Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Alberta empfängt einen LiebhaberAlberta empfängt einen Liebhaber

Alberta empfängt einen Liebhaber

Roman

Taschenbuch
€ 8,99
E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Alberta empfängt einen Liebhaber — Inhalt

Alberta liebt Nadan, den Astrophysiker, dessen Lebensgrundsätze so wohlgeordnet scheinen wie seine gebügelten Schlafanzüge. In den siebziger Jahren begegnen sie sich zum ersten Mal, glauben sich auf ewig zu lieben, brennen in den Achtzigern gemeinsam durch, finden aber selbst einige Jahre später nicht zueinander. Denn »Liebe im Kopf ist leichter als Liebe im Leben«, und die Welt von Frauen und Männern ist, so scheint es zumindest, nicht dieselbe.

€ 8,99 [D], € 9,30 [A]
Erschienen am 12.11.2013
128 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30388-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.11.2013
128 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96413-5

Leseprobe zu »Alberta empfängt einen Liebhaber«

Kurz vor Himmelfahrt sind wir durchgebrannt.

Ende März hatten wir entdeckt, daß wir uns unser Leben lang immer schon lieben und geliebt haben, von Anfang an und bis zum Jüngsten Tag.

Es war nicht das erste Mal, daß wir diese Entdeckung machten, wir machen sie alle drei, vier Jahre, und was wir danach machen, ist sehr anstrengend und richtet gewaltigen Schaden an, und nach einer Zeit sind wir nicht mehr sicher, daß wir uns schon immer geliebt haben, und halten es für den fatalen Irrtum unseres Lebens, je geglaubt zu haben, wir könnten uns auch nur fünf [...]

weiterlesen

Kurz vor Himmelfahrt sind wir durchgebrannt.

Ende März hatten wir entdeckt, daß wir uns unser Leben lang immer schon lieben und geliebt haben, von Anfang an und bis zum Jüngsten Tag.

Es war nicht das erste Mal, daß wir diese Entdeckung machten, wir machen sie alle drei, vier Jahre, und was wir danach machen, ist sehr anstrengend und richtet gewaltigen Schaden an, und nach einer Zeit sind wir nicht mehr sicher, daß wir uns schon immer geliebt haben, und halten es für den fatalen Irrtum unseres Lebens, je geglaubt zu haben, wir könnten uns auch nur fünf Minuten gefahrlos in ein und demselben Raum beide gleichzeitig auf halten, ohne daß irgendein Unglück passiert, aber eines Tages sind wir tatsächlich durchgebrannt, weil wir festgestellt hatten, daß man einer so großen Liebe wie unserer irgendwann einmal nachgeben muß, man kann sie nicht dauernd bekämpfen. Wir hatten dieser großen Liebe schon mehrmals versuchsweise nachgegeben und sie nach jedem Nachgeben mit all unserem Restverstand und allen verbliebenen Kräften bekämpft, weil es eine von diesen Lieben ist, die einen leicht erledigen können, wenn man sich nicht mit Händen und Füßen dagegen wehrt, aber sie ist alle paar Jahre hartnäckig wiedergekommen. Wie eine Heuschreckenplage. Irgendwann waren wir müde, vielleicht auch ein bißchen unaufmerksam, weil wir erschöpft davon waren, uns dauernd dagegen zu wehren, um dann für zwei, drei Jahre halbwegs in Ruhe leben zu können, unsere Arbeit zu machen, unsere Wohnungen einzurichten, und hinterher ist das alles vergebens, weil die Heuschreckenplage darüber herfällt und es in kürzester Zeit frißt und verdirbt und verwüstet. So groß diese Liebe ist, so gewaltig ist ihr Appetit, und sie hat selten länger als höchstens ein Vierteljahr gebraucht, um unsere Leben, Arbeiten, Wohnungen ratzeputz kahlzufressen, meistens brauchte sie kaum vierzehn Tage, um uns zu ruinieren. Ich glaube, wir waren es leid, und so sind wir darauf gekommen, daß wir durchbrennen sollten. Wir haben gesagt: Das ganze Elend besteht darin, daß wir uns immer wehren. Wir machen es diesmal andersherum: Wir nehmen die Liebe nicht nur versuchsweise und unter Vorbehalt, sondern unbedingt umfassend absolut an. Angesichts dessen, was wir mit dieser Liebe hinter uns hatten, schien uns, als hätten wir keine Wahl.

Nadan hatte ein Auto, und ich hatte keines, also wollten wir zum Durchbrennen sein Auto benutzen. In Frage kamen Amsterdam, Kopenhagen, Paris. Im Mai wollten wir durchbrennen, und im April fingen wir an, uns zu streiten, weil ich für Paris war. Nadan dachte, ich will nur nach Paris, um ihn zu ärgern, weil er kein Französisch kann, um Überlegenheit zu beweisen und mir Terrain zu sichern, und ich dachte, er will nur nach Amsterdam, weil er weiß, ich mag Holland nicht so gut leiden. Kopenhagen kannten wir beide nicht, es war also neutrales Gelände, aber ich stellte es mir ungefähr so vor wie Holland.

– In Holland hängen an allen Fenstern halbe Gardinen genau bis zur Mitte der Scheiben, habe ich gesagt, es ist kein gutes Land, wenn du durchbrennen willst. Ich bin sicher, sie sind halblang, damit man von draußen die Topfpflanzen sieht; das Land ist nicht nur voll mit Tulpen, sondern dann sind da überall auch noch Fleißige Lieschen, Christsterne und Hyazinthen. Um Topfpflanzen zu sehen, muß ich nicht durchbrennen, da kann ich genausogut bleiben.

Nadan hat gesagt: In Paris ist es dreckig, alle Hotels sind voll Kakerlaken, und die Métro stinkt unerträglich.

Ich fand es häßlich, daß er mein Lieblings-Paris beleidigt. Ich habe in Paris noch nie eine Kakerlake gesehen; na ja, so gut wie noch nie. Ich habe Ratten gesehen und halbwilde magere Katzen, selten einmal eine Kakerlake. Aber Nadan bestand trotz der Blumentöpfe auf Amsterdam und fing an zu erzählen, wie er nächtelang in einem Pariser Hotel Kakerlaken gejagt und erschlagen hatte, und ich mußte lachen, weil es eine von seinen Bettina-Geschichten war, in denen es aus irgendeinem Grund oder zu irgendeinem Anlaß romantisch zugehen sollte, und immer, wenn es romantisch zugehen soll, tut es das gerade nicht, schon ganz bestimmt nicht mit Nadan. Ich konnte vor mir sehen, wie Nadan im Schlafanzug seinen Pantoffel unterm Bett hervorzieht und sich damit bewaffnet, heilfroh, seine dunkle Erbitterung gegen das Ungeziefer w enden zu können, und wie er Nächte damit verbringt, Kakerlaken zu morden und einen bräunlichen Fleck nach dem anderen auf die Tapete zu machen.

Ich muß manchmal lachen, wenn ich so etwas vor mir sehe, aber Nadan dachte, ich lache ihn aus, und wurde ein bißchen empfindlich, weil dies alles schwerwiegend war, es ging schließlich rückwärts und vorwärts ums ganze Leben, und immer wenn es ums Leben geht, ist man besonders empfindlich.

Diese Empfindlichkeit ist das eigentlich Schwierige beim Durchbrennen. Man wird sehr leicht wütend oder, was noch viel schlimmer ist, traurig. Jedenfalls ist nichts zu lachen dabei.

Das Durchbrennen schien einen Moment lang nicht mehr so logisch und zwingend wie kurz zuvor, als es ein rein abstraktes Durchbrennen gewesen war ohne Richtung und Ziel und Bleibe. Aber nun hatten wir uns entschlossen, uns schon unser ganzes Leben lang geliebt zu haben, und dahinter kann man nicht gut zurück und plötzlich zögern, bloß weil man sich nicht darauf einigen kann, wohin.

Es war mir dann aber auch recht, nicht nach Paris zu fahren und dort womöglich mit dieser Bettina-Geschichte zu tun zu bekommen, die zwar danebengegangen, aber doch immerhin im Ansatz versucht romantisch gewesen war. Gerade danebengegangene Geschichten hören bekanntlich nicht auf, einem immer wieder dazwischenzufahren. Zuletzt haben wir gesagt: Durchbrennen ist ein Abenteuer und keine Urlaubsreise, die man mit Katalog und Prospekt ein halbes Jahr vorher plant. Das Wichtigste ist das Datum, alles weitere wird sich finden, und das Datum hatte von vornherein festgestanden, weil es bestimmt war durch Himmelfahrt und bewegliche Feiertage und Überstunden bei Nadan, die etwa bis Pfingsten reichten.

Ich wäre lieber jetzt gleich im April durchgebrannt, weil ich Angst hatte, bis Himmelfahrt überlege ich mir die ganze Angelegenheit noch einmal etwas genauer, und dann komme ich darauf, daß sie völliger Blödsinn ist, weil man nur durchbrennen muß, wenn man dafür einen Grund hat, und wir hatten keinen. Zum Durchbrennen braucht es mindestens einen Feind, noch besser zwei oder gleich eine ganze feindliche Welt. Mindestens ein Gesetz, das man brechen könnte.

Weit und breit war kein einziger Feind zu entdecken. Nicht einmal zu erfinden. Kein bissiger Ehepartner, überhaupt keine Ehe, die wir mit Durchbrennen hätten brechen können, kein Verbot, wir waren auch nicht verfolgt, nicht einmal paranoid und längst nicht mehr minderjährig. Wir hatten jeder auf seine Weise ein Leben, eine Arbeit, eine Wohnung, Nadan hatte sogar schon sein Haus, und bis Himmelfahrt würde er sich die Sache auch nochmal überlegen und auch darauf kommen, daß sie Unfug wäre, weil Nadan uns beide genauso durchschaut wie ich und wir uns beide kennen und natürlich beide wissen, daß von allen danebengegangenen Geschichten unsere miteinander die danebengegangenste ist, und zwar schon von Anfang an und daher für alle Zeit bis zum Jüngsten Tag. In unseren Leben ist unsere Geschichte gewissermaßen die Urgeschichte aller danebengegangenen Geschichten. Daher auch fährt sie uns immer wieder dazwischen. Indem diese danebengegangene Urgeschichte uns immer wieder dazwischenfährt, geht jede Folgegeschichte daneben. Wenn man sich selbst die Heuschreckenplage ist, kann Durchbrennen auch nicht nützen.

– Wenn wir ein klein wenig mehr vom Küssen verstanden hätten, hat Nadan später einmal gesagt, als er ratlos war, weil wir gerade gemerkt hatten, daß rückwirkend küssen nicht geht. Auch dann nicht, wenn man etwas davon versteht. Dann schon gar nicht.

Wenn wir mehr davon verstanden hätten, hätten wir es wahrscheinlich eine Zeitlang gemacht, und dann wären wir in schönster Eintracht auseinandergegangen, statt uns immer wieder dazwischenzufahren. Auseinandergehen ist etwas anderes als Danebengehen. Das reinste Idyll dagegen.

Ich fand, er hätte wissen müssen, wie Küssen geht, weil er kurz vor dem Führerschein stand. Wir hätten es im Grunde beide wissen können, weil es, als wir jung waren, einfach jeder wußte und alle kreuz und quer durcheinanderküßten. Es sollte gut gegen den Vietnamkrieg sein, und weil alle gegen den Vietnamkrieg waren, wurde sehr viel geküßt, und schließlich schien es zu helfen, irgendwann war der Krieg zu Ende, und als er zu Ende war, ließ man es wieder sein. Ich war auch gegen den Vietnamkrieg und hätte nichts gegen Küssen gehabt, aber Nadan küßte nicht, und ich wollte nicht ohne Nadan.

Man konnte leicht in den Verdacht kommen, den Vietcong zu verraten und heimlich ein Imperialist zu sein.

Es war eine schwierige Zeit. Ich ging in Fellini-Filme und merkte, wie mager ich war. Dann waren Stadtmeisterschaften, und alle fuhren vorher ins Trainingslager. Ich war knapp unter der Altersgrenze, aber ich konnte schnell starten. Für Kurzstrecke würde es reichen. Also durfte ich mit. Nadan wurde später Stadtmeister im Zweitausend-Meter-Lauf. Ich hatte etliche Fehlstarts, und danach stolperte ich über die Hürde und verlor dabei auch noch das Staffelholz.

Vorher waren wir eine Woche im Trainingslager. Wir spielten Pingpong, fanden Abkürzungen für den Trimmpfad und beschummelten die Stoppuhren; es gab Vierfruchtmarmelade und Schinkennudeln und jeden Tag Hagebuttentee, an den Abenden gingen wir in die Kneipe im nächsten Ort und tranken Bier, und am nächsten Tag war uns schlecht. Alle küßten, und weil sie ausprobieren wollten, wie Küssen im Dunkeln ist, wenn man nicht sieht, wer nun wen erwischt, sind wir auch einmal nachtgewandert.

Es war eine kühle Nacht. Der Mond schien, man konnte genau sehen, wer wen erwischt hatte, und dann sind wir wieder zurückgegangen.

Plötzlich wurde es aber tatsächlich finster, der Mond war weg, die Sterne waren weg, und ich fiel in eine Grube. Sie war etwas tief und vor allem etwas naß. Weil Nadan hinter mir ging, fiel er auch hinein. Danach kam keiner mehr. Ich hatte erst Lust zu schreien, weil Mädchen im Dunkeln schreien, wenn sie in eine Grube fallen, und auch sonst manchmal, aber es hat mich nicht überzeugt, weil ich mir nichts gebrochen oder geprellt hatte, und als Nadan auch in die Grube gefallen kam und sonst weiter keiner nach ihm, waren wir so dicht über- und unter- und aneinander, daß mir schien, als ob wir uns küssen sollten, wo es sich schon einmal so ergab. Manchmal habe ich ein Gespür dafür, wenn etwas geradezu klassisch ist, und nach meinem Gespür war dies hier klassisch, aber wir waren nur naß geworden, rückten voneinander weg, brauchten einen Moment, um aus der Grube zu klettern, und gingen weiter.

Es war der Abend unserer großen Chance. Wir hatten nicht nur diese eine Chance, sondern gleich eine ganze Serie, eine ganze Nachtvoll Chancen, weil wir nach dem Grubenfall und Herausklettern die anderen verloren hatten und danach wunderbarerweise auch noch den Weg nicht mehr fanden, und besser kann es schon gar nicht mehr kommen.

Wenn ich uns sehe, ist später dann wieder ein Milchmond dabei, und die Sterne sind wiedergekommen. Nadan sieht alles stockfinster. Immerhin haben wir uns irgendwann einmal darauf einigen können, daß wir zuletzt etwa die halbe Nacht auf einer umgefallenen Fichte saßen. Und saßen. Und immer noch weitersaßen. Und sitzen noch. Bis zum Jüngsten Tag. Immer auf dieser Fichte.

Birgit Vanderbeke

Über Birgit Vanderbeke

Biografie

Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden