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Schreib doch mal ,hard facts' über dich

Schreib doch mal ,hard facts' über dich

Briefe 1939-1975

Taschenbuch
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Schreib doch mal ,hard facts' über dich — Inhalt

»SIND GERETTET WOHNEN 317 WEST 95 = HANNAH«, schrieb Hannah Arendt im Mai 1941 aus New York an ihren Ex-Mann Günther Anders, der bereits 1936 nach Hollywood emigriert war. Bei allen Unterschieden ihrer philosophischen Theorien blieb für Arendt und Anders gleichermaßen die Erfahrung des Antisemitismus und der Flucht Hintergrund und Movens ihres Schreibens. Dieser Band präsentiert den zwischen 1939 und 1975 geführten Briefwechsel der beiden sowie gemeinsam verfasste oder in thematischer Nähe zueinander entstandene Texte.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.03.2018
Herausgegeben von: Kerstin Putz
288 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31172-4

Leseprobe zu »Schreib doch mal ,hard facts' über dich«

Der vorliegende Band versammelt alle erhaltenen Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders. Die Originalbriefe aus den Jahren 1939 bis 1975 befinden sich im Nachlass von Günther Anders am Literaturarchiv der Österrei­ chischen Nationalbibliothek in Wien und in den Hannah Arendt Papers der Library of Congress in Washington, D. C. Große Teile des Briefwechsels müssen als verloren gelten, aus der ersten Hälfte (1939–1941) sind nur die Briefe an Günther Anders er­ halten und auch diese nicht vollständig. Arendts französischen und [...]

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Der vorliegende Band versammelt alle erhaltenen Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders. Die Originalbriefe aus den Jahren 1939 bis 1975 befinden sich im Nachlass von Günther Anders am Literaturarchiv der Österrei­ chischen Nationalbibliothek in Wien und in den Hannah Arendt Papers der Library of Congress in Washington, D. C. Große Teile des Briefwechsels müssen als verloren gelten, aus der ersten Hälfte (1939–1941) sind nur die Briefe an Günther Anders er­ halten und auch diese nicht vollständig. Arendts französischen und englischen Briefen aus dieser Zeit sind Übersetzungen bei­ gegeben. Unmittelbar zur Korrespondenz gehören zwei Briefe von Arendts Mutter Martha Arendt und ein Brief von Heinrich Blücher, Arendts zweitem Ehemann, an Anders. In den Band aufgenommen wurden außerdem drei Briefe von Günther An­ ders an Lion Feuchtwanger aus dem Jahr 1941, aus denen An­ ders’ Bemühungen um Arendts und Blüchers Rettung aus Eu­ ropa hervorgehen und in denen Anders auch aus einem nicht er­ haltenen Brief Hannah Arendts zitiert. Diese Originalbriefe be­ finden sich in den Feuchtwanger Papers der Feuchtwanger Me­ morial Library an der University of Southern California.
Gemeinsam verfassten Arendt und Anders, der bis in die 1930er Jahre unter seinem bürgerlichen Namen Günther Stern veröffentlichte, einen Aufsatz über Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien. Dieser wurde ebenso in den Band aufgenommen wie beider Rezensionen zu Karl Mannheims Ideologie und Utopie, Anders’ Entwurf für eine philosophische Analyse des Fort­ schrittsbegriffs sowie beider Gedichte im Andenken an Walter Benjamin und ein ihm gewidmeter Erinnerungstext von Günther Anders aus dem Jahr 1950.
 
Vorwort
Für Unterstützung und Hinweise dankt die Herausgeberin Bernhard Fetz, Konrad Paul Liessmann, Reinhard Ellensohn, Christian Dries und Gerhard Oberschlick – diesem, als Nach­ lassverwalter von Günther Anders, auch für die Genehmigung der Publikation.

Kerstin Putz
 


An Günther Anders 1939 bis 1941



1    Hannah Arendt an Günther Anders, Paris, 19.9.1939
19/9/39
Cher Günther –
Je viens de recevoir ta carte et je te réponds pour te rassurer si vite que possible. Nous sommes toujours à Paris, Mutt et moi, et je ferai tout mon possible pour pouvoir rester. Monsieur, mal­ heureusement, a dû se rendre dans un camp où l’on a rassemblé tous les autres ressortissants allem. sans distinction de catégorie. Nous espérons que ça ne durera pas. Benji p. e. se trouve aussi là­bas – je ne sais même pas où – et pour lui ça sera une petite catastrophe. Le peuple est admirable, sans phrase, et comprend très bien notre situation. Rien n’est encore décidé à notre égard, sexe féminin; mais il est naturellement fort possible que nous serons aussi «rassemblées». Ce n’est pas une raison d’inquiétude, puisque tout se fait ici d’une façon très humaine. Je te l’écris seu­ lement afin que tu ne t’inquiètes pas si tu restes sans nouvelles.
On vient m’apporter une lettre de Henri – tu vois t[out] va bien. Mutt va très bien et m’est très utile. Je vois très peu de monde, mais Channan passe chez moi presque tous les jours. Il est polo­ nais et partira une de ces semaines. Nous regrettons beaucoup
qu’il n’y a pas de légion juive. Enfin – qui vivra verra.
Tu sauras lire ça ? J’en doute. Mais les cartes passent plus vite. Et je voulais profiter de l’espace réduit.
Bien à toi !
H.
 

Lieber Günther –

Eben bekam ich Deine Postkarte und antworte Dir, um Dich so schnell wie möglich zu beruhigen. Wir sind immer noch in Paris, Mutt und ich; und ich werde alles tun, um bleiben zu können. Monsieur musste bedauerlicherweise in ein Lager, wo man alle anderen deutschen Staatsangehörigen versammelt hat, ohne jede Unterscheidung. Wir hoffen, dass sich das nicht zu sehr in die Länge ziehen wird. Benji z. B. ist auch dort – ich weiß nicht einmal, wo –, und für ihn wird das eine kleine Katastrophe. Die Bevölkerung ist wunderbar, im Ernst, und versteht unsere Situation sehr gut. Über uns Frauen ist noch nichts entschieden; aber es ist natürlich sehr gut möglich, dass wir auch «versammelt» werden. Das ist kein Grund zur Beunruhigung, denn alles wird hier auf sehr menschliche Art abgewickelt. Ich schreibe Dir das nur, damit du nicht beunruhigt bist, wenn du nichts mehr hörst.
Soeben hat man mir einen Brief von Henri gebracht – Du siehst, [alles] in Ordnung.
Mutt geht es gut und sie hilft mir sehr. Ich sehe sehr wenige Leute, aber Channan kommt fast jeden Tag vorbei. Er ist Pole und wird in einer der nächsten Wochen aufbrechen. Wir bedau­ ern sehr, dass es keine jüdische Legion gibt. Nun – die Zukunft wird es weisen.
Wirst Du das lesen können? – Ich bezweifle es. Aber Post­ karten gehen schneller. Und ich wollte den wenigen Platz nutzen.

Alles Liebe!
H.
 


2    Hannah Arendt an Günther Anders, Paris, 23.12.1939

le 23 Décembre 1939.
Merci, mon vieux. Les affidavits sont arrivés – et je t’avoue très à propos. J’ai envoyé les deux au Consulat, mais en principe on ne les accepte qu’au moment de l’examen même, très peu de temps avant le visa. Tout le règlement a beaucoup changé. Il est très peu probable que nous puissions recevoir notre visa avant un an et demi. Ne t’affole pas pour cela. Je voulais avoir toute cette pape­ rasse pour pouvoir prouver, le cas échéant, nos préparations pour une réémigration.
Heureusement, il y a de nouveau. Benji et Henri ont pu ren­ trer. Nous vivons donc pour le moment en toute tranquillité, mais ni Monsieur ni moi ne peuvent plus rien gagner. Enfin, on va voir. Nous écrivons par le même courrier à Monsieur Gintzler, pour lui remercier.
Je suis encore toute éblouie de la rapidité avec laquelle tu as agi. Le Clipper m’a aussi beaucoup impressionnée. J’étais per­ suadée que tout cela durera quelques mois au moins.
Pourquoi ne me racontes­tu pas ce que tu fais? Tu aurais tout à fait tort de croire que je me suis énervée au point de perdre tout autre intérêt. Loin de là. Tout cela était très bien pour prouver des faits qu’on connaissait depuis longtemps. J’espère que tu te rappelles encore suffisamment bien la mentalité des intéressés pour deviner qu’il est plutôt difficile de garder toujours son séri­ eux. Je fais toujours exception pour Benji et encore pour le petit Bendit – tu te rappelles?
Nous avons bu à ta santé une bouteille de Château Neuf du Pape. Je t’assure qu’il était «first class». Tu vois, chez nous, tout va très bien et nous avons même pu éviter le séquestre. Je connais pas mal des gens rentrés – mais il n’y a toujours pas de décision de principe.
Dans l’espoir d’avoir bientôt de tes nouvelles – plus détaillées. Je t’envoie les remerciements de toute la famille moi y comprise.

Affectueusement
Hannah.
 

Danke, mein Lieber. Die Affidavits sind angekommen – und kommen, ehrlich gesagt, wie gerufen. Ich habe beide ans Kon­ sulat geschickt, aber normalerweise werden sie erst bei der Über­ prüfung selbst anerkannt, unmittelbar vor dem Visum. Das ganze Prozedere hat sich sehr geändert. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir unser Visum früher als in eineinhalb Jahren bekommen können. Mach Dich deshalb nicht verrückt. Ich wollte den ganzen Papierwust jetzt erledigt haben, um gegebenenfalls unsere Vorbe­ reitungen für die Wiederausreise belegen zu können.
Erfreulicherweise gibt es Neuigkeiten. Benji und Henri konn­ ten zurückkehren. Im Moment leben wir also völlig unbesorgt, aber weder Monsieur noch ich können noch etwas verdienen. Nun, wir werden sehen. Wir schreiben mit gleicher Post an Herrn Gintzler, um ihm zu danken.
Ich bin immer noch völlig verblüfft darüber, wie schnell Du ge­ handelt hast. Der Clipper hat mich auch sehr beeindruckt. Ich war überzeugt, dass das alles zumindest einige Monate dauern würde. Warum erzählst Du mir nicht, was Du machst? Es wäre völlig falsch zu glauben, dass mich alles so sehr aufregt, dass ich jeg­ liches andere Interesse verloren habe. Weit gefehlt. All das war sehr gut, um Dinge zu beweisen, die wir schon lange wissen. Ich hoffe, Du erinnerst dich noch gut genug an die Einstellung der Betroffenen, um zu verstehen, dass es eher schwierig ist, immer ernst zu bleiben. Ausgenommen sind da stets Benji und auch der
kleine Bendit – Du erinnerst Dich?
Wir haben eine Flasche Château Neuf du Pape auf Dich getrunken. Ich versichere Dir, er war «first class». Du siehst, bei uns ist alles in Ordnung und wir sind sogar der Zwangsver­ waltung entkommen. Ich kenne eine Menge heimgekehrter Leute – aber es gibt noch keine Grundsatzentscheidung.
In der Hoffnung, bald – ausführlicher – von Dir zu hören, danke ich Dir im Namen der ganzen Familie, mich eingeschlossen.

Herzlichst
Hannah.
 


3    Hannah Arendt an Günther Anders, Monbahus, 10.7.1940

Monbahus (Lot et Garonne) chez Maillé

J’ai reçu ta lettre le même jour où je quittais mon ancien domicile.
P. avait peur de se mettre en route, ce qui n’était que trop com­ préhensible. On me dit que maintenant il n’y a plus moyen de sortir. J’ai essayé d’insister, mais le moment fut trop grave pour pouvoir prendre des responsabilités pour qui que ce fût. De toute façon, dès que tu en as la possibilité, tu devrais lui envoyer un peu d’argent parce qu’elle n’a plus de francs Fr. et là­bas il n’y a pas de possibilités d’échange.
Moi­même j’ai fait un peu le tour de la France toujours à la recherche de X. Je l’ai retrouvé par un hasard dans une petite ville quelconque. Nous nous sommes retrouvés presque dans la rue. Il a participé à la retraite de l’armée française qui a été bombardée et mitraillée. Il était parmi les derniers parce qu’il s’était blessé au genou mais il a eu la chance de trouver des camions qui l’amenaient. Il n’a fait qu’une centaine de km. à pied après son accident. Ici, à Monbahus, nous avons trouvé un refuge provi­ soire chez des amis (Y) où nous avons trouvés aussi un matelas et la possibilité d’attendre la guérison de X. Il n’y a plus de cham­ bres, et nous couchons à six dans une chambre avec un lit. Mais ça va très bien. – Ch. a fait l’exode de la caravane civile qui fut éga­ lement bombardée. Il a fait le chemin de Paris à Limoges à pied. Hier est arrivé un très bon ami à nous (C. B.) qui a fait 500 km. à pied en zone occupée. Benjamin est à Lourdes. Ma mère est res­ tée à Paris – Dieu merci. C’était la seule chose à faire pour elle. – La seule question qui se pose est celle de survivre. Et voilà, si tu peux me procurer quelque argent, ça serait magnifique. (Tu peux toujours l’envoyer à une amie à Genève, M. Mundt, 3, Rue d’Ermenonville.) D’après ce qu’on m’a dit, on peut recevoir des mandats de là­bas. C’est le moment qui compte. Nous avons perdu tous nos bagages, exactement tout.

BITTE ZURÜCK. WENN MÖGLICH, MIT COPIEEN.
 

Monbahus (Lot et Garonne) bei Maillé

Ich habe Deinen Brief an dem Tag bekommen, an dem ich meinen früheren Aufenthaltsort verlassen habe. P. hatte Angst, sich auf den Weg zu machen, was nur allzu verständlich war. Ich höre, dass es jetzt keine Möglichkeit mehr gibt, wegzukommen. Ich habe versucht, sie zu überreden, aber es war ein zu schwerer Moment, um Verantwortung für wen auch immer zu übernehmen. Du solltest ihr jedenfalls, sobald es Dir möglich ist, etwas Geld schicken, weil sie keine französischen Francs mehr hat und es dort keine Wechselmöglichkeit gibt.
Ich selbst war praktisch in ganz Frankreich unterwegs, die ganze Zeit auf der Suche nach X. Ich habe ihn durch Zufall in ir­ gendeiner kleinen Stadt wiedergefunden. Wir sind uns praktisch auf der Straße begegnet. Er war beim Rückzug der französischen Armee dabei, die bombardiert und beschossen worden war. Er war unter den letzten, weil er sich am Knie verletzt hatte, aber er hatte Glück, auf Lastwagen zu treffen, die ihn mitnahmen. Er hat nach seinem Unfall nur um die 100 km zu Fuß zurückgelegt. Hier in Monbahus fanden wir vorübergehend Zuflucht bei Freunden (Y), wo wir auch eine Matratze vorfanden und die Möglichkeit, die Genesung von X abzuwarten. Es gibt keine Zimmer mehr, und wir schlafen zu sechst in einem Zimmer mit einem Bett. Aber es geht wunderbar. – Ch. ist aus der Zivilko­ lonne geflohen, die ebenfalls bombardiert wurde. Er ist von Paris nach Limoges zu Fuß gegangen. Gestern ist ein sehr guter Freund bei uns angekommen (C. B.), der 500 km zu Fuß in der besetzten Zone zurückgelegt hat. Benjamin ist in Lourdes. Meine Mutter ist in Paris geblieben – Gott sei Dank. Das war das Einzige, was sie tun konnte. – Die einzige Frage, die sich stellt, ist, wie man überlebt. Ja, wenn Du mir etwas Geld beschaffen könntest, wäre das großartig. (Du kannst es immer an eine Freundin in Genf schicken, M. Mundt, 3, Rue d’Ermenonville.) Wie ich höre, kann man von dort Geldanweisungen bekommen. Der Moment zählt. Wir haben unser gesamtes Gepäck verloren, wirklich alles.


 
4    Hannah Arendt an Günther Anders, Montauban, 4.8.1940
Montauban le 4 Août 1940

Mon cher Günther

ne m’en veux pas de ne pas avoir écrit plus tôt. Depuis des mois, le monde autour de moi ne fait rien d’autre que d’écrire des let­ tres en Amérique, ce qui finit par dégouter les autres. En dehors de cela, ce sont les premiers jours tranquilles depuis de mois, c’est à dire les premiers jours où je peux m’arranger pour être seule. Pour ne pas commencer par le commencement: nous nous sommes décidés à nous installer pour quelque temps ici et nous avons trouvé un petit pavillon (1 pièce), dans une ferme, qui n’est pas meublé mais qui représente à nos yeux une sorte de comble de bonheur et de luxe: une chambre à nous deux seuls. Depuis cette location, nous nous occupons uniquement de notre nour­ riture ce qui est devenu une sorte de métier. C’est vraiment incroyable jusqu’à quel point ce beau pays, riche et abondant, a été ruiné dans quelques semaines. Les boutiques sont vides et tu vois partout de longues queues. D’un jour à l’autre changent les meilleures et les plus anciennes habitudes : plus de croissants ni brioches. Et naturellement, pas d’huile, pas de café, pas de savon, pas de graisse en général – plus de fromage après les repas : c’est déjà presque un sacrilège, tu connais la France. Dans cette région on a toujours fruits et légumes – je suppose à cause du manque total de l’essence qui empêche – heureusement – le transport. Mais ça change avec le département. On a toujours la viande, j’ai l’impression qu’on abat beaucoup pour ne pas nourrir les bêtes. Donc – Ce n’est pas encore la famine, mais la disette, et le man­ que d’essence peut créer d’un jour à l’autre des famines partielles en Europe.
Je t’écris ces détails parce que ce sont là des choses faciles à comprendre et faciles à décrire. Les choses essentielles, les der­ nières semaines, le séjour dans les Basses­Pyrénées, la rapidité de la défaite, la recherche et les aventures de mes amis, la vie sur la route que nous avons tous connue – tout cela dépasse quelque
 
peu les limites de l’imagination et je ne me sens pas encore capa­ ble à les franchir même en me souvenant seulement. La vie dans les Pyrénées – où l’on avait littéralement rien à manger – était grotesque par son mélange de fausse idylle – pas de journaux ! – et de danger plus ou moins immédiat. Je sais maintenant ce que les Grecs appelaient le Hadès, la vie quasi­normale des ombres. Les femmes, logées à 65 dans des baraques où les Espagnols ont logé à 30, sur des paillasses avec ou sans paille, si serrées que le moindre mouvement dans la nuit te faisait tomber sur la voisine, entourées de fils barbelés sur lesquels on faisait sécher le linge, se promenaient dans la journée en shorts et costumes de plage, élé­ gantes et maquillées, bavardant sans cesse, racontaient leurs aventures d’amour qui pouvaient être inventées de toutes pièces puisque aucune réalité ne pouvait démentir les mensonges. Dans ce sens, c’était une réalisation de tous les rêves. Et puis, cette libé­ ration : on te disait, si tu veux, tu peux t’en aller – aucun camion, aucune indication, nous savions à peine où nous nous trouvions, à 20 km de la gare la plus proche, la majorité sans le sou, (on n’était déjà coupé de Paris) et sans une adresse et surtout sans aucune nouvelle du monde et des changements intervenus depuis notre départ. Une très grande partie n’est pas partie. On me con­ sidérait comme une aventurière parce que je partais sur­le­champ en abandonnant mes bagages, bien sûr. Et puis cette vie dans les chambres d’accueil d’un jour à l’autre, et parfois le grand luxe et la grande chance : une chambre d’hôtel vide. On faisait le tour de France pour chercher ses parents, ses mères, ses amis. C’était la chose la plus naturelle du monde que l’on se mettait personnelle­ ment à la recherche. Il n’y avait plus de services qui pouvaient fonctionner vu l’afflux inouï de réfugiés. C’est de cette façon que j’ai retrouvé Henri – c’est­à­dire par pur hasard. Il a fait la retraite de l’ennemie avec un genou blessé et sans le sou – un mandat n’était «arrivé». Ils étaient bombardés et mitraillés, même chose pour Channan.
Mais ne t’imagine pas que nous sommes ici à moitié morts. Au contraire : moi personnellement, j’ai meilleure mine que jamais à Paris et je me sens même reposée. L’American Express Company m’a annoncé une «certaine somme» que je n’ai pas encore tou­
 
chée. J’aimerais savoir s’il s’agit de tes sous, ce que je n’espère pas, ou si Kurtchen m’envoie quelque chose ce que je trouverais très à propos. Ecris­le­moi. Puis: si les Américains veulent faire quelque chose pour les intellectuels en Europe, qu’ils le fassent. Nous commençons à devenir une espèce rare qui devrait avoir droit à une protection. La chasse n’est pas encore ouverte, mais ça ne tardera pas. A Limoges p. e. tous les hommes jusqu’à 65 ans sont internés, de nouveau. J’ai entendu ici qu’il y a des possibi­ lités – vagues – d’accélérer le {no du quota}. Qu’on le fasse pour les intellectuels. Et puis: il faudrait qu’une organisation envoie des colis recommandés avec du chocolat, cacao, huile, savon – pas de viande – mais du café et du sucre. Ça pourrait devenir très important.
Je ne sais pas combien de temps je pourrai rester tranquille­ ment ici – voir Limoges. Nous attendons des mesures d’un jour à l’autre. Malgré l’anarchie générale, il est improbable qu’on nous oublie. Ecris­moi ici, à Montauban (Tarn et Garonne) poste restante (Jeanne B). C’est plus sûr.
Mutt est restée à Paris. Elle a de quoi vivre. Je lui ai laissé   des sous et notre organisation l’a aidée. Je peux maintenant m’arranger, pour le moment. H. a pu se prêter de l’argent. Mais s’il y a une liste, mets­nous sur cette liste et aussi Cohn­Bendit avec lequel je suis en très bons termes et qui a un gosse à nourrir. Pour Benji, il ne faut pas avoir peur. Il a des gens qui s’occupent de lui. Mais si l’on pouvait procurer un affidavit à Erich – ça serait magnifique. Il le mérite mille fois. Peut­être que la femme de Strauss pourrait faire quelque chose pour lui.
On est de nouveau coupé de Paris. C’est très désagréable. Mutt me fait pitié – mais que veux­tu que je fasse.
C’est une bien longue lettre. Et la première que j’écrive. Il fait très chaud et le pays ici est très beau. Je ne fais exactement rien, parfois je lis dans l’Eschyle – c’est le seul livre que j’aie pu sauver. νῦν περì πάντων ἄγων

Affectueusement à toi.
H.
 


Übersetzung:

Mein lieber Günther,

sei mir bitte nicht böse, dass ich nicht früher geschrieben habe. Seit Monaten machen die Leute um mich nichts anderes, als Briefe nach Amerika zu schreiben, was es den anderen letztlich verleidet. Ansonsten sind das die ersten ruhigen Tage seit Mona­ ten, das heißt die ersten Tage, an denen ich es einrichten kann, dass ich [auch einmal] alleine bin. Um nicht ganz von vorne zu beginnen: Wir haben uns entschlossen, einige Zeit hierzubleiben, und haben ein kleines Häuschen (1 Zimmer) gefunden, auf einem Hof, das zwar nicht möbliert ist, aber in unseren Augen gleich­ sam den Gipfel an Glück und Luxus darstellt: ein Zimmer für uns zwei allein. Seitdem wir diese Unterkunft gefunden haben, beschäftigen wir uns einzig und allein mit der Lebensmittelfrage, was zu einer Art Beruf geworden ist. Es ist wirklich unglaublich, wie sehr dieses schöne Land, reich und ergiebig, innerhalb weni­ ger Wochen zugrunde gerichtet wurde. Die Geschäfte sind leer und überall sieht man lange Schlangen. Von einem Tag auf den anderen ändern sich die besten und ältesten Gewohnheiten: keine Croissants oder Brioches mehr. Und natürlich kein Öl, kein Kaffee, keine Seife, generell kein Fett – kein Käse nach den Mahlzeiten: Das ist schon fast ein Sakrileg, du kennst ja Frank­ reich. Hier in dieser Region gibt es noch Obst und Gemüse – ich vermute, wegen des absoluten Benzinmangels, der – glücklicher­ weise – die Beförderung unmöglich macht. Aber das ist von Departement zu Departement verschieden. Es gibt noch immer Fleisch, ich habe den Eindruck, dass man viel schlachtet, um das Vieh nicht füttern zu müssen. Also – es herrscht noch keine Hungersnot, aber eine Lebensmittelknappheit, und der Benzin­ mangel kann von einem Tag auf den anderen partielle Hungers­ nöte in Europa auslösen.
Ich schreibe Dir diese Details, weil das Dinge sind, die leicht zu verstehen und zu beschreiben sind. Die wesentlichen Dinge, die letzten Wochen, der Aufenthalt im Departement Basses­ Pyrénées, die rasche Niederlage, die Suche nach den Freunden und all ihre Erlebnisse, das ständige Unterwegssein, das wir alle kennengelernt haben – all das übersteigt ein wenig die Grenzen des Vorstellbaren, und ich fühle mich auch noch gar nicht in der Lage, diese zu überschreiten, und sei es nur in der Erinnerung. Das Leben in den Pyrenäen – wo wir wirklich nichts zu essen hatten – war grotesk in seiner Mischung aus Pseudo­Idylle – keine Presse! – und mehr oder weniger unmittelbarer Gefahr. Ich weiß jetzt, was die Griechen den Hades nannten, das quasi­nor­ male Schattenleben. Die Frauen – jeweils 65 in Baracken, in denen 30 Spanier gewohnt hatten, auf Strohsäcken mit oder ohne Stroh, so eng zusammengepfercht, dass einen die geringste Be­ wegung nachts auf die Nachbarin fallen ließ, umgeben von Sta­ cheldraht, auf dem man die Wäsche trocknete – liefen tagsüber in kurzen Hosen und Strandanzügen herum, elegant und geschminkt, ständig plaudernd, und berichteten über ihre Lie­ besgeschichten, die völlig erfunden sein konnten, weil keine Wirklichkeit die Lügen widerlegen konnte. In diesem Sinne war es eine Erfüllung sämtlicher Träume. Und dann diese Befreiung: Es hieß, wer will, kann gehen – kein Lastwagen, keine Auskunft, wir wussten kaum, wo wir uns befanden, 20 km vom nächst­ gelegenen Bahnhof entfernt, die meisten ohne Geld (wir waren schon von Paris abgeschnitten) und ohne Anschrift und vor allem ohne jede Nachricht über die Welt um uns und die Ver­ änderungen seit unserer Abreise. Die meisten sind nicht weg­ gegangen. Man betrachtete mich als Abenteurerin, weil ich auf der Stelle aufgebrochen bin und natürlich mein Gepäck zurück­ gelassen habe. Und dann dieses Leben in den Gästezimmern, von Tag zu Tag, und bisweilen der große Luxus und das große Glück: ein freies Hotelzimmer. Man war in ganz Frankreich unterwegs, um nach Verwandten, Müttern, Freunden zu suchen. Es war die natürlichste Sache der Welt, dass man sich persönlich auf die Suche machte. Bei diesem unglaublichen Flüchtlingsstrom gab es keinerlei funktionierende Verwaltung mehr. So habe ich Henri wiedergefunden – also durch reinen Zufall. Er war auf dem Rückzug vor dem Feind, mit einem verletzten Knie und ohne Geld – eine Geldanweisung war nicht «angekommen». Sie wur­ den bombardiert und beschossen, ebenso Channan.
 
Aber denke nicht, dass wir hier halbtot sind. Im Gegenteil: ich persönlich sehe besser aus als je zuvor in Paris und fühle mich sogar ausgeruht. Die American Express Company hat mir eine
«gewisse Summe» angekündigt, die ich noch nicht erhalten habe. Ich wüsste gerne, ob es sich um Dein Geld handelt, was ich nicht hoffe, oder ob Kurtchen mir etwas schickt, was ich sehr ange­ messen fände. Schreib mir das. Und: Wenn die Amerikaner etwas für die Intellektuellen in Europa tun wollen, dann nur zu. Wir werden langsam zu einer raren Spezies, die ein Recht auf Schutz haben sollte. Die Jagd ist noch nicht eröffnet, aber es wird nicht mehr lange dauern. In Limoges etwa sind alle Männer bis 65 Jahre interniert, abermals. Ich habe hier gehört, dass es – vage – Mög­ lichkeiten gibt, {die Quote} zu erhöhen. Man möge das für die Intellektuellen tun. Außerdem sollte eine Organisation einge­ schriebene Pakete senden, mit Schokolade, Kakao, Öl, Seife – kein Fleisch –, aber Kaffee und Zucker. Das könnte sehr wichtig wer­ den.
Ich weiß nicht, wie lange ich unbesorgt werde hierbleiben können – siehe Limoges. Wir erwarten von einem Tag auf den anderen Maßnahmen. Trotz des allgemeinen Chaos ist es un­ wahrscheinlich, dass man uns vergisst. Schreib mir hierher, nach Montauban (Tarn et Garonne) postlagernd (Jeanne B). Das ist am sichersten.
Mutt ist in Paris geblieben. Sie hat genug zum Leben. Ich habe ihr Geld dort gelassen und unsere Organisation hat ihr geholfen. Ich komme nun zurecht, momentan. H. konnte sich Geld leihen. Aber wenn es eine Liste gibt, setze uns auf diese Liste und auch Cohn­Bendit, zu dem ich ein gutes Verhältnis habe und der einen kleinen Jungen zu ernähren hat. Um Benji muss man keine Angst haben. Er hat Leute, die sich um ihn kümmern. Aber wenn man ein Affidavit für Erich bekommen könnte – das wäre großartig. Er verdient es tausendmal. Vielleicht könnte die Frau von Strauss etwas für ihn tun.
Wir sind wieder von Paris abgeschnitten. Das ist sehr unan­ genehm. Mutt tut mir leid – aber was will man machen.
Das ist ein recht langer Brief. Und der erste, den ich schreibe. Es ist sehr heiß hier und die Gegend ist wunderschön. Ich tue
 
genau gar nichts, manchmal lese ich Aischylos – das einzige Buch, das ich retten konnte. νῦν περì πάντων ἄγων

Herzlichst Deine
H.

Über Günther Anders

Biografie

Günther Anders, 1902 bis 1992, zählt zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Im deutschen Sprachraum ist seine geistige wie politische Radikalität ohne Beispiel.

Sein Hauptwerk ist Die Antiquiertheit des Menschen.

Hannah Arendt

Über Hannah Arendt

Biografie

Hannah Arendt, am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren und am 4. Dezember 1975 in New York gestorben, studierte Philosophie, Theologie und Griechisch unter anderem bei Heidegger, Bultmann und Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte sie nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis...

Inhaltsangabe

Vorwort


HANNAH ARENDT / GÜNTHER ANDERS: BRIEFE 1939 BIS 1975

An Günther Anders: 1939 bis 1941    
Briefwechsel: 1955 bis 1975    
Drei Briefe von Günther Anders an Lion Feuchtwanger (1941)
Abbildungen

TEXTE
Hannah Arendt/Günther Stern

Rilkes Duineser Elegien (1930)

Hannah Arendt: Philosophie und Soziologie
Anlässlich Karl Mannheim, Ideologie und Utopie (1930)

Günther Stern: Über die sogenannte «Seinsverbundenheit» des Bewusstseins.
Anlässlich Karl Mannheim, Ideologie und Utopie (1930)

Günther Anders: Disposition für Die Unfertigkeit des Menschenund der Begriff  «Fortschritt» [1940/41]


IN MEMORIAM WALTER BENJAMIN

Günther Anders: Das Vermächtnis (1940)

Hannah Arendt: W. B. (1942)

Günther Anders: [Wahrheit der Diktion] (1950)

Anmerkungen zu den Briefen

Nachwort der Herausgeberin: Korrespondenzen – Hannah Arendt und Günther Anders

Editorische Notiz

Zeittafel Hannah Arendt

Zeittafel Günther Anders


VERZEICHNISSE

Abkürzungen

Im Briefwechsel erwähnte Werke von Hannah Arendt

Im Briefwechsel erwähnte Werke von Günther Anders

Im Briefwechsel erwähnte Werke Dritter

Literaturverzeichnis und abgekürzt zitierte Literatur

Verzeichnis der Briefe

Verzeichnis der Erstveröffentlichungen

Abbildungsnachweis

Personenregister

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