Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Meine Reise ins ÜbermorgenlandMeine Reise ins Übermorgenland

Meine Reise ins Übermorgenland

Allein unterwegs von Jordanien bis Oman

Paperback
€ 18,00
E-Book
€ 14,99
€ 18,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 1-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 14,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 9,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Meine Reise ins Übermorgenland — Inhalt

Von Wüsten, Weihrauch und Wolkenkratzern

Allein und mit Neugier im Gepäck erkundet Nadine Pungs die Arabische Halbinsel: von Jordanien über Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Oman bis an die Grenze des Jemen. Sie reitet mit Beduinen durch die Wüste, übernachtet in Zelten und Wolkenkratzern, spricht mit Gastarbeitern und Geflüchteten. Sie trifft einen Scheich und hat sogar eine Audienz bei einer waschechten Prinzessin. Pungs sammelt Geschichten aus dem Orient und fügt aus ihren Begegnungen und Beobachtungen ein schillerndes Mosaik des heutigen Arabien zusammen. Dabei erlebt sie Herzensgüte, aber auch ausweglos erscheinende Situationen. Und irgendwann muss sie sich entscheiden: aufgeben oder solange weiterreisen, bis die Wüste das Meer küsst.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 02.03.2020
256 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-89029-524-4
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99634-1
„Nadine Pungs entpuppt sich als eine ebenso klarsichtige wie analytische Autorin.“
Süddeutsche Zeitung Literaturbeilage

Leseprobe zu „Meine Reise ins Übermorgenland“

Der neununddreißigste Tag
Angefangen hat alles vor 96 Stunden. In Abu Dhabi. Seitdem sitzt das Fieber hinter meiner Stirn. Die Haut glüht, meine Augäpfel schmerzen. Trotzdem ist der Ausblick schön, denn was ich von hier aus sehen kann, ist der Oman.
Der Motor tuckert noch, obwohl der Busfahrer ausgestiegen ist und sich mit einem Soldaten unterhält. Auch ich stehe draußen, zusammen mit den anderen Reisenden. Die meisten von ihnen kommen aus Indien oder Bangladesch. Sie sind hier, um am Golf ihr Glück zu suchen. Finden werden sie es selten. Die Sonne knallt [...]

weiterlesen

Der neununddreißigste Tag
Angefangen hat alles vor 96 Stunden. In Abu Dhabi. Seitdem sitzt das Fieber hinter meiner Stirn. Die Haut glüht, meine Augäpfel schmerzen. Trotzdem ist der Ausblick schön, denn was ich von hier aus sehen kann, ist der Oman.
Der Motor tuckert noch, obwohl der Busfahrer ausgestiegen ist und sich mit einem Soldaten unterhält. Auch ich stehe draußen, zusammen mit den anderen Reisenden. Die meisten von ihnen kommen aus Indien oder Bangladesch. Sie sind hier, um am Golf ihr Glück zu suchen. Finden werden sie es selten. Die Sonne knallt auf unsere Köpfe, und ich schwitze und friere und lasse die Schultern hängen.
Ein Grenzer sagt etwas auf Arabisch. Wir hieven unsere Taschen und Koffer aus dem Busbauch und stellen das Gepäck in einer langen Reihe auf, mein Rucksack ist der vorletzte. Jetzt der Schäferhund. Er hechelt und drängt und will von der Leine gelassen werden, will schnüffeln und Kokain aufstöbern oder Marihuana. Vor dreizehn Tagen habe ich das letzte Mal Hasch geraucht. Nicht einen Krümel packte ich in den Ranzen, dennoch schlägt mein Herz bis unter die Schädeldecke, denn an der Grenze wird scharf kontrolliert. Im Internet kursieren düstere Legenden über Ausländer, die im Knast landeten, nur weil ein Stäubchen Gras an ihrer Krawatte pappte. Ich las von der Terahertz-Spektroskopie, mit der man mikroskopisch kleine Mengen verbotener Substanzen auf der Kleidung ermitteln kann. Ein Brite hatte damit Pech. Er wurde in Dubai verhaftet, weil die Flughafenpolizei 0,003 Gramm Cannabis unter seiner Schuhsohle entdeckte, winziger als ein Körnchen Zucker. Vier Jahre Zuchthaus, entschied der Richter.
Der Schäferhund prescht los, wedelt mit dem Schwanz, schnuppert kurz am ersten Koffer, läuft zum nächsten. Ein tiefer Schnaufer, weiter. Die beiden Mädchen neben mir kichern, die Hundenase streift den dritten Koffer, dann zum vierten. Jemand hustet, Frauen tuscheln. Fieber. Vorbei an drei Trolleys, schnüffeln an einer Handtasche, weiter. Zwei Rucksäcke, eine Plastiktüte, zwei Sporttaschen. Der Busfahrer schaut auf die Uhr, ein Mütterchen seufzt. Fieber. Das fünfzehnte Gepäckstück, das sechzehnte. Nasse Hände. Zwanzig, dreiundzwanzig. Ein Kind plärrt. Fünfundzwanzig, siebenundzwanzig. Ein Mann rückt den Turban zurecht, ein Handy bimmelt. Achtundzwanzig, dreißig. Weiter. Mein Rucksack. Schnauben, einatmen, schnauben. Schnauze in die Seitentaschen stecken. Schnauben. Bleiben.



Jordanien
Die erste Nacht
„Es war einmal, oder es war nicht.“ Mit diesen Worten beginnen die Märchen Arabiens. Vielleicht ist es die Wahrheit, vielleicht nicht. Es war einmal Petra, die rosa Felsenstadt der Nabatäer, in der die Lebenden mit den Toten tanzten und in der drei Könige Rast machten auf dem Weg zu einem Baby mit Superkräften. Es war einmal Dilmun, der verlorene Garten Eden, in dem die Götter ruhten und die Datteln ihnen geradewegs in den Mund wuchsen. Es war einmal Iram, die Säulenreiche, der nichts gleich erschaffen ward, von Allah zerstört, vom Erdboden verschluckt, weil ihre Einwohner zu verludert gewesen seien. So steht es geschrieben, so ist es geschehen. Oder nicht?

Es ist November. Unter mir liegt Jordanien, eine Handvoll Lichter sind ins Schwarz gesprenkelt. Das Flugzeug rauscht durch die Düsternis, nur wenige Europäer sitzen in der Maschine. Heute werden in Zeitungen und Nachrichten bloß schauerliche Geschichten über Arabien erzählt. Die tausend Nächte, die Schahrasad um ihr Leben plapperte, sind Vergangenheit. Aladdins Wunderlampe vollbringt keine Wunder mehr. Alles vorbei. In diesen Tagen bestimmen Terror und Tod die Narrative.
Es war einmal Mossul, die blühende Metropole am Ufer des Tigris, wo nun Autobomben explodieren. Es war einmal Sanaa, die Hauptstadt des Jemen, einst in Obstgärten gebettet, jetzt verhungert die Bevölkerung. Es war einmal das Kalifat des Islamischen Staates, auf Leichen gebaut und ein dunkles Paradies für all diejenigen, die an das Höllenfeuer glaubten. Was bleibt, sind zerstörte Häuser und zerbrochene Seelen.

Anflug auf Amman. Zweiundzwanzig Länder zählt die Arabische Liga, von Mauretanien über Dschibuti bis zu den Komoren, von Palästina über Kuwait bis nach Bahrain. Zum ersten Mal tauchte der Begriff Arabi in assyrischen Texten auf, und das vor rund 2800 Jahren. Gemeint war ein Landstrich oder ein Volk im Norden der Arabischen Halbinsel. Herodot sowie zahlreiche weitere griechische und römische Schriftsteller definierten Arabien später als die gesamte Arabische Halbinsel und als Araber all ihre Bewohner, einschließlich der Nomaden in der ostägyptischen Wüste.

Das Flugzeug landet. Ankunft in Jordanien. „Ahlan wa sahlan“ – herzlich willkommen – sagt der junge Grenzbeamte, lächelt, und der Stempel fegt in meinen Pass. Ich bin im Orient. Endlich.
Jede Reise beginnt mit einer Erwartung, welche die Ferne umhängt. Der Orient ist meine Blaue Blume, ein aufgeklapptes Märchenbuch. Ach, der Orient. Bevölkert von Flaschengeistern, umringt von Frauen mit schwarzen Wimpern und Männern, deren Gesichter Landkarten sind. Was lockt, ist das Unergründliche. Die Erinnerung an eine Welt, die längst dahingesunken scheint. Meine Erinnerung an jene Fremde nährt sich aus Gemälden, die im Louvre hängen, aus Geschichtsbüchern und aus den Erzählungen literarischer Reisender. Meine Erinnerung nährt sich aus Klischees. Denn am Ende ist dieses Wunderland wunderlich, ist der Orient doch nicht mehr als eine Fata Morgana, nur eine Vorstellung, von Europa erschaffen. Eine kolonialistische Konstruktion des Anderen, entstanden irgendwann zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert. Er ist unser Gegenüber. Oder nicht?

Ein Taxi fährt mich hinein in die Stadt, es ist drei Uhr morgens, noch sind die Straßen leer. Gestern war der Geburtstag des Propheten Mohammed, heute ist Weltfernsehtag. Auf Glaube folgt Glotze. Ich glotze auch, stiere aus dem Fenster, sammle Lichtbilder ein. Minarette stechen wie gespitzte Bleistifte in den Nachthimmel. Reklameschilder blinken, der Orient phosphoresziert grün, auf einem Plakat steht „Mecca fried chicken“. Daneben das Gesicht eines grinsenden Huhns.
Das Wort „Orient“ leitet sich vom lateinischen Ausdruck sol oriens ab, was „aufgehende Sonne“ bedeutet, daher die schöne Metapher „Morgenland“, eine Benennung, die durch Martin Luther ins Deutsche eingeführt wurde. Der Terminus ist jedoch unpräzise in all seiner geografischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt. Ursprünglich diente der Orient als Richtungsangabe, wobei die Blickachse vom Standort des Sprechers abhing. So lag das Morgenland irgendwo zwischen dem Balkan und Japan, ein zusammenhängendes Reich hat es nie gegeben. Im deutschen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff heutzutage den Nahen und Mittleren Osten einschließlich der Türkei, Nordafrika, Iran und Afghanistan. Alles Orte, die früher nach Verheißung klangen. In denen Abenteurer, Sommerfrischler und Hippies staunten. Und jetzt?
Die Beziehung zwischen Okzident und Orient lässt sich auf vier Wörter herunterbrechen: Faszination und Furcht, Anziehung und Abneigung. Im 21. Jahrhundert überwiegt die Furcht. Gewiss, auch ich schlage mich mit Vorurteilen herum. Wer von sich behauptet, wertfrei durchs Leben zu gehen, ist ein selbstgerechter Idiot. Deshalb reise ich. Um die eigene Meinung herauszufordern. Aufklärung statt Aufregung.
Fest steht aber auch, wer ein Buch über Nahost schreibt, muss scheitern. Zu vertrackt ist die politische Situation, zu viele Krisenherde lodern. Ich will es dennoch versuchen, will mich herantasten. Eine Analyse des Nahostkonflikts kann ich allerdings nicht liefern. Ich bin keine Nahostexpertin und keine Islamwissenschaftlerin. Ich habe auch keinen Fixer vor Ort, der übersetzt und mir Interviewpartner vermittelt. Ich notiere bloß Dinge, die ich sehe und erlebe. Dieses Buch soll ein Mosaik aus Erzählungen werden, aus Schicksalen und Heimlichkeiten, aus Nebengeräuschen und Rätseln. Eine kleine Arabeske sozusagen. Ein Stück Alltag. Und vielleicht lässt sich aus den Nahaufnahmen eine Ahnung formen von jener Weltgegend, die uns immer noch so fremdartig erscheint.
Die Arabische Halbinsel ist das Herz, die Heimat der allerersten Araber und die Geburtsstätte des Islam. Hier pflücke ich meine Geschichten, auch wenn ich nicht jedes Land bereisen darf. Irak ist nicht möglich, denn die Gebiete, die ich durchqueren müsste, gelten als fragil. Saudi-Arabien vergibt zu diesem Zeitpunkt keine Touristenvisa, und im Jemen tobt ein Krieg. Bleiben noch sechs Staaten übrig, die ich erkunden kann. Den Startpunkt markiert Jordanien, quasi als Tor zur Arabischen Halbinsel, dann weiter nach Kuwait, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman und Katar. Für drei Monate reicht das Geld.

Der Rezeptionist wischt sich den Schlaf aus den Augen, der Röhrenfernseher in der Lobby läuft lautlos, und die Kameraeinstellung zeigt die Kaaba in Mekka aus der Vogelperspektive. Tausende Pilger kreisen wie Ameisen um den schwarzen Quader herum, ein oszillierendes Gewimmel, das Heiligtum als Lebensmittel. Das Wort ergibt Sinn.

Über die zig Millionen Menschen, die auf der Halbinsel wohnen, tanzen, lachen, weinen und lieben, wissen wir fast nichts. Aktuelle Reiseberichte finde ich kaum. Die Passion der Europäer für die leuchtenden Länder ist versiegt. Wen interessiert noch, dass sich die größte Sandwüste der Welt über die Arabische Halbinsel erstreckt? Dass manche ihrer Dünen doppelt so hoch sind wie die Freiheitsstatue? Wer weiß denn, dass Bahrain aus 33 Inseln besteht? Oder wie die Häuser in Kuwait aussehen?
Die Zeiten eines Lawrence von Arabien oder eines Wilfred Thesiger sind vorbei, keine Rede mehr von Brunnen und Beduinen. Im 21. Jahrhundert will man lieber nichts zu tun haben mit „Muselmännern“ und bibbert vor „Kopftuchmädchen“. Heute wird nicht mehr aus Tausendundeine Nacht zitiert, sondern aus dem Koran. Morgenland ist Sorgenland. Der Orient ist jetzt der gefährliche Nahe Osten, das Reich der Finsternis, das nicht über unsere Grenzen schwappen darf. Dafür sorgt Frontex. Dabei ist die Diffamierung des „bösen Mohammedaners“ nicht neu. Die Stigmatisierung stammt aus dem Mittelalter. Das Christentum fühlte sich von der religiösen Konkurrenz und ihren expansiven Bestrebungen bedroht, und durch die Abwertung des Islam konnte es sich selbst als besonders friedfertig darstellen. Ironischerweise auch während der Kreuzzüge.
Im 18. Jahrhundert galt das Morgenland dann als der letzte Schrei. Mode und Musik waren von ihm beeinflusst, jeder trank Mokka, und Mozart komponierte seine Entführung aus dem Serail. Anfang des 19. Jahrhunderts brach schließlich eine regelrechte Orient-Manie aus, freilich durchsetzt mit Schwärmereien und beeinflusst durch die Romantik. Doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein wütete der Kolonialismus mit all seinen Demütigungen und Grausamkeiten. Karl May schrieb seine Bestseller über Kara Ben Nemsi und verzapfte damit nicht nur oft historischen Nonsens, sondern pflegte obendrein eisenharten Eurozentrismus mit rassistischen Tendenzen. Bis heute impfen seine Bücher den Lesern ein desaströs falsches Orientbild ein.
Spätestens ab dem 19. Jahrhundert reisten aber auch die europamüden Morgenlandfahrer gen Osten. Sie sehnten sich nach vermeintlicher Einfachheit und wollten sich von der Fremde verzaubern lassen. „Die Wüste atmet Freiheit“, notierte 1893 die britische Reiseschriftstellerin Isabel Burton. Für sie und für viele andere Frauen avancierte der Orient damals zu einem weiblichen Utopia. Eine Reise nach Damaskus oder Teheran bedeutete noch vor hundert Jahren Autonomie und erlöste die Europäerinnen von ihrem Korsett aus Pflichten und Abhängigkeiten. Sie erlangten Anerkennung als Forscherinnen, so wie Freya Stark. Oder sie ordneten gleich den gesamten Nahen Osten politisch neu, so wie Gertrude Bell.

Mein Zimmer ist schlicht. Unter dem weißblauen Licht der Neonröhre brummt ein Kühlschrank, auf dem Tisch zerfällt ein Spitzendeckchen, den Polsterstuhl camouflieren Kaffeeflecken, vor Monaten getrocknet, aber das Bettlaken ist sauber. Ich breite meine Bücher darauf aus, Wilfred Thesiger, Gräfin Ida von Hahn-Hahn, Reiseberichte aus alter Zeit, ein Wörterbüchlein, dazu ein Lyrikbändchen arabischer Dichterinnen. Ich lese Namen wie Wadi Rum oder Rub al-Khali, und ich rieche den Weihrauch zwischen den Zeilen. „Wir sahen all das Längstbekannte: den farbigen Orient, das Nie-ganz-zu-Erfahrende“, notierte Annemarie Schwarzenbach.
Ich räume die historischen Bücher zur Seite und blättere in dem Wörterbuch, das auf die alltäglichen Probleme des Reisenden zugeschnitten sein soll und nützliche Übersetzungen bieten möchte. Ich lese Sätze wie „Die Bremse funktioniert nicht“ oder „Bitte rufen Sie schnell die Feuerwehr“. Wichtige Fragen werden geklärt: „Machen Sie Lymphdrainagen?“, und „Tut das weh?“. Der Autor gibt zudem Hinweise im Umgang mit Taxifahrern: „Bitte schalten Sie den Taxameter auf null“, oder „Ich glaube, hier stimmt etwas nicht“. Das Kapitel über Behörden beunruhigt mich allerdings, ich präge mir ein: „Ich möchte sofort mit meinem Konsulat sprechen“, und „Ich bin unschuldig“, dann lösche ich das Licht.


Allah Anfang
„Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist! Kommt zum Gebet!“, scheppert es aus den Lautsprechern. Ich öffne die Augen. Es ist fünf Uhr morgens, der Muezzin ruft. „Kommt zum Heil!“ Ich schließe die Augen. „Das Gebet ist besser als der Schlaf!“ Ich öffne die Augen, Morpheus ist abgerauscht. Ein Gott flieht vor dem anderen.
Ich schäle mich aus der Bettdecke, gehe duschen, trage Parfum auf. Zwei Stunden später überfällt mich eine Panikattacke. Der Puls rast, das Herz zerspringt, die Kehle schnürt sich mir zu, ich muss mich setzen. Sorgen hämmern im Schädel. Ängste. Reicht das Geld? Komme ich durch? Werde ich scheitern? Ich brauche zwanzig Minuten, um mich zu beruhigen. Mit Bauchatmung und Tee.
Der Rezeptionist lächelt, als er mich sieht. Auch das hilft. Auf dem Fernsehbildschirm ziehen die Pilger noch immer ihre Kreise. Jetzt raus, den Gedanken entfliehen und hinein in eine Landschaft, die alttestamentlich daherkommt. Jordanien liegt im Nordwesten der Arabischen Halbinsel, wie eine Pforte zur Vergangenheit. Sodom und Gomorrha gingen hier unter, Lots Gattin erstarrte zur Salzsäule, Salome tanzte ihren Schleiertanz, Mose erblickte das gelobte Land, Jesus ließ sich taufen, Indiana Jones suchte den Heiligen Gral. Viele Wunder sind hier geschehen – oder nicht geschehen.
Geografisch betrachtet, hat das kleine Land allerdings den Schwarzen Peter gezogen, denn es ist umgeben von Diktaturen und Brandherden. Im Westen befeinden sich Palästina und Israel, im Norden leidet Syrien an den Kriegswunden, im Osten siecht der Irak dahin, und im Süden poltert Saudi-Arabien herum wie ein neureicher Gutsherr.
Dass Jordanien als „Insel des Friedens“ bezeichnet werden kann, ist tatsächlich ein Wunder – finanziert durch den Westen und die Golfstaaten. Aber die Beständigkeit ist relativ. Das Wirtschaftswachstum liegt bei unter zwei Prozent, die Arbeitslosenquote offiziell bei knapp zwanzig Prozent. Finanzspritzen aus Europa, USA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten halten das Königreich stabil, denn das Land verfügt weder über Öl noch Gas. Jordanien hängt am Tropf. Innenpolitisch kriselt es. Vor ein paar Monaten, im Mai 2018, protestierten Tausende Menschen gegen höhere Einkommensteuern. Der Premierminister musste gehen, geändert hat sich dennoch wenig. König Abdullah II. bin al-Hussein ist zwar Reformen nicht abgeneigt, doch Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung sorgen für Unmut in der Bevölkerung. Und auch unter dem im Westen gern gesehenen Monarchen und seiner schönen Königin Rania ist die Pressefreiheit eingeschränkt. Zwar ist in Jordanien die Berichterstattung im arabischen Vergleich eher liberal, aber zahlreiche Journalisten sind dennoch zu Staatsdienern mutiert und zensieren sich selbst. Öffentliche Kritik am König ist verboten, am Staat wird sie nur bis zu einem gewissen Grad gebilligt. Hinzu kommen die ausufernde Bürokratie und die Korruption. Überdies sind Frauen gesetzlich oftmals schlechter gestellt als Männer. Es gibt viel zu tun.

Ich wohne downtown, im alten Amman, das sich so zeigt wie etliche orientalische Metropolen. Laut, fiebrig. Ich streune umher, durch eine Innenstadt, die aus allen Nähten platzt und trotzdem vorwärts wuchert. Die Autos fließen zäh wie Sirup, Menschen wimmeln vorbei an Shisha-Läden, in denen Kohle und Tabak verkauft werden. Der Bürgersteig bäumt sich auf, als wäre darunter noch eine Stadt vergraben. Klimaanlagen hängen an Balkonen, die Fassaden beigegrau wie Schleifpapier. Ein Jüngling im Weihnachtsmannkostüm verteilt Flyer für eine Kebab-Bude. Im nächsten Shop betten sich Schrotflinten in der Auslage, im benachbarten Laden dampfen wieder Shishas.
Die Griechen nannten Amman vor 3000 Jahren „Philadelphia“, das bedeutet „Bruderliebe“. Ein paar Hundert Kilometer weiter in Syrien massakrieren sich die Menschen. Ein Barbier wetzt sein Messer. Wintermäntel schaukeln neben Abayas, Ohrringe neben Handyhüllen. In den Obstläden hängen Bananen an Haken, ein Straßenhändler vertickt Unterhosen für Männer. Auf einer Packung steht „Magic Style“ gedruckt. Ein Bursche mit einem Turbanberg auf dem Kopf lässt seine Gebetskette durch die Finger gleiten. Hinter ihm baumeln Taschen aus Plüsch, „Louis Vuitton“ ist aufgenäht. Nähmaschinen stehen im Schaufenster, in drei Geschäften nebeneinander. Autos hupen und brettern über Rot. Ein Polizist bläst in seine Trillerpfeife und ruft mir zu: „Passen Sie auf, die fahren wie die Verrückten!“ Ich nicke. Eine Katze streift mein Bein, es riecht nach gegrilltem Hähnchen und Benzin. Ich liebe Amman, hier sprudelt das Leben, hier ist alles saftig. „Staunt euch die Augen aus dem Kopf“, forderte der Schriftsteller Ray Bradbury. Im Orient ist das nicht schwer.


Sayonara
Ich suche das Römische Theater und spreche einen Greis an, der einen Gebetsteppich unter seine Achselhöhle geklemmt hat. „Wo kommen Sie her?“, fragt er in gebrochenem Englisch. „Aus Deutschland“, antworte ich in gebrochenem Arabisch.
„Ah, Angeleea Merkele?! Gute Frau!“ Er reckt den Daumen und freut sich. Ich bedanke mich, als wäre die Kanzlerin meine Tochter. Ich erzähle ihm besser nicht, dass sie vor ein paar Wochen ihren Rückzug angekündigt hat und im Bundestag nun eine blau-braune Partei sitzt, die Hass auf Muslime schürt.
Im Theater spazieren nur wenige Touristen. Rund 1900 Jahre hat das Bauwerk auf dem Buckel. Hier ist es ruhig, die Kapitale bleibt draußen. Amman erstreckte sich einst wie Rom über sieben Hügel. Heute sind es neunzehn. Alexander der Große ritt hier vorbei, die Römer bauten Bauten, aus Innerarabien fielen später Araber ein und eroberten die Stadt. Im Mittelalter war Amman weitestgehend verfallen. Im frühen 20. Jahrhundert lebten gerade einmal 2000 Menschen hier. Jetzt zählt Amman über vier Millionen Einwohner.
Ich setze mich auf eine Stufe und mustere die Touristen. Ein Paar schlendert an mir vorüber. Die Frau trägt die schwarze Abaya, ein Überkleid, das die weiblichen Kurven kaschiert. Über der Sheila, dem Kopftuch, dann der Niqab, jener Gesichtsschleier mit Sehschlitz, der aus mehreren locker fallenden Tüchern besteht, befestigt an einem Stirnband, verknotet am Hinterkopf. Brauen, Nase und Mund sind verborgen, das Gesicht ist verhüllt bis zum Unterlied.
In Deutschland wird der Niqab zumeist mit der Burka verwechselt, dabei ist die Burka eine goldene oder rote oder schwarze Maske, die von Golfküstenbewohnerinnen und Beduinenfrauen getragen wird. Die afghanische Burka wiederum ist ein großes blaues, weißes, schwarzes oder gelbes Stofftuch, an dem oben eine flache Kappe vernäht ist. Der Blick ist hinter einem Gitternetz gefangen.
Ich beobachte das Pärchen. Die Frau lächelt. Das kann ich nicht sehen, aber wissen. Denn ihre Augen strahlen jedes Mal, wenn sie ihren Ehemann anschaut. Sie halten Händchen.
Zwei Engländer klimmen die Treppen empor. „Stell dir vor“, sagt der Blonde zum Lockigen, „dieser Ort muss vor tausend Jahren ein anderer Planet gewesen sein.“
Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte dem verliebten Pärchen entgegen, die Frau spricht mich an und bittet mich, ein Foto zu schießen. Elem und Nasser kommen aus Saudi-Arabien und verbringen ein paar Tage in Jordanien. Elem reicht mir ihr iPhone. Dann postieren sich beide vor der antiken Kulisse, formen mit Daumen und Zeigefingern ein Herz und grinsen in die Linse.
Als ich wieder unten bin, blicke ich in das Zuschauerrund hinein mit den steil ansteigenden Stufenreihen, stelle mir Gladiatoren und ausverkaufte Ränge vor.
Eine junge Frau drückt mir ihr Handy in die Hand. Nihal ist alleine unterwegs, auf Fotos will sie dennoch nicht verzichten. „Mein Mann trifft sich mit Kollegen“, erklärt sie, „wir sind nur geschäftlich in Amman und reisen übermorgen zurück nach Kairo.“
Seit einem Jahrzehnt sind sie verheiratet. Sie lernten sich an der Universität kennen, als Nihal zwanzig Jahre alt war, und Hamid musste zwölf Monate auf sie warten, weil ihr Vater sie nicht gehen lassen wollte. „Wir sind immer noch verliebt wie am ersten Tag“, schwärmt sie.
Nihal trägt ein rosa Kopftuch mit Blümchen und eine goldene Sonnenbrille von Dior, zumindest steht der Markenname auf dem Bügel. Die Brille ist komplett verspiegelt. Wenn ich Nihal in die Augen schaue, sehe ich nur mein Spiegelbild, und weil mich das irritiert, starre ich Nihal auf die Nase.
„Du bist nicht verheiratet? Wie kann das sein?“ Sie schürzt die Lippen, und da sie glaubt, ich sei schwer vermittelbar, beschließt sie, ein wenig Frohsinn in mein unbemanntes Leben zu bringen. „Sollen wir shoppen gehen?“, fragt sie, aber es klingt nach einem Befehl, und ich widerspreche nicht.
Raus aus dem Theater, rein in die Innenstadt. Nihal möchte eine Abaya kaufen, in Pink oder Lila, bestickt und bordürt. „In Ägypten sind die Abayas längst nicht so schön wie in Jordanien“, konstatiert sie und sprintet voran.
Wir betreten einen Shop. Inhaber Hussein drückt seine Zigarette aus. Zwei Packungen raucht er am Tag, gesteht er und lacht dabei wie ein Gewitter. Er reicht mir eine winzige Tasse und schenkt mir Kaffee ein, während Nihal eine kirschrote Abaya mit Goldfransen überstreift. Sie dreht eine Pirouette vor dem Spiegel. „Hübsch“, sage ich, doch Nihal schürzt die Lippen und zieht stattdessen eine fliederblaue Abaya vom Bügel. Dann eine grasgrüne, eine nachtschwarze und eine lilienweiße. Der Kleiderberg auf der Theke wächst.
Hussein kennt das – nicht nur beruflich. Zwei Ehefrauen hat er daheim. „Ist das nicht stressig?“, frage ich ihn und nippe an der vierten Tasse Kaffee.
„Nein, nur teuer“, antwortet Hussein und lacht sein Gewitterlachen. „Sag mal, willst du nicht meine dritte Ehefrau werden? Ich hab noch Platz im Haus.“ Er zeigt auf sich und mich und zwinkert. Ich gebe mich unentschlossen. „Wenn du mich heiratest, dann bekommt Nihal eine Abaya geschenkt“, schlägt er vor, legt die Hände wie zum Gebet aneinander und schluchzt theatralisch gen Himmel. „Los, heirate ihn!“, ruft Nihal in einer Drehung, und jetzt lachen wir alle.
Yasin betritt den Laden. Er begrüßt Hussein mit drei Wangenküsschen, hält mir seine Hand unter die Nase, öffnet sie, und ich weiche vor Schreck einen Schritt zurück. In der Hand sitzt eine Kakerlake. „Cool, oder?“, kichert er. Die Schabe ist aus Gummi. Er feixt und fischt aus seiner Jeanstasche einen Tausendfüßler und einen Skorpion. „Der Skorpion ist am schönsten. Ich liebe Skorpione!“ Die Gummiviecher hat er heute Morgen einem Händler abgekauft. Letzten Monat ließ er sich sogar eins dieser Spinnentiere auf das Schulterblatt tätowieren. „Manchmal fahre ich in die Wüste, um Skorpione zu fangen“, erzählt er. „Und was machst du damit?“, frage ich. „Betrachten“, antwortet er, und seine Augen glänzen. Er verabschiedet sich auf Japanisch: „O saki ni shitsurei shimasu. Sayonara.“ – „Sayonara“, erwidere ich, und er verbeugt sich. Wunderliche Erdbewohner.
Nihal hat sich zwischenzeitlich in den ersten Stock verkrümelt, um Gott anzurufen. Offenbar brachte das Gespräch mit ihm Klarheit, denn zehn Minuten später kauft sie die kirschrote Abaya mit den Goldfransen.


Für Damen ungeeignet
Satt fällt der Regen auf Amman, Wolken türmen sich zu einem Gebirge auf. Der Raum ist dunkel, nur die Lämpchen auf den Tischen leuchten, es riecht nach Papier und Geschichte, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos von Ausgrabungsstätten, in einer Vitrine stehen zusammengeflickte Vasen. Die Bibliothek des American Center of Oriental Research gehört zu den führenden Forschungsbibliotheken in der Region. Mehr als 100 000 Abbildungen von Ruinen und Fundstücken sind hier archiviert, 40 000 Zeitschriften zum Thema Archäologie in Nahost lassen sich einsehen und über 1500 Karten zur Topografie Jordaniens warten darauf, aus dem Regal gezogen zu werden.
Ich stöbere durch die Gänge und fühle mich in meine Studententage zurückversetzt. Damals verbrachte ich viele Stunden in der Bücherei und verlor mich zwischen den Jahrhunderten.
Ich greife nach einem Buch, Death and Burial in the Near East steht auf dem Cover, ich blättere und fahre mit dem Finger über byzantinische Kirchen und libanesische Friedhöfe, stoße auf die 2000 Jahre alten Grabtürme in der Oasenstadt Palmyra. Der Islamische Staat hat sie mittlerweile gesprengt.
Das nächste Buch trägt den Titel Dancing Fear and Desire. Auf dem Umschlag ein Bauchnabel, von dem eine Linie schwarzen Flaums abwärts führt. Wer hier einen schlüpfrigen Groschenroman vermutet, liegt falsch. Tatsächlich behandelt das Werk die eurozentrische Sicht auf den Tanz im Orient – sowohl den weiblichen als auch den männlichen –, und wie die westliche Kolonialpolitik samt ihrer verklemmten Kolonialherren nicht nur den „Bauchtanz“, sondern gleichermaßen die Sexualität beeinflusst hat. Ebenso die Homosexualität. Homoerotische Inhalte waren schließlich über Jahrhunderte hinweg normaler Bestandteil der arabischen, persischen und osmanischen Literatur. Obwohl muslimische Rechtsgelehrte den Analverkehr zwischen zwei Männern verurteilten und Strafen forderten, waren gleichgeschlechtliche Beziehungen weit verbreitet. Sie gehörten zum gewöhnlichen Stadtleben. Sogar Imame und Muftis verfassten homoerotische Poesie. Kalifen, Wesire, Literaten, Generäle oder Händler hatten junge männliche Geliebte – es gibt reichlich Quellen darüber. So gesehen ist die heutige Homosexuellenfeindlichkeit in muslimischen Ländern weniger „islamisch“ geprägt, sondern kommt eher „viktorianisch“ daher.
Dann endlich Unsuitable for Ladies: An Anthology of Women Travellers, eine Textsammlung über reisende Frauen – Gertrude Bell, Freya Stark, Isabella Bird, Lady Anne Blunt. Ich setze mich an einen Tisch und beginne zu lesen. „Eine Dame als Entdeckerin? Eine Reisende in Röcken? Lasst sie lieber die Babys hüten oder unsere Hemden flicken, denn sie müssen nicht, können nicht und werden niemals Erdkundler sein.“
Mit diesem Appell richtete sich 1893 die britische Satire-Zeitschrift Punch an die Royal Geographical Society. Die Forderung war ironisch gemeint und ein Angriff auf die königliche Gelehrtengesellschaft, die bis 1893 nur aus Männern bestand. Echte Ladys sollten eben nicht durch die Welt stromern, sondern Kinder gebären und Blumenbilder malen. Es wundert nicht, dass sich insbesondere die Damen der viktorianischen Zeit ausgerechnet in den Orient wünschten. In eine Wüstenlandschaft weit unten auf der Landkarte, wo die Grenzen verschwimmen. Wo Namen wie Arabien, Mesopotamien und Persien Musik in den Ohren all jener war, die Weltweh und einen entriegelten Freiheitsdrang verspürten.
Heute wird das Orientbild von Extremismus und Öl bestimmt. Diese Darstellung ist genauso tendenziös wie die Zeichnung einer halb nackten Odaliske, die sich auf einem Teppich fläzt, als gängiges Sujet des Orientalismus. Die Haremsdamen sind mittlerweile beerdigt, stattdessen wird vor Dschihadisten gewarnt, die dem Westler nach dem Leben trachten. Dass ich trotzdem lieber durch Nahost reise, als auf dem heimischen Sofa dahinzukompostieren und grenzdebile Kommentare auf Facebook abzulaichen, scheint für die meisten Leute kein nachvollziehbares Lebenskonzept zu sein. Erschreckend, wie viele Bedenkenträger gleich hinterm nächsten Jägerzaun Gefahr wittern und bei dem Wörtchen „Fremde“ Schnappatmung bekommen. Rundumher exkrementieren Defätisten ihren Driss ins Netz und degradieren sämtliche Muslime zu Islamisten. Dazu gesellen sich die Unheilspropheten, die Angst predigen und einer Frau die Fähigkeit absprechen, allein auf Reisen zu gehen. Wie schwer muss es da für eine Gertrude Bell gewesen sein, sich durchzusetzen, loszuziehen? Vor hundert Jahren?
„Für Damen ungeeignet!“ rief man der rothaarigen Britin mit den grünen Augen hinterher und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. 1868 in England als Tochter einer wohlhabenden Familie geboren, schien ihr Weg vorgezeichnet: Sie würde zur Schule gehen, heiraten und den Rest ihres Lebens als Ehefrau und Mutter in einer Stadtvilla in London abschnaufen. Doch es kam anders. Nach ihrem Geschichtsstudium zog sie zu Verwandten nach Teheran und erlernte Farsi. In den nächsten Jahren bereiste sie Mesopotamien und das Osmanische Reich, kartierte unerschlossene Gebirge und fotografierte frühbyzantinische Kirchen. Sie ritt mit einem Pferd in die Wüste und besuchte die ortsansässigen Stämme. Auf einer ihrer Reisen lernte sie den britischen Leutnant Thomas Edward Lawrence kennen. Dass der junge Mann später als „Lawrence von Arabien“ in die Geschichte einging, während Bell viele Jahrzehnte vergessen blieb, ist der tief in der Gesellschaft verankerten Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu verdanken. Frauen galten als unebenbürtig, Bell bewies das Gegenteil. Und dennoch sprach sich just die selbstbestimmte Weltenbummlerin gegen das Frauenwahlrecht aus. Wunderliche Bell.
Im Laufe der Zeit avancierte sie zu einer wirkungsreichen politischen Beraterin in Nahostfragen. Sie war an der Ernennung der Könige Jordaniens und Iraks beteiligt, und sie überzeugte 1921 den damaligen britischen Kolonialminister Winston Churchill, Irak die Unabhängigkeit zu ermöglichen. Dennoch war Gertrude Bell ein Kind ihrer Zeit. So schwärmte sie von den „urwüchsigen, wilden Arabern“. Und Lawrence wiederum beschrieb die Beduinen als „beschränkte, engstirnige Menschen, deren träger Verstand aus Gleichgültigkeit brachliegt“. Gemeinsam mit Bell arbeitete er an der Grenzziehung des Irak.
Aber nicht nur Irak, auch das heutige Jordanien ist ein Produkt der europäischen Kolonialpolitik und der Nahostkriege. Im geheimen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 hatten Großbritannien und Frankreich die arabischen Provinzen des dahinscheidenden Osmanischen Reiches unter sich aufgeteilt: Die Briten sollten ein Gebiet erhalten, das insgesamt etwa dem heutigen Jordanien, Irak und Kuwait sowie der Region um Haifa entspricht. 1920 kam noch ein zwei Jahre später ratifiziertes Völkerbundsmandat für Palästina hinzu. Frankreich sollte das Mandat über den Südosten der Türkei, Syrien, Nordirak und den Libanon übernehmen. Später musste das Arrangement erweitert werden, um auch Italien einzubinden. Die Bolschewiken verloren indes das Interesse. Kolonialbeamte, die die Region nicht kannten, zogen die Grenzen. 1923 wurde das Emirat Transjordanien abgetrennt, welches sich 1946 zu einem unabhängigen Königreich erklärte und sich seit 1950 Jordanien nennt.
Sykes-Picot wirkt bis heute nach, der weiße Mann hat viel Unglück gebracht, obgleich der Pakt nicht als einzige Konfliktursache des Nahen Ostens ausgemacht werden kann, wie es Hobbyhistoriker zuweilen postulieren. Denn lokale Akteure, Religion, Nationalismus, die Entdeckung des Erdöls auf der Halbinsel, die Dauerfehde mit Israel und die Interventionen Russlands und der USA spielen ebenfalls mit hinein. Die inneren Spannungen sowie die ethnischen und konfessionellen Zwistigkeiten existierten zudem schon vor dem Ersten Weltkrieg. Es wäre würdelos, den Arabern nur eine Opferrolle zuzuweisen.
Gertrude Bell geriet nach ihrem Tod 1926 in Vergessenheit, Lawrence von Arabien hingegen setzte Regisseur David Lean 1962 ein cineastisches Denkmal, in dem Bell mit keinem Wort erwähnt wird. Erst 53 Jahre später schaffte sie es auf die Leinwand. Nur leider traut ihr Regisseur Werner Herzog nicht allzu viel zu, denn er macht aus ihr ein rotwangiges Mädchen, das Sätze sagt wie: „Ich bin nur eine Frau, die ihren Mann vermisst.“ Königin der Wüste heißt der Hollywoodschinken, der 2015 in die Kinos kam. Nicole Kidman spielt die Titelheldin, aufgerüscht und mit Plastikgesicht – Veronica Ferres hätte es nicht schlechter machen können. Dabei mag ich Kidman, sie hat großartige Filme gedreht. Aber „Königin der Wüste“ wird sie in diesem Leben nicht mehr werden. Dass ich nicht vor Langeweile gestorben bin, verdanke ich meiner Verärgerung, denn hier wird die Frau wieder nur über den Mann erzählt, sie kann als eigenständiges Wesen nicht bestehen. Ihre Motivation speist sich lediglich aus einer verlorenen Liebe und deren Kompensation. Dass Bell die Rocky Mountains bestieg, Besteller schrieb, für den britischen Geheimdienst arbeitete, die Gedichte von Hafez übersetzte, als einzige Frau mit 39 Männern über die Zukunft des Irak verhandelte und dass ihr Charakter zutiefst widersprüchlich war – all das ist für Herzog irrelevant. Aber auch den Arabern gesteht er nicht mehr Autonomie zu. Sie dienen bloß als Staffage, sind nichts weiter als Requisite, wild und edel natürlich. Ein Orient, so wie ihn der Okzident gerne sieht. Dass Flitzpiepe Robert Pattinson die Rolle des T. E. Lawrence übernimmt, grenzt an Satire. Ein Film wie ein Totalschaden. Für Damen ungeeignet.


Pfeifende Skorpione
Der Regen hat nachgelassen, zur Zitadelle möchte ich, ihre Überreste liegen auf einem der Hügel Ammans. Rana fährt das Taxi. Vor zehn Jahren starb ihr Ehemann, da war sie 25. Seitdem zieht die Palästinenserin ihre beiden Töchter alleine groß. „Die Mädchen stecken mitten in der Pubertät“, sagt sie und verdreht die Augen, „die eine ist ein bisschen fett, die andere dünn. Das gibt oft Streit.“
Die Hauptstadt ist teuer, der Taxijob spült ein wenig Geld in die Haushaltskasse, allerdings sind Ranas Arbeitstage oft länger als die ihrer Kollegen, denn sie chauffiert nur Frauen. Damit bricht die Hälfte der Bevölkerung als Einnahmequelle weg. „Warum keine Männer?“, frage ich. Und Rana antwortet: „Ich mag sie nicht.“

Der Zitadellenhügel war schon in der Bronzezeit besiedelt und gewann über die Jahrhunderte eine beachtliche militärische und religiöse Bedeutung. Die Säulen und Mauern, die noch stehen, stammen aus römischen, byzantinischen und umayyadischen Zeiten. Eine zerbrochene Kirche, die Trümmer eines Herkules-Tempels, die Rundbögen eines Kalifen-Palastes, ich steige hinüber, mache ein paar Fotos, nach zehn Minuten beginnt es abermals zu nieseln. Die Touristen flüchten in das kleine Museum am Rande der Ruinen.
Ich verweile draußen, denn etwas Wundersames passiert: Wieder erklingt der Adhan, der Gebetsruf. Zuerst höre ich nur einen Muezzin, doch dann stimmt der nächste ein und noch ein weiterer, bis alle Muezzine Ammans gleichzeitig rufen, aus jeder Ecke der Stadt. Ihre Klangfarben trägt der Wind den Hügel herauf, zusammen mit dem Trommeln des Regens, dem Hupen der Autos, dem Brausen der Welt und dem Widerhall all dessen. Eine orgiastische Kakofonie, so überschäumend wie ein Gemälde von Jackson Pollock.
Erst als meine Kleidung durchnässt und die Wimperntusche zerlaufen ist, eile auch ich in das Museum, in dem sich zwei Dutzend Menschen drängeln. Der Kassenmann begrüßt mich wie eine alte Freundin, über ihm hängt ein „Rauchen verboten“-Schild, in seiner rechten Hand glimmt eine Zigarette. Die Besucher schieben sich durch die Gänge, schauen sich Krüge aus Ton an. Die Chinesen knipsen jeden Splitter. Manchmal stellen sie sich auch daneben und machen das Victory-Zeichen. Ich liebe Museen. Sie beruhigen mich. Wie viele Scherben ich wohl schon angeglotzt habe? Wie viele zertrümmerte Vasen und geköpfte Statuen? In der Türkei, Italien, Griechenland, Iran? Lauter Stillleben hinter Glas.

Nach dem Museumsbesuch kutschiert mich Taxifahrer Osama zurück zum Hotel. Am Rückspiegel schaukelt ein Duftbaum, „Welcome“ ist eingestanzt, es riecht nach Vanille im Auto.
„Und du bist ganz alleine unterwegs?“, fragt er. „Als Frau?“ Ich nicke. „Du hast Eier!“ Osamas Schnauzbart wippt, wenn er lacht. „Woher kommst du?“, will er wissen. „Deutschland“, antworte ich. „Aaaah, Angela Merkel. Die mag ich! Und Bayern München! Deutschland ist toll!“
Er zieht eine CD aus dem Handschuhfach, schiebt sie in den Player, und ich höre ein Pfeifen, dann folgen die ersten Zeilen: „I follow the Moskva, down to Gorky Park, listening to the wind of change.“ Osamas Schnauzbart wippt noch immer. Bei „Take me to the magic of the moment on a glory night“ stecken wir im Stau. Zum Vanilleduft mischen sich Rauchgase. „Die Deutschen machen gute Musik“, meint Osama und sagt eine Liedzeile von Rammstein auf: „Du hast. Du hast. Du hast mich gefragt, und ich hab nichts gesagt.“ Die Scorpions pfeifen dazu.
Osama stammt aus Palästina, wie so viele Taxifahrer in Amman. „Ich hoffe, die Kämpfe hören eines Tages auf. Aber ich glaube, das wird noch lange dauern“, fürchtet er, und jetzt wippt sein Schnauzbart nicht mehr.
Die meisten Palästinenser sind Nachkommen jener Generation, die 1948 nach Jordanien fliehen musste; 400 000 Frauen, Männer und Kinder waren es damals. Im Sechstagekrieg 1967 verlor Jordanien seine gesamten Gebiete westlich des Jordans an Israel. Weitere 400 000 Menschen flohen ins Haschemitische Königreich. Heute hat wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung palästinensische Wurzeln. Nach den Golfkriegen kamen noch etwa 500 000 Iraker hinzu, so wird vorsichtig geschätzt. Dann die Syrer. Für all die Verzweifelten und Vertriebenen ist Jordanien mehr als ein Refugium, es ist ihre Heimat geworden.
„Ich lebe seit fünfzig Jahren in Amman“, sagt Osama, „meine Kinder sind hier geboren, meine Enkelkinder. Es gibt kein Zurück mehr.“
Er dreht die Musik leiser, und schließlich lassen auch die Scorpions das Pfeifen bleiben.


Yallah Action
Ich wähle eine Handynummer. Dafür habe ich ein paar Tage gebraucht, denn ich leide unter Telefonangst. So etwas gibt es. Mir fällt es schwer, fremde Menschen anzurufen. Ich vermeide Telefonate, oder ich schiebe sie auf. Mir sind sie zu intim. Wenn es klingelt, hebe ich selten ab. Ich weiß nicht, woher diese Angst kommt.
Der Mann, dessen Nummer ich jetzt wähle, hat keine E-Mail-Adresse. Er ist über achtzig, also wird er keine WhatsApp-Nachrichten lesen. Ich muss ihn anrufen.
Es tutet. Zweimal, dreimal. „Hello?“, sagt eine Männerstimme, und weil ich hektisch bin, quassle ich sofort los, auf Englisch, nenne meinen Namen, erkläre, woher ich seine Handynummer habe, und frage, ob er in dieser Woche Zeit hätte, egal wann, nur eine halbe Stunde, ich deute an, dass ich ein Buch über Arabien schreiben möchte und in der Altstadt wohne, ich sei flexibel, wir könnten uns ja irgendwo verabreden, für ein Gespräch, sofern er einverstanden wäre und Zeit hätte, aber das erwähnte ich bereits.
Wahrscheinlich spreche ich zu schnell, und vermutlich klinge ich kompliziert. Der Mann sagt: „Wir treffen uns in zwanzig Minuten“, und legt auf. Einen Ort hat er nicht genannt. Ich muss ihn noch einmal anrufen. Es tutet. „Hello?“, sagt er, und ich wiederhole meinen Namen, entschuldige mich, frage nach dem Treffpunkt, denn ich wisse nicht, wohin, und es wäre ja schade, wenn wir uns verpassen würden und überhaupt. „King Hussein Street 45“, antwortet er und legt auf.

Fünfundzwanzig Minuten später betrachte ich die Bilder in seiner Galerie. Ein Greis im Malerkittel misst mit einem Zollstock die Wand aus. Er nimmt mich nicht zur Kenntnis. Auf einem Foto ist das römische Theater abgebildet, in Schwarz-Weiß, darüber hängt mit wenigen Strichen die Zeichnung eines Flapper Girl, die junge Frau trägt Wasserwelle und einen Pelzkragen, wie es in den 1920er-Jahren Mode war. Daneben eine Kaffeehausszene, vielleicht in Amman, ich erkenne ihn sofort, aus seinem Blazer ragt ein rotes Einstecktuch, er lächelt, auf dem Bistrotisch liegt eine Schachtel Zigaretten.
Mamdouh Bisharat ist ein berühmter Mann in Jordanien. Er traf Dutzende Botschafter und Staatsmänner, auch die Genschers. Sein Jugendfreund war der verstorbene König Hussein, er verlieh Bisharat den Titel eines Herzogs.
Draußen parkt ein Pick-up, auf der Ladefläche ein Gemälde in Großformat. Der Herzog betritt die Galerie, sein Mantel ist ausgefranst. Er schüttelt mir die Hand, sein Handy schellt, ein Nokia aus dem letzten Jahrtausend. „Hello?“, sagt er ins Telefon. „Kommen Sie morgen.“ Er legt auf.
Wir setzen uns, er reicht mir eine Tasse Kaffee, ich lächle, er weiß nichts mit mir anzufangen. „Sie sind Deutsche?“, fragt er schließlich, ich nicke. „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“, zitiert er Goethe und fügt hinzu: „Deutschland war sehr freundlich zu uns. Es half bei unseren wirtschaftlichen Problemen. Und es nahm viele Flüchtlinge aus Syrien auf. Das war ein Akt von großer Humanität.“ Sein Handy klingelt. „Hello?“ Ich nippe an meinem Kaffee. „King Hussein Street 45.“ Als er auflegt, verrät er: „Ich kann nicht Nein sagen. Wenn jemand anruft und etwas von mir will, dann sage ich Ja.“
Mit landwirtschaftlichen Betrieben verdiente der „Duke“, wie ihn hier alle nennen, ein Vermögen. Er selbst bezeichnet sich ganz bescheiden als „Landwirt“, doch seine Liebe gilt seit jeher der Kunst. Er investiert eine Menge Geld in die Erhaltung alter Häuser, versorgt Künstler mit Aufträgen, schützt die Umwelt, kuratiert Vernissagen, er unterstützt archäologische Projekte und ist mit seinem Engagement einer der wichtigsten Bewahrer des jordanischen Erbes.
„Haben Sie einen Leitspruch?“, frage ich ihn, während er nach seinem Handy kramt. „Wenn jemand etwas macht, dann mach etwas anderes. Warum zweimal das Gleiche?“, antwortet er, wählt eine Nummer, spricht ein paar Sätze Arabisch ins Telefon, dann legt er auf. „Die wichtigste Regel im Leben lautet …“, er schaut mich ernst an, „immer in Bewegung bleiben!“ Er grinst, klatscht in die Hände und ruft: „Yallah Action!“ Yallah ist Arabisch und bedeutet „Auf geht’s“. Das „Action“ erklärt sich von selbst, denn der Duke flitzt aus der Tür, ich folge ihm.
An Betonbauten und Häusern aus Kalkstein schiebt sich dichter Autoverkehr vorbei. Wir laufen durch die Altstadt, und der Duke erzählt von früher, er deutet auf Gebäude und Straßenecken, an denen dies oder das passiert ist. Allerorts begrüßen ihn die Menschen, klopfen ihm auf die Schulter. Irgendwann hält er eine Tasse Kaffee in der Hand und schlendert damit den Bürgersteig entlang. „Kennen Sie meinen Diwan?“, fragt er mich.
Des Herzogs Diwan ist das älteste Steinhaus der Stadt. Im Salon hängen Fotografien von Amman aus den 1930er-Jahren neben Skizzen von römischen Ruinen und impressionistischen Gemälden. 1924 erbaut, diente das Gebäude als Postamt, dann als Hotel. Der Duke rettete es vor der Abrissbirne und errichtete hier seinen Diwan, also jenen Teil eines Hauses, der Gästen immer offen steht, wo Musiker auf der Ud spielen, wo die königliche Familie einkehrt und wo Dichter und Diplomaten miteinander diskutieren.
„Warum wurden Sie zum Denkmalpfleger?“, frage ich ihn. „Weil ich mich geärgert habe“, antwortet er. Damals streiften Schatzsucher durch Jordanien. Sie zerbrachen Büsten und Säulen, um sie als Mitbringsel an Touristen im nahe gelegenen Jerusalem zu verhökern. „Ich beschloss, die Antiquitäten einfach selbst zu kaufen“, erklärt der Duke. Für drei Dinar erwarb er eine kopflose römische Statue. Das war der Anfang. Es folgten Hunderte weitere Stücke, die jetzt alle beim Antiquitätenamt registriert sind. Er setzte sich für die Erhaltung und Wiederherstellung der Kultstätten von Umm Qais, Jerash und für die Zitadelle von Amman ein. Wenn er nicht gerade mit Gästen zu Mittag isst, Botschafter empfängt, Interviews gibt oder Kulturgut rettet, dann hebt er Abfall auf – Plastiktüten, Flaschen, Kaffeebecher. „Mein Land ist schön. Es soll ein lebendiges Museum sein und keine Müllkippe“, sagt er.
Der Tisch ist eingedeckt, es gibt Brokkoli und Spaghetti, Lamm und Hummus. Das Gemüse stammt von seinen Ländereien. Zum Nachtisch serviert er Kanafeh, eine warme Süßspeise aus einem leicht salzigen Käse, übergossen mit süßem Sirup.
„Wie alt sind Sie eigentlich?“, frage ich ihn.
„Hundertzwanzig“, antwortet er.
„Dafür haben Sie sich gut gehalten“, scherze ich.
„Ja“, er lacht, „ich verbringe lieber Zeit mit jungen Menschen. Die alten haben andauernd Probleme, dann sitzt das Hörgerät nicht richtig, oder sie sind müde. Das ist mir zu langweilig.“ Sein Handy klingelt. Während er telefoniert, betrachte ich ihn. Ein beeindruckender Mann. Ein Macher, der Stillstand nicht erträgt.
Vor ein paar Wochen starb ein Kollege von mir. Er bewegte sich selten, besaß kaum Freunde. Die Polizei fand ihn vor seinem Computer. Er hatte nach Symptomen für einen Herzinfarkt gegoogelt.
„Haben Sie Angst vor dem Tod?“, frage ich den Duke, nachdem er aufgelegt hat. Er drückt meine Hand und sagt: „Darüber mag ich nicht nachdenken.“

Nadine Pungs

Über Nadine Pungs

Biografie

Nadine Pungs, 1981 im Rheinland geboren, studierte Literaturwissenschaft und Geschichte. Davor, währenddessen und danach tingelte sie jahrelang als Kleinkünstlerin durch die Dörfer und spielte am Theater. Auf der Suche nach Intensität und Schönheit zieht es sie immer wieder in die Welt. Bei Malik...

Veranstaltung
Lesung
Donnerstag, 30. April 2020 in Gelsenkirchen
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Buchhandlung Kottmann,
Nienhofstr. 5
45894 Gelsenkirchen
Im Kalender speichern
Lesung
Freitag, 08. Mai 2020 in Engen
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Stadtbibliothek Engen,
Hauptstr. 8
78234 Engen
Im Kalender speichern
Medien zu „Meine Reise ins Übermorgenland“
Pressestimmen
Süddeutsche Zeitung Literaturbeilage

„Nadine Pungs entpuppt sich als eine ebenso klarsichtige wie analytische Autorin.“

wolfgang-magazin.com

„(Nadine Pungs) hat auch mit ihrem zweiten Buch bewiesen, dass man die arabische Welt alleine als Frau bereisen kann, ohne sich unwohl zu fühlen – im Gegenteil.“

Westdeutsche Zeitung

„Ein Jahr hat (Nadine Pungs an ihrem Buch) gearbeitet und erzählt Geschichten von Menschen, wie sie in den Nachrichten nicht auftauchen.“

ruhrbarone.de

„In ihrem neuen Buch ›Meine Reise ins Übermorgenland. Allein unterwegs von Jordanien bis Oman‹ breitet die Autorin Nadine Pungs ein Mosaik der arabischen Halbinsel aus, real, gegenwärtig und in Myriaden von Nuancierungen schillernd.“

Inhaltsangabe
Der neununddreißigste Tag
Jordanien
Kuwait
Bahrain
Vereinigte Arabische Emirate
Oman
Katar
Glossar
Anmerkungen
Literatur
Dankwort
Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden