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Café Buchwald (Cafés, die Geschichte schreiben 1)

Maria Wachter
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Roman

„Die Autorin hat mich in eine Welt entführt, die mich total fasziniert hat und in der ich mich sehr wohlgefühlt habe.“ - ilonas_buecherwelt

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Café Buchwald (Cafés, die Geschichte schreiben 1) — Inhalt

Willkommen in Berlins legendärer Konditorei!

Berlin, 1896: Emma liebt den herrlichen Duft von Baumkuchen, der die Backstube der Familie erfüllt. Während ihr Vater die herrlichsten Leckereien zaubert, kümmert sich die Mutter um den Verkauf. Niemand bezweifelt, dass Emma und der Lehrjunge Fritz bald heiraten und gemeinsam das Geschäft weiterführen.

Doch dann wird Emmas Vater schwer krank und nimmt ein dunkles Geheimnis mit ins Grab, das den Fortbestand des Cafés in Gefahr bringen könnte. Als Emma sich auch noch in den Architekturstudenten Max verliebt, der ihr ganz neue Welten eröffnet, muss sie eine schwere Entscheidung treffen …

Das großartige Panorama Berlins um 1900 und der Duft eines köstlichen Klassikers

Das Café Buchwald ist eine der ältesten Konditoreien Berlins. Berühmt ist es für seinen Baumkuchen: ein ringförmiges Gebäck, das mit Schokolade oder Zuckerglasur überzogen ist und meist zu Weihnachten gegessen wird. 

Das amerikanische Online-Magazin Buzzfeed nahm das Café Buchwald in die Liste mit den „25 Bäckereien auf der Welt, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt“ auf. Neben Touristen gehen dort auch Schauspieler und Politiker ein und aus. Eine echte Institution eben. 


€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.09.2022
448 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-31802-0
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.09.2022
448 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60177-1
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Leseprobe zu „Café Buchwald (Cafés, die Geschichte schreiben 1)“

Vorwort

Herbst 1882

„Glaubst du, wir werden eine Prinzessin sehen?“, fragte Emma hoffnungsvoll.

„Eher nicht“, lachte Vater. „Wir liefern nur unseren Baumkuchen. Aber Lakaien in schönen Uniformen werden wir begegnen, auch Soldaten, Dienern und hohen Herrschaften in eleganten Kleidern … Vielleicht erhaschen wir sogar einen Blick auf unseren Auftraggeber, Prinz Friedrich Leopold von Preußen.“

Enttäuscht lehnte sich Emma in die Bank im Wartebereich des Cottbusser Bahnhofs zurück. Lakaien … hohe Herrschaften … vielleicht Prinz Friedrich Leopold … Viel lieber [...]

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Vorwort

Herbst 1882

„Glaubst du, wir werden eine Prinzessin sehen?“, fragte Emma hoffnungsvoll.

„Eher nicht“, lachte Vater. „Wir liefern nur unseren Baumkuchen. Aber Lakaien in schönen Uniformen werden wir begegnen, auch Soldaten, Dienern und hohen Herrschaften in eleganten Kleidern … Vielleicht erhaschen wir sogar einen Blick auf unseren Auftraggeber, Prinz Friedrich Leopold von Preußen.“

Enttäuscht lehnte sich Emma in die Bank im Wartebereich des Cottbusser Bahnhofs zurück. Lakaien … hohe Herrschaften … vielleicht Prinz Friedrich Leopold … Viel lieber wäre sie einer echten Prinzessin über den Weg gelaufen. Ob die ständig ein Krönchen auf dem Kopf trugen, wie es einem das Märchen vom Froschkönig weismachen wollte? Erneut schaute sie zum Horizont, wo demnächst die Eisenbahn aus Görlitz kommend auftauchen und sie nach Berlin bringen sollte. Ein wenig unheimlich war ihr der Gedanke, in so ein schwarzes, dampfendes Ungetüm zu steigen.

Sie baumelte mit den Füßen und betrachtete dabei die frisch geputzten Schuhe. Seit Vater zum Königlichen Hoflieferanten ernannt worden war, war vieles anders. Ständig kamen Kunden und Bekannte im Café vorbei und gratulierten. Ein edles Dekret mit dem königlichen Wappen hing nun eingerahmt an der Wand hinter der Theke. Neue Etiketten mit dem Schriftzug „Hoflieferant“ klebten auf den Spanschachteln, und auf jedem Papierwerk prangte das königliche Wappen, sogar auf dem Rechnungsblock. In der Konditorei gingen die Baumkuchenspitzen weg wie nie zuvor, weil alle das Gleiche essen wollten wie die Königlichen Hoheiten in der Reichshauptstadt. Und obwohl heute ein Schultag war wie jeder andere, hatte Vater endlich beschlossen, sie ins Schloss mitzunehmen. Lange genug hatte sie darauf gedrängt, doch wenn’s gerade jetzt nach ihr ginge, könnte sich die Eisenbahn ruhig noch mehr Zeit lassen.

 

Als sie schon gar nicht mehr an die Eisenbahn dachte, näherte sich auf einmal ein Stampfen und Zischen, eingehüllt in eine stinkende Rauchwolke.

„Zurücktreten von der Bahnsteigkante!“, brüllte ein Schaffner, eine Frau hielt ihren Hut fest.

„Na endlich!“ Vater packte die zwei großen Spanholzschachteln. Das Kreischen der Bremsen war ohrenbetäubend. Dann kamen die Waggons genau da, wo Emma auf der Bank saß, zum Stillstand. Türen wurden geöffnet, und einige Passagiere entstiegen.

„Komm, mein Mädchen!“ Vater erklomm die steile Stufe als Erster. Oben legte er die Spanschachteln ab. Jetzt war Emma dran, doch ihr war mulmig zumute. Fast hüfthoch war die erste Stufe! Wie sollte sie da rauf, ohne das schöne Kleid zu beschmutzen? Und die frisch geputzten Schuhe?

Lächelnd hielt Vater ihr die Hand hin. „Du wirst dich doch nicht fürchten?!“

Sie schluckte. Doch dann dachte sie ans Schloss und an die Prinzessinnen, die dort lebten. Schließlich warf sie die Zöpfe in den Nacken und ergriff Vaters Hand. Er zog sie hoch, in den eisernen, schwarzen Waggon hinein.

Wider Erwarten sah’s drinnen ganz angenehm aus: Lauter Bänke, Haltegriffe und Klapptischchen vor den Fenstern gab es dort, und sie fanden gleich freie Plätze mit Ausblick. Der Schaffner blies in seine Trillerpfeife. Dann fuhr der Zug an, mit Zischen, Stampfen und Dröhnen, genauso laut, wie er gekommen war. Angespannt saß Emma in der Ecke und starrte aus dem Fenster, wo die Menschen auf dem Gleis immer kleiner wurden, doch nach und nach fügte sie sich in das gleichförmige Gestampfe ein. Sie blickte hinaus, wo die Häuser von Cottbus wie Spielblöcke vorbeiglitten, immer schneller. Vater hatte recht: Es war lustig, mit der Eisenbahn zu fahren. Noch großartiger fand sie jetzt, dass er Hoflieferant war und sie heute gar keine Pflichten hatte! Und vielleicht würde ihr ja doch noch eine Prinzessin über den Weg laufen …


Sommer 1896

1

Die Strahlen der aufgehenden Sonne fielen flach über die Dächer von Cottbus, drangen durch die Kellerluken in die Backstube und tauchten sie in goldenes Licht. Bis in die hintersten Winkel leuchteten sie und ließen die frisch geputzten Fliesen am Fußboden, den Marmor des Arbeitstisches wie die kupfernen Kuchenformen an den Wänden sanft glänzen. Vom Vortag hing noch der süßliche Duft von gebackener Butter und gebranntem Zucker in den Mauern und verbreitete wohlige Behaglichkeit. Später, wenn Gesellen, Lehrlinge, Spülfrauen und Mägde ihren Pflichten nachgingen, würde er sich weiter aus den Backöfen nähren, langsam hinauf ins Erdgeschoss ziehen, gegen Mittag bis ins zweite Obergeschoss wabern, zuletzt gar bis unters Dach, und würde nicht nur Wohlbefinden, sondern auch Hektik ins Haus bringen. Nur morgens herrschte noch friedliche, süße Ruhe.

„Da kommt ja mein Augenstern!“, rief Vater gut gelaunt und krempelte die Hemdsärmel hoch. Jeden Morgen begrüßte er Emma so, wenn sie sein Reich betrat. Oder so ähnlich. „Mein liebes Kind“, rief er manchmal, oder: „Mein Mädchen.“ Jedenfalls bekundete er jahrein, jahraus seine Freude, sie als Erste von allen zu sehen, und es waren diese zärtlichen Worte, die sie Tag für Tag fröhlich stimmten. Emma drückte einen dicken Kuss auf seine Wange. Wie immer fühlte sie sich warm und füllig an, und sie schmeckte Kakaostaub in seinen Bartstoppeln.

„Alles Gute zu deinem Geburtstag, vor allem Gesundheit und viel Lebensfreude!“

„Ich danke dir.“ Sie drückte Vater so fest an sich, dass sie das Mehl in seinem Konditorenhemd roch. Sein Bemühen, diesen besonderen Tag noch heiterer für sie beginnen zu lassen als alle anderen, rührte sie. Wie eine Glocke stülpte er unerschütterliche Liebe über sie.

„Ich habe mir morgen freigenommen und mir etwas Besonderes für dich ausgedacht. Aber mehr verrate ich nicht.“

„Kannst du mir nicht einen kleinen Hinweis geben?“

„Nix da!“ Grinsend streifte er mit der Spachtel noch ein Butterstück in eine Kupferschüssel. „Das bleibt meine Überraschung.“

Vater und seine Überraschungen. Meist konnte er sie nicht lange für sich behalten. Emma überlegte, wie sie ihm doch eine Andeutung entlocken könnte.

„Morg’n!“ Die Tür flog auf. „Auch von mir das Allerbeste!“ Geräuschvoll deponierte Fritz einen Korb mit Eiern auf dem Arbeitstisch. „Du altes Haus!“

„Selber altes Haus“, knurrte Emma zurück, lachte aber dabei. Vaters bester Geselle war genauso alt wie sie, deshalb durfte er sich die Fopperei erlauben, wenngleich er einen wunden Punkt traf.

„Schluss jetzt mit den guten Wünschen. Morgen nach der Kirche werden wir ausgiebiger feiern. Jetzt müssen wir ran an die Arbeit. Wir haben Bestellungen für drei große Baumkuchen, und zum Kaffee am Nachmittag wollen wir selbst auch ein paar ordentliche Schnitten haben. Tempo also, ihr zwei!“ Vater wandte sich wieder der Kupferschüssel zu. „Sobald der Frühstücksplunder im Ofen ist, werde ich mich den Baumkuchen widmen. Fang du schon mal mit dem Eiertrennen an, mein Mädchen.“

Emma kannte jeden Handgriff. Auch wenn die Eltern deshalb manchmal aneinandergerieten, hatte Vater sie immer ermuntert, überall anzupacken, und ihr das Handwerk genauso beigebracht wie ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Gustl und den Lehrlingen. Sie holte drei Behältnisse, stellte zwei davon neben den Eierkorb, eins vor sich auf den Boden, und gab sich eine Weile den Geräuschen hin, die sie verursachte: dem Klacken der Eierschale am blechernen Schüsselrand, dem Glitsch des Eiweißes in die eine, dem Platsch des Dotters in die andere Schüssel und dem Knacks der leeren Schalen, die sie in das Behältnis auf dem Boden warf. Glitsch, Platsch, Knacks … rhythmisch untermalte es die morgendliche Idylle. Dreißig Eier mussten für einen Baumkuchen getrennt werden. Dabei warf Emma immer wieder einen Blick zur Stiege, wo bald die Lehrlinge und Mägde auftauchen würden. Dicht an dicht kneteten und walkten sie dann mit großem Getratsche am Arbeitstisch, fachten das Feuer in den Backöfen an, wischten den Boden und spülten am Waschtisch. Bis zur Mittagszeit war schließlich so viel zu tun, dass einen das Mehl in der Nase kitzelte und einem manchmal sogar die Sicht raubte, noch aber herrschte diese ruhige, konzentrierte Betriebsamkeit der frühen Morgenstunden, die sie liebte.

Eiweiß triefte von ihren Fingern. Glitsch, Platsch, Knacks … Nur langsam wurde der Eierberg kleiner. Endlich konnte sie die vollen Schüsseln beiseiteschieben.

„Mhm, die sind schon recht braun“, murmelte Vater nach einem Blick in den Ofen vor sich hin, nahm Plunder für Plunder vom Blech und legte sie auf einen Rost. Die Prozedur gäbe ihnen Luft zum Atmen und mache sie knusprig, erklärte er oft.

„So spann mich doch nicht auf die Folter“, versuchte Emma es doch noch einmal, während sie die klebrigen Finger abspülte.

„Kommt nicht infrage.“ Er schüttelte den Kopf. „Kein Wort.“

Im Moment war da nichts zu machen, Emma gab’s auf.

„Dann geh ich jetzt frühstücken. Die kann wer anderer schlagen.“ Mit einem koketten Achselzucken schob sie ihm die Schüssel mit den dreißig Eiweißen zu. „Aber das Plundergebäck nehm ich mit rauf.“

Oben roch es nach Schmierseife und frisch gemahlenen Kaffeebohnen.

„Guten Morgen!“

„Morg’n.“ Mutter, die hinter der Theke Kaffee braute, sah kaum auf. Benji hing noch verschlafen an deren Rockzipfel. „Auch dir, Bruderherzchen!“

Das Tablett mit den Plunderstücken balancierend, wich Emma Lotti aus, die wie jeden Morgen die schwarz-weißen Bodenfliesen schrubbte. Sie setzte es auf der Theke ab und half Frida, in Schokolade getunkte Baumkuchenspitzen und Nussschiffchen in die Serviertassen zu schichten.

„Nimm dir, was du möchtest.“ Mutter klang geschäftig, wie immer.

Emma ging zum Herd. Aus einem bereitstehenden Topf goss sie heiße Schokolade in eine Tasse, nahm eins der Plunderstücke und setzte sich damit an ihren gewohnten Platz, einen runden Marmortisch in der Ecke des Gastraums. Es war ein Frühstück für Prinzessinnen: Das ofenfrische Gebäck knusperte bei jedem Bissen, die Schokolade dampfte süß, und das Beste war, dass es beides tagtäglich für sie gab, nicht nur zum Geburtstag. Es war ihr Privileg als Tochter des Hauses Buchwald, und sie wusste es zu schätzen.

Als sie aufblickte, stand Mutter vor dem Tisch. Wie immer war sie von Ehrfurcht gebietender Strenge umgeben. Das Haar trug sie straff im Nacken zusammengebunden, das Kleid war schwarz und hochgeschlossenen. Seit Emma denken konnte, trug Mutter Schwarz, im Sommer wie im Winter, aufgelockert nur durch weiße Krägen, die Frida oder Lotti penibel plätteten und stärkten. Der heutige war mit zarter Spitze umrandet.

„Alles Gute wünsche ich dir“, sagte Mutter in ihrer trockenen, hölzernen Art und legte etwas ungelenk ihre Hand auf Emmas Schulter. „Ich wünsche dir viel Glück und gute Gesundheit. Mögen alle Wünsche, die du ans Leben hast, in Erfüllung gehen.“

Emma, unangenehm berührt, ließ das Gebäck sinken. Mutter war nie besonders herzlich. Zärtliche Gesten, Umarmungen oder Küsse, wie sie es von Vater gewohnt war, waren nicht ihre Umgangsformen, und ihre Hand auf der Schulter fühlte sich befremdlich, ja irgendwie peinlich an.

„Danke“, sagte sie und meinte es ehrlich. In der Hoffnung, Mutters Hand unauffällig wieder loszuwerden, rutschte sie auf dem Stuhl ein wenig zur Seite. „Für alles.“ Sie war natürlich dankbar, obwohl Mutter und sie oft aneinandergerieten.

Anstatt Benji zu packen und kehrtzumachen, zog Mutter jetzt auch noch den zweiten Stuhl zu sich und setzte sich an den Tisch. Steif und mit schmalen Lippen saß sie ihr gegenüber. Das Prinzessinnenfrühstück würde wohl noch eine Weile warten müssen, dachte Emma, legte das Gebäck zurück auf den Teller und wischte einen Krümel aus dem Mundwinkel.

Indes fummelte Mutter in ihren Röcken. Umständlich griff sie mit jener Hand, die nicht von Benji in Beschlag genommen war, in die Tasche, langte weiter darin herum und holte schließlich ein Schächtelchen hervor. Es war alt und abgegriffen, mit dunkelblauer Atlasseide überzogen und sah aus, als würde es etwas Kostbares enthalten.

„Das wollte ich dir schenken … zu deinem zweiundzwanzigsten Geburtstag.“ Wieder klang sie seltsam, beinahe verlegen, als wäre ihr dieser Moment der Nähe unangenehm.

Emma hatte noch nie etwas Wertvolles von Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen. Wenn es überhaupt ein Präsent gegeben hatte, waren es kleine, nützliche Dinge gewesen, so wie personalisierte Taschentücher oder eine schöne Haarspange. Aber ein Teil, das in einem seidenen Schächtelchen aufbewahrt wurde? Womöglich gar ein Schmuckstück?!

„Du kannst es ruhig öffnen.“ Mutter hörte sich an, als würde sie etwas preisgeben, das sie eigentlich lieber für sich behalten hätte.

Zaghaft nahm Emma das Schächtelchen auf und drückte mit dem Daumen gegen den Verschluss. Der Deckel sprang auf, und eingebettet in dunkelblauen Samt kam tatsächlich ein goldener, reich verzierter Anhänger an einer zarten Gliederkette zum Vorschein.

„Ich habe ihn als junge Frau getragen“, sagte Mutter leise, fast verschämt.

„Er ist wunderschön …“

„Es freut mich, dass er dir gefällt. Es ist ein Medaillon, man kann es öffnen. Ich habe Vaters und mein Hochzeitsfoto hineingesteckt.“

Der Anhänger glänzte kostbar in Emmas hohler Hand, die zarten Verzierungen glitzerten im Sonnenlicht. Sie schluckte.

„Hat Vater es dir geschenkt?“

„Nein.“ Mutter räusperte sich. „Ich hatte das Medaillon schon länger. Es stammt aus meiner Familie, meine Mutter hat es mir gegeben. Als dein Vater und ich heirateten, war ich genauso alt wie du heute. Das Medaillon erinnert mich an diesen Lebensabschnitt, deshalb wollte ich es dir heute schenken.“

Sie ließ Emma Zeit, die Kette anzulegen, im Nacken zu schließen, und rückte das Medaillon in der Grube beim Halsansatz zurecht. Sie betrachtete ihr Werk und setzte mit rauer Stimme nach:

„Du wirst über deine Zukunft nachdenken müssen, Emma. Du bist jetzt schon zweiundzwanzig Jahre alt.“

Nein, nicht schon wieder! Der Moment der Eintracht war vorbei. Schlagartig und so plötzlich, wie er gekommen war. Emma wollte nichts mehr hören, heute überhaupt nicht.

Obwohl sie Emmas Zusammenzucken bemerkt haben musste, fuhr Mutter unbeirrt fort: „Natürlich haben wir dich gern bei uns, Vater und ich. Du bist uns auch eine große Hilfe. Aber in deinem Alter musst du entscheiden, was du möchtest im Leben, und dafür die Weichen stellen. Du willst doch nicht als alte Jungfer enden, oder?!“

Emma starrte auf das leere Futteral, griff sich an den Hals und spürte die Rillen im Medaillon zwischen den Fingern. Mutter hatte recht, sie wusste es. Ihr Leben, auch wenn sie alles genau so liebte, wie es war, konnte nicht ewig gleich weitergehen. Für eine Veränderung brauchte sie aber einen Mann. Und da lag das Problem: Woher einen geeigneten nehmen, einen, den sie mochte? Der Mutters Ansprüchen gerecht wurde und noch dazu ihr Faible für die Backstube teilte?

„Lass mich!“, erwiderte sie schroffer als beabsichtigt. „Es ist mein Leben, nicht deins.“

Sie schob das letzte Stück Plunder in den Mund und erhob sich, obwohl das furchtbar ungezogen war, weil Mutter ja noch saß, und brachte Tasse und Teller zur Spüle. Ohne sich umzusehen, ging sie zur Stiege und zurück in die Backstube, zu Vater und Fritz, wo sie ihre Ruhe hatte. Den Gedanken, dass andere junge Frauen in ihrem Alter schon längst einen eigenen Haushalt führten, während in ihrem Leben noch nicht einmal im Entferntesten ein geeigneter Heiratskandidat aufgetaucht war, schob sie beiseite. Damit wollte sie sich nicht belasten, schon gar nicht an ihrem Geburtstag.


2

Drei Mal schlug die Glocke der nahen Sankt-Nikolai-Kirche durch die Mittagshitze, metallen und hell. Wie jeden ersten Samstag im Monat verließ Fritz die Café-Konditorei im schmucken Bürgerhaus mit dem hohen Dach und den kleinen Fenstern durch die Seitentür und machte sich auf den Weg in Richtung Bahnhof, um nach Berlin zu fahren.

Nachdem alle Schüsseln, Töpfe, Spachteln, Schneebesen und anderen Utensilien gesäubert und weggeräumt waren und die Lehrlinge und Hilfskräfte die Backstube für das Wochenende verlassen hatten, hatte er sich am Brunnen gewaschen, rasiert und geschniegelt, dann den Sonntagsrock angelegt, den er penibel sauber hielt. Nun war er auf dem Weg zu Muttchen und den Brüdern. Auch zu Vater – falls der da war. Die Hälfte des Gesellenlohns, den er am Vortag ausbezahlt bekommen hatte, trug er im Hosensack, die andere Hälfte, die er für seine eigenen, alltäglichen Notwendigkeiten zurückbehielt, lag versteckt unter der Matratze in der Schlafkammer.

In der Rückentrage waren zwei große Baumkuchen für Buchwalds Dependance, die der Meister letztes Jahr in der Nähe des Schlosses Bellevue einer alten Bäckerwitwe ohne Nachkommen abgekauft hatte. Vielleicht wollte er den Hauptsitz einmal dorthin verlegen, vielleicht einfach eine Zweigstelle betreiben, Fritz wusste es nicht. Unter den Angestellten munkelte man, dass der Meister einen hohen Kredit dafür aufgenommen hätte. Große Pläne habe er in Berlin, sagten alle, aber keiner kannte sie, nur, dass einmal die Woche Baumkuchen aus der Cottbusser Backstube an der Sandower Straße in die Dependance gebracht wurde. Das Tagesgebäck, Kuchen und einfache Torten produzierten sie selbst in der lokalen Backstube, doch die Spezialitäten kamen aus Cottbus – so hatte Meister Buchwald es nach der Übernahme des Hauses eingeführt, um die Qualität des dortigen Betriebs hochzuhalten. Auf derselben Fahrt belieferten sie auch das königliche Stadtschloss auf der Spreeinsel, wie ohnehin schon seit Jahren. Buchwalds Baumkuchen waren eine begehrte Spezialität, sogar in der Großstadt. Meist war es der Meister selbst, der die zweistündige Zugfahrt für die Lieferungen auf sich nahm, nur wenn Fritz heimfuhr, bat er ihn darum.

Fritz querte den Marktplatz. Mittwochs, wenn Wochenmarkt war, war der Platz mit dem großen Brunnen in der Mitte mit Buden zugepflastert. Oft stand auch er hier an einem der langen Markttische zwischen den zuckerbunten Häusern mit Schweifgiebeln, adretten Blumenkästen und schmiedeeisernen Türschildern und verkaufte Buchwalds Leckereien. Jetzt war der Platz menschenleer. Nur eine Postkutsche wartete beim Brunnen, wo der Fuhrmann seine Pferde wässerte und währenddessen den Wagen polierte. Er sah auf, und Fritz nickte ihm zu, da sie sich oft begegneten.

In der gepflegten Grünanlage vor dem Bahnhof begann Fritz, leise vor sich hin zu summen. Es war eine Melodie, die jeder in Berlin kannte. Der neueste Gassenhauer, und er ging auch ihm nicht aus dem Kopf: Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion. Er passierte das Stadttheater, immer noch summend. Endlich erreichte er den Bahnhof – die Lebensader, die das Städtchen, in das es ihn vor Jahren als Lehrling verschlagen hatte, mit der Berliner Metropole verband. Die meisten Menschen zogen in die Großstadt – ihn hat es jedoch aus Berlin hinaus verschlagen. Das hatte auch damit zu tun, dass man vom Görlitzer Bahnhof, wo er als Kind oft herumstrawanzt war, bequem herkam. Am Schalter kaufte er eine Fahrkarte und erreichte den Bahnsteig gerade, als der Zug aus Görlitz einfuhr, schnaufend und quietschend. Dampf vernebelte die Luft.

„Einsteigen, bitte!“, brüllte der Schaffner und blies so energisch in seine Trillerpfeife, dass einem die Ohren wehtaten. Fritz zog sich am Eisengriff hoch, schneidig schwang er sich über die Stufe in den Waggon. Nach einigem Suchen ließ er sich auf einen freien Fensterplatz der Holzbank sinken, die Rückentrage mit den Baumkuchen stellte er neben sich auf den Bretterboden. Schwerfällig fuhr der Zug wieder an.

Fritz lehnte sich in die Ecke und streckte die Beine von sich. Zwei Stunden Zugfahrt lagen vor ihm. Zwei Stunden Zugfahrt hin, und morgen zwei Stunden wieder retour – das waren die Zeiten, die ihm ganz allein gehörten; Zeiten, in denen ihm keiner was anschaffte, niemand was von ihm wollte. Es waren die besten Stunden im ganzen Monat. Ganz besonders, wenn die Sonne schien, so wie heute.

Felder, Wälder und die Hütten von Tagelöhnern flitzten vorbei. Wie armselig sie waren im Gegensatz zu den imposanten Villen an den großen Avenuen Berlins. Der schäbige Hinterhof eines Gehöfts reichte bis zur Bahntrasse, trist, verkommen und verdreckt. So mochte er nicht mehr leben. Wie gut, dass er als Lehrling im Café Buchwald in Cottbus gelandet war, dachte Fritz. Muttchens Bleibe war ja nicht viel besser. Seine Gedanken wanderten weiter und landeten bei den nagelneuen Villen in den feinen Gegenden Berlins. Aufgereiht wie Perlen an einer Kette lagen sie an den mit Steinquadern oder Kopfsteinen gepflasterten Straßen. Grandiose Anblicke waren das, diese monumentalen Gebäude mit und ohne Vorgärten, frisch lackierten Eingangstoren, sauberen Fassaden und schweren Vorhängen hinter den hohen Fenstern. Wie Festungen wirkten sie, undurchdringlich waren sie für Menschen wie ihn. Höchstens betretbar durch den Lieferanteneingang, den es unweigerlich irgendwo seitlich gab. Wie es wohl war, in so einem Haus zu wohnen? In Gedanken sah er sich im eleganten Anzug mit steifem Zylinder durch einen Vorgarten schreiten, Treppen zur Eingangstür hochsteigen, einen glänzenden Türknauf betätigen. Ein Hausmädchen mit weißem Spitzenhäubchen im Haar öffnete die Tür für ihn …

Er schreckte auf und schaute um sich. Das war nur ein Traum. Ein Luftschloss. Ein Hirngespinst. Wolkenkuckucksheim. Sein Traum. Er blickte aus dem Fenster. Jetzt passierten sie riesige Fabrikgebäude mit rauchenden Schloten, und schließlich fuhr der Zug in den Görlitzer Bahnhof ein. Fritz schulterte die Trage, querte den Bahnsteig und ging ein paar Schritte zum Schlesischen Bahnhof, wo er in die Stadtbahn stieg. Der Zug zuckelte durch Berlin, und er träumte weiter vom Leben in einer Villa als reicher Mann. Träumen durfte man ja in dieser Zeit im Zug, die einem ganz allein gehörte. Bis er die Station Bellevue erreichte, wo ihn mit dem schrillen Pfiff des Schaffners das echte Leben wiederhatte.

 

Am Weg, den er einschlug, standen vereinzelt solche herrschaftlichen Villen und feinen Wohnhäuser mit gepflegten Vorgärten, die ihm soeben vorgeschwebt waren. Er ging weiter, querte die Spree über die neue Bärenbrücke und bog in eine schmale Straße mit alten Häusern wie dem Bäckerhaus, das Buchwald kürzlich gekauft hatte. Die Stufen zu den Hauseingängen waren brüchig und eng, Türen und Fenster Hexenhäuschen-klein, die Fassaden verwittert.

Vor der Dependance angekommen spähte er durch eins der kleinen Fenster zwischen den Spitzenvorhängen hindurch. Im Gastraum war fast jeder Tisch mit Pärchen oder Damenrunden besetzt, überall standen Kuchenteller und Kaffeetassen herum. Das Mobiliar hat auch schon bessere Tage gesehen, dachte er, aber wenn das Gemäuer und die Einrichtung aufpoliert wären, könnte die Konditorei wohl nicht nur für Ausflügler, die den Schlosspark besuchten, interessant sein, sondern ein eigenes Ziel werden. Vielleicht war das ja Meister Buchwalds Vision.

Fritz öffnete die knarrende Tür, das Glöckchen bimmelte, die Dielen, sicherlich Jahrzehnte alt, knarrten bei jedem zweiten Schritt. Herr Quandt, Buchwalds Geschäftsführer, kam ihm entgegen.

„Gut, dass du da bist! Wir haben schon auf die Lieferung gewartet.“ Er nahm die Baumkuchen entgegen.

„Gern geschehen.“ Fritz tippte sich an die Kappe. „Gibt’s noch besondere Aufträge für nächste Woche?“

„Nee, alles wie immer. Grüße an den Herrn Patron.“ Herr Quandt machte auf dem Absatz kehrt, und Fritz war so schnell wieder draußen, wie er hereingekommen war.

Jetzt ab nach Hause zu Muttchen. Der Himmel war noch immer strahlend blau, die Sonne schien. Er könnte die Stadtbahn nehmen, die zwischen Bellevue und Spandauer Damm pendelte, entschied dann aber, ein Stück durch den Tiergarten zu Fuß zu gehen. So sparte er die Münzen, von denen Muttchen jede einzelne benötigte, zudem genoss er den Fußmarsch. Aber er musste achtsam sein, Pferdeäpfel verschmutzten alle naselang die Straße, obwohl der Kehrjunge mit seinem Leiterwagen sich bemühte, sie zügig aufzulesen. Herren in feinen Anzügen und Damen in gerüschten Sommerkleidern passierten ihn, auch Reiter und Kutschen mit hohen Leuten. Wie ein wuselndes Wespennest kam Fritz das Leben hier vor, verglichen mit dem ruhigen Dasein in Cottbus.

Eine Pferdestraßenbahn ratterte vorbei, hielt gerade an, und ein Schaffner gemahnte zum geordneten Einsteigen. Bis zum Kottbusser Tor war’s noch ziemlich weit, einen Teil des Fußmarsches wollte er sich nun doch ersparen, wenigstens bis ans Ende des Tiergartens. Also stieg er ein und bezahlte zwei Münzen. Hufgeklapper hallte in den Ohren, ebenso das Geschwätz der anderen Passagiere. Der Schweißgeruch des Kerls neben ihm stieg ihm in die Nase, vergeblich versuchte er abzurücken. Bäume und gepflegte grüne Wiesen zogen vorbei, der große Park war beeindruckend.

Beim Brandenburger Tor sprang er wieder ab, denn der Boulevard Unter den Linden zog ihn jedes Mal magisch an. Wie erhebend war es, inmitten all der feinen Herren und eleganten Damen mit Hüten und Sonnenschirmen dort entlangzuspazieren. Deshalb trug er auch das Sonntagsjackett, um in der noblen Umgebung möglichst nicht aufzufallen. Die luftige Weite, das saubere Straßenpflaster, die Ehrfurcht gebietende Ruhe, durchbrochen nur vom Hufgeklapper der Pferde, die edle Kutschen zogen – all das zu sehen war schon eine Verzögerung seines Heimwegs wert. Die vornehmen Häuser, das monumentale Hotel und die schönen Geschäfte ließen ihn wieder fantasieren, über die Erreichbarkeit der Damen wagte er gar nicht nachzudenken. Er bummelte unter den Schatten spendenden Bäumen entlang, die Augen auf den edlen Gebäuden, hie und da einen verstohlenen Blick zu den Fräuleins, und pfiff leise wieder den Gassenhauer vor sich hin.

Hinter der Brücke erhob sich das königliche Schloss. Ein wahrlich prächtiger Anblick war das: majestätisch, monumental und ordentlich. Der Kaiser residierte hier. Viel würde Fritz geben, wenn er einmal nur ein Auge auf ihn hoch zu Ross oder in einer vorbeifahrenden Droschke werfen könnte. Ein Infanterieregiment übte für eine Parade, die Soldaten in dunkelblauen Waffenröcken, schwarzen Hosen und Pickelhauben stelzten im Stechschritt, ihre Hacken hallten über den Vorplatz. Wie eindrucksvoll sie aussahen. Er hatte den Wehrdienst schon abgeleistet, mit siebzehn war er eingerückt. Zwei Jahre hatte er in der Stube gewohnt, den Offizieren die Knobelbecher geputzt, ihnen den Kaffee serviert und manchmal auch davon geträumt, einer der ihren zu sein – auch das waren Hirngespinste gewesen.

Nach dem Werderschen Markt war es mit dem sanften Rauschen der Lindenblätter vorbei. Ab hier wurde es rauer. Fritz bog in eine Seitenstraße ein, wo die Häuser desolat und die Gesichter der Vorbeigehenden fahl waren. Von stämmigen Gäulen gezogene Transportwagen rumpelten über das Kopfsteinpflaster, der Gestank von Pferdepisse stieg ihm in die Nase.

„Platz da! Haste keene Oogen inne Omme, du Flitzpiepe?!“

Erschrocken sprang er zur Seite und machte den Weg für den Fuhrmann frei, benommen von der Hektik um ihn herum. Er dachte ans gastliche Haus der Konditorei Buchwald in Cottbus, und Dankbarkeit erfüllte ihn für alle Zufälle, die ihn als jungen Burschen vor einer gewöhnlichen Bäckerlehre in Berlin bewahrt und zu Meister Buchwald geführt hatten. Süßwarenbäckerei war kunstvoller und edler als normales Brotbacken, wo man nur stupide Mehl, Wasser und Sauerteig zusammenwarf und womöglich schon dafür gelobt wurde, keine Mäusekacke mitgebacken zu haben. Außerdem war Buchwald grundanständig und fähig. Bei ihm hatte er gesehen, dass das Leben auch anders sein konnte, als er es von zu Hause gewohnt war.

Nun ja, eine Villa mit Vorgarten oder eine Wohnung in einem der Häuser beim Tiergarten oder gar Unter den Linden lag natürlich völlig außer Reichweite für ihn. Aber so wie Buchwald irgendwo die eigene Backstube zu betreiben – das könnte auch für ihn möglich sein, überlegte Fritz voller Zuversicht. Wo er doch das Handwerk gut gelernt hatte und ihm die Zuckerbäckerei Freude machte. Seit Jahren war er Buchwalds wichtigster Mitarbeiter. Die Meisterprüfung sollte nur mehr eine Formalität sein, Buchwald würde sie ihm sicher nicht verwehren. Danach wäre er berechtigt, eine eigene Konditorei zu eröffnen.

Ein verwegener Gedanke drängte sich ihm auf: Vielleicht könnte er es ja wie andere machen und einfach die Tochter des Meisters heiraten?! Ein Lacher entwich ihm. Nein, das war absurd. Auch wenn er Emma gut leiden konnte: Die Patronin würde nie zustimmen, sie hatte Besseres für ihre Tochter im Sinn. Von Emma selbst ganz zu schweigen. Die sah einen guten Kameraden, aber keinesfalls einen Mann zum Heiraten in ihm. Oder vielleicht doch? In letzter Zeit meinte er manchmal, dass sie ihn beobachtete und dabei eigentümlich ansah. Oder bildete er sich das ein? Und dann gab’s ja auch noch Buchwalds großen Sohn Gustl, der zwar bei Verwandten in Breslau das Handwerk lernte, aber sicherlich eines Tages wiederkommen würde.

 

Jetzt war er schon fast beim Kottbusser Tor. Am Straßenrand tat sich eine riesiges Erdloch auf – wieder eine neue Baugrube anstelle wuchernden Gestrüpps. In seiner Kindheit hatten hier überall Baracken gestanden, mittlerweile waren sie nach und nach endlosen Zinshäuserfluchten gewichen. Ganze Häuserblocks waren anstelle der Baracken aus dem Boden gestampft worden: Mietskasernen für Wohnungssuchende, unerschwinglich für die Bewohner der Hütten. Fritz pfiff wieder die Grunewald-Melodie, wenn auch inzwischen einen Tick freudloser.

Die Gassen wurden enger. Kein Wagen kam mehr vorbei, kein Pferd – nur Leute zu Fuß, wie er. Fummeltrinen und Homolulus, wie man sie augenzwinkernd nannte, hingen vor halb verfallenen Mauern und schiefen Eingangstüren mit rosa Schriftzügen darüber. Arme Teufel waren das, die sich im Viertel versteckten, wo sich kein Polizist hertraute. Nur schnell durch, dachte Fritz. Die musternden Blicke dieser Leute waren ihm unangenehm.

Lieber nicht nach den Sternen greifen, mahnte er sich, während er sich zwischen stinkenden Müllbergen, hängenden Dachrinnen und versteckten Kellerkneipen mit Besoffenen davor seinen Weg bahnte, und alle Zuversicht war wieder dahin. Besser, sich mit dem zufriedengeben, was er hatte. Die Backstube in Cottbus war sauber und ordentlich, zudem durfte er die Kammer im Nebengebäude neben dem Pferdestall in Logis bewohnen. Verglichen mit dem finsteren Loch, wo Muttchen und die Brüder ihr Dasein fristeten, war seine Kammer eigentlich ein Schloss.

Er bog in die nächste Seitengasse ein. Ab hier war endgültig alles ganz anders als in Cottbus oder gar in den feinen Stadtteilen Berlins: Die Männer hemdsärmelig und unrasiert, die Frauen in dreckigen Schürzen, die Kinder bloßfüßig. Ein Bettler kauerte im Eck, im Rinnstein verrotteten Küchenabfälle, Ratten huschten von einem Spalt im Kanal zum anderen, davor stauten sich Müll und Unrat. Gülleartiger Gestank waberte durch die Abendluft, heute ganz besonders, wahrscheinlich wegen der Hitze.

Muttchen und die Brüder – und Vater, wenn er mal auftauchte – lebten im hintersten Teil des Viertels, wo noch letzte Baracken standen. Hier wusste Fritz immer ganz sicher, dass alles, von dem er träumte, nichts als ein Wunschtraum war. Die eigene Konditorei würde niemals Wirklichkeit werden. Das unüberwindbare, banale Hindernis war ihm gerade wieder eingefallen: Ihm fehlte das Geld, einen eigenen Betrieb zu kaufen. In Wahrheit besaß er nicht einmal genug, um eine eigene Rührschüssel zu erwerben. Längst schon hätte er sparen müssen, und wenn er nicht sehr, sehr bald, praktisch sofort damit begann, würde er sein Leben lang Buchwalds Geselle bleiben. Aber Muttchen war von seinem Lohn abhängig, sie bezahlte damit das Holz oder die Kohlen für den Ofen im feuchten Loch, in dem sie wohnte.

Ein scharfer Pfiff ließ ihn aufhorchen.

„Na, findet der feine Pinkel ooch mal wieder nach Hause?“ Es war Willy, der Mittlere von ihnen. Mit seinem markanten Hüftknick lehnte er an der bröckelnden Hauswand eines der wenigen geziegelten Häuser, die Zigarette im Mundwinkel, die Schirmkappe schief in die Stirn gezogen.

„Wie jeden ersten Sonnabend im Monat.“ Fritz verlangsamte seine Schritte. „Alles jut bei dir?“

„Jeht so.“ Willy zeigte sein schönstes Lächeln und sog an seiner Zigarette. „Jibt’s wieder Penunse vom Fatzke?“

„Nee.“ Wer weiß, auf welche Ideen der Bruder käme, wenn er von ihm was bekäme. „Bestimmt nich für dich.“

Willy war schon immer anders gewesen. Niemand wusste, wo er seine Tage und Nächte verbrachte und mit welchem Geld er seine Zigaretten kaufte, auch Fritz nicht. Hin und wieder tauchte er bei Muttchen auf, rein zufällig meist sonntags, wenn Fritz auch da war, oft zur Mittagszeit, wenn es was zu essen gab. Muttchen steckte ihm dann wohl noch was zu. Er war seit jeher ihr Liebkind gewesen.

Einmal hatte Fritz ihn unbemerkt in der Gasse mit den Kneipen für die Fummeltrinen gesehen, und da war ihm ein Licht aufgegangen. Mit einem Mal hatte er alles verstanden: Willys Versteckspiel, seine Unsicherheit, die Schwierigkeit, eine Stelle in einer Fabrik oder auf einer Baustelle zu halten. Seit dieser unglückseligen Entdeckung machte er sich trotz allem Riesensorgen um den Bruder. Denn die Polizei führte Listen. „Rosa Listen“ hießen die. Sie fassten lange Gefängnisstrafen aus für solche wie Willy, für ihre Perversitäten, wie das Gesetz sagte. Vor wenigen Jahren noch wäre er hingerichtet worden dafür. Ob Muttchen Willys Veranlagung ahnte? Ob sie ihm deshalb alles nachsah? Hielt er sich von ihr fern, damit ihn die Polizei bei ihr nicht schnappte? Um Muttchen nicht in Verruf zu bringen? Viele Fragen schwebten über Willy, und Fritz hütete sich, das Thema mit ihm anzuschneiden.

 

Dritte Bude links vor einer neuen Baustelle. Der Eingang zur elterlichen Hütte lag nur mehr wenige Schritte entfernt. Vater hatte sie noch aus den Brettern der alten Hütte gebaut, während ihre Siedlung, die sie „Barrackia“ genannt hatten, für richtige Häuser plattgemacht wurde. Eine feste, selbstbestimmte Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern hatten sie in ihrem kleinen „Staat“ gehabt. Diese paar Hütten hier waren nur mehr elend. Irgendwo hämmerte jemand, vielleicht ein Schuster, und es roch nach verbranntem Kohl. Die Hitze war unerträglich, dass die Sonne schien, mutete gänzlich unmöglich an, so düster, wie es drinnen gleich sein würde.

Fritz öffnete die klapprige Tür, krachend fiel sie hinter ihm zu. Angespannt blickte er in den Raum, seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen.

Schließlich entdeckte er Muttchen an der gewohnten Stelle, wo von draußen getrübtes Licht durch das blinde Fenster einfiel. Sie mühte sich mit einem Tischtuch ab. Seit er denken konnte, holte sie Weißwäsche von einer Wäscherin zum Flicken. Wenn sie nicht gerade kochte oder fegte, saß sie vornübergebeugt auf ihrem hölzernen Stuhl, hielt den Stopfpilz in der einen und webte mit der anderen knochigen Hand weißes Garn so fein über durchgescheuerte Stellen, dass man sie schließlich kaum mehr erkennen konnte. So fand Fritz sie auch jetzt vor. War sie noch ein wenig buckliger als sonst?

Er ging zu ihr. „Tag, Muttchen.“

Seltsam, dass sie nicht antwortete. Sie umklammerte nur weiter den Stopfpilz. Dann blickte sie doch von unten auf, ohne den Kopf zu heben. Und da erschrak er. Ihr Gesicht sah so schief aus, wie entstellt.

„Was ist mit dir?!“

Jetzt bemerkte er auch, dass die Hand, die das Tischtuch hielt, seltsam kraftlos an ihr herabhing.

„Ist dir nich jut, Muttchen?“

„Ick werd alt“, nuschelte sie kaum verständlich, noch immer in sich gesunken. „Wenn ick die Wäsche bis morjen nich fertig hab, jibt’s keen Jeld.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Vadda is ooch nich mehr nach Hause jekommen.“ Sie seufzte. „Nich, dass er mir viel jejeben hat … aba jeholfen hat’s doch.“

„Und Hans?“ Fritz dachte an den jüngeren Bruder, der als Taglöhner auf einer Baustelle arbeitete – von Willy war nichts zu erwarten.

„Ja, ja, der steuert bei, aba dit Jeld reicht trotzdem nich.“

Die Eisenplatte, auf der normalerweise ein Topf stand, war leer.

„Hab’s nich jeschafft … det Been lahmt.“ Verstohlen wischte sich Muttchen eine Träne ab.

Fritz legte eine Hand auf ihre Schulter, mit der anderen strich er über ihr graues Haar. Behutsam nahm er das Tischtuch und den Stopfpilz aus ihren Händen und legte beides auf den Tisch. „Lass dit mal bleiben.“

Der Schlag hatte sie getroffen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr. Und Vater war anscheinend endgültig auf und davon.

„Inne Ecke hab ick noch ’n paar Kartoffeln“, sagte sie undeutlich. „Für ’ne Suppe.“

Er fand die Schüssel und den Sack im dunklen Winkel, schälte die Kartoffeln, schnitt sie in Stücke und warf sie in den Topf. Nun benötigte er nur noch Wasser, doch der Krug, der normalerweise gefüllt bereitstand, war leer – wie alles hier.

„Bin gleich wieder da.“

Er ging hinaus zur Pumpe an der nächsten Ecke, wo auch die Wäscherin wohnte, von der Muttchen die Flickarbeit bekam. Dort füllte er den Krug, ging wieder zurück und goss das Wasser in den Topf. Dann legte er ein paar Holzscheite in den Ofen und entzündete sie. Während ihm das Feuer den Schweiß aus den Poren trieb, kreisten seine Gedanken um Muttchen: Sie konnte sich nicht mehr allein versorgen, geschweige denn arbeiten. Wie sollte es nur weitergehen mit ihr?

Maria  Wachter

Über Maria Wachter

Biografie

Maria Wachter wurde 1959 in San Francisco, USA, geboren. Kindheit und Jugend verbrachte sie in Wien. Nach dem Abitur studierte sie Kommunikationstheorie, Journalismus und Kreatives Schreiben in San Diego (UCSD) und New York (NYU), später Geschichte in Wien (Universität Wien). Sie arbeitete in den...

Cafés, die Geschichte schreiben – Eine neue Reihe bei Piper

Wer liebt sie nicht? Die legendären, berüchtigten oder versteckten Cafés in den schönsten Städten der Welt? Es sind Orte der Begegnung, wo man sitzt, genießt, diskutiert, sich kennen und lieben lernt. Es sind Orte, die Geschichte in sich tragen – und die Geschichten ihrer Besucher, ihrer Besitzer, ihrer Zeit erzählen.

„Cafés, die Geschichte schreiben“ ist eine neue Reihe mit historischen Romanen: Im Zentrum steht jeweils ein ganz besonderes Café, in dem fiktive Romanfiguren und realhistorische Persönlichkeiten vor beeindruckendem Panorama und mit viel Zeitkolorit die Geschicke eines Ortes erlebbar machen.

Auftakt der Reihe ist im September 2022 Maria Wachters Roman »Café Buchwald» über eine einmalige Berliner Institution um 1900 und den unaufhaltsamen Aufstieg des köstlichen Baumkuchens.

Lassen Sie sich an die schönsten Orte der Welt entführen, wo zwischen Tassengeklapper und Stimmengewirr, Kronleuchtern, Bistrotischchen und Theken Geschichten erzählt werden, die das Leben schrieb – oder zumindest so hätte schreiben können …

Die Geschichte des Café Buchwald

1852 wurde in Cottbus die „Baumkuchenfabrikation-Konditorei und Café“ gegründet. Sie zog zur Jahrhundertwende nach Berlin und ist heute die älteste Konditorei der Stadt. Das Café Buchwald befindet sich in einem Haus an der Moabiter Brücke, das um 1900 im Zuge der Entwicklung des Hansaviertels erbaut wurde.

Noch immer backen die Nachfahren des Gründers ihren berühmten Baumkuchen: ein ringförmiges Gebäck, das mit Schokolade oder  Zuckerglasur überzogen ist und meist zu Weihnachten gegessen wird. Das amerikanische Online-Magazin Buzzfeed nahm das Café Buchwald in die Liste der „25 Bäckereien auf der Welt, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt“ auf. Neben Touristen gehen dort auch Schauspieler und Politiker ein und aus. Eine echte Institution eben.

Maria Wachter über das Berlin ihres Romans

„Tempo, Tempo!, hieß es im pulsierenden Berlin um 1900. Überall wurde gebaut: Straßen, Plätze, Alleen, Regierungsgebäude, Hotels, und natürlich auch viele Cafés. Für Mietskasernen wurden Elendshütten geschliffen, für die Villen der Reichen Bäume gerodet. Dieses Berlin, von dem heute nicht mehr viel steht, wollte ich wieder auferstehen lassen.  

Wie kamen die Menschen damals mit der für sie neuen Hast und Bauwut zurecht? Bei einem Besuch im Berliner Café Buchwald, das seit 120 Jahren an derselben Stelle steht, sah ich sie vor mir: die Vorväter der Betreiberfamilie in der Backstube ebenso wie die Menschen, die zu Kaiser Wilhelms Zeiten im Vorgarten des Cafés saßen.

Die Damen und Herren, Mädchen und Jungen, Großmütter und Großväter, die ihre Baumkuchenschnitten genossen und vielleicht den Sperlingen ein paar Brösel schenkten wie ich an jenem Tag. So kam mir die Idee zu diesem Roman: Ich wollte den Spuren der Vergangenheit folgen und ersann eine Familiengeschichte, die an Orten spielen sollte, die es damals wirklich gab. Das Café Buchwald erschien mir als Schauplatz ideal: ein kleines Café, das trotz übermächtiger Immobilienentwickler und Stadtplaner seinen Platz fand und ihn über Generationen behielt.

120 Jahre später ist es noch immer ein Ort für Menschen, die die Freude an süßem Kuchen, am Duft aus der Backstube, am Erschaffen von Köstlichkeiten verbindet, egal wie hektisch es draußen zugeht.“

Weitere Titel der Serie „Cafés, die Geschichte schreiben“

Mitreißende historische Romane um legendäre Cafés!

Pressestimmen
ilonas_buecherwelt

„Die Autorin hat mich in eine Welt entführt, die mich total fasziniert hat und in der ich mich sehr wohlgefühlt habe.“

Radio Euroherz

„›Café Buchwald‹ ist eine lebendige Geschichte, die einen von der ersten Seite an gefangen nimmt. Der Schreibstil ist einnehmend und bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen macht das Lesen noch mehr Spaß!“

Mainhattan Kurier

„Die damalige Zeit wird anschaulich und nachvollziehbar dargestellt, die Charaktere ausdrucksstark beschrieben. Ein herrlicher Schmöker für kalte Herbsttage.“

Kommentare zum Buch
Der Weg zu Berlins legendärer Konditorei "Café Buchwald"
Lesegenuss am 22.01.2023

"Café Buchwald" ist ein historischer Familienroman über die Familie Buchwald und deren Weg nach Berlin, wo sich dies bis heute noch in einem Haus an der Moabiter Brücke befindet. Die Familie Buchwald war für ihre Baumkuchen berühmt und lieferten sogar ins Schloß. Die Geschichte beginnt in Cottbus, wo der Familienbetrieb ansässig ist. Die Familie wird gut dargestellt. Ebenso die Bediensteten und Angestellten im Backbetrieb. Das Leben der damaligen Zeit beschreibt die Autorin sehr ausführlich. Gerade welche harte Arbeit ohne unsere jetzigen modernen Hilfsmittel da geleistet wurde. Als der Vater plötzlich verstirbt, scheint alles vorbei zu sein. Doch Emma gibt nicht auf, gerade weil die Pläne für Berlin schon anstanden und Geld investiert wurde. Als sie in Berlin Ware ausliefert, geht sie ins Museum, um für eine Zeit abzuschalten. Dort tritt sie auf den Studenten Max. Immer wieder treffen sie sich, bis ... So kommen nach und nach die Geheimnisse der Familien zu tage. Die Autorin schafft es perfekt, den Leser in das 19. Jahrhundert zu versetzen. Es ist eine interessante Zeitreise. Ich empfehle das Buch sehr gern. Und ja, bei unserem nächsten Berlin-Besuch werden wir dem Café auf jeden Fall einen Besuch abstatten. 

des süßen Nachwerks Hochgenuss
Hexenaugen am 03.09.2022

Meinung:   Die Beschreibung der Zeit von 1896 ist gut recherchiert, einfühlsam und trotzdem spannend beschrieben, wobei der Roman von Emma, ihrer Familie sowie von deren Bediensteten nebst Familien erzählt. Auch wird die reiche Familie von Max ausführlich beschrieben, wobei es der Autorin sehr gut gelingt, den Leser in diese Zeit hineinzuversetzen. Die Autorin schafft es mühelos, uns auch in die dunklen Ecken von Berlin zu führen. Es geht um das Café, die Liebe, aber auch um das Leben zur damaligen Zeit. Die Lebenssituationen der damaligen Zeit wurden spannend und interessant dargestellt. Es war aufregend, mit dem Roman in ganz unterschiedliche Lebenssituationen hineinzublicken. Die Protagonisten haben mir sehr gut gefallen. Auch wenn die Geschichte sehr vorhersehbar ist, gibt es doch einige kleine Überraschungen und interessante Details.   Fazit:   Mir hat die Geschichte gut gefallen und ich habe sie zügig gelesen. Ich konnte mit Maria lachen, weinen, hoffen, bangen und hatte das Gefühl, mit dabei zu sein, ich hatte schöne und entspannte Lesestunden und empfehle das Buch sehr gerne weiter.

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