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Während wir feiernWährend wir feiern

Während wir feiern Während wir feiern - eBook-Ausgabe

Ulrike Ulrich
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Roman

„Ein bezwingendes Buch über das Leben in der Mitte Europas und der Mitte der Gesellschaft - und wie es ist, wenn man dort nicht zugehört.“ - Leipziger Volkszeitung

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Während wir feiern — Inhalt

Wie in jedem Jahr feiert die deutsche Sängerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertags ihren Geburtstag mit einer Dachparty – leider noch ohne den Einbürgerungsentscheid. Währenddessen braucht Kamal eine sichere Bleibe. Wenn er nicht unverzüglich das Land verlässt, droht ihm die Abschiebung nach Tunesien. Weil dort aber Homosexuelle verfolgt werden, fragt er seinen Deutschlehrer Zoltan, ob er ein paar Tage bei ihm untertauchen kann. Doch Alexas bester Freund sagt Nein aus Gründen, die er nicht mal vor sich selbst zugibt. Im Laufe des Tages eskalieren die Ereignisse, und nicht nur das Fest, auf dem alles zusammenläuft, steht infrage.
Inspiriert von Virginia Woolfs Klassiker „Mrs Dalloway“ zeichnet Ulrike Ulrich ein Panoramabild unseres Lebens in Europa – vielstimmig, mit eigenem Ton und literarischer Brillanz.

„Wer erfahren will, wie sich das Leben im 21. Jahrhundert in einem der Herzen des Kapitalismus anfühlt, von welchen Widersprüchen die Menschen zerrissen werden und wie die große Politik auf die private Liebe wirkt, der sollte diesen rasanten, bitteren und immer wieder komischen Roman lesen.“ Lukas Bärfuss

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 06.07.2020
272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1408-5
Download Cover
€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 06.07.2020
272 Seiten
EAN 978-3-8270-8008-0
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„Ein bezwingendes Buch über das Leben in der Mitte Europas und der Mitte der Gesellschaft - und wie es ist, wenn man dort nicht zugehört.“
Leipziger Volkszeitung
„›Während wir feiern‹ ist voller guter Dialoge und dichter Gedanken, die sich in den sehr unterschiedlichen Tonlagen der Figuren mal schnippisch und oft liebevoll anhören, meist schlagfertig, voller Wortwitz, oft cool [...] ein Buch der vielen guten Einfälle, der Zufälle auch.“
Luzerner Zeitung (CH)
„Es ist ein treffender Einblick in ein bestimmtes Milieu der Wirtschaftsmetropole Zürich, mit vielen topografisch präzisen Details.“
Tages-Anzeiger (CH)
„Eine kluge Gesellschaftsanalyse“
Kölner Stadt-Anzeiger
„Dieses Buch ist ein Spektakel!“
Brigitte Woman
„Das Buch ist eine Odyssee des Ankommens. Es braucht keine abenteuerlichen Reisen, nicht die Weite der Welt, sondern nur die Enge der Schweiz, um zu erzählen, was es erzählen will.“
Neue Zürcher Zeitung Online
"Es ist ein starkes Buch!“
SRF „Literaturclub“ (CH)
"Vier Mal eine Leseempfehlung"
SRF „Literaturclub“ (CH)
„Den Spannungsbogen hat Ulrich großartig konstruiert. Präzise durchorchestriert verflechten sich die Schicksale der Personen und spitzen sich gegen Ende zu.“
NZZ Bücher am Sonntag (CH)

Leseprobe zu „Während wir feiern“

Sie muss diese Blumen loswerden. Deren giftig-süßer Geruch es jetzt tatsächlich bis ins Schlafzimmer geschafft hat. Kann sein, dass sie sogar davon aufgewacht ist. Wie hat sie bloß denken können (wenn auch nur für einen Moment), dass Adrian der Absender ist. Adrian, der Schnittblumen weder mag noch schenkt, Lilien schon gar nicht. Der längst im Spital ist (die Decke neben ihr hat er aufgeschlagen), rettet wahrscheinlich schon Leben, während sie noch im Bett liegt. Und heute – mit einem Ruck setzt sie sich auf, ist ja immer gleich wach, wenn sie wach [...]

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Sie muss diese Blumen loswerden. Deren giftig-süßer Geruch es jetzt tatsächlich bis ins Schlafzimmer geschafft hat. Kann sein, dass sie sogar davon aufgewacht ist. Wie hat sie bloß denken können (wenn auch nur für einen Moment), dass Adrian der Absender ist. Adrian, der Schnittblumen weder mag noch schenkt, Lilien schon gar nicht. Der längst im Spital ist (die Decke neben ihr hat er aufgeschlagen), rettet wahrscheinlich schon Leben, während sie noch im Bett liegt. Und heute – mit einem Ruck setzt sie sich auf, ist ja immer gleich wach, wenn sie wach ist –, heute ist Samstag. Nationalfeiertag. Heute ist der Tag ihres Fests. Wie spät ist es denn? Alexa nimmt ihr Telefon vom Nachttisch. Zwanzig nach neun. Adrian hat 1.-August-Küsse geschickt und wünscht ihr eine komplett komplikationslose Partyvorbereitung. Die ja bekanntlich nicht ihre Lieblingsdisziplin ist. Planung ja (Einladungsmails, Gäste-, sogar To-do-Listen), Durchführung selbstverständlich (darum geht es ja), aber die Vorbereitung am Tag selbst: Auf die könnte sie bestens verzichten. In den letzten Jahren hat Adrian ihr meistens geholfen, hatte tagsüber Bereitschaft und am Abend dann (völlig freiwillig) Dienst. Diesmal ist es umgekehrt. Er hat es ihr vor vier Tagen gesagt. Und sie hat sich gefreut. Aber sie weiß immer noch nicht, wieso er getauscht hat. Seine Partyphobie ist ja nicht kleiner geworden. Alles, was sie an Partys liebt, das Flüchtige, Flirrende, Außergewöhnliche, die Mischung aus Intensität und Oberflächlichkeit, all das findet er schwierig, Small Talk mit fremden und halbfremden Menschen vor allem. Dass er nach ihrer CD-Taufe noch zwei Stunden geblieben ist, war schon eine große Sache für ihn.

Und weil sie weiß, dass es ihm nicht gefallen wird, auf ihrer Dachparty, macht es ihr plötzlich ein bisschen Sorgen, dass er dort sein wird. So wie das Wetter ihr ein bisschen Sorgen macht, das mögliche Auftauchen ihrer Lieblingsautorin, ihr eigener angekündigter Auftritt. Dass sie zum ersten Mal singt auf der Party, ein neues Lied noch dazu. Lauter kleine Risikofaktoren. Und auch, dass das Fest diesmal früher beginnt. Wegen der Kinder. Wegen denen es letztes Jahr früher zu Ende war. Nein. Das lag an den Eltern, die nicht entspannt genug waren. Für ein gutes Fest (hat sie von ihren Eltern gelernt, die sich in nichts so einig waren wie im Feiern), für ein gutes Fest braucht es Musik und Alkohol, braucht es Menschen, die in einen anderen Modus schalten können (feierlich, denkt sie, aber gleichzeitig entspannt), die reden, trinken, tanzen, aufeinander reagieren und, ja, auch flirten.

Ob Adrian deshalb kommt, weil sie Dienstag diesen jungen Juristen eingeladen hat? Einen Tag nach ihrem 45. Geburtstag, den sie krank im Bett verbrachte, mal wieder mit Blasenentzündung (und das ist verdammt noch mal noch nicht die Menopause). Sie hat diesen jungen Juristen eingeladen, weil Männer fehlten (immer noch fehlen). Und natürlich ist das retro, da hat Adrian recht. Genauso retro wie die Gäste-Excel-Tabelle, mit gesonderten Spalten für Frauen, Männer und (inzwischen auch) Kinder. Aber es ist nun mal so, ihr Freundeskreis besteht aus Paaren und einzelnen heterosexuellen Frauen. Und Jessica hat sich letztes Jahr über den Mangel an Männern beschwert. Weshalb sie jetzt halt nach ihrem letzten Konzert diesen Jonas eingeladen hat, der zugegebenermaßen gut aussah, der ihre Lyrics so großartig fand und den sie dann auch einfach irgendwie loswerden wollte. Nein, sie könne jetzt nichts mehr mit ihm trinken. Aber wenn er am 1. August noch nichts vorhabe? Hatte er nicht.

Sie weiß ja, dass sie wirkt, auf der Bühne, beim Singen, dass sie dann eine andere ist, Punkte gutmacht, die ihr früher (besonders in diesen alles entscheidenden Teeniejahren) gefehlt haben. Aber Adrian, und darüber ist sie immer noch froh, der hat sich in sie verliebt, als sie auf einer Wolke stand, nicht auf der Bühne. Als sie beide zusammen in diesen blauen Regencapes auf der künstlichen Wolke von Yverdon standen. Wahrzeichen der Landesausstellung. Oder eigentlich richtig erst, sagt er, während sie ihn überredet hat, sich mit ihr dort auf den Boden zu legen, durch den tropfnassen Wolkennebel in die Sonne zu schauen. Nein, Adrian hat bestimmt nicht seinen Dienst getauscht, weil er auf diesen Jonas eifersüchtig ist. Sie hat auch früher schon mal jemand spontan zum Fest eingeladen. Er weiß, dass da ebenso wenig dahintersteckt wie hinter den stinkenden Blumen. Die sie tatsächlich ganz kurz diesem Jonas zugetraut hat, der ja jetzt ihre Adresse kennt. Aber gehofft hat sie, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, Adrian hätte sie vor die Tür gelegt (schön sind sie ja doch). Sie macht ein Foto von seiner leeren Bettseite und schickt es ihm. Schreibt: Schade, bist du nicht hier. Zwölf Tage ist es her, seit sie zuletzt miteinander geschlafen haben, auf dem Küchentisch, der lauter knarzte als sonst, so laut, dass sie lachen mussten. Zwölf Tage. Und das liegt an ihr, nicht an Adrians Kopfschmerzen, nicht an Adrians Dienstplan und auch nicht an Adrians Sohn (auch wenn Robert neuerdings fast jedes Wochenende bei ihnen verbringt). Es liegt an ihr und ihrem Körper. Den Entzündungen. Der damit einhergehenden Reizung. Nicht mal sich selbst befriedigen kann sie, ohne Angst haben zu müssen, den Schmerz auszulösen. So will sie nicht sein. So angeschlagen. Das passt gar nicht zu ihr, denkt sie und sieht, dass Adrian zurückschreibt. Das wär schön, schreibt er. Und: Morgen bin ich da, wenn du aufwachst. Kuss. Als sie auf Antworten klickt, ist er schon offline.

Sie nimmt das Telefon, steht auf, zieht den Rollladen hoch. Es regnet. Nur ganz leicht. Der Himmel ist grau und von diesem feinen, bewegten Regenmuster durchdrungen, das sie an manchen Tagen nicht mal mit der Brille sehen kann. Dem Niederschlagsradar der NZZ zufolge hört es in zehn Minuten wieder auf. Die Regenwahrscheinlichkeit für den Abend beträgt vierzig Prozent. Sie wird also die Wohnung auf jeden Fall aufräumen müssen. Bis jetzt hatten sie immer Glück mit dem Wetter. Nur einmal wurde es plötzlich so stürmisch, dass es die Pappteller vom Dach wehte. Pappbecher gab es nie und wird es auch nie geben. Albrecht’sche Familienehre.

Sie fischt den BH und die Hose von gestern aus dem Kleiderhaufen, nimmt eine Bluse und einen Slip aus dem Schrank und geht ins Bad. Seife und Deo, das sollte reichen, geduscht hat sie gestern Abend noch. Jetzt muss sie erst mal zur Tankstelle, wegen der Grillkohle, die sie vergessen hat (wollen ja alle unbedingt immer grillen). Und dann das Lied noch mal anschauen. Dass sie sich ausgerechnet das Guggisberglied ausgesucht hat, um es zu covern, quasi Königskinder für Schweizer. Und dann hat sie ja auch noch Robert versprochen, ihm bis zum Ende der Woche Feedback auf sein Exposé zu geben. Für die Maturaarbeit. Liest sie morgen, in Ruhe. Wo ist die Jacke? Wo hat sie die gestern ausgezogen? Küchenstuhl. Natürlich. Und da sind auch die Schlüssel. Sie zieht die Tür hinter sich zu, erst auf der elften Stufe fallen ihr die Blumen ein. Sie läuft nochmals hoch und dann schnell wieder runter, als müsse sie genau diese Minute unbedingt reinholen.

 

Sarah hört Alexas Schritte auf der Treppe und wartet in der Tür, vor die sie gerade den Züri-Sack gestellt hat, damit sie ihn nachher nicht vergisst. Alexa macht nie etwas leise, denkt sie. Entspricht sonst gar nicht so sehr dem Klischee. Freundlich fast immer. Redet nicht schnell oder viel. Aber die Lautstärke. Beim Singen, Klavierspielen, im Treppenhaus. Vielleicht hat es mehr mit ihrem Beruf als mit dem Deutschsein zu tun, dass sie so unüberhörbar ist. „Warte“, sagt sie, damit Alexa nicht einfach grüßend vorbeirennt. „Warte kurz.“ Und dann, dass sie etwas im Treppenhaus gefunden hat. „Ich glaube, das ist von dir.“

 

Alexa überlegt, ob sie Sarah folgen soll, die in ihre Diele zurückgegangen ist. Obwohl sie sich manchmal länger auf der Treppe unterhalten, war sie noch nie in Sarahs Wohnung, nicht mal zum Pflanzengießen, wie bei fast allen anderen im Haus. Da ist sie schon wieder. Hält eine Karte in der Hand. „Schau, hier“, sagt sie. Und Alexa sieht sich die Karte an. I don’t believe in ageing. I believe in forever altering one’s aspect to the sun. Und auf der Rückseite: Spät, aber doch. Wünsche dir Grossartiges. Bis morgen. Kuss J. Natürlich: Jessica. Die nicht gratuliert hat. Muss gestern im Haus gewesen sein und die Karte verloren haben. „Wunderschön sind die“, sagt Sarah und zeigt auf die Lilien, „geradezu perfekt.“ Behalten kann sie die trotzdem nicht. Und Jessica wird sie das auch erklären können, wenn’s sein muss. „Sie stinken fürchterlich“, sagt sie.

 

Jeder ist wohl anders empfindlich, denkt Sarah. Bei ihr sind es die Ohren, bei Alexa offenbar die Nase. Sie sagt, dass sie diesen Duft gernhat. „Darf ich sie dir schenken“, fragt Alexa, „wenn dir nicht schlecht wird davon.“ Fünf große Königslilien. „Willst du sie wirklich nicht behalten?“, fragt sie, und Alexa kräuselt die Nase und lacht. „Hundertpro.“ – „Dann dank ich dir sehr.“ – „Und ich dir. Auch für die Aufklärung des Rätsels. Wusste nämlich gar nicht, von wem die sind.“ Das kann Sarah sich genau vorstellen, wie Alexa überlegt, welcher ihrer Fans die Blumen geschickt hat. Und dass sie die einfach wegwerfen wollte. „Ich muss“, sagt Alexa, tritt schon wieder von einem Fuß auf den anderen, „hab noch so viel zu erledigen. Wir sehen uns ja heut Abend. Auf dem Dach hoffentlich.“ Sarah nickt. Obwohl sie zum Grillfest ihrer Cousine gehen wird. Sie nickt und sagt: „Ciao.“

 

Muss sie gleich Adrian schreiben, denkt sie, das mit den Blumen, und läuft weiter die Treppe hinunter. Wie gut, dass sie die nicht hat wegwerfen müssen. Dass sie Sarah gefallen. Die vermutlich wieder nur kurz kommen wird, wie letztes Jahr, auf einen Prosecco. Und dann wieder verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Sie hat sich trotzdem über ihre Zusage gefreut. Über alle Zusagen. Und jede Absage war eine Enttäuschung. Am meisten natürlich die von Stefan und Chrigu. Ausgerechnet die beiden fehlen. Ohne die es nur halb so lustig wird. Und die doch damals, als sie ein Jahr aussetzen wollte, gesagt haben, das könne sie nicht machen, jetzt nicht auch noch sie, ihre Party sei außerdem eine Institution. Sie stößt die Haustür auf. Ausgerechnet Stefan und Chrigu müssen im Juli nach Ligurien fahren, denkt sie und stellt fest, dass die NZZ recht hatte, es regnet nicht mehr. Als sie vor dreizehn Jahren in die Schweiz kam, hatte sie der NZZ noch eine deutlich über das Wetter hinausgehende Autorität zugesprochen, sie hatte nicht mal gewusst, dass es sich um ein Parteiblatt handelt, wie Adrian immer sagt, der sein Abo trotzdem erst Anfang des Jahres gekündigt hat (als sie den Weltwoche-Vize zum Chefredaktor machen wollten). Soll sie jetzt auf direktem Wege zur Tankstelle gehen? Aber sie muss eh nochmals über den Text drüber, da kann sie auch – wie so oft – im Piazza frühstücken.

Sie überquert die Straße bei Rot, nur ein schleichendes Auto in sicherer Entfernung. Sieht nach Fahrschule aus. Jessica hat bald den Prüfungstermin. Und Zoltan jetzt auch noch angefangen. Wann immer sie sich treffen, erzählt er von seiner letzten Stunde, und einmal hat sie ihn gesehen, wie er, ganz aufrecht und ohne die Zoltan-typische Kappe, an ihrem Haus vorbeigefahren ist. Die Fahrlehrerin hat ihr Winken bemerkt, aber so geschaut, als sei es verboten, Fahrschüler auf sich aufmerksam zu machen. Sie hat Zoltan drei Wochen nicht gesehen (was ist bloß los bei ihm?), aber er hat sie zum Geburtstag angerufen und versprochen, dass sie diesmal ohne die Kinder kommen und nicht vor zwölf nach Hause gehen werden. Und Evelyne hat versprochen, Rosie bei den Schwiegereltern unterzubringen, damit sie endlich mal wieder bis zum Schluss bleiben kann. Dass Evelyne Mutter geworden ist, das hat am meisten verändert. Letztes Jahr konnte sie gar nicht dabei sein, weil Rosie krank war. Ist es schon vier Jahre her, dass sie zu zweit auf dem Dach W. Nuss vo Bümpliz gesungen haben? So laut, dass die Polizei kam, was von allen, die dabei waren oder nachher davon hörten, als großer Erfolg gewertet wurde. Auf einem der Feste ihrer Eltern (die legendär waren, sogar für rheinländische Verhältnisse) haben mal zwei junge Polizisten mitgefeiert, Alexa war noch klein, und sie erinnert sich, wie sie sich fürchtete, als zwei Männer in Uniform vor der Tür standen. Im ersten Moment hat sie sich auch vor vier Jahren erschreckt, irgendwer musste die Tür aufgedrückt haben, und plötzlich kamen da zwei auf das Dach und wollten die Gastgeber sprechen. Evelyne sang extra noch lauter und lachte, als sie Alexas Gesicht sah. Du wirst schon nicht ausgeschafft, hat sie gesagt, weil sie wusste, dass das Alexas abwegige Lieblingssorge ist, noch vor der Einbürgerung gegen irgendein Gesetz zu verstoßen und ausgeschafft zu werden. So wie der junge Albaner in ihrer Version vom Guggisberglied. Vor dem Kiosk sitzt wieder der Mann, der immer raucht. Trinkt seinen Kaffee. Manchmal trifft sie ihn auch auf der Straße, selten beim Coop und nur dann ohne Zigarette im Mund. Den Kopf hält er meistens gesenkt.

 

Manchmal grüßt die Frau mit den karierten Hosen. Manchmal nicht. Oft so, dass er sich nicht sicher ist. Rainhard wäre lieber, sie würde ihn nie grüßen. So versetzt es ihn nur in Unruhe. Er denkt dann, es gäbe Gründe. Ursachen. Immer denkt er über Ursachen und Gründe nach. Das viele Herumstudieren habe ihn krank gemacht, sagt seine Mutter, und sie meint nicht das abgebrochene Physikstudium und die drei Semester VWL. Jetzt sitzt seine Mutter beim Buure-Zmorge und spricht mit ihrem Bruder über Asylanten, Protestanten und abwesende Verwandte. Die Frau grüßt die Kellnerin, die vor dem Piazza steht, sie grüßt sie sichtbar und deutlich, er kann es bis hierher erkennen. So grüßt man. Wenn sie ihn so grüßen würde, wäre es okay.

 

Ihr Stammplatz ist frei, Alexa bestellt Cappuccino und Gipfeli und setzt ihre Brille ab, die neue Brille mit dem größeren Rahmen und den stärkeren Gläsern. Sie wollte sie erst gar nicht aufprobieren, eine solche Brille vor ihren eng stehenden Augen, da sehe ich wie eine schielende Comicfigur aus, hat sie zu Zoltan gesagt, aber jetzt trägt sie nur noch auf der Bühne Kontaktlinsen. Oder bei Feiern. Sie öffnet die To-do-Liste und überlegt, was in welcher Reihenfolge zu tun ist. Text, Tankstelle, Aufräumen. Für die Küche allein wird sie eine Stunde brauchen. Dann die Bierbänke und -tische. Das hätten sie gestern zu zweit machen sollen. Die Bänke schafft sie vielleicht ohne Hilfe, aber niemals die Tische. Lichterketten, Lampions, Sonnensegel, all das kann sie erst installieren, wenn die NZZ sagt, dass es nicht mehr regnen wird. Den Mansardenkühlschrank kann sie auffüllen. Die Bowle ansetzen. Und Musik. Musik ist das Wichtigste. Und wenn wieder nicht getanzt wird, ist sie die längste Zeit Gastgeberin gewesen. Institution hin oder her.

Als der Cappuccino vor ihr steht, nimmt sie den Ausdruck aus der Tasche. Das Guggisberglied ist den Schweizern heilig. (Oder vielleicht nicht den Schweizern. Vielleicht auch nicht heilig.) Adrian liebt es. Evelyne liebt es. Zoltan findet es am schönsten in der Version von Sophie Hunger. Und sie wollte es immer schon gern singen. Nicht auf Berndeutsch natürlich. Gut. Ja. Bisschen witzig, bisschen politisch, hat Adrian gesagt, als sie ihm ihre hochdeutsche Version zeigte. Und auf ihre Nachfrage hin (warum muss sie auch immer nachfragen), dass das ja auch keine einfache Vorlage sei. Beim Refrain und der ersten Strophe hat er das Versmaß kritisiert. Aber das hat sie erst mal von sich gewiesen. Schließlich ist sie die Songschreiberin in der Familie. Er ist der Mann mit dem absoluten Gehör, der geniale Bassist des genialen Trios, von dem manche Leute dachten, es würde The next Big Thing. Bis er sich für die Medizin entschied. Nicht ganz. Aber doch so, dass fast nur noch die Donnerstage in der Hotelbar geblieben sind, die gemeinsamen Auftritte mit ihr sind auf zwei oder drei im Jahr zusammengeschrumpft, seit es Robert gibt. Sie singt den Refrain vor sich hin: „Die Anna-Verena aus Rüschlikon. Und der Hashim-Elmedin aus Wiedikon.“ Ist doch okay, das Versmaß … Sie hat keine Ruhe jetzt, die Musik lenkt sie ab, sie trinkt ihren Cappuccino aus.

Monica hat gemailt, dass sie Shirin mitbringt, ihre erwachsene Tochter. Und endlich auch Nachricht von Jan und Delia. Jan ist krank, Delia kommt trotzdem. Zum Glück nicht umgekehrt (Männer-Frauen-Verhältnis hin oder her). Delia ist zwar keine gute Freundin, sie sehen sich nie zu zweit, aber wann immer sie Delia begegnet, hat Alexa dieses Gefühl, dass es ein Segen ist, eine Frau zu sein, ein besonderes Glück. Es ist dasselbe Gefühl, das sie hat, wenn sie Marlene hört, Etta, Susan oder Regina. Wenn sie die Bücher ihrer Lieblingsautorinnen liest. Und Zoltan kommt vielleicht mit Liane Steffen, heute Abend. Weil sie morgen in Wetzikon liest und er (als ihr langjähriger Lektor) sich kümmern muss. Und sie selbst hat ja Bring sie doch mit gesagt, als er davon erzählte. Weil er sonst vielleicht nicht gekommen wäre? Weil man die Anwesenheit von Liane Steffen als Erfolg werten könnte, wie die Polizei auf dem Dach? Weil sie gern mit ihr sprechen würde? Aber doch nicht auf der eigenen Party. Wie soll sie nachts um eins mit Evelyne Patent Ochsner singen, wenn auf der anderen Seite der Dachterrasse Liane Steffen ein Cüpli trinkt? Wie soll sie ihr Lied singen? Ihr kitschiges Lied. Das denkt sie selbst. Bisschen politisch – leider kitschig (was ja nicht selten zusammenkommt). „Zahlen, bitte!“, ruft sie. Die Kellnerin nickt und summt weiter, sie summt immer zwischen Kaffeemaschine und Tischen und Kasse, sie legt auch die beste Musik auf, deshalb ist sie Alexas Lieblingskellnerin, obwohl es andere gibt, die aufmerksamer sind, die schon den Cappuccino machen, wenn sie sehen, dass Alexa auf das Café zusteuert.

 

Klaus sieht, wie Alexa in ihrem Portemonnaie kramt, wie sie ihre Brille auf dem Tisch liegen lässt und noch mal kehrtmacht, sie aufsetzt. Jetzt lächelt sie, hat ihn gesehen. „Hallo Klaus“, sagt sie, „wieso hast du nicht gewunken? Ich erkenn dich doch nicht ohne Brille.“ – „Du sahst so beschäftigt aus. Und hast vor dich hin gesprochen.“ – „Nicht gesprochen“, sagt sie, „gesungen.“ Vor einigen Wochen hat er eine CD von ihr gekauft, aber er hört doch lieber Klassik oder richtigen Jazz. Tolle Stimme, aber die Texte fand er zum Teil etwas kryptisch, außer natürlich die von Friedrich Hollaender. „Ich feile noch an einem Lied für heut Abend.“ Sie tritt doch wohl nicht bei einer Bundesfeier auf. „Hast du nicht auch Lust, zu meiner Party zu kommen? Ich schick dir noch die Einladung, wenn du mir deine Mail-Adresse gibst. Die hab ich nicht, oder?“ Er hat Alexa vor einem Jahr schon seine Karte gegeben, aber gleich gedacht, dass sie die verlieren würde. „Kommst du? Ich würde mich freuen. Adrian sicher auch.“ Er hat nichts vor am 1. August, er mag weder Krach noch Reden, noch nationale Symbole. Adrian hat er seit der Schule nicht mehr gesehen. Er sagt trotzdem, dass er kommen wird. Und diktiert ihr die E-Mail-Adresse, die sie gleich in ihr Telefon tippt.

 

Alexa bezweifelt, dass Adrian sich freuen wird. Als sie ihm vor ein paar Monaten erzählte, dass sie im Café einen seiner früheren Schulkollegen kennengelernt hat, musste er nachdenken. Die letzten beiden Jahre vor dem Gymi? Doch, ja, Klaus. Ein bisschen spießig sei der gewesen. Kam uns sehr deutsch vor, meinte er lachend. Alexa hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Mitschüler seines Sohnes das vielleicht auch über Robert sagen könnten. Aber Adrian war fest davon überzeugt, dass Robert, auch wenn er unglücklicherweise erst seit drei Jahren in seinem Einflussbereich sei, unmöglich ein Spießer sein könne. Sie hatte behauptet, als Teenager könne man sowieso noch kein Spießer sein, und war froh gewesen, dass er nicht wissen wollte, was aus Klaus geworden ist. Nun kann er sich selbst ein Bild machen.

Ein Gast (Mann) mehr, aber sonst ist sie nicht weitergekommen. Immerhin hat sie gefrühstückt. Diese Knaller. Frauenfürze sagen sie hier. Lady Cracker. Bei Kindern versteht sie ja noch die Freude, aber die Jungs da drüben bei der Rund-um-den-Baum-Bank sind kaum jünger als Robert. Der Mann, der immer raucht, sitzt immer noch vor dem Kiosk, und sie nickt ihm zu. Er verzieht leicht den Mund, einmal hat er sogar zurückgelächelt, als sie gegrüßt hat. Das Telefon summt in ihrer Jackentasche. Jessica. Jessica wird doch nicht absagen. „Schon unterwegs?“ Wo sie denn da rumlaufe, das klinge ja wie im Krieg. Alexa biegt ab, entfernt sich von den Halbwüchsigen. „Idaplatz. Und ich hab übrigens grad noch einen einzelnen Mann eingeladen.“ Klaus und Jessica: auf gar keinen Fall. Nicht mal ein angeregtes Gespräch kann sie sich vorstellen zwischen den beiden. Deshalb rufe sie an, sagt Jessica. Sie bringe selbst einen mit.

 

Jessica hätte es viel lustiger gefunden, Brad einfach mitzunehmen, als Überraschung. Doch das wollte er auf keinen Fall, und eben hat Brad sie beinahe genötigt, Alexa Bescheid zu sagen. „Rate mal, wen?“, fragt sie. Und sagt dann aber gleich, dass Brad in Zürich ist, weil sie jetzt gar keine Zeit hat für Ratespiele. Das Geräusch, das Alexa macht (wie ein Aufstoßen beinahe), kann sie nicht deuten, zu der Begeisterung, die sie erwartet hat, passt es auf jeden Fall nicht. „Super“, sagt Alexa. „Super. Dann bringst du ihn mit.“ Wenn Brad nicht neben ihr stünde (ohnehin schon so unentspannt aussähe), würde sie jetzt sagen, dass er noch immer ’ne gute Falle macht und man bestens die Nacht mit ihm durchtrinken kann (beruhigend findet sie, dass man auch ihm den Kater inzwischen ansieht). „Wir fahren erst noch zum Rütli“, sagt sie stattdessen, „aber spätestens um acht sind wir da.“

 

Dass er genau jetzt nach Zürich kommen muss, genau jetzt, denkt Alexa. Sonst hätte sie nichts davon mitbekommen. „Zum Rütli? Habt ihr denn keine Angst vor den Nazis?“, fragt sie und versucht sich wieder zu beruhigen. „Längst vorbei“, Jessica lacht. „Und heute redet ja Sommaruga. Da wird sich auch der SVP-Auflauf in Grenzen halten. Brad wollte das immer schon erleben“, fügt sie hinzu. Ausgerechnet Jessica, die sie all die Jahre wegen ihres Fests aufgezogen hat, wegen der rot-weißen Deko und der hart gekochten Eier mit Schweizerkreuzen drauf, fährt mit Brad zum Rütli. „Hast du alles im Griff?“, fragt sie jetzt, und Alexa ist froh, dass sie in ihr halbfröhliches Jammern verfallen kann, dass sie erzählen kann, wie sie natürlich noch nirgends sei und was sie noch alles machen müsse und das Wetter. „Ist Brad bei dir?“, fragt sie dann trotzdem. „Liebe Grüße.“ Ja, der sei grad zum Rauchen auf den Balkon. Sie müsse noch mal schnell ins Theater, aber dann würden sie ein Mobility-Auto nehmen. „Gleich bei dir ums Eck“, sagt Jessica. Und dann, dass die Party sicher besser werde als die letzte. Und das Wetter sei doch noch nie ein Problem gewesen. Sie nehme aber sicherheitshalber die Gummistiefel mit auf die Wiese. „Wer weiß, wie der Acker nach dem Regen letzte Nacht aussieht.“ Brad habe natürlich nur die schönen italienischen Schuhe dabei. Alexa wünscht ihnen viel Spaß, letztes Jahr, sagt sie, wäre sie vielleicht mitgekommen, aber jetzt, wo sie das Einbürgerungsgespräch hinter sich hat, und dann fallen ihr noch die Blumen ein. „Forever changing one’s aspect to the sun? Danke dir!“ Und Jessica lacht. „Genau“, sagt sie, „und sorry. Ich vergesse immer, dass du nicht am Tag selbst Geburtstag hast. Brad hat mich dran erinnert.“ Und dann sagt sie, dass sie jetzt aber echt losmüsse, und legt einfach auf.

Alexa hat gar nicht gemerkt, wie sie die Kalkbreitestraße überquert hat, dass sie schon bei der Seebahnstraße angekommen ist. Sie haben sich drei Jahre nicht mehr gesehen. Nie darüber gesprochen. Brad ist wie ein Dorn im Fuß, an einer Stelle, die selten belastet wird. Oder besser: das mit Brad. Wenn sie mal eine Weile nicht dran denkt, wenn sie mal keine Schuldgefühle gegenüber Adrian hat, keine Angst, dass er doch noch davon erfahren könnte, wenn sie mal nicht denkt, dass sie es ihm vielleicht erzählen sollte (und Evelyne, die nur die Hälfte weiß, fand immer: auf keinen Fall), wenn ihr Glück mit Adrian so groß ist, wenn sie abgelenkt ist von der Musik, den Auftritten, neuerdings auch den Reisen, wenn sie schreibt, wenn sie genug Erfolg hat, Bestätigung bekommt, wenn eine Zeit (und die letzten Wochen und Monate waren so eine Zeit) ohne jeden Gedanken an Brad verstreicht, dann wacht sie mit Sicherheit irgendwann auf und hat von ihm geträumt. Manchmal etwas Irritierendes. Oft etwas völlig Banales. Sie wacht auf nach so einem Traum und Adrian liegt neben ihr, den Mund leicht geöffnet, ein paar Kissenfalten im Gesicht, sonst keine Falten oder vielleicht unter dem Dreitagebart, Adrian, den sie fast immer so schön findet, auch dann, wenn das Schönste an ihm nicht sichtbar ist, sein Blick, sein vertrauensvoll wachsamer Blick, seine waldgrünen Augen (Green are your eyes in the morning when you rise, singt sie manchmal für ihn). Adrian, der keine Ahnung hat oder vielleicht doch eine Ahnung. Schau mal, der Brad, an der Haltestelle, hat er gesagt, nur ein paar Wochen danach, und da hing er wirklich, im Weltformat, und machte wieder mal Werbung für die Bank. Sie will nicht, dass Adrian und Brad sich begegnen. Schon Adrian wegen hätte sie Nein sagen müssen. (Aber wie hätte sie Nein sagen können? Es sei schon zu voll? Das Geländer zu niedrig für Männer über eins neunzig?)

Sie steht vor der Tankstelle. Kohle und Anzünder. Was noch? Soll sie einen Vulkan kaufen? Vielleicht, wenn sie Brad vorher sieht, alles ganz locker ist. Sie schreibt ein SMS. Wenn das noch seine Nummer ist, wenn er sein Schweizer Handy noch hat. Er war doch sonst wo, in Italien. Falls er nichts zu tun habe, schreibt sie, während Jessica im Theater ist, ob er sie nicht besuchen wolle. Das Mobility-Auto stehe ja keine dreihundert Meter von ihrer Wohnung entfernt. Und Sekunden später sein Ja. Jessica mache sich gleich auf den Weg, er komme gern kurz vorbei. Er kann mit den Biertischen helfen, denkt Alexa. Im Ernst? Warum hat sie das jetzt gemacht? Mit den Biertischen helfen. Um ihn davon abzuhalten, auf die Party zu kommen?

Vor ihr in der Schlange der junge Mann dreht sich um, wippt nervös auf und ab, volle geschwungene Lippen, wie sie früher. Überhaupt ein schönes Gesicht, vielleicht fällt es ihr umso mehr auf, weil auf seiner linken Wange drei tiefe Narben zu sehen sind. Wie viel Mühe sie sich gibt, um ihre eigenen zu verbergen. Und diese Narben zeugen nur von einer schwierigen Pubertät, nicht von Verletzungen – oder zumindest nicht von physischen. Ihm muss irgendwas zugestoßen sein. Auf Mitte zwanzig schätzt sie ihn. Aus dem Maghreb wahrscheinlich. Die Zigaretten, die er kauft, hat sie noch nie gesehen. Sie hat Brad eingeladen. Ist sie verrückt? Aber er bleibt ja nicht lang. Was macht er bei Jessica? Sie hat immer gedacht, dass die beiden zusammenpassen würden, optisch auf jeden Fall, auch wenn Jessica zwei Köpfe kleiner ist als er, beide auf diese natürliche Weise gut aussehend, ohne Aufwand. Und damals, bei der Dreirappenoper, hat Jessica ihr gesagt, dass sie mit ihm ins Bett wolle. Statt Ich mache das Bett für jeden hat sie (allerdings ziemlich betrunken) Ich mach es für Brad, nicht für jeden gedichtet. Bloß war der damals in festen Händen, und sie war es, die die Seeräuber-Jenny sang, während Jessica noch Assistentin in der Dramaturgie war. Jetzt ist Jessica Schriftstellerin. Dramatikerin. Gut. Mutig. Hat nur viel zu wenig Erfolg. Was Brad ja auch immer fand. Der junge Mann mit den Narben steht neben dem Eisbehälter und starrt auf ein altes Handy. Eis? Braucht sie Eis? Der Kühlschrank ist doch so klein. Es knallt. Ein heftiger Knall. Und sein Blick, seine braunen, geschminkt wirkenden Augen so voller Angst, dass sie das Bedürfnis hat, ihm die Kinder mit den Feuerwerkskörpern zu zeigen, auf der anderen Straßenseite, andere Kinder, jüngere diesmal. Die viel zu nah an der Tankstelle zündeln. Er hat sie schon selbst gesehen und lächelt. Lächelt Alexa einen kurzen Moment an und schiebt dann das Handy in die Hosentasche.

 

Besser, er ruft Zoltan noch nicht an, denkt Kamal. Die Rotachstraße ist ganz in der Nähe. Besser, er steht schon vor der Tür, wenn er ihn anruft. Er wartet auf Grün, müsste hier bloß geradeaus, die große Straße entlang, aber da kommt ihm sicher ein Polizeiauto entgegen. Er glaubt nicht, dass sie eine Fahndung rausgeben. Aber er ist oft genug einfach so angehalten worden. Am schlimmsten vor einem Jahr, im Juli war das, bei der Bäcki. Hände gegen die Wand. Beine auseinander. Wieso er bitte lachen würde. Und er hat auf das Schild von Amnesty International gezeigt, zwischen dem Nachtclub und dem Amnesty-Büro haben sie ihn durchsucht. Irgendwer soll ihn dealen gesehen haben.

Sauna Mylord. In Regenbogenfarben. Vollkommen eindeutig. Er war mit Rashid mal im Hammam Guerin. Dass es ein Treffpunkt ist, wäre bekannt. Aber da würde sich keiner drum kümmern, hat Rashid gesagt. Seit der Revolution schon gar nicht. Das sei hier nicht wie bei ihm in der Wüste, bei seinen verkleideten Verwandten. Amir al Sahra hat Rashid ihn genannt. Wüstenprinz. Rennpferde heißen so. Aber Rashid ist davongerannt. War auf einmal weg. Nicht mehr zu erreichen. Sein Facebook-Profil gelöscht. Wenn er wüsste, wo Rashid hingegangen ist, wäre er nicht hier. Manchmal denkt er, Rashid ist tot. Er hätte sich sonst doch gemeldet.

An diesen Glashäusern ist er noch nie vorbeigekommen. Zoltan hat ihn schon ziemlich am Anfang zu sich nach Hause eingeladen. Er war willkommen. Und er kann nicht in die Autonome Schule. Da ist Sommerpause. Und wahrscheinlich trotzdem noch Polizei. Immer ist überall Polizei. Diese langsam fahrenden Autos. Er spürt es im Rücken, wenn sich so ein langsam fahrendes Auto nähert. Das Handy sollte er loswerden. Es hat zwar kein GPS. Aber sie können einen ja immer orten. Er hat genug Fernsehen geschaut in der Unterkunft, Fernsehen hilft beim Deutschlernen. Ohne Zoltan wäre er längst nicht so gut.

Jetzt muss er doch wieder über so eine große Straße. Und die Fahnen, die überall hängen, an Masten und aus den Fenstern. Rot und weiß wie die Fahne zu Hause, die ständig ihre Bedeutung wechselt. Er weiß nicht, was das Schweizerkreuz bedeutet, aber er würde sofort diesen 1. August mitfeiern. Wenn sie die Beschwerde nicht auch noch abgelehnt hätten. Jetzt gebe es nichts mehr zu machen, hat der Anwalt gesagt. Jetzt sei er illegal hier. Er kann nur noch untertauchen. Komm nicht zu den Containern, hat Anissa geschrieben. Vielleicht haben sie da schon nach ihm gesucht. Zum Bahnhof geht auch nicht, da kann er sich gleich im Ausschaffungsgefängnis melden. Das ist es ja, was sie ihm nicht glauben, dass sie ihn in Tunesien ins Gefängnis stecken. Er könne das nicht beweisen. Dass es mit seiner sexuellen Orientierung zu tun gehabt hätte (Sodomie sagt hier niemand). Es hatte aber damit zu tun. Sie haben ihn nicht behandelt wie einen, der Touristen beklaut. Das war das Schlimmste, wie sie ihn angeschaut haben, als er nach Hause kam. Nein. Nicht das Schlimmste. Das Schlimmste kann er nicht so erzählen, dass es wie das Schlimmste klingt. Niemandem. Nicht mal Zoltan, der ihm helfen wollte, neue Fakten für die Beschwerde zu formulieren. Er hatte es gut mit den Leuten in der Schule, bei der Papierlosen Zeitung, er weiß nicht, wieso er nicht mehr hingegangen ist. Nicht mehr mitgeschrieben hat. Mitdemonstriert. Er hatte keine Kraft mehr. Ohne Zoltan hätte er sowieso längst aufgegeben. Der Mann, der da vorne steht. Er hätte doch nicht hierhergehen dürfen. Die kommen ja nicht unbedingt in Uniform. Aber es weiß doch niemand von den Einzelstunden. Nicht mal in der Schule. Wir haben hier keine Geheimpolizei, hat Zoltan einmal gesagt. Und dann aber auch, dass der letzte Überwachungsskandal noch nicht so lange zurückliegen würde. Kamal geht über die Rotachstraße hinweg und wählt Zoltans Nummer.

 

Zoltan ist noch nicht lange wach. Heute durfte er ausschlafen, morgen dürfen sie ausnahmsweise beide, falls die Kinder bei den Nachbarn frühstücken. Nicht sehr wahrscheinlich. Es ist Kamal. „Moment“, sagt Zoltan und verlässt das Zimmer, das macht er immer, wenn er telefoniert, der Geräuschpegel ist meistens zu hoch, oft ist es beruflich. Kamal klingt, als wäre er gerannt. Er sei in der Nähe. Ob er raufkommen könne. Falls der Mann nicht mehr an der Ecke stehe. „Welcher Mann?“, fragt Zoltan und schaut aus dem Fenster, da schiebt nur eine alte Frau ihren Rollator vor sich her. „Raufkommen geht leider nicht“, sagt er, natürlich will er Kamal sehen. Der schlechter klingt als sonst, fast so wie damals, als ihm der betrunkene Teenager ins Gesicht geschlagen hat. „Ich komme runter“, sagt Zoltan, „drei Minuten. Kennst du das Plüsch?“ Kamal sagt, er warte bei diesem Hi-Fi-Laden, und legt auf. Zoltan steigt in die Jeans, zieht den Pullover an, von dem Kamal mal gesagt hat, der habe eine schöne Farbe. Er hat noch nicht mal geduscht, die Haare nicht gewaschen. Egal, er setzt ja die Kappe auf. „Was machst du?“, fragt Martina. „Ein Notfall. Schule“, antwortet Zoltan, „bin gleich wieder da.“ – „Kamal?“, fragt sie, und er nickt.

 

Martina findet gut, dass Zoltan sich in der ASZ engagiert, dass er so ist, wie er ist, dass er sich ein Bein ausreißt für alle, ob es seine Autorinnen und Autoren sind oder die Geflüchteten, denen er Deutsch beibringt. Manchmal denkt sie, weil er das macht, die Kurse in der Autonomen Schule, die ganze Freiwilligenarbeit, und weil er dort Zeit verbringt, die ihr oder ihnen allen fehlt, dass sie deshalb auch irgendwie ihren Teil tut. Sie hat keine Zeit für so was, der Job, die Kinder, und sie macht doch immer ein bisschen mehr zu Hause, obwohl sie es aufteilen wollten, obwohl sie sich geschworen hat, dass sie eine gleichberechtigte Familie sein werden, dass sie nicht in die Falle tappen wird. Und Zoltan der Mann dafür, sie kennt kaum einen, der das selbst so sehr vertritt, außer vielleicht Adrian. Aber die haben keine Kinder, die beiden, nur neuerdings einen Wochenendteenager. Die Party. Sie hat versprochen, einen Salat mitzubringen. Wieso macht sie den Salat für die Party von Zoltans bester Freundin? Zoltan winkt den Kindern. Leonie kommt in die Diele. „Gehst du zum Spielplatz?“, fragt sie.

 

Zoltan lacht. „Doch nicht ohne dich. Ich muss noch was besorgen.“ Leonie nickt ernsthaft, als wisse sie, wovon er spricht. Martina ist im Bad verschwunden. Offenbar erachtet sie diesen Abschied nicht für abschiedskusswürdig. Es gibt diesen furchtbaren Gedanken, auf der Treppe kommt er ihm einmal mehr in den Kopf, dass alles wieder normal sein wird, wenn Kamal nicht mehr hier ist. Ausgeschafft. Es heißt ausgeschafft. Wenn Kamal irgendwie nach Frankreich kommen könnte. Aber was würde ihm das helfen, mit der ganzen Dublin-Scheiße. Wo könnte er hin?

Da steht er, so zierlich und klein, vor dem Schaufenster mit den Stereoanlagen. Sieht von Weitem nicht aus wie dreiundzwanzig. Jetzt hat er ihn gesehen, dreht sich um und lächelt wahrscheinlich. Es war Martina, die es ausgesprochen hat, nachdem Kamal letzten Frühling bei ihnen zum Kaffee war, engelhaft, ein Wort, von dem er sich nicht vorstellen kann, dass er es irgendeinem seiner Autoren durchgehen ließe, schon gar nicht in diesem Zusammenhang. Ein schöner Mensch, hat sie auch noch gesagt. Das war ihm fast ein bisschen zu viel der Begeisterung gewesen.

„Merci“, sagt Kamal, „merci, dass du gekommen bist.“ Und Zoltan denkt, dass er ja kommen musste, gar nicht anders konnte, irgendwie (bloß nicht aus den richtigen Gründen). Manchmal befürchtet er, dass Kamal das auch weiß, dass er genau weiß, was mit ihm los ist. Und manchmal hofft er sogar, dass Kamal es weiß (vielleicht sogar besser versteht als er selbst). Dass er die zufälligen oder absichtlichen Berührungen früher in der Klasse oder zuletzt, wenn sie zu zweit in irgendeinem Café vor dem Übungsbuch saßen, genauso wahrgenommen hat wie er. Kamal umarmt ihn kurz. Er riecht anders als sonst, nicht unangenehm, gar nicht. „Lass uns ins Plüsch gehen, ist nicht weit“, sagt Zoltan, und Kamal nickt, als ob er an etwas anderes denken würde. „Irgendwohin, wo keine Polizei ist“, sagt er. Und Zoltan versichert ihm, dass er in all den Jahren, in denen er schon ins Plüsch geht, dort noch nie einen Polizisten gesehen hat. Und dann fallen ihm die beiden Soldaten ein, die vor einigen Wochen draußen vor dem Lokal saßen, die Sturmgewehre an die Glasscheibe gelehnt, die einen Kaffee getrunken haben, bevor sie in den Bus stiegen.

 

Zoltan fragt nicht, was los ist. Und Kamal weiß nicht, wie anfangen. „Geht es dir gut?“, fragt er. Warum fragt Zoltan ihn nichts? Und warum gehen sie jetzt in dieses Café? Zoltan sieht ihn überrascht an. „Ja“, antwortet er, „alles gut, viel Arbeit, wie immer, aber sonst gut.“ Zoltan hat immer zu viel Arbeit. Und er keine, denkt Kamal, er darf nichts tun, er bekommt Taggeld, Nothilfe jetzt, aber er darf nichts tun. Und das allein hat ihn oft schon wahnsinnig gemacht. So viel Zeit. So wenig Möglichkeiten. Zoltan hat ihm manchmal Manuskripte zum Lesen gegeben und nach seiner Meinung gefragt. Was nett gemeint war. Aber doch nicht ernst. Nicht wirklich. Er hat nie gewusst, was er sagen soll, nicht mal, wenn er das meiste verstanden hat.

 

Was passiert ist, über all das, was sowieso schon passiert ist, hinaus, fragt sich Zoltan, ob jetzt passiert ist, was nicht passieren darf. Aber Kamal scheint warten zu wollen, bis sie im Café sitzen. Wenn keine Abzweigung in der Nähe ist, geht er so schnell, dass Zoltan kaum mithalten kann, wenn eine in Sicht kommt, schaut er ihn fragend an. „Musst du sogar am Nationalfeiertag arbeiten?“, fragt er jetzt, und Zoltan lacht. „Irgendwie immer. Feiertag. Sonntag. Morgen muss ich eine Autorin zu einer Lesung begleiten.“ Eigentlich besteht Martina darauf, dass er samstags und sonntags nicht arbeitet. Nicht richtig arbeitet. Lesen ist in Ordnung, lektorieren nicht. Mails auf keinen Fall. Wenn er nicht immer zurückschreiben würde, würden sie vielleicht auch nicht mehr anrufen, am Wochenende, seine Autoren, sagt sie. Das ist das Einzige, was er bis jetzt geschafft hat: am Wochenende nicht ans Telefon zu gehen.

 

„Wieso eigentlich der 1. August“, fragt Kamal, „ich weiß schon, der Schwur Zwölfhundertirgendwas, aber wieso genau an diesem Tag?“ In Tunesien haben sie für jede Befreiung einen eigenen Feiertag. 1956, 1987 und 2011. „Oje, keine Ahnung, reine Willkür, nehme ich an“, antwortet Zoltan und zeigt auf das Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Willkür. Das ist ein Wort, das er schon gehört hat, vielleicht auch gelesen. Aber er weiß nicht, was es bedeutet. „Willkür. Beliebigkeit. Das Gegenteil von …“ Zoltan nimmt seine Kappe ab und setzt sie wieder auf. „Auf Französisch ist es L’arbitraire“, sagt er, „Le Fait du Prince.“ Das kennt Kamal. Das kennt er gut. „Willkür“, wiederholt er. Zoltan hält ihm die Tür zum Café auf.

 

Die Kellnerin, deren Namen Zoltan nicht weiß, obwohl er sie fast jeden Tag sieht, lächelt und nimmt die laktosefreie Milch aus der Kühlschublade. Er fragt Kamal, ob er Tee möchte, aber der will auch einen Kaffee. Als sie endlich sitzen, in der hintersten Ecke und Kamal mit dem Rücken zur Tür, sagt er: „Ich kann nicht mehr in die Unterkunft. In die Schule auch nicht.“ Zoltan erschrickt. Er weiß im selben Moment, was von ihm erwartet wird, was er selbst von sich erwartet, was auch Martina jetzt antworten würde. „Aber der Anwalt hat doch noch mal geschrieben, oder nicht? Er hat doch zumindest Zeit rausgeschlagen?“, fragt er und sieht, dass der dunkle Rand unter Kamals Fingernagel eingetrocknetes Blut ist, die Nagelhaut eingerissen. Kamals Hände, die sich dauernd bewegen, er würde sie gern festhalten, damit sie ruhig bleiben, damit er sich nicht mehr wehtut, er würde sie gerne halten. Kamal schüttelt den Kopf. „Er hat nochmals einen Brief geschrieben, das schon“, aber seine zweite Frist sei abgelaufen. Und bei Daoud sei es doch genauso gewesen. „Sie haben ihn eingesperrt, nur ein paar Wochen nach der zweiten Ausreiseverfügung.“ Zoltan weiß, wie das läuft. Er weiß es doch. Und trotzdem. Daoud war ein anderer Fall. Bei dem haben alle mit negativem Bescheid gerechnet. Mit Ausschaffung auch. Aber nicht bei Kamal. Den können sie doch nicht ernsthaft zurückschicken. „Ich weiß nicht, wohin“, sagt Kamal. „Kann ich erst mal für zwei, drei Nächte zu euch?“ Jetzt legt er seine rechte Hand in die Mitte des Tischs, und Zoltan lehnt sich zurück, sein Bein berührt das von Kamal. Oder ist es der Tisch? Kamal kann nicht bei ihm schlafen. Er kann nicht im Nebenzimmer schlafen. Duschen, während er in der Küche mit Martina frühstückt. Noch da sein, wenn Martina und die Kinder gegangen sind. „Tut mir so leid“, sagt er und sieht sofort, dass Kamal damit nicht gerechnet hat, dass er dachte, dass Zoltan nicht Nein sagen wird, dass er doch nie Nein gesagt hat. In Tunesien würde niemand solch eine Bitte abschlagen, denkt Zoltan jetzt auch noch. Oder doch? Vielleicht doch, wenn sie von einem jungen Verwandten kommt, der offen schwul ist. „Martinas Eltern kommen heute“, sagt er, „ausgerechnet heute, tut mir so leid.“ Müsste man nicht sogar, wenn das stimmen würde, eine Möglichkeit finden, so wie sie wohnen? Aber er kann nicht, Martina würde es merken. „Was ist mit Patricia, Patricia hat Platz“, sagt er, atemlos und erleichtert. Patricia ist eine gute Idee. „Ist in Paris“, antwortet Kamal, „sie ist nicht da.“

 

Zoltan lügt. Kamal hat es ihm angesehen. Hat er selbst Angst vor der Polizei? Oder vor seiner Frau, mit der er immer alles abspricht? Ob sie ihn nicht dahaben will? Den schwulen Tunesier. Das kann er sich nicht vorstellen. Als er sie kennenlernte, hat sie ihm viele Fragen gestellt, zur Revolution, was davon geblieben sei. Offen. Interessiert. Und sie hat ihn, ohne ihn zu kennen, zu sich nach Hause eingeladen, keine Selbstverständlichkeit in der Schweiz, wie er inzwischen weiß. „Vielleicht hat Patricia ja irgendwo einen Schlüssel hinterlegt“, sagt Zoltan und holt das Handy hervor, „soll ich sie anrufen?“ Hier fällt er auf, denkt Kamal. Hier kann er nicht bleiben. Alle in diesem Raum sind weiß. Aber vielleicht gibt es auch keine größere Sicherheit für ihn als die Gesellschaft von Zoltan, der trotz seines Barts so unverdächtig aussieht, wie es nur geht. Er nickt. Aber er macht sich keine Hoffnung. Zoltan war seine Hoffnung. Zoltan, der jetzt seiner Kollegin dieselbe Lüge erzählt. Er versteht das nicht. Zoltan war immer für ihn da. Und jetzt? Wo es drauf ankommt. „Da kann er nicht hin“, sagt er gerade, und dann wieder Patricias schnelles und aufgeregtes Reden. Zoltan sieht alt aus auf einmal. „Der wohnt doch noch zu Hause“, sagt er. Und dann, dass er schon eine Lösung fände, dass sie den Schlüssel nicht schicken müsse, noch nicht, er verabschiedet sich. „Sie hat ihren Zweitschlüssel bei den Nachbarn, aber die sind im Tessin“, sagt Zoltan zu ihm, „aber sie denkt nach und meldet sich wieder.“

 

Sie meldet sich wieder. Aber wie soll sie ihm helfen, denkt Kamal. Sie ist in Paris. Er steht auf. Er versteht das nicht. „Warte! Wo willst du jetzt hin?“, fragt Zoltan. Er nimmt seinen Rucksack. „Keine Ahnung“, sagt er, „aber ich kenn ja noch ein paar andere Menschen.“ Natürlich kennt er Leute, aber die meisten wohnen selbst in Unterkünften. In Bunkern mit Wachpersonal. Oder er traut ihnen nicht. Zoltan ist sein einziger richtiger Freund, seit Daoud weg ist. Zoltan, der gerade zwei Hunderter aus der Gesäßtasche zieht. „Geh in ein Hotel, irgendein unauffälliges, geh nicht Richtung Langstraße. Vielleicht ins Gute Glück. Gleich hier ums Eck. Oder ins Für dich, nein, nicht ins Für dich, geh ins Kafi Schnaps, das ist oben beim Schaffhauserplatz.“

Aber er will das Geld nicht annehmen. Er hat kein Problem damit, wenn Zoltan ihm Bücher schenkt. Er hat auch kein Problem damit, wenn Zoltan ihn einlädt, wenn sie (weil Zoltan das will) in ein schickes Café gehen, aber jedes dritte Mal, wenn sie zusammen gelernt haben, sind sie zu Hassan, und dann hat er den Tee bezahlt. Bester Tee in der Stadt. „Ich muss los“, sagt Zoltan, so verzagt, als wäre man hinter ihm her, „Martinas Eltern. Bitte geh ins Hotel. Und ich ruf dich an.“ Er nimmt das Geld, und Zoltan umarmt ihn, drückt ihn so fest, dass es unangenehm ist, Zoltan weiß manchmal nicht, wo sein Körper anfängt und aufhört.

 

„Danke“, sagt Kamal und geht raus. Zoltan sieht ihm zu, wie er sich umschaut und dann nach links bewegt, er sollte mit ihm an der Bushaltestelle warten, aber zuerst muss er zahlen. Wo soll er ihn unterbringen? Soll er mit Martina reden? Behaupten, die Eltern hätten abgesagt. Das kann doch Kamal egal sein. Er könnte es ihm sogar erklären, er könnte ihm fast alles erklären. Kamal ist klug. Und manchmal erscheint er ihm erwachsener als er sich selbst mit seinen siebenunddreißig Jahren. Als er rauskommt, steht Kamal nicht an der Haltestelle, er hätte den Bus doch sehen müssen, wenn inzwischen einer gekommen wäre. Den großen blonden Mann auf der anderen Straßenseite, den kennt er. Woher? Dieses Gesicht. Er hat schon mit ihm gesprochen, bestimmt. Das ist Brad, der Schauspielerfreund von Alexa und Jessica. UBS-Posterboy. Der kann ihm nicht helfen.

Ulrike Ulrich

Über Ulrike Ulrich

Biografie

Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt seit 2004 als Schriftstellerin in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman „fern bleiben“, dem 2013 der Roman „Hinter den Augen“ folgte, und 2015 der Erzählband „Draussen um diese Zeit“. Mit Svenja Herrmann hat sie Anthologien zum 60. und 70. Geburtstag...

Interview mit Ulrike Ulrich

Worum geht es in Deinem Roman?
Es geht um Projektionen, um Vorurteile, Bilder, die jede und jeder sich macht, von anderen und von sich selbst. Wie oft wir uns irren. Um die Konsequenzen von Handeln und Nichthandeln. Und darum, wen wir ein- und wen wir ausschließen, wenn wir Wir sagen. In welcher Gesellschaft wir leben wollen. Und um Liebe. Um Liebe geht es auch.

Warum hast Du Zürich als Ort des Geschehens gewählt?
Zürich ist – wie so viele große Städte – voller Gegensätze und Widersprüche, Zürich steht also auch stellvertretend für die europäischen Metropolen. Eine progressive Stadt, in der die Gesetze einer oft eher konservativ abstimmenden Schweiz gelten. Eine Stadt mit Anspruch auf Weltoffenheit mitten im sich abschottenden Europa. Eine Stadt mit vielen ganz unterschiedlich privilegierten Zugewanderten. Ich fühle mich als Zürcherin mit einem immer wieder staunenden, auch kritischen Außenblick.

Welche Leser*innen wünscht Du Dir für Deinen Roman?
Leser*innen an sich sind ja schon mal wunderbar. Wenn ich es spezifizieren soll, dann vielleicht: Leser*innen mit Offenheit, die bei der Lektüre ihre eigene Position hinterfragen, die sich für Zwischen- und Grautöne interessieren. Für Menschen und ihre Geschichten. Leser*innen, die sich einlassen und auseinandersetzen. So wünsch ich mir auch mich selbst, wenn ich lese. Und schreibe.

Medien zu „Während wir feiern“
Ulrike Ulrich liest aus ihrem Roman „Während wir feiern“
Pressestimmen
Leipziger Volkszeitung

„Ein bezwingendes Buch über das Leben in der Mitte Europas und der Mitte der Gesellschaft - und wie es ist, wenn man dort nicht zugehört.“

Luzerner Zeitung (CH)

„›Während wir feiern‹ ist voller guter Dialoge und dichter Gedanken, die sich in den sehr unterschiedlichen Tonlagen der Figuren mal schnippisch und oft liebevoll anhören, meist schlagfertig, voller Wortwitz, oft cool [...] ein Buch der vielen guten Einfälle, der Zufälle auch.“

Tages-Anzeiger (CH)

„Es ist ein treffender Einblick in ein bestimmtes Milieu der Wirtschaftsmetropole Zürich, mit vielen topografisch präzisen Details.“

Kölner Stadt-Anzeiger

„Eine kluge Gesellschaftsanalyse“

Brigitte Woman

„Dieses Buch ist ein Spektakel!“

Neue Zürcher Zeitung Online

„Das Buch ist eine Odyssee des Ankommens. Es braucht keine abenteuerlichen Reisen, nicht die Weite der Welt, sondern nur die Enge der Schweiz, um zu erzählen, was es erzählen will.“

SRF „Literaturclub“ (CH)

"Es ist ein starkes Buch!“

SRF „Literaturclub“ (CH)

"Vier Mal eine Leseempfehlung"

NZZ Bücher am Sonntag (CH)

„Den Spannungsbogen hat Ulrich großartig konstruiert. Präzise durchorchestriert verflechten sich die Schicksale der Personen und spitzen sich gegen Ende zu.“

Radio Transglobal

„Ein kluges und wichtiges Buch.“

der-kultur-blog.de

„Rasant, humorvoll, wortgewandt und mit einem frauenspezifischen Blick erzählt, versteht es Ulrike Ulrich, die heute wichtigen Themen Migration und Menschrechte in Europa auf unseren Alltag herunterzubrechen, und dabei hält sie uns auch als Nichtschweizerinnen einen Spiegel vor.“

borromaeusverein.de

„Ein intelligentes, sozialkritisches Lesevergnügen“

feinerbuchstoff.com

„Die Gegenüberstellung der Wahrnehmung einer Situation aus der Sicht von mindestens zwei Personen ist prototypisch für den Roman und gleichzeitig nie stereotyp gestaltet, was dazu führt, dass man nach anfänglich angenehm dahinplätschernder Lektüre in einen Sog hineingezogen wird.“

vicecersaliteratur.ch (CH)

„›Während wir feiern‹ ist auf der Ebene der Figurenpsychologie ein feinnerviges und subtil orchestriertes Buch, das präzise das Überlappen von Außenwelt und subjektivem Empfinden festhält.“

Die Zwanzger (A)

„Ulrich schafft es, die Gleichzeitigkeit des Banalen und Existenziellen abzubilden sowie die Hilflosigkeit der Figuren angesichts der Tatsache: Während wir feiern, bangen andere darum, dass wir sie abschieben.“

philosophenstreik.com

„Ein Roman, der weckende Wirkung hat und tief in die Menschen, ja in die heutige Gesellschaft insgesamt hineinschaut, sie analysiert - all diese Tiefe, in die Ulrike Ulrich hier eintaucht, findet statt vor dem ganz alltäglichen Hintergrund der Organisation eines oberflächlichen Ereignisses. G-e-n-i-a-l !“

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