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Weiße FinsternisWeiße Finsternis

Weiße Finsternis

Roman

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Weiße Finsternis — Inhalt

„Wir waren eins, doch jetzt sind wir drei ...“

Zwei Freunde unterwegs im ewigen Eis, mit ihrem Leben aufeinander angewiesen – Roald Amundsen schickt sie, um Nachrichten von der Maud zu übermitteln. Doch was sie eigentlich verbindet, ist der Wettlauf um Liv, die Frau ihrer Herzen, von der sie glauben, dass sie in Tromsø mit ihren beiden Kindern auf sie wartet.
„Weiße Finsternis“ verwebt hundert Jahre nach Amundsens großer Polarexpedition den historischen Fall der beiden verschollenen Seeleute Peter Tessem und Paul Knutsen mit einer verhängnisvollen Dreiecksbeziehung und der Geschichte einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, zu einem packenden literarischen Abenteuerroman.

Vorab ausgezeichnet mit dem Robert Gernhardt Literaturpreis

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erscheint am 15.03.2021
304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1434-4
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erscheint am 15.03.2021
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-8022-6

Leseprobe zu „Weiße Finsternis“

73° 30′ N, 80° 32′ O

Der Sommer des Jahres 1920 war einer der wärmsten, an die sich die Bewohner Dudinkas erinnerten. Im Juli und August stiegen die Temperaturen im Mittel auf zwanzig Grad Celsius, und manchmal zeigten die Thermometer beinahe fünfundzwanzig Grad an, eine Hitze, die den Alten zu schaffen machte und die Jungen aus den Häusern ins Freie lockte, hinunter an den Fluss, wo Nacht für Nacht die Lagerfeuer brannten; Kinder tollten im flachen Wasser, warfen sich juchzend in die Wellen, und über dem Ufer tanzten die Mückenschwärme; in den Gärten [...]

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73° 30′ N, 80° 32′ O

Der Sommer des Jahres 1920 war einer der wärmsten, an die sich die Bewohner Dudinkas erinnerten. Im Juli und August stiegen die Temperaturen im Mittel auf zwanzig Grad Celsius, und manchmal zeigten die Thermometer beinahe fünfundzwanzig Grad an, eine Hitze, die den Alten zu schaffen machte und die Jungen aus den Häusern ins Freie lockte, hinunter an den Fluss, wo Nacht für Nacht die Lagerfeuer brannten; Kinder tollten im flachen Wasser, warfen sich juchzend in die Wellen, und über dem Ufer tanzten die Mückenschwärme; in den Gärten wuchsen prächtige Kürbisse heran, der Boden spie Kartoffeln und Rüben aus, man kam mit dem Ernten und Verarbeiten kaum nach. Selbst Anfang September herrschten noch ungewöhnlich milde Temperaturen, wenngleich bereits die ersten Winde vom Nordmeer herunterkamen und die Menschen daran erinnerten, in welchen Verhältnissen sie eigentlich lebten in ihrer Stadt am großen Jenissei. Die Sonne wurde zur Zuschauerin, wenn Eis und Schnee sich wieder um die Häuser legten; Wärme war ein Wort, das man nur selten mit zufriedenem Lächeln aussprach, der tiefgefrorene Boden knirschte wie selbstverständlich unter den Sohlen.

Am 5. September 1920 machte die Iney im Hafen von Dudinka fest, ein rostiger Dampfer zwar, aber dennoch der Stolz des Russischen Hydrographischen Dienstes. Die Menschen kamen am Ufer zusammen und wussten nicht recht, was sie von den fremden Leuten halten sollten, die sich als Offizielle der siegreichen Bolschewiken vorstellten, siegreich, obgleich einige gehört haben wollten, dass der Krieg noch in vollem Gange war und dass er sich nun westlich ausdehne, hinüber ins benachbarte Polen. Mit an Bord der Iney war auch Fjodor Anatol Troitski, der schlanke, hoch aufgeschossene stellvertretende Vorsitzende des Komitees der Nordseeroute, der sich auf einer Inspektionstour befand, die ihn noch weiter nördlich bis in die Karasee bringen sollte. Jetzt und hier aber plagte ihn ein böser Schnupfen. Er schnäuzte sich mehrfach, bevor er den schmalen Bohlenweg hinauf vom Hafen nahm. Ein Hund beschnupperte ihn, Kinder glotzten. Er hatte Hunger und hoffte auf etwas Wodka und gebratenen Fisch. Als ihm ein Vertreter der Stadt entgegentrat, in seinem Schlepptau ein feister Pope und mehrere alte Weiber, musste sich Troitski erneut heftig schnäuzen, bevor er ohne Umschweife nach dem Aufenthaltsort des Genossen Nikifor Begitschew fragte. Man habe ihm versichert, ihn hier zu finden, er müsse in einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung mit ihm sprechen.

Also brachte man Troitski an den Stadtrand und bis vor eine Hütte am Ufer des Flusses. Da er nach der Anstrengung des Weges nur schwer durch die verstopfte Nase atmen konnte, besah er sich für einen Augenblick den angrenzenden Gemüsegarten und den direkt an die Hütte gesetzten Räucherofen. Schließlich klopfte er. Begitschew war ihm empfohlen worden als jemand, der sich wie kein Zweiter in dieser Gegend auskenne, der bereits oben bei Kap Vilda gewesen sei, so hatte man ihm berichtet, und gute Kontakte zu den hiesigen Nganasanenstämmen pflege. Er sei durch die einsamen Monate in der Tundra zwar etwas wortkarg geworden, stehe aber treu hinter der Sache und sei nicht zuletzt mit einigen Rubeln rasch zu gewinnen.

Begitschew schien ihn erwartet zu haben, hatte Wodka und Gläser bereitgestellt, dazu saure Gurken und Brot, sodass Troitski sich fragte, ob dieser Mann wirklich so eigenbrötlerisch sein konnte – die Gurken in einer Schale, das Brot aufgeschnitten, Salz daneben. Sie gaben einander die Hand, und Troitski stellte sich vor, mit vollem Titel. Begitschew überragte ihn um einen halben Kopf, er war schmal, das Gesicht bartlos und ernst, einer, das war Troitski sofort klar, dem man nichts vormachen konnte; der Händedruck fest, der Blick konzentriert. Begitschew bat ihn, Platz zu nehmen, und goss Wodka in die Gläser. Schweigend tranken sie.

Troitski nickte dem Mann zu. „Sie haben von den Schwierigkeiten der Norweger gehört“, begann er ansatzlos. „Das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten hat Kontakt zum norwegischen Außenminister aufgenommen, die Sache ist in den höchsten Kreisen angelangt. Es ist nach all den Wirren und schlechten Nachrichten der letzten Monate ein Zeichen, das wir aussenden wollen, Genosse Begitschew. Ein Zeichen des Wohlwollens und der Hilfsbereitschaft.“

Ein mattes Licht lag über dem Tisch, es roch nach Holzkohle und vergorener Milch. Troitski fragte sich, ob sein Gegenüber wirklich so fest und aufrichtig hinter der großen Sache stand oder ob er hier draußen in der Wildnis möglicherweise ganz anderen Dingen nachhing. Er rief sich in Erinnerung, dass es Nikifor Begitschew gewesen war, der einst Alexander Wassiljewitsch Koltschak vor dem Kältetod gerettet hatte, und dass nun ebendieser Koltschak – Kommandant der Weißen Armee, Rädelsführer, Aufständler – im Februar in einem Eisloch des Angara-Stroms versenkt worden war, was Troitski zwei Dinge verdeutlichte: Erstens konnte man seinem Schicksal nicht entgehen, und zweitens musste man Genosse Begitschew im Auge behalten; ein Mensch, still und einsam, der hier draußen nicht mehr zu fürchten hatte als seinen eigenen Schatten.

„Ich habe davon gehört“, sagte Begitschew. „Ich habe mit den Nganasanen darüber gesprochen. Sie sind sicher, dass beide längst nicht mehr leben.“

„Darauf kommt es nicht an“, sagte Troitski, richtete sich auf und nahm eine Gurke. „Entscheidend ist das Zeichen, das wir aussenden. Die Norweger planen eine Suchexpedition zu Land, und es gibt keinen Besseren als Sie, der diese nach Kräften unterstützen könnte. Wir brauchen Sie, Genosse!“

„Ich habe geahnt, dass Sie kommen und mich fragen werden“, sagte Begitschew und lehnte sich nach vorn.

„Dann nehme ich das als Ihre Zusage“, schob Troitski schnell hinterher. „Man wird Ihnen die entsprechenden Mittel großzügig zur Verfügung stellen. Brauchen Sie etwas, dann werden Sie es bekommen. Und wenn Sie erfolgreich sind, wird das nicht zu Ihrem Nachteil sein. Sie kennen Nikolai Timofeyevskiy, den Stationsleiter in Dikson?“

„Wir sind einander begegnet, ja.“

„Wunderbar. Er wird an Sie telegrafieren. Sorgen Sie für ausreichend Mensch und Material, ihre Nganasanenfreunde sollten unbedingt dabei sein.“ Zufrieden und erleichtert darüber, die Angelegenheit so rasch geklärt zu haben, erhob er sich, stolperte, fing sich aber sogleich und lächelte.

Ohne ein weiteres Wort begleitete Begitschew ihn zur Tür, blieb auf der Schwelle stehen, und erst da fiel Fjodor Anatol Troitski auf, dass der Genosse die ganze Zeit über barfuß gewesen war: zwei bleiche Füße, lang und knochig mit Nägeln so dunkel wie bei einem Raubtier.

 

In der Folge dieses Treffens verbrachte Nikifor Begitschew den Herbst und Winter 1920 damit, zwischen Dudinka und Avam, dem Hauptort der örtlichen Nganasanen, hin- und herzureisen, Versprechungen zu machen, kleine Geschenke zu verteilen und auf die Bereitstellung von Schlitten und Rentieren hinzuwirken. Kachdo, das Nganasanenoberhaupt, war misstrauisch; er hatte von den Umwälzungen in Moskau und Sankt Petersburg gehört, wusste, dass es zu einem blutigen Krieg gekommen war, dass es Hungersnöte und Brände gab, und er ließ durchblicken, dass er den Bolschewiken nicht traue. Begitschew aber sprach immer wieder von der Großzügigkeit der Regierung und brachte ihm gegen Ende des Jahres ein offizielles Schreiben aus Moskau. Kachdo, eine schmale Brille auf der Nase, sagte nun endlich seine Hilfe zu, alles sei bereits arrangiert, er werde Konde, seinen Sohn, sowie ausreichend Rentiere und Schlitten mit auf die Reise in den Norden schicken.

Doch die Vorbereitungen dauerten noch das ganze Frühjahr an. Der Nganasanenführer weigerte sich beharrlich, Leute und Material vor April loszuschicken, da das Wetter in dieser Zeit launisch und unbeständig war und tagelange Schneestürme drohten. Begitschew blieb nur, sich zu fügen und die Karten zu studieren. Mit dem jungen Konde machte er Ausfahrten in die Umgebung, um zu jagen und die Schlitten zu testen. Dabei erzählte der ihm einmal von einem Mann namens Tubiaku, der vor drei Wintern an der Pjassina zwei Norwegern begegnet sein wollte, doch als Begitschew ihn fragte, wo er diesen Mann finden könne, zuckte Konde nur mit den Schultern. Keiner wisse, wo Tubiaku sich aufhalte, mit Frau und Kindern habe er sich im letzten Sommer in den Norden aufgemacht und sei nie wieder gesehen worden; ein seltsamer Mensch sei das, er spreche mit den Geistern und habe es nie lange mit anderen ausgehalten. Wahrscheinlich, so Konde, seien auch die Norweger nur Einbildung gewesen.

Nikolai Timofeyevskiy, Leiter der Wetterstation von Dikson, telegrafierte Begitschew, dass seit dem Anbruch des Winters der norwegische Schoner Heimen mit Motorschaden in Dikson vor Anker liege. Kapitän Lars Jakobsen plane nun eine Landmission und sei dankbar für jedwede Unterstützung.

 

Endlich, am 3. Mai 1921, brachen Begitschew, Konde und zwei weitere Nganasanen von Dudinka aus auf. Sie fuhren mit acht Schlitten, bepackt mit Zelten, Schlafsäcken, Winterkleidung, Verpflegung und Waffen, und erreichten einen Monat später die Wetterstation am Nordmeer.

Lars Jakobsen und Alfred Karlsen wären Begitschew beinahe um den Hals gefallen, als er endlich ihre Hütte betrat. Dem jungen Karlsen standen Tränen in den Augen, die er sich mit einer beiläufigen Bewegung fortwischte, während der Kapitän nur dastand und leicht zu zittern schien. Begitschew wusste, was es hieß, einen langen Winter in solch einer kargen Behausung auszuharren. Sie setzten sich an den Tisch, Timofeyevskiy schenkte Wodka aus, und Jakobsen berichtete.

Im letzten Herbst noch hätten sie versucht, mit der Heimen bis Kap Vilda vorzustoßen, dichtes Eis aber habe jede Fahrrinne versperrt, und so sei man zur Umkehr gezwungen gewesen. Nun säße man also aufgrund des Wetters und eines Maschinenschadens seit nunmehr einem halben Jahr tatenlos hier fest, man habe sich vergeblich um Ausrüstung für eine Landmission bemüht und sei daher hocherfreut und dankbar über die Unterstützung durch die russische Regierung und Genosse Begitschew.

Die beiden Norweger waren blass, vor allem Karlsen, dessen roter Bart und Haarschopf umso deutlicher hervorstachen. Der junge Mann übersetzte für seinen Kapitän, was dessen Russisch-Kenntnisse überstieg. Jakobsen entfaltete eine Karte der Taimyr-Halbinsel und berichtete von Amundsens Expedition, wie die Maud ein Jahr lang bei Kap Tscheljuskin festgelegen und der große Polarforscher sich dann entschieden hatte, Peter Tessem und Paul Knutsen durch das Eis nach Dikson zu schicken. Im Oktober 1919 seien die beiden aufgebrochen, seitdem habe man nichts mehr von ihnen gehört. Auf das eintretende Schweigen holte er ein eng verschnürtes Bündel Papiere herbei und legte es vor Begitschew auf den Tisch.

„Die Aufzeichnungen Paul Knutsens von der Maud“, übersetzte Karlsen. „Sie fanden sich bei den Sachen, die er auf dem Schiff zurücklassen musste. Amundsen hat sie zusammen mit Kisten voller Pelze und gefrorener Enten nach Norwegen geschickt mit der Bitte, sich des Falles anzunehmen. Man hat uns diese Papiere zur Verfügung gestellt in der Hoffnung, sie würden uns weiterhelfen.“

„Man hat nichts Gutes von der Maud gehört“, sagte Begitschew.

„Eine Unglücksfahrt“, murmelte Jakobsen, „von Anfang an. Erst das verlorene Jahr auf Kap Tscheljuskin, dann ein zweites, in dem sie auch nicht merklich weiterkamen. Letzten Sommer erreichte Amundsen dann Nome, die halbe Mannschaft wurde abgemustert, er aber fuhr wieder hinaus. Die Maud steckt jetzt irgendwo vor der Tschuktschen-Halbinsel im Eis.“

Gemeinsam überflogen sie die Papiere. Kurze Tagebucheinträge von Knutsen, meist über das Wetter, und immer wieder erwähnte er Peter Tessem. Außerdem führte er eine Inventarliste auf. Begitschew las:

1 Zelt

1 leichter Schlitten

5 norwegische Schlittenhunde

Kerosin

Primuskocher

Kompass

Theodolit

Proviant

Gewehre

Munition

Skier

 

„Amundsen hatte ihnen geraten, Kap Vilda anzusteuern“, sagte Jakobsen und deutete auf die Karte. „Dort gab es von Sverdrup angelegte Proviantdepots. Wir vermuten, dass Tessem und Knutsen an diesem Ort vorbeikamen. Hier sollten wir also mit der Suche beginnen.“Dann noch ein Eintrag über das letzte Abendessen auf der Maud, womit die Aufzeichnungen endeten. 

Begitschew rieb sich das Kinn und dachte nach. Er blickte dabei zu Konde, der schweigend dahockte und an seiner Pfeife zog. Bis nach Kap Vilda waren es über vierhundert Werst durch eine von Tümpeln, Wasserläufen und Schlammlachen durchsetzte Tundra, keine Bäume, kaum Futter für die Rentiere. Er lehnte sich zurück. Aber es war der große Amundsen, der um Hilfe gebeten hatte, und es war das eben erst aufblühende Reich der Bolschewiken, das ihm diese Hilfe nicht verwehren würde.

„Also auf nach Kap Vilda“, sagte er schließlich.

 

Am 8. Juni 1921 verließ die Gruppe unter den Rufen Nikolai Timofeyevskiys und dessen Adjutanten das kleine Dikson westwärts. Sechs Wochen lang zogen sie durch die Weite des Taimyrlandes, ohne auf eine weitere Menschenseele zu stoßen. Schwärme von Gänsen und Enten überflogen sie, und Konde und Jakobsen gelang es, eine ausreichende Menge davon zu jagen. Karlsen erlegte sogar einen Eisfuchs. Sie trieben die Rentiere voran, mühten sich mit den Schlitten über verharschtes Eis, nur um kurz darauf die Tiere durch knöcheltiefen Morast zu führen. Das Wetter blieb unbeständig. Morgens lag zäher Nebel über der Tundra, manchmal war die Sonne blass hinter den Wolken zu erkennen, und ein beinah weißes Licht schärfte kleinste Unebenheiten. Regen und Schneefall wechselten sich ab, gegen Mittag gingen die Flocken in feinen Niesel über, und ihre Mäntel glänzten, als bestünden sie aus Schuppen. Meist fuhr Konde auf seinem Schlitten voraus; er war es auch, der die besten Lagerplätze fand, vor dem Wind geschützt und von Kräutern und Flechten bewachsen, die die Tiere fressen konnten. Vor Anbruch der Nacht und nach einer dürftigen Mahlzeit saßen sie dann müde beieinander, tranken Kaffee und rauchten. Begitschew studierte aufmerksam die Aufzeichnungen von Paul Knutsen.

„Peter Tessem war krank“, sprach er eines Abends vor sich hin und runzelte die Stirn.

„Migräne, ja. Deswegen schickte ihn Amundsen zurück nach Dikson“, erklärte Jakobsen. „Er glaubte, der Mann würde einen weiteren Winter im Eis nicht überstehen.“

Begitschew nickte nachdenklich. Zwei Männer auf einem einfachen Schlitten, einer davon von heftigem Kopfschmerz geplagt, ständige Dunkelheit und Temperaturen um minus zwanzig Grad Celsius, dazu der Wind, unberechenbare Pressrücken im Eis und weder Gänse noch Enten, die es zu jagen gab. „Warum haben sie nicht bis zum Frühjahr gewartet?“, sagte er, wieder mehr zu sich selbst als in die Runde.

„Wir können nur Vermutungen anstellen“, sagte Jakobsen, „Tessems Zustand muss sich stark verschlechtert haben, er wollte wohl selbst nicht mehr warten. Amundsen dürfte das recht gewesen sein, konnte er doch so den beiden seine Post mitgeben.“

„Knutsen schreibt oft über Tessem“, sagte Begitschew.

„Sie waren Jugendfreunde“, Jakobsen trank einen Schluck Kaffee. „Er meldete sich freiwillig bei Amundsen, um Tessem durchs Eis zu begleiten.“

Begitschew nickte wieder. Trotzdem blieben die Motive vage. War Peter Tessem wirklich so krank gewesen? Oder hatte Amundsen ihn vielmehr gedrängt, die Maud zu verlassen? Wollte er nach einem Jahr im Eis ein Lebenszeichen senden, etwas, womit er Förderer wie Kritiker in Norwegen gleichermaßen besänftigen konnte? Jakobsen hatte von den Unstimmigkeiten an Bord der Maud erzählt, vom jungen Tønnesen, der Amundsen auf die Nerven ging, von den Unfällen Amundsens. War es zu einem Aufstand gekommen, in den auch Tessem und Knutsen verwickelt gewesen waren?

„Amundsen wird seine Gründe gehabt haben“, sagte Begitschew, um sich und seine kreisenden Gedanken zu beruhigen. Sie waren nicht hier, um über den Norweger zu urteilen, sondern um Spuren zweier Vermisster zu finden.

„Ein großer Mann soll er ja sein, dieser Amundsen“, Konde lehnte sich nach vorn, der Feuerschein erhellte sein jungenhaft glattes Gesicht. „Ich aber sehe da bloß einen Narren.“

„Narr oder Genie“, Karlsen streckte die Beine aus, „ein großer Eisfahrer muss beides sein.“

Begitschew sah den jungen Norweger von der Seite an. Karlsen starrte in die Flammen. Er erkannte sich in ihm wieder, ein junger Mann, hungrig nach der Welt, nach Taten, die bestehen bleiben würden; nein, Karlsen wusste noch nichts von den Wetterumschwüngen und Launen dieser Landschaft, von den Eisfeldern und trüben Tagen, aber vielleicht, dachte Begitschew, vielleicht würde ein günstiger Wind Alfred Karlsen eines Tages doch dahin bringen, wohin er so sehnlichst wollte.

Florian Wacker

Über Florian Wacker

Biografie

 Florian Wacker, geboren 1980 in Stuttgart, studierte Heilpädagogik und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bisherige Buchveröffentlichungen: Albuquerque (2014), Dahlenberger (2015) und Stromland (2018). Für das Manuskript seines neuen Romans Weiße...

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