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Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume (Die Seifenfabrikantin 1)Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume (Die Seifenfabrikantin 1)

Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume (Die Seifenfabrikantin 1)

Farina Eden
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Roman

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Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume (Die Seifenfabrikantin 1) — Inhalt

Die Seifenmanufaktur – ein Ort der Träume, der Hoffnung und des Schicksals 

Als Tochter eines Seifensieders wird die siebzehnjährige Hanna 1865 in das Seifenhandwerk eingeführt. Schnell zeigt sich ihr Talent, doch als Frau hat sie keine Chance in diesem Beruf. Unterstützt von ihrem Bruder, der die Manufaktur übernehmen soll, entwickelt Hanna heimlich weiter neue Rezepturen für herrlich duftende Seifen. Auch ihre große Liebe Louis steht ihr zur Seite. Als ihre Beziehung einer Intrige zum Opfer fällt und außerdem Hannas Bruder schwer erkrankt, steht alles auf dem Spiel. Hanna beschließt zu kämpfen – für ihre Liebe und ihren Traum einer eigenen Seifenmanufaktur.

Der erste Band der mitreißenden Saga um die wechselvolle Geschichte einer Seifenmanufaktur im 19. und 20. Jahrhundert!

Band 1: Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume
Band 2: Die Seifenmanufaktur – Der Duft des Neubeginns
Band 3: Die Seifenmanufaktur – Die Essenz des Glücks

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 29.07.2021
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31731-3
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 29.07.2021
400 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60004-0
Download Cover

Leseprobe zu „Die Seifenmanufaktur – Die Rezeptur der Träume (Die Seifenfabrikantin 1)“

Kapitel 1
Sonntag, 23. Juli 1865

Hanna
Hanna hasste es, eine große Schwester zu sein. Fast schien es, als hätten ihre Eltern Friedrich nur in die Welt gesetzt, um ihr eine Aufgabe zu geben. Sie war inzwischen siebzehn, hatte das Mädchenlyzeum beendet und konnte ganz und gar nicht nachvollziehen, warum ihre Eltern ihr ausgerechnet zu Beginn der Hundstage, wie die schulfreien Wochen während der größten Sommerhitze genannt wurden, die Aufsicht über ihren oft viel zu verträumten Bruder übertragen hatten.
Ihr Vater hatte auch auf ihr Betteln hin nicht [...]

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Kapitel 1
Sonntag, 23. Juli 1865

Hanna
Hanna hasste es, eine große Schwester zu sein. Fast schien es, als hätten ihre Eltern Friedrich nur in die Welt gesetzt, um ihr eine Aufgabe zu geben. Sie war inzwischen siebzehn, hatte das Mädchenlyzeum beendet und konnte ganz und gar nicht nachvollziehen, warum ihre Eltern ihr ausgerechnet zu Beginn der Hundstage, wie die schulfreien Wochen während der größten Sommerhitze genannt wurden, die Aufsicht über ihren oft viel zu verträumten Bruder übertragen hatten.
Ihr Vater hatte auch auf ihr Betteln hin nicht nachgegeben, obwohl sie ihn sonst mit einem einzigen Augenaufschlag um den Finger wickeln konnte. Hanna war an diesem heißen Sonntag mit Henriette und Sophie verabredet. Sie wollten den Hügel hinunterspazieren, um den Nachmittag im Flussbad nahe der Tauberbrücke zu verbringen.
„Aber Vater, warum kann er nicht etwas mit seinen eigenen Freunden unternehmen, statt mir und meinen auf den Geist zu gehen?“
Hanna wusste genau, dass der Seitenhieb ihren Bruder traf. Friedrich war ein ruhiger Bursche. Er wurde zwar nicht gemieden und hatte den einen oder anderen Schulkameraden, mit dem er sich wohl unterhielt, doch von echten Freunden konnte keine Rede sein.
Sie warf dem Dreizehnjährigen einen finsteren Blick zu. Er ließ die Schultern hängen und biss sich auf die Unterlippe.
„Musste das sein?“, zischte Christina Grieb ihrer Tochter zu, doch Hanna war zu aufgebracht, um die verletzenden Worte zurückzunehmen.
„Du nimmst deinen Bruder mit und Schluss!“
Am Tonfall ihres Vaters erkannte Hanna, dass er soeben ein Machtwort gesprochen hatte, an dem nicht mehr zu rütteln war. Sie kniff die Augen zusammen und starrte Anton Grieb wütend an.
„Du wirst Friedrich kaum bemerken, denn er geht ohnehin nicht baden. Er kann am Ufer sitzen, die Beine ins Wasser hängen, und auf dem Rückweg nimmst du ihn wieder mit heim. Das ist wohl kaum zu viel verlangt“, versuchte er, Hanna zu beschwichtigen. Er wollte seiner Tochter die Hand auf die Schulter legen, doch sie wandte sich trotzig ab.
Was wusste ihr Vater schon? Ihre Freundinnen würden sie wegen ihres Bruders aufziehen. Hinzu kam, dass vermutlich auch die Knaben der Lateinschule den ersten heißen Feriennachmittag am Fluss verbringen würden. Wie sah es denn aus, wenn sie dort mit ihrem schmächtigen Bruder erschien, der eher an einen Zehnjährigen erinnerte?
„Aber welchen Sinn hat das denn? Er muss im Männerbereich des Bads bleiben, ich bei den Frauen. Ich kann ja doch nur aus der Entfernung achtgeben! Und wenn er nicht ins Wasser geht, bekommt er am Ende noch einen Hitzeschlag. Da kann er auch gleich im Haus bleiben!“
„Entweder du gehst mit ihm oder gar nicht!“, kürzte Christina Grieb die Diskussion zwischen ihrer Tochter und ihrem Gatten ab.

Das restliche Frühstück verlief schweigsam, und je häufiger Hanna in das verletzte Gesicht ihres Bruders blickte, desto mehr plagte sie das schlechte Gewissen.
„Bevor ihr euch am Nachmittag ins Badegetümmel stürzt, brauche ich noch deine Hilfe. Ich weiß, es ist Sonntag. Aber diese Entscheidung kann nicht warten.“ Die Worte ihres Vaters ließen sie den Streit sofort vergessen. Sie strahlte ihn über den Tisch hinweg an, wusste sie doch, was nun folgte: Sie würden Seife sieden, und in Hannas Augen kam kein anderes Handwerk an dieses heran.
„Werde ich auch gebraucht?“, fragte Friedrich, seine Stimme klang noch immer eingeschüchtert.
„Nein, mein Junge. Heute ist das gute Näschen deiner großen Schwester gefragt.“
In der Hoffnung, die Mutter würde ohne Standpauke darüber hinwegsehen, dass Vater und sie auch diesen Sonntag wieder der Frühmesse ferngeblieben waren, half Hanna ihr eilig dabei, das Frühstücksgeschirr abzuräumen. Dann lief sie hinter den breiten Arbeitstresen und öffnete die Tür, die in die Abstellkammer führte. Für einen Moment hielt sie inne und sah sich um.
Die Vorratskammer konnte sich in diesem Sommer sehen lassen. Es war vor allem dieser Raum, der Hanna zeigte, wie gut es ihnen im Vergleich zu vielen anderen Rothenburgern inzwischen ging. Als Kind hatte sie Jahre erlebt, in denen nicht einmal mehr Eier und Korn übrig waren. Heute platzte die Kammer aus allen Nähten. Da hingen geräucherte Salzheringe von der Decke, das Kornfass war noch zu einem Viertel voll und würde mit der neuen Ernte wieder ganz aufgefüllt sein. Prall gefüllte Quarkbeutel hingen oberhalb des Butterfasses, und ihre Mutter hatte in diesem Jahr sogar die kleine Honigtonne gefüllt. Es gab Eier, Kraut, eingelegten Kohl, getrocknete Kräuter, geräucherten Schinken und ein halb volles Schmalzfass.
Hanna konnte es auch diesmal nicht lassen: Sie öffnete die kleine Honigtonne, steckte ihren Zeigefinger in die goldene Flüssigkeit und leckte ihn danach genüsslich ab. Sie wusste, dass Friedrich und ihr Vater es ebenso machten, sobald sie die Kammer betraten, und dass sich das trotz der Schimpftiraden ihrer Mutter erst ändern würde, wenn der Honig leer war.
Eine schmale Verbindungstür am Ende der Vorratskammer führte in den vorderen Bereich des Hauses, der aus der Siederei und dem Verkaufsraum bestand. Links neben der Tür hingen ihre Schürzen. Hanna griff danach und reichte ihrem Vater, der ihr gefolgt war, die seine. Gemeinsam traten sie an die offene Feuerstelle, die sich rechts von der Tür befand und über der ein kegelförmiger Siedekessel aus Kupfer hing.
Hanna hatte schon oft versucht, ihren Vater dazu zu überreden, endlich Eisenkessel anzuschaffen, da diese für größere Seifenmengen besser geeignet waren. Doch Anton Grieb hatte nur abgewunken und erklärt, dass die derzeitige Menge vollkommen ausreichte, um die Familie zu ernähren und ihnen ein halbwegs sorgenfreies Leben zu ermöglichen.
Auf der anderen Seite des Raums stand der Kühlkasten. Er war aus Holz, wurde durch große Schrauben zusammengehalten und war mit Kalkbrei ausgekleidet, damit sich die erstarrte Seife lösen ließ. Auch bei der Kühlung weigerte sich der Vater beharrlich, eine modernere Apparatur in Betracht zu ziehen. Inzwischen gab es längst erste eiserne Formen, die sich weniger stark abnutzten und dafür sorgten, dass die Kühlung schneller vonstattenging.
„Die Grundseife ist fertig“, erklärte ihr Vater und deutete auf einen kleineren, flachen Behälter, der in der Mitte des Raums auf dem großen Arbeitstisch stand.
„Welche Methode?“, fragte Hanna, die wusste, dass es nun darum gehen würde, den Riechstoff so in die halb fertige Masse einzuarbeiten, dass er sich nicht verflüchtigte.
„Umschmelzen. Für den ersten Riechtest wäre Pilieren zu aufwendig.“
Hanna griff nach dem Kasten auf dem Tisch, löste die erkaltete Seifemasse heraus und gab sie in den Kessel, wo sie sich unter Hitze wieder verflüssigte.
„Und wofür brauchen Sie nun mein Näschen, Vater?“, fragte sie, während sie die Masse vorsichtig umrührte.
Statt zu antworten, öffnete Anton ein Schraubglas und hielt es seiner Tochter vors Gesicht.
„Und?“, fragte er.
„Pfefferminzöl.“
„Ganz genau. Was sagst du?“ Er nahm ihr den Holzstab ab und rührte betont gelassen im Topf. Hanna wusste genau, dass seine Ruhe nur vorgetäuscht war. Wann immer er etwas Neues ausprobierte, war es ihr Urteil, auf das er wartete, das ihn ermutigen, ihn aber auch von einer allzu gewagten Rezeptur abhalten konnte.
Hanna ließ sich Zeit, griff noch einmal nach dem Glas und roch daran.
„Ich finde den Einfall großartig!“, sagte sie endlich, und Anton ließ erleichtert die hochgezogenen Schultern sinken.
„Was halten Sie davon, der Seife zerkleinerte Blätter beizumischen? Die grüne Farbe der Minze wäre sicher ein Hingucker für unsere Kundschaft. Überlegen Sie doch nur“, rief sie begeistert, „ein heißer Sommer, dazu eine Toilettenseife, die nicht nur erfrischend riecht, sondern sogar ein Gefühl von Kühle auf der Haut hinterlässt. Wir könnten sie als die Sommerseife schlechthin anpreisen! Vielleicht erklären sich ja Apotheker und Barbiere bereit, kostenlose Probestücke an ihre Kunden auszuhändigen. Ich bin mir sicher, dass die neue Seife ein Erfolg werden wird.“
Sie klatschte aufgeregt in die Hände und strahlte.
„Nicht gleich wieder übertreiben, Liebes“, dämpfte er ihre Begeisterung. „Eine grüne Seife könnte Kunden auch abschrecken. Wir belassen es beim Pfefferminzöl.“
Hanna ließ die Schultern hängen und seufzte. Sie kannte ihren Vater. Ihr Urteil war ihm wichtig, doch keine der Neuerungen, die je Einzug in die Siederei gehalten hatten, durfte ihrer Fantasie entsprungen sein. Sie war eben nicht Friedrich. Hätte er in diesem Moment die Beimischung der Minzblätter vorgeschlagen, hätte ihr Vater zumindest darüber nachgedacht.
Schweigend mengte sie das Natronsalz bei, das für eine feste Konsistenz der Seife nötig war. Sie liebte die Innigkeit, die zwischen ihr und dem Vater in Momenten wie diesen herrschte. Die Handgriffe hatten für sie fast schon etwas Beruhigendes. Nicht selten kam es vor, dass sie sich so sehr in ihre Arbeit vertieften, dass die Mutter sie nach Stunden aus der Werkstatt holen musste, weil sie die Zeit vergessen hatten.
Und dann gab es wieder kreative und aufregende Tage, die dem heutigen ähnelten: nämlich wenn sie eine neue Rezeptur ausprobierten. Diese Stunden hatten etwas Magisches, wenn die Arbeit von Erfolg gekrönt war, oder sie endeten in verzweifeltem Gelächter, wenn die Mixtur sich als Misserfolg herausstellte und gerade gut genug war, um als häusliche Scheuerseife verwendet zu werden. Genau diese Abwechslung war der Grund dafür, warum Hanna sich auch in Zukunft nirgendwo anders sah als in ihrer eigenen Seifensiederei.
Sie füllten die zähe Masse in Kastenformen, deckten diese ab und stellten sie zum Ruhen in die Vorratskammer. Kleinere Mengen, wie die gerade hergestellte Pfefferminzseife, hatten schon am nächsten Tag eine butterähnliche Konsistenz. Dann konnte die Seife in Stücke geschnitten werden und musste anschließend noch einige Zeit zum Trocknen gelagert werden, bevor sie verkauft werden konnte.
„Ich glaube, Ihre neue Sommersorte wird ein großer Erfolg werden. Und sollte die Seife sonst niemand wollen, werde ich sie benutzen.“
Hanna bemerkte die strahlenden Augen ihres Vaters und umarmte ihn unbeholfen. Wie gern hätte sie ihn gefragt, wie er nach einem Tag wie diesem noch immer der Meinung sein konnte, dass sie als Frau nicht in die Siederei gehörte. Es war doch ganz offensichtlich, dass es keinen Ort gab, der richtiger für sie war.
Sie schob den wehmütigen Gedanken beiseite und verbat sich selbst jedwede Bemerkung in dieser Richtung, denn das hätte unweigerlich den besonderen Moment zwischen ihnen zerstört. Hanna löste sich aus der väterlichen Umarmung, nahm die Schürze ab und lief zurück zur Vorratskammer. In der Tür drehte sie sich um.
„Honig?“, fragte sie vergnügt grinsend. Ihr Vater nickte und folgte ihr.

Als Hanna die Werkstatt zur Mittagszeit wieder verließ, tänzelte Friedrich aufgeregt um sie herum. Ihre Wut auf ihn und die Tatsache, dass sie ihn zum Flussbad mitnehmen sollte, war inzwischen verflogen. Sie lächelte ihn schief an, warf ihm ein versöhnliches „Du Nervensäge“ an den Kopf und lief in Richtung Tür. Da Friedrich sich nicht von der Stelle rührte, wandte sie sich noch einmal um. „Dachtest du, ich packe deine Badetasche? Beweg dich!“
Im Hinausgehen hörte sie, dass sich ihre Mutter über ihr Benehmen beschwerte und ihrem Vater vorhielt, dass er viel zu gutmütig mit den Launen seiner Tochter umging.
„Jetzt lass sie, Christina. Sie hat sich doch längst wieder beruhigt.“
„Trotzdem. Ihre Bemerkung hat Friedrich sehr gekränkt.“
Hanna verdrehte ihre Augen. Natürlich konnte die Mutter auch diesmal keine Ruhe geben. Der Streit von heute Morgen war längst vergessen, doch sie musste noch einmal davon anfangen. Auf der Treppe trat Hanna absichtlich fest mit den Hacken auf, da sie genau wusste, dass das dumpfe Geräusch ihrer stampfenden Füße die Mutter ärgerte. In ihrer Kammer warf sie die Tür hinter sich zu und zog ihre kleine Reisetasche aus dem Schrank. Dann suchte sie in der Wäschekommode nach Badekleid, Badehaube und -strümpfen und packte alles zusammen mit einem großen Handtuch in ihre Tasche.
Dank ihres Vaters konnte sie sich halbwegs über Wasser halten. Nach der Einweihung des Flussbads war er nicht davon abzubringen gewesen, ihr zu zeigen, wie man sich im Wasser fortbewegte – eine Kunst, die er als passionierter Angler auch selbst beherrschte.
Noch war sich Hanna allerdings gar nicht sicher, ob sie sich ins Wasser wagen würde. Sie wollte sich vor den jungen Burschen nicht blamieren. War das Badekleid erst einmal vollständig nass, klebte es an der Haut und gab mehr preis, als sie zu zeigen bereit war.
Gegen Viertel nach zwei verließ sie an diesem Nachmittag mit ihrem Bruder das Haus. Sie liefen die Georgengasse hinunter, bogen in die Schmiedgasse, passierten Marktplatz und Plönlein und nahmen dann die Kobolzeller Steige hinunter ins Taubertal.
Henriette und Sophie erwarteten sie bereits am Eingang des Flussbads. Seit Sophie bei einem schrecklichen Brand vor drei Jahren Eltern und Heim verloren hatte, waren die Mädchen fast immer gemeinsam anzutreffen. Henriettes Vater, Christian Hartmann, hatte nach dem Unglück sofort reagiert und dem fünfzehnjährigen Waisenmädchen selbstlos und dauerhaft ein Heim geboten. Inzwischen lebte Sophie neben Henriette und ihrem älteren Bruder Theo unter dem Dach der Hartmanns, als wäre es nie anders gewesen.
Als Hanna und Friedrich die Mädchen erreichten, bemühte sich Sophie um eine gute Miene, Henriette machte jedoch kein Hehl daraus, dass ihr Hannas Begleitung alles andere als recht war. „Musste das sein?“, fragte sie ungehalten und schob sich ihre roten Locken aus dem Gesicht. Immerhin hatte sie dabei so viel Anstand, ihre Stimme zu senken, damit Friedrich sie nicht hörte.
„Es ging nicht anders. Und was macht es schon? Er bleibt auf seiner Seite und wir auf unserer. Er wird dir schon nicht in die Quere kommen.“ Hanna hatte lauter gesprochen als beabsichtigt. Es war eine Sache, wenn sie ihren Bruder wissen ließ, dass er eine Plage war. Sie waren Geschwister. Doch Henriette hatte dazu kein Recht, und auf keinen Fall würde sie zulassen, dass das Gerede ihrer oft unsensiblen Freundin ihren Bruder kränkte.
„Ist ja schon gut.“ Henriette hob beschwichtigend die Hände, wuschelte Friedrich versöhnlich durch die Haare und hakte sich bei Hanna unter. „Der Tag wird sicher fabelhaft, und nichts wird uns heute die Laune verderben, richtig?“


Kapitel 2
Sonntag, 23. Juli 1865, nachmittags

Hanna
Die drei Freundinnen suchten sich einen Platz, von dem aus sie eine herrliche Aussicht auf die Doppelbrücke hatten, die die Tauber überspannte.
Nachdem Hanna sich durch einen kleinen Spalt im Holzzaun vergewissert hatte, dass ihr Bruder auf der Männerseite des Bades einen Platz gefunden hatte, zog sie sich gemeinsam mit ihren Freundinnen in einer der drei Umkleidehütten um, legte ihr Handtuch anschließend unter einen Baum und setzte sich.
Henriette riss das Gespräch an sich, und wie so oft in letzter Zeit ging es dabei um Louis Schmieger, den Sohn des Rothenburger Wundarztes. Hanna verstand nur zu gut, warum er ihrer Freundin gefiel. Er war groß und kräftig, kam aus einer wohlhabenden Familie und galt als kluger Kopf, der es, wie ihr Vater einst voller Überzeugung gesagt hatte, sicher einmal weit bringen würde. Auf all diese Attribute gab Hanna herzlich wenig. Ihr gefiel einfach nur, wie er sie ansah, wenn sie sich begegneten.
Gerade jetzt ertrug sie die Lobeshymnen ihrer Freundin nicht mehr. „Ich werde einmal testen, wie kalt das Wasser ist“, sagte sie, erhob sich und lief zum Ufer.
Sophie folgte ihr eilig. „Wer von uns beiden sagt es ihr?“, fragte sie, als Henriette außer Hörweite war.
„Wovon sprichst du?“
„Davon, dass ihr großer Schwarm Louis nur Augen für dich hat und keinen Deut an unserer lieben Henriette interessiert ist.“
„Sei bloß still!“ Hanna wandte sich um, doch Henriette war noch damit beschäftigt, ihr Badekleid ein wenig über die Schulter zu ziehen. Vermutlich hoffte sie darauf, dass Louis ihre nackte Schulter bemerkte.
„Ist das die neueste Mutprobe?“ Sophie deutete auf die Brücke. Hannas Blick folgte ihrem Finger, und sie schlug die Hand vor den Mund. Die Burschen, allen voran Louis und dessen Freund Theodor, Henriettes älterer Bruder, hatten ein Seil an der Brücke befestigt, an dem sich nun einer nach dem anderen hin- und herschwang, um sich dann mit viel Getöse in den Fluss zu stürzen.
„Sind die denn lebensmüde?“, rief Hanna entsetzt und fasziniert zugleich.
Henriette trat hinter sie, stieß einen spitzen Schrei aus und tat so, als hätte sie den Halt auf einem glitschigen Stein verloren. Die Art und Weise, wie sie sofort aufblickte, um zu prüfen, ob ihr Schrei auch von den richtigen Personen gehört worden war, brachte Hanna und Sophie gleichzeitig zum Schmunzeln. Natürlich erreichte sie ihr Ziel. Die Jungen, die gerade dabei gewesen waren, den nächsten Kandidaten am Seil auszuknobeln, blickten auf und begannen, wild zu gestikulieren.
Am Ende war es Louis, der sich durchsetzte und ans Seil trat. Bevor er Schwung holte, winkte er überschwänglich in Richtung der Mädchen, eine Geste, die Henriette ganz selbstverständlich auf sich bezog.
Hanna hielt die Luft an und hätte fast auch noch ihre flache Hand gegen die Stirn gepresst, da das Sonnenlicht sie blendete. In letzter Sekunde ging ihr auf, dass das wohl genau die Aufmerksamkeit gewesen wäre, um die Louis geradezu bettelte. Die Höhe, die er inzwischen am Seil erreicht hatte, ließ Hanna schwindeln, und noch bevor sie auch nur daran denken konnte, dass er das lieber lassen sollte, ließ er sich mit einem gekonnten Salto ins Wasser fallen.
Als er wieder auftauchte, ging sein Blick sofort zu Hanna, doch im Gegensatz zu Henriette, die begeistert klatschte, wandte sie sich ab. Es war töricht, solch ein gefährliches Verhalten auch noch mit Begeisterung oder Applaus zu honorieren, selbst wenn sie ihn für diesen waghalsigen Sprung natürlich bewunderte. Aber das musste sie ihm ja nicht gerade auf die Nase binden.
„Das war wirklich leichtsinnig.“
Hanna lief zurück zu ihrem Handtuch und setzte sich. Sie würde an diesem Tag nicht weiter ins Wasser gehen als bis zu den Knien. Da die Jungen beschlossen hatten, sich unter der Brücke und nicht in ihrem Badebereich aufzuhalten, hätten sie eine viel zu gute Sicht auf die Mädchen. Stattdessen gab sich Hanna desinteressiert und warf nur ab und zu einen verstohlenen Blick in Richtung Brücke.
Henriette tat selbstverständlich genau das Gegenteil. Laut jauchzend und prustend ob des kalten Wassers watete sie in den Fluss. Dabei achtete sie penibel darauf, dass ihre roten Locken, die sie fast kunstvoll unter ihre Badehaube gesteckt hatte, nicht nass wurden.

Hanna musste irgendwann im Schatten weggedöst sein, denn als Sophie sie anstupste, schreckte sie auf.
„Ist das nicht Friedrich?“
Innerhalb von Sekunden war Hanna hellwach und sah mit zusammengekniffenen Augen zur Brücke. Sophie hatte recht. Ihr Bruder stand in diesem Augenblick zwischen all den Jungen am seitlichen Ufer unter der Brücke und schüttelte immer wieder den Kopf, während die Burschen lachend ihre Köpfe in die Nacken warfen. Hanna brauchte nur einen Moment, um zu begreifen, was da gerade vor sich ging. Ihr Herz fing an zu rasen, sie trat ans Ufer und begann zu rufen und zu winken.
„Nicht! Lasst ihn in Ruhe!“
Sie erschrak über die Lautstärke ihrer eigenen Stimme. Anstelle einer Antwort grinste Louis unbekümmert, drückte ihrem Bruder das Seil in die Hand und schubste ihn an.
Hannas Gedanken überschlugen sich. Anders als sie hatte Friedrich nie schwimmen gelernt. Wann immer ihr Vater ihn zum Angeln mitgenommen hatte, war er hinterher frustriert heimgekehrt und hatte sich darüber ausgelassen, dass der Junge viel zu ängstlich wäre. Weiter als knietief hatte sich Friedrich bisher nicht ins Wasser gewagt. Doch nun hatten die älteren Burschen ihn entweder zu dieser Mutprobe angestiftet, oder sie ließen ihm keine andere Wahl.
Im Gegensatz zu den überheblich feixenden Knaben wusste Hanna ganz genau, wie gefährlich diese Situation für ihren Bruder war. Er war ein Angsthase und geriet schnell in Panik. Er konnte nicht schwimmen und vermutlich unterhalb der Brücke auch nicht stehen, denn er war gute zwei Köpfe kleiner als all die anderen um ihn herum.
Ohne nachzudenken, rannte Hanna ins Wasser. Die Kälte raubte ihr für einen Moment den Atem, und die Kleider wurden sofort tonnenschwer. Doch sie konnte stehen und lief mit den Armen rudernd der Strömung entgegen und auf ihren Bruder zu.
Sie schrie aus Leibeskräften: „Nicht, Friedrich!“
Doch ihr Rufen ging in dem gehässigen und aufheizenden Gejohle der Jungen unter. Sie hatte das Gefühl, jemand hätte die Zeit angehalten. Sie sah, wie Friedrich das Seil losließ und in den Fluss stürzte.
Panik erfasste sie, und sie begann hastig zu schwimmen. Sie starrte auf die Stelle, an der Friedrich untergegangen war. Warum tauchte er nicht wieder auf? Er musste doch nur mit den Armen rudern. Sie bemerkte die plötzliche Stille unter der Brücke, dann sprang auch Louis ins Wasser.
Hanna hielt inne und suchte das Wasser ab. Ein Arm ihres Bruders tauchte auf und für den Bruchteil einer Sekunde auch sein Kopf. Sie wollte schon erleichtert aufatmen, doch bereits im nächsten Moment versank er wieder.
Hanna betete. Sie schwamm um sein Leben und betete. Als sie die Stelle erreicht hatte, wo der Kopf ihres Bruders das letzte Mal erschienen war, tauchte sie und glitt mit weit aufgerissenen Augen durchs Wasser. Sie tauchte auf, holte Luft, tauchte wieder unter und suchte. Das schwere Badekleid behinderte sie, doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie drehte sich einmal um sich selbst, dann sah sie ihn. Er hing wie schlafend im Wasser, seine Augen waren geschlossen, und er trieb mit der Strömung. Hanna griff nach seinem Arm und zog ihn an die Wasseroberfläche. Doch er war schwer. Zu schwer, als dass sie ihn und sich selbst in den nassen Kleidern hätte an Land schaffen können.
Sie umklammerte ihn, versuchte, seinen Kopf über Wasser zu halten, und ging dabei selbst unter. Sie verschluckte sich, schlug um sich, wobei er ihr wieder entglitt. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie ihren kleinen Bruder nicht würde retten können, ohne selbst unterzugehen. Sie schloss die Augen und wurde ganz ruhig.
Dann spürte sie plötzlich, dass jemand an ihrem Bruder zerrte. Louis hatte sie erreicht, griff nach Friedrich und zog ihn hinter sich her, während Hanna ihre letzten Kräfte zusammennahm. Das Ufer auf der gegenüberliegenden Seite des Flussbads lag näher, also schwamm sie einige Züge und schleppte sich an Land.
Louis legte Friedrich im Gras ab, und Hanna beobachtete, dass er ihn erst vorsichtig, dann kräftiger schüttelte. Auf allen vieren robbte sie zu ihm, packte ihn an den Schultern, riss ihn hoch und schüttelte ihn voller Verzweiflung. „Bitte! Bitte!“, flehte sie zitternd.
Dann endlich spuckte Friedrich das Wasser aus, das er geschluckt hatte, und hustete. Hanna riss ihn an sich und wiegte ihn hin und her, als wäre er ein Säugling. Erst in diesem Moment ging ihr auf, dass ihr nicht das Wasser aus den Haaren über die Wangen lief, sondern dass sie weinte. Immer wieder murmelte sie den Namen ihres Bruders, strich ihm die nassen Haare aus dem Gesicht und küsste ihn auf die Wangen.
„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragte sie, küsste ihn erneut und nahm sich dann fest vor, ihm keinen einzigen Vorwurf zu machen.
Er war erschöpft. Er schien verwirrt. Aber er lebte.
„Rührt euch nicht vom Fleck. Ich hole den Einspänner meines Vaters und bringe euch nach Hause.“
Hanna erschrak. Sie hatte Louis vollkommen vergessen. Der stürmte nun davon, sodass sie keine Gelegenheit bekam, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Wie hatte er es wagen können? Er und diese dummen Burschen hätten ihr heute um ein Haar ihren Bruder genommen – aus Jux und Tollerei!
„Du kannst mich wieder loslassen“, riss Friedrich sie aus ihren wutvernebelten Gedanken.
„Wie geht es dir?“
„Es geht schon wieder. Etwas zittrig vielleicht.“
„Du bleibst schön hier. Wir warten auf Louis. Dann fahren wir nach Hause, und du wirst niemals wieder in ein Gewässer gehen, solange Vater dich nicht das Schwimmen gelehrt hat.“
„Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder auch nur in die Nähe des Flusses gehen will.“
„Das hast du nicht zu entscheiden! Du siehst, wie schnell es geht. Du wolltest es gar nicht, und trotzdem triebst du am Ende leblos im Wasser. Wer sagt, dass du nicht wieder an irgendeiner Böschung abrutschst? Du wirst schwimmen lernen, keine Widerrede!“
Hannas Stimme brach, und wieder kamen ihr die Tränen. Was wäre nur aus ihren Eltern geworden, hätte sie ihnen heute statt von einem schönen Badetag vom Tod ihres Bruders berichten müssen? Trotz der heißen Temperaturen kroch ihr eine Gänsehaut über Arme und Nacken, und sie zog fröstelnd die Schultern hoch.
Friedrich machte sie schließlich auf die wild winkenden Menschen am anderen Ufer aufmerksam. Das ganze Flussbad musste die Szene im Wasser beobachtet haben. Ausnahmslos alle Menschen auf beiden Seiten des hölzernen Trennzauns standen am Wasser und starrten zu ihnen hinüber.
„Wir sollten ihnen ein Zeichen geben“, murmelte sie, winkte zurück und bat Friedrich, es ihr gleichzutun. Als er vorsichtig den Arm hob, brach am anderen Flussufer freudiges Gebrüll aus, und die Menschen klatschten.
Hanna sank in diesem Augenblick in sich zusammen und hatte das Gefühl, jemand hätte ihr einen Stein auf den Schädel geschlagen. Unendliche Müdigkeit kroch in ihre Glieder, und sie bekam rasende Kopfschmerzen. Hier auf dem Rasen, völlig durchnässt und verdreckt, beschloss sie, ihren Bruder von nun an abgöttisch zu lieben. Nie mehr wollte sie sich mit ihm streiten, ihm nie mehr das Gefühl geben, nicht erwünscht zu sein. Sie begriff, dass ihre Welt ohne diesen Jungen nicht mehr dieselbe wäre. „Ich hab dich sehr lieb, Friedrich“, sagte sie leise und schluckte. „Bitte verzeih, dass ich oft ganz scheußlich zu dir war.“
Er nickte und lächelte schief. „Schon gut“, gab er sich gönnerhaft. „Ich musste ja nur fast ersaufen, damit du das endlich erkennst.“
Hanna lachte leise auf. Ihr war noch nie aufgefallen, dass Friedrich Humor hatte.

Im Flussbad am gegenüberliegenden Ufer hatte sich die Menge inzwischen wieder beruhigt und vergnügte sich an Land oder im Wasser. Die Zeit verstrich, und Hanna fragte sich bereits, ob Louis sie nicht einfach vergessen hatte und wie sie ihren erschöpften Bruder wohl heimbringen sollte, wenn der Sohn des Wundarztes nicht auftauchte.
Ein Schnauben und das Getrappel von Hufen riss sie schließlich aus ihren sorgenvollen Gedanken. Sie stand auf und sah zur Brücke hinauf. Louis war tatsächlich gekommen, und er war nicht allein. Neben ihm auf dem Kutschbock, die Zügel fest in der Hand, saß sein Vater Konstantin Schmieger, der Rothenburger Wundarzt.
„Kannst du aufstehen?“, fragte Hanna ihren Bruder. Der nickte, und sie richtete ihn auf.
„Warten Sie!“ Doktor Schmieger sprang vom Kutschbock und lief eiligen Schrittes zu ihnen. „Mein Sohn hat mir erklärt, was passiert ist“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
Hanna sah zwischen ihm und Louis hin und her, und es war nicht zu übersehen, dass der Mann eine unbändige Wut auf seinen Sohn hatte. Als hätte er ihre Gedanken erraten, erklärte er: „Das halsbrecherische Verhalten meines Sohnes wird auf jeden Fall ein Nachspiel haben.“ Er wandte sich Friedrich zu, und seine Stimme bekam sofort einen warmen und beruhigenden Klang. „Jetzt kümmern wir uns aber erst einmal um dich, junger Mann.“
Der Doktor sah zu Louis und befahl dann knapp: „Meine Tasche, die Decke und die Kleider!“
Louis nickte, kletterte wieder auf den Einspänner und zog eine Tasche unter dem Sitz hervor. Er nahm ein Bündel Kleider heraus und legte es neben seinen Vater.
„Mir ist gar nicht kalt“, sagte Friedrich leise.
Der Doktor ließ sich nicht beirren. „Mag schon sein, dass du das nicht spürst, aber deine Lippen sind noch immer blau, und du zitterst, Junge. Du brauchst Wärme und Ruhe.“
Er zog ihm die nassen Badekleider aus und streifte ihm Hemd und Hose über, die vermutlich seinem Sohn gehörten, da sie ihm viel zu groß waren. Anschließend legte er ihm die Decke um und bugsierte ihn mit Louis’ Hilfe auf die Kutsche. Bevor er selbst auf den Kutschbock kletterte, nahm er Hanna beiseite.
„Ihr Bruder braucht Ruhe, Fräulein Grieb. Und er sollte in der ersten Nacht nicht allein bleiben, sondern überwacht werden. Es gibt das sehr seltene Phänomen des zweiten Ertrinkens. Friedrich könnte in Atemnot geraten, sich möglicherweise übergeben und im schlimmsten Fall … Nun ja, dieser Fall wird nicht eintreten, aber es wäre doch besser, es wäre jemand bei ihm.“
Hanna hörte dem Arzt aufmerksam zu. „Ich werde ihn keine Sekunde aus den Augen lassen, das verspreche ich. Ich bin Ihnen unendlich dankbar, dass Sie sich so rührend um meinen Bruder kümmern.“
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach allem, was mein Sohn angerichtet hat.“
Hanna erkannte an seinem Blick, dass Louis seinen Vater gehört hatte. Der junge Mann biss sich auf die Unterlippe und sah beschämt zur Seite. In diesem Augenblick hatte Hanna Mitleid mit ihm.
„Es ist ja alles gut gegangen“, wandte sie ein. „Übrigens auch nur deshalb, weil Louis die Notlage sofort erkannt hat. Er sprang ohne zu zögern ins Wasser und rettete Friedrich. Ich habe alles versucht, aber mit den nassen Kleidern hätte ich es nie geschafft, ohne selbst unterzugehen.“
Sie bildete sich ein, dass sich die Miene des Arztes für den Bruchteil einer Sekunde aufhellte. Dann bog er das Kreuz durch, schüttelte den Kopf, und Hanna wusste, dass er seinem Sohn trotz dieser Nachricht noch nicht verziehen hatte.
„Nun kommen Sie, Fräulein Grieb. Ich bringe Sie und Ihren Bruder nach Hause.“

Die Fahrt vom Flussbad bis in die Georgengasse 5, in der die Seifensiederei der Griebs lag, verlief schweigsam. Noch bis vor einer Stunde war Hanna so außer sich gewesen, dass sie Louis am liebsten angebrüllt hätte. Doch nun war ihre Wut verraucht, und sie war davon überzeugt, dass dem jungen Mann ein Donnerwetter blühte, an das ihre Schimpftirade nicht im Entferntesten herangereicht hätte. Außerdem war ihr bewusst geworden, dass Friedrich ohne Louis nun nicht mehr leben würde. Sicher, der Sohn des Arztes hatte ihren Bruder erst übermütig ins Wasser geschubst. Trotzdem hatte er diesen Fehler mehr als nur einfach wiedergutgemacht. Er hatte Friedrich das Leben gerettet – eine Tatsache, die Hanna ihm sicher nicht vergessen würde.


Kapitel 3
Montag, 24. Juli 1865

Louis
Am nächsten Morgen hatte sich Louis noch immer nicht beruhigt, und das lag nicht an der Ansprache, die ihm bevorstand. Die Schelte seines Vaters würde er ertragen wie ein Mann, denn er hatte jedes einzelne Wort davon verdient. Vielmehr lag ihm im Magen, dass Hanna tatsächlich kein Wort mehr mit ihm gesprochen hatte.
Nachdem der Seifensieder und seine Frau begriffen hatten, wie tragisch dieser wunderschöne Sommertag hätte enden können, waren sie völlig aufgelöst gewesen. Die mahnenden Worte hinsichtlich der Pflege des Sohnes hatten sie kaum noch wahrgenommen, doch Hanna hatte seinem Vater versichert, dass sie sich jedes einzelne Wort gemerkt hatte und dafür sorgen würde, dass Friedrich rund um die Uhr betreut wurde.
Ihn hatte sie ignoriert, als wäre er gar nicht anwesend. Sie hatte ihn nicht einmal in dem Moment angesehen, als er ihr bei der Verabschiedung die Hand gereicht und sich nochmals entschuldigt hatte.
Aber was hatte er auch erwartet? Wie hatte er sich nur zu einer solchen Dummheit hinreißen lassen können? Er war der Sohn eines Arztes, er wusste, wie gefährlich Wasser sein konnte, auch wenn es weder Strömung noch Untiefen gab.
Er schalt sich innerlich selbst, dass er sich etwas vormachte, denn er wusste sehr gut, warum er so gehandelt hatte. Hanna hatte ihn nicht beachtet, und er hatte um jeden Preis ihre Aufmerksamkeit gewollt. Ihren kleinen, viel zu schmächtigen Bruder vor seinen Karren zu spannen bewirkte genau das Gegenteil von dem, was er sich erhofft hatte. Die Tochter des Seifensieders hatte zwar nichts zu ihm gesagt, doch die Wut in ihrem Gesicht war deutlich gewesen. Sein Ziel, ihr endlich näherzukommen und sich möglicherweise sogar mit ihr zu unterhalten, war nun in weite Ferne gerückt. Vermutlich würde sie ihn nie mehr auch nur eines Blickes würdigen.
Louis seufzte. Sein Vater erwartete ihn noch vor dem Frühstück in seiner Schreibstube, und er sollte besser nicht trödeln. Zügig goss er Wasser in die Waschschüssel, griff nach einem Lappen und wusch Oberkörper und Gesicht. Dann zog er frische Kleider an und betrat das Arbeitszimmer des Vaters, das dieser gleichzeitig als Untersuchungsraum für seine Patienten nutzte.
„Da bin ich, werter Herr Vater“, sagte Louis leise und stellte sich vor den großen, hölzernen Tisch. Unter normalen Umständen würde er sich setzen, doch heute wagte er es nicht.
Konstantin Schmieger sah von einer Patientenakte auf und stellte ihm nur eine einzige Frage: „Was in Herrgotts Namen hast du dir dabei gedacht?“
Louis schwieg. Er konnte seinem Vater wohl kaum die Wahrheit darüber sagen, dass sein eigentliches Ziel Hannas Bewunderung gewesen war.
„Ich höre!“ Der Vater trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch und starrte ihn an. „Du wirst diesen Raum nicht eher verlassen, bis du mir dein Verhalten erklärt hast. Und ich will keine Ausflüchte hören, Sohn. Nichts an deinem gestrigen Betragen erkenne ich wieder! Noch nie zuvor hast du eine solche Dummheit begangen und andere Menschen, die jünger und schwächer sind als du, in so große Gefahr gebracht.“
Louis seufzte. „Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen, Vater.“
„Nun, das reicht nicht.“
Louis erkannte, dass ihm nur die Wahrheit helfen würde, ob sein Vater nun Verständnis für seine Gefühle hatte oder nicht. „Ich wollte Hanna imponieren“, sagte er deshalb leise und sah zu Boden.
„Indem du ihren Bruder ertränkst?“
Louis’ Magen verkrampfte sich, und ihm wurde übel. In dem Moment, in dem Friedrich untergegangen und nicht wieder aufgetaucht war, hatte er, ohne zu überlegen, gehandelt. Auch die Stunden danach hatten ihm noch keine echte Gelegenheit zum Nachdenken gegeben. Die unbarmherzigen, harten Worte seines Vaters trafen ihn nun wie ein Schlag. Doch was hatte er erwartet? Dass er wegen seiner Rettungsaktion gelobt werden würde?
„Ich habe nicht nachgedacht, Vater. Der Fluss ist an der Stelle nicht tief. Ich habe Friedrich erklärt, er müsste sogar seine Beine anziehen, wenn er ins Wasser taucht, damit er sich nicht stößt. Dann müsste er nur noch aufstehen und ans Ufer laufen.“
Konstantin Schmieger schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wie konntest du so etwas Dummes tun?“, rief er aufgebracht und erhob sich von seinem Stuhl. „Menschen ertrinken selbst in flachen Pfützen. Sie müssten nur ihren Kopf heben, doch sie tun es nicht! Habe ich dir das nicht erklärt, als ich dich das Schwimmen lehrte?“
„Doch, Vater, das haben Sie.“
„Dann gib mir einen guten Grund! Mein Sohn ist kein böser Mensch, zumindest war er das nie. Ich weigere mich, zu glauben, dass du völlig grundlos den armen Friedrich in eine solche Lage gebracht hast.“
„Welchen Grund ich auch immer hatte, das Ergebnis bleibt das gleiche, und damit werde ich leben müssen.“
„Hör sofort auf, dich selbst zu bemitleiden! Ich werde dich für deine Tat schwer bestrafen, wenn du mir nicht sagst, was dich zu diesem Verhalten bewogen hat. Hast du dich mitreißen lassen? Wolltest du vor den anderen Burschen angeben? Was war es? Rede endlich!“
Louis richtete sich auf, zog die Schultern zurück und sah seinem Vater fest in die Augen. „Es ist wegen Hanna.“
„Was?“, fragte der Vater verständnislos.
„Friedrich kam mit seiner großen Schwester ans Flussbad. Ich wollte ihr imponieren und vollführte wilde Sprünge ins Wasser. Doch Hanna bemerkte mich gar nicht. Sie döste in der Sonne und nahm keine Notiz von mir. Da dachte ich …“ Er brach ab, denn er merkte selbst, wie dumm und kindisch er klang.
„Du dachtest, wenn du dich ihres Bruders annimmst, hast du ihre Aufmerksamkeit?“
Louis nickte.
„Nun, das hast du tatsächlich geschafft. Auf die dümmste Art und Weise, die es nur gibt. Hast du ihn gefragt, ob er schwimmen kann?“
Louis schüttelte den Kopf und behielt für sich, dass er durchaus daran gedacht, diesen Gedanken aber wieder verworfen hatte, da er einen Sprung in brusthohes Wasser für vollkommen ungefährlich erachtet hatte.
„Ich war dumm und überheblich. Es gibt keine Entschuldigung für mein Verhalten.“
„Nein. Die gibt es nicht“, stimmte der Arzt zu. „Aber es wird eine Wiedergutmachung geben. Es sind noch zwei Monate, bevor du nach Chicago gehst. Bis dahin wirst du jeden Tag bei den Griebs vorbeigehen und nach Friedrich sehen. Du wirst dich um ihn kümmern, ihn begleiten, wenn er etwas zu erledigen hat, ihm zuhören, wenn er etwas zu erzählen hat, und ihm der Freund sein, den er offenbar nicht hatte, als du und deine Burschen ihn dazu brachten, sich in die Fluten zu stürzen. Du wirst ihm nicht von der Seite weichen, bis er dich zum Teufel jagt. Und wenn er das tut, wirst du am nächsten Tag wieder da sein und erneut versuchen, ihm ein wahrer Freund zu sein. Auf keinen Fall lasse ich zu, dass du dein Glück am anderen Ende der Welt suchst und dabei hier eine solche Schuld auf dich lädst.“
Louis schluckte und musste sich zusammenreißen, um in dieser ernsten Situation nicht plötzlich zu lächeln. Sein Vater wollte ihn bestrafen, das war ihm wohl bewusst. Doch ihm schien in seiner Wut entgangen zu sein, dass ein täglicher Besuch im Hause Grieb alles andere als eine Strafe für ihn sein würde. Im Gegenteil. Er hatte nun einen guten Grund, Hanna jeden Tag zu sehen, denn sie lebte mit ihrem Bruder unter einem Dach. Die Hundstage hatten gerade erst begonnen, und sie würde sicher ebenfalls zu Hause sein. Er konnte die letzten Wochen vor seiner Abreise dazu nutzen, ihr endlich näherzukommen.
Den Gedanken daran, dass er Land und Kontinent in Kürze für lange Zeit, wenn nicht gar für immer, verlassen würde, schob er beiseite. Zu sehr freute er sich darauf, endlich dem Mädchen nahe zu sein, für das er schon seit geraumer Zeit Gefühle hegte und von dem er auf eine Art und Weise träumte, die selbst ihm als Mann die Röte in die Wangen trieb.
Doch im Gegensatz zu ihrer Freundin Henriette, die aus ihrem Interesse an ihm keinen Hehl machte, schien Hanna völlig unempfänglich für seine Blicke. Entweder hatte sie tatsächlich nicht bemerkt, dass er Gefallen an ihr fand, oder es war ihr schlicht und einfach gleichgültig.
Nun, die nächsten Tage und Wochen waren eine Möglichkeit, Hannas Gefühle zu ergründen.

Farina Eden

Über Farina Eden

Biografie

1977 in Berlin geboren, entdeckte Farina Eden bereits als Kind ihre Begeisterung für Bücher und begann früh mit dem Schreiben. Nach Schule und Abitur fand sie einen Weg, die Leidenschaft fürs Schreiben mit ihrem Beruf zu verbinden. Sie studierte Deutsch und Englisch und unterrichtet heute an einer...

Vom Handwerk zur Fabrik

Die Seifenfabrik, die meinem Roman als Vorlage diente, war die Aula Seifenfabrik in Rothenburg ob der Tauber. 1840 als kleine Siederei gegründet, vollzog der Handwerksbetrieb in der Georgengasse Nr. 5 Ende des 19. Jahrhunderts die Entwicklung hin zu einer Fabrik, die noch bis in die 1970er-Jahre existierte.

Leider ist von der einstigen Seifenfabrik nicht mehr viel übrig. Die Gebäude existieren nicht mehr, die Gründervilla der Fabrikantenfamilie ist heute ein Hotel, und auch einen Firmennachlass, der weiteren Aufschluss hätte geben können, gibt es nicht.

Pressestimmen
Fabelhafte-buecher.de

„Die Geschichte ist recht unterhaltsam, der Schreibstil ist auch leicht und flüssig und die Charaktere sind gut herausgearbeitet.“

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