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Föhrenwald, das vergessene Schtetl

Alois Berger
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Ein verdrängtes Kapitel deutsch-jüdischer Nachkriegsgeschichte

„Alois Berger flankiert die Arbeit vor Ort, indem er Lokal- mit Weltgeschichte verknüpft und so dazu beiträgt, den blinden Fleck im Loisachtal auszuleuchten.“ - Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Föhrenwald, das vergessene Schtetl — Inhalt

Die letzte jüdische Siedlung in Europa

Von 1945 bis 1957 lebten im bayerischen Wolfratshausen im Ortsteil Föhrenwald zeitweise mehr als 5000 Juden, Überlebende des Holocaust – mit Synagogen, Religionsschulen und einer eigenen Universität für Rabbiner. Föhrenwald hatte eine jüdische Selbstverwaltung, eine jiddische Zeitung und eine jüdische Polizei. 1957 wurde Föhrenwald aufgelöst, die Bewohner auf deutsche Großstädte verteilt. Föhrenwald wurde umbenannt und aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Der Ort steht exemplarisch für einen weitgehend unbekannten Teil der deutschen Geschichte. Der Autor ist dort aufgewachsen, er hat das Schweigen erlebt. Er verwebt die Spurensuche in seiner Heimat mit den Geschichten der Überlebenden – denen, die nach Israel gingen, und denen, die aus dem Land der Täter nicht wegkonnten.

„Ich habe meine gesamte Jugend in einer Art Theaterkulisse verbracht, einer sehr schönen, fast kitschigen Theaterkulisse mit verschneiten Bergen am Horizont, glasklaren Seen, mit malerischen Bauerndörfern und barocken Kirchen. Natürlich war das alles real, aber die Bilder im Kopf bekamen zerschlissene Ränder und fadenscheinige Stellen, als ich herausfand, dass mitten in dieser friedlichen Landschaft ein blinder Fleck war, eine sehr große undurchsichtige Leerstelle, über die nie geredet worden war.“

Alois Berger

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 30.03.2023
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-07106-2
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€ 23,99 [D], € 23,99 [A]
Erschienen am 30.03.2023
240 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60344-7
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„Alois Berger flankiert die Arbeit vor Ort, indem er Lokal- mit Weltgeschichte verknüpft und so dazu beiträgt, den blinden Fleck im Loisachtal auszuleuchten.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Leseprobe zu „Föhrenwald, das vergessene Schtetl“

Wir waren mittendrin und ahnungslos

Über das lange Vergessen und das späte Erinnern

„Die jüdische Welt kennt Föhrenwald als Ort der jüdischen Regeneration. Wir haben die besten Erinnerungen.
Da muss man sich nicht schämen in Wolfratshausen.“

Abraham Ben, aufgewachsen in Föhrenwald

 

Der Einfachheit halber haben wir Priesterseminar gesagt zu unserer Schule. Aber es war kein Priesterseminar, wir hatten ja auch Mädchen in der Klasse und sogar einen evangelischen Mitschüler. Doch für sie war die Schule nicht gemacht. Sie war gemacht für junge katholische Männer [...]

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Wir waren mittendrin und ahnungslos

Über das lange Vergessen und das späte Erinnern

„Die jüdische Welt kennt Föhrenwald als Ort der jüdischen Regeneration. Wir haben die besten Erinnerungen.
Da muss man sich nicht schämen in Wolfratshausen.“

Abraham Ben, aufgewachsen in Föhrenwald

 

Der Einfachheit halber haben wir Priesterseminar gesagt zu unserer Schule. Aber es war kein Priesterseminar, wir hatten ja auch Mädchen in der Klasse und sogar einen evangelischen Mitschüler. Doch für sie war die Schule nicht gemacht. Sie war gemacht für junge katholische Männer wie mich, die schon einen Beruf hatten und das Abitur nachmachen wollten, um danach in ein richtiges Priesterseminar einzutreten und Theologie zu studieren. Aber mit den paar Priesteramtskandidaten, die es noch gab, konnte man schon damals keine ganze Schule mehr machen. Deshalb wurden auch andere Schüler aufgenommen. Zur Einschreibung mussten wir ein Glaubensattest des Heimatpfarrers mitbringen, dass wir es ernst meinten mit Gott. Jeden Morgen beteten wir das Vaterunser, im ersten Jahr auf Lateinisch, danach in Alt-Griechisch.

Ob ich damals wirklich Priester werden wollte, weiß ich nicht mehr. Selbst so etwas vergisst man. Ich sage das deshalb, weil es in diesem Buch ums Vergessen geht, ums Vergessen und Verdrängen und um den schmalen Grat dazwischen. Aber es wäre nicht ungewöhnlich gewesen, wenn ich mich damals noch als künftigen Priester gesehen hätte. Dreißig Jahre nach dem Krieg spielte die Religion in einem Ort wie Wolfratshausen noch eine wichtige Rolle, der Katholizismus hatte sich tief eingebrannt. Meine Eltern jedenfalls waren sehr religiös, ich bin streng katholisch aufgewachsen, alle Männer in meiner Familie waren irgendwann Messdiener. Auch alle meine Freunde waren Ministranten, wie man in Bayern sagt. Mit Ausnahme natürlich aller Frauen und Mädchen. Der Altarraum war Männern vorbehalten, ausschließlich. Frauen durften dort putzen, vor der Zeremonie Kerzen anzünden und nach der Zeremonie die Kerzen wieder löschen. Aber während der Messe war die Anwesenheit von Frauen im Altarraum unvorstellbar.

Der Rhythmus meiner ersten Jahre war bestimmt von Morgenmessen und katholischen Feiertagen, von täglichen Gebeten morgens, mittags, abends und zweimal wöchentlich Gesangsübungen im Kirchenchor. Ich erinnere mich an regelmäßige Bittgänge über taunasse Felder im frühen Morgennebel, meist vorneweg als Kreuzträger im violett-weißen Talar. Hinter mir zwei weitere Ministranten sowie der Pfarrer und dahinter vierzig oder fünfzig ältere Frauen und ein paar Männer, die immer und immer wieder den Rosenkranz beteten und das „Vaterunser“ vor sich hin brummten. Und an die prächtigen Prozessionen in rotem Rock und weißem Chorhemd durch die Marktstraße, an gelegentliche Feldmessen in den Bergen und an genau festgelegte Fasttage: Kein Fleisch am Freitag, keine Süßigkeiten in den 40 Tagen vor Ostern, am Karfreitag wie am Aschermittwoch nur Erbsensuppe, und am 2. November hat mein Vater in der Bäckerei salzlose Allerseelen-Zöpfe geflochten. Jeden Samstagnachmittag gingen wir zur Beichte in die Kirche, knieten in der düsteren Holzkabine des Beichtstuhls und erzählten dem Kaplan durch ein Holzgitter hindurch, dass wir die Eltern nicht ausreichend geehrt hätten, dass wir beim Nachbarn Johannisbeeren gestohlen hätten und dass wir in Gedanken, in Worten und in Taten unkeusch gewesen seien. Das meiste war erfunden, wir hatten in der Woche einfach nicht genug angestellt, und was unkeusch war, das wussten wir, so katholisch wie wir erzogen waren, sowieso nicht. Wir haben uns einfach an die Sünden-Vorschläge des Beichtspiegels aus dem Religionsunterricht gehalten. Irgendwas muss man doch beichten, wenn man schon mal da ist. Vor Gott sind wir schließlich alle Sünder. Die innerlich gebeugte Haltung war Kern unserer religiösen Erziehung, sie hat mich bis weit in mein Erwachsenenleben geprägt.

Als Kinder haben wir alte Vorhänge zu Messgewändern zurechtgeschneidert und im Garten des Nachbarn Prozessionen und Feldmessen nachgespielt, weil das eben die Welt war, in der wir lebten, und vielleicht auch, weil wir den Eltern gefallen wollten. Mein Bruder war immer der Priester. Er ist später im richtigen Leben tatsächlich Pater geworden, also Priester und Mönch.

Am 5. Januar jeden Jahres, dem Tag vor Heiligdreikönig, schleppten wir Dutzende von leeren Wasserflaschen in die Kirche, um sie mit frisch geweihtem Wasser zu füllen. Das Weihwasser wurde dann das ganze Jahr über in die kleinen Schälchen gefüllt, die auf Schulterhöhe neben jeder Tür hingen. Wer durch eine Tür ging, der tippte mit dem Finger ins Weihwasser und zeichnete sich damit ein Kreuz auf die Stirn. Wenn ein Gewitter aufzog, stellte meine Mutter geweihte Gewitterkerzen aus schwarzem Wachs aufs Fensterbrett, zündete den Docht an und betete mit uns Kindern, dass Gott nicht versehentlich einen Blitz in unser Haus schicke. Gott spielte in unserer Familie die Hauptrolle, seit Generationen, zwei Tanten waren im Kloster, zwei meiner Geschwister gingen ins Kloster. Gott war auch der einzig denkbare Grund für ein Studium. Ansonsten war Gott nicht so für Bildung. Meine Mutter fürchtete, dass Bildung arrogant machen und uns von Gott entfernen könnte. Mein Vater stimmte ihr zu, schon weil er für die Bäckerei einen Nachfolger brauchte, der sich nicht zu schade war, früh aufzustehen und mit beiden Händen anzupacken. Schon die Mittelschule wäre zu viel Ablenkung und eine unnütze Zeitverschwendung gewesen. Ich habe damals nur die Volksschule absolviert. Die einzige Schulnote, die wirklich zählte, war die aus dem Religionsunterricht.

Alle meine Freunde von damals sind ähnlich aufgewachsen. Manche nicht so katholisch wie bei uns, aber ganz ohne katholischen Gott war keiner. Der Kirchenkalender gab den Rhythmus vor: Advent, Weihnachten, Lichtmess, vierzig Tage vor Ostern karge Mahlzeiten, und ab St. Georg durfte man nicht mehr über die Wiesen und Weiden gehen, weil sonst das Gras nicht mehr ordentlich wächst. Der ganze Ort lebte katholisch, der Pfarrer war wichtiger als der Bürgermeister, was in dieser Geschichte später noch einiges erklären wird. Dabei war Gott zu dieser Zeit auch in Wolfratshausen längst auf dem absteigenden Ast. Noch nicht im freien Fall, wie ein paar Jahre danach, aber es ging eindeutig nach unten. Bei den vier Messen am Sonntag war die barocke Pfarrkirche noch voll, aber während der Woche waren die Bänke von Jahr zu Jahr spärlicher besetzt. Auch unsere kleine Welt wurde immer weltlicher.

Juden kamen in diesem Leben nur am Rande vor, genauer: um Ostern herum. Da erinnerten die Pfarrer daran, dass es Juden waren, die vor knapp 2000 Jahren unseren Herrn Jesus ans Kreuz schlagen ließen. Und dann gab es noch Moritz, den Herrenausstatter, den jeder kannte und der immer vor seinem kleinen Laden darauf wartete, jeden in ein lustiges Gespräch zu verwickeln, auch uns Kinder. Ob er Moritz mit Vor- oder mit Nachnamen hieß, weiß ich nicht, alle sagten nur Moritz zu ihm. Er hatte einen eigenartigen Akzent und trug zu allen Jahreszeiten eine graue Pelzmütze. Manchmal raunten die Leute, dass Moritz Jude sei, aber, fügten sie entschuldigend hinzu, er sei ein gutmütiger Kerl. Der lustige Moritz war beliebt, niemand unterstellte ihm, dass er mit der Sache mit Jesus etwas zu tun gehabt hätte.

Als ich mit 19 Jahren meinen Beruf als Elektroniker bei Siemens aufgab, um das Abitur nachzumachen, nickten meine Eltern. Sie waren nicht glücklich darüber, aber sie nahmen es hin. Ein Jahr vorher hatte die Regierung beschlossen, dass Jugendliche nicht mehr erst mit einundzwanzig, sondern schon mit achtzehn volljährig wurden. Ich durfte also von Rechts wegen über mich selbst bestimmen. Dass ich mich am Spätberufenen-Kolleg einschrieb, machte meine Eltern endgültig wehrlos. Sie ahnten zwar, dass ich nie Priester werden würde, aber sie konnten es nicht mit Sicherheit sagen. Mein älterer Bruder war bereits seit einem Jahr im Spätberufenen-Kolleg, er hatte die Backstube verlassen, was für meinen Vater die Katastrophe war. Bei meinem Bruder waren die Eltern sicher, dass er Priester werden würde. Gegen die göttliche Berufung konnte mein Vater nichts ausrichten, er konnte sich nicht einmal seine Wut und seine Verzweiflung über den Verlust eines Bäckernachfolgers eingestehen.

Im fünften und letzten Jahr vor dem Abitur bekamen wir im Seminar eine junge Aushilfslehrerin in Geschichte. Eva Greif war in Waldram aufgewachsen, keine 150 Meter vom Seminar entfernt. Ihre Mutter arbeitete im Sekretariat der Schule. Eva wurde Teil meines Freundeskreises. Wir waren ungefähr gleich alt. Als ich nach dem Abitur nach München ging, haben wir uns aus den Augen verloren. Erst 35 Jahre später sind wir uns wieder begegnet. Anlass war ein Zeitungsartikel, in dem stand, dass Eva Greif mit drei anderen Frauen im Badehaus in Waldram eine Erinnerungsstätte zu „Föhrenwald“ aufbauen würde.

Den Ortsnamen Föhrenwald hatte ich schon mal gehört, konnte aber nichts damit verbinden. Das Badehaus kannte ich, weil dort drei Mitschüler gewohnt hatten. Warum es Badehaus hieß, das wussten wir nicht. Das hat mir Eva Greif genau fünfunddreißig Jahre nach meiner Schulzeit in Waldram erzählt, 2017 war das. Sie hat es selbst erst einige Jahre vorher erfahren, so wie sie die ganze Geschichte von Föhrenwald erst Jahrzehnte nach unserer Zeit in Waldram herausgefunden hat und auch die Geschichte der Thora-Schule in ihrem Wohnzimmer. Von ihr weiß ich, dass ich meine gesamte Jugend in einer Art Theaterkulisse verbracht habe, einer sehr schönen, fast kitschigen Theaterkulisse mit verschneiten Bergen am Horizont, glasklaren Seen, mit malerischen Bauerndörfern und barocken Kirchen. Natürlich war das alles real, aber die Bilder im Kopf bekamen zerschlissene Ränder und fadenscheinige Stellen, als ich erfuhr, dass mitten in dieser friedlichen Landschaft ein blinder Fleck war, eine sehr große undurchsichtige Leerstelle, über die nie geredet worden war.

Hinweise auf das jüdische Schtetl Föhrenwald hatte es schon früher gegeben, vage Andeutungen und schnell wieder zugedeckte Spuren. Bei Eva Greif war das vor allem der Davidstern hinter der Tapete. Als sie zehn Jahre alt war, kam der blaue Stern bei Renovierungsarbeiten im Wohnzimmer zum ersten Mal zum Vorschein, dreißig Zentimeter groß, knapp überm Klavier, und einen Meter höher hebräische Schriftzeichen quer über die ganze Wand. „In diesem Ort haben mal Juden gewohnt“, habe ihr Vater damals knapp erklärt, „das war’s, mehr wurde nicht darüber geredet und ich war zu klein, um die richtigen Fragen zu stellen.“

Eva hatte den Davidstern längst vergessen, als um die Jahrtausendwende eine kleine Fotoausstellung über die Vorgeschichte Waldrams im Spätberufenenseminar sie wieder daran erinnerte. Die Bilder stammten aus dem Stadtarchiv und zeigten lang gezogene Häuser mit vielen Haustüren, Siedlungshäuser aus den Vorkriegsjahren, grau in grau, schmucklos und mit sichtbar feuchten Außenwänden. Auf den ungeteerten Straßen standen einzelne Menschen in ärmlicher Kleidung herum. Auf einigen Fotos sah man grobkörnig Familienfeiern, eine ganz normale Schulklasse, einen einsamen Lastwagen am Straßenrand, Vorkriegsmodell. Föhrenwald habe die Siedlung geheißen, so die Erläuterung unter den Bildern, die US-Armee habe hier jüdische Überlebende des Holocaust untergebracht.

Auf dem Nachhauseweg sah Eva die Straßen, in denen sie aufgewachsen war, mit anderen Augen: Was war hier mal los? Obwohl die Häuschen inzwischen allesamt hell gestrichen sind und in den hübsch angelegten Vorgärten mit Blumen Büsche und Obstbäume blühen, ist die alte Siedlungsstruktur noch immer klar erkennbar. Und plötzlich entdeckte sie Spuren, die ihr vorher nie aufgefallen waren: Den Schatten der Menora zum Beispiel am Giebel eines Hauses in der Rupertstraße, an dem sie seit ihrer Kindheit jeden Tag immer wieder vorbeigegangen war. Die vermutlich schmiedeeiserne Menora war schon vor langer Zeit abgeschraubt und die dunklen Rostspuren an der Wand mehrfach überstrichen worden, doch die sieben Arme des Leuchters blieben bis vor wenigen Jahren erkennbar.

Die große Überraschung kam wenig später, als Evas Tochter Sophie für ihre Abschlussarbeit am Gymnasium ihre Oma über die Vergangenheit des Ortes ausfragte. Eva Greif kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Ich wusste, dass meine Mutter schon während des Krieges einige Jahre hier war, als Dienstverpflichtete unter Hitler“, erinnert sich Eva, „aber sie hat nie darüber geredet.“ Ein halbes Jahrhundert lang hatte die Frau geschwiegen, erst als die Enkelin mehr wissen wollte, brach es aus ihr heraus. Sie erzählte, was sie ihrer Tochter nie erzählt hatte: Dass sie als junge Frau 1941 nach Föhrenwald geschickt worden war, einer NS-Siedlung für Fremd- und Zwangsarbeiter der beiden Munitionsfabriken im benachbarten Forst. Dass sie als Dienstverpflichtete in dieser Zeit unter Menschen aus sechzehn Ländern lebte, dass sie unter anderem französischen Arbeiterinnen das karge Gehalt auszahlen musste. Dass diese Siedlung nach 1945 dann zum Auffanglager für heimatlose Juden wurde, dass nicht ein paar Dutzend, auch nicht ein paar Hundert, sondern Tausende von Juden hier gelebt haben, dass dieses Lager zwölf Jahre lang bestand, länger als alle anderen Lager in Deutschland. Und dass die katholische Kirche diese Siedlung dann komplett aufgekauft und die Häuser ausschließlich an katholische und meist kinderreiche Familien weitergab, bevorzugt aus dem Sudetenland. Evas Vater hat 1958 eines der Häuschen gekauft, mitsamt den Insignien der Thora-Schule im Erdgeschoss.

„Ich glaube, die Oma war sogar erleichtert, dass jemand nachgefragt hat“, erzählt Evas Tochter Sophie Scholz. „Ich habe das alles auf Kassette aufgenommen, und die höre ich mir auch jetzt noch gerne an, weil das so die einzigen Aufnahmen sind, die ich von meiner Oma habe.“ Kurz danach ist die alte Frau in der Demenz verschwunden: „Es war der letzte Moment, mit ihr über die Vergangenheit zu sprechen.“

Sophie Scholz hat für diese Facharbeit dann auch Kontakt zu einigen Juden aufgenommen, die in Föhrenwald aufgewachsen sind und jetzt in Frankfurt, in Israel oder in Berlin leben. Eva und Sophie setzten das Puzzle zusammen und bekamen eine vage Vorstellung von der jüdischen Siedlung Föhrenwald. Das Thema ließ sie nicht mehr los. Die Geschichtslehrerin Eva Greif begann zu recherchieren, im Internet, in Büchern, in historischen Archiven, reiste nach Berlin, Jerusalem, Washington, sie begann Jiddisch zu lernen. Und als das Erzbistum München-Freising 2010 für den Umbau des Spätberufenen-Seminars Geld brauchte und deshalb die Grundstücke mitsamt dem Badehaus verkaufen wollte, da wusste Eva längst, warum das Gebäude Badehaus heißt: Weil im Keller die Mikwe untergebracht war, das jüdische Ritualbad. Mit Nachbarn und Freunden und einer erfahrenen Historikerin gründete sie 2012 den Verein „Bürger fürs Badehaus“, gemeinsam gelang es ihnen, den geplanten Abriss des wuchtigen Gebäudes zu verhindern. Die Kirche stellte das Badehaus schließlich sogar für die Einrichtung eines Erinnerungsortes zur Verfügung. Auch in der Katholischen Kirche hat sich offenbar viel verändert seit 1955, seit das Erzbistum die ganze Siedlung aufgekauft hatte und den Namen Föhrenwald verschwinden ließ.

Dass ausgerechnet Schüler die verdrängten Geschichten wieder ins kollektive Gedächtnis zurückholen, ist nicht ungewöhnlich. Auch der für lange Zeit aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte Dachauer Todesmarsch wurde von einem Gymnasiasten ausgegraben, der 1985 eine Facharbeit über den jüdischen Friedhof in Gauting bei Starnberg geschrieben hat. Ihm war aufgefallen, dass viele der dort Begrabenen denselben Todestag hatten, den 27. April 1945. In den Archiven fand er die Erklärung: Dass an diesem Tag Tausende von ausgemergelten und halb verhungerten KZ-Häftlingen aus Dachau über Gauting in den Süden getrieben wurden und viele diesen Gewaltmarsch nicht überlebt haben. Die Facharbeit des Gautinger Schülers schaffte es erst in die Lokalzeitung und in den Gemeinderat, dann in die überregionalen Zeitungen. Alte Menschen begannen sich wieder zu erinnern und darüber zu reden. Das Thema beschäftigte bald alle Gemeinderäte entlang der Route des Todesmarsches, die meisten Gemeinderäte lehnten es ab, sich ernsthaft mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen. Aber sechsundzwanzig Orte stellten in den darauffolgenden Jahren Mahnmale auf, die seither an den Weg der KZ-Häftlinge erinnern, der für viele der letzte war.

Für Eva Greif, für mich, für unsere Generation sind Krieg und Nachkriegszeit immer eng verknüpft mit der unmittelbaren Familiengeschichte, mit dem Verhalten unserer Eltern: Was habt Ihr zu dieser Zeit getan? Wo wart Ihr? Wie standet Ihr zum Nationalsozialismus? Was habt Ihr gewusst, was habt Ihr mitbekommen, und warum habt Ihr den Juden nicht geholfen? Alle diese Fragen sind auch Fragen nach persönlicher Schuld und Verantwortung der Befragten. Genau das aber macht jedes Gespräch schwierig, sperrig für alle Seiten. Was kann und was will man Familienmitgliedern zumuten? Welche Traumata wird man mit den Fragen ausgraben? Und was ist, wenn wir bei den Nachforschungen über die eigene Familie Schreckliches zutage fördern? Wie würden wir damit umgehen? Nicht jeder ist stark genug.

Für unsere Kinder ist diese Kriegs- und Nachkriegszeit bereits weit zurückliegende Geschichte, auch das kann man aus den Facharbeiten herauslesen: Das Staunen darüber, in welcher Welt die Großeltern oder die Urgroßeltern gelebt haben, einer aus heutiger Sicht unfassbaren Welt aus Krieg und Leid und Brutalität und inneren und äußeren Konflikten. Für Eva Greifs Mutter war es ganz offensichtlich um vieles leichter, sich der Enkelin zu öffnen als der eigenen Tochter. Die Tochter hätte ein paar Fragen mehr gehabt.

Als mir Eva Greif ihre Geschichte von Föhrenwald erzählte, die so ähnlich auch meine Geschichte ist, meines Heimatortes und meiner Schule, da waren sofort Fragen im Kopf: Warum haben meine Eltern nie davon erzählt, hatten sie etwas zu verbergen? Warum haben die Lehrer nichts gesagt, die Verwandten? Spätestens als ich mich im Seminar in Waldram eingeschrieben habe, wäre doch genug Anlass gewesen, darüber zu reden. Weißt du eigentlich, was da in Waldram vor ein paar Jahren war? Das wäre doch die logische Einleitung gewesen. Aber niemand hat auch nur ein Wort über Föhrenwald verloren.

Nicht einmal im Geschichtsunterricht, als es um Nationalsozialismus und Judenvernichtung ging, nicht einmal da wurden wir darüber aufgeklärt, dass noch zwanzig Jahre vorher Juden in diesen Räumen ein und aus gingen. Kein Wort darüber, dass damals in der Küche nebenan koscher gekocht wurde, dass die Kirche, wo wir unsere Schulgottesdienste feierten, eine der meistbesuchten Synagogen Europas war, dass an manchen jüdischen Feiertagen unten im Schulhof die israelische Flagge wehte.

Vielleicht war ich, als Eva Greif mich auf die Geschichte von Föhrenwald gestoßen hat, sogar ganz froh darüber, dass ich meine Eltern nicht mehr fragen konnte. Ich habe dann angefangen zu recherchieren und nachzuforschen – und komme aus der Fassungslosigkeit nicht heraus. Es ist nicht nur die erdrückende Dimension des Verschwiegenen, die sprachlos macht: Die vielen Tausend Juden, die nur ein paar Jahre vor uns in Waldram gelebt, geliebt und gelitten hatten, die hier auf den Trümmern ihres bisherigen Lebens ein neues begonnen hatten und deren Spuren durch die nachfolgenden Bewohner ausgelöscht worden waren. Es ist auch die unglaublich dünne Decke, unter der Föhrenwald fast ein halbes Jahrhundert lang verborgen lag, die mich erschüttert hat. So dünn ist diese Decke, dass ein paar Zufälle gereicht hätten, um sie schon viel früher zu zerreißen. Es gab sicher keine Absprache: Wir reden nicht über Föhrenwald! Aber die gemeinsame Entschlossenheit einer ganzen Generation, zu schweigen über das „Judenlager“, wie sie es nannten – diese unausgesprochene gemeinsame Entschlossenheit muss es wohl gegeben haben.

Alois Berger

Über Alois Berger

Biografie

Alois Berger, Jahrgang 1957, studierte Philosophie und Politik. Er war viele Jahre  EU-Korrespondent der taz in Brüssel sowie Radio- und Fernsehreporter für DLF, WDR und Dokumentarfilmer für ARTE. Er lebt als freier Journalist in Berlin.

Pressestimmen
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Alois Berger flankiert die Arbeit vor Ort, indem er Lokal- mit Weltgeschichte verknüpft und so dazu beiträgt, den blinden Fleck im Loisachtal auszuleuchten.“

Lora München „Nachrichten aus der Provinz“

„Das Buch ist insgesamt unglaublich interessant.“

WDR 3 „Lesestoff“

„Mit spürbarem Engagement ist Alois Berger ein sehr persönliches Buch gelungen, in dem sich die Lokalhistorie spiegelt. Es ist zugleich eine anschauliche Geschichte der jüdischen DPs in der Nachkriegszeit.“

Muh

„Ein spannender und berührender Zeitbericht.“

BR24

„Bergers Buch erzählt viele Schicksale aus Föhrenwald.“

Süddeutsche Zeitung

„Ein gründlich recherchiertes Buch.“

Bremen Zwei „Kulturwelle“

„Die persönliche Verbindung von Alois Berger mit diesem Ort macht dieses Buch besonders stark (…) Eine spannende deutsche Nachkriegsgeschichte.“

Münchner Merkur

„Ein bewegendes Buch.“

historisches-sachbuch.com

„Heimatkunde auf sehr hohem Niveau, mit vielen Zeitzeugen.“

Logbuch

„Er stellt vor allem die Erinnerungen von jüdischen und nichtjüdischen Bewohner*innen in den Fokus.“

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