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Hector und die Suche nach dem ParadiesHector und die Suche nach dem Paradies

Hector und die Suche nach dem Paradies

Hectors erste Reise

Roman

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Hector und die Suche nach dem Paradies — Inhalt

Hector ist 25 und zum ersten Mal richtig verliebt. In Clotilde, eine Kollegin aus dem Krankenhaus, schön wie ein Botticelli-Engel, aber leider auch genauso unnahbar. Als mehrere Patienten der Klinik nach dem Genuss eines Tees apokalyptische Wahnvorstellungen haben, fliegt Hector ihr in Richtung Himalaja. Der Auftrag: zu verhindern, dass die falschen Leute hinter das Geheimnis des Tees kommen. In Katmandu liefern Buddhismus und Hinduismus Hector jede Menge interessante Antworten auf die Frage nach dem Paradies. Und vielleicht ist diese Reise auch seine Chance, Clotilde doch noch näher zu kommen ...

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
256 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31035-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97339-7
»Eine berührende Geschichte über die Liebe, den Glauben, die Hoffnung und das, was uns ausmacht und das was von uns bleibt.«
denglers-buchkritik.de

Leseprobe zu »Hector und die Suche nach dem Paradies«

Als Hector, noch ganz außer Atem, die höchsten Gipfel des Himalaja vor sich erblickte, überkam ihn ein Lächeln. In seiner Kindheit hatte er immer davon geträumt, die gleichen Reisen wie Tim und Struppi zu machen. Vor einem Monat noch war er ein braver junger Arzt gewesen, der kürzlich seine erste Stelle im Krankenhaus angetreten hatte. Und jetzt war er hier, mitten im größten Gebirge der Welt, auf der Suche nach Abenteuern!
Die Gipfel ragten aus einem Meer aus Wolken hervor; sie ähnelten riesigen, von der Sonne vergoldeten Eisbergen. Überhaupt hatte er [...]

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Als Hector, noch ganz außer Atem, die höchsten Gipfel des Himalaja vor sich erblickte, überkam ihn ein Lächeln. In seiner Kindheit hatte er immer davon geträumt, die gleichen Reisen wie Tim und Struppi zu machen. Vor einem Monat noch war er ein braver junger Arzt gewesen, der kürzlich seine erste Stelle im Krankenhaus angetreten hatte. Und jetzt war er hier, mitten im größten Gebirge der Welt, auf der Suche nach Abenteuern!
Die Gipfel ragten aus einem Meer aus Wolken hervor; sie ähnelten riesigen, von der Sonne vergoldeten Eisbergen. Überhaupt hatte er das Gefühl, dass diese gewaltigen Berge ihm etwas sagen wollten.
Und plötzlich war ihm, als wüsste er nun die Antwort auf Fragen, die ihn seit Jahren beschäftigten – Fragen nach der Existenz Gottes oder einem Leben nach dem Tode.
In diesen Höhen schien endlich alles klar! Die Bewohner dieser Weltgegend hatten recht. Das Universum und das Göttliche waren zusammen das große Eine. Gott war in den Felsen dieses Gebirges, im Nebel der Wolken, im Wehen des Windes und in den Strahlen der Sonne, Gott war in den Gesetzen, die dies alles lenkten!
An diesem mystischen Überschwang wollte Hector auch die junge Frau teilhaben lassen, die einige Schritte weiter stehen geblieben war und wie er in stille Andacht versunken schien. Sie war zwar in Oxford ausgebildet, aber auf der anderen Seite dieses Gebirges geboren worden; sie würde ihn gewiss verstehen.
»Tara«, begann er, »das hier ist es, jetzt habe ich es begriffen, alles ist nur eins! … Ähm … ich meine, dass Buddha … oder auch Spinoza, wenn man so will …«
Seine Worte wurden von einem ziemlich lauten Krachen unterbrochen – einem Geräusch, wie Hector es noch nie gehört hatte.
»Ach du große Güte«, sagte Tara. Sie zeigte auf eine riesige Bergflanke zu ihrer Linken, und Hector konnte dort etwas ausmachen, das wie eine große Welle aussah, die sich, aus der Ferne betrachtet, lässig und schweigend den Berg hinabbewegte. Es war eine Lawine, noch ziemlich weit weg, aber sie rollte auf Hector und Tara zu. Tara genügte ein Blick, um den einzigen Punkt auszumachen, der ihnen Schutz bieten konn­­te: einen Felsvorsprung, hundert Meter von ihnen, ein wenig bergauf. Sie rannten los.
Jetzt konnte man schon das Grollen der Lawine hören, und es wurde immer lauter. Sie würde sie einholen, ehe Hector und Tara den schützenden Felsvorsprung erreicht hatten; man konnte es sich an den Fingern abzählen.
Hector sah zu Tara, wie sie da vor ihm rannte, und bewunderte ein letztes Mal ihren außergewöhnlichen Charakter, all ihre Anmut, die nun einfach verschwinden sollte. Und es brach ihm das Herz, dass er – nach jenem ersten Mal letzte Nacht in einer einsamen Hütte tief in diesen Bergen – niemals wieder Liebe mit ihr machen würde.
Das Donnern wurde immer lauter; es war, als stürmten hundert Pferde im Galopp auf sie zu. Als Hector hochschaute, sah er die riesige Sturzwelle aus Schnee, die schon ganz nahe war.
Seltsamerweise hatte er keine Angst. Jetzt werde ich es endlich erfahren!, sagte er sich plötzlich. Doch statt dass er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen sah, wie es manchen Menschen kurz vor ihrem Tod widerfährt, gingen Hector all die Fragen, die ihn seit Jahren umtrieben, noch einmal durch den Kopf.
Würde er in wenigen Sekunden zu einem gütigen Gott heimkehren und irgendwann im Paradies den Menschen wiederbegegnen, die er geliebt hatte?
Oder würde er sich in einem anderen Wesen neu verkörpern, in einem Tier, einer Pflanze oder in einem Menschen, der besser oder schlechter war als er? Oder warum nicht in sich selbst, mit einem Leben, das ganz von vorn begann?
Würde er mit dem All verschmelzen, würde er in das Eine eingehen, in den Atem dieser Berge? Oder würde er sich im Nichts auflösen, würde seine Seele im selben Moment verschwinden wie sein Körper, eine erlöschende Flamme? Endlich würde er es erfahren!
Aber in dem Augenblick, als er in seinem Nacken den eisigen Hauch des Schnees spürte, wurde ihm klar, dass selbst dies nicht gewiss war: Wenn ihn eine Reinkarnation erwartete, würde er womöglich keine Erinnerung an sein früheres Leben bewahren!
Mein Gott, dachte er mit aller Kraft, wenn es dich gibt, dann hol mich hier raus!

 


Ein paar Monate zuvor hatte Hector angefangen, als Assistenzarzt in der Psychiatrie zu arbeiten. Nach sechs Jahren Medizinstudium hatte er eine schwierige Auswahlprüfung gemacht und bestanden; jetzt lagen vier Jahre Assistenzzeit im Krankenhaus vor ihm. Dabei konnte er sich für den Bereich entscheiden, in dem er später seinen Facharzt machen wollte.
Psychiater wollte er eigentlich nicht werden (wir sehen gleich noch, warum); er hatte sich nur gesagt, dass eine Assistenzzeit in der Psychiatrie für seine ärztliche Ausbildung in jedem Fall von Nutzen wäre. Die Psychiatrie befasst sich mit dem Denken der Menschen, und Hector hoffte, dass ihm das helfen würde, seine zukünftigen Patienten besser zu verstehen.
Eines Tages – es war zufällig sein vierundzwanzigster Geburtstag – hörte Hector in einem der kleinen Büros, in denen die Assistenzärzte ihre Sprechstunden abhielten, einem Patienten namens Roger zu.
»Doktor«, sagte Roger mit finsterer Miene, »Sie machen sich Sorgen um mich, dabei sollten Sie sich um sich selber sorgen!« Roger war ein Koloss, und mit seinen buschigen Augenbrauen und seinen leicht auseinanderstehenden Zähnen ähnelte er ein bisschen dem Menschenfresser aus den Märchenbüchern.
»Meinen Sie? Aber warum sollte ich mich sorgen?«
»Weil schon bald der Tag anbricht, an dem die Zeit endet und die Ewigkeit beginnt!«, sagte Roger mit einem Donnerhall, der jeden erschreckt hätte, der seine Art noch nicht kannte. »Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben … Und aus dem Meere steigen wird ein Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern!«
Hm, fragte sich Hector, ob Roger wohl vergessen hatte, seine Medikamente zu nehmen? Nach drei Monaten in der Psychiatrie war Hector nun schon seltsame Reden gewohnt, und bei Roger waren die sowieso nicht erstaunlich, denn er war das, was man einen Patienten mit Wahnvorstellungen nennt. Bevor Hector ihn zum ersten Mal in seiner Sprechstunde empfangen hatte, hatte er sich mit seiner Krankenakte befasst.
Obgleich Roger gerade mal Anfang dreißig war, hatten sich schon eine Menge Psychiater aus dieser Klinik um ihn gekümmert und einen dicken Ordner mit ihren – leider oft beinahe unleserlichen – Bemerkungen gefüllt. Seine Kollegen hatten sogar versucht, präzisere Angaben zu Rogers Wahn zu machen – »paranoisch«, »paranoid«, »halluzinatorisch« und was sie sonst noch alles vermutet hatten. Nun standen in seiner Krankenakte ganz unterschiedliche Meinungen nebeneinander, denn mit Roger war es wie mit dem Wetter: Sein Wahn fiel je nach Tag oder Monat ganz verschieden aus. Von seiner Stimmung konnte man das nicht behaupten, denn die war immer ziemlich düster – stark bewölkt mit Gewitterneigung –, und auch heute war es nicht anders.
»Der Erzengel Michael und seine Scharen kämpfen gegen den Drachen, und sie werden ihn auf die Erde schmettern!«, rief Roger mit grollender Stimme, wie um Hector zu überzeugen, dass diese gewaltige Schlacht unmittelbar bevorstand.
Das stand sicher in der Bibel, irgendwo im Neuen Testament, aber wo genau? Roger wusste es bestimmt, er war bestens beschlagen in der Heiligen Schrift. Hector hatte in der Krankenakte gelesen, dass Roger seine Eltern kaum gekannt hatte; er war in einem katholischen Waisenhaus aufgezogen worden. Nach seiner heutigen Statur zu urteilen, mussten die Nonnen ihn gut gefüttert haben. Unter allen Menschen mit Wahnvorstellungen laufen besonders die Kolosse Gefahr, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Roger war das schon oft passiert. Und es lag an diesen wiederholten Einweisungen, dass so viele Psychiater Gelegenheit gehabt hatten, zu seinem Zustand neue Blätter der Krankenakte mit ihrem Krickelkrakel zu füllen. Hier und dort tauchten die Namen von Medikamenten auf, mit Dosierungen, die in Rogers Fall immer sehr hoch waren.
Angesichts dieses neuen Wahns war die Sprechstunde für Hector eine echte Herausforderung; es ging um mehr als nur darum, mit Roger ein kleines besänftigendes Gespräch zu führen. Man musste entscheiden, ob er ausgeglichen genug war, um wieder in die freie Wildbahn entlassen zu werden, oder ob man ihn lieber überredete, einmal mehr sein vertrautes Zimmer im geschlossenen Teil der Klinik zu beziehen. Andererseits sah Hector, dass sich Roger in seinem normalen Zustand befand: Er hatte zwar seine üblichen Wahnvorstellungen, aber nicht stärker als sonst. Er vergaß beispielsweise nicht, wo er war und wem er gegenübersaß: Roger wusste, er war in der Sprechstunde bei Hector, dem neuen Assistenzarzt in der Psychiatrie. Es war der richtigen Dosierung seiner Medikamente zu verdanken, dass Roger vor einigen Jahren aufgehört hatte, die Leute davon überzeugen zu wollen, dass Gott ihn auserwählt habe, Jerusalem zu befreien (und manchmal, wenn er schon dabei war, gleich noch Konstantinopel einzunehmen). Inzwischen war Roger weise genug, über solche Ideen nur noch mit dem behandelnden Psychiater zu sprechen (an diesem Tag also mit Hector), sonst höchstens noch mit den Krankenschwestern, die ihm jede Woche seine Tabletten aushändigten, oder mit dem Pfarrer seiner Gemeinde, der ihn gut kannte. Doch wenn man sich auf die Krankenakte verlassen konnte – Hector war aufgefallen, dass einige Seiten verloren gegangen sein mussten –, verkündete Roger heute zum ersten Mal, dass die Welt bald untergehen werde, das Jüngste Gericht vor der Tür stehe und alle guten Menschen sich in Kürze im Paradies wiederfinden würden.
»Das Paradies!«, sagte Roger und klang plötzlich ganz sanft. »Ich sehe es, ich kann es spüren … Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken liegen …«
Hector fragte sich, ob man Roger nicht »höher einstellen« musste. Seit er hier Assistenzarzt war, fiel ihm auf, dass dies unter Psychiatern der Standardreflex war; wenn sie bei einem Patienten ihre Zweifel hatten, wurde er »höher eingestellt« – das hieß, die Dosierung seiner Medikamente wurde heraufgesetzt.
»Glauben Sie an Gott?«, fragte Roger plötzlich im Tonfall eines Inquisitors und blickte Hector dabei fest in die Augen.
Hector war perplex. Noch nie hatte ihm ein Patient eine derart persönliche Frage gestellt.
Wenn Sie Psychiater sind, sollen Sie Ihren Patienten normalerweise keine persönlichen Informationen preisgeben, damit man Sie weiterhin als höheres Wesen betrachtet, als Spender von Weisheit, und nicht etwa als normalen Menschen, der sich mit Allerweltsproblemen herumschlägt. Hector wusste, welche Antwort die Lehrbücher empfehlen, wenn man solche Fragen gestellt bekommt wie die von Roger.
Ich fände es besser, wenn wir in dieser Sprechstunde über Sie reden würden.
Womöglich lag es ja daran, dass Hector ein Anfänger war und seine Rolle als Psychiater noch nicht ganz angenommen hatte – jedenfalls antwortete er mit reflexartiger Aufrichtigkeit: »Ich bin getauft.«
Das beantwortete, werden Sie sagen, die Frage vielleicht nicht so richtig, aber Roger schien diese Antwort passend zu finden.
»Gott segne Sie!«, rief er aus. »Sie sind ein Teil der Kirche, Sie werden errettet sein! Morgen wird das Lamm Gottes Sie zu den lebendigen Wasserbrunnen leiten …«
Morgen schon?, sagte sich Hector. Ganz so bald hoffentlich nicht … Zugleich war er überrascht, dass Roger ihm ausgerechnet die Frage gestellt hatte, die ihn neuerdings sehr beschäftigte: Glaubte er an Gott?
Was Hector Roger gesagt hatte, stimmte – er war getauft. Als Kind war er zum Religionsunterricht gegangen, und jeden Sonntag hatte er seinen Vater zur Messe begleitet. Seine Mutter war solange lieber zu Hause geblieben und hatte gelesen. Eines Tages, er war noch ein kleiner Junge, hatte er ihr erklärt: »Papa sagt, dass Gott uns lieb hat.«
Seine Mutter hatte ihn angeschaut und dann erwidert: »Dein Papa hat sicher recht.«
Aber als Hector größer wurde, fühlte er sich allmählich immer weniger gläubig und stellte sich dafür immer häufiger Fragen nach dem Sinn des Lebens. (Das eine ist sicher die natürliche Folge aus dem anderen.)
Er hatte große Hoffnungen in den Philosophieunterricht des letzten Gymnasialjahrs gesetzt. Dort würde er endlich Antworten bekommen! Aber dann war er enttäuscht worden. Nicht nur, dass selbst so intelligente Leute wie die Philosophen sich im Lauf der Jahrhunderte nicht auf den Sinn des Lebens hatten einigen können – wenn es um die Existenz Gottes ging, bezogen sie die unterschiedlichsten Positionen. Manche waren absolut sicher, dass es ihn gab, andere waren überzeugt, es gebe ihn nicht, und ein jeder rechtfertigte seine Haltung mit ziemlich subtilen Gedankengängen.
In den Naturwissenschaften lief es anders: Da einigte man sich nach ein paar Kontroversen auf die beste Theorie, bis sie durch eine neue vom Thron gestoßen wurde.
Hector hatte übrigens auch gelernt, dass Wittgenstein – ein Philosoph, der recht schwer zu lesen und noch schwerer zu verstehen war – die Frage nach der Existenz Gottes in die Kategorie der »unsinnigen Fragen« eingeordnet hatte.
Laut Wittgenstein gab es auf diese Frage, wenn man sich auf die Erfahrung (wie sie uns wissenschaftliche Experimente liefern) und auf logische Ableitungen stützte, keine Antwort. Diese beiden Werkzeuge waren aber für Wittgenstein die einzig gültigen, wenn man das Wissen vergrößern wollte: Sie hatten bewiesen, dass sie die Wissenschaft voranbringen konnten – und natürlich auch die Medizin.
Aber auch wenn Hector sich nicht mehr so richtig als gläubiger Christ fühlte, war er deshalb noch lange kein Atheist. Einige seiner marxistischen Kommilitonen waren zwar sicher, dass es keinen Gott gab, aber es schien Hector, dass diese Überzeugung ebenso schwer zu beweisen war wie der Glaube an die Existenz des Herrn.
Manchmal beneidete er die Kommilitonen, die so einer Doktrin gläubig folgten, hatten sie doch wenigstens klare Vorstellungen vom Leben und dem Sinn, den es haben konnte.

 


Sein erstes Praktikum hatte Hector in der Kinderklinik gemacht. Dort war er eines Tages in das Zimmer eines kleinen, noch nicht mal einjährigen Jungen gekommen, von dem alle Ärzte und Schwestern der Klinik wussten, dass er nicht mehr sehr lange auf dieser Welt bleiben würde, denn er hatte eine Form von Leukämie, bei der sich alle Therapien als wirkungslos erwiesen hatten.
Die Mutter des Jungen war bei ihm, eine junge Frau mit reinen Gesichtszügen. Sie hielt ihr makellos weißes Baby in den Armen, und es schaute seiner Mama ins Gesicht und streckte seine kleine Hand nach ihrem Mund aus. Im bläulichen Licht des Sauerstoffzelts schienen Mutter und Kind in einer Art Seifenblase des Friedens und der Liebe vereint zu sein, und Hector hatte plötzlich den Eindruck, vor einem Bild zu stehen, das direkt vom Himmel gekommen war. Aber gleichzeitig spürte er, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und er ging schnell wieder hinaus, als hätte er etwas vergessen. Er wollte lieber erst zurückkommen, wenn er sich wieder imstande fühlte, die Rolle des aufmerksamen und kompetenten Arztes zu spielen.
Dieses Bild sah er oft vor sich – genau wie einige andere unvergessliche Erinnerungen aus den ersten Jahren des Medizinstudiums.
Hector wusste, dass die Frage, die er sich stellte, nicht neu war. Es gab sie beinahe seit Urzeiten: Wenn es, wie seine Eltern glaubten (oder zumindest sein Vater), einen Gott der Liebe gab, wie konnte er dann kleine Kinder sterben lassen?
Und natürlich gab es noch eine andere Frage, die sich dann ganz von selbst einstellte: War dieses Leben das einzige?
Denn wenn man eine zweite Chance hatte und dabei entweder im ewigen Leben Gott begegnete oder in anderer Gestalt wieder lebendig wurde, wie es die Anhänger einiger Religionen des Ostens glaubten, verlieh das dem Leben, dem Leiden und dem Verlust geliebter Menschen durchaus einen anderen Sinn.
Hector versuchte gelegentlich, das Thema anzuschneiden, wenn er mit den anderen Assistenzärzten zusammen war. Sie alle hatten eine Erfahrung gemein: Seit sie im Krankenhaus arbeiteten, hatten sie mehr Menschen sterben sehen, als das für Leute ihres Alters normal ist. Und so sagte sich Hector, dass diese Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Leben nach dem Tode auch für sie interessant sein müssten.
Es gab unter den Kollegen natürlich gläubige Menschen, die ihm mehr oder weniger erklärten, dieses Leben sei nur eine Durchgangsstation. Sie glaubten an das ewige Leben, und das Schlimme auf der Welt sei ein Mysterium, das der menschliche Verstand nicht durchdringen könnte. Es lief auf die Formel »Die Wege des Herrn sind unergründlich« hinaus, die Hector bereits aus der Kirche kannte.
Manchmal hätte Hector auch gerne so einen festen Glauben besessen. Dann hatte man klare Vorstellungen vom Sinn des Lebens. Entscheidend war dann nur, die Gebote der Religion zu befolgen und auf das ewige Leben in einer anderen Welt zu hoffen. Über alle anderen Fragen, zum Beispiel, ob man das Seelenheil durch gute Werke erlangt oder durch göttliche Gnade, konnte man später reden. Alle Gläubigen jedoch stellten sich einen Gott vor, der uns liebt.
Hector hatte psychiatrische Fachaufsätze gelesen, in denen stand, dass gläubige und ihre Religion praktizierende Menschen im Durchschnitt gesünder waren als andere, dass sie weniger Beruhigungsmittel und Schlaftabletten schluckten und überhaupt glücklicher waren im Leben. Hector verstand auch, warum.
Obwohl er im katholischen Glauben erzogen worden war, hatte er nun einmal seit einigen Jahren das Gefühl, dass er nicht mehr an Gott glaubte. Und die Messe besuchte er schon länger nur noch zu Hochzeiten und Begräbnissen.
Also hatte Hector sich an jene Kollegen gewandt, die von sich sagten, sie seien nicht gläubig oder jedenfalls nicht sehr. Er hatte auf interessante Antworten gehofft, aber letztendlich hatten die ihn auch nicht weitergebracht. Er merkte bald, dass sie nicht gern über die Existenz eines Lebens nach dem Tod sprachen oder über die Existenz des Bösen; sie bevorzugten andere Themen, zum Beispiel die richtige Dosierung von Gerinnungshemmern, um einer Venenentzündung vorzubeugen, oder die ersten verschwommenen Ultraschallbilder, die damals eine große Neuerung waren und den Chirurgen, bevor sie einen Patienten aufschnitten, schon eine vage Ahnung davon eingaben, was sie in seinem Inneren finden würden.
Manchmal fragte sich Hector, ob diese Kollegen den Arztberuf womöglich gewählt hatten, um so sehr damit beschäftigt zu sein, andere Menschen zu behandeln oder gar zu retten, dass ihnen gar keine Zeit blieb, an ihr eigenes Ende zu denken. Das sagte er ihnen aber nicht, denn er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.
Hector hatte sich ein kleines Heft gekauft, in dem er manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte, seine Fragen und Überlegungen zu diesem Thema notierte.

 

François Lelord

Über François Lelord

Biografie

François Lelord, geboren 1953, studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater, schloss jedoch seine Praxis, um zu reisen und sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten. Er lebt mit seiner Frau in Paris und Thailand. 2004 eroberte er sich mit seinem...

Pressestimmen

denglers-buchkritik.de

»Eine berührende Geschichte über die Liebe, den Glauben, die Hoffnung und das, was uns ausmacht und das was von uns bleibt.«

Laura

»Zauberhaft«

Ruhr Nachrichten

»Der Autor widmet sich auf unterhaltsame Weise dem Thema Glauben und lässt alle Seiten zu Wort kommen.«

Freie Presse

»Besser als je zuvor kombiniert der Autor dieses Mal kurzweiliges Erzählen mit intellektuellen Ambitionen.«

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