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Hector fängt ein neues Leben an

Roman

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Hector fängt ein neues Leben an — Inhalt

»Doktor, ich will ein neues Leben anfangen.« Oft hört Hector das von seinen Patienten. Aber findet man dadurch sein Glück? Und wenn ja, könnte Hector das von seiner eigenen Unzufriedenheit heilen? Auf der Suche nach Antworten begibt er sich auf eine Reise durch Paris und lernt dabei nicht nur sich selbst, sondern auch seine eigene, wunderbare Stadt neu kennen.

Erschienen am 10.11.2014
Übersetzer: Ralf Pannowitsch
208 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30641-6
Erschienen am 15.10.2013
Übersetzer: Ralf Pannowitsch
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96379-4

Leseprobe zu »Hector fängt ein neues Leben an«

Es war einmal ein Psychiater, der hieß Hector, und so richtig jung war er leider nicht mehr.

Aber auch wenn er nicht mehr richtig jung war, richtig alt war er auch noch nicht: Wenn er spät dran war, konnte er noch die Treppen hochsprinten, und an einen neuen Computer gewöhnte er sich schnell. Am Wochenende guckte er zu Hause manchmal noch Musiksendungen für junge Leute, und wenn ihm ein Lied gefiel, dann tanzte er ganz allein danach, sehr zur Freude seiner Frau Clara.

Aber trotzdem merkte Hector, dass er nicht mehr richtig jung war: Seine jungen [...]

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Es war einmal ein Psychiater, der hieß Hector, und so richtig jung war er leider nicht mehr.

Aber auch wenn er nicht mehr richtig jung war, richtig alt war er auch noch nicht: Wenn er spät dran war, konnte er noch die Treppen hochsprinten, und an einen neuen Computer gewöhnte er sich schnell. Am Wochenende guckte er zu Hause manchmal noch Musiksendungen für junge Leute, und wenn ihm ein Lied gefiel, dann tanzte er ganz allein danach, sehr zur Freude seiner Frau Clara.

Aber trotzdem merkte Hector, dass er nicht mehr richtig jung war: Seine jungen Kollegen duzten ihn nur zögernd, morgens beim Aufstehen tat ihm oft der Rücken weh, im Restaurant konnte er, wenn das Licht ein bisschen schummrig war, die Speisekarte nicht mehr lesen, und überhaupt fand er, dass die Kellner und die Polizisten immer jünger wurden.

Die meiste Zeit war Hector recht zufrieden mit seinem Leben. Er hatte einen interessanten Beruf, der ihm den Eindruck vermittelte, nützlich zu sein; mit Clara war er glücklich verheiratet; seine beiden Kinder waren schon groß und begannen allem Anschein nach ein normales Leben zu führen, und schließlich hatte er auch Freunde, mit denen er schöne Augenblicke erlebte.

An manchen Tagen jedoch fand er seinen Beruf zusehends beschwerlicher; für sein Empfinden arbeitete Clara zu viel; es fiel ihm auf, dass sie bisweilen mufflig und erschöpft waren (zum Glück nur selten beide zur gleichen Zeit); sein Sohn und seine Tochter fehlten ihm; er sah seine alten Freunde nicht mehr so oft und fragte sich manchmal, ob er nicht lieber in einer anderen Weltstadt leben würde, auch wenn er wusste, dass die Menschen aus allen Ländern herbeiströmten, um seine eigene Stadt anzustaunen – Paris.

Hin und wieder kamen ihm auf der Straße Frauen entgegen, die er ungewöhnlich verführerisch fand, und dann träumte er einen Augenblick lang davon, mit ihnen ein Abenteuer zu beginnen. Aber das war nur wie ein flüchtiges Fünkchen auf einem noch nicht ganz erloschenen Radarschirm. Er wusste ja, dass er seine Clara liebte, und diese einzigartige Liebe wollte er nicht für etwas aufs Spiel setzen, das bestimmt ziemlich banal wäre. Also drehte Hector sich noch nicht einmal nach diesen verführerischen Frauen um, denn das hätte er erbärmlich gefunden.

Wenn Sie ihn danach gefragt hätten, hätte Hector Ihnen geantwortet, dass er mit seinem Leben im Großen und Ganzen recht zufrieden sei und sich vor allem wünsche, dass alles so weiterlaufe wie bisher. Und das war nun leider wirklich ein Zeichen dafür, dass er nicht mehr jung war.

Dennoch träumte er von Zeit zu Zeit, ohne es sich einzugestehen, von einem anderen Leben, was wiederum bewies, dass er eben auch noch nicht richtig alt war.

 

Olivia möchte ein neues Leben anfangen

»Doktor, ich würde so gern ein anderes Leben haben!«

Das sagte Olivia, Kunstlehrerin an einem guten Pariser Gymnasium – einem von denen, wo die Eltern mehr verdienen als die Lehrer, die gewöhnlich in den Vorstädten wohnen. So auch Olivia, die in einer Freistunde in Hectors Sprechzimmer kam.

Olivia sah immer noch jung aus, sie war, wie man so schön sagt, rank und schlank. Mit ihren funkensprühenden blauen Augen schien sie auch immer noch bereit, auf die Barrikaden zu gehen, wenn es um die Verteidigung der Kunst und überhaupt um die großen Weltprobleme ging. Sie war ziemlich sexy und immer noch unverheiratet; dabei glaubte Hector nicht, dass es ihr an Kandidaten gefehlt hatte, die ihr ein Leben zu zweit vorgeschlagen hatten.

Allerdings hatte man Olivia schon früh beigebracht, eine Frau müsse vor allem unabhängig sein und ihr eigenes Leben leben, und die Ehe sei bloß ein altmodischer bürgerlicher Zopf, den man abschneiden müsse. Und wenn sie sich die Ehen ihrer Freundinnen anschaute – egal, ob diese geschieden waren oder immer noch mit ihrem Mann zusammenlebten –, bekam sie tatsächlich selten Lust, einen eigenen Versuch zu wagen.

»Ein anderes Leben welcher Art?«

Hector war ein wenig überrascht. Er hatte Olivia während einiger Konsultationen kennengelernt, nachdem sie bei einer etwas stürmischen Flugreise in Zentralasien Panikattacken bekommen hatte, die sie hinterhältigerweise nicht mehr aus den Fängen lassen wollten, als sie längst wieder festen Boden unter den Füßen hatte. (Olivia gab einen Großteil ihres Geldes für ziemlich abenteuerliche Reisen aus.) Mit einer geschickten Mischung aus Medikamenten und Psychotherapie hatte Hector ihr schnell helfen können, zumal Olivia psychisch ansonsten in einem sehr guten Zustand war.

Er vergrößerte also, wie üblich bei Patienten, denen es besser ging, die Zeitabstände zwischen den Terminen. Bei Olivia hatte er es ein bisschen bedauert, denn eine hübsche Patientin, die man geheilt hat, sieht man viel lieber wieder als ein Monster, dem es immer schlechter geht und das im Sprechzimmer zu ächzen und zu wimmern anfängt. Aber so läuft es nun mal in diesem Beruf: Man ist dafür da, die Leute dann zu behandeln, wenn es ihnen schlecht geht.

»Ich habe das Gefühl, dass ich von Anfang an auf dem Holzweg war«, sagte Olivia, »und dass es jetzt zu spät ist.« Und dabei schaute sie Hector mit einem dramatischen Gesichtsausdruck an.

»Wie meinen Sie das?«

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass Hector eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten pflegt. Das ist eine Grundtechnik in seinem Beruf – zunächst einmal, um den Patienten zu verstehen, aber vor allem auch, um ihm zu helfen, sich selbst zu verstehen.

»Nun, alles, woran ich geglaubt habe – Freiheit, Unabhängigkeit, Kunst, Einsatz für die Gesellschaft!«

»Die Ideale Ihrer Jugendjahre also?«

»Genau«, sagte Olivia mit einem charmanten Auflachen.

Sie konnte sich über sich selbst lustig machen, was ein Zeichen geistiger Gesundheit ist.

»Aber glauben Sie denn nicht mehr an diese Ideale?«

»Doch, natürlich. Aber ich frage mich, was sie mir gebracht haben.«

»Sind Sie mit Ihrem gegenwärtigen Leben nicht zufrieden?«

Olivia sagte ein paar Sekunden lang nichts; zuerst schaute sie Hector an, dann spielte sie nervös mit ihrem exotischen Armband herum, das, wie Hector festgestellt hatte, aus Tibet kam.

»Verdammt noch mal, ich rede nicht gern darüber, aber schauen Sie sich doch mein Leben mal an!«

»Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich genau so ausgesucht haben …«

»Das ist es ja gerade!«, rief Olivia aus.

Und als hätte man ein Ventil geöffnet, sprudelte es plötzlich aus ihr heraus: »Verstehen Sie denn nicht? Ich habe mich für den Lehrerberuf entschieden, weil ich dachte, den Kindern die Kunst nahezubringen sei das beste Mittel, um bessere Erwachsene aus ihnen zu machen – gerade hierzulande, wo die Kunsterziehung in den Schulen ein Schattendasein fristet.«

»So ist es«, sagte Hector, »aber gefällt Ihnen diese Idee nicht mehr?«

»Heute verbringe ich meine Zeit vor Bürgersöhnchen und Bürgertöchtern, die wiederum ihre Zeit damit verbringen, heimlich ihre Smartphones zu checken.«

»Gibt es denn keine Ausnahmen?«

»Doch, aber weil ich an einem feinen Gymnasium unterrichte, stehen diesen Ausnahmen schon zu Hause Kunst und Kultur offen! Was kann ich denn da noch bewirken?«

Hector sagte sich, dass Olivia wahrscheinlich mehr bewirkt hatte, während sie als ganz junge Lehrerin an den sozialen Brennpunkten unterrichtet hatte.

Sie hatte seine Gedanken erraten: »Natürlich könnte ich um meine Versetzung in einen Problemvorort bitten (meine Kolleginnen würden mich für übergeschnappt halten), aber dieses Opfer habe ich doch schon mal gebracht, und überhaupt wäre es heute dort das Gleiche in Grün – die gleichen Smartphones …«

»Und haben Sie schon mal ins Auge gefasst, den …«

Aber Olivia war nicht mehr zu bremsen: »… und außerdem ist mir mittlerweile klar, wie wichtig Geld ist!« Sie erklärte, dass man sich mit fast vierzig (genau genommen war sie 42 Jahre alt) ein komfortableres Leben zu wünschen beginne. Inzwischen sei sie ungeschminkt und in Jeans nicht mehr besonders hinreißend; sie habe jetzt Lust auf Kosmetika und elegante Kleidung, aber mit einem Lehrergehalt könne sie sich das alles nicht leisten, es sei denn, sie verzichte auf ihre Reisen, aber wofür solle sie dann überhaupt noch leben, und schließlich halfen ihr die Reisen, den Rest des Jahres zu überstehen.

»Haben Sie schon darüber nachgedacht, ob …«

Ihre Redeflut war nicht aufzuhalten: »Und mein Liebesleben erst! Ja, ich werde noch immer angebaggert – natürlich nicht mehr so oft wie früher –, aber die Männer, die mich interessieren, sind meistens schon unter der Haube. Und kommen Sie mir bloß nicht mit Ihrem Psychozeugs über meinen neurotischen Hang zu Männern, die nicht mehr zu haben sind! Es stimmt leider einfach, dass die guten Männer in meinem Alter alle schon einen Ehering tragen! Davor hat mich früher meine Mutter immer gewarnt, und damals fand ich das total lachhaft! Heute habe ich den Eindruck, dass für mich nur noch die Schürzenjäger übrig geblieben sind (und die sind sowieso meist auch verheiratet), die total Verklemmten oder die Geschiedenen, die Angst haben, sich erneut zu binden! Ich könnte ein ganzes Buch über die Typen schreiben, die mich am Tag danach wieder anrufen, aber die ich lieber nicht wiedersehen möchte!«

Hector saß ein wenig verdattert da, als sich diese Flut von Vertraulichkeiten über ihn ergoss, obwohl er eigentlich wusste, dass es sein Job war, sich so etwas anzuhören.

»Und wissen Sie, was am schlimmsten ist?«, fragte Olivia.

»Nein …«

»Dass ich manchmal von einem fürsorglichen Mann träume. Der mich mit auf Reisen nimmt und mit mir shoppen geht. Für den Geld nie ein Problem ist und der mich zu alledem noch fragt, wie ich mich fühle. Ein fürsorglicher Mann! Von so etwas zu träumen! Schauderhaft, nicht wahr?«

Und Olivia musste lachen, was einmal mehr ihren guten Gesundheitszustand bewies. »Ich mache Witzchen darüber, Doktor, aber es ist wirklich ernst. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben bisher ein einziger Irrtum war.«

»Darüber werden wir genauer sprechen müssen«, sagte Hector, denn die Konsultation war zu Ende, und auch wenn er sich gern länger mit Olivia unterhalten hätte, durfte er nicht noch etwas Zeit dranhängen, weil die dann dem nächsten Patienten gefehlt hätte.

Er griff zu Olivias Krankenakte, zögerte ein wenig und schrieb dann: »Midlife-Crisis«.

 

Hector und die Midlife-Crisis

Eigentlich wusste Hector nicht recht, ob er an die ominöse Midlife-Crisis glaubte, von der in den Zeitschriften so oft die Rede war. Einige seiner Kollegen hatten sogar Bücher darüber geschrieben und traten zu diesem Thema im Fernsehen auf.

Er hatte im Übrigen genau recherchiert und herausgefunden, dass es den Forschern selbst nach zahlreichen Untersuchungen schwerfiel, die Existenz dieser berühmten Krise nachzuweisen. Krisen konnten sich nämlich in jedem Moment des Lebens ereignen, und außerdem gab es viele Menschen mittleren Alters, die keine solche Krise durchmachten.

Aber wenn sich jemand so um die vierzig, fünfzig schlecht fühlte, wenn er seine Arbeit oder seinen Ehepartner nicht mehr so gut ertragen konnte oder sogar gleich ganz auswechseln wollte, dann fragte er sich natürlich, ob es nicht vielleicht die Midlife-Crisis war. Hector erklärte diesen Patienten dann oft, dass es sich eher um eine Krise handelte, die von den Sorgen ausgelöst wurde, die typischerweise in der Lebensmitte auftreten: Scheidung, Überlastung, berufliche Enttäuschungen oder, was noch trauriger war, der Verlust eines geliebten Menschen – all die Dinge, die passieren, wenn die Jahre ins Land gehen.

Aber er wusste auch, dass die Ankunft in der Mitte des Lebens (er selbst war ja gerade dort angekommen) eine sehr spezielle Sache war, denn wie Olivia bemerkt man dann plötzlich, dass man nicht mehr jung ist, auch wenn man noch nicht zu den Alten gehört. Also sagt man sich, dass man lieber jetzt damit beginnen sollte, etwas zu ändern, denn später würde es noch schwieriger werden: Man hätte dann weniger Energie, und vor allem würden die anderen denken, dass man zu alt sei, um ein neues Leben anzufangen. Sie würden einem keine Chance mehr geben – weder in der Liebe noch für eine neue Karriere.

Die Midlife-Crisis war ein bisschen wie die Lautsprecheransage: »Liebe Kunden, unser Geschäft schließt in wenigen Minuten, bitte beeilen Sie sich, Ihre Einkäufe für ein neues Leben zu erledigen, denn sonst wird es zu spät dafür sein.«

Und vielleicht vernahm Hector, wenn ihm eine hübsche Passantin über den Weg lief, selbst so eine innere Stimme, die ihm sagte: »Noch hast du Zeit, aber beeil dich, denn bald ist es zu spät.«

Der Nächste bitte!

François Lelord

Über François Lelord

Biografie

François Lelord, geboren 1953, studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater, schloss jedoch seine Praxis, um sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten. Er lebt in Paris und Bangkok.

Medien zu »Hector fängt ein neues Leben an«

Pressestimmen

Freiburger Nachrichten

»Ein weiterer heiter-vergnüglicher, aber auch nachdenklich-hintergründiger Roman aus der Hector-Reihe.«

Kölner Stadt-Anzeiger

»›Der kleine Prinz‹ für Erwachsene.«

Kieler Nachrichten

»Auch wer denkt, Hectors Lebensweisheiten und Ansichten schon alle verinnerlicht zu haben, wird bei dem Buch wieder einige Ideen erleben, die zum Schmunzeln anregen und zum Nachdenken gleichermaßen. Auf jeden Fall legt man das Buch aus der Hand in dem Bewusstsein das Leben wieder ein bisschen besser erkannt zu haben.«

TV-Star

»Wieder ein turbulentes Hector-Abenteuer.«

Hellweger Anzeiger

»Der Weg zu Hectors ›neuem Leben‹ ist nachdenklich, und auch sehr unterhaltsam.«

MDR-Figaro

»Hector ist und bleibt ein Original der französischen Literatur.«

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