Arzt. „Lassen Sie mich jetzt ran.“
„Ich kann das machen!“, rief Lissa.
Sein Gesicht. Sein schönes Gesicht. Er war doch ein Kind, ein schlafendes Kind, noch immer warm – Oder lag das nur an ihnen? –, das doch nur schlief, träumte, seine Hausaufgaben verbummelte und auf eine Karriere als Fußballer oder Rockstar hoffte.
„Aus dem Weg!“
„ICH KANN DAS MACHEN!“ Lissa merkte gar nicht, wie laut sie kreischte, ihr war nicht klar, dass alle innehielten und sie anstarrten. Mit besorgter Miene zog Ashkan sie zur Seite.
Der Assistenzarzt ignorierte sie und wollte sich an ihr vorbeischieben. „Machen Sie Platz!“
„Ich will doch nur …“
Krankenschwestern widersetzten sich den Anweisungen von Ärzten nicht, das war schlicht unerhört. Selbst wenn dieser Arzt hier so aussah, als hätte er sich den Schnurrbart heute Morgen mit Filzstift aufgemalt.
„Weg jetzt!“
Aber das ging nicht. Lissa stand da, als hätte sie keine Ahnung, wo sie sich hier befand, streckte hilflos die Arme aus und murmelte „Kai … Kai …“ vor sich hin. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, selbst dann nicht, als der Arzt auf die Uhr schaute und den Kopf schüttelte, als das Blut nicht länger auf den Boden tropfte, sondern zu klumpen und gerinnen begann. Seine letzte Verbindung zum Leben war sie.
„Ich will doch nur … noch ein einziges Mal …“
„Bringt sie hier weg“, murmelte der junge Arzt, während die Träger versuchten, den Körper auf die Rolltrage zu hieven.
Weitere Sanitäter erschienen, die Lissa trotz ihres Schockzustands erkannte.
„Sind Angehörige anwesend?“, rief einer von ihnen, und Lissa beobachtete entsetzt das zügige und unpersönliche Vorgehen des Transplantationsteams.
„Er ist ja noch nicht einmal tot, ihr Geier!“, hörte sie sich schreien.
In diesem Moment kam Bewegung in Ashkan, und er zerrte sie mit aller Kraft aus dem Krankenwagen, während sie sich ihm fluchend zu entziehen versuchte.
„Er ist noch nicht einmal …“
„Ich erkläre ihn für tot“, sagte der Arzt. „Bringt ihn in die Intensivüberwachungspflege.“
Dort wurden mögliche Organspender in einem Stadium zwischen Leben und Tod gehalten, gerade lange genug, um die nötigen Unterschriften zu beschaffen. Es wurde gebeten und gebettelt, damit ein Leben nicht umsonst sein Ende gefunden hatte.
„18:38“, sagte der Arzt. „Können wir schnell machen?“ Seine Stimme klang so furchtbar, furchtbar müde. „Es kommt ein Unfall mit Fahrerflucht rein.“
Lissa brach auf dem feuchten Asphalt zusammen und ließ unter heftigem Schluchzen die Tränen laufen. Dabei war das hier eigentlich ihre Branche. Sie hatte genau dies vier Jahre lang gemacht, war mit Autounfällen und Morden konfrontiert gewesen, mit den grauenhaftesten Dingen, die man sich nur vorstellen konnte.
Aber das hier war ein Junge, den sie kannte, der Kai hieß und der an einem ganz normalen Dienstag um halb sieben abends gestorben war. Und sie zerbrach daran.


Kapitel 4

Ashkan versuchte ein weiteres Mal, sie hier wegzubringen.
„Mann“, zischte er ihr leise zu, „jetzt setz dich in Bewegung, sonst bringen die dich noch in die Gummizelle.“
Die Leute vom Londoner Ambulanzdienst hatten nur wenig für Gesundheitspflege und Therapieeinheiten übrig. Die Sanitäter sahen sich selbst als eine Bande von Vogelfreien, als Piraten, die bei ihren Rettungsaktionen grölend die Straße entlangsausten.
Wenn sie plötzlich wie alle anderen Penner weichherzig werden würden, na ja, wozu waren sie dann noch gut? Irgendjemand musste die Leute doch vom Asphalt kratzen, irgendjemand musste die Stellung halten. Wenn man jetzt anfing, rumzuheulen und Therapie zu brauchen und Körbe zu flechten, na ja, dann war damit doch keinem gedient. Niemand bestritt, dass es ein harter Job war, aber genau darum ging es doch. So einen engen Zusammenhalt wie zwischen Sanitätern gab es sonst selten.
Lissa schaffte es nicht einmal, aufzustehen, obwohl ihr Regen – Seit wann fiel der denn? – in den Kragen der schweren, grünen Jacke lief.
„Alles in Ordnung?“, fragte Dev, der Stationsleiter, und kam zu ihr herüber, das freundliche Gesicht besorgt. Die Brille hatte er sich auf den kahlen Schädel geschoben – normalerweise baumelte sie immer um seinen Hals, steckte in seiner Tasche oder sonst irgendwo, wo er sie nicht finden würde, wenn er sie brauchte.
„Alles okay!“, behauptete Ashkan heiter.
Lissa war sich der Anwesenheit der beiden Männer zwar bewusst, nahm sie wahr, so richtig präsent war sie aber nicht. Sie konnte sich nicht darauf konzentrieren, was sie sie fragten oder warum sie selbst eigentlich auf dem nassen Asphalt saß. Es kam ihr vor, als wäre ihr Körper von ihr losgelöst, als befände sie selbst sich irgendwo anders und als würde das alles ohne sie stattfinden. Die Person, die da auf dem feuchten Boden hockte, schien gar nichts mit ihr zu tun zu haben.
Dev blickte sie voller Sorge an. „Lissa? Warst du bei dem Unfall etwa dabei?“
„Sie kannte den Jungen“, erklärte Ashkan. „Wirklich Pech, es war ein ziemlicher Schock.“
Lissa konnte noch nicht einmal nicken. Irgendwann nahmen Polizisten sie beiseite, damit sie ihre Aussage machte, was sie auch mechanisch tat.
Ashkan wartete auf sie, obwohl seine Schicht bereits zu Ende war. „Na komm“, sagte er sanft. „Wir besorgen dir erst mal einen Tee.“
Er schob sie in Richtung Kantine, und Lissa ließ sich einfach von ihm führen. Ihre Beine schienen sich ohne ihr Zutun zu bewegen, als würden sie zu jemand anders gehören.
Zu dieser späten Stunde war in der Kantine im Erdgeschoss nur wenig los. Bereitschaftsärzte behielten ihre Handys und Piepser im Auge, und ein armer Kerl schlief tief und fest neben einer Topfpflanze. Sein Kopf ruhte in einer Position, die ziemlich unbequem wirkte, auf einer Trennwand aus Korbgeflecht. Eine Gruppe von Hilfskräften spielte Karten, und die Angehörigen von Patienten saßen nervös herum, als seien sie nicht sicher, ob sie hier richtig waren. Das Personal war längst gegangen, daher gab es inzwischen nur noch Sachen aus dem Automaten und üblen Kaffee in Plastikbechern mit Plastikrührstäbchen.
Ashkan kehrte mit zwei Bechern Tee zurück und stellte beide Lissa hin, dann holte er eine Flasche mit selbst gepresstem Gemüsesaft hervor. Er nahm seine Gesundheit furchtbar ernst und ging am Ende seiner Schicht normalerweise direkt ins Fitnessstudio.
Lissa hatte ihn wegen seiner Eitelkeit früher gern aufgezogen – er verbrachte mehr Zeit mit dem Frisieren seiner glänzenden schwarzen Tolle als sie mit ihren Ringellocken, die bei feuchtem Wetter zu einer Krause wurden. Deshalb hatte Lissa sie in der Notaufnahme meistens zu einem festen Pferdeschwanz zusammengebunden, damit sie aus dem Weg waren. Und je weniger sie durch ihr Aussehen aufgefallen war, desto weniger war sie von Leuten beschimpft worden, die bei ihrer Ankunft dort nicht mehr ganz klar im Kopf gewesen waren.
Lissa griff nach einem Tee und verbrannte sich durch das dünne Plastik des Bechers beinahe die Finger – dass Einwegplastikgegner Ashkan ihn für sie geholt hatte, zeigte deutlich seine große Sorge um sie. All dies nahm Lissa – in gewisser Weise – wie aus weiter Ferne wahr. Zwar war ihr Ashkans Besorgnis bewusst, irgendwie scherte sie das alles aber nicht. Ihr war alles egal. Denn dieser Junge war tot, und nichts mehr schien von Bedeutung; sie kam sich selbst halb tot vor.
Die grellen Neonröhren erinnerten sie ans Fegefeuer, und die regennassen Fenster zeigten nichts weiter als ihr eigenes Spiegelbild.
Ganz kurz fragte sich Lissa, ob sie vielleicht alle in diesem Krankenwagen gestorben waren. Ihr Blick wurde von der Eingangstür angezogen, als in gebeugter Haltung eine Frau hereinkam und verzweifelt die Gesichter der Anwesenden absuchte. Als sie Lissa sah, hielt sie inne.
Sie konnte nicht viel älter als Lissa selbst sein, höchstens in den Dreißigern. Doch als sie zu ihnen herüberkam, wirkte ihr Gesicht so, als hätte sie eine Million Leben hinter sich.


Kapitel 5

Elsie Coudrie erschauderte im kalten Wind und dem von Süden her einfallenden Regen. Sie wickelte sich in ihre Strickjacke. „Cormac, könntest du vielleicht ganz kurz …? Damit ich Frau Doktor nicht anrufen muss.“
Einen Moment herrschte Schweigen.
Dann wandte sich Cormac an Jake. „Na los, geh schon“, sagte er. „Nach Hause finde ich auch allein.“
Jake verzog das Gesicht. „Geht es um Islay?“
Elsie nickte.
„Okay, dann komme ich auch mit“, sagte er mit der resignierten Stimme eines Mannes, dessen Hoffnung auf ein schaumiges Bier und einen kleinen Flirt mit Ginty McGhie gerade zerplatzt war.

Jenny Colgan

Über Jenny Colgan

Biografie

Jenny Colgan studierte an der Universität von Edinburgh und arbeitete sechs Jahre lang im Gesundheitswesen, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit dem Marineingenieur Andrew hat sie drei Kinder, und die Familie lebt etwa die Hälfte des Jahres in Frankreich. Ihre Romane um »Die kleine Bäckerei...

Weitere Titel der Serie „Happy-Ever-After-Reihe“

Drei unabhängig voneinander zu lesende Romane über die Welten, die Bücher eröffnen, über die Magie des Lesens und das Glück, ein Leser zu sein.
Pressestimmen
Berner Zeitung (CH)

„Schottisches Dorf, ein Sommerfest, liebenswerte Figuren, große Herzen: Dieser Roman ist so wohlig, dass man nach wenigen Seiten darin leben möchte. Oder zumindest seine Ferien darin verbringen will.“

StadtRadio Göttingen „Book’s n‘ Rock’s“

„Ein zauberhafter Roman, der Romantik, Bücher und das Thema Organspende leicht und humorvoll miteinander verknüpft.“

duchess_of_marvellous_books

„Eine wundervolle Mischung aus Tragik, tiefe und Unterhaltung.“

Kommentare zum Buch
Jenny Colgan konnte mich auch mit diesem Buch begeistern. Eine tolle Autorin
Lesemaus199 am 08.09.2021

Ich habe die Reihe "Die kleine Bäckerei am Strandweg" verschlungen und geliebt. Nun ist mir aus der "Happy Ever After" Reihe der 3. Teil in die Hände gefallen.   Jenny Colgan entführt uns wieder in das schöne Großbritannien. Zum einen ist der Schauplatz die große, laute Metropole London, zum anderen das ruhige, entlegene Schottland nahe des Loch Ness. Genau diese Gegensätze spiegeln sich auch in den Charakteren von Lissa und Cormac wider. Interessant wird es, als die beiden ihre Wohnungen tauschen um die Arbeit des anderen für 3 Monate zu übernehmen.   Ich tauche immer wieder gerne in die schottischen Highlands mit Jenny Colgan ab. Ihre Charaktere haben Tiefgang, sind bunt gezeichnet und offenbaren ihre Stärken und Schwächen. Daher kann man sich als Leser gut einfühlen und daher auch mitfühlen.       Für mich ist "Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen" von Jenny Colgan ein ganz wunderbares, emotionales Buch, welches einem mit einem guten Gefühl zurücklässt.

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